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Fionas Tagebuch: Neulich im Auto

Fiona – Beginn

Hey, liebes Tagebuch,

ich weiß, ich hab Dich sträflich vernachlässigt, und ich fürchte, das werde ich auch zukünftig wieder tun.

Aber ich muss unbedingt was aufschreiben, was ich heute erlebt habe.

Also, ich bin heute zu einer Ausstellung gefahren. Genauer gesagt, die Ausstellung beginnt erst in ein paar Tagen. Aber wir, das heißt CSE, machen da auch mit, und da mich grad meine Trainee-Laufbahn in die Marketing-Abteilung verschlagen hat, bin ich da hingefahren, um Plakate hinzubringen, die unsere Leute vergessen haben und um ein paar Details zu besprechen. In letzter Sekunde fragt mich dann noch Nick, ein Kollege, ob er mitfahren dürfe.
Wir sind mit meinem Wagen gefahren und irgendwann fragte ich ihn, ob es ihn störte, wenn ich rauche. Während ich mir eine Zigarette aus der Packung fischte und fast gleichzeitig den Zigarettenanzünder reindrückte.
„Eigentlich nicht“, antwortete er. „Allerdings scheint es dir sowieso egal zu sein.“
„Wieso denn?“
„Du hast doch die Zigarette schon im Mund.“
„Aber sie ist nicht angezündet. Oder siehst du sie glimmen?“
„Du hast den Anzünder auch schon reingedrückt.“
„Ja und? Außerdem ist es mein Auto. Du könntest ja das Fenster runtermachen, wenn es dich stören würde.“
„War ja klar.“ Er grinste, ich grinste zurück.
Ich zündete mir also die Zigarette an und rauchte vor mich hin, während wir über die Autobahn jagten. Da ich das Gefühl hatte, dass er sich deutlich anspannte, wenn wir uns der 200er Marke näherten, nahm ich etwas Gas weg.
Plötzlich er so: „Sag mal, kann ich dich was fragen?“
„Tust du doch schon.“
„Und noch was?“
„Klar.“
„Haben wir eigentlich schon mal miteinander geschlafen?“
Es kostete mich einiges an Selbstbeherrschung, um vor Überraschung keine Vollbremsung zu machen.
„Wie? Was?“
„Ob wir schon …“
„Habs ja verstanden! Wie kommst du auf diese Frage?“
„Na ja, ich würds halt gern wissen.“
„Und wieso weißt du es nicht? Ich meine, kriegst du es nicht mit, wenn du ein Mädchen vögelst?“
„Weiß ich nicht.“
„Wie, du weißt es nicht?“
„Na ja, wenn ich grad total besoffen bin, dann vergesse ich es vielleicht.“
„Hör mal, so besoffen könntest du gar nicht sein, um den Sex mit mir zu vergessen!“
„Ach ja? Heißt das, wir haben noch nicht …?“
„Wenn ich es nicht total vergessen habe, dann nicht.“
„Sagtest du nicht gerade, dass …?“
„Das ist was anderes. Du hättest den Sex mit mir nicht vergessen, egal wie besoffen du gewesen wärst. Umgekehrt gilt das nicht.“
„Ach so, gut zu wissen. Das nennt sich vermutlich Emanzipation oder so was.“
„Ja, genau.“
Und nach einer Weile: „Ich habe eine Idee.“
„Was denn?“
„Was hältst du davon, wenn wir das auf der Rückfahrt ausprobieren?“
„Was ausprobieren?“
„Ob ich es wirklich nicht vergesse, egal wie besoffen ich bin.“
Was hätte ich denn dazu sagen sollen? Mit meinen 22 Jahren habe ich ja jede Menge Anmachsprüche erlebt, aber keiner war auch nur annähernd so charmant wie dieser. Zumal ich ihm wirklich geglaubt habe, dass es nicht geplant war. Und dass ich kein Kind von Traurigkeit bin, das wissen die ja bei CSE. Sobald die nicht mehr ständig daran denken, dass ich die Tochter des Chefs bin, benehmen sie sich ganz normal.
Okay, manchmal sind es auch nicht die Kollegen, sondern … Hey, Tagebuch, das weißt jetzt aber nur Du, okay? Aber der Juniorchef der Werbefritzen, die unsere Kampagne zum Betriebssystemupdate entworfen haben … So, keine Details. Wenn mein Vater das hier findet, nicht auszudenken …

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Fionas Tagebuch: Warum Sex keine Waffe ist

Fiona – Beginn

Liebes Tagebuch,

meine heutige Therapiestunde war irgendwie denkwürdig.

Nachdem ich es mir gemütlich gemacht habe, fange ich an. „Ich möchte heute über … über dieses Ereignis damals im Flugzeug sprechen.“
„Welches Ereignis?“
„Wie, über welches Ereignis?
„Sie meinen das Ereignis, über das wir nicht zu sprechen brauchten, weil Sie damit auch so fertig wurden?“
Ich starre Robert an. Falls du es nicht mehr weißt, liebes Tagebuch, Dr. Robert Malcolm ist mein Therapeut. „Ja, ich meine das. Ja, ich rede davon, als ich in diesem Scheißflugzeug keine zwei Meter von meinen Eltern entfernt vergewaltigt wurde. Genau das meine ich.“
„Sie klingen wütend.“
„Ach ja?“
„Ja.“
Ich atme tief durch und provoziere damit die nächste Frage des Psychoterroristen. „Warum machen Sie das?“
„Was? Warum mache ich was?“
„Sich entspannen. Warum entspannen Sie sich? Ich denke, Sie wollen über dieses Ereignis sprechen?“
„Ja, will. – Hören Sie, Robert, es ist nichts, was mich im Alltag behindert. Wie eine vernarbte Wunde. Normalerweise merkt man nichts davon, nur wenn man es mal berührt oder wenn eine Front aufzieht, dann spürt man sie. Aber sie ist trotzdem da.“
„Und jetzt zieht eine Front auf?“
„Vielleicht!“
„Was macht Sie grad so wütend, Fiona?“
„Ich weiß nicht. Ihre Fragen.“
„Dafür bezahlen Sie mich doch.“
„Ja, ja. Ich weiß. Vielleicht war es doch keine gute Idee, damit anzufangen.“
„Heißt das, Sie wollen doch nicht darüber reden? Über das Ereignis?“
„Hören Sie auf damit! Ich bin doch nicht dämlich! Natürlich ist mir auch klar, dass da noch was ist, mehr als nur eine Narbe!“
„Ich weiß, dass Ihnen das klar ist. Und was wollen Sie mit dieser Erkenntnis anfangen? Was möchten Sie genau jetzt tun?“
Ja, was? Ich weiß es nicht. Oder doch, eigentlich weiß ich es schon. Ihm an die Kehle springen. Er scheint meine Gedanken zu erahnen, denn er zieht die Augenbrauen hoch.
„Worüber haben Sie gerade nachgedacht, Fiona?“
„Dass Sie nichts dafür können, ich aber trotzdem am liebsten Sie umbringen würde.“
„So sahen Sie in der Tat aus. Aber Sie haben Ihre Gefühle bereits interpretiert, anstatt einfach sie nur zuzulassen.“
„Ja, weil ich gegen Sie persönlich nichts habe. Es geht nur um die Wut in mir.“
„Worauf sind Sie wütend?“
Auch eine gute Frage. Ich denke kurz über sie nach. „Wissen Sie, Robert, ich habe darüber nachgedacht, nachdem … nachdem ich vergewaltigt wurde. Ich meine, bevor es mir passiert ist, habe ich gedacht, so eine Vergewaltigung ist quasi der Weltuntergang …“
„Ist es für viele Frauen auch. Und für viele Männer übrigens auch.“
„Ja, das kann ich mir gut vorstellen. Und genau darum habe ich mich gefragt, warum es bei mir anders ist. Und die Antwort, die ich damals schon gefunden habe, hat damit zu tun, dass ich diese Bestien getötet habe. Ich bin aktiv geworden. Die meisten Vergewaltigungsopfer haben diese Chance nicht.“
„Das sehe ich nicht ganz so. Aber Sie haben recht, die Erstarrung ist die größte Gefahr. Sicherlich ist es nicht immer möglich, und auch nicht unbedingt zu befürworten, dass die Vergewaltiger getötet werden. In Ihrem Fall sah es vielleicht anders aus, denn es ging ja nicht nur um die Vergewaltigung.“
„Ja, das ist wahr. – Wie auch immer. Trotzdem ist diese Wut da. Die Narbe schmerzt. Ich … ich sehe es noch genau … und ich spüre es … ich lag da, die Hände unter mir, gefesselt, und die Kerle haben mich durchgefickt. Einer nach dem anderen. Robert, ich war kein Kind der Traurigkeit. Mit 15 entjungfert, ich habe Dutzende von Männer gehabt. Mit Sex habe ich kein Problem. Was mich wütend macht, ist dieses Gefühl des Augeliefertseins, das ich damals hatte. Ich konnte nicht selbst bestimmen, was mit meinem Körper geschieht. Das macht mich so wütend.“
„Sie wollen also selbst bestimmen, was mit Ihrem Körper geschieht?“
„So weit es möglich ist, ja. Ich weiß auch, dass er altern wird und irgendwann stirbt. – Robert, warum setzen Menschen Sex als Waffe ein?“
„Wie meinen Sie das?“, fragt er überrascht.
„Na ja … ich wurde doch nicht vergewaltigt, weil die Kerle an Entzugserscheinungen litten. Klar, sie hatten ihren Spaß dabei, aber das war nicht die Hauptsache. Es ging darum, mich zu brechen, mich unten zu halten. Zu erniedrigen und dadurch beherrschbar zu machen. In Kriegen wird das immer wieder gemacht, die Frauen der Gegner werden vergewaltigt, entehrt, erniedrigt, demütigt. Sex wird als Waffe eingesetzt. Überall wird Sex als Waffe eingesetzt. Warum?“
„Ich weiß es nicht, Fiona. Hat das noch mit Ihrem Thema zu tun?“
„Ich denke schon. Ja, ich weiß, ich verkopfe das gerade.“ Ich ziehe meine Schuhe aus und schlage die Beine unter. Meiner Wirkung bin ich mir absolut bewusst, und die Blicke des Psychoterroristen beweisen das. Aber er ist Profi genug, um nicht auf meine Provokation einzugehen. Vielleicht wäre es anders, wenn ich einen Rock anhätte und keine Jeans. „Mich beschäftigt das. Ich habe auch Sex eingesetzt, um zu kriegen, was ich haben wollte. Selbst jetzt, wo ich verheiratet bin und meinen Mann liebe, setze ich Sex ein. Ich glaube, es ist normal.“
„Man könnte annehmen, Sex ist ein wichtiger Bestandteil menschlichen Lebens.“
„Ja. Immerhin entstehen die meisten Menschen immer noch beim Sex. Übrigens, da wir schon bei Waffen sind, wussten Sie, dass eine Pistolenkugel mehr als dreihundertmal so schnell ist als das Ejakulat, jeweils Mündungsgeschwindigkeit?“
„Nein, das wusste ich nicht, aber es klingt interessant. Mit Samen kann man also niemanden töten.“
„Nein, das geht nicht. Sonst gäbe es uns beide nicht.“ Ich grinse ihn an. „Loch in der Gebärmutter wäre der Entwicklung eines Babys nicht sehr förderlich.“
„Klingt grausig.“
„Ich habe einen morbiden Humor, das haben schon viele gesagt.“
„Kommen wir zurück zu Ihrer Eingangsfrage. Zu dem Ereignis.“
„Sie sind fies.“
„Möchten Sie doch nicht darüber sprechen?“
„Ich weiß nicht. Was hilft denn gegen Narben, die ab und zu weh tun?“
„Kühlung.“
„Ist das eine Anspielung?“, erkundige ich mich misstrauisch.
„Empfinden Sie es so?“
„Was passiert eigentlich, wenn ich Ihnen jedes Mal 100 Dollar zahle, wenn Sie eine Frage nicht mit einer Gegenfrage beantworten?“
„Ich verliere meine Reputation als guter Psychotherapeut.“
„Jetzt werden Sie zynisch, Robert.“
„Warum denken Sie das?“
„Sie möchten keine leichtverdienten Hunderter, ich sehe schon.“
„Möchten Sie denn, dass ich mich prostituiere?“
„Sie haben die einmalige Gabe, selbst Aussagen in Fragen zu verpacken. Ich werde Sie in ein paar Jahren vielleicht sogar dafür bewundern.“
„Wieso erst in ein paar Jahren?“
„Für manche Dinge brauche ich etwas länger. – Robert, wir haben heute ungewöhnlich viel rumgeplänkelt.“
„Finden Sie? Haben Sie das Gefühl, diese Stunde hat Ihnen nichts gebracht?“
„Immerhin habe ich herausgefunden, wieso Sex keine Waffe ist. Das Mündungsfeuer ist zu schwach. O.K., ernsthaft. Ich weiß es nicht. Wirklich nicht. Einerseits habe ich schon das Bedürfnis, über … die Vergewaltigung zu sprechen. Andererseits weiß ich nicht, was.“
„Was ist Ihr Gefühl dabei?“
„Wut.“
„Das war spontan. Was noch?“
„Scham.“
„Scham? Wofür schämen Sie sich?“
„Dass meine Eltern mich beim Sex gesehen haben …“ Liebes Tagebuch, es hat mich völlig überrascht, dass ich nach diesen Worten einen Heulkrampf bekommen habe. Aber so war es. Ich habe eine ganze Packung Taschentücher verbraucht, ehe ich mich wieder halbwegs als Mensch fühlte. Der Psychoterrorist beschränkte sich darauf, mir die Papiertaschentücher anzureichen.
„Damit haben Sie nicht gerechnet?“, fragt er danach.
„Nein.“
„Haben Sie eine Idee, wodurch Ihre Reaktion ausgelöst wurde?“
„Ich … ich … ich glaube, ich möchte darüber jetzt nicht sprechen.“
„In Ordnung. Die Stunde ist sowieso rum. Vielleicht überlegen Sie sich, ob Sie nächste Woche darüber sprechen möchten.“
„Vielleicht“, erwidere ich abwesend, während ich die Schuhe anziehe.

Tja, liebes Tagebuch, das war der Höhepunkt des heutigen Tages.

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Fionas Tagebuch: Meine denkwürdige Begegnung mit Toll Schreiber

Fiona

Mein liebes Tagebuch,

heute hatte ich einen echt abgefahrenen Traum.

Es begann wie ein völlig normaler Traum. Ich stand an einem Wasserfall, irgendwo. Das Bild war schon sehr klar, die Farben krass deutlich, richtig leuchtend. Und das Wasser war ganz klar, ich konnte gut den Grund erkennen, außer dort, wo der Wasserfall auftraf. Da war also ein kleiner See mit dem Wasserfall an einer Seite, sonst fast rund, mit Felsen gesäumt. Wie eine kitschige Szene aus einem Film für Teenies. Allerdings hat kein Film so gestochen scharfe Farben. Zumindest habe ich keinen gesehen.
Da stand ich also und dachte: ‚Boah ey, da springe ich rein!‘ Ich schaute an mir hinunter und stellte fest, dass ich praktischerweise bereits nackt war. Und sprang ohne Anlauf einfach nach unten. Das waren vielleicht fünf, vielleicht auch zehn Meter. Weiß ich nicht mehr so genau. Jedenfalls verschwand der See, während ich nach unten fiel. Ich bekam Panik, bis ich merkte, dass unter mir ein großes Bett war. So ein französisches, richtig groß.
‚Cool‘, dachte ich und landete in dem Bett.
Ich blieb erst einmal liegen, das Bett war schön weich. Um mich herum war es still. Aber irgendwann wurde es mir doch mulmig und ich setzte mich auf, um zu sehen, wo ich da überhaupt gelandet war. Also, ich war in einem großen Zimmer. Eigentlich war es kein Zimmer. Sondern eine Bibliothek. Da stand dieses französische Bett inmitten einer riesengroßen Bibliothek.
„Cool!“, dachte ich erneut. Doch dann fiel mir ein, dass ich nackt war. Das fand ich nicht mehr so cool. Allerdings schien ich ja alleine zu sein. Und dann wurde mir auch noch klar, dass ich mich in einem Traum befand. Nackt in einer Bibliothek in einem Traum. Das wiederum fand ich dann doch cool. Ich beschloss daher, mich ein wenig umzusehen.
Rund um mich herum befanden sich Bücherregale, die senkrecht zu den Wänden standen. Und die Wände selbst waren auch noch einmal mit Regalen voller Bücher bedeckt, und zwar so hoch, dass man eine Leiter brauchte, um die oberen Regale zu erreichen. Es schien also, als gäbe es wirklich sehr viele Bücher in dieser Bibliothek. Mir ging kurz der Begriff „Akasha“ durch den Sinn, aber das machte nicht so viel Sinn, also vergaß ich es wieder. Obwohl … nun ja, ich konnte die Bibliothek dann nicht so lange bewundern, denn plötzlich hörte ich eine Stimme. Eine männliche Stimme.
„Wen haben wir denn da?“
Ich fuhr erschrocken herum und starrte den Mann an, der anscheinend zwischen zwei Regalen hervorgetreten war und über die Begegnung genauso überrascht zu sein schien wie ich. Nur war er, im Gegensatz zu mir, nicht nackt. Er war alt, also, zumindest deutlich älter als ich. Vielleicht Ende 40, vielleicht Mitte 40. Jedenfalls alt. Schlank, trug ausgewaschene blaue Jeans und einen grauen Rollkragenpullover. Sein schütteres, braunes Haar wirkte unfrisiert.
„Wer bist du denn?“, fragte ich verblüfft, und dann fiel mir ein, dass ich ja nackt war. Blitzschnell bedeckte ich meine Brüste und meine Muschi. Vielmehr die Schamhaare, denn die Muschi war bestimmt nicht zu sehen. Hoffte ich jedenfalls. In einem Traum weiß man es ja nie.
„Mein Name ist Toll Schreiber.“
„Du heißt Toll Schreiber?“
Der Alte nickte. Und grinste. Na ja, jedenfalls deutete er ein Grinsen an.
„Und du?“, fragte er dann.
„Ich … ich heiße Fiona. Fiona Carter. Wieso bist du in meinem Traum?“
„Ist das ein Traum?“
„Ich glaube schon.“ Die Frage verunsicherte mich. Immerhin fühlte sich alles sehr real an. Aber ich erinnerte mich auch daran, dass ich schon öfter Klarträume gehabt hatte. Und Klarträume waren sehr klar, wie die Realität eben. Das wusste ich in dem Moment genau, ich erinnerte mich daran, wie ich in der Bibliothek alles Mögliche über Klarträume nachgelesen hatte.
Bibliothek.
Bibliothek!
„Ist das ein Traum?“, fragte ich leise.
„Um ehrlich zu sein, weiß ich es nicht“, antwortete der komische Kerl. „Ich erinnere mich nicht.“
„Woran erinnerst du dich nicht?“ Mir wurde, während ich das fragte, die Absurdität der Situation bewusst. Da stand ich noch immer neben dem Bett, nackt, bedeckte mit einem Arm meine Brüste, mit der anderen Hand meine Schamhaare und unterhielt mich mit einem Kerl, der aussah wie Bill Gates in 20 Jahren und sich nicht erinnerte. An was auch immer.
„Ich brauche was zum Anziehen“, unterbrach ich seine noch nicht begonnene Antwort.
„Warum?“
„Wie warum? Weil ich nackt bin?“
„Ich finde das nicht schlimm.“
„Du Perverser! Ich bin minderjährig!“
Er musterte mich etwas genauer. Ich spürte, wie ich errötete. Mein Gesicht fühlte sich plötzlich an, als würde es brennen. „Starr mich nicht so an!“, fuhr ich ihn an.
„Ich kann doch nichts dafür, dass du plötzlich nackt in meiner Bibliothek auftauchst“, sagte er achselzuckend.
„In deiner Bibliothek?“
„Ich lebe hier. So weit ich mich jedenfalls erinnern kann.“
„Wieso?“
„Wieso nicht? Ich habe hier alles, was ich brauche.“
„Du brauchst doch auch was zum Essen!“
„Habe ich doch.“
„Hier? In der Bibliothek?“
„Natürlich.“ Er lachte. „Ich esse Buchstaben.“
„Hä?“ Kann eine Traumfigur durchdrehen? Reif für die Irrenanstalt sein? Gibt es in Träumen die Jungs mit den verdrehten Jacken? Ich beschloss, dass ich vorsichtig sein sollte, denn das war ein Klartraum. „Buchstaben?“
„Ja, Buchstaben. Aber sie schmecken alle unterschiedlich. Sehr lecker sind zum Beispiel asiatische Rezeptbücher. Viele von denen schmecken stark nach Curry, süß oder sauer. Oder Eisrezepte, im Sommer, wenn die Klimaanlage es nicht schafft, die Temperatur hier drinnen erträglich zu machen, dann sind sie besonders köstlich.“
Okay, der Typ war definitiv irre.
„Gibt es auch Modezeitschriften hier? Ich möchte mich anziehen.“
Er starrte mich erstaunt an. „Anziehen? Willst du dich mit den Zeitschriften bedecken, oder was meinst du?“
„Hey, wenn du Buchstaben von Rezepten essen und dadurch satt werden kannst, dann müsste ich mich doch aus Modezeitschriften anziehen können, oder? Ist doch irgendwie logisch. Was gibt es daran nicht zu verstehen?“
Er machte einen Schritt zurück. „Wie fühlst du dich? Bist du krank? Brauchst du Medikamente? Soll ich jemanden anrufen?“
Hä? Er. Hielt. Mich. Für. Verrückt? Ich beschloss, dass ich aufwachen wollte.
Aber es klappte nicht. Egal, wie sehr ich mich aufs Aufwachen konzentrierte, mit geschlossenen Augen, immer wenn ich die Augen wieder öffnete, befand ich mich noch in der Bibliothek, und dieser Kerl starrte mich erschrocken an.
„Was machst du da?“, erkundigte er sich. „Hast du einen epileptischen Anfall?“
„Einen epileptischen Anfall im Stehen? Ich versuche nur aufzuwachen. Ich will hier weg! Sofort!“
„Ich glaube auch, das wäre besser. Irgendwas stimmt mit dir nicht, wenn du glaubst, du könntest dich aus einem Modemagazin anziehen.“
„Du kannst ja auch aus einem Buch satt werden!“
„Das ist was Anderes.“
„Ach so!“ Ich beschloss, dieses Thema nicht weiter zu vertiefen. „Also gut, wenn ich mich nicht aus Modezeitschriften anziehen kann, dann gibt es hier aber dennoch vielleicht etwas, das ich anziehen könnte? Ich fühl mich nicht wohl, wenn du mich so anstarrst!“
„Du bist schön.“
„Ja, das kann schon sein.“
„Bestimmt wollen die Jungs in deinem Alter alle mit dir schlafen.“
Was ist jetzt los? „Ja, schon … also vielleicht nicht alle, aber einige. Willst du … willst du mich vergewaltigen?“
„Dich vergewaltigen? Ich bin doch nicht lebensmüde. Mal ganz abgesehen davon, dass ich so was nie mache.“
„Was? Sex?“
„Frauen vergewaltigen! Willst du mich beleidigen?“
„Entschuldige …“
„Schon gut. Also, wollen wir uns darüber unterhalten, wieso du plötzlich in meiner Bibliothek bist? Nackt?“
„Ja. Ich glaube, mein Unterbewusstes will mir sagen, dass ich die Finger von älteren Männern lassen soll!“
„Aha. Was machst du mit älteren Männern?“
„Sex?“
„Aber freiwillig, nehme ich an?“
„Ja, sicher.“
„Wo ist dann das Problem?“
„Keine Ahnung!! Jedenfalls habe ich jetzt diesen Traum, und vielleicht hat mein Unterbewusstsein ein Problem damit!“
„Es gibt kein Unterbewusstsein.“
„Was?“
„Es gibt nur das Unbewusste. Was soll das, Unterbewusstsein? Etwas ist entweder bewusst oder es ist nicht bewusst. So ein Unsinn mit Unterbewusstsein. Bewusstsein ist doch nicht hierarchisch!“
„Um ehrlich zu sein, habe ich jetzt absolut keine Lust auf diese Diskussion. Ich will nach Hause!“
„Dreh dich doch dreimal um die eigene Achse.“
„Vollidiot!“
„Ich habe es nicht nötig, mich von dir beleidigen zu lassen! Ich bin Toll Schreiber! Merk dir das gefälligst!“
Ich starrte ihn entgeistert an. Was erlaubte er sich? Er, eine Figur in meinem Traum? Ich könnte ihn jederzeit auslöschen, seine gesamte Existenz, bis auf die schwache Erinnerung an ihn, indem ich einfach aufwache!
Wenn ich denn nur aufwachen könnte.
„Schon gut. Was machen wir denn jetzt?“
„Woher soll ich das denn wissen? Ist doch dein Traum!“
„Du hast doch all die Bücher gegessen. War da nichts dabei, wie man aus einem Traum aufwacht?“
„Hm. Lass mich mal kurz nachdenken.“ Er wandte sich ab. Endlich starrte er mich nicht mehr so an. Ich atmete durch. Doch es dauerte nicht lange, bis er sich wieder in meine Richtung drehte. „Doch, da war etwas. Ich weiß nicht mehr, in welchem Buch es stand. Vielleicht war es gar kein Buch. Aber ich erinnere mich, dass ich mal gelesen habe, wenn man das Gefühl hat, nicht mehr aufwachen zu können und sich ganz sicher ist, in einem Traum zu sein, dann soll man aufhören, so zu tun, als wäre man in einem Traum. Wenn man den Traum als Realität akzeptiert, wacht man automatisch auf. Du musst nur einfach das tun, was du jetzt tun würdest, wenn du ganz sicher wärst, nicht in einem Traum zu sein.“
„Oh je.“
„Was würdest du denn tun, wenn das alles real wäre?“
„Dich küssen.“
„Mich küssen?“
„Ja. Oder bist du kein Mann?“
„Doch. Aber du küsst doch nicht jeden Mann, dem du begegnest.“
„Nein, nicht jeden. Aber wenn ich in einer Bibliothek neben einem Bett stehend, nackt, einem Mann begegnen würde, dann würde ich den ganz sicher küssen. Denn wenn es real wäre, dann hätte ich es so gewollt und dann würde ich diesen Mann ganz sicher küssen wollen.“
„Das ist nicht ganz unlogisch“, stellte er fest.
„Danke. Also werde ich dich küssen und aufwachen.“
„Warte mal!“ Er hob abwehrend die Hände, als ich entschlossen auf ihn zuging. „Wer sagt denn, dass ich dich auch küssen will?“
„Willst du etwa nicht?“ Ich breitete die Arme aus und zeigte ihm alles, was ich bis dahin so sorgsam vor ihm bedeckt hatte. Er schloss die Augen. „Hey, so hässlich bin ich bestimmt nicht!“
„Bist du ja auch nicht. Aber … es wäre nicht gut … wenn du mich küssen würdest.“
„Wieso nicht?“
Er gab keine Antwort, stand nur einfach da, mit geschlossenen Augen.
Mir kam eine Idee. „Hast du überhaupt schon mal eine Frau geküsst?“
Seine Mundwinkel zuckten.
„Also nein. Na, dann wirds aber höchste Zeit!“ Ich trat zu ihm, stellte mich auf die Zehenspitzen und nahm sein Gesicht in die Hände.
„Vielleicht will ich aber gar nicht“, flüsterte er.
„Schau mich an und sag, dass du nicht willst, dass ich dich küsse, dann tue ich es auch nicht!“
Er öffnete tatsächlich die Augen und schaute mich an. „Ich … ich will … dass du mich küsst.“
Na also. Geht doch. Ich beugte mich vor und berührte seine Lippen mit meinen Lippen.

Es knallte.
Es war dunkel.
Ich lag auf dem Boden.
Dann wurde mir klar, dass ich aus dem Bett gefallen war. Ich lag in meinem Zimmer auf dem Boden und war aus dem Bett gefallen. Gerade in dem Moment, als ich diesen Kerl küssen wollte. In dem Moment, als dieser verrückte Traum endlich interessant wurde, fiel ich aus dem Bett.
Klasse.
Tja, liebes Tagebuch, das war meine Begegnung mit Toll Schreiber heute Nacht. Irgendwie war der Traum so real, dass ich selbst jetzt noch seine Nähe spüre. Ich kann ihn sogar riechen.
Ich glaube, ich brauche einen Freund. Oder will mir der Traum sagen, dass ich mal wieder ein Buch lesen sollte? Wer weiß, vielleicht finde ich ja mal eins, aus dem Buchstaben fehlen. Und dann weiß ich, dass Toll Schreiber dieses Buch auch schon in den Händen gehalten hat. Wäre schon geil, irgendwie.