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Geschichten einer Kriegerin – Magie der Angst (3)

Der Captain lässt den Blick über mich gleiten. Dann nickt er anerkennend.
„Was denken Sie?“, erkundige ich mich irritiert.
„Sie haben sich umgezogen?“
„Ich habe geduscht und mich umgezogen. Ich hoffe, das … das ist in Ordnung so.“
„Klar.“ Er geht vor. Immerhin hält er mir die Wagentür auf. Nach kurzem Nachdenken setze ich mich so ins Auto, dass der Rock nicht hoch rutscht. Will ihn ja nicht in Versuchung bringen. Normalerweise würde ich darüber keinen Gedanken verschwenden. Statt des Rollis trage ich jetzt einen V-Pulli über der Bluse, außerdem einen wadenlangen Rock, genauso braun wie die Stiefel. Mehr als meine Knie würde er niemals zu sehen bekommen, aber im Moment erscheint mir selbst das zu gewagt. Gerne würde ich glauben, zu Lois passt keine Freizügigkeit, aber dann muss ich an ihre Nächte im Puff denken, oder dass sie im Babydoll mit dem Taxi nach Hause fuhr.
Aber das alles wissen sie hier ja nicht und werden es auch nie erfahren.
„Wo… wohin fahren wir?“
„Es gibt ein kleines, aber feines Restaurant, das von einem Bekannten betrieben wird. Das Essen dort ist nicht extravagant, nichts Französisches und so, aber bodenständig und gut.“
Wieso erwähnt er das mit dem französischen Essen eigentlich? Ich wirke ja wohl nicht wie die Dame von Welt, das kann nämlich Fiona deutlich besser.
Na ja.
„Ich würde gerne die blinde Hexe sprechen“, bemerke ich plötzlich. „Wann ginge das?“
„Ich werde sie fragen.“
„Sie fragen?“
„Sie fragen.“ Der Captain wirft mir einen Blick von der Seite zu. „Da können wir nicht einfach hinfahren.“
„Wie… wieso nicht?“ Dieses bescheuerte Stottern!
„Weil wir sie sprechen wollen.“
„Aha.“ Klingt rätselhaft und ich warte auf die Auflösung.
Aber da kommt keine.
„Und?“, erkundige ich mich nach einigen Minuten irritiert.
„Und?“ Der Sheriff sieht mich fragend an, dann parkt er den Wagen.
„Na ja, wieso können wir nicht einfach hinfahren, wenn wir sie sprechen wollen?“
„Zu der Hexe?“
„Ja, genau.“
„Das geht nicht.“
„So viel habe ich ja …“ Ich unterbreche mich, weil er jetzt die Tür öffnet und aussteigt. Dann geht er auf ein Gebäude zu, an dem „The Edge“ steht. Meine Erwartung, dass er mir die Wagentür öffnet, ist wohl übertrieben. Das hat er vorhin schon gemacht, mehr als einmal macht er es pro Abend anscheinend nicht. Na gut.
Ich steige hastig aus und renne ihm hinterher.
„Wollen Sie nicht den Wagen abschließen?“, erkundige ich mich dann.
„Wozu?“
„Er könnte gestohlen werden.“
„Von wem? Die wissen alle, dass es meiner ist.“
„Aha.“ Ja, ist ein Argument, verstehe ich. „Was ist mit Touristen? Wissen sie das auch?“
„Touristen?“ Der Captain bleibt vor der Tür zu „The Edge“ stehen und starrt mich an. „Touristen?“
„Es gibt hier keine“, stelle ich fest. „Ich verstehe. Es tut mir leid, dass ich so unüberlegt gefragt habe.“
„Kein Problem“, erwidert der Chef der örtlichen Polizei und hält mir die Tür auf. „Sie konnten es ja nicht wissen.“
Meinen Impuls zu schreien unterdrücke ich lieber und trete ein. Ein Gasthof wie aus einem anderen Jahrhundert. In jeder Hinsicht. Seit ungefähr hundert Jahren, mindestens, wurde nichts Wesentliches an der Bausubstanz im weitesten Sinne geändert. Selbst der Kleiderständer, auf den ich zugehe, dürfte schon dort gestanden haben, als die Gäste noch aus dem Sattel steigend direkt durch die Tür getreten sind. Zumindest wenn sie John Wayne hießen.
Ach du heilige Scheiße. Dass es so was in Newope gibt!
Vor dem Kleiderständer biege ich nach links ab und betrete den Gastraum durch eine weitere, teilverglaste Tür.
Sofort verstummt jedes Gespräch und alle Augenpaare richten sich auf mich. Männer, es sind nur Männer. Als sie den Sheriff, äh, den Captain hinter mir erblicken, wenden sie sich von mir ab und setzen ihre Unterhaltungen fort, als wäre nichts gewesen.
Äh? Hallo?
Ich rücke meine perfekt sitzende Brille zurecht und betrachte den Mann hinter der Theke. Das muss der Bekannte sein.
Ein etwas beleibter Mann in Holzfällerhemd mit hochgekrempelten Ärmeln. Dunkelbraune Haare, gerötete Nase. Weintrinker, würde ich sagen.
Mein Begleiter geht auf ihn zu und schüttelt ihm die Hand.
„Wie geht es dir, Dan?“, sagt der Wirt.
„Gut, und dir?“, erwidert der Captain.
„Auch gut. Bier?“
Damit ist alles Wichtige gesagt. Hier würde James echt gut hineinpassen. Mich allerdings macht es aggressiv.
Dan, also, der Captain, deutet auf mich. „Das ist Lois. Wegen des Dreiarmigen. Sie ist Spezialistin. Lois, das ist Johnny Cook. Sein Bruder war mit meiner Schwester verheiratet, bevor er von einem umkippenden Traktor erschlagen wurde.“
Ich rücke erneut meine Brille zurecht. Dann reiche ich dem Bruder des unglücklich verstorbenen Mannes der Schwester des Captains, die zufällig die Pension betreibt, in der ich untergekommen bin, die Hand. Und ziehe sie leicht zurück, als er sie mit seiner Pranke umschließen und vermutlich zerquetschen will, sodass er nur meine Fingerspitzen zu fassen kriegt und ich mit dem Daumen kurz seinen Handrücken berühre.
Verflucht, wie ich diese Art, jemandem die Hand zu geben, hasse! Und jetzt mache ich es genauso! Okay, zu Lois passt es ja.
„Sehr erfreut“, hauche ich. Hört bei dem allgemeinen Lärm in der Kneipe eh niemand.
„Ich hoffe, Sie kriegen das Schwein!“, sagt Johnny, dann zeigt er auf einen freien Tisch. „Auch ein Bier, Lois?“
„Haben Sie Wein?“
„Ja. Rot?“
Ich nicke und folge dann dem um einige Ecken Schwager des Wirts zum freien Tisch und setze mich ihm gegenüber. Er setzt sich schon vor mir, also kann er mir nicht den Stuhl zurechtrücken. Interessiert hier aber keinen. Fiona wäre es auch scheißegal, aber Lois macht einen weiteren Strich auf ihrer unsichtbaren Liste.
Oh je.
Ich schlage die Beine übereinander, das rechte über das linke, und zupfe den Rock nach unten. Das grenzt schon an Paranoia, aber man weiß ja nie.
„Ich mag dieses Lokal“, sagt der Captain. „Es hat was Gemütliches.“
Was?!
Er scheint meinem Gesicht anzusehen, dass ich das etwas anders sehe, denn er fügt hinzu: „Na ja, wir hier auf dem Dorf haben wahrscheinlich etwas andere Ansprüche als ihr Städter.“
„Wahrscheinlich“, erwidere ich leise, fast flüsternd. Auch das sehe ich anders, halte aber eine Diskussion darüber mit ihm für völlig aussichtslos.
„Aber der Wein ist wirklich gut. Macht er selbst.“
„Er macht ihn selbst?“
„Na ja, er hat seinen eigenen Weingarten.“
Da bin ich ja mal gespannt. Was Wein angeht, bin ich ja dank meines Vaters etwas verwöhnt. Und auch dank James. Zwei Männer, die Ahnung von Wein haben und dafür gesorgt haben, dass mein Anspruch salonfähig ist. Bei meinem Vater ist der Anspruch auch mit einem entsprechenden Preis verbunden, bei James nicht unbedingt. Er kennt erstaunlich viele Winzer, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, ihn und seine ihm treu ergebene Frau zu verköstigen.
Der Wirt bringt den Wein in einer Flasche ohne Etikett und ein sauberes, einfaches Glas, in das er ein wenig vom sattroten Getränk schüttet. Die Farbe ist schon mal gut.
„Probieren Sie!“, sagt er.
Ich nehme das Glas und trinke einen Schluck, verzichte dabei auf irgendwelche Prozedere. Egal. Tiefer kann ich, kulturell gesehen, sowieso nicht sinken.
Der Wein ist jedenfalls wirklich sehr gut. Etwas ursprünglich im Geschmack und im Abgang erstaunlich fruchtig. Irgendwas mit Waldbeeren, schätze ich.
„Er ist gut“, sage ich. „Machen Sie bitte das Glas voll.“
Johnny Cook gehorcht mit einem breiten Grinsen, dann zieht er mit einem vielsagenden Blick von dannen.
John-Wayne-Sheriff-Captain bleibt bei seinem Bier. Der erstaunlich gute Weine macht es mir leicht, meine Entscheidung nicht zu bereuen.
„Ich empfehle Ihnen, nur die Tagesempfehlung zu nehmen. Zu essen, meine ich.“ Er lässt den Blick schweifen, dann sieht er mich an. „Alles andere ist … Na ja.“
„Ich verstehe“, erwidere ich. „Woher weiß ich denn, was das Tagesangebot ist?“
„Das wird er Ihnen gleich mitteilen. Wahrscheinlich etwas mit Wild, er jagt selbst.“
„Mit Schrot?“
„Blattschuss.“
„Oh. War aber nicht ernst gemeint, meine Frage. Es tut mir leid, ich wollte Ihrem Schwager nicht nahetreten. Sorry.“
„Kein Problem.“
Der Schwager kommt nun zu uns und erklärt, dass es heute Wild gibt. Mit Klößen. Und selbstgemachter Soße. Etwas scharf.
Nehme ich, mutig wie ich bin. Und weil der Sheriff es empfohlen hat. Auf das scharf bin ich aber ziemlich neugierig. Dank James und Nicholas bin ich da nicht leicht zu beeindrucken.
Aber Cook heißt nicht nur so, er kann anscheinend wirklich etwas. Das Essen, ausreichend für drei Fionas oder vier Loise, ist gar nicht schlecht. Sogar gut. Und die Soße ist scharf. Nicht so scharf, dass mir die Tränen kommen, aber kurz stockt mir der Atem.
„Der Hirsch ist gut“, bemerkt der Captain, der das gleiche hat wie ich.
„Das Wildschwein auch“, erwidere ich lächelnd. So leicht lasse ich mich nicht verarschen, auch nicht als Städterin.
Der Captain zieht den linken Mundwinkel hoch, als Zeichen, dass er es verstanden hat und es ihm gefällt. Zumindest interpretiere ich es so. Vielleicht war es nur eine zufällige Zuckung oder er hat auf einen Pfefferkorn gebissen in dem Moment. Dank James habe ich gelernt, minimalste Mimiken zu lesen, aber individuelle Ausprägungen bringen eine gewisse Unschärfe rein. Und den Captain kenne ich noch nicht lange genug, um feinste Nuancen eindeutig zu erkennen.
„Ich möchte zu der blinden Hexe“, bemerke ich nach einer längeren Schweigezeit.
„Heute?“
„Von mir aus auch heute.“ Ich werfe einen verstohlenen Blick auf die Wanduhr über der Eingangstür. Kurz nach acht. Oft meine normale Feierabendzeit.
„Zu spät. Ich bringe Sie morgen zu ihr.“
Ich mustere ihn nachdenklich. Letztlich brauche ich ihn nicht, um meine Arbeit zu erledigen. Eher wird er mir früher oder später sogar im Weg sein, spätestens, wenn ich es mit übernatürlichen Gegnern zu tun bekomme. Doch im Moment ist es noch besser, so zu tun, als hielte ich ihn für unverzichtbar. Das Gegenteil wird er schon noch früh genug merken.
Und wenn ich ganz ehrlich bin, sehne ich mich nach einem Bett. Oder einer Badewanne. Und einem Orgasmus. Alternativ einem zehn Kilometer Lauf. Wobei ich den Orgasmus eindeutig bevorzuge.
Also nicke ich und konzentriere mich, nun unterbrechungsfrei, auf den Rest meines Abendessens.

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Geschichten einer Kriegerin – Magie der Angst (2)

Graue Augen, riesengroße Brille mit braunem Rand. Furchtbar hässlicher, aber äußerst angenehm warmer Rollkragenpullover, schulterlange, mittelgescheitelte, braune Haare.
Furchtbar. Vor allem, weil es mich an meine kurze Karriere als Prostituierte erinnert. Außerdem sieht die da im Spiegel irgendwie so brav aus. Viel zu brav. Okay, im Babydoll nicht mehr ganz so brav. Trotzdem.
Seufzend verlasse ich die Zugtoilette und kehre an meinen Platz zurück. Laut Fahrplan und wohl auch tatsächlich noch etwa eine Viertelstunde. Ich bin echt gespannt, was mich in Males erwartet.
Ein hübscher, kleiner Ort, laut den wenigen Prospekten, die ich gefunden habe. Im Internet steht, dass er 7.342 Einwohner hat, aber ich glaube, der aktuelle Schwund wurde da noch nicht berücksichtigt, also 7.340. Obwohl, es könnten ja auch andere gestorben sein, und vielleicht gibt es zudem Neuzugänge?
Scheißegal.
Als der Zug mit quietschenden Bremsen in den niedlich kleinen Bahnhof einfährt, stehe ich bereits mit meinem Gepäck an der Tür. Dienstag, drei Uhr nachmittags und wer steigt aus dem Zug?
Ich.
Sonst niemand.
Na toll.
Und wer erwartet mich?
John Wayne. Dunkelblaues Holzfällerhemd, schwarze Jeans, Stiefel, Revolver an der Hüfte, daneben die Polizeimarke und ein wettergegerbtes Gesicht.
Ach du heilige Scheiße.
Und wieso trägt er nicht wenigstens einen Pullover bei dieser Kälte? Ich friere, obwohl ich auch noch eine Jeansjacke über den Pulli gezogen habe.
Hilfe! Das ist ja ein Mann! Stünde er mit dem Rücken zu mir neben James an einer Theke, ich könnte die beiden kaum unterscheiden!
Seit wann bis du so voller Vorurteile, Schätzchen?
Halt die Klappe, Loisfiona. Ich muss mich konzentrieren.
John Wayne kommt grinsend auf mich zu und hält mir die Hand hin.
„Sie sind Lois Nale, nicht wahr? Ich bin Captain Daniel Morgin, der Chef der örtlichen Polizei.“
Nur Captain? Ich kann es mir gerade noch verkneifen, die Frage laut zu stellen.
„Hallo, Captain Morgin“, hauche ich stattdessen, ganz im Sinne der Rolle. Zumindest der Rolle, wie sie mal der schüchternen Prostituierten-Rookie Lois entsprach. „Ja, ich bin Lois Nale.“
Er mustert mich. „Niemand außer mir weiß, dass Sie Fiona Flame sind. Aber ich frage mich schon, wieso die vom Verein ausgerechnet Sie hierher schicken.“
„Weil die wissen, dass Fiona Flame auch mit dreiarmigen, Visz-Dolch schwingenden Mörderbabys fertig wird“, erwidere ich lächelnd.
„Ist das so?“
„Keine Ahnung, Captain. Hatte noch nie mit einem zu tun. Aber ich denke schon. Okay, die Lois Nale ist eine eher schüchterne Studentin, die sich mit PSI-Geschichten beschäftigt und sich da gut auskennt. Sie ist normalerweise nicht so die große Heldin, aber wenn es sein muss … Ich hoffe jedenfalls, dass ich das Geschöpf erwischen kann, ohne dass Fotografen in der Nähe sind.“
„Aha. Dann darf ich bestimmt Ihre Tasche nehmen?“
„Ja, gerne. Vielen Dank.“ Ich bin wieder in meiner Rolle, was sich seltsamerweise auch auf meine Stimme auswirkt. Ich mache das nicht einmal absichtlich. Als Lois bin ich schüchtern und zurückhaltend. Erstaunlich, wie gut das gelingt. Ob das mein wahres Ich ist?
Du bist dämlich, sagt mein wahres Ich.
John Wayne alias Captain Morgin fährt natürlich einen Landrover. Alles andere hätte mich auch sehr gewundert. Bequem geht anders, aber in dieser Gegend bestimmt zweckmäßig. Zwar ist die Stadt überwiegend eben gebaut, doch sie liegt am Fuß eines Berges, und wenn man nicht durch den Eisenbahntunnel fährt, was mit dem Auto eine schlechte Idee wäre, dann sind Strecken zu bewältigen, für die ein Landrover nicht die schlechteste Wahl ist.
Jetzt jedoch verlassen wir die Stadt nicht.
Wir fahren aufs Revier. Es ist logischerweise sehr viel kleiner als das Präsidium von Skyline, etwa im selben Verhältnis wie die Einwohnerzahlen. Okay, vielleicht nicht ganz, dann müsste das Gebäude die Größe einer Zigarettenschachtel haben. Viel größer ist es zwar nicht, aber ein bisschen schon.
Der Captain stellt mich drei Polizisten vor, deren Namen ich mir auf die Schnelle nicht merken kann, dann begleitet er mich in sein Büro, schließt die Tür und deutet auf seinen Schreibtisch.
„Da liegt die Akte. Viel steht ja noch nicht drin.“
Der geht aber ran. Wow!
Ich setze mich an den Schreibtisch und schlage die Akte auf. Viel ist echt nicht drin. Ein Bericht mit Fotos zum Tatort, außerdem das Ergebnis der Obduktion.
„Ich nehme an, an so einem Ort gibt es nicht viel für einen Leichenbeschauer zu tun“, bemerke ich als Fiona.
„Wieso?“
„Äh … Entschuldigung. Ich wollte nicht unhöflich sein oder etwas andeuten. Ich meine nur, das ging ziemlich schnell, die Obduktion, oder meinen Sie nicht?“
Er starrt mich verwirrt an. Ich beschließe, ihn möglichst nicht mit Persönlichkeitswechseln zu irritieren und in meiner Rolle zu bleiben.
„Es … es ist nicht wichtig, Captain Morgin. Es tut mir leid.“
„Okay.“ Verdammt, in wie vielen Personen ist der Vorgänger von James´ Seele reinkarniert?
Ich betrachte die Bilder vom Tatort, um mich abzulenken. Wie es aussieht, hat der Täter die beiden im Wohnzimmer beim Fernsehen überrascht. Die Opfer haben keine Chance gehabt. Sie wurden regelrecht zerstückelt. Nicht gerade appetitlich, außer man liebt Menschenfleisch. Dann schon.
Ich rücke meine Brille zurecht. „Das sieht aus, als hätte jemand die beiden Menschen sehr gehasst.“
„Ja, das sieht so aus.“ Gütiger Drol, lass ihn schweigen oder richtig reden!
„Und … und Zeugen haben jemanden mit drei Armen in der Nähe gesehen?“
„Ja.“ Ich schreie gleich!
„Gibt … gibt es eine Beschreibung?“ Ich glaube, das Stottern ist eine ganz gute Therapie gegen den Schreizwang, der in mir um Freiheit kämpft.
„Keine einheitliche. Bis auf den dritten Arm.“
„Der wird einheitlich beschrieben?“
„Nur dass es ihn gab.“
„Ach so.“ Ich rücke meine Brille zurecht, obwohl sie perfekt saß. Aber ich will nicht den Captain verprügeln. Er kann wahrscheinlich genau sowenig etwas dafür wie James. „Könnte … könnte ich den Tatort besichtigen, Captain Morgin?“
„Natürlich. Aber da ist der Dreiarmige nicht mehr.“
„Wissen Sie denn, wo er ist?“
„Nein, natürlich nicht.“
Natürlich. Wie konnte ich auch nur denken …
Ich beiße die Zähne zusammen und erhebe mich. Wenn der Captain noch am Leben ist bei meiner Abreise, dann würde meine Selbstbeherrschung auf eine ganz neue Stufe gehoben worden sein. Ich will es ja wirklich sehr hoffen.
Scheiße.
Der Tatort ist bereits gesäubert, insofern uninteressant. Wahrscheinlich war er vorher auch uninteressant. Das sagen zumindest meine übermenschlichen Sinne. Hier gibt es nichts, was mich weiterbringt. Ich spüre allerdings den Hauch von etwas, das mal hier war. Und es war böse. Sofern es das Böse überhaupt gibt. Aber das, was hier war, kam dem schon recht nahe. Da ist etwas unglaublich Dunkles, Beängstigendes. Selbst ich merke das, obwohl ich gegen Angst eigentlich immun bin. Mehr oder weniger.
Hm. Eigenartig. Was ist das nur für ein Wesen? Ich schätze, auf jeden Fall ein Dämon, einer der ungemütlichen Sorte. Hoffentlich kein Krumana-Quatsch, darauf habe ich überhaupt keine Lust.
Danach werde ich in mein Quartier gebracht. Eigentlich ist es nur eine namenlose Pension. Sie wird von einer Liane Cook geführt, wie ich auf dem Schild erkennen kann. Ein großes, dunkles Haus mit einer Dachterrasse. Wow! Der Vorgarten ist sehr sauber und sehr ordentlich. Könnte glatt von meiner Mutter sein.
Liane Cook könnte nicht meine Mutter sein. Liane Cook ist klein und schmächtig, hat graue Haare, die jungenhaft kurz geschnitten sind, und braune Augen. Abgesehen von der Statur erinnert sie mich irgendwie an …
„Liane ist meine Schwester“, sagt der Captain. „Liane, das ist Lois Nale. Sie unterstützt uns.“
„Hallo“, flüstere ich und gebe ihr die Hand. Ihr Händedruck erinnert an einen Lufthauch, nur nicht so kräftig. Die passt gut zu Lois. Und zu ihrem Bruder.
Mann, Mann.
„Hallo, Lois. Darf ich Ihnen die Tasche abnehmen?“
„Die nehme ich“, erwidert der Captain und macht es auch. Er geht voran, ich folge ihm, seine Schwester mir.
Immerhin, das Zimmer ist schön. Ordentliche Möbel, rustikal, aber in sehr gutem Zustand. Alles sauber, es gibt sogar ein Bad nur für mich. Und Fernsehen! Und Telefon! Ein Flyer informiert über die Sender und dass die Erotikkanäle pro Film drei Dollar kosten. Ich stelle mir gerade das Gesicht von Liane vor, falls ich den einen oder anderen Film bezahlen müsste. Wobei, wenn da Filme mit Frauen, die wie Katharina
Die ist fort!
Ja, ja. Arschloch.
Ich hoffe, dass niemand meinen kurzen Anfall mitbekommen hat. Der Gedanke an Katharina war nicht gut. Überhaupt, warum sollten mich Pornos zwischen Frauen noch interessieren? Anne Marie tot, Katharina fort. Dieser Teil meines Lebens ist Geschichte. Ende, aus, vorbei.
Scheiße. Verdammte Scheiße.
Der Captain teilt mir mit, dass er mich in einer Stunde abholt und wir dann zu Abend essen werden.
Nachdem die Tür sich geschlossen hat, setze ich mich auf den Bettrand und atme tief durch.

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Geschichten einer Kriegerin – Magie der Angst (1)

Es ist kühl. Wie bescheuert von mir, an so einem Tag Danny zu übernehmen. Ich hätte ihn auch den Hütern der gefährlichsten Blondine des Landes, meinen Eltern, überantworten sollen. Sie werden mit meiner Tochter fertig, da ist Danny keine wirkliche Herausforderung mehr.
Aber nun ist es egal, Danny ist da und muss raus. Ich beschließe daher, wieder in den Park zu gehen. Mit etwas Glück werden heute keine Drachen unterwegs sein.
Kaum bin ich auf der Straße, kommt die nächste unangenehme Erkenntnis: Es ist viel zu kalt für meine Kleidung. Oder für mich in meiner augenblicklichen Kleidung. Jeans und Stiefeletten gehen ja, aber obwohl mein Rollkragenpullover schwarz ist, nicht weiß, zieht er einfach nicht genug Sonnenstrahlen an, um mich aufzuwärmen. Das liegt vermutlich daran, dass es die Sonnenstrahlen gar nicht erst durch die Wolkendecke schaffen.
Ich könnte ja Danny nehmen und mit ihm über die Wolken fliegen. Aber erstens würden die Leute erstaunt schauen. Zweitens würde Danny sehr erstaunt schauen. Und ob es da oben wärmer ist als hier unten, wage ich zu bezweifeln.
Blöde Idee also.
Das Einzige, was ich tun kann, ist zu laufen. Hin und wieder stoppt mich Danny abrupt, ich muss dann aufpassen, den armen Kerl nicht durch die Luft fliegen zu lassen.
Irgendwann erreichen Hund und genervtes Frauchen doch noch den Park und der Hund darf endlich frei laufen. Er entdeckt auch sogleich einige Freunde und stellt unmissverständlich klar, dass er spielen will. Die Freunde sehen das nicht alle so, aber schließlich erbarmt sich ein Mastiff seiner. Wenigstens ein würdiger Gegner. Danny wirkt sogar ein bisschen schmächtig neben ihm, und das will schon was heißen. Aber das macht er durch Energie wieder wett.
Ich lasse mich auf eine Bank sinken und hole mein Handy hervor, doch da bleibt jemand neben mir stehen.
Ich blicke hoch.
Ein Mann. Er trägt einen braunen Anzug, ein hellblaues Hemd und braune Schuhe, keine Krawatte. Haare hat er keine, zumindest auf dem Kopf, obwohl er jung aussieht. Jedenfalls jünger als die meisten Glatzköpfe. Okay, Vin Diesel wäre ein Gegenbeispiel, aber der hier ist so weit entfernt von Vin Diesel wie ich von Dolly Parton. Oder so.
„Ich muss mit Ihnen sprechen, Fiona“, sagt er.
Ich ziehe á la James die linke Augenbraue hoch.
„Mein Name ist Frank Weaver“, fährt er fort, während er sich neben mich setzt. „Ich bin Vorstandsmitglied von ‚Magische Verbrecher‘.“
„Aha. Sie sind ein magischer Verbrecher?“
„Nein, wir jagen sie. Aber manchmal reichen unsere Möglichkeiten nicht aus, daher möchte ich Sie um Hilfe bitten.“
„Mich um Hilfe bitten? Bei der Jagd auf einen magischen Verbrecher? Faszinierend. Wie kommen Sie auf die Idee, ich könnte Ihnen da helfen?“
„Ben Norris hat es mir gesagt.“
Hm. Das ist natürlich ein passendes Stichwort. Trotzdem, ganz so leicht will ich es ihm nicht machen, ich brauche etwas mehr Informationen, um zu entscheiden, ob er Freund oder Feind ist. Genauer gesagt, ob er das Gleichgewicht stört oder bewahrt.
„Ben Norris?“
„Ja, er ist Lieutenant bei der Polizei, was Sie wissen. Aber Sie vertrauen mir noch nicht.“
„Richtig.“
Ich werfe einen Zwischendurchblick auf Danny, aber der ist gerade damit beschäftigt, den Mastiff zu überreden, das Raufspiel verloren zu geben. Zu blöd, dass er, der Mastiff, sich dabei auf Danny gelegt hat. Danny ist ja schon groß und stark mit seinen etwa 50 kg, aber Mastiffs sind für gewöhnlich deutlich größer und schwerer, dieser auf jeden Fall. Ich hoffe mal, Danny nimmt es sportlich, ich habe keine Lust, dazwischenzugehen.
„Ich weiß, dass Sie eine Kriegerin sind, und dass Sie letztes Jahr Ihren Mann und Jack Siever, den Polizeichef, aus Kanaan befreit haben.“
„Okay, das wissen tatsächlich nicht viele. Wobei soll ich Ihnen denn helfen?“
„Es geht um den Mord an zwei alte Leute. Er geschah gestern in Males, etwa 500 Meilen von hier.“
„Ein Mord? Davon gibt es auch hier in Skyline viele. Täglich. Nicht mein Geschäft.“
„Außer, dabei wird das Gleichgewicht gestört, nicht wahr?“
Hm, vielleicht wird es doch interessant.
„Wer wurde denn ermordet?“
„Das ist nicht der interessante Teil, sondern wer die alten Leute ermordet hat. Es war ihr Sohn, den sie vor 20 Jahren im Wald ausgesetzt haben.“
„Okay, das ist relativ ungewöhnlich, wobei ich sagen muss, ich wäre möglicherweise auch sauer.“
„Das Baby wurde ausgesetzt, weil es drei Arme hat. Als die örtliche Hexe, ist ein kleines Örtchen, das noch ein wenig im letzten Jahrhundert lebt, versucht hat, mit einem Visz-Messer den Arm abzuschneiden, nahm das Baby das Messer und stach der Hexe beide Augen aus.“
„Autsch. Ein Baby einer Erwachsenen? Mit einem Visz-Messer? Vielleicht ist es tatsächlich eine gute Idee von Ben gewesen, Sie an mich zu verweisen. Woher stammen die ungewöhnlichen Kräfte des Kleinen, ist das bekannt?“
Frank Weaver schüttelt den Kopf.
„Es gab Zeugen, die den Dreiarmigen gesehen haben wollen. Und sie behaupten alle, er hätte höchstens wie zehn ausgesehen.“
„Sie meinen, ihn gestern gesehen haben wollen?“
„Genau. Zum ersten Mal seit 20 Jahren. Erkannt haben sie ihn nur am dritten Arm.“
„Okay, Sie haben tatsächlich meine Neugierde geweckt. Dreiarmige Babys, die einer erwachsenen Hexe einen Visz-Dolch entwinden und ihr damit die Augen ausstechen, dürften recht selten und eher übernatürlich sein. Und wenn es jetzt tötet, muss ich eine Störung des Gleichgewichts in Betracht ziehen. Weiß denn jemand in Males, dass, sagen wir mal, keine offiziellen men in black den Fall übernehmen werden?“
Er lächelt leicht. „Die örtliche Polizei hat sich an uns gewendet. Wir haben bereits angedeutet, dass dieser Fall selbst für uns ungewöhnlich ist.“
„Aber sie wissen nicht, woher auch, dass Fiona Flame ankommen wird, richtig?“
Er nickt.
„Ich würde ja gerne darum bitten, dass es auch dabei bleibt, aber ich fürchte, ich bin zu bekannt, selbst in einem kleinen Ort im Landesinneren.“
„Sie könnten sich verkleiden. Wir weihen nur den Polizeichef ein. Was halten Sie davon?“
„Ja, eine gute Idee. Kündigen Sie bitte Lois Nale an.“ Perücke und Brille! Das wird sicher ein seltsames Gefühl sein, wieder die 22-jährige Studentin zu sein, die kein Geld von ihren Eltern bekommt.
Aber diesmal sage ich James im Vorfeld schon Bescheid, nicht dass er noch Mark besucht, während ich unterwegs bin.
„Ich bin Ihnen sehr dankbar“, sagt Frank Weaver, während er sich erhebt. „Ich bin gespannt, was Ihre Recherchen ergeben werden.“
„Ich auch, ich auch. Wahrscheinlich fahre ich morgen mit dem Zug, aber das hängt davon ab, wie ich alles organisieren kann.“
„Ich wünsche Ihnen viel Erfolg.“
Ich beobachte den Kerl, als er sich schnellen Schrittes entfernt, dann blicke ich Danny an, der plötzlich mit hängender Zunge vor mir sitzt.
„Sag bloß, du willst freiwillig wieder ins Büro?“
Er bellt nur, aber ich deute das mal als ein Ja.