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Leseprobe: Fiona – Beginn 2.0 (Band 1) (8)

Fiona - Beginn 2.0

Ich starre den Zettel an. Charles Brodwich heißt der Besitzer des Geländewagens, mit dem Norman getötet wurde. Der Name sagt mir gar nichts, aber das ist kein Wunder. Skyline ist eine Millionenmetropole, ich kann nicht alle Einwohner kennen. Klar, zufällig hätte ich ihn kennen können.
Ich hebe den Blick und schaue auf das Meer hinaus. Die Bäume an der Mauer entlang, die den Parkplatz vom Ufer abgrenzt, spenden etwas Schatten. Die grantige Kante schneidet in meine Oberschenkel, wie mir plötzlich bewusst wird, also stelle ich die Füße auf die Mauer und stütze das Kinn auf die Knie. Meine Beine sind nass vor Schweiß und jetzt auch mein Top.
Und nun, du Schlaukopf? Fährst du zu dem Kerl hin und fragst ihn, ob er deinen Bruder totgefahren hat? Und wenn er Ja sagt? Schlägst ihn dann tot?
Das könnte ich, erwidere ich mir mürrisch.
Vielleicht. Du hast ja keine Ahnung, wer oder was er ist. Möglicherweise kann er auch Karate. Oder ist bewaffnet. Oder …
Halt die Klappe!
Ich blicke mich um. Nachdem ich von James den Namen bekommen habe, bin ich wieder zurück an die Küste gefahren und habe mir einen schattigen Parkplatz gesucht. Was gar nicht so einfach war, halb Skyline ist hier. Kein Wunder. Samstag, Nachmittag und heiß. Die Eisdielen sind überfüllt, die Strände auch. Auf dem mit Gras bewachsenen Küstenstreifen zu meinen Füßen liegt niemand. Zu steil und außerdem für Badende gesperrt.
Oh Mann. Gestern klang das noch so einfach. Finde ihn. Töte ihn.
Gefunden habe ich ihn ja. Fast. Er steht im Telefonbuch, also kenne ich auch seine Adresse. Er wohnt in South Village. Nicht gerade der beste Bezirk. Das ist auch so eine Sache. Will ich wirklich dorthin? Egal, wie gut ich kämpfen kann, die Jungs dort sind eine eigene Liga. Nicht selten mit Schusswaffen im Hosenbund.
Aber er hat Norman getötet. Mit Absicht. Dessen bin ich mir inzwischen ganz sicher. Er ist mehrmals über ihn hergefahren. Das war kein Unfall. Und auch das Verhalten von Savage ist zumindest eigenartig. Dass er unter Schock steht, ist das Eine. Dass er mir das Kennzeichen gibt, das Andere. Ich habe seinem Blick angesehen: Töte ihn. Da war der Befehl wieder.
Scheiße.
Okay, denk nach. Was hast du zu verlieren?
Die Freiheit? Oder das Leben?
Mal ehrlich, findest du dieses Leben wirklich so toll?
Es gibt auch schöne Momente!
Und ich unterhalte mich in Gedanken schon wieder mit mir, als wären da zwei Fionas in mir. Eine vernünftige und eine wilde. Wobei ich mir gerade nicht sicher bin, wer welche ist.
Ich lege mich mit dem Rücken in Längsrichtung auf die Mauer und zünde mir eine Zigarette an. Zwischen den Blättern hindurch erkenne ich den gleißend blauen Himmel. Und den weißen Kondensstreifen eines Flugzeugs. Er fliegt hoch, ist weder jetzt gestartet noch im Landeanflug. Aber es gibt ja auch in anderen Städten Flughäfen, nicht nur in Skyline.
Okay, jetzt mal zurück zu meinem Problem. Ich habe ein Kennzeichen, einen Namen und eine Adresse. Der Mann, dem das alles gehört, hat möglicherweise meinen Bruder getötet, und wenn, dann vermutlich mit Absicht. Ich weiß nicht, ob er das war. Er könnte sein Auto ja auch verliehen haben.
Nehmen wir einmal an, ich finde irgendwie heraus, dass er es tatsächlich war.
Was zum Teufel mache ich dann? Bin ich tatsächlich in der Lage, ihn zu töten? Gesetzt den Fall, ich kann es, so rein technisch gesehen. Er könnte schließlich ein Gangster sein. Bei seiner Wohngegend nicht ausgeschlossen. Oder irgend so ein Schlägertyp. Okay, dann werde ich mit ihm fertig. Im Nahkampf nehme ich es mit den meisten Männern auf, das weiß ich aus Erfahrung. Ich bin schnell und treffe sehr genau.
Und ich weiß, wie man einen Menschen mit den bloßen Händen töten kann. Aber ich bin keine Mörderin. Ich habe noch nie einen Menschen getötet. Verletzt, okay, aber nur, um jemanden oder mich zu beschützen.
Er hat Norman getötet.
Ist zweimal über ihn drüber gefahren.
Er. Hat. Meinen. Bruder. Getötet.
„Was machen Sie da?“
Ich zucke zusammen, dann starre ich den Polizisten an, der neben der Mauer steht und mich beobachtet.
„Ich … ich rauche.“
„Was?“
„Eine Zigarette?“
„Geben Sie mal her!“
Ich reiche ihm den Rest meiner Kippe. Er riecht daran, dann gibt er sie mir zurück.
„Okay. Ich möchte Sie bitten, von der Mauer runterzukommen.“
Ich denke kurz darüber nach, ihn zu fragen, was er dagegen hat, dass ich die Mauer bewache, aber schließlich entscheide ich mich dagegen. Im Moment möchte ich bei der Polizei lieber nicht unangenehm auffallen.
Also nicke ich, setze mich auf und springe auf den Boden.
„Was haben Sie da überhaupt gemacht?“ Er klingt freundlicher als gerade eben noch.
„Keine Ahnung. Habe es zu Hause nicht ausgehalten.“
„Streit mit dem Freund?“
Ich verneine kopfschüttelnd. „Mit meinem Vater. Außerdem wurde mein Bruder gestern getötet.“
„Das tut mir leid“, sagt er nach einer kurzen Pause. „Dieser Junge, der vom Geländewagen …?“
Ich nicke langsam.
„Eine traurige Sache. Mein herzliches Beileid.“
„Danke.“
„Sie sollten nicht hier alleine sein. Es gibt doch bestimmt jemanden, zu dem Sie gehen können.“
„Keine Ahnung. Vielleicht. Aber jetzt bin ich lieber allein. Oder ist das verboten?“
Er schüttelt den Kopf. „Natürlich nicht. Ich dachte nur, dass es vielleicht besser wäre. Aber es ist Ihre Sache, natürlich.“
„Danke. Ich fahre dann mal.“
Zum Glück fragt er nicht, wohin. Besser so, sonst müsste ich ihn anlügen. Er würde mich wohl kaum gehen lassen, wenn ich ihm sage, dass ich jemanden töten will. Unabhängig davon, dass ich mir dessen gerade gar nicht so sicher bin. Aber auch das möchte ich ihm nicht sagen. Niemandem eigentlich. Nicht einmal mir.
Ach, verdammte Scheiße.
Ich steige in mein Auto ein, drücke im Aschenbecher die kümmerlichen Reste der Zigarette aus, zünde eine neue an und fahre los, alles streng überwacht vom Polizisten. Warum eigentlich? Denkt er ernsthaft, ich wollte mich von den Klippen stürzen? Zwei Meter? Oder wie? Oder ins Wasser gehen? Oder mit einem Kopfsprung von der Mauer ins Meer springen? Ich meine, die zwei Meter schafft ja sogar ein Kleinkind problemlos.
Nur, wohin jetzt?
Erst einmal fahre ich Richtung South Village und halte auf dem Parkplatz vor einer Bar. Eigentlich ist die Bar auf der gegenüberliegenden Straßenseite, und der Asphalt ist heiß. Die Luft darüber flimmert.
In der Bar läuft die Klimaanlage, es ist fast kalt. Aber nur fast.
Ich setze mich auf einen Barhocker und mustere den Barkeeper, einen jungen, rotblonden Kerl, der interessiert zurückmustert. Mir wird bewusst, dass ich suboptimal angezogen bin für diese Gegend. Hier bin ich keine Rebellin, sondern eine Nutte in diesem Aufzug.
Scheiß drauf, ist jetzt auch egal.
„Zu heiß zum Arbeiten?“, fragt der Rotblonde grinsend.
„Sind wir irgendwie verwandt?“
„Nein, ich glaube nicht. Wieso?“ Er wirkt erstaunt.
„Warum quatscht du mich dann blöd an? Gib mir einen Scotch und lass mich in Ruhe, okay?“
Für einen Augenblick sieht er aus, als würde er gleich etwas ganz Anderes tun. Die wenigen Gäste der Bar amüsieren sich anscheinend bestens. Schließlich grinst der Rotblonde wieder, diesmal etwas gezwungen.
Und er gibt mir meinen Drink, ohne ein weiteres Wort.
Ich trinke das Glas in einem Zug leer und schiebe es ihm hin. Wortlos füllt er es nach und schiebt es vor mich. Diesmal warte ich mit dem Trinken.
Von hier aus würde ich keine fünf Minuten zu Brodwich brauchen. Und ich hasse es, wenn ich so unentschlossen bin. Obwohl, unentschlossen bin ich gar nicht. Ich habe nur Angst. Vor was eigentlich?
Davor, selber getötet zu werden? Klar, wenn er meinen Bruder ermordet hat, dürfte er kein Problem damit haben, mich auch zu beseitigen. Dass er niemand ist, der viel nachdenkt, ist offensichtlich. Würde Savage nicht so hartnäckig schweigen, hätte die Polizei ihn schon längst geholt. Natürlich nur, wenn er auf sie wartete. Was nicht sicher ist. Kann sein, dass er schon abgehauen ist. Dann mache ich mir völlig überflüssigerweise Gedanken.
Oder er ist wirklich ein Vollidiot ohne Skrupel. In dem Fall sollte ich wirklich Angst haben. Solche Leute sind gefährlich. Sie denken nicht darüber nach, welche Folgen ihr Handeln hat, weil es ihnen vollkommen egal ist. Ich muss das wissen, solche Anwandlungen habe ich auch.
Wenn er auf mich losginge, könnte ich mich dagegen wehren? Frei von jeder Skrupel? Nicht die Schläge abbremsen wie beim Training, sondern alles voll durchziehen?
Ich trinke mein Glas leer und schiebe es wieder in Richtung des Rotblonden.
„Bist du sicher?“, fragt er.
„Ich glaube das einfach nicht. Wenn wir nicht miteinander verwandt sind, kannst du nicht mein Vater sein. Oder habe ich gerade Halluzinationen?“
Einige in der Nähe grinsen, aber er findet es nicht witzig.
„Hör zu, geh lieber, bevor ich meine Geduld verliere. Hast du überhaupt Geld?“
Ich krame in meiner Hosentasche und lege einen Haufen zerknüllter Geldscheine auf die Theke.
„Reicht das?“ Es sind, grob geschätzt, dreihundert Newoper Dollar.
Er nimmt einen Zehner, legt stattdessen das Wechselgeld hin und sagt: „Jetzt hau ab.“
Die Gäste beobachten mich neugierig. Ich sollte ihm die Zähne ausschlagen, und kurz denke ich sogar ernsthaft darüber nach. Doch dann siegt die vernünftige Fiona.
Erstens hast du noch nie jemanden verprügelt, der dich nicht angegriffen hat. Bloß weil er blöd ist, kannst du ihn nicht schlagen. Dann müsstest du ja fast jeden Menschen durchprügeln.
Zweitens könntest ja mal an jemanden geraten, der besser ist als du.
Na ja, das ist aber nicht sehr wahrscheinlich, und das weißt du auch.
Ja ja, du eingebildete Idiotin. Okay, und drittens ruft jemand die Polizei und das war es mit deinem Rachefeldzug.
Okay, das ist ein Argument.
Ich nehme mein Geld und stopfe es wieder in meine Hosentasche. Nach einem Ich-könnte-dich-töten-aber-du-hast-nochmal-Glück-gehabt-Blick auf den Jungen verlasse ich die Bar und bleibe draußen stehen.
Und jetzt?
Ich spüre, dass ich jetzt wütend bin. Irgendjemand muss leiden. Wer ist dafür besser geeignet als Brodwich? Niemand.
Ich lasse mein Auto stehen und gehe zu Fuß. Nach Möglichkeit im Schatten.
Die Adresse, die ich gefunden habe, ist ein mehrstöckiges Wohnhaus mit einem Blumengeschäft im Erdgeschoss. Passt ja echt gut, hier werde ich Blumen für seinen Grab bestellen.
Die Tür ist nicht ganz zu, ich betrete den muffigen Hausflur. Einen Aufzug gibt es, aber ich nehme lieber die Treppe. Außerdem muss ich eh nur eine Etage höher.
Hier gibt es vier Wohnungen, an einer steht Brodwich. Kein Vorname. Irgendwie hingekritzelt, das spricht für meine Nicht-sehr-intelligent-Theorie.
Ich atme tief durch, dann drücke ich die Klingel und trete sicherheitshalber auch noch ein paarmal gegen die Tür.
Danach passiert – erst einmal gar nichts.
Verdammt!
Ich wiederhole die Prozedur. Nach ein paar Sekunden wird die Tür nebenan aufgerissen und eine Frau, grob geschätzt Ende 50, starrt mich aufgebracht an.
„Was soll das?!“
„Ist er da?“
Sie mustert mich von Kopf bis Fuß. „Was willst du denn von ihm? Sonst bestellt er doch seine Nutten auch nicht tagsüber her.“
Schon wieder werde ich für eine Hure gehalten. Das sollte mir zu denken geben. Es kann doch unmöglich nur an der Kleidung liegen, zumal ich mir nicht vorstellen kann, dass Nutten in solche Stiefeletten herumlaufen. Okay, die ziemlich kurzen Jeans und das Top passen vielleicht. Trotzdem, aus der Zeit mit Greg weiß ich, dass ich keine typische Arbeitskleidung einer Prostituierten trage.
„Ich will nur mit ihm sprechen“, erwidere ich. „Bin keine Hure.“
„Ja, klar. Dann versuchs mal im ‚Derek‘, um die Zeit ist er oft da.“ Und knallt die Tür zu.
Na toll. Und jetzt?
Ich gehe nach draußen und setze mich auf die Bordsteinkante. Dann wird mir bewusst, wie das aussieht, und ich stehe wieder auf. Nach kurzem Zögern gehe ich einfach los. Da ich von links gekommen bin, gehe ich nach rechts.
Wenn ich „Derek“, vermutlich eine Kneipe, innerhalb der nächsten Viertelstunde finde, dann gehe ich hinein. Was ich dann mache, weiß ich zwar noch nicht, aber das sehe ich ja dann.
Und wenn ich es nicht finde, gehe ich zurück zum Auto, fahre nach Hause, schnappe mir meinen besten Freund Johnny und betrinke mich, egal, was mein Vater davon hält.
Und gebe der Polizei das Kennzeichen.
Vielleicht auch andersherum. Obwohl, vielleicht komme ich ins Gefängnis, für das Vorenthalten von Informationen. Ich sollte mich zuerst besaufen und dann …
„Derek“.
Ist tatsächlich eine Kneipe.
Aus den gekippten Fenstern dringt der typische Lärm. Voll scheint es nicht zu sein, aber es sind schon einige Leute drin.
Ich blicke mich um. In der Hitze niemand auf der Straße, von einer dämlichen Blondine mal abgesehen.
Es sieht nicht sehr einladend aus. Ob ich gleich da liegen werde, verprügelt oder gar totgeschlagen? Oder nackt und vergewaltigt?
Puh.
Ich atme tief durch, dann betrete ich die Höhle des Löwen.
Drinnen ist es angenehm kühl. Sieht sauber aus, aber es stinkt nach Alkohol und Tabak. Hauptsächlich nach Zigaretten, aber auch Zigarrengestank ist dabei.
Ich zähle schnell die Leute. Neun, einschließlich des vierschrötigen Barkeepers. Alle sehen irgendwie gefährlich aus. Nicht wie diese jugendlichen Gangmitglieder, mit denen ich herumhing, als ich mit Greg zusammen war. Schon die wären unangenehm. Aber diese Kerle hier sind es gewohnt, dass es auch mal Tote gibt.
Ich bin wahnsinnig, aber so richtig.
Alle Augen richten sich auf mich, während ich zur Bar gehe. Vermutlich passe ich hier hinein wie ein Eisbär in eine Bar auf Hawaii. Oder so ähnlich. Wie komme ich grad auf einen so bescheuerten Vergleich?
Ich rutsche auf einen Hocker, neben einem rotblonden Kerl, der mich aus braunen Augen amüsiert ansieht. Seine muskulösen Unterarme sind tätowiert.
„Hast du dich verirrt?“, erkundigt er sich.
„Wenn ich mir dich so ansehe, dann ja“, erwidert jemand, den ich nicht kenne, mit meiner Stimme. Hey, hallo? Bist du wahnsinnig? Lebensmüde?
Der Rotblonde lacht nur. „Verpiss dich besser, Baby. Noch habe ich gute Laune.“
„Erst will ich Charles Brodwich sprechen. Ist er hier?“
Jetzt wird er schlagartig ernst. Nicht nur er, alle anderen auch.
„Was willst du von ihm?“
Ein anderer ruft einem riesigen Glatzkopf zu: „Hey, hast du echt eine Nutte hierher bestellt?“
Ich starre den Kerl an, der Brodwich zu sein scheint. Heute hat sich wohl alles gegen mich verschworen. Er ist groß, durchtrainiert, glatzköpfig, gepierct, trägt ein Body-Shirt und eine Armeehose. Wenn ich gegen seine Bauchmuskeln schlage, breche ich mir die Finger. Dabei kann ich dicke Bretter und Steine zertrümmern, aber das kann er wahrscheinlich auch. Mit der Stirn.
Verdammte Scheiße.
Er steht auf und kommt zu mir, bleibt neben mir stehen, fast auf Tuchfühlung. Riecht gut, nach irgendeinem sportlichen Duschzeug. Unter anderen Umständen, auf einer Party, würde er vielleicht sogar mir gehören, nach dem fünften Glas Whisky.
Nochmal Scheiße. Er hat vielleicht meinen Bruder umgebracht.
„Hast du meinen Bruder getötet?“
Seine Augenbrauen laufen nach oben. „Wen?“
„Meinen Bruder. Norman Carter.“
„Du spinnst wohl. Verpiss dich hier!“ Und um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, packt er mich an den Oberarmen und hievt mich vom Hocker, dann stellt er mich auf die Füße und gibt mir einen Stoß Richtung Tür.
Ich fange mich und fahre herum. Spüre förmlich, wie irgendwo eine Sicherung durchbrennt, tief in mir. Die vernünftige Fiona will etwas sagen, aber sie wird von derjenigen, die jetzt das Sagen hat und die mir völlig fremd ist, gnadenlos in eine dunkle Ecke verbannt.
„Du bist ja immer noch da“, sagt Brodwich grinsend.
Dann vergeht ihm das Grinsen. Ich springe aus dem Stand hoch, drehe mich um die eigene Achse und treffe mit dem Absatz seine Nase. Die Wucht schleudert ihn gegen die Theke, er rudert wild mit den Armen und fällt dann um, mehrere Hocker mit sich reißend.
Meine Absicht, mich auf ihn zu stürzen, um die Wahrheit aus ihm herauszuprügeln, wird vom Rotblonden durchkreuzt. Er packt mich am rechten Oberarm und zieht mich zurück. Allerdings nur bis zu dem Zeitpunkt, als meine linke Faust seine Nase trifft. Und um sicherzugehen, jage ich ihm noch das Knie in die Weichteile. Aufjaulend krümmt er sich nach vorne, aus seiner Nase spritzt Blut.
Damit habe ich wohl jeden in der Kneipe gegen mich aufgebracht, jedenfalls erheben sich die anderen sechs ziemlich hastig und der Wirt hält plötzlich einen Stock in der Hand. Vielleicht einen Baseballschläger, keine Ahnung, mir fehlt die Zeit, das Ding genauer anzuschauen, denn ich sehe mich sechs entschlossen dreinblickenden Jungs gegenüber, die ihre eh kaum vorhandene Hemmung, eine Frau zu schlagen, gerade ganz abgelegt haben.
Der Rotblonde ist außer Gefecht, Brodwich noch nicht wieder einsatzfähig und auch kaum in der Lage, wegzurennen.
Na dann.
Von rechts kommen zwei, von links vier Jungs. Zum Glück für mich nicht besonders koordiniert, sonst hätte ich vermutlich nicht einmal die klitzekleine Chance, die ich mir hastig ausrechne.
Ich wende mich schnell nach rechts, weil sie damit nicht rechnen. Ein etwas kleinerer Typ in Jeans und T-Shirt, extrem muskulös. Er darf mich nicht in die Finger kriegen, und mein Tritt in seine Eier verhindert es, mit voller Kraft, ungebremst, was bei meiner Technik nach über zehn Jahren Kampfsport jeden Kerl für Stunden außer Gefecht setzen würde.
Ihn auch. Er schafft es nicht einmal, einen Laut von sich zu geben. Er verfärbt sich unglaublich schnell, wird erst weiß, dann blau, bevor er stumm auf die Knie und dann nach vorne fällt.
Noch sechs, mit dem Wirt. Nicht einmal die Hälfte geschafft. Das wird hart.
Der andere von rechts ist drahtig, wie Dick und Doof. Und er ist doof. Aber nicht doof genug. Jedenfalls scheint er zu kapieren, dass ich nicht einfach nur Glück habe, sondern gelernt habe, zu kämpfen.
Er packt den nächstbesten Stuhl und wirft ihn nach mir. Zwar kann ich ihm ausweichen, aber das lenkt mich ab, dadurch schafft es einer von der anderen Seite, mir einen Stoß zu verpassen, der mich geradewegs in die Arme von Doof treibt.
Er dreht mich um und legt seinen Arm um meinen Hals. Sein Unterarm drückt gegen meine Kehle und schnürt mir die Luft ab.
„Das reicht jetzt aber“, keucht er.
Ich starre den Kerl an, der mich in seine Arme gestoßen hat. Er ist jung, höchstens in meinem Alter. Narben in seinem Gesicht zeugen davon, dass er schon Straßenkämpfe ausgefochten hat. Und ich vermute, seine Gegner sind nicht mehr alle am Leben, wenn er so aussieht. Das waren Kämpfe, bei denen es um mehr als nur ein Mädchen ging.
Mit einem Springmesser in der rechten Hand kommt er auf mich zu. Ich halte den Unterarm von Doof fest, ohne ihn wegziehen zu können. Der Kerl ist überraschend kräftig.
Und er ist überrascht. Als ich nämlich meinen rechten Fuß hochschnellen lasse, an meinem Kopf vorbei gegen seine Lippen. Er stöhnt auf, lässt mich los und torkelt zurück.
Der mit dem Messer ist auch überrascht. Wenigstens kurz. Sehr kurz, eigentlich. Doch mir reicht es. Ich habe gelernt, gegen Bewaffnete vorzugehen. Mit der linken Handkante blocke ich seinen Unterarm, der danach gebrochen zu sein scheint, das Knie jage ich zwischen seine Beine und mit der Stirn nehme ich seine Nase in Empfang.
Gelernt ist gelernt.
Fünf. Oder vier, je nachdem, in welchem Zustand sich Doof befindet. Um den kann ich mich jetzt aber nicht kümmern, denn nun kommt sogar der Wirt hinter der Theke hervor, mit seinem Baseballschläger oder was auch immer. Und da sind noch drei andere von vorne, die sich bisher zurückgehalten haben, um dem mit dem Messer nicht in die Quere zu kommen.
Jetzt lassen sie dem Wirt den Vortritt, der seine Keule in meine Richtung schwingt. Ich weiche mehrmals aus, bis ich gegen einen Tisch stoße. Jetzt erwischt mich die Keule. Zum Glück streift sie mich am Kinn nur, sonst hätte ich danach keine Zähne mehr. Aber selbst so tut es höllisch weh und treibt mir die Tränen in die Augen.
Mehr instinktiv als gewollt wehre ich den nächsten Schlag ab, indem ich mich nach vorne, dem Kerl entgegen, werfe. Damit rechnet er anscheinend nicht.
Mit der linken Hand halte ich seinen Schlagarm fest. Das sind nur Sekunden, er ist eigentlich viel zu kräftig für mich, aber mir reichen die Sekunden. Die rechte Hand lege ich auf seinen Nacken, dann wieder, wie bereits bewährt, mein Knie zwischen seine Beine. Als er sich vorbeugt, reiße ich das Knie erneut hoch, während ich seinen Kopf mit aller Kraft nach unten drücke. Knie, Nase, Zähne haben eine unheilvolle Begegnung.
Mein Knie tut danach zwar weh, aber im Vergleich zum Wirt geht es mir richtig gut. Er sieht beschissen aus, soweit ich es erkennen kann. Wenn ich es richtig gehört habe, sind mehrere Zähne gebrochen. Die Nase vielleicht auch.
Drei. Aber die sind jetzt richtig wütend. Auch Doof ist wieder einsatzbereit, wie ich mit einem Blick nach hinten feststelle. Sieht zwar aus wie ein Zombie, weil sein Mund und Kinn blutverschmiert sind, aber er dürfte von Adrenalin geflutet sein.
Wie ich auch.
Jetzt kann ich nur auf meine Schnelligkeit und die exakten Treffer hoffen. Mehr als einen Versuch habe ich bei keinem.
Zuerst nehme ich mir Doof vor, damit ich den Rücken frei habe. Wieder die Drehung um die eigene Achse, diesmal ohne Sprung. Absatz gegen Lippen, das tut so richtig schön weh. Sein Kopf fliegt in den Nacken, gefolgt vom Rest des Körpers, der mehrere Stühle und einen Tisch unter sich begräbt.
Allerdings warte ich es nicht ab, bis es so weit ist.
Drei. Von vorne.
Sie sind unsicher geworden, ich sehe es an ihren Augen. Ich habe etwas geschafft, womit sie nicht gerechnet haben. Ich ja auch nicht. Sechs von ihnen sind mehr oder weniger kampfunfähig.
Zwei jüngere Männer, etwa in meinem Alter. Einer stämmig, aber nicht dick, Anfang 40, schätze ich. Er ist in der Mitte.
„Okay, überlasst sie mir“, sagt er und leckt sich die Lippen. Mit der Hand greift er nach hinten. Möglich, dass er eine Pistole hat, und ich sollte nicht abwarten, bis er sie nach vorne geholt hat. Und wenn es nur ein Messer ist, sollte ich trotzdem nicht warten.
Ich setze mich in Bewegung, bevor er zu Ende gesprochen hat. Während ich auf ihn zuspringe, packe ich etwas, was ich erwischen kann. Einen Stuhl, den ich nach ihm werfe. Er rudert mit einem Arm, dadurch sehen die beiden Jungs sich gezwungen, in Deckung zu gehen. Und der Ältere kann sich nicht auf seine andere Hand konzentrieren, was er auch immer darin hat.
Ich nutze den Schwung vom Stuhlwerfen, um hochzuspringen und mich zu drehen. Ich muss genau treffen, wenn ich ihn nicht beim ersten Mal ausschalte, könnte es verdammt eng werden.
Mit der linken Ferse treffe ich seine Schläfe. Da ich mich nach links gedreht habe, steckt dahinter die Wucht einer fast vollständigen Drehung. Er hebt regelrecht ab und landet auf einem Tisch, der dieser unerwarteten Belastung nicht standhält und zusammenkracht.
Er hat tatsächlich eine Pistole.
Die beiden Jungs sehen sie auch, doch sie haben schlechtere Reflexe als ich. Ich springe gegen denjenigen, der näher dran ist, das linke Knie angezogen. Mit den Fingern kralle ich mich in seine Haare, das Knie trifft seine Nase. Wir fallen beide um, ich auf ihn.
Mein Knie tut höllisch weh.
Noch einer.
Ich erhebe mich und starre ihn an. Er starrt mich an, dann die Pistole. Um an sie zu kommen, müsste er an mir vorbei. Und davor scheint er Angst zu haben.
Ich warte nicht ab, bis er sich entscheidet. Da ich nicht weiß, ob er nicht eine Nahkampfausbildung hat, gehe ich kein Risiko ein. Ich täusche einen Seitwärtskick an, als er seinen linken Arm hebt, um zu blocken, drehe ich mich nach links und treffe mit den Handknöcheln seine ungeschützte rechte Gesichtshälfte. Ich kann das Krachen hören, dann sehe ich Blut aus seinem Mund spritzen. Wahrscheinlich hat er sich die Zunge abgebissen.
Null.
Ich wende mich Brodwich zu. Er ist gerade dabei, sich an der Theke hochzuziehen. Seine Nase sieht gebrochen aus, sein Gesicht ist voll mit Blut.
Ich nehme Anlauf. Er sieht mich kommen, ist aber in seinem Zustand zu langsam. Mit dem Ellbogen voran springe ich gegen seine Brust. Erstaunlicherweise scheinen die Rippen zu halten, obwohl er die Theke im Rücken hat. Allerdings berührt er diese schon, bevor ich ihn treffe, das verhindert wohl die Rippenbrüche.
Aber auch so setzt der Treffer ihn außer Gefecht, denn atmen kann er auf keinen Fall mehr. Er rutscht auf den Boden und schnappt verzweifelt nach Luft.
Ich hocke mich auf ihn und hole mit der rechten Faust aus. Eigentlich will ich ihm das Nasenbein zertrümmern. Und dann den Kehlkopf. Das sollte ihn töten.
Aber ich kann nicht.
Ich starre keuchend in seine aufgerissenen Augen.
Ich bin keine Mörderin.
Ich kann keinen wehrlosen Menschen töten.
Vor Wut schreiend packe ich mit beiden Händen sein linkes Handgelenk und reiße den Arm hoch, während mein rechtes Knie seinen Ellbogen unten hält. Das Krachen der Knochen geht in seinem Gebrüll unter.
Mit dem anderen Arm mache ich dasselbe, dann erhebe ich mich schwerfällig.
Erst jetzt wird mir bewusst, dass ich aus der Nase blute. Irgendwann im Kampf muss ich mir einen Treffer eingehandelt haben, ohne es zu merken. Meine Knie und das Kinn, wo mich der Baseballschläger erwischt hat, tun höllisch weh.
Die Ersten rühren sich bereits wieder.
Ich fahre herum und renne nach draußen. Ohne nachzudenken, wende ich mich nach links und laufe durch, bis ich an meinem Auto ankomme. Immer noch ohne Zutun des Verstandes werfe ich mich hinters Steuer, starte den Motor und fahre mit quietschenden Reifen los.
Das Nächste, was ich bewusst wahrnehme, sind die Vögel, die über dem Meer kreisen.
Wo bin ich?
Ich blicke mich um. Ich stehe auf einem einsamen, kleinen Parkplatz an der Küste. Da es hier keinen Strand in der Nähe gibt, auch keinen Weg am Wasser entlang, verirren sich nur selten Leute hierher. Zumal es kaum Hinweisschilder gibt. Hier existierte mal ein kleines Café, aber das ist schon lange her.
Ich starre meine Hände an, die das Lenkrad umklammern. Die Knöchel sind wund.
Was habe ich getan?
Und vor allem, wie habe ich das geschafft? Neun Männer, die es gewohnt sind, echte Kämpfe auszutragen. Ich hätte zwei, drei von ihnen dank meiner Kampfsporterfahrung schaffen können, aber neun? Wie ist das möglich?
Ich lasse das Lenkrad los und suche etwas, um mich zu säubern. Im Handschuhfach finde ich Papiertücher. Als ich sie raushole, merke ich, wie meine Hände zittern.
Nachdem ich ein paarmal tief durchgeatmet habe, steige ich aus dem Auto und gehe ans Wasser. Die zerklüfteten Steine sind glitschig, mehrmals falle ich fast auf die Schnauze. Doch schließlich erreiche ich mein Ziel und wasche meine Hände und das Gesicht, so gut es geht. Am Auto trockne ich mich mit den Tüchern ab.
Dann starre ich auf das Meer hinaus und versuche zu kapieren, was eigentlich geschehen ist.
Ich weiß, dass ich sehr gut im Kampfsport bin. Ich trainiere ja auch seit zwölf Jahren intensiv. Einmal, wirklich nur einmal, habe ich selbst den Meister geschlagen.
Aber neun Männer? Neun solche Männer, die nicht übermäßig skrupelbehaftet sind und kein Problem damit haben, eine Frau zu schlagen, wenn sie nicht spurt? Die mit Sicherheit schon etliche Kämpfe ausgetragen haben, auf der Straße, nicht im Ring?
Wie kann das sein?
Oh Mann.
Ich versuche, mich an den Ablauf des Kampfes zu erinnern. Die Männer haben mich zu keinem Zeitpunkt gleichzeitig angegriffen, aber das wäre auch nicht gegangen. Einerseits hätten sie sich gegenseitig behindert, andererseits stand einiges an Mobiliar im Weg herum. Und ich hatte verdammtes Glück, dass der Baseballschläger mich nicht richtig erwischt hat. Ich hätte sonst einige Zähne weniger.
Das alles ändert nichts daran, dass ich bescheuert bin. Und anscheinend einfach nur unglaubliches Glück hatte.
Ja, es war Glück, mehr nicht.
Ich steige wieder in mein Auto und fahre zum Abtanzen.

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Leseprobe: Im Zwielicht der Zeit (2)

Der Geheime Hofrat Professor Dr. Friedrich Oertel hatte sich in seine Studierstube zurückgezogen. Wie betäubt saß er an seinem Schreibtisch. Es gelang ihm nicht, seine Gedanken zu ordnen. „Ich werde eine Haushälterin einstellen müssen … Gertrud ist noch zu jung … der Haushalt … ich in meiner Stellung habe Verpflichtungen … ich muss repräsentieren …“ Dann überwältigte ihn der Schmerz. Wie ein reißender Fluss, der über die Ufer tritt und alle Dämme zerstört, überflutete er sein Inneres und löschte jede andere Empfindung aus. Schwach und hilflos fühlte Oertel sich dem ausgeliefert, was geschehen war. Obwohl er über die Krankheit immer genau Bescheid gewusst hatte, konnte er in diesem Augenblick nicht begreifen, dass er seine Frau nun endgültig verloren haben sollte. Nie mehr würde sie ihn anlächeln, nie mehr ihre Hand leicht auf seine Schulter legen, niemals wieder mit ihrer sanften Stimme zu ihm sprechen. Es konnte nicht sein, es durfte nicht sein! Etwas in ihm wehrte sich mit aller Macht gegen diese grausame Wahrheit. Sein Kopf sank vornüber auf die Schreibtischplatte. Tränenloses, krampfhaftes Schluchzen erschütterte seinen Körper.
So verharrte er lange Zeit, ohne etwas denken zu können, ganz dem Ansturm seiner Gefühle preisgegeben. Schließlich stand er auf, ging langsam zum Fenster und öffnete es. Die Nacht war schwül, die Luft schwer, er meinte, er müsse ersticken. Der Himmel war wolkenverhangen, kein Stern sandte einen Lichtschimmer in die Finsternis. In der Ferne donnerte es leise. Ab und zu erhellte Wetterleuchten am Horizont die Nacht. Vor dem geöffneten Fenster ging ein leichter Sommerregen nieder. Manchmal sprühte er Tropfen in Oertels Gesicht, aber er konnte dessen heiße Stirn nicht kühlen.
Dieses Haus am Waldrand – er hatte es für sie gebaut. Es trug ihren Namen, „Lorenhöhe“. Sie sollte sich hier ausruhen, erholen, neue Kraft schöpfen. Nun war sie hier gestorben. Ihm war, als habe er, ohne es zu wissen, ein Mausoleum für sie erbaut. Lange stand er am Fenster und starrte in die Dunkelheit. Schließlich setzte er sich benommen, leer und ausgebrannt wieder an seinen Schreibtisch. Er stützte den Kopf in beide Hände. Er wusste nicht, wie spät es war, es interessierte ihn nicht. Er spürte nichts, gar nichts mehr, auch nicht den wütenden Schmerz, der sein Innerstes aufgewühlt hatte. Es war, als sei alles Leben aus ihm gewichen, als sei er mit ihr gestorben. Eine lange Zeit saß er so da, bis ihn plötzlich ein Geräusch aufschreckte.
Mit Erstaunen nahm er wahr, dass Tageslicht ins Zimmer fiel. Die Tür war leise geöffnet worden. Gertrud stand im Türrahmen, gefasst, aber mit bleichem, übernächtigtem Gesicht. Sie ging auf den Vater zu. Eine Welle von Liebe und Mitgefühl stieg in ihr auf. Sie wusste, wie sehr er seine Frau geliebt, wie viel er mit ihr verloren hatte. Ihr eigener Schmerz um die tote Mutter ließ sie das Leid des Vaters mitfühlen. Sie schlang zärtlich die Arme um ihn, eine Geste, die es schon lange nicht mehr zwischen ihnen gegeben hatte. Er ließ es wie selbstverständlich geschehen. Gertrud konnte sich nicht erinnern, dass ihr Vater sie in den Arm genommen hatte, seit sie dem Kleinkindalter entwachsen war. Eine Respekt gebietende Autorität war immer von ihm ausgegangen, eine distanzierte Strenge. Die Kinder wussten sich von ihm geliebt, er gab ihnen Sicherheit und Geborgenheit. Aber gleichzeitig war die Übermacht seiner starken Persönlichkeit stets allgegenwärtig. Sein Wort war Gesetz. Jeder hatte sich nach ihm zu richten. Widerspruch oder kleine Ungehorsamkeiten wurden nicht geduldet. Er regierte sein Hauswesen und seine Familie wie ein guter Patriarch: mit Liebe, aber auch mit Strenge; mit Verantwortungsbewusstsein, aber Gehorsam fordernd; gerecht, aber unduldsam gegenüber Meinungen, die er nicht teilte; mit einer Autorität, die jeder in seiner Umgebung spürte und die in seinem Charakter begründet war. Es schnitt Gertrud ins Herz, ihren starken Vater so zu sehen, gramgebeugt, ein schwacher Mensch.

Friedrich Oertel entstammte einem alten niedersächsischen Bauerngeschlecht. Er war zwar nicht mehr auf einem Hof aufgewachsen, doch sein großer, kräftiger Körperbau, seine robuste Gesundheit, seine Liebe und Verbundenheit zur Natur waren das Erbteil seiner bäuerlichen Vorfahren. Auch die Kraft seiner Persönlichkeit, die Willenstärke und Disziplin hatten ihren Ursprung in seiner Bindung an die bäuerliche Heimat. Sein Vater war zwar Beamter gewesen, denn der Hof wurde immer an den ältesten Sohn vererbt, und er war der Zweitgeborene, aber der Kontakt der Familie zu ihren bäuerlichen Verwandten und damit zu ihrem Ursprung blieb stets bestehen.
Schon früh zeigten sich Oertels überdurchschnittliche Intelligenz und seine Begabung für die mathematischen und naturwissenschaftlichen Fächer. Er erhielt ein Stipendium und studierte nach dem Besuch des Gymnasiums an verschiedenen Universitäten Mathematik, Physik, Philosophie und Pädagogik. Sein Vater sah darin die Erfüllung eigener Träume und Wünsche. Er hoffte, es noch zu erleben, dass der Sohn eines Tages ein bedeutender Mathematiker würde, was ihm, dem Bauernsohn, trotz eigener Neigung und Begabung nicht möglich gewesen war. Er blieb zeitlebens ein kleiner Katasterbeamter, der im Auftrag seiner Behörde Landvermessungen durchzuführen hatte.
Friedrich Oertel war ehrgeizig und hatte eine hohe Meinung von sich selbst. Aber er stellte auch ebenso hohe Ansprüche an sich und seine Leistungsbereitschaft. Als ihm im Staatsexamen nur die Durchschnittsnote zwei plus zuerkannt wurde und er in den mündlichen Kommentaren zu seinen Prüfungsleistungen einige Kritik und Einschränkungen seitens der Prüfungskommission hinnehmen musste, beschwerte er sich bitter darüber in einem Brief an seine Eltern. Aber gleichzeitig führte er aus, dass er nun andere Ziele habe. Er wolle sein Doktorexamen mit dem Grad „ad modum laudabilis“ machen, ein einfaches „cum laude„ wolle er anderen Leuten überlassen.
Sein Staatsexamen berechtigte ihn, die Fächer, die er studiert hatte, am Gymnasium zu unterrichten. Er wurde jedoch, kurz nachdem er in den Schuldienst übernommen worden war, freigestellt, um einige Jahre lang der Erzieher des Prinzen Joachim Albrecht von Preußen zu sein. Danach habilitierte er sich als Privatdozent für Mathematik und folgte einem Ruf seines alten Lehrers an die Universität Göttingen. Zwei Jahre später wurde er Ordinarius an der Technischen Hochschule in Braunschweig, der er bis zu seinem Lebensende die Treue hielt. Zweimal wurde er im Laufe dieser Zeit zum Rektor berufen. Er schrieb einige mathematische Bücher, die viel Beachtung fanden.
Im Alter von dreiunddreißig Jahren heiratete er Leonore, ein zwanzigjähriges Mädchen, Fabrikantentochter aus dem Rheinland. Sie war fröhlich und aufgeschlossen, den schönen Seiten des Lebens zugewandt. Sie brachte Farbe und Wärme in sein Leben, das Leben eines Wissenschaftlers und Gelehrten, das sich im Wesentlichen in seiner Studierstube über Büchern abspielte. Sie war der lebendige Mittelpunkt der Familie und des Hauswesens, bis die Schatten der beginnenden Krankheit sie stiller und matter werden ließen. Sie schien mehr und mehr in eine unbestimmte Ferne entrückt zu sein, und eines Tages verlosch ihr Leben wie eine niedergebrannte Kerze. Gertrud hatte von ihrer Mutter die Freude am Leben geerbt. Aber es war auch etwas von der Strenge und Verschlossenheit des Vaters in ihr, das sich in späteren Lebensjahren, in den Konflikten ihres eigenen Schicksals, mehr und mehr zeigen sollte.

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Leseprobe: Fiona – Beginn 2.0 (Band 1) (7)

Fiona - Beginn 2.0

Samstagvormittag und das Einkaufszentrum ist voll. War eine bescheuerte Idee, hierher zu kommen. Auf der Infotafel suche ich mir das nächstbeste Geschäft aus, das CDs verkauft. Und die Geräte zum Anhören. Aber ich habe Pech. HIM ist einfach zu exotisch hierzulande. Ich denke kurz darüber nach, wieso ich nur so exotische Sachen höre. Andererseits stimmt das auch wieder nicht, vieles von dem, was es in dem Laden gibt, kenne ich durchaus.
Ich frage nach, ob sie denn wüssten, wo ich speziellere Musik bekommen kann. Sicherheitshalber nehme ich von hier einen CD-Player mit.
Sie empfehlen mir einen Laden eine Etage tiefer. Jene ist etwas düster, was damit zu tun hat, dass man sich hier auf Gothic spezialisiert hat. Das ist schon mal vielversprechend, so was wie HIM sollten sie ja dann haben.
Haben sie auch. Aber nur das Album, keine Single. „Razorblade Romance“. Echt toll. Als ich die CD in der Hand halte, denke ich noch einmal darüber nach, ob ich das wirklich tun soll. Kann dies das Richtige für einen Jungen wie Sava sein? Jetzt?
Schließlich nehme ich sie, beschließe aber, sie mir zuerst anzuhören. Nach meiner Flucht aus dem Einkaufszentrum fahre ich nach Hause und gelange unbemerkt in mein Zimmer. Für alle Fälle drehe ich den Schlüssel um, bevor ich die CD einlege und mich mit untergeschlagenen Beinen auf das Bett setze, um die CD mit Kopfhörern anzuhören.
Sie macht mich aggressiv, allerdings gehört dazu in der momentanen Situation nicht viel. Mich umbringen? Nicht wegen dieser Musik. Generell finde ich den Gedanken schon faszinierend, allerdings schreckt mich die Endgültigkeit ab. Ich würde schon gerne wissen, wie sich das Sterben anfühlt. Und was danach kommt. Wenn überhaupt. Zu blöd, dass man es nicht mal unverbindlich ausprobieren kann. Okay, so wie in „Flatliners“, aber eine sichere Methode ist das ja auch nicht gerade.
Wie auch immer, ich glaube eher nicht, dass die Lieder die Gefahr eines Suizids bei Sava erhöhen. Ich persönlich würde eher weglaufen wollen, bei einigen zumindest.
„Join me“ finde ich aber gar nicht so übel. Nicht wegen des Todeswunsches. Aber mich kotzt auch alles an. Fast alles. Vieles jedenfalls. Diese Stimmung wird gut eingefangen.
Ich ziehe mich aus und dusche. Dabei lasse ich meinen Mund mit Wasser volllaufen und hoffe, endlich diesen beschissenen Spermageschmack loszuwerden. Unglaublich, wie hartnäckig er ist. Das ist doch nicht normal.
Ich ziehe kurze Jeans an, Stiefeletten und ein bauchfreies Top mit Spaghettiträgern. Weniger für Savage, aber ich habe nicht vor, den Abend zu Hause zu verbringen und nochmal nach Hause kommen will ich auch nicht.
Beim Gehen habe ich weniger Glück als vorhin. Mein Vater kommt gerade aus der Küche und hat zwei Tassen bei sich.
„Deine Mutter ist wach“, sagt er mit einem missbilligenden Blick auf meine Kleidung.
Ich bleibe unschlüssig stehen. Die CD halte ich so, dass er den Titel nicht erkennen kann.
„Willst du sie nicht wenigstens begrüßen?“
Seufzend gehe ich an ihm vorbei in das Wohnzimmer. Meine Mutter sitzt auf der cremefarbenen Couch mit hochgelegten Beinen und zugedeckt. Sie sieht aus, als hätte sie sehr viel geweint, aber ihr Blick ist klar.
Ich beuge mich über sie, um sie zu umarmen.
„Willst du weg?“, fragt sie dann.
„Ja.“
„Bleib doch lieber hier.“
„Mama, ich kann nicht.“
„Und warum nicht?“, mischt sich mein Vater ein. „Überhaupt, wie läufst du herum? Gestern ist dein Bruder gestorben und du siehst aus wie eine …“
„Jason!“ Meine Mutter starrt ihn entsetzt an, das lässt ihn verstummen.
Und mir reicht es schon wieder.
„Bis irgendwann mal“, sage ich und laufe nach draußen.
Zum Kotzen!


Im Krankenzimmer von Sava hat sich nichts verändert. Außer dass keine Sonne mehr reinknallt, aber es ist ja auch mittags. Dafür ist es draußen verdammt heiß. Hier drin nicht. Hier läuft ja auch die Klimaanlage. Es ist fast so kalt wie in der Leichenhalle, in der wir Norman gesehen haben.
Ich atme tief durch.
Savage öffnet die Augen und beobachtet mich. Ich gehe um das Bett herum und setze mich zwischen ihm und dem Fenster auf einen Stuhl. Der Blick des Jungen irritiert mich etwas. Aber vielleicht sind nur meine Nerven zu angespannt, was kein Wunder wäre.
„Hast du es?“, fragt Sava.
Ich nicke und halte die Stofftasche hoch, in die ich alles gepackt habe. Dann hole ich den CD-Player und die CD heraus, lege die CD ein und reiche das Gerät Sava. Er nimmt es, legt es sich auf die Brust und den Kopfhörer auf den Kopf. Er stellt die Musik so laut, dass auch ich sie gut hören kann.
Ich betrachte ihn eine Weile, bevor ich aufstehe und zum Fenster spaziere. Von hier aus kann ich den Park einsehen, dahinter den Parkplatz. An einigen Stellen scheint die Luft zu vibrieren, so heiß ist es.
„SEV-09-6.“
Ich erstarre. Mir ist sofort klar, was das bedeutet. Da er mit niemandem außer mir geredet hat, bin ich außer Savage die Einzige, die jetzt das Kennzeichen kennt. Und mir ist auch klar, dass er will, dass es so bleibt.
Warum?
Ich drehe mich langsam um und sehe ihn an. Seine Augen sind geschlossen, die Hände liegen auf dem Bauch. Vielleicht habe ich es mir nur eingebildet? Doch dann öffnet er die Augen und erwidert kurz meinen Blick.
Wie in Trance verlasse ich ihn und gehe nach unten, steige in mein Auto ein und fahre los. Keine Ahnung, wohin ich fahren soll. Nur weg. Irgendwohin.
Irgendwann bin ich an der Küste, hinter dem Hafen. Links geht es hoch zu Old Town, zu King Valley, nach Hause. Rechts das Meer. Die Strände sind voll.
Ich parke und bleibe kurz im heißen Auto sitzen. Warum zum Teufel bin ich hergefahren? Ich betrachte im Rückspiegel das Haus, in dem ich vor Jahren schon mal war. Ich könnte aussteigen und klingeln, und wenn er aufmacht, würde er mich sicher einladen. Doch will ich das? Nach Phils Tod hatte ich mir geschworen, mich niemals wieder zu verlieben. Und das weiß er, ich habe mit offenen Karten gespielt. Es war eine Nacht, mehr nicht.
Schließlich steige ich aus, weil es im Auto unerträglich wird, aber ich gehe nicht zum Haus. Ich spaziere weiter in die Richtung, in die ich gefahren bin, bis ich an unserem Lieblingscafé bin. Am Zaun zögere ich kurz. Hier waren wir oft mit Norman, als Familie, oder nur er und ich. Sie werden mich sofort erkennen.
Nein, das kann ich jetzt nicht.
Ich gehe zurück zum Auto, steige ein und fahre nach Hause.


James ist im Garten. Er trägt auch kurze Jeans, dem Wetter angepasst. Und der Tatsache, dass er Gartenpflege betreibt. Als er sich aufrichtet, starre ich unwillkürlich seinen muskulösen Bauch an, bis er sich sein T-Shirt überstreift.
„Leslie ist nicht da“, sagt er dabei und wirkt amüsiert.
„Egal, ich will zu dir.“
„Zu mir?“, erwidert er und zieht eine Augenbraue hoch. Na ja, für mich sieht es so aus, als hätte sie sich bewegt. Ein bisschen zumindest.
„Du hast doch noch Kontakte zum Geheimdienst, oder?“
„Habe ich das?“
„Hast du nicht?“
„Vielleicht. Warum?“
Ich atme tief durch. Was zum Teufel mache ich hier eigentlich? Doch dann fällt mir wieder ein, wie das, was von Norman übrig geblieben ist, ausgesehen hat.
„Ich brauche den Halter dieses Wagens.“ Dabei gebe ich ihm den Zettel, auf den ich das Kennzeichen geschrieben habe, das mir Savage genannt hat.
Er nimmt ihn und mustert mich. Schließlich dreht er sich wortlos um. Ich beobachte ihn, als er ins Haus geht. So gern würde ich glauben, dass er kein Arschloch ist. So wie ich keine Lolita. Ihm sieht man sein Alter nicht an, aber ich kenne es natürlich. Obwohl es sieben Jahre her ist, dass wir ein einziges Mal Sex miteinander hatten, erinnere ich mich verdammt gut an jedes Detail von ihm. Wer von uns war nachher wohl mehr erschrocken? Er oder ich? Danach habe ich ihn heimlich beobachtet, wollte wissen, ob er uns alle verarscht und in Wirklichkeit auf junge Mädchen steht. Aber entweder ist er der beste Schauspieler der Welt oder er will normalerweise wirklich nichts von Sechzehnjährigen.
Und wenn ich ganz ehrlich bin, ging es ja von mir aus. Allerdings weiß ich bis heute nicht, welcher Teufel mich damals geritten hat. Die Tatsache allein, dass er gut aussieht, kann es nicht gewesen sein. Ich hatte sicher keinen sexuellen Notstand und ich hätte so gut wie jeden Mann haben können.
Scheiße.
Als er zurückkommt, reicht er mir den zusammengefalteten Zettel.
„Du gehst damit zur Polizei?“
Ich nicke.
Er sieht nicht so aus, als würde er mir glauben. Für einen Moment befürchte ich, er will mir den Zettel wieder abnehmen. Das könnte lustig werden. Er sieht immer noch fit aus und als Geheimagent dürfte er Nahkampf gelernt haben. Kann sein, dass er mir den Zettel wegnehmen könnte.
Vielleicht.
„Also gut, ich vertraue dir. Enttäusche mich nicht, okay?“
„Okay“, erwidere ich.
„Und noch was.“
„Ja?“ Will er mich küssen? Sex? Ich weiß nicht, ob ich widerstehen könnte.
„Das war das letzte Mal. Und das meine ich ernst.“
„Okay“, wiederhole ich. „Und danke.“
„Ah, dieses Wort kennst du? Du erstaunst mich.“
Arschloch. Ich hätte dich fast gemocht. Aber natürlich sage ich das nicht. Erstens stimmt es nicht und zweitens könnte er doch noch auf die Idee kommen, mir den Zettel wieder abnehmen zu wollen. Und ich will wirklich nicht austesten, ob der Vater meiner besten Freundin besser Nahkampf kann als ich.
„Ich mich manchmal auch“, erwidere ich, dann drehe ich mich um und gehe schnell, bevor etwas passiert, was ich bereuen würde.
Ich spüre seinen Blick auf mir. Es wäre vielleicht besser gewesen, mich umzuziehen. Die Jeans sind verdammt kurz, ich weiß. Gut, um einen Kerl in der Disco aufzureißen, aber schlecht, wenn James mich so anstarrt.
Vor dem Haus bleibe ich stehen und atme tief durch. Warum macht es mir so viel aus, dass er mich so ansieht? Er ist mir egal. Nein, egal nicht, schließlich ist er Leslies Vater. Er ist okay. Zu blöd, dass mir klar ist, wieso er mich so ansieht. Nur mich.
Scheiße. Ich wünschte, es wäre mir wirklich egal.