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Leseprobe: Fiona – Spinnen

„Verfluchte Scheiße!“
Ich starre entgeistert nach unten. Und nach oben. Eigentlich egal, wohin ich blicke, ich sehe entweder schwarze Dunkelheit oder ein riesiges Spinnennetz. Letzteres befindet sich unter mir und damit unter dem, worauf ich stehe. Was es genau ist, weiß ich noch nicht, aber es könnte sich um einen gigantischen Bahnhof handeln. Und gigantisch bedeutet hier wirklich gigantisch. Unzählige Schienen führen in ihn hinein. Wie viele genau, das weiß ich nicht, ich höre bei etwa dreihundert auf zu zählen.
„Verfluchte Scheiße“, wiederhole ich. „Aus dem Mittelalter in eine Modelleisenbahn! Na toll!“
Ich betrachte das Spinnennetz, das sich unter den Schienen so weit erstreckt, wie ich überhaupt sehen kann. Sehr weit ist es nicht, bald schon verliert sich alles in Dunkelheit. Und das, obwohl ich in der Dunkelheit eigentlich sehen kann.
Die Schienen sind faszinierend. Ehe sie das … Gebäude, in dem ich mich befinde, erreichen, hängen sie völlig freischwebend über dem Spinnennetz. Nirgendwo ist irgendeine Art Aufhängung zu erkennen. Fahren darauf tatsächlich Züge? Und was für welche? Jedenfalls andere als die, die ich aus meinem Universum kenne, denn den Schienen nach zu urteilen sind die Züge hier mindestens doppelt so breit, wie sie auf der Erde waren. Mindestens.
„Ihr Arschlöcher!“, schreie ich in die Dunkelheit hinaus. „Ihr verdammten Arschlöcher! Das macht euch wohl Spaß?!“
Keine Ahnung, ob sie mich hören, die Götter, die es anscheinend lustig finden, mich an meine Grenzen zu treiben. Aber ein bisschen fühle ich mich nach diesem Ausbruch besser. Allerdings wirklich nur ein bisschen, und auch das ist wieder weg, als mir plötzlich Kian einfällt. Und Askan. Und Katharina. Und James. Und Sandra.
Verdammt.
Mir fällt John ein, wie wir uns in einem Wartungsgang der U-Bahn gegenseitig fast den Schädel eingeschlagen haben, bevor ich ihn mit meinem stilettomäßigen Absatz ruhigstellen konnte. Jetzt habe ich nur Stiefeln an, wie sie im Mittelalter üblich waren, dafür habe ich mein Schwert, das beste in Marbutan.
Allerdings ist das hier ganz sicher kein Mittelalter, hier fahren Züge, wohl eher nicht von Dampfloks gezogen. Keine Ahnung, in was für ein Universum mich die Scheißgötter verfrachtet haben, aber ich hätte es vermutlich schlimmer erwischen können. Zumindest gibt es hier Menschen und ich verstehe sogar ihre Sprache. Vieles ist dem ähnlich, was ich kenne, aber nicht alles. Ein bisschen habe ich das Gefühl, als hätten die Götter in diesem Universum geübt, bevor sie meins erschaffen haben.
Nicht meins. Mein ehemaliges. Das ich nicht retten konnte.
Ich bleibe stehen, um meine Fassung zu wiedererlangen. Die wird allerdings erneut empfindlich gestört, als irgendwo ein Zug ankommt. Glücklicherweise weiter entfernt, denn er hat ein irrsinniges Tempo drauf. Mindestens Mach 3, wenn nicht mehr.
Was zum …?
Jedenfalls höre ich ihn viel später als ich ihn sehe. Und wäre er auf einem der Gleise in meiner Nähe angekommen, hätte mich der Fahrtwind gnadenlos von den Füßen geholt.
Ich sehe mich um. Seit einer halben Stunde, mindestens, laufe ich ins Innere dieses gigantisches Gebildes, weg von der Schwärze, weg vom Spinnennetz. Allmählich kommt eine Wand näher, von der ich hoffe, dass sich darin ein Wartungsgang befindet, durch den ich von dieser Plattform wegkomme, die geschätzt einige Dutzend Kilometer breit sein muss. Ein wenig erinnert sie mich an die Landeplattform aus „Stars Wars“, sie ist nur größer. Und in dem Film fahren keine Hunderte von Züge rein.
Als ich endlich die Wand erreiche, erkenne ich eine Gittertreppe, die an einer Tür endet. Das sieht ja schon mal gut aus. Aber die Leute, die hier arbeiten, müssen fit sein. Wieso gibt es hier keine Fahrstühle?
Die Tür ist aus Stahl, soweit ich es erkennen kann, und mit einem Knauf versehen. Allerdings lässt er sich problemlos drehen, sodass ich die Tür öffnen kann. Dahinter befindet sich ein Gang, der aussieht, wie solche Gänge eigentlich immer aussehen. An der Decke sind Neonlampen befestigt. Sie müssten jetzt nur noch flackern, damit ich mir wie in einem schlechten Film vorkomme.
Aber sie flackern nicht.
Der Boden ist sauber und genau wie die Wände mit einem silberfarbenen Anstrich versehen. Ich kann nach rechts oder nach links gehen. Rechts gefällt mir besser, dort sehe ich etwas weiter entfernt etwas blinken. Also nehme ich diese Richtung.
Das Blinken gehört zu einem Fahrstuhl, zum Rufknopf. Warum fährt der nicht einfach auf die Plattform? Das ist doch bescheuert. Dieser Korridor ist völlig sinnlos.
Ist es nicht, denke ich dann. So wie die Züge da fahren, wäre es sehr unangenehm, wenn ausgerechnet in dem Augenblick, wenn die Tür aufgeht, ein Zug vorbeirauscht. Vielleicht hat doch jemand nachgedacht, als er die Anlage entworfen hat.
Aber wer zum Teufel braucht so einen riesigen Bahnhof? Und was soll das Spinnennetz unter den Gleisen?
Sehr eigenartig, das alles hier. Ich muss unbedingt schnellstmöglich herausfinden, in was für einer Welt ich gelandet bin. Und warum der Ring unbedingt wollte, dass ich durch diese Tür gehe.
Überhaupt, dieser Ring. Ich mustere ihn nachdenklich. In der Mittelalter-Welt hat er mir ja wirklich gute Dienste geleistet. Da er aber auch im Ewigen Turm gewirkt hat, gehört er nicht nur zu Kyo, wie alle glauben, sondern sogar zu Fiona. Fragt sich nur, wie er ins Spiel passt. Noch ein magic tool? Ich hoffe, er gibt mir noch weitere Hinweise. Cool wäre es ja, wenn er mir den Weg zu Katharina zeigen würde. Und noch cooler wäre es, wenn sie noch am Leben wäre. Über vier Jahre, die zumindest in der Mittelalter-Welt seit der Zerstörung unseres Universums vergangen sind, können eine Ewigkeit sein. Ich schätze, Katharina weiß auch nicht, wer sie ist. Was wiederum bedeutet, dass ich sie nicht nur finden, sondern auch überzeugen muss, mich in den Ewigen Turm zu begleiten. Je nachdem, was sie inzwischen so treibt, könnte das eine echte Herausforderung werden.
Zunächst aber wäre ich schon froh, sie nur zu finden.
Jetzt hört das Blinken auf und die Tür öffnet sich. Ich sehe mich drei Männern gegenüber, die typische Monteurkleidung tragen. Wobei, einer von denen ist noch nicht wirklich ein Mann.
„Ja, wer bist du denn?“, fragt ein anderer, der massemäßig locker die beiden anderen ersetzen könnte. Er ist dunkelblond, fast so hoch wie Askan oder James und hat blaue Augen.
Ich überlege kurz, ob ich mein Schwert ziehen soll, verzichte dann aber doch darauf. Die drei Jungs wirken nicht bedrohlich. Die beiden anderen sowieso nicht. Einer von ihnen ist schlank, etwa in meinem Alter und hat sich schnell von der Überraschung erholt.
Der dritte ist jung, noch nicht erwachsen, aber vermutlich ausgewachsen. Er ist deutlich kleiner als die beiden anderen und wird es vermutlich auch bleiben. Er mustert mich wie jemand, der nur selten eine Frau gesehen hat, nackt vielleicht noch nie.
„Mein Name ist Fiona“, erwidere ich. „Wo ist der Ausgang?“
Die drei starren mich an und fangen dann an zu lachen. Hm. Eigentlich meinte ich das ja ernst. Aber gut. Je nachdem, was das für eine Welt ist, gibt es vielleicht keinen Ausgang und meine Frage ist ähnlich bescheuert wie auf der Erde, als es sie noch gab, die Frage nach einer Spülmaschine, die sich selbst einräumt, ausschaltet und wieder ausräumt, gewesen wäre.
Dann zeigt der Dicke in die Richtung, aus der ich gekommen bin: „Der einzige Ausgang, den es hier gibt, ist dort. Aber ich würde den nicht nehmen. Die Dolgs sind sehr schnell.“
Wer? Ich kann mich gerade noch beherrschen, die Frage nicht laut zu stellen. Flüchtig schießt mir der Gedanke durch den Kopf, wie schön es doch war, als Kyo die Welt nach einer Tabula rasa vollkommen ahnungslos kennenzulernen. Jetzt, mit dem Wissen über mein altes Universum und die Mittelalter-Welt, ist es viel anstrengender.
Scheißgötter! Ich hasse euch!
„Hast du dich denn verirrt?“, fragte jetzt der andere ältere.
„Ich glaube schon. Wo bin ich überhaupt?“
„Im Wartungstunnel der A-Plattform“, antwortet er. „Eigentlich dürfen hier nur Wartungstechniker sein, also wir.“
„Ich würde ja gerne gehen, aber wie komme ich hier weg?“
„Du musst doch irgendwie hergekommen sein“, meint der Dicke.
„Ich weiß aber nicht, wie.“ Die Nummer, sich an nichts zu erinnern, hat ja schon mal gut funktioniert. Allerdings war sie in der anderen Welt echt.
„Du weißt nicht, wie?“
Ich schüttele den Kopf.
Der Schlanke sieht den Dicken an und sagt: „Ich bringe sie nach oben. Ihr kommt sicher auch allein zurecht.“
„Klar, Omar“, sagt der Dicke und winkt dann dem Kleinen zu. „Komm, Kid. Wir lassen Omar mit seiner neuen Flamme allein.“
„Ich könnte sie doch auch nach oben bringen, Danny“, meint Kid.
Danny? Das auch noch!
Danny legt ihm freundschaftlich die Pranke auf die Schulter und zieht ihn mit sich. „Werde du erst mal erwachsen, Kleiner. Komm jetzt!“
Die beiden trotten Richtung Treppe davon, wobei Kid noch nicht ganz so überzeugt ist, dass es so richtig ist, denn er blickt mehrmals zurück.
„Mein Name ist Omar Caruso“, sagt der dritte Mann. „Komm in den Aufzug. Ich bringe dich zum Ausgang. Danny hat zwar gesagt, es gibt keinen, aber natürlich kannst du den Wartungsbereich verlassen.“
Ich nicke und betrete die Kabine. Omar drückt einen Knopf, woraufhin die Tür zugleitet und der Aufzug sich in Bewegung setzt. Erstaunlich leise und schnell.
„Du meintest das doch nicht ernst, dass du dich nicht erinnerst, oder? Bist du eine Demonstrantin?“
„Eine Demonstrantin? Nein, das glaube ich nicht. Wofür sollte ich denn demonstrieren?“
Er zuckte die Achseln. „Das habe ich sowieso nicht verstanden, wofür diese Demonstrationen gut sein sollen. Angeblich für bessere Lebensbedingungen. Aber das ist ja Blödsinn. Es gibt ja nur den Bahnhof.“
Aha. Soll er das ruhig glauben. „Ich erinnere mich nicht, was ich bin.“
„Aber du weißt doch deinen Namen?“
„Ja, und das war es auch schon.“
Er mustert mich nachdenklich. „Sag mal, kann es sein, dass der Chef dich schickt?“
„Der Chef? Mich?“
„Er macht ja schon mal so einen Quatsch. Um uns aufzumuntern und zu motivieren.“
Mitarbeitermotivation. Überall auf dieselbe Art und Weise. Menschen sind Menschen, egal wo.
„Und wenn es so wäre?“
„Dann hättest du das vorher sagen müssen, damit die anderen auch was davon haben.“
„Vielleicht gilt es aber nur dir?“
„Du wusstest doch gar nicht vorher, dass ich dich hochfahre.“
„Nein, da hast du einfach nur Glück.“
„Aha.“ Er schweigt und sieht mich an. Da ist er, dieser Wie-siehst-du-denn-darunter-nackt-aus-Blick. Und da ich im Moment absolut keine Ahnung habe, wie die Spielregeln in dieser Welt sind, beschließe ich, in den Überlebensmodus zu schalten. Und wenn es dazu gehört, mit einem wildfremden Mann zu ficken, dann ist es eben so.
„Was hältst du davon, wenn du für heute Feierabend machst und wir zu dir gehen?“, erkundige ich mich. Mehr als schiefgehen kann es ja nicht.
„Wenn der Chef das so gesagt hat, dann ist das schon okay“, erwidert er. Ich weiß nicht, ob ich seinen Fatalismus lange ertragen kann.
„Klingt gut“, sage ich und schenke ihm ein Lächeln.
„Ich sollte dich zur nächsten TESZ bringen“, sagt er.
„Zur was?“
„Körperwartungsstation. TESZ.“
Ich überlege kurz. Wahrscheinlich meint er ein Krankenhaus. Aber die Bezeichnung ist schon krass. Körperwartungsstation. Heißt das wirklich so oder nennt er es nur so, weil er einen Berufsschaden hat? Ich beschließe, dass es im Moment keine Rolle spielt und dass ich das ganz sicher nicht will.
„Nicht nötig“, antworte ich knapp.
„Wie du willst.“ Er betrachtet mich. Sein Bett ist nicht besonders breit, daher liegt er auf der Seite, den Kopf in die Hand gestützt. Auf meinem Gesicht verweilt sein Blick nur kurz, dann wechselt er ziemlich schnell zu meinen Brüsten, die er vorhin noch zerquetschen wollte, als er kam. Ich bin ja die unterschiedlichsten Männer gewohnt, von ganz früher noch, als ich fast jede Nacht, mindestens aber an den Wochenenden, unterwegs war und recht wahllos die Männer nahm, wie sie kommen wollten. Daher kenne ich die Männer, die einer Frau ganz wild die Brüste kneten, wenn sie auf ihm sitzt. Auch der eine Idiot im Bordell von Emily war ja nicht anders gewesen. Aber Omar ist eigentlich kein typischer Brustzerquetscher. Andererseits ist hier möglicherweise alles anders typisch, als ich es kenne. Ist ja schließlich ein anderes Universum.
Ich ziehe das rechte, ihm abgewandte Bein an, dann lasse ich das Knie nach außen fallen. Dadurch hängt es in der Luft, aber Omar hat einen guten Blick auf meine Schamhaare. Und er wird der Versuchung nicht widerstehen können.
So ist es auch. Seine linke Hand liegt plötzlich, sozusagen angriffsbereit, auf meinem Bauch.
„Du hast einen sehr muskulösen Bauch“, bemerkt er.
Ich sage nichts, lege nur meine rechte Hand auf meinen rechten Oberschenkel. Die andere ist irgendwo unter ihm begraben. Seine linke Hand bewegt sich nun nach unten, durch die blonden Schamhaare und noch weiter. Mit der für viele Männer typischen Zielstrebigkeit schiebt sich sein Mittelfinger zwischen meine Lippen, verharrt nur kurz, sehr kurz, bei der Klitoris und dringt dann in mich ein.
„Bist du immer noch erregt oder schon wieder?“, erkundigt er sich grinsend.
Eigentlich weder noch, mein Körper reagiert einfach nur. Wofür ich ihm in dieser Situation ausgesprochen dankbar bin.
„Komm, leg dich auf mich“, erwidere ich.
Er gehorcht, ist dabei erstaunlich ungeschickt. Ich greife nach seinem Schwanz und führe ihn ein. Hoffentlich sind nicht alle Männer in dieser Welt so unbeholfen. Wobei, eigentlich interessieren sie mich alle nicht.
Ich will Katharina!
Ich lenke mich mit dem Gedanken an sie ab, während Omar rammelt. Anders kann man das nicht nennen, was er vollführt. Irgendwann reicht es mir und ich packe seinen Hintern, um ihm zu zeigen, wie er sich bewegen soll. Danach wird es besser.
Trotzdem bin ich froh, als er endlich kommt und sich danach von mir abrollt. Jetzt liegt mein linker Arm unter seinem Kopf. Ich befreie ihn und gehe ins Bad. Die Tür lässt sich nicht abschließen. Egal. Tiefer kann ich sowieso nicht mehr sinken.
Nach dem Pullern wische ich mich ab und blicke hoch, als ich seine Bewegung wahrnehme.
Er steht in der Tür und sieht mich an.
„Hör zu, der Chef hat sich gemeldet. Ich muss zur Schicht. Du warst gar nicht von ihm.“
Ich nicke nur.
„Meinetwegen kannst du bleiben, während ich arbeiten bin. Aber danach musst du gehen. Wenn du willst, fahre ich dich zur TESZ, aber das war es.“
„Okay.“
„Ich bin mir nicht sicher, wer oder was du bist. Vielleicht doch eine Demonstrantin. Ist mir auch egal. Den Sex fand ich gut.“
Ich nicht, aber das sage ich ihm lieber nicht. Außerdem sind meine Ansprüche inzwischen sehr hoch. Vor allem, seitdem ich durch Katharina und Sarah weiß, wie sich ein Orgasmus anfühlen kann. Aber auch Askan, obwohl ein Mann, hat es geschafft, mich aus meinem Körper zu katapultieren.
Das alles sage ich Omar natürlich nicht. Ich frage mich nur, was eine Demonstrantin tun soll. Also, eine einzige, ganz allein. Im Wartungstunnel. So richtig viel Sinn macht das nicht, finde ich.
„Ich weiß auch nicht, wer oder was ich bin. Habt ihr nicht irgendwelche Computer oder so was? Internet? Irgendetwas, wo ich mich informieren kann, was es gibt? Vielleicht fällt mir dann wieder etwas ein.“
Oh Fiona, das ist sehr plump. Sehr, sehr plump. Andererseits glaubt er mir sowieso nichts mehr, das sehe ich ihm an. Dennoch zeigt er mir den E-TERM. Das ist tatsächlich etwas Ähnliches wie ein Computer. Im Wesentlichen ein Touchscreen mit einem Betriebssystem, mit dem verglichen Windows 3.1 ausgesprochen fortschrittlich war.
Aber wenigstens etwas.
Er zieht sich an, während ich am E-TERM sitze und mich mit der Bedienung vertraut mache. Danach kommt er zu mir, gibt mir einen Kuss, der in seiner Unbeholfenheit fast schon rührend ist, berührt dabei natürlich meine linke Brust und sagt: „Ich gehe dann. Wo es was zu essen gibt, weißt du ja.“
Das weiß ich, weil er mir den Kühlschrank, der auch warm machen kann, gezeigt hat. Ich nicke also und sehe ihm zu, wie er seine ID nimmt und dann die kleine Wohnung verlässt.
Dann atme ich tief durch. Nichts für ungut, Omar, aber mich findest du hier nicht mehr, wenn du zurückkommst.
Omars Wohnung erinnert mich ein wenig an diese Appartements für Saisonarbeiter auf der Erde. Klein, funktional. Im Wesentlichen besteht sie aus dem Wohn- und Schlafbereich, dem Bad und einer Küche. In einem Wandschrank, der erstaunlich groß ist, finde ich Kleidung. Männerkleidung und viel zu groß, also bleibe ich erst einmal nackt, während ich mich an den E-TERM setze.
Ich muss unbedingt herausfinden, wo ich überhaupt gelandet bin. Wozu, verdammt nochmal, gibt es so viele Gleise? Auch das Spinnennetz finde ich äußerst irritierend.
Der E-TERM erinnert mich ein wenig an meine ersten Erfahrungen an einem PC. Da war ich etwa zehn. Die Grafik ist hier allerdings deutlich besser und der Bildschirm berührungsempfindlich. Tastatur oder eine Maus gibt es nicht. Und auch kein Internet oder etwas Ähnliches.
Das System dient vor allem dazu, sich mit allem zu versorgen, was nötig ist. Wenn ich es richtig verstehe, gibt es zwar auch die Möglichkeit, einkaufen zu gehen, aber es scheint nicht üblich zu sein.
Der Ort, wo ich mich befinde, heißt Lomas. Im Grunde scheint er ein riesiger Bahnhof zu sein. In einem Programm, das für die Wartungstechniker zu sein scheint, erfahre ich, dass von maximal möglichen 42.000 Zügen derzeit 38.734 im Bahnhof sind.
38.734??? Hallo? Was zum Teufel ist das hier? Und wie groß ist der Bahnhof eigentlich?
Letzteres finde ich nicht heraus, aber es gibt wohl ein Programm, mit dem ich Routen zu verschiedenen Zielen in oder auf Lomas berechnen lassen kann. Manche Routen scheinen ziemlich lang zu sein, denn ich würde mit so einem Aufzug, der Bomo heißt, mehrere Ruls brauchen. Omar hat erwähnt, dass er üblicherweise zwei Ruls zwischen zwei Schichten hat. Wenn es nur halbwegs ähnlich ist wie bei uns, wird ein Rul etwa acht Stunden entsprechen.
Das Programm nutzt zur Fortbewegung allerdings nicht nur die Bomos, die sich sowohl vertikal als auch horizontal bewegen können, sondern auch Magnetbahnen. Ich gehe davon aus, dass Magnetbahnen ziemlich schnell sind, Lomas also richtig groß sein muss. Bei fast 40.000 Zügen sowieso.
Wo bin ich bloß gelandet?
Ich denke nach. Soweit ich es sehen kann, ist in dieser Welt die Technik, wenn man von einigen Eigenarten absieht, auf einem ähnlichen Stand wie in der Welt, aus der ich ursprünglich komme. Die Computertechnologie erinnert mich teilweise ans Ende der Achtziger, teilweise an das 21. Jahrhundert. Auch die Kleidung ist durchaus vergleichbar, im Kleiderschrank hängen sogar Jeans. Wo die Baumwolle dafür auch immer herkommen mag. In gewisser Weise scheint Lomas einer riesige Weltraumstation nicht unähnlich zu sein, und die Menschen hier biologisch und psychologisch den Menschen, die ich kenne, zumindest, sagen wir mal, nachempfunden. Da ich ja, wahrscheinlich im Gegensatz zu ihnen, von den Göttern und ihrem Monopoly weiß, wäre ich nicht überrascht, wenn dieses Universum als eine Art Vorläufer meines ursprünglichen Universums gedient hätte. Dafür spricht, dass die Welt, in der ich die letzten Jahre verbracht habe, wie eine sehr vereinfachte Version des irdischen Mittelalters wirkt.
Ich brauche eine Bar. Oder etwas Ähnliches. Da könnte ich Kontakte knüpfen. Das bedeutet zwar auch, dass ich schon lange nicht mehr genutzte Verhaltensweisen hervorholen muss, aber ich glaube, ich kann es mir nicht leisten, zimperlich zu sein. Dann hätte ich ja auch nicht mit Omar schlafen dürfen.
Ich habe eine nicht zu unterschätzende Waffe: meinen Körper. Ich kann ihn zum Kämpfen einsetzen oder eben zum Verführen. Und solange ich nicht genau verstehe, wie diese Welt funktioniert, sollte ich mich nach Möglichkeit auf Sex beschränken.
Ich bediene mich im Kleiderschrank Omars. Jeans, deren Beine ich hochkrempele, eine Art Holzfällerhemd, darunter die kleinste Unterhose, die ich finden kann, Sportschuhe. Auf einen BH muss ich gezwungenermaßen verzichten, auf Socken verzichte ich freiwillig, nachdem ich sehe, was für welche Omar hat. Nein, danke.
Für mein Schwert finde ich eine Sporttasche, die groß genug ist. Ich stopfe sie mit Hemden voll und hoffe, dass es keine Scanner in den Bomos gibt. Oder sonst irgendwo. Zur Not kann ich auf das Schwert durchaus verzichten, aber es erinnert mich an Askan und Marbutan, deswegen ist es mir wichtig. Vielleicht ergibt sich noch eine Gelegenheit, es irgendwo sicher aufzubewahren. Aber ganz sicher nicht in der Wohnung von Omar. Ich würde eine weitere Begegnung mit ihm gerne vermeiden. Auch wenn er mir sehr geholfen hat, mehr, als er ahnt, sind meine Gefühle für ihn, nachdem wir zweimal Sex hatten, nicht positiv, um es mal freundlich auszudrücken. Eigentlich würde ich am liebsten kotzen.
Zum Schluss suche ich noch etwas, womit ich meine Haare binden kann. Sie sind offen zu lang und zu auffällig. Abschneiden will ich sie erst, wenn es sich gar nicht vermeiden lässt. Ich habe sie fast 20 Jahre lang kurz getragen, irgendwie gefallen sie mir so lang.
Schließlich finde ich ein Dekoband von irgendeiner Geschenkverpackung, die unauffällig genug ist, damit binde ich mir einen hohen Pferdeschwanz. Dann nehme ich die Tasche mit dem Schwert und verlasse die Wohnung.
Ein sehr langer Korridor mit sehr vielen gleichen Türen mündet in einen kleinen Raum mit einer Haltestelle für Bomos. Diese werden über einen Touchscreen gesteuert. Ich gebe das Ziel ein, dessen Schlüsselnummer ich mir gemerkt habe.
Die Tür schließt sich und die Kabine setzt sich in Bewegung.
Zum Glück bin ich allein. Ich setze mich, lehne mich gegen die Wand und schließe die Augen.
So viel habe ich bereits verstanden: Sonne, Sterne, überhaupt einen Himmel, all das gibt es hier nicht. Das gab es schon in der Mittelalter-Welt nicht, nur das Spiegelbild eines Mondes, aber dort gab es wenigstens etwas Ähnliches. Die Treppe führte im Ewigen Turm nach unten, vielleicht ist dieses Universum in Ebenen aufgebaut und es geht nur noch nach unten.
Was für eine symbolische Aussage!
Als ich die Bomo verlasse, vergesse ich für einen Augenblick, dass ich mich gar nicht mehr in meinem Universum befinde und wähne mich in einer Shopping Mall. Dann ist der Augenblick auch schon vorbei. Geschäfte gibt es hier nicht, nur Bars, einige Dutzende. Die meisten sind jetzt geschlossen, die normalen Menschen arbeiten anscheinend.
Dennoch finde ich eine Bar, die offen hat. Viele Gäste sind nicht darin. Sie sieht sauber und ordentlich aus, einfach eingerichtet, am ehesten mit einem Bistro von der Erde vergleichbar.
„Soumbala“, so steht es über der Eingangstür. Erinnert mich an Tiefschlaf. Nun ja.
Ich betrete die Bar und sehe mich unauffällig um, während ich auf einen Tisch am Fenster zugehe. Der Wirt, in sauberes T-Shirt gekleidet, kräftig gebaut, älter, mit grauem, schütterem Haar. Eine Kellnerin, blond, aber gefärbt, ungeschickt geschminkt, die großen Brüste mit Mühe in einem viel zu tiefen Ausschnitt gebändigt. Ein Paar in meinem Alter und zwei Männer Anfang vierzig, eindeutig schwul. Ein Mann ohne Begleitung, Glatze, über fünfzig.
Die überblonde Kellnerin kommt sofort auf mich zugestürzt und taxiert mich. Eigentlich bin ich keine Konkurrenz für sie, abgesehen vom ähnlichen Alter dürften wir nichts gemeinsam haben. Außerdem blondiert sie ihre Haare, meine hingegen sind erkennbar von Natur aus so hell.
„Kaffee?“, fragt sie, während sie sich so neben mir aufbaut, dass der Glatzkopf mich kaum sehen kann.
„Ja. Was gibt es zu trinken?“
„Bier!“
„Gut, dann nehme ich Bier.“
Da bin ich ja mal gespannt, was für ein Bier die haben. Darüber, wo die Rohstoffe dafür herkommen, denke ich lieber gar nicht erst nach. Irgendwie habe ich plötzlich Sehnsucht nach der Landwirtschaft von Kasunga. Auch ohne Sonne war der Wein erstaunlich gut.
Ich beobachte flüchtig die Gäste. Die beiden Pärchen sind für mich uninteressant, ich kann ihnen nichts bieten, was sie haben wollen. Leider anscheinend auch dem Glatzkopf nicht, denn er sieht mich gar nicht an. Entweder ist der auch schwul oder ganz raus aus dem Spiel. Bei einem Glatzkopf eher verwunderlich. Andererseits, ein Klischee, das auf der Erde wahr war, muss nicht auch hier stimmen.
Wäre gut zu wissen, womit hier eigentlich bezahlt wird. Auf der Tafel über der Bar stehen nur die Zahlen, keine Währungsangabe.
Mein Bier und Kaffee werden gebracht. Dabei beugt sich die falsche Blondine unnötig weit vor, so kann ich ihre Titten, den Bauchnabel und die Schamhaare bewundern. Na gut, nur die schweren Titten. Sieht man mir eigentlich an, dass ich auch Frauen mag? Oder liegt es an meiner männlichen Kleidung, dass sie mich so anmacht?
Ich schenke ihr ein Lächeln und kann mich gerade so beherrschen, sie nicht zu fragen, wann sie Feierabend hat. Eigentlich will ich nichts von ihr. Doch vielleicht werde ich nicht umhin kommen, erneut Sex als Waffe zu nutzen. Ich hoffe aber noch. Ich hoffe, dass jemand hereinkommt, der sich für mich interessiert. Der meine Rechnung bezahlt. Und den Rest sehen wir dann.
Die Kellnerin erinnert mich mit ihren großen Brüsten zu sehr an Katharina, auch wenn sie ansonsten nicht einmal ansatzweise in deren Liga spielt.
„Jeky!“, ruft der Wirt meinem neuen Schwarm zu. „Da möchte jemand was bestellen!“ Er deutet auf das Schwulenpärchen.
Jeky sieht mich bedauernd an, dann rauscht sie davon. Ich probiere den Kaffee. Schmeckt ätzend. Ich probiere das Bier. Schmeckt nicht wie der Kaffee, nur schlimmer. Ich werde mich geschmacklich wohl sehr einschränken müssen.
Ich hasse euch, ihr scheißverdammten Götter!
Ich betrachte Jeky, die an der Bar steht. Enger, schwarzer Rock, der ihren nicht schmalen, aber durchaus gut geformten Hintern deutlich nachzeichnet und außerdem verrät, dass sie einen Tanga trägt. Kräftige Waden, aber nicht dick.
Nein, Fiona, nein.
Immer noch besser als Omar!
Du würdest trotzdem nur an Katharina denken und so trocken sein wie die Wüste vor Augle!
Das stimmt natürlich.
Innerlich seufzend wende ich den Blick von der Kellnerin ab und mustere den Glatzkopf. Aber der interessiert sich nur für sein Buch. Immerhin, hier gibt es Bücher. Das ist gut. Die Leute lesen. Okay, je nachdem, was in den Büchern steht, kann das auch ein Nachteil sein. Wir werden sehen.
Ich habe kein Buch dabei. Ich habe auch sonst ziemlich wenig dabei, was ich ansehen könnte. Eigentlich nur mein Schwert, aber das sollte ich lieber dort lassen, wo es ist. Also nehme ich die Speisekarte, aber die ist nicht sehr aufregend. Dafür steht Jeky wieder neben mir.
„Möchten Sie was essen?“
„Im Moment nicht. Ich war nur neugierig.“ Ich schenke ihr wieder ein Lächeln. Vielleicht sollte ich das nicht tun, sie kommt nur auf falsche Gedanken. Keine Chance, dass sie Sex mit mir hat, obwohl sie möchte, das kann ich sehr deutlich riechen.
Verdammt! Geh und fick doch deinen Chef!
Ich mustere diesen kurz. So schlecht sieht er doch nicht aus. Okay, fast doppelt so alt wie sie, aber das ist nun wirklich kein Thema. Vertraue mir, Süße, ich habe damit Erfahrung.
Mir wird bewusst, dass ich sie gerade Süße genannt habe. Das zeigt mir, in welcher schlechten Verfassung ich mich befinde. Wenn wenigstens der Sex gut gewesen wäre …
Seufzend erhebe ich mich.
„Ich bringe die Rechnung!“, ruft Jeky.
„Nicht nötig!“
„Wieso nicht?“
„Habe sowieso kein Geld und kann nicht zahlen.“
„Dam!“, kreischt sie. Ich brauche ein paar Sekunden, um zu kapieren, dass sie nicht geflucht, sondern ihren Chef gerufen hat. „Dam, sie will abhauen, ohne zu zahlen!“
Sehr weit ist es mit ihrer Liebe ja nicht her. Oder ich habe sie enttäuscht und sie ist sauer. Könnte natürlich auch sein.
Dam baut sich zwischen mir und der Tür auf und sagt mit tiefer Stimme: „Du kommst hier nicht raus, wenn du nicht bezahlst.“
„Hör zu, das schwarze Wasser und das andere Wasser sind ungenießbar. Außerdem möchte ich dich nicht verprügeln. Geh mir also aus dem Weg.“
Erst starrt er mich ungläubig an. Dann erscheint ein breites Grinsen auf seinem Gesicht.
„Jeky, ruf den Sicherheitsdienst! – Mädchen, letzte Gelegenheit, die Rechnung zu bezahlen. Wenn die Sicherheitsleute da sind, nehmen sie dich mit.“
„Das bezweifle ich. Ich werde jetzt gehen.“
„Darfst du ja. Nachdem du bezahlt hast.“
Ich mache einen Schritt auf ihn zu, als Jeky sich sozusagen auf mich wirft. Nicht sehr professionell, dafür aber mit vollem Gewicht. Es kommt überraschend für mich, ich verliere das Gleichgewicht, wir landen beide zusammen auf dem Boden. Von dort aus sehe ich zwei uniformierte Männer zur Tür hereinkommen.
Ich überrede Jeky, nicht mehr auf mir zu liegen, und da ich sauer bin, mache ich das relativ unsanft. Dabei fällt ihr etwas aus der Rocktasche. Sieht aus wie eine Ausweiskarte oder Ähnliches. Vielleicht kann ich sie noch gebrauchen, also lasse ich sie schnell verschwinden, bevor ich hochspringe und mich den Uniformierten gegenüber finde.
Sie könnten Profis sein, wehtun will ich ihnen aber nicht, jedenfalls nicht mehr, als unbedingt nötig. Ich nutze einige Dim-Mak-Punkte, um die beiden schnell und effektiv außer Gefecht zu setzen, dann packe ich meine Tasche und renne nach draußen. Dam vergisst vor lauter Verblüffung, mich aufhalten zu wollen. Oder er ist beeindruckt, wie ich die beiden Sicherheitsleute ausgeschaltet habe. Das war ja auch ein Teil meiner Absicht. Mit Dim Mak kann man schnell für großen Respekt sorgen, wenn man es richtig anzuwenden weiß.
Draußen laufe ich in die Richtung, aus der ich gekommen bin. In diesem Bereich zu bleiben, ist nicht sehr ratsam. Die Bomos scheinen eine recht kleine Reichweite zu haben. Doch ich habe vorhin einen Hinweis auf eine Magnetbahn gesehen und folge jetzt diesem. So gelange ich nach wenigen Minuten auf etwas, was fast eine Metrostation sein könnte. Nur fährt die Bahn nicht auf Schienen, zumindest nicht konventionell. Der Name deutet es ja schon an. Und ich bin froh über die Karte, die Jeky verloren hat, denn die brauche ich, um gewaltfrei auf den Bahnhof zu kommen.
Wenn jetzt auch noch eine Bahn käme, wäre das perfekt. Es wird nicht lange dauern, bis die Sicherheitsleute zu sich kommen und mehr von ihrer Sorte alarmieren. Bis dahin möchte ich weg sein.
Ich habe Glück, nach einer gefühlten Ewigkeit zwar, aber auf jeden Fall eher als irgendwelche Uniformierten, kommt die Bahn und ich steige ein. Von innen sieht der Wagen eher wie ein Fernreisezug aus, aber das kann mir nur recht sein. Weit weg von hier ist nicht schlecht. Und bisschen durchatmen, nachdenken, das hätte auch was.
Ich setze mich so hin, dass ich von draußen nicht zu erkennen bin. Lange dauert der Aufenthalt nicht, nach einem kurzen Piepston schließen sich die Türen und der Zug setzt sich in Bewegung.
Bye, bye, Jeky.
Der Bahnhof muss einfach groß sein. Nicht der Bahnhof der Magnetbahn, sondern der Bahnhof der 40.000 Züge. Also Lomas. Denn die Magnetbahn, in der ich sitze, gleitet nicht nur recht leise, sondern auch ziemlich schnell durch einen Tunnel. Und wenn ich mich nicht täusche, ist er nach dem Verlassen des Bahnhofs in eine evakuierte Röhre gefahren, was eine fast lautlose und ziemlich schnelle Fahrt ermöglicht.
Die Ausstattung des Zuges deutet darauf hin, dass die Fahrt lange dauern kann. Bei einem so schnellen Zug kann das nur bedeuten, dass die Strecke lang ist. Und da die Züge außerhalb von Lomas auf Schienen fuhren, dieser Zug hingegen kontaktlos fährt, gehe ich davon aus, dass er niemals Lomas verlässt.
Dann muss Lomas groß sein. Ziemlich groß. Was ja auch logisch ist, wenn 42.000 Züge gleichzeitig hineinpassen.
42.000 Züge! In einem Bahnhof! Verdammte Scheiße, das ist verflucht viel!
Ich sehe mich um. Voll besetzt ist der Zug oder zumindest diese Wagen nicht. Eigentlich bin ich in Sichtweite alleine, aber ich kann andere Fahrgäste hören. Und beim Einfahren vorhin konnte ich weitere Fahrgäste sogar sehen.
Die Sitze sind bequem mit viel Beinfreiheit, bezogen mit dunkelblauem Stoff. Unter der Decke befinden sich Staumöglichkeiten fürs Gepäck. Und unter dem Fenster ist ein klappbarer Tisch befestigt. Ganz so, wie ich es aus meiner Heimat kenne, wobei ich in meinem Leben nicht allzu oft mit dem Zug gefahren bin. Eigentlich ausgesprochen selten. In erster Linie als Jugendliche, wenn ich zu meiner Oma fuhr und ausnahmsweise mal den Zug nahm, weil meine Mutter keine Zeit zum Chauffieren hatte. Und das kam selten vor.
Beim nächsten Halt steigt jemand hinzu und setzt sich auf der anderen Seite des Zuges ans Fenster. Ein großer, kräftig gebauter Mann mit Halbglatze. Sein Schnaufen verrät, dass er jederzeit an einem Herzinfarkt sterben könnte und nichts dagegen unternimmt. Ansonsten wirkt er sauber und gepflegt. Seine hohe Stirn deutet auf überdurchschnittliche Intelligenz hin, der Blick aus seinen grün-grauen Augen, mit dem er mich auszieht, auf libidinöse Veranlagung.
Na toll.
Er hat eine Aktentasche dabei, die er neben sich stellt, nachdem er ein dickes Buch daraus hervorgezogen hat. Nach einem zweiten, abschätzenden Blick auf mich beginnt er zu lesen.
Ich betrachte mich in der Scheibe, die mich spiegelt. Was zum Teufel ist an mir im Moment so sexy? Ich trage ein kariertes Holzfällerhemd aus Omars Fundus, dazu die unsäglichen Jeans und Sportschuhe. Okay, mindestens zwei Knöpfe sind offen, möglicherweise kann er von der Seite meine linke Brust sehen. Aber dann muss er schon unglaublich gute Augen haben. Und nochmal okay, die Haare sind zwar zum Pferdeschwanz gebunden, aber das offene Gesicht ist halt nicht hässlich. Ich weiß es, wurde mir ja oft genug erzählt. Kann nicht beurteilen, ob das stimmt, bin voreingenommen. Mir gefällt eher der Typ, den Katharina repräsentiert, die vollen Lippen, die großen, blauen Augen, das Gesicht nicht so schmal. Okay, okay, ich mag meinen Mund, vor allem diesen leicht spöttischen Ausdruck, den ich häufig habe, wenn ich die Lippen leicht öffne und den linken Mundwinkel ansatzweise hochziehe. Manche nennen das süß, aber sie haben nur keine Ahnung, was ich dabei denke.
Und das ist auch besser so. Meistens.
Also gut, mein Gesicht und der Blick unter mein Hemd könnten den Kerl auf falsche Gedanken gebracht haben. Aber bis jetzt scheint das keine Konsequenzen zu haben, was mich echt froh macht.
Zu früh gefreut.
„Haben Sie es weit?“
Ich sehe ihn an, er sieht mich an, mit dem Buch in der Hand, die ausgestreckten Beine an den Knöcheln gekreuzt.
„Ungefähr bis zu meinem Ziel“, erwidere ich nach einer Weile.
Er lacht. „Eine gute Antwort. Demnach ist es ein Geheimnis.“
„Manchmal weiß man im Leben selbst nicht so genau, wo man aussteigt.“
„Das ist wohl wahr. Ich gedenke, noch lange im Zug des Lebens mitzufahren. In meinem Job verdient man gut und kommt viel herum.“
Ich tue ihm den Gefallen: „Was haben Sie denn für einen Job?“
„Ich prüfe, ob sich alle schön an die Vorschriften für Abrechnungen halten. Ich glaube übrigens, ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Mein Name ist Hyaki Jomuo.“
Oh mein Gott! Das heißt, oh mein Drol! Ein Betriebsprüfer!
„Und das macht Spaß?“
„Ich glaube, für ein junges Mädchen wie Sie wäre das eher nichts, aber ich liebe die Zahlen. Und man lernt viele Leute kennen.“
Die du ungestraft vollquatschen darfst. Idiot.
„Haben die nicht alle Angst vor Ihnen?“
„Oh, so schrecklich bin ich ja nun nicht. Wer sich an die Vorschriften hält, hat nichts zu befürchten.“
Doppelt Idiot.
„Na ja, aber macht nicht jeder mal etwas anders, als es die Vorschriften verlangen?“
„Na, bei Kleinigkeiten, die niemandem schaden, bin ich nicht so pingelig. Bin ja kein Unmensch!“
Und wenn es um eine attraktive Blondine geht, dann sowieso nicht. Und wenn diejenige sich von dir ficken lässt, dann bist du auch bei größeren Sachen nicht pingelig, nicht wahr? Arschloch.
„Jeder geht mal bei Rot über die Straße.“
„Bitte? Wie meinen Sie das?“
Ich muss kurz überlegen, was für ein Problem er schon wieder hat, dann wird mir klar, dass er vermutlich weder rote Ampeln noch Straßen kennt. Ich beiße mir auf die Unterlippe.
„Keine Ahnung, ist so ein Spruch, habe ich mal in einem Buch gelesen.“
„Ach so. Versteht man wahrscheinlich nur, wenn man das Buch kennt. Klingt aber nach einem guten Spruch!“ Er lacht.
Und dann, zu meinem Entsetzen, nimmt er sein Buch und seine Tasche und setzt sich mir gegenüber.
Spinnst du? Hilfe!
„Dann brauche ich nicht so zu schreien“, sagt er lächelnd.
Dann halt doch den Mund! Außerdem habe ich gute Ohren!
„Sie haben eine etwas ungewöhnliche Art, sich zu kleiden“, fährt er fort. „Aber es hat was.“ Dabei starrt er die offenen Knöpfe von meinem Hemd an.
„Ich war spät dran und hatte es eilig, habe wohl Sachen von meinem Mann erwischt“, sage ich mit dem süßesten Lächeln, dessen ich im Moment fähig bin. Für einige Sekunden gebe ich mich der Fantasie hin, ihn von hinten mit einem Dildo zu ficken. Aber wenn er bi sein sollte, genießt er das am Ende auch noch.
„Dann scheint es so, dass Sie immer gut aussehen, egal, was Sie anziehen.“
Oh mein Drol! Hilf mir! Das wird ja immer plumper! Meine mehrjährige Erfahrung von damals hat mich gelehrt, dass der Sex proportional schlecht zu den Sprüchen eines Mannes ist. Der Kerl hier muss der schlechteste Ficker dieses Universums sein.
„Ähm … Danke. Ich nehme an, Ihre Frau freut sich auch über den gut bezahlten Job?“
Er lacht schon wieder. Muss ich ihm die Nase brechen, damit er das sein lässt?
„Oh, ich war nie verheiratet. Das wollte ich mir nie antun.“
Wenigstens ist er ehrlich. Außerdem ist es gut, dass er das keiner Frau angetan hat.
„Ich verstehe. Sie lieben die Jagd.“
„Genau. Das ist viel spannender. Erspähen, anschleichen, fangen und genießen.“
Genau so siehst du aus, Arschloch. Ich meine, ich war auch kein Kind von Traurigkeit und will lieber gar nicht erst anfangen zu zählen, wie oft ich in meinem Leben Sex hatte. Aber viel zu oft eben auch schlechten, wegen Leuten wie dir. Es gab bisher nur zwei Männer, mit denen der Sex wirklich gut war: James und Askan. Und einige Frauen. Eigentlich mit allen Frauen, wenn auch unterschiedlich. Anne Marie mit ihrer scheuen Art, Katharina, wie sie auf mich eingeht. Und Sarah ist ein Tier.
„Und was genießen dabei die Frauen?“, erkundige ich mich.
„Bei mir alles!“
„Oh, sagen sie das?“
„Das brauchen die nicht, so was sehe ich.“
Oh mein Drol, der Kerl bestätigt ja wirklich alle Klischees und Vorurteile!
„Jetzt bin ich ja neugierig. Woran sehen Sie das?“
Er mustert mich kurz, dann erwidert er: „Das lässt sich nicht so gut erklären. Zeigen geht besser.“
„Ach ja.“ Ich werfe einen Blick auf die Infotafel und sehe, dass der nächste Bahnhof fast schon in Sichtweite ist. „Sorry, aber ich muss jetzt raus. War nett, mit Ihnen zu plaudern.“
„Ernsthaft? Das glaube ich Ihnen nicht. Sie steigen doch nur wegen mir schon aus. Ich denke, Sie haben einfach nur Angst, mal etwas richtig Geiles zu erleben.“
Mir fällt fast die Kinnlade herunter. Ich starre ihn kurz an, dann nehme ich meine Tasche und erhebe mich. Erst dann antworte ich: „Ich glaube, ich hatte mehr geilen Sex in meinem Leben, als du gepupst hast. Und so, wie du aussiehst, pupst du ständig. Eine schöne Reise noch.“
Endlich ist er mal sprachlos. Ich gehe zur Tür und atme tief durch. Keine Ahnung, warum mich solche Typen regelmäßig aufregen. Diesmal war ich ja noch sehr zurückhaltend, weil ich eigentlich nicht auffallen wollte. Aber auch ich habe meine Grenzen.
Irgendwie fühle ich mich schon fast wie zu Hause, als ich aussteige.
Diesmal fällt es mir auf. Der Name der Station, er steht auf einem großen Schild: F559. Das sieht nach Koordinaten aus. Ich denke mal, damit ist nicht nur dieser Bahnhof gemeint, sondern der ganze Bezirk. Dass Lomas in Bezirke aufgeteilt ist, weiß ich vom E-TERM. Und ich denke außerdem, dass es ziemlich viele Bezirke sind. Der Name dieses Bezirks bestätigt mich darin, denn sie werden durchnummeriert sein. Also mindestens 559 Bezirke allein in Kombination mit F. Mal 26.
Ich blicke dem Zug hinterher, der in den Tunnel reinfährt. Hinter ihm schließt sich ein massives Doppeltor, das ziemlich luftdicht aussieht. Ich gehe davon aus, dass in einem kurzen Tunnelstück dahinter die Evakuierung erfolgt und ein zweites Tor in die luftleere Röhre führt. Einfach und pragmatisch gelöst. Und wenn das System versagt, ersticken die Leute hier, falls sie das Einsaugen überleben. Und bei ganz viel Pech, wenn das Sicherheitssystem auch versagt und der Bahnsteig nicht sofort hermetisch abgeriegelt wird, wofür Tore in den Decken zuständig sind, dann ist der Bezirk auch futsch. Es würde mich daher nicht wundern, wenn es weitere luftdichte Trennsysteme gebe, die sowohl Teile eines Bezirks als auch ganze Bezirke abschotten können.
Ich entdecke einen Wegweiser. Sehr praktisch. Wieso habe ich ihn vorhin nicht bemerkt? Vermutlich, weil ich auf der Flucht war. In dem Bezirk, den ich so hastig verlassen habe, hätte mir der Wegweiser daher sowieso nichts genützt.
Ich beschließe, mein Glück erneut zu versuchen und finde auf dem Wegweiser den Vergnügungspark. Die nennen ihn nicht so, aber darauf läuft es hinaus. Eine Bar neben der anderen. Das sagt viel darüber aus, wie die Menschen hier ihr Leben verbringen. Hier werde ich sicher nicht heimisch werden. Jetzt ist es aber erst einmal ganz hilfreich.
Als ich bei den Bars ankomme, wird mir klar, dass ich schnellstmöglich neue Kleidung brauche. Weiblicher, vor allem. Ich werde teilweise geradezu angestarrt, und das liegt nicht an meinem Aussehen, denn es gibt hier viele gutaussehende Frauen, die ihre Attraktivität zur Schau stellen. Aber auch die Männer sind anders gekleidet. Meine Kleidung ist also doppelt ungünstig. Die Kleidung eines Mannes und die Kleidung eines Mannes, der nicht hierher gehört.
Es gibt auch einige Geschäfte in der Nähe, da ich aber kein Geld habe und kein Aufsehen erregen will, mir das unbemerkte Klauen aber nicht zutraue mangels Übung, sind sie noch nutzlos.
Nun, ich habe ja schon mal als Nutte gearbeitet, wenn auch nur für wenige Nächte. Und Männer aufreißen kann ich ebenfalls wirklich gut. Also werde ich doch einen Mann in einer der Bars dazu bringen können, mir einen Drink oder auch zwei zu spendieren. Der Rest ergibt sich dann.
Ich wähle eine Bar namens „Sundera“ aus. Eigentlich ist sie keine Bar, eher eine Disco, grell und bunt wie sie ist. Einlasskontrollen scheint es hier nicht zu geben, ich komme also ungehindert hinein. Drinnen bestätigt sich mein Eindruck, dass es eine Disco ist, denn es gibt Musik und es wird getanzt. Selbst die Lichtshow könnte glatt von der Erde sein. Menschen sind wohl überall gleich.
Eine Bar gibt es auch, sie ist mittendrin. Ich setze mich an die Theke, lege meine Tasche ab und öffne unauffällig zwei weitere Knöpfe. Sie sind etwas doof angeordnet, jetzt besteht durchaus die Gefahr, dass ich plötzlich mit nackter Brust dastehe. Lasse ich aber einen Knopf mehr zu, sieht man zu wenig.
Nun gut. No risk, no fun. Ist ja nicht so, dass ich es nicht gewohnt wäre, auch mal nackt zu sein. Wird schon niemand vor Schreck weglaufen.
Dann mache ich eine wichtige Entdeckung: Mit der ID-Karte, die ich Jeky geklaut habe, kann man auch bezahlen. Also habe ich doch Geld! Ich nutze mein neues Wissen umgehend, um mir einen Drink zu bestellen. Keine Ahnung, was es ist, aber 40% Alkohol klingt gut. Nennt sich Mariosa.
Als es kommt, merke ich schon, das ist was für mich. Die Farbe ist rötlich und ich rieche Himbeeren, wenn auch nur dezent. Das Zeug schmeckt etwas süßlich wie ein Likör, aber gut. Gekühlt und stark. Zumindest für mich, da ich derzeit nichts gewohnt bin.
Ich sehe mich beim Trinken um. Die Theke und einige Tische bilden den Mittelpunkt, getanzt wird um ihn herum. Ganz außen sind weitere Tische und Sitzgelegenheiten aufgestellt. In der Nähe des Eingangs befindet sich die Toilette.
Die Gäste sind überwiegend jung, höchstens in meinem Alter, wobei man mir die 34 wohl kaum ansehen dürfte. Allerdings kann ich mein eigenes Alter im Moment auch nur schätzen, da ich nicht weiß, wie lange ich tatsächlich in der Mittelalter-Welt war. Grob fünf Jahre, als ich hinkam, war ich noch 29. Kommt ungefähr schon hin mit 34.
Verdammt, es ist also elf Jahre her, dass Norman getötet wurde und ich begann, erwachsen zu werden. Und neun, dass das Arschloch Drol mich sozusagen als Kriegerin aktiviert hat.
Ich überlege, welche Kräfte ich eigentlich habe. Unsterblich bin ich. Und ich habe magische Kräfte, ich kann Sachen, die Krieger eigentlich nicht können. Wie ist es eigentlich mit Fliegen? Kann ich das noch? Jedenfalls habe ich meine Fähigkeit, durch die Zeit zu reisen und mich zu beamen, verloren.
Ich drehe mein Glas unauffällig, ohne es zu berühren. Das klappt also. Doch ich schaffe es nicht, mich selbst auch nur einen Millimeter in die Höhe zu heben. Fliegen kann ich also nicht. Ob ich es wieder lernen kann? Beim ersten Mal war ja auch die Todesangst nötig.
Vielleicht sollte ich trotzdem vorsichtig sein. Erstens weiß ich nicht, wie die Menschen hier auf Magie reagieren. Und zweitens weiß ich nicht, welche Seiteneffekte Zauberei hat. Dieses Universum ist ganz anders aufgebaut als meins. Okay, nicht ganz, es gibt auch sehr viele Parallelen. Insbesondere was die Menschen angeht. Auch die Technologien sind vergleichbar mit den Technologien in unterschiedlichen Epochen meiner Erde. Es scheint so, als stünde in diesem Universum der Mensch noch viel mehr im Mittelpunkt als in meinem alten, wo er nur eine Art von sehr vielen war. Möglicherweise ist dieses Universum auch viel kleiner. Allerdings weiß ich nicht, wie viele Ebenen es eigentlich nach unten noch gibt. Sicher ist nur, dass von der Mittelalter-Welt aus im Ewigen Turm keine Treppe nach oben führte.
Lustigerweise gibt es hier anscheinend keinen Himmel, denn selbst als ich auf der Plattform stand und entgeistert die Schienen und das Spinnennetz entdeckte, konnte ich nach oben nichts sehen. Nur Dunkelheit. Ob dieses Universum aus Welten besteht, die einfach übereinander geschichtet sind?
Ich habe das Gefühl, die Götter wollen mich ein wenig verarschen. Ich trinke hier einen Likör mit Himbeergeschmack in einer Welt, in der es anscheinend gar keine Sonne gibt. Wo zum Teufel kommen dann Himbeeren her? Will ich überhaupt wissen, woraus dieser Likör tatsächlich besteht?
Ich beschließe, lieber etwas für meine nächste Übernachtungsmöglichkeit zu tun und erhebe mich, um ein wenig herumzugehen und mir die Leute anzusehen. Darüber, welchen Eindruck ich in meiner Kleidung und mit der Tasche erwecke, denke ich besser mal nicht nach.
Die Tanzenden beachte ich erst einmal gar nicht. Mich interessieren die Leute, die außen sitzen. Überwiegend sind es Gruppen von Leuten, die damals auf der Erde Yuppies hießen. Oder so ähnlich. Meist mit einem Porsche vor der Disco. Für meine Zwecke uninteressant.
Als ich an der Toilette vorbei komme, folge ich einem natürlichen Impuls. Zwei Mädels, die vor den Waschbecken stehen, starren mich ablehnend an, bevor sie zwitschernd den Raum verlassen. Nachdem ich fertig bin und mir die Hände wasche, ausnahmsweise mal, aber hier vielleicht eine gute Idee, gesellt sich eine schwarzhaarige Schönheit dazu. Sie lächelt mich kurz an. Braune Augen und volle Lippen.
Wow.
Draußen folge ich ihr unauffällig. Sie setzt sich zu zwei Männern, die ich noch nicht unter die Lupe genommen habe. Einem von ihnen gibt sie einen Kuss. Er hat dunkelblonde, kurze Haare, breite Schultern, muskulöse Arme.
Und eine Pistole.
Der andere erinnert mich irgendwie an Mohk. Ähnlich groß und schlank. Er hat schulterlange, hellbraune Haare. Allerdings wirkt er trainierter als Mohk. Auch er trägt eine Waffe an der Hüfte. Hm.
Trotzdem, die beiden sind ganz sicher keine gewöhnlichen Sicherheitsleute. Ihr ganzes Verhalten verrät, dass sie es gewohnt sind, dass man ihnen gehorcht. Mir wird bewusst, dass unter den Tanzenden einige Bewaffnete sind, die offenbar die beiden kennen – und ihnen gehorchen.
Ich hole mir einen zweiten Drink, den gleichen, und setze mich in der Nähe an einen hohen Bistrotisch. Von hier aus kann ich die beiden unauffällig beobachten.
Der Schlanke scheint recht jung zu sein, aber ranghöher. Er hat keine Damenbegleitung, und die paar Mädchen, die versuchen, daran etwas zu ändern, blitzen gnadenlos ab. Scheiße, hoffentlich ist er nicht schwul. Nach einigen Minuten bin ich mir sicher, dass er auf Frauen steht. Anscheinend ist nur nichts dabei, was sein Interesse erregt.
Einmal kreuzen sich unsere Blicke. Ich halte seinen kurz fest, dann wende ich mich ab. Er hat grüne Augen und er hat mich länger angesehen als jede andere Frau vorher.
Sehr gut.
Mein Gefühl sagt mir, dass ich dennoch abblitzen würde, wenn ich einfach auf ihn zugehe. Ich habe also ungefähr zwei Möglichkeiten:
Entweder ziehe ich mich aus, werfe mich nackt auf ihn und blase ihm einen.
Oder ich sorge dafür, dass er mich unbedingt kennenlernen will.
Letzteres gefällt mir besser. Nicht einmal hauptsächlich wegen der Nacktheit. Ihm öffentlich einen zu blasen, wäre nicht angenehm, aber auch nicht völlig neu für mich, wenn ich an manche Party denke, so vor fünfzehn Jahren, nachdem Phil gestorben war.
Mir gefällt aber vor allem die Idee, dass er mich kennenlernen will. Ich hasse es einfach, wenn nicht ich die Kontrolle habe, und wenn nicht das geschieht, was ich will. Und jetzt, wo ich nicht bloß eine Prinzessin, sondern sogar eine Königin bin, kann ich mir das ja wohl erlauben.
Ich muss bei diesem Gedanken grinsen, so bescheuert ist er eigentlich. Das ändert aber nichts daran, dass es psychologisch geschickt sein könnte, ihn neugierig zu machen.
Ich gleite von meinem Hocker, marschiere auf einen der jungen Männer mit Waffe zu und rempele ihn an. Er wendet sich kopfschüttelnd ab, doch so leicht entkommt er mir nicht.
„Hast du keine Augen im Kopf, du Arschloch?“, fahre ich ihn an.
Endlich habe ich seine Aufmerksamkeit. Er mustert mich vom Kopf bis Fuß.
„Was ist dein Problem, Kleines?“
„Du hast mich angerempelt! Oder sollte das eine dämliche Anmache sein?“
Auf seinem Gesicht erscheint ein breites Grinsen. „Sorry, du bist nicht mein Typ. Kannst also deine Titten einpacken.“
Okay, die linke hängt fast raus, aber das kommt vom Rempler, war nicht so beabsichtigt. Hat aber Vorteile.
„Sag mal, hast du dir heute vorgenommen, ein Mädchen in den Selbstmord zu treiben, oder was? Kannst du dich wenigstens mal entschuldigen?“
Wieder Kopfschütteln, dann: „Verpiss dich einfach, am besten ganz aus dem Lokal, okay? Sonst lasse ich dich hinauswerfen.“
„Du willst mich hinauswerfen lassen, du Zwerg? Dass ich nicht lache.“
Ich weiß nicht, was genau ihn triggert. Es sieht aber danach aus, als möchte er nicht Zwerg genannt werden. Groß ist er ja echt nicht. Jedenfalls packt er mich an den Schultern. Dann bricht er aufstöhnend zusammen, als mein Knie sehr zielgerichtet und wohldosiert seinen Schwanz und das Drumherum für einige Zeit zu einer Schmerzquelle macht.
Spätestens jetzt habe ich die Aufmerksamkeit für mich. Und seine Kollegen am Hals. Ich merke schnell, dass sie ausgebildete Nahkämpfer sind. Allerdings haben sie definitiv keine Erfahrung mit Kriegerinnen.
Oder doch? Drei von ihnen liegen verteilt auf dem Boden, als ich von einem Stromschlag getroffen werde. Im nächsten Augenblick nehme ich die Kabel wahr, die an meiner Seite hängen.
Taser.
Scheiße.
Das bringt mich ein wenig aus dem Takt. Schließlich wurde ich bislang eher selten mit einem Taser traktiert. Die Koordinationsfähigkeit und das Gleichgewicht leiden darunter, sodass ich mich auf dem Boden wiederfinde.
Die Stromstöße hören auf. Vermutlich wäre ein normaler Mensch jetzt für länger ruhiggestellt. Aber normal bin ich ja sowieso nicht. Für einen Moment halte ich still und erwecke bewusst den Anschein, zu keiner kontrollierten Bewegung mehr fähig zu sein, nur um dann blitzschnell die Fäden von mir zu reißen und aufzuspringen.
Die Waffen, die auf mich gerichtet sind, haben aber nichts mit Tasern zu tun. Sie verschicken Kugeln.
Ich atme tief durch und hebe die Hände. Aus den Augenwinkeln sehe ich, dass auch die beiden Männer und die Schwarzhaarige die Szene beobachten.
„Das reicht jetzt“, sagt einer von denen, die bewaffnet sind. „Du bist ja völlig durchgeknallt. Schmeißt sie raus!“
„Halt!“
Wir sehen alle den Schlanken an, der nun eine Hand hebt und mir zuwinkt „Sie soll herkommen. Und bringt mir ihre Tasche!“
Oh, hat er mich etwa beobachtet? Ein gutes Zeichen.
Der Mann, der gerade gesprochen hat, deutet mit der Waffe eine Bewegung an, während ein anderer die Tasche holt. Ich gehe auf die kleine Gruppe zu, die im Halbkreis um einen niedrigen Bistrotisch sitzt.
Der Schlanke sieht aus der Nähe ganz sympathisch aus. Er macht den Eindruck, als wäre er das Nachdenken gewohnt. Zugleich strahlt er eine Selbstsicherheit aus, die mächtige Leute oft haben. Ich kenne das gut. Oft gesehen, als ich noch CEO war. Selbst selten durchscheinen lassen, schon allein, weil ich als Frau mich anders verhalten wollte, gerade eben kein besserer Mann sein wollte. Aber wenn es nötig war, konnte ich es auch, so wirken.
Jetzt signalisiere ich Unabhängigkeit, Furchtlosigkeit, ein ganz klein wenig auch Trotz.
Der Schlanke nimmt meine Tasche und sieht sich den Inhalt an. Klar findet er das Schwert und zieht es staunend heraus. Er betrachtet den Griff, entblößt die Klinge und lässt sie durch die Luft sirren, beobachtet von den Gästen. Dann nickt er.
„Das ist keine alltägliche Waffe und eine ausgezeichnete Arbeit. Wo hast du sie geklaut?“
„Sie gehört mir.“ Habe ich das nicht vor wenigen Tagen auch schon gesagt? Ist es wirklich erst wenige Tage her?
„Tatsächlich?“
Ich nicke.
Er reicht mir das Schwert. Das ist mutig. Aber aus meinem Verhalten wird er wissen, ob ich die Wahrheit sage. Wenn ich das Schwert nur geklaut habe, kann ich wahrscheinlich nicht gut genug damit umgehen, um ihn zu verletzen. Und wenn es mir wirklich gehört, dann verwende ich es nicht gegen ihn.
Gar nicht so blöd, der Typ.
Ich umfasse den vertrauten Griff und lasse die Klinge einige Figuren in der Luft beschreiben. Wichtig ist mir vor allem, dass er sieht, wie der Griff an meine Hand angepasst ist. Dass das ganze Schwert für mich maßgeschneidert wurde. Und auch, dass ich damit umgehen kann.
„Du sagst die Wahrheit, das Schwert wurde sogar für dich geschmiedet.“
Ich nicke erneut. Er reicht mir die Scheide, ich schiebe die Klinge hinein und lege das Schwert in die Tasche.
„Was genau machst du hier eigentlich?“, fragt er. Dabei sitzt er immer noch genau so da wie zu Beginn der Prügelei. Die Beine übereinander geschlagen, die ausgebreiteten Arme liegen auf der gepolsterten Lehne der Rundbank.
„Ich suche einen Job.“
„Einen Job? Als was?“
Ich zucke die Achseln. „Bodyguard? Deine Jungs sind ja nicht besonders gut darin.“
Ich merke, dass seine Jungs das gar nicht gut finden. Auch die Miene des Mannes neben ihm verdüstert sich. Der Schlanke winkt grinsend ab.
„Okay, du kämpfst ziemlich gut. Und dass du nach dem Taser sofort wieder aufstehen konntest, das ist beeindruckend. Wie heißt du?“
„Fiona. Und du?“
„Ich bin Loiker Maruka, der finstere Kerl neben mir heißt Karui Masaka, seine Freundin Carli. Mein Großvater ist der Chef des Sicherheitsdienstes von Lomas.“
Ups. Und seine Leute habe ich gerade ein wenig … gedemütigt. Eigentlich sollte ich lernen, meine Klappe zu halten. Aber das wäre dann langweilig.
„Ich nehme an, ihr habt dann immer mal offene Stellen“, bemerke ich betont leichthin.
„Ja, haben wir. Aber keine, die zu deinen Fähigkeiten passt. Ich möchte, dass du mich begleitest.“
„Wohin?“, frage ich misstrauisch. In diesem Moment interessiert mich der Job mehr als er selbst, denn er könnte die Möglichkeit bieten, unauffällig diese Welt kennenzulernen und sogar nach Katharina zu suchen. Eine Nacht mit ihm hingegen ist eben nur eine Nacht.
„Das wirst du dann sehen. Oder hast du Angst?“
Ich überlege blitzschnell. Wenn ich ihn jetzt zurückweise, habe ich möglicherweise gar nichts, wenn ich mitgehe, im allerbesten Fall die Nacht mit ihm und den Job. Zumindest aber die Nacht mit ihm und einen wertvollen Kontakt. Im Grunde kann ich nur gewinnen, wenn ich zustimme.
„Ich habe vor niemandem Angst“, erwidere ich trotzig. Anscheinend mag er dieses Verhalten. Soll er haben.
„Gut. Karui, du kannst bezahlen. Deine Leute können hier bleiben und sich amüsieren. Im Moment brauche ich sie nicht.“
Der Dunkelblonde nickt, wirft mir einen wütenden Blick zu und geht zur Bar. Loiker erhebt sich. Er ist etwa so groß wie Askan war, nur deutlich schlanker. Seine Bewegungen verraten, dass er Sport treibt. Eigentlich sieht er ganz gut aus, auch wenn er ein wenig zu jung für mich ist. Wie alt mag er sein? Ich schätze den Altersunterschied auf zehn Jahre. Das ist nicht wirklich viel, aber zwischen dem Entwicklungsstand eines Zwanzigjährigen und einer Dreißigjährigen liegen normalerweise Welten. Von meinen ganz persönlichen Erfahrungen ganz zu schweigen.
Ich folge ihm und werfe dabei einen nachdenklichen Blick auf seine Leute. Sie wirken nicht wirklich begeistert. Wir werden eher keine Freunde.
Scheiß drauf.
Draußen warten wir auf Karui. Carli ist mit uns gekommen. Die Schwarzhaarige verrät nicht, was sie von der Sache hält. Sie bietet mir Zigaretten aus einem silberfarbenen Etui an.
Mir stockt der Atem. Während der ganzen Zeit im Mittelalter habe ich nicht geraucht, also geschätzt seit fast fünf Jahren. Mehr oder weniger. Zum ersten Mal sehe ich in diesem Universum überhaupt eine Zigarette.
„Rauchst du nicht?“, erkundigt sich Carli.
„Doch“, erwidere ich und nehme mir eine. Sie gibt mir Feuer.
Ich atme den Rauch tief ein. Loiker beobachtet mich amüsiert. Er scheint Nichtraucher zu sein, macht aber nicht den Eindruck, als würde es ihn stören, wenn in seiner Gegenwart geraucht wird.
Endlich kommt auch Karui und wir begeben uns zu den Bomos. Da bin ich ja mal gespannt, was das wird.
Als wir die Bomo verlassen, komme ich mir vor wie in Old Town in Skyline. Na ja, fast. Jedenfalls wie in einem Bezirk für Reiche und Mächtige. Erstaunlicherweise gibt es sogar eine Parkanlage mit Bäumen und Rasen. Woher kennen sie das? Gibt es womöglich doch irgendwo entsprechende Grünflächen außerhalb des Bahnhofs?
Loiker bemerkt meinen Gesichtsausdruck, allerdings interpretiert er ihn falsch, denn er fragt lachend: „Hast du noch nie Bäume gesehen? Nun, das wäre auch kein Wunder, sie sind sehr selten und teuer. Es gibt sie nur in wenigen Bezirken. Sie wurden speziell aus den Sträuchern von unten gezüchtet.“
Aus den Sträuchern von unten? Ich verrate lieber nicht, dass ich keine Ahnung habe, was er damit meint, denn er scheint davon auszugehen, dass ich es weiß.
„Ich verstehe“, erwidere ich.
Vor einer breiten, gläsernen Tür bleiben wir stehen. Dahinter befindet sich ein Foyer mit ganz normal aussehenden Aufzügen. Könnte glatt eine Wohnanlage für entsprechend gut betuchte Neureiche sein, irgendwo in Newville.
„Hier wohne ich“, sagt Loiker und wendet sich an Carli und Karui: „Sehen wir uns morgen?“
„Klar“, erwidert Karui. Die beiden winken Loiker zu, Carli auch mir, er kann sich bloß zu einem Nicken hinreißen.
Während ich ihnen hinterher sehe, bemerke ich: „Er mag mich nicht besonders.“
„Das ist eine Berufskrankheit bei ihm“, antwortet Loiker. „Nimm es nicht so wichtig.“
„Oh, das tue ich auch nicht, keine Sorge.“
Loiker deutet ein Lächeln an, dann öffnet er die Tür mit seiner Karte. Diese ist auch für den Aufzug nötig und schließlich für seine Wohnung. Vom Aufzug führt ein breiter, ausgeleuchteter Korridor dorthin. Wände und Decke in einem matten Weiß, der Boden mit einem dicken Teppich bedeckt, der jeden Schall schluckt. Die Tür ist leicht verziert, aber beim Eintreten bemerke ich, dass sie ungewöhnlich dick ist. Vermutlich gepanzert.
Die Wohnung selbst ist groß, das sehe ich auf den ersten Blick, denn wir gelangen sofort in einen Raum, der fast alles ist: Wohnzimmer, Küche, Bibliothek. Ich schätze ihn grob auf etwa 200 qm. Einige Stufen führen zu einer kleinen Erhöhung, von hier gehen Türen ab. Vermutlich Bad und Schlafzimmer.
„Nett“, bemerke ich. Ist ja nicht so, dass ich keinen Luxus gewohnt wäre. Er muss nicht wissen, dass ich jahrelang in einem Schloss gelebt habe, das mindestens hundertmal größer war. Eigentlich viel mehr. Oder Katharinas Anwesen. Selbst mein Elternhaus war größer.
Dennoch ist diese Wohnung für hiesige Verhältnisse sicher etwas ganz Besonderes. Darauf deutet auch seine Reaktion hin.
„Nett?“, fragt er mit hochgezogenen Augenbrauen.
„Ja, ganz nett.“ Ich stelle die Tasche ab und gehe weiter in den Raum hinein. Es gibt mehrere Bereiche, die teilweise auf Erhöhungen stehen. Zum Beispiel eine Leseecke neben der Bibliothek. Oder eine fast runde Couch. Und eine Bar gibt es auch.
„Dann kannst du ja jetzt zur Tat schreiten“, sagt Loiker amüsiert.
Ich drehe mich um. „Zur Tat schreiten?“
„Na ja, vielleicht hast du die Absicht, mich zu töten. Dann wäre jetzt der richtige Zeitpunkt.“
Ich mustere seine Pistole, die er am Gürtel trägt. Seine Hände hängen locker herab, aber ich wette, er kann die Waffe schnell ziehen. Sehr schnell.
„Das habe ich eigentlich nicht vor.“
„Sondern?“
„Wie ich schon sagte, ich suche einen Job.“
„Und dafür kommst du mit mir in meine Wohnung? Allein?“
„Willst du mich denn töten? Oder vergewaltigen?“ Ich schenke ihm ein Lächeln.
„Ich habe gesehen, wie du kämpfen kannst, daher glaube ich nicht, dass ich mit Gewalt gegen dich etwas ausrichten könnte. Ich könnte dir einen Drink anbieten und dich betäuben.“
„Vielleicht. Aber ziemlich viel Aufwand wofür?“
„Nun, du bist hübsch, ich stehe vielleicht auf so was. Wobei du dir mit deiner Kleidung Mühe gibst, dich hässlich wirken zu lassen.“
„Oh, das war gar nicht mal meine Absicht. Hast du einen Job für mich?“
Er sieht mich nachdenklich an. „Du hast in der Bar ziemlich lange überlegt, bevor du Streit angefangen hast, und dir alle Leute genau angesehen.“
„Das ist wahr. Ich wollte mir meinen zukünftigen Arbeitgeber sorgfältig aussuchen. Du warst der Einzige, der nach Macht aussah.“
„Tatsächlich?“
Ich nicke.
„Also gut. Woher kommst du? Was hast du vorher gemacht?“
„Das habe ich vergessen.“
„Vergessen?“
Ich nicke erneut.
„Hm. Komm mal mit.“
Ich folge ihm neugierig. Dass er mir nicht glaubt, ist klar. Aber was er jetzt vorhat, das durchschaue ich nicht. Er schafft es, mich zu überraschen, denn er öffnet die Tür, die zum Badezimmer führt.
„Ich warte auf dich. Nimm dir ruhig so viel Zeit, wie du brauchst.“
Mir liegt schon die Frage auf der Zunge, ob er alle Nutten so behandelt, aber ich verkneife es mir. Eigentlich glaube ich nicht, dass er mich wie eine Nutte behandelt. Vielleicht ist er einfach sehr empfindlich oder gar hochsensibel. Würde ich ihm zutrauen. Und ich habe geschwitzt, außerdem rieche ich nach Alkohol und Zigarette. Von der nicht sehr aufregenden Kleidung aus Omars Fundus ganz zu schweigen.
Also betrete ich schweigend an ihm vorbei das Badezimmer und er schließt die Tür.
Das Bad ist groß und hell durch indirekte Ausleuchtung. Den Mittelpunkt bildet eine große, fast quadratische Wanne, die in den Boden eingelassen ist. Am Rand rundherum eine Sitzbank. Die Wasserhähne kommen aus dem Boden, die Temperatur wird elektronisch über einen Touchscreen eingestellt.
Wow.
Ich ziehe mich vollständig aus, mache den Zopf auf und programmiere das Badewasser. Auch die Zusätze lassen sich einstellen, viele der Düfte kenne ich nicht. Aber es ist auch Vanille dabei, das kann ich wohl riskieren.
Während das Wasser einläuft, sehe ich mich weiter um. Zwei Waschbecken mit Spiegel, alles in Chrom. In die Wände eingebaute Schränke bis zur Decke. Als ich einen neugierdehalber öffne, fällt mein Blick als Erstes auf einen Rasierer und eine Flasche mit Intimlotion. Für die gepflegte Dame, steht darauf.
Ups?
Ich bezweifle, dass er damit gerechnet hat, ich entdecke das. Aber falls es seiner Freundin gehört oder gehört hat, scheint er auf glatte Muschis zu stehen. Da ich ihn dazu verführen will, das zu tun, was ich möchte, sollte ich den Rasierer benutzen.
Lange her, dass ich mich zuletzt rasiert habe. Genauer gesagt, Katharina hat es getan.
Ich lege die Utensilien neben die Wanne und setze mich ins Wasser. Meine verschwitzten Schamhaare müssen eh erst einweichen. In der Zwischenzeit sehe ich mir die Lotion an. Sie scheint sowohl vorher als auch nachher das Mittel der Wahl zu sein. Nun denn.
Ich lehne den Kopf zurück und starre die Decke an. Welchen gottverdammten Grund hat Loiker für sein Verhalten? Ich habe nicht das Gefühl, dass er mir gefährlich werden will, höchstens für meine Unschuld, wenn ich die noch hätte, aber trotzdem ist es schon seltsam, wie er reagiert. Karui schien auch dieser Ansicht zu sein.
Schließlich setze ich mich auf den Rand der Wanne, die Füße auf die Sitzbank gestellt, Beine gespreizt. Die Lotion riecht angenehm, aber ich kann den Duft nicht benennen. Ich massiere sie in meine Schamhaare ein und warte einen Moment, bevor ich den Rasierer ansetze. Die Klingen sind scharf und das Öl hilft viel. Nach wenigen Minuten ist meine Muschi so was von glatt. Loiker, wenn du darauf stehst, wirst du deine Freude haben.
Ich säubere den Rasierer und räume alles weg, dann suche ich mir einen kurzen,weißen Bademantel aus Frottee aus. Da hängen mehrere auf einer Stange neben der Tür. Manche wären mir viel zu groß, einige wiederum für Loiker definitiv zu klein. Wie zum Beispiel der, den ich trage.
Ich begutachte mich kurz im Spiegel. Der Mantel ist echt sehr kurz, erinnert mich an meinen peinlichen Auftritt auf Katharinas Anwesen, als James entführt worden war. Aber hier passt es. Die nassen Haare hängen in die Stirn und auf die Schultern. Seltsam, dass ich sie so lang lasse. Aber irgendwie gefällt es mir so. Nach so vielen Jahren mit kurzer Strubbelfrisur mal was anderes.
Als ich die Tür öffne, gibt es eine Überraschung.
Loiker steht an der Bar, mit dem Rücken zu mir. Ich kann seinen knackigen Hintern bewundern und das Spiel seiner Muskeln. Er hat definitiv weniger an als ich. Und das steht ihm, das muss ich anerkennen.
„Wow“, sage ich.
Er wirft einen Blick über die Schulter zurück und grinst. Ich gehe näher heran, er dreht sich um und hat zwei Drinks in den Händen. Sie sehen aus wie Whisky und riechen auch so ähnlich. Er reicht mir ein Glas.
„Auf dein Wohl.“
„Cheers“, erwidere ich und entlocke ihm ein Stirnrunzeln. Anscheinend ist dieses Wort hier nicht gebräuchlich. Egal.
Ich nippe an meinem Drink. Es schmeckt ähnlich wie Whisky. Was genau es ist, weiß ich nicht, und ich frage lieber nicht danach. Diese Blöße will ich mir nicht geben.
„Das ist unfair“, sagt er dann. Auf meinen fragenden Blick sieht er meinen Mantel an. Jetzt muss ich grinsen, reiche ihm mein Glas und lasse den Bademantel auf den Boden fallen.
Während er mir mein Glas zurückgibt, betrachtet er mich gründlich.
„Deinem Bauch sieht man an, dass du sehr durchtrainiert bist. Und du hast dich rasiert.“
„Ich dachte, das könnte dir gefallen.“
„War sicher nicht schwer zu erraten.“
„Das stimmt allerdings.“
Er lächelt und nimmt einen Schluck von seinem whiskyähnlichen Drink, gleichzeitig legt er die freie Hand zwischen meine Beine. Das kribbelt. Ich werde mich sicher nicht ihn verlieben, aber der Sex mit ihm wird trotzdem Spaß machen. Immerhin etwas. Besser als die eigenen Hände in den letzten Wochen, auf der verzweifelten Suche nach dem Gefühl der Geborgenheit, die mir Askan gegeben hatte. Dieses Gefühl wird mir Loiker auch nicht geben können. Drei von vier Menschen, die mir das je gegeben hatten, sind tot, der vierte irgendwo, hoffentlich noch am Leben. Okay, kein Mensch, zumindest nicht hundertprozentig.
Mir fällt David ein. Er hätte der erste von fünf Menschen werden können, dieses Arschloch. Und irgendwie habe ich damit wohl immer noch nicht abgeschlossen. Das ist doch bescheuert.
Ich schenke Loiker ein Lächeln und umfasse seinen Schwanz mit der freien Hand. So, wie es aussieht, sind wir beide bereit.
Er nimmt mir mein Glas weg und legt es zusammen mit seinem auf der Bar hinter ihm ab. Dann umfasst er mit den Händen meine Pobacken und hebt mich hoch. Ich schlinge die Beine um ihn und führe sein Glied ein.
Der Sex ist kurz und heftig. Beim ersten Mal jedenfalls. Das zweite Mal, dann aber im Bett, lassen wir uns mehr Zeit.
Ich finde die Decke irgendwie langweilig. Glattes Weiß. Etwas Verzierung wäre bestimmt hübsch. Katharinas Anwesen war voll mit Zimmern gewesen, die unterschiedlich gestaltet waren. Auch die Decken. Katharina ist zwar in vielerlei Hinsicht rational, aber sie hat auch eine ästhetische Seele in sich.
„Warum ist die Zimmerdecke so langweilig?“, erkundige ich mich.
„Was?“
„Die Zimmerdecke. Sie ist langweilig. Weiß, glatt. Nichts fürs Auge. Warum?“
Loiker starrt mich an, nicht die Decke. Allerdings dürfte er seine Decke bereits gut kennen.
„Wieso beschäftigst du dich mit der Zimmerdecke?“, fragt er entgeistert.
„War halt gerade im Blickfeld“, erwidere ich.
Wir liegen nebeneinander auf dem Bett, rücklings. Meine Beine sind an den Knöcheln gekreuzt, die Hände habe ich unter dem Nacken verschränkt. Loiker liegt rechts von mir mit angewinkeltem rechten Bein. Die Zehen seines linken Fußes spielen mit meiner linken Fußsohle. Er will mich wohl zum Lachen bringen. Das heißt, jetzt haben die Zehen mit ihrem schändlichen Tun aufgehört, sie sind wohl genauso fassungslos wie ihr Besitzer.
„Um ehrlich zu sein, war mir die Zimmerdecke bisher ziemlich egal. Und das wird auch so bleiben, glaube ich.“
„Wirklich wichtig ist es ja nicht. Aber es wäre doch hübsch. Sieht sich sonst niemand die Decke an?“
„Jedenfalls hat noch nie jemand etwas deswegen gesagt.“
„Na gut.“
Loiker dreht sich auf die Seite, stützt den Kopf auf der linken Hand auf und legt die andere Hand auf meine linke Brust. Seine Handfläche streichelt leicht meine Brustwarze.
Ich atme tief ein.
Grinsend lässt er die Hand tiefer wandern und erkundet mit den Fingerspitzen meine Bauchmuskeln. Diese haben es ihm anscheinend sehr angetan.
„Ich habe noch nie eine Frau mit derart ausgeprägter Bauchmuskulatur gesehen“, sagt er dann. „Selbst Frauen, die schlank sind, Sport treiben, sehen nicht so aus. Wie kommt das?“
„Ich muss gestehen, ich habe über meine Bauchmuskeln noch nicht nachgedacht. Die waren schon immer so, seitdem ich denken kann.“ Beinah erzähle ich über den Ballettunterricht als Kind, und über den Kampfsport, aber ich glaube, das würde ihn eher irritieren. In dieser Welt gibt es das entweder nicht oder zumindest nicht für Frauen. Eigenartig. Okay, ich habe wirklich einen selbst für irdische Verhältnisse muskulösen Bauch, aber auf der Erde gab es trotzdem noch mehr Frauen, die so aussahen, keineswegs nur Bodybuilder. Intensiver Sport, insbesondere wenn er korrekte Atmung erfordert, hat das als Auswirkung. Weibliche Ninja Warriors sehen doch auch oft so aus, sonst kommen sie nicht mal bis Stage 2. Sahen. Sie sahen so aus.
Na egal. Ich bin ja nicht auf der Erde.
„Hier dagegen siehst du aus, wie andere schöne Frauen auch.“ Seine Finger gleiten weiter nach unten.
„Äh … Meinst du wirklich, nur schöne Frauen haben eine schöne Muschi?“
„Andersherum. Jede Frau mit einer schönen Muschi ist schön.“
Eine interessante Logik. Ich muss mich sehr beherrschen, nicht in den Feministin-Modus zu schalten, das würde er nicht unverletzt überstehen, und ich brauche ihn noch.
„Siehst du das anders? Eigentlich ist das doch gut, wenn Frauen nicht nur nach ihrem Gesicht beurteilt werden.“
„Loiker, wir sollten das Thema wechseln.“
„In Ordnung. Wieso habe ich noch nie von dir gehört?“
Vielleicht hätten wir doch beim anderen Thema bleiben sollen. Aber jetzt ist es zu spät. Ich drehe den Kopf so, dass ich ihn direkt ansehen kann. Er erwidert den Blick offen.
„Wieso hast du mich mitgenommen?“, erwidere ich.
Seine Miene verdüstert sich kurz. Wirklich nur sehr, sehr kurz. Aber mir entgeht es nicht.
„Ich schätze, ich bewahre mein Geheimnis, du deins“, sagt er nach einer Weile.
„Deal.“
„Wie bitte?“
„Wir haben einen Deal, wir sind uns einig.“
„Okay. Den Ausdruck kannte ich noch nicht. Deal.“
Ich schenke ihm ein Lächeln.
„Also gut, ich will dir den Job geben. Doch du brauchst andere Kleidung, und wenn ich richtig gesehen habe, hast keine andere Kleidung. Wir werden also nachher einkaufen gehen und dich einkleiden. Und danach bringe ich dich zu meinem Großvater, denn er hat das letzte Wort.“
„Er stellt jeden persönlich ein? Wie viele Sicherheitsleute gibt es denn?“
„Zehntausende. Nur die wenigstens kennt er persönlich. Aber du bist kein Fußvolk. Ich will dich in meiner Leibwache haben …“
„So, so …“
„… und da will er persönlich entscheiden“, fährt er unbeirrt fort. „Erst recht ein Grund, dir vernünftige Kleidung zu besorgen.“
„Ich könnte ja nackt gehen. Vielleicht erhöht das die Chancen. Oder ist er zu alt dafür?“
„Im Gegenteil, und schon darum gehst du ganz sicher nicht nackt.“
Ich mustere ihn erstaunt. Ich hätte erwartet, dass er wenigstens ansatzweise grinst, aber er ist stattdessen sehr ernst geworden. Was verbergen sich wohl für Dramen hinter all dem? Loikers grüne Augen wirken leicht verschleiert in diesem Augenblick, und ich frage mich, wie sein Verhältnis zu seinem Großvater wohl sein mag. Und was mit seinem Vater ist. Ich unterdrücke den Impuls, nach Letzterem zu fragen. Ist gerade kein guter Zeitpunkt, schätze ich.
„Was genau meintest du eigentlich mit nachher?“, erkundige ich mich.
Endlich lächelt er wieder. „Was vermutest du?“
Ich taste mit der rechten Hand nach seinem Schwanz. Da seine rechte nach wie vor zwischen meinen Beinen liegt, könnte es ja sein. Immerhin haben wir schon einige Stunden in seinem Bett verbracht und uns schlafend erholt. Ich auf jeden Fall.
Und er auch, wie ich herausfinde.
Seine Finger erforschen meine Bereitschaft und scheinen ob des Ergebnisses nicht unzufrieden zu sein.
„Danach müssen wir duschen“, sagt er.
„Hoffentlich.“
Er grinst breit, dann beugt er sich über mich und küsst mich.
Nein, ich werde mich nicht in ihn verlieben. Aber ich mag ihn, das steht fest. Er hat was. Eine unverbrauchte Offenheit, die einen seltsamen Gegensatz zu seinem Selbstbewusstsein bildet. Meine Sympathie für ihn erleichtert mir das, was ich gerade tue. Es macht mir sogar Spaß, ich kann es genießen. Nicht mich fallenlassen, dafür bräuchte es etwas mehr, vor allem echtes Vertrauen. Aber ich habe ja oft Sex gehabt, ohne mich fallenzulassen und es trotzdem genossen.
Unser Gespräch bleibt nicht ohne Folgen, das wird mir klar, als er mich sachte auf den Bauch dreht und von hinten in mich eindringt. Die anderen Male war ich oben oder auf Augenhöhe. Jetzt dominiert er.
Ich erlaube es. Auch, dass er meinen Kopf anhebt, mein Gesicht dreht und mich von oben küsst. Aber ich schiebe meine rechte Hand von unten zwischen meine Beine und berühre meine Klitoris. Es entgeht ihm nicht, aber er reagiert nicht.
Er kommt vor mir und lässt sich danach auf mich sinken. Ich ziehe mein rechtes Bein an und verschaffe so meiner Hand wieder Bewegungsfreiheit. Mit der anderen Hand packe ich seine Haare und drücke mein Gesicht gegen das Bett, bis ich stöhnend meinen Höhepunkt habe.
„Ich würde gerne wissen, was in deinem hübschen Köpfchen vorgeht.“
Ich hebe selbiges und habe das Gefühl, wieder in dieser Welt angekommen zu sein. Dabei muss ich daran denken, dass auch Katharina ähnliche Sprüche loszulassen pflegte. Ich bin doch keine Puppe?
„Sex, Sex, Sex.“
„Ja, sicher“, sagt er lachend. „Du willst es also nicht verraten.“
„Habe ich doch.“
Kopfschüttelnd erhebt er sich und kehrt mit Essen zurück. Etwas Ähnliches wie Brot mit einem Aufstrich. Eigentlich ist es Brot. Woraus auch immer. Aber vielleicht habe sie ja sogar Getreidefarmen hier, halt ohne echte Sonne. Irgendwie muss es gehen, denn gewöhnliche Menschen würden ohne die Sonne vermutlich sowieso sterben. Oder sie müssten Vitamin D schlucken. Meinem Kriegerkörper ist das ja egal. Hoffe ich jedenfalls.
Ich setze mich im Schneidersitz auf und wir essen schweigend. Dabei sieht er mich an. Ich wünschte, er würde meine Titten anstarren, nicht mein Gesicht. Selten, dass es mir unangenehm ist, so beobachtet zu werden.
Jedenfalls bin ich froh, als wir fertig sind und gemeinsam duschen gehen. Zwar gibt es dabei keinen Sex mehr, aber wir seifen uns gegenseitig ein und zum Schluss trocknen wir uns auch ab. Irgendwie komme ich mir vor wie bei einem meiner ersten Dates. Was ich ziemlich befremdlich finde. Zwar glaube ich an Liebe auf den ersten Blick, mit Phil hatte ich sie ja erlebt, aber Loiker wirkt dafür zu zurückhaltend. Dennoch benimmt er sich, als wäre er verliebt, und zwar zum ersten Mal.
„Wo sind eigentlich meine Sachen?“, erkundige ich mich. „Oder soll ich nackt shoppen gehen?“
Er schüttelt den Kopf. „Die Männersachen, die du anhattest, habe ich weggeworfen, als du geschlafen hast. Carli hat dir etwas von ihren Sachen leihweise gebracht, während du gebadet hast.“
„Okay. Habe gar nichts davon mitbekommen.“
Carlis Sachen dürften mir auf jeden Fall passen. Eine knöchellange Stretchhose in Dunkelblau, ein hellblaues T-Shirt, Unterwäsche und Slipper. Die Dame hat ein gutes Auge für Farben, stelle ich für mich fest, während ich mich im Spiegel betrachte.
„Das sieht doch schon ganz anders aus“, meint Loiker.
Als ich meine Haare binden will, schüttelt er den Kopf. „Mir gefallen sie offen besser. Dein Gesicht wirkt dann freundlicher.“
„Freundlicher?“
„Ja. So, wie deine Haare vorhin waren, sahst du aus, als möchtest du jemanden töten.“
Ich verkneife mir die Bemerkung, dass das nicht an den Haaren lag. Wenn er sie offen haben will, soll mir das recht sein. Praktischer sind sie als Zopf, aber das spielt im Moment eh keine große Rolle. Also nicke ich lächelnd.
Wir verlassen das „Haus“, in dem sich seine Wohnung befindet, und fahren zu zweit mit einer Bomo etwa eine Viertelstunde. Dabei geht die Fahrt sowohl horizontal als auch vertikal. Der Aufzug, falls dieser Name überhaupt passt, aber daran erinnert er mich nun einmal, ist praktisch quadratisch. Wenn er die Richtung ändert, bleibt er kurz stehen, bevor er sanft anfährt. Auf dem Touchscreen wird angezeigt, wo er sich befindet.
Auf diese Weise erreichen wir F687 und treten aus der Kabine in eine riesige, künstlich, dafür aber sehr hell ausgeleuchtete Halle. Ich komme mir vor wie in einer Extremversion der größten Mall Skylines. So ungefähr hätte mal vielleicht die New South China Mall aussehen können, wenn die Erde lange genug existiert hätte, dass endlich alle Geschäfte belegt gewesen wären.
„Das ist einer unserer größten Einkaufsbezirke“, sagt Loiker, als er meinen Gesichtsausdruck sieht.
„Nett“, erwidere ich. „Warum ist hier eigentlich alles in Bezirke unterteilt? Alles auf einem Haufen. Bars, Geschäfte, Wohnanlagen. Warum nicht hübsch verteilt?“
„Das wäre dann viel schwerer zu organisieren und zu bewachen. So ist alles schön übersichtlich. Immerhin wohnen in Lomas 110 Millionen Menschen, wenn wir die Reisenden nicht berücksichtigen. Selbst so ist das eine gewaltige Aufgabe.“
„Und für die Sicherheit aller 110 Millionen plus Reisender ist dein Großvater zuständig?“
Loiker nickt. Okaaay … Das relativiert einiges ein wenig. Mir war zwar klar, dass Lomas groß ist, aber der E-TERM von Omar hat andere Zahlen angezeigt. Warum auch immer. Ob die Bewohner absichtlich mit falschen Zahlen gefüttert werden?
„Gibt es eigentlich noch mehr … Bahnhöfe?“, erkundige ich mich.
„Ja. Ich weiß von insgesamt sieben. Lomas ist der größte, Kisre der kleinste. Die anderen heißen Sodiak, Mahr, Hedik, Langro und Olsko. Und ich wundere mich gerade, dass du das nicht weißt.“
Ich gehe darauf nicht ein. Er scheint das zu akzeptieren, denn er führt mich nun in eins der vielen Bekleidungsgeschäfte. Hier scheint man ihn bereits zu kennen. Er wird mit Namen begrüßt und wir werden in einem separaten Raum begleitet. Hier steht eine Sitzgruppe mit Getränken, es gibt mehrere wandhohe Spiegel und anscheinend gehört eine eigene Verkäuferin auch dazu.
Loiker erklärt ihr, dass ich eine Grundausstattung an Freizeitkleidung für verschiedene Anlässe benötige, die gut zu der Farbe meiner Haare und meiner Augen passt.
Ich wende mich schnell ab und frage nach meiner Augenfarbe.
„Grau“, antwortet er, ohne zu zögern. „Ein ganz helles Grau, leicht ins Bläuliche schimmernd, sich verdunkelnd, wenn du über etwas unbegeistert bist. Oft von einer Kälte, dass viele Menschen sicherlich Gänsehaut von deinem Blick bekommen.“
Ups. Das ist interessant.
„Danke, so genau wollte ich das gar nicht wissen“, murmele ich und übersehe bewusst das angedeutete Grinsen der Verkäuferin.
Sie bringt mir dann verschiedene Sachen, unter anderem ein Kostüm, ein Kleid, eine Jeans-Hemd-Kombination, eine andere Kombination mit einer Bundfaltenhose. Ich ziehe alles brav an und präsentiere mich dann Loiker. Schließlich bezahlt er ja. Er entscheidet sich für ein relativ schlichtes, aber elegantes Kleid in hellem Blau mit passenden Schuhen, für die Jeans-Kombination und für ein Rockkostüm. Er bezahlt mit seiner ID-Karte und bittet um Lieferung nach Hause. Wo genau das ist, scheint man bereits zu wissen, was wiederum mich gar nicht wundert.
Ich behalte die Jeans an, dazu eine grau-blaue Bluse und ein sehr leichtes Jeansjäckchen. Passend schwarze Stiefeletten und für fremde Augen unsichtbar ein Tanga und ein Soft-BH, leicht transparent, ergänzen mein Outfit. Geschmack hat er ja, das lässt sich nicht leugnen.
„Jetzt können wir meinen Großvater besuchen“, sagt Loiker.
Wir benutzen eine Bomo, um zu einem Bahnhof der Magnetbahn zu gelangen. Da ich mich noch an meine Reise mit dem Dummschwätzer erinnere, frage ich mich im Stillen, wie lange wir wohl unterwegs sein werden. Wenn alles in Bezirke unterteilt ist, wird sich die Sicherheitszentrale nicht in der Nähe befinden, sondern zum Beispiel in der Mitte von Lomas. So würde ich es zumindest machen.
Aber erst einmal Mund halten und beobachten, beschließe ich.
Das ist eine durchaus gute Idee, wie mir schnell klar wird. Wir fahren nämlich nicht mit der gewöhnlichen Magnetbahn. Mit seiner Karte öffnet Loiker eine Tür, die laut Beschriftung nur fürs Sicherheitspersonal gedacht ist. Dahinter verbirgt sich ein langer Korridor mit vielen geschlossenen Türen. Am Ende führt eine Treppe eine Ebene tiefer und zu einem Bahnsteig, der ziemlich leer ist.
Loiker tritt zu einem Touchscreen und macht irgendetwas, stellt sich aber so, dass ich nichts erkennen kann. Den Bewegungen seiner Arme nach tippt er zwischendurch etwas.
Danach kommt er zu mir und lächelt mich an. „Jetzt warten wir.“
Ich verkneife mir eine Frage, die eigentlich naheliegend wäre. Gerade deswegen stelle ich sie nicht. Nach einer Weile lächelt er wieder.
Wir warten nicht lange. Nach geschätzt zehn Minuten kommt ein Zug an. Er ist kurz, genau genommen besteht er aus einem einzigen Wagen, der auch den Antrieb enthält. Er ist leer. Nachdem wir ihn betreten haben, schließt sich die Tür und der Zug setzt sich in Bewegung. Sobald er sich in der evakuierten Röhre befindet, beschleunigt er, und zwar weit stärker und länger als der Zug, in dem ich gefahren bin.
Die Einrichtung ist durchaus edel und erinnert mich an die Erste Klasse von großen Langstreckenfliegern. Eine Bar gibt es auch. Loiker macht uns zwei Drinks, während ich mich in einen gemütlichen Sessel setze.
Nachdem er auch sitzt, prostet Loiker mir zu, nimmt einen Schluck und sagt dann: „Bevor du vor Neugierde noch platzt und hier alles versaust, erzähle ich dir lieber, dass das die Express-Magnetbahn ist, die nur den Sicherheitsleuten zur Verfügung steht. Der Chefwagen, den wir gerade nutzen, kommt allerdings nur, wenn man den Code dafür kennt, sonst fährt man in einer etwas schlichteren Variante durch die Gegend. Aber es ist nötig, damit im Notfall das Sicherheitspersonal schnell genug überall hinkommt. Wir werden etwa eine Stunde unterwegs sein.“
„Genießen Sie den Flug mit Loiker-Airlines“, erwidere ich.
Er zieht die Augenbrauen hoch. Airlines wird ihm nichts sagen, vom Fliegen hat er womöglich auch noch nie etwas gehört. Fiona, halt am besten die Klappe, wenn du nichts zu sagen hast.
„Gibt es hier Kameras?“, frage ich.
Loiker braucht nicht lange, um zu verstehen. Dann nickt er, steht auf und geht zu einer Tür. Dahinter verbirgt sich ein kleines, aber durchaus luxuriöses Schlafzimmer. Das Bett ist erkennbar frisch bezogen, alles sauber.
Okaaay …
Grinsend erhebe ich mich und gehe an ihm vorbei ins Schlafzimmer. Dabei berühre ich mit der Hand kurz sein Gesicht.
Er folgt mir und schließt die Tür.
Die Sicherheitszentrale ist groß. Sehr groß. Sehr, sehr groß. Und hat einen eigenen Bezirk, A0. Loiker bemerkt meinen Gesichtsausdruck beim Aussteigen und bemerkt: „Aus vor allem logistischen Gründen befinden wir uns in der Mitte von Lomas. In der geometrischen Mitte. Deswegen A0.“
„Nur deswegen.“
„Natürlich.“ Loiker bleibt stehen und zwingt mich dadurch, ebenfalls stehen zu bleiben und mich umzudrehen. „Hör zu, mein Großvater ist kein angenehmer Mensch. Das sage ich dir einfach so und jetzt schon. Vermutlich hast du dir das aber bereits gedacht. Er ist ein guter Sicherheitschef, aber als Mensch … Aber das mit A0 ist ihm, glaube ich, vollkommen egal. Zumal das vor seiner Zeit schon so war. Es verfügt über eine gewisse Eitelkeit, was seine eigene Person angeht. Ansonsten ist es ihm egal, was andere Leute über ihn denken.“
„Ist gut.“
„Nein, gut ist das nicht, aber es ist eben so. Komm.“
Wir betreten eine Bomo und er gibt die Schlüsselnummer A0.01 ein. Das sagt ja alles. Zumindest über unser Ziel. Die Bomo verlangt nach einer ID-Karte und der Angabe eines Passworts. Erst nachdem Loiker das Passwort eingegeben hat, schließt sich die Tür und setzt sich die Bomo in Bewegung.
„Das Passwort ist nur nötig wegen A0.01?“, erkundige ich mich.
„Genau.“ Loiker lächelt leicht. „Die gesamte Sicherheitszentrale ist ziemlich groß, denn hier wird alles gesteuert, was die Sicherheit von Lomas betrifft. Lomas ist ja in zehn Hauptbezirke A bis J unterteilt. Für jeden Hauptbezirk ist ein General zuständig, der direkt meinem Großvater untersteht. Darunter kommen dann die Bezirke, bis zu 999 pro Hauptbezirk. Von hier aus werden Notrufe entgegen genommen, Daten ausgewertet, es gibt Monitorräume für die Kameras, zentrale Einsatzleitungen zusätzlich zu denen vor Ort, die Verwaltung des Ganzen ist natürlich auch hier.“
„Also eigentlich eine eigene Stadt.“
„Eine was?“
Ich beiße mir auf die Unterlippe. Zwar gibt es in der hiesigen Sprache ein Wort für Stadt, nur kennen sie die Bedeutung offensichtlich nicht. Zu blöd, dass hier anscheinend alle dieselbe Sprache sprechen, im gesamten Universum. Wobei, es hat ja durchaus auch Vorteile für mich. Wenn ich jetzt auch noch eine neue Sprache lernen müsste, wäre das suboptimal.
„Habe ich wohl irgendwo mal gelesen“, erwidere ich.
Loiker sagt nichts, was vor allem daran liegt, dass wir unser Ziel erreichen. Die Tür gleitet auf und gibt den Blick auf einen kurzen Korridor frei. Und auf Karui.
„Ihr werdet schon erwartet“, sagt er zur Begrüßung. „Kommt mit.“
Ich habe das Gefühl, Sana Maruka ist nicht begeistert über die Wahl seines Enkels. Und das könnte durchaus etwas mit Karui zu tun haben. Ich sehe Loiker an, dass er ähnliche Gedanken hat, denn er macht ein ziemlich finsteres Gesicht.
Wir begeben uns in ein Vorzimmer, klassisch, mit hübscher Sekretärin in weißer Bluse und hellrotem, knielangen Rock, Schuhe mit hohen, aber nicht zu hohen Absätzen, vielleicht sieben Zentimeter, die Haare hochgesteckt, dezent, aber deutlich geschminkt. Sie hält uns die Tür zum Büro des großen Chefs auf, lächelt Loiker an und fragt mich, ob ich Kaffee haben möchte, aber mit einem Unterton, als würde sie mich am liebsten umbringen.
Dabei will ich doch gar nichts von ihrem Chef.
Zugegeben, der sieht gut aus. Groß, nicht so schlank wie Loiker. Graue Haare, stahlblaue Augen. Breite Schultern, durch die selbst der leichte Bauchansatz sexy wirkt. Definitiv über 60. Was jetzt nicht so erstaunlich ist, wenn man bedenkt, dass er einen erwachsenen Enkel hat. Mindestens einen.
Er trägt ein hellgraues Hemd und helle Jeans. Fast wie ich. Aber er hat keine Stiefeletten an. Würden auch nicht zu ihm passen, schätze ich.
Er reicht mir zu Begrüßung die Hand und mustert mich eingehend. Inklusive Ausziehen. Dass er meine Bluse am Ausschnitt nicht vorzieht, um einen Blick auf meine Brüste zu erhaschen, ist fast ein Wunder. Okay, es würde nicht zu ihm passen. Er ist eher der Typ, der einem Mädchen die Bluse vom Leib reißt.
„Setzt euch“, sagt er und nimmt in einem cremefarbenen Sessel Platz. Auf dem kleinen Couchtisch daneben steht ein Glas mit der whiskyähnlichen Flüssigkeit drin. „Wie geht es dir, Loiker? Hast schon lange kein Mädchen mehr hergebracht.“
Loiker lächelt etwas gezwungen. Am liebsten würde er vermutlich antworten, er soll sich gefälligst seine Mädchen selbst besorgen. Aber das geht natürlich nicht. Also sagt er lieber gar nichts.
Sana wendet seine Aufmerksamkeit mir zu.
„Du bist also die berühmte Discokämpferin? Karui hat mir erzählt, wie du gekämpft und den Taser fast ignoriert hast.“
„Mein Name ist Fiona“, erwidere ich.
Er stutzt kurz, dann winkt er grinsend ab. „Und ich bin Sana. Soweit ich weiß, willst du Loikers Leibwächterin werden?“
„Ich will sie als Leibwächterin haben“, unterbricht ihn Loiker. „Sie hat bewiesen, dass sie das kann. Karuis Männer hätten sie nicht aufhalten können.“
„Im Ernstfall hätte das anders ausgesehen“, sagt Karui mit hochgezogenen Augenbrauen.
„Ach ja? Ihr wusstet nicht, dass es kein Ernstfall war.“
„Dann wäre sie anders vorgegangen, und das hätten wir sehr wohl gemerkt.“
Ich betrachte ihn lächelnd. „Ich bin gerne bereit zu einem entsprechenden Test.“
„Vielleicht später“, entgegnet Sana. „Das würde ich durchaus gerne sehen. Doch jetzt interessiert mich, wo du gelernt hast, so zu kämpfen.“
„Von meinem Lehrer.“
„Von deinem Lehrer? Wie heißt er denn?“
„Du kennst ihn nicht.“
Sana starrt mich ungläubig an, dann Loiker. „Das meint sie nicht ernst?“
„Warum nicht?“, erkundige ich mich neugierig.
„Mädchen, du weißt doch, wer ich bin? Wenn ich dich frage, wer dein Lehrer ist, dann sagst du es mir einfach. Das ist doch nicht so schwer zu verstehen.“
„Wie gesagt, du kennst ihn nicht.“
„Fiona …“ Loiker klingt erschrocken. Ich wende meinen Blick nicht von Sana ab, der ihn problemlos erwidert.
„Mädchen, bevor ich jemanden ein Familienmitglied bewachen lasse, leuchte ich denjenigen durch, aber so, dass ich hinterher sogar weiß, in welcher Farbe der pisst.“
„Kein Problem. Ich pisse dir gerne, wohin du auch immer es möchtest.“
„Fiona?“ Loiker ist jetzt nicht erschrocken, sondern fassungslos.
Aus dem Augenwinkel sehe ich, dass Karui sich in Bewegung setzen will, aber Sana hält ihn mit einer Handbewegung zurück. Er grinst.
„Mir gefällt es durchaus, dass du Mut genug hast, so mit mir zu reden. Das weiß ich zu schätzen. Aber ich kann es nicht dulden. Über die Strafe dafür reden wir später noch. Solange ich aber nicht weiß, wer du bist, wo du herkommst, solange wirst du hier bleiben. Es wäre klüger, du würdest es nicht darauf ankommen lassen, welche Methoden ich bei dir anwenden lasse. Ich kann es dir auch so sagen: jede, die nötig ist.“
„Das glaube ich dir sofort“, erwidere ich ruhig. „Du hast die Verantwortung für die Sicherheit ziemlich vieler Menschen, der wird man nur gerecht, wenn man bereit ist, konsequent zu handeln. Dennoch kann ich dir einige Antworten nicht geben.“
„Kannst du nicht oder willst du nicht?“
„Es gibt auch andere Möglichkeiten …“, beginnt Loiker, doch sein Großvater bringt ihn mit einer Geste zum Schweigen.
„Nun?“
„Das Zweite ergibt sich aus dem Ersten“, antworte ich.
„Blödsinn. Das heißt, du willst nicht. Ich werde es dennoch erfahren. Karui, ruf deine Leute, ich will, dass sie befragt wird.“
„Das ist nicht dein Ernst!“, sagt Loiker aufgebracht. „Ich habe sie nicht hergebracht, damit deine Folterknechte über sie herfallen!“
Hm. Diese Entwicklung gefällt mir nicht wirklich. Offensichtlich habe ich Loikers Einfluss überschätzt. Wobei, das war mir schon klar, als ich diesen Raum betreten habe und Sana sah. In erster Linie ist er Sicherheitschef, dann ein Mann und irgendwann, vielleicht an zehnter Stelle, Großvater. Okay, Loiker hat mich ja durchaus vorgewarnt. Aber die tatsächliche Entwicklung scheint auch ihn zu überraschen.
„Loiker, du hast jemanden zu mir gebracht, über den wir gar nichts wissen, außer, dass sie gut genug kämpfen kann, um sehr gut ausgebildete Leibwächter auszuschalten, ohne eine Waffe zu benutzen. Wenn eine junge Frau, die mir nicht einmal bis zum Kinn reicht, das kann, dann will ich wissen, warum sie das kann und was sie will. Es war dumm von dir, sie herzubringen.“
„Ich vertraue ihr!“
„Aber ich nicht.“ Mittlerweile sind zwei Männer angekommen, die den Eindruck machen, dass sie kein Problem damit haben, jeden zu erschießen, auf den Karui zeigt. „Bringt sie in eine Zelle und sagt Jopeh Bescheid.“
„Was?“ Loiker wird bleich. „Du willst sie foltern lassen?“
„Ich will Antworten haben. Sie wird ja Zeit haben, vorher noch einmal darüber nachzudenken.“
Loiker wendet sich an mich: „Bitte tue jetzt nichts Unüberlegtes! Die beiden erschießen dich, ohne zu zögern! Ich kümmere mich darum.“
Dessen bin ich mir grad nicht so sicher, aber ich beschließe, es darauf ankommen zu lassen und nicke. Darum wehre ich mich auch nicht, als meine Hände hinter meinem Rücken mit Handschellen gefesselt werden. Während die wandelnden Kleiderschränke mich hinausbegleiten, werfe ich einen Blick auf Sana.
Liebe Verwandtschaft, immer nur Ärger mit denen.
Meine neue Unterkunft ist eine schlichte Zelle, wenigstens ohne die Handschellen. Ich setze mich auf die Pritsche und warte. Entweder holt Loiker mich hier raus oder die Folterknechte. Im letzteren Fall muss ich sehen, wie ich damit umgehe. Eigentlich möchte ich die Anwendung von Magie nach Möglichkeit vermeiden, zumal ich das Gefühl habe, dass sie hier nicht einmal bekannt ist. Wobei, das hätte ich eine Ebene höher auch gedacht, wenn ich darüber nachgedacht hätte, bevor ich erfuhr, dass ich falsch gedacht hätte. Insofern sollte ich mit solchen Einschätzungen vielleicht vorsichtiger sein.
Wie auch immer, mein Ziel heißt nach wie vor: Katharina finden. Dies könnte mit Hilfe von jemandem wie Loiker wesentlich leichter sein als ohne, doch im Moment ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass ich es ohne schaffen muss. Aber noch möchte ich diese Möglichkeit nicht ganz aufgeben.
Also abwarten.
Ich schätze, es vergeht eine Stunde, bis die Tür geöffnet wird und vier von den Kleiderschränken eintreten. Und ein weiterer Mann, nicht sehr groß, Anfang Vierzig, vollschlank. Er hat eine hohe Stirn und kurze, dunkelbraune Haare.
Seine Augen gleiten kurz über mich, dann nickt er. Ich werde wieder mit Handschellen gefesselt und in einen anderen, nahen Raum geleitet. Die Tür ist dick und schließt gut. Schalldicht.
Den Mittelpunkt bildet ein Stuhl, der leichte Ähnlichkeit mit dem Behandlungsstuhl in einer Zahnarztpraxis hat. Er löst ähnliche Gefühle in mir aus. Obwohl, Zahnärzte fand ich nie besonders schlimm, da ich immer gute Zähne hatte. Und als Kriegerin sowieso.
Dieser Stuhl allerdings dient eher der Zerstörung von Gesundheit. Dass meine nicht zerstörbar ist, jedenfalls nicht auf Dauer, wissen die ja nicht. Mal ganz davon abgesehen, dass ich die Schmerzen trotzdem genauso empfinden würde. Sehr lange sollte ich also nicht mehr darauf warten, dass Loiker etwas erreicht.
Es sind zwei weitere Männer da, ein älterer mit grauen Haaren, hager. Mit einem Zylinder und Stock könnte er gut den Tod spielen. Der andere ist etwa in meinem Alter und dunkelblond. Seine grauen Augen mustern mich ohne eine Regung.
Meine Hände werden mit Lederbändern am Stuhl fixiert, meine Beine an den entsprechenden Vorrichtungen der Stuhlbeine.
Der Vollschlanke bittet die Kleiderschränke hinaus und schließt die Tür. Dann wendet er sich an mich.
„Mein Name ist Jopeh. Diese beiden Herren sind Takati und Somer, sie assistieren mir bei deiner Befragung. Wie du zweifellos erkannt hast, verfügen wir über die Mittel, dir erhebliche Schmerzen zuzufügen. Uns liegt nichts daran, diese Mittel auch tatsächlich anzuwenden, doch wir tun es, wenn nötig. Ich kann dir versichern, es ist nur selten wirklich nötig. Ich würde dir gerne erklären, was du hier siehst. Zum einen haben wir dieses Tablett mit verschiedenen Instrumenten wie Skalpell, Zangen, um Zähne oder Nägel zu ziehen, Hämmer für Knochen in allen Größen, Sägen, um Rippen zu öffnen, diverse Stichgeräte unterschiedlichster Dicke, Kanülen, und noch weitere Geräte, deren Verwendungszweck du gar nicht kennen möchtest.“
„Nett“, erwidere ich. Es kostet mich Mühe, so ruhig zu bleiben, gerade weil ich schon Erfahrung darin habe, gefoltert zu werden. Ich weiß also sehr genau, welche Schmerzen mit den Instrumenten zugefügt werden können. Aber vielleicht schafft Loiker es ja …
„Sana hat mir gesagt, ich soll auf jeden Fall von dir erfahren, wer du bist und was du willst. Es ist ihm völlig egal, in welchem Zustand du dich danach befindest. Aus Rücksicht auf seinen Enkel allerdings hat er darum gebeten, dass wir es zuerst freundlich versuchen. Darum hast du genau eine Chance, die richtige Antwort zu geben. Wer bist du?“
„Mein Name ist Fiona.“
Er nickt. „Ich möchte dich bitten, etwas mehr über dich zu erzählen.“
„Gerne. Ich bin 1,67, etwa 33 oder 34 Jahre alt, geschätzt 55 kg, habe lange, blonde Haare, graue Augen …“
Der Schlag tut weh. Er trifft mit dem Handrücken meine Lippen, fest genug, dass es höllische Schmerzen verursacht, ohne dass etwas kaputt geht. Ich kann nicht verhindern, dass meine Augen sich mit Tränen füllen.
„Ich weiß, dass das wehtut“, sagt Jopeh ruhig. „Aber glaube mir, diese Schmerzen sind wirklich gar nichts im Vergleich zu denen, die du spüren wirst, wenn du meine Fragen weiterhin mit Scherzen beantwortest. Haben wir uns verstanden?“
Ich nicke und lecke meine Lippen.
„Gut. Also, wer bist du?“
„Mein Name ist Fiona. Ich bin 1,67, etwa 33 oder 34 …“
Er verliert anscheinend seine Geduld, denn er wartet nicht so lange wie vorhin, außerdem schlägt er fester zu. Mein Kopf fliegt zur Seite, aus den aufgeplatzten Lippen spritzt Blut.
„Fick dich“, sage ich keuchend.
„Wie war das?“
Ich sehe ihn an, soweit es mir durch die Tränen möglich ist. „Ich sagte: Fick dich!“
Er wirft einen Blick auf die beiden anderen. Somer sieht mich ruhig an, aber Takati wittert wohl seine Chance: „Ich glaube nicht, dass wir sie so zum Reden kriegen.“
„Ich habe auch das Gefühl, dass sie Schmerzen gewohnt ist. Die Frage ist, wie sie mit dem Verlust von Körperteilen umgeht.“
„Wir könnten mit den Fingern der linken Hand anfangen, damit sie noch Loikers Schwanz beim Blasen halten kann“, schlägt Takati erregt vor.
„Wieso braucht sie dafür eine Hand?“, erkundigt sich Somer.
„Eine durchaus berechtigte Frage“, erwidert Jopeh und wendet sich an mich: „Ich denke, wir beginnen mit dem kleinen Finger der linken Hand. Was denkst du?“
Ich starre das Skalpell an, das er in die Hand nimmt und zwischen den Fingern hin und her dreht. Es dürfte schärfer sein als das Messer, mit dem die Cuculus meine Füße zersäbelt haben, aber der Unterschied im Empfinden wird graduell sein.
Ganz abgesehen davon, dass spätestens wenn sie sehen, wie mir der Finger nachwächst, sowieso Handeln angesagt wäre, denn wenn sie mich erst irgendwo einsperren, wo ich nur noch mit einer Atombombe herauskomme, wird es anstrengend.
„Wenn du das versuchst, bringe ich dich um“, antworte ich.
Diese Aussicht belustigt ihn, denn ein leichtes Lächeln erscheint auf seinem Gesicht.
„Ich meine das ernst. Ihr habt keine Ahnung, mit wem ihr euch anlegt.“
„Natürlich nicht, denn du willst es uns ja nicht verraten.“
Er packt mit der linken Hand blitzschnell den kleinen Finger meiner linken Hand und schneidet ihn ab – das heißt, er will es nur. Ich reiße meine Hand los, die andere ebenfalls, packe seine rechte Hand mit dem Skalpell und seinen Kopf, dann stoße ich das Skalpell tief in seinen Hals. Seine Augen weiten sich vor Überraschung. Ich stoße ihn weg und befreie auch meine Füße.
Die beiden anderen bleiben nicht untätig. Takati zieht eine Pistole hervor, der Andere stürzt zur Tür. Er darf weder hinaus noch einen Alarm auslösen, also greife ich nach Takatis Hand mit der Pistole, richte sie auf Somer und drücke ab. Die Kugel reißt ihm den halben Kopf weg, verteilt das Gehirn auf der Tür und lässt den Körper blind gegen dieselbe Tür rennen.
Ich nehme Takati die Waffe ab und drücke die Mündung gegen seine Stirn. Er starrt mich entsetzt an.
„Ich bin nicht so geduldig wie ihr“, teile ich ihm mit. „Eine falsche Antwort oder Bewegung und dein Gehirn muss von den Wänden gekratzt werden. Kapiert?“
„Jaaa …“
„Schön. Nachdem Loikers Einfluss auf Sana offensichtlich vernachlässigbar ist …“ Ich bemerke die Bewegung an Takatis Blick. Dieser Idiot. Denkt er ernsthaft, nach dem, was er gerade gesehen hat, dass ich mich so leicht verarschen lasse?
Ich drücke ab und stoße ihn weg. Das Springmesser fällt aus seiner Hand mit einem Klirren auf die Fliesen. Sein Gesichtsausdruck ist vermutlich erstaunt, aber so genau ist das nicht zu erkennen, weil mindestens die Hälfte des Gesichts fehlt.
Ich mustere die Pistole. Eigentlich ist das ja eher eine Kanone. Dafür, welche Schäden sie anrichtet, ist sie erstaunlich klein und handlich.
Als Erstes muss ich hier weg. Weit weg, am besten. Noch weiß niemand, was geschehen ist. Es sei denn, es gibt hier eine Kamera. Aber dann wäre ich nicht mehr allein mit drei Leichen.
Ich trete zu Jopeh. Er liegt auf der Seite, die Beine angewinkelt. Die Hand umklammert immer noch das Skalpell, vermutlich wollte er es herausziehen, aber seine Kräfte haben ihn vorzeitig verlassen. Aus dem Mund kommt blubbernd blutiger Schaum. Hm, dann lebt er noch. Wie zur Bestätigung bewegt sich ein Auge. Nun ja, leben ist das vielleicht doch nicht, aber ganz nach drüben hat er es noch nicht geschafft.
Während ich die ID-Karte aus seiner Hosentasche ziehe, reißt er plötzlich den Mund auf und verabschiedet sich mit einem letzten, keuchenden Atemzug endgültig. Hätte ich nicht schon oft die letzten Momente von Sterbenden erlebt, wäre ich vor Schreck an die Decke gesprungen.
Ich betrachte nachdenklich seine Augen. Das rechte ist geöffnet und irgendwohin nach oben gerichtet. Das andere geschlossen gegen die Fliesen gedrückt. Das Blut aus seinem Mund ohne Blubbern nur noch ein dünnes Rinnsal.
Die Pistole stecke ich in den Hosenbund, so, dass das Jäckchen den Griff verdeckt, wasche meine Hände am Waschbecken an der Wand links vom Folterstuhl und verlasse schließlich den Raum. Den Schlüssel nehme ich mit, schließe von außen ab und schiebe ihn in die Hosentasche. Je mehr Zeit ich habe, umso besser.
Ich weiß bloß nicht, wohin ich gehen soll. Zu Loiker sicher nicht. Selbst wenn er mich nicht verraten würde, wovon ich ausgehe, brächte ich ihn erstens unnötig in Gefahr und zweitens werden sie als Erstes bei ihm nachsehen.
Auf jeden Fall erst einmal hier weg, danach kann ich in Ruhe nachdenken. Also Magnetbahn. Ich nehme eine Bomo und gebe die nächstbeste Station als Ziel ein.
Die Fahrt dauert ewig, zumindest kommt es mir so vor. Doch ich gelange unbehelligt und problemlos an mein Ziel. Tief durchatmend trete ich auf den Bahnsteig.
Dann geht der Alarm los.
Scheiße.
Ich liebe Wartungstunnel. Vor allem so saubere und gut ausgeleuchtete wie diesen hier. Wenn ich dagegen an das Loch denke, in dem ich John Summer endlich davon überzeugen konnte, damit aufzuhören, mir den Schädel einschlagen zu wollen …
Unabhängig davon ist meine Situation nur bedingt schön. Ich kann zwar schnell laufen und tue das auch, ich kann das Tempo auch recht lange durchhalten, dennoch glaube ich nicht, dass es so leicht wird.
Vor allem habe ich das dumpfe Gefühl, es gibt einen guten Grund, warum dieser Tunnel nicht nur gut ausgeleuchtet, sondern auch relativ breit und gerade ist. Wie gemacht für ein Fahrzeug. Das wäre ja auch nachvollziehbar, schließlich gilt es, lange Strecken zurückzulegen.
Mir fallen mehrere Türen auf. Einige befinden sich in der Wand und einige dürften zu den Zügen führen. Diese sollte ich nicht nehmen, denn sie müssen in Schleusen münden, da die Röhren ja evakuiert sind. Andere befinden sich im Boden, wo diese hinführen, ist mir ein Rätsel. Möglicherweise muss ich dieses Rätsel schneller lösen, als mir lieb ist.
Zunächst einmal bin ich aber allein. Kameras kann ich auch keine entdecken, und ich glaube nicht, dass sie ausgefeilte Mikrokameras haben, die nicht zu sehen sind. Erstens wären sie hier völlig unnötig, zweitens waren alle Kameras, die ich bisher bemerkt habe, gut zu sehen. Das ist natürlich kein Grund, warum es keine besser versteckten geben sollte, aber die Technologie scheint dafür nicht vorhanden zu sein.
Als sich unter mein Keuchen und meine Schritte ein weiteres Geräusch mischt, halte ich inne und lausche. Kein Zweifel, da nähert sich etwas und es hat einen Elektromotor. Das typische Sirren ist zwar deutlich leiser als die Reifengeräusche, aber trotzdem zu hören.
Ich drehe mich mit gezogener, hinter meinem Rücken versteckter Waffe um und warte. Schon bald ist es als kleiner Punkt zu sehen, der schnell größer wird. Es sieht aus wie ein orange gefärbtes Golfmobil. Für die Wartungstechniker bestimmt eine tolle Erfindung. Auf diesem Mobil sitzen allerdings keine Techniker, sondern Sicherheitsleute, bewaffnet. Vermutlich können sie sich überhaupt nicht vorstellen, dass ich ebenfalls bewaffnet sein könnte, sonst würden sie nicht so leichtsinnig näherkommen. Zwar richten sie ihre Pistolen auf mich, sind aber erstaunlich entspannt.
Bis ich meine Waffe nach vorne holen und losschieße. Gleichzeitig bewege ich mich im Zickzack auf sie zu, mit voller Geschwindigkeit. Sie kommen kaum dazu, mein Feuern zu erwidern. Sie haben weder die Zeit noch die Geistesgegenwart dazu.
Die Kanonenkugeln aus meiner Pistole treffen irgendwann auch wichtige Teile des Golfcarts, vielleicht sogar den Motor, jedenfalls bleibt er stehen – fast. Irgendwas lässt ihn dabei gegen die Wand fahren und umkippen. Möglicherweise hat eine der Kugel die Lenkung erwischt. Ist mir aber egal. Ich bin ja damit noch lange nicht außer Gefahr.
Ich will die Männer nicht töten, was mit meiner Pistole etwas schwierig ist. Ich ziele auf Schultern und Beine. Drei meiner Besucher schalte ich auf diese Weise ziemlich schnell aus, wobei einer danach einen Arm weniger hat. Das tut mir leid für ihn, aber ohne Kopf wäre er schlimmer dran. Oder besser, das ist Ansichtssache.
Der vierte geht hinter dem umgekippten Mobil in Deckung und schreit etwas, was nicht für mich gedacht ist. Er wird ein Funkgerät haben und den Lagebericht durchgeben.
Ich laufe rückwärts und gebe vereinzelt Schüsse auf das Mobil ab. Meine Taktik wirkt, der vierte Mann hält sich bedeckt. Als ich weit genug bin, dass selbst ich nicht mehr treffe, drehe ich mich um und laufe normal weiter.
Von hinten wird mich so schnell nichts einholen, sie werden einige Zeit brauchen, den Weg wieder freizumachen. Von vorne ist es kritischer.
Doch ich habe Glück und erreiche den nächsten Bahnhof, ohne eine weitere Begegnung zu haben. Ich schiebe die Waffe unter der Jacke in den Hosenbund und mische mich unter die Leute. Allerdings wird mir schnell klar, dass ich über die regulären Ausgänge nicht wegkomme. Diese werden bereits bewacht.
Ich überlege. Meine beste Chance ist vermutlich der Wartungstunnel, aber nicht zu Fuß. Da mit ziemlicher Sicherheit die Wartungstechniker von den Bahnhöfen aus losfahren, muss jeder Bahnhof diese komischen Golfcarts haben. Und wenn ich mich nicht irre, weiß ich auch, wo sie parken, denn ich habe vorhin ein Hinweisschild gesehen, das den Weg zeigen könnte.
Und so ist es auch. Da stehen zwei Dutzend von den niedlichen Dingern, dazu gibt es zwei Monteure in einer Kabine mit Monitoren. Sie lauschen gerade wie gebannt ihrem Chef, und als ich näher komme, erkenne ich, dass es um mich geht.
Ich warte, bis das Gespräch zu Ende ist. Auf diese Weise erfahre ich, dass eine Gruppe von Sicherheitsleuten auf dem Weg hierher ist. Die beiden sollen bis dahin alles verriegeln. Als sie das tun wollen, überrede ich sie aber, mir vorher noch den Schlüssel zu einem der Carts und ihre ID-Karten zu geben. Sie tun es mehr oder weniger freiwillig, wehren sich auch nicht, als ich sie in die Kabine sperre und den Schlüssel wegwerfe.
Die Steuerung des Golfmobils ist einfach. Schlüssel drehen, Richtung auswählen, Gas geben. Gänge gibt es nicht. Wozu auch bei einem Elektrokarren dieser Leistungsklasse? Okay, etwas schneller dürfte das Ding schon sein. Aber ich will mich ja gar nicht beschweren. Ich komme zügiger voran als zu Fuß, ohne dabei zu ermüden.
Besonders aufregend ist die Fahrt nicht. Ich entdecke die Streckenmarkierungen. Auch die Türen sind gekennzeichnet, aber mangels Codierungsschlüssel habe ich keine Ahnung, was die alphanumerischen Zeichenfolgen bedeuten. Ob mir dieses Wissen nutzen würde, wage ich aber zu bezweifeln. Anders sähe es aus, wenn ich wüsste, wo ich überhaupt bin und welche möglichen Ziele ich habe. Aber ohne das …
Die Fahrt endet, als mir andere Wartungswagen entgegen kommen. Zwar könnte ich wenden, das Ding ist so konzipiert, dass es auf der Stelle wenden kann, aber das nützt mir nichts, denn hinter mir kommen auch Golfcarts.
Es war ja vorauszusehen, dass es so ausgehen wird. Aber einen Versuch war es trotzdem wert.
Ich hole meine Pistole hervor und mustere sie kurz. Keine Ahnung, wie viele Schüsse sie noch hat. Ich habe noch nicht herausgefunden, wie ich das Magazin herausnehmen kann. Egal, ich habe eh keinen Nachschub.
Ich schieße wahllos auf die vor mir, dann ducke ich mich, denn sie schießen zurück. Zwischen Sitz und Armaturenbrett bin ich etwas geschützt. Die Kugel treffen mein Fahrzeug und reißen Löcher hinein. Damit wird niemand mehr fahren, ich sollte also darüber nachdenken, wie ich hier wegkomme.
Eine Möglichkeit wäre, schießend auf die Sicherheitsleute zuzurennen. Die Wahrscheinlichkeit, dabei tödlich getroffen zu werden, ist hoch. Sehr hoch. Jedenfalls ausreichend hoch. Da sie einer Leiche vermutlich keine Gemeinheiten mehr zutrauen, würde ich nicht bewacht werden. Aber ich wüsste nicht, wo ich aufwache, wie ich an Sachen oder auch nur Kleidung herankomme, falls sie eine Autopsie vornehmen und ich nackt bin.
Außerdem ist das Sterben so schön auch wieder nicht.
Es gibt aber eine zweite Möglichkeit: nach unten. Ich habe gesehen, dass eine dieser Türen im Boden höchstens fünfzehn Meter hinter mir liegt. Das sind zwar immer noch fünfzehn Meter, aber es ist machbar. Im schlimmsten Fall hätte ich halt die erste Möglichkeit umgesetzt.
Ich lasse eine Salve auf die Jungs hinter mir los, dann springe ich aus dem Cart und laufe in seiner Deckung geduckt los. Auf diese Weise kann ich wenigstens von hinten nicht getroffen werden. Und die vor mir ducken sich vor meinen Kugeln weg.
Zumindest bis ich die Antwort auf die Frage weiß, wie lange ich noch Munition habe. Etwa bis fünf Meter vor der Tür.
Na toll.
Ich werfe mich auf den Boden, so biete ich ein schlechteres Ziel. Mit den Händen erreiche ich die Tür. Zum Glück ist sie nicht elektronisch gesperrt, ich brauche keine Karte, kein Passwort, nichts dergleichen. Ich muss lediglich zwei schwergängige Hebel um 90 Grad drehen. Aus meiner Position eine kleine Herausforderung, während die Kugel um mich herum eintreffen. Eine streift meine linke Wade, das tut höllisch weh und motiviert mich, schneller zu machen. Als ich das Ding endlich aufhabe und hineingleite, trifft eine zweite Kugel meinen Hintern.
Das tut auch weh.
Es geht nach unten. Sehr weit. Man hat zwei Möglichkeiten, abwärts zu kommen. Fallend, dann richtig schnell. Oder man nutzt die Sprossen, dann geht es langsamer, aber die Ankunft könnte angenehmer werden.
Ich halte mich mit einer Hand an der obersten Sprosse fest, ignoriere die Schmerzen, die eh bald aufhören, und ziehe die Tür wieder zu. Auf dieser Seite sorgt ein sehr stabil aussehendes Riegelwerk dafür, dass die Tür auf keinen Fall versehentlich aufspringt, wenn gerade so ein Go-Kart daherkommt.
Und nach etwas Vorarbeit meinerseits, bei der ich magische Kräfte einsetze, bekommt man diese Tür nicht einmal mit Absicht mehr auf. Höchstens mit einem Schweißbrenner oder etwas Vergleichbarem.
Danach klettere ich nach unten.
Ziemlich lange.
Irgendwann erreiche ich wieder eine Tür. Diese führt in einen Wartungstunnel wie weiter oben, nur wird hier nicht geschossen. Noch nicht. Also nehme ich wieder eine Röhre, die nach unten führt. Dabei denke ich darüber nach, was das eigentlich soll, mal davon abgesehen, dass es mir das Leben doch sehr erleichtert. Aber ich denke mal, der Hauptgrund für die Existenz dieser Röhre liegt darin, dass auf diese Weise Wartungstechniker recht schnell von einer Ebene auf die nächste kommen können. Möglicherweise könnte ich mich auf diese Weise bis nach unten durchhangeln. Bis zum Spinnennetz.
Will ich das?
Nein, will ich nicht. Ich werde noch einige Ebenen tiefer gehen und damit die Chancen erhöhen, dass sie mich nicht finden. Und dann sehe ich weiter. Irgendwas wird schon sein.
Eins weiß ich jedenfalls: Diese Welt gefällt mir jetzt schon nicht.
Nach der vierten Röhre habe ich die Schnauze voll. Ich laufe im Wartungstunnel nach links, da ich vermute, dort eher zu einem Bahnhof zu gelangen. Aber wahrscheinlich ist das nur reines Wunschdenken. Warum sollten alle Ebenen genau gleich aufgeteilt sein?
Ich bin schätzungsweise eine halbe Stunde unterwegs, ehe die Stahltür sichtbar wird, die den Wartungstunnel vom öffentlichen Teil des Bahnhofs trennt.
Auf der anderen Seite atme ich erst einmal tief durch. Aber nicht vor Erleichterung. Ich habe das Gefühl, plötzlich in einem anderen Film gelandet zu sein. Bisher fand ich jede Ebene, jeden Bezirk, jeden Bereich ordentlich und sauber vor. Ein wenig zu ordentlich und zu sauber für meinen Geschmack, aber das ist ein anderes Thema.
Doch jetzt bin ich in einem Ghetto gelandet. Die Hälfte der Lampen funktionieren nicht und der Aufräumdienst scheint zu streiken. Zumindest dürfte das ein Bezirk sein, in dem der Sicherheitsdienst nicht so präsent ist wie in den anderen. Das ist ein Vorteil. Welche Nachteile damit verbunden sind, wird sich noch zeigen. Ich glaube, für eine Frau ohne meine Fähigkeiten, mich zu verteidigen, könnte es hier unangenehm werden. Aber vielleicht ist das ja auch nur ein Vorurteil und hier herrscht Matriarchat. Oder gar Gleichberechtigung.
Unwahrscheinlich, aber möglich.
Was auch hier genauso ist wie in allen Bezirken, ist die geometrisch exakte Aufteilung der Gebäuden. Es sind ja keine echten Gebäude, da es keinen Himmel gibt und alle Gebäude irgendwie miteinander verbunden sind. Zwischen ihnen gibt es Wege, die man als Straßen bezeichnen kann. Sie sind unterschiedlich breit und nur Fußgänger nutzen sie. Will man längere Wege zurücklegen, gibt es einerseits die Aufzüge innerhalb eines Blocks, was ja dem Gebäude entspricht, die Bomos zwischen mehreren Blöcken und die Magnetzüge zwischen Bezirken.
Üblicherweise sind die Fußwege, aber auch die Blöcke, sauber, aufgeräumt und gut beleuchtet.
Hier nicht.
Ich sehe auch kaum Menschen, höre sie nicht, überhaupt wirkt es zwar nicht ausgestorben, aber als wenn alle möglichst nicht auffallen möchten.
Okay, fast alle.
Um eine Ecke biegt eine Gruppe von jungen Männern, die aus einem schlechten Film über die Bronx stammen könnten. Sie sind zu fünft, ihr Anführer hager wie der Tod, knochig. Nicht sehr groß, aber schon größer als ich. Was ja keine Kunst ist bei meinen 1,67. Die Haare sind so kurz, dass ich ihre Farbe nicht erkennen kann.
Nur einer ist vergleichbar auffällig, vor allem, weil er ein wandelnder Kleiderschrank ist. Bisschen erinnert er mich an John. Er ist auf jeden Fall nicht hager. Im Gegenteil, alles Muskeln. Wenn ich sie beeindrucken muss, dann werde ich mir diesen Kerl vorknöpfen.
Sie entdecken mich. Erstarren kurz. Und kommen dann auf mich zu.
„Was machst du denn hier?“, bafft mich ihr Knochenmann-Anführer an.
„Geht dich einen Scheißdreck an“, erwidere ich.
Langes Herumreden ist nicht seins. Er schlägt sofort und ansatzlos nach mir. Es soll wohl eine Ohrfeige werden, endet aber im gebrochenen Unterarm, als ich den Schlag abblocke. Und da sie anscheinend nicht so auf Abwarten stehen, mache ich gleich weiter und trete dem großen Kerl zwischen die Beine. Als er sich mit angehaltenem Atem nach vorne beugt, um auf die Knie zu fallen, erlöse ich ihn mit der Faust gegen seinen Nacken vom bewussten Leiden. Später wird er trotzdem Schmerzen haben, aber im Moment erst einmal nicht.
Ich sehe die anderen drei an. „Ihr auch?“
Sie schütteln gemeinsam den Kopf und starren mich an wie Lämmer die Wölfin. Geht doch.
Dann wende ich mich an den Hageren, der fassungslos seine in der Gegend herum baumelnde Hand betrachtet. Lustigerweise ist die Haut an keiner Stelle verletzt, der Knochen also sauber gebrochen. Kein Wunder, er hat ja nichts, was ihn schützen könnte. Im Kampfsport hatte ich ähnliche Verletzung schon oft gesehen. Nicht selten ist es ein Fuß, der so unnütz in der Gegend hängt. Meist eine schmerzhafte Angelegenheit. Ich selbst hatte nie dieses Pech, was wohl auch meinen Fähigkeiten als Kriegerin gelegen haben dürfte. Dafür bin ich durchaus dankbar, habe jedoch oft genug bei anderen Gelegenheiten ganz andere Schmerzen erfahren dürfen.
„Wir fangen jetzt einfach mal von vorne an“, schlage ich vor. „Wie heißt du denn? Und antworte anständig, sonst reiße ich dir die Hand ganz ab, dann bist du sie endgültig los. Jetzt ist nur der Knochen gebrochen, vielleicht ein, zwei Sehnen im Arsch, aber durchaus reparabel. Also?“
„Sivan“, antwortet der Gefragte. Seine Augen verraten den Schockzustand.
„Sehr gut, Sivan. Und der Große da?“
„Zoka.“
„Das klappt ja sehr gut“, stelle ich erfreut fest. „Und jetzt möchte ich, dass ihr mich zu demjenigen bringt, der hier das Sagen hat. Schafft ihr das?“
„Ja … Das ist Baro Gon.“
„Baro Gon? Mann oder Frau?“
„Ein Mann.“ Er sieht mich irritiert an, durch den Tränenschleier.
„Na gut. Geht einfach vor. Und keine Dummheiten, ich habe noch einige Tricks auf Lager. Auch schmerzhafte.“
Ich scheine sie überzeugt zu haben, denn sie gehorchen ohne Widerrede. Ich freue mich, dass endlich mal etwas so läuft, wie ich es möchte. In letzter Zeit kam das nicht sehr oft vor.
Jetzt bin ich mal gespannt auf Baro Gon. Komischer Name. Na ja, hier ist ja einiges komisch.
Ich bin beeindruckt, denn ich habe nicht erwartet, in einer Szene von „Straßen in Flammen“ zu landen. Genauso komme ich mir aber vor. Wow. Im Film ist ja das Künstliche Absicht, zumindest gehe ich davon aus. Habe Walter Hill ja nie danach gefragt. Was auch daran liegt, dass wir uns nur einmal kurz begegnet sind, als ich bereits CEO und als Gast zu einem Film-Festival eingeladen war. Wir haben uns kurz die Hände geschüttelt und irgendwelche bedeutungslose Nettigkeiten erzählt. Hätte ich ihn bloß gefragt, dann wäre ich heute schlauer.
Wenn jetzt Baro Gon auch noch eine Latzhose aus Leder trägt, drehe ich durch. Vor Lachen. Ich mag Dafoe als Schauspieler echt gern. Aber diese Latzhose, die ging ja gar nicht.
Im Moment laufe ich hinter der seltsamen Gruppe her. Zoka ist wieder bei Bewusstsein, aber er geht irgendwie schief. Kann ich gut verstehen. Wäre ich ein Kerl, würde ich vermutlich nach diesem Tritt auch so laufen.
Skurriler ist Sivan, der mit der linken Hand seinen rechten Unterarm festhält und auf diese Weise die gebrochen vor sich her baumelnde Hand zur Schau trägt. Eigentlich müsste ihm das ziemlich wehtun, aber davon ist nichts zu sehen. Erstaunlich, dass ein vorgeblich harter Kerl von so einer Kleinigkeit einen derartigen Schock bekommt. Da habe ich aber Soldaten mit ganz anderen Verletzungen auf den Schlachtfeldern kämpfen sehen. In Marbutan.
Die Jungs bleiben vor einem der größeren Blöcke stehen. Vor dem breiten Eingang lungern weitere Jungs und auch einige Mädchen herum. Sie stieren uns und vor allem Sivan an, einige lachen. Wenn die nicht zugedröhnt sind bis unter die Schädeldecke, dann gibt es hier keine Drogen, weil sie keine brauchen, um völlig blöd zu werden.
„Das ist Kreo“, sagt Sivan. „Da drin ist Baro, aber zu ihm können wir doch nicht bringen.“
„Wieso nicht? Möchtest du auch deinen anderen Arm brechen?“
„Selbst wenn du mir jeden Knochen brichst, kann ich dich nicht zu Baro bringen. Da drin ist sein Reich. Es sind vier Kreos und wir dürfen nur in die vierte Kreo.“
„Kannst du dich bitte so ausdrücken, dass ich dich verstehe?“
„Baro ist ein wichtiger Mann und darum gibt es einige, die ihn töten wollen. Also hat er hier alles abgesichert und mehrere Blöcke zusammengebaut. In der Mitte ist die erste Kreo, da dürfen nur ganz wenige rein. Dann kommen die zweite, dritte und vierte Kreo. In die vierte Kreo darf fast jeder. Der Übergang zu jeder Kreo wird bewacht und wenn jemand versucht, da durchzukommen, wird er erschossen.“
„Ich verstehe. Euer Baro hat Schiss und sich verbarrikadiert.“
„Er hat vor niemandem Angst“, erwidert Zoka.
„Du hältst dich ja mal ganz raus, wenn Erwachsene sich unterhalten, klar? Sei froh, wenn du irgendwann wieder pissen kannst, ohne dass du schreien musst vor Schmerzen.“
Er sieht mich an, als würde er darüber nachdenken, erneut auf mich loszugehen. Ich werfe einen lächelnden Blick auf seine Körpermitte, das hilft. Er macht einige Schritte zurück.
Ich wende mich an Sivan: „Ich nehme mal an, keiner von euch kann mich dann zu Baro bringen. Richtig?“
Er nickt.
„Warum zum Teufel hast du mich dann hergebracht?“
„Du wolltest zu Baro!“
„Ich wollte zu jemandem, der was zu sagen hat hier!“
„Und das ist Baro!“
„Aber du kannst mich nicht zu ihm bringen“, sage ich leise. Hier muss irgendetwas in der Luft sein, was die Leute verblöden lässt. Oder sind sie von Geburt an so? Das wäre ja echt übel.
„Zu ihm direkt nicht. Aber ich kann dich zu den Vertrauten bringen und die zu Baro.“
„Aha. Warum sagst du das nicht gleich?“
„Du hast mich nicht gelassen, sondern gleich mit Knochenbrüchen gedroht!“
Okay, Schätzchen, du kannst ihm jetzt natürlich noch ein paar Knochen brechen. Aber sieh doch ein, er macht das nicht mit Absicht. Mehr kann er einfach nicht. Wieso willst du jetzt damit anfangen, Menschen für ihre unverschuldete Blödheit zu bestrafen? Ganz abgesehen davon, dass du hier keine Kriegerin bist. Nur ein Eindringling. Oder so.
Halt die Klappe, sage ich meiner Stimme im Kopf missmutig und schenke Sivan ein Lächeln.
„Bring mich einfach zu den Vertrauten und sei dabei möglichst still.“
Ich bin gespannt auf die Vertrauten. Das hört sich irgendwie nach einer Art innerem Zirkel an. Gangbildung auf die Art eines Bahnhofs? Zumindest eines riesigen Bahnhofs? Also, eines wirklich sehr, sehr großen Bahnhofs, um genau zu sein. Während ich dem Jungen mit dem gebrochenen Unterarm folge, wird mir immer bewusster, dass die Menschen in dieser Welt offensichtlich keine Sonne kennen. Keinen Himmel. Gut, die Menschen eine Ebene höher ja auch nicht, aber da gab es trotzdem so was wie frische Luft. Es gab Wälder und Wiesen. Es gab Wetter. Und es gab Licht, das irgendwie schon Ähnlichkeit mit dem Sonnenlicht hatte.
Aber hier?
Da muss man ja verrückt werden, ich sehe es ein.
Sowieso dürfte deren Biologie oder wenigstens die Physiologie von meiner abweichen, denn ein Mensch … Okay, ich bin ein schlechtes Beispiel, auch meine Physiologie ist definitiv anders als die von „normalen Menschen“, wie ich sie mal auf der Erde gekannt habe. Jedenfalls benötigten die Erdlinge zum Beispiel Vitamin D und dafür wiederum die Sonne. Brauchen die hier kein Vitamin D oder wird es einfach nur anders hergestellt? Vielleicht ist das Licht hier nur scheinbar dem Neonlicht oder LED-Licht ähnlich, das ich von der Erde kenne. Kannte. Vielleicht enthält es eine Komponente, die für die Bildung von Vitamin D sorgt. Irgendwie.
Andererseits, die Götter können einfach Vitamin D weggelassen haben, ohne dass sich etwas ändert. So was können sie schließlich. Sind ja Götter.
Scheißverfluchte Götter.
Ich sollte nicht mehr über sie nachdenken, sonst werde ich nur wütend. Und depressiv. Und verzweifelt. Alles gleichzeitig.
„Wir sind da“, sagt Sivan.
Ich schrecke hoch, als wäre ich in einem Traum gewesen. Ich bin den Jungs auf Autopilot gefolgt, während ich meinen düsteren Gedanken nachhing. Jetzt sehe ich mich neugierig um.
Der Raum ist riesig und wirkt, als hätte man die Wände herausgerissen und durch Vorhänge und Pappe ersetzt. Okay, nicht alle Wände, denn ich stehe gerade vor einer, der man ansieht, dass sie nicht von Handwerkern gebaut wurde. Vermutlich wurden hier die Zimmerwände verbaut, und mir wird klar, dass anscheinend auf diese Weise die einzelnen Bereiche, die Sivan Kreos genannt hat, voneinander abgetrennt wurde.
Zwischen ihnen kann durch eine breite, massive Tür gewechselt werden, die zudem auch noch bewacht wird. In diesem Fall durch kräftige, finster dreinblickende Muskelberge. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ihnen nicht nachträglich die Köpfe aufgesetzt wurde, die man noch auf Lager fand, jedenfalls scheinen sie nicht zu den Körpern zu passen. Biologische Kampfroboter. Gegen die wirkt selbst der nicht gerade schwächliche Zoka wie ein Hänfling.
Einer von denen legt seine Pranke auf meine Schulter, nachdem Sivan kurz mit ihm gesprochen hat.
„Warte hier!“, sagt er.
„Ich warte doch bereits!“
„Und sei still!“
„Irritiere ich dich, wenn ich rede?“, erkundige ich mich. „Oder soll ich einfach nur langsamer reden? Kann ich nämlich auch, wenn es sein muss.“
Er starrt mich an und ich bereite mich darauf vor, einen Angriff von ihm abzuwehren. Doch die aufgehende Tür bewahrt ihn vor einer unglaublichen Blamage. Er lässt mich los und macht einen Schritt zurück. Der Blick, mit dem er mich dabei bedenkt, ist düster. Sehr düster.
Durch die Tür kommen drei Männer. Zwei von ihnen gehören in dieselbe Kategorie wie mein neuester Freund, der dritte jedoch scheint menschlichen Ursprungs zu sein. Er ist zwar auch muskulös, aber kleiner und mit einem zum Körper passenden Kopf.
Haare hat er keine, dafür blaue Augen, wenn auch nicht so klar, wie die von Katharina. Wobei es bescheuert ist, die Augen eines Mannes mit Katharinas Augen zu vergleichen.
Er bleibt vor stehen und mustert mich.
„Du willst mit Baro reden?“, fragt er dann.
„Der du demnach nicht bist“, stelle ich fest. „Ja, ich will mit Baro reden.“
„Durchsucht sie“, sagt er seinen beiden Begleitern.
Ich lasse regungslos zu, dass sie mich gründlich abtasten und die nutzlose Pistole einkassieren. Immerhin machen sie es ziemlich professionell und ohne sich an den typischen Stellen länger als nötig aufzuhalten. Sie sparen diese aber auch nicht aus und gehen sicher, dass es wirklich nur meine Brüste sind und ich keinen Keuschheitsgürtel oder was auch immer trage.
„Warum hast du Sivan den Arm gebrochen?“, fragt der Glatzkopf.
„Habe ich nicht. Das war er selbst. Ich habe lediglich seinen Schlag abgeblockt. Konnte ja nicht ahnen, dass er so schwache Knochen hat.“
„Wie heißt du?“
„Fiona. Und du?“
„Du redest nur, wenn du gefragt wirst. Komm mit.“
Er dreht sich um und geht zur Tür. Einer seiner Begleiter gibt mir einen Stoß, deutet damit sanft an, ich soll ihm folgen. Ich werfe einen finsteren Blick auf den Muskelberg, aber das beeindruckt ihn nicht. Ich nehme mir vor, ihm bei passender Gelegenheit mit viel Vergnügen Manieren beizubringen.
Aber nicht jetzt.
Auf der anderen Seite der Tür führt eine Art Tunnel weiter. Er geht nicht bis zur sehr hohen Decke und die Geräusche muten an wie in einem Puff, die an mein Ohr dringen. Vielleicht ist es ja auch etwas Ähnliches. Von irgendetwas muss sicherlich auch jemand wie Baro leben.
Wo zum Teufel bin ich gelandet?
Irgendwann erreichen wir die nächste Tür und damit wohl den fast innersten Kreis. Die zweite Kreo, wenn ich Sivan richtig verstanden habe. Auch hier gibt es einen Tunnel, aber keinen Puff. Die Geräusche sind dennoch vertraut, sie erinnern mich an die Kampfschule. Wobei, die Schmerzensschreie, die es auch zu hören gibt, gehörten nicht dazu, außer bei ganz seltenen Gelegenheiten, wenn es mal zu einem versehentlichen, echten Treffer kam.
„Hiebe und Liebe“, bemerke ich.
Der Kerl hinter mir verpasst mir erneut einen Stoß. Die Versuchung, mal eben nach hinten zu treten, ist wirklich groß. Ich beiße die Zähne zusammen und zähle nur lautlos hoch. Die Summe auf seinem Konto wächst. Und die Vorfreude auf das Vergnügen auch.
Schließlich kommen wir an der voraussichtlich letzten Tür an. Dahinter befindet sich kein Tunnel, sondern ein quadratischer Raum mit Vollverglasung. Allerdings sehe ich nur uns, denn in diesem Raum ist es hell. Sehr hell sogar. Und auf der anderen Seite dunkel. Zwar erahne ich mehrere Menschen dort, aber vermutlich nur dank meiner übernatürlichen Fähigkeiten.
In der Mitte steht ein Stuhl mit Armlehnen, an denen hübsche Armbänder befestigt sind.
„Setz dich!“, befiehlt der Glatzkopf.
„Eigentlich stehe ich nicht so auf Fesselspiele“, erwidere ich, gehorche aber, bevor es den nächsten Stoß gibt.
Die beiden wandelnden Muskelschränke fesseln meine Handgelenke schnell und routiniert an die Armlehnen. Baro scheint an leichter bis mittelschwerer Paranoia zu leiden. Oder er ist wirklich sehr begehrt bei Sana und dessen Leuten.
„Sie sagt, sie heißt Fiona“, sagt der Glatzkopf, an die Glaswand gegenüber der Tür, durch die wir gekommen sind, gewandt. „Sivan hat sich den Arm gebrochen, als sie seinen Schlag abgeblockt hat. Behauptet sie jedenfalls.“
„Und Sivan?“, fragt eine Stimme, deren Ursprung Baro sein könnte.
Der Glatzkopf zuckt die Achseln.
„Und was will sie?“
Der Glatzkopf sieht mich an. „Was willst du?“
„Bin ja nicht taub“, erwidere ich. Dann wende ich mich an meinen unsichtbaren Gesprächspartner: „Sana Maruka verfolgt mich. Eigentlich seine Leute. Ich brauche ein Versteck vor ihm.“
„Wie kommst du darauf, dass wir dich nicht an ihn ausliefern?“
Ich zucke die Achseln, soweit es gefesselt überhaupt möglich ist. „Ich habe nicht das Gefühl, dass ihr Busenfreunde seid.“
„Du scheinst ja eine ganz Schlaue zu sein. Cou, finde heraus, wer sie wirklich ist.“
Cou heißt er also, der Glatzkopf. Ich mustere ihn, als er vor mich tritt. Er beginnt, an seinen Fingern zu ziehen, bis die Gelenke knacken. Eine gute Methode, um Leuten, die dafür empfänglich sind, Angst einzujagen.
„Tue das nicht, Cou“, sage ich ihm.
„Wieso nicht?“
„Ich müsste dir wehtun.“
Er lächelt. Und schlägt zu. Darin hat er Routine, das merke ich sofort. Er ist schnell und holt nicht weit aus. Der Schlag soll auch nichts zerstören, nur ein wenig Schmerzen verursachen. Üblicherweise lassen es zierliche Blondinen gar nicht so weit kommen, aber spätestens nach so einem Schlag machen sie alles, was man von ihnen verlangt.
Aber bei mir ist halt nichts üblich.
Ich drehe den Kopf weg, ziehe das rechte Bein an und stoße ihn mit dem Fuß weg. Er taumelt wild mit den Armen rudernd gegen den Glaswand, während seine Begleiter sich in Bewegung setzen.
Endlich ist mein Vergnügen dran!
Ich zerreiße die Armbänder und wende mich dem Arschloch zu, der es liebt, wehrlos Frauen zu schubsen. Ich sehe noch seinen ganz erstaunten Gesichtsausdruck, bevor ich den Fuß zwischen seinen Beinen platziere. Immer wieder sehr wirkungsvoll. Insbesondere bei Männern, aber natürlich nicht nur.
Er knickt ein, ich drehe mich halb nach hinten und empfangen seinen Freund mit einem Seitwärtstritt gegen die Brust. Dieser lässt ihn regelrecht abheben und durch die Luft fliegen. Nach der unsanften, krachenden Landung bleibt er liegen, was vor allem an den Auswirkungen des Tritts liegen dürfte, nicht an der Landung.
Dann kümmere ich mich um Cou. Er sieht überrascht aus, vermutlich habe ich gerade einen Präzedenzfall geschaffen. Umso besser.
Während ich langsam auf ihn zugehe, reibt er sich den Solarplexus. Obwohl ich ihn mehr gestoßen als getreten habe, wird es trotzdem ziemlich unangenehm gewesen sein.
Dann versucht er es wieder und schlägt nach mir. Dabei müsste er eigentlich inzwischen kapiert haben, dass das nichts bringt bei mir. Ich erspare ihm den gebrochenen Unterarm und lenke den Schlag mit meinem Arm nur ab, greife dabei nach seinem Handgelenk und drücke mit der anderen Hand seine Schulter nach unten. Das ist schmerzhaft und macht ihn bewegungsunfähig.
„Du musst irgendwie auf masochistischen Praktiken stehen, scheint mir“, teile ich ihm mit. „Warum willst du unbedingt, dass ich dir wehtue? Bring mich lieber zu Baro.“
„Er wird … beschützt“, sagt Cou keuchend.
„Na, hoffentlich nicht von dir. Komm jetzt.“
Ich gehe mit ihm auf eine Tür in der Glaswand zu, die ich vorhin schon entdeckt habe und die vermutlich in den Nachbarraum führt, von wo aus Baro das Schauspiel beobachten dürfte. Cou beugt sich dabei vor. Etwas Anderes bleibt ihm auch nicht übrig, wenn er sich nicht den Arm brechen will.
Sie ist verschlossen, aber nun einmal keine Tresortür. Ich trete ein paarmal gegen die Klinke und lasse es so aussehen, als würde ich sie auf diese Weise aufbrechen. Sie müssen ja nicht wissen, dass ich magisch nachhelfe. Obwohl ich sie auf jeden Fall auch mit Gewalt allein öffnen könnte. Aber so ist das noch effektvoller.
Wir werden natürlich erwartet. Fünf Männer, zwei von ihnen richten ihre Pistolen auf mich. Dass sie überhaupt Pistolen haben, ist schon etwas Besonderes, die anderen hatten keine. Generell habe ich den Eindruck, dass die technischen Möglichkeiten dieses Bezirks nicht dem allgemeinen Standard von Lomas entsprechen.
Die drei nicht mit Pistolen herum hantierenden Männer sitzen an einem Tisch, einer von ihnen dürfte Baro sein. Vermutlich der Rothaarige. Irgendetwas an seiner Körperhaltung verrät den Anführer. Er ist, ähnlich wie Cou, nicht besonders groß, eher untersetzt und ansatzweise … nun ja, nicht dick, aber auch nicht gerade schlank. Im Unterschied zu Cou hat er Haare, wenngleich nur kurze.
Ich lockere den Druck auf Cou, und als er sich stöhnend aufrichtet, versetze ich ihm einen Stoß, der ihn zu den anderen wanken lässt.
Ohne die Bewaffneten eines Blickes zu würdigen, wende ich mich an den, der für mich Baro ist. „Können wir uns dieses Theater sparen? Erstens hast du jetzt gesehen, dass mich deine Muskelprotze überhaupt nicht beeindrucken. Zweitens wärst du bereits tot, wenn ich dir etwas tun wollte.“
„Diese Muskelprotze haben Pistolen“, erwidert der Rothaarige. An seiner Stimme erkenne ich, dass ich mich nicht geirrt habe. Er lächelt leicht.
„Willst du ernsthaft austesten, wie lange ich brauche, sie ihnen wegzunehmen? Es würde ihnen wehtun.“
Baro mustert mich nachdenklich. Schließlich winkt er den beiden zu. Sie wirken etwas erstaunt, aber sie gehorchen trotzdem.
„Normalerweise würde ich dich einfach erschießen lassen“, sagt Baro in lockerem Plauderton. „Aber mich hat es beeindruckt, wie du diese gepanzerte Tür aufgebrochen hast.“
„Die war gepanzert? Oh, wusste ich nicht.“
Jetzt lacht er auf. „Wer, oder besser gefragt, was bist du überhaupt?“
„Hättet ihr nicht damit anfangen sollen?“ Ich betrachte kurz die beiden anderen Männer und habe das Gefühl, dass sie schwul sind. Wenn ich es mir genau überlege, wirkt auch Cou schwul. Ich bin da vorurteilsfrei, gerade ich, die eine Frau liebt, aber ich glaube, seitdem das mit Katharina läuft, habe ich eine Antenne für so was.
„Fliehst du wirklich vor Sana?“
Ich nicke.
„Mit deinen Fähigkeiten?“
„Na ja, ohne die wäre ich eher tot. Zumindest aber gebrochen. Seine Schergen wollten sich an mir austoben.“
„Ich bin beeindruckt und schlage vor, wir setzen unsere Unterhaltung woanders fort. Und entschuldige meine schlechten Manieren. Ich bin Baro Gon, wie du sicherlich schon erraten hast. Cou hast du bereits kennengelernt. Die beiden anderen sind Maroin“, dabei deutet er auf einen schlanken, dunkelblonden Mann, der mich ein wenig an Mohk und Loiker erinnert, auch wenn Mohk größer war, „und Soima.“ Soima ist der Älteste. Ich schätze ihn auf Mitte Vierzig. Er hat graue Haare und braune Augen. Nicht viel größer als ich.
„Sag nicht, ihr vier seid …?“
„Hast du ein Problem damit?“ Baro beobachtet mich lauernd.
„Nein, ist mir egal. Ich war nur überrascht und habe mir kurz vorgestellt, wie das zu viert läuft. Aber eigentlich ist es mir ziemlich egal.“
„Gut. Dann komm mit.“
Er geht vor und ich folge ihm, die Anderen mir. Irgendwie eine seltsame Prozession. Aber die ganze Situation hat etwas Surreales, Absurdes. Von daher passt es wieder.
In gewisser Weise imponiert mir Baro. Er hat sich unglaublich schnell mit der neuen Situation arrangiert und wirkt überhaupt nicht nervös oder beunruhigt. Anscheinend hat er für sich entschieden, dass ich tatsächlich keine Gefahr darstelle, zumindest im Moment, und spielt den Gastgeber.
Kann mir nur recht sein.
Wir betreten den innersten Kreis. Allerdings müssen wir erst über eine Treppe geschätzt sieben Stockwerke höher. Vom Treppenhaus führt eine solide Stahltür in die eigentliche erste Kreo, wie mir gerade klar wird. Rechts und links gehen Korridore ab mit mehreren Türen. Eine davon hat zwei Flügeln, hier gehen wir durch und gelangen in eine Loft, die viel Ähnlichkeit mit Loikers Wohnung hat. Bis auf den Luxus. Der fehlt hier.
Baro geht zu einer Sitzgruppe mit einem runden Tisch und deutet auf einen Stuhl. Ich werfe einen Blick auf die Gorillas, dann setze ich mich. Baro setzt sich mir gegenüber Cou neben mich, Maroin und Soima rechts und links von Baro. Die anderen beiden bleiben stehen.
„Was möchtest du trinken?“, erkundigt sich Baro.
„Whisky.“
Er zieht eine Augenbraue hoch.
„Egal. Etwas mit Alkohol.“
Vielleicht habe ich ja Glück.
Während einer der Gorillas zur Bar geht, werde ich in Augenschein genommen. Nicht als potenzielle Gegnerin, sondern als das Achte Weltwunder. Oder so ähnlich. Ich erwidere die Blicke. Und frage mich ernsthaft, wie die Sex zu viert machen. Wenn überhaupt. Keine Ahnung, wie die Rangordnung bei denen ist. Oder eher die Hackordnung.
Um ganz ehrlich zu sein, interessiert es mich doch nicht so sehr. Ich fand ja schon den Sex zu dritt mit Sarah anstrengend. Durchaus anregend, erregend und meistens schön. Oder gar ekstatisch. Die kleine Blauhaarige wusste genau, wie sie mich zum Schreien bringen konnte.
Dennoch würde ich auf Dauer keine andere Beziehung als mit Katharina führen wollen. Vom chaotischen Liebesleben habe ich irgendwie mehr als genug gehabt.
Mein Drink kommt, es scheint das Gleiche zu sein wie bei Loiker in der Wohnung. Sieht so aus, riecht so und schmeckt so.
„Was hat Sana gegen dich?“, fragt Baro, nachdem er an seinem Getränkt genippt hat.
„Das wüsste ich auch gerne. Vielleicht gefiel ihm nicht, dass ich seinen Enkel gefickt habe und nicht ihn. Ist das wichtig? Ich brauche Asyl.“
„Warum sollten wir es dir gewähren? Wenn Sana hier auftaucht, haben wir Ärger am Hals. Und Ärger brauchen wir nicht. Du musst schon einen guten Preis zahlen.“
Ich mustere ihn. Eigentlich sollte Asyl ja kostenlos sein, aber über solche Details zu diskutieren bringt wahrscheinlich gar nichts.
Sex? Als Bezahlung? Eher nicht. Baro ist nicht bi, er ist schwul. Die Art, wie er mich ansieht, ist eindeutig. Vor allem, was er nicht ansieht. Bei Cou wäre ich mir nicht mehr so sicher, ich denke, er vergnügt sich auch schon mal mit einer Muschi. Aber nicht mit meiner. Nicht in hundert Jahren.
„Ich habe kein Geld“, erwidere ich.
„Das ist mir klar. Und dein Körper interessiert mich auch nicht. Also, was denkst du, hast du anzubieten? Deine Fähigkeiten im Kampf? Die sind beeindruckend, aber nicht wichtig für mich. Du könntest mich vor dir beschützen, aber sonst dringt niemand so weit vor.“
Leider hat er wohl recht. Es gibt wenig, was ich ihm anbieten kann. Aber eine Sache habe ich, die hat er nicht. Die kennt er möglicherweise nicht einmal.
„Wie wäre es mit Magie?“ Obwohl, das Wort gibt es in seiner Sprache ja. Was aber nicht bedeutet, dass er es kennt. Die Menschen dieser Welt sprechen dieselbe Sprache wie im Mittelalter oben, aber der Wortschatz ist mit Sicherheit nicht identisch. Wenn ich Siana etwas von Strom oder einem Zug erzähle, dürfte sie mich ziemlich verständnislos ansehen. Insofern ist Magie unter Umständen hier völlig unbekannt.
„Magie?“ Er schüttelt lächelnd den Kopf. „Gibt es nur in alten Kindermärchen.“
Immerhin kennen sie es.
Ich lasse mein leeres Glas los und zu dem Fleischberg schweben, der es mir gereicht hat. Vor Staunen vergisst er, es zu nehmen, und als ich es nicht mehr magisch festhalte, fällt es auf den Boden und zerbricht.
„Ts. Warum hast du es nicht festgehalten?“ Dann wende ich mich an Baro, der offensichtlich beeindruckt ist. Sehr beeindruckt. Eigentlich nicht nur beeindruckt, sondern erschüttert. War ich ja auch, als ich erfahren habe, dass es Magie gibt. Dass es Gott gibt und ich seine Kriegerin bin. Okay, das stimmte so nicht ganz, sondern war nur eine Lügengeschichte dieses Arschlochs Drol, aber das wusste ich ja damals noch nicht. Für mich war es plötzlich Realität.
„Ich schätze, das können nicht viele in Lomas“, bemerke ich. „Oder irre ich mich da?“
„Ich weiß von niemandem“, erwidert Baro. „Ich habe bisher noch nicht einmal davon gehört, dass es Magie wirklich gibt. Zauberkräfte kommen in einigen, wenigen Märchen vor. Wie kann das sein?“
„Ist das von Bedeutung? Ich kann es eben. Interessiert?“
Baro nickt. „Bring es mir bei und du darfst solange bleiben, wie du willst. Mehr noch, du bekommst Zugang zu allem, was dieser Bezirk hat. Was sagst du dazu?“
„Klingt überaus großzügig. Irre ich mich oder hoffst du darauf, mit meiner Hilfe deinen Einflussbereich zu vergrößern?“
„Wärst du dazu bereit?“
„Bedingt. Ich kann nicht lange bleiben, denn ich bin auf der Suche nach etwas. Aber im Moment weiß ich noch nicht, wo und wie ich meine Suche fortsetzen soll. Bis ich das weiß, bin ich bereit, dich zu unterstützen und dir einige Tricks beizubringen, im Gegenzug für Unterkunft und Verpflegung. Für den vollen Zugang zu deinen Ressourcen. Deal?“
„Deal was? Was meinst du damit?“
Mir fällt ein, dass auch Loiker nichts mit dem Ausdruck anfangen konnte.
„Wir haben einen Deal, das heißt, wir sind uns einig.“
„Deal“, erwidert Baro grinsend.
„Super. Ich habe Hunger.“
Baro starrt mich kurz an, dann lacht er auf und gibt den Befehl an die Gorillas, Essen und Trinken zu besorgen. Bald darauf stehen Teller und Gläser auf dem Tisch, an dem wir sitzen.
Soima schenkt ein Getränk ein, das mich an Wein erinnert. Das kann eigentlich nicht sein, Weintrauben brauchen die Sonne. Andererseits ist hier so vieles seltsam, warum soll es also keinen Wein geben? Mal ganz abgesehen davon gab es ja auch in der Mittelalter-Welt Wein, ebenfalls ohne Sonne.
Als ich von dem Getränk koste, stelle ich fest, dass es wirklich Wein ist. Ziemlich herb, aber Wein.
Baro fehlinterpretiert meinen Gesichtsausdruck, denn er sagt: „Wein dieser Güte ist schwer zu bekommen. Aber ich habe Verbindungen.“
„Daran zweifle ich gar nicht. Mich wundert es eher, dass es hier überhaupt Wein gibt.“
„Wieso?“
„Weil Wein Sonne braucht zum Reifen. Und wo gibt es hier Sonne?“ Ich bereue, dass ich das angesprochen habe, aber nun ist es auch egal.
„Was ist Sonne?“
Ich frage mich, wieso es das Wort in dieser Sprache überhaupt gibt. Dann erinnere ich mich daran, dass sie auch ein Wort für den Mond kennt. Und zumindest gibt es ja das Spiegelbild des Mondes. Irgendwie mysteriös, das alles. Oder wollen mich die Götter einfach nur verwirren, respektive verarschen? Ich traue ihnen ja alles zu inzwischen. Auch wenn ich keine Ahnung habe, was mich für die wichtig genug machen könnte, damit sie solche Spielchen mit mir treiben. Okay, ich war die Auserwählte für ein ganzes Universum, aber jenes Universum existiert ja nicht mehr.
Ach, egal. Denk nicht mehr darüber nach, Fiona, sonst wirst du nur depressiv oder aggressiv. Oder beides. Das wäre nicht gut.
„Nicht so wichtig“, murmele ich. „Der Wein ist gut.“
„Du erstaunst mich. Ich kann mir nicht vorstellen, dass du schon so viel Wein getrunken hast, um das wirklich beurteilen zu können. Er ist ziemlich selten und wertvoll.“
„Ich habe hin und wieder die Gelegenheit gehabt. Erzähle mir, warum sieht dieser Bezirk so scheiße aus?“
„Oho! Tut er das?“ Ich sehe ihm und den Anderen an, dass meine Frage sie irritiert. Was wiederum mich irritiert.
„Ja. Sehr ihr das anders?“
„Nun, er ist vielleicht nicht so schön poliert wie die anderen, aber auch dort ist mehr Schein als Sein.“
„Das weiß ich. Aber hier ist nicht einmal Schein, und das wundert mich. Dieser Bezirk ist definitiv anders. Und wenn ich auch noch bedenke, welchen Aufwand du betreibst, damit niemand unerwünscht zu dir vordringen kann, dann macht mich das sehr neugierig auf den Grund.“
„Den gibt es, und es ist kompliziert. Da kommt das Essen!“
Es wird von zwei Frauen gebracht, die sich kurz vor Baro verbeugen. Dann stellen sie geschlossene Behälter auf den Tisch und entfernen sich wieder. Soima öffnet die Behälter und verteilt das Essen. Es gibt Fleischbällchen mit Reis. Wo der Reis wächst und was für ein Fleisch verarbeitet wurde, frage ich lieber nicht. Ich glaube, ich will es gar nicht wissen. Es gibt Dinge, die sollte ich einfach akzeptieren. Ich bin ja flexibel und in der Lage, auch unter schwierigen Umständen zu überleben. Die ersten Monate im Mittelalter haben mich abgehärtet. Und wenn ich daran denke, was ich in der Zeit alles gegessen habe … Nein, ich denke lieber nicht daran.
„Ich mag komplizierte Geschichten“, bemerke ich, während ich das erste Fleischbällchen aufschneide. Zwar könnte ich es auch am Stück in den Mund nehmen, aber ich möchte erst sehen, wie es innen aussieht.
Gar.
Es schmeckt ganz annehmbar, ähnlich wie Rindfleisch. Zu blöd, dass ich nicht weiß, wie Menschenfleisch schmeckt. Ich hätte Theodor fragen sollen.
„Mir scheint, du weißt erstaunlich wenig über Lomas“, stellt Cou fest.
„Ich weiß vermutlich genug.“ Ich sehe ihn lächelnd an. „Mich interessiert im Moment nur dieser Bezirk. H305, wenn ich mich richtig erinnere.“
„Das ist richtig. Der Bezirk der Energiearbeiter, wie er früher genannt wurde. Früher, als hier alles sauber und ordentlich war, wie du es aus anderen Bezirken kennst. Und als der Sicherheitsdienst noch für die Menschen da war und nicht die Menschen schikaniert hat. Sana Maruka ist ein Tyrann und sein Enkel Loiker schafft es nicht, dem etwas entgegenzusetzen.“
Hm. Demnach galt meine Sympathie durchaus dem Richtigen. Zumindest moralisch gesehen. Darwinistisch gesehen wohl eher nicht. Aber ich war ja noch nie ein Darwin-Fan. Was erstaunlich ist, wenn ich bedenke, dass ich definitiv zu den Überlebenden, zu der Starken gehöre. Oder gerade darum? Aber ist Überlegenheit im Sinne Darwins nicht auch gekoppelt mit dem Streben, nur die Starken am Leben zu lassen? Vielleicht tue ich dem Charles unrecht. Ich sollte Katharina fragen, sobald sie sich wieder erinnert. Wie ich sie kenne, ist sie dem auch mal begegnet.
„Aber der Sicherheitsdienst ist wohl kaum für den momentanen Zustand des Bezirks verantwortlich, oder?“
„Nein, das haben wir ganz alleine geschafft. Die Situation wird allerdings erschwert durch die generell immer härtere Vorgehensweise des Sicherheitsdienstes, woran auch Niasman Kadula seinen Anteil hat.“
„Wer ist das denn? Sanas Großvater?“
„Nein“, erwidert Baro und grinst, wie die Anderen auch. „Niasman dürfte der mächtigste Mann von Lomas sein. Er ist das Oberhaupt des Diagadas-Clans, der seit 150 Generationen die Energiequelle der Station kontrolliert.“
Okay, dann ist es klar. Wer die Energie kontrolliert, der kontrolliert alles.
„Und wie hängt Niasman drin?“
„Es gibt immer wieder Unruhen in einem Staat wie Lomas, das ist an sich nicht ungewöhnlich. Angeblich nehmen diese Unruhen immer mehr zu, schleichend zwar, aber doch stetig. Niasman Kadula hält sie inzwischen für eine Gefahr und möchte sie beenden, deswegen hat er Sana angewiesen, härter gegen alle vorzugehen, die sich nicht an die Regeln halten.“
„Eine beliebte und kurzfristig durchaus bewährte Methode aller Diktatoren“, bemerke ich. Und als Baro mich irritiert ansieht, füge ich hinzu: „Machthaber. Aller Machthaber.“
„Du verwendest manchmal seltsame Begriffe“, stellt Baro fest. „Aber du hast natürlich recht. Jedenfalls haben es Niasman und Sana ganz besonders auf einen Bezirk wie H305 abgesehen, weil es hier stärker brodelt als woanders in normalen Bezirken. Hier sind die Leute unzufrieden, mit allem, weil es an allem fehlt. Es gibt kaum Energie, wenn, dann nur aus Notstromaggregaten. Wasser muss mühsam zurückgewonnen werden. Baumaterial ist nicht verfügbar. Sex und Gewalt ist das Einzige, was es unbegrenzt gibt.“
Das erklärt meine Wahrnehmungen, als ich durch die Kreos geführt wurde.
„Warum?“
„Unter uns befinden sich die Energieverteilzentren und darunter kommt schon das Spinnennetz. Im Übrigen gibt es auch Gerüchte, dass die Spinnen etwas planen, doch das konnte bislang nicht bestätigt werden. Und da es solche Gerüchte immer wieder gab, würde ich das nicht zu ernst nehmen. Wir haben auch so schon genug Probleme.“
Ich höre zum ersten Mal von den Spinnen, auch wenn Baro anscheinend voraussetzt, dass ich die Bedeutung des Spinnennetzes kenne. Ich lasse ihn besser in dem Glauben.
„Unser Bezirk und der Nachbarbezirk, H306, stellte die Energiearbeiter. Wir waren in einem ständigen Wettbewerb, denn es gab nicht genug Arbeit für Leute aus zwei Bezirken. Über Generationen hinweg war das aber kein Problem, denn letztlich ging es trotzdem allen gut. Der Wettbewerb war mehr eine Art Sport, es hatte keine Auswirkungen auf die Lebensqualität, mal der Zweite zu sein. Es gab sogar Sportveranstaltungen, auf denen Tätigkeiten aus der Arbeit nachgespielt wurden.“
Arbeiterolympiade, denke ich. Ich hatte im Geschichtsunterricht davon gehört. Wenn ich mich richtig erinnere, fand sie nicht oft statt. Die größte Veranstaltung war 1931 in Wien, bereits im nahen Vorfeld der Nazischeiße. Oh, wie ich dieses widerliche Pack hasse. Wir hatten das Thema recht ausführlich im Geschichtsunterricht und sahen auch Filme aus den KZs nach der Befreiung. Ich konnte tagelang nicht richtig schlafen, weil mich der Anblick der Leichenberge und der völlig ausgemergelten Körper der Überlebenden verfolgte.
Anscheinend ist all das dem menschlichen Charakter geschuldet. Klar, die Nazis kamen aus Deutschland, bis auf ihren Obernazi, aber die Vorgehensweise, die ideologische Verblendung, das elitäre Denken beschränkte sich ja keineswegs auf Europa. Die Briten hatten es schon früher vorgemacht, in Zusammenarbeit mit den geschäftstüchtigen Niederländern sowieso. Von den Spaniern ganz zu schweigen. Doch auch diese seltsame Verklärung der sogenannten Naturvölker, die alle ihre dämlichen und bescheuerten, menschenverachtenden Riten hatten, konnte ich nie verstehen.
Und die hier sind wohl genauso. Wie überall. Selbst meine geliebten Marbutaner machen es nicht besser, wenn ich an ihre perversen Hinrichtungsmethoden, die auf meiner Erde im Mittelalter ja auch verbreitet gewesen waren, denke.
Ich atme tief durch und konzentriere mich wieder auf Baro. Der mich fragend ansieht.
„Alles in Ordnung?“
„Ich habe nur an etwas denken müssen. Ist wieder vorbei.“
„Scheint etwas Unangenehmes gewesen zu sein. Aber ich sehe schon, du willst nicht darüber sprechen. Gut, zurück zu den beiden Bezirken. Wie gesagt, alles lief lange gut. Bis die Zwillinge kamen. Sie wurden, wie schon ihre Väter und Großväter, Energiearbeiter. Das Besondere daran war, dass sie keine gewöhnlichen Zwillinge waren. Aus irgendeinem Grund konnten sie wie ein Mensch agieren und arbeiteten viel schneller als zwei Einzelne. Sehr viel schneller. Das führte mit der Zeit dazu, dass unser Bezirk nur noch Zweiter war. Die Zusammenarbeit, die über Generationen so gut funktioniert hatte, klappte auf einmal gar nicht mehr.“
„Und dann hat jemand die Zwillinge getötet?“
„Du kennst die Geschichte doch?“, fragt Baro überrascht.
„Nein, aber das war nicht schwer zu erraten. Mord ist in solchen Fällen die bevorzugte Vorgehensweise der Verlierer.“
„Hm. Du erstaunst mich. Und du hast tatsächlich recht. Die Zwillinge wurden umgebracht, der Täter konnte nie gefunden werden. Aber für den Diagadas-Clan, also Niasman Kadula, stand fest, dass jemand aus H305 dafür verantwortlich war. Und weil der Täter nicht ausgeliefert wurde, nahm er den ganzen Bezirk in Sippenhaft: Niemand von hier durfte ab da in den Verteilern arbeiten. Seitdem versinken wir im Chaos.“
„Das ist doch bescheuert. Der Mann hat keine Ahnung, was er anrichtet.“
„Da gebe ich dir recht, aber das hilft uns auch nicht weiter. Verständlicherweise führte das irgendwann zu Unruhen, die zusätzlich befeuert werden durch die unbarmherzige Vorgehensweise des Kroig-Clans. Bevor du fragst: Die stellen den Sicherheitsdienst, auch seit ein paar Generationen.“
„Aha. Und wie soll das enden?“
Er zuckt die Achseln. „Das weiß niemand so genau. Ich denke, Niasman und Sana hoffen darauf, dass wir uns irgendwann gegenseitig umbringen, zumindest so weit, dass sie den Bezirk plattmachen können. H305 und Tlen halten sie für Keimzellen der Gewalt.“
„Tlen?“
„Der Bezirk ganz unten. Bete, dass du ihn niemals kennenlernst. Im Vergleich zu dem ist unser Bezirk der reinste Luxus, friedlicher Luxus.“
„Gut zu wissen“, erwidere ich und weiß jetzt schon, dass ich ihn besuchen werde. Die Götter werden sicher irgendwie dafür sorgen. Tlen klingt ganz nach einem Ort für die kleine Fiona, damit sie was genau da macht? Nun, ich werde es wohl erfahren, wenn es so weit ist.
Baro lehnt sich lächelnd zurück und sieht mich an. „Wann beginnen wir mit dem magischen Unterricht?“

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Leseprobe: Klosterrauschen

1

Draußen regnet es in Strömen. Es ist schon Herbst und lausig kalt. Die meisten Blätter sind schon von den Bäumen gefallen und ein heftiger Wind gibt sich redliche Mühe, auch die verbliebenen noch herunterzuwehen. In der Wohnung ist es gemütlich warm.
Ich spiele mit meiner kleinen Schwester Luisa, die ich immer Lu nenne. Viel kann man mit ihr nicht anfangen, da sie erst vier Jahre alt ist und die meisten Spiele nicht kapiert. Ich bin schon sechs und im ersten Schuljahr. Außerdem ist sie sehr zänkisch. Wenn ihr etwas nicht passt, fängt sie an zu heulen und schlägt mich vor Wut. Das lass ich mir natürlich nicht gefallen und ziehe ihr an den Haaren oder kneife sie in den Hintern. Dann wird sie noch wütender, weil ich ja stärker bin, läuft anschließend schreiend aus dem Kinderzimmer und petzt es unseren Eltern. Ich soll dann immer nachgeben, weil ich ja schließlich der Ältere sei. Das gefällt mir natürlich überhaupt nicht, und so suche ich mir dann meistens eine andere Beschäftigung. Am liebsten gehe ich in den Garten Ball spielen oder mit meinen Freunden irgendetwas unternehmen. Am Wochenende sind die aber meistens nicht da, und heute ist Sonntag. Nachdem Lu und ich unser übliches Ritual – spielen, schlagen, kneifen, schreien und weinen, bei den Eltern petzen – abgespult haben, kommt unser Vater ins Zimmer.
»Papa, ich war diesmal nicht schuld. Ich hab nicht angefangen! Lu hat mich wieder einfach so geschlagen!«, sage ich schon mal rein vorsorglich, wie eigentlich immer.
»Doch, du hast mir in den Popo gekniffen!«, heult Lu los.
»Schluss jetzt mit der Zankerei! Ich mach euch einen Vorschlag. Bei dem Regen können wir ja draußen nichts machen. Mama und ich haben überlegt, dass wir zu Onkel Theophil ins Kloster fahren könnten, um ihn zu besuchen. Da wart ihr doch lange nicht mehr! Na, was haltet ihr davon?«
Immerhin hat Papa erreicht, dass Stille und Frieden im Kinderzimmer herrschen. Ein hocherfreutes ›Ja, tolle Idee‹ will uns beiden jedoch nicht über die Lippen. Lu mag das düstere Kloster nicht, weil sie da immer still sein muss, da wieder gerade irgendwo gebetet wird. Ich mag zwar das Kloster mit all den großen und geheimnisvollen Räumen, aber Onkel Theophil in seiner ewig gleichen, muffigen Kutte liegt mir nicht so.
Und da ist noch etwas anderes, weswegen ich da nicht unbedingt hin will.
»Können wir nicht lieber ins Schwimmbad fahren? Da waren wir so lange nicht mehr! Bitte, bitte!« Ich habe mein bravstes Gesicht aufgesetzt.
»Ja, ja, Schwimmbad, bitte, bitte!« Einer der seltenen Momente, in denen meine Schwester mir zustimmt.
»Okay. Von mir aus. Schwimmen täte mir auch mal wieder gut! Da müssen wir aber erst Mama fragen, die hat Onkel Theophil nämlich schon angerufen.«
Mama findet Kloster heute wohl auch nicht so spannend und ist sofort einverstanden. Juchhu! Das große Hallenbad ist toll. Sprungbretter gibt es da, ein kleines Becken mit Rutsche nur für Kinder, und sogar ein Klettergerüst. Und Pommes! Blitzschnell haben wir unsere Badesachen zusammengesucht und stehen abmarschbereit an der Wohnungstür. Mama ruft noch schnell ihren Bruder, Onkel Theophil, an und vertröstet ihn auf das nächste Wochenende.
»Der Onkel war ganz traurig, dass wir nicht kommen«, sagt sie. »Besonders auf dich, Julian, hatte er sich schon so gefreut. Auf dich natürlich auch, Lu!«
Das kann ich mir denken. Ich weiß genau, warum. Was solls, jetzt gehts ins Bad. Das wird ein schöner Sonntag werden!
Lu und ich sitzen schon im Auto, Papa hat bereits den Motor gestartet, als Mama endlich mit den Badeutensilien kommt, sie schnell in den Kofferraum wirft und sich neben Papa setzt. »So ein Sauwetter!«, meint sie, während sie sich anschnallt, sich umdreht und schaut, ob wir beide auch angeschnallt sind. Dann fährt Papa los. Der Scheibenwischer schafft es gar nicht so schnell hin und her, wie der Regen auf die Windschutzscheibe prasselt. Man kann kaum etwas sehen. Die Scheinwerfer der entgegenkommenden Autos scheinen verschwommen und blenden sehr. Es ist ziemlich viel Verkehr.
Das Radio spielt ununterbrochen irgendwelche Schlager, die nicht nach meinem Geschmack sind. Mama summt aber ständig mit. Dann folgen Nachrichten. Die mag ich noch weniger als die Schlager. Ich verstehe das alles nicht, was die da im Radio sagen. »Heute wurde ein lange gesuchter Kinderschänder festgenommen. Er soll in den letzten Jahren etwa zehn Jungen zwischen drei und zehn Jahren missbraucht haben. Nähere Informationen sollen morgen veröffentlicht werden. Und jetzt das Wetter …«
»Papa«, frage ich, neugierig geworden, »was ist ein Kinderschänder?«
»Das ist ein böser Mann, der Kindern wehtut.«
»Und was heißt ›missbrauchen‹?«
»Ja weißt du, Julian, diese Männer sind irgendwie im Kopf nicht richtig und fassen kleine Jungen an.«
»Was meinst du mit anfassen? Du fasst mich doch auch schon mal an, an der Hand und so.«
»Das ist ja auch normal. Solche Männer fassen die Kinder aber da an, wo sich das nicht gehört, wo man das nicht darf.«
»Wo denn genau?«
»Ja, äh, also … also zum Beispiel, also jedenfalls nicht an der Hand!«
»Ja wo denn? Am Fuß?«
»Nein, äh, also am Fuß ist es ja nichts Böses!«
»Na dann sag doch endlich, wo der die Jungen angefasst hat!«
»Okay. Ihr beiden müsst das ja auch wissen, damit euch so was nicht passiert. Und wenn es einer bei euch macht, dann müsst ihr uns das sofort sagen, hört ihr?«
»Klar! Aber was müssen wir wann sagen? Du sagst ja nicht, wo der uns nicht anfassen darf!«
»Ach so, ja, also zum Beispiel am … Mama, kannst du den Kindern nicht auch mal was erklären? Ich muss mich doch auf den Verkehr konzentrieren!«
»Wieder mal typisch! Also Kinder, wenn euch irgendein fremder Mann mal auffordert, die Hose auszuziehen, um ihm euren Popo zu zeigen, zum Beispiel. Oder, wenn einer euren Popo oder den Penis oder etwa Lus Scheide anfasst, das müsst ihr uns …«
»Das macht Onkel Theophil doch immer bei mir … verdammt, das soll ich doch nicht erzählen!« Das ist mir jetzt einfach so rausgerutscht. Mist!
Mein Vater tritt voll auf die Bremsen und dreht sich halb zu uns um. »Was macht der mit dir?«, brüllt er, vor Zorn rot angelaufen.
Das Auto gerät ins Schlingern.
»Pass auf, Erich!« Mama schreit laut auf, während das Auto richtig ins Schleudern kommt und auf die Böschung zurast. Papa reißt das Lenkrad herum und der Wagen rutscht und schlittert über die Fahrbahn auf die andere Seite. Er dreht das Steuer wieder zur anderen Seite, aber unser Auto gehorcht ihm nicht mehr und saust quer zur Fahrbahn in den Gegenverkehr. Ich sehe nur noch viele Scheinwerfer von allen Seiten auf uns zukommen, dann schreckliches Krachen von Blech gegen Blech, Glassplitter fliegen durchs Auto, das immer weiter rutscht und rutscht. Plötzlich ist mein Kopf unten, dann wieder oben. Wir überschlagen uns und ständig höre ich die Geräusche von Metall und zerberstendem Glas. Mama schreit immer noch, nein, sie kreischt. Lu schreit und heult wie nie zuvor. Es geht alles so furchtbar schnell. Plötzlich ist alles still und dunkel.
Als ich die Augen aufschlage, finde ich mich auf dem Rücken liegend in einer Wiese wieder. Der Regen hat mich bis auf die Knochen durchnässt. Mir ist schwindelig. Mein rechter Arm tut sehr weh, und als ich mir den Regen aus dem Gesicht wische, sehe ich Blut auf meiner Hand. Ich weiß zuerst nicht, wo ich bin und wie ich hierhergekommen bin. Dann sehe ich ein paar Meter entfernt unser Auto auf dem Dach liegen. Die Räder drehen sich noch. Ich springe auf, obwohl meine Beine schmerzen und mir nicht so recht zu gehören scheinen, und humple zum Auto. »Papa, Mama, Lu! Wo seid ihr?« Ich schreie es immer wieder laut weinend, als ich über etwas stolpere. Ein Teil von Lus Kindersitz. Ein paar Meter weiter sehe ich Lu im Gras liegen. Sie liegt auf dem Bauch. Ein Bein ist über ihren Rücken gedreht und der Fuß hängt auf ihrem Kopf. Sie ist mit Blut überströmt. Beide Arme sind irgendwie verdreht und stehen merkwürdig abgewinkelt in die Luft. Obwohl sie auf dem Bauch liegt, starren ihre offenen Augen zum Himmel. Und sie ist ganz still. Schreit nicht. Heult nicht. »Lu, Lu, sag doch was! Bitte, bitte, sag doch was! Schrei mich doch mal an!« Keine Reaktion. Sie schläft wohl. Ich stolpere weiter zum Auto. Dort sehe ich Papa und Mama, bis zum Bauch aus der Windschutzscheibe heraushängend, auf dem Boden unter der Motorhaube liegen. Sie sind auch ganz blutverschmiert. Mamas linker Arm liegt abgerissen neben dem Auto im Gras und ihre starren Augen sehen mich aus dem verdrehten Kopf genau an. »Mama, Mama, sag doch was! So sag doch was!« An dem starren Blick ändert mein Rufen nichts. Ich krieche unter die Motorhaube zu meinem Vater. Ich sehe, dass sich sein Brustkorb hebt und senkt. Ein merkwürdiges Röcheln kommt mit blutigem Schaum aus seinem Mund. Seine Augen sind geschlossen. Ich schüttele seinen Kopf. »Papa, was ist mit dir?« Ich heule und heule und schreie immer wieder: »Mama, Papa, Lu! Mama, Papa, Lu! Hilfe! Hilfe!« Papa schlägt die Augen auf, sieht mich an und versucht, einen Arm zu heben. Seine Lippen bewegen sich leicht und er bringt mit viel blutigem Schaum ein gehauchtes »Julian …!« hervor. Dann bekommen seine Augen einen seltsamen Ausdruck. So wie Mamas Augen. So wie Lus Augen.
Im Hintergrund auf der Straße sehe ich viele Autos stehen und aus der Ferne höre ich Polizeisirenen. Dann erkenne ich auch Blaulicht von beiden Seiten dorthin fahren. Ich schreie und weine unaufhörlich weiter, als sich ein Arm um mich legt und ein Mann in Uniform mich hochhebt. Ich will fort von ihm, aber er hält mich fest im Arm und geht mit mir in Richtung der blauen Blinklichter. Er bringt mich zu einem großen Auto mit einem roten Kreuz darauf. Dort legt man mich auf eine Liege.
»Der arme Junge!«, höre ich von irgendwoher. Dann falle ich in einen tiefen Schlaf.

2

Ich erwache in einem hellen, großen Zimmer mit einer sehr hohen Decke. Ein riesiges Fenster erlaubt den Blick auf einen wolkenverhangenen Himmel. An der Wand gegenüber ist ein Fernseher angebracht. Der läuft aber nicht. Mein Blick schweift über das Bett und ich sehe, dass mein Bein in einem dicken, weißen Verband steckt und über der Bettdecke auf einem Gestell liegt. Der rechte Arm ist dick verpackt und ich kann ihn nicht bewegen. Ich fühle mit der linken Hand daran. Der Verband ist sehr hart und fest, wie aus Beton, aber weiß. Mein Kopf ist verbunden und schmerzt ziemlich. Auch sonst habe ich noch Pflaster und Verbände im Gesicht, an der Hand und auch an dem anderen Bein. An meinem Bauch und an der Brust fühlt es sich so an, als wenn dort tausend Pflaster klebten.
Wo bin ich? Wie komme ich hierhin? Warum bin ich so verpackt? Ich kann mich an nichts erinnern. Wo sind Papa und Mama? Warum lassen sie mich hier so völlig alleine liegen? Fragen über Fragen gehen durch meinen schmerzenden Kopf. Fragen, auf die ich keine Antworten habe. Niemand ist zu sehen, den ich fragen kann. »Mama, Mama! Papa, Papa, Papaaaa!« Ich schreie so laut ich kann, obwohl das die Schmerzen immer schlimmer macht. »Mamaaaaaaa! Mamaaaaaa! Papaaaaaaa!« Endlich geht die Tür auf und eine Frau in einem weißen Kittel kommt eilig hereingelaufen und nimmt meine Hand. Sie setzt sich zu mir aufs Bett und streicht mir sanft über den Kopf.
»Ruhig, Julian. Ich bin ja jetzt da. Ich bin Schwester Hildegard. Aber du kannst einfach Hilde sagen. Du musst keine Angst haben! Du hast sehr lange geschlafen!« Die Frau ist sehr nett und strahlt etwas Liebes aus. Ich beruhige mich ein wenig.
»Wo bin ich hier? Warum bin ich hier? Wo sind Mama und Papa? Und Lu? Warum sind sie nicht hier?«
Sie schaut mich sehr seltsam an und streichelt mir durchs Gesicht und über die Hand. »Erinnerst du dich an nichts? An gar nichts?«, fragt sie mit einer jetzt auf einmal etwas zittrigen Stimme.
»Nein. An nichts. Woran soll ich mich denn erinnern?«
»Das kommt schon noch. Du hast ein paar Tage geschlafen. Dann vergisst man manchmal was. Du bist ja noch krank, und deshalb liegst du hier. Das ist hier nämlich ein Krankenhaus, weißt du?«
»Was ist ein Krankenhaus? Was habe ich denn für eine Krankheit?«
»In ein Krankenhaus kommt man, wenn man so krank ist, dass man das zu Hause nicht heilen kann. Hier sind ganz viele Zimmer mit kranken Leuten, auch Kindern. Du hast ein paar Schnittwunden, die genäht worden sind, und dein Bein ist gebrochen. Äh, dein Arm auch, ein ganz kleines bisschen aber nur. Das wird alles wieder gut. Ganz bald bist du gesund und kannst dann rumlaufen wie früher!«
»Wieso ist das denn alles gebrochen und geschnitten? Was ist denn passiert? Ich weiß doch von nichts! Ich hab doch nichts gemacht! Wo sind Papa und Mama und Lu? Warum kommen sie nicht zu mir? Ich kann mit dem blöden Verband am Bein nicht aufstehen! Ich will, dass die kommen! Jetzt!« Ein heftiger Weinkrampf schüttelt mich und ich fange erneut an, nach meinen Eltern zu schreien.
»Ruhig Julian. Ganz ruhig, mein Kind. Alles wird wieder gut.«
»Aber wo sind die denn?«, schluchze ich.
»Ja, äh, also, äh, weißt du, äh, die … die sind jetzt, äh, äh im …«, sie hat jetzt ein sehr ernstes Gesicht und ich sehe ein paar Tränen über ihre Wangen laufen. »Also, äh, die sind jetzt im … im … in einem anderen Zimmer hier im Krankenhaus. Die haben genau solche Verbände wie du und können nicht gehen!«
»Lu auch?«
Jetzt wird ihr Weinen stärker. »Ja, ja, Lu auch. Ich gebe dir jetzt hier von dem Saft einen Schluck und dann schläfst du noch mal etwas. Danach wird es schon besser, glaub mir!«
Bevor ich mich besinne und weiter Fragen stellen kann, hat sie einen winzig kleinen Becher an meine Lippen gesetzt und den Inhalt in meinen Mund geschüttet.
»Bah, ist das bitter! Das will ich nicht!«
»War ja schon alles, Julian. Jetzt wirst du gleich müde werden und einschlafen.« Sie beugt sich über mich und umarmt mich zärtlich, während ich schon spüre, dass meine Augen zufallen.
Im Schlaf fühle ich eine warme, fleischige Hand zwischen meinen Beinen, die sanft alles streichelt, was ich dort habe. Ich träume gerade von Onkel Theophil und dem Kloster, als ich wach werde und dem Onkel direkt in die Augen sehe. Er sitzt neben meinem Bett in seiner braunen, wie immer muffigen Kutte, und hat seine rechte Hand unter meiner Bettdecke. Mit der anderen streicht er mir über den Kopf. Er beugt sich über mein Gesicht und küsst mich mit seinem bärtigen Mund und seinem stinkenden Atem. Seine Küsse sind immer so furchtbar nass und seine Zunge steckt er zwischen meine Lippen. Ich hasse das so sehr, bin aber im Moment froh, wenigstens irgendeinen Bekannten und sogar Verwandten zu sehen.
»Hallo, Julian, mein kleiner Liebling. Endlich bist du wach! Wie bin ich froh! Ich habe so sehr für dich gebetet. Und es hat geholfen!« Während er so spricht, befummelt und streichelt er mich munter unter der Bettdecke weiter. Ich lasse es geschehen. Das kenne ich ja schon. Jetzt im Moment ist es mir auch gleichgültig.
»Wo sind Papa und Mama? Und Lu? Was ist passiert, Onkel Theophil?«
»Tja, weißt du, mein kleiner Liebling, Gottes Wege sind unergründlich! Ihr hattet einen Autounfall. Dabei seid ihr alle schwer verletzt worden! Erinnerst du dich denn an nichts?«
»Nein, nein. Aber jetzt erinnere ich mich an Lichter und Regen und Lärm, dann war plötzlich alles dunkel. Wo sind Papa und Mama und Lu? Ich will zu ihnen! Kannst du mich nicht zu ihnen bringen? Hilde hat gesagt, die wären auch hier.«
»Julian, mein Herz, du musst nun ganz tapfer sein! Und du musst beten, wie ich es dir schon so oft gezeigt habe!«
»Warum? Ich will nicht beten! Ich will nach Hause! Und zu Papa und Mama! Ich schrei jetzt ganz laut! Ganz laut! Bis sie kommen!«
»Deine Eltern können nicht kommen. Nie mehr! Und Lu ebenfalls nicht. Sie sind jetzt bald beim lieben Gott. Sie sind auf dem Weg in den Himmel!«
Als er das so sagt, fallen mir die reglosen Augen und der verdrehte Körper von Lu ein und auch meine Eltern, wie sie aus dem Auto ragen und mich so starr anblicken. Alles ist plötzlich wieder in meinem Kopf, und ich fange fürchterlich an zu schreien.
»Ruhig, Julian! Sei ganz ruhig!« Er fasst mich fester, an der Hand und auch zwischen den Beinen. »Sei ganz ruhig und lass uns beten!«
»Nein, nein, nicht beten! Ich hab doch nichts gemacht! Papa hat sich plötzlich im Auto umgedreht und gebrüllt. Dann ist das Auto gerutscht und geschleudert und dann war da der Krach und …«
»Warum hat Papa denn gebrüllt?«
»Da war was im Radio, von so einem Mann, der Kinder anfasst und so, und dann ist mir rausgerutscht, dass du das mit mir auch machst! Ich wollte es aber doch nicht sagen! Es ist mir so einfach raus…«
»Du hast gesagt, dass ich dich da anfasse? An deinem Penis?«
»Ja, aber ich wollte es doch nicht sagen! Und dann ist das alles passiert!«
Ich sehe, dass Onkel Theophil etwas blass geworden ist und schwitzt. Sein Mief schwebt jetzt noch deutlicher im Zimmer.
»Ihr wart alleine im Auto, darum hat es sonst niemand gehört. Außer dem lieben Gott! Ich hatte dir doch gesagt, es passiert etwas Schreckliches, wenn du es jemandem erzählst! Nun siehst du, dass ich recht hatte! Der Unfall ist passiert, weil du es erzählt hast! Jetzt sind deine Eltern und Lu tot und du bist schuld! Du ganz alleine! Ich hatte dich gewarnt!«
Ich fange wieder laut schreiend an zu weinen. »Ich will nicht, dass die alle tot sind! Warum hat der liebe Gott das getan? Ich will auch tot sein! Ich will auch nicht mehr leben! Ich will zu ihnen! Hörst du? Lass mich auch tot sein! Tot! Tot!«
Schwester Hilde kommt ins Zimmer gelaufen und eh ich michs versehe, hat sie mir wieder so einen kleinen Becher mit dem bitteren Zeugs zwischen die Lippen geschüttet. »Schlaf, Julian! Beruhige dich! Alles wird gut.«

3

Ich sitze, wie jeden Abend, auf Onkel Theophils Schoß. Das wäre eigentlich ganz gemütlich, wenn da nicht so etwas Hartes an meinem Po zu fühlen wäre. Ich habe ihn mal gefragt, was das sei, und er erwiderte, das sei ein Stück Holz aus dem Kreuze Jesu Christi, wie es alle Priester hätten, die Gott ganz besonders liebt. Habe dann nicht weiter nachgefragt. Dass er mich da drauf hin- und herschiebt, macht es nicht schöner. Manchmal ist das Stück vom Kreuz auch nicht zu spüren. Wahrscheinlich hat er es dann irgendwo versteckt. Immer trägt er es jedenfalls nicht bei sich.
Seine Hand streichelt unter meinem Nachthemd meine Beine, meinen Bauch und auch öfter meinen Penis. Die Hand ist aber schön warm und es tut ja nicht weh. Es ist sogar angenehm.
Schon seit Wochen wohne ich bei meinem Onkel im Kloster. Als ich aus dem Krankenhaus entlassen wurde, hat er mich mit hierher genommen. Ich war froh, als ich dort endlich rauskonnte, obwohl die Schwester immer sehr lieb war. Nach und nach hat sie mir alles von dem Unfall erzählt. Sie weinte meistens dabei und nahm mich in den Arm. Papa, Mama und Lu wären jetzt im Himmel beim lieben Gott, erzählte sie mir. Dort hätten sie es gut und würden von dort oben immer auf mich aufpassen. Onkel Theophil erzählte das etwas anders. Sie seien noch nicht im Himmel, sondern im Fegefeuer und müssten dort für meine Sünden leiden, weil ich das Geheimnis verraten hätte. Ich weinte dann immer sehr und war völlig verzweifelt. Aber ich glaubte ihm und versprach, nie mehr etwas zu erzählen. Dann nämlich, so erzählte er mir, kämen sie irgendwann aus dem Fegefeuer in den Himmel. Wenn ich allerdings wieder irgendetwas erzählen würde, kämen sie sogar in die Hölle. Nun wurde mir der Unterschied zwischen Hölle und Fegefeuer nicht ganz klar, trotz seiner vielfachen Erklärungsversuche, aber mir schien die Hölle irgendwie furchtbarer zu sein. So nahm ich mir also fest vor, immer zu schweigen, gleich was der Onkel verlangte. Ich musste ja meine Eltern und Lu retten.
So liest er mir allabendlich also Geschichten aus der Bibel vor, während ich im Nachthemd auf dem Stück Holz vom Kreuze Jesu Christi sitzen darf. Die Geschichten sind ziemlich langweilig und ich verstehe das meiste nicht. Manchmal frage ich was, bin aber nach seiner, meist sehr ausführlichen Antwort auch nicht schlauer. Hin und wieder muss ich lachen, anscheinend an Stellen, die nicht lustig sind, denn er sieht mich dann etwas vorwurfsvoll an. Schließlich höre ich einfach nur noch zu. Umso schneller hört er auf und schlägt das dicke Buch zu. Nach dem Lesen gibt es immer noch einen Becher Kakao vor dem Zubettgehen. Der riecht ganz anders als zu Hause. Irgendwie nach Medizin. Ist aber schön warm und ich trinke ihn gerne. Danach werde ich immer sofort ganz müde und er trägt mich dann halb schlafend ins Bett. Ich muss immer in seinem Bett mit ihm schlafen, damit ich nicht alleine bin und keine Angst habe, sagt er. Wenn das Bett nur nicht so stinken würde! Genauso wie der ganze Onkel. Muffig und wie ein altes Klo. Sauber ist das Bett schon gar nicht. Flecken sind auf dem Laken und es riecht auch nach Schweiß und Pipi. Zu Hause roch mein Bett nach Frühling und war stets frisch. Nachts träume ich schreckliche Dinge. Von dem Unfall, von blutverschmierten Gesichtern und vom Fegefeuer und der Hölle. Ich spüre dann immer Schmerzen, meistens seltsamerweise am Popo. Wenn dann alles in Flammen steht, erwache ich von meinem eigenen Schreien. Dann sehe ich im Dunkeln Onkel Theophils Gesicht ganz nah über mich gebeugt und mein Bauch fühlt sich nass an. Das Nachthemd habe ich mir wohl im Schlaf hochgezogen, sodass ich nackt neben ihm liege. Er zieht es dann behutsam ganz herunter und streicht mir mit der Hand über den Kopf. »Hast wohl wieder was Schlimmes geträumt, mein kleiner Engel!«, sagt er dann meistens und deckt mich zu. »Schlaf jetzt ruhig weiter! Morgen früh darfst du mit mir um sechs in die erste heilige Messe!« Er dreht sich dann um und schnarcht laut los. Ich schlafe meistens sofort wieder ein. Wenn auch die Träume vorläufig weg sind, der Schmerz an meinem Hintern bleibt immer noch eine Zeit, und sogar am nächsten Morgen spüre ich ihn noch.
Ganz in der Früh am Morgen klopft es kurz an der Tür, und herein kommt ein anderer Pater namens Aquarius. Er bringt jeden Morgen eine große Kanne heißes Wasser, deren Inhalt er in eine breite Porzellanschüssel gießt.
»Gott zum Gruße, Bruder Theophil und kleiner Julian«, sagt er dann jedes Mal und lässt seine fettigen kleinen Schweins­äuglein lange auf mir ruhen. Dabei leckt er sich mit der Zunge über die Lippen. Er ist ziemlich klein, dafür aber sehr dick und hat die gleiche Kutte an wie alle Patres hier im Kloster. Er ist auch genauso schmutzig wie Onkel Theophil. Nur seine Ausdünstungen übertreffen die des Onkels bei Weitem. Ich mag seinen Blick nicht. Weiß nicht warum, er ist einfach unangenehm. Er wartet immer so lange, bis ich mein Nachthemd ausgezogen habe und völlig nackt neben Onkel Theophil stehe. Der wäscht mich jeden Morgen, obwohl ich zu Hause schon alleine duschen durfte. Aquarius heftet seine Augen wie Magnete auf meinen Unterleib und seine Zunge leckt immer schneller über seine Lippen wie eine Schlange. Bevor der Onkel mit dem Waschen beginnt, schickt er den Pater aber, Gott sei Dank, hinaus. Es ist so schrecklich ungemütlich und unangenehm, wenn er mit dem nassen Waschlappen beginnt, an mir herumzureiben. Gesicht und Hände sind schnell erledigt, aber mit meinem Popo und meinem Penis gibt er sich schrecklich viel Mühe. Immer wieder nimmt er frisches Wasser und Seife und reibt mit der Hand alles so lange, dass ich Angst habe, dass nachher nichts mehr da ist. »Der süße kleine Popo und dein kleines Pipimännchen müssen immer ganz besonders sauber sein! Dann freuen sich der liebe Gott und auch all die kleinen Engelein!« Das murmelt er jeden Morgen, mehr zu sich selbst als zu mir. Der Schweiß läuft ihm dabei über die Stirn. Dann wäscht er sich auch, während ich mich anziehe. Bei sich selbst ist das Waschen ganz anderes. Eine Handvoll Wasser ins Gesicht, abgetrocknet, fertig. Den restlichen Wanst lässt er komplett aus. Kein Wunder, dass er so stinkt. Ich beobachte das zwar, frage ihn aber lieber nicht, warum er seinen Hintern nicht wäscht. Wahrscheinlich haben der liebe Gott und all die kleinen Engelein an seinem fetten Arsch nicht so eine Freude. Verstehen kann ich es.
»Heute ist ein besonderer Tag, mein kleiner Liebling! Nach der Messe und dem Frühstück fahren wir in die Stadt zum Gericht!«
»Was ist ein Gericht, Onkel Theophil?«
»Das Gericht ist ein sehr großes Haus, in dem ein Richter sitzt. Der entscheidet, was mit dir geschieht. Du bist ja noch klein und deine Eltern sind beide tot, durch deine Schuld! Der Herr möge dir verzeihen!« Er bekreuzigt sich bei diesen Worten und schaut gen Himmel. Ich möchte wieder losheulen, aber er fährt sofort in seiner Ansprache fort. »Du bist jetzt ein Waisenkind und ich bin dein einziger Verwandter auf Erden! Darum wird der Richter mir sicher das Sorgerecht für dich zusprechen und du darfst dann hier bei mir im Kloster leben und zur Schule gehen, bis du erwachsen bist. Hast du das soweit verstanden?«
»Ja Onkel Theophil!«
»Der Richter wird dich sicher fragen, ob du das auch wirklich möchtest. Dann musst du sogleich und freudig antworten mit ›Ja, Euer Ehren, das möchte ich unbedingt! Ich wünsche mir nichts mehr, als bei meinem Onkel im Kloster zu leben. Der Onkel ist ja so gut zu mir!‹ Verstanden, Julian? Wenn du etwas anderes sagst oder etwa, dass du nicht bei mir leben willst, werden der Richter und vor allem der liebe Gott ganz böse und deine Eltern kommen sofort in die Hölle und du in ein Waisenhaus, wo du immer alleine in einem dunklen Verlies sitzen musst und nichts zu essen und zu trinken bekommst!«
Nichts habe ich von all dem, was der Onkel gesagt hat, verstanden. Nur das mit der Hölle.
Ich fange laut an zu schniefen und stottere mit verweinter Stimme: »Ja, ja, Onkel Theophil, ich sage genau, was du mir eben erzählt hast! Papa und Mama sollen nicht in die Hölle kommen! Nein, nein!« Ein Weinkrampf schüttelt mich. Tausend Gedanken überschlagen sich in meinem Kopf. Lieber den Onkel weiter ertragen als das andere. Ich habe ja schließlich meine Eltern und meine Schwester umgebracht, und dafür will ich jetzt eben leiden, damit sie wenigstens bald in den Himmel kommen. In der Hölle ist es sicher viel schlimmer als hier im Kloster.
»Gut, gut, mein kleiner Engel! Beruhige dich wieder. Wir wollen jetzt in die Messe gehen und für deine Familie und dich beten!« Er geht voran und ich tapse leise weinend hinter ihm her. Es ist noch sehr dunkel draußen, und in den weiten Fluren, durch die der Weg zur Kirche uns führt, brennen nur wenige traurige Wandleuchten. Die Glocken läuten wie zum Sturm, ihr Schall erreicht uns aber durch die dicken Mauern nur gedämpft. Auch in der Kirche, die fast schon riesig ist, brennen nur wenige Kerzen, hauptsächlich vorne an dem mächtigen Altar, der so hoch ist, dass er fast bis zur Decke reicht. Überall an den Wänden und in Mauernischen stieren mich große, bunt bemalte Holzfiguren zum Teil böse, zum Teil traurig an. Die Wände sind, genau wie die Decke, bunt bemalt mit allerlei kleinen, meist nackten Engeln mit Flügeln, weißhaarigen alten Männern, die zu schweben scheinen, und Drachen sowie anderen Tieren, deren Namen ich nicht kenne. Die nackten Engelchen sind alles kleine Jungen, wie ich unschwer zwischen ihren Beinen erkennen kann. Überhaupt gibt es nur ein Bild von einer Frau. Die nennen die Patres die ›Mutter Gottes‹. Die Bedeutung der Bilder und Figuren erschließt sich mir nicht. Einerseits erinnert es mich an mein altes Märchenbuch, andererseits an bunte Karussells auf dem Kirmesplatz. Nur ist alles sehr bedrückend und angsteinflößend. Dazu die unheimliche Stille. Jeder Schritt irgendeines Paters, die nach und nach in die Kirche geschlurft kommen, erscheint wie lautes Unwetter und macht die ganze Szene noch erschreckender. Ich zucke zusammen, als plötzlich in meinem Rücken die riesige Orgel losdonnert. Alles scheint zu vibrieren. Wir sitzen ganz vorne und auch die anderen sind jetzt alle da. Einer steht aus irgendeinem Grund vorne beim Altar und schwenkt wie verrückt mit einem Kessel um sich, der an Ketten hängt und aus dem ein betäubender Dampf strömt. Bald ist die ganze Kirche davon eingenebelt. Allen scheint es zu gefallen, denn sie beginnen, lauthals in einer fremden Sprache zu singen. Mir wird schlecht von dem Dampf und ich fürchte, kotzen zu müssen. Ich reiße mich aber zusammen und nach einiger Zeit habe ich mich ein wenig daran gewöhnt. Zumindest die Übelkeit lässt nach.
Dann beginnt der Pater vorne am Altar ebenfalls in einer mir fremden Sprache zu beten, und im Wechsel mit ihm beten die anderen. Ich verstehe kein einziges Wort davon. Es muss wohl alles stimmen, denn ich sehe den ein oder anderen der Kuttenmänner bejahend nicken. Zwei direkt vor mir haben den Kopf tief auf die Brust gebeugt. Sie sind wahrscheinlich so ergriffen von all dem. Warum aber schnarchen sie leise? Vielleicht gehört das dazu. Der Vorbeter am Altar läuft mal nach rechts, dann wieder nach links. Sicher sucht der was. Er schaut sich ständig um, hebt ein großes Buch hoch, küsst es und legt es wieder hin. Da ist das Gesuchte wohl auch nicht. Er hebt die Hände zum Himmel, murmelt etwas, geht nach vorne und redet auf die anderen in der fremden Sprache ein. Wahrscheinlich fragt er die, ob sie nicht wissen, wo es versteckt ist. Keiner sagt zunächst etwas. Onkel Theophil hebt sich leicht mit einer Pobacke von der Bank und lässt einen lauten Furz fahren, der mit schönem Echo langsam in der großen Kirche verhallt. Aus einer anderen Ecke erfolgt eine gefurzte Antwort, aber bei Weitem nicht so prächtig und laut. Das scheint geholfen zu haben, denn alle rufen laut ›Amen‹. Ah! Das ist wohl das Versteck! Der vorne geht nämlich jetzt schnurstracks auf den Altar zu. Er dreht sich noch einmal um, hebt wieder die Hände ganz hoch und ruft: »Halleluja!«
Endlich hat er das Gesuchte gefunden. Hatte wohl jemand hinter einer verborgenen kleinen Tür in dem großen Altar versteckt. Glücklich lächelnd, weil er es wiedergefunden hat, kommt er mit einem riesigen goldenen Topf, mit einem Stiel unten daran, in den Händen zurück und stellt das Ding vor sich auf einen hohen Tisch. Er kniet davor nieder. Warum bloß? Ist sicher etwas Wertvolles drin. Er nimmt den Deckel ab, guckt, anscheinend zufrieden mit dem Inhalt, hinein, macht allerlei Verrenkungen mit den Armen über dem Topf, kniet immer wieder hin und nimmt ihn schließlich hoch und zeigt ihn nach rechts und links, damit ihn alle sehen können. Die anderen werden bestimmt auch froh sein, dass er den Topf wiedergefunden hat. Dann erklingt aufs Neue die Orgel, alle, fast alle, singen laut. Einige sitzen immer noch in schnarchender Andacht vornübergebeugt in den Reihen. Nach weiteren Kniefällen schnappt der Vorbeter sich den goldenen Topf und kommt damit weiter nach vorn. Dort bleibt er stehen und schaut erwartungsvoll auf seine Kuttenbrüder. Unter dem Klang der Orgel, jetzt gedämpfter, gehen alle in einer Reihe aus den Bänken heraus nach vorne. Die so andächtig vor sich hin ruhenden Brüder werden angestoßen und mitgenommen. Der Vorbeter holt jedes Mal irgendetwas aus dem Gefäß und stopft es jedem Einzelnen in den Mund. Ob dies das Frühstück ist? Krieg ich nichts? Ich laufe hinter dem Onkel her auch nach vorne. Er sieht mich nicht sofort, nimmt dann jedoch meine Hand und führt mich mit nach vorne. Onkel Theophil bekommt etwas in den Mund gesteckt und ich stehe schon mit geöffnetem Schnabel da, in der Hoffnung, auch irgendwas Leckeres zu kriegen, da ich mittlerweile Hunger habe. Mir streicht der Pater aber nur mit der Hand über den Kopf und macht so etwas wie ein Kreuzzeichen auf meiner Stirn. Dabei sieht er mich so merkwürdig an mit einem glasigen Blick. »Gott mit dir, mein Kind, mein hübsches!«, flüstert er mir zu. »Sei immer fromm und willig hier im Kloster und deinem Herrn!«
Etwas Essbares wäre mir lieber gewesen als Worte, die ich nicht verstehe. Als alle gefüttert sind, ist die Vorstellung scheinbar vorbei und alle bewegen sich unter dem Dröhnen der Orgel aus der Kirche wieder in die dunklen Flure, aus denen sie gekommen sind.
»Warum hab ich nichts zu essen gekriegt, Onkel Theophil?«, frage ich leise, als wir draußen sind. »War das eben schon das Frühstück?«
»Nein, Julian, das war der Leib Christi. Den bekommt man erst, wenn man zur ersten heiligen Kommunion gegangen ist. Zum Frühstück gehen wir jetzt. Du bekommst natürlich auch etwas, wie sonst doch auch!«
Stimmt. Ich war aber bisher noch nie mit in so einer Messe. Da ist er wohl die letzten Wochen ohne mich hingegangen. Hoffentlich macht der das morgen wieder alleine. So toll finde ich das nämlich nicht. Im Bett noch etwas länger schlafen wäre schon besser. Nach dem ›Leib Christi‹ frage ich lieber nicht, sonst hält er wieder einen langen Vortrag und ich habe jetzt wirklich Hunger. Groß kann der Leib Christi, was auch immer das ist, nicht sein, sonst würde er ja nicht in so einen kleinen Topf passen.
Der Frühstücksraum, in dem wir auch immer mittags und abends essen, ist gewaltig, allerdings sehr düster und ungemütlich. Eine hohe Gewölbedecke, von der einem schon mal etwas Putz auf den Teller fällt, viele hohe Fenster rundherum, durch die es mächtig zieht. Die Möbel sind schlichte, grob gezimmerte Holztische und lange Bänke. An den Wänden sind weder Farbe noch irgendwelche sonstigen Verzierungen. Nur ein meterhohes Holzkreuz mit einer riesigen Holzfigur hängt direkt neben der Eingangstür. Bis heute habe ich sie nie so richtig betrachtet. Die Figur ist völlig nackt bis auf ein Tuch, das um die Hüften geschlungen ist. Es scheint ein Mann zu sein, denn er hat keine Brust wie Mama, dafür aber einen Bart. Auf dem Kopf trägt er einen Kranz mit langen Dornen. Mit den ausgestreckten Armen hält er sich wohl an dem Querbalken fest, sonst würde er ja sicher herunterfallen. Er sieht sehr mager aus. Ob der auch im Waisenhaus war? Er tut mir etwas leid. Anscheinend schläft er, denn der Kopf hängt auf der Brust und die Augen sind geschlossen. »Wer ist das da an dem Kreuz, Onkel Theophil?«
»Das ist der gekreuzigte Herr Jesus, mein unwissendes Kind! Der Retter der Welt! Gottes Sohn!«
»Ist das das Kreuz Jesu?«
»Ja, mein Sohn! Zu ihm kannst du immer beten.«
Ach so! Ich frage lieber nicht weiter, sonst muss ich noch länger mit dem Frühstücken warten. Ich sitze immer auf mehreren dicken, alten Büchern, um überhaupt an meinen Teller zu kommen, so hoch sind die Tische. Wie jeden Morgen gibt es heißes Wasser, das ganz leicht gelblich gefärbt ist, wie Pipi aussieht und so ähnlich auch wohl schmeckt. Soll Tee sein. Dazu gibt es einen widerlichen Brei aus ganz dünner, wässriger Milch und einer Art dicker Würmer darin. So sahen die Mehlwürmer aus, mit denen Papa angelte. Zum Glück sind sie aber tot. In der Milch sind sie sicher ertrunken. Beim ersten Mal musste ich fast brechen, als ich sie heruntergewürgt habe. Jetzt habe ich mich daran gewöhnt. Lecker sind sie nicht. Wenigstens machen sie satt. Dazu gibt es noch ganz dunkles und sehr grobes Brot, das zudem steinhart ist. Man taucht es in die Wurmsuppe, dann kann man es nach einiger Zeit wenigstens kauen. Ich muss dann immer mit feuchten Augen an Mamas Frühstück zu Hause denken. Kakao gab es da und weiche Brötchen mit Marmelade oder leckerer Nusscreme. Das werde ich wohl nie mehr bekommen. Ich bin ja selbst schuld! Jetzt muss ich büßen, wie der Onkel mir immer und immer wieder predigt. Als alle fertig sind, beten sie zum wiederholten Male, genau wie zu Beginn jeder Mahlzeit, und dann schlurfen sie mit über den Kopf gezogenen Kapuzen in alle Richtungen davon. Ich bleibe kurz neben der Tür stehen und betrachte genau das Kreuz Jesu. Irgendwo muss ja das Stück fehlen, das der Onkel öfters unter seiner Kutte versteckt. Komisch! Nirgends ist ein Stück herausgeschnitten. Vielleicht gibts noch mehr davon, denke ich, und tripple schnell hinter Theophil her, der sich schon suchend nach mir umgedreht hat.

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Leseprobe: Himmelsstaub – Gefangen im Koma

I

Leichte Übelkeit steigt in mir hoch. Komisch. Was ist das?
Langsam erwache ich aus einem Traum, dessen Inhalt wieder viel zu schnell verdämmert. Ich war wieder jung. Irgendwas mit der Schule. Vokabeln nicht gelernt. Deutscharbeit. Text wieder nicht gelesen. Examen. Ich glaube, keine Ahnung mehr zu haben. Von nichts. Oder war das der Traum von gestern? Wie ging es noch weiter? Alles verschwimmt von meinem Traum und ich versuche, es festzuhalten. Es ist weg.
Draußen dämmert es ganz langsam. Homers ‚Rosenfingrige Morgenröte‘ lächelt durch unser Schlafzimmerfenster. Auf der Fichte davor begrüßt die Singdrossel wie jeden Morgen fröhlich lockend den jungen Tag. Wie kitschig das klingt! Aber manchmal sind die Wunder der Natur so bezaubernd und schön, dass man sie gemalt oder beschrieben, sogar fotografiert als kitschig bezeichnen würde. Da sind mir besonders die Sonnenuntergänge in Namibia in Erinnerung. Auf Fotos würde man sie nicht für echt halten.
Mist. Der Traum ist weg. Vielleicht kommt er zurück, wenn ich noch mal versuche, einzuschlafen.
Wieder diese Übelkeit. Leichter Brechreiz. Wird wohl wieder verschwinden.
Ich döse vor mich hin, bald muss ich sowieso aufstehen. Ich höre Gabi, meine Frau, schon emsig hin und her laufen. Der Föhn geht wieder los, wie eine Boeing.
Was ist nur mit mir los? Mir ist so komisch. Ach Quatsch!
„Gustav, komm Herrchen wecken!“, höre ich Gabi sagen. Schon spüre ich, wie mein Hund Gustav zu mir ans Bett getrappelt kommt und mir freudig durchs Gesicht leckt. Guten Morgen, mein allerbester Freund!
Meine Beine kribbeln. Ich versuche aufzustehen. Irgendwie fehlt mir die Kraft. Verrückt. Schlafe ich noch? Träume ich noch? Ich mache die Augen zu und versuche, an etwas Schönes zu denken.
So etwas wie Angst steigt in mir hoch. Nicht verrückt machen! Ich habe Herzklopfen. Verdammt! Ich stehe jetzt einfach auf. Keine Panik aufkommen lassen. Sag ich meinen Patienten doch auch immer. Anderen einen Rat geben ist aber leichter, als selbst danach zu handeln. Einfach aufstehen und alles ist weg!
Ich werfe die Bettdecke zur Seite und stehe auf. Geht doch. Kein Kribbeln mehr. Kraft für zwei. War doch auch gerade noch beim Kardiologen. Alles okay. Bin topfit. Ich beuge mich zu meinem Hund hinunter und schmuse ausgiebig mit ihm, wie jeden Morgen. Vor Freude kriegt der sich gar nicht mehr ein. Wuselt um mich herum wie verrückt, bevor er sich wieder, mit sich und der Welt zufrieden, in seinem Körbchen einrollt.
Shari, seine Oma, fast 17 Jahre alt, stocktaub, aber sonst noch recht fit für ihr Alter, verschläft wieder mal den Morgen, am liebsten den ganzen Tag, bis ich sie vorsichtig anschubse und wecke. Etwas unwirsch schaut sie mich an und wedelt pflichtgemäß leicht mit dem Schwanz. Sie leckt einmal kurz meine Hand, schiebt den Kopf wieder unter die Pfoten und döst weiter.
Auf ins Bad. Ich drehe schon mal die Dusche auf, weil es immer etwas dauert, bis warmes Wasser kommt, und beginne, mich zu rasieren. Der Rasierapparat fühlt sich irgendwie schwerer an. Ich schaue in den Spiegel. Nein, ich sehe aus wie immer. Nichts ist anders. Oder ist der Mund links etwas schief? Blödsinn! Ich rasiere mich fertig und gehe duschen. Irgendwie kribbelt mein Bein. Das rechte? Das linke? Einbildung. Duschgel. Einseifen. Shampoo auf den Kopf. Abduschen. Fertig. Raus aus der Dusche. Abtrocknen.
Jeden Morgen dasselbe. Routine. Automatische Abläufe. Automatismen. Mehr unbewusst macht man das alles. Heute scheint das alles irgendwie in Zeitlupe abzulaufen. Warum nur?
Ich schaue auf die Uhr. 7:45 Uhr. Habe noch Zeit. Ich ziehe mich an. Meine Frau legt mir immer alles hin. Brauche ich nicht zu überlegen, was ich anziehen soll. Nach Gabis Meinung verstehe ich da eh nichts von und würde mir nicht zusammenpassende Sachen anziehen. Okay. Mir ist es gleich. Ist auch ganz praktisch, diese Regelung.
Ich wecke Shari noch mal, Gustav steht schon an der Tür. Wir gehen hinunter. Shari muss ich manchmal dabei helfen, die Treppe hinauf- und hinunterzukommen. Wenn sie zu lange gelegen hat, ist sie noch etwas wackelig und rutscht dann schon mal die Treppe ein Stück hinunter. Ich lasse die beiden in den Garten. Kurze Zeit später stehen sie aber wieder in der Küche, legen sich auf ihre Decke und schauen mich erwartungsvoll an. Gleich gibts ja Futter. Nein, vom Frühstückstisch gibt es, von mir zumindest, nichts. Meine Frau sieht das manchmal anders.
Der Tisch ist wie immer gedeckt. Gabi ist schon in der Praxis. Sie fängt mit den Mädchen um halb acht an. Ich um halb neun. Bin ja auch der Chef! So kann ich in Ruhe frühstücken und die Tageszeitung, also die Nachrichten von gestern, lesen. Meistens hat sich die Welt schon wieder etwas verändert und die Neuigkeiten der Tageszeitung sind schon überholt. Trotzdem ist es so eine Tradition. Frühstück mit Zeitung. Die Kommentare sind ja auch oft lesenswert. Sie ändern die Welt leider auch nicht.
Ich schneide meine beiden Brötchen auf. Jeden Morgen zwei Brötchen mit Marmelade. Am liebsten Holunder. Von Gabi selbst gemacht. Das Messer ist heute schwerer als sonst. Ist das ein anderes als an anderen Tagen? Nein. Wie immer. Alles merkwürdig heute. Es schmeckt auch irgendwie anders als sonst.
Ich esse widerwillig die Brötchen, trinke den Kaffee. Wieder leichte Übelkeit. Ein Blick auf die Uhr. Zwanzig nach acht. Es wird Zeit. Was hab ich gerade in der Zeitung gelesen? Vergessen! Ich rufe die Hunde und gehe mit ihnen eine Runde durch den Garten. Wie immer. Shari ist wieder zu faul. Sie läuft direkt zur Gartenküche, in der ich die Hunde füttere.
Das war in den ersten Jahren, als die Kinder noch klein waren, unsere Sommerküche. Hier kochte Gabi, und die Kinder, Jane und Johannes, konnten dann im Garten toben. Von hier aus hatte Gabi sie im Auge. Schöne Zeit damals. Meine Frau war damals noch nicht mit in der Praxis. Sie war zu der Zeit nicht immer mit sich und der Welt zufrieden. Sie beneidete mich ein wenig, weil ich meinen ‚Spaß‘ mit den Mädchen – zwei Arzthelferinnen und einem Lehrmädchen – und den Patienten hatte, sie aber mit den Kindern alleine war. Heute sieht sie das anders. So lustig ist eine Arztpraxis nicht immer, wie man es im Fernseher sieht. Über 25 Jahre ist das her! Wo ist die Zeit nur geblieben?!
Nachdem ich die beiden gefüttert habe, gehe ich in mein Sprechzimmer, das eine Tür zum Garten hinaus hat. Meine Beine fühlen sich so schwer an wie Mehlsäcke.
Ich setze mich an meinen Schreibtisch und schalte den Computer ein. Warum fühlt sich der Einschaltknopf so seltsam an? Als ob er unter Strom stünde.
Der Rechner fährt hoch. Das dauert immer. Als ich meine Praxis 1987 am 1. April anfing, hatten wir noch keine Computer. Das waren noch Zeiten! Alles war viel einfacher. Was solls. Geht nun mal heute nicht mehr anders.
Ich schaue auf die Uhr. Habe noch etwas Zeit. Ich muss noch mal raus an die frische Luft. Sofort kommen beide Hunde auf mich zugestürmt. Die glauben wohl, ich ginge mit ihnen noch mal durch den Garten. Ich gehe auch ein Stück. Die Beine sind immer noch so schwer. Ich habe das Gefühl, sie tragen mich nicht mehr weit. Ich schwanke leicht. Bekomme etwas Angst. Leichter Schwindel. Ich glaube, ich bin verrückt. Psychosomatisch heißt das doch. Ich reiße mich zusammen und laufe ein Stück mit den Hunden bis zum Ende des Gartens.
Es ist ein sehr großes Grundstück. Etwas wild. Kein gezirkelter Garten, sondern meine geliebte Wildnis! Rundherum stehen große Bäume, die im Sommer wunderbaren Schatten spenden. Habe ich selbst gepflanzt. Vor ungefähr dreißig Jahren. Wie riesengroß die geworden sind! Zwischen den Bäumen führt ein schmaler Pfad rund um den Garten bis zu einer kleinen, wenn auch künstlichen Quelle. Von dort führt ein kleines Bächlein wieder zum Haus hin und fließt durch drei verschieden große Teiche, um vom letzten unterirdisch wieder zur Quelle zurückzufließen. Ich habe vor Jahren sogar mal von der Gemeinde einen Preis für naturnahe Gärten bekommen. Wir verbringen viel Zeit in unserer grünen Hölle. Mit Arbeit, aber auch zum Ausruhen. Für unsere Kinder war es immer ein Paradies mit vielen Ecken zum Verstecken und Spielen und Klettern. Die Reste eines Baumhauses stehen immer noch. Molche gibts im Wasser und Frösche. Viele Libellen im Sommer und die unterschiedlichsten Vögel, von Eulen über Spechte bis zum Zaunkönig. Sogar ein Eisvogel war mal am Teich. Abends fliegen immer die Fledermäuse. Durch die abendliche Beleuchtung an den Gebäuden, die die Insekten anlockt, haben diese erstaunlichen kleinen Vampire viel Beute. Wie schön ist das alles!
Mir gehts wieder besser. Alles wie weggeblasen. Ich streichle meine beiden vierbeinigen Freunde noch mal und gehe wieder in mein Sprechzimmer. Der Rechner läuft jetzt. Ich rufe, wie jeden Morgen, per Datenfernübertragung die Laborwerte vom Vortag ab und schaue sie mir an. Das mache ich immer zuerst. Vielleicht sind einige Werte nicht in Ordnung. In besonderen Fällen muss ich dann sofort mit den Patienten telefonieren. Ist aber nicht so sehr oft nötig. Das meiste sind Routinekontrollen. Heute ist nichts Besonderes dabei.
Jetzt muss ich aber schnell anfangen. Die Zeit läuft jetzt doch wieder zu schnell. Zunächst ist morgens immer ein TÜV. Manchmal auch zwei oder drei. TÜV ist in unserer Praxis die Gesundheitsuntersuchung. Bei Männern kommt noch die ASU dazu, die Krebsvorsorge. TÜV und ASU! Etwas rustikal ausgedrückt vielleicht. Hat sich aber bei uns so eingebürgert und die Patienten finden es auch lustig. Zumindest die meisten. Wir sind schließlich auf dem Land. Ich bin als Landarzt ja auch ziemlich rustikal. Spreche platt mit den Leuten und nicht lateinisch. Kommt aber gut an bei den Patienten. Mir machts auch Spaß und ich will keinen künstlichen Abstand erzeugen. Wir tragen auch keine weißen Kittel, sondern ganz normale Alltagskleidung. Weiße Kittel allein machen keine Sauberkeit und Ordnung.
Ich gehe den Mädels „Guten Morgen“ sagen, unterschreibe vorn an der Theke einige Rezepte und nehme den ersten Patienten aus dem Wartezimmer mit in mein Zimmer.
„Hallo, Wilhelm, alles fit?“, frage ich ihn.
„Noch ja! Und bei dir?“
„Mir gehts supergut, wie immer, danke!“
Hier auf dem Land duze ich mich mit vielen Patienten. Ich war ja als Kind schon oft hier bei meinem Opa, der damals hier wohnte und die Metzgerei und die Wirtschaft mit meiner Oma betrieb.
Es ist ein sehr großer, sehr alter Bauernhof, ehemals eine Brauerei, deren es hier am Niederrhein sehr viele gab. Ein sogenannter Viereckhof. Mein Urgroßvater Gottfried hat das Anwesen ca. 1900 gekauft. Er hatte einen Großhandel für Futtermittel und Sämereien. War ein reicher und tüchtiger Mann. Er ist mit ungefähr 50 Jahren zusammen mit seiner Frau Eva 1918 an der ‚Spanischen Grippe‘ gestorben. Man nannte ihn ‚Der grobe Fritz‘. Ich habe wohl einige Eigenschaften von ihm. Ich bin auch nicht zimperlich und manchmal etwas grob, im Handeln und auch in der Wortwahl. Gegen Erbgut kann man nichts machen!
Mein Opa Anton hat dann den Hof übernommen. Da meine Mutter nach dem Tod ihres Bruders, der im Zweiten Weltkrieg gefallen ist, schließlich alles geerbt hat, bin ich heute der ‚Alte Sieben vom Lindenhof‘. Ich hätte ein schlimmeres Schicksal haben können! Aber so ein großer Komplex ist zwar toll und ich bin auch sehr stolz darauf, ich habe aber auch immer nur hier gearbeitet und renoviert und investiert. Das kann niemand ermessen. Aber es macht mir und auch Gabi viel Spaß und wir leben dafür. Ich hätte noch Arbeit und auch Ideen für ein zweites Leben!
Wilhelm, mein erster Patient an diesem Morgen, liegt schon bis auf die Unterhose entkleidet auf der Untersuchungsliege. Ich schaue noch einmal schnell in den Spiegel. Nein, alles ist okay. Nichts im Gesicht ist schief, sehe aus wie immer, etwas blass vielleicht. Fühle mich okay. War alles Einbildung.
Ich setze mich neben Wilhelm und beginne mit der Untersuchung. Zuerst suche ich den ganzen Körper nach Muttermalen ab. Keine auffälligen zu sehen. Ich höre Herz und Lunge ab. Alles okay. Während ich den Bauch von Wilhelm abtaste, zwinkere ich ihm zu.
„Wieder ein paar Kilo zugelegt?“
„Nur wenig, bestimmt!“, grinst er zurück. „Ich versteh das auch nicht! Ich ess doch kaum was! Nur ganz wenig, ehrlich. Morgens ein Scheibchen Brot und mittags zwei kleine Kartöffelchen!“
„Schon klar!“, antworte ich. „Auf dem Brot ist nix drauf und die Kartöffelchen weinen auf dem Teller vor Einsamkeit!“
„Nee, ein bisschen Käse und Wurst und ganz dünn die Butter sind auf dem Brot. Und ohne Soße und einem winzigen Stück Fleisch schmecken die Kartoffeln ja nicht!“
„Klar. Verstehe. Kenn ich. Dann ist der Bauch wahrscheinlich vom Hungerleiden voller Wasser. Nennt man Hungerödem, kommt vom Eiweißmangel! Oder es war der Wind. Der bläst auch dicke Arschbacken!“
Wilhelm lacht.
„Du glaubst mir ja doch nicht. Aber vom Essen kann es wirklich nicht sein!“
Ich schaue ihn sehr ernst an.
„Okay. Dann guck ich mal mit dem Ultraschall, ob du vielleicht schwanger bist!“
„Blödmann“, gibt er zurück. Wir lachen beide.
Ich greife zum Schallkopf am Ultraschallgerät. Hängt der fest in der Halterung? Kriege ihn nicht da raus. Meine Finger rutschen von dem Ding ab. Sie kribbeln wieder. Kaum Gefühl in der Hand. Der Schweiß bricht mir aus. Alles verschwimmt kurz vor meinen Augen. Fieber? Ich muss kotzen. Bloß jetzt nicht mitten in der Untersuchung schlappmachen! Reiß dich zusammen, denke ich bei mir. Ich atme tief durch.
„Ist dir nicht gut?“, fragt Wilhelm mich. „Du bist so blass plötzlich!“
Panik erfasst mich. Scheißtag! Ich setze mich ganz gerade neben ihn auf die Liege und stütze mich mit der linken Hand auf das Ultraschallgerät. Noch mal tief durchatmen.
„Doch. Mir gehts prima! Wie immer.“
Entschlossen greife ich noch mal zum Schallkopf. Jetzt habe ich ihn fest in der Hand. Fühlt sich auch alles wieder normal an. Klemmt auch nicht mehr fest. Gott sei Dank! Ich gebe etwas Gel auf Wilhelms Bauch und beginne zu schallen. Rechte Niere okay. Linke Niere okay. Aorta nicht erweitert. Bauchspeicheldrüse unauffällig. Keine Lymphknoten. Gallenblase steinfrei, Gallengang frei. Fettleber, natürlich. Wie immer. Die rheinische Fettleber! Hier bei uns fast der Normalfall! Noch ein Blick auf Blase und Prostata. Auch okay.
„Bis auf deine fettige Leber ist alles in Ordnung!“, sage ich, nicht ohne Ironie.
„Ist das schlimmer geworden?“, fragt er.
„Nee, wirste überleben!“
Mit Mühe stehe ich auf, bugsiere den Schallkopf wieder in seine Halterung und sage Wilhelm, er solle sich wieder anziehen. Wir besprechen noch das EKG und die Laborbefunde. Ich muss raus hier.
„Insgesamt bist du noch ganz fit. Machs gut und vergiss nicht dein Scheibchen Brot, wenn du zu Hause bist!“, versuche ich gequält zu lächeln.
„Nee, nee!“ Lachend gibt er mir die Hand. „Tschüss und danke!“
Er ist noch nicht ganz aus dem Zimmer, als ich auf den Hof stürze und zum Haus hinüberwanke. Ich gehe hastig zur Toilette und kann gerade noch den Deckel hochheben, als auch schon der erste Schwall sich aus meinem Magen ins Becken stürzt. Verdammt! Kotzen ist für mich das Schlimmste! Ich würge noch weiter und glaube, gleich kommt der Magen mit raus. Was habe ich denn gegessen? Nichts Besonderes, glaube ich. Ich erinnere mich aber überhaupt nicht, was es gestern gab. Wieder bricht mir der Schweiß aus. Noch mal würgen. Jetzt geht es etwas besser.
Ich gehe in die Küche und trinke ein Glas Wasser. Der saure Geschmack im Mund lässt etwas nach. So! Geht wieder. Kann ja mal passieren. Sicher ein Infekt. Hat mich irgendeiner angesteckt. Magen-Darm-Virus grassiert ja wieder mal. Noch ein Schluck Wasser. Der Bauch ist wieder ruhig.
Langsam gehe ich wieder zurück in die Praxis. Ich kann ja über den Hof von außen direkt in mein Sprechzimmer gehen. Niemand hat gemerkt, dass ich weg war. Auf meinem Schreibtisch liegen die Karten der nächsten beiden Patienten. Ich öffne die Tür zum Wartezimmer.
„Frau Schneider bitte!“
Ich begrüße die Patientin mit Handschlag, wie ich es immer tue. Ihre Hand fühlt sich so ungewöhnlich an, irgendwie leblos. Ist ja auch schon alt, die Frau. Oder liegts an meiner Hand? Ach Quatsch! Nicht wieder verrückt machen. Bestimmt sagt Frau Schneider gleich wieder ‚mir ist es nicht gut‘. Das sagt sie immer.
„Na, Frau Schneider! Was kann ich für Sie tun?“
„Ach, Herr Doktor, mir is et jar nich juut!“
Hab ichs doch gewusst! Mir ist es doch auch nicht gut heute!
„So genau wollt ich es nicht wissen. Was ist denn heute besonders schlimm?“, versuche ich freundlich zu lächeln.
„Mir is et schon seit Tagen überhaupt jar nich juut!“, antwortet sie betont wehleidig. Sie hat eine Altersdepression und meistens hilft es, den Blutdruck zu messen und ein paar aufmunternde Worte für sie zu finden. Kleine Psychotherapie.
„Dann mess ich mal Ihren Blutdruck, Frau Schneider!“
„Ja, dat hätt ich jern. Der is bestimmt wieder so furchtbar hoch!“, sagt sie schon etwas munterer.
„Einhundertvierzig zu achtzig! Der ist aber sehr gut für Ihr Alter!“, sage ich anerkennend zu ihr. Eigentlich war er ein bisschen niedrig, aber nicht besorgniserregend. „Liegt sicher am Wetter. Sie müssen viel trinken, Frau Schneider! Das ist die beste Medizin, gerade im Alter!“
„Ja, ja. Dat verjess ich immer. Ich hab auch keinen Durst. Aber ich stell mir jetzt wieder überall eine Flasche Wasser hin. Dat haben Sie ja schon öfter jesagt.“
„Ja, machen Sie das. Dann gehts Ihnen auch besser. Vergessen Sie Ihre Tabletten auch nicht.“
„Mach ich. Ja, das Alter und die Einsamkeit!“, stöhnt sie.
„Sie können jederzeit kommen, wenn es Ihnen nicht gut geht. Oder ich komme dann zu Ihnen, ja?“
„Ja. Dat is nett. Vielen Dank, Herr Doktor! Auf Wiedersehen!“
„Bis bald, und halten Sie sich fit! Und trinken!!“
Läuft fast immer nach dem gleichen Schema ab. Ist aber lieb, die Patientin.
Eines meiner Mädchen kommt durch die andere Tür hinter mir herein und bringt eine weitere Krankenakte.
„Sie sind etwas blass heute, Chef!“ Sie schaut mich fragend und etwas besorgt an. „Gehts Ihnen nicht gut?“
„Doch. Wieso? Ich muss sicher mal wieder unter die Sonnenbank! Braun sieht man besser aus!“ Ich versuche, scherzhaft zu klingen. Gelingt wohl nicht ganz. Sie schaut mich so merkwürdig an, geht dann aber wieder aus dem Zimmer.
Der nächste Patient sieht verdammt mies aus. Ich kenne ihn schon lange. Wenn der kommt, hat er auch was. Er bekommt schlecht Luft, hat Schmerzen in der Brust. Ich befrage ihn kurz und gehe mit ihm sofort in den EKG-Raum. Ich rufe eines der Mädchen und warte, bis das EKG geschrieben ist.
Dachte ich es doch! Frischer Herzinfarkt. Ich gehe kurz mit meiner Helferin vor die Tür und sage ihr, dass sie sofort einen Notarztwagen anfordern soll.
Wieder im Raum, sage ich ganz ruhig: „So, Josef. Das scheint ein kleiner Infarkt zu sein. Aber keine Panik. Kriegen wir wieder hin. Ich leg dir jetzt eine Nadel für eine Infusion in den Arm. Nimm mal hier von dem Spray, dann gehen die Schmerzen schnell weg. Hier, die Tabletten musst du auch schlucken.“
„Ist es sehr schlimm?“, fragt er ängstlich.
„Nee“, versuche ich ihn zu beruhigen. „Aber du musst jetzt ganz ruhig liegen bleiben. Du musst damit ins Krankenhaus. Das ist sonst zu riskant!“
„Gut. Es geht jetzt auch schon etwas besser.“ Er gähnt. Typisch bei Herzinfarkt.
„Wird schon wieder. Der Krankenwagen ist schon unterwegs. Erschreck dich nicht, die kommen ja immer mit Musik!“
Er ist vom Kreislauf her stabil. Trotzdem bin ich froh, wenn er im Krankenhaus ist. Ich höre den Rettungswagen schon von weitem sich nähern. Kurz darauf kommen drei Sanitäter und der Notarzt hereingelaufen.
„Frischer Infarkt!“, sage ich zu dem Kollegen. „Muss so schnell wie möglich auf die Kardiologie zur Angiographie.“
Sie schauen sich alles an, schließen ihr EKG an und heben den Patienten auf die Trage.
„Mach es gut Josef. Bist da in guten Händen. Wir sehen uns bald wieder!“
„Ja. Bis bald!“, sagt er. „Und danke!“
Ich höre den Rettungswagen wieder, wie er sich mit eingeschaltetem Martinshorn entfernt. Ist immer aufregend und etwas stressig, so ein Fall. Hat aber alles gut geklappt, und wenn nichts schiefgeht, wird der Josef bald wieder hier vor mir sitzen. Wahrscheinlich mit einem oder mehreren Stents.
Noch zwei Patienten. Ich spüre wieder diese Unruhe in mir aufsteigen. Hitzewallungen. Übelkeit. Ich fühle mich so schwer. Die beiden sind Bagatellfälle. Einmal Grippe, einmal ‚non vult laborare Syndrom‘. Das heißt, der hat heute keine Lust zu arbeiten und braucht eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung. So lange Worte gibt es auch fast nur im Deutschen.
Ich drucke sie aus und gebe sie ihm mit der Bemerkung: „Dieses Jahr aber nur noch, wenn du mal wirklich krank bist!“
„Ja klar!“ Er sieht mich, noch nicht mal beleidigt, lächelnd an.
Mir ist es so verdammt schlecht. Mit Mühe erhebe ich mich aus meinem Sessel und wanke zur Hoftür. Ich gehe raus an die frische Luft. Sofort kommt Gustav angerannt und wedelt freudig erregt wie verrückt mit dem Schwanz.
„Na, mein kleiner Freund!“ Ich bücke mich leicht und streichle sein seidiges Fell. Wenn du wüsstest, wie ich mich fühle, mein allerbester Freund! Es geht mir total beschissen. Ich kann es nicht einordnen. Ich schwitze. Mein Herz rast. Meine Beine sind wie Blei. Meine Arme gehorchen mir nicht mehr. Schwindel. Ich lasse mich einfach auf den Boden sinken. Ich höre die Vögel lustig zwitschern, ein letzter Blick in den Garten. Dann dämmert es mir vor Augen. Panik ergreift mich. Ich spüre noch, dass ich ganz auf der Erde liege. Gustav bellt und leckt mir durchs Gesicht. Alles wird schwarz. Ganz weit höre ich aufgeregte Stimmen nach mir rufen. Hastige Schritte nähern sich. Totale Schwärze legt sich auf mich. Die Stimmen werden leiser. Dunkelheit. Stille. Nichts mehr. Gar nichts.

II

Ein sonniger Tag! Ich habe gerade mein Brötchen mit Leberwurst und viel Zucker darauf gegessen und jetzt gehts ab in den Garten.
Ich bin 5 Jahre alt und darf noch nicht zur Schule. Gemein. Mein Bruder darf schon. Der ist knapp 3 Jahre älter als ich. Mann, war ich neidisch, als der zur Schule gehen durfte und so eine tolle Schultüte bekam mit vielen Süßigkeiten und so drin! Ich bekam damals aber auch eine. Kleiner zwar, aber sie hat mich ein wenig getröstet. Wir bekommen immer etwas geschenkt, wenn der jeweils andere Geburtstag oder Namenstag hat. Meine Eltern wollen keinen Neid zwischen uns und wir findens prima.
Zuerst gehe ich zum Sandkasten. Heute ist kein Kindergarten. Toll. Geh ich sowieso nicht gerne hin. Der Sand stinkt. Hat wieder eine Katze reingeschissen. Wenn ich die erwische! Ich grabe das mit meiner kleinen Schaufel aus und bringe es zur Mülltonne. Muss ich fast jeden Tag machen. Der Sand wird immer weniger! Papa wird mir bestimmt bald wieder neuen besorgen.
Unser Garten in Grevenbroich ist ein wahres Kinderparadies. Eine große Hoffläche mit festgefahrenem Kies zwischen dem schweren Eisentor zur Straße und den am Ende des Grundstücks liegenden Garagen.
Hier kann man klasse mit dem Fahrrad fahren. Rechts davon ist, durch eine niedrige Mauer getrennt, über die man laufen und springen kann, der eigentliche Garten mit Wiese und Bäumen, Sträuchern und Blumenbeeten. In einer Ecke leben in einem Stall unsere Meerschweinchen.
Wir haben auch Zwerghühner, eine kleine Ziege und eine Voliere mit Wellensittichen und Kanarienvögeln, die auch oft Junge haben.
Im letzten hinteren Teil des Grundstücks ist noch die Hauptattraktion, ein Bunker aus dem Krieg, wie Papa immer erzählt. Was Krieg genau ist, hab ich aber nicht verstanden. Der Bunker ist jedenfalls das Größte! Man kann drumrum laufen, wobei es an der Seite zum Nachbarn sehr eng ist. Gerade deshalb macht es so viel Spaß. Man kann auch mit etwas Mühe hinaufklettern und drüberlaufen. Ist aber viel höher, als meine kurzen Arme reichen. Zu zweit geht es besser. Vom Fahrrad aus klappt es manchmal auch. Man fällt dabei auch schon mal. Das ist nicht schlimm. In den Bunker hinein dürfen wir nicht. Hat man uns verboten. Es gibt eine Eingangstür. Die hab ich aber noch nie ganz aufgekriegt, nur einen Spaltbreit, sodass ich mich grade durchzwängen konnte. Da geht es eine kleine Treppe runter, allerlei Gerümpel liegt da und dann kommt noch eine verrostete Eisentür. Dahinter liegt das Geheimnis! Ich kriege die Tür aber selbst mit all der mir als Fünfjährigem zur Verfügung stehenden Kraft nicht auf. Mist. Irgendwann wirst du mir nachgeben müssen, verdammte Tür. Ist aber ja eh verboten.
Eine zweite Einstiegsmöglichkeit ist ein kleiner viereckiger Turm auf der anderen Seite des Bunkers. Da kann man sich mit sehr viel Kraftanstrengung hochziehen und steht dann auf einem kleinen Podest. Da ist eine Eisenplatte vor einer Öffnung. Die ist wackelig und lässt sich etwas bewegen. Aber nur etwas. Dann klemmt sie so fest, dass man auch hier nicht weiterkommt. Wirft man einen Stein durch den Spalt, hört man ihn kurz darauf in Wasser platschen. Klingt wie in einer Höhle. Hmm. Ist wohl tief. Sicher doch gefährlich. Irgendwann, Bunker, werd ich dich ganz erobern! Später. Warum reizt das einen so? Weil es verboten ist?!
Noch ein tolles Spielzeug ist unsere Teppichstange im Garten. Sehr, sehr hoch. In der Mitte ist eine Schaukel dran. Macht auch Spaß. Toller aber ist es, die Stange hinaufzuklettern und dann langsam wieder herunterzurutschen! Wie das so süß kribbelt! Zwischen den Beinen, bis ganz oben in den Bauch. Genau am Pipimann aber am stärksten. Kann ich immer wieder machen. So ein tolles Gefühl. Wo kommt das her? Immer wieder. Das Gefühl wird immer stärker und süßer. Nach zehnmal rauf und runter an der Stange hat man aber keine Kraft mehr. Schade!
Von der Mülltonne aus gehe ich nicht sofort zum Sandkasten zurück, obwohl ich für heute da ein größeres Bauwerk geplant hatte. Hat Zeit. Ich hab ja noch den ganzen Tag. Ich laufe über die kleine Wiese, auf der nicht allzu große Apfelbäume stehen. Plötzlich sehe ich etwas durchs Gras hüpfen. Ein kleiner Spatz!
Den muss ich fangen! Ich bücke mich langsam und krieche auf allen Vieren langsam auf das Vögelchen zu. Es duckt sich. Als ich die Hand danach ausstrecke, macht es sich noch kleiner, legt den Kopf zurück und sperrt den Schnabel auf. Es piepst laut. Hat sicher Hunger, denke ich. Ich nehme es vorsichtig in die Hand. Es bleibt mit aufgerissenem Schnabel leicht zitternd in meiner kleinen Hand geduckt sitzen. Neben mir liegt ein ziemlich großer Stein am Rand der Wiese im Blumenbeet. Da ist bestimmt ein Wurm drunter! Mit einer Hand kriege ich den Stein nicht gedreht. Mist! Ich setze mich auf den Hintern und drücke fest mit beiden Beinen dagegen. Geschafft! Tatsächlich! Ein riesengroßer Regenwurm liegt da und will schnell in der Erde verschwinden. Ich bin aber schneller, erwische ihn gerade noch und ziehe in aus seinem Loch. Hm. Der ist aber lang! Egal. Ich halte ihn dem Spatz in den geöffneten Schnabel. Der fängt auch tatsächlich an, den Wurm zu schlucken. Dann aber würgt er ihn wieder aus. Keinen Hunger, kleiner Spatz? Ich versuche es noch mal. Der Schnabel bleibt jetzt aber fest geschlossen. Na gut. Wenn du keinen Hunger hast!
Ich stecke den Wurm in die Hosentasche. Vielleicht mag er ihn ja später. Ich stehe auf und gehe mit meinem kleinen neuen Freund zum nächsten Apfelbaum. Ich schaue nach oben. Da muss doch irgendwo das Nest sein. Vielleicht kann ich ihn da wieder reinlegen. Kein Nest zu sehen. Auch in den anderen Bäumen nicht. Doof. Irgendwo muss er doch rausgefallen sein. Ich suche überall. Nichts. Egal. Dann zieh ich dich groß!
Der kleine Vogel hat noch nicht viele Federn, aber doch schon einige. Der muss ja auch das Fliegen sicher noch lernen, überlege ich. Und wenn der keine Mama mehr hat, muss ich es ihm beibringen. Also auf den Baum mit uns beiden. Ist gar nicht einfach mit einer Hand, aber ich hab ja eine große Tasche in meinem Hemd. Muss ich nur aufpassen. Ich stopfe den kleinen Kerl in meine Hemdentasche und schon bin ich auf dem ersten großen Ast angekommen.
So, kleiner Piepmatz, jetzt kommt der erste Flugunterricht! Ich hole ihn vorsichtig aus meiner Tasche, nehme ihn in die flache Hand und werfe ihn leicht nach oben von mir weg. Hui! Der Spatz schlägt einmal kurz mit den wenig befiederten Flügeln, dreht sich in der Luft einmal um sich selbst und trudelt im Sturzflug zur Erde. Das war aber noch nicht besonders gut! War ja auch der erste Versuch. Fliegen lernen dauert sicher länger! Ich springe vom Baum und nehme ihn wieder in meine Hand und stecke ihn in die Tasche. Wieder rauf auf den Baum. Diesmal etwas höher. Das ist sicher besser zum Fliegenlernen. Ich werfe ihn wieder von mir weg. Etwas höher als beim ersten Mal.
Wieder fällt er fast wie ein Stein zur Erde. Verdammt. Ist der zu dumm oder mach ich etwas falsch? Noch ein Versuch. Aller guten Dinge sind drei, sagt Mama immer. Noch höher klettere ich. Weiter trau ich mich nicht. Ganz schön hoch. Jetzt aber, kleiner Spatz! Danach machen wir dann mal Pause.
Etwas kräftiger werfe ich ihn abermals weit von mir, ganz vorsichtig. Als ob ich einen Ball geworfen hätte, plumpst er, ohne auch nur den Versuch gemacht zu haben, mit den Flügeln zu schlagen, in den ‚Robobembom‘ Strauch. Mama nennt den so. Komischer Name. Sollen wir nicht kaputtmachen. Wo ist der Spatz? Ah! Da hängt er ja im Strauch. Er lässt den Kopf so merkwürdig hängen. Ist ihm schlecht? Er rührt sich nicht mehr. Die Äuglein halb geöffnet, schaut er mich so traurig an. Ich hole den Regenwurm aus der Hosentasche. Dann freut er sich bestimmt. Ich halte ihn ihm vor den Schnabel. Nichts. Er holt noch mal tief Luft. Dann liegt er ganz still in meiner Hand. Schnell laufe ich durch das Büro meines Vaters die Treppe rauf.
„Mama, Mama, guck mal schnell. Der kleine Spatz ist sicher krank. Was hat er nur?“
Mama nimmt den Spatz, betrachtet ihn und sagt: „Ich glaube, Hänschen, der ist tot!“
„Aber ich wollte ihm doch nur das Fliegen beibringen“, weine ich lauthals los.
„Das kann man doch nicht“, sagt Mama und nimmt mich auf den Schoß. „Und verhungert wäre er auch. Wenn die Vogelmama sich nicht kümmert, müssen die sterben. Du hast es sicher gut gemeint. Das nächste Mal wartest du aber erst mal ab. Manchmal kommen die Vogeleltern zurück und kümmern sich, auch wenn so ein Baby aus dem Nest gefallen ist. Geh jetzt und begrab ihn im Garten!“
Schluchzend nehme ich das Vögelchen vorsichtig wieder in die Hände und gehe traurig zurück in den Garten. Ich mache mit der Schaufel ein kleines Loch und lege ihn vorsichtig hinein.
„Schade, kleiner Freund. Ich hätte dich so gerne großgezogen.“ Ich fülle die Erde wieder auf ihn. Dann suche ich zwei kleine Stöcke, binde sie mit einem Stück Kordel – hat man ja alles in der Hosentasche – zu einem Kreuz und stecke es in die Erde. Der Regenwurm ist ja auch noch in meiner Tasche! Ich lege ihn wieder an die Stelle unter dem Stein. Langsam kriecht der wieder zurück in sein Loch. Wenigstens der lebt noch. Während ich den großen Stein wieder umdrehe, höre ich laut ‚tatütata-tatütata‘. Aufgeregt laufe ich zum Straßentor. Das ist bestimmt die Feuerwehr! Das riesengroße rote Auto mit der Leiter auf dem Dach. Das Tor ist immer abgeschlossen. Ich darf ja nicht alleine auf die Straße. Der Schlüssel steckt. Mal rausgucken darf ich sicher! Bestimmt! Sieht ja auch keiner. Ich drehe den Schlüssel um, öffne das Tor und gehe auf den Bürgersteig. Da kommt schon das Auto mit Blaulicht angerast. Ist aber nicht die Feuerwehr. Viel kleiner. Mit Fenstern rundherum. Ich glaube, das ist ein Krankenwagen.

III

Dumpf, wie durch Watte, höre ich das Martinshorn. Dieses verhasste Geräusch. Wie oft habe ich es verflucht, als ich selbst noch als Notarzt mit dem Rettungswagen den ganzen Tag und auch in der Nacht unterwegs war. Hatte selten was Gutes zu bedeuten. Wenn ich Glück hatte, war es ein Fehlalarm. Besser als ein Einsatz bei einem Verkehrsunfall. Man fühlte sich damals zwar wichtig, war man ja auch, aber es war oft wenig erfreulich. Sterbende, Tote, Verletzte. Aufgeregte Angehörige. Leid und Not. Schön war der Tag, als ich meinen allerletzten Einsatz hatte, mit dem Bewusstsein, niemals mehr solche Einsätze fahren zu müssen.
Warum höre ich jetzt wieder dieses verhasste Horn? Es nähert sich. Der Rettungswagen ist doch eben hier mit meinem Patienten Josef weggefahren. Warum kommt der zurück? Stimmt da was nicht? Ist da etwas passiert unterwegs?
Mir kommt das auch alles so seltsam vor. Warum liege ich hier auf dem Hof auf der Erde? Ich sehe nur verschwommen meine Frau, die sich über mich beugt und ständig meinen Namen ruft. Auch meine Angestellten stehen um mich herum. Das Martinshorn wird immer lauter, bis es urplötzlich verstummt.
Ich will aufstehen. Es geht nicht. Nichts kann ich bewegen, weder Arme noch Beine reagieren. Ich fühle sie aber. Sie wollen aber nicht. Was ist passiert? Ich versuche, mich zu erinnern. Weiß noch, dass ich auf den Hof gegangen bin, weil mir so mulmig und schlecht war. Dann bin ich zusammengesunken. Ja, und dann? Keine Erinnerung mehr. Ich bekomme Angst. Große Angst. Das Grauen. Habe ich einen Schlaganfall oder Herzinfarkt? Eine Hirnblutung? Weitere schlimme Diagnosen fliegen durch meinen Kopf. Ist das jetzt mein Ende? Muss ich sterben? Ich muss doch noch so vieles tun! Noch für so vieles sorgen. Ich kann doch Gabi nicht allein lassen mit all dem Unfertigen auf unserem geliebten Lindenhof. Das schafft sie nicht alleine. Jeden Tag ist doch was kaputt und ich bin der Kaczmarek, der Hausmeister, der alles zu reparieren versucht und das auch meistens schafft. Lieber Gott, Vater und Mutter, lasst das nicht zu, noch nicht. In ein paar Jahren vielleicht. Aber doch jetzt noch nicht!
Zwei Männer in roten Jacken beugen sich über mich. Sie öffnen mein Hemd, kleben mir Elektroden auf die Brust. Ich friere. Ich schwitze. Es dreht sich alles. Einer misst meinen Blutdruck.
„EKG sieht normal aus“, höre ich entfernt jemanden sagen. „Blutdruck ist normal. Kreislauf stabil.“
Hört sich schon mal nicht schlecht an.
„Keine Reflexe“, sagt ein anderer. „Pupillen starr. Könnte eine cerebrale Blutung sein.“
Neiiiiin!!!! Das bitte nicht!
„Wir müssen ihn auf schnellstem Wege in die Neurologie bringen, in die Stroke Unit!!“
Sie heben mich wenig vorsichtig auf und legen mich auf die Tragbahre. So sieht also das Ende aus? Es verschwimmt wieder alles, was sowieso nicht scharf zu sehen war.
„Hören Sie mich?“, schreit jemand.
Ja, verflucht, merkt ihr das nicht? Ich will antworten, aber es geht nicht. Ich kriege keinen Ton heraus. Ich kann den Mund nicht bewegen. Es wird wieder dunkel um mich und still, entsetzlich dunkel und still.
Es rumpelt. Ich höre wieder zwei oder drei Leute sich unterhalten. Einer legt mir eine Infusion an. Das Martinshorn schreit mich laut an. Wir fahren wohl ins Krankenhaus. Ein anderer gibt mir eine Spritze in den anderen Arm. Ich spüre das alles. Tut verdammt weh. Warum kann ich mich nicht bewegen, wenn ich doch alles fühle?
„Das wird nichts mehr mit dem“, höre ich den Sanitäter – oder ist es der Notarzt? – zu meiner Rechten sagen. „Pupillen reagieren nicht. Keine Reflexe!“
„Piks mal mit einer Nadel in den Fuß!“, sagt er zu einem anderen.
Au! Verdammt, tut das weh. Ich will den Fuß wegziehen. Geht nicht. Er sticht noch zweimal kräftig zu.
Hör doch endlich auf damit, du Arschloch!!
„Keine Reaktion“, sagt das Arschloch. „Der is fertig! Gut, dass er uns nicht hört!“
Ich höre alles, du Mistkerl! War ich auch so, als ich noch im Notarztwagen gefahren bin? Nein. Sicher nicht. Hoffentlich nicht! Ich kann mich jedenfalls nicht erinnern. Gedacht und befürchtet habe ich es öfter.
„Hoffentlich kriegen wir den noch lebend zur Klinik. Tot nehmen die uns den nicht ab. Dann haben wir wieder die Fahrerei und das Palaver.“
Oh ihr Wichser! Könnte ich euch doch in eure verdammten Ärsche treten!
Die Fahrt geht weiter. Es schaukelt wie verrückt. Das Martinshorngeheule geht mir durch Mark und Bein. Ich werde auf der Trage nach rechts und links gerissen. Die fahren wie die Wilden. Wollen mich ja noch lebendig abliefern.
Ich will denen die Meinung sagen. Geht nicht. Kein Ton kommt über meine Lippen. Ich werde wahnsinnig. Warum war ich nicht gleich tot?
Durch den oberen Teil des hinteren Fensters, das zu zwei Dritteln undurchsichtig ist, sehe ich rechts und links große Häuser, Ampeln, Straßenschilder. Wir sind also irgendwo in der Stadt. Es geht rasant links herum, dann rechts, wieder ein Stück geradeaus. Das Blaulicht spiegelt sich in den Fenstern der Fassaden. Bei jeder Kurve zieht es mich heftig von der einen zur anderen Seite. Ich fall denen noch von der Trage!
Mit einem plötzlichen Ruck hält der Wagen auf einmal an. Die hintere Tür wird aufgerissen. Die Sanitäter springen raus und ziehen mich auf der Trage aus dem Auto.
„Der lebt zum Glück noch. Jetzt schnell in die Ambulanz!“, höre ich einen sagen.
Hastig rollen sie mich vom Rettungswagen weg und in einen großen Flur hinein. Hinter uns schließen sich automatisch große gläserne Schiebetüren.
„Notfall!“, ruft jemand. „Schnell, schnell, aus dem Weg!“
Weiter und weiter werde ich gerollt, durch endlose Flure, um zahlreiche Ecken, bis wir schließlich in einem Raum, der mit grellem Licht und vielen medizinischen Geräten ausgestattet ist, ankommen. Ich muss brechen. Will mich erheben, geht nicht. Ich merke, wie mir Erbrochenes aus dem Mund läuft.
„Der kotzt. Verdammt! Auf die Seite drehen, damit er nicht aspiriert!“
Sie rollen mich recht unzärtlich auf die Seite. Mein Arm liegt krumm unter mir, tut weh.
„Absaugen!“, ruft einer.
Ich spüre, wie sie mir einen Schlauch in den Hals stecken. Scheißgefühl. Nach einiger Zeit ziehen sie das verdammte Ding wieder heraus. Sie drehen mich wieder auf den Rücken. Mein Arm ist wieder frei, schmerzt aber noch heftig.
Ein weißer Kittel mit einem bärtigen Kopf beugt sich über mich und leuchtet mir mit einer Taschenlampe in die Augen. Das ist so schrecklich hell, dass es wehtut. Will die Augen schließen. Klappt nicht. Mach die Lampe weg!
„Keine Pupillenreaktion“, klingt es aus dem Bart.
Ich sehe, wie er einen Reflexhammer nimmt und mir auf Beine und Arme klopft.
„Nichts!“
Wieder ein Stechen mit einem spitzen Ding in meine Fußsohlen. Ein brennender Schmerz durchbohrt mich wieder. Ich kann die Füße nicht zurückziehen.
„Da ist nichts mehr bei dem, außer, dass er noch nicht ganz tot ist. Den können wir hier nicht brauchen. Wir haben kein Bett frei!“, sagt der Bart zu den Sanitätern. „Versucht es mal an der Uni. Die werden auch nicht begeistert sein!“
Während die alle, jetzt etwas leiser, miteinander reden, höre ich meine Frau laut und schnell sprechend den Raum betreten. Ach Gabi, hol mich schnell hier raus und lass mich zu Hause sterben, in Ruhe und Frieden! Bitte, bitte!
„Machen Sie doch was!“, schreit sie fast. „Helfen Sie bitte meinem Mann. Der stirbt doch sonst noch!“
„Mmh, Frau, äh, äh, ich weiß Ihren Namen nicht. Aber das sieht sehr schlecht aus. Wir haben auch kein Bett frei für solche Fälle.“
„Das geht doch wohl nicht!“, schreit Gabi ihn an. „Mein Mann ist privat versichert und außerdem ein Kollege von Ihnen!“
Zuerst betretenes Schweigen. Dann sagt der Bart, plötzlich freundlicher, wie verwandelt: „Das ist natürlich etwas anderes. Ich rufe sofort den Professor und dann sehen wir weiter!“
Zu den anderen schreit er, schon aus dem Raum laufend: „Los, bringt den Kollegen sofort auf die Intensivstation. Aber rasch!“ Schon ist er weg.
Gabi beugt sich über mich und ich spüre Tränen auf meine Wangen tropfen. Sie weint. „Bald bist du wieder gesund“, schluchzt sie.
Wieder werde ich durch endlose Flure gerollt. Schnell geht die Fahrt. Eine Krankenschwester läuft mit einer Infusionsflasche, die sie in Kopfhöhe hält, neben mir her. Der Schlauch der Infusion wackelt vor meinem Gesicht und führt zu meinem Arm.
„Schnell! Aus dem Weg da!“, ruft sie in den Flur.
Sie schieben mich in einen riesigen Aufzug. Dann geht es aufwärts. Ich höre die Stimmen von drei oder vier Personen. Sie unterhalten sich ziemlich leise. Alles kann ich nicht verstehen.
„Wieder typisch! Privatpatient!“
„Klar. Dann geht alles.“
„Der ist doch am Ende! Schon fast tot! Aber der Chef muss ja auch noch was verdienen. Sonst kann der sich den neuen Ferrari nicht leisten!“ Ich höre die anderen leise lachen, bis der Aufzug sanft zum Stillstand kommt.
Weiter geht die Fahrt durch noch mehr, noch längere Flure, bis wir in einem riesigen Raum ankommen. Es stehen einige Betten an einer Wand. Es piepst und blinkt von zahlreichen Monitoren, helles Licht schmerzt in meinen Augen, die ich nicht schließen kann. Überall laufen Pfleger und Schwestern in blauen Kitteln und mit Mundschutz sowie Kopfbedeckung – blauen OP-Papiermützen – herum. Hier ruft einer, da reißt einer eine Schranktür auf und holt etwas Verpacktes heraus.
„Los! Beeilung! Nummer drei verblutet! Schnell! Plasmaexpander!“
Drei laufen zu dem Bett neben mir. Da ich den Kopf nicht bewegen kann, sehe ich nicht, was sie machen. Zwei andere beginnen, mich auszuziehen. Sie heben meine Beine hoch und ziehen an meiner Hose.
„Schneller!“, höre ich einen anderen. „Schneidet die Klamotten doch auf, sonst müssen wir die Braunülen ja wieder neu legen! Der braucht die Sachen ja doch nicht mehr! EKG anschließen! Zentralen Zugang legen! Oxymeter anlegen! Sauerstoffmaske auf die Nase! Beeilt euch. Gleich kommt bestimmt der Alte. Dann muss das alles laufen. Privatpatient!“
Ich werde verkabelt, ein weißes, langes Hemd wird über mich gelegt, eine Klammer spüre ich am Zeigefinger der rechten Hand. Eine Schwester stülpt mir eine Sauerstoffmaske auf Nase und Mund. Ein anderer dreht meinen Kopf zur Seite und sticht, wohl mit einer dicken metallenen Kanüle, kräftig zu.
Au! Verflixt, tut das weh! Schon mal was von Lokalanästhesie gehört? Scheiße! Ein wahnsinniger Schmerz ist das. Die denken ja, ich fühle nichts. Ich spüre genau, wie der mit der Nadel in meinem Hals bohrt und immer tiefer geht.
„Mist!“, ruft er. „Das war die Arterie!“
Ich merke, wie etwas Warmes meinen Hals hinunterläuft und auf meine Schulter spritzt. Blut.
„Abdrücken!“, schreit er einem Pfleger zu. „Ich versuchs an der anderen Seite!“
Man drückt mit Gewalt gegen meinen Hals, während mein Kopf nach rechts gerissen wird. Wieder sticht die dicke Nadel. Noch schmerzhafter als vorher. Immer tiefer bohrt sie sich in meinen Hals. Ich kriege kaum Luft. Der Schmerz, der verdrehte Kopf, die pressende Hand an meiner rechten Halsseite.
„Jetzt liegt das Ding richtig! Her mit dem Katheter!“
Sterile Handschuhe reichen ihm einen langen, dünnen Plastikschlauch. Das Gefühl, wie der Schlauch langsam, aber zügig innen in meinem Hals durch die Vene bis zur Brust geschoben wird, ist nicht angenehm, aber immerhin nicht so sehr schmerzhaft.
„Fixieren und an den Perfusor anschließen!“, wendet sich der Meister ab und verschwindet aus meinem Gesichtsfeld. Endlich liegt der Kopf wieder gerade und relativ schmerzfrei. Der Druck rechts am Hals hat auch aufgehört. Hoffentlich sind die jetzt erst mal fertig und lassen ab von mir. Was kommt wohl als Nächstes? Ich weiß ja ganz genau, wie es weitergeht!
„Exitus!“ Hektisches Laufen um mich herum.
Was jetzt? Ich? Bin ich gemeint? Ich sehe euch doch! Ich höre euch doch! Bin ich trotzdem tot? Hatte ich mir anders vorgestellt.
Sie huschen aber alle an mir vorbei zu dem Bett nebenan. Kurz darauf wird das Bett an mir vorbei weggeschoben. Einen kurzen Moment sehe ich aus den Augenwinkeln, dass das Bettlaken auch den Kopf des anderen Patienten bedeckt. Der ist also tot! Nicht ich! Soll ich jetzt froh oder traurig sein? Hat der es jetzt besser als ich? In jedem Fall braucht er nicht mehr zu leiden, was auch immer er hatte. Fast beneide ich ihn!
Ich weiß zu gut, was noch alles auf mich zukommen kann. Schmerzen. Schmerzhafte Untersuchungen. Qual. Vielleicht schneidet man mich auf. Den Kopf? Spritzen, die ich so hasse. Was habe ich bloß? Kann mir keinen Reim machen. Sich nicht bewegen können, nicht die kleinste Bewegung, aber alles hören, alles sehen, alles fühlen. In welche Diagnose passt das denn? Mir fällt keine ein. Habe ich etwas, das noch niemand hatte? Blödsinn!
„Achtung, der Chef kommt!“, tönt es von der anderen Seite des Raumes.
Es herrscht auf einmal andächtige Stille, vom Piepsen der Monitore und verschiedenen Motorengeräuschen, einem Saugen und Pumpen, abgesehen.
Schon tauchen drei große, weiß bekittelte Gestalten an meinem Bett auf. In einigem Abstand bleiben sie am Fußende stehen wie die Heilige Dreifaltigkeit.
Bin ich jetzt also doch tot? Habe ich es nicht gemerkt? Sind die drei Figuren das ‚Jüngste Gericht‘? Ich war sicher, das gäbs nicht. Nee, haben alle ein Stethoskop um den Hals. Gibts im Himmel bestimmt nicht!
Ich würde schmunzeln, wenn ich nur könnte! Kenne ich alles noch aus meiner Zeit als Assistenzarzt. Respekt hatte man zu haben und Ehrfurcht! Unsere Scherze über diese Auftritte haben wir natürlich hinterher auch gemacht.
„Der neue Privatpatient. Eben mit dem Notarztwagen hier eingetroffen und sofort hier auf die ITV und versorgt“, berichtet der kleinere der Dreifaltigkeit. Der Bart steht an der anderen Seite. Der Professor, natürlich in der Mitte, wie Gottvater persönlich, allerdings ohne Bart, dafür mit goldgefasster, randloser Brille tief auf der Nase, sodass er über sie hinweg auf mich hinabschaut, und um den Hals eine große, grellbunte Fliege, fragt mit ruhiger, aber sehr bestimmender Stimme, die für seine Größe etwas hoch klingt: „Klinik?“
„Im Moment noch unklarer Fall“, erwidert sichtlich angespannt der Kleinere zu seiner Linken. „Zu Hause zusammengebrochen. Nicht ansprechbar. Keine Reflexe. Keine Schmerzreaktionen. Schlaffe Tetraplegie, wie es scheint. Pupillen ohne Reaktion. Auf Geräusche keinerlei Reaktion. Herz und Kreislauf stabil. Spontanatmung. Keine Inkontinenz – bis jetzt. Möglicherweise eine Hirnblutung!“
Gottvater hat die rechte Hand an sein Kinn gelegt. „Schädel-CT. Sobald wie möglich. Privat, sagten Sie? Dann besser auch noch Ganzkörper-MRT. EEG, neurologische Untersuchung, komplettes Labor und so weiter. Sie wissen ja! Das ganze Programm. Vor die Therapie haben die Götter die Diagnose gesetzt!“
Anstandshalber verhaltenes Lächeln und zustimmendes Kopfnicken vom Bart und dem Kleineren.
„Gut. Danach so schnell wie möglich auf meine Privatstation“, verkündet er, dreht sich um und entschwindet mit den beiden anderen im wehenden Kittel aus meinem Gesichtsfeld.
Ich höre sie an einem anderen Bett kurz verhoffen.
„Was ist hier?“
„Apoplex“, antwortet der Bart. „Stabil. Noch keine Besserung seit drei Tagen.“
„Auch privat versichert?“
„Nein. AOK.“
„Gut, gut“, höre ich Gottvater sagen. „Dann kann er auf die Allgemeinstation. Sie kümmern sich um das Weitere. Wir brauchen die Betten hier!“ Er wendet sich ab und die Schritte der Dreifaltigkeit entfernen sich rasch.
Die Geschäftigkeit im Raum beginnt wieder. Hastende Schritte von allen Seiten. Gemurmel. Manchmal leises Lachen. Zurufe. Geklapper von Geräten und Instrumenten. Das Piepsen der Monitore. Summen. Brummen. Rauschen. Ich merke, wie ich immer müder werde. Könnte ich doch die Augen schließen! Irgendwann schlafe ich wohl ein.
Ich fliege. Schwerelos schwebe ich über eine weite Landschaft mit vielen großen Feldern und Wiesen. Ein Kirchturm kommt mir entgegen. Das ist doch unsere kleine Kirche! Da, da ist unser Hof. Wie toll das von oben aussieht! So ordentlich alles! Wie früher meine Modelleisenbahn. Da steht ein Krankenwagen mit Blaulicht vor dem Tor zu meiner Praxis. Was macht der da? Viele Leute laufen da herum. Plötzlich fährt er los. Dieses schreckliche Getute hört man bis hier oben. Ich fliege hinterher. Aus dem Dorf hinaus, über die Landstraße bis zur Autobahn. Über rote Ampeln hinweg. Mann, hat der es eilig! Weiter rast er auf der Überholspur der Autobahn. Ich komme kaum mit. Er erreicht eine größere Stadt. Links ab. Rechts ab. Hält vor einem riesigen Gebäudekomplex. Die Fahrer springen heraus. Auf einer Bahre schieben sie jemanden in das Gebäude. Ich schwebe weiter hinterher, komme gerade noch durch die Tür, die sich genau hinter mir schließt. Viele weiße Kittel. Hektik. Meine Frau! Was macht die denn hier? Rennt da schreiend herum. Bist du verrückt geworden, Gabi?!
Weiter fliege ich hinter der Bahre her, die kreuz und quer durch das ganze Gebäude geschoben wird. Ich halte über einem Bett in einem hell erleuchteten Raum. Ich gleite etwas tiefer, wer liegt da in dem Bett? Ich? So was! Ich träume wohl! Wieso sehe ich mich selbst da liegen, mit Schläuchen am Arm? Scheißtraum. Es wird dunkler. Dunkler und auf einmal ganz still. Schwarz. Schweigen.
Habe wohl kurz geschlafen und was Blödes geträumt. Ein hübsches Gesicht beugt sich über mich. Lange blonde Locken. Ganz in Weiß gekleidet lächelt es mich freundlich, aber ernst an. Jetzt fällt mir alles wieder ein. Wo ich bin und wie ich hierhergekommen bin. Was passiert ist.
Die sieht aber doch aus wie ein Engel! Gibt es die doch? Bin ich jetzt doch schon im Himmel? Bei solch hübschen Engeln wäre das ja nicht das Schlechteste!
„Hallo! Hallo! Hören Sie mich?“, schreit der Engel mich mit einer recht tiefen, aber eher doch menschlichen Stimme an. „Ich bin Neurologin und werde Sie jetzt untersuchen!“
Doch nicht der Himmel! Doch kein Engel! Irgendwie schade!
Sie fängt an, mit einem silbernen Reflexhammer auf mir herumzuklopfen. Auf die Fersen, auf die Knie, mehrfach auf den Bauch, auf beide Arme, auf die Handgelenke und auf die Ellenbeugen. Ich spüre jeden Schlag. Tut nicht besonders weh. Mit dem spitzen Ende des Hammerstiels zieht sie kräftig über meine Fußsohlen. Das kitzelt. Dann rechts und links unterm Bauchnabel nach unten. Sie schüttelt den Kopf langsam, das Engelshaar wogt schön um ihren Hals.
„Nichts!“, murmelt sie zu sich selbst. Sie klatscht laut mit den Händen vor meinen Ohren und sieht mir dabei direkt in die Augen.
Hübsch bist du ja, du vermeintlicher Engel! Was hast du jetzt noch auf Lager? Dachte ich es mir! Sie nimmt ein kleines Köfferchen und stellt es auf meinen Bauch. Zwei Kabel mit spitzen Nadeln am Ende hält sie in ihren Händen, die sehr schön schmal und wohlgeformt sind, aber von zahlreichen, wohl modischen und auffälligen Ringen geziert werden. Eher nicht mein Geschmack! Ich weiß wohl, dass die Nadeln Schmerz bringen und schon fährt die erste in meinen Oberschenkel, gefolgt von der zweiten in die Wade. Verdammt, das pikst aber mehr, als ich dachte. Nach kurzer Zeit zieht sie die Dinger heraus und sticht sie ins andere Bein. Hat sie ein leicht sadistisches Lächeln auf ihren geschwungenen, beinah wollüstigen Lippen? Ich tue ihr sicher Unrecht. Kenne die Untersuchung ja. Elektromyogramm nennt man das. Wieder scheint sie unzufrieden mit dem Messergebnis und haut mir die Nadeln in beide Arme, erst rechter Oberarm und Unterarm. Dann noch mal das gleiche links. Engelshauptschütteln.
Sie packt das Köfferchen wieder ein und stellt es neben sich auf einen fahrbaren kleinen Tisch, steht auf und zieht einen anderen Tisch mit einem großen Monitor zu sich heran. Sie nimmt eine Menge Kabel mit kleinen Saugelektroden und pappt sie mir auf die Stirn, die Schläfen und hinter die Ohren, sowie in den Nacken. Dann befestigt sie noch einige an verschiedenen Stellen mitten auf dem Kopf zwischen den Haaren. Der Monitor leuchtet auf und ein Gewirr von Kurven erscheint. Sicher ein Dutzend verschiedene untereinander. Ein EEG. Da verstehe ich nichts von. EEGs waren mir immer ein Rätsel. Nacheinander drückt sie auf verschiedene Knöpfe. Immer andere, noch verrücktere Kurven werden sichtbar. Sie steht staunend mit verschränkten Armen davor, eine Hand am Kinn und zwei Finger auf dem Mund, und sieht den laufenden Zacken zu. So ähnlich sehen die Kurven der Seismologen bei Erdbeben aus, geht mir durch den Kopf.
Während der Monitor noch läuft, greift sie zu einer kleinen Taschenlampe und leuchtet mir abwechselnd in das rechte und linke Auge. Das ist wieder so grell! Schlimmer als die Nadeln. Jetzt drückt sie mit dem Daumen auf meinen Augapfel. Hör auf, du Teufel! Niemals bist du ein Engel! Auch wenn du so aussiehst! Das ist ein höllischer Druckschmerz. Das andere Auge auch noch! Du Biest! Könnte ich dich bloß packen!
Sie zaubert eine lange, dünne und scherenartige Zange aus der Kitteltasche und nähert sich damit langsam meiner Nase.
Neiiiiiiin! Bitte das nicht! Das ist der schlimmste Test. Habe ich früher auch schon mal gemacht. Jetzt gerade tut mir das leid. Damit kann man testen, ob jemand Bewusstlosigkeit simuliert.
Niemand hält den Schmerz aus.
Sie öffnet die Zange und schiebt sie langsam in meine Nase, in jedes Nasenloch ein Zangenmaul. Dabei sieht sie mir wieder genau in die Augen. Langsam, ganz langsam schließt sich die Zange. Zunächst ist es nur ein leichter Druck. Dann drückt sie das Gerät immer fester. Grinst sie hämisch dabei? Um den leicht geöffneten Mund spielt ein Lächeln, ein böses Lächeln. Zwischen den schönen Zahnreihen sieht man die Zungenspitze blitzen wie bei einer Schlange. Immer kräftiger wird der Druck. Es schmerzt. Der Schmerz wird immer größer, je kräftiger sie drückt. Das ist brutal! Ich halte das nicht mehr lange aus. Weg mit der Klemme. Ich bin doch kein Tanzbär oder Bulle! Hölle pur! Will schreien. Kein Ton. Wie weit lässt sich Schmerz steigern? Ich kann nicht mehr. Das hält keiner aus. Mir verschwimmt alles vor Augen. Werde ich endlich bewusstlos? Was kann der Mensch noch aushalten? Schwarze Stille. Kein Schmerz mehr.