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Leseprobe: Fiona – Spinnen (Band 8 der Fantasy-Saga)

Fiona – Spinnen

Ich hasse das Sterben. Und das Aufwachen danach auch.
Was ist passiert? Im Moment weiß ich nur, dass ich gerade wieder zum Leben erwache. Das ist diesmal ungewöhnlich schmerzhaft, als hätte etwas meinen Körper zerfetzt. Ich spüre, dass ich auf einer harten Unterlage liege.
Neben mir befindet sich noch etwas. Weich, ansatzweise warm. Ein Körper, nackt wie meiner.
Langsam erinnere ich mich wieder. Ich drehe den Kopf und sehe Katharina. Ihre Augen sind offen, sie atmet. Auf ihrem Kopf Blut und noch etwas.
Mein rechter Arm ist eingeklemmt. Ich glaube, sie liegt auf ihm. Ich taste mich mit dem anderen Arm ab. Einige Stellen sind sauber und trocken, andere von verkrustetem Blut und was auch immer bedeckt.
Die Explosion. Sie hat uns zumindest teilweise zerfetzt, und Reste unseres alten Körpers bedecken uns.
Na toll.
Ich setze mich auf und sehe mich um. Eine Kammer. In einer ähnlichen war ich schon. Von diesem Raum aus werden die Leichen in den Shadartunnel gekippt. Wir liegen nebeneinander auf einer Bahre, nackt. Um uns herum weitere Reste von uns. Vermutlich sind sie beim Regenerieren abgestoßen worden, wie die alte Haut bei der Entpuppung. Besonders appetitlich sieht es nicht aus.
Scheiß drauf.
Katharina rührt sich auch. Und stöhnt. Ich betrachte ihren Körper, dann entferne ich einige Teile, die sie nicht mehr braucht. Ich glaube, ein Stück Darm ist auch dabei. Und obwohl ich ihren Körper wirklich sehr gut kenne und liebe, ist das ein Teil davon, den ich weder sehen noch berühren möchte.
Bäh!
„Was ist passiert?“, fragt sie und stöhnt erneut. „Ich war wohl tot …“
„Ich auch. Irgendwas ist explodiert.“
„Explodiert?“
„Zerplatzt. Bumm. Unsere Körper auch zum Teil.“ Ich halte einen weiteren ehemaligen Bestandteil ihres Körpers hoch. „Keine Ahnung, was das ist, aber ich glaube, es war mal in deinem Körper.“
Sie verzieht das Gesicht. „Das ist ja widerlich.“ Sie setzt sich auf. „Wo sind wir überhaupt?“
„Kurz vor dem Shadartunnel.“
„Oh. Ich dachte, Matrixbeauftragte sind unberührbar?“
„Das dachte ich auch. Mir scheint, unser Auftrag wird spannend.“
Sie mustert mich. Meine Augen. Meinen Mund. Meine Brüste. Meinen Bauch. Meine Beine. Und das dazwischen. Ich glaube das einfach nicht.
„Katharina?“
„Ist ja schon gut. Bist du nicht geil?“
„Ich bin gerade erst zu den Lebenden zurückgekehrt, mir tut alles weh. Tut mir leid, da denke nicht einmal ich an Sex.“
„Schade. Mir tut auch alles weh, übrigens. Aber Sex ist eine gute Ablenkung. Vertreibt den Schmerz.“
„Wir holen das nach. Okay?“ Ich gebe ihr einen schnellen Kuss, dann stelle ich die Füße auf dem kalten Boden ab. Dabei versuche ich, über unsere Situation nachzudenken. Inzwischen funktioniert mein Gehirn wieder und ich schaffe es, die Bilder von den letzten Sekunden abzurufen. Sana war aufgestanden und gegangen, um Getränke zu besorgen. Er wusste also, dass gleich etwas passieren wird. Das wiederum bedeutet, es war geplant.
Nicht gut. Überhaupt nicht gut.
Ich drehe den Kopf um, bis ich Katharina sehen kann. Sie sitzt noch mit angezogenen Beinen auf der Bahre und stützt ihren Kopf mit den Händen ab. Sie scheint ganz ordentliche Schmerzen zu haben. Na ja, sie sind gleich vorbei, wenn der Körper sich vollständig regeneriert hat.
„Kannst du dich erinnern?“, erkundige ich mich. „Sana ist kurz vor der Explosion gegangen.“
„Ja, er wollte Getränke holen.“
„Er hat gewusst, was passieren wird.“
Sie blickt hoch. „Sor hat wohl recht.“
„Wie stehst du jetzt dazu, Niasman zu töten? Uns hat er ja nun getötet. Dass das nichts bringt, konnte er ja nicht wissen.“
„Nein, Unsterblichkeit ist hier nicht so verbreitet, glaube ich. Wir sollten ihn uns vornehmen.“
„Sehe ich auch so.“
„Und zuerst brauchen wir Kleidung.“
Ich nicke, dann horche ich auf. Stimmen. Wenn mich nicht alles täuscht, nähern sich zwei Männer. Wir wechseln schnell einen Blick, dann stellen wir uns rechts und links von der Tür auf. Noch wenige Meter, bis sie an der Tür sind.
„Was haben die beiden Hübschen eigentlich verbrochen?“
„Sind beim eigenen Attentat umgekommen. Hübsch und blöd.“
Na warte.
Als die Tür aufgeht, werden wir sofort aktiv. Ich packe den auf meiner Seiten an den kurzen, rotblonden Haaren und knalle seine Nasenwurzel gegen die Kante der Metallbahre. Das gibt ein ziemlich hässliches Geräusch, vermutlich das Letzte, was der hübsche Rotblonde in seinem Leben hört. Zu blöd auch.
Ich sehe nach Katharina. Sie ist auch fertig. Sie hat dem Anderen erst die Luftröhre mit der Handkante zerschmettert und ihm dann mit einer schnellen Bewegung das Genick gebrochen.
Sie sind etwas größer als wir, aber das stellt kein Problem dar. Die Hosen stopfen wir in die Stiefel und die Ärmel werden hochgekrempelt. ID-Karten haben wir nun auch wieder.
Wir legen die beiden auf die Bahre, dann betätige ich den Schalter. Die Tür geht auf, die Bahre fährt an einem Ende hoch und schon sind die beiden fort.
„Der Vorteil ist, dass sie uns nun für tot halten“, stelle ich fest.
„Wir sollten mit Sor sprechen und ihm sagen, was passiert ist“, erwidert Katharina.
„Im Prinzip eine gute Idee. Aber wie?“
„Hat er nicht gesagt, wir können jedes Telefon nutzen?“
„Ja, aber nur mit den ID-Karten, die wir nicht mehr haben, weil sie auch zerstört wurden, kommen wir direkt zu ihm durch.“
„Hm. Schade.“
„Ich schlage vor, wir nutzen die Gelegenheit, und regeln das auf unsere Weise.“
„Okay. Du bist die Chefin.“
„Wieso bin ich die Chefin? Hä?“
„Weil du dich erinnerst, dich hier auskennst und Dinge weißt, die ich vergessen habe. Dadurch kannst du viel bessere Entscheidungen treffen als ich.“
Das ist wahr. Erstaunlich, wie pragmatisch sie sein kann. Sie war schon immer die Bedachtere von uns beiden, von ihrer Eifersucht und gelegentlichen Ausraster mal abgesehen. Umso besser, dass sie jetzt so praktisch denkt.
„Siehst du es anders?“
„Nein, völlig richtig. Komm, wir besuchen Niasman. Diesmal ohne Vorankündigung.“
Nachdem sie nickt, gehen wir zur Bomo. Es sind einige Trauernde und Mitarbeiter im Shadar, aber in unseren Uniformen fallen wir nicht auf. Zwischendurch entfernt Katharina noch etwas aus meinen Haaren. Sie zeigt es mir zwar, aber ich beschließe, nicht so genau hinzuschauen. Wird wohl ein Teil von meinem Hirn sein. Habe ich eh schon viel zu oft gesehen.
Ich gebe Z7.77 als Ziel an. Die Bomo will daraufhin eine ID haben und gibt sich mit meiner zum Glück zufrieden. Die Tür gleitet zu und die Kabine surrt los. Die Fahrt wird eine Weile dauern.
Katharina lehnt sich gegen die Wand und beobachtet mich.
„Was?“
„Ich habe nur darüber nachgedacht, dass du dich benimmst, als würdest du so was ständig machen.“
„Na ja, mein Leben war nicht langweilig, seitdem ich weiß, dass ich eine Kriegerin bin. Außerdem habe ich eine Menge erlebt, nachdem ich diese Welt betreten habe. Meine ruhigste Zeit war die unten, als wir gewandert sind, und dann in der Prex. Sonst ständig so wie zuletzt.“
„Okay. Und was genau hält dich in diesem Moment davon ab, mich zu küssen?“
Lächelnd trete ich zu ihr und lege die Unterarme auf ihre Schultern. „Erinnerst du dich, wie lästig du es fandest, dass ich dich ständig küssen wollte?“
„Du findest mich lästig?“, fragt sie mit großen Augen.
„Nein. Ich glaube, das könnte niemals passieren. Ich finde es nur lustig, wie sich das geändert hat.“ Ich berühre beim Sprechen inzwischen ihren Mund. „Lustig, aber ausgesprochen hilfreich.“
Sie legt die Hände auf meinen Po und erwidert: „Bist du sicher, dass du hilfreich sagen wolltest?“
„Ja. Es hilft mir dabei, ausgeglichen und entspannt zu bleiben.“
„Ach ja. Dann sollten wir dich jetzt entspannen. Wie findest du das?“
„Sehr gut“, murmele ich und setze es direkt in die Tat um. Zum Glück dauert die Fahrt ja etwas.
Kurz bevor die Bomo die Ankunft verkündet, lösen wir uns voneinander. Katharina grinst wie ein Honigkuchenpferd. Allerdings nur solange, bis sich die Tür öffnet und wir uns Prok und Carch gegenüber sehen.
Ihre Augen weiten sich, die Hände greifen nach den Waffen. Aber wir sind viel schneller, packen die beiden am Hals, halten ihre Handgelenke fest und drücken sie gegen die Wand gegenüber.
Ungünstigerweise sind noch mehr Leute auf dem Korridor. Einige Frauen, die sofort losschreien, jedes dämliche Klischee bestätigend, und drei Bewaffnete.
„Kümmere dich um die beiden!“, rufe ich Katharina zu, dann nehme ich mir die drei vor.
Sie greifen nach ihren Waffen, doch da habe ich schon meine eigene Pistole in der rechten Hand, die von Prok in der anderen. Die ersten beiden sind tot, bevor sie ihre Waffen auch nur berühren, der Dritte schafft es gerade eben, die Waffe zu ziehen, bevor zwei Kugeln seine Stirn zerfetzen.
Was sind das denn für Kaliber, verfluchte Scheiße?
Ich sehe nach Katharina, die bis dahin ihre Aufgabe problemlos erledigt hat. Prok erstickt gerade an einer akuten Luftröhrenverengung, ausgelöst durch den Schlag Katharinas, wie sie ihn vorhin auch schon angewendet hat, Carchs Kopf wurde einmal um 180 Grad gedreht.
„So sieht er besser aus“, erklärt Katharina, als sie meinen Blick bemerkt.
Ich bin mir nicht sicher, ob Carch und potenzielle Verehrerinnen das auch so sehen würden, wenn es denn dazu kommen könnte, aber nun ist es wohl zu spät. Carchs Körper rutscht gerade an der Wand hinunter, was etwas seltsam aussieht, da er dabei sein Gesicht und den Rücken dagegen drückt.
Ich spüre, dass selbst mein Magen rebellieren möchte, und wende mich ab.
„Los, weg hier!“, rufe ich Katharina zu. Da ich mich darin auskenne, sprinte ich zum nächsten Lüftungsschacht. Die Abdeckung leistet nicht lange Widerstand, sie ist nicht für rohe Kriegerkraft gemacht.
„Das sieht nicht einladend aus“, bemerkt Katharina.
„Ich weiß, aber hier wird es gleich noch weniger einladend sein.“

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Leseprobe: Sehnsucht die mich trägt

Alles war fremd. Ich betrat zum ersten Mal die Zweizimmerwohnung meiner Großeltern und war anfangs sehr begeistert. Ein kleiner Flur, eine Küche, ein Wohnzimmer und ein Schlafzimmer. Sehr befremdlich für mich war das Badezimmer. Mit einem richtigen WC. Unendlich oft drückte ich auf die Spültaste. Was es hier alles zu entdecken gab! Von diesem Moment an schlief ich jede Nacht zwischen Oma und Opa voller Glück und Zufriedenheit. Ich hielt mich die ganze Nacht an ihren Händen fest vor lauter Angst, sie könnten heimlich nachts wieder verschwinden.
Gleich in den ersten Tagen besuchten wir meine liebe Tante Elisabeth, zu der Oma ausgereist war. Sie bewohnte ein riesengroßes Eigenheim. Zusammen mit ihren Eltern Sofia und Martin , ihrem sehr lieben Ehemann Robert und ihren beiden Söhnen Volker und Franz. Die Jungs waren im gleichen Alter wie mein Bruder und ich. Vom ersten Augenblick fühlte ich mich in diesem wunderschönen Haus sehr wohl. Alle waren nett und schenkten mir Beachtung. Onkel Martin nannte mich immer „moi allerschenschtie“ – meine Allerschönste. Das fand ich so lieb, wenn er dies zu mir sagte. In diesem Haus begann ich zu träumen.
Voller Sehnsucht schmiedete ich Pläne für die Zukunft. Solch ein Haus wünschte ich mir, zwei Kinder, genau solche Vorhänge und Teppiche. Ich wollte eines Tages alles so haben, wie es bei der lieben Tante war. Alles perfekt und das Beste – ein Schrank, in hellbraun, in dem oben links immer Knabberzeug war. Welch eine Freude. Auf dem Boden im Wohnzimmer war so viel Platz, dass wir Kinder mit dem Onkel Robert toben konnten. Das waren außergewöhnlich schöne Momente.
Das erste Mal, dass ich mich selber laut lachen hörte in diesem Deutschland. Täglich ging ich zu dem Haus meiner Tante und meines Onkels, um es zu bewundern. Vor dem Haus gab es eine sehr steile Abfahrt zur Garage mit einem Grünstreifen. Manchmal wartete ich ewig, bis einer von den beiden dort hinunterfuhr, denn ich wollte unbedingt mit hinunter sausen. Wenn keiner kam, zog ich meine Schuhe aus, um den Rasen unter meinen Füßen zu spüren. Wie gerne war ich in Rumänien barfuß gelaufen. Ich verspürte eine große Sehnsucht nach diesem Laufgefühl.
Eine Möglichkeit barfuß zu laufen, suchte ich genauso vergebens wie Kirschbäume und Spielwiesen am neuen Wohnort. Hoffentlich durfte ich bald in die neue Schule. So mein Verlangen. Was tut man hier als Kind eigentlich den ganzen Tag? Viele Tage verbrachte ich ausschließlich mit Erwachsenen. Ich bestaunte die großen Supermärkte, die Fußgängerzonen, die Auslagen – einfach alles. Draußen zum Spielen war ich selten und wenn, dann mit Volker. Es gab ja innen so viel Interessantes. Farbfernsehen, das kannte ich nicht und ein Telefon mit Wählscheibe hatte ich zuvor noch nie gesehen. Wenn wir aus Rumänien einen Anruf tätigten, fuhren wir nach Arad und warteten in einem Institut auf eine Verbindung. Das dauerte manchmal eine Ewigkeit. Hier ging alles ganz fix. Hörer abheben und wählen. Ich konnte gar nicht mehr aufhören, mit der Wählscheibe zu spielen.
Endlich kam der Tag an dem ich zur hiesigen Schule durfte. Einen großen Schulhof gab es dort und das Gebäude selbst sah so steril aus. Mal abwarten, dachte ich mir. Ich hatte das Gefühl, dass keiner mich wahrgenommen hatte. Man brachte mich zur Klassenlehrerin, die mich mit zu ihren restlichen Zweitklässlern nahm. Ich betrat den riesigen Klassensaal mit unendlich vielen Kindern und wäre am liebsten davongelaufen. Ich hatte ziemliche Bauchschmerzen.
So fremd, verloren und so gar nicht geborgen. Ich sah in viele erstaunte Gesichter. So, wer bist denn du? Und wo kommst du her? Ich hatte mich doch so gefreut auf die Schule und nun wollte ich am liebsten weglaufen. Die Lehrerin bat mich zu erzählen, wo ich herkomme und wie mein Name wäre. Mir stockte vor Aufregung der Atem, ich bekam keinen Ton heraus. Alle starrten mich an, bis ich letztendlich losplapperte. In der 1. Pause bat die Lehrerin die Kinder, sich um mich zu kümmern und mit mir zu spielen. Das taten sie auch – wenn auch mit etwas Zurückhaltung. Schließlich war ich für sie so „anders“.
Ich bemühte mich täglich, dem Unterricht zu folgen und lernte fleißig. Das wurde auch anerkannt.
Jede freie Minute erinnerte ich mich an meine Schule und an Frau Gerda K. und an ihre Sommersprossen und den Figurenstempel auf ihrem Pult. So gerne wäre ich bei ihr im Unterricht bei den Zweitklässlern gesessen, gleich in der Reihe neben den Drittklässlern. Ich bekam „Sehnsucht“ – Sehnsucht nach meiner Lehrerin, ihren Gewohnheiten und ihrem freundlichen Wesen. Keiner war wie sie. Ob sie meinen Platz schon neu besetzt hat? Ob die anderen Kinder mich wohl vermissten? Hätte ich ihnen doch eine Adresse gegeben, dann hätten sie mir schreiben können.
Auf den Gedanken, dass ich ihnen schreiben konnte, kam ich nicht. Regelmäßig schrieb ich meiner Freundin Renate und meiner Cousine Monika, vom allerersten Tag an. Ich vermisste sie unendlich. Wieso nur konnte ich sie nicht wiedersehen?
Wieso nur waren sie 1200 km weit entfernt von mir? Ich weinte nur, wenn ich alleine war, um keinen traurig zu machen. Insbesondere nicht meine Großeltern, die mir täglich die Kraft gaben, um mich hier zurechtzufinden. Ich sollte es mal besser haben, so ihre Worte. Ein besseres Leben wollten sie uns ermöglichen, aus tiefster Liebe. Wieso ich denn kein gutes Leben hatte – in Rumänien – verstand ich nicht. Warum konnten nicht alle einfach wieder nach Hause gehen, wir zurück in unser Haus, zu den Tieren, den Menschen, den Freunden und sonntags in die Kirche?
In meine Kirche, in der ich alles in- und auswendig blind beschreiben konnte? Warum konnte dieses Leben jetzt sich nicht einfach als Traum zu erkennen geben, aus dem man erwachen konnte, und wieder zu Hause in seinem Bett lag? In dem Bett mit vielen versteckten Kaugummispuren, die keiner sah?
Ich verspürte großen Appetit nach geräuchertem Schinken und der Salami. Ich hatte tiefes Verlangen nach einem Schluck Wasser aus unserem Brunnen und nach den lieben Menschen, die ich kannte und vermisste.

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Leseprobe: Verdächtige und andere Katastrophen

Kommissar „Eifer“ hatte eine übermenschliche Spitzenleistung erbracht, mit der er jedes Rekordergebnis in den Schatten stellte. Bis dato hatte er sich weder telefonisch noch persönlich zu Wort gemeldet, und dieses Mal waren bereits vier Tage verstrichen, was nur der Massagekunst seiner Frau zugeschrieben werden konnte. Paul Maurus freute sich wie ein Schneekönig. Jetzt hieß es, den inneren Schweinehund zu überwinden und den Stier bei den Hörnern zu packen.
„Verehrtester Herr Maurus! Ich bin hocherfreut, Sie nach unserem Telefonat persönlich kennenzulernen. Und haben Sie vielen Dank, dass Sie sich hierher bemüht haben.“ Devot und enthusiastisch zugleich begrüßte ihn Harald Benning. „Das Risiko, dass ich beim Betreten oder Verlassen eines Polizeipräsidiums gesehen werde, ist mir in der Tat zu groß. – Dann wäre meine Reputation dahin!“
Diesen heiratslustigen Beau, der so stolz war wie ein Pfau war, hätte er nur zu gerne an die Kandare genommen. Stattdessen erwiderte er moderat: „Wenn Sie Ihre Aussage lieber in einer Ihnen vertrauten Umgebung machen wollen, dann wäre ich der Letzte, der Ihnen in die Quere kommen würde.“
„Hier ist es ja auch viel schöner. Nicht, dass ich etwa schon … aber so ein typisches Dienstzimmer ist schäbig, nach allem was man im TV zu sehen bekommt. Schließlich soll es ja auch nur ein Zimmer sein, um seinen Dienst zu verrichten, nicht wahr?!“
„Sie sagen es, und genau das werde ich jetzt tun! Sie haben also schon mehrere Kleinanzeigen in Tageszeitungen geschaltet, um Ihrer Traumfrau zu begegnen?“
„Das ist nicht korrekt!“
„So habe ich es aber in unserem vorangegangenen Telefongespräch verstanden!“
„Es handelt sich dabei um ziemlich fett gedruckte Inserate. – Oder können Sie sich vorstellen, dass ein Mann wie ich sich klein gedruckt offeriert? Immerhin bin ich meinem Ruf, der schönste Mann der Stadt zu sein, ein für alle Mal verpflichtet! Aber lassen Sie uns lieber ins Wohnzimmer gehen. Meine Diele ist zwar auch sehr schön … Apropos: Hier sehen Sie mal!“ Er reichte ihm einen Stapel mit Porträts.
Pauls Augenmerk richtete sich auf das gerahmte Poster in Schwarz-Weiß. „Sie stehen auf Albert Einstein?“
„Ich kenne diesen Eierkopf überhaupt nicht! Ich finde es nur toll, wie der die Zunge raushängen lässt. – Wäre doch eine prima Werbung für die Erfrischungsgetränke-Industrie. Bitte nehmen Sie Platz.“
Paul ließ sich samt Konterfeis in den ihm zugewiesenen Sessel fallen. Mit erlesenem Geschmack und viel Liebe zum Detail waren diese Möbelstücke nach antiquarischen Vorbildern gefertigt. Mit wunderschön geschwungenen Massivholzchatosen und Tischbeinen sowie Sichtholz, nussbaumfarben und hochglanzlackiert. Die Frontblenden der komfortablen Ledergarnitur mit traditioneller Knopfheftung und Leder bezogenen Rückseiten bestand aus einem Dreisitzer und zwei Sesseln, Pauls Sitzgelegenheit inbegriffen. Auf dem exquisiten Couchtisch thronte eine Leuchte mit einem aufwändigen, würfelförmigen Lampenschirm aus Tiffanyglas. An der Decke prunkte eine prachtvolle, 8-flammige Pendelleuchte mit eisernem, bronze-altgoldfarbenem Gestell und üppigem Glasbehang. In der Ecke stand eine hautfarbene, formschöne Stehleuchte mit gedrechseltem Fuß und roter Veloursborte. Zwei Brücken und ein persischer Teppich schmückten das Parkett. Ein Wohnzimmer, wie er es nicht besser hätte einrichten können – abgesehen von dem roten, nostalgischen Zweisitzer-Sofa mit zwei Kissen, alles aus Samt. Bequem schien es zu sein, aber es wirkte überladen. Der kunstvolle Gobelin im Barockstil, mit idyllischer Schäfer-Szenerie und die bronzefarbene, schätzungsweise 182 cm hohe Frauen-Skulptur verliehen dem Raum eine unerträgliche Schwülstigkeit.
„Sagen Sie nichts! Ich weiß, dass jeder von soviel Schönheit einfach überwältigt sein muss!“
Die abgedroschene Phrase: „Über Geschmack lässt sich nicht streiten“, war für Paul die letzte Chance, das Wort zu ergreifen.
Selbstgefällig führte Harald Benning seinen Monolog. „So und jetzt reden wir Tacheles! Haben Sie jemals zuvor einen schöneren Mann gesehen?“ Er nahm Paul die Fotografien aus der Hand. „Und ich garantiere Ihnen, Sie werden auch niemals wieder einen so schönen Mann zu Gesicht bekommen! Aber Sie müssen doch ehrlich zugeben, dass diese Bilder mir nicht annähernd gerecht werden. In natura bin ich noch viel schöner. Ihnen fehlen die Worte. Deswegen brauchen Sie sich nicht zu schämen. Ich habe mich daran gewöhnt, dass meine Schönheit meinen Mitmenschen die Sprache verschlägt! Ich bin so schön, dass andere sich dadurch oft überfordert fühlen. Darum hat meine Ex-Frau mich mit unserer gemeinsamen Tochter auch verlassen. Soviel Schönheit auf einmal, und das tagein, tagaus, konnte sie einfach nicht mehr ertragen. Von meinem erlesenen Geschmack ganz zu schweigen!“ Er spreizte seine Pfauenfedern.
„Es heißt, man erkennt einen eitlen Menschen an seiner Kleidung. Auf mich trifft das nicht zu! Obwohl: Ich wähle meine Anzüge, wie Sie sehen können, mit äußerster Sorgfalt aus. In Stilfragen kann mir keiner das Wasser reichen, was ich immer wieder tief beglückt feststelle, beim Flanieren oder wenn ich mich im Straßencafé platziere. Meine teuren Maßanzüge, die edlen Kaschmirmäntel, die ich im Winter trage, die eleganten Seidenhemden mit den farblich passenden, modischen Krawatten und die jeweils darauf abgestimmten Schuhe und Gürtel trage ich nicht aus Eitelkeit. Nein! Sie sind mein Schutz, meine Ritterrüstung gegen den übrigen schlampig und nachlässig gekleideten Rest der Welt. Mit meiner extravaganten Kleidung gelingt es mir sogar, mein schönes Äußeres noch dezent zu unterstreichen. Sicher sagen Sie sich jetzt, eine kostspielige Angelegenheit! Aber als Sprachdozent verdiene ich sehr viel Geld, und sonst bin ich sehr genügsam. Ich trinke nicht, ich rauche nicht und begnüge mich mit einem einfach belegten Käsebrot. Ich will nicht vom Thema abschweifen! Meine Studenten, die Kollegen, gleich welchen Geschlechts, nennen mich alle nur ‚den schönsten Mann der Welt’! Meine Nachbarin, eine gut situierte, ältere Dame, vergleicht mich jedes Mal mit einem berühmten Schauspieler, dessen Name ihr aber niemals über die Lippen kommt, weil er ihr einfach nie einfallen will.
Aber aus Erfahrung weiß ich, es kann sich nur um Pierce Brosnan handeln. Ich selbst scheue diesen Vergleich. Weil ich doch viel schöner und weicher bin als das nämliche Original. Allerdings hat mir die frappierende Ähnlichkeit mit dem vormaligen James-Bond-Darsteller die Inspiration zu diesen Aufnahmen … Moment!“ Er zog ein Bild aus dem Stapel hervor, das ihn mit geheimnisvollem Pokerface und in bester Agentenmanier, in Hut und Mantel, die Hände in den Taschen vergraben zeigte. „Ich will meine Schönheit in die Welt hinausschreien! Darum mache ich auch ganz verrückte Sachen. Eigentlich sollte es ein Geheimnis bleiben. Aber ich werde Ihnen nun anvertrauen, was Sie ohnehin herausfinden würden. Wie im Rausch habe ich des Öfteren bei Nacht und Nebel Abzüge dieser Fotografien, versehen mit meiner Visitenkarte, in die Briefkästen der Umgebung gesteckt. Diese ungewöhnliche Methode schenkt mir vielleicht eine ebenbürtige Frau, die einen so schönen Mann, der ich nun einmal bin, zu würdigen weiß und mit Handkuss nimmt. Eine Frau, die sich gerne mit Schönheit umgibt. Ich bin von dieser Vorgehensweise dermaßen überzeugt, dass ich weitere Abzüge entwickeln lasse, um mich wieder eifrig ans Werk machen zu können. Um noch mehr Menschen mit meiner Schönheit zu erfreuen, habe ich beschlossen, meine Fotos zusätzlich mit der Post zu verschicken. Schließlich kann ich mir nicht ständig die Nächte um die Ohren schlagen. Ich brauche den Schlaf in meinem erstklassigen Wasserbett, mit den seidenen Bezügen. Weil wir gerade beim Thema sind, ich trage ausschließlich Pyjamas aus reiner Seide, möchten Sie einen sehen?“
Paul nickte ermattet. Er wollte die Möglichkeit, die längere Einzelrede in dem Gespräch zu beenden, nicht ungenutzt lassen. Mit seinem Wahn von der eigenen Schönheit würde es dieser überkandidelte Lehrbeauftragte einer Hochschule noch weit bringen. Bald würde er nicht mehr nur der schönste Mann der Stadt, sondern auch der größte Narr weit und breit sein. Irgendwann, in naher Zukunft, würde diesem Beau nichts anderes mehr übrig bleiben, als seine Koffer zu packen und in eine andere Stadt zu ziehen, um dort der schönste Mann zu sein. Und dieser lächerliche Narr fürchtete um den Verlust seiner Reputation, wenn er seinen Fuß auf die Schwelle eines Polizeipräsidiums setzte!
Paul schüttelte fassungslos den Kopf und freute sich über die doch länger als angenommene Zeit, in der der Pfau durch seine Abwesenheit glänzte. Er war bereits eingedöst, als ihn Harald Benning aus dem behaglichen Ledersessel der Luxusklasse hochschrecken ließ. Ein Stapel Wäsche auf dem Arm und ein süffisantes Lächeln auf den Lippen, plauderte er munter weiter drauflos. „Nichts für ungut, aber ich finde, Sie sollten sich besser kleiden.“ Übereifrig breitete er die Kleidungsstücke auf dem Tisch aus. „Und da Sie nun schon einmal hier sind, werde ich Ihnen diesbezüglich mit Rat und Tat zur Seite stehen!“ Er zog einen blauen Kaschmirpullover aus dem Haufen und hielt ihn hoch. „Der würde Ihnen vortrefflich stehen!“
Paul Maurus rollte mit seinen großen, blauen Augen, als hätte er zu viel Chili gegessen.
„Ach, und mit Ihren Haaren müssten Sie auch etwas machen. Die sind so … die wirken so zerzaust. Wirres Haar lässt auf einen etwas wirren Verstand schließen, wie der Volksmund sagt. Außerdem sind sie viel zu lang. Mann trägt jetzt kurz. Wenn Sie möchten, gebe ich Ihnen die Adresse von meinem Friseur. Er ist ein Meister der Schere, und seine Maniküre und Pediküre sind wirklich erstklassig. Von seiner neuesten Dienstleistung ganz zu schweigen! Nichts ist spannender, als unter der Haube die Karten gelegt zu bekommen! Dazu wird Kaffee oder Sekt gereicht. Ich wähle stets den Kaffee, weil man mir dann noch zusätzlich aus dem Kaffeesatz die Zukunft weissagt.“
In Paul keimte wieder der Wunsch auf, ein Badezimmer zu zertrümmern und als Krönung mit bloßen Händen das Waschbecken herauszureißen.
„Ich persönlich finde es schade, dass Sie sich hinter dieser Hippiefrisur verstecken und so wenig aus sich machen. Dabei sind Sie ein so hübscher, junger Mann!“
„Ich verbitte mir diese Schwulitäten!“ Pauls Antwort kam wie aus der Pistole geschossen. Für sein Leben gern hätte er diesem James-Bond-Verschnitt die Fresse poliert. „Ich bin nicht zum Vergnügen hier! Ich muss einen Mordfall aufklären und Sie dazu befragen. Also lassen Sie uns jetzt zweckdienlich miteinander reden!“
„Ich fühle mich gemaßregelt, dennoch stehe ich ganz zu Ihrer Verfügung, Herr Maurus“, gab er verschnupft zurück und setzte sich ihm gegenüber auf den Lederdreisitzer.
„Sie hatten also ein Rendezvous mit Sofia von Stetten?“, fragte Paul gemäßigt.
„Nein!“
„Natürlich hatten Sie ein Date mit Frau von Stetten!“
„Nein!“
„Was soll das heißen: Nein?“
„Nein, heißt nein! Weil es ein Blind Date war, um bei der Wahrheit zu bleiben.“
„Demnach hatten Sie also ein Blind Date mit Sofia von Stetten?“
„Das ist korrekt!“
„Freut mich zu hören, dass wir uns wenigstens in diesem Punkt einig sind, Herr Benning!“
„Ich darf gar nicht daran denken“, klagte Benning rührselig, von Selbstmitleid getragen. „Sie war so eine wunderschöne junge Frau, und jetzt … Jetzt ist sie tot … Ermordet, von einem Meuchelmörder dahingerafft.“
Dieser Wortspender war nicht nur durch seinen Wahn von der eigenen Schönheit total verblödet, zu allem Überfluss war er auch noch begriffsstutzig. Paul hatte schwer mit seiner Beherrschung zu kämpfen. „Man hat sie nicht ermordet! Sie können die Tränen hinunterschlucken und sich die Nase pudern, sie erfreut sich bester Gesundheit!“
„Warum sind Sie dann hier?“
„Weil eine Freundin von ihr … Ich berichtige mich, weil eine ehemalige Freundin von ihr, Rosamunde Stichnote, ermordet wurde!“
„Und was hat das alles mit mir zu tun?“
„Ehrlich gesagt, frage ich mich das langsam auch!“ Paul kratzte sich nachdenklich am Kopf und entschloss sich kurzerhand, noch einmal die Kernfrage zu stellen.
„Sie hatten also ein Blind Date mit Sofia von Stetten?“
„Ja! Aber das wissen Sie doch schon!“
„Richtig, das weiß ich alles schon“, formulierte er langsam, um Eindruck und Zeit zu schinden.
„Wenn Sie Ihre Schuppen loswerden wollen, sollten Sie ein Haarwasser benutzen!“ Benning predigte tauben Ohren.
„Warum ist nichts daraus geworden?“, fiel Paul nach seinem wilden Kopfschütteln spontan ein.
„Das wüsste ich auch gerne – zumal ich ein formvollendeter Kavalier bin. Zu unserem Treffen hatte ich ihr einen prächtigen Strauß Rosen mitgebracht. Ins kostspieligste Lokal dieser Stadt hatte ich sie dann eingeladen, und als Krönung des Abends schenkte ich ihr ein Porträt von mir, das ich extra für diesen Anlass in einen teuren Rahmen hatte einfassen lassen. Und nachts, wenn ich mit meinem seidenen Schlafanzug allein in meinem großen Wasserbett liege, breche ich deswegen auch immer wieder in Tränen aus. Was bin ich doch für ein glücklicher Hund, sage ich mir dann immer wieder, nachdem ich über mein erfolgreiches Leben sinniert habe. Folglich bin ich auch zu dem Schluss gelangt, dass Sofia von Stetten sich nicht von anderen Frauen unterscheidet. Trotzdem hätte ich gerade von ihr mehr erwartet. Weil sie mit ihrer strahlenden Schönheit alles in den Schatten stellt, hoffte ich auf ihre Akzeptanz. Andererseits hatte sie wohl kaum mit so viel maskuliner Schönheit gerechnet, wenngleich ich sie in unserem Telefongespräch darauf vorbereitet hatte. Den Regeln eines sportlichen Wettkampfes gemäß sage ich, sie hat mich um eine schöne Erinnerung bereichert!“
„Dem kann ich mich nur anschließen, und möchte mich hiermit verabschieden. Auf Wiedersehen, Herr Benning!“