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Leseprobe: Im Bann der Omerta

Im Bann der Omerta

Carolina Rycha bekam Reportageaufträge aus allen möglichen europäischen Regionen. So hatte sie vor wenigen Wochen von einem deutschen Fernsehsender eine Anfrage erhalten, ob sie in einer Koproduktion mit dem italienischen Fernsehen eine Reisesendung machen wolle, in der Heidelberg und die Toskana vorgestellt werden sollten. Da Carolina die Toskana mit ihren Menschen, Landschaften und Städten schon immer besonders anziehend fand, war die Antwort eindeutig. Die Idee, in der anderen Hälfte der Sendung Heidelberg und das Neckartal vorzustellen, war ihr ein willkommener Anlass, mal wieder eine Weile zu Hause bei der Familie zu sein und »ihr Heidelberg« einem internationalen Publikum zu präsentieren. Die Toskanareportage war für Ostern terminiert.
Mit gewohnter Routine packte Carolina ihren silbernen Reportagekoffer. Sie sprach mit Peter, ihrem Kameramann und Aufnahmeleiter, den Reisetermin ab und war auch schon fast aus dem Haus und in ihrem Auto.
Im letzten Moment fiel ihr ein, dass sie Isabelle noch informieren musste. Ihre jüngere Schwester war Vertraute, Sachverständige und Assistentin in einem, was ihr Büro und die Aufgaben zu Hause anging. Da Isabelle aber von vielen früheren Reisen wusste, wie fix das manchmal mit den Reiseterminen ging, musste Carolina keine großen Reden halten, denn sie wusste, auf Isabelle konnte sie sich verlassen.
Nach einem kurzen Anruf war die Sache klar und Carolina mit ihren ganzen Utensilien reisefertig. Sie hatte sich am Heidelberger Hauptbahnhof mit ihrem Team verabredet und sie wollten gemeinsam abends starten. Nachts war überall ein besseres Durchkommen und der Gotthard-Pass nicht durch viele LKWs verstopft. Für Carolina und ihren Aufnahmeleiter gab es nichts Schöneres, als nach einer so langen Reise in die Toskana nach dem ersten »Bon Giorno« einen schönen Cappuccino zu trinken. Sie waren schon oft in ganz Europa unterwegs gewesen, aber die Toskana war immer wieder ein Highlight. Als sie in Viareggio ankamen, waren alle übernächtigt, die mehr als hundert Kilometer bis San Gimignano wollten sie heute nicht mehr fahren.
»Also gut, bleiben wir in Viareggio.« Hotelzimmer waren um diese Jahreszeit kein Problem, denn zum Baden war das Meer noch zu kalt. Aber die Sonne schien warm, ein Genuss nach dem kalten deutschen Wetter. Carolina ging über die berühmte Strandpromenade unter Palmen entlang und verspeiste ihre erste, exzellente Pizza. ›Jetzt bin ich wieder in Italien, das musste sein‹, grübelte sie vor sich hin. Noch war sie nicht im Einsatz und konnte bei einem guten Glas toskanischen Weins ihre Überlegungen anstellen, wie sie San Gimignano präsentieren wollte.
Am nächsten Morgen war es endlich soweit und das ganze Team machte sich auf den Weg zu seinem eigentlichen Ziel. Carolina vereinbarte mit Peter den Treffpunkt in San Gimignano. Sie wollte sich von der toskanischen Landschaft inspirieren lassen, die eigentliche Arbeit sollte erst am nächsten Morgen beginnen. Nachdem alle abgereist waren, packte sie ihre Kameraausrüstung griffbereit auf den Beifahrersitz und startete in Richtung Lucca. Als die Küstenregion an ihr vorbeigezogen war, zog sie es vor, die Landstraße zu nehmen. Sie genoss die Hügellandschaft in ihrer Frühjahrsblüte und freute sich auf den Auftrag.
Etwa fünfzig Kilometer vor San Gimignano rief Peter auf dem Handy an. »Wo bleibst du? Wir sind gerade angekommen und wollten in das vereinbarte Ferienhaus einziehen.« An seiner Stimme hörte sie, wie ungehalten er war. »Aber stell’ dir vor, die Besitzer haben es bereits an ein Team aus Japan vermietet, das Werbeaufnahmen machen will. Ich gehe jetzt zur Touristinformation und frage nach einer anderen Unterkunft, denn schließlich brauchen wir mit unserem ganzen Equipment eine Menge Platz. Wir treffen uns auf der Piazza della Cisterna, vielleicht weiß ich dann schon mehr!«
»Na, das fängt ja gut an.« Aber trotz der fehlenden Unterkunft wollte sich Carolina die Aussicht auf »ihr« San Gimignano nicht nehmen lassen. Der Blick über die Wein- und Olivenberge auf das »Manhattan des Mittelalters« in der Abendsonne faszinierte sie immer wieder.
Knapp eine Stunde später traf sie einen gefrusteten Peter mit dem Team auf der Piazza della Cisterna in San Gimignano. Sie berieten sich bei einem Cappuccino und beschlossen, einzeln auf die Suche zu gehen und sich spätestens in zwei Stunden wieder hier zu treffen. Ohne Aussicht auf ein Haus wurde beratschlagt, wo sie unterkommen und vor allem, wo sie ihre Ausrüstung unterbringen konnten. Carolina überlegte. Irgendwo musste doch in San Gimignano eine Bleibe zu finden sein! Nachdenklich stand sie auf und ging ins Café, um die Rechnung zu bezahlen. Am Tresen sprach sie den Kellner an. »Ich möchte bitte bezahlen.«
»Einen Moment bitte. Ich komme gleich.«
Carolina wunderte sich, dass der Kellner sie auf Deutsch ansprach. »Wieso sprechen Sie so gut Deutsch?« Sie musterte ihr Gegenüber. Er hatte lange, blonde Haare, die zu einem Zopf gebunden waren. Seine Statur war groß und kräftig, seine braunen Augen sahen sie freundlich an.
»Na ja, es gibt bekanntlich ›Badische und Unsymbadische‹«, grinste er schelmisch. »Und ich bin halt ein Badischer. Wenn man lange in Mannheim gelebt hat, ist das unvermeidlich, selbst als Italiener«, lachte der Kellner. »Ich habe dort das Gastronomiefach gelernt. Aber die Toskana hat mich nicht losgelassen. Also zog es mich wieder zurück. Ich habe es nie bereut, aber meine badische, zweite Heimatstadt fehlt mir schon sehr. An Ihrer Sprache habe ich gehört, dass sie auch aus der Ecke kommen müssen. Das freut mich immer besonders, wenn ich mal wieder ein paar Töne in der Sprache hören kann. Übrigens, ich heiße Daniel Camari«, stellte er sich vor.
Während der Kellner sprach, sah sich Carolina in dem gemütlichen Lokal um. Überall an den Wänden hingen Fotos von Menschen, die hier zu Gast gewesen sein mussten. Ab und zu sah sie kleine Gemälde mit Toskanalandschaften, die dem Raum ein gemütliches Flair verliehen. Carolina stutzte, sie hatte bei der Vorstellung den Namen nicht ganz verstanden. Hatte sie eben Camari gehört? Hatte Eva, die leibliche Mutter Manuels, nicht so geheißen? Aber ein Bild hinter der Theke erregte ihre Aufmerksamkeit. Sie musterte es näher und wurde sehr bleich.
Überrascht blickte Daniel zu seinem Gast. »Was haben Sie? Ist Ihnen nicht gut? Habe ich Sie erschreckt?«
Carolina starrte auf ein Foto, das hinter der Theke an der Wand hing. Ihre Stimme drohte ihren Dienst zu versagen. »Woher kennen Sie diese Frau?« Mit zitternden Fingern wies sie auf ein Bild, das eine junge Mutter mit einem Baby zeigte.
Der Kellner erstarrte in seiner Bewegung und hätte fast den Teller fallen lassen, den er gerade in der Hand hatte. »Wieso?«
Carolina sank auf den nächstbesten Stuhl. Das Sprechen fiel ihr schwer. »Das ist die leibliche Mutter meines Patensohnes, den meine Schwester adoptiert hat.«
Jetzt ließ der Kellner den Teller tatsächlich fallen. Auch sein Gesicht wurde immer bleicher. »Was?«, brachte er nur noch heraus.
Carolina stand mit zitternden Knien auf und ging langsam um die Theke herum. Sie war sich ganz sicher, eine Täuschung war ausgeschlossen. Das war zweifelsohne Manuels Mutter. Die schwarze Lockenmähne und die grünen Augen waren zu markant. Aber ob das Baby Manuel war? »Es gibt keinen Zweifel, das ist Manuels Mutter. Wie um alles in der Welt kommt denn dieses Foto hierher?«
Der Kellner hatte sich wieder etwas gefangen. »Wer sind Sie, dass Sie Eva kennen?«
»Ich bin Carolina Rycha aus Heidelberg.« Sie brachte ein kleines Lächeln zustande. »Entschuldigen Sie, aber ich täusche mich bestimmt nicht. Wissen Sie, wo Eva lebt?«
Der Kellner sah sie bedauernd an. »Eva ist meine Nichte. Ich habe aber keine Ahnung, wo sie ist.«
Verständnislos sah Carolina den Kellner an. »Ihre Nichte? Und Sie wissen nicht, wo sie ist?«
»Nein, ich weiß es wirklich nicht.«
Carolina schüttelte verwirrt den Kopf. Sie stand hier Evas Onkel gegenüber und der wollte angeblich nicht wissen, wo sie war? Das konnte sie einfach nicht glauben. Aber jetzt musste sie zunächst an ihr Team denken. Es war schon ziemlich spät und sie hatte noch keine Ahnung, wo sie unterkommen könnten. »Können wir vielleicht morgen weitersprechen? Wir müssen dringend noch eine Unterkunft suchen. Wissen Sie vielleicht ein Haus, das wir mit unserem Team mieten können?«

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Leseprobe: Kinderdiebe

Imagination is more important
than knowledge

(Albert Einstein)

Kinderdiebe

Dieser Satz hing über meinem Schreibtisch. In den 1980er Jahren begann ich, mich immer unwohler in der mir zugedachten Lehrerrolle zu fühlen. Wenn ich mit meinen Schülern einen literarischen Text behandelte, widersprach es zusehends meinem Instinkt, ihre Äußerungen zu bewerten. Ich fühlte, dass ein Lernen, welches auf der Angst zu versagen beruht, die in jedem Kind angelegte Kreativität blockiert, statt sie zu fördern. Die Angst vor dem Scheitern tötet die Inspiration. Auch ich wollte, dass meine Schüler erfolgreich waren, aber ich wollte dies nicht durch Druck erreichen, der mir meine eigene Schulzeit häufig zur Hölle gemacht hatte. Vielmehr wollte ich den Kindern einen angstfreien Raum zur Verfügung stellen, in dem sie sich getrauten, ihre Kreativität zu entfalten. Um das zu erreichen war es notwendig, mich auf Augenhöhe mit ihnen zu begeben, was natürlich immer wieder in Konflikt geriet mit meiner Rolle als Notengeberin. Ich hasste es zusehends, Stapel von Heften mit rotem Stift zu verschandeln. Entzog sich mein Erziehungsauftrag nicht jeglicher Bewertungsfunktion?
Imagination is more important than knowledge. Wie kann ein Lehrer mit seinem Rotstift Kreativität fördern? Die Haltung der meisten meiner Kollegen befremdete mich ebenfalls. Sie klagten ständig über schwierige Schüler, als seien diese schlechtes Material für ihren Erziehungsauftrag. Mir aber widerstrebte es, mich als Erzieher auf eine höhere Stufe zu stellen und Kinder zu bewerten. Im Gegenteil: ich spürte, dass gerade die schwierigen Kinder mit ihrem kreativen Potential hinter dem Berg hielten, um sich auf diese Weise vor Verbiegungen zu schützen. Ich spürte die Lebensenergie, die häufig hinter ihren Sabotageakten steckte, und war ihnen deshalb besonders zugetan.
Und so kam es, dass ich an meiner Schule mehr und mehr einen Bereich ausbaute, der sich der Bewertung entzog und stattdessen die Kreativität förderte: Das Theaterspiel. Statt einen Text nur zu besprechen, ließ ich ihn spielen; statt emotionale Reaktionen abzuwürgen, ließ ich meine Schüler diese in die Ausgestaltung ihrer Rollen einbringen; statt sich hinter einer intellektuellen Bewertung von Literatur zu verstecken, forderte ich meine Schüler auf, sich zu zeigen. In der Theater AG, die ich inzwischen gegründet hatte, erfand ich immer mehr Improvisationsspiele, aus denen ich zusammen mit den Schülern Stücke entwickelte, die wir sowohl in der Schule, als auch in der Stadt zur Aufführung brachten. Ich übernahm immer mehr Klassenfahrten, weil sich außerhalb des Schulrahmens mehr Gelegenheit bot, die Welt sinnlich zu erfahren und im Spiel neue Verhaltensweisen zu erkunden. Auf einer solchen Klassenfahrt entwickelte ich z. B. „Die Mutprobe“. Statt über Ängste zu sprechen, wählte ich einen kurzen Waldweg aus, den ich die Schüler einzeln, einer nach dem anderen im Stockfinstern laufen ließ. Endlich gab es echtes Herzklopfen, auch bei den wildesten Jungen. Und als es alle geschafft hatten und die Kinder sich in der Sicherheit der Gruppe wiederfanden, gab es ein richtiges Freudenfest mit tollen Geschichten. Viele Male veranstaltete ich mit meinen Stadtkindern Waldmodenschauen, wo sie sich mit Pflanzen und Blättern ein Kostüm bastelten, wobei ich ihnen spielerisch die Namen der verschiedenen Pflanzen und Blätter beibrachte. Ja, ich wollte Freude in den Schulalltag bringen und das gelang mir durch solche kreativen Momente immer wieder.
Mitte der 1980er Jahre hatte mich mein jahrelanges Gegen-den-Strom-Schwimmen jedoch ausgelaugt. Ich nahm mir eine Auszeit von der Schule und zog nach Berlin, um an der Hochschule der Künste Theaterpädagogik zu studieren. Obwohl mir die Regelschule zu eng geworden war, brannte meine Sehnsucht nach kreativer Arbeit mit Kindern in mir stärker denn je. Zusätzlich tickte meine biologische Uhr jedes Jahr lauter und ich ertappte mich dabei, wie ich immer häufiger in die Kinderwagen von Müttern schaute, um mit meinen Blicken den Schopf eines süßen Babys zu erhaschen. Dabei zog sich mein Herz jedes Mal schmerzlich zusammen, denn ich hatte seit dem Ende meiner englischen Liebe meine ganze Energie in die Arbeit gesteckt und das mit Erfolg.
Aber einem geeigneten Partner war ich nicht begegnet und hielt die Situation zwischen Männern und Frauen am Ende des 20. Jahrhunderts generell einigermaßen verfahren. Ein Frauchen wie meine Mutter konnte und wollte ich nicht sein, aber eine Emanze, welche die Männer zwang, sich beim Pinkeln auf die Klobrille zu setzen auch nicht. Männer, die von Frauen bewundert werden wollten, verursachten mir Magenkrämpfe, aber solche, die um mich herumturtelten und keine eigenen Visionen hatten, übten die gleiche Wirkung auf mich aus. Ich hatte mich zu einer ziemlich unkonventionellen Frau mit starkem Freiheitsdrang entwickelt, der die frühe Überzeugung, niemals zu heiraten, immer noch im Blut steckte. So erschöpften sich meine Liebesversuche bezüglich des anderen Geschlechts in kurzen, leidenschaftlichen, meist schmerzhaft endenden Angelegenheiten. Berlin zog mich sofort in seinen Bann. Ich hatte Anfang der 70er Jahre schon einmal hier studiert und nach einem Semester aufgegeben, weil mich die Schikanen an den DDR-Grenzkontrollen zu sehr zermürbt hatten. Jetzt, in den 1980er Jahren, war der Reiseverkehr leichter geworden, aber die Teilung der Stadt und nicht zuletzt die Erinnerung an die kafkaeske Situation um den auf mich gefallenen Spionageverdacht, löste bei mir immer noch eine starke Beklommenheit aus.
Ich liebte mein Studium an der Hochschule der Künste, aber abends, in meiner Wohnung direkt an der Mauer, starrte ich stundenlang aus dem Fenster und grübelte, wie es mit meinem Leben weitergehen solle. So wie mein Blick nach draußen auf eine Mauer fiel, nahm ich in mir drinnen die Grenzen meiner inneren Landschaft überdeutlich wahr und zugleich den drängenden Wunsch nach Befreiung von einem Leben, das sich dumpf und eng anfühlte. Im Frühjahr 1987 flog ich mit einer Freundin aus dem schmutzigweißen Berlin auf die grüne Insel Gomera, wo ich mir fernab von sorgenumwobenen Deutschland Klarheit verschaffen wollte, wo meine Lebensreise eigentlich hingehen sollte. Schon auf der Überfahrt von Las Palmas de Gran Canaria begannen die Zeichen. Wir hatten einen Einheimischen angesprochen, der uns auf seinem winzigen Boot nach Gomera übersetzte. Unmittelbar nach dem Ablegen gesellte sich eine große Gruppe von Delfinen zu uns, die uns die gesamte Überfahrt begleiteten. Es war ein strahlend blauer Frühlingstag und der Atlantik ganz und gar friedlich. Ich lag bäuchlings über den Bug des kleinen Schiffes gebeugt und beobachtete fasziniert das Auf- und Abtauchen der Delfine und es schien mir, als wollten sie mir etwas sagen. Ab und zu hielt ich meine Hand ins Wasser, um diese Wesen einer fremden Welt zu berühren, was sie sich gerne gefallen ließen.
Mit einem Mal hatte ich das Gefühl, dass alles gut war, so wie es war, und dass das Leben mich trug. Die Zeit der übermäßigen Anstrengung war vorbei, es war alles da, was ich brauchte, ich musste nur hinschauen. Was ich meinen Schülern mit Leichtigkeit hatte schenken können, nämlich den Raum, sie selbst zu sein, das hatte ich mir selbst meist vorenthalten. Und warum? Weil ich geglaubt hatte, ich habe es nicht verdient. Es war mir immer möglich gewesen, zu geben. Ja es war meine Identität zu schenken. Aber mir selbst ließ ich nichts durchgehen, legte strengste Maßstäbe an mich an, war getrieben von der Angst zu versagen. Ich schaute dem Spiel der Delfine zu und begann zu weinen vor Sehnsucht nach ihrer Leichtigkeit. Ich bewunderte die Formationen, in denen sie in ständigem Wechsel auftauchten und wieder in die Wellen sanken. Ich wollte nicht mehr allein sein, ich wollte ankommen, zur Ruhe kommen. Ich wollte Kinder, Mann, Familie, ein Zuhause. Kurz vor Einlaufen in den Hafen von Gomera verschwanden die Delfine. Unsere Rucksäcke auf dem Rücken und nach einer Bleibe suchend, erklommen meine Freundin und ich einen kleinen Hügel über dem Hafen. Während ich auf den steinigen Boden achtete, blieb ich plötzlich wie angewurzelt stehen: Vor mir im Sand lag ein silberner Ring. Ich hob ihn auf und stellte fest, dass er die grazile Form eines winzigen Delfins hatte. Ich steckte ihn an meinen Finger und er passte wie angegossen. In der ersten Nacht auf Gomera hatte ich einen Traum. Ich glitt wie ein silberner Fisch durch türkisfarbenes Wasser, einem riesigen dunklen Schatten folgend, in freudiger Erwartung auf eine Begegnung. Endlos lange schwamm ich an den krebsübersäten Flanken des Wales vorbei, bis ich sein Auge erreicht hatte. Es war auf mich gerichtet. Und während wir Auge in Auge still standen in der Zeit, erblickte ich die Seele des Universums im Auge des großartigen Tieres. Es schaute mich unverwandt an und ich wusste, dass wir aus dem gleichen Stoff gemacht waren, er und ich und alles Lebendige: Glückseligkeit. Ich wachte weinend auf von diesem Traum und bewahrte ihn während der zwei Wochen auf der Insel sorgfältig in meinem Herzen.
Auf der Rückreise nach Las Palmas benutzten wir die große Fähre. Während ich auf dem Oberdeck in meditativer Stimmung die kobaltblauen Wellen des Atlantiks vergeblich nach Delfinen absuchte, gewahrte ich flüchtig einen Mann, der an der Reling des unteren Decks lehnte. Als sich die Passagiere kurz vor dem Einlaufen der Fähre in den Hafen von Las Palmas vor dem Ausgang drängelten, stand dieser Mann direkt neben uns und meine Freundin, die immer viel praktischer war als ich, war gerade dabei, mit ihm eine gemeinsame Taxifahrt zum Flughafen zu verabreden, da das doch billiger sei. Ich selbst hörte nur mit einem halben Ohr hin und registrierte, dass der Mann Engländer war. Nach dem wir an Land gegangen waren, warteten wir drei gemeinsam vor dem Gepäckwagen, um unsere Rucksäcke an uns zu nehmen. Ich konnte meinen auf dem obersten Regal sehen und wollte ihn gerade herabheben, als der Engländer mich ansprach: „May I?“ Diese Geste löste das Gefühl gentlemanlike in mir aus und ich schaute diesen Mann zum ersten Mal an: „Thank you, very kind of you,“ murmelte ich, „what’s your name?“
Es stellte sich heraus, dass er Robin hieß und auf dem Weg zurück nach London war. Wir hatten alle drei noch einige Stunden Zeit bis zum Abflug nach Frankfurt bzw. London und so beschlossen wir, in einem schönen Restaurant hoch über dem Hafen zu Mittag zu essen. Da das Lokal sehr voll war, setzten wir uns an einen Tisch zu einem jungen, bildschönen Deutschen mit Dreadlocks, der mich sofort ansprach: Er besitze ein großes Segelboot unten im Hafen und sei auf der Suche nach einer Frau, die mit ihm über den Atlantik nach Jamaika segeln wolle. Dabei flirtete er hemmungslos mit mir, während meine Freundin und der Engländer auf der anderen Seite des Tisches höflich Konversation betrieben. Da saß ich nun, zwei Männer an meinem Tisch, die unterschiedlicher nicht sein konnten. Zu meiner Rechten der Abenteurer, der Mannjunge, der attraktive Bindungsflüchtling mit dem unsteten Blick; links gegenüber der ruhige Engländer, ritterlich, höflich, mit einem verlässlichen Beruf, zu dem er am nächsten Tag zurückzukehren gedachte, der Technik des Flirtens unkundig, aber vertrauenserweckend.
Wieder sah ich mich am Scheidewege bezüglich meiner Männerwahl. Ich hatte mich bisher für die Abenteurer entschieden, die nach einem leidenschaftlichen Encounter davon segelten. Die Ritterlichen aber entbehrten das gewisse Etwas, ihre Bodenständigkeit fühlte sich langweilig an. In diesem Augenblick, die beiden Männer im Blick, legte ich durch einen bewussten Akt in meiner Wahrnehmung einen Schalter um. Ich brach den Flirt mit dem braungebrannten Dreadlock ab und wandte mich bewusst dem blassen Engländer zu. Ich nahm seine männlich kantigen Gesichtszüge wahr, seine ernsthafte Mimik, und vor allem seine tiefe, beruhigende Stimme. Er erzählte gerade von seinem lebhaften Interesse am Urwald auf Gomera, das ihn zu seiner Reise auf die Canaren bewogen habe, und welches Glück er gehabt habe: Weil er einen Flug am Freitag den 13. gebucht habe, habe sein Ticket so gut wie nichts gekostet, und dabei lachte er über den Aberglauben der Menschen, denen er, der Rationale, ein Schnippchen geschlagen habe. Sein Englisch hatte einen wohltönenden Süd-Londoner Akzent, der meinem Ohr schmeichelte. Und es war der Klang seiner Stimme, der bei mir plötzlich eine Vision auslöste: Dieser Mann wird der Vater meiner Kinder sein. Die bedrängende Einfachheit dieses Bildes bewirkte bei mir eine solche Verwirrung, dass ich mir sofort noch einen Wein bestellte. Vom Herzen fühlte ich mich nicht zu dem Engländer hingezogen, aber diese andere Seite in mir, die, die mir die Delfine offenbart hatten, mein Wunsch nach Geborgenheit und Heimat, kam bei diesem Engländer namens Robin an und umfing ihn mit einer Ahnung von Erfüllung. Dumpf und von Mittagshitze und Wein benebelt, fühlte ich zugleich mit dem Energieschub meiner neuen Wahrnehmung auch die Schatten, die am Grunde meines Planes lagen. Denn es war ein großes Bild, das mein Herz da entwarf. Ich wollte alles Fremde auf einmal umarmen: einen Mann als Partner – bis dato immer gescheitert,das Land meiner Sehnsucht, England – diesmal down to earth, Mutterschaft und totale Verantwortung ohne Netz und doppelten Illusionsboden.

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Leseprobe: Die Alchimar – Start ins Leben

Start ins Leben

Den ganzen Tag grübelte Maja darüber nach, ob der Besuch von Salomir nun Traum oder Wirklichkeit gewesen war. Sie kam zu keinem Ergebnis und beschloss, einfach die Nacht abzuwarten. Spätestens bei Einbruch der Dunkelheit würde sie Gewissheit bekommen.
Vorsorglich trug Maja an diesem Abend einen gelben Schlafanzug, man konnte ja nie wissen was passierte und im Nachthemd wollte sie nicht auf Reisen gehen. Aufgeregt kuschelte sie sich in ihre Kissen, fest entschlossen, wach zu bleiben und abzuwarten. Irgendwann in der Nacht erwachte sie durch ein sanftes Rütteln an der Schulter. Verschlafen öffnete sie die Augen und sah Salomirs fast schon vertrautes Gesicht direkt über sich in der Dunkelheit schweben. »Es ist Zeit zu gehen.« Mit einem Ruck hob Salomir das kleine Mädchen aus dem Bett und stellte es auf die Füße.
Völlig überrumpelt drehte Maja sich zu ihrem Bett um und erschrak. Ihr Körper lag noch immer warm und sicher eingekuschelt zwischen den Laken. Fragend blickte sie sich nach Salomir um. Doch der lächelte nur nichtssagend und griff nach ihrer Hand. »Bist du bereit?«
Ohne eine Antwort abzuwarten, schloss Salomir die Augen. Fasziniert beobachtet Maja, wie die Luft um sie herum zu flimmern begann. Als dann aber ihr ganzer Körper anfing zu vibrieren und wie ein Blatt im Wind zitterte, wurde ihr mulmig und ängstlich klammerte sie sich fester an Salomirs Hand. Unsicher schaute sie zu ihm auf, konnte sein Gesicht aber kaum noch erkennen.
Es schien so, als würden seine Züge wie warmes Wachs zer-
laufen, begleitet von einem Strahlen, das von Sekunde zu Sekunde greller wurde. Geblendet schloss Maja die Augen, sie konnte sich nicht erklären, was mit ihr geschah. Um sie herum schien sich alles zu drehen und ihr wurde leicht übel von den Vibrationen, die durch ihren Körper schossen.
Kaum hatte Maja die Augen geschlossen, spürte sie, wie ihr Bauch sich wieder beruhigte. Sie fühlte sich seltsam leicht und losgelöst von allem, ein Zustand den sie kaum hätte beschreiben können, nicht vergleichbar mit irgend etwas, das sie kannte. Das Rauschen um sie herum verebbte allmählich und auch die Helligkeit ließ ein wenig nach. »Wir sind angekommen.« Salomirs Stimme schien wieder direkt aus ihr selbst zu kommen, wie schon am Abend zuvor hatte Maja das Gefühl, er würde direkt in ihrem Kopf sitzen. Vorsichtig öffnete das kleine Mädchen die Augen. Der letzte Rest ihrer Angst verflog endgültig, während sie sich begeistert umsah. Sie standen auf einer Wiese, deren Gras grüner und saftiger war als alles, was Maja bisher gesehen hatte.
Um sie herum standen riesige Bäume, deren buntes Laub leise raschelte, obwohl kein Windhauch zu spüren war. Ausgelassen begann Maja, sich um sich selbst zu drehen, rannte hierhin und dorthin, wie ein junges Fohlen. Sie wollte alles sehen, nichts verpassen und dieses völlig neue Gefühl der Freiheit voll auskosten. Amüsiert ließ Salomir sie gewähren. Diese Begeisterungsfähigkeit hatte sie schon immer gehabt. Sie ist und bleibt einfach ein Naturkind, das hat niemand auslöschen können, dachte er, bevor er Maja zur Ordnung rief. »Wir müssen los, die Einweihung wird gleich beginnen.« Unwillig kehrte Maja zu ihm zurück, aber lange schmollen konnte sie bei all der Schönheit um sie herum nicht. Begierig alle Eindrücke in sich aufsaugend, wie ein kleiner Schwamm, lief sie neben Salomir her. Wobei Maja das Gefühl hatte, als würde sie nicht wirklich laufen.
Vielmehr glaubte sie zu schweben. Obwohl es stellenweise leicht bergauf ging, spürte sie keinerlei Anstrengung. Sie fühlte sich leicht wie eine Feder, völlig losgelöst von allem Irdischen. Maja hätte diesen Zustand nicht in Worte fassen können, so ungewohnt und doch wunderschön. Sie folgten einem schmalen, geschwungenen Sandweg, der glitzerte, als bestünde er aus Tausenden von kleinen Diamanten. Links und rechts säumten knorrige alte Bäume den Weg, dazwischen wuchsen die unterschiedlichsten Blumen, die in allen nur erdenklichen Farben leuchteten. Dann machte der Weg einen Knick nach links und wie vom Donner gerührt blieb Maja stehen.
Ehrfürchtig starrte sie auf einen Palast, der durch und durch strahlte, als ob er aus Licht erbaut wäre. »Das ist wunderschön!« Mit großen Augen und offenem Mund stand Maja da und betrachtete das Gebäude. Auch Salomir spürte, wie Bewunderung und Demut in ihm aufstiegen. Er war schon oft hier gewesen, aber dieses prachtvolle Bauwerk hatte immer wieder seine ganz eigene Wirkung auf ihn. »Das ist die Akademie der Alchimar«, erklärte er Maja, die den Blick nicht von dem Gebäude abwenden konnte.