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Leseprobe: Isabellas Welt

Isabellas Welt

Anders als bei Mozart oder Bach, die einem zwischendurch stets kleine Pausen bescherten, musste man bei Theophil Behrendts Die See 65 Minuten durchhalten, egal, ob einen Durst quälte oder die Blase voll war. Es handelte sich nämlich um ein einsätziges Werk. Deshalb hatte Isabella nach dem Abendessen die Devise ausgegeben: Bitte nicht stören!
Sie lag angezogen auf ihrem Bett und hatte die Stöpsel in den Ohren.
In den ersten zehn Minuten passierte nichts. Überhaupt nichts. Absolute Stille. Isabella hatte bereits die Befürchtung, dass mit der CD etwas nicht in Ordnung sein könnte. Aber dann las sie im Begleitheft, dass es sich um einen genialen Einfall des Komponisten handelte, sein Werk mit einer zehnminütigen Pause beginnen zu lassen. Die Stille gehörte also zum Stück, und Isabella fand das durchaus reizvoll. Leise dann, ganz leise, schien ein Wind aus den Ohrstöpseln zu wehen. Isabella, die ihre Augen geschlossen hatte, erkannte, wie dieses Geräusch entstanden war: Die Bläser des Orchesters bliesen Luft in die Mundstücke ihrer Instrumente, ohne einen Ton zu spielen. Später las sie, dass es zwölf Trompeter, acht Posaunen, acht Hörner, sechs Fagotte und sechs Klarinetten waren, die zusammen diesen Wind erzeugt hatten. Obendrein schuf die Pauke ein gleichbleibendes Grummeln. Der Wind nahm zu, wurde allmählich lauter, und hie und da hörte man eine Möwe kreischen. Das klang verblüffend echt. Die Möwe war ein Baritonsaxofon.
Nach 22 Minuten setzten zum ersten Mal die Geigen, nach 25 Minuten die Violen, nach 26 Minuten die Celli und nach einer halben Stunde die Kontrabässe ein – so jedenfalls erschien es Isabella –, sie spielten allerdings keine Melodien, sondern tonleiterten über drei Oktaven. Sogar Isabella musste sich sehr konzentrieren, um das heraushören zu können, denn der Gesamteindruck war eine einzige rauschende Wellenbewegung. Während die Bläser und die Pauke noch immer für Wind sorgten, begann jeder Streicher bei einem anderen Ton. Spielte der eine seine Tonleiter zunächst aufwärts, setzte sein Nachbar die seine in Abwärtsbewegung daneben. Spielte der Dritte von D, machte es der Vierte von Gis aus, der Fünfte von Dis, der Sechste von A. Dies hatte zur Folge, dass alle zwölf Töne, die in der Tonleiter vorkommen, in unterschiedlichen Höhen, jedoch gleichzeitig ertönten.
Eine besondere Wirkung erzielte dabei, dass mal die Bässe, mal die Celli, mal die Geigen ein wenig lauter spielten und die jeweils anderen leiser wurden. Der Stereoeffekt der Aufnahme machte es deutlich.
Nach 40 Minuten passierte etwas sehr Überraschendes: Bis dahin hatte der Komponist nämlich dem Orchester tatsächlich nur Geräusche entlockt, wenn auch auf eine Art, die Isabella zunehmend begeisterte. Diese Geräusche wurden zwar noch lange beibehalten, jetzt aber so gleichmäßig zurückgenommen, als ob jemand den Lautstärkeregler langsam nach links gedreht hätte, und zwei Querflöten sowie ein Englischhorn stellten getragen ein traurig klingendes Thema über zwölf Takte vor. Zum ersten Mal bemerkte man, dass Die See überhaupt aus Takten bestand. Zwei Klarinetten und ein Xylofon folgten mit einem entgegengesetzten Thema, das allerdings genau zum ersten passte. Nach weiteren zwölf Takten wurde es von den Celli übernommen, während die Flöten und das Horn ein drittes Thema intonierten. Isabella fühlte sich an Die Kunst der Fuge erinnert, und tatsächlich, so las sie im Begleitheftchen der CD, hatte Theophil Behrendt absichtlich auf Bachs Kompositionstechnik zurückgegriffen und die am Ende sechs verschiedenen Themen auf Fugenart miteinander verwoben. Es klang himmlisch, Isabella hatte eine Gänsehaut. Ein Instru­ment nach dem anderen löste sich aus dem Grundrauschen der Wellen und beteiligte sich an einer der Melodien. Das hätte immer so weitergehen müssen, Isabella verlor jegliches Gefühl für Zeit, und sie konnte sich überhaupt nicht vorstellen, wie Theophil Behrendt bei dieser Entwicklung jemals zum Schluss kommen wollte.
Nach fast 63 Minuten jedoch brach das berauschende Miteinander der Instrumente abrupt ab – man erschrak geradezu. Um ein Haar hätte Isabella bereits die Stöpsel aus den Ohren gezogen, aber das Ende war doch noch nicht ganz erreicht. Nach einer 16-taktigen Pause setzte das Orchester mit einer völlig anders klingenden Musik ein – Isabella kannte die Melodie. Es handelte sich um den Schluss des letzten Satzes aus Beethovens Neunter Sinfonie: »Freude schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium« – allerdings ohne Chor. Ganz kurz, wirklich nur die letzten 48 Takte. Danach war dann tatsächlich Schluss. Beethovens Neunte hatte sie mit Mareen und ihren Eltern im Mai live erlebt – in Wuppertal. Es war ihr bislang einziges Sinfoniekonzert gewesen, und gefallen hatte es ihr nicht besonders. Jetzt musste sie grinsen, denn ihr Vater hatte danach tagelang zu Tristans hellster Freude »Saufen wie die Schnapshalunken, mitten im Delirium« gesungen, woraufhin ihre Mutter immer protestiert hatte.
Was sie soeben gehört hatte, war überwältigend. Im wahrsten Sinn des Wortes. Als ob sie schwere körperliche Arbeit hinter sich hätte. Kleine Schweißperlen klebten auf ihrer Stirn. Trotzdem war ihr Wunsch stark, die CD sofort noch einmal zu hören. Sie zog sich aus, ging ins Bad und danach hinunter in die Küche, um ihrer Mutter eine gute Nacht zu wünschen.
Zehn Minuten später lag sie im Bett und drückte erneut auf die Starttaste ihres CD-Spielers. Noch während der zehnminütigen Anfangspause schlief sie ein. Ihr letzter Gedanke, der auch ihr erster am nächsten Morgen war: Mein Brief! Ich habe ja den Brief noch immer nicht geschrieben!

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Leseprobe: Paternoster – Vom Auf und Ab des Lebens

Paternoster

Nie werde ich das Schauspiel vergessen, das der Vertreibung des Jungtieres vorausging. Es war schon später Vormittag, noch war es mir nicht gelungen, mich dem Alltag zu stellen – jenem Trott, dem ich so gern zu entrinnen suchte.
In eher nutzlose Gedanken versunken vernahm ich ­vertraute Töne: Schreie und grelle Pfiffe. Ich lief hinaus, beobachtete den Himmel. Es dauerte, bis ich in ungewohnter Flug­höhe den ersten Adler entdeckte. Bald darauf sah ich das zweite, schließlich das dritte Tier. Seltsam aufgeregt erschien mir heute ihr Treiben. Sie kreisten, überwanden enorme Höhenunter­schiede, entfernten sich voneinander, um wieder aufeinander zuzufliegen.
Während sich das Weibchen ein wenig vom Geschehen entfernte, verfolgte das Männchen das Jungtier, ohne ihm gefährlich nahezukommen. Das ging so eine Weile, bis sich der Verfolgte im Gehölz eines absterbenden Baumes niederließ. Die Alten umkreisten den Baum lange, stießen schrille Pfiffe aus und flogen schließlich davon.
Wie oft schon hatte ich diese Tiere gemeinsam fliegen sehen.
Gedankenverloren betrachtete ich die sonnenbeschienenen Berge und Wälder. Trotz dunkelblauen Himmels und bei­nahe hochsommerlicher Temperatur spürte ich das Ende des Sommers. Die Farben hatten sich kaum merklich verändert. Die Sonnenstrahlen verliehen der Landschaft jetzt einen leicht rötlichbraunen Schimmer.
Es war der Tag, an dem der junge Adler den elterlichen Horst, sein vertrautes Revier, für immer verließ. Ich sah nicht, wie er seine Schwingen ausbreitete, sah nur verlassene Zweige im dürren Geäst eines sterbenden Baumes.
Schon einmal hatte ich das Ende eines Sommers so klar und so deutlich gespürt.
Wir fuhren in den frühen Morgenstunden los. Es versprach warm zu werden an diesem Tag und so wählte ich sommerliche Kleidung, nahm auch nichts Wärmendes mit. Die Zeit drängte.
Als wir ihr Zimmer betraten, war mir nicht bewusst, dass ein Abschied bevorstand.
Sie sprach, erkannte uns alle, wechselte mühelos ins Französische, wenn sie das Wort an ihre Freundin richtete. Ihr ungeheuer starker Wille. Von den Unsicherheiten erfuhr ich erst später.
Ich musste ein wenig lächeln, als die Schwestern uns baten, ihre Lippen mit Wein zu benetzen, jenem Wein, den sie so gerne in Maßen genoss. Bis ich die rührende Geste der Schwestern verstand. Langsam, ganz langsam begriff ich: sie stirbt.
Es wird Abend. Sie kämpft. Ein Kampf, den wir nicht mitkämpfen können, wir können nur beistehen.
Da ist auch noch das Kind. Das kam, ganz anders als ich, um Abschied zu nehmen. Das Kind, das schon vor Tagen sagte: „Die Nana stirbt.“ Sitzt vor der Türe seit Stunden, weiß, was passieren wird. Und ist so ruhig und verständig.
Wir beschließen, dass ich die Nacht bleibe. Das Kind nimmt Abschied. Sehr bewusst.
Wir fahren in die Stadt, anders als in den Bergen ist es in der Stadt auch noch am Abend warm. Die Menschen bummeln durch die Gassen, genießen dies sichtlich. Wir sitzen draußen, essen in der Abendsonne. Ein originelles Lokal. Fast will Urlaubs­stimmung aufkommen. Unwirklich erscheint mir dieser Spätsommerabend in der Stadt. Flüchtig streift mich der Gedanke: Für einen solchen Abend hätte ich andere Kleider gewählt.
Eine halbe Stunde später sitze ich am Bett der Sterbenden. Es ist still geworden im Haus. Ein zusätzliches Bett lehne ich ab, ich will wachen in dieser Nacht. Die Tür zum Gang ist geschlossen, einzig vernehmbares Geräusch ist ihr Atmen. Es kommt, stockt, setzt aus, setzt wieder ein. Die Zeit vergeht unendlich langsam. Sie wacht auf, lächelt, kämpft weiter. Einmal sagt sie: „Aufhören können, einfach aufhören können.“ Ich verlasse kurz den Raum. Sie lächelt noch einmal. Dann verliert sie das Bewusstsein, ich höre wieder das Atmen, halte ihre Stirn und ihre Hand.
Irgendwann merke ich, dass es an mir ist, loszulassen. Ich setze mich in einen Sessel und schaue einfach so auf den Boden. Denke wohl nichts. Ein paar Minuten vielleicht. Höchstens. Ich nehme die Stille um mich herum wahr, eine friedvolle Stille, die nur noch von meinen eigenen Atemzügen durchbrochen wird.
Ich bleibe noch eine Weile, trinke ein Bier auf dem Gang. Dieses Sterben erinnert mich an die Geburt meiner Kinder.
Ich atme tief durch, während ich auf ein Taxi warte. Mit jedem Atemzug spüre ich Leben in mir. Ein heftiger Sturm tobt über der Stadt. Blätter wirbeln durch die Luft. Ich friere nicht. Aber ich spüre:

Dieser Sommer ist vorüber, unwiederbringlich.

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Leseprobe: Fiona – Reloaded

Fiona – Reloaded

Mohk sieht aus wie immer. Die Haare strubbelig, die Augen wachsam. Asman steht schon bereit für mich. Vor Mohk liegen einige Bücher.
„Wie hast du geschlafen, Ringträgerin?“
„Soll ich dich in eine Kröte verwandeln? Wieso nennst du mich Ringträgerin?“
„Könntest du das denn?“, erkundigt sich Mohk amüsiert.
„Wenn ich mich anstrenge, bestimmt!“
„Nun denn. Das würde mich interessieren, ob du das schaffst. Ich fürchte nur, sich anzustrengen ist nicht genug.“
„Aha. Du wolltest mir ja erzählen, was Magie ist, vielleicht weiß ich danach, was ich tun muss, damit du quakend durch die Welt hüpfst!“
„Genau. Oder auch nicht. Ich fürchte, das Wissen aus den alten Büchern ist zwar interessant, aber keine Anleitung.“
„Warum sitze ich dann hier?“
„Um Asman zu trinken. Außerdem kann es ja sein, dass du etwas mit dem anfangen kannst, was für mich kaum Sinn ergibt.“
„Dann erzähl mal.“
„Am Anfang war Elixa …“
„Mohk!“
„Wirklich! Elixa spielt eine wichtige Rolle dabei, was nicht verwunderlich ist.“
„Wieso nicht?“
„Weil es ja immerhin darum geht, dass mit Magie Dinge möglich sind, die eigentlich nicht möglich sind. Sand kann sich eigentlich nicht zur Menschengestalt formen und kämpfen. Richtig?“
„Richtig.“
„Magie bedeutet also, Dinge geschehen zu lassen, die eigentlich den uns bekannten Naturgesetzen widersprechen. Und da die Naturgesetze von Elixa festgelegt wurden, ist es naheliegend, dass sie diese auch aufheben kann.“
„Ist gut. Verstehe ich. Und wie macht sie das?“
Mohk zuckt die Achseln. „Wie soll ein Mensch Elixa verstehen können? Ich habe aber verschiedene Legenden gefunden dazu, die zwar unterschiedlich sind, aber einen gemeinsamen Teil haben. Ich denke, der Rest ist Ausschmückung durch den jeweiligen Chronisten. Interessant könnte der gemeinsame Teil sein, denn hier kommen wieder die Zeitmacher ins Spiel.“
„Die scheinen irgendwie wichtig zu sein.“
„Das sind sie auf jeden Fall“, sagt Mohk und nickt. „Denk allein an die Helldunkelwechsel, an die Nums, an die Zeit.“
„Du glaubst daran, dass das passiert, weil die Steine hin und hertragen?“, frage ich entgeistert.
„Du nicht? Welche Erklärung hast du denn für die Gongschläge? Die überall gleich laut sind.“
„Gar keine. Aber das mit den Zeitmachern …“
„Immerhin stammen die Zauberer von den Zeitmachern ab. Vielleicht auch du. Was starrst du mich so an? Der Gedanke ist doch naheliegend, oder?“
Er hat recht, denn wenn ich auch Magie kann, und davon scheinen die Zauberer auszugehen, dann wäre auch ich eine Nachfahre der Zeitmacher, sofern die ganzen Geschichten überhaupt wahr sind. Tatsache ist jedenfalls, dass es keinem Naturgesetz zu entsprechen scheint, dass Tee innerhalb von Augenblicke fertig ist, nachdem er in eine Tasse gefüllt wurde – als Pulver. Von unsichtbaren Palästen ganz zu schweigen. Oder von riesigen Muonen. Doch, der Gedanke, dass ich etwas mit den Zeitmachern zu tun haben könnte, ist sehr naheliegend.
„Also gut, und was hat nun Elixa damit zu tun? Oder wie?“
„Der Legende nach hat Elixa, als sie die Welt aus einem Samenkorn entstehen ließ, eine Handvoll Blütenstaub genommen und in die wachsende Welt hinein gepustet. Der Blütenstaub hat sich dann verteilt, allerdings ganz fein, denn eine Handvoll für eine ganze Welt ist ja nicht viel. Doch es gab einige Menschen, welche den Blütenstaub aufgenommen haben. Aus ihnen wurden die Zeitmacher. Und sie geben den Blütenstaub auch an ihre Nachkommen weiter. Dieser Blütenstaub ist es, der Zauberern ihre Kräfte verleiht.“
„Ich trage Blütenstaub in mir?“, frage ich entgeistert.
„Möglicherweise.“ Mohk nickt belustigt. „Es ist die Legende dazu. Wenn ich ehrlich bin, ist diese Erklärung genauso wahrscheinlich wie jede andere, die wir gar nicht kennen.“
„Vielleicht wissen wir einfach nur viel zu wenig über die Welt und verstehen darum vieles nicht.“
„Das mag sein. Wie dem auch sei, die Zauberer können Dinge auf eine Art und Weise verändern, wie andere Menschen es nicht können. Nimm Eisen. Eisen wird in den Minen abgebaut und in der Hitze zu Schwertern oder Scharnieren geformt. Der Schmied braucht das Feuer und seine Körperkraft dazu. Ein Zauberer nur seinen Willen.“
„Ein Zauberer kann Schwerter schmieden? Einfach so?“
„Das war nur eine Metapher. Aber im Grundsatz ist das so mit der Zauberei. Denk an die Sandmenschen. Zauberer können mit der Kraft ihrer Gedanken dem Sand befehlen, etwas zu tun, was er sonst nicht tut. Oder sie öffnen Türe, ohne sie zu berühren.“
„Sie öffnen Türen?“
Mohk nickt erneut. „Es gibt unzählige Berichte von früher darüber, dass Zauberer Gegenstände mit der Kraft ihres Geistes bewegen können. Und eine Tür zu öffnen ist doch auch nichts anderes, als sie zu bewegen.“
„Das ist wahr.“ Ich sehe die Tür zu seinem Arbeitszimmer an, die ich hinter mir geschlossen habe, als ich hereinkam. Eigentlich sollte ich sie doch auch öffnen können. Aber wie geht das? Was muss ich tun, damit Dinge sich bewegen, wenn ich das will?
„Du musst dich mehr anstrengen“, sagt Mohk, und ich höre, dass er grinst.
Ich ignoriere seine Unverschämtheit und denke nach. Den Ring muss ich doch auch nicht so anstarren. Und meine Kräfte habe ich sofort gehabt, nachdem ich den Ring über den Finger gestreift hatte. Bevor ich in der Dunkelheit sehe, muss ich nicht erst darüber nachdenken, dass ich in der Dunkelheit sehen will. Ich tue es einfach.
Tür, öffne dich einfach.
Tür? Wieso öffnest du dich nicht?
Hm. Das ist natürlich Blödsinn. Ich tue es ja nicht selbst, sondern befehle der Tür, etwas zu tun. Kann ja so nicht klappen. Ich muss etwas tun, nämlich die Tür öffnen. Aber eben nicht mit den Händen, sondern mit meinem Willen.
Jetzt ist die Tür geschlossen, aber ich will, dass sie offen ist. Ich will nicht, dass sie sich öffnet. Ich will, dass sie offen ist.
Ich will, dass sie offen ist.
Ohne dass die Klinke sich bewegt, schwingt die Tür knarrend auf.
Oh!
Ich sehe Mohk an, dessen völlig entgeisterter Gesichtsausdruck verrät, dass er damit nicht gerechnet hat.
„Du solltest mich lieber nicht mehr ärgern“, stelle ich dann lächelnd fest.
„Wie … wie hast du das denn gemacht?“
„Ich trage wohl wirklich Blütenstaub in mir“, erwidere ich. „Du hast mir jedenfalls sehr geholfen. Warte mal, vielleicht war es ja nur ein Zufall.“ Ich mache eine Bewegung mit der Hand, als wollte ich die Tür schließen, und sie fällt mit einem Knall zu. „Gut, dass ist dann wohl kein Zufall mehr. Ich bin begeistert. Mohk, bitte erzähle niemandem davon. Versprichst du mir das?“
Er nickt stumm.
„Gut. Ich suche dann meine Leute und wir werden aufbrechen.“
„Ich wünsche euch viel Erfolg. Ich glaube, deine magischen Kräfte, die du gerade entdeckt hast, werden dir hilfreich beim Überleben sein.“
„Das glaube ich allerdings auch.“
Ich umarme Mohk kurz, dann gehe ich auf die Tür. Und weil es Spaß macht, öffne ich sie mit Willenskraft. Zum Glück stehen in diesem Teil des Schlosses nicht vor jeder Tür Wachen, nur vor dem königlichen Arbeitszimmer, wenn dort jemand drin ist. Wie beispielsweise jetzt. Aber sie sehen nicht in meine Richtung, also schließe ich die Tür wieder mit Willenskraft.
Die Tür, die mich zu Askan führt, brauche ich auch nicht zu berühren, aber das liegt daran, dass die Wachen sie mir öffnen und hinter mir auch zumachen.
Askan unterhält sich mit Bato und Gaskama.
„Du bist ja noch da“, sagt Gaskama.
„Nicht mehr lange. Ich wollte mich nur verabschieden.“
Askan sieht mich seltsam an.
„Ich habe mit Mohk gerade die Zauberei geübt.“
„Die Zauberei geübt?“, wiederholt Askan. „Ich habe dich noch nie zaubern sehen.“
„Das liegt daran, dass ich gar nicht wusste, was ich alles kann.“
„Was kannst du denn?“
Ich blicke kurz zur Tür und beschließe, sie in Ruhe zu lassen. Eine sich von selbst öffnende und schließende Tür würde die Wachen nur unnötig aufregen. Also suche ich etwas Anderes. So ein Weinkelch, vor allem, wenn noch Wein drin ist, auf den ich plötzlich Durst habe, ist sehr gut geeignet, finde ich. Ich strecke also meine Hand aus und muss mich beeilen, die Finger um den Stiel zu schließen, bevor der Kelch noch nach unten fällt, so schnell ist er da. Ich glaube, ich sollte das Zaubern wirklich üben.
Ich trinke den Wein, während die anderen mich fassungslos anstarren.
„Ich finde diese Zauberei inzwischen ganz hilfreich“, erkläre ich dann.
„Ja, du wirst nicht mehr verdursten“, stellt Gaskama fest.
„Ach, bist du lustig. So, und jetzt verabschiede ich mich wirklich. Sobald ich den Kopf von Barka habe, komme ich zu euch.“
„Köpfe ihn aus der Ferne. Jetzt kannst du es ja.“ Ich sehe Askan an, dann stelle ich mich auf die Fußspitzen, packe seinen Kopf und küsse ihn wild. Gaskama und Bato bekommen nur eine Umarmung.