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Leseprobe: Im Zwielicht der Zeit

Erster Teil

Gertrud war siebzehn, als ihre Mutter starb. Die Todesursache war Diabetes. Zehn Jahre später sollte es Insulin geben, das so vielen Menschen, die an dieser Krankheit litten, ein halbwegs normales Leben ermöglichte. Aber damals – man schrieb das Jahr 1912 – waren sie Todeskandidaten. Gertrud stand wie in Trance am Bett ihrer Mutter und blickte starr auf deren bleiches, wächsernes Gesicht. Sie war schön, von einer unschuldigen, fast kindlichen Schönheit. Das braune Haar, das sie sonst der Mode entsprechend hochgesteckt trug, lag in losen Strähnen auf dem Kissen und umrahmte ihr stilles Antlitz.
Plötzlich meinte Gertrud, sie leise atmen zu hören, zu sehen, wie sich ihre Brust ganz sacht hob und senkte. „Sie ist nicht tot, sie lebt!!! Die Ärzte haben sich geirrt!“, wollte sie aufschreien. Ihr war, als verschwände der Boden unter ihren Füßen und die Wände des Zimmers zögen sich zurück, als schwebe sie im leeren Raum, nur sie allein mit ihrer Mutter auf dem Totenbett, allein in einer öden, tiefschwarzen Finsternis. Sie drohte in einen Abgrund zu stürzen, aber ehe dies geschah, empfand sie einen ungeheuren Hunger nach Leben. Er durchzog ihre Adern, zerrte an jeder Faser ihres Körpers mit übermächtigem Sehnen. Gleichzeitig spürte sie einen verzehrenden Schmerz, der sie auszulöschen schien. „Ich will leben, leben! Ich will leben!“, schluchzte sie auf und sank am Bett ihrer Mutter nieder. Sie weinte bis zur Erschöpfung. All die aufgestauten Gefühle des Tages – die verzweifelte Hoffnung, an die sie sich zunächst geklammert hatte, das langsame Begreifen der Endgültigkeit des Abschieds, der Lebenshunger und der unendliche brennende Schmerz – wurden mit der Tränenflut hinweggeschwemmt.
Später setzte sie sich in den Sessel neben dem Bett der Toten und sank in einen unruhigen Schlaf, der von wirren Träumen begleitet war. Sie sah ihre Mutter, wie sie sie als Kind oft gesehen hatte, im Sessel sitzend, mit einer Handarbeit beschäftigt, still, freundlich zu jedermann, liebevoll zu ihren Kindern. Aber ihre Liebkosungen waren nur flüchtig, sie strich ihren Kindern leicht über das Haar, tätschelte zart ihre Wangen oder hauchte einen kaum spürbaren Kuss darauf, so als wolle sie sie nicht zu stark an sich binden, als ahne sie, dass sie früh von ihnen gehen würde. Sie vertiefte sich in ihre Stickerei. Unter ihren Händen entstanden kunstvolle Tischdecken, die man überall im Haus auf Tischen, Truhen und Kommoden bewundern konnte. Und noch viele Jahre später, als längst Kunststoffe und maschinell bedruckte Tücher benutzt wurden, sollte sich ihre Enkelin Anna daran freuen, wenn sie diese Kunstwerke bei festlichen Gelegenheiten aus dem Schrank holte. Sie war immer ein wenig müde, still und geduldig, jeder hatte sie gern. Die Krankheit, die ihr ständiger Begleiter war, ließ sie dem Leben mit einer gewissen Teilnahmslosigkeit begegnen. Sie liebte ihre Kinder, sie liebte ihren Mann, aber es war ihr stärker als anderen Menschen bewusst, dass sie ihr nur für eine kurze Zeitspanne ihres Lebens gegeben waren.
In ihrem Traum war Gertrud wieder das kleine Mädchen, das zu den Füßen der Mutter saß und sich in ihren Rock kuschelte. Doch plötzlich entfernte sich ihre Mutter auf rätselhafte Weise, sie wurde durchsichtig, immer kleiner und schien ganz zu verschwinden. „Mama!“, schrie Gertrud auf, das Wort ihrer Kindertage benutzend, und erwachte vom Klang ihrer eigenen Stimme. Sie rieb sich die Augen. Es dämmerte. Sie fühlte sich verlassen und allein. So sollte es ihr Leben lang bleiben. In Stunden tiefer Verzweiflung und Niedergeschlagenheit war sie immer allein.
Gertrud hatte einen Sinn für das Praktische, und sie hatte die Fähigkeit zu Beherrschung und Disziplin, was ihr Wesen und ihre Gefühle betraf. Damit konnte sie später manche Krise in ihrem Leben bewältigen. In der gegenwärtigen Situation halfen ihr diese Eigenschaften, die Trauer und die Ängste der Nacht in ihrem Herzen einzuschließen und sich den Dingen zuzuwenden, die nun erledigt werden mussten. Sie ging in die Küche, wo sie Fine, die Hausangestellte, schon am Herd hantieren hörte.
„Ach, Fräulein Gertrud, mein Beileid“, sagte die Frau mit unsicherer Stimme und wischte sich mit dem Schürzenzipfel die Augen. Sie war schon lange in der Familie. Gertruds Mutter hatte sie mitgebracht, als sie vom Rhein nach Braunschweig heiratete. Fine hatte die Kinder aufwachsen sehen. Aus Treue zu ihrer kranken Herrin hatte sie nie geheiratet. Inzwischen war sie ein ältliches Mädchen geworden, mit scharfen Zügen und abgearbeiteten Händen, aber ihre Augen waren voller Güte und Verstehen. Ohne die Hoffnung auf einen Mann und eigene Kinder hatte sie ihre Herrschaft zu ihrer Familie gemacht.
„Der Herr Geheimrat hat die ganze Nacht Licht in seinem Zimmer gehabt. Er hat sicher gar nicht geschlafen“, redete Fine weiter, als sie Gertrud eine Tasse Kaffee hinstellte. „Der wird Ihnen gut tun, Fräulein Gertrud. Ach, wie schrecklich, dass die gnädige Frau so früh sterben musste, mit neununddreißig Jahren.“
„Ja, Fine, es ist für uns alle ein großes Unglück“, antwortete Gertrud mit einer fast steifen Förmlichkeit. Man ließ sich vor den Dienstboten nicht gehen, auch wenn sie schon so lange im Haus waren wie Fine. Das gehörte sich nicht. „Deck den Frühstückstisch, ich werde nach meinem Vater und meinem Bruder sehen.“
Der Geheime Hofrat Professor Dr. Friedrich Oertel hatte sich in seine Studierstube zurückgezogen. Wie betäubt saß er an seinem Schreibtisch. Es gelang ihm nicht, seine Gedanken zu ordnen. „Ich werde eine Haushälterin einstellen müssen … Gertrud ist noch zu jung … der Haushalt … ich in meiner Stellung habe Verpflichtungen … ich muss repräsentieren …“ Dann überwältigte ihn der Schmerz. Wie ein reißender Fluss, der über die Ufer tritt und alle Dämme zerstört, überflutete er sein Inneres und löschte jede andere Empfindung aus. Schwach und hilflos fühlte Oertel sich dem ausgeliefert, was geschehen war. Obwohl er über die Krankheit immer genau Bescheid gewusst hatte, konnte er in diesem Augenblick nicht begreifen, dass er seine Frau nun endgültig verloren haben sollte. Nie mehr würde sie ihn anlächeln, nie mehr ihre Hand leicht auf seine Schulter legen, niemals wieder mit ihrer sanften Stimme zu ihm sprechen. Es konnte nicht sein, es durfte nicht sein! Etwas in ihm wehrte sich mit aller Macht gegen diese grausame Wahrheit. Sein Kopf sank vornüber auf die Schreibtischplatte. Tränenloses, krampfhaftes Schluchzen erschütterte seinen Körper.
So verharrte er lange Zeit, ohne etwas denken zu können, ganz dem Ansturm seiner Gefühle preisgegeben. Schließlich stand er auf, ging langsam zum Fenster und öffnete es. Die Nacht war schwül, die Luft schwer, er meinte, er müsse ersticken. Der Himmel war wolkenverhangen, kein Stern sandte einen Lichtschimmer in die Finsternis. In der Ferne donnerte es leise. Ab und zu erhellte Wetterleuchten am Horizont die Nacht. Vor dem geöffneten Fenster ging ein leichter Sommerregen nieder. Manchmal sprühte er Tropfen in Oertels Gesicht, aber er konnte dessen heiße Stirn nicht kühlen.
Dieses Haus am Waldrand – er hatte es für sie gebaut. Es trug ihren Namen, „Lorenhöhe“. Sie sollte sich hier ausruhen, erholen, neue Kraft schöpfen. Nun war sie hier gestorben. Ihm war, als habe er, ohne es zu wissen, ein Mausoleum für sie erbaut. Lange stand er am Fenster und starrte in die Dunkelheit. Schließlich setzte er sich benommen, leer und ausgebrannt wieder an seinen Schreibtisch. Er stützte den Kopf in beide Hände. Er wusste nicht, wie spät es war, es interessierte ihn nicht. Er spürte nichts, gar nichts mehr, auch nicht den wütenden Schmerz, der sein Innerstes aufgewühlt hatte. Es war, als sei alles Leben aus ihm gewichen, als sei er mit ihr gestorben. Eine lange Zeit saß er so da, bis ihn plötzlich ein Geräusch aufschreckte.
Mit Erstaunen nahm er wahr, dass Tageslicht ins Zimmer fiel. Die Tür war leise geöffnet worden. Gertrud stand im Türrahmen, gefasst, aber mit bleichem, übernächtigtem Gesicht. Sie ging auf den Vater zu. Eine Welle von Liebe und Mitgefühl stieg in ihr auf. Sie wusste, wie sehr er seine Frau geliebt, wie viel er mit ihr verloren hatte. Ihr eigener Schmerz um die tote Mutter ließ sie das Leid des Vaters mitfühlen. Sie schlang zärtlich die Arme um ihn, eine Geste, die es schon lange nicht mehr zwischen ihnen gegeben hatte. Er ließ es wie selbstverständlich geschehen. Gertrud konnte sich nicht erinnern, dass ihr Vater sie in den Arm genommen hatte, seit sie dem Kleinkindalter entwachsen war. Eine Respekt gebietende Autorität war immer von ihm ausgegangen, eine distanzierte Strenge. Die Kinder wussten sich von ihm geliebt, er gab ihnen Sicherheit und Geborgenheit. Aber gleichzeitig war die Übermacht seiner starken Persönlichkeit stets allgegenwärtig. Sein Wort war Gesetz. Jeder hatte sich nach ihm zu richten. Widerspruch oder kleine Ungehorsamkeiten wurden nicht geduldet. Er regierte sein Hauswesen und seine Familie wie ein guter Patriarch: mit Liebe, aber auch mit Strenge; mit Verantwortungsbewusstsein, aber Gehorsam fordernd; gerecht, aber unduldsam gegenüber Meinungen, die er nicht teilte; mit einer Autorität, die jeder in seiner Umgebung spürte und die in seinem Charakter begründet war. Es schnitt Gertrud ins Herz, ihren starken Vater so zu sehen, gramgebeugt, ein schwacher Mensch.
Friedrich Oertel entstammte einem alten niedersächsischen Bauerngeschlecht. Er war zwar nicht mehr auf einem Hof aufgewachsen, doch sein großer, kräftiger Körperbau, seine robuste Gesundheit, seine Liebe und Verbundenheit zur Natur waren das Erbteil seiner bäuerlichen Vorfahren. Auch die Kraft seiner Persönlichkeit, die Willenstärke und Disziplin hatten ihren Ursprung in seiner Bindung an die bäuerliche Heimat. Sein Vater war zwar Beamter gewesen, denn der Hof wurde immer an den ältesten Sohn vererbt, und er war der Zweitgeborene, aber der Kontakt der Familie zu ihren bäuerlichen Verwandten und damit zu ihrem Ursprung blieb stets bestehen.
Schon früh zeigten sich Oertels überdurchschnittliche Intelligenz und seine Begabung für die mathematischen und naturwissenschaftlichen Fächer. Er erhielt ein Stipendium und studierte nach dem Besuch des Gymnasiums an verschiedenen Universitäten Mathematik, Physik, Philosophie und Pädagogik. Sein Vater sah darin die Erfüllung eigener Träume und Wünsche. Er hoffte, es noch zu erleben, dass der Sohn eines Tages ein bedeutender Mathematiker würde, was ihm, dem Bauernsohn, trotz eigener Neigung und Begabung nicht möglich gewesen war. Er blieb zeitlebens ein kleiner Katasterbeamter, der im Auftrag seiner Behörde Landvermessungen durchzuführen hatte.
Friedrich Oertel war ehrgeizig und hatte eine hohe Meinung von sich selbst. Aber er stellte auch ebenso hohe Ansprüche an sich und seine Leistungsbereitschaft. Als ihm im Staatsexamen nur die Durchschnittsnote zwei plus zuerkannt wurde und er in den mündlichen Kommentaren zu seinen Prüfungsleistungen einige Kritik und Einschränkungen seitens der Prüfungskommission hinnehmen musste, beschwerte er sich bitter darüber in einem Brief an seine Eltern. Aber gleichzeitig führte er aus, dass er nun andere Ziele habe. Er wolle sein Doktorexamen mit dem Grad „ad modum laudabilis“ machen, ein einfaches „cum laude„ wolle er anderen Leuten überlassen.
Sein Staatsexamen berechtigte ihn, die Fächer, die er studiert hatte, am Gymnasium zu unterrichten. Er wurde jedoch, kurz nachdem er in den Schuldienst übernommen worden war, freigestellt, um einige Jahre lang der Erzieher des Prinzen Joachim Albrecht von Preußen zu sein. Danach habilitierte er sich als Privatdozent für Mathematik und folgte einem Ruf seines alten Lehrers an die Universität Göttingen. Zwei Jahre später wurde er Ordinarius an der Technischen Hochschule in Braunschweig, der er bis zu seinem Lebensende die Treue hielt. Zweimal wurde er im Laufe dieser Zeit zum Rektor berufen. Er schrieb einige mathematische Bücher, die viel Beachtung fanden.
Im Alter von dreiunddreißig Jahren heiratete er Leonore, ein zwanzigjähriges Mädchen, Fabrikantentochter aus dem Rheinland. Sie war fröhlich und aufgeschlossen, den schönen Seiten des Lebens zugewandt. Sie brachte Farbe und Wärme in sein Leben, das Leben eines Wissenschaftlers und Gelehrten, das sich im Wesentlichen in seiner Studierstube über Büchern abspielte. Sie war der lebendige Mittelpunkt der Familie und des Hauswesens, bis die Schatten der beginnenden Krankheit sie stiller und matter werden ließen. Sie schien mehr und mehr in eine unbestimmte Ferne entrückt zu sein, und eines Tages verlosch ihr Leben wie eine niedergebrannte Kerze. Gertrud hatte von ihrer Mutter die Freude am Leben geerbt. Aber es war auch etwas von der Strenge und Verschlossenheit des Vaters in ihr, das sich in späteren Lebensjahren, in den Konflikten ihres eigenen Schicksals, mehr und mehr zeigen sollte.


Am 28. August 1912,
spätabends
Gestern haben wir Mutter begraben. Ich bin noch immer wie betäubt! Bis jetzt war ich nicht in der Lage, ein Wort zu schreiben. Meine Hände zitterten so sehr, ich konnte die Schreibfeder nicht halten. Dass sie so früh von uns gehen musste – das kann ich nicht begreifen! Sie war krank, ja, wir wussten es schon lange, aber zuletzt ging alles so schnell! Die ganze Nacht habe ich an ihrem Bett gesessen, als der Arzt gegangen war und Vater den Totenschein gegeben hatte. ‚Totenschein‘ – was für ein grässliches Wort! Sie sah aus, als ob sie schliefe. Ich hatte das Gefühl, als müsse sie jeden Augenblick aufwachen, ihre Augen aufschlagen und ihre Arme nach mir ausstrecken. Aber sie lag nur still da. Und nun liegt sie in der dunklen Erde und kommt nicht mehr zurück.
Es war eine große Beerdigung, aber ich habe alles nur wie im Traum erlebt. Ich hatte so ein Gefühl, als säße ich unter einer Glasglocke und das, was da geschah, käme nicht wirklich an mich heran. Den Sarg, der unter der Fülle von Blumen und Kränzen kaum noch zu sehen war, den Gesang des Hochschulchores, den Klang der Orgel, die Worte des Pfarrers – das alles habe ich nur wie von ferne wahrgenommen. Ich weiß auch nicht mehr, wer mir später am offenen Grab die Hand gedrückt und was man zu mir gesagt hat. Es waren, glaube ich, immer dieselben Worte. Viele Menschen waren gekommen, denn Mutter war überall beliebt, und Vater ist ja eine bekannte Persönlichkeit. Wie er die ganze Zeremonie überstanden hat, so gefasst und würdevoll, das kann ich nur bewundern, denn ich weiß doch, wie er leidet. Paul hat viel geweint. Er ist ja auch erst fünfzehn und sehr sensibel. Ich glaube, dass die Mutter ihm ganz besonders fehlen wird, denn Vater ist oft sehr streng mit ihm.
Wie wird es jetzt weitergehen? Das Haus ist so leer ohne sie. Wenn ich ins Wohnzimmer komme, dann meine ich, sie müsse in ihrem Sessel sitzen und sticken, so wie sie es immer getan hat. Doch sie wird nie mehr in diesem Sessel sitzen. Ich werde mich mit der bitteren Wahrheit abfinden müssen. Wir haben alle nicht daran gedacht, dass wir sie verlieren könnten, jedenfalls jetzt noch nicht. Ich bin unendlich traurig!


Die Familie kehrte nach den Trauerfeierlichkeiten nicht nach Harzburg zurück. Man blieb in dem Stadthaus in Braunschweig. Friedrich Oertel hätte es nicht ertragen, sich in den Räumen aufzuhalten, wo ihn alles an den Abschied von seiner Frau erinnerte, an ihre letzten Stunden, an ihre immer schwächer werdenden Atemzüge, die das Leben mit sich fortnahmen und gleichzeitig auch alle seine Hoffnungen. Manchmal fuhr er zwar an den Wochenenden nach Harzburg, ohne jedoch einen Fuß in sein Haus zu setzen. Er machte stundenlang einsame Wanderungen durch die Wälder und über die Harzberge, aber abends kam er stets wieder mit dem letzten Zug in Braunschweig an. Er brauchte die Einsamkeit in der Natur, um sich wiederzufinden und um seinen Schmerz zu verarbeiten. Über Gefühle zu reden, im Gespräch mit anderen Trost zu suchen war seinem Charakter fremd. Zeigte er sich in seiner beruflichen und gesellschaftlichen Stellung auch aufgeschlossen und wortgewandt, seine innersten Empfindungen verschloss er vor anderen Menschen tief in seinem Herzen. Das Bild, das er von sich selbst hatte, war das einer starken Persönlichkeit. Die verletzliche Seite seines Wesens gestand er sich nicht ein. Er lehnte es ab, vor anderen Schwäche zu zeigen. Nur Leonore hatte wissen dürfen, dass auch er verwundbar war.
In dem großen Haus herrschte eine düstere Stimmung. Es war nicht allein die gewittrige Schwüle der Augusthitze, die alles lähmte. Gertrud hatte das Gefühl, dass in allen Ecken die Trauer saß, wie eine lebensfeindliche, unerbittliche Göttin, und sie anstarrte. Sie vermisste ihre Mutter unendlich. Wenn Leonore Oertel auch in den letzten Jahren immer stiller geworden war, so hatte sie doch mit ihrem freundlichen, etwas müden Lächeln und mit ihrer leisen Stimme, die voller Anteilnahme war, Wärme und Zärtlichkeit verbreitet. Gertrud empfand deutlich mit jener hellsichtigen Klarheit, die durch starke Erschütterungen hervorgerufen werden kann, dass sie mit ihrer Mutter einen wesentlichen Teil ihres Lebens unwiderruflich verloren hatte. Sie bewunderte ihren Vater, sie hatte die größte Hochachtung vor ihm, aber liebte sie ihn? Wollte er überhaupt Liebe? Wollte er nicht vielleicht nur respektiert werden, geachtet werden, bewundert werden? Die Mutter hatte ihn geliebt. Und seine verzweifelte Trauer zeugte von der tiefen Liebe zu seiner Frau. Vielleicht hat er all seine Liebesfähigkeit in der Beziehung zu ihr erschöpft? Dieser Gedanke kam Gertrud plötzlich in den Sinn. Mit einer ruckartigen Bewegung strich sie eine Haarsträhne aus dem Gesicht, als wollte sie ihn verscheuchen, und wandte sich der Post zu, die vor ihr auf dem Tisch lag.
Ein Sonnenstrahl fiel durch das Erkerfenster des großen Wohnzimmers und ließ kleine Staubkörnchen aufblitzen. Gertrud hatte es übernommen, die Kondolenzbriefe zu beantworten, um dem Vater diese traurige Arbeit abzunehmen. An dem kleinen Schreibtisch im Erker ging sie die Briefe durch. Dabei wunderte sie sich, dass viele Bekannte offenbar gar nicht gewusst hatten, dass ihre Mutter krank gewesen war. Sie las immer wieder, dass man erstaunt sei über ihren frühen Tod. Oft wurde Gertrud auch damit getröstet, dass sie ja nun die schöne Aufgabe habe, für ihren Vater und ihren Bruder zu sorgen und die Hausfrau zu ersetzen. Sie würde sicher Erfüllung und Befriedigung darin finden, und das würde ihr über ihren eigenen Schmerz hinweghelfen. Die Selbstverständlichkeit dieser Erwartungen überraschte sie. Darüber hatte sie noch nicht nachgedacht. Im Augenblick versorgte sie mit Fine und einer Zugehfrau den kleinen Haushalt, aber so würde es wohl nicht bleiben. Vater wollte ja eine Haushälterin engagieren. Doch wie konnte Hausarbeit einen Menschen ersetzen? Mit dem Gefühl, dass man hier über sie verfügen wollte, dass man ihr Pflichten diktierte, die sie nur selbst aus freien Stücken übernehmen könnte, legte sie die Briefe beiseite.
Die Mahlzeiten wurden gemeinsam im Esszimmer eingenommen, das hinter dem Wohnzimmer lag. Es war ein großer Raum, halb hoch mit Eichenholz getäfelt, was ihm eine behagliche, aber etwas düstere Atmosphäre verlieh. Den Abschluss der Täfelung bildete ein Bord, auf dem Krüge und Teller aus Zinn oder Keramik standen. An der einen Seite befanden sich ein Büfett zur Unterbringung des Geschirrs und des Tafelsilbers und eine Anrichte, darauf stand ein schwerer silberner Kerzenleuchter. In der Mitte dominierte ein großer ausziehbarer Tisch mit vier Stühlen. Ein wuchtiger Kronleuchter hing darüber. Das Esszimmer war vom Wohnzimmer durch eine Flügeltür getrennt. Wenn sie geöffnet wurde, konnte man aus den beiden Zimmern einen großen repräsentativen Raum machen, in dem die Diners stattfanden, die Friedrich und Leonore Oertel ihrer gesellschaftlichen Stellung gemäß hatten geben müssen.
Das Wohnzimmer wurde auch der „Salon“ genannt. Ein kostbarer Teppich bedeckte den Fußboden. Die Seidentapete an den Wänden, das zierliche Sofa und die dazu gehörenden Sesselchen sowie der kleine Schreibtisch im Erker waren mit viel Geschmack ausgesucht worden. Diese Einrichtung trug Leonores Handschrift.
Im Erdgeschoss gab es dann noch das Musikzimmer, in dem der große Flügel stand. Hier fanden regelmäßig Hauskonzerte statt, denn Friedrich Oertel spielte sehr gut Cello, und Gertrud hatte sich zu einer tüchtigen Pianistin entwickelt. Auch Paul machte auf der Geige gute Fortschritte. Einige Kollegen des Hausherrn waren gleichfalls begeisterte Musiker, und so hatte man sich immer gern im Oertelschen Hause zum Musizieren getroffen.
Im Souterrain lag die Küche. Sie war ziemlich dunkel und ging auf einen kleinen gepflasterten Hof hinaus. In den oberen Stockwerken befanden sich das Studierzimmer des Professors sowie das Schlafzimmer und die Zimmer der Kinder.
Oertel saß mit seinen Kindern bei Tisch. Wohlgefällig betrachtete er seine Tochter. Fine hatte soeben die Suppe gebracht, und Gertrud füllte zunächst den Teller des Vaters, dann den des Bruders und zuletzt ihren eigenen. Sie bewegte sich anmutig und mit einer natürlichen Grazie. Plötzlich kam ihm zum Bewusstsein, dass seine Tochter kein Kind mehr war. Sie hatte sich zu einer hübschen jungen Frau entwickelt. Das leicht gewellte dunkle Haar umrahmte ihr ovales Gesicht und gab ihm einen weichen Ausdruck. Das Schönste in diesem Antlitz aber waren die großen braunen Augen mit ihrem träumerischen Glanz. Ich werde einen Mann für sie finden müssen, dachte Oertel. Es wird nicht schwer sein. Ich werde dafür sorgen, dass sie eine gute Partie macht, dass sie sich standesgemäß verheiratet. Ein warmes Gefühl der Zuneigung durchströmte ihn.
Dann wanderte sein Blick zu Paul, seinem Sohn. Er setzte große Hoffnungen in ihn. Er wünschte, dass Paul einmal ein tüchtiger Naturwissenschaftler werden würde, vielleicht Mathematiker, wie er selbst, vielleicht sein Nachfolger auf dem Lehrstuhl, den er jetzt innehatte. Seine Neigungen zur Theologie … sie würden vergehen. Er war ja noch Gymnasiast. Seine Entwicklung war noch nicht abgeschlossen. Seine Zeugnisnoten waren durchweg gut, aber sie ließen keine herausragende Begabung erkennen. Man würde sehen, er war ja noch jung, sein Charakter noch im Werden.
Fine kam wieder herein. Sie stellte eine Platte mit Braten auf den Tisch und holte dann Schüsseln mit Blumenkohlgemüse, Kartoffeln und Sauce. Nachdem Oertel sich genommen hatte, reichte er die Speisen weiter an seine Kinder. Es wurde wenig gesprochen während des Essens. Die Geschwister waren von klein auf so erzogen worden, bei den Mahlzeiten nur dann etwas zu sagen, wenn sie gefragt wurden. Der Vater hatte sich früher bei Tisch mit der Mutter unterhalten, aber jetzt war er schweigsam geworden. Der leere Stuhl war für alle drei eine ständige schmerzliche Erinnerung daran, was sie unwiederbringlich verloren hatten.
„Hast du heute schon geübt?“, unterbrach Oertel die Stille und wandte sich an seinen Sohn.
„Ja, zwei Stunden. Es sind ja noch Ferien.“
„Brav“, lobte der Vater ihn. „So kann aus dir etwas werden.“
Gertrud nutzte die Gelegenheit und ergriff das Wort: „Vater, sollten wir nicht unsere Hauskonzerte wieder aufnehmen? Du hast doch immer so viel Freude daran gehabt. Das kann dich vielleicht auf andere Gedanken bringen. Du wirst noch ganz krank vor lauter Traurigkeit.“ Sie sah ihn an, voller Mitgefühl und Zärtlichkeit.
Er erwiderte ihren Blick. „Vielleicht hast du recht. Ich werde es mir überlegen.“
Fine brachte die Nachspeise. Es wurde kein weiteres Wort mehr gesprochen. Schließlich stand der Professor auf und begab sich in sein Studierzimmer. Das war das Zeichen für die Kinder, sich auch zurückzuziehen. Paul ging in sein Zimmer und las. Gertrud half Fine beim Aufräumen der Küche und beim Spülen des Geschirrs. Als die Arbeit erledigt war, ging auch sie auf ihr Zimmer.
15. Oktober,
nach dem Mittagessen
Es ist alles so trostlos, es herrscht so eine beklemmende Stimmung im Haus. Manchmal denke ich, ich kann es nicht mehr aushalten, und dann möchte ich am liebsten davonlaufen. Vater spricht nur das Nötigste. Mit Paul rede ich manchmal über Mutter, und dann weinen wir beide. Aber das Leben geht doch auch weiter. Wenn wir uns in unserem Kummer vergraben, das macht Mutter auch nicht wieder lebendig. Ich bin oft so verzweifelt, weil sie nicht mehr bei uns ist, aber dann denke ich auch wieder, ich bin doch noch jung. Soll mein Leben so weitergehen? Andererseits, was soll ich denn machen? Ich kann Vater und Paul jetzt nicht allein lassen. Sie brauchen mich, und ich habe sie doch auch lieb. Wir trauern alle um Mutter, und wir müssen uns gegenseitig beistehen, so gut es geht. Wie kann ich Vater nur helfen, wie kann ich ihn aus seiner Verschlossenheit herausholen? Er wird noch krank werden! Wenn wir die Hauskonzerte wieder aufnehmen könnten! Er hat früher so viel Freude daran gehabt. Ich werde ihm ein bisschen zureden. Vielleicht hilft ihm die Musik.
Aber es gibt da noch etwas anderes, was mir immer wieder durch den Kopf geht, wenn ich daran denke wegzulaufen. Wo soll ich denn hin, ein Mädchen, das nur die Höhere Töchterschule besucht hat und sonst nichts kann? Vater will ja nicht, dass ich einen Beruf erlerne. Er sagt, ich solle heiraten und bis dahin im Elternhaus bleiben. Ich hätte es nicht nötig, zu arbeiten und Geld zu verdienen. Doch heutzutage haben schon so viele junge Frauen eine Ausbildung und sind berufstätig, zum Beispiel als Sekretärinnen, als Lehrerinnen oder Krankenschwestern. Manche haben sogar studiert und sind Ärztinnen oder Rechtsanwältinnen. Was ist dagegen einzuwenden? Ich verstehe Vater nicht. Jetzt ist mein Platz hier, das weiß ich, bis wir alle ein wenig über Mutters Tod hinweggekommen sind, wenn man überhaupt je darüber hinwegkommen kann. Aber später, in zwei oder drei Jahren vielleicht, werde ich versuchen, von Vater die Erlaubnis für eine Berufsausbildung zu bekommen. Warum soll eine Frau nicht auch ein bisschen Selbstständigkeit und Unabhängigkeit im Leben haben?
Ein Jahr nach Leonore Oertels Tod kam Emmy ins Haus. Sie sollte ein Glücksfall für die Familie werden. Emmy stammte aus einer westfälischen Industriellenfamilie. Sie war Mitte dreißig, als sie in das Oertelsche Haus kam, eine praktische, tüchtige Frau, die überall da mit anpackte, wo es notwendig war, und die keine Arbeit scheute. Gertrud ging ihr gern zur Hand.
Heute waren die beiden Frauen in der Küche beschäftigt. Oertel erwartete am nächsten Tag Gäste, und Emmy bereitete einen Kalbskopf in Aspik vor, der bei allen so beliebt war. „Sie dürfen die Stücke nicht zu groß schneiden, aber auch nicht zu klein, Fräulein Gertrud, etwa so.“ Sie zeigte Gertrud, die dabei war, das Fleisch und das Gemüse zu zerteilen, wie sie es meinte. „Eines Tages werden Sie auch eine Hausfrau sein, dann müssen Sie kochen können.“ Sie nickte ihr aufmunternd zu.
„Wo haben Sie das alles gelernt?“, wollte Gertrud wissen.
„In der Haushaltsschule von Hedwig Heyl in Berlin. Sie hat auch das große Kochbuch geschrieben, das dort steht.“ Ohne von ihrer Arbeit aufzusehen, deutete sie mit einer Kopfbewegung in Richtung Regal. „Eine Hausfrau muss doch die feine Küche kennen, aber auch einfache Gerichte schmackhaft zubereiten können. Sie muss wissen, wie man die Wäsche richtig pflegt und das Silber. Und wie man Hühner und Gänse schlachtet, das stand auch auf unserem Programm.“
Gertrud starrte Emmy entgeistert an. Ein Schauer lief ihr über den Rücken. Sie sah Emmy vor sich, ein Beil in der einen Hand und mit der anderen das Tier festhaltend, dem sie gleich den Kopf abschlagen würde. Sie schüttelte sich bei dem Gedanken.
„Das muss man können, wenn man in einem Landhaushalt arbeitet“, sagte Emmy mit Überzeugung.
Sie scheint gar nichts dabei zu finden, dachte Gertrud, noch immer schockiert. So eine Haushaltsschule, das wäre nichts für mich. Sie war mit ihrer Arbeit fertig, stand auf und wusch sich die Hände.
Emmy goss die Gelatinelösung über die Fleisch- und Gemüsestücke und stellte die Schüssel kalt. „Helfen Sie mir noch, die Wäsche wegzuräumen, Fräulein Gertrud?“
Sie gingen nach oben zu dem großen Wäscheschrank, vor dem bereits der Korb mit der gebügelten Wäsche stand. Gertrud beobachtete, wie Emmy die Laken und Bezüge ganz genau aufeinander legte und die Wäschestapel mit rosa Bändchen zusammenband. Alle Schleifen sahen genau gleich aus, exakt wie Soldaten, dachte Gertrud.
„Ordnung muss sein, und es soll doch auch hübsch aussehen.“ Emmy hatte Gertruds erstaunten Blick bemerkt. Über ihr Gesicht glitt ein Lächeln.
Gertrud fand die Bänder mit den Schleifen überflüssig. Das werde ich später bestimmt nicht so machen, dachte sie, als sie Emmy die Wäschestapel anreichte. Warum hat sie eigentlich nicht geheiratet, wo sie doch so eine perfekte Hausfrau ist? Sie betrachtete Emmy verstohlen von der Seite. Ihre große, etwas grobknochige Figur, ihr scharf geschnittenes Gesicht, ihre selbstbewusste Art … das ist sicher nichts für Männer. Die wollen ein anschmiegsames Weibchen. Aber als anschmiegsames Weibchen konnte Gertrud sich Emmy nicht vorstellen. Vielleicht wollte sie gar nicht heiraten und lieber unabhängig sein, das würde zu ihr passen.
Am Abend schickte Oertel Gertrud zu Emmy, um ihr etwas auszurichten. Gertrud fand sie in ihrem Zimmer im Sessel neben der Stehlampe sitzend, ein Buch in der Hand.
„Setzen Sie sich, Fräulein Gertrud.“ Emmy zeigte auf einen Stuhl und legte das Buch in den Schoß. Johann Wolfgang von Goethe, Sämtliche Werke, las Gertrud. Ihr Blick ging durch den Raum, umfasste das akkurat zugedeckte Bett, den Tisch mit der gestärkten Spitzendecke, die Waschkommode mit der geblümtem Waschschüssel und der dazu passenden Wasserkanne. An der Wand entdeckte sie ein Bücherregal, in dem weitere Bände von Goethe standen neben Schiller und Shakespeare und Büchern von Heine, Tolstoi und Fontane. Gertrud staunte. Das war eine ganz andere Emmy, so kannte sie sie gar nicht.
„Warum sind sie gekommen, Fräulein Gertrud?“, riss Emmys Stimme sie aus ihren Gedanken. „Sollen Sie mir etwas vom Herrn Geheimrat ausrichten, oder wollen Sie mich besuchen?“ Sie bemerkte Gertruds Verlegenheit und lächelte ihr freundlich zu.
Gertrud besann sich. „Vater lässt Ihnen sagen, dass er morgen früh das Frühstück eine halbe Stunde früher als sonst haben möchte. Er hat vor der Vorlesung noch etwas zu erledigen.“
Emmy nickte. „Das geht in Ordnung.“
Was für eine eigenartige Frau, dachte Gertrud beim Hinausgehen. Morgens arbeitet sie in der Küche, erzählt, dass sie Hühner und Gänse schlachten kann, und abends liest sie Klassiker.
Novembernebel hing zwischen den kahlen Zweigen der Bäume. Die Luft schien gesättigt zu sein mit Tausenden kleiner Wassertropfen. Sie verwischten die Konturen der Straßenlaternen und zerstreuten ihr Licht in einem milchigen Schimmer. Die Häuser, die Sträucher und Zäune der Vorgärten, die wenigen Menschen, die in diesem ungemütlichen Wetter unterwegs waren – alles wurde von ihnen in undeutliche Schemen verwandelt, die plötzlich auftauchten und wieder verschwanden. Auch das Licht der hohen, schmalen Erkerfenster des Hauses Kaiser-Wilhelm-Straße 17 wurde von der feuchten Dunkelheit verschluckt. Wer zufällig vorbeiging, hörte Musik, Klavier und Geigenklang, wie von ferne durch die geschlossenen Fenster dringen.
Es gab wieder Hausmusik bei der Familie Oertel. Gertrud hatte ihrem Vater von Zeit zu Zeit vorsichtig zugeredet, um ihn aus seiner Trauer herauszureißen. Schließlich hatte er nachgegeben. Im ganzen Haus war seit dem Morgen eine erwartungsvolle, freudige Spannung zu spüren. Paul, der zum ersten Mal im Quartett die zweite Geige spielen durfte, übte in seinem Zimmer eifrig seine Stimme. Auch Gertrud spielte noch einmal den Klavierpart des Haydn-Trios durch, das heute Abend unter anderem auf dem Programm stand. Die drei Stücke aus den Kinderszenen von Schumann und die beiden Préludes von Chopin, die sie außerdem spielen wollte, konnte sie gut. Sie beschloss, dass es nicht nötig sei, sie noch einmal anzusehen. Emmy war schon vom frühen Morgen an beschäftigt. Martha, ein junges Mädchen, das sie als Haushaltshilfe eingestellt hatte, weil Fine gegangen war, ging ihr dabei zur Hand. Sie fühle sich inzwischen zu alt, hatte Fine gesagt. Aber es war wohl eher so, dass sie sich an die Veränderungen im Hause Oertel nicht mehr gewöhnen konnte. Das Musikzimmer, in dem der große Flügel stand, musste hergerichtet werden. Die drei Klubsessel und der kleine Tisch wurden beiseitegerückt, damit das Streichquartett in der Mitte Platz hatte. Aus dem Esszimmer holten die beiden Frauen vier Stühle herein und stellten sie in einem Halbkreis vor dem Flügel auf. Zwei große Kerzenleuchter wurden so angeordnet, dass sie die Notenpulte zusätzlich beleuchten konnten, wenn das Licht des Kronleuchters an der Decke nicht ausreichen sollte.
Nach dem Mittagessen ging die Arbeit in der großen Küche im Souterrain weiter. Emmy hatte geplant, in der Pause als Erfrischung „dänische Brötchen“ und Punsch zu servieren.
„Schade, dass wir in dieser Jahreszeit keine frische Petersilie und keine Radieschen haben“, sagte Emmy zu Martha, „es würde noch hübscher aussehen.“
Die Platte mit den Brötchen wurde kühl gestellt. Der Teepunsch konnte erst im letzten Moment zubereitet werden, da er ja warm getrunken wurde. Aber Emmy stellte schon einmal den Rotwein, den Rum, Zucker und Tee bereit, damit nachher alles schnell ging. Zufrieden betrachteten die beiden Frauen ihr Werk.
Oertel merkte nichts von all der Geschäftigkeit. Er saß in seinem Studierzimmer über seinen Büchern. Seinen Part brauchte er nicht zu üben, denn er war ein versierter Cellist, und sowohl das Streichquartett von Boccherini als auch das Haydn-Trio stellten an ihn keine großen Anforderungen. Das Boccherini-Quartett hatte ihm sein Freund und Kollege, Professor Reisinger, gegeben, der heute Abend, wie an so vielen Hausmusikabenden im Hause Oertel, die Bratsche spielen sollte. Er hatte die Stimmen gleich weitergegeben, damit die übrigen Mitspieler sich vorbereiten konnten: die für die zweite Geige seinem Sohn Paul, und die für die erste Geige Wilhelm Zeidler, der auch die Geigenstimme für das Haydn-Trio bekommen hatte.
Wilhelm Zeidler war einer von Oertels Studenten. Er war dem Professor neulich bei einem Hochschulkonzert als vielversprechender junger Geiger aufgefallen. Weil sein anderer Kollege, der sonst im Quartett der „Erste“ war, heute nicht kommen konnte, hatte er Wilhelm gebeten, ihn zu vertreten. Der junge Mann empfand es als eine besondere Ehre, von seinem Professor zum privaten Musizieren eingeladen zu werden, und sagte natürlich hocherfreut zu.
Pünktlich um achtzehn Uhr, zur verabredeten Zeit, klingelte Wilhelm Zeidler an der Tür des Hauses Kaiser-Wilhelm-Straße 17.
„Herzlich willkommen in meinem Heim, lieber Wilhelm“, begrüßte Oertel seinen Studenten. Auf Professor Reisinger musste man noch warten. Wie immer kam er fünfzehn Minuten zu spät. Er war eben an das akademische Viertel gewöhnt. „Scheußliches Wetter“, murmelte er ein bisschen atemlos, als er seine Gummiüberschuhe auszog und an der Garderobe abstellte. Professor Reisinger war ein eher kleiner, etwas korpulenter Herr mit einem runden, freundlichen Gesicht. Die Fältchen an seinen Augenwinkeln vermittelten den Eindruck, dass er gern lachte.
„Kommen Sie herein, lieber Kollege.“ Der Hausherr führte ihn in den Salon. „Gertrud wird uns zunächst etwas auf dem Klavier spielen. Da haben Sie Zeit zu verschnaufen, und Ihr Instrument kann sich an die Zimmertemperatur gewöhnen.“ Oertel, Reisinger und Emmy nahmen in den Sesseln Platz, Paul und Wilhelm Zeidler setzten sich auf die Stühle, die für die Quartettspieler bestimmt waren.
Gertrud, die schon bei Hochschulkonzerten öffentlich gespielt hatte, ging ohne Scheu und völlig unbefangen zum Flügel und setzte sich auf den Hocker. Noten brauchte sie nicht, sie konnte die Stücke auswendig. Sie konzentrierte sich kurz und begann mit der „Träumerei“ aus den Kinderszenen von Schumann. Mit weichem Anschlag, sanft und voller Innigkeit ließ sie die ersten Takte erklingen. Etwas Schwebendes, ja, fast etwas Märchenhaftes lag über ihrem Spiel. Die Zuhörer fühlten sich wie verzaubert und in eine andere Welt entrückt. Mit tiefem Empfinden und musikalischer Sensibilität gestaltete sie die Melodiebögen, indem sie vor einer aufwärts strebenden Linie immer ein bisschen verzögerte, so als ob die Kräfte erst gesammelt werden müssten, die sich zum Höhepunkt aufschwingen. Leicht und ohne jede Anstrengung schienen ihre Finger die Tasten zu bewegen. Sie selbst war ganz versunken in ihr Spiel, und ihre Versunkenheit teilte sich auch den Zuhörern mit.
Die nächsten beiden Stücke kamen munter und lebhaft daher. Mit kraftvollen Akkorden der „Ritter vom Steckenpferd“, mit übermütigen, leichtfüßigen Passagen der „Haschemann“. Und so schwerelos Gertruds Finger eben noch auf den Tasten lagen, so kräftig konnten sie nun zupacken, so virtuos und geschickt bewältigten sie die schnellen Läufe.
Wilhelm Zeidler hatte während der ganzen Zeit den Blick nicht von Gertrud gewandt. Er war überrascht, hingerissen, sowohl von ihrem Spiel als auch von ihrer Erscheinung. Wie sie da am Flügel saß, mit anmutigen, leichten Bewegungen der Hände und Finger, im gelben Seidenkleid mit dem Spitzenkragen, das einen schönen Kontrast zu ihrem dunklen, zu Schnecken aufgesteckten Haar bildete.
Die Stimmung der „Träumerei“ wieder aufnehmend, begann sie nun mit dem „Regentropfen-Prélude“ von Chopin. Voller Bewunderung hörte er ihr zu. Wie sie die stereotypen Tonwiederholungen des Regentropfenmotivs spielte, ganz leicht hingetupft … wie sie darüber die friedvolle Melodie erklingen ließ, verhalten, doch mit beseeltem Ausdruck, das berührte ihn zutiefst. Um so mehr überraschte ihn die sich nun ständig steigernde Intensität ihres Spiels, mit der sie das Donnergrollen in den Bässen vorbereitete, das sich schließlich in einem Fortissimo-Ausbruch entlud. Wie viel Kraft und zugleich auch wie viel Innigkeit lebten in dieser jungen Frau! Er betrachtete ihr feines Profil, das vom Kerzenschein weich beleuchtet war, und meinte, ein Märchenwesen vor sich zu haben, eine Fee oder eine Elfe. Den Abschluss ihres Vortrags bildete das B-Dur Prélude. Das lebhafte, unbeschwerte Stück vermittelte eine heitere Stimmung, und als der letzte Akkord verklungen war, wurde spontan Beifall geklatscht. Auch Oertel nickte seiner Tochter anerkennend zu. Gertrud errötete, aber gleichzeitig war sie sehr stolz auf das Lob, das sie in den Augen ihres Vaters lesen konnte. Der Beifall und die Stimmen der übrigen Anwesenden rissen Wilhelm Zeidler aus seiner Verzauberung. Spontan applaudierte auch er. Wie gern wäre er aufgestanden, zu ihr hingegangen, um ihr zu sagen, wie sehr er sie bewunderte, aber das wagte er nicht. Er hätte ihr die Hand küssen mögen, um ihr seine Gefühle zu zeigen, aber das war ganz unmöglich.
Nun formierte sich das Quartett. Oertel begann souverän, mit vollem, warmem Ton. Gertrud horchte auf, und ihr Herz schlug höher. Wie gut, dachte sie, dass ich Vater überreden konnte, wieder Musik zu machen. Sie wird ihm helfen, seine Trauer zu überwinden. Professor Reisinger mit seiner Bratsche, das Zusammenspiel mit seinem Kollegen gewöhnt, folgte dem Cello mühelos. Paul war ängstlich und nervös und verpasste den ersten Einsatz, woraufhin der Vater abwinkte und ärgerlich „noch mal von vorn“ brummte. Der Junge bekam feuchte Hände und einen roten Kopf, aber er nahm sich zusammen und war dieses Mal rechtzeitig da. Als dann etwas später die erste Geige einsetzte, war es, als ob die Sonne aufging. Wilhelm eroberte sich mit seinem strahlenden Geigenklang, seinem ausdrucksvollen Spiel, das bei allem Gefühl, welches er hineinlegte, immer klar und durchsichtig und sauber intoniert blieb, sofort die Herzen der Zuhörer und der Mitspieler. Und jetzt ging es Gertrud so, wie es ihm vorhin gegangen war: Sie konnte den Blick nicht abwenden von dem schlanken, gut aussehenden jungen Mann, der wie verwachsen schien mit seiner Geige. Eine blonde Haarsträhne fiel ihm ins Gesicht, aber er merkte es nicht. Gertrud meinte zu spüren, dass die Musik vollständig von ihm Besitz ergriffen hatte.
Paul konnte seine Nervosität nicht ganz ablegen. Wahrscheinlich war es auch die Gegenwart des Vaters, die ihn unsicher machte. Er hatte fleißig geübt und konnte seinen Part, aber unter den strengen Blicken des Professors fühlte er sich nicht wohl in seiner Haut und machte Fehler. Im Mittelteil, wo die erste und die zweite Geige in Terzparallelen geführt werden, intonierte er unsauber und hielt das Tempo nicht durch, aber Oertel ließ nicht unterbrechen. Er warf seinem Sohn nur einen strafenden Blick zu. Später würde er ihm sagen, was er zu sagen hatte. So ging der erste Satz ohne eine größere Störung zu Ende.
Vor dem zweiten Satz gab Friedrich Oertel kurze Anweisungen: „Die erste Zählzeit im Menuett sollte etwas betont werden, aber nicht übertrieben. Im dritten Satz kann die erste Geige Virtuosität zeigen. Aber ich denke, wir nehmen ihn zunächst allegro moderato und nicht allegro con brio. Wir spielen schließlich das erste Mal zusammen. Die Hauptsache ist jetzt, dass wir uns gegenseitig hören und aufeinander eingehen. Nach dem Boccherini und vor dem Haydn werden wir dann eine Pause machen.“
Die Pause war eine willkommene Entspannung für die Musiker. Sie ließen sich gern in das geräumige Esszimmer führen und setzten sich an den großen Tisch in der Mitte, auf dem die Kanne mit dem dampfenden Punsch und die appetitlich anzusehende Platte mit den Brötchen standen. Ein Strauß aus Tannengrün und Stechpalmen mit roten Beeren zierte den Tisch und erinnerte daran, dass die Adventszeit nahe war. Kerzenschein tauchte den Raum in ein warmes, gemütliches Licht. Martha goss den Punsch ein, und Emmy nahm gern die Lobreden entgegen, mit denen ihre Brötchen bedacht wurden. Dann ergriff Friedrich Oertel das Wort: „Ich freue mich, Wilhelm, dass wir Sie gewinnen konnten, in unserem Quartett mitzuspielen“, wandte er sich an seinen Studenten. „Sie haben einen schönen, ausdrucksvollen, klaren Ton, und das Zusammenspielen macht Ihnen ja keine Schwierigkeiten, wie ich gemerkt habe. Haben Sie schon in einem Ensemble mitgewirkt?“
„Ich spiele manchmal mit ein paar Freunden zusammen“, antwortete der junge Mann bescheiden.
„Nun, ich würde mich freuen, wenn wir Sie öfter in unserer Mitte haben könnten. Es sollte nicht bei dem heutigen Abend bleiben. Sie spielen ein sehr gutes Legato“, fügte Oertel dann hinzu, „aber vielleicht könnten Sie die Phrasierungen noch etwas deutlicher herausarbeiten.“ Dann wandte er sich an die anderen: „Im Mittelteil des ersten Satzes bei Boccherini müssen wir der ersten Geige unbedingt die Führung überlassen. Die tieferen Stimmen sollten sich deshalb etwas zurückhalten. Auch bei Motivwiederholungen bitte auf die Dynamik achten, also mezzoforte oder piano spielen, je nachdem, was vorausgegangen ist.“
Missbilligend sah der Professor seinen Sohn an. Der Junge kannte diesen Ausdruck in den Augen des Vaters und wusste, dass er gleich einen Tadel bekommen würde. „Paul, achte darauf, dass du immer mitzählst“, sagte er, und der vorwurfsvolle Ton in seiner Stimme war nicht zu überhören. „Du bist bei deinen Einsätzen ein paar Mal zu spät gewesen, und gewackelt hat es fast jedes Mal. Bemühe dich, das Tempo mitzuhalten. Auch deine Intonation ist nicht immer ganz sauber. Nimm dir ein Beispiel an Herrn Zeidler, der selbst seine Oktavsprünge lupenrein spielt und seinen Ton schön ausschwingen lässt. Du solltest überhaupt noch mehr üben, insbesondere die Triller.“
„Na, na, Oertel“, mischte sich Professor Reisinger begütigend ein, „seien Sie nicht so streng mit dem jungen Mann. Für das erste Mal hat er sich doch tapfer geschlagen. Und geübt hat er, das konnte man merken.“ Er klopfte Paul, der neben ihm saß, aufmunternd auf die Schulter: „Wenn man zum ersten Mal mit geübten Musikern zusammenspielt, dann ist man nervös und aufgeregt. Ist mir in deinem Alter genau so gegangen. Nur Mut, du wirst noch ein guter Geiger werden.“
Paul wurde über und über rot und wusste vor Verlegenheit nicht, wohin er gucken sollte. Er starrte krampfhaft auf das Brötchen auf seinem Teller, aber er hatte einen Kloß in der Kehle und konnte nichts herunterkriegen. Warum muss Vater nur immer an mir herummeckern? Nichts kann ich ihm recht machen. Immer hat er etwas auszusetzen. Er fühlte ich enttäuscht und entmutigt, denn er hatte sich so viel Mühe gegeben und fleißig geübt.
Es hatte sich so ergeben, dass Gertrud und Wilhelm einander gegenüber saßen. Dadurch begegneten sich ihre Blicke während des Essens immer wieder. Und obwohl sie die Augen schnell niederschlug, so fing sie doch seinen Blick auf, einen Blick, in dem sich Bewunderung und Zärtlichkeit mischten und der ihr Herzklopfen verursachte.
Nach der Pause gingen sie wieder in den Salon. Professor Reisinger und Paul waren jetzt die Zuhörer. Gertrud setzte sich ans Klavier, und Oertel und Wilhelm stimmten noch einmal ihre Instrumente. Schon gleich im ersten Satz, in dem Geige und Klavier miteinander gehen, dann sich loslassen und in einem Frage- und Antwortspiel wiederfinden, empfand Gertrud eine geheimnisvolle Übereinstimmung mit Wilhelm. Sie fühlte sich von der Geigenmelodie auf eine bisher nicht erlebte Art und Weise inspiriert, getragen, an die Hand genommen und in Bereiche geführt, die sie nicht kannte. Und als dann der Teil kam, in dem das Klavier die Führung übernimmt, war sie voller Begeisterung. Mit einem überströmenden Glücksgefühl variierte sie virtuos die Melodie der Geige. Der ruhige zweite Satz mit seinen Kantilenen voller Poesie glich einem Ausatmen, einer inneren Entspannung und Beruhigung. Er war gewissermaßen eine Zäsur, bevor der letzte Satz – ein Zigeunertanz – mit übersprudelnder Lebendigkeit Spieler und Zuhörer in seinen Bann schlug. Wilhelm und Gertrud beflügelten sich gegenseitig mit ihrer Spielfreude. Ihr war, als hätten sie schon immer zusammen musiziert, als sei dies nicht das erste Mal. Keine Fremdheit war zwischen ihnen. Es war ein selbstverständliches Miteinander, ein gemeinsames Schwingen im Geiste der Musik. Als der letzte Ton verklungen war und die Zuhörer Beifall klatschten, sahen sie sich glücklich und mit vor Begeisterung heißen Gesichtern an. Sie hätten noch lange so weiterspielen mögen, um diese gegenseitige Verzauberung nicht aufhören zu lassen.
Professor Reisinger verabschiedete sich bald. Wilhelm wusste, dass es sich für ihn gehörte, nun auch zu gehen, obwohl er so gerne noch geblieben wäre. Er bedankte sich höflich bei Professor Oertel für den schönen Abend und wurde eingeladen, doch bald wiederzukommen.
„Wir planen ein Hauskonzert mit dem heutigen Programm. Es würde mich freuen, wenn Sie dabei wären, Wilhelm. Ich werde meinen Kollegen, der heute verhindert war, fragen, ob er Ihnen für eine Weile seinen Platz überlässt. Die Art und Weise, wie Sie an die Stücke herangehen, hat mir sehr gut gefallen. Herr Scholz ist ein vielbeschäftigter Mann und hat sicher nichts dagegen. Ein paar Mal sollten wir noch vorher üben. Der heutige Abend war ja eigentlich mehr ein Kennenlernen. Ich dachte, dass wir zunächst einmal ausprobieren müssten, ob wir in dieser Besetzung zueinander passen. Außerdem sollten wir uns bekannt machen mit dem Gesamtklang der Stücke. Manche Einsätze müssten noch präziser herausgearbeitet werden, und auch über Tempi und Ritardandi müssten wir uns verständigen. Gertrud und ich werden außerdem eine Cellosonate spielen.“
Gertrud reichte Wilhelm ihre Hand zum Abschied, und er drückte einen zarten Kuss darauf, der auch als Höflichkeit verstanden werden konnte. Aber sie empfand bei der Berührung seiner Lippen eine seltsame, unbekannte Erregung. Noch in den nächsten Tagen spürte sie seinen Kuss auf ihrem Handrücken, und manchmal warf sie einen verstohlenen Blick auf die Stelle, als wolle sie prüfen, ob dort etwas zu sehen sei.


20. November 1913,
vormittags
Ich bin noch ganz durcheinander! Endlich gab es wieder Hausmusik bei uns! Vater hatte einen seiner Studenten eingeladen, die erste Geige zu spielen, weil Professor Scholz nicht konnte. Er spielte hinreißend! Ich muss immerzu an ihn denken. Wie er den Bogen führte … leicht und doch kraftvoll … sein seelenvoller Ton … mir ist, als habe er sich mit seiner Geige tief in mein Herz hineingespielt. Den Kuss auf meine Hand … ich spüre ihn noch immer … der Blick, mit dem er mich ansah … er ging mir durch und durch … ich muss ihn wiedersehen!

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Leseprobe: Fiona – Reloaded (Band 7)

Hunger.
Die Dunkelheit seit dem letzten Gongschlag ist mal wieder undurchdringlich. Brauche Kerze. Dringend. Kratzgeräusche, von irgendwoher. Sie machen mich nervös. Eigentlich ist nur Grauhaar da. Und Ratten. Die Ratten mag ich nicht, aber sie sind ungefährlich. Außerdem gut zu essen, wenn nichts anderes da ist.
Ich muss auf die Jagd gehen. Habe keine Vorräte mehr. Also nehme ich meinen Stock und verlasse mein Versteck. Trotz der völligen Dunkelheit gelange ich problemlos nach draußen. Ich kenne den Weg auch blind.
Vor dem verwahrlosten Gebäude bleibe ich stehen, um mich zu orientieren. In den Quons zwischen den beiden Gongschlägen, wenn es dunkel ist, muss ich mich auf meine Ohren und Nase verlassen. Wenn mich etwas bereits berührt, ist es zu spät. So viel habe ich schon herausgefunden. Verbunden mit Schmerzen. Aber Schmerzen sind nützlich, um etwas zu lernen. Auch das weiß ich inzwischen ziemlich gut.
Licht streift mein Auge. Das kann nur Grauhaar sein. Sie ist leichtsinnig, das Feuer ist von draußen zu sehen. Kann ungebetene Gäste anlocken. Und das endet oft schmerzhaft. Ich muss nachher mit Grauhaar reden. Dabei weiß sie das doch.
Ich sehe die Stadt, ihre Lichter, zwischen den Bäumen. Ich mag sie nicht, zu viele Menschen, die unberechenbar sind. Sie mögen mich nicht, ich mag sie nicht. Weder die Stadt noch die Menschen.
Mich mag ich auch nicht wirklich. Ich weiß ja nicht einmal, wer ich bin. Ich bin eine Frau, so viel habe ich inzwischen herausgefunden. Auch eine schmerzhafte Erfahrung gewesen. Allerdings nicht nur für mich. Frausein ist gefährlich. Eine wichtige Lektion. Seitdem passe ich besser auf.
Ich gehe durch den Wald in Richtung Stadt. Rechts sehe ich irgendwann das Haus vom Alten. Es ist kleiner als das Haus, in dem ich … lebe. Und die Grauhaar. Ich glaube, der Alte hat auch mal in dem großen Haus gelebt. Früher. Da war die Grauhaar noch nicht hier. Und ich auch nicht.
Wobei, was mich betrifft, weiß ich es ja nicht. Aber der Alte scheint mich nicht zu kennen, daher glaube ich nicht, dass ich damals in dem großen Haus gelebt habe. Wann das auch immer gewesen sein mag.
Ich bleibe stehen, um die blöden Gedanken abzuschütteln. Obwohl ich nicht ständig darüber nachdenken will, passiert es dennoch. Immer und immer wieder. Wer bin ich? Was bin ich? Wie komme ich hierher?
Ich habe keine Ahnung.
Grauhaar hat irgendwann erwähnt, ich wäre bestimmt hübsch, wenn ich mich endlich mal waschen würde. Sie hat wohl recht. Aber wenn ich hübsch aussehe, wollen die Männer wieder, dass ich eine Frau bin. Das wiederum tut weh. Also bin ich lieber hässlich und stinke.
Ich will wieder losgehen und die dämlichen Gedanken im Wald lassen, als mir etwas auffällt. Im Haus des Alten ist es zu hell. Und da sind Schatten. Obwohl keine sein dürften. Das ist sehr seltsam. Ich sollte nachsehen, ich mag den Alten ja. Aber vermutlich wird es schmerzhaft, ganz sicher sogar. Solche Sachen enden immer schmerzhaft.
Aber ich mag den Alten und er scheint in Gefahr zu sein.
Den Stock fest umklammernd, gehe ich möglichst leise auf das Haus zu. Im Dunkeln ist das nicht so einfach, zumal es unterwegs einige Stufen gibt. Der Garten des Hauses liegt niedriger als der Rest. Warum auch immer. Ich weiß ja nicht einmal, wozu es einen Garten gibt. Früher wusste ich das vermutlich, zumindest habe ich ein vertrautes Gefühl, wenn ich an einen Garten denke.
Doch jetzt sollte ich mich lieber auf die Gäste des Alten konzentrieren. Wobei, Gäste sind es nicht, denn sie haben ihn geschlagen. Der Alte liegt auf dem Boden in seinem Haus, neben einem Feuer. Drei Männer sind bei ihm. Sie sehen so aus, dass ich lieber weglaufen sollte. Möglichst lautlos.
Doch dann wird der Alte sterben. Er sieht jetzt schon so aus, als würde er nicht mehr lange leben. Die haben ihn anscheinend nicht nur geschlagen, sondern mit ihren Messern auch verletzt.
Sehr schmerzhaft.
Ich atme tief durch. Gegen diese drei komme ich sicher nicht an, es ist dumm, noch länger hier zu bleiben.
Neben mir kreischt ein Tier. Keine Ahnung, was für eines, ich sehe es nicht. Aber ich höre es, und nicht nur ich. Die drei Männer blicken zum Fenster, dann laufen zwei zur Tür.
Ich drehe mich um und laufe auch. Weg vom Haus. Vor mir ist es stockfinster, ich sollte nicht so schnell laufen. Dazu kenne ich den Garten nicht gut genug.
Wo ist überhaupt diese blöde Stufe?
Ich werde langsamer, ich will nicht stolpern. Doch dann höre ich jemanden hinter mir keuchen und beschleunige wieder.
Genau als die Stufe kommt. Stechender Schmerz zuckt durch meinen Fuß, mit dem ich hängenbleibe, dann falle ich und komme auf dem weichen Boden zum Liegen. Dabei verliere ich meinen Stock, der raschelnd ins Gebüsch fliegt.
Nicht gut.
Ich will aufstehen, doch ganz schaffe ich es nicht, als ich an den Haaren gepackt und nach hinten gerissen werde. Ich schreie auf und schlage blindlings um mich, treffe sogar etwas. Bis ich dann getroffen werde. In den Bauch. Der Schlag raubt mir den Atem. Ich kann mich nicht dagegen wehren, dass ich von einem der Männer an den Haaren ins Haus geschleift werde.
Er wirft mich neben das Feuer, das mir fast die Haare versengt. Hastig krabbele ich davon und zur Wand. Das Atmen fällt immer noch schwer, aber der Schmerz lässt endlich nach.
Der Alte liegt links von mir und sieht mich an. Er liegt in einer Blutlache. Er röchelt leise. Ich glaube nicht, dass er es noch lange macht. Schade. Ich mochte ihn wirklich. Kurz erwidere ich seinen Blick, dann setze ich mich auf und blicke mich um.
Drei Männer. Der, welcher mich erwischt hat, ist klein und kräftig gebaut. Braune Haare, Stiefel, Hose und Hemd. Einer von denen, die außerhalb der Stadt leben. Sie sind gefährlich und oft hungrig. Manchmal verdingen sie sich als Söldner. Gefürchtet sind sie, hat mir der Alte mal erzählt und dringend vor ihnen gewarnt.
Er scheint recht zu haben.
Die beiden anderen sind größer. Vor allem der eine, mit roten Haaren. Er sieht so aus, als wäre er den Anführer.
Nun kommt er zu mir und hockt sich vor mir hin. Seine braunen Augen mustern mich aufmerksam.
„Wen hast du denn da gefunden, Zama?“, fragt er spöttisch.
„Eine Wildkatze. Sie beißt und schlägt um sich. Pass bloß auf.“
Sie lachen. Was war denn daran witzig? Natürlich schlage, beiße und kratze ich, wenn mir jemand wehtun will. Das ist überhaupt nicht zum Lachen.
„Bisschen dreckig, aber eigentlich doch ein hübsches Ding“, sagt der Rothaarige und legt den Kopf schief.
„Er gehört dir, Raun“, sagt Zama, aber sein Gesichtsausdruck meint das nicht so. Er würde lieber selbst sein Ding reinstecken.
Im Moment möchte ich keine Frau sein.
Raum streckt eine Hand nach mir aus und schiebt mein Kleid hoch. Ich sitze mit angezogenen Beinen an der Wand und starre ihn an. Als das Kleid auf Kniehöhe ist, fällt es an den Oberschenkeln nach unten.
Raun versucht einen Blick zwischen meine Beine zu erhaschen.
„Mach sie auseinander“, sagt er heiser.
Ich schüttele stumm den Kopf. Mein Blick wandert zum dritten Mann. Er ist nicht ganz so groß wie Raun und viel dünner. Er beobachtet mich mit einem neugierigen Blick.
„Mach die Beine auseinander!“, wiederholt Raun deutlich lauter.
Er steht auf und schiebt seine Hose hinunter. Sein Ding kommt zum Vorschein. Groß und fest. Ich starre es in panischer Angst an. Es ist viel größer als das, was mir so wehgetan hat.
„Na, das ist doch mal etwas Ordentliches, oder?“, bemerkt Raun grinsend. „Du scheinst noch nicht sehr erfahren zu sein. Das werden wir nun ändern. Nimm es in den Mund! Los jetzt!“
Er kommt näher und greift nach meinem Kopf. Vermutlich will er mich zwingen, seinem Befehl zu gehorchen.
Irgendwas lässt mich mit beiden Händen sein Ding packen. Hart und irgendwie pulsierend. Und es stinkt. Ruckartig bewege ich meine Hände, als würde ich einen Stock entzwei brechen.
Rauns Schrei ist bestialisch und lässt die anderen erstarren. Ich warte nicht ab, was mit ihm geschieht, sondern springe an ihm vorbei zum Feuer, packe ein brennendes Holzscheit und drücke es gegen den Kopf des Kleinen. Seine Haare gehen sofort in Flammen auf.
„Fett brennt gut“, hatte mal Grauhaar gesagt, als sie in einem Gefäß Rattenfett heiß gemacht hat. Um zu kochen, wie sie sagte.
Zamas Haare müssen sehr fettig sein.
„Tande!“, schreit er. „Mach sie fertig!“
Während er nach draußen rennt, wahrscheinlich, um Wasser zu suchen, werde ich vom dritten Mann, der demnach Tande heißt, gepackt und in die Höhe gehoben. Da er hinter mir steht, kann ich nicht nach ihm treten.
Dann wirft er mich auf den Rücken. Ich bleibe benommen liegen. Er setzt sich rittlings auf mich, seine schlanken Finger legen sich um meinen Hals und drücken zu. Immer fester.
Ich packe seine Handgelenke, aber meine Kraft reicht eindeutig nicht aus. Ich kann ihn auch nicht abwerfen, obwohl ich mich wild hin und her winde. Er ist viel stärker als er aussieht.
Sein Mund verzieht sich zu einem Grinsen.
„Ich werde dich töten. Und dann werde ich dich nehmen. Dein Fleisch bleibt noch ein paar Stunden frisch. Werde viel Spaß mit dir haben.“
Wenn mir nicht etwas einfällt, wird genau das passieren. Das ist mir bewusst. In meiner Wut und Verzweiflung schlage ich nach seinem Kopf. Er lacht nur. Mir kommt eine Idee. Ich packe seine Haare und drücke die Daumen, bevor er etwas dagegen unternehmen kann, in seine Augen. Mit einem wilden Schrei lässt er meinen Hals los und presst die Hände auf seine Augen. Zwischen seinen Händen sickert etwas durch.
Heftig keuchend greife ich nach seinem Messer. Am liebsten würde ich einfach nur liegenbleiben, aber dann werde ich sterben.
Ich stoße Tande von mir und verpasse ihm einen Schlag mit dem Messergriff, sodass er umfällt. Jetzt setze ich mich auf ihn. Er wehrt sich, aber mit einem Hieb gegen eins seiner Augen oder was davon noch übrig ist, ersticke ich seine Gegenwehr.
Dann hole ich aus und ramme das Messer in seine Brust. Doch die Klinge trifft eine Rippe und rutscht ab. Ich falle fast auf Tande, kann mich gerade noch abfangen.
Er schreit wie am Spieß, denn die Klinge hat sich ein wenig zwischen zwei Rippen gebohrt. Ich drehe sie so, dass ich sie zwischen ihnen hindurch tiefer drücken kann. Der Schrei geht ins Röcheln über, aus dem Mund dringt plötzlich Blut.
Und dann erstarrt er. Sein Körper bäumt sich auf. Wahrscheinlich ist die Klinge jetzt in sein Herz eingedrungen.
Es ist still. Unheimlich still.
Und dann erschlafft sein Körper unter mir.
Schwer atmend erhebe ich mich und drehe mich um.
Vor mir steht Zama. Ohne Haare auf dem Kopf, die Haut verkohlt, das Gesicht schwarz. Aber er lebt und brennt darauf, mich zu töten. Mit einer Axt.
Ich springe zur Seite und lasse meine Klinge durch sein Gesicht fahren. Die Axt saust herab und spaltet den Brustkorb von Tande. Der scheinbar tote Körper bäumt sich erneut auf.
Hoffentlich zum letzten Mal.
Zama richtet sich schwerfällig auf. Das holt mich aus der Erstarrung und ich beginne, die Klinge in seine Seite zu rammen. Immer und immer wieder. Sein Blut spritzt, meine Hand ist schon ganz rot, auch etwas anderes hängt daran, vielleicht ein Teil seines Darms. Aber ich höre erst auf, als der unmenschliche Schrei des Kerls endlich verstummt und er langsam umfällt, auf Tande rauf, auf die Axt, die sich noch tiefer in den toten Körper frisst.
Ich sehe mich nach Raun um. Er liegt auf der Seite, beide Hände zwischen seine Beine gepresst. Gut zu wissen, dass die Männer am Ding so empfindlich sind. Das muss ich mir merken. So kann ich ihnen wehtun und nicht sie mir.
Richtig wehtun.
Raun atmet ganz flach, kaum hörbar. Seine Augen sind fast aus ihren Höhlen gequollen. Ob er mich überhaupt sieht?
Ich atme einige Male tief durch, bevor ich ihm die Kehle durchschneide, ganz so wie bei einem erbeuteten Tier.
Er röchelt nur leise, sein Körper spannt sich noch mehr an. Doch nur für kurze Zeit, sein Blut spritzt erschreckend schnell aus dem Hals. Mir wird bewusst, dass sein Herz wie verrückt rast.
Erst als er sich überhaupt nicht mehr bewegt, richte ich mich auf und trete zum Alten.
Seine Augen starren mich regungslos an.
Ich unterdrücke die Tränen. Bald werden andere kommen und seine Vorräte plündern. Wahrscheinlich sogar sehr bald schon.
Ich säubere mich, so gut es geht. Dann gehe ich in das Zimmer, in dem das Bett des Alten steht, und zerre es zur Seite. Darunter befindet sich die Falltür in einen Raum unter dem Haus, in dem er all das gesammelt hat, was er aus dem Haus seines Herrn hat mitnehmen können.
Ich nehme so viel an mich, wie ich tragen kann: Nahrung, Kerzen, zwei Messer. Ich muss mich beeilen. Die Schreie werden schon in kurzer Zeit andere anlocken und sie werden sich gegenseitig totschlagen.
Ich kann noch ein zweites Mal etwas mitnehmen, doch als ich das dritte Mal ins Haus gehen will, sind bereits andere da. Ich höre, wie sie sich streiten und ziehe mich hastig zurück.
In Zukunft werde ich besser einen großen Bogen um dieses Haus machen.
Ich kehre zurück in mein Versteck. Zünde eine Kerze an. Nach kurzem Überlegen nehme ich eine Flasche, in der sich Wein befindet. Grauhaar liebt Wein. Sie hat auch Wein und mir mal welchen angeboten. Danach ging es mir für eine Weile besser. Und dann schlechter.
Mit dem Wein gehe ich zu Grauhaar. Dabei nutze ich einen Weg, auf dem ich die Kerze brennen lassen kann, ohne dass mich das Licht verrät.
Grauhaar sieht auf, als ich ihr Versteck betrete. Hier brennt ein kleines Feuer, doch dieser Raum hat keine Fenster. Es ist ungefährlich.
„Weißt du, wer so geschrien hat?“
Ich gehe zu ihr und setze mich neben ihr ans Feuer. Dann halte ich die Flasche hoch.
„Ich habe Wein.“
„Von dem Alten?“
„Er ist tot. Sie haben ihn getötet.“
Grauhaar mustert mich nachdenklich.
„Das waren nicht seine Schreie.“
„Ich habe die Männer getötet, die ihn getötet haben.“
Sie sieht bestimmt die Blutflecken an meinem Kleid.
„Wie viele waren es?“
„Drei.“
„Und du hast sie getötet? Alle drei?“
„Ja.“
Grauhaars Gesichtsausdruck verändert sich, aber ich verstehe nicht, was er bedeutet.
„Ich würde zu gerne wissen, wer du wirklich bist“, murmelt sie.
„Ich auch“, erwidere ich. „Trinken wir jetzt den Wein?“
Grauhaar nickt. „Ja. Der Alte wird bestimmt nichts dagegen haben.“
„Er ist tot.“
„Ja.“ Sie nimmt die Flasche und trinkt aus ihr. „Er ist tot, du sagst es.“
Ich beobachte sie beim Trinken. Und frage mich, warum sie das sagt. Eigentlich war es gar nicht so schwer, die drei Männer zu töten. Ob Grauhaar das spürt und sich deswegen so seltsam verhält?
Ich beschließe, dass es mir egal ist. Jetzt ist nur wichtig, vom Wein zu trinken.
Dann geht es mir gut.
Zumindest für kurze Zeit.


Kyo.
Kyo klingt gut. Das ist mein neuer Name. Sicher nicht mein richtiger. Aber irgendein Name ist besser als gar kein Name.
Grauhaar hat ihn mir gegeben. Weil ich kämpfen kann wie ein Kyo, die wilde Raubkatze. Da hat sie wohl recht. Der Name fällt ihr ein, nachdem ich ihr endlich erzähle, was in der Hütte vom Alten passiert ist.
Ja, Kyo klingt gut. Gefällt mir.
Es ist noch nicht viel Zeit seit dem letzten Gongschlag, der die Helligkeit verkündet hat, vergangen. Ich beeile mich, denn ich habe viel vor und muss es schaffen, bevor es wieder dunkel wird. Die Zeit zwischen den Gongschlägen ist immer gleich lang, sagt die Alte. Ich bin mir da nicht so sicher, aber es kann schon sein, dass ich es nur unterschiedlich empfinde, je nachdem, was ich tue.
Als Erstes gehe ich zum Fluss. Ich will mich waschen. Bisher dachte ich, ich sollte lieber stinken und hässlich sein. Dann wollen die Männer mich nicht als Frau. Aber anscheinend ist es den Männern egal, wenn eine Frau stinkt und hässlich ist. Also kann ich mich ja auch waschen. Vielleicht hört dann das Jucken auf. Die Alte meinte, dass es aufhören wird.
Ich ziehe das Kleid aus und gehe ins Wasser. Das Kleid nehme ich mit, es stinkt auch. Ihm ist das zwar egal, aber mir nicht. Ich tauche unter, dann schwimme ich am Ufer entlang hin und her. Schließlich gehe ich wieder aus dem Wasser raus und ziehe das nasse Kleid an. Fühlt sich unangenehm an, wie sonst nach einem Regen. Zum Glück regnet es nur in jeder fünften Num, aber dann durchgehend, im Hellen und im Dunkeln. In so einer Num vermeide ich das Rausgehen.
Heute ist es jedenfalls schön warm und trocken.
Ich fülle die beiden Kannen mit Wasser, die ich mitgebracht habe. Eine ist für Grauhaar. Die stelle ich im Hauseingang ab, bringe meine Kanne in mein Versteck, dann hole ich die zweite Kanne und gehe zu Grauhaar.
Sie liegt neben dem Feuer auf dem Rücken. Mit offenen Augen. Ich stelle die Kanne hastig ab und laufe zu ihr.
„Grauhaar!“
Sie blickt mich an. „Da bist du ja. Kyo. Kyo ist ein schöner Name!“
„Er gefällt mir auch“, erwidere ich und setze mich, erleichtert, dass sie nicht tot ist.
„Wo warst du?“
„Am Fluss. Gebadet. Und Wasser geholt. Und das habe ich dir doch gesagt, dass ich das machen will.“
„Ach ja, stimmt. Habe es vergessen.“
Ich mustere sie. Sie hat viel mehr Wein getrunken als ich und anscheinend geht es ihr immer noch gut. Ich hatte vorhin Kopfschmerzen, aber die sind inzwischen weg.
„Ich glaube, ich bin betrunken“, sagt sie und grinst.
„Betrunken?“
„Vom Wein! Ich habe zu viel getrunken!“
„Das nennt man betrunken? Wenn man sich gut fühlt?“
Grauhaar lacht auf. „So nennst du es? Du hast recht, ich fühle mich auch gut! Richtig gut!“
Das glaube ich ihr gerade nicht. Ihre Augen sagen etwas Anderes. Vielleicht glaubt man nur, dass man sich gut fühlt, wenn man betrunken ist. In Wirklichkeit ist das eine Lüge. Ich sollte keinen Wein mehr trinken.
„Sie haben sie getötet“, sagt sie plötzlich. „Einfach so getötet!“ Sie stiert mich an.
„Wer hat wen getötet?“ Ich blicke mich verwirrt um, denn wir sind allein, und mir ist vorhin, als ich kam, nichts Verdächtiges aufgefallen. Ich hätte es gesehen, wenn Leichen herumgelegen hätten. Wovon redet sie also?
„Meine Familie. Sie haben meine Familie getötet. Meinen Mann. Meine Kinder. Alle haben sie getötet! Einfach abgeschlachtet haben sie sie!“
„Wer?“
„Die Soldaten. Ich glaube, es waren Soldaten. Nicht unsere. Die aus dem Nachbarland. Sie hätten gar nicht da sein dürfen. Waren sie aber.“ Grauhaar beugt sich vor und zeigt auf mich. „Grenzüberfall. Unsere Soldaten machen das, ihre Soldaten machen das. Dreckschweine!“
„Aha“, erwidere ich. Ich weiß nicht, was ich sonst sagen soll. Ich habe keine Ahnung, wovon sie redet. Außer, dass jemand irgendwann ihre Familie getötet hat. Deswegen versteckt sie sich ja hier. Aber wo ist die Grenze?
„Die Samenfrau hat gesagt, dass das passieren wird. Dass ich alleine überleben werde. Ich habe sie ausgelacht. Hach!“ Sie richtet sich auf. „Ich habe sie ausgelacht! Ich habe laut und schallend gelacht!“ Und sie macht es vor. Klingt nicht fröhlich. Dann beginnt sie plötzlich zu weinen.
Was mache ich jetzt?
Schließlich stehe ich auf, gehe um das Feuer herum und setze mich neben sie. Dann lege ich die Arme um sie. Sie drückt sich an mich und das nasse Gesicht in meine Halsbeuge. Sie stinkt, sie sollte auch mal im Fluss baden. Aber das werde ich ihr vielleicht später sagen, nicht jetzt.
Irgendwann wird sie ruhiger und atmet wieder gleichmäßig. Sie hebt den Kopf.
„Entschuldige.“
„Was?“
„Dass ich dich vollgejammert habe. Es ist schon lange her.“
„Warum weinst du dann?“
„Weil ich mich erinnere. Und es wehtut.“
Ich wende mich ab und starre ins Feuer.
„Es tut mir leid, ich habe nicht daran gedacht. Du würdest dich ja gerne erinnern.“
Ich nicke.
„Ist da gar nichts? Nicht einmal Schmerz?“
„Nein.“
„Das ist traurig. Dann hast du ja gar nichts. Wirklich gar nichts. Das ist sehr traurig.“
Und sie ist wirklich betrunken.
Ich erhebe mich und sehe auf sie hinunter. „Ich komme wieder, wenn du nicht mehr betrunken bist.“
Sie bleibt sitzen und stiert vor sich hin, während ich gehe. Ich verlasse das Haus. Mein Ziel ist die Stadt. Ich muss vorsichtig sein, die Menschen in der Stadt sind komisch. Sie tun so, als hätten sie Angst vor mir. Warum denn? Ich tue ihnen nichts, wenn sie mich in Ruhe lassen.
Die Stadt ist auf der anderen Seite des Flusses und es gibt eine Brücke. Sie ist aus Stein, ich muss aufpassen, um nicht auszurutschen. Vor allem wenn es regnet, sind die Steine sehr glitschig.
Ich brauche ein neues Kleid. Doch weit in die Stadt hinein will ich nicht gehen. Je mehr Menschen mich sehen, desto gefährlicher für mich. Vor allem, wenn sie merken, dass ich eine Frau bin.
Nach der Brücke kommen erst einige Häuser in größeren Abständen. Eigentlich sind es mehrere Häuser, die zusammen gehören. Höfe, hat mir mal Grauhaar erklärt. In einem Gebäude wohnen die Menschen, in den anderen die Tiere. So ganz habe ich das nicht verstanden, doch es interessiert mich auch nicht wirklich.
Der Weg führt in einiger Entfernung von den Höfen her. Bäume und Sträucher schützen mich davor, gesehen zu werden. Aber ich sehe die Höfe. Und ich sehe, dass auf einem Wäsche zum Trocknen hängt. Da sind auch Kleider dabei.
Ich schleiche mich heran. Hohes Gras und Gebüsch dienen mir als Deckung. Zum Schluss kommt ein Stück, auf dem ich mich nicht verstecken kann. Das ist der gefährlichste Teil.
Ich verharre hinter einem Strauch und lausche. Kindergeschrei ist zu hören, sonst nichts. Es ist ziemlich nah. Das gefällt mir nicht. Kinder haben meist bessere Augen und Ohren als die Erwachsenen.
Ich kaue nachdenklich auf meiner Unterlippe herum. Ich könnte weitersuchen, auf einem anderen Hof. Das hieße, dass ich noch länger auf dieser Seite des Flusses bleibe. Auch das ist gefährlich, vielleicht sogar gefährlicher als Kinder, die irgendwo in der Nähe spielen.
Ich mustere die Kleider, die aufgehängt sind. Der Wind spielt mit ihnen. Sie könnten mir passen. Und sie sind sauber und nicht zerrissen wie meins.
Ich sollte es wagen.
Die Kleider hängen an einem aufgespannten Seil. Ein Ende des Seils ist am Haus befestigt, das andere an einem Baum. In der Nähe des Baums flattert ein Kleid, das meinen Zwecken völlig genügen würde. Ich kann schnell hinrennen, es nehmen und wieder in mein Versteck zurückkehren.
Ich lausche kurz auf das Geschrei, um sicherzugehen, dass die Kinder mich nicht bemerken können, dann setze ich meinen Plan um. Ich brauche nur wenige Augenblicke dafür. Gleich darauf hocke ich keuchend hinter dem Strauch und halte das erbeutete Kleid in den Händen.
Nach kurzem Zögern ziehe ich das alte aus und das neue an. Das alte schiebe ich so unter das Gestrüpp, dass es kaum zu sehen ist, dann mache ich mich auf den Rückweg.
Als die Brücke in Sichtweite kommt, beginne ich leise zu summen. Ich habe doppelt Glück gehabt. Ich musste gar nicht wirklich in die Stadt gehen und ich wurde nicht gesehen.
Auch ich darf mal Glück haben. Das hat jedenfalls der Alte bei irgendeiner Gelegenheit gesagt. Als er noch gelebt hat. Der Gedanke an den Alten lässt mich verstummen und meine gute Laune ist fort.
Ich betrete die Brücke. Die Steine sind hart unter meinen nackten Sohlen, ich muss vorsichtig gehen, damit ich mich nicht schneide. Wie kann man nur so blöde Brücken bauen?
Als ich fast in der Mitte der Brücke bin, höre ich plötzlich ein Geräusch. Ich verharre. Lausche. Dann wird mir klar, dass es Pferde sind, die im Galopp ankommen. Kaum wird mir das klar, tauchen sie auch schon aus dem Wald auf und kommen auf mich zu.
Hastig versuche ich, auf eine Seite der Brücke zu gelangen, um aus dem Weg zu sein. Dabei stolpere ich, weil ich mich an einer blöden Steinkante doch noch schneide. Zwar hat die Brücke Seitenbegrenzungen, aber sie sind gerade mal kniehoch. Und aus Steinen. Beim Versuch, mich mit den Händen abzustützen, rutsche ich ab, vom eigenen Schwung getragen. Während mein Kopf gegen etwas Hartes kracht, setzt mein Körper ohne mein Zutun den Weg ins Wasser fort.
Dann wird alles dunkel.


Kalt. Dunkel. Gestank. Alles gleichzeitig.
Ich hebe den Kopf. Spüre Steine unter dem Bauch. Von rechts kommt kaum bemerkbares Licht. Das flackernde Licht einer weit entfernten Kerze wahrscheinlich. Die Steine sind kalt. Und ich bin nicht allein. Ich höre Menschen atmen. Viele Menschen. Einige flüstern.
Ich setze mich auf. Kälte, Gestank, fast völlige Dunkelheit. Das Letzte, was ich sah: Soldaten.
Ich bin im Kerker. Grauhaar hat davon erzählt. Böse Menschen kämen hierher. Aber ich bin nicht böse. Was habe ich denn getan? Ja, ich habe die drei Männer getötet, aber böse waren sie, nicht ich.
Was ist überhaupt passiert? Ich war auf der Brücke, bin ausgerutscht und mit dem Kopf gegen die Seitenmauer gestoßen. Ich taste nach der Stelle und spüre getrocknetes Blut. Ich bin wohl in den Fluss gefallen. Vermutlich haben mich die Soldaten herausgeholt.
Warum haben sie mich in den Kerker gebracht?
Ich atme tief durch, um die Angst zu beherrschen, die aus meinem Bauch kriecht und den ganzen Körper in ihren Besitz bringen will.
„Neben mir ist noch Platz.“
Es ist die Stimme eines alten Mannes. Er klingt nicht so, als wäre er gefährlich. Nach kurzem Nachdenke krabbele ich in seine Richtung, bis ich ein Bein berühre. Dann spüre ich seine Hand, die mir den Weg weist. Er sitzt mit dem Rücken an der Wand.
Links von mir sitzt oder liegt auch jemand und atmet ganz schwach. Grauhaar hatte wohl recht, als sie meinte, hier käme niemand lebend raus. Der links von mir kommt bald hier raus, das höre und spüre ich.
„Danke“, sage ich leise.
„Gerne getan. Die Wärter sagten, sie bringen eine Diebin. Was hast du gestohlen? Brot?“
„Ein Kleid. Mein altes war blutig und zerrissen.“
„Verstehe. Du hörst dich jung an.“
„Ja.“ Ich versuche, seine Umrisse in dem sehr schwachen Licht von draußen zu erkennen. „Du nicht.“
„Ich bin schon alt“, sagt er und lacht leise. „Wohl zu alt für dich.“
„Ich bin für alle zu alt“, erwidere ich hastig. Ich hätte mich nicht neben ihn setzen sollen.
„Oh, du brauchst von mir nichts zu befürchten. Ich bin nur ein alter Mann, der hier auf sein Ende wartet.“
„Ein blinder, alter Narr!“, ruft jemand aus der Dunkelheit. „Und jetzt seid still, wir wollen schlafen!“
Er ist blind? Ich halte den Atem an und schäme mich.
„Lass ihn reden“, sagt der Alte und lacht leise in sich hinein. „Er hat einen großen Mund, aber wenn es darauf ankommt, hört man nichts von ihm.“
„Sei bloß still!“, ruft die Stimme von vorhin.
„Es wäre besser, du würdest endlich dein Maul halten!“, erwidere ich laut.
Jemand lacht, aber der mit dem großen Mund scheint wirklich ein Feigling zu sein. Jedenfalls sagt er gar nichts mehr.
„Warum sperren sie einen alten, blinden Mann hier ein?“, erkundige ich mich.
„Weil ich gebettelt habe. Und das passt dem feinen Lord nicht, in seiner schönen Stadt Iokya hat niemand zu betteln. Dann sollte er halt seinen Leuten genug zu essen geben!“ Er lacht wieder, aber es klingt nicht fröhlich.
„Welchem Lord?“
„Na, unserem Lord.“
„Ich kenne unseren Lord nicht. Was ist ein Lord?“
„Du weißt nicht, was ein Lord ist? Wo kommst du her?“
Ich schweige. Woher soll ich das denn wissen? Und dass ich mich nicht erinnere, will ich hier nicht laut sagen. Also schweige ich lieber.
„Ein Lord ist jemand, dem eine Stadt gehört. Sie gehört ihm nicht wirklich, aber er verwaltet sie für den König. Lord Sakumo verwaltet Iokya für König Askan. Von König Askan hast du aber schon gehört?“
„Nein.“
Jetzt schweigt er. Er schweigt so lange, dass ich einschlafe. Nur kurz. Glaube ich. Ich sehe Menschen mit aufgeschnittenen Bäuchen oder abgeschnittenen Händen. Grauhaar hat erzählt, dass Diebe bestraft werden, indem sie ihnen die Hände abschneiden.
Dann schreit jemand und ich schrecke auf. Es ist draußen wieder hell, also habe ich länger geschlafen und geträumt. Doch das Schreien habe ich nicht geträumt, denn ich höre es immer noch.
Ich sehe mich um. Jetzt kann ich erkennen, dass ich in einem Verlies bin. So nannte Grauhaar die Orte im Kerker. Mit etwa 20 anderen Leuten, von denen die meisten auch an der Wand sitzen oder liegen.
Aber nicht alle. Eine Frau liegt halb auf dem Boden, sie blutet am Kopf. Sie ist diejenige, die schreit. Und sie schlägt auf einen dreckigen Mann ein, der ähnlich gekleidet ist wie die drei aus der Hütte des Alten. Er hockt halb auf einem Mädchen, das deutlich jünger ist als ich oder die blutende Frau. Dann verstehe ich endlich ihr Geschrei. Sie schreit, dass er ihre Tochter in Ruhe lassen soll. Und ich sehe, dass der Rock des Mädchens zerrissen ist und er gerade sein Ding rausholt.
„Tue das nicht“, sagt der blinde, alte Mann.
Woher weiß er, was ich vorhabe?
Ich springe auf, als Einzige. Die anderen blicken weg. Obwohl der dreckige Kerl das Mädchen gegen seinen Willen nehmen will. Wie mich damals ein anderer, dreckiger Kerl, dem ich die Nase abgebissen hatte. Und dann mit dem Messer sein Ding abgeschnitten. Der wird nie wieder ein Mädchen nehmen.
Und dieser hier auch nicht! Ich werfe mich auf ihn, wir fallen beide auf den Boden. Ich drehe mich hastig um, doch dieser Kerl scheint kampferfahren zu sein. Er ist bereits auf den Knien und schlägt mir die Faust ins Gesicht. Ich falle nach hinten.
„Du bist ja noch besser als die Kleine“, sagt er und lacht, während er mich zu sich zerrt und auf den Bauch dreht. Mit einer Hand umfasst er meine Handgelenke, mit der anderen schiebt er mein Kleid hoch. Dann legt er sich auf mich und drückt sein Ding in mich hinein.
Ich stöhne vor Schmerz auf und merke gleichzeitig, dass ich wieder zu mir komme. Meine Hände hält er mit einer Hand auf dem Rücken fest, mit der anderen Hand stützt er sich neben mir ab. Sein Unterleib geht auf und ab. Ich spüre etwas Nasses zwischen meinen Beinen. Wahrscheinlich Blut, wie beim letzten Mal auch. Mein Blut.
Mit einer wilden, ruckartigen Bewegung drehe ich mich zu seiner Hand hin, die neben mir aufliegt. Er schreit auf und rollt sich ab. Wie gut, dass ich von Raun gelernt habe, dass ich Männern wehtun kann. Ihr Ding ist ziemlich empfindlich. Gut für mich.
Ich drehe mich von dem schreienden Mann weg, bis ich gegen irgendwelche Füße stoße. Doch als ich mich aufrichten will, werde ich von dem Dreckigen wieder auf den Boden gedrückt, und er beginnt, auf mich einzuschlagen. Ich halte die Arme vor das Gesicht, ziehe beide Beine an und stoße ihn mit den Füßen weg.
Er hebt kurz ab, dann prallt er gegen eine Wand. Es macht ein seltsames Geräusch, als auch sein Kopf die Wand berührt, dann sackt der Körper in sich zusammen.
Ich krieche auf allen Vieren zu ihm. Er rührt sich nicht, aber er atmet noch. Ich setze mich auf seine Brust, packe mit beiden Händen seine Haare und beginne, den Kopf gegen den Boden zu schlagen. Zuerst macht es ein hartes Geräusch, aber dann wird es immer weicher. Genau wie sein Kopf. Blut und noch etwas verteilt sich auf dem Boden.
Ich höre erst auf, als sein Kopf in meinen Händen breiartig geworden ist. Ich starre in das, was mal sein Gesicht gewesen ist. Irgendwie sieht es verrutscht aus. Wie ein Lappen.
Dann geht die Tür auf und zwei Männer stürmen herein. Die anderen weichen alle zurück. Die beiden interessieren sich aber nur für mich. Ich vermute, sie sind Wärter.
„Was ist denn hier los?“, fragt einer entgeistert und betrachtet die Reste von dem Dreckigen.
„Er wollte mich nehmen. Ohne meine Erlaubnis“, erwidere ich. Die Sache ist eindeutig: Er war böse, ich habe mich gewehrt. Vielleicht holen sie mich sogar raus?
„Das glaube ich einfach nicht“, sagt der andere. „Los, wir nehmen sie mit. Und ihr alle, wenn ihr auch nur einen Laut von euch gibt, holen wir den Nächsten!“
Das hört sich nicht gut an. Ich will mich aufrichten, doch der Erste packt mich an den Haaren und zerrt mich nach draußen. Ich verliere das Gleichgewicht und schaffe es nicht, auf die Füße zu kommen, während er mich hinter sich herzieht.
Ich höre meine eigenen Schreie, während ich durch enge Korridore geschleift werde. Dann geht es eine Treppe hinauf. Mehrmals stoße ich mit Kopf oder Beinen gegen die harten Stufen, was mir Kraft und Atem raubt.
Als er mich endlich loslässt, bleibe ich keuchend liegen.
„Eigentlich schade um sie“, sagt derjenige, der mich hinter sich hergezogen hat.
Der andere lacht und schiebt mit dem Fuß meine Beine auseinander.
„Was hat sie eigentlich getan?“, fragt er dabei.
„Hat wohl ein Kleid gestohlen und ist dann von der Brücke ins Wasser gefallen. Als man sie in die Stadt bringen wollte und sie bewusstlos auf dem Pferd hing, haben einige Kinder sie als Diebin erkannt, also wurde sie hierher gebracht.“
„Dann ist es doch nicht schade um sie, oder?“
„Hast recht. Eigentlich nicht. Aber ein hübsches Ding, ohne den ganzen Dreck.“
„Ja.“
Sie mustern mich an der Stelle, wo das Kleid hochgerutscht ist. Mein blutiger, nackter Unterleib liegt vor ihnen. Ich spüre Wut in mir hochsteigen.
„Es wäre schade, die Gelegenheit nicht zu nutzen“, sagt der Erste. Der mich an den Haaren gezogen hat.
„Auf jeden Fall. Aber zuerst sollten wir sie töten. Sie ist ganz schön wild. Hast du gesehen, wie der Kopf von dem einen aussah?“
„Allerdings. Richtig übel.“
Ich setze mich auf und wische Blut aus meinen Augen. Die Wut wird immer stärker. Das ist gut, sie gibt mir Kraft.
„Sie ist ja richtig zäh“, bemerkt der zweite Kerl und lacht.
Als ich aufstehe, lacht er nicht mehr. Stattdessen zieht er sein Schwert, genau wie der andere.
„Das ist mehr als nur zäh“, sagt der Erste. „Wir töten sie besser jetzt sofort.“
Sie kommen auf mich zu, beide mit blanken Klingen. Ich beobachte sie und balle die Hände zu Fäusten. Eigentlich ballen sie sich von selbst zu Fäusten, ich will das gar nicht. Ich will weglaufen, doch mein Körper gehorcht mir einfach nicht. Ich will weglaufen, doch er geht sogar auf die beiden zu, mit tänzelnden Bewegungen.
Was geschieht hier?
Als würde ich mich selbst von außerhalb sehen, beobachte ich meinen Körper dabei, dass er den zuschlagenden Klingen geschmeidig ausweicht, sich wegduckt, dann den Ersten am Arm packt und den Ellbogen gegen ihr hochschnellendes Knie schlägt. Ich höre Knochen brechen und den schrillen Schrei des Wärters.
Mein Körper macht inzwischen eine Drehung, der Fuß schnellt hoch und trifft den Zweiten im Gesicht. Er fällt nach hinten um, sein Schwert fliegt im hohen Bogen davon.
Ich entreiße dem Ersten sein Schwert und aus einer Drehbewegung heraus lasse ich die Klinge durch seinen Hals fahren.
Er verstummt, starrt mich an. Dann, nach einigen Augenblicken, fällt sein Kopf nach vorne herunter und der Rest kippt nach hinten.
Der Zweite versucht, hastig aufzustehen, doch mein Körper ist schneller. Die bereits blutige Klinge bohrt sich in den Rücken und kommt vorne aus der Brust raus. Der Zweite erstarrt auch, fast so, wie vorhin der andere. Er dreht den Kopf, bis er mich sehen kann. Sein Mund öffnet sich, doch es kommt nur Blut heraus.
Ich sehe, wie er stirbt und sein Körper erschlafft. Gleichzeitig merke ich, dass ich nicht mehr von außerhalb zuschaue. Ich spüre den Schwertgriff in meinen Händen. Hastig ziehe ich die Klinge aus dem Toten und fahre herum, denn ich höre Lärm.
Natürlich, die Schreie haben andere Wärter angelockt.
Ich blicke mich um. Neben mir der Fluss, auf der anderen Seite das Gebäude mit dem Kerker. Aus dem mehrere Wärter gerannt kommen. Einige haben auch Pfeil und Bogen.
Ich überlege nicht länger, sondern springe ins Wasser. Das Schwert nehme ich mit, obwohl es mich beim Schwimmen behindert. Trotzdem komme ich am anderen Ufer an, bevor die ersten Wärter den Fluss erreichen.
Hastig klettere ich die Böschung hoch und renne in den Wald. Ich renne, bis ich niemanden mehr hinter mir höre.
Dann lege ich mich einfach unter einen Strauch, presse das Schwert an mich und beginne zu weinen.


Ich begrüße die Wärme und stehe mit erhobenen Armen nackt vor meinem Baum. Grauhaar hatte von der kalten Numoa erzählt, wenn mit dem Gongschlag des Dunkelhellwechsels plötzlich kalt wird, Schnee fällt und Wasser hart wird. Jetzt weiß ich auch, was Schnee ist. Weißes Wasser, das wieder flüssig wird, wenn man es in die Hand nimmt. Oder in den Mund. Es ist aber nicht so hart wie das Eis, hartes Wasser, das aber auch wieder weich wird, wenn man es in den Mund nimmt.
Und man braucht gute Kleidung in der kalten Numoa. Denn es ist wirklich kalt. Zum Glück bin ich ja vorbereitet gewesen und habe mir Kleidung von Soldaten besorgt. Sie haben nach mir gesucht, aber im Wald konnte ich mich gut verstecken. Und ich weiß jetzt, dass ich gegen sie kämpfen kann, auch wenn ich nicht verstehe, wieso. Ich denke, das habe ich mal gelernt und es vergessen, so wie ich alles vergessen habe. Die Soldaten wissen auch, dass ich gegen sie kämpfen kann, und sind vorsichtig, aber eben nicht vorsichtig genug. Das heißt, jetzt schon. Nachdem ich einige von ihnen überwältigt habe, weil ich Kleidung brauchte, sind sie viel vorsichtiger geworden und gehen nur noch in größeren Gruppen durch den Wald. Wenn überhaupt.
Mir egal.
Ich verbrachte die kalte Numoa in meiner Baumhöhle, die ich zufällig entdeckt habe. Sie gehörte einem Tier, aber es sah ein, dass ich stärker bin, und suchte sich ein neues Zuhause.
Nun bin ich froh, dass die kalte Numoa vorbei ist. Mit dem Dunkelhellgongschlag ist der Schnee verschwunden und ich brauche nicht mehr unbedingt Kleidung. Wobei sie sinnvoll ist. Im Wald ist es unangenehm ohne Kleidung, sie schützt vor Dornen und Krallen. Aber wenigstens reicht das Kleid wieder.
Ich war bei Grauhaar, nachdem ich die Wärter getötet hatte. Sie sagte, ich sollte mich verstecken, sie werden überall nach mir suchen. Ich durfte ihr nicht sagen, wo ich mich verstecken wollte.
Als Erstes gehe ich im Fluss baden. Das tut nach den vielen Numos gut. Zwischendurch werfe ich einen Blick auf mein Kleid und das Schwert, das auf dem Kleid liegt. In dieser Gegend sind sonst keine Menschen, aber sie werden jetzt, wo es wieder warm ist, sicher erneut nach mir suchen. Ich muss vorsichtig sein.
Und ich muss nachdenken. Was soll ich tun? Hierbleiben? Woanders wird es doch nicht besser sein. Oder doch? Ich klettere aus dem Wasser und setze mich nackt neben mein Kleid, um trocken zu werden. Die warme Luft streichelt meine Haut, und ich habe das Gefühl von Vertrautheit. Etwas ist aber anders. Ich weiß nur nicht, was. Und was überhaupt so vertraut ist.
Wenn ich mich nur erinnern könnte. An irgendetwas. Egal was.
Ich lege mich hin, mit dem Kopf auf dem Kleid. Mit einer Hand umklammere ich den Schwertgriff und weine leise.
Doch vom Weinen wird nichts besser, im Gegenteil. Ich wische die Tränen ab, streife das Kleid über und gehe zurück zu meinem Baum. Ich beschließe, Grauhaar zu besuchen.
Zuerst muss ich sichergehen, dass sie allein ist, also beobachte ich das Haus, das an einigen Stellen nicht mehr so aussieht wie vor der kalten Numoa. Es verfällt, hat Grauhaar mal gesagt. Jetzt kann ich gut sehen, was sie damit gemeint hat.
Ich glaube, ich verfalle auch. Nicht mein Körper, der verfällt gar nicht, aber etwas in mir verfällt. Ich weiß nur nicht, was das ist.
Da Grauhaar allein zu sein scheint und auch sonst niemand zu sehen ist, gehe ich ins Haus. Grauhaar finde ich in ihrem Zimmer, wo sie fast immer ist, wenn ich sie sehe. Als sie mich sieht, lächelt sie.
„Kyo! Kyo ist da!“
„Es ist warm“, erwidere ich und setze mich neben ihr. „Hast du Wein?“
„Ich denke, du trinkst keinen Wein mehr“, sagt sie, holt aber trotzdem eine Flasche hervor. Ohne aufzustehen. Sie hat fast alle ihre Sachen so um sich angeordnet, dass sie nur selten aufstehen muss.
„Heute ausnahmsweise. Wie geht es dir?“
Sie trinkt aus der Flasche, bevor sie mir diese reicht. Ich nehme auch einen Schluck.
„Meine Knochen tun weh. Von der Kälte. Doch jetzt wird es bald besser.“
„Geh doch nach draußen. Da ist es viel wärmer!“
„Zu gefährlich.“ Sie mustert mich. „Für dich auch. Die Leute reden über dich, weil du den Soldaten das Fürchten lehrst. Und es wird geredet, dass der König kommt.“
Ich zucke die Achseln. „Was interessiert mich der König?“
„Seine Soldaten sind gefürchtet. Sie sind nicht so ängstlich und schwach wie die Soldaten von Lord Sakumo.“
„Ja. Gut. Ich passe auf.“ Und sie nervt mich. Manchmal. Obwohl sie recht hat. Ich kann gut kämpfen, das weiß ich ja inzwischen. Aber auch andere können bestimmt gut kämpfen. Echte Soldaten auf jeden Fall. Ich beschließe, dass ich wirklich aufpassen werde.
„Wie ist der König?“, erkundige ich mich.
Grauhaar grinst. „Er interessiert dich also doch! Nun, ein großer Mann, von majestätischer Erscheinung. Wie ein König eben. Ein echter König. Ein weiser, gerechter König.“
„Dann wird er mich nicht jagen lassen! Dann wird er wissen, dass ich nichts Böses getan habe! Ich habe mich nur verteidigt!“
„Woher soll er das wissen? Lord Sakumo wird ihm das bestimmt nicht erzählen.“
„Dann tue ich das!“
Grauhaar lacht kurz auf. „Du kommst nicht einmal in seine Nähe! Halt dich einfach versteckt, solange er da ist. In den Wäldern werden dich auch seine Soldaten nicht finden.“
Ich starre sie wütend an.
„Du brauchst nicht so zu schauen, du Wildkatze. Es ist so, wie ich es dir sage. Oder habe ich dich mal angelogen?“
„Nein“, antworte ich missmutig.
„Dann hör auf mich.“
„Hast du den König schon gesehen?“
Grauhaar nickt. „Er war schon einige Male hier. Er reist oft durch sein Land. Ich glaube schon, dass er dir begnadigen würde, wenn er wüsste, was wirklich passiert ist. Aber er wird es nicht erfahren.“
„Ja. Dann gehe ich lieber jagen. Ich komme nachher nochmal.“
Grauhaar nickt erneut. Ich gebe ihr die Flasche zurück und gehe wieder in den Wald. Dabei denke ich darüber nach, was sie erzählt hat. Der König scheint ein guter Mann zu sein, wenn Grauhaar so über ihn spricht, aber ich glaube, er wird von seinen Leuten beschützt und nur solche wie der Lord können direkt mit ihm sprechen. Das macht er irgendwie falsch, der König. Er müsste eher auf Menschen hören, die wissen, was in seinem Land geschieht.
Zum Beispiel auf dich, Wildkatze?
Ja, zum Beispiel. Wieso rede ich eigentlich mit mir selbst?
Kopfschüttelnd verscheuche ich die Gedanken und konzentriere mich auf das Jagen. Und das ist auch gut so. Ich höre Tiere und schleiche mich an sie heran.
Bären. Eine ganze Bärenfamilie. Von ihnen könnte ich lange satt werden. Allerdings könnte es auch passieren, dass sie von mir satt werden. Nur nicht ganz so lange. Ich suche mir lieber leichtere Beute.
Ich muss nicht lange suchen. Den Elch kann ich riechen, bevor ich ihn sehe oder höre. Wenn ich ihn rieche, dann riecht er mich wahrscheinlich nicht. Ich schleiche mich möglichst lautlos heran. Einmal knackt ein Zweig, aber nicht unter meinem Fuß. Da kann ich den Elch schon sehen. Er reißt den Kopf mit dem gewaltigen Geweih in die Höhe und lauscht. Dann bemerkt er, wie ich auch, dass das Geräusch von einem Fuchs verursacht wurde, und grast weiter.
Ich atme leise aus.
Schließlich trennen nur noch ein paar Bäume den Elch und mich voneinander. Ich beobachte das große, starke Tier. Es widerstrebt mir, es zu töten, aber ich habe ziemlich großen Hunger. Und das frische Fleisch würde mir guttun.
Ich treffe eine Entscheidung und springe mit erhobenem Schwert vor. Der Kopf des Elchs geht nach oben, dadurch muss ich die Richtung der Klinge etwas ändern. Doch ich habe damit gerechnet. In der kalten Numoa habe ich Gelegenheit gehabt, das schnelle, schmerzlose Töten von Nahrung zu üben. Auch dieses Mal dauert es nicht lange. Erst fällt der Kopf des Tieres ins Gras, dann bricht der Körper nach ein paar Fluchtschritten zusammen.
Ich zerlege ihn hastig, denn ich weiß, dass auch Bären gerne Elchfleisch essen. Bis auf ein Hinterbein vergrabe ich alles neben einem Baum, dann pinkele ich auf die Stelle. Mit etwas Glück wird das andere Tiere davon abhalten, hier zu graben.
Mit dem Bein in der Hand gehe ich wieder zu Grauhaar, wie ich es ihr versprochen habe. Sie kann das frische Fleisch auch gut gebrauchen, die Spuren der Entbehrung aus der kalten Zeit sind ihr sehr deutlich anzusehen. Das macht mir etwas Sorgen.
Ich bleibe am Waldrand stehen und blicke mich um. Es sieht alles wie vorher aus. Trotzdem habe ich ein komisches Gefühl. Ist Grauhaar vielleicht etwas passiert? Ich mustere kurz das Bein in meiner Hand und denke nach. Ich glaube nicht, dass die Männer des Lords hier sind. Das würden sie nicht wagen, dazu haben sie viel zu viel Angst vor mir. Wieso habe ich dann trotzdem das Gefühl, etwas stimmt nicht?
Ich finde es jedenfalls nicht heraus, wenn ich hier stehenbleibe. Also nähere ich mich dem Haus, in der linken Hand das Bein und in der rechten das Schwert. Dabei beobachte ich aufmerksam meine Umgebung, mit allen Sinnen.
Das rettet mich. Als sich Männer aus Schatten lösen und aus dem Haus kommen, weiß ich, was ich wahrgenommen habe. Darüber, wieso sie sich hierher getraut haben, denke ich lieber später nach.
Zwei Soldaten sind besonders nah. Einem von ihnen schlage ich das Bein auf den Kopf, was ihn zu Boden schickt, den anderen halte ich mit der Klinge auf Abstand. Er springt zurück, die Klinge streift dennoch seine Nase. Aufschreiend presst er die Hand auf die Wunde, während ich mich umdrehe und losrenne.
„Ich will sie lebend!“, ruft jemand mit dunkler, kräftiger Stimme.
Das freut mich, denn das erhöht meine Chance zu entkommen sehr.
Ich erreiche den Waldrand. Gleich bin ich in Sicherheit, denn zumindest mit Pfeilen können sie mich dann nicht mehr treffen. Außerdem weiß ich, dass ich im Wald wesentlich schneller bin als sie. Das konnte ich oft genug ausprobieren.
Dann reißt mir etwas den Boden unter den Füßen weg und mich in die Höhe. Es schnürt mir die Bewegungsfreiheit ab und umgibt mich aus allen Richtungen.
Ein Netz!
Ich schreie vor Wut auf, doch mehr kann ich nicht tun. Zwar habe ich das Schwert noch, aber meine Arme werden an den Körper gepresst, und ich kann sie nicht bewegen. Hilflos muss ich zulassen, dass jemand zu mir tritt und das Schwert aus meiner Hand zieht. Ich starre ihn an, doch er erwidert den Blick nur grinsend.
„Das war es für dich, Kleines“, sagt er. Er ist groß und muskulös. Seine grüne Augen wirken kalt.
Ich antworte nicht, sondern sehe mich um, soweit es in meiner Lage überhaupt möglich ist. Zumindest kann ich den Kopf drehen und so erkennen, dass mehrere Männer auf mich zukommen, unter anderem einer, der eindeutig das Sagen hier hat. Sowohl seine Kleidung als auch seine Körperhaltung verraten es.
Unterdessen sind weitere Männer neben den Grünäugigen getreten und mustern mich unverhohlen.
„Vor der haben Sakumos Leute so eine Angst?“, fragt einer ungläubig. „Ist ja ein Mädchen!“
Grünauge schüttelt den Kopf. „Hast du gesehen, wie sie sich mit Schwert und Schinken verteidigt hat? Sie ist zwar nur ein kleines Mädchen, aber trotzdem nicht ungefährlich. Eine Wildkatze.“
Ich versuche ihn anzuspucken, aber in meiner Lage ist es schwierig, das zu treffen, was ich treffen will. Zumal er lachend zurückspringt.
„Ob ihre Spucke giftig ist?“, meint ein weiterer lachend. „Vielleicht sollten wir ihr ihr Kleid in den Mund stopfen!“
„Das reicht jetzt!“, sagt der Befehlshaber. Dieselbe Stimme, die mich vorhin lebend haben wollte. „Holt sie runter und fesselt ihre Hände!“
Jemand schneidet das Seil durch, mit dem das Netz aufgehängt wurde. Ich falle auf den Boden, was mir den Atem raubt. Bis ich wieder klar denken kann, sind meine Hände auf dem Rücken gefesselt. Das lange Ende der Fessel hält jemand in der Hand. Als ich auf ihn losstürmen will, richten sich mehrere Schwertspitzen auf mich.
Ich erstarre.
„Du hast die Wahl“, sagt der Befehlshaber. „Du läufst freiwillig mit oder wir fesseln dir auch die Füße und schleifen dich hinterher. Wie ist es dir lieber?“
„Laufen.“
„Gut. Holt die Pferde!“
Die Soldaten steigen alle auf Pferde, ich nicht. Ich soll hinter einem herlaufen. Da meine Hände hinten gefesselt sind, muss ich darauf achten, dass das Seil sich nicht spannt, sonst werde ich von den Füßen gerissen. Einmal passiert es mir. Die Männer lassen ihre Pferde sofort anhalten und warten, bis ich aufgestanden bin.
„Lauf schneller!“, sagt der Befehlshaber. „Weiter.“
Ich muss schnell gehen, aber nicht rennen. Zwischendurch kann ich sogar die Männer beobachten. Der Grünäugige reitet zusammen mit sechs anderen etwas abseits. Der Befehlshaber hat kurze, schwarze Haare. Er ist nicht viel größer als ich, aber kräftig gebaut. Er ist es vermutlich nicht gewohnt, dass er Widerworte kriegt. Ich habe das Gefühl, dass er nicht gemein ist, im Gegensatz zu dem Grünäugigen, den seine Gefährten Moyto nennen.
Wir überqueren die Brücke, was etwas schmerzhaft ist, denn die Pferde werden nicht langsamer. Das führt zu blutenden Füßen. Der Befehlshaber bemerkt das etwas später, lässt alle anhalten und kommt zu mir.
„Was ist los?“
„Die Brücke“, erwidere ich und konzentriere mich darauf, die Tränen zu unterdrücken.
Er steigt ab und schaut sich meine Füße an. Dann steigt er wieder auf und bemerkt: „Nur kleine Kratzer. Davon stirbst du nicht. Weiter.“
Vielleicht ist er doch gemein. Aber er hat recht, denn bald blutet es nicht mehr und die Schmerzen lassen nach. Außerdem bin ich beschäftigt, denn wir erreichen die Häuser. Die Menschen bestaunen uns, insbesondere mich. Ich vermeide es, sie anzusehen.
Die Häuser werden immer größer und die Menschen mehr. Mir fällt es zunehmend schwer, die Leute zu ignorieren. Einige Kinder laufen mit und schmeißen Steine nach mir, bis der Befehlshaber dafür sorgt, dass sie damit aufhören.
Schließlich erreichen wir ein sehr großes Gebäude, das von einer Mauer umgeben ist. Durch ein Tor gelangen wir auf die andere Seite der Mauer.
Vor dem Eingang ins Gebäude stehen einige Männer herum und warten. Anscheinend auf uns, denn einer von ihnen kommt jetzt auf uns zu und baut sich vor mir auf. Er mustert mich mit unverhohlenem Ekel.
„Dieses Mädchen soll meine Soldaten so eingeschüchtert haben?“
Das ist also Lord Sakumo. Ich erwidere seinen Blick, dann trete ich nach ihm. Er weicht aus und mein Fuß streift ihn nur. Sofort danach werde ich von mehreren Männern gepackt und auf den Boden gedrückt. Ich versuche, mich zu wehren, doch es ist aussichtslos.
„Genug!“, ruft eine Stimme, die ich noch nicht kenne. Sie ist ähnlich durchdringend wie die des Befehlshabers, aber es ist einer der Männer, die auf uns gewartet haben. Er trägt schwarze Kleidung und wirkt sehr groß.
„Lasst sie aufstehen!“
Die Männer lassen von mir ab, bleiben aber bei mir. Einige haben ihre Schwerter gezogen. Ich richte mich auf und starre den Mann, der vielleicht sogar der König ist. Selbst Lord Sakumo wagt es nicht, ihm zu widersprechen.
„Wir sollten sie sofort hinrichten, öffentlich“, sagt der Lord jetzt leidenschaftlich. „Damit dieses Gesindel ein für alle Mal lernt, dass hier Recht und Ordnung herrschen!“
„Nein“, erwidert große Mann. „Sie blutet im Gesicht. Wischt ihr das Blut ab.“ Nachdem einer der Männer mein Gesicht gesäubert hat, betrachtet der Mann mich. „Ich bin König Askan. Wie ist dein Name?“
Kyo.“
Er lächelt jetzt. „Der Name scheint zu passen. Ist es wahr, dass Du Lord Sakumos Männer grundlos getötet hast?“
Ich schüttele den Kopf.
„Du hast sie nicht getötet?“
„Nicht grundlos.“
„Ich verstehe.“ Er wendet sich an den Mann mit der tiefen Stimme. „Gaskama, sorge dafür, dass sie in den Kerker kommt. Aber allein. Sie soll Wasser und was zu essen bekommen. Die Fesseln werden ihr abgenommen. Und, Lord Sakumo, wenn ihr was zustößt, verantwortet Ihr das persönlich. Habt Ihr das verstanden?“
„Ja, mein Herr“, erwidert der Lord und wirft mir einen hasserfüllten Blick zu.
Gaskama, der Mann mit der tiefen Stimme, gibt zwei Männern einen Wink, die mich daraufhin in den Kerker bringen. Er begleitet uns. In der Zelle schneidet er meine Fesseln durch, während die beiden Männer mir ihre Schwerter an den Hals halten. Dann gehen sie, aber schon nach kurzer Zeit kommt jemand mit Wasser und Brot. Er legt beides so hin, dass ich es mir holen kann, und geht wieder, ohne etwas zu sagen.
Es wird still. Sehr still.
Ich setze mich an die Wand gegenüber der Tür und starre die Schalen an. Die Tränen wollen wieder mit aller Macht nach draußen, doch ich will nicht weinen. Jetzt nicht und niemals wieder.
Leider gehorchen sie mir nicht. Es dauert eine Weile, bis sie versiegen. Ich erhebe mich schließlich und hole die Schalen mit Wasser und Brot, denn ich habe noch mehr Hunger als vorhin. Während ich die letzten Bissen mit Wasser herunterspüle, erklingen Schritte.
Es ist der König, und er ist allein. Er bleibt vor der Tür stehen und mustert mich nachdenklich.
Ich rühre mich nicht.
„Warum hast du die Männer des Lords getötet?“, fragt er nach einer Weile.
Ich denke darüber nach, ob ich ihm erzählen soll, was passiert ist. Aber ich bezweifle, dass er das verstehen wird. Er ist ein Mann und hat ein Ding. Er kann es nicht verstehen.
„Du redest also nicht mit mir“, sagt er seufzend. „Ich komme in der nächsten Num wieder. Bis dahin kannst du ja darüber nachdenken.“
Er geht wieder und die grauenvolle Stille senkt sich über mich. Ich atme tief durch.

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Leseprobe: Das Flüstern der Ahnen

— 1 —

Es war ein hartes Jahr. Das letzte Frühjahr war insgesamt zu kalt gewesen, sodass man die Feldfrüchte erst später hatte ausbringen können und im Sommer hatte es so oft geregnet, dass die meisten Ähren schon am Halm verschimmelt waren. Das Vieh gedieh kümmerlich und auch die Jagdbeute reichte nicht immer aus, um alle satt zu machen. Hinzu kam der sehr kalte Winter, sodass die Vorräte noch vor ihrer Zeit zur Neige gingen und die Menschen sich am Viehfutter schadlos halten mussten. Viele der Alten und der kleinen Kinder hatten den harten Winter nicht überlebt und in jedem Haus war mindestens ein Toter zu betrauern.
Thorbald seufzte, als er an die vergangenen Ereignisse dachte. Auch ihm war sein jüngstes Kind, der erste Sohn, gestorben und Thorbalds Mutter, die bisher als weise Ratgeberin die Geschicke seiner Familie und auch des Dorfes positiv beeinflusste, war seit Wochen nicht mehr aus ihrem Bett gekommen. Aus ihrem greisen Körper entwich die Lebenskraft und sie rüstete sich zur letzten Reise zu den Ahnen. Thorbald war ein großer und muskulöser Mann, der wohl so an die vierzig Winter alt sein musste. Sein rötliches Haar, welches an den Schläfen schon von grauen Strähnen durchzogen wurde, war rechts und links der Stirn zu kleinen Zöpfen geflochten, und sein Bart war sorgfältig gestutzt. Er war das Oberhaupt eines Dorfes mit vierzehn Familien und nicht nur sein eigenes, sondern auch das Los seiner Gefolgsleute drückte ihn schwer. Vor fünfzehn Wintern war er zum Häuptling ernannt worden, kurz nach seiner Eheschließung mit Irmingard, der Tochter des alten Häuptlings und dem wohl schönsten Mädchen im Dorf. Thorbald war ein tapferer Krieger und guter Jäger und so waren Irmingards Eltern froh, ihn als Schwiegersohn zu gewinnen. Auch war er bei den Männern seines Alters hoch angesehen, da er immer sicherstellte, dass es gerecht zuging und die Schwächeren nicht unter den Stärkeren leiden mussten. Dies war wohl auch der Erziehung durch seine Mutter zu verdanken, die ihm immer vor Augen führte, dass eine Gemeinschaft nur dann stark war, wenn alle zusammenhielten.
Das Einzige, was Irmingards und Thorbalds Glück ein wenig trübte, war die Tatsache, dass ihnen wohl von den Göttern nur wenige Kinder beschieden waren. Das erste Kind wurde schon bald nach ihrer Eheschließung geboren, doch dann folgte lange kein Kind mehr. Erst letzten Winter erblickte dann endlich das zweite Kind das Licht der Welt, diesmal war es ein Sohn und Irmingard, die schon während der Schwangerschaft wiederholt von ihrem toten Vater geträumt hatte, erkannte in ihm ihren wiedergeborenen Ahn. Also wurde der Junge nach dem Großvater benannt und er war die Freude seiner Eltern und seiner großen Schwester, die sich rührend um ihn kümmerte. Zu lange hatte sie schon auf ein Geschwisterchen warten müssen. Doch in diesem Winter war er plötzlich krank geworden und weder die Kräutermedizin von Thorbalds Mutter noch Irmingards Zaubergesänge vermochten die bösen Geister zu vertreiben, die den kleinen Körper wieder und wieder in Fieberkrämpfen schüttelten. Dann, eines Morgens, drang aus der Wiege, die neben dem Bett der Eheleute stand, kein Laut mehr. Der kleine Junge war tot und es schien so, als sei mit ihm auch die Freude aus dem Haus gewichen. Kurz darauf wurde auch die Großmutter krank und hatte sich jetzt schon seit Wochen nicht mehr erholt.
Thorbald saß in der großen Halle, die den Hauptraum seines Hauses darstellte und als Versammlungsort der Gefolgsleute diente. Düster blickte er in die Flammen des Feuers, welches in der Mitte des Raumes vor sich hin flackerte. Das Fest der wiederkehrenden Sonne nahte und er hatte nach dem Orakelpriester schicken lassen, um zu erfahren, ob die Götter ihnen zürnten und vielleicht ein Opfer haben wollten. So viel Unglück in einem Jahr musste eine Ursache haben. Da ihm aber keine Tabuverletzung durch ihn oder andere bekannt war und auch die Ahnen und Götter immer rechtzeitig ihre Opfer erhielten, konnte es nur noch der Zorn der Götter sein, den einer von ihnen, aus welchem Grund auch immer, auf sich geladen hatte. Dies galt es nun herauszufinden und die Götter dann zu besänftigen. Plötzlich wurde er aus seinen Grübeleien gerissen und blickte auf. Heidruna, seine Tochter, war in die Halle getreten und brachte ihm einen Becher mit Ziegenmilch. »Mutter schickt mich. Sie lässt fragen, ob wir für das Fest drei oder vier Ziegen schlachten sollen.« Thorbald lächelte ein wenig und betrachtete stolz seine Tochter. Sie war zu einer jungen Frau herangewachsen und ebenso schön wie seine Frau, als er sie kennengelernt hatte. Ihr langes, blondes Haar hing ihr in Flechten bis auf die Schultern, ihre Augen waren von einem strahlenden Blau und auf der Nase hatte sie ein paar Sommersprossen. Bestimmt gab es so einige Jungen im Dorf, die ihr den Hof machten, aber Heidruna hatte nur Augen für Gunthram, den Sohn von Häuptling Gunther aus dem Dorf eine halbe Tagesreise von hier entfernt. Sie waren sich ein paarmal begegnet, wenn sich ihre Väter gegenseitig aufsuchten. Doch erst zur letzten Sommersonnenwende fiel Thorbald auf, wie sehr die Augen seiner Tochter blitzten, als sie den jungen Mann ansah. Natürlich hatte Thorbald sofort Irmingard darauf angesprochen, aber die winkte nur ab, da ihr die Vorliebe ihrer Tochter wohl schon seit Langem aufgefallen war. »Vater?« Heidruna hielt ihm immer noch den Becher entgegen. Thorbald nahm ihn, trank und stand auf, um nach seiner Frau zu sehen. Er wusste wohl, dass sie eigentlich selber entscheiden konnte, wie viele Ziegen für das Fest benötigt wurden, verstand aber auch, dass sie durch diese Frage versuchte, ihn aus seinen Grübeleien zu reißen und auf andere Gedanken zu bringen. So war er dankbar für die Unterbrechung und folgte Heidruna ins Freie hinaus zum Küchenhaus, wo Irmingard mit ein paar Frauen dabei war, das Bier für das Fest in großen Kesseln zu brauen.
Irmingard war hochgewachsen und besaß feine und edle Gesichtszüge. Ihr wohlgeformter Körper ließ ihre Jahre nicht erahnen; nur ihr Haar, das von feinen Silberstreifen durchzogen war, zeugte davon, dass sie schon älter war als dreißig Winter. Als sie ihren Gemahl erblickte, ging sie auf ihn zu und umarmte ihn wortlos. Aus der Nähe betrachtet sah man nun, dass auch bei ihr der Kummer um das verlorene Kind und die Sorgen um die Schwiegermutter Spuren hinterlassen hatten. Ihre Augen wirkten kummervoll und so, als würde ihr Blick in eine andere Welt gerichtet sein. Doch sie versuchte, sich mit alltäglichen Arbeiten abzulenken, mit der Sorge um den Haushalt und nun mit den Vorbereitungen für das anstehende Fest. Natürlich war ihr auch nicht verborgen geblieben, dass Thorbald zunehmend in Grübeleien verfiel. Deshalb kam ihr der Gedanke, dass er ebenfalls etwas Ablenkung gebrauchen könnte, und sie schickte ihre Tochter nach ihm. »Nun, geliebtes Weib, du fragtest nach den Ziegen. Was ist mit ihnen?« – »Es ist so«, eröffnete ihm Irmingard, »die Gäste werden hungrig sein. Auch ihnen hat der harte Winter zugesetzt und die meisten von ihnen sind nicht so wohlhabend wie wir. Also werden sie die Gelegenheit nutzen, sich mal wieder satt zu essen und natürlich werden sie auch an die Daheimgebliebenen denken und das eine oder andere Stück Fleisch mit nach Hause zu nehmen trachten. Ich dachte daher, dass es ratsamer wäre, besser eine Ziege mehr zu schlachten, um nicht nur die, die anwesend sein werden zu nähren, sondern auch die, die zu schwach sind, hierherzukommen. Was meinst du?« Thorbald lächelte. Die Götter hatten ihm eine weise Gemahlin zur Seite gestellt. Sie achtete genau wie er darauf, dass die Schwächeren nicht vergessen wurden, und beugte so Unmut und Missgunst vor, die schon viele Häuptlinge wieder vom Hochsitz gestoßen hatten. »Es geschehe so, wie du es für richtig erachtest.«Eine Woche darauf versammelte sich die Dorfgemeinschaft in der großen Halle. Dort waren lange Bänke um das Herdfeuer gruppiert, welches in der Mitte des Raumes flackerte. Auf diesen Bänken nahmen die Männer Platz, die zu Thorbalds Hof gehörten und mit ihren Familien ebenfalls im Dorf wohnten. Er selbst war von seinem Hochsitz heruntergestiegen und stand jetzt dem Priester gegenüber, der soeben mit den Vorbereitungen begann, um das Orakel zu befragen. Auch Heidruna und Irmingard näherten sich, um der Zeremonie beizuwohnen. Alles war still als der Priester in seinem langen, weißen Gewand nun mit der Rezitation von langen Anrufungen, die teilweise in einer sehr alten Sprache gesprochen wurden, begann. Dabei rieb er in seinen Händen die Orakelhölzer sanft aneinander und schüttelte sie ab und zu rhythmisch in den hohlen Händen. Dann öffnete er seine Hände und hieß Thorbald auf die Hölzer zu hauchen. Danach wiederholte der Priester die Prozedur mit dem Reiben und Schütteln, wobei er jetzt auch den Namen Thorbalds und sein Anliegen an die Götter erwähnte.
Plötzlich öffnete er seine Hände und ließ die Hölzer auf ein weißes Leintuch fallen. Nach einem kurzen Blick auf die Hölzer legte er einige auf die Seite, nahm die restlichen auf und warf sie erneut aus. Noch einmal wiederholte er diese Handlung, bis schließlich nur noch wenige Hölzer, mit rotgefärbten Runen verziert, übrig blieben. Der Priester besah sich lange die Zeichen, welche ihm den Spruch der Götter verkündeten, strich sich seinen langen Bart, blickte Thorbald an und sprach: »Die Götter zürnen euch nicht. Ihr und die Euren habt all eure Pflichten getreulich erfüllt. Das kommende Jahr wird für euch erfolgreich werden und der Segen der Götter ist euch gewiss. Reich wird das Feld Ernte tragen und den Ruhm eures Dorfes mehren. Einige Dinge scheinen nicht das zu sein, was sie sind. Misstraue nicht dem Wort deines Blutes. Opfere den Ahnen einen weißen und einen roten Hahn und einen schwarzen Jungstier dem Frey.« Dann winkte er Heidruna näher an sich heran und sprach zu ihr: »Vertraue stets auf die Götter und folge immer deinem Herzen!« Und laut zu der versammelten Dorfgemeinschaft gewandt rief er aus: »Die Götter sind euch wohlgesonnen, die schwere Zeit ist vorbei.«
Die Menge jubelte laut auf, als sie den Spruch vernahm, denn die zurückliegende Zeit war für alle hart gewesen und nun schöpften sie wieder neuen Mut. Die kommende Ernte würde reich ausfallen, so hatte es das Orakel verkündet. Das lange Leiden hatte endlich ein Ende. Freudig griffen sie nun zu, als das Fleisch aufgetragen wurde. Schäumend floss das Bier in die Krüge und die Sänger griffen zu ihren Instrumenten. Es wurde eine lange Nacht und jedem Gast wurde für die Daheimgebliebenen Essen und Trinken mitgegeben, sodass die Großzügigkeit von Thorbald im ganzen Dorf gerühmt wurde.
Am nächsten Morgen erwachte Heidruna in ihrer Kammer, die am Ende der langen Behausung lag. Sie wusch sich, kleidete sich in ein reines, weißes Gewand und legte sich den wärmenden Wollumhang um die Schultern, denn noch war es kalt. Später, nach dem Vollzug des Opfers durch ihren Vater, war es ihre Aufgabe als die älteste Jungfrau im Hause, die Gaben für die Götter in den heiligen Hain zu tragen und sie dort auf dem steinernen Altar niederzulegen. Der Spruch des Orakelpriesters ging ihr nicht aus dem Kopf. Warum nur hatte er sie dazu ermahnt, den Göttern zu vertrauen? War es nicht so seit sie ein kleines Kind war, dass die Götter die Geschicke der Menschen lenkten und ihr Schicksal in ihren Händen lag? Hatte sie nicht von jeher den Göttern vertraut? Oder sah der Priester etwas, was auf sie zukam und ihren Glauben erschüttern konnte?
Sie wusste es nicht, auch war sie zu jung um solch schweren Gedanken nachzuhängen und so schob sie die Fragen, die ihr durch den Kopf gingen, beiseite und bereitete sich auf ihre Aufgabe vor.
Als sie aus dem Haus trat, fand sie schon ihre Eltern beim Ahnenschrein, der sich direkt hinten ans Haus anlehnte. Beide hatten schon auf sie gewartet. Irmingard hielt einen roten und einen weißen Hahn in der Hand. Heidruna begab sich zu ihnen und der Vater begann mit dem Gebet an die Ahnen, dankte ihnen für ihren Schutz und bat sie darum, diesen auch in Zukunft zu gewähren. Dann überreichte die Mutter ihm den weißen Hahn und unter den rituellen Gesängen schnitt der Vater ihm mit einem schnellen Schnitt seines Opfermessers die Kehle durch. Das Blut tropfte auf die hölzernen Standbilder, die schon seit Generationen in Familienbesitz waren und die Urmütter und Urväter der Sippe repräsentierten. Thorbald legte den Kadaver neben sich auf den Boden und seine Frau reichte ihm den zweiten Hahn. Auch dieser wurde wie der erste geopfert. Irmingard nahm beide Tiere an sich, ging ins Haus zur Feuerstelle und machte sich daran, ein schmackhaftes Mahl zuzubereiten, welches dann am Abend von allen Hausbewohnern eingenommen werden sollte.
Unterdessen suchte Thorbald aus seiner Herde den schönsten und kräftigsten schwarzen Stier aus und führte ihn, gefolgt von Heidruna, zum Platz in der Mitte seines Gehöftes. Unter der Eiche im Zentrum des Platzes hielten sie an. Die anderen Dorfbewohner hatten sich ebenfalls dort versammelt. Der Stier wurde an den Baum gebunden und die Menge näherte sich erwartungsvoll. Nach der Anrufung des Gottes Frey wurde der Stier von Thorbald geopfert, wobei Heidruna einiges von dem Blut in drei tönernen Schalen auffing.
Die größte der Schalen wurde beiseitegestellt und eine Schüssel mit einem Teil der Innereien des Tieres deckte sie ab. Das Blut in einer weiteren Schale wurde von Thorbald mit einem Wedel auf die anwesende Menge gespritzt, damit alle in den Genuss des segens- und fruchtbarkeitsbringenden Blutes kamen. Die dritte Schale dagegen wurde in einer feierlichen Prozession über die Felder des Dorfes getragen, wobei auf jedem Feld etwas Blut vergossen wurde. In der Zwischenzeit hatten Thorbald und seine Männer den Stier zerlegt und verteilten die Stücke an die anwesenden Dörfler, die sich über die erneute Fleischzulage sehr freuten.
Heidruna bekam davon schon nichts mehr mit, denn sie war mit der großen Schale und der Schüssel mit den Innereien beladen auf dem Weg in den heiligen Hain. Vorsichtig setzte sie einen Fuß vor den anderen, um nur ja nichts von der kostbaren Ladung zu verschütten. Sie war sich ihrer Verantwortung sehr wohl bewusst, denn sie war die Überbringerin der Gaben an die Gottheit. Hier und da zeigten sich schon die ersten Vorboten des Frühlings; kleine Pflanzen mit weißglockigen Blüten, die sich aus der mit Schnee bedeckten Erde ans Sonnenlicht wagten. Schweigend und ehrfurchtsvoll näherte Heidruna sich dem alten, von mächtigen Eichen umstandenen Platz, in dessen Mitte sich ein großer, steinerner Altar befand. Wie es das Ritual vorschrieb, umschritt sie den Bezirk erst dreimal, bevor sie sich in das Rund hineinwagte. Langsam und respektvoll ging sie direkt auf den Altar zu. Dann goss sie bedächtig das Blut über den steinernen Tisch und setzte den Teller auf ihm nieder, nicht ohne ihn vorher noch mit ihrer Stirn, ihrem Herzen und ihrem Schoß berührt zu haben.
Obwohl ihr der Platz vertraut war und sie auch nicht zum ersten Mal diesen Gang dorthin unternahm, war ihr heute merkwürdig zumute. Sie hatte nämlich schon die ganze Zeit das Gefühl, beobachtet zu werden, und das seltsame Kribbeln in ihrem Nacken verstärkte sich eher noch, so als drohte ihr eine Gefahr. Sie bemerkte deutlich die Anwesenheit von etwas Fremdem. Vorsichtig sah sie sich um, konnte aber niemanden sehen. Doch da, hatten sich nicht die Zweige von jenem Busch sachte bewegt, obwohl kein Wind ging? Heidrunas Neugierde war stärker als ihre Angst und so griff sie nach ihrem Messer, welches sie immer am Gürtel trug, und schlich langsam auf den Busch zu. Plötzlich erstarrte sie, als sie genau in das Gesicht eines jungen Mannes blickte, der sie unverwandt ansah und einen Schritt aus seiner Deckung heraus auf sie zu machte. Sie hatte ihn noch nie in dieser Gegend gesehen und obwohl er nur mit Wolfsfellen bekleidet und unbewaffnet war, strahlte er etwas Kriegerisches und zugleich Edles aus. Seine langen, dunklen Haare rahmten ein ebenmäßig geformtes Gesicht ein, sein Bart war sorgfältig gestutzt und seine braunen Augen blitzten sie unternehmungslustig an. Für einen kurzen Moment erwiderte sie seinen Blick und ein Gefühl tiefer Vertrautheit überkam sie. Dann wandte sich der junge Mann ab und verschwand im Unterholz.
Heidruna war in einer eigenartigen Stimmung, es war als hätte sich ein Zauber auf sie gelegt, und wie gebannt folgte sie dem Jüngling. Dieser blickte sich nicht nach ihr um als er unter tiefhängenden Zweigen hindurch geschickt seinen Weg durch den Wald suchte, doch Heidruna war sich sicher, dass er sie hinter sich wusste. Tiefer und tiefer ging es in den Wald hinein und mehr als einmal dachte Heidruna, sie hätte ihn verloren, doch dann erhaschte sie wieder einen kurzen Blick auf ihn und jagte ihm weiter nach. Dornige Ranken griffen nach ihr, zerfetzten ihr Kleid und kratzten ihr die Beine blutig, aber sie achtete gar nicht darauf. Die Jagdlust hatte sie gepackt und mehr als einmal fühlte sie sich als Jägerin, die einem seltenen Wild hinterhersetzte, welches eine eigenartige Mischung aus Tier und Mensch zu sein schien und ein aufregendes Spiel mit ihr trieb, bei dem nicht klar war, wer nun Jäger und wer Beute verkörperte.
Irgendwann hielten sie an. Heidruna sah sich erstaunt um. Sie stand auf einem Platz in einem Teil des Waldes, den sie noch nie zuvor betreten hatte. Hier schien die Jahreszeit eine andere zu sein, denn die Luft war warm und ein lauer Wind streichelte angenehm ihre Haut. Schmetterlinge gaukelten von Blüte zu Blüte und Bienen summten an ihr vorbei. Riesige Bäume wuchsen dort und ihr üppiges Blätterdach ließ das Sonnenlicht nur in einem gedämpften Grün durch, welches die ganze Umgebung in ein eigenartiges Licht tauchte und helle, kleine Flecken auf den riesigen stehenden Steinen tanzen ließ, die in einem Kreis angeordnet den Platz umgaben. In der Mitte des Steinkreises stand nun der Jüngling und blickte zu Heidruna, die noch ganz außer Atem war. Langsam ging er auf sie zu und seine Augen zogen sie regelrecht in seinen Bann. Auch sie machte jetzt wie im Traum einige Schritte auf ihn zu, hinein in den Steinkreis. Es fiel kein einziges Wort, als er sie in seine starken Arme nahm und ihr zärtlich über das Haar streichelte. Wieder fühlte sie diese Vertrautheit, und als er ihren Kopf in seine Hände nahm, um sie sanft auf den Mund zu küssen, erwiderte sie den Kuss. Langsam glitten seine Hände an ihrem Körper auf und ab. Tief in ihr regte sich ein Gefühl, welches sie noch nie zuvor gespürt hatte und es schien ihr, als ob dort noch eine andere Heidruna verborgen sei, die nur darauf gewartet hatte, erweckt zu werden. Seine Küsse wurden wilder und sein Streicheln fordernder und auch sie erwiderte sein Drängen mit einer nie zuvor gekannten Wildheit, die sie mit sich riss.
Bilder ihres Elternhauses kamen ihr in den Sinn, kurz dachte sie an die Sorgen, die sich die Eltern um sie machen würden, auch das Gesicht von Gunthram tauchte kurz vor ihrem Auge auf, doch dann wurde alles hinweggespült in einer Welle unbändiger Lust. Wie durch einen Nebel bekam sie noch mit, dass er sie auf den Boden hinabzog, spürte seine nackte Haut an der ihren; wild, vertraut, fremd und sanft. Dann gab sie sich ganz ihrer und seiner Leidenschaft hin und wie eine wilde Meeresbrandung schlugen die Wellen der Ekstase über ihnen zusammen.
Als Heidruna wieder zu sich kam, war sie alleine. Verwundert blickte sie sich um und bemerkte, dass sie nicht unweit von dem Platz lag, an dem sie vor Kurzem noch die Gaben an Frey niedergelegt hatte. Die Sonne war durch die Wolkendecke gebrochen, aber noch reichte ihre Kraft nicht aus, um die Erde zu wärmen und Heidruna fror. Sie stand auf und zog den Wollumhang fester um sich, aber das Zittern hörte nicht auf. Es war nicht so sehr die Kälte, die ihr zusetzte, sondern das vergangene Erlebnis, von dem sie jetzt nicht wusste, ob es Traum oder Wirklichkeit war. Als sie aber an sich herunterblickte, sah sie die blutigen Striemen an ihren Beinen, die ihr die Dornen auf ihrer wilden Verfolgungsjagd beigebracht hatten, und ihr zerrissenes Gewand. In der Luft hing noch ein Duft nach Sommerblumen und sie meinte, das Lächeln des geheimnisvollen Fremden zu spüren. Langsam und nachdenklich machte sie sich auf den Heimweg.
Zu Hause hatte die Mutter sie schon erwartet und lief ihr entgegen. »Die Großmutter fragte nach dir und machte seltsame Andeutungen. Wo bist du so lange gewesen, Kind?« Heidruna wollte gerade ansetzen, die ganze merkwürdige Begebenheit im Wald zu erzählen, da hob die Mutter abwehrend die Hand: »Warte mit deiner Erzählung, bis wir bei der Großmutter sind. Vater ist auch schon dort.«
Als Irmingard mit ihrer Tochter das Zimmer der alten Frau betrat, versuchte diese, sich in ihrem Bett aufzurichten, aber der greise Körper war zu schwach und ausgezehrt, und so half ihr Thorbald, sodass sie am Kopfende ihres Bettes zu sitzen kam. Schon bald begann Heidruna von der Begegnung mit dem mysteriösen Fremden zu erzählen. Als sie zu der Stelle kam, wo er sie in seine kräftigen Arme schloss, zögerte sie und sah ihre Familie unsicher an. Die Großmutter versuchte etwas zu sagen, aber ihre Stimme war zu leise und so beugte Thorbald seinen Kopf, so, dass seine Ohren fast auf den welken Lippen der alten Frau lagen. Er winkte Heidruna zu sich. »Großmutter hat dir etwas zu sagen.« Heidruna trat näher an das Bett und genau wie der Vater zuvor legte nun auch sie ihr Ohr ganz nah an den Mund der Alten. »Du trägst ein Mädchen unter dem Herzen. Ein starkes Mädchen. Es wird nicht einfach für sie, aber sie wird ihren Weg gehen und den Ruhm der Sippe mehren. Versprich mir, mein Kind, dass sie den Namen Alruna tragen wird.« Heidruna war erstaunt. Woher konnte die Großmutter das wissen? Ihre Eltern bemerkten den verwirrten Gesichtausdruck des Mädchens und so fragten sie nach den Worten der alten Frau, die Heidruna nun laut wiederholte. »Der Herr der Wälder«, murmelte Thorbald nachdenklich, »meine Mutter hat mir früher oft von ihm erzählt. Auch, dass sie ihm als junges Mädchen beim Beerensammeln einmal begegnet ist. Damals hatte sie sich im Wald verirrt und er wies ihr den richtigen Weg zurück ins Dorf. Zum Abschied versprach er ihr auch, dass sie noch einmal von ihm hören würde. Lange hat sie nach der Begegnung noch darauf gewartet, aber als dann nichts weiter passierte, tat sie die Begegnung als ein Trugbild ab, obwohl auch die Alten davon erzählten, dass sich der Herr der Wälder den jungen Mädchen hin und wieder als Wolfsmann zeigen würde.« Die Großmutter war in ihr Kissen zurückgesunken und ein zufriedenes Lächeln umspielte ihr zerfurchtes Gesicht. Die zitternden Lippen setzten zu einem Wort an. »Alruna!« Klar und deutlich erklang plötzlich ihre Stimme und schien wie der Ton einer großen Glocke im Raum zu stehen. Erstaunt und gleichzeitig erwartungsvoll blickten die Anwesenden sie an. Ein seltsamer Glanz schien über der alten Frau zu liegen, etwas Überirdisches umgab sie. Dann wurde der greise Körper plötzlich schlaff und sank in sich zusammen. Die Großmutter war tot. »Nun ist sie auf ihrer letzten Reise zu den Ahnen«, sprach der Vater, schloss der Toten sanft mit seiner Rechten die Augen und wischte sich die Tränen, die nun aus seinen Augen liefen, mit dem linken Ärmel seines Gewandes vom Gesicht. Auch Irmingard und Heidruna brachen in hemmungsloses Schluchzen aus.
Drei Tage später fanden die Bestattungsfeierlichkeiten statt. Als Mutter eines Häuptlings gebührte der Verstorbenen natürlich eine ganz besondere Ehre und so waren die Gäste zahlreich erschienen, um den Riten beizuwohnen. Nicht nur Verwandte der Familie waren gekommen, sondern auch Häuptling Gunther mit seiner Frau Bilgis und seinem Sohn Gunthram. Begleitet wurden sie von einigen ihrer Gefolgsleute.
Rechts und links der Hauptstraße, die aus dem Dorf hinaus gen Westen führte, erhoben sich mehrere kleine, grasbewachsene Hügel. Zwischen ihnen ragte hier und da eine mit Symbolen versehene Steinsäule oder ein grob geschnitztes Holzbildnis empor. An diesem Platz war bei Sonnenaufgang ein Scheiterhaufen errichtet worden und neben dem Holzstapel erhob sich ein kleiner Hügel aus Steinen unterschiedlicher Größe, die nach dem Herunterbrennen des Feuers und dem Erkalten der Glut direkt darüber zu einem Grabhügel aufgeschichtet werden sollten. Die Tote selbst war vor drei Tagen bereits von den Frauen der Familie mit einem Sud aus wohlriechenden Kräutern gewaschen worden, die sie selbst noch im letzten Sommer gesammelt hatte. Anschließend hatte man den Leichnam mit Milchfett eingerieben, in das zuvor etwas zerstoßene rote Tonerde gemischt worden war. Die Haare waren sorgfältig frisiert und ebenfalls mit dem Fett eingerieben worden. Die Fingernägel waren kurzgeschnitten worden, genauso die Fußnägel. Die Tote war in ihre kostbarsten Gewänder gekleidet und all ihre Ketten und Armreifen waren ihr umgelegt worden. Auch hatte man sie mit einem Gürtel umwunden, an dem ihr Messer und ein kleiner Lederbeutel hingen, in den man ihre persönlichen Gegenstände gelegt hatte. Zu guter Letzt war der Leichnam in ein reines Leinentuch eingenäht und drei Nächte auf dem Bett aufgebahrt worden, während die Familienmitglieder abwechselnd die Totenwache gehalten hatten. Nebenher musste auch noch die Bestattungsfeier organisiert werden und so waren Thorbald und die seinen jetzt müde und erschöpft. Das hinderte sie aber nicht daran, nun jeden ihrer Gäste persönlich zu begrüßen und sie alle in der großen Halle mit einem Begrüßungstrunk, der aus einem großen Horn gereicht wurde, willkommen zu heißen.
Als alle versammelt waren, gab Thorbald vieren seiner Gefolgsleute ein Zeichen und diese begaben sich in den Raum, wo die Tote immer noch aufgebahrt war. Währenddessen hatte sich der Rest der Gruppe langsam in einem Fackelzug zum Gräberfeld begeben. Dort säumten sie die Straße und eine feierliche Stille senkte sich über sie, einzig und allein das Knistern der Fackeln war zu hören. Als die vier Gefolgsleute nun auftauchten, zwischen sich das Bett, auf dem die Tote lag, ließen die Frauen ein Klagelied erklingen, in dem sie die Taten der Verstorbenen rühmten, die viele Winter alt geworden war und deren Lebensweisheit nicht nur der eigenen Familie, sondern auch den anderen Dorfbewohnern von nun an fehlen würde. Vielen von ihnen hatte Thorbalds Mutter selbst auf die Welt geholfen, war sie doch nicht nur kundig in der Heilkraft der Kräuter, sondern als fünffache Mutter ebenfalls erfahren in den Vorgängen um die Geburt. So war vielen heute zumute, als würden sie die eigene Mutter zu ihrer letzten Reise verabschieden. Alle fühlten mit Thorbald und so mancher hartgesottene Krieger, der in vollen Waffen zu Ehren der Toten erschienen war, drückte sich verstohlen eine Träne aus den Augen. Die Frauen weinten dafür umso hemmungsloser, auch die Kinder wurden von der allgemeinen Trauer angesteckt und so hingen die ganz Kleinen an den Röcken ihrer Mütter und wischten sich die Rotznasen. Nun gab Thorbald den Trägern ein Zeichen und behutsam setzten sie die Bettstatt auf dem Scheiterhaufen ab, während das Wehklagen anschwoll. Als die untergehende Sonne ihre letzten Strahlen gespendet hatte, schritt Thorbald mit einer Fackel in der Hand zum Holzstoß. »Mögen die Götter dich in ihren Hallen willkommen heißen und mögest du im Kreise der Vormütter und Vorväter glücklich werden.« Dann umrundete er den Scheiterhaufen im Uhrzeigersinn und entzündete ihn an allen vier Ecken. Prasselnd schlugen die Flammen empor und leckten schon bald an dem Bett, welches schnell Feuer fing. Hoch stoben die Funken auf und flogen in den dunklen Nachthimmel hinein. Es schien, als würden sie den Reiseweg der alten Frau erleuchten und Heidruna verstand in dieser Nacht, warum man über die Sterne sagte, es seien die Herdfeuer der Altvorderen. So stand sie versonnen da und betrachtete, wie die Flammen den Leib der Ahnin verzehrten, um ihre Seele freizusetzen.
Sie bemerkte nicht, wie sich in der Gruppe, die sich um ihren Vater eingefunden hatte und in der auch Gunthram und Gunther standen, Unruhe breit machte. Was zunächst noch wie ein verhaltenes Raunen geklungen hatte, schwoll auf einmal an zu einer lautstarken Diskussion und der inzwischen reichlich ausgeschenkte Met tat sein übriges, um die Zungen der Männer zu lösen. Irmingard blickte sorgenvoll zu ihrem Mann herüber, denn ihr war aufgefallen, wie sich seine Miene verfinsterte, als Gunther ihn direkt ansprach. Auch die Hand, die schon auf dem Weg zum Schwert war und dann in letzter Minute innehielt, als Thorbald gewahr wurde, dass es der Toten gegenüber respektlos gewesen wäre, es hier und jetzt einzusetzen, entging Irmingards scharfem Blick nicht. Nun löste sich Thorbald aus der Gruppe und kam mit wütenden Schritten auf seine Frau zu, die ihn fragend anblickte. »Dieser Idiot«, zischte Thorbald, »er wagt es ausgerechnet heute, mich hier an der Begräbnisstätte meiner Ahnen vor all meinen Leuten zur Rede zu stellen. Ursprünglich sei er ja hergekommen, um die familiären Bande zwischen seiner und meiner Sippe zu schließen, da sein Sohn Gunthram sich mit Heidruna vermählen wolle. Aber nun sei ihm zugetragen worden, dass unsere Tochter sich einen Fehltritt erlaubt habe und nicht mehr als reine Jungfrau in die Ehe gehen würde. Er scheint sich die merkwürdigen Sitten der Römlinge angeeignet zu haben, die ihre Frauen ins Haus verbannen, wo sie dann rechtlos und wortlos gemacht dazu erzogen werden, ihr einziges Glück darin zu sehen, ihrem Vater oder Gemahl als Magd zur Verfügung zu stehen und den Ruhm der eigenen Sippe nur noch dadurch zu mehren, dass sie unberührt einem Mann vermählt werden. Als Metze hat er unsere Tochter bezeichnet, die sich einem hergelaufenen Strauchdieb hingegeben hätte und uns Ammenmärchen vom Herrn der Wälder auftischt. Was bildet sich dieser Mensch eigentlich ein? Als nächstes versagt er noch unseren Göttern den Dienst.« Er hatte sich in Rage geredet und auch Irmingard wusste nicht, wie sie ihn besänftigen sollte. Es wäre nicht richtig, wenn ausgerechnet am heutigen Tage ein Handgemenge ausbrechen würde; nicht wenn man zusammengekommen war, um die Tote zu ehren. Thorbald stapfte wütend auf das Haus zu, wo ein Teil der Gäste schon in der Halle Platz genommen hatte und den Beginn des Leichenschmauses erwartete. Irmingard suchte Bilgis auf, die sie als verständige Frau kennengelernt hatte, und versuchte sie zu überreden, mildernd auf ihren Gemahl einzuwirken, aber diese winkte müde ab. Gunther sei seit einiger Zeit wie ausgewechselt, hätte neue Sitten im Haus eingeführt und würde auf ihren Rat gar nicht mehr hören. Dafür bekam sie stattdessen nun immer öfter zu hören, dass sie ihre Töchter richtig erziehen solle, zu Anstand und Sitte, und stellte ihr als leuchtendes Beispiel das Gebaren der Frauen vor Augen, die er bei seinen gelegentlichen Zusammentreffen mit römerfreundlichen Häuptlingen dort wahrgenommen hatte. Diese würden sich nicht in die Geschäfte der Männer mischen und diesen auch keine Ratschläge erteilen, vielmehr sei dort der Mann das alleinige Oberhaupt im Haus und die Ehefrau würde sich ihrem Gatten unterordnen. Bilgis brach in Tränen aus, als sie Irmingard anvertraute, dass ihr Gemahl noch nicht einmal mehr vor körperlicher Gewalt zurückschreckte, um, wie er sich ausdrückte, »Zucht und Ordnung« in seinen Haushalt zu bringen. Irmingard war erschüttert. So verheerend wirkte sich der Einfluss der römischen Eindringlinge auf die Sitten und Gebräuche aus, dass nicht einmal mehr die Ehre der Frau geachtet wurde? Sie versuchte, die schluchzende Frau zu trösten, sah aber auch, dass sie keine Möglichkeit mehr hatte, in irgendeiner Form zugunsten ihrer Tochter auf Gunther einzuwirken und so legte sie einfach wortlos den Arm um Bilgis. Plötzlich wurde sie jäh unterbrochen, als Gunther nun wie aus dem Boden gewachsen vor ihnen stand und seine Gattin unsanft am Arm riss. »Komm, Weib, wir haben hier nichts mehr verloren. Lass uns gehen, bevor ich mich vergesse und mich zu einer Dummheit hinreißen lasse.« Ohne zu widersprechen folgte Bilgis ihrem Gemahl, bestieg ihr Pony und ritt hinter ihm her dem heimatlichen Dorf zu, begleitet von ihrem Sohn und ihren Gefolgsleuten.
Nachdenklich begab sich Irmingard zum Wohnhaus, um nach Heidruna zu suchen. Diese aber stand nach wie vor an dem Feuer und blickte in die Flammen, die schon bald von der Großmutter nicht mehr übrig lassen würden als Asche.

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Heidruna blickte sich um. »Mama«, klang es von irgendwo her und noch einmal: »Mama«. Dann sah man ein Mädchen von fast elf Wintern aus dem nahegelegenen Wald kommen, die braungebrannten Arme und Beine zerkratzt und das lange, gelbe, ärmellose und hemdartige Oberteil voller roter Flecken. Ein paar aufgeweckte Augen, die so grün waren wie das Blätterkleid der Bäume im Frühling, blickten aus einem feingeschnittenen Gesicht, welches von langen, honigfarbenen Haaren eingerahmt wurde, die in leichten Wellen über die Schultern fielen. Ihre kleine Nase zierten ein paar Sommersprossen und ihr Mund entblößte beim Lachen eine Reihe weißer, ebenmäßiger Zähne. Schnell kam sie näher und hielt Heidruna ein Körbchen hin, welches bis zum Rand mit saftigen, reifen Brombeeren gefüllt war. »Schau mal, was Großmutter und ich alles gesammelt haben.« Heidruna blickte auf ihre Tochter und strich ihr sanft über das Haar. Es war jetzt schon lange her, dass Alruna das Licht der Welt erblickt hatte und kein einziger Tag war seitdem vergangen, an dem Heidruna nicht voller Freude über ihr Kind war. Von Beginn an war Alruna ein fröhliches und ausgeglichenes Kind, welches selten unzufrieden war und auch als Säugling kaum weinte. Als sie größer wurde, liebte sie es, ihrer Mutter bei der Arbeit zuzusehen und versuchte auch selber schon früh, die eine oder andere Tätigkeit der Erwachsenen nachzuahmen. Besonders liebte sie die langen Winterabende, an denen sie der Großmutter, die viele der alten Geschichten zu erzählen wusste, aufmerksam zuhörte. Später, als Alruna ins Bett gehen sollte, erzählte sie diese ihrer Puppe, die ihre Mutter ihr aus ein paar Lumpen genäht hatte. Stolz bemerkte Heidruna, dass ihre Tochter sich wirklich jedes kleine Detail gemerkt hatte und dies war auch sicher einer der Gründe dafür, dass Irmingard ihrer Enkeltochter schon sehr früh die Wirkungsweise und Anwendung diverser heilkräftiger Kräuter beibrachte, denn das kleine Mädchen sog gierig jedes Wissen auf und schien fast nur aus Fragen zu bestehen. Auch Thorbald hatte seine Freude an Alruna und oft nahm er seine Enkeltochter daher mit zur Jagd oder zeigte ihr mit einem kleinen Holzschwert den Umgang mit der Waffe, denn seiner Meinung nach war es in diesen Zeiten für Männer und Frauen gleichermaßen wichtig, sich im Ernstfall verteidigen zu können.
Seit dem verhängnisvollen Tag, an dem sein Nachbar Gunther in Rage von Thorbalds Hof geritten war, hatte sich einiges verändert. Römische Truppen waren weiter ins Landesinnere vorgerückt und versuchten dort befestigte Stellungen zu errichten. Viele Häuptlinge hatten sich die Sitten und Gebräuche der Fremden zu eigen gemacht und eiferten ihnen in ihrem Verhalten nach. Unter diesen war es Mode geworden, die Knaben in jungen Jahren zur Erziehung in das ferne Rom zu schicken, wo sie dann ihre Ausbildung im Kriegshandwerk genossen. Sippen zerfielen, weil sich einzelne den Römern als Verbündete anboten, in der Hoffnung auf schnellen Ruhm, Titel, Ehren und Macht. Andere führten in kleinen Gefechten einen erbitterten Kampf gegen die Besatzer, der aber aussichtslos erschien, denn die Römer waren besser organisiert und der militärische Drill verschmolz ihre Legionen zu einer fast unschlagbaren Einheit. Natürlich mussten diese Truppen auch versorgt werden, und wo die Disziplin der Soldaten schon durch den langen Aufenthalt im ungewohnt rauen Klima zermürbt war, wurden Lebensmittel nicht nur durch Handel erworben. So wurden Dörfer, die auf der Marschroute lagen, auch öfter Opfer von Plünderungen. Setzten sich die Menschen dort verzweifelt zur Wehr, wurden die meisten dahingemetzelt und die Überlebenden in die Sklaverei verkauft. Manchmal überfielen den Römern freundlich gesonnene Gruppen auch ihre Nachbardörfer, um dort Sklaven und Lebensmittel zu erbeuten, die sie dann den römischen Truppen zum Kauf anboten. Das Land war unsicher geworden und die Waffe saß locker. Fremden, denen früher das Gebot der Gastfreundschaft Haus und Hof öffnete, wurde nun in vielen Gegenden mit Misstrauen begegnet, mancherorts jagte man sie gar davon.
Aber das Zusammentreffen von Römern und Einheimischen war nicht überall von negativen Erfahrungen geprägt. Weiter unten im Süden des großen Landes, wo sich die meisten der befestigten Lager befanden, hatten sich nahebei Dörfer gebildet, deren Einwohner einen schwunghaften Handel mit den Römern trieben und so auch ihren eigenen Reichtum vermehrten. So mancher ehrenhaft aus der Legion entlassene Römer nahm sich sogar eine Einheimische zur Frau und gründete an Ort und Stelle eine Familie. In diesen Orten gab es sogar Häuser, die aus Stein gebaut waren und in denen die Römer ihre Götter verehrten. Auch lebten die römischen Besatzer und die einheimische Bevölkerung dort in friedlicher Koexistenz mit- und nebenei­nander. Die Kunde von diesen Orten war bis hoch in den Norden auch in Thorbalds Dorf gelangt, denn die fahrenden Händler, die schöne Stoffe und Schmuckstücke mit sich führten, an denen vor allem die Frauen Gefallen fanden, wussten so einiges über das Leben in diesen großen Dörfern zu erzählen. Über die langanhaltenden Feste dort, die Fröhlichkeit der Menschen, die warmen Winter und noch wärmeren Sommer, in denen sogar hier unbekannte Früchte wuchsen, die die Römer zu einem Getränk vergoren, das eine ähnlich berauschende Wirkung hatte wie das Bier, und welches ‚Wein‘ genannt wurde. Thorbald und die Seinen lauschten gerne den Erzählungen, hielten aber vieles davon für übertrieben, so fremd und fantastisch kamen ihnen oft die bunten Bilder vor, die die Händler mit Worten vor ihrem geistigen Auge entstehen ließen.
Auch jetzt stand wieder der Wagen eines Händlers in Thorbalds Hof. Der Händler selbst war herabgestiegen und ließ sich, umringt von einer Kinderschar und ein paar Erwachsenen, zu den tollsten Erzählungen hinreißen. Auf Thorbalds Hof wurde das Gebot der Gastfreundschaft noch eingehalten und so hatte man dem Reisenden Speis und Trank gereicht. Vor sich hatte er einige der schönen Dinge ausgebreitet, die er mitgebracht hatte und gegen lokale Handelsgüter einzutauschen gedachte. Da lagen bunte Stoffe, Schalen und Töpfe aus rotem Ton, kleine, tönerne Phiolen mit Parfümölen, Amphoren mit Olivenöl und Wein, kleine Tontöpfchen mit duftenden Gewürzen, silberne und goldene Armreifen und Ringe, Ketten mit bunten Glasperlen und gläserne Gefäße, wie sie die Menschen hier noch nie zuvor gesehen hatten. Alruna, die mit ihrer Mutter und Irmingard zusammen nähergetreten war, betrachtete staunend diese fremde Warenwelt. Eine Kette mit blauen Glasperlen hatte es dem Mädchen besonders angetan und bittend blickte sie zu ihrer Mutter auf. Heidruna prüfte gerade die feingewebten Stoffe und erkundigte sich nach dem Preis für eine Amphore des roten Weines. Diesen kochte sie im Winter zusammen mit verschiedenen Gewürzen zu einem stärkenden Getränk, welches die Kälte aus den Knochen vertrieb und die Lebensgeister weckte. Irmingard überlegte gerade, ob sie einen der roten ‚Terra sigillata‘-Tontöpfe für die Küche erstehen sollte. »Mama, schau doch mal!« Alruna zupfte ihre Mutter am Ärmel und versuchte, ihre Aufmerksamkeit auf die Glasperlenkette zu lenken. »Ach Kind, ich habe nichts mehr zum Eintauschen. Ich habe gerade eine gewebte Decke gegen dieses schöne grüne Stück Stoff getauscht, aus welchem ich zwei Sommerkleider nähen werde; eins für mich und eins für dich. Und die wenigen Münzen werde ich für den Wein und die Gewürze brauchen.« Sie zeigte Alruna den Stoff, doch diese verzog nur den Mund. Sommerkleider hatte sie doch schon zwei, wozu brauchte sie denn noch ein weiteres? Schmuck wollte sie haben, denn sie war doch schon fast groß. Im Winter wurde sie bereits elf. In diesem Moment tauchte Thorbald auf, jauchzend begrüßt von Alruna: »Großvater, sieh doch mal die schöne Kette dort!« Thorbald lächelte. Er konnte seiner Enkeltochter kaum einen Wunsch abschlagen und so tauschte er wenig später das Fell eines jungen Wolfes gegen eine Kette mit blauen Glasperlen ein. Viele Waren, auf einheimischer Seite hauptsächlich gewebte Wollstoffe und Felle, aber auch geschmiedete Waffen und der von Stränden weiter nordöstlich stammende und sehr begehrte Bernstein, wechselten an diesem Tag den Besitzer. Auch römisches Münzgeld wanderte von Hand zu Hand und auf beiden Seiten war man davon überzeugt, ein gutes Geschäft gemacht zu haben.
Alruna hing wie ein Klette an ihrem Großvater und bat ihn, ihr die schöne Kette zu geben, aber der lächelte nur verheißungsvoll und meinte: «Warte noch ein Weilchen, mein Kind. Bald wird dein Ehrentag sein und dafür ist diese Kette ein wunderbares Geschenk.« Alruna wurde ganz aufgeregt. Richtig, davon hatten Mutter und Großmutter in letzter Zeit öfter gesprochen, das heißt sie hatten geheimnisvolle Andeutungen gemacht und sich verschwörerisch zugegrinst, wenn sie versucht hatte, mehr zu erfahren und ihre Neugierde kaum noch zügeln konnte. Alruna hatte den beiden Frauen lediglich die Informationen entlocken können, dass sie selbst, zusammen mit den anderen Mädchen des Dorfes aus ihrer Altersgruppe, bald in den Kreis der Frauen aufgenommen werden sollte; aber vorher galt es noch einige Prüfungen zu bestehen. Am nächsten Neumond sollte es soweit sein und seit gestern hatte der Mond sein Antlitz verhüllt, nachdem er in den letzten Nächten nur noch eine schmale Sichel gezeigt hatte, die mehr und mehr abgenommen hatte. Seitdem war kaum ein Tag vergangen, an dem Alruna nicht an diesen besonderen Tag gedacht oder ihre Mutter oder Großmutter mit Fragen gelöchert hatte. Um sie abzulenken, hatte man ihr jede Menge kleinere Aufgaben übertragen, aber die Ablenkung war nie von langer Dauer. Erst der Besuch des Händlers ließ Alruna tatsächlich für einen kurzen Moment das bevorstehende Ereignis vergessen, die Worte des Großvaters aber riefen es sofort wieder in ihr Gedächtnis zurück.
Zwei Tage später erwachte Alruna mitten in der Nacht von einem seltsamen Geräusch. Es hörte sich an wie ein Klingeln, welches durch das Dorf zu wandern schien und immer näher kam. Plötzlich war sie hellwach, als sich die Tür zu ihrer Kammer öffnete und die alte Runa vor ihr stand. Runa war eines Tages im Dorf aufgetaucht und wurde bald bekannt für ihre hochwirksame Kräutermedizin und so mancher, der sich schon an Hels Pforten glaubte, weilte durch Runas Hilfe noch ein paar Jahre länger auf der Welt. Aber sie pflegte nicht nur Umgang mit den Lebenden, und so war sie einerseits geachtet, aber gleichzeitig auch gefürchtet und man war darauf bedacht, es sich nicht mit ihr zu verderben. Ihr Haar war schlohweiß und hing ihr für gewöhnlich in langen Flechten vom Kopf herab. Ihr Gesicht war wettergegerbt und all die vielen Jahre, die ihr Leben nun schon andauerte, hatten dort ihre sichtbaren Spuren hinterlassen. Aber ihre wasserblauen Augen blitzten unternehmungslustig und strahlten so viel Energie aus, als würden sie zu einem jungen Mädchen gehören und auch ihr Mund hatte das Lachen nie verlernt. Doch heute wirkte Runa ziemlich ernst und strahlte eine Bestimmtheit aus, die keinen Zweifel daran ließ, dass etwas Bedeutendes im Gange war. Nun deutete sie Alruna mit einem kurzen Kopfnicken an, dass sie ihr folgen sollte. Das Mädchen wollte sich ein frisches Obergewand anziehen, aber Runa schüttelte den Kopf und trieb sie wortlos zur Eile an. Schweigend folgte das Mädchen ihr aus ihrer Kammer vor die Hütte, die sie zusammen mit ihrer Mutter bewohnte. Zu Alrunas Überraschung war diese aber nirgendwo zu sehen und so konnte sich das Mädchen nicht einmal von ihr verabschieden. Dafür wartete vor der Hütte eine Gruppe Mädchen, alle in ihren Hemdchen. Genau wie Alruna hatte man sie aus dem Bett geholt und ihnen keine Gelegenheit gegeben, sich anzukleiden, irgendetwas mitzunehmen oder sich gar zu verabschieden. Alle schienen aufgeregt zu sein, aber keine von ihnen sagte ein Wort, auch zu flüstern wagte keine; zu ernst ruhten die Augen von zwei weiteren Frauen auf ihnen, die ebenfalls bei der Gruppe standen. Alruna erkannte in ihnen Gefjon und Swawa, die beide, genau wie die alte Runa, ebenfalls Angehörige des Ältestenrates waren, zu dem auch Alrunas Großmutter gehörte und der bei bestimmten Fragen angehört wurde. Die alte Runa führte Alruna zu der Mädchengruppe und schon setzten sich alle in Bewegung. Schweigsam folgten die Mädchen den beiden Ältesten. Runa ging hinter der Gruppe und achtete darauf, dass niemand zurückblieb. Der schmale Sichelmond am samtschwarzen Himmel schien ihnen ein geheimnisvolles Lächeln zuzuwerfen, als sie aus dem Dorf hinausgingen und den heiligen Hain betraten. Immer tiefer und tiefer führten die Ältesten die Gruppe der jungen Mädchen. So manch eine sah sich furchtsam um und bohrte ihre Augen in die Dunkelheit, in der Hoffnung, dort irgendetwas zu erkennen. Doch nichts außer tiefer Schwärze bot sich ihren Augen dar.
Plötzlich blieben die vorderen Frauen stehen und die Mädchen taten es ihnen nach. Vor ihnen war ein Geflecht aus Weidenruten zu erkennen, welches wie ein Zaun ein Stück des Hains vom übrigen Wald abgrenzte. Viele der Weidenruten waren angewachsen und hatten Blätter ausgetrieben, sodass es bei Tageslicht wohl aussehen mochte wie eine grüne Wand. Ein paar Meter noch ging die Gruppe an dieser Wand entlang, bis sie zu einer Stelle kamen, an der sich eine Öffnung im Geflecht befand, gerade groß genug um eine einzelne Person hindurchzulassen. Durch diese Öffnung nun traten die Mädchen nacheinander in den umgrenzten Bezirk ein und befanden sich in einem Waldstück, in dem der Baumbestand nicht mehr so dicht war wie im übrigen Wald. Von irgendwo in der Nähe hörte man das Plätschern eines Baches. Ein kleines Feuer, über dem an einem Gestell ein Kessel hing, in dem es duftend brodelte, war entfacht worden und warf seinen Schein in die Runde. Rings um das Feuer hatte man Farnkraut aufgeschüttet und mit Schaffellen abgedeckt. Dorthin brachte man nun die Mädchen, die sich sofort auf den Fellen niederließen. Die alte Runa schöpfte nun aus dem Kessel einen wärmenden Trank und reichte ihn den Mädchen. Dann richtete sie das Wort an die Kinder: »Dies ist der Tag, auf den ihr schon so lange gewartet habt. Ihr habt das Haus eurer Kindheit verlassen und werdet nun den Weg zur Frau betreten. Dies ist ein Schritt ohne Wiederkehr. Wenn ihr nach eurer Prüfung wieder zurückkehrt zu euren Familien, wird nichts mehr so sein wie bisher. Nun ruht euch noch ein wenig aus und sammelt Kraft. Sobald die Sonne erwacht, beginnen eure Unterweisungen.«
Alruna hörte trotz ihrer Müdigkeit aufmerksam zu. Sie erinnerte sich an eine Geschichte, die ihr ihre Mutter einmal erzählt hatte, allerdings nur andeutungsweise. So war zu der Zeit ihrer Mutter eines der Mädchen nicht mehr aus dem Hain zurückgekehrt. Es ging das Gerücht um, sie sei von einem Bären zerrissen worden, andere sagten, sie habe die Prüfung nicht bestanden und die Götter hätten sie zu sich geholt. Die anderen Mädchen schienen ebenfalls Kenntnis von dieser Geschichte zu haben, denn die Angst war ihnen deutlich anzusehen, als Runa die Worte vom Schritt ohne Wiederkehr sprach. So war an Schlaf bei den meisten natürlich nicht zu denken und unruhig wälzten sie sich hin und her, bis auch sie schließlich die Müdigkeit übermannte und der Schlaf seinen Tribut forderte.
Alruna fand sich bald in einem Traum wieder, in dem sie hinter einem unbekannten Wild herzuhetzen schien, welches sie narrte und mal hier und mal dort auftauchte, sie aber niemals nah genug herankommen ließ. Bald meinte sie einem Hirsch hinterherzujagen, bald schien ihr der Verfolgte eine menschliche Gestalt zu haben. Völlig ermattet erwachte sie schließlich und sah den Platz in das blaue Licht des neuen Morgens getaucht. Um sie herum erwachten die anderen Mädchen ebenfalls. Nach einem kurzen Frühstück, welches aus einem warmen Kräutertee und duftendem Fladenbrot bestand, sammelten sich die Mädchen um Gefjon und Swawa, die die Gruppe in den Hain hinaus führten, wo sie Kräuter, Beeren und Wurzeln sammelten, aber auch lernten, kleine Fallen aufzustellen, in denen sie Kaninchen fingen. In den nächsten Wochen verwendeten Gefjon und Swawa während der morgendlichen Ausflüge viel Zeit darauf, den Mädchen so viel wie möglich über die verschiedenen essbaren Pflanzen, ihre schmackhafte Zubereitung und Haltbarmachung und den richtigen Umgang mit den heilkräftigen Kräutern beizubringen. Die Kinder lernten, zu welcher Tageszeit man welche Heilkräuter sammelte, welchen Teil der Pflanze man benutzte, wie man sie trocknete und wogegen man sie anwendete. Nachmittags übten sich die Mädchen im Herstellen von tönernen Gefäßen und geflochtenen Körben, spannen Wolle, Flachs oder woben feine und grobe Stoffe. Der morgendliche und auch nachmittägliche Teil des Unterrichts war mehr dem eher unbeliebten Pflichtprogramm zuzurechnen, da die Mädchen schon durch das Helfen im mütterlichen Haushalt über ein mehr oder weniger weitreichendes Grundwissen in diesen Dingen verfügten. Dafür war der Unterricht am Abend bei allen umso beliebter und wurde stets ungeduldig herbeigesehnt. Dann nämlich versammelten sich die Mädchen in einem Kreis um ihre Lehrerinnen, welche nun ihren gesamten Wissensschatz über die Künste der Verführung, der Partnersuche, Hochzeit, Schwangerschaft, Geburt, Verhütung und Kinderpflege an die jungen Mädchen weitergaben, die glucksend kichernd den Ausführungen von Gefjon und Swawa lauschten. Auch Runa beteiligte sich an diesen Abenden und weihte, verschwörerisch flüsternd, die Mädchen in die Künste des Liebeszaubers ein, wobei sie es verstand, immer wieder Geschichten mit einzustreuen, welche die Wirksamkeit dieser Zauber unterstreichen sollten und die die eher schüchternen unter den Mädchen schamhaft erröten ließen. Alruna waren diese Lektionen die liebsten, denn schon oft hatte sie ihre Mutter verwundert nach dem Verbleib ihres Vaters gefragt und von dieser nur dunkle Andeutungen erhalten, die sie aber niemals wirklich zufrieden stellten. Sie hatte aber das instinktive Gefühl, dass ihre Mutter noch nicht bereit war, ihr das Geheimnis zu enthüllen, welches ihren Vater umgab und dass sie sich das Recht auf eine klärende Antwort erst durch ihre Aufnahme in den Kreis der erwachsenen Frauen erwerben musste.
Der Mond nahm zu, erschien in seiner vollen Pracht und nahm wieder ab. Da eröffnete ihnen Runa eines Abends, dass sich die Zeit ihrer Ausbildung nun dem Ende zuneigen würde und am nächsten Tag die Phase der Prüfungen beginnen würde. An diesem Abend fand kein Unterricht mehr statt, stattdessen überreichte die alte Frau jedem der Mädchen ein neues, kurzes Gewand, welches aus Leder bestand und mit roten Zeichen verziert war, sowie einen Beutel aus einer Schweinsblase, gefüllt mit frischem Quellwasser. »Diese Kleidung werdet ihr morgen in aller Frühe anlegen, euren Wasservorrat nehmen und euch dann am Ausgang des umfriedeten Bezirks sammeln. Dort werden wir euch bereits erwarten. Alles Weitere erfahrt ihr dann morgen.«
Am nächsten Morgen machte sich die Gruppe erneut auf den Weg in den Hain hinaus, aber diesmal wurden keine Pflanzen gesammelt; stattdessen führten die alten Frauen jedes Mädchen auf einen eigenen Platz, fern von den anderen, irgendwo im Wald, hießen es sich dort in einem gezogenen Kreis niederzusetzen und wiesen es an, diesen Ort nicht zu verlassen, bis eine der Frauen käme, um das Kind abzuholen. Alruna sah den alten Frauen nach, wie sie mit den restlichen Mädchen, die noch keinen Platz angewiesen bekommen hatten, zwischen den Bäumen verschwanden. Sie war allein. Um sie herum malte die Sonne Kringel aus Licht auf den Boden, dicke Hummeln summten durch die Luft und hoch oben in den Ästen sangen Vögel ihr fröhliches Lied, von irgendwoher konnte man einen Specht klopfen hören. Eine friedliche und auch feierliche Stimmung lag in der Luft. Alruna machte es sich bequem und sah dem Treiben um sich herum zu. So intensiv hatte sie den Wald noch nie wahrgenommen. Ein kleiner Vogel flog an ihr vorbei, ließ sich direkt auf einem Ast nur eine Armlänge von ihr entfernt nieder und zwitscherte vergnügt vor sich hin. Ein berauschender Duft lag in der Luft, süß und gleichzeitig schwer, wie eine Sommerwiese voller Kräuter, auf die soeben ein Sommerregen mit seinen warmen, dicken und weichen Tropfen niedergegangen war. Der kleine Vogel sang und irgendwo aus den oberen Ästen einer Fichte erhielt er seine Antwort. Hin und her ging dieser gesungene Dialog und Alruna hörte fasziniert zu. Ein Kribbeln richtete ihre Aufmerksamkeit auf ihre linke Hand, mit der sie sich am Boden abstützte, und sie sah einen kleinen, roten Käfer mit schwarzen Punkten, der über dieses für ihn ungewohnte Hindernis krabbelte. Eine Spinne seilte sich von einem Ast über Alruna ab und geriet in ihr Blickfeld. Irritiert über diese unbemerkte Annährung direkt vor ihrem Gesicht, wich das Mädchen ein wenig zurück. Der kleine Vogel sah erschocken auf und flatterte davon, um sich kurz darauf auf einem anderen Ast, etwas weiter entfernt niederzulassen und erneut den Wechselgesang mit seinem Duettpartner hoch in den Bäumen fortzusetzen.
Eine schläfrige Stimmung übermannte das Kind und es legte sich bequem auf den weichen Waldboden, wo es schon bald in einen leichten Schlaf fiel.
Als Alruna erwachte, war die Dämmerung hereingebrochen. Der kleine Vogel war nicht mehr zu sehen oder zu hören, stattdessen erklang das heisere Krächzen von Krähen hoch über ihr. Mit einem Ruck setzte sie sich auf. Wo waren bloß die anderen? Holten die Frauen sie nicht ab, oder hatte man sie vergessen? Es wurde doch bald dunkel und nachts streiften allerhand Raubtiere durch den Wald. Immer wieder hatte man ihr als kleines Kind eingeschärft, den Wald nach Einbruch der Dunkelheit nicht alleine zu betreten, und nun saß sie hier, mitten im Hain, und weit und breit war keine Menschenseele zu bemerken. Alruna bekam Angst. Kurz kam ihr der Gedanke in den Sinn, einfach aufzustehen und alleine zu dem Waldstück zurückzugehen, in dem sie und die anderen Mädchen die letzten Wochen gewohnt hatten, aber dann verwarf sie den Gedanken. Zu eindringlich war die Anweisung der älteren Frauen gewesen, den ihr zugewiesenen Platz nicht zu verlassen, bis sie geholt werden würde. Alruna nahm einen Schluck aus ihrem Wasserbeutel und beschloss, so lange an dieser Stelle auszuharren, bis eine der alten Frauen auftauchen würde, um sie zu erlösen. Sie zog ihre Beine näher an sich, bedeckte sie so gut es möglich war mit dem Unterteil ihres Gewandes, da sie zu frieren begann, und starrte hinaus in das Dämmerlicht, das langsam einer undurchdringlichen Dunkelheit wich. Um sie he­rum geriet der Wald in Aufruhr, als eine Eule erwachte und ihren allabendlichen Streifzug begann. Fast lautlos glitt sie an Alruna vorbei, ein großes, majestätisches Tier mit orangeroten Augen und einem kräftigen Schnabel. Nur das panische Quieken einer Maus war zu hören, als die Eule sich auf ihre Beute stürzte, die sich unvorsichtigerweise gerade in dem Moment aus ihrem Bau gewagt hatte, als die Eule sie auch schon erspähte und mit ihren scharfen Krallen ergriff. Dann begann sie ihre Beute zu verspeisen, erhob sich erneut in die Lüfte und setzte ihren lautlosen Flug fort.
Plötzlich hörte Alruna ein Knacken im Unterholz, als ob sich jemand näherte. Erfreut wollte sie schon aufspringen und auf sich aufmerksam machen, da nahm sie noch einen weiteren Ton wahr, ein Schnaufen und Schnauben. Dies machte ihr eindeutig klar, dass sich nicht etwa die herbeigesehnten Frauen ihrem Lagerplatz näherten, sondern ein sehr großes Tier auf sie zukam. Starr vor Schreck erkannte sie einen großen Bären, der die Nase dicht am Boden hielt und ihn mit seinen kräftigen Klauen aufgrub. Plötzlich richtete sich der Bär zu seiner ganzen imposanten Größe auf, grub seine Krallen in die Rinde eines nahestehenden Baums und zerfetzte sie. Dann ließ er vom Baum ab und kam langsam auf Alruna zugewatschelt, die sich panisch ganz klein zusammengekauert hatte und ein Stoßgebet an die Götter schickte, sie mögen sie doch davor bewahren, diesem Bären zum Opfer zu fallen. Nun kamen ihr auch wieder die Geschichten in den Sinn, von Männern, die während des Holzmachens von wildgewordenen Bären angefallen worden waren, und auch die Erzählung ihrer Mutter über das Verschwinden eines Mädchens während der Zeit der Prüfungen fiel ihr wieder ein. Unfähig sich zu rühren, starrte Alruna nun den Bären an, der immer näher und näher kam. Kurz vor dem Kreis hielt er an und senkte wieder seine Nase auf den Erdboden. Warm blies er den Atem aus seinen Nasenlöchern, als er nun die Markierung des Kreises beschnüffelte. Dann hob er den Kopf und sah sie an. Das Mädchen blickte in die kleinen, braunen Augen des Bären und die Angst fiel plötzlich von ihr ab. Für einen Moment war es so, als würden die beiden eine Art stummen Gruß austauschen, dann drehte sich der Bär um und verschwand wieder im Wald. Alruna blieb mit einem überwältigenden Gefühl der Ruhe und Zuversicht zurück. Sie wusste nun, dass ihr nichts passieren würde und dass sie dort, wo sie sich befand, sicher war. Mit diesem Gefühl schlief sie erneut ein und erwachte erst, als die Sonne schon hoch am Himmel stand. Ihr knurrender Magen erinnerte sie daran, dass sie gestern Morgen die letzte Mahlzeit zu sich genommen hatte, doch sie hatte keine Nahrung bei sich, um das Hungergefühl zu stillen, und so blieb ihr nur ein langer Schluck aus dem Wasserbeutel. Auf einmal kam ihr wieder die nächtliche Begegnung mit dem Bären in den Sinn. Nun schien ihr das Ganze ein Traum gewesen zu sein, da der letzte Eindruck dieses Zusammentreffens der wortlose, kurze Dialog mit dem Bären war, der sie erkannt zu haben schien und ihr das Gefühl vermittelte, selbst ein Teil des Bären zu sein. Während sie noch über diesen seltsamen Traum nachgrübelte, fiel ihr Blick auf eine Stelle vor ihrem Schutzkreis und sie bemerkte in dem weichen Waldboden die tiefen Abdrücke von großen Pfoten. Also hatte sie nicht geträumt und die Begegnung hatte tatsächlich stattgefunden. Erneut durchströmte sie ein Gefühl von Glück, Vertrauen und Zuversicht. Sie hatte plötzlich die Gewissheit, dass sie noch eine weitere Nacht im Wald ausharren musste, aber diesmal machte ihr der Gedanke keine Angst. In sich versunken betrachtete sie die Umgebung. Der Wald schien von einem eigenartigen Leuchten erfüllt zu sein; ein Licht, welches alles durchdrang und auch sie selbst innerlich erhellte. Das Zwitschern der Vögel, dem sie schon gestern gelauscht hatte, schien heute eine andere Intensität zu haben. Es war von einer Eindringlichkeit, als wolle es allen Waldwesen mitteilen, dass tief in Alruna etwas erwachte, etwas Uraltes, Geheimnisvolles und zugleich seltsam Vertrautes, welches sie mit dem Wald und all seinen Wesen eins werden ließ, so als seien sie alle durch ein unsichtbares Band miteinander verknüpft wie die Mitglieder einer großen Familie.
Auf einmal stand, wie aus dem Boden gewachsen, ein Mann vor Alruna. Sie hatte ihn gar nicht kommen gehört und war über alle Maßen erschrocken, als sie ihn jetzt plötzlich wahrnahm. Er war jung und wirkte sehr kräftig. Obwohl er ein wildes Aussehen hatte, da er nur mit Wolfsfellen bekleidet war, wirkte er doch gleichzeitig als sei er von edler Abstammung. Er hatte ein ebenmäßig geformtes Gesicht, welches von langen, dunklen Haaren eingerahmt wurde. Seine braunen Augen funkelten unternehmungslustig und sein Bart war sorgfältig gestutzt. Eine tiefe Ruhe und unglaubliche Kraft ging von ihm aus, als er jetzt das Wort an Alruna richtete: »Nun meine Tochter, hat der Wald bereits zu dir gesprochen?« Bei der Anrede zuckte Alruna zusammen und die Gewissheit traf sie wie ein Schlag. Dieser Mann musste ihr Vater sein, der Mensch, über den Mutter immer nur in dunklen Andeutungen sprach und von dem sie so gut wie gar nichts wusste. Aber wie war das möglich, er schien nur wenig älter als sie selbst zu sein. Als könne er ihre Gedanken lesen, grinste der Mann über das ganze Gesicht: »Ich bin ein Teil des Waldes, und so, wie die Natur als Ganzes jedes Jahr wiedergeboren wird, werden auch meine Kräfte bei jedem Sonnenlauf erneuert. Aber vielleicht erscheint es dir einfacher, mir Glauben zu schenken, wenn ich mich einer angemesseneren Gestalt bediene.« Mit diesen Worten wandelte er sich vor Alrunas Augen in einen älteren Mann, der nun zur Generation ihrer Mutter zu gehören schien. Erstaunt hatte Alruna dieser Verwandlung zugesehen. Nichts erschien ihr daran unheimlich oder erschreckend und sie ließ nun einen erleichterten Seufzer hören, als der Mann den Kreis betrat und sie in seine Arme schloss. Wie lange schon hatte sie diesen Moment unbewusst herbeigesehnt. Immer, wenn sie die anderen Kinder mit ihren Vätern herumtoben sah, wurde ihr schmerzhaft bewusst, dass sie niemals diese Freude kennen lernen würde. Natürlich hatte sich ihr Großvater sehr um sie bemüht und versucht, ihr so gut es ging den Vater zu ersetzen, aber er konnte mit einem echten Vater nicht mithalten. Heidruna hatte nach der Begegnung im Wald niemals daran gedacht, sich mit einem anderen Mann zu vermählen, und so war Alruna eben ohne Vater aufgewachsen. Aber nun hatte sie endlich ihren Vater gefunden oder besser gesagt, er war zu ihr gekommen. »Komm mit mir mit, meine Tochter, ich werde dir etwas zeigen«, sprach er, doch Alruna schüttelte den Kopf, deutete auf den Schutzkreis und meinte: »Ich soll diesen Kreis nicht verlassen.« Lächelnd blickte er sie an: »Du wirst diesen Kreis nicht verlassen, meine Tochter, vertrau mir.« Und damit hob er sie hoch und trug sie in den Hain hinein. Verwundert wurde Alruna gewahr, dass sich um sie herum ein Kreis wie aus schimmerndem Mondlicht gebildet hatte, in dessen Zentrum sie sich stets befand. Tiefer und tiefer wurde sie in den Hain hineingetragen. Uralte, moosbedeckte Bäume wuchsen dort, deren Äste so weit nach oben reichten, dass man nur ahnen konnte, wo sie aufhörten. Plötzlich hielt ihr Vater inne. Sie hatten einen Platz erreicht, der von hohen, stehenden Steinen umrahmt wurde. Dort wurde sie vorsichtig im Gras abgesetzt. »Schließe deine Augen und trink.« Mit diesen Worten reichte er ihr einen Becher mit einer dunklen, süßlich riechenden Flüssigkeit. Alruna tat wie ihr geheißen. Trotz der Süße schmeckte sie auch ein wenig Bitterkeit aus diesem Trank, doch da sie diesem Fremden, der ihr Vater war, vertraute, trank sie alles aus. Als sie ihre Augen wieder öffnete, schien sich das Schimmern, welches noch immer von dem sie umgebenden Kreis ausging, auch auf einige nahestehende Pflanzen ausgebreitet zu haben. Mehrmals blinzelte das Mädchen mit den Augen, weil sie dachte, einer Sinnestäuschung zu unterliegen. »Nun, meine Tochter, was siehst du?«, fragte ihr Vater, der sie amüsiert beobachtet hatte. Das Mädchen war aufgesprungen. »Die Pflanzen dort, sie scheinen so eigenartig zu leuchten. Ich kenne die Pflanze, es ist das Wundkraut, aus dem man eine Salbe gegen das Reißen macht. Aber warum leuchtet sie so eigenartig?« – »Sie leuchtet immer so, aber nur wenige können das Leuchten erkennen. Alle heilkräftigen Dinge haben dieses Leuchten. Aber sag mir, was siehst du noch?« Alruna blickte sich um, sah an sich herab und bemerkte mit Erstaunen, dass dieses eigenartige Leuchten nun auch von ihren Händen auszugehen schien. Wieder war es so, als könne ihr Vater ihre Gedanken lesen. »Ja, auch deine Hände besitzen heilerische Kräfte.« Und damit führte er sie in den Steinkreis hinein an eine Stelle, an der sich im hohen Gras etwas zu bewegen schien. Als sie näherkamen, erkannte Alruna eine große Katze, die dort lag und sich unablässig ihre linke Vorderpfote leckte. Als die Katze die beiden sah, sprang sie auf und lief humpelnd ein paar Schritte fort, blieb dann aber sogleich stehen, als der Mann auf sie einsprach, und legte sich wieder hin. Alruna konnte äußerlich keine Verletzung feststellen, die sich mit dem Humpeln in Verbindung bringen ließ, und doch musste dieses Tier Schmerzen haben. Als sie genauer hinsah, bemerkte sie, dass an der Pfote der Katze eine Art dunkler Rauch zu sehen war. Ohne nachzudenken kniete das Mädchen neben dem verletzten Tier nieder und legte vorsichtig ihre Hand auf diese Stelle. Die Katze blieb ganz ruhig liegen und begann zu schnurren. Das Schimmern, das von den Händen des Mädchens ausging, mischte sich nun mit dem dunklen Rauch an der Pfote des Tieres und löste diesen auf, bis nur noch ein helles Leuchten übrig blieb. Die Katze sah Alruna mit ihren grünen Augen an, rieb den Kopf an ihrer Hand und leckte ihr mit ihrer rauen Zunge über die Finger. Als das Mädchen wieder aufsah, bemerkte sie, dass sich ein großer Bär neben ihren Vater gestellt hatte, während sie mit der Katze beschäftigt gewesen war. Alruna meinte in ihm den Bären zu erkennen, der letzte Nacht zu ihr an den Kreis gekommen war, und blickte ihren Vater fragend an. Dieser bestätigte ihre Vermutung und setzte erklärend hinzu: »Er hat dich nicht angerührt, weil er gespürt hat, dass du ein Teil des Waldes geworden bist. Alle aus eurem Dorf, die ihre Zeit der Prüfung im Wald verbringen, können diese Verbundenheit mit dem Wald und allem was in ihm lebt erfahren, aber einige wenige verschließen sich diesem Erlebnis und bleiben damit auch sich selbst für immer fremd. Dieser Bär hier hat zu dir allerdings eine ganz besondere Verbindung, wie ein Bruder zu seiner Schwester. Auch wenn dir diese Worte jetzt fremd und verwirrend vorkommen, weiß ich, dass du eines Tages verstehen wirst, was ich meine.« Mit diesen Worten überreichte er ihr ein Lederband, an dem ein kleiner, spitzer Zahn hing und fügte hinzu: »Dies ist ein Milchzahn des Bären. Ich möchte, dass du ihn immer bei dir trägst, als Erinnerung an deine Zeit der Prüfung. Solltest du jemals meine Hilfe benötigen, dann gehe einfach in den Wald hinaus und rufe nach mir. Ich werde dich hören. Aber jetzt wird es Zeit, dich zurück an deinen Platz zu bringen, denn die alte Runa ist schon auf dem Weg, dich zu holen.« Alruna wollte noch so viel fragen, doch ehe sie es sich versah, saß sie schon wieder auf dem Platz, an den sie vor einiger Zeit von den alten Frauen gebracht worden war und ihr Vater, die Katze, der Bär und der Steinkreis waren verschwunden. Tränen rannen über ihre Wangen, denn allzu kurz war die Zeit, die sie nach jahrelangem Sehnen mit ihrem Vater verbringen konnte. Fast schon glaubte sie nur geträumt zu haben, da bemerkte sie unter ihrem Hemd an einem Lederband den Zahn des Bären, den ihr ihr Vater überreicht hatte, und sie schloss ihre Hand darum. Im selben Augenblick durchströmte sie ein Gefühl des Friedens und der Zuversicht und erneut schossen ihr Tränen in die Augen, aber diesmal weinte sie vor Glück.
So fand Runa sie wenig später vor, als sie den Platz betrat. Alruna wischte sich die Tränen mit dem Handrücken vom Gesicht und blickte die alte Frau an. Auch von ihr schien dieser seltsame Schimmer auszugehen. »Ich sehe, du hast deine Kraft gefunden und eine Antwort auf deine Fragen. Nun bist du eine wahre Tochter des Waldes«, begrüßte Runa sie. Alruna erhob sich von ihrem Platz und trat aus dem Kreis auf die alte Frau zu. Wortlos umarmte sie sie. »Lass uns gehen, die anderen warten schon.« Auf dem Weg zurück zum Lager erzählte das Mädchen der alten Runa ihr Erlebnis, sie ließ nichts aus und zeigte ihr am Schluss auch den Bärenzahn, den sie von ihrem Vater erhalten hatte. »Eine kraftvolle Begegnung hattest du. Mächtig und voller Schönheit, so wie die Gabe, die du an dir entdeckt hast. Mächtig auch das Geschenk des Bären. Doch dein Weg wird nicht einfach sein. Viele Schmerzen wirst du durchleiden müssen, bevor du deine Bestimmung erkennst.« Runa war in einen leicht monotonen Singsang gefallen, als sie die letzten Worte sprach und ihre Augen schienen einen Punkt in weiter Ferne zu fixieren. Unterdessen waren die beiden am umzäunten Bezirk angekommen und traten durch den Eingang. Die anderen Mädchen saßen schon gemeinsam mit Gefjon und Swawa um ein Feuer und unterhielten sich. Als sie die jüngere und die ältere Frau bemerkten, blickten sie auf und die Unterhaltung verstummte. Freudig wollte Alruna auf sie zugehen und sie begrüßen, da stellte Runa sich ihr in den Weg: »Einen Moment noch, mein Kind. Bevor du zu deinen Freundinnen zurückkehren kannst, haben wir beide noch etwas zu erledigen.« Sie drehte ihr den Rücken zu und setzte sich in Bewegung, auf eine der Behausungen zu, die die alten Frauen bewohnten. Alruna folgte ihr und betrat das Dunkel einer Hütte. Als sich ihre Augen an das Dämmerlicht gewöhnt hatten, sah sie ein Bett und eine Truhe. Auch eine Feuerstelle befand sich in diesem fensterlosen Raum und an einem Gestell über der Feuerstelle hing ein kleiner, rußgeschwärzter Kessel. Runa deutete auf ein Fell am Boden und das Mädchen ließ sich dort nieder. Nun entnahm die alte Frau der Truhe einen kleinen, länglichen Gegenstand, der sich beim näheren Hinsehen als Flöte entpuppte, die aus einem Knochen hergestellt zu sein schien. Erneut wühlte Runa in der Truhe und brachte eine kleine, tönerne Flasche zum Vorschein, welche sie jetzt öffnete. Kurz roch sie am Inhalt, dann goss sie etwas davon in einen Becher und reichte ihn Alruna. Angewidert verzog diese das Gesicht, das Getränk roch für sie einfach nur eklig. Doch die alte Frau schien keinen Widerspruch zu dulden, zu entschlossen war ihre Miene und so leerte Alruna den Inhalt des Bechers mit einem Zug. Runa setzte sich ihr gegenüber und begann eine monotone, aber eingängige Melodie auf der Flöte zu spielen. Eine tiefe Schläfrigkeit erfasste Alruna und sie glitt langsam in das Reich der Träume hinüber. Sie befand sich wieder im Hain und Runa begleitete sie. Nach einiger Zeit gelangten sie an eine große Höhle, vor der ein Mann an einem Feuer saß und sie schon erwartet zu haben schien. Runa und der Mann begrüßten sich vertraut und mit einem Blick auf Alruna bemerkte die alte Frau: »Ich bringe dir hier eine der unseren.« Der Mann kam nun auf Alruna zu und sah ihr direkt in die Augen. Er wirkte seltsam vertraut auf Alruna, aber sie war sich sicher, ihn nie zuvor gesehen zu haben. Ihr wurde schwindelig und sie fragte sich, was für ein merkwürdiger Traum dies wohl war. Zu Runa gewandt entgegnete der Mann: »Sie ist eine von uns, aber sie trägt noch kein Zeichen des Bundes.« Alruna wurde zunehmend verwirrter. Was für ein Zeichen, und was für ein Bund, und war dies hier wirklich nur ein Traum? Noch während sie darüber nachdachte, änderte der Mann plötzlich seine Gestalt und vor sich sah sie einen großen Bären, so groß wie sie noch nie einen gesehen hatte. Langsam richtete der Bär sich auf und ging einen Schritt auf sie zu. Ängstlich wich Alruna zurück, drehte sich um und wollte davonlaufen, da stolperte sie über eine Wurzel und fiel der Länge nach hin, aufs Gesicht. Sie wollte sich gerade aufrappeln, da hörte sie ein Brummen und spürte einen stechenden Schmerz an ihrer linken Schulter. Reflexartig legte sie ihre Hand auf die Stelle, zog diese aber sofort zurück, als sie eine warme, klebrige Flüssigkeit spürte. Panisch sprang sie auf und wollte sich vor dem Bären in Sicherheit bringen, da erkannte sie, dass der Bär nirgendwo mehr zu sehen war und stattdessen wieder der Mann vor ihr stand. Sofort war Alrunas Angst verflogen, aber nun zog das Pochen der Wunde ihre Aufmerksamkeit auf sich. Von irgendwoher sah sie Runa herbeieilen, mit einem Bündel Kräuter in der Hand, die sie auf die Wunde legte, nicht ohne vorher noch eine Substanz auf die Wunde zu reiben. Das Brennen, welches durch die Salbe verursacht wurde, ließ das Mädchen aufstöhnen und auf einmal wurde sie gewahr, dass sie in Runas Hütte auf dem Boden lag. Diese kniete über ihr und versorgte die fünf tiefen, blutigen Striemen, die der Bär in Alrunas Schulter geschlagen hatte. »Keine Angst, er hat dich nicht ernsthaft verletzt. Du trägst nun das Zeichen des Bundes zwischen Mensch und Tier und die deinen werden dich immer daran erkennen.« Alruna wollte noch so viele Fragen stellen, aber die alte Frau, die ihren Gesichtsausdruck zu deuten wusste, winkte ab: »Später ist noch genügend Gelegenheit dazu. Einiges wird sich mit der Zeit von selber klären. Nun geh zurück zu den anderen und leg dich schlafen, morgen wird für euch alle ein langer Tag werden.«
Alruna suchte die Gruppe der Mädchen auf und obwohl die frische Wunde schmerzte, fiel sie bald in einen tiefen Schlaf. Im Traum erschien ihr der Bär und leckte sanft mit seiner Zunge die Stelle, an der sie der Prankenhieb getroffen hatte.
Als sie am nächsten Morgen erwachte, war der Schmerz verschwunden und nur noch die verletzte Haut zeugte von ihrer unwirklichen Begegnung mit dem Bärenmann. Als Alruna leicht über die Stelle strich, traf ihr Blick den eines der anderen Mädchen und kurz schob diese das Gewand auf ihrer linken Schulter zur Seite, sodass dort ebenfalls fünf Striemen sichtbar wurden. Für einen Augenblick grinsten sich die beiden an, dann traten auch schon Gefjon und Swawa zu ihnen und trieben die Mädchen zur Eile an, denn heute war endlich der langersehnte Tag gekommen, an dem sie in den Kreis der Frauen aufgenommen werden sollten.
Langsam machte sich Unruhe breit, denn nach und nach trafen einige erwachsene Frauen aus dem Dorf in dem umzäunten Waldstück ein, um das Fest vorzubereiten. Den Mädchen wurde ein Platz bei Runas Hütte zugewiesen, an dem sie zu warten hatten. Niemand schien sich um sie zu kümmern und so vertrieben sie sich die Zeit mit Spielen und Erzählen. Gegen Mittag brachte man ihnen etwas Fladenbrot und saure Milch und überließ sie dann weiterhin sich selbst. Viele hatten jedoch vor Aufregung keinen Hunger und betrachteten nur neugierig die Frauen, die sich nun zu einem Kreis in Sichtweite der Kinder zusammengefunden hatten. Eine erwartungsvolle Stimmung lag über dem Platz, als die Frauen nun, begleitet von rhythmischem Klatschen und Singen, zu tanzen begannen, sich rechtsherum im Kreis bewegten, auf die Mitte zu- und wieder zurückgingen. Das Klatschen und Singen steigerte sich immer mehr und die Spannung wuchs ins Unermessliche. Auf einmal lösten sich Gefjon und Swawa aus dem Frauenkreis und kamen auf die Mädchen zu. Sie winkten eines der Mädchen zu sich und bedeuteten ihr, mitzukommen. Die anderen blieben erwartungsvoll gespannt zurück. Von weitem sahen sie, wie ihre Gefährtin in den Kreis der Frauen geführt wurde, der sie regelrecht zu verschlucken schien. Dann ertönte wieder das Singen und Klatschen und plötzlich durchschnitt ein spitzer Schrei die Luft, in den weitere Frauen einfielen. Nun begannen die Frauen wieder zu tanzen und unter ihnen konnte man nun das junge Mädchen erkennen, welches mit roten Bändern geschmückt zuerst noch unbeholfen, dann von Schritt zu Schritt sicherer mittanzte. Die beiden Alten kamen erneut auf die Kinder zu und deuteten wieder auf ein Mädchen, welches ihnen in den Frauenkreis folgte. Ein Kind nach dem anderen wurde so zum Kreis der Frauen gebracht, bis die Reihe an Alruna war. Als sich der Kreis der Frauen hinter ihr schloss, bemerkte sie einen freien Platz in der Kreismitte. Dort kauerte Runa, in einer Hand einen kleinen Tiegel mit einer schwarzen Flüssigkeit und in der anderen einen spitzen Gegenstand, den Alruna aber nicht genau erkennen konnte. Heidruna begrüßte ihre Tochter mit einer kurzen Umarmung und drückte sie dann sanft nach unten, sodass sie auf dem Boden zu sitzen kam. Ihr Gewand wurde abgestreift und Runa begann nun, mit einem Dorn, der mit einem Wollfaden umwickelt und zuvor in die Flüssigkeit getaucht worden war, eine kleine Linie in Alrunas Haut einzustechen, die oberhalb ihres Bauchnabels begann und sich hinauf bis zu ihren Brüsten zog. Wieder und wieder stach die alte Frau den Dorn in die Haut und dort, wo der Dorn eingedrungen war, hinterließ er eine dunkle Spur. Das Klatschen und Singen um Alruna hatte sich in seiner Intensität gesteigert und als Runa die Linie beendet hatte, warf eine der Frauen ihren Kopf zurück und ließ einen durchdringenden Schrei hören, der von den anderen Frauen sofort aufgenommen wurde. Heidruna half ihrer Tochter auf die Beine und flocht ihr rote Bänder in die Haare, und auch andere Frauen kamen nun näher und umwanden Alrunas Beine und Arme mit roten Bändern. Dann nahmen sie sie zwischen sich in den Kreis und zeigten ihr die Tanzschritte. Vor und zurück wiegte der Kreis und rechtsherum und mit jedem Schritt sicherer tanzte Alruna mit ihnen. Nun war sie kein Mädchen mehr, sondern gehörte zu den Frauen. Sie hatte die Prüfungen bestanden und war eine Erwachsene geworden. Davon zeugten die Zeichen, die nun auf ewig ihren Körper zierten.
Als die Sonne zu sinken begann, brach die gesamte Frauengruppe auf und zog ins Dorf zurück, wo sie schon von den dort zurückgebliebenen Frauen, den Alten, Männern und Kindern erwartet wurde. Man hatte zu Ehren der jungen Frauen ein Festmahl bereitet und alle fanden sich auf dem Dorfplatz ein. Die Familien schlossen ihre Töchter in die Arme und überreichten ihnen Geschenke. Thorbald kam auf Alruna zu und hängte ihr die heißersehnte Kette mit den blauen Glasperlen um. Dazu gab es noch Ohrringe, Haarspangen, ein Armband, zwei neue Gewänder aus feinstem Leinen und einen wollenen Umhang, der auf der Brust von einer Fibel zusammengehalten wurde. Auch eine neue Spindel, ein Kamm, ein kleiner Dolch und ein Gürtel, an dem ein lederner Beutel hing, gehörten zu den Gaben. Beglückt nahm Alruna all diese Geschenke an und mischte sich dann in das bunte Treiben, welches bis spät in die Nacht hinein andauerte. Es wurde gesungen, getanzt, gegessen, getrunken, gespielt und gelacht und keiner war im Dorf, der es sich nicht gut gehen ließ. Später, sehr viel später dann, lag Alruna in ihrem Bett. Ihr letzter Gedanke galt in dieser Nacht ihrem Vater, den sie so gerne als Gast auf diesem Fest gesehen hätte und sie nahm sich vor, am nächsten Tag ihrer Mutter von der Begegnung mit ihm im Wald zu erzählen.
Als sie am nächsten Tag erwachte, eilte sie zur Kammer ihrer Mutter, doch diese war nicht dort. Daraufhin suchte Alruna in Haus und Hof, aber ihre Mutter und auch ihre Großmutter waren nirgendwo aufzufinden, dafür traf sie ihren Großvater, der mit ein paar Männern zusammensaß und in eine angeregte Diskussion verwickelt zu sein schien. Zögernd trat die junge Frau näher, bis Thorbald sie bemerkte, sich aus der Gruppe löste und auf sie zukam. »Suchst du deine Mutter und deine Großmutter? Die Frau des Schmiedes ließ heute Nacht nach ihnen schicken, sie sind wohl immer noch dort.« Alruna erinnerte sich, dass die Frau des Schmiedes ihr erstes Kind erwartete und kurz vor der Niederkunft stand. Sie überlegte kurz, ob sie ihre Mutter dort aufsuchen sollte, verwarf dann aber den Gedanken und beschloss, auf die Mutter zu warten. Also ging sie in ihre Kammer zurück und betrachtete die Geschenke, die sie gestern bekommen hatte, und strich immer wieder mit der Hand über den feinen Stoff der neuen Gewänder. Doch ihre Gedanken schweiften ständig ab und in ihr machte sich eine Unruhe breit, die mit dem zusammenhing, was ihr Großvater ihr gerade erzählt hatte. Alruna war noch nie bei einer Geburt dabei gewesen und es wurde bisher immer ein großes Geheimnis um diesen Vorgang gemacht. Aber nun, da sie in den Kreis der Frauen aufgenommen worden war, konnte ihr niemand mehr verwehren, eine Gebärende aufzusuchen und den Frauen, die dort Hebammendienste versahen, zur Hand zu gehen. Kurz entschlossen stand sie auf und machte sich auf den Weg zur Hütte des Schmiedes. Vor der Behausung ging der Schmied unruhig auf und ab, begleitet von seinem Schwiegervater, der versuchte, beruhigend auf ihn einzureden. Alruna nickte den beiden Männern kurz zu und ging dann in die Hütte. Aus der Schlafkammer drangen die Schreie der werdenden Mutter und man hörte hinter der Tür geschäftiges Treiben. Auf einmal öffnete sich diese, Irmingard trat heraus und erblickte ihre Enkelin. »Schnell, lauf und hol Runa, wir brauchen ihre Hilfe!« Alruna rannte los, sie kannte ja den Weg zur Hütte der alten Frau, die am Ende des Dorfes wohnte, dort wo weiter hinten das Hügelgräberfeld begann. Atemlos erreichte sie die Hütte und hämmerte wild an die Tür. Doch niemand schien zu Hause zu sein. Vorsichtig öffnete die junge Frau die Tür und trat ein, aber Runa war nirgendwo zu sehen und auch sonst schien nichts darauf hinzuweisen, dass sich die alte Frau vor Kurzem noch hier aufgehalten hatte. Die Hütte im Hain, schoss es Alruna durch den Kopf und schon machte sie auf dem Absatz kehrt und rannte auf den Wald zu. Sie hatte kaum den Waldrand passiert, da sah sie Runa schon auf sich zueilen. Die Alte hatte scheinbar ihre eigenen Wege, zu wissen, wann und wo sie dringend gebraucht wurde. »Komm, hilf mir tragen, Tochter des Waldes«, grinste die alte Frau Alruna an und drückte ihr ein Bündel in die Hand. Gemeinsam kamen sie im Haus des Schmieds an und betraten die Schlafkammer. Auf dem Bett lag die Hausherrin und schien große Schmerzen zu haben, immer wieder wurde sie in Krämpfen geschüttelt. »Sie hat Schwierigkeiten mit der Öffnung«, informierte Heidruna die Alte, »es geht schon die ganze Nacht so und langsam ist sie am Ende ihrer Kräfte. Auch die Kräuter konnten ihr nicht helfen.«
Mit einem prüfenden Blick auf die Gebärende trat Runa näher. Sie wühlte in dem Beutel, den Alruna noch immer in der Hand hielt und holte eine kleine Schale hervor, die sie ihr nun in die Hand drückte. »Los Alruna, hol mir etwas von der Glut aus dem Herdfeuer.« Als diese nun mit dem Gewünschten zurückkam, entnahm die Alte ihrem Beutel eine Handvoll Kräuter und warf sie auf die glühenden Holzstücke. Sofort machte sich süßlich riechender Rauch in dem Zimmer breit, der die Frauen zurückweichen ließ. Runa bedeutete Heidruna, die Gebärende aufzurichten. Dann hielt sie der erschöpften und verschwitzten Frau die rauchende Schale unter die Nase und befahl ihr, den Qualm einzuatmen. Leise begann die Alte nun zu singen und strich dabei immer wieder über den runden Bauch der werdenden Mutter. Der Gesang wurde lauter und auch die anderen beiden Frauen stimmten darin ein. Alruna spürte, wie sich ihrer eine eigenartige Stimmung zu bemächtigen begann, genau wie damals, als Runa in ihrer Hütte auf der Flöte geblasen hatte. Wieder und wieder strich Runa über den runden Bauch und immer eindringlicher wurde das merkwürdige Lied. Alruna, die die Szene von der Tür aus beobachtet hatte, spürte plötzlich einen durchdringenden Schmerz in ihrem Unterleib und drückte reflexartig die Hände gegen ihren Bauch. Eine erneute Serie von Krämpfen schüttelte den Körper der Gebärenden und auf einmal war der Kopf des Kindes zu sehen. Ein weiterer Krampf, und schon lag das Neugeborene in Irmingards Armen, die es mit feuchten Tüchern abwischte und mit den Worten »ein gesundes Mädchen« der erschöpften, aber glücklichen Mutter in die ausgestreckten Arme legte. Eine erneute Wehe lief durch den Körper der Mutter und die Nachgeburt wurde ausgestoßen. Irmingard durchtrennte die Nabelschnur und Runa beugte sich über die Nachgeburt, die sie eingehend betrachtete. »Wird stark werden, dein Mädchen. Groß und stark und dir viele Enkelkinder gebären«, murmelte sie, der jungen Mutter zugewandt. Heidruna wollte soeben nach draußen eilen, um dem Vater die freudige Nachricht von der Geburt einer gesunden Tochter zu überbringen, als ihr Blick auf ihre Tochter fiel, die immer noch die Hände auf ihren Unterleib presste und sehr blass aussah. »Kind, was ist mit dir?« – »Ich habe Schmerzen und mir geht es nicht gut.« Nun bemerkte auch Runa den Zustand Alrunas und trat näher. »Du stehst im Mond, geh nach Hause und schone dich. Deine Mutter kann dich begleiten, ihre Hilfe wird hier nicht mehr gebraucht.« Diese Worte ließen Alruna die Schmerzen vergessen. Sie stand zum ersten Mal im Mond und sie war im Kreis der Frauen aufgenommen worden. Nun war sie alt genug, Kinder zu bekommen und eine Familie zu gründen. Nicht, dass sie das jetzt schon wollte, aber allein die Gewissheit darum, dass es ab sofort möglich sein würde, ließ eine Ahnung in ihr wachsen. Es war so, als sei eine Tür aufgestoßen worden, durch die sie hindurchgetreten war und die sich sofort wieder hinter ihr schloss und den Weg zurück unmöglich machte. Langsam und nachdenklich ging sie zurück nach Hause, begleitet von ihrer Mutter, die sie mit einem Lächeln von der Seite musterte. Auch ihr war die Veränderung nicht entgangen, die die Worte Runas bei der jungen Frau bewirkt hatten.
Den ganzen Tag über blieb Alruna nun mit ihrer Mutter im Haus. Diese hatte ihr gezeigt, wie man aus Schafswolle kleine Einlagen herstellte, die das Blut auffangen sollten. Später stieß auch noch Irmingard zu den beiden Frauen und zusammen saßen sie alle in Alrunas Kammer. Auch andere Frauen kamen den restlichen Tag über vorbei, Nachbarinnen, Freundinnen von Alruna, die ebenfalls schon im Mond standen, weibliche Verwandte, alt und jung, und jede brachte Alruna etwas mit. Eine Gabe, eine Geschichte oder einen Ratschlag. Manche hielten sich länger auf, manche sahen nur kurz herein, um ihre Glückwünsche auszusprechen, und so herrschte ein Kommen und Gehen, welches auch Thorbald nicht verborgen blieb. Also wurde dieser ebenfalls von dem Ereignis in Kenntnis gesetzt und so kam auch er, um seiner Enkeltochter Glück für ihren neuen Lebensabschnitt zu wünschen. Dann sah er sie an und meinte: »Nun? Soll ich dir schon mal einen Ehemann aussuchen, wie es neuerdings Sitte bei einigen unserer Nachbarn zu sein scheint? Du könntest noch dieses Jahr heiraten und wärst bestimmte eine gute Ehefrau und Mutter.« Als er allerdings Alrunas erschrockenen Blick bemerkte, lachte er polternd los und auch Irmingard und ein paar von den älteren Frauen stimmten mit in sein Lachen ein: »Na keine Angst, ich hab nur Spaß gemacht. Solche Bräuche werden bei uns keinen Einzug halten, nicht solange ich in diesem Dorf der Obmann bin. Bei uns wird sich jede freie Frau ihren Mann selber wählen dürfen und jeder freie Mann sein Eheweib. Mit den römischen Sitten kann und werde ich mich nicht anfreunden.« Nun lachten auch die jüngeren Frauen, die vorher nicht genau einschätzen konnten, was sie von Thorbalds Vorschlag der baldigen Verheiratung seiner Enkeltochter zu halten hatten, denn auch sie wussten, dass es bei einigen Sippen jetzt so gehalten wurde, dass der älteste Mann des Haushaltes den Ehemann für ein heiratsfähiges Mädchen bestimmte. Das Mädchen selbst wurde nicht mehr nach ihrer Zustimmung gefragt. Irmingard schob ihren Mann liebevoll, aber bestimmt aus der Kammer, nicht ohne ihm noch einen zärtlichen Blick zuzuwerfen. Sie hatte ihre Entscheidung, diesen Mann zu ehelichen, niemals bereut. Er war ihr all die Jahre hindurch ein guter und verlässlicher Partner gewesen. Nun seufzte sie. Die Worte, die er vorhin im Spaß gesprochen hatte, ließen sie daran denken, wie wichtig es war, gerade für die Frauen, dass in diesen Zeiten die Männer weiterhin an den alten Sitten festhielten, die beiden, Mann und Frau, dieselben Rechte und dieselbe Achtung garantierten. Irmingard wusste, dass es für viele Männer schwer sein würde, dem neuen Einfluss zu widerstehen, der ihnen weitaus mehr Macht zugestehen würde, als sie sich jemals zu träumen gewagt hatten. Nachdenklich betrachtete sie ihre Enkeltochter. Sie würde es nicht leicht haben, in einer Zeit der Veränderungen Frau zu sein. Irmingard schickte ein Stoßgebet an die Götter, sie mögen für immer ihre schützenden Hände über Alruna halten und sie einen Mann ehelichen lassen, der die alten Traditionen ebenfalls in Ehren hielt. Sie verscheuchte die trüben Gedanken und lächelte ihrer Enkeltochter aufmunternd zu. Diese saß inmitten der anwesenden Frauen und schien die Aufmerksamkeit zu genießen, die ihr heute zuteil wurde. Später am Tage, als alle Gäste wieder nach Hause gegangen waren, wollte Alruna ihrer Mutter endlich von der Begegnung mit ihrem Vater erzählen, aber noch bevor sie dazu Gelegenheit hatte, schlief sie erschöpft von den Ereignissen des Tages ein.
Eine Woche war seitdem vergangen und in Haus und Hof waren allerhand Arbeiten zu erledigen gewesen. Immer noch waren die Tage warm, aber die Nächte wurden kühler und auch morgens brauchte die Sonne länger, um mit ihren Strahlen die Erde zu erwärmen. Alle Bewohner des Dorfes waren fleißig dabei, Vorräte für die dunkle, kalte Jahreszeit anzulegen, und so wurden die Heukammern gefüllt, die Feldfrüchte eingebracht und hier und dort wurde Vieh geschlachtet, was man nicht mehr durch den Winter zu bringen gedachte. Auch Fisch aus dem nahegelegenen Fluss hatte man in größerer Menge als üblich gefangen und ihn auf hölzernen Gestellen zum Trocknen aufgehängt. Alruna war mit ihrer Mutter in den Wald gegangen, um Brombeeren, Hagebutten, Himbeeren, Hollerbeeren und Pilze zu sammeln, die den Wintervorrat aufstocken sollten. Die Büsche am Waldrand waren schon ziemlich abgesucht, aber Heidruna kannte eine kleine Lichtung etwas tiefer im Wald, die eher selten von den anderen Frauen aufgesucht wurde, da diese sich nicht so weit in das Gehölz vorwagten. Schnell waren die Körbchen gefüllt und noch immer hingen die Büsche voller Früchte. Als die Sonne am höchsten stand, ließen sich die beiden Frauen im Gras nieder und nahmen eine kleine Mahlzeit ein, die aus frischgepflückten Beeren, Fladenbrot und frischem Quellwasser bestand. Hier endlich fand Alruna die Gelegenheit, ihrer Mutter zu erzählen, wie sie ihrem Vater begegnet war. Aufmerksam hörte die ältere der jüngeren Frau zu, ohne sie zu unterbrechen und ein Schatten der Sehnsucht huschte über ihr Gesicht, der Alruna endlich verstehen ließ, warum ihre Mutter niemals mehr daran gedacht hatte, sich einen anderen Mann zum Gemahl zu erwählen. Als sich Mutter und Tochter wieder erhoben, um ihre Arbeit fortzusetzen, hatte sich zwischen ihnen etwas verändert. Sie teilten nun ein Geheimnis miteinander, welches sie zu Schwestern machte und die Bäume um sie herum waren stumme Zeugen dieser neuen Verbundenheit. Den Rückweg zum Dorf legten beide schweigend zurück, jede in ihre eigenen Gedanken versunken, und doch schien dieses Schweigen sie mehr zu vereinen als zu trennen. Kurz vor dem Waldrand fiel Alruna auf, dass sie ihren kleinen Dolch verloren hatte. Dieser wurde ihr anlässlich ihrer Aufnahme in den Kreis der Frauen geschenkt und jede freie Frau trug ihn immer mit sich am Gürtel. Ihre Mutter bemerkte, dass Alruna deswegen beunruhigt war und bot ihr an, den Weg mit ihr zusammen zurückzugehen, aber diese winkte ab. »Geh ruhig schon vor, ich komme dann nach.« Kurzerhand drehte sie um und ging wieder in den Wald hinein. Langsam, die Augen fest auf den Pfad gerichtet, der sich auf dem nackten Waldboden abzeichnete, verfolgte sie nun ihre eigene Spur zurück bis zur Lichtung. Nach einigem Suchen hatte sie ihren Dolch gefunden. Er lag auf einem bemoosten Stein, so als ob ihn jemand sorgfältig dort hingelegt hätte. Mit einem Seufzer der Erleichterung band Alruna ihn wieder an ihrem Gürtel fest und wollte sich auf den Heimweg machen, als ihr plötzlich ein großer Bär den Weg versperrte. Offensichtlich kannten nicht nur Heidruna und sie diese Lichtung und schätzten die Waldfrüchte, die dort wuchsen, sondern auch das große Tier. Schwerfällig bewegte sich der Bär nun auf Alruna zu. Seine kleinen, dunklen Augen waren aufmerksam auf sie gerichtet und seine Nase nahm ihre Witterung auf. Die junge Frau blieb ganz ruhig stehen. Obwohl dieser Bär nicht derselbe war, der ihr damals zusammen mit ihrem Vater begegnet war, spürte sie keine Angst und ließ den Bären ruhig auf sich zukommen. Dieser schnaubte, als er jetzt direkt vor ihr stand, und Alruna spürte den warmen Atem des Tieres an ihrer Hand. Dann brummte der Bär, ging langsam an ihr vorbei zu den Büschen und begann genüsslich, die übrig gebliebenen Beeren zu verzehren. Die junge Frau drehte sich um und betrachtete den Bären, der ohne sich weiter um sie zu kümmern seine Mahlzeit einnahm. Die ganze Szene hatte etwas Unwirkliches und Runas Worte über das Zeichen eines Bundes zwischen Mensch und Tier fielen ihr wieder ein, an dem die ihren sie immer erkennen würden. Hatte der Bär sie deshalb nur kurz beschnuppert und nicht angerührt? Sie beschloss, am nächsten Tag die alte Frau aufzusuchen und sie danach zu fragen, aber jetzt wurde es höchste Zeit, nach Hause zu gehen, denn der Tag neigte sich seinem Ende zu.
Als Alruna dem Waldrand immer näherkam, bemerkte sie einen eigenartigen Brandgeruch, der in der Luft lag. Auch die seltsame Stille, die ihr vorher nicht aufgefallen war, beunruhigte sie. Sie trat aus dem Wald und sah das Dorf daliegen, aber es waren keine Stimmen zu hören. Das geschäftige Treiben, das Lachen der Kinder und das Stimmengewirr der Männer und Frauen, welches sonst wie ein Klangteppich über der Siedlung lag, waren verstummt. Besorgt lief die junge Frau nun die letzten Meter und prallte erschrocken zurück, als sie zwischen den Häusern am Dorfeingang stand. Der eigenartige Geruch war hier ganz deutlich und überall auf der Erde verstreut lagen Gerätschaften, Kleidungsstücke, Waffen und Lebensmittel. Einige Kleidungsbündel lagen vor den Häusern. Als Alruna näher kam, erkannte sie mit Entsetzen, dass dies Menschen waren, Bewohner des Dorfes, die man dort noch auf der Türschwelle erschlagen hatte. Panisch hetzte sie weiter durch das Dorf, auf das Haupthaus ihres Großvaters zu und überall bot sich ihr das gleiche Bild: Männer, Frauen und Kinder, alt und jung lagen erschlagen in ihrem Blut. Außer Atem erreichte sie endlich den heimatlichen Hof und auch dort bot sich ein grauenhaftes Bild. Die Häuser, die ihr Schutz und Geborgenheit geboten hatten, standen in Flammen. Das Vieh war aus den Ställen getrieben worden und der Hausrat lag verstreut auf der Erde. Hektisch lief Alruna durch das Dorf, suchte alles ab, doch niemand schien den Angriff des Feindes überlebt zu haben. Als sie das Unfassbare begriff, das vorgefallen war, stieß sie einen verzweifelten Schrei aus, drehte sich um und lief zurück in den Wald. Tiefer und tiefer hinein hetzte sie, nur fort von diesem Entsetzen, fort von diesem Grauen. Dornen zerkratzten ihre Beine, sie stolperte über Wurzeln und Äste und lief weiter. Tränen liefen über ihre Wangen, doch in ihrem Kopf war alles leer und ausgezehrt, nur irgendwo ganz hinten hämmerte es: »Tot, tot, tot.«
Sie war schon lange vom Weg abgekommen und kämpfte sich durch das Unterholz. Die Richtung war egal, nur weg von dem, was einst ihre Heimat gewesen war und wo die erschlagen lagen, die sie liebte. Als die Nacht hereinbrach, sank sie erschöpft zusammen und kam am Fuße eines großen Baumes zu liegen. In der Nähe des Baumes standen große, aufgerichtete Steine und bildeten einen Kreis, der dort seit Anbeginn der Zeit zu sein schien. Aus diesem Kreis löste sich nun ein Schatten, der die Umrisse eines hochgewachsenen Mannes annahm und sich auf Alruna zu bewegte. Liebevoll betrachtete er seine Tochter, nahm sie dann vorsichtig auf seine starken Arme, durchschritt mit ihr den Kreis und dann verschwanden beide in der Dunkelheit.