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Geschichten einer Kriegerin – Magie der Angst (4)

Girlschool weckt mich, hart und brutal. Dadurch vergesse ich sofort, was ich geträumt habe, zumal ich damit beschäftigt bin, mir herzuleiten, wer ich überhaupt bin. Und wo.
Letzteres wird mir dann doch relativ schnell klar, als ich die dicken Stoffvorhänge sehe, die den Sonnenschein draußen halten sollen. Die Aufgabe erledigen sie mit Bravur, ich weiß bloß nicht, ob draußen überhaupt die Sonne scheint.
Und wer bin ich denn nun? Fiona? Lois? Vampirlady?
Und was zum Teufel soll eigentlich dieser Lärm?
Teufel ist ein gutes Stichwort, das lässt mich schlagartig daran erinnern, dass „Race with the devil“ mein Klingelton für James ist.
James!
Ich setze mich im Bett auf und suche das Handy. Warum auch immer, ich finde es auf dem Boden, wo es durch die Gegend hüpft. Bis ich es eingefangen habe.
„Ja!“, keuche ich in den Hörer.
„Schon wieder?“, fragt James.
„Was ist los? Was schon wieder?“
„Na ja, das Einschlafprogramm gestern Abend …“
Ah! Das meint er! „Äh …“ Ich räuspere mich. „Nein, eigentlich nicht. Habe tief und fest geschlafen. Wie spät ist es denn?“
„Halb neun.“
„Was?!“
„Hast du einen Termin?“
„Ja, irgendwie schon.“ Seufzend fahre ich mit der freien Hand durch meine Haare. „Ich will noch frühstücken und Frühstück gibt es … Keine Ahnung, habe nicht gefragt. Liane Cook, die Schwester des Polizeichefs und Witwe des Bruders des Wirts mit dem erstaunlich guten Wein, der, also der Bruder, von einem umkippenden Traktor erschlagen wurde.“
„Ja, das kommt vor.“
„Was kommt oft vor?“
„Nicht oft, aber gelegentlich. Traktoren stehen nicht so stabil auf ihren Rädern, wie man gemeinhin annehmen könnte. Das führt immer wieder zu gequetschter Milz und so. Wobei die gequetschte Milz nicht das Schlimmste ist, sondern die gebrochenen Rippen, die sich durch Herz und Lunge gebohrt haben.“
„Hast du was getrunken?“, erkundige ich mich verwirrt.
„Schon seit einer Weile nicht mehr.“
„Also schön. Lassen wir das. Ich muss pullern und mich anziehen.“
„Mach doch.“
„Bin ja schon dabei!“ Da ich eh nackt schlafe, brauche ich nur ins Bad zu gehen. Während ich gähnend auf dem Klo sitze, erkundige ich mich, was er denn gerade tut.
„Ich ziehe mich an, habe einen Termin. War schon eine Stunde mit Danny laufen, Sandra hat die Nacht ja bei ihren Großeltern verbracht.“
„Oh je.“
„Sandra ist bei ihnen sicher.“
„Mir tun eher meine Eltern leid. Egal. Du musst jetzt arbeiten, und ich auch.“
„Ja, das stimmt. Dann geh mal jagen.“
„Mach ich, großer Meister. Hab dich lieb.“
Er murmelt etwas, das sich so ähnlich wie „Ich dich auch“ anhört, dann legt er auf. Ich muss unwillkürlich grinsen. Wenn es darauf ankommt, wenn Kaltblütigkeit und Handeln gefordert sind, wenn es um Leben und Tod geht, dann ist er in seinem Element, hundertprozentig da. Das habe ich ja mehrmals erleben dürfen.
Aber mit Gefühlen, da hat er es nicht so. Gar nicht, um genau zu sein. Zumindest tut er immer so.
Nach dem Bad ist die große Frage dran, was ich denn anziehen soll. Zum Glück oder leider ist die Auswahl, im Gegensatz zu zu Hause, sehr eingeschränkt. Ich entscheide mich also für eine Hemdbluse, deren Ärmel ich hochrolle, einen dunkelblauen Pullover mit V-Ausschnitt und kurzen Ärmeln, hellblauen Jeans und den Stiefeln von gestern.
Zum Schluss noch die Perücke und die Brille aufsetzen, fertig ist die Lois.
Na ja, fast.
Liane sieht aus wie gestern. Weißes Hemd, braune Cordjeans, schwarze Schuhe, die Haare adrett geknotet. Ich komme mir vor wie bei Mary Poppins.
Das Frühstück allerdings ist wirklich lecker. Liane konzentriert sich ganz auf mich, ich denke daher, dass ich wohl der einzige Gast bin. Egal. Ich bekomme hausgemachte Waldbeerenmarmelade auf Croissants, danach Butter vom Nachbarn auf selbstgebackenem Brot und Rühreier von glücklichen Hühnern hinterm Haus.
Und obwohl ich eigentlich verwöhnt bin, denn James und ich achten beim Einkaufen sehr darauf, wo die Lebensmittel herkommen, ist es trotzdem ein Unterschied wie Tag und Nacht.
„Ich denke, ich komme in Zukunft immer hierher zum Frühstücken“, bemerke ich.
„Ist das nicht ein wenig zu weit weg dafür?“, fragt Liane mit großen Augen.
„Ich würde mit dem Hubschrauber kommen“, erwidere ich.
„Das wird schwierig. Ich weiß nicht, wo Sie damit landen können.“
Ich sehe sie misstrauisch an. Die meint das ernst! Ausgeschlossen, dass sie sich so gut beherrschen kann, wenn sie, wie ich zuerst dachte, auf meinen Scherz eingestiegen wäre.
„Aber trotzdem freue ich mich, dass es Ihnen so gut schmeckt. Vielleicht möchten Sie etwas davon mitnehmen?“
„Wohin?“
„Nach Hause. In die Stadt. Wenn Sie abreisen. Sie reisen doch ab? Weil ich gerne das Frühstück für Sie mache, auch für eine Woche, oder zwei, aber nicht für immer.“
Ich rücke meine Brille zurecht. Was soll ich denn jetzt sagen? Ich bin mir inzwischen sehr sicher, dass es nicht gespielt ist, also ist sie ein wenig … in ihrer eigenen Welt. Falsche Antworten könnten verheeren Folgen haben.
Oh je.
Ich atme tief durch. „Ich denke, wir kommen mit weniger als einer Woche hin.“
„Oh nein, Miss Nale, ich wollte damit nicht andeuten, dass Sie mir zur Last fallen! Ganz bestimmt wollte ich das nicht ausdrücken!“
Und ich habe doch das Falsche gesagt. Verdammt. Zum Glück bin ich fertig mit dem Essen, hastig wische ich meinen Mund ab und erhebe mich.
„Machen Sie sich keine Sorgen. Wirklich nicht. Alles in Ordnung.“
Fluchtartig verlasse ich die Pension und eine vermutlich völlig aufgelöste Wirtin bleibt allein zurück, aber sie wird sich beruhigen. Vielleicht. Hoffentlich.
Der Dämon wohl eher nicht, sagt mir die Intuition.
Während ich in der Vormittagssonne viel zu leicht gekleidet auf John Wayne, äh, den Sheriff, äh, den Polizeichef warte, zünde ich mir eine Zigarette an. Gegen die Kälte laufe ich auf und ab. Wieso ist es Mitte März überhaupt noch so kalt, verdammt?
Bin jedenfalls froh, als der Landrover vom Sheriff, äh, ach, scheißegal, auftaucht. Ich schmeiße mich auf den Beifahrersitz und atme aus.
„Guten Morgen“, sagt er.
„Guten Morgen“, sage ich.
Dann fährt er los.
„Wohin fahren wir?“, erkundige ich mich.
„Zur blinden Hexe.“
„Zur blinden Hexe?“
„Ja. Wollten Sie nicht mit der sprechen?“
„Doch. Aber Sie wollten sie doch erst fragen. Von wegen, das geht nicht einfach so, man muss vorher fragen. Und so. Sie erinnern sich? Haben Sie selbst gesagt!“
Lois, aufwachen! Fiona macht alles kaputt!
„Das habe ich getan.“ Daniel Morgin wirft einen Blick von der Seite auf mich. „Alles in Ordnung?“
Ich atme erst ein und dann aus. Aber nur ganz sanft. Kaum bemerkbar, die Hände auf den Knien gefaltet, die Schienenbeine überkreuzt.
Schon besser. Endlich bist du wach, Lois.
„Ja, Captain Morgin, ich denke schon. Ent… entschuldigen Sie bitte.“
Er schüttelt den Kopf, sagt aber nichts dazu. Vermutlich ist es besser so, Lois ist noch nicht wirklich stabil. Doch nach der fast halbstündigen Fahrt, als wir vor einem erstaunlich modern wirkenden Haus, zumindest für diese Gegend, anhalten, hat sich Fiona zurückgezogen und Lois das Ruder übernommen.
„Wem gehört das Haus?“, frage ich, selbiges irritiert musternd.
„Der blinden Hexe.“
„Dieses … Haus gehört …?“
„Sie ist nicht arm.“ Der Sheriff steigt aus und denkt mal wieder nicht daran, mir die Autotür aufzuhalten. Seine Manieren scheinen tagesformabhängig zu sein und die Tagesform äußerst schwankend.
Scheiß drauf. Los jetzt, Lois, hinterher!
Ich gehorche mir und hole den Sheriff auf einem sich sanft schlängelnden Fußweg aus Kies ein, der direkt zur Haustür führt.
„Ihr richtiger Name ist Samantha Teeport“, erklärt der Sheriff, ungewohnt gesprächig.
Ich beiße mir auf die Unterlippe, aber ich sage nichts dazu. Nein. Dazu werde ich mich nicht äußern. Die meisten Menschen können schließlich nichts für ihren Namen.
„Und wie lange wohnt sie schon in dieser Gegend?“, erkundige ich mich, gerade, als wir an der Haustür ankommen.
Bevor der Sheriff antworten kann, wird die Tür geöffnet. Von einer kleinen, schmächtigen Frau mit grauen Haaren in schwarzem Rock und hochgeschlossener Kragenbluse, ebenfalls schwarz, darüber trägt sie eine dunkelgraue Strickjacke.
Und Glasaugen.
Mit denen sie mich anstarrt. Ihr Gesichtsausdruck zeigt für einen Moment Erschrecken, dann entspannen sich ihre Züge wieder etwas. Schweigend wendet sie sich ab und schlurft ins Haus zurück.
Sie ist alt. Ziemlich alt sogar. Nicht so alt wie Katharina, aber an Elaine dürfte sie herankommen. Plusminus. Doch warum sieht sie so scheiße aus?
Tief durchatmend und nach einem Blick auf den Captain, folge ich ihr. Der Captain mir und macht die Tür hinter sich zu. Entweder hat er vor der Hexe viel Respekt oder seine Manieren sind gerade zu Besuch.
Samantha Teeport sitzt im Wohnzimmer, mit Blick auf einen großen Garten, der an den Wald grenzt, auf einer dunkelbraunen Couch und zündet sich eine Zigarette an.
„Wen zum Teufel hast du mir da ins Haus gebracht, Dan?“, fragt sie dann mit heiserer Stimme.
„Das ist Lois Nale. Sie wird den … Dreiarmigen fangen.“
„Die?“ Samantha mustert mich, was wegen der Glasaugen ziemlich irritierend ist. „Weißt du überhaupt, was sie ist?“
„Sie wurde von den Magischen Verbrechern ausgesucht“, erwidert der Sheriff und sieht mich ratlos an. „Was ist denn los mit dir, Samantha?“
„Du hast mir eine Kriegerin ins Haus geschleppt, das ist los!“
„Die vom Verein sagten, sie könnte mit dem Ding fertig werden. Das willst du doch auch.“
„Sicher. Setzt euch.“
Wir kommen der Aufforderung nach. Dan setzt sich auf die von der Hexe am weitesten entfernte Ecke der Couch, ich in einen Sessel ihr gegenüber, mit einem ovalen Glastisch zwischen uns.
„Weiß dieser Vollhonk eigentlich, was Sie sind?“, fragt die Hexe.
„Ich glaube nicht. Und Sie?“
„Ja. Ich bin zwar blind in der Gefrorenen Welt, aber ich kann die Energie spüren, die Sie umgibt. Sie sind eine Kriegerin, aber keine gewöhnliche.“
„Das stimmt.“ Ich werfe einen kurzen Blick auf den Sheriff, der mich irritiert ansieht. „Miss Teeport …“
„Mrs. Zwar schon lange verwitwet, aber trotzdem Mrs.“
„Also gut. Mrs Teeport, wie kommen Sie an einen Visz-Dolch?“
„Das ist eine sehr lange Geschichte“, murmelt sie. „Spielt das eine Rolle?“
„Weiß ich nicht. Solange ich nicht verstehe, was hier geschieht, kann ich das nicht sagen.“
„Ein Dämon hat mich geblendet und nun seine Eltern getötet. Muss eine Kriegerin mehr wissen?“
„Yep!“ Ich lege vorübergehend den Lois-Modus ab. „Ich töte keinen Dämon, bloß weil er ein Dämon ist.“
„Aha. Heißen Sie wirklich Lois Nale?“
„Nein. Ich bin Fiona Flame.“
„Fiona Flame? Das erklärt einiges. Sie haben den Ruf, sehr eigenwillig die Regeln für Gefährdung des Gleichgewichts auszulegen.“
„Es gibt keine Regeln. Und ja, ich treffe meine eigenen Entscheidungen. Wie kamen Sie eigentlich damals ins Spiel?“
„Man bat mich um Hilfe, als man festgestellt hat, dass das Baby etwas … etwas anders ist. Nicht nur wegen der drei Arme. Alles an ihm war seltsam.“
„Vielen Dämonen sieht man gar nicht so ohne Weiteres an, dass sie Dämonen sind. Ehrlich gesagt, wundere ich mich darüber, dass es hier anders war. Es muss einen Grund geben, warum diese Frau einem Dämon das Leben schenkte.“
Die Hexe zuckt die Achseln und drückt ihre Zigarette aus.
„Tut mir leid, darüber habe ich keine Kenntnis. Als ich hinzu gerufen wurde, ging alles ganz schnell, danach war ich mit mir beschäftigt. Wie Sie sicher nachvollziehen können.“
„Sicher.“ Und sie lügt wie gedruckt. Will sie mich, eine Kriegerin, ernsthaft verarschen? Hier ist eine Menge faul. Und ich werde herausfinden, was tatsächlich passiert ist. „Haben Sie eine Ahnung, wo der Dämon bisher sich aufgehalten hat?“
„Im Wald, soweit ich weiß.“
„Babys überleben üblicherweise nicht allein im Wald.“
„Kann schon sein. Im Wald gibt es ja viele Wesen, die sich um ihn gekümmert haben könnten. Als Kriegerin sollten Sie das am besten wissen.“
„Ich kenne auch nicht alle Wesen, die irgendwo in irgendeinem Wald existieren. Wie alt sind Sie eigentlich?“
„Alt.“
Das bestätigt meinen Verdacht. Was ich nicht verstehe, ist der Grund für ihr altes Aussehen. Elaine und Katharina sind auch alt, aber niemand sieht es ihnen an. Oder einem Vampir wie Anne Marie. Irgendetwas stimmt hier ganz und gar nicht, und mein Gefühl sagt mir, dass das sehr wohl etwas mit dem Dreiarmigen zu tun hat. Sie wird es mir nur nicht verraten. Jedenfalls nicht freiwillig. Und nicht, wenn John Wayne daneben sitzt.
Letzteres kann ich sogar verstehen. Er hat ja schon daran zu knabbern, dass ich eine Kriegerin bin.
Das merke ich auch, als wir zum Auto gehen.
„Sie sind eine Kriegerin?“, fragt er.
„Fiona ja. Ich bin nur eine PSI-Fachfrau.“
„Jetzt hören Sie auf mit dieser Lois-Sache! Ich sehe ein, dass es notwendig ist für die anderen, aber mir brauchen Sie doch nichts vorzumachen! Warum hat mir niemand gesagt, dass Sie eine Kriegerin sind?“
„Wissen Sie überhaupt, was eine Kriegerin ist?“
„Magische Wesen, die darauf achten, dass andere magische Wesen nicht über die Stränge schlagen.“
„Na ja … Belassen wir es einfach dabei. Für den Fall spielt es nicht wirklich eine Rolle, ob ich eine Kriegerin bin oder nicht. Zumal wir immer noch nicht wissen, was das für ein Ding ist, das dreiarmig durch die Gegend läuft und alle Leute erschreckt.“
„Erschreckt?“ Der Sheriff hält mir ausnahmsweise mal die Wagentür auf. Oder die Manieren sind immer noch zu Besuch. So genau weiß man das ja nicht.
„Die Hexe hat Angst, aber gewaltig.“
„Ja, es war seltsam. Ich hatte auch so ein … komisches Gefühl.“
„Was für ein komisches Gefühl?“
„Haben Sie denn nichts gespürt?“ Der Sheriff legt seine Hand auf den Zündschlüssel, startet den Motor aber noch nicht, sondern sieht mich fragend an. Was ist denn mit dem los?
„Doch. Dass Samantha lügt. Wie gedruckt. Und Sie?“
„Bei ihr war es kalt und dunkel.“
Ich starre ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an. Hä? Da schien eindeutig die Sonne und es war hell. Im Garten jedenfalls. Kalt und dunkel war es aber auch im Wohnzimmer nicht wirklich. Dass ausgerechnet dieser Mann so was sagt, finde ich mehr als seltsam. Selbst wenn es wirklich kalt und dunkel gewesen wäre, würden Leute wie er das nicht so beschreiben.
Ich blicke nach vorne. „Fahren Sie mich bitte in den Wald, wo wir gestern auch waren.“
„Warum?“
„Fahren Sie einfach. Bitte.“
Nach einem kurzen Moment startet er den Motor und gibt Gas.
Ich schließe die Augen und denke nach.

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Leseprobe: Fiona – Wiederkehrer (Band 4)

Wieso ist es schon dunkel? Das bedeutet, es ist mindestens acht Uhr abends. Und das ist gar nicht gut.
Ich überlege kurz, dann lasse ich mich in meinen Bürosessel fallen und rufe mit dem Handy James an. Er ist schnell dran, also wartet er bereits.
„Hunger“, sagt er statt der Begrüßung.
„Du hast Hunger?“
„Ich auch. Aber ich kann mir was zu essen machen.“
„Tut mir leid“, erwidere ich lachend. „Ich komme grad aus einem Meeting, das länger gedauert hat. Du könntest Sandra trotzdem schon was geben. Im Kühlschrank ist ja noch was da. Musst du nur warm machen.“
„Bist du da nicht die Chefin? Wieso dauerte das Meeting so lang?“
„Haha. – Ich check noch meine Mails, dann komme ich. Gehen wir heute aus?“
„Mit einem Baby?“
„Wozu wohnen meine Eltern direkt nebenan? Aber wir müssen nicht.“
„Mal sehen. Hängt davon ab, wann du nach Hause kommst.“
„Sehr witzig. So lange werde ich ja wohl nicht brauchen. Bis später, mein Schatz.“
Ich lege das Handy neben die Tastatur und überfliege meine Mails. Um diese Zeit kommen nicht so viele neue rein, zwei beantworte ich gleich, dann fahre ich meinen Rechner herunter.
Das Display des Handys wird hell, bevor der Klingelton losgeht.
Dass Bens Name zu sehen ist, gefällt mir gar nicht. Für einen kurzen Moment überlege ich sogar, ob ich drangehen soll. Doch dann siegt mein Pflichtbewusstsein.
„Hi Ben.“
„Kannst du herkommen?“
Ich stutze. Das ist eigentlich überhaupt nicht Bens Art. Nicht einmal, als Emily die Bank überfallen hat, klang er so.
„Alles in Ordnung, Ben?“
„Nein, nicht wirklich. Hier läuft einer durch die Gegend, der seit zwei Jahren tot ist.“
„Aha. Und was habe ich damit zu tun?“
„Na, Übernatürliches ist doch dein Gebiet.“
„Übernatürliches? Ben, du redest nicht etwa davon, dass da einer durch die Gegend läuft, der wirklich tot ist?“
„Doch, genau davon rede ich. Ich bin auf dem Friedhof in Newvil, weil der Friedhofswärter uns angerufen hat. Er sah eine verdächtige, nackte Gestalt herumlungern, als er sie zur Rede stellen wollte, hat sie ihn weggestoßen, dann ist sie weggerannt. Der Wärter hat seine Spur zurückverfolgt und kam zu der Gruft der Burtons. Sie ist offen, einer der Särge ebenfalls. Und leer ist der auch noch.“
„Und woraus schließt du auf Übernatürliches?“
„Der Wärter behauptet, er hätte den Nackten erkannt. Er hat ihn bei der Aufbahrung vor zwei Jahren im Sarg liegen sehen. Einer der Toten des Massenunfalls vom 3.9.2005. Ich weiß nicht, ob du dich an den Nebel erinnerst, der an dem Tag die ganze Stadt bedeckt hat.“
„Schwach“, erwidere ich nachdenklich. „Glaubst du ihm?“
„Jedenfalls ist die Leiche weg. Und er will einem nackten Mann begegnet sein, der aussah wie der Tote. Hinzu kommt, dass es keine Einbruchsspuren in der Gruft gibt. Im Gegenteil, es sieht so aus, als wäre sie von innen aufgebrochen worden.“
„Ups. Hör zu, Ben, ich habe noch nie von herumirrenden Leichen gehört, das wäre selbst für mich neu.“
„Hältst du es für ausgeschlossen?“
„Machst du Witze? Ich halte gar nichts mehr für ausgeschlossen.“
„Ich auch nicht. Also, kommst du?“
„Ja“, antworte ich unbegeistert. Wieso muss James immer recht behalten?
Ich ziehe meine Jacke an und fahre mit dem Aufzug in die Tiefgarage. Es stehen nur noch wenige Autos da, unter anderem meins. Auf dem kurzen Weg vom Aufzug zum Auto spüre ich die Kälte, die von draußen kommt.
Während der Fahrt zum Friedhof rufe ich James an.
„Hunger“, sagt er. „Wie ich höre, bist du schon auf dem Weg. Und weil du anrufst, bist du nicht auf dem Weg zu uns.“
„Ich muss eine Leiche einfangen.“
„Eine was?“
„Eine Leiche.“
„Einfangen?“ Okay, James ist erschüttert. Zumindest für seine Verhältnisse.
„Da läuft ein Toter herum und ich soll ihn einfangen.“
„Du redest von einem, der richtig tot ist?“
„Zumindest war er es angeblich. Etwas über zwei Jahre lang. Und jetzt läuft er durch die Gegend.“
„Klingt gruselig. Und wo fährst du jetzt hin?“
„Zum Newviller Friedhof.“
„Oh, wie stimmungsvoll. Oktober, abends im Dunkeln. Das passt ja gut. Bist du sicher, dass dich da nicht jemand verarschen will?“
„Das traue ich Ben nicht zu.“
„Also hat er dich angerufen. Schade, das macht die Sache ernst. Weck mich, wenn du nach Hause kommst, ich bin neugierig.“
„Äh, sag mal …!“ Ich atme tief durch. „Ja, ist gut.“
„Dann viel Spaß bei der Zombiejagd.“
Ich starre entgeistert das Display von der Freisprechanlage an und fahre fast gegen ein parkendes Auto. Verdammt, Zombiejagd?
Am Friedhof ist nicht viel los. Ich kann verstehen, dass Ben in dieser Sache Aufsehen vermeiden möchte. Er steht neben seinem Wagen in Gesellschaft von zwei uniformierten Polizisten und eines weiteren Mannes. Das wird der Wärter sein.
Ich parke meinen Wagen neben ihnen und steige langsam aus. Hier ist es noch kälter als in West Town. Liegt ja auch höher, der Friedhof sogar am Waldrand. Ich ziehe die Jacke eng um mich und schlage den Kragen so hoch, wie es nur geht.
„Hi“, sage ich zu der Versammlung. „Ich nehme an, eure Leiche ist noch nicht wieder aufgetaucht?“
„Nein, die läuft noch herum“, antwortet einer der Polizisten grinsend. „Ich halte das Ganze für irgendeinen dummen Streich, der allerdings langsam lästig wird.“
„Das ist kein Streich!“, erwidert der, den ich für den Friedhofswärter halte. „Ich bin Martin Cartwright, der Friedhofswärter.“
„Fiona. Also, nochmal für Doofe. Sie haben einen nackten Mann auf dem Friedhof gesehen?“
„Ich habe ihn nicht bloß gesehen, sondern angefasst, um ihn festzuhalten. Er stand ganz nahe vor mir und ich konnte deutlich sein Gesicht sehen. Es war Victor Burton, den ich gesehen habe. Oder sein Zwillingsbruder. Aber ich glaube, er hat keinen.“
„Man kann heutzutage sehr echt wirkende Masken herstellen“, sagt der Polizist, der vorhin schon gesprochen hat. „Und in einer solchen Situation können einen die Augen auch schon mal täuschen. Also, ich glaube wirklich nicht an Geister.“
„Und wozu dann das Ganze? Für einen Streich etwas zu viel Aufwand, oder?“
Da hat Martin recht.
„Ich könnte mir verschiedene Gründe vorstellen“, bemerke ich. „Kann ich mir die Gruft ansehen?“
Martin nickt und geht los. Wir folgen ihm. Ben gesellt sich zu mir und fragte leise: „Was denkst du wirklich?“
„Ich habe gelernt, dass alles möglich ist. Wirklich alles. Aber ich kann mir grad nicht vorstellen, warum jemand nach zwei Jahren auferstehen und nackt durch den Friedhof rennen sollte.“
„Jedenfalls ist die Gruft aufgebrochen und einer der Särge leer, nämlich der, in dem Victor Burton gelegen hat.“
„Das ist zumindest interessant, dennoch kann es sein, dass jemand nur möchte, dass wir denken, Victor wäre auferstanden. Ich denke, im Moment ist eine nicht ganz so übernatürliche Erklärung nicht auszuschließen. Aber es kann genauso gut sein, dass wirklich einer, der schon verwest sein müsste, wieder durch die Gegend läuft. Im letzteren Fall wird es spannend.“
Wir erreichen die Gruft. Im Schein der Taschenlampen betrachte ich die Tür. Sie sieht wirklich aus, als wäre sie von innen aufgetreten worden. Das beweist zwar nichts, aber wenn jemand die Geschichte hier insziniert hat, dann hat er große Sorgfalt darauf verwendet, dabei authentisch zu wirken.
„Wollen Sie sich auch drinnen umsehen?“, fragt Martin.
„Klar.“
„Es ist aber dunkel.“
Ich blicke ihn an, dann lasse ich mir eine Taschenlampe geben und betrete die Gruft. Die anderen bleiben draußen, was mir auch lieber ist.
Es riecht moderig und nach verwesten Leichen. Das ist aber nicht weiter verwunderlich. Ich spüre auch deutlich, dass sich noch nicht alle vollständig von ihrem physischen Dasein gelöst haben. Doch das ist nicht mein Problem, daher tue ich so, als würde ich das gar nicht merken.
Ich sehe sofort, welcher Sarg Victor Burton gehört, denn der Deckel liegt daneben auf dem Boden. Er sieht aus, als wäre er von jemandem, der in dem Sarg gelegen hat, heruntergestoßen worden.
Das wird mir jetzt langsam ein wenig zu authentisch und ich beginne, ernsthaft in Erwägung zu ziehen, dass es wirklich Victor Burton ist, der draußen nackt herumläuft. Was ich nicht verstehe, ist, wieso er nicht verwest ist.
Sicherheitshalber werfe ich einen Blick in den offenen Sarg, aber der ist leer.
Ich gehe wieder nach draußen und zünde mir eine Zigarette an.
„Was hast du herausgefunden?“, erkundigt sich Ben.
„Der Sarg ist leer.“
„Sehr witzig! Und was noch?“
Ich zucke die Achseln. „Nichts weiter. Aber vielleicht solltet ihr in den umliegenden Häusern mal nachfragen, ob jemand etwas Ungewöhnliches bemerkt hat.“
Ben nickt den Polizisten zu, die sofort losgehen.
Ich blicke Martin an. „Ich brauche eine Liste der Beerdigungen heute und gestern.“
„Die habe ich im Büro.“
„Dann holen Sie sie bitte.“
Als auch er weg ist, sehe ich Ben an. „Da drinnen spuken einige noch herum, aber eben nicht in ihren Körpern. Ich halte es jedenfalls für immer wahrscheinlicher, dass unser Victor tatsächlich auferstanden ist.“
„Müsste er aber nicht völlig verwest sein?“
„Warum denn? Ist doch eh alles nur eine Illusion.“
„Ja, aber das bedeutet doch nicht, dass einer wieder einen vollständig wiederhergestellten Körper hat!“
„Ben, ich habe noch nie einen echten Geist gesehen, dafür aber viele andere Dinge, von denen ich früher gedacht habe, sie wären Ausgeburten von Fantasyautoren. Mich kann nichts mehr erschüttern.“
„Gut zu wissen. Und jetzt?“
Ich nehme einen letzten Zug, dann drücke ich die Zigarette aus und werfe sie fort.
„Das habe ich nicht gesehen.“
„Was denn? – Komm, wir laufen mal über den Friedhof, vielleicht begegnen wir ihm. Erzähl mir was über ihn.“
„Tja, er war das, was man einen Pechvogel nennen könnte. Er starb am 3. September 2005 bei einer Massenkarambolage aufgrund des Nebels, der an dem Tag die ganze Stadt eingehüllt hat. Am Tag zuvor hatte er geheiratet.“
„Autsch.“
„Seine Frau, also seine Witwe, die heißt Victoria, geborene Johnson.“
„Wo wohnt die? In Skyline?“
„Keine Ahnung, kann ich aber herausfinden, wenn es wichtig ist.“
„Vielleicht. Kommt darauf … dein Handy.“
Ben nickt und nimmt den Anruf an. Er hört interessiert zu, dann sagt er: „Wir kommen“ und legt auf.
„Was ist los?“
„In einem der Häuser wurde eingebrochen. Gestohlen wurde nur Kleidung. Ein Jogginganzug für Männer, Schuhe und etwas Geld. Der Dieb hat aber das Portemonnaie, Papiere, Kreditkarte, alles dagelassen, nur etwa 20 Dollar mitgenommen.“
„Reicht für ein Taxi“, murmele ich.
„Wie, was?“
„Reicht für eine Taxifahrt innerhalb von Skyline. Finde mal heraus, wo diese Victoria wohnt!“
Während Ben noch telefoniert, erreichen wir das Haus neben dem Friedhof, vor dem die beiden Polizisten herumstehen.
„Langsam kommt mir das Ganze doch etwas seltsam vor“, sagt jener, der vorhin die Masken ins Spiel gebracht hat. „Vielleicht wollte jemand jemandem einen Streich spielen und hat ihm die Kleidung geklaut.“
„Auf dem Friedhof?“, frage ich. „Haben Sie noch mehr unwahrscheinliche Vorschläge?“
„Jedenfalls wahrscheinlicher als Spukgestalten.“
Martin kommt mit einem Blatt Papier angelaufen und Ben ist fertig mit dem Telefonieren. Ich werfe pflichtbewusst einen Blick auf die Liste mit den Beerdigungen, dann blicke ich Ben fragend an.
Er nickt und sagt zu den Polizisten: „Ihr macht ein Protokoll und ich fahre mit Fiona zu Victoria Burton.“
„Und was mache ich?“, fragt Martin.
„Einen Rundgang über den Friedhof, vielleicht haben wir was Wichtiges übersehen“, antworte ich ihm.
Ben kann sich beherrschen, bis er im Auto sitzt, dann kriegt er einen Lachkrampf. Ich steige in mein eigenes Auto, zünde mir eine Zigarette an und warte. Als Ben endlich losfährt, folge ich ihm.
Victoria Burton wohnt in einer Villa, die mich eher an einen Bunker erinnert, der in einen Hügel reingebaut wurde. Wir parken vor der Doppelgarage und schlendern zum verglasten Hauseingang in der verglasten Fassade.
Sie öffnet uns in einem bodenlangen, gelben Kleid, das bis zum Bauchnabel ausgeschnitten ist. Irgendwie macht sie den Eindruck, als hätte sie jemand anderes erwartet. Sie sieht uns fragend an.
„Guten Abend“, sagt Ben und zeigt seinen Ausweis. „Ich bin Ben Norris, das hier ist Fiona. Wir sind wegen Ihres Mannes hier.“
„Wegen meines Mannes? Ich bin Witwe.“
„Das wissen wir“, erwidert Ben nickend. „Dürfen wir hereinkommen?“
Nach kurzem Zögern nickt sie und tritt zur Seite. Sie führt uns in das große, helle Wohnzimmer. Mir fällt ein Bild auf dem Kaminsims auf, das sie mit einem jungen, gutaussehenden Mann zeigt. Hinter ihnen der Eiffelturm.
„Ist das Victor?“, erkundige ich mich.
„Ja, das ist Victor. Und wer waren Sie nochmal?“
„Mein Name ist Fiona Flame.“
„Aha. Sie haben mir gar nicht Ihren Ausweis gezeigt.“
„Ich bin keine Polizistin, Victoria. Ich helfe dem Lieutenant in dieser Angelegenheit.“
„In welcher Angelegenheit?“ Sie blickt von mir zu Ben und zurück.
„Mrs Burton, Ihr Mann ist aus der Gruft verschwunden“, erklärt Ben feinfühlig. Ich habe große Lust, ihm einen Tritt in den Hintern zu verpassen.
„Mein Mann verschwunden? Aus der Gruft?“ Sie starrt ihn aus großen Augen an. „Sie meinen, er wurde … gestohlen?“
„Nun, das wissen wir nicht so genau. Der Friedhofswärter ist auf dem Friedhof einem nackten Mann begegnet, der aussah wie Ihr Mann.“
Sie starrt ihn immer noch an, aber ich sehe ihr an, sie wird gleich explodieren.
„Sind Sie verrückt?! Wenn das ein Witz sein soll, ist das ein verdammt schlechter! Wo ist die versteckte Kamera?! Wer zum Teufel seid ihr?!“
Ich fange sie ab, als sie auf Ben losgeht und zerre sie auf die Couch. Dabei werfe ich Ben wütende Blicke zu.
„Mrs. Burton! Mrs. Burton, sehen Sie mich an!“ Als sie stattdessen versucht, auf mich einzuschlagen, packe ich ihre Handgelenke und drücke so fest zu, dass sie vor Schmerz aufschreit. Und sie sieht mich endlich an. „Mrs. Burton, ich weiß, wie verrückt das klingt. Jemand, der aussieht wie Ihr Mann vor seinem Tod ausgesehen hat, ist nackt auf dem Friedhof rumgerannt, ist dann in einem Haus daneben eingebrochen, hat Kleidung und 20 Dollar gestohlen und ist seitdem verschwunden. Ich glaube, dass er herkommen wird.“
„Aber warum?“
Ich lasse testweise ihre Handgelenke los. Sie bleibt wie erstarrt in derselben Position.
„Nun, ich kann nicht ausschließen, dass es Ihr Mann ist und Sie besuchen will.“
„Er ist tot! Seit zwei Jahren!“
„Das weiß ich.“
Sie sieht mich an, als würde sie mich zum ersten Mal wahrnehmen, und sagt: „Ich kenne Sie. Ich hab Sie schon mal gesehen. Sind Sie nicht die Wahnsinnige, die nackt auf dem Flughafen rumgerannt ist?“
„Sie wurde dazu gezwungen“, erwidert Ben.
„Schon gut, Ben. – Mrs. Burton, mir ist klar, wie absurd das für Sie klingen mag. Für gewöhnlich vermeide ich es, das zu tun, was ich jetzt tun werde.“
„Nein!“, sagt Ben.
Ich höre nicht auf ihn, sondern packe mit der linken Hand meinen ausgestreckten Zeigefinger der rechten Hand und knicke ihn ruckartig nach hinten. Es knackt laut und vernehmlich. Der Schmerz ist die Hölle, aber ich bin ihn gewohnt und presse nur aufzischend die Zähne zusammen.
Victoria Burton starrt entgeistert meinen gegen den Handrücken gedrückten Finger an. Ich lasse ihn los und beobachte durch den Tränenschleier, wie er sich langsam aufrichtet, bis ich ihn schließlich wieder ganz normal bewegen kann.
„Victoria, Ihr Mann wird hier früher oder später auftauchen. Ich habe keine Ahnung, wieso er wieder am Leben ist, aber er ist es.“
„Don …“, flüstert Victoria.
„Wie bitte?“
„Don … Mein Freund. Er wird gleich hier sein.“
„Rufen Sie ihn an und sagen Sie ihm, dass er wieder nach Hause fahren soll.“
Victoria nickt geistesabwesend und geht zu einer Kommode, auf der eine Basisstation mit Mobilteil steht.
Während sie telefoniert, gehe ich zu Ben. Er ist etwas bleich.
„Du bist wahnsinnig!“, sagt er leise. „Das muss doch höllisch wehtun!“
„Das Abschneiden war schlimmer.“
„Erinnere mich bloß nicht daran! – Also gut, und wie geht es weiter?“
„Wir warten, bis Victor kommt.“
„Das kann ja ewig dauern!“
„Ich glaube nicht. Er muss nur ein Taxi finden und herkommen. Dann wird er eine Weile ums Haus rumschleichen. Da wir aber wieder abziehen, kommt er rein. Und weil wir ja nicht wirklich weg sind …“
„Raffiniert“, sagt Ben grinsend.
„Echt jetzt? Du wärst auch auf so eine Idee gekommen.“
„Natürlich. Allerdings habe ich nicht so viel Erfahrung mit Geistern.“
„Er ist kein Geist“, erwidere ich leise. „Ich habe eine Idee, was passiert sein könnte, will aber erst mit ihm sprechen.“
Victoria Burton ist fertig mit dem Telefonat und kommt zu uns. Sie hat Tränen in den Augen.
„Was passiert jetzt?“
„Victor wird vermutlich nicht reinkommen, solange wir hier sind, darum tun wir so, als würden wir wegfahren.“
„Was … was hat er vor? Ich meine, wie kann das alles möglich sein? Der Finger … Geister … So was gibt es doch gar nicht!“
„Es ist nicht leicht zu verstehen“, erwidere ich. „Als ich das erste Mal damit konfrontiert wurde, habe ich das alles für Spinnereien gehalten. Aber inzwischen weiß ich, dass unser westliches Weltbild mit der Realität ziemlich wenig zu tun hat.“
„Aber was sind Sie überhaupt? Auch ein Geist?“
„Nein, ich bin echt und lebendig“, sage ich kopfschüttelnd. „Meine Aufgabe ist es, mich um Dinge zu kümmern, die nicht in unser westliches Weltbild passen. Mehr kann ich dazu nicht sagen.“
Danach fahren wir fahren mit unseren Autos weg, allerdings nur um drei Ecken, und gehen zu Fuß zurück. Auf unsere Bitte hin läßt Victoria Burton alle Lichter an und dank der Glasfassaden ist es auch von der Straße aus gut zu sehen, was im Haus passiert.
Erst einmal gar nichts. Sie läuft im Wohnzimmer umher, sichtlich nervös. In der Hand hält sie das Telefon und scheint mit sich selbst eine Unterhaltung zu führen.
Plötzlich fährt sie herum und starrt zur Tür.
Und einige Sekunden später kommt ein Mann ins Wohnzimmer und auf sie zu.
Ich setze mich in Bewegung, ohne darauf zu achten, ob Ben mithalten kann. Die Tür hält mich nur kurz auf, dann stürme ich ins Wohnzimmer.
Victor und Victoria Burton stehen nebeneinander und starren mich an.
„Guten Abend“, sage ich.
Keuchend kommt Ben neben mir an und sagt auch „Guten Abend“. Vermutlich fällt ihm genausowenig etwas Besseres ein wie mir.
„Was machen Sie denn hier?“, fragt Victor Burton.
„Wir wollen mit Ihnen reden“, antworte ich und mustere ihn neugierig. Er scheint es wirklich zu sein, auch das Verhalten der Frau deutet daraufhin. „Immerhin sollten Sie verwest im Sarg liegen.“
„Tue ich aber nicht“, murmelt er. „Ich brauche etwas zu trinken. Sie auch?“
Ich nicke. „Ich nehme einen Scotch.“
Er geht zur Bar und macht drei Drinks fertig. Ein Glas mit Martini reicht er seiner Frau. Dann blickt er Ben an.
„Ich trinke nichts, danke“, sagt dieser.
Er bringt mir meinen Scotch. Bei der Übergabe berühren sich kurz unsere Hände. Seine fühlt sich normal an. Seltsam. Sehr seltsam.
„Wir sollten uns setzen“, sagt Victor Burton und deutet auf die Sitzgruppe.
Wir nehmen sein Angebot an. Ben und ich sitzen nebeneinander auf der Couch, Victor und Victoria Burton getrennt in zwei Sesseln. Victoria ist sehr bleich, ihre Hand zittert leicht und vermutlich steht sie kurz vor einem Nervenzusammenbruch. Kann ich gut verstehen.
„Victor – ich darf doch? -, Sie sollten wissen, dass ich vertraut bin mit … sagen wir mal, mit Dingen, die sich scheinbar der rationalen Erklärungsmöglichkeiten einer aufgeklärten westlichen Welt entziehen. Allerdings bin auch ich noch niemandem begegnet, der nach zwei Jahren Totsein in seinem restaurierten Körper zurückkehrt.“
„Das liegt vermutlich daran, dass Sie eine falsche Vorstellung über das Jenseits haben“, erwidert Victor ruhig.
„Habe ich das?“
„Nun, sind Sie gläubig?“
Ich verneine kopfschüttelnd.
„Und was glauben Sie dann über das Jenseits?“
Ich lehne mich lächelnd zurück und nippe an meinem Glas. „Nichts. Ich war schon oft tot und weiß, wie es in der Verborgenen Welt aussieht.“
Seine Augen weiten sich. „Sie … Sie wissen von der Verborgenen Welt?“
Ich nicke. „Mich interessiert vor allen Dingen, warum Sie hier sind und wie Sie das geschafft haben. Wobei, den Grund kann ich mir denken. Sie haben eine sehr attraktive Ehefrau. Ist es deswegen?“
„Ich liebe sie“, sagt Victor ruhig.
„Ihnen ist aber schon klar, dass Sie nicht einfach von den Toten auferstehen und so weitermachen können, als wäre nichts geschehen?“
„Ja, natürlich. Für dieses Problem habe ich noch keine Lösung.“
„Es gibt keine. Sie sind tot, Victor.“
„Der Tod ist eine Illusion, genauso wie das Leben. Wenn Sie die Verborgene Welt kennen, müssten Sie das doch wissen.“
„Ich weiß es auch. Aber die meisten Menschen wissen es nicht. Die sind das Problem. Wobei mich dennoch interessiert, wie Sie das geschafft haben.“
„Und Sie? Wie schaffen Sie das?“
„Ich bin eine Kriegerin, deswegen regeneriert sich mein Körper grundsätzlich immer wieder.“
„Sie sind eine Kriegerin? Sie sind doch Fiona, das Mädchen, das vor ein paar Jahren so viel in den Medien war? Wegen dieser Kindermissbrauchsgeschichte?“
„Ja, ich war das. Damals wusste ich allerdings nicht, dass ich eine Kriegerin bin.“
„Was ist eine Kriegerin?“, fragt Victoria leise.
Ihr Mann antwortet. „Eine Art Engel. Das ist eine komplizierte Geschichte, weil die Welt eigentlich ganz anders funktioniert, als die Menschen das glauben.“
„Krieger haben die Aufgabe, für das Gleichgewicht zu sorgen“, füge ich hinzu. „Leider hat der Chef vergessen, zu definieren, was er eigentlich mit Gleichgewicht meint. Wie auch immer, im Fall Ihres Mannes weiß ich nicht, was ich tun soll. Er verletzt das Gleichgewicht nicht wirklich, auch wenn es für mich völlig neu ist, dass ein gewöhnlicher Mensch in der Lage ist, sich zu regenerieren. Und das auch noch nach einer so langen Zeit.“
„Sagen wir es mal so: Ich hatte Hilfe durch jemanden, der das auch geschafft hat, aber schon lange kein Wiedergänger mehr ist. Er hat genug von der Welt, von der Illusion. Er hat mir gezeigt, wie das geht.“
„Beeindruckend“, erwidere ich lächelnd. „Dennoch bleibt das Problem, dass Sie in dieser Welt offiziell seit zwei Jahren tot sind. Es ist nicht vorgesehen, dass Tote wiederkehren.“
„Das kommt aber immer wieder vor, dass Menschen, die für tot erklärt wurden, plötzlich wieder da sind“, sagt Ben.
„Ja, aber in solchen Fällen gibt es entweder keine Leiche oder zumindest eine, die nicht ganz eindeutig identifiziert werden kann.“
„Das stimmt“, gibt Ben zu.
„Das ist doch Wahnsinn!“, schreit plötzlich Victoria Burton. „Ich werde doch nicht mit einem Geist zusammenleben! Ihr seid alle wahnsinnig!“
„Ich bin kein Geist!“, protestiert Victor. „Ich bin genauso aus Fleisch und Blut wie du. Ich habe meinen Körper vollständig regeneriert. Ich werde weiterleben und altern und irgendwann wieder sterben.“
„Nein!“
„Doch! Und ich darf dich daran erinnern, dass ich das Haus gekauft habe. Du hast es geerbt, aber wenn ich wieder am Leben bin, dann gehört es wieder mir und …“
„Jetzt mal langsam“, unterbreche ich ihn. „Auch wenn es nicht den großen göttlichen Plan gibt, waren Sie trotzdem tot und damit Ihr irdisches Leben beendet …“
„Wir sind alle unsterblich!“
„Nicht als menschliche Manifestierung. Victor Burton hat aufgehört zu existieren. Ihre Engagement für diese Rolle ist abgelaufen. Sie müssten sich eigentlich eine neue Rolle suchen, wenn Sie wieder leben wollen. Und dann die vorgesehene Prozedur durchmachen: Zeugung, Geburt, Aufwachsen, und so weiter.“
„Wollen Sie mich töten? Um das Gleichgewicht zu wahren?“
„Blödsinn. Ich kann nicht erkennen, wie Sie das Gleichgewicht stören. Trotzdem werde ich nicht einfach zur Tür rausspazieren, ohne eine Lösung für … für das Problem zu haben.“
„Es muss doch möglich sein, irgendwie zu erklären, dass nicht ich beerdigt wurde!“
„Hallo? Die gesamte Verwandtschaft hat Sie aufgebahrt gesehen!“
„Ich wurde beim Unfall übel zugerichtet.“
Ich blicke Ben an. „Der Wärter will ihn doch erkannt haben und hat ihn vorher nur bei der Aufbahrung gesehen.“
„Sagt er. Die Leichen werden normalerweise für die Aufbahrung wieder hergerichtet, so gut es geht.“
„Ich weiß“, murmele ich und denke an Norman.
„Aber so weit ich mich erinnere, war Victor Burton in seinem Auto von der Ladung des LKWs vor ihm zerquetscht worden.“
„Aber in seinem Auto?“, frage ich nach.
„Das habe ich verliehen“, sagt Victor.
„Und wo waren Sie zwei Jahre lang?“
„Hm.“
Ich betrachte seine Frau, die aussieht, als stünde sie kurz vor der Ohnmacht. Was mich nicht wirklich verwundert. Nicht nur, dass ihr totgeglaubter Ehemann quietschfidel plötzlich auftaucht, sondern er will sie auch noch aus dem Haus schmeißen, das sie sich zusammen mit ihrem Liebhaber so schön eingerichtet hat.
Geht ja gar nicht.
Dürfte sie jedenfalls denken.
Ob sie auch darüber nachdenkt, dass Victor gesagt hat, dass er sie liebt?
„Mal angenommen, diese Fragen lassen sich alle so klären, dass Sie wieder Ihr altes Leben aufnehmen könnten. Aber auch dann bliebe es Fakt, dass Sie die Illusion durchschauen, dass Sie von der Verborgenen Welt wissen.“
„Das würde ich schön für mich behalten, sonst würde ich für verrückt erklärt.“
„Und? Sie würden also einfach alles für sich behalten und niemandem davon erzählen? Das kann ich mir nicht vorstellen. Immerhin wurde doch Ihr gesamtes Weltbild umgeworfen.“
„Ihres doch auch.“
„Das stimmt, und ich hatte auch lange daran zu knabbern.“
„Trotzdem sind Sie hier. Und eine Kriegerin.“
Ich seufze. „Ihre Frau weiß jetzt auch davon.“
Er mustert sie. Sie starrt den Boden an. „Hören Sie, Fiona, warum geben Sie mir nicht einfach mal einen Tag Zeit, über meine Situation nachzudenken? Muss ich das wirklich jetzt sofort entscheiden? Das ist grausam.“
Ich sehe Ben fragend an. Er nickt.
„In Ordnung, denken Sie bis morgen Abend darüber nach. Und bis dahin bleiben Sie im Haus, gehen nicht einmal in den Garten. Niemand darf Sie sehen. Am besten geht auch Ihre Frau nicht aus dem Haus.“
Victoria starrt mich entsetzt an. „Sie wollen mich wirklich mit … mit dem hier allein lassen?“
„Es ist Ihr Mann, Victoria. Der Mann, den Sie geheiratet haben. So, als wäre er niemals gestorben.“
Sie sinkt in sich zusammen.
„Fiona, überlassen Sie das mir. Ich kümmere mich darum. Niemand wird mitbekommen, dass ich hier bin. Und bis morgen habe ich eine Entscheidung getroffen.“
Ich nicke. „In Ordnung. Ich komme morgen Abend wieder vorbei und wir setzen diese Unterhaltung fort.“
„Ich danke Ihnen. Ich bin mir sicher, dass wir eine Lösung finden werden.“
Ganz sicher.
Victor begleitet uns zur demolierten Haustür. Ich reiche ihm die Hand. Die Berührung ist unspektakulär, wie der Händedruck eines jeden Menschen.
Draußen atmet Ben tief durch. „Irgendwie ist das ganz schön gruselig“, sagt er dann.
„Ja“, erwidere ich nachdenklich. Wir gehen langsam los. „Und du meldest, dass wir ihn nicht gefunden haben und er nicht aufgetaucht ist?“
Er nickt. „Hoffentlich ist es richtig, was wir hier tun.“
Das hoffe ich auch.
Wir verabschieden uns neben meinem Wagen, dann steige ich ein und fahre nach Hause.

Nodus Sinuatrialis.
Das kann sich doch kein Mensch merken! Zumindest keiner, der nicht zehn Jahre Medizin studiert hat. Andererseits, der Name ist genial. Finde das mal im Internet. Und selbst wenn du was findest, kommst du niemals darauf, dass du nicht auf einer Seite für angehende Herzchirurgen gelandet bist.
Ich mustere den Ausdruck der Mail. Die haben eine Geschäftstelle in Newvil, was ich ganz praktisch finde, weil der Weg vom Zuhause der Burtons dahin nicht sehr weit ist. Unter den gegebenen Umständen vielleicht ein großer Vorteil.
Ich greife nach dem Telefon und rufe James an.
„Mein Schatz, du bist der Größte!“, erkläre ich ihm.
„Du hast Glück, dass Geheimdienst mehr ist als nur geheimer Dienst“, erwidert er in seiner üblichen Bescheidenheit.
„Das hast du aber schön gesagt. Und ich wusste das doch schon, schließlich habe ich James Bond gesehen. Und Craig als Bond ist sowieso …“
„Sag nichts Falsches, meine Liebe“, unterbricht er mich.
„So, so. Hast du einen bestimmten Verdacht, was ich sagen wollte?“
„Wahrscheinlich, was alle in spätpubertären Zustand zurückversetzte Frauen sagen wollen, nachdem sie Craig als Bond gesehen haben.“
„Jetzt machst du mich ja mal neugierig. Was sagen denn Frauen, die in spätpubdingsbums Zustand zurückversetzt wurden?“
„Das müsstest du doch besser wissen als ich“, brummt er. „Wann kommst du eigentlich nach Hause?“
„Lenk nicht ab!“
„Ich lenke nicht ab.“
Ich seufze. „Du bist unmöglich. Dabei weißt du doch genau, dass gegen dich kein anderer James eine Chance hast. Den Craig schlägst du doch um Längen.“
„Oh, oh, das gibt eine ganz schön hässliche Schleimspur.“
„Gar nicht. Ich habe doch eine Hose an.“
Jetzt lacht er endlich. „Da hast du was missverstanden, meine Liebe. Aber wir wollen das mal nicht am Telefon vertiefen.“
„Du willst ja bloß, dass ich möglichst schnell nach Hause komme. Aber ich muss dich enttäuschen, ich habe immer ein paar Slipeinlagen zur Reserve im Büro.“
„Jetzt wird das Gespräch eindeutig zu intim für die NSA.“
„Das stimmt. Also, ich fahre jetzt zu Victor und Victoria und höre mir an, was sie mir zu sagen haben. Falls Victoria nicht schon einen Nervenzusammenbruch hatte. Dann fahre ich bevorzugterweise mit Victor zu der Geschäftsstelle von … von Nodus Wasauchimmer.“
„Nodus Sinuatrialis.“
„Verdammt, ich wusste doch, irgendwas war verkehrt! – Sag mal, wieso kannst du das so gut aussprechen? Verheimlichst du mir etwas?“
„So schwer ist das ja nun auch wieder nicht.“
„Ja, ja, du bist ja auch nicht blond wie ich. So, mein Lieber, das war wie immer ein entzückendes Gespräch mit dir, aber ich muss los, sonst wird es sehr spät und du schläfst schon, wenn ich nach Hause komme.“
„Alles in Ordnung?“
„Ja, klar. Wieso fragst du?“
„Du klingst etwas aufgekratzt.“
„Das liegt am Sekt.“
„Am Sekt?“
„Am Sekt.“
„An welchem Sekt?“
„Den ich getrunken habe.“
„Aha. Muss ich jetzt wirklich alles einzeln aus dir herauskitzeln oder erzählst du mir in zwei zusammenhängenden Sätzen, was los ist?“
„Bob, den ich aus meiner Traineezeit gut kenne, hat heute Geburtstag. Die ganze Abteilung hat mit ihm angestoßen und ich halt auch.“
„Das waren ja wirklich zwei Sätze.“
„Ich bin ja auch eine brave Ehefrau, die tut, was man ihr sagt.“
„Okay, du hast grad bewiesen, dass Alkohol wirklich ähnlich wirkt wie Wahrheitsserum. Ich meine, du hast es widerlegt.“
Ich lache. „Mein Schatz, ich lege jetzt auf und fahre.“
„Okay. Wer legt zuerst auf? Du oder ich?“
„Du bist doof. Bye!“ Immer noch lachend beende ich die Verbindung und lege das Telefon auf den Tisch.

Als ich gegen die Tür klopfe, höre ich kurz darauf Schritte auf der anderen Seite und dann die Stimme von Victoria: „Wer ist da?“
„Fiona.“
Jemand nestelt an der Tür herum, dann kippt sie zur Seite. Ich mustere sie beim Eintreten und gebe erst Victoria, dann ihrem wiederauferstandenen Mann die Hand. Victor hängt die Tür danach wieder ein.
„Tut mir leid“, sage ich. „Aber ich hatte es eilig.“
„Schon gut“, erwidert er. „Wir wollten heute nur nichts riskieren und haben deswegen die Tür noch nicht reparieren lassen.“
„Das ist eine gute Idee.“ Ich folge Victoria in den Salon, wo jetzt die Jalousien unten sind.
„Möchten Sie einen Scotch?“, erkundigt sich Victor, bereits auf dem Weg zur Bar.
„Nein, heute nicht. Im Büro gab es eine Geburtstagsfeier und ich möchte meinen Alkoholpegel nicht weiter hochtreiben.“
„Oh. Okay, dann …“
„Moment mal!“, ruft Victoria. „Bevor wir weitermachen, möchte ich klarstellen, dass ich diesen Wahnsinn nicht länger mitmachen werde! Ich werde ausziehen!“
„Warum denn?“, frage ich erstaunt.
„Warum? Das fragen Sie noch!? Sehen Sie sich den doch an! Ich habe ihn vor zwei Jahren zu Grabe getragen, er müsste von den Würmern zerfressen sein!!“
„Ja, aber dafür sieht er doch eigentlich ganz gut aus.“
„Was?!?“, kreischt sie. „Halten Sie das alles irgendwie für einen Scherz?!“
„Nein, keineswegs. Mir ist der Ernst der Lage durchaus bewusst. Aber dieser Mann ist aus Fleisch und Blut wie Sie. Wenn Sie nicht wüssten, dass er gestorben ist, würden Sie es nicht merken.“
„Ich weiß es aber!“
„Trotzdem, er ist jetzt … sozusagen im alten Zustand. Bevor er starb. So eine Art Hard-Reset.“
Victoria starrt mich an und sieht aus, als würde sie sich gleich auf mich stürzen. Ihr Mann bewahrt sie vor dieser Dummheit, indem er zu ihr tritt und ihr ein Glas mit irgendetwas Alkoholischem darin reicht.
„Trink das, mein Schatz. Fiona ist eine Kriegerin.“
Sie mustert ihn, dann nimmt sie mit mürrischem Gesichtsausdruck das Glas und kippt den Inhalt hinunter.
„Ja, und? Was bedeutet das?“
„Dass sie viel stärker und schneller ist als normale Menschen. Es wäre also keine gute Idee, sie anzugreifen.“
„Habe ich das getan? Nein. Na also!“
Ich wende mich grinsend ab und wandere zur Couch. Während ich mich fallen lasse, erkundige ich mich: „Sagen Sie, Victor, welche Lösung haben Sie gefunden?“
„Ja, also …“ Er folgt mir und setzt sich am anderen Ende der Couch. „Ich könnte bei dem Unfall so schwer verletzt worden sein, dass ich mein Gedächtnis verloren habe. Es hat so lange gedauert, bis ich …“
„Und wer ist dann in Ihrem Sarg beerdigt worden?“
„Ein Freund, der mit mir im Auto saß.“
Ich mustere ihn.
„Ja, ist ja schon gut, der Plan ist nicht besonders gut durchdacht.“
„Freundlich ausgedrückt.“
„Aber was ist mit meiner Idee von gestern? Dass ich gar nicht im Wagen war, weil ich ihn kurzfristig verliehen habe? Und weil der Körper ziemlich … äh, demoliert wurde beim Unfall, hat niemand gemerkt, dass ich das gar nicht war. Ich meine, eine DNA-Probe hätte das aufgedeckt, aber es gab ja keinen Grund zu zweifeln.“
„Und wer wird seitdem vermisst?“
„Öh … darüber habe ich natürlich auch schon nachgedacht. Es könnte ein Kumpel von mir gewesen sein, der im Ausland wohnt. Er ist für ein paar Tage nach Skyline gekommen und brauchte dringend ein Auto …“
„Victor, wer soll Ihnen den Schwachsinn abkaufen?“
Er senkt den Blick. „Ich will nicht zurück. Nicht jetzt. Ich lebe doch. Habe Herzschlag, Blutdruck, Gefühle. Wollen Sie mich wirklich wieder töten?“
Ich schüttele den Kopf. „Nein, das will ich nicht. Habe nie gesagt, dass ich das will. Dennoch brauchen wir eine vernünftige Lösung. Sie können nicht einfach in Ihr altes Leben zurück.“
„Und wie soll die aussehen?“
„Wir fragen jemanden, der mit so was mehr Erfahrung hat als ich.“
Überrascht blickt er mich an.
„Es gibt noch mehr wie mich?“
„Sieht ganz danach aus“, erwidere ich nickend. „Gar nicht so weit weg von hier gibt es eine Geschäftsstelle von … Ich kann mir diesen Scheißnamen nicht merken!“ Ich hole den Ausdruck aus der Hosentasche. „Nodus Sinuatrialis.“
„Bitte, was?“
„Das ist lateinisch und heißt Sinusknoten.“
„Sinusknoten? Ernsthaft jetzt?“
Ich nicke schon wieder. „Ja. Passt doch, oder? Da gibt es noch mehr Wiederkehrer. Ich vermute, die haben die ein oder andere Idee, was wir mit Ihnen anfangen sollen.“
„Und da haben Sie einen Termin ausgemacht?“
„Einen Termin?“ Ich starre ihn entgeistert an. „Nein, wir gehen einfach hin. Jetzt.“
„Jetzt?“
„Ja.“
„Werde ich hierher zurückkommen?“
Ich zucke die Achseln. „Keine Ahnung. Sie sind mein erster derartiger Fall, Victor.“ Ich blicke Victoria an, die auf einem Stuhl in der Essecke sitzt und apathisch vor sich hinstarrt. „Sie kommen auch mit, Victoria.“
„Ich?“ Sie hebt den Kopf und stiert mich an. „Wieso denn?“
„Es ist immerhin Ihr Mann, um den es geht. Sie müssen ihn ja mal geliebt haben. Außerdem geht es Sie auch ganz praktisch was an, wie es weitergeht.“
„Er ist tot“, flüstert sie. „Ich habe um ihn getrauert. Erst war ich wütend. Wütend auf Gott, wütend auf das Schicksal. Dann kam die Einsamkeit. Und irgendwann habe ich mich aufgerafft, habe angefangen, mein Leben zu leben. Ja, ich habe ihn geliebt. In einem früheren Leben.“
„Das tut mir leid.“ Ich wende mich an Victor: „Zwei Jahre sind eine lange Zeit.“
„Ich weiß. Ich … In der Verborgenen Welt gibt es keine Zeit. Ich dachte wohl irgendwie, ich komme hier an und alles ist wie früher. Mir war gar nicht klar, was zwei Jahre bedeuten können.“
„Kommt darauf an, für wen. In der Verborgenen Welt sind zwei Jahre wie ein Wimpernschlag. – Nun, hilft alles nichts. Wir nehmen meinen Wagen.“
„Muss ich mich umziehen?“, fragt Victoria, während sie sich mühsam erhebt.
„Keine Ahnung. Entscheiden Sie selbst, welchen Eindruck Sie machen wollen.“
„Meinen Sie, das ist den Zombies wichtig?“
„Ich bin kein Zombie!“, entfährt es Victor. „Wann akzeptierst du das endlich?“
„Gar nicht“, erwidert Victoria und geht aus dem Salon.
Victor blickt mich an. Ich zucke nur die Achseln.
Victoria kommt paar Minuten später umgezogen wieder und wir machen uns auf den Weg.

Dekadent. Das Wort kommt mir spontan in den Sinn, als wir auf die Auffahrt abbiegen und das Gebäude erblicken, in dem Nodus Sinuatrialis seinen Vereinssitz hat.
„Ist ja ziemlich dekadent“, bemerkt Victor, der neben mir sitzt.
„Tote sind immer dekadent, wenn sie durch die Gegend laufen!“, erwidert Victoria von hinten.
„Meine Liebe, das wird allmählich doch langweilig“, stellt Victor fest.
„Dann geh doch zurück in deine Gruft, wenn es dich nervt!“
Er schüttelt den Kopf und verzichtet auf eine weitere Diskussion. Was ich für eine weise Entscheidung halte.
Ich parke den Wagen neben einem wuchtigen Geländewagen aus England. Beim Aussteigen sehe ich mich neugierig um. Die Gegend ist vornehm, wie es sich für Newvil gehört, wobei wir uns in einer der älteren Ecken Newvils befinden, die noch nicht so von Neureichen überbevölkert wird wie der Rest des Vorortes. Ich werfe einen Seitenblick auf Victor, der vor seinem Tod zu den typischen Vertretern der Yuppies gehört hat. Börsenjunkie.
Die schwere Metalltür mit zwei Flügeln ist nicht abgeschlossen; ich halte sie den beiden Burtons auf, damit sie nicht von der zurückschwingenden Tür erschlagen werden. Nicht auszudenken, wenn Victoria auch zum „Zombie“ würde. Der reinste Horror.
Der Raum, in den wir gelangen, ist mit geräuschdämpfendem Teppich ausgelegt und wirkt nicht weniger edel als das Ambiente draußen. Hinter einem riesigen, massiven Schreibtisch, auf dem genug Platz zum Tennis spielen ist, sitzt eine Frau etwa mittleren Alters. Im Anbetracht der Umstände bin ich mir nicht ganz sicher, wie ich ihr Alter abschätzen soll.
Sie blickt uns freundlich durch eine randlose Brille entgegen und lächelt dabei professionell. Ich weiß nur, wenn bei CSE am Empfang die Damen so lächeln würden, hätte ich sie schon längst auf einen Selbsterfahrungskurs geschickt.
Aber vielleicht ist das in einem Verein, der vorgibt, Herzinfarktüberlebenden ins Leben zurück zu helfen, eher angebracht. Ich glaube es zwar nicht, aber ich bin ja auch keine Herzinfarktüberlebende und werde es auch nie sein.
„Guten Abend und herzlich willkommen bei Nodus Sinuatrialis“, sagt sie mit einer überraschend angenehm temperierten Stimme. „Wie kann ich Ihnen helfen?“
„Hi“, erwidere ich bewusst schnodderig. „Wir sind hier, um einen Knoten zu lösen.“
„Wie bitte?“
Auch meine Begleiter wirken etwas irritiert.
„War ein Scherz“, erkläre ich.
Endlich versteht sie und ein zweites Lächeln überlagert das erste auf ihrem Gesicht. „Ich verstehe. Nun, wenn ich kann, bin ich Ihnen selbstverständlich dabei behilflich.“
„Das ist schön. Wir hätten gerne den Chef gesprochen … Moment …“ Ich hole den Mailausdruck hervor, auf dem alles Wichtige steht. „Mr. Peter Wolf.“
„Mr. Wolf ist in einem Meeting“, erwidert das personifizierte Lächeln. „Ich nehme an, Sie haben keinen Termin.“
„Richtig angenommen, Miss …“
„Verzeihen Sie meine Unhöflichkeit. Ich bin Virginia Wolf, die Tochter von Mr. Wolf.“
„Trifft sich gut“, sage ich und schenke ihr ein Lächeln.
„Möchten Sie denn Informationsmaterial über unsere Arbeit mitnehmen?“ Sie greift elegant hinter sich und holt ein Päckchen mit bunten Broschüren nach vorne. „Ist jemand von Ihren Begleitern betroffen?“
„Das kann man wohl so sagen“, bestätige ich.
„Ich verstehe. Das ist natürlich ein großer Einschnitt im Leben eines Menschen. Aber man hat ja Glück gehabt und den Herzinfarkt überlebt …“
„Hat man nicht“, unterbreche ich sie. „Miss Wolf, ich schlage vor, wir lassen dieses Geplänkel und kommen zur Sache.“
Sie sieht mich ausdruckslos an. „Ich fürchte, ich verstehe Sie nicht, Miss …?“
„Mrs. Flame. Fiona Flame.“
„Also, Mrs. Flame, ich fürchte, ich weiß nicht, wovon Sie sprechen.“
„Natürlich wissen Sie das, so wie Sie ja auch wissen, dass Ihr Vater ein Wiederkehrer ist.“
„Noch ein Zombie!“, entfährt es Victoria.
„Ein Wiederkehrer? Was genau meinen Sie damit? Es gibt natürlich einige Mitglieder, die bei ihrem Herzinfarkt eine Nahtoderfahrung hatten, aber ich glaube, Wiederkehrer ist nicht der passende Ausdruck dafür.“
„Ich meinte ja auch die Wiederkehrer, die schon richtig und ganz tot waren und es geschafft haben, ihren Körper zu reaktivieren.“ Ich werfe einen Blick auf Victor. „Wie auch immer sie es geschafft haben.“
„So was gibt es nicht“, erklärt Virginia Wolf ruhig.
„Natürlich gibt es das. Auch wenn ich zugeben muss, dass mir dieses Phänomen neu ist. Aber ich bin lernfähig und habe akzeptiert, dass es selbst in Skyline einige Hundert Wiederkehrer gibt. Und Ihr Vater gehört dazu, was Ihnen bekannt sein wird.“
„Aha. Und Sie denken, Sie kennen einen Wiederkehrer?“
„Das denkt sie nicht nur, das weiß sie sehr genau.“
Miss Wolf schwenkt ihren Blick von mir zu Victor. „Und woher?“
„Weil ich vor zwei Jahren bei einem Unfall gestorben und gestern wiedergekehrt bin.“
Miss Wolf mustert ihn nachdenklich, dann nimmt sie Victoria unter die Lupe.
„Das ist die Witwe“, sage ich. „Die ehemalige Witwe, um genau zu sein.“
„Und wie kommen Sie ins Bild, Mrs. Flame?“
„Ich bin eine Kriegerin.“
Ihre Gesichtszüge entgleisen nur kurz, aber dafür umso nachdrücklicher. Doch sie fängt sich schnell wieder.
„Eine Kriegerin? Sie, Fiona Flame?“
„Überraschung!“, erwidere ich grinsend. „Also, können wir jetzt endlich mit Ihrem Vater sprechen?“
„Ich … ich bin mir nicht sicher, ob er noch da ist. Ich schaue mal nach.“
Als sie aufsteht, stelle ich mich ihr in den Weg. „Miss Wolf, vorhin war er noch im Meeting. Wenn ich wollte, würde ich einfach in sein Büro marschieren, aber das ist meistens nicht meine Art. Zumal ich Ihrem Vater nichts will. Mir geht es nur darum, Victor Burton zu helfen, mit seinem neuen, ungeplanten Leben zurechtzukommen und ich glaube, Ihr Verein kann ihn dabei unterstützen. Als Kriegerin habe ich nichts gegen Wiederkehrer.“
„Wirklich nicht?“, fragt sie leise und senkt den Blick. „Wir haben durchaus von Vorfällen gehört, wo Krieger Wiederkehrer getötet haben.“
„Das ist bedauerlich, aber ich bezweifle, dass sie es ohne triftigen Grund getan haben. Auch Wiederkehrer können Dinge tun, die ein Krieger als Störung des Gleichgewichts einstufen kann, dann muss er handeln. Die Tatsache, ein Wiederkehrer zu sein, stellt für mich jedenfalls keine Störung des Gleichgewichts dar. Ich habe nicht vor, Ihrem Vater zu schaden. Allerdings hasse ich es, verarscht zu werden. Das kann mein persönliches seelisches Gleichgewicht sehr empfindlich stören und dann reagiere ich nicht immer nachvollziehbar.“
Ich betrachte sie, die immer mehr zu einem Häuflein Elend mutiert. Eigentlich ist sie eine hübsche Anfangdreißigerin, zumindest dem Anschein nach. Gekleidet in einen braunen Zweiteiler, Strümpfe und Lackschuhe mit zwar hohen, aber nicht schwindelerregenden Absätzen wirkt sie sogar seriös und dürfte geeignet sein, normale Menschen, die den Verein für das halten, was er vorgibt zu sein, zu täuschen. Aber mit mir ist sie eindeutig überfordert.
„Es tut mir leid“, murmelt sie und starrt den Boden an. „Darf ich an Ihnen vorbei? Ich frage meinen Vater …“
„In Ordnung. Aber nicht weglaufen. Bin sowieso schneller.“
Sie nickt und zwängt sich an mir vorbei, dann geht sie durch eine schwere Holztür, vielleicht Mahagoni. Dekadent wirkt sie auf jeden Fall.
„Sie haben ihr ja ganz schön Angst gemacht“, stellt Victoria fest. „Hoffentlich kriegt der Zombie-Vater keinen Herzinfarkt!“
„Das wäre eine ziemliche Ironie“, erwidere ich grinsend, dann wende ich mich an Victor: „Ich habe das Gefühl, Sie werden sich von Ihrem früheren Leben verabschieden müssen.“
„Glauben Sie, das wird man mir hier raten?“
„Den Eindruck habe ich, ja.“ Ich nehme die Broschüren vom Schreibtisch und blättere sie durch, während wir warten.
Weit komme ich nicht, bis die Tür wieder aufgeht und Virginia Wolf zurückkehrt. Ein hochgewachsener, grauhaariger Mann begleitet sie. Er kommt mir bekannt vor, aber mir fällt nicht ein, wo ich ihn schon mal gesehen haben könnte.
Er kommt auf mich zu und hält mir die Hand hin, die ich ergreife.
„Miss Flame, eine Überraschung, Sie hier begrüßen zu dürfen. Ich bin Peter Wolf.“
„Die Überraschung ist ganz auf meiner Seite. Meine Begleiter sind Victoria und Victor Burton.“
Peter Wolf begrüßt die beiden auch, dann deutet er auf die Tür, durch die er gekommen ist. Seine Tochter folgt uns.
„Darf ich Ihnen etwas anbieten? Vielleicht Kaffee?“
„Ich nehme einen“, erwidere ich. Victoria schüttelt den Kopf, Victor möchte ein Glas Wasser.
Virginia geht wieder nach draußen.
Nachdem wir uns alle gesetzt haben, blickt Wolf mich an und sagt ruhig: „Sie haben meiner Tochter einen ganz schönen Schreck eingejagt. Sie hat keine besonders gute Meinung von Kriegern, fürchte ich.“
„Schwarze Schafe gibt es überall.“
„Gewiss. Ich gebe zu, ich bin überrascht, dass Fiona Flame eine Kriegerin ist. Obwohl Sie ja durchaus bewiesen haben, dass Sie kämpferisch veranlagt sind.“
„Und dabei wusste ich zu der Zeit noch nicht, dass ich eine Kriegerin bin.“
„Das denke ich mir, denn wenn Sie es gewusst hätten, hätten Sie sich vermutlich anders verhalten.“
„Mit Sicherheit.“
Die Tür geht auf und Virginia kommt mit den Getränken. Sie serviert sie stumm, dann setzt sie sich in der Nähe ihres Vaters. Im Vergleich zu ihrem selbstbewussten Auftreten zu Beginn unserer Begegnung wirkt sie im Moment sehr unsicher und verloren.
„Dann kommen wir doch zur Sache“, fährt Peter Wolf fort. „Was kann ich für Sie tun? Meine Tochter hat angedeutet, dass Mr. Burton … schon einmal tot war?“
„Und wie ich tot war!“, erwidert dieser. „Bis ich dann erfahren habe, dass diese ganze Gefrorene Welt eine Illusion ist und eine einzige Verarsche!“
„So würde ich das nicht nennen“, sagt Peter Wolf ruhig. „Diese Illusion hat durchaus einen Zweck.“
„Welchen denn?“
„Wir sind nicht hier, um die philosophischen Aspekte des menschlichen Daseins zu diskutieren“, unterbreche ich.
„Zumal es keineswegs nur um Menschen geht.“ Peter Wolf lächelt sanft.
„Ich weiß, aber auch darum geht es nicht.“
„Was soll das bedeuten?“, kreischt Victoria. „Wollen Sie damit andeuten, dass es diese … diese Zombies nicht nur auf der Erde gibt? Oder dass auch Tiere …?“
Ich seufze. „Victoria, Sie werden akzeptieren müssen, dass die Welt aus mehr als nur Modezeitschriften und Hollywoodstars besteht. Die Erde ist nicht mehr als ein Fixpunkt unter vielen im Universum. Wie auch immer, Victor, ich möchte jetzt wirklich nicht über existenzphilosophische Aspekte des Universums diskutieren, zumal ich befürchte, dass Sie nur einen kleinen Ausschnitt der Wahrheit wissen.“
„Und Sie wissen mehr?“
„Ich bin eine Kriegerin.“
„Dann wissen Sie vermutlich auch vom Statthalter?“, fragt Peter Wolf.
„Wissen? Machen Sie Witze? Ich hatte schon mehrmals das Vergnügen, mich mit ihm unterhalten zu dürfen.“
„Das hört sich an, als wäre es eigentlich das Gegenteil eines Vergnügens gewesen.“
„Ansichtssache“, murmele ich. „Lassen wir das. Wir haben hier ein ganz konkretes Problem und mein Gefühl sagt mir, dass Sie im Umgang mit dieser Art von konkreten Problemen mehr Erfahrung haben als ich.“
„In der Tat“, bestätigt Peter Wolf nickend. „Ich möchte nicht unerwähnt lassen, dass das Wiederkehren manchmal … unerwünschte Nebenwirkungen hat.“
„Unerwünschte Nebenwirkungen?“, wiederholt Victor und starrt ihn entsetzt an.
„Nun ja, Sie dürfen nicht vergessen, dass der menschliche Geist auf ein Leben programmiert ist. Mrs. Flame wird sicherlich bestätigen können, dass es einiges an Arbeit bedarf, als Mensch mit dem Wissen um das, was jenseits der Grenzen der Gefrorenen Welt liegt, umgehen zu lernen …“
„Das stimmt.“
„Krieger sind aber Seelen, die sich diese Aufgabe gezielt ausgesucht haben, das erleichtert die Eingewöhnung. Wenn ich das mal so sagen darf. Wiederkehrer verletzen die Spielregeln und überschreiten Grenzen, die eigentlich nicht ohne Konsequenzen überschritten werden dürfen.“
„Ach?“, sage ich. „Wie sehen diese Konsequenzen denn aus?“
„Das ist unterschiedlich, Mrs. Flame. Meistens geht es darum, dass Wiederkehrer nicht mehr in ihr altes Leben zurück können und eine neue Identität annehmen müssen. Meine Tochter und ich zum Beispiel sind vor fünf Jahren bei einem Hausbrand ums Leben gekommen und leben seitdem ein sehr zurückgezogenes Leben als Hinzugezogene. Wenn jemand sich sehr viel Mühe gebe, könnte er herausfinden, dass wir eigentlich niemals geboren wurden. Zumindest nicht als Virginia und Peter Wolf.“
„Ich glaube, ich weiß wer Sie waren“, sage ich nachdenklich. „Sie kamen mir vorhin schon irgendwie bekannt vor.“
„Ich würde es sehr schätzen, wenn Sie dieses Wissen für sich behalten würden, Mrs. Flame.“
Ich schenke ihm ein Lächeln, denn für einen anerkannten Wissenschaftler, der Nahtoderfahrungen ausschließlich ins Reich der Biochemie verfrachtet hat, muss die Erkenntnis, da sehr falsch gelegen zu haben, ein Kulturschock gewesen sein. Es erklärt aber auch, warum er sich so sehr für Wiederkehrer einsetzt.
„Selbstverständlich, Peter.“
„Danke, Fiona.“ Er lächelt auch, also hat er verstanden.
„Ihr habt mich abgehängt, glaube ich“, beschwert sich Victor. „Wovon redet ihr?“
„Ich weiß jetzt, wer Peter Wolf mal war und warum er jetzt Peter Wolf ist“, erkläre ich, wohlwissend, damit keineswegs zur Entwirrung von Victor beizutragen. „Mich interessiert sehr, welche Probleme es noch geben kann.“
„Nun, schwierig wird es dann, wenn einem Wiederkehrer klar wird, über welche Macht er verfügt.“
Ich verstehe sofort. Logisch. Wiederkehrer haben hinter die Grenzen geblickt und waren in der Lage, mindestens einmal ihr erweitertes Wissen anzuwenden, als sie nämlich ihren Körper reaktiviert haben. Und auch wenn sie eigentlich Menschen wie vor ihrem Tod sind oder werden, haben sie den Menschen, die noch vor ihrem physischen Tod stehen, eines voraus: Sie durchschauen die Illusion.
„Wie oft kommt das vor?“
„Nicht oft. Ein Wiederkehrer weiß nicht nur, über welche Macht er verfügt, er weiß auch, welche Konsequenzen es hat, wenn er diese Macht auch nutzt.“
„Zum Beispiel, dass Krieger ihn töten wollen.“
„Zum Beispiel.“
„Ich finde das richtig, dass diese Zombies wieder dahin zurückbefördert werden, wohin sie gehören.“ Victoria schon wieder.
„Wiederkehrer sind keine Zombies, sondern Menschen wie Sie“, erklärt Peter geduldig. „Bis auf die Tatsache, dass sie die Illusion erkennen, unterscheidet sie nichts, aber auch gar nichts, von anderen Menschen.“
„Ja, sicher.“
Peter blickt mich fragend an und ich zucke die Achseln. „Sie müssten es doch kennen, dass Angehörige damit nicht umgehen können.“
„Nun, es ist eher selten, dass Angehörige von einer Wiederkehr erfahren. Und die meisten sind dann glücklich über die hinzugewonnene Zeit.“
„Ich nicht!“
„Victoria, würdest du jetzt endlich bitte deine Fresse halten!?“
Drei Augenpaare richten sich entgeistert auf Victor, eines empört.
„Von einem Zombie lasse ich mir nichts befehlen!“
„Der Zombie bist du hier, dein Gehirn ist offenbar außer Betrieb, wahrscheinlich seit der Geburt schon!“
Victoria schnappt nach Luft, Virginia bekommt einen Lachanfall, Peter lächelt sanft und ich überlege, ob ich dazwischengehen soll.
Nachdem sich alle wieder beruhigt haben, sagt Peter in der von ihm gewohnten Ruhe: „Ich glaube, ich kann einen Vorschlag unterbreiten, der alle Interessen berücksichtigen dürfte.“

„Als meine Tochter und ich wiederkehrten und feststellten, dass es noch mehr wie uns gibt und wahrscheinlich immer gegeben hat, beschlossen wir, unser neues Leben für etwas Sinnvolles, für etwas Wichtiges zu nutzen.“ Peter erhebt sich und geht zum Fenster. „Mrs. Burton, Wiederkehrer sind alles andere als Zombies, aber ich darf Ihnen versichern, es gibt sie ebenfalls, die Zombies. Und ich darf Ihnen ebenfalls versichern, eine Begegnung mit ihnen würden Sie niemals vergessen, nicht für den kurzen Rest Ihres Lebens.“
„Was meinen Sie damit?“, erkundigt sich Victoria, während die Zornesröte in ihrem Gesicht einer deutlich helleren Farbe weicht.
„In der Verborgenen Welt gibt es all das, was Menschen sich jemals vorgestellt haben“, erkläre ich. „Und auch wenn sie nur einen kleinen Teil der Verborgenen Welt ausmachen, wobei Zeit und Raum in der Verborgenen Welt keine uns gewohnte Bedeutung haben, sind sie uns am Nächsten, denn sie entstanden aus uns, den Menschen. Und viele von ihnen sind … nun ja, nicht unsere Freunde.“
„Um es mal vorsichtig auszudrücken“, ergänzt Peter lächelnd. „Es ist daher sehr gut, dass sie in der Verborgenen Welt sind.“
„Dann sollen sie doch da bleiben, wo ist das Problem?“
„Das Problem, Victoria, ist, dass die Grenze zwischen der Verborgenen Welt und der Gefrorenen Welt die Illusion ist. Die Illusion der Gefrorenen Welt. Und auch wenn sie die materielle Welt schon seit Jahrtausenden zusammenhält, ist sie in Wahrheit ziemlich zerbrechlich. Wenn Menschen träumen, überschreiten sie diese Grenze, verliert die Illusion ihre Kraft und wir begegnen unseren tiefsten und dunkelsten Ängsten. Können Sie sich vorstellen, was es bedeuten würde, wäre diese Grenze plötzlich weg und die Gestalten aller Albträume aller Menschen seit Anbeginn der Zeit hätten ungehinderten Zugang zu unserer Welt? Wobei, meine Welt ist es nur teilweise, aber ich bin ja auch eine Kriegerin.“
„Sie waren vermutlich schon in der Verborgenen Welt“, bemerkt Victor.
„Ab und zu.“
„Und was hat all das mit uns zu tun?“, fragt Victoria. Sie wirkt ruhiger als vorhin noch. Vielleicht beginnt sie endlich zu begreifen.
„Nun“, setzt Peter an, während er immer noch am Fenster steht, „trotz alldem ist die Verborgene Welt durchaus faszinierend und schön, insbesondere im Vergleich zu den Einschränkungen und Entbehrungen, die uns das materielle Dasein, ich möchte fast sagen, das materielle Gefängnis, aufzwingt. Der Tod ist nichts Schlimmes, sondern letztlich der Entlassungsschein. Das ist natürlich nur schwer zu vermitteln, obwohl es durchaus eine immer größer werdende Bewegung gibt, deren Mitglieder zumindest ahnen, dass die aufgeklärte Welt nicht der Weisheit letzter Schluss sein kann. Aber natürlich erliegen auch sie gerne den Verlockungen der Materie und nutzen die Sehnsüchte der Menschen aus, um Geschäfte zu machen. Wie dem auch sei, wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, ein wenig Licht ins Dunkle zu bringen, und gründeten eine Kirche, die wir Aeternumen nannten.“
„Ein aussprechbarer Name wäre vielleicht sinnvoll gewesen“, bemerke ich.
Peter mustert mich kurz mit einem Anflug von Missbilligung, dann lächelt er. „Nun, für Sie ist sie ja nicht gedacht, Fiona.“
„Was für ein Glück. Immer wenn ich zur Messe ginge, müsste ich erst nachlesen, wie die Kirche heißt.“
Offenbar finden es nicht alle witzig, denn Victoria fährt mich an: „Sie sind ja wirklich so was von blond und das typische Beispiel für Menschen, die nicht mit dem Kopf denken!“
„Womit denke ich denn?“, erkundige ich mich amüsiert.
„Was weiß ich? Da Sie keine furchterregenden Muskeln besitzen, wahrscheinlich mit der Fotze!“
„Victoria!“, ruft Victor entsetzt.
„Was? Seitdem die bei uns aufgetaucht ist, gibt es nur Ärger! Überhaupt, sie war sogar vor dir da! Vielleicht hat sie dich zu uns geführt!“
„Wer ist hier blond?“, entfährt es Viriginia.
„Ich nicht!“
„Ruhe jetzt!“ Ich kann auch laut. Ziemlich laut sogar. Alle erstarren. Ich stehe auf und gehe zu Peter. „Welchen Vorschlag wollten Sie eigentlich unterbreiten, der alle Interessen berücksichtigt?“
Peter wirft einen Blick in die Runde, dann mustert er mich. „Nun, ich denke, sein altes Leben weiterzuführen ist für Victor Burton keine Option. Dazu müsste mindestens seine Frau mitspielen, und das erscheint mir etwas unwahrscheinlich. Außerdem weiß ich aus eigener Erfahrung, wie sehr das Wissen darum, dass die Welt mehr ist als nur ein paar Atome, die Gedanken beherrscht. Irgendwann wird es zur Besessenheit. – Victor, schließen Sie sich uns an. Bei uns brauchen Sie sich weder zu verstecken noch zu verstellen. Unsere Kirche kann Menschen wie Sie gut gebrauchen.“
Bleiern schwere Stille legt sich über den Raum. Selbst Victoria schafft es mal, keinen ihrer wenig hilfreichen Kommentare abzugeben. Alle beobachten Victor, der einen unsichtbaren Punkt des Universums, der sich zufällig grad in dieses Büro verirrt hat, anstarrt.
Endlich hebt er den Kopf. „Vermutlich haben Sie recht, Peter, und ich sollte Ihr Angebot annehmen. Welche Wahl habe ich denn auch?“
„Die realistisch gesehen zur Verfügung stehenden Optionen sind relativ überschaubar“, erwidere ich.
Er lächelt. „Vorsicht, Sie zerstören das Vorurteil meiner Frau über Sie, Fiona.“
„Passiert mir öfter.“
Ich habe Respekt vor Architekten. Und ich habe Respekt vor Handwerkern, die deren Vorstellungen so präzise umsetzen wie die Handwerker, die dafür gesorgt haben, dass die schwere Holztür, wahrscheinlich Mahagoni, des Büros, in dem wir uns befinden, wirklich, wirklich schalldicht ist.
In beiden Richtungen.
Blöd nur, dass nicht einmal ich rechtzeitig mitbekomme, was da passiert. Das heißt, als die Tür aufgerissen wird und ziemlich viele Menschen ins Büro stürzen, bekomme ich das mit, aber es ist eigentlich zu spät.
Da die Neuankömmlinge in Kampfanzüge gekleidet und bewaffnet sind, reagiere ich mehr oder weniger reflexartig. Meine einzige Waffe ist mein Körper, aber diese nachweislich ziemlich effektiv.
Den Ersten erwisch ich mit einem Aufwärtstritt und schnappe mir bei der Gelegenheit seine Pistole. Dann fahre ich herum und starre in eine Mündung.
Verflucht, das sind keine gewöhnlichen Menschen und sie bewegen sich verdammt schnell!
„Schön sauber bleiben“, sagt das Gesicht, das zu der Mündung gehört.
„Heute Morgen habe ich geduscht“, erwidere ich. Meine Pistole zeigt auf die Stirn in dem sprechenden Gesicht. In Filmen ist das immer eine klassische Pattsituation. Hier und jetzt, in meiner Realität, bin ich mir dessen nicht so sicher. Ich bin unsterblich, mein Gegner auch?
Doch eigentlich ist nicht diese Frage entscheidend. Die entscheidende Frage lautet: Will ich, dass andere, unschuldige Menschen sterben? Victoria, Victor, Peter, Virginia? Sie alle haben ebenfalls mindestens eine Waffe auf sich gerichtet.
Und dann sind da noch weitere Neuankömmlinge, überwiegend Männer. Insgesamt etwa zwanzig, wie eine schnelle Zählung ergibt.
„Ach ja? Umso hässlicher würden die Blutflecken wirken.“
„Oh ja, das ist wohl wahr.“ Ich mustere ihn. Er ist grob geschätzt Anfang bis Mitte Dreißig. Südländischer Typ mit braunen Locken. „Ich habe nicht das Gefühl, dass du schon wieder sterben möchtest.“
„Oh, du scheinst eine ganz Schlaue zu sein“, erwidert er spöttisch. „Aber du hast natürlich recht, Wiederkehren ist nichts, was auf Knopfdruck und immer funktioniert. Es ist ein bisschen wie Russisches Roulette. Von daher würde ich es mir gerne ersparen. Und deinen Freunden auch!“
„Wer sagt denn, dass es meine Freunde sind?“ Ich wende den Blick nicht von ihm.
„Weil du mit ihnen zusammen hier gesessen hast“, zischt er.
Ich hasse solche Diskussionen. Ich könnte ihn töten und einige weitere. Irgendeine Kugel würde mich dann erwischen. Und vermutlich nicht nur mich. Ich würde irgendwann wieder auferstehen, die anderen nicht.
Ich beschließe, dass so ein Massaker eine empfindliche Störung des Gleichgewichts darstellen würde, und lasse die Waffe sinken.
„Eine weise Entscheidung“, sagt mein braungelockter Freund, nimmt mir die Pistole ab und schubst mich zu den anderen. „Wenn alle schön vernünftig bleiben, passiert niemanden was. Okay, alles gesichert?“
„Gesichert!“, ruft jemand von der Tür. „Wir sind allein!“
„Sehr schön.“ Er wendet sich wieder uns zu. „Setzt euch einfach alle mal hin.“
Ich lasse mich auf einen der durchaus bequemen Stühle fallen, lehne mich zurück und kreuze die Beine. Die anderen folgen, wenn auch etwas zögerlich, meinem Beispiel.
„Sehr schön“, sagt der Südlandische. „Wie schon erwähnt, geschieht niemandem etwas, wenn ihr nicht versucht die Helden zu spielen. Von euch will ich gar nichts.“
„Was willst du denn, Hugh?“, fragt Peter, mit der vertraulichen Anrede meinen Verdacht bestätigend, dass die Eindringlinge keine Fremde sind.
„Die Liste“, antwortet Hugh.
Peter schüttelt den Kopf. „Das ist ausgeschlossen und das weißt du auch.“
Bevor Hugh antworten kann, ertönt mal wieder Victorias schrille Stimme: „Sind das etwa auch Zombies?“
„Zombies?“, fragt Hugh mit großen Augen.
„Wiederkehrer“, helfe ich bereitwillig aus.
„Oh ja, werte Dame, wir sind Wiederkehrer. Haben Sie etwa ein Problem damit?“ Hugh beugt sich vor und lächelt Victoria an.
„Terror-Zombies! Ihr seid Terror-Zombies!“
Sie ist wirklich kreativ, das muss ich neidlos anerkennen.
Hugh sieht das allerdings anders. Nach einem kurzen Moment schreit er sie plötzlich an: „Hinsetzen! Klappe halten!“
Victoria, die, wohl vor Aufregung, vorhin aufgesprungen ist, lässt sich mit geweiteten Augen wieder sinken und sagt tatsächlich nichts mehr. Anscheinend ist ihr gerade klar geworden, dass die Terror-Zombies möglicherweise beleidigt reagieren könnten. Zumindest macht Hugh nicht den Eindruck, als würde ihn die Bezeichnung als Terror-Zombie kaltlassen.
„Gut“, sagt Hugh. „Nachdem nun auch das geklärt ist, können wir uns jetzt mit den wichtigen Dingen beschäftigen. Zum Beispiel mit der Liste!“
„Es gibt keine Liste“, erwidert Peter ruhig.
Hugh richtet seine Pistole plötzlich auf ihn. „Wirklich nicht? Auch nicht, wenn ich dich erschieße?“
„Dann erst recht nicht.“ Peter wirkt immer noch ruhig. Ich habe das Gefühl, seine Ruhe ist nicht gespielt.
„Und warum nicht, Professor?“
„Weil biometrische Angaben von mir notwendig sind, um an die Liste zu kommen. Auch solche, über die ich tot nicht mehr verfüge.“
„Hm. Ob ich das glauben soll?“
„Er könnte die Wahrheit sagen!“, wirft einer von seinen Begleitern ein, die bislang schweigend die Diskussion beobachtet haben. „Wenn eine Stimmprobe von ihm notwendig ist, dann brauchen wir ihn lebend.“
Hugh nickt. „Ja, das könnte natürlich sein. Nun, aber wir könnten seine Tochter erschießen.“
„Mich?“ Victoria sinkt noch mehr in sich zusammen.
„Dann kommt ihr ebenfalls nicht an die Liste.“
„Sag bloß, ihre biometrischen Daten sind ebenfalls notwendig.“
„Genau so ist es“, bestätigt Peter. „Der Tresor ist doppelt gesichert. Und es sind mehrere biometrischen Daten notwendig. Stimme, Iris und Fingerabdruck. Selbst wenn du uns also die Augen rausschneidest und die Finger abschneidest, nützt dir das nichts, denn unsere Stimmen würden dann garantiert nicht mehr zu den Proben passen.“
„Ich glaube, du lügst uns an, um euch zu retten.“
„Kannst du es dir erlauben zu riskieren, dass ich doch die Wahrheit sage?“
Faszinierend. Ich bewundere den wiedergekehrten Professor. Seine Kaltblütigkeit ist geradezu unglaublich.
„Kann mich jemand auufklären, um was es hier geht?“, erkundige ich mich.
Hugh starrt mich an, als würde er mich zum ersten Mal sehen. „Wer bist du eigentlich? Verdächtig, wie ruhig du wirkst. Bist du eine Polizistin?“
„Ach ne, ganz sicher nicht.“ Ich mustere seine Gefährten. Sie scheinen unsicher zu sein. Das sind keine Terroristen. Aber was zum Teufel wollen sie eigentlich? „Mein Name ist Fiona Flame. Und wie heißt du?“
„Hugh Canman. Deine Ruhe ist erstaunlich. Ich glaube, du bist es gewohnt, dass eine Waffe auf dich gerichtet wird.“
„Durchaus.“
„Und dennoch bist du keine Wiederkehrerin.“
„Nein, ich bin kein Zombie.“
„Haha“, sagt Victoria.
„Was ist das eigentlich für eine Sache mit dem Zombie? Ich möchte auch darüber lachen.“
„Ein running gag“, erkläre ich. „Nicht so wichtig, nicht jetzt. Also, was ist hier eigentlich los?“
„Wüsste nicht, was dich das angeht“, erwidert Hugh.
„Eine Menge. Ich bin hier mittendrin.“
„Na und? Verhalt dich ruhig, dann geschieht dir nichts. – Peter, wir bekommen die Liste und …“
„Welche Liste?“, unterbreche ich ihn.
Er starrt mich an. „Du scheinst wirklich keine Angst zu haben. Vielleicht erlaube ich meinen Freunden, sich mit dir zu amüsieren. Dann vergeht dir schon der Übermut.“
Ich mustere seine Freunde und zucke die Achseln. „Ich bin nicht interessiert. Aber wenn sie mich angreifen, wehre ich mich und töte sie.“
„Du tötest sie?“, fragt Hugh fassungslos.
„Was ist das denn für eine?!“, ruft einer seiner Freunde.
Statt einer Antwort schnappe ich mir die Pistole von Hugh und richte sie auf ihn. Etwa 19 Pistolen zielen daraufhin auf mich. Sehr gut.
„Bist du wahnsinnig? Gib mir meine Waffe zurück!“ Er bewegt sich auf mich zu. Ich schüttel den Kopf und drücke den Abzug leicht durch, die Mündung auf seine Stirn gerichtet.
Er bleibt stehen.
„Selbst wenn du mich erschießt, stirbst du“, sagt er dann.
„Aber ich wache kurze Zeit später wieder auf, du nicht“, erwidere ich lächelnd. „Und dann töte ich die nächsten. Solange, bis niemand mehr übrig ist.“
„Scheiße, sie ist eine Kriegerin!“
Ich nicke und mustere Hugh abwartend.
Er leckt sich die Lippen. „Also schön, dann bist du eben eine Kriegerin. Du darfst nicht zulassen, dass den Menschen hier etwas passiert!“
„Ich muss Prioritäten setzen. Und du weißt, dass ich als Kriegerin eigene Entscheidungen treffe. Es ist wichtiger, dass ihr nicht an diese Liste kommt, warum auch immer.“
Nur am Rande registriere ich die entsetzten Gesichter der anderen Geisel. Meine Konzentration ist auf Hugh gerichtet, genau wie meine Waffe. Meine Hand zittert kein bisschen, im Gegensatz zu manch einer anderen, die eine Waffe hält.
„Wir … wir müssen diese Liste haben“, sagt er.
„Was ist das für eine Liste?“
Er schweigt, aber Peter nicht: „Sie enthält die Namen aller uns bekannten Wiederkehrer.“
„Und diese Liste ist besser gesichert als ein Goldschatz?“
„Können Sie sich vorstellen, was ein paar Hundert Wiederkehrer anrichten könnten, wenn sie sich zusammenschließen?“
„Hm. Hugh, wozu brauchst du diese Liste?“
„Das ist meine Sache.“
„Nicht ganz. Wie du ganz richtig festgestellt hast, bin ich eine Kriegerin. Und als Wiederkehrer wirst du wissen, was das bedeutet.“
„Ja, weiß ich“, erwidert er leise. „Aber ich muss diese Liste haben.“
„Was passiert sonst?“
Er schweigt.
„Das führt doch zu nichts!“, bricht Victoria aus. „Wie beim Ping-Pong!“
Da hat sie leider recht. Nur hat Hugh offensichtlich eine tierische Angst vor etwas – oder vor jemandem.
„Hör zu, Hugh. Ich könnte dich erschießen und dann direkt hinter dir herkommen in die Verborgene Welt. Und dann kriege ich heraus, warum dir diese Liste so wichtig ist. Glaub mir, ich habe kein Problem mit radikalen Lösungen.“
„Ich weiß“, murmelt er. „Aber ich darf es dir nicht sagen. Du bist eine Kriegerin.“
„Das heißt, es steckt noch jemand anderes dahinter, der auch von den Kriegern weiß. Ein Wiederkehrer?“
Er schüttelt den Kopf. „Nein. Er nennt sich der Zombie-König.“
„Hach!“, ruft Victoria. „Ich wusste es!“

„Zombie-König?“, wiederhole ich. Am liebsten würde ich laut loslachen, aber etwas hält mich davon ab. Meine gute Erziehung? Eher nicht. Es ist eine Intuition.
„Ein Zombie-König schickt euch los, um eine Liste mit den Namen von ein paar Dutzend Wiederkehrern zu besorgen? Habe ich das richtig verstanden?“
„Es sind 127“, sagt Peter.
„Was?“
„Namen auf der Liste. 127 Namen sind auf der Liste.“
„Aha. Also nicht ein paar Hundert?“
„Das war eine lyrische Übertreibung.“
„Eher eine dramaturgische. – Also schön. Ich glaube, ihr seid keine Mörder. Ich werde jetzt meine Waffe sichern. Und ihr werdet das alle auch tun, sonst mache ich Hackfleisch aus euch allen, egal wie lange es dauert. Habt ihr das kapiert?“
Hugh nickt niedergeschlagen und winkt seinen Freunden zu, meinem Befehl Folge zu leisten. Ich gehe mit gutem Beispiel voran, dann schiebe ich die Pistole in meinen Gürtel.
Danach will ich eigentlich fortfahren mit meiner Rede, aber Victoria funkt mir mal wieder dazwischen. Sie springt wie von einer Tarantel gestochen auf und geht auf Hugh los, mit beiden Fäusten auf ihn einschlagend. Hugh ist so perplex, dass er sie ohne Gegenwehr gewähren lässt. Nach einem Moment der Überraschung packe ich die Furie und zerre sie zu ihrem Stuhl zurück. Als sie versucht, mich auch zu schlagen, verpasse ich ihr eine Ohrfeige.
Sie plumpst auf den Stuhl und starrt mich empört an.
„Ich will kein Wort hören!“, herrsche ich sie an. „Noch so eine Aktion und ich werde ernsthaft sauer! Kapiert?“
Mit offenem Mund streichelt sie ihre gerötete Wange, dann nickt sie langsam.
Ich mustere Peter und seine Tochter, dann Victor. Sie beobachten mich angespannt. Ich lasse meinen Blick zu Hugh schweifen. Auch er beobachtet mich. Angespannt. Neugierig. Respektvoll.
„Nun denn, ich werde mir mal diesen Zombie-König vorknöpfen. Hat er eigentlich auch einen richtigen Namen?“
Hugh schüttelt den Kopf. „Zumindest hat er ihn mir nicht verraten.“
„Bist du der Einzige, der Kontakt mit ihm hatte?“
Er nickt. „In meinen Träumen.“
„In seinen Träumen?“, ruft Victoria. „Ihr wolltet uns töten, weil du in deinen Träumen …?“
„Ruhe!“, schreie ich sie wütend an. „Soll ich dich fesseln und knebeln?!“
„Das würden Sie nicht …“
„Doch!“
Irgendwas an mir überzeugt sie davon, dass ich es ernst meine, denn sie verstummt und macht sich klein. Vielleicht habe ich wieder den Killerblick. Egal, was es auch immer ist, es wirkt. Nur das zählt.
„So, nachdem das nun auch geklärt ist … Wenn ich es richtig verstehe, machst du im Schlaf außerkörperliche Wanderungen zum Zombie-König?“
Hugh nickt.
„Dann gehen wir mal gemeinsam dahin. Ich will mit ihm sprechen.“
„Er ist in der Verborgenen Welt“, flüstert Hugh entgeistert.
„Na und? Meine zweite Heimat. Kannst du denn nur im Traum aus deinem Körper?“
„Ja. Kannst du denn jederzeit, wann du willst?“
„Ich bin eine Kriegerin“, erwidere ich. „Also gut. Ich will diese leidige Geschichte irgendwie zum Abschluss bringen. Ihr geht schön brav nach Hause und tut so, als wäre nichts gewesen, dann tue ich auch so und lasse euch am Leben. Hugh bleibt hier, er muss heute noch träumen. Irgendwelche Einwände?“
Erwartungsgemäß gibt es keine. Mein Auftreten macht mal wieder Eindruck. Ich kenne schließlich meine Wirkung, wenn ich hochfahre.
„Dann raus hier! Alle außer Hugh, Victor und Victoria! Und natürlich den Hausherren.“
Ich beobachte die Wiederkehrer, die mit gesenkten Blicken das Büro verlassen. Virginia begleitet sie und schließt hinter ihnen ab. Als sie wiederkehrt, atmet sie erst einmal tief durch.
„Das war ja ganz schön erschreckend“, sagt sie.
„Wie das so ist mit Zombies“, bemerkt Victoria.
Diese Frau macht mich noch wahnsinnig!
Ich beschließe, sie zu ignorieren, und wende mich an Victor: „Sie müssen sich entscheiden, ist Ihnen das klar?“
„Ja“, antwortet er leise. „Es gibt keine andere Möglichkeit?“
„Sie sind tot, Victor. Offiziell liegen Sie neun Fuß unter der Erde. Okay, eigentlich in einer Gruft. Ist auch egal. Begreifen Sie es einfach als Chance, was Vernünftiges aus Ihrem Leben zu machen.“
„Wie bitte?“
„Ach, kommen Sie schon. Sie waren Börsenmakler, was ist daran irgendwie vernünftig gewesen? Sie wurden reich, indem Sie andere Menschen betrogen haben.“
„Das ist ganz schön hart, Fiona.“
Ich zucke die Achseln. „Vergessen Sie nicht, im zivilen Leben bin ich Geschäftsfrau und leite ein Unternehmen, das in diesem Land nicht gerade zu den kleinen zählt. Und da wir an die Börse wollen, hatte ich ein paarmal Kontakt mit Ihresgleichen. – Und keine Insidergeschäfte, klar?“
Victor nickt nur.
Ich wende mich an Peter, der mich lächelnd ansieht. „Fiona, ich bin beeindruckt. Das habe ich Ihnen nicht zugetraut, aber wie Sie hier in kürzester Zeit für Ruhe und Frieden gesorgt haben, Chapeau!“
„Ich werde oft unterschätzt. Bin ja klein, blond und süß.“
„Und das nutzen Sie ganz schön aus.“
Ich schenke ihm ein Lächeln. „Zu irgendwas muss es ja gut sein, dass ich so aussehe. – Also, Victor, wie haben Sie sich entschieden?“
„Habe ich wirklich eine Wahl?“
„Eine Wahl gibt es immer. Die Konsequenzen gehören allerdings dann auch dazu.“
„Eben. Genau diese Konsequenzen lassen mir eigentlich keine Wahl.“
Auch ihm schenke ich ein Lächeln. „Lieber Victor, die Entscheidung besteht eben genau darin, die richtige Wahl aus all den zur Verfügung stehenden Konsequenzen zu treffen. Sonst wäre das doch keine Entscheidung.“
„Oha, ganz schön philosophisch“, bemerkt Peter.
„Das bringt das Kriegerdasein so mit sich. Das Weltbild gerät ziemlich durcheinander, wenn man … jedenfalls geriet meins durcheinander, als ich erfuhr, wer und was ich wirklich bin. Und auch ich musste eine Entscheidung treffen, mit allen Konsequenzen.“
„Sie werden diese Entscheidung aber wohl kaum mit dem Gedanken an die Konsequenzen getroffen haben, oder?“ Victor starrt mich fragend an.
„Oh doch, mir war sogar sehr klar, was es bedeutet und dass es sehr tiefgreifende Konsequenzen hat, wie ich mich entscheide. Und mir war auch klar, dass mir niemand diese Entscheidung abnehmen konnte.“
„So wie mir jetzt?“
„Genau.“
Er seufzt, dann erhebt er sich und macht einen Schritt auf Peter zu. „Dann entscheide ich mich für die Kirche.“
„Eine weise Entscheidung“, erwidert Peter.
„Wir werden sehen.“ Victor wendet sich mir zu. „Und was machen Sie?“
„Ich besuche den Zombie-König. Als Kriegerin kann ich es nicht ignorieren, dass es seinetwegen fast ein Blutbad gab.“
„Er wird wütend sein“, stellt Hugh fest. „Und außerdem, ich kann jetzt bestimmt nicht schlafen. Gibt es denn keine andere Möglichkeit? Wie kommst du denn in die Verborgene Welt?“
„Ich bin eine Kriegerin. Und natürlich gibt es auch eine andere Möglichkeit. Ich töte dich. Allerdings hast du dann etwa fünf Minuten, wieder in deinen Körper zurückzukehren, bevor er endgültig deaktiviert wird. Andererseits, als Wiederkehrer hast du doch Übung darin, ihn wiederzubeleben.“
„Ich glaube nicht, dass ich es wieder schaffen würde“, sagt Hugh mit gesenktem Kopf.
Ich zucke die Achseln. „Dann musst du träumen. Zumindest in Trance kommen.“
Hugh atmet tief durch. „Ich schätze, eine echte Wahl habe ich nicht. Ja, ich weiß, Konsequenzen und so.“
Auch ihm schenke ich ein Lächeln. „Du bist lernfähig. – Sind wir dann so weit? Alle versorgt und glücklich?“
„Nicht alle“, sagt Victoria mürrisch. „Was ist mit mir?“
„Nichts. Was soll mit dir sein?“
„Na ja, ich kann ja schlecht nach Hause gehen und weitermachen wie bisher!“
„Wieso nicht?“
„Wieso nicht?“ Sie starrt mich entgeistert an. „Weil ich jetzt von den Zombies weiß? Von den ganzen Wahnsinnigen, die überall herumlaufen?“
„Ignorier es einfach. Bis auf die Tatsache, dass du etwas mehr von der Wirklichkeit weißt als vorher, hat sich nichts geändert.“
„Super Ratschlag. Vielen Dank auch. Kann ich jetzt gehen?“
Ich nicke. „Kann dich aber auch fahren, wenn du noch kurz wartest.“
„Nein, danke, ich nehme ein Taxi!“ Sprachs und verließ das Büro ohne einen Abschiedsgruß.
„Sie hat es schon schwer“, bemerke ich.
„Ja“, bestätigt Peter. „Ich habe da noch was für Sie, Fiona.“
„Okay, ich höre.“
Peter wirft kurz einen Blick auf die anderen Anwesenden, dann sagt er: „Sie sollten etwas wissen, was ich noch nicht erwähnt habe. Uns … uns war immer klar, dass Wiederkehrer aufgrund ihres Wissens und der daraus resultierenden Macht eine … eine gewisse Gefahr darstellen. Aus diesem Grunde haben wir eine Art Notbremse eingebaut. Es handelt sich um eine Art Bombe, eine chemische Bombe. Die technischen Details sind jetzt nicht so wichtig, aber sie werden mit einer Tablette eingenommen, die alle Wiederkehrer bekommen. Die Liste der Namen im Tresor enthält auch die Aktivierungssqeuenz.“
Stille. Nur das schwere Atmen Hughs ist zu hören.
Dann: „Habe ich das auch in mir?“
Peter nickt. „Ja. Es handelt sich um Nanotechnologie, die Bombe heftet sich an die Magenschleimhaut und verwächst mit ihr. Wird sie aktiviert, setzt sie einen Stoff frei, der innerhalb weniger Minuten zum Tode führt.“
„Das … das ist doch Wahnsinn!“ Hugh ist sehr bleich geworden.
„Eine notwendige Sicherheitsmaßnahme.“
„Eine notwendige Sicherheitsmaßnahme? Und wenn die Bombe einfach mal so zündet? Oder durch ein falsches Signal? Was ist das dann? Verluste gibt es immer, oder wie?“
„Es steht zu viel auf dem Spiel, um gar nichts zu tun“, erklärt Peter ruhig. „Daher ist diese Maßnahme notwendig, trotz aller damit verbundenen Risiken.“
„Werde … werde ich das auch bekommen?“, erkundigt sich Victor.
„Es führt kein Weg daran vorbei. Wiederkehrer sind zu mächtig.“
„Aber ich fühle mich doch gar nicht so mächtig. Genau genommen fühle ich mich weniger mächtig als vor meinem Tod.“
Peter blickt ihn lächelnd an. „Victor, … Bevor ich das erkläre, würde ich gerne allgemein, aufgrund der besonderen Situation, in der wir uns alle befinden und die eine gewisse Vertraulichkeit fördert, vorschlagen, auf formelle Anreden und Ausdrucksweisen zu verzichten. Hat jemand etwas dagegen?“
Victor schüttelt den Kopf.
„Ich bin eine große Freundin vom Verzicht auf Formalitäten“, erwidere ich grinsend.
„Das glaube ich dir sofort. – Also gut, Victor, die Sache ist die: Du durchschaust die Illusion der Gefrorenen Welt. Nicht nur, dass du es weißt, wie deine Frau, dass die Gefrorene Welt lediglich eine … eine …“
„Imagination eines Schutzwalls“, helfe ich aus.
„So könnte man es auch ausdrücken, in der Tat. Danke, Fiona. Nun, abgesehen davon, dass dir diese Tatsache vertraut ist, Victor, hast du darüber hinaus es auch geschafft, Materie bewusst zu beeinflussen, indem du deinen Körper reaktiviert hast. Frankenstein hat dafür die Energie von Blitzen gebraucht mit durchaus schlechterem Erfolg. Wiederkehrer sind in der Tat in der Lage, zumindest mit etwas Übung, gezielt ihre Fähigkeiten einzusetzen, um Materie zu manipulieren. Und damit können sie, literarisch gesehen, zaubern. Sie beherrschen Magie.“
„Oh“, sagt Victor.
„So ist es“, bestätige ich. „Ich kenne mindestens einen Zauberer, der das sozusagen beruflich macht und sehr viel älter ist als …“
„Als wer?“, fragt Victor.
„Als die meisten Menschen, die ich kenne“, erwidere ich und denke dabei an Katharina. Erschreckend, wie weh die Erinnerung an sie immer noch tut.
„Was ist los?“, erkundigt Peter. „Du hast Tränen in den Augen!“
„Ich?“ Ich wische mit dem Ärmel über die Augen. „Nicht so wichtig. Wie auch immer, das mit der Magie ist ein wichtiger Punkt.“
„Kannst du auch zaubern?“, fragt Hugh.
Ich führe meinen Daumentrick vor, den ich gelernt habe, als ich dank Nasnat unfreiwillig in der Verborgenen Welt gelandet war, als ich mit der Elfe in der Oase gelandet war und als ich Zigarettenschachteln auf den Bäumen wachsen ließ.
Mit dem brennenden Daumenzigarettenanzünder mache ich jedenfalls ordentlich Eindruck.
„Cool“, sagt Victor. „Und sehr praktisch.“
„Im Prinzip schon, außer im Mall.“ Ich erhebe mich. „Also gut, haben wir jetzt alles besprochen? Hugh und ich haben ein Date.“
Wir verabschieden uns von Virginia, Peter und Victor und fahren mit meinem Wagen los zu Hughs Appartement. Von unterwegs rufe ich James an und erkläre ihm in Stichworten die Situation.
„Hunger!“, sagt er nur.
Aus dem Augenwinkel sehe ich Hughs irritierten Gesichtsausdruck.
„Kannst du ihr nicht die Flasche geben?“
„Warum kommt ihr nicht her? Während du Sandra fütterst, hypnotisiere ich ihn.“
„Du kannst hypnotisieren?“, erkundige ich mich erstaunt.
„Weißt du das denn nicht?“
„Ich meine, so richtig!“, erwidere ich lachend.
„Ach so. Doch, das gehörte zur Ausbildung. Also, was hälst du davon?“
Ich werfe einen fragenden Blick auf Hugh, der nickt.
„Einverstanden. In einer Viertelstunde sind wir da.“

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Leseprobe: Die Legende von Sarah und Thomas – Die Prinzessin, die ihre Eltern tötete

Kreuz

Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren.
Dieses Gebot kam Thomas in den Sinn, während er mit geschlossenen Augen auf dem Boden saß. Er verscheuchte es wieder und öffnete die Augen, als er jemanden herannahen hörte.
Er hob den Blick. Vor ihm stand Gire Tabar. Ruhig sagte er, dass sie kamen. Es war so weit. Thomas erhob sich langsam.
„Sind alle bereit?“, fragte er. Gire nickte. Thomas wusste, dass er sich auf seine Gefährten verlassen konnte. Er legte kurz seine Hand auf Gires Schulter, dann gingen sie gemeinsam den Abhang hinunter. Bald würde es dunkel werden. Zu beiden Seiten des Weges, der zwischen den Bäumen verlief, standen die anderen bereit. Thomas wusste das, ohne sie zu sehen.
„Sie nehmen uns nicht ernst“, erklärte Gire bedächtig. „Zwei Dutzend Bewacher.“
„Bald werden sie uns ernst nehmen“, erwiderte Thomas düster. „Sehr ernst.“
Gire nickte und strich sich über seinen roten Stoppelbart. Es hörte sich an wie eine Klinge, die über Stein gezogen wurde. Thomas‘ Mundwinkel zuckten und die roten Augen seines riesigen Freundes leuchteten kurz auf.
Sie hielten an. Thomas schlug sein Schwert in die von weichem Moos bedeckte Erde und nahm seinen Bogen und einen Pfeil zur Hand, ohne anzulegen. Seine Gedanken flogen dem nahenden Wagen entgegen. Er atmete tief durch. Jeder Schuss musste sitzen.
Als die Reiter und der Wagen deutlich zu hören waren, legte er den Pfeil an und spannte den Bogen. In der hereinbrechenden Dämmerung war er zwischen den dicht beieinanderstehenden Bäumen für die Herannahenden kaum zu erkennen. Dafür konnte er sie umso deutlicher sehen. 22 Reiter und zwei Mann auf dem Bock. Möglicherweise saß noch jemand im Wagen bei Sarah, aber um den musste sie sich selbst kümmern. Thomas suchte mit den Augen den Anführer. Er ritt allein vorneweg, den Rücken durchgedrückt, aufmerksam die Umgebung beobachtend. Thomas verzog den Mund. Was für ein Affe, dachte er.
Als die ersten Reiter den verabredeten Punkt, die hervorstehende Wurzel eines geneigten Baumes, passierten, ließ er los. Sirrend fand der Pfeil seinen Weg und bohrte sich in den Hals des Anführers. Fünf andere Pfeile trafen ebenfalls ihr Ziel, vier Reiter und einer der Männer auf dem Wagen fielen zusammen mit ihrem Anführer. Thomas nahm in aller Ruhe den nächsten Pfeil und spannte den Bogen. Er legte an und schoss den zweiten Mann vom Wagen herunter. Seine Gefährten streckten vier weitere Reiter nieder. Noch 13 oder 14 Männer. Einige von ihnen hielten auf die Bäume zu, hinter denen sich Lanaya und Sulla versteckten. Ihnen blieb keine Zeit zum Schießen. Also sprangen sie mit gezogenen Schwertern und Kampfgeschrei den Reitern entgegen. Thomas und Gire erschossen zwei weitere Männer. Kars und Manty, bis dahin in der Dunkelheit zwischen den Bäumen verborgen, empfingen diejenigen, die sich auf Thomas und Gire stürzen wollten.
Thomas zog sein Schwert aus der Erde und rannte auf den Weg. Die Tür des Wagens wurde aufgestoßen, dann fiel ein lebloser Körper heraus. Thomas konnte erkennen, dass im Wagen gekämpft wurde. Er rannte darauf zu, doch ein Reiter stellte sich ihm in den Weg. Das Pferd stieg vor ihm hoch, ­Thomas wich aus und schlug sein Schwert durch das linke Bein des Reiters. Die Klinge blieb in der Seite des Pferdes stecken, das erneut hochging und ihm dadurch das Schwert aus der Hand riss. Schreiend vor Schmerzen fiel der Reiter nach hinten aus dem Sattel. Thomas konnte sein Schwert gerade noch packen, bevor das Tier die Flucht ergriff. Er blieb neben dem schreienden Mann stehen und schlug ihm den Kopf ab. Dann wandte er sich wieder der Kutsche zu.
Während er zum Wagen rannte, verschaffte er sich einen Überblick, ob seine Hilfe nicht an anderer Stelle dringender benötigt wurde. Lanaya schlitzte gerade mit ihrem Schwert einem Gegner den Hals auf und fuhr dann herum, um Sulla zu helfen. Gire, Kars und Manty erledigten den Rest. Für Thomas gab es nichts mehr zu tun.
Er ging zum Wagen und schaute hinein. Sarah saß auf der Bank. Vor ihr kniete ein Soldat, nicht mehr ganz lebendig. Sie hielt ihn mit gefesselten Händen von hinten am Hals umklammert, er röchelte nur noch vor sich hin. Thomas beendete seinen Todeskampf mit einem Schwertstich ins Herz. Sarah spürte, wie der Körper erschlaffte. Thomas packte ihn an den Haaren und zog ihn aus dem Wagen.
Sie stieg aus, in das bodenlange schwarze Kleid der zum Tode Verurteilten gehüllt. Sie fühlte sich schmutzig und war wütend. Thomas schnitt ihr die Handfesseln durch. Dann blickte sie sich um. Die schlangenhafte Lanaya und der schweigsame Manty waren dabei, die Herumliegenden auf Lebenszeichen hin zu untersuchen. Gire entfernte sich gemächlich und Sarah vermutete, dass er die Pferde holen wollte. Sie sah Thomas an, der ruhig vor ihr stand.
„Ich freue mich, dich zu sehen“, sagte sie.
„Ich freue mich, dich lebend zu sehen“, erwiderte Thomas. Er hielt ihrem forschenden Blick ruhig stand. „Wie geht es dir?“
„Ich bin wütend. Wütend auf diesen verfluchten Verräter Oluar! Und wütend auf mich!“
Thomas nickte. „Kann ich gut verstehen.“
„Ach, wirklich?“
Thomas hatte sie schon oft so erlebt und war unbeeindruckt. Er nickte erneut, und als Sarah zu einer Erwiderung ansetzte, deutete er auf den kleinen Kars Tersem, der sich ihnen schüchtern näherte. „Willst du die anderen gar nicht begrüßen?“
Sarah atmete tief durch, bevor sie antwortete: „Doch. – ­Hallo Kars. Bist du verletzt?“
Kars betastete seine Wange, auf der sich ein blutiger Striemen von der Schläfe an nach unten zog. Dann schüttelte er den Kopf. „Das ist nicht wichtig, nur eine Kleinigkeit. Hauptsache, dir geht es gut. Oder muss ich dich jetzt anders anreden? Mit Hoheit?“
„Untersteh dich!“ Sarah trat zu Kars, fasste in seine dunkelgrünen Haare und drückte ihre Lippen gegen seinen Mund. „Es ist schön, dich zu sehen. Und dass du nicht ernsthaft verletzt bist.“
„Versucht haben die es ja.“ Kars deutete vage auf die Herumliegenden. „Aber ich hatte was dagegen.“
Sarah lächelte. Dann blickte sie zu Gire, der mit den Pferden ankam. Von einem der Pferde nahm er ein Bündel und reichte es ihr. Nach einem knappen Nicken entfernte er sich wieder und half Lanaya und Manty, die Leichen auf einen Haufen zusammenzutragen. Sarah und Thomas sahen Sulla an, der schon eine Weile regungslos in der Nähe stand und sie beobachtete.
Sarah ging zu ihm und legte ihm die Hände auf die muskulösen Oberarme. Mit einem tiefen Blick in seine grünen Augen sagte sie leise: „Ich bin froh, dich zu sehen.“
Sulla nickte lächelnd. „Was hast du jetzt vor, Prinzessin?“
„Erst einmal dieses Kleid loswerden.“ Sarah trat einen Schritt zurück, dann packte sie das Kleid und zerriss es mit einer einzigen Bewegung. Darunter war sie nackt. Sulla wandte sich schnell ab, ebenso die anderen. Nur Thomas hielt den Blick auf Sarah gerichtet. Sie zog Hose und Hemd an, dann streifte sie die Stiefeln über. „Habt ihr auch mein Schwert?“, fragte sie.
„Ja.“ Kars trat zu seinem Pferd und brachte ihr kurz darauf einen eingewickelten Gegenstand. Sie nahm ihn entgegen und packte ihn aus. Zuerst wurde der schwarze Griff sichtbar. Sie umschloss ihn mit den Fingern, dann zog sie die Klinge aus der Scheide. Sirrend glitt sie durch die Luft, während Sarah verschiedene Figuren mit ihr malte. „Damit werde ich diesem Mistkerl den Kopf abschlagen!“, verkündete sie.
„Und dann?“, erkundigte sich Thomas. Die anderen sahen Sarah erwartungsvoll an. Sie musterte die Klinge, dann schob sie sie in die Scheide zurück. Ihr Blick glitt über die Wartenden und blieb zuletzt auf Thomas ruhen. Seine grünen Augen erwiderten den Blick gelassen.
„Dann werde ich die Königin von Untes sein!“
„Ein guter Plan“, sagte Thomas nickend. „Wir marschieren in den Königspalast, köpfen Oluar, erklären der Garde, dass er ein Mistkerl war, und alles ist gut. Du wirst das Land deiner Eltern regieren, die wir getötet haben.“
Sarahs Mundwinkel zuckten kurz. Gepresst fragte sie: „Hast du eine bessere Idee?“
Thomas deutete mit einer ausladenden Bewegung nach hinten. „Wir verlassen Untes und fangen irgendwo ein einfaches Leben an. Arbeiten. Bauen uns ein Haus. Irgendwo, wo uns niemand kennt.“
„Ein guter Plan.“ Sarah nickte. Sie hätte am liebsten losgeschrien, doch stattdessen sagte sie einigermaßen gefasst: „Davon habe ich schon immer geträumt. Eine einfache Bäuerin. Und dann Kinder. Verdammt, bist du bescheuert?!“ Ihr Wutaus­bruch ließ alle bis auf Thomas zusammenfahren. Achselzuckend wandte er sich ab und trat zum Wagen.
„Was machst du da?“, fragte Sarah in scharfem Ton.
Thomas hielt in seiner Bewegung inne und seufzte. „­Sarah, du benimmst dich, als wärst du bereits eine Königin. Ich schaue nach, ob hier etwas ist, womit wir in die Stadt kommen.“
„Da ist nichts!“ Sarahs Stimme klang wieder weicher. Sie trat zu Thomas und legte die Arme von hinten um ihn. „Es tut mir leid. Ich bin so wütend! Er wollte mich hinrichten lassen, dieser verfluchte Mistkerl!“
„Das will er immer noch“, erwiderte Thomas, ihr den Kopf leicht zugewandt. „Und wenn wir das verhindern wollen, brauchen wir einen Plan. Und zwar einen guten.“
„Und uns will er auch tot sehen“, bemerkte Lanaya. „Mit den zwei Dutzend hier wurden wir fertig, weil wir sie überrascht haben. Die Garde ist 500 Mann stark. Und sie werden gewarnt sein.“
„Nicht unbedingt“, sagte Sarah nachdenklich. Sie ging auf und ab. „Wenn wir es schaffen, im Palast zu sein, bevor die Kunde von meiner Befreiung dort ankommt, können wir Oluar erledigen. Er wähnt sich in Sicherheit.“
„Ein guter Plan“, stellte Thomas fest. Sarah spürte, wie sich ihr Körper kurz anspannte. „Wir reiten durch die Stadt? Damit alle sehen, dass du lebst und frei bist?“
Sarah schüttelte den Kopf, ging zu ihrem Pferd und schwang sich in den Sattel. Sie ließ das Tier steigen und dann auf ­Thomas zugaloppieren. Erst wenige Schritte vor ihm brachte sie es zum Stehen und sagte: „Es gibt geheime Wege in den Palast.“
Thomas nickte stumm.
„Es ist nicht aussichtslos!“, fuhr Sarah fort. Ihr Pferd tänzelte. „Kommt ihr mit? Thomas?“ Thomas nickte erneut. Sarah richtete ihren Blick auf die hellblonde Lanaya, deren gelbe Augen ihn selbstbewusst erwiderten. „Und du, Lanaya?“
Lanaya lächelte leicht. „Es wird mir eine Freude sein.“
Gire, Kars, Manty und Sulla standen zusammen. Gire sagte auf Sarahs fragenden Blick hin: „Ja.“ Kars und Sulla nickten schweigend. Manty erwiderte ihn mit ausdrucksloser Miene, dann ging er zu seinem Pferd und stieg in den Sattel. Ohne einen weiteren Blick auf die Toten oder seine Gefährten ließ er sein Pferd nach Norden galoppieren. Zum Palast.
„Gesprächig wie immer“, stellte Kars lachend fest. „Worauf warten wir noch?“ Statt einer Antwort riss Sarah ihr Pferd herum und ließ es Manty folgen. Thomas blickte sich um. Es war schon fast völlig dunkel. Sein Bauch verkrampfte sich kurz, doch er ignorierte es. Genau wie die anderen sechs stieg auch er auf sein Pferd und ließ es galoppieren.
Sie holten Sarah und Manty bald ein und ritten von da an gemeinsam auf der Hauptstraße in Richtung Retni. Thomas beobachtete Sarah von der Seite. Die rechtmäßige Königin von Untes starrte vor sich hin und ließ nicht erkennen, ob sie seine Blicke bemerkte. Hinter dem Hof des Selzo verließen sie die Hauptstraße und folgten nun dem kaum benutzten Weg zum Friedhof. Von der Stadt aus gab es andere, kürzere Wege dorthin. Das hatte den Vorteil, dass die Gefahr einer unliebsamen Begegnung nur sehr gering war.
Manty ritt voraus. Plötzlich ließ er sein Pferd anhalten und hob die Hand. Seine Gefährten stoppten auch sofort und verharrten angespannt, bereit, nach ihren Waffen zu greifen. So verging etwa eine Minute. Dann ließ Manty die Hand wieder sinken und ritt weiter. Die anderen atmeten tief durch. Sie hatten keine Angst vor einem Kampf, sie wünschten in diesem Moment aber auch keinen herbei.
Sie folgten Manty weiter bis zum Friedhof. Er stieg ab, ließ sein Pferd stehen und erkundete die Gegend. Dann kam er von hinten zurück. Mit einem kaum sichtbaren Lächeln registrierte er, wie fast jede Hand verstohlen den Griff eines Schwertes losließ. Einzig die Königin hatte sich nicht bewegt.
Er schüttelte den Kopf.
„Wir lassen die Pferde hier stehen, für den Fall, dass wir fliehen müssen“, sagte Thomas.
Sarah sah ihn durchdringend an. „Warum gehst du davon aus, dass wir fliehen müssen? Hat dich Drav Tersem nicht gelehrt, deine Gedanken darauf zu konzentrieren, was du erreichen willst, und nicht darauf, was du nicht erreichen willst?“
Thomas hielt in seiner Bewegung inne und starrte sein Pferd an. Er entgegnete langsam: „Er lehrte mich auch, auf alles vorbereitet zu sein. Unser Vorhaben ist gefährlich. Wir sollten auch das berücksichtigen, was uns unangenehm ist. Dein Hass sollte dich nicht blind machen, Sarah.“
Sie trat schnell an ihn heran und zwang ihn, sich umzudrehen und sie anzuschauen. Ihre weißen Augen funkelten in der Dunkelheit. „Nicht ich bin blind, sondern du! Du hast dich verändert! Ich will meinen Thomas wiederhaben!“
Thomas musterte ihr Gesicht und sah in ihren Zügen wieder diese ungezähmte Wildheit, die er schon vor mehr als zehn Jahren darin gesehen hatte. Er spürte auch die Berührung ihrer Hände auf den Schultern, die Kraft in ihren Fingern. Und er merkte, wie ihre Gedanken sich durch seine Augen in seinen Kopf bohrten und ihm keine Möglichkeit zum Entkommen ließen. So nickte er langsam. „Mag sein, Sarah, dass mich die Ereignisse vorsichtig gemacht haben. Wie nah warst du dem Tod?“
„Vor dem Tod habe ich keine Angst!“, erwiderte sie heftig. „Wenigstens hätte ich dann endlich meinen Frieden!“ Sie hielt inne, selbst erschrocken über das, was sie gesagt hatte. Leise sagte sie: „Lass uns gehen und diesen Mistkerl töten, Thomas.“
„Ja, dafür sind wir hier.“
Sarah fuhr herum. „Seid ihr bereit?“
„Wir sind bereit, Prinzessin“, antwortete Sulla. „Wir folgen dir.“
Sarah nickte. Sie blickte nach hinten, zu Thomas. Er nahm sein Schwert in die linke Hand und ging voran.
In der Dunkelheit der Nacht hatte Sarah das Gefühl, als entstiegen die Geister der Verstorbenen ihren Gräbern und flögen in alle Himmelsrichtungen davon. Sie hielt ihr Schwert mit beiden Händen fest und richtete den Blick auf den Rücken von Thomas. Wie oft waren sie, auch nachts, vom Schloss aus durch den geheimen Gang hierhergekommen und hatten sich über die Leute lustig gemacht, die Angst vor den Geistern hatten. Doch heute spürte Sarah selbst diese Angst. Sie fragte sich, ob es vielleicht daran lag, dass sie heute hätte hingerichtet werden sollen. Möglicherweise waren die Geister echt, und diejenigen, die selbst fast tot waren, konnten sie sehen und hören.
Sie erschauderte.
„Ist dir kalt?“, fragte Kars, der hinter ihr ging. Sie schüttelte den Kopf und war froh, als Thomas neben dem Baum anhielt, in dessen Innerem sich der Zugang zur Höhle befand. Der Stamm war sehr dick, so dick, dass Thomas und sie zusammen ihn nicht hatten umfassen können, als sie es vor wenigen Jahren einmal versucht hatten. Er teilte sich in Kopfhöhe, als hätte eine übermenschliche Faust von oben auf den Baum eingeschlagen. Wie drei Arme ragten die Fortläufer des Stammes nach oben und zwischen ihnen befand sich der Eingang. Ausgehöhlt vom Regen oder vielleicht auch von Tieren. Die derart entstandene Höhle führte durch den Stamm unter die Erde und unterirdisch bis in den Palast. Der erste Teil, der abwärts führte, war am schwersten zu passieren, denn es gab keine Stufen. Nur die Unebenheiten an der Innenseite des Baums boten etwas Halt für Füße und Hände.
Thomas hängte sich sein Schwert über den Rücken. Die anderen beobachteten ihn. Der Mond lieferte genug Licht, um ihn gut zu erkennen. Er packte einen der Stammfortsätze und schwang sich hoch. Ohne einen weiteren Blick auf seine Gefährten sprang er durch den Stamm nach unten.
Manty kletterte auf den Baum und folgte Thomas. Kars sog hörbar die Luft ein, als Gire hochkletterte. Der war sich der Ausmaße seines Körpers wohl bewusst und wählte den langsameren, sicheren Weg, indem er mit den Füßen tastend sicheren Halt suchte. Ihm folgte Lanaya mit den Worten: „Dann falle ich wenigstens weich.“ Grinsend machte sich der breitschultrige Sulla daran, hinter ihr in den Baum zu klettern. Nur noch Kars und Sarah waren übrig.
„Ich gehe zuletzt“, erklärte Sarah.
Kars sah sie an, und in seinem Blick lag etwas sehr Trauriges. So etwas wie Abschied. Sarahs Magen verkrampfte sich, und für einen sehr kurzen Augenblick dachte sie, dass der Vorschlag von Thomas vielleicht doch nicht so schlecht war. Aber dann siegte ihr Stolz. Sie nahm den Kopf von Kars und zog ihn an sich. Ihre Lippen berührten sich. „Für dich sterbe ich“, sagte er. Dann riss er sich los, kletterte schnell auf den Baum und verschwand darin.
Sarah spürte ihr Herz wie wild schlagen und lehnte die Stirn gegen den Baumstamm. Sie war völlig durcheinander, Übelkeit stieg in ihr hoch. Am liebsten hätte sie einfach losgeschrien, nur ihre Selbstbeherrschung hinderte sie daran. Sie waren an einem Punkt angelangt, an dem keine Umkehr mehr möglich war. Sarah spürte auf einmal ganz deutlich, dass sie ihre Gefährten in ein Abenteuer gedrängt hatte, dessen Ausgang mehr als ungewiss war. Egal wie es ausging, sie würde verlieren. Doch dann sagte sie sich, dass sie bereits verloren hatte, als sie geboren worden war. Wenn sie schon sterben musste, dann wenigstens im Kampf. Sie atmete tief durch und kletterte auf den Baum, um ihren Freunden zu folgen.
In der Höhle war es eng, doch nicht so eng wie im Baumstamm selbst. Immerhin konnten zwei Leute nebeneinanderstehen. Die anderen warteten schon ungeduldig auf sie. Sogar der sonst so unerschütterliche Thomas klang leicht gereizt, als er fragte, ob sie noch Pilze sammeln gewesen wäre. Sarah verkniff sich eine Antwort, weil sie sich ihrer Stimme nicht sicher war. Stattdessen drängte sie sich an ihren Gefährten vorbei und ging vor. Thomas unterdrückte seinen Ärger, denn als sie ihn berührte, konnte er deutlich ihre Angst spüren. Ihm wurde bewusst, unter welcher Anspannung sie stand, und das ließ schlagartig seine Wut in etwas umschlagen, das sich fast schon wie Mitleid anfühlte. Er folgte ihr ohne ein weiteres Wort, doch daran denkend, dass ihre Dickköpfigkeit auch sein Leben in Gefahr brachte. Realistisch betrachtet war die Chance, dass sie dieses Unternehmen überlebten, nicht sehr hoch. Trotzdem gab es für ihn keinen Zweifel daran, dass er das Richtige tat. Und er war sich sicher, dass die anderen genauso dachten.
Bis auf Sarah vielleicht.
Der Weg war anstrengend. Wer auch immer für den Bau der Höhle verantwortlich gewesen war, hatte es nicht da­rauf angelegt, den Boden eben und gut begehbar zu machen. Oft wurde die Höhle so schmal, dass Gire und Sulla nur quer durchgehen konnten. Sarah fluchte ab und zu, wenn sie in Spinnennetze lief und sich mal wieder eine Spinne in ihren Haaren verfing. Einmal merkte sie, wie eine aus ihren Haaren auf ihr Ohr krabbelte, und schlug wild nach ihr, wobei sie die Überreste des Tieres auf ihrem Ohr und in den Haaren verteilte. Sie spürte förmlich die Blicke ihrer Gefährten im Rücken und ging schneller. Sie war froh, dass ihre Gesichtsröte in dem schwachen Licht der Fackeln, die am Anfang der Höhle bereitgelegen hatten, auf keinen Fall zu sehen war.
Sie nutzte die nächsten Meter des Weges, um sich zu beruhigen. Es war nicht die Begegnung mit der Spinne, die ihr zu schaffen machte. Ihre übertriebene Reaktion wurde von einer inneren Unruhe verursacht, die sich ihrer auf dem Friedhof bemächtigt hatte. Sie wunderte sich über sich selbst.
Mantys Stimme riss sie aus den Gedanken. Manty, den sie in all den Jahren kaum hatte sprechen hören, sagte plötzlich: „Ich glaube, wir werden beobachtet.“
Thomas drehte sich um und sah ihn an. „Hier? Vielleicht von irgendwelchen Fledermäusen.“
Manty erwiderte seinen Blick ohne eine Regung. „Fledermäuse haben keine Augen.“
Thomas zuckte die Achseln und erwiderte: „Hier kann sich nichts und niemand verstecken. Hier ist kaum Platz genug für uns.“
Sarah schwenkte ihre Fackel herum, doch außer dem engen Höhlengang konnte sie nichts erkennen. „Hier ist wirklich nichts, Manty.“
„In Ordnung“, brummte der. „Gehen wir jetzt weiter?“
Thomas wechselte einen Blick mit Sarah. Ihrer verriet eindeutig, dass sie Manty für nervös hielt und dass er wohl da­rum schon Geister sah. Eine andere Erklärung hatte er ja auch nicht. Dass sie wirklich beobachtet wurden, hielt er für ausgeschlossen.
Sarah ging wieder vor. Weit mehr als die Hälfte des Weges hatten sie schon geschafft, und das gab ihr neuen Mut. Als die Höhle vor ihr breiter wurde und dann einen Knick machte, atmete sie laut aus. Sie waren am Ziel. Vorläufig zumindest. Im Schloss.
„Wir sind da“, sagte sie mit vibrierender Stimme.
„Wurde ja auch Zeit!“, knurrte Sulla hinter ihr.
Sarah warf einen Blick auf den muskulösen Kerl und grinste leicht. „Nichts für dich, hier unter der Erde, oder?“ Sulla schüttelte den Kopf. Sarah sah wieder nach vorne und sagte: „Da kommt gleich die Tür, hinter der die ganzen Toten aus den Kerkern abgelegt werden. Es … es stinkt ein bisschen.“
„Ein bisschen?“, echote Lanaya und verzog das Gesicht.
„Jedenfalls kommen wir so ins Schloss“, entgegnete Sarah. „Nur das ist wichtig!“
„Ja, schon gut, Hoheit, ich wollte dich nicht kritisieren“, erwiderte Lanaya kopfschüttelnd.
Sarah schloss die Augen und zählte langsam bis zehn. In der Zwischenzeit schaltete sich Thomas ein: „Wir sollten einfach mal weitergehen, was meint ihr?“
Sarah nickte und setzte sich in Bewegung. Sie kannte Lanaya doch, warum regte sie sich also auf? Lanaya war eine treue Freundin, auf die sie sich immer verlassen konnte. Sie hatte eben ein freches Mundwerk, aber das mochte sie sogar an ihr. Oder lag es daran, dass Lanaya und Thomas …? Ach, er war ihr doch zu nichts verpflichtet! Dummes Weib!, schalt sie sich und beschloss, sich ab sofort wieder voll und ganz auf das Unternehmen zu konzentrieren.
Ihre gesamte Aufmerksamkeit war plötzlich wieder in der Gegenwart, als sie versuchte, die Tür aufzudrücken, und diese sich kaum bewegen ließ. Sie war verwirrt. Sie versuchte es erneut und warf sich mit der Schulter gegen die Tür – ohne Erfolg. Sie bewegte sich zwar anstandshalber ein winziges Stück, aber durch die so entstandene Öffnung wäre nicht einmal eine dieser lästigen Spinnen gekommen.
Sarah trat zurück und warf einen Blick auf Gire. Er ging an ihr vorbei zur Tür und drückte versuchsweise dagegen. Sie bewegte sich ein wenig, aber offensichtlich wurde sie auf der anderen Seite durch etwas blockiert. Gire trat mit dem Fuß dagegen, was das Holz splittern ließ, aber ansonsten keine nennenswerte Auswirkung hatte. Gire fluchte. Dann warf er sich mit aller Kraft gegen die Tür, und endlich ging sie auf. Nein, sie ging nicht, sie wurde regelrecht aus den Angeln gerissen und flog in den Raum hinein. Gefolgt von Gire, der das Gleichgewicht verlor und hinfiel. Nicht auf den Boden, denn dieser war mit Leichen und Leichenteilen in ganz unterschiedlichen Verwesungszuständen bedeckt. Ein schier unerträglicher Gestank kam den Gefährten entgegen, während Gire seine ganze Kraft brauchte, um nicht ohnmächtig zu werden. Er ließ sich davon nichts anmerken. Stattdessen richtete er sich auf und sagte zu Sarah: „Die Tür ist offen, Majestät. Würdest du bitte eintreten?“
„Danke“, erwiderte sie. Dann holte sie tief Luft und ging, ohne zu atmen, voran.
Nachdem sie sich durch die Leichenberge gekämpft hatten, gelangten sie auf einen modrigen Korridor. Jetzt erst wagte Sarah es, wieder Luft zu holen. Der Gestank war immer noch fürchterlich.
„Hoffentlich hat dieser Empfang keinen symbolischen Charakter“, bemerkte Kars.
„Und wenn doch, ist es auch egal“, erwiderte Thomas. „Teufel auch, so schlimm war es beim letzten Mal noch nicht!“
„Das muss Oluar gewesen sein“, sagte Sarah düster. „Vielleicht hat er so alle unliebsamen Zeugen beseitigt.“
Thomas nickte. „Ja, könnte sein. Ein Grund mehr, ihn aus dem Weg zu schaffen.“ Diesmal ging Thomas vor. Die Gänge hier unten waren alles andere als hell und großzügig, aber doch viel angenehmer zu begehen als der unterirdische Geheimgang, durch den sie hierhergekommen waren.
Thomas hielt sein Schwert mit blanker Klinge in der rechten Hand. Seitdem Manty in der Höhle davon geredet hatte, dass er sich beobachtet fühlte, verspürte er ein zunehmendes Unbehagen. Vielleicht hätten sie seine Bedenken nicht einfach so abtun sollen. Doch jetzt war es zu spät.
Wie sehr, das wurde ihm klar, als sie sich hinter einer Abbiegung plötzlich Oluar und mehreren Soldaten gegenübersahen. Ein halbes Dutzend der Männer hielt gespannte Bogen mit den Pfeilspitzen auf sie gerichtet. Sie saßen in der Falle, denn hinter ihnen kamen aus irgendwelchen dunklen Ecken weitere Soldaten, viele von ihnen ebenfalls mit Pfeil und Bogen bewaffnet. Thomas ließ sein Schwert, das er reflexartig zum Schlag erhoben hatte, langsam wieder sinken.
„Eine weise Entscheidung!“, rief Oluar lachend. „Und jetzt sag deinen Freunden, dass sie es dir gleichtun sollen. Sonst müsste ich meinen Soldaten sagen, dass sie schießen sollen. Und das täte mir außerordentlich leid!“
„Lügner!“, schrie Sarah mit wutverzerrtem Gesicht. „Ich bring dich um! Komm her und kämpf wie ein Mann!“
Sie wollte sich auf Oluar stürzen. Im letzten Augenblick wurde sie von Gire festgehalten und hochgehoben. Sie trat wild um sich. Ihre Selbstbeherrschung reichte gerade eben aus, um nicht mit dem Schwert nach Gire zu schlagen.
„Lass mich los! Verdammt noch mal, Gire, lass mich los! Ich bring ihn um!“
„Sarah!“ Thomas sprang vor die Tobende und riss ihr das Schwert aus der Hand. „Komm zu dir! Du würdest lebend nicht einmal in seine Nähe kommen!“
„Hör auf deinen kleinen Freund, denn er hat recht!“, rief Oluar. „Ich will euch nicht töten lassen, aber ich tu es, wenn ihr mich zwingt.“
Sarah erstarrte. „Gib mir mein Schwert zurück!“ Thomas dachte kurz nach, dann gehorchte er. Sie nahm das Schwert an sich und wandte sich dann Gire zu. „Und du, lass mich los!“
„Bleibst du dann ruhig?“, erkundigte sich Gire.
„Du hast mir nichts zu befehlen!“, fauchte sie. „Lass mich los!“
„Nur wenn du keine Dummheiten machst.“
„Lass mich sofort los!“, kreischte Sarah. Dann atmete sie ein paarmal durch. „Also gut, lass mich jetzt bitte los.“
Gire nickte und gehorchte.
„Bravo!“, rief Oluar applaudierend. „Wie herrlich sie euch doch im Griff hat!“
„Vorsicht, du miese Ratte. Einer von uns könnte noch lebend bei dir ankommen und dich einen Kopf kürzer machen.“ Die ruhige Art, mit der Thomas das sagte, stand im krassen Gegensatz zum Inhalt seiner Worte. Sarah erschauderte unwillkürlich. „Was willst du, Oluar?“
Der fuhr sich mit der Hand durch seine gelben Haare. „Ihr wisst, dass ihr keine Chance habt. Und mal ganz ehrlich, was wollt ihr hier überhaupt?“
„Du sitzt auf meinem Thron!“, erwiderte Sarah heftig. „Wir holen uns zurück, was mir gehört!“
„Was dir gehört?“ Oluar lachte laut auf. „Du hast deine Eltern getötet!“
„Du fette Wanze!“, schrie Sarah. „Du warst genauso daran beteiligt! Du Scheißkerl!“
„Na, na, was schreist du da rum?“ Sarah, die Oluar gut kannte, bemerkte das leichte Flackern seiner Augenlider. „Das war ganz anders, meine Liebe. Ich wollte euch davon abhalten, diese fürchterliche Tat zu begehen. Leider kam ich zu spät. Aber ich verspreche euch, wenn ihr euch jetzt ergebt, sorge ich für ein gerechtes Verfahren.“
„Niemals!“, rief Sarah. „Lieber sterbe ich! Und außerdem glaube ich dir sowieso kein Wort! Du hast mich foltern lassen!“
„Meine Leute waren da etwas übereifrig. Das tut mir leid“, erwiderte Oluar in beschwichtigendem Tonfall. „Aber ich verspreche dir, dass ihr hier nur lebend rauskommt, wenn ihr euch ergebt.“
„Das werden wir ja sehen!“
„Sarah“, sagte Thomas leise. „Sarah. Denk nach. Niemand hat was davon, wenn wir hier ein Schlachtfest veranstalten.“
Sarah fuhr herum und starrte ihn mit funkelnden Augen an. Selbst im flackernden Fackellicht war das gut zu sehen. Thomas spürte, wie sein Magen sich verkrampfte. Er war bereit, für sie zu sterben, wenn es sein musste, auch hier und jetzt. Aber ihm war es lieber, wenn sie zur Vernunft kam.
Sarah kämpfte mit sich. Aus den Augenwinkeln sah sie ihre Freunde, die mit erhobenen Schwertern bereitstanden, um in den Tod zu rennen. Was für ein Wahnsinn!, dachte sie. Als sie Thomas in die Augen blickte, sah sie darin seinen Zwiespalt und seinen Schmerz.
Sie warf ihr Schwert auf den Boden und senkte den Kopf.
„Das ist eine kluge Entscheidung“, bemerkte Oluar mit kaum verhohlener Freude. „Legt sie in Ketten und bringt sie in den Kerker!“, befahl er dann mit harter Stimme. Mit diesen Worten machte er kehrt und ließ sie zurück.
*
Ihre Lage wirkte ziemlich aussichtslos. Thomas betrachtete seine Gefährten, ihre Umgebung, und spürte in seinen Körper hinein, um ganz nüchtern für sich festzustellen, dass Sarahs Idee vielleicht doch die bessere gewesen wäre. Sie standen oder saßen alle an einer Wand, angekettet, so unbequem wie nur möglich. Die Hände über den Köpfen in Fesseln, sodass sie nur für kurze Zeit sitzen konnten. Denn nach wenigen Minuten begannen die Schultern und Arme zu schmerzen. In der Zelle war es kalt und klamm, und sie konnten die Schreie von anderen Gefangenen hören, die allem Anschein nach gefoltert wurden.
„Wir hätten vielleicht auf dich hören sollen, Sarah“, stellte er fest und erschrak darüber, wie müde seine eigene Stimme klang.
Sarah, die links von ihm stand und bislang den Boden angestarrt hatte, hob den Kopf, um ihn anzuschauen. „Ach, ­Thomas … jede Entscheidung wäre die falsche gewesen. Im Grunde genommen hatten wir gar keine Wahl. Wir haben lediglich unseren Tod hinausgezögert.“
„Du meinst also, er wird sein Wort nicht halten?“, erkundigte sich Kars.
„Oh, ich bin sicher, er wird sein Wort nicht brechen“, bemerkte Lanaya. „Zumindest aus seiner Sicht. Ich glaube, wir verstehen unter einem gerechten Verfahren etwas anderes als dieser verfluchte Mistkerl.“
„Ach ja?“
„Das denke ich auch“, mischte sich Thomas ein. „Aber was soll´s. Wenigstens sind wir noch am Leben. Ihr wisst ja, die Hoffnung stirbt zuletzt.“
„Ja, natürlich“, sagte Sarah, doch sie klang nicht sehr überzeugt. Thomas versuchte ein Lächeln.
„Ich glaube daran, dass das nicht unser Ende sein wird.“
„Genau, der Glaube versetzt Berge“, erwiderte Sarah spöttisch. „Kann er auch Ketten sprengen?“
„Wenn man fest genug daran glaubt, dann ganz sicher.“ Gire stand, während er das sagte, regungslos da. Er war der Einzige, der einigermaßen bequem hätte sitzen können. „Ist nur blöd mit dem Glauben. Wenn es nicht geklappt hat, war der Glaube nicht stark genug. Die Ausrede funktioniert immer.“
„Wohl wahr.“ Kars seufzte. „Und wer von uns glaubt grad nicht fest genug? Wer zweifelt? Wer verhindert, dass wir frei sind und diesen dämlichen Schweinehund einen Kopf kürzer machen? Wer ist es?“
„Ich vermute, dass du es bist!“, rief Lanaya lachend. „Ach, Kleiner, wir sind doch alle freiwillig hier. So schnell kriegt man uns nicht klein.“
„Das hoffe ich mal“, bemerkte Thomas. „Da kommt jemand, hört ihr das?“
Alle konnten hören, wie ein Schlüssel im Schloss umgedreht wurde. Bald darauf erschien eine zarte Frauengestalt in der Zellentür und ging schnellen Schrittes zu Thomas. „­Katharina!“, rief der erstaunt. „Was machst du denn hier?“
„Thomas!“, sagte sie mit tränenverschleierten Augen. „Oh, mein armer Bruder! Die Nachricht von eurer Gefangennahme ist schon in der ganzen Stadt angekommen.“
Thomas betrachtete voller Liebe seine Schwester und sog ihren Anblick in sich auf. Ihre zweifarbigen Augen, die langen, dunkelblonden Haare, die zarte Gestalt. „Du solltest mich nicht so sehen“, sagte er leise. „Überhaupt, es ist gefährlich für dich, hier zu sein.“
Katharina schmiegte sich an ihn und Thomas verfluchte die Ketten, die ihn daran hinderten, sie in die Arme zu nehmen. „Keine Sorge, Bruderherz“, flüsterte sie. „Wir werden euch befreien.“
„Wer ist wir?“, fragte er flüsternd zurück.
„Das kann ich dir nicht sagen. Noch nicht. Aber wir haben einen Plan. Morgen, in der Nacht, holen wir euch hier raus. So lange müsst ihr durchhalten.“
„Kein Problem, das schaffen wir schon“, erwiderte Thomas. „Aber seid vorsichtig, wer auch immer dazugehört. Oluar ist gefährlich. Er hat gewusst, dass wir kommen. Es ist mir ein Rätsel, wie er das wissen konnte.“
„Er hat uns gesehen“, bemerkte Manty. „Ich habe es gespürt und euch gewarnt.“
„Ja, das hast du“, knurrte Gire. „Aber wie konnte er uns sehen?“
„Keine Ahnung.“ Manty zuckte die Achseln.
„Das ist nicht sehr hilfreich“, stellte Sarah fest, dabei ­Katharina betrachtend. „Wie hast du es geschafft, dass sie dich reingelassen haben?“
Katharina schlug die Augen nieder. „Frag nicht.“ Sie holte tief Luft, dann griff sie unter ihren Mantel und holte Brot hervor. Da die Gefesselten es nicht selbst zum Mund führen konnten, fütterte sie alle der Reihe nach. Thomas beobachtete sie zugleich erfreut und besorgt. Als Manty an der Reihe war, zögerte Katharina kurz. „Es tut mir leid, Manty.“
Der schüttelte den Kopf. „Ist schon gut. Es ist nicht deine Schuld.“
„Niemand konnte das ahnen“, flüsterte Sarah, auf den Boden starrend. „Niemand konnte ahnen, dass ich mal meine eigenen Eltern umbringen würde. Niemand.“
„Aber warum habt ihr das überhaupt getan? Du hast deine eigenen Eltern getötet. Warum?“ Katharina sah die blauhaarige Frau verzweifelt an. „Was bringt eine Tochter dazu, ihre eigenen Eltern zu töten? Was haben sie dir denn angetan, dass du sie so gehasst hast?“
„Ich habe sie nicht gehasst!“, erwiderte Sarah wütend. „Ich habe sie geliebt, darum musste ich sie töten! Verstehst du, ich habe es aus Liebe getan! Ich konnte nicht anders! Sie … sie haben alles verraten, woran ich geglaubt habe! Sie haben ihr Land verraten, ihre Leute – und mich!“
Katharina ließ den Blick von Sarah zu Thomas schweifen. „Erklär du es mir! Ich verstehe das nicht!“
Thomas schüttelte den Kopf. „Schwesterherz, da gibt es nichts zu erklären. Für Sarah ist es, als hätte sie sich ihr eigenes Herz rausgeschnitten. Aber es ging nicht anders.“ Er wandte den Blick ab. „Du solltest jetzt lieber gehen.“
Katharina trat zu ihm und umarmte ihn. „Wir werden euch holen“, flüsterte sie. „In der nächsten Nacht holen wir euch. Haltet durch!“
Thomas nickte. „Ja, das tun wir, meine liebe Schwester. Pass du auf dich auf. Es kommen schwere Zeiten.“
„Ja, das tun sie.“ Katharina verließ eilig die Zelle und blickte nicht mehr zurück, weil ihr der Anblick das Herz gebrochen hätte.
*
Thomas ließ sich die Hände am Rücken fesseln. Es gefiel ihm nicht, aber es schien Sinn zu machen. Offensichtlich sollte ihnen jetzt der Prozess gemacht werden, und klar, dass Oluar vorsichtig war. Er konnte es sehr gut nachvollziehen. Gire knurrte zwar vor sich hin, aber nach einem Blick auf Thomas, der die Prozedur ruhig über sich ergehen ließ, leistete er keinen Widerstand. Und auch Sarah, die kurz daran gedacht hatte, etwas zu unternehmen, verhielt sich vernünftig. Zumindest hätte es Thomas so bezeichnet, dessen war sie sich sicher.
„Wohin gehen wir“, erkundigte sie sich, als die Soldaten sie und die anderen in Richtung Tür schubsten.
„In den Hof“, erwiderte einer der Soldaten grinsend.
„In den Hof?!“ Sarah blieb stehen und erhielt einen Schlag in den Rücken. „Los, weiter!“, brüllte ihr einer der Männer ins Ohr. Als jedoch auch die anderen stehen blieben, zogen alle Soldaten ihre Schwerter und umstellten sie.
„Oluar hat uns ein gerechtes Verfahren versprochen“, sagte Thomas so ruhig, wie es ihm nur möglich war.
„Das werdet ihr auch bekommen“, erklärte einer der Soldaten, der seiner Uniform nach die Befehlsgewalt hatte.
„Im Hof, oder was? Verfahren werden nicht im Hof abgehalten, da werden die Urteile vollstreckt. Und zwar die Todesurteile!“ Sarah trat versuchsweise nach einem der Soldaten, doch als dessen Klinge ihr Bein nur knapp verfehlte, sprang sie schnell zurück. „Dieser Bastard will uns nur möglichst schnell loswerden, damit ihm niemand mehr den Thron streitig machen kann! Das ist die Wahrheit!“
„Wir haben nicht das Recht, Anweisungen unseres Königs in Zweifel zu ziehen. Und die Anweisung lautet, euch in den Hof zu bringen und jeden, der sich widersetzt, sofort zu töten.“ Der Kommandant deutete auf die Tür. „Es ist eure Entscheidung.“
„Und wenn ich dir sage, dass ich die rechtmäßige Königin bin?“ Sarah zerrte bei diesen Worten wie wild an ihrer Handfessel, aber ohne jeden Erfolg.
„Du hast deine Eltern getötet. Damit hast du jedes Recht auf den Thron verwirkt“, antwortete der Kommandant. „Und jetzt bewegt euch, sonst gebe ich meinen Leuten den Befehl, jeden von euch, der sich nicht zur Tür bewegt, sofort zu töten!“
„Komm, Sarah“, sagte Thomas. „Ein Massaker hier unten macht keinen Sinn. Wir können nicht gewinnen.“
Sarah starrte ihn düster an, doch sie sah ein, dass er recht hatte, und ging zur Tür. Ihre Freunde folgten ihr, betreten auf den Boden schauend. Einzig Lanaya ging hocherhobenen Hauptes; sie musterte den Kommandanten wütend, und als sie nah genug an ihm dran war, spuckte sie ihm blitzschnell ins Gesicht. Sofort flogen Schwerter in die Höhe, doch der Kommandant hielt seine Leute mit einer Handbewegung auf.
„Du weißt, wofür das war“, bemerkte Lanaya. Der Mann nickte und wischte sich die Spucke aus dem Gesicht.
Später fragte Kars leise: „Eins deiner Abenteuer, Lanaya?“ Sie nickte stumm. Ihr war nicht nach Erzählen zumute. Sie spürte ganz deutlich die Nähe des Todes und ahnte, dass ihr junges Leben heute enden würde.
Der Hof, wie der öffentliche Hinrichtungsplatz von Retni genannt wurde, war voll mit Menschen. So voll, dass die Soldaten eine Schneise in die Menschenmenge schlagen mussten, um die Gefangenen in die Mitte führen zu können. Hier standen auf einem Podest fünf Galgen bereit. Alle Gefangenen wurden auf den Podest geführt, und von hier aus konnten sie dann auch sehen, warum es nur fünf Galgen gab. Zwei von ihnen sollten auf eine wesentlich grausamere Art und Weise sterben. Es gehörte nicht viel Überlegung dazu, zu erraten, wer diese zwei sein würden.
Die Menschenmenge jubelte, als die Gefangenen auf den Podest geführt wurden, und rief immer wieder: „Tod den Verrätern! Tod den Verrätern und Königsmördern!“ Oluar hatte gute Arbeit geleistet. Thomas ließ seinen Blick äußerlich ungerührt über die Menschenmenge schweifen, dann wandte er den Blick nach oben. Dort befand sich die Galerie, von der aus Mitglieder der Königsfamilie einer Hinrichtung beiwohnen konnten, wenn sie wollten. Auch er hatte schon dort zusammen mit ­Sarah gestanden. Es war ein seltsames Gefühl, nun selbst auf diesem Podest zu sein. Auf der Galerie befand sich Oluar mit einigen Männern, die Thomas flüchtig vom Sehen kannte.
Nun trat ein Mann, der sich bis dahin im Schatten aufgehalten hatte, hervor. Es war der Königliche Richter, und spätestens jetzt wusste Thomas, dass Oluar wirklich nicht daran dachte, ihnen so etwas wie ein Verfahren zuzugestehen. Er wollte einfach nur so schnell wie möglich lästige Zeugen beseitigen und zugleich dem Volk gegenüber ein Exempel statuieren. Von Königen zu Bauernopfern, so schnell konnte es gehen.
„Im Namen des Volkes …“, setzte der Königliche Richter an und verstummte – darauf wartend, dass die Menschenmenge still wurde. Als es schließlich so still wurde, dass selbst das Summen einer Fliege zu hören gewesen wäre, fing er erneut an: „Im Namen des Volkes und des Königs von Untes! Kraft meines Amtes verkündige ich folgende Urteile:
Gire Tabar, du wurdest wegen Beteiligung an dem hinterhältigen Mord an Seiner Majestät Seun Kayl und Ihrer Königlichen Hoheit Gemahlin Kanga Kayla zum Tode durch den Strang verurteilt! Das Urteil ist sofort zu vollstrecken.
Kars Tersem, du wurdest wegen Beteiligung an dem hinterhältigen Mord an Seiner Majestät Seun Kayl und Ihrer Königlichen Hoheit Gemahlin Kanga Kayla zum Tode durch den Strang verurteilt! Das Urteil ist sofort zu vollstrecken.
Lanaya Von, du wurdest wegen Beteiligung an dem hinterhältigen Mord an Seiner Majestät Seun Kayl und Ihrer Königlichen Hoheit Gemahlin Kanga Kayla zum Tode durch den Strang verurteilt! Das Urteil ist sofort zu vollstrecken.
Sulla Zut, du wurdest wegen Beteiligung an dem hinterhältigen Mord an Seiner Majestät Seun Kayl und Ihrer Königlichen Hoheit Gemahlin Kanga Kayla zum Tode durch den Strang verurteilt! Das Urteil ist sofort zu vollstrecken.
Manty Gök, du wurdest wegen Beteiligung an dem hinterhältigen Mord an Seiner Majestät Seun Kayl und Ihrer Königlichen Hoheit Gemahlin Kanga Kayla zum Tode durch den Strang verurteilt! Das Urteil ist sofort zu vollstrecken.
Und nun zu den beiden Hauptschuldigen!
Thomas Ay, du wurdest wegen des Mordes und aktiver Beihilfe zum Mord an Seiner Majestät Seun Kayl und Ihrer Königlichen Hoheit Gemahlin Kanga Kayla zum Tode durch das Kreuz verurteilt! Du wirst bei lebendigem Leibe an Füßen und Händen an das Kreuz genagelt und sollst verweilen am Kreuz für drei volle Tage. Am dritten Tage sollst du abgenommen werden vom Kreuz und ob du lebst oder tot bist, soll dein Kopf abgeschlagen und für weitere drei Tage vor das Kreuz gelegt werden. Dein Körper soll weiterhin den Löwen zum Fraß vorgeworfen werden!
Und schließlich zu dir, Sarah Kayla, der Haupttäterin! Als solche verurteile ich dich zum Tode durch das Kreuz! Du wirst bei lebendigem Leibe an Füßen und Händen an das Kreuz genagelt und sollst verweilen am Kreuz für drei volle Tage. Am dritten Tage sollst du abgenommen werden vom Kreuz und ob du lebst oder tot bist, soll dein Kopf abgeschlagen und für weitere drei Tage vor das Kreuz gelegt werden. Dein Körper soll weiterhin den Löwen zum Fraß vorgeworfen werden.
Dieses Urteil ergeht im Namen des Volkes und des Königs! Ein Widerspruch wird ausgeschlossen! Alle Urteile werden jetzt vollstreckt! Zuerst erfolgt die Kreuzigung, hiernach sind die Kreuze so aufzustellen, dass die beiden Gekreuzigten zusehen müssen, wie ihre verräterischen und feigen Mittäter den Tod durch Hängen finden.
Henker, beginnt eure Arbeit!“
Für einen Moment herrschte noch Stille, dann begann der Mob zu toben und forderte, dass die Verurteilten endlich hängen sollten. Die Henker kamen auf den Podest und wurden von Sarah mit einem Fußtritt empfangen. Der getroffene Henker riss zwei weitere mit nach unten, doch die anderen schafften es, die sich wild wehrende Sarah zu bändigen und festzuhalten.
„Ich verfluche dich, Oluar!“, schrie sie zur Galerie hinüber. „Ich verfluche dich und ich verspreche dir, dass ich wiederkommen und dich holen werde! Du bist bereits tot, du weißt es nur noch nicht! Verflucht sollst du sein! Ich komme und hole dich, das verspreche ich dir bei meiner Seele und bei Gott!“
Auf einen Wink Oluars hin rammte einer der Soldaten seine Faust in Sarahs Bauch, sodass sie sich vor Schmerz krümmte und röchelnd verstummte. Thomas wurde festgehalten, als er ihr zu Hilfe eilen wollte. Beide wurden jetzt vom Podest heruntergezerrt und zu den Kreuzen geschleift, während die Henker jedem ihrer Freunde den Strick um den Hals legten. Zuerst kam Sarah dran. Ihre Hände wurden von den Fesseln losgemacht, während jeder Arm von einem Henkersgehilfen festgehalten wurde. Trotzdem schaffte sie es, einen Arm zu befreien und dem Gehilfen, der den anderen Arm festhielt, die Finger in die Augen zu stoßen, sodass dieser unter wildem Geschrei zurücktaumelte. Doch bereits im nächsten Moment wurde sie von mehreren kräftigen Männern zu Boden gedrückt. Zwei hielten ihre Hand an den Querbalken des Kreuzes, während ein dritter den Nagel ansetzte und ihn mit mehreren Hammerschlägen durch den Handwurzelknochen in das Holz trieb.
Sarahs markerschütternder Schmerzensschrei holte Thomas aus seiner Lethargie. Er bäumte sich unerwartet auf unter den zwei Männern, die ihn zu Boden drückten, und als sie von ihm herunterkullerten, setzte er seine Beine ein, um sie vorübergehend kampfunfähig zu machen. Dann sprang er auf und wollte zu Sarah laufen. Nach wenigen Schritten wurde er von einem Soldaten umgerannt und dann von einigen Männern zum Kreuz zurückgeschleift. Mehrere Schläge prasselten auf ihn ein und ließen ihn bewusstlos werden.
Währenddessen kämpfte Sarah einen verlorenen Kampf um ihr Leben. Sie schlug und trat um sich, aber sie wurde von vielen Händen festgehalten. Ihr linker Arm war unnütz, mehr noch, eine Quelle bestialischen Schmerzes. Der andere wurde nun von gleich drei Männern festgehalten und auf das Holz gedrückt. Wenige Augenblicke später war auch die rechte Hand festgenagelt.
Sarah hörte auf zu schreien und sich zu wehren. Sie hörte plötzlich gar nichts mehr. Wie durch einen Schleier sah und spürte sie, dass ihr die Stiefel ausgezogen wurden. Dann legte man ihre Füße übereinander, und mit einem besonders langen Nagel wurden auch diese am Kreuz befestigt. Den Schmerz dabei nahm sie gar nicht mehr wahr.
Thomas wurde vom ersten Schmerz wach. Unfähig, sich zu rühren, sah er sein Blut aus dem Handgelenk spritzen. Mindestens ein Dutzend Männer, Soldaten und Gehilfen, hielten ihn fest. Dann kam seine zweite Hand dran. Er spürte den Geschmack vom Blut im Mund, als er sich die Zunge durchbiss, um nicht zu schreien. Denn diese Genugtuung wollte er dem Mob nicht bereiten. Auch als seine Füße festgenagelt wurden, blieb er stumm. Nur das zwischen den Lippen hervorsickernde Blut zeugte von seiner Qual.
Die schlimmsten Schmerzen begannen, als die Kreuze nun hochgezogen und in zuvor eigens dafür ausgehobene Löcher gestellt wurden. Thomas hörte, wie Sarahs Schultergelenke auskugelten. Seine eigenen hielten noch, doch der Schmerz in den Muskeln und Sehnen war kaum auszuhalten. Durch einen Tränen- und Blutschleier blickte er auf seine Freunde hinab.
Er sah, wie der Henker an den Hebel für die Falltür trat. Er fing den Blick von Gire auf, der ihn leicht angrinste. Dann öffnete sich die Falltür und fünf Körper fielen nach unten. Der Mob schrie auf. Sulla und Kars waren sofort tot. Mantys Kopf wurde durch den zu langen Fall vom Hals gerissen, sodass sein kopfloser Körper mit einem dumpfen Laut zu Boden fiel und der Kopf über den Podest kullerte. Seine Augen bewegten sich wild hin und her und der Mund öffnete sich, als wollte er etwas sagen. Lanaya zappelte wild, aber ihr Kopf hing in einem unnatürlichen Winkel vom Hals herab. Es bestand kein Zweifel daran, dass ihr Genick gebrochen war. Nach einer halben Minute oder auch mehr wurden ihre Bewegungen langsamer, bis sie schließlich genauso regungslos am Seil hing wie Sulla und Kars.
Auch Gire bewegte sich nicht, aber seine Augen waren offen und seine Lippen zusammengepresst. Er lebte und seine harten Muskeln hatten den Genickbruch verhindert. Er lebte und würde irgendwann ersticken. Solange seine Muskeln angespannt und hart blieben, konnte er atmen. Irgendwann würde ihn die Kraft verlassen, seine Muskeln würden erschlaffen und das Seil würde ihm die Luft abwürgen. Danach konnte es noch Minuten dauern, bis er wirklich tot war.
Der Mob war verstummt und beobachtete ihn entsetzt. Einer der Männer neben Oluar beugte sich über das Geländer und erbrach sich auf die darunter Stehenden. Gire schaute aus den Augenwinkeln zu Sarah hinüber, dann beobachtete er Thomas. Er wusste, dass er es sich nur unnötig schwer machte, aber er wollte diesem Mob etwas bieten.
Es dauerte eine halbe Stunde, bis er nach einer letzten Zuckung das Bewusstsein verlor und starb.
*
Die Erinnerung an den Schmerz war augenblicklich da, nur um wieder zu gehen. Er blickte in das Gesicht vor ihm, und es kam ihm bekannt vor. Doch so sehr er sich auch anstrengte, konnte er sich weder an den Namen, der zu dem Gesicht gehörte, noch an die Ursache des Schmerzes erinnern.
Schließlich fragte er: „Bin ich tot?“
Die Frau, deren Gesicht er sah, nickte langsam. Jetzt wurde er der zweiten Frau weiter hinten gewahr, die mit gesenktem Kopf weinend dastand. Katharina. Sein Blick schweifte zu der alten Frau zurück.
„Was ist geschehen?“, fragte er.
„Du warst sehr tapfer“, antwortete die alte Frau mit den weißen Augen, die ihn an Sarah erinnerten. Sarah! Er konnte sich plötzlich an ihre Schmerzensschreie erinnern.
„Wer bist du?“
„Ich bin Anoa, die Großmutter von Sarah“, sagte die alte Frau zärtlich. Ihre Hände hielten sein Gesicht. Nun fiel es ihm wieder ein. Er hieß Gire, und er war erstickt. Nun war es dunkel. Er spürte, dass er noch am Seil baumelte. Anoa fuhr fort: „Ich werde dich jetzt losschneiden. Du musst dann deinen Freunden helfen.“
„Sind sie auch tot?“, erkundigte sich Gire.
„Ja, ihr seid alle gestorben. Nur Thomas und Sarah leben noch. Und euch bitte ich um einen letzten Freundschaftsdienst für die beiden. Bist du bereit?“
„Ja“, antwortete Gire. Anoa durchschnitt mit einem Messer das Seil, sodass er auf den Boden fiel und sich aus der Schlinge befreien konnte. Er sah den kopflosen Körper von Manty am Boden, und er sah Kars, Lanaya und Sulla leblos in der Luft baumeln.
„Nimm sie alle runter, damit ich sie für kurze Zeit wieder zum Leben erwecken kann“, bat Anoa.
„Du bist also eine Hexe“, stellte Gire fest, während er aus dem Loch kletterte und als Erstes Lanaya befreite und auf den Boden legte. Nachdem auch Sulla und Kars neben ihr lagen, trug er Mantys Körper auf den Podest und nahm seinen Kopf. Dann blieb er unschlüssig stehen.
„Setz ihn an seinen Hals“, sagte Anoa, und nachdem er das getan hatte, beobachtete er staunend, wie Kopf und Körper zusammenwuchsen. Manty setzte sich blitzartig auf und sah sich um.
„Was ist passiert? Ich bin gestorben? Habe ich nur geträumt?“
„Das war kein Traum“, sagte Anoa. Auch die anderen regten sich langsam, setzten sich auf und blickten sich verwundert um. „Ihr seid alle gestorben. Meine Kraft reicht leider nicht aus, um euch endgültig aus dem Totenreich zurückzurufen. Aber ich habe erwirkt, dass ihr Sarah und Thomas einen letzten Freundschaftsdienst erweisen dürft.“
Sie schauten an den Kreuzen hoch und sahen, dass Sarah und Thomas bewusstlos herunterhingen. Es war auch gut zu erkennen, dass Sarahs Schultern die Last nicht ausgehalten hatten. Schweigend kletterten sie hoch und befreiten die beiden. Sarah und Thomas stöhnten dabei, erlangten aber nicht ihr Bewusstsein zurück.
„Folgt mir!“, befahl Anoa. Dann führte sie die Gruppe in ihr Versteck tief unter der Stadt. Nur ganz wenige Auserwählte wussten von diesem Ort, und weder Oluar noch irgendeiner seiner Vertrauten gehörten dazu. Das Versteck bestand aus mehreren Räumen, die nur durch ein Labyrinth aus Korridoren unter der Erde erreichbar waren. Wer nicht wusste, wie er zu gehen hatte, konnte es nicht finden. Selbst Katharina, die schon mehrmals hier gewesen war, zweifelte daran, das Versteck allein finden zu können.
Die Toten machten sich solche Gedanken nicht. Sie waren in dieser Welt nur Gäste für kurze Zeit. Sie legten Sarah und Thomas auf die vorbereiteten Betten und zogen sie auf Geheiß von Anoa nackt aus. „Verabschiedet euch“, sagte sie mit Tränen in den Augen. „Ihr müsst nun gehen. Mehr konnte ich leider nicht für euch tun.“
„Das war schon mehr, als wir erwartet haben“, erwiderte Lanaya. Sie beugte sich über Thomas und berührte seine aufgesprungenen Lippen mit dem Mund. „Lebe wohl, lieber Thomas. Ich beneide dich trotz allem nicht. Und mach dir keine Sorgen um uns.“ Dann küsste sie auch Sarah auf die Lippen, diesmal ohne etwas zu sagen.
Gire war kein Mann großer Worte, auch als Toter nicht. Er drückte kurz die Hand von Thomas und berührte mit den Fingerspitzen Sarahs schweißnasse Stirn. Die anderen machten es ähnlich. Kars gab Sarah zusätzlich einen zarten Kuss auf die leicht geöffneten Lippen, durch die stoßweise ihr Atem kam. Dann nahm Manty Katharina in die Arme. „Danke“, sagte er kurz.
Während Anoa die Toten nach draußen führte, begann ­Katharina damit, die Wunden der beiden Verletzten zu reinigen. Sie benutzte dazu einen Lappen, den Anoa ihr gegeben hatte, zusammen mit einem Eimer, in dem sich eine gelbgrünliche Flüssigkeit befand. Die Flüssigkeit roch seltsam und streng. Für einen Moment kämpfte Katharina gegen Übelkeit an. Sie schloss für einige Sekunden die Augen, dann begann sie mit ihrer Arbeit.
Als Anoa zurückkehrte, war sie mit Sarah schon fertig und säuberte gerade die rechte Handwunde von Thomas.
„Sind sie fort?“, fragte sie. Anoa nickte stumm und nahm eine Holzkiste, mit der sie sich neben Sarah auf das Bett setzte. Aus der Kiste holte sie getrocknete Blätter hervor, die sie auf die Wunden legte, begleitet von einem leisen Singsang. Als sie damit fertig war, legte sie je ein Blatt auf Herz und Stirn. Nun holte sie Stoffstreifen aus der Kiste und fixierte damit die Blätter. Dabei musste sie Sarahs Oberkörper anheben, um den Stoff um ihre Brust zu wickeln. Sie tat das mit einer erstaunlichen Leichtigkeit, wie Katharina für sich feststellte. Ihrer zarten Gestalt war diese Kraft nicht anzusehen.
Als Katharina auch die Wunden von Thomas gesäubert hatte, verfuhr Anoa mit ihm wie zuvor mit Sarah. Danach richtete sie sich auf und betrachtete zufrieden ihr Werk.
„Sie werden nun Schlaf brauchen, viel Schlaf. Was ist mit dir, mein Kind? Sie werden nach dir suchen und wissen, dass du geholfen hast.“
„Das ist mir egal! Ich kehre nicht mehr zu diesem … diesem Bastard zurück.“
Anoa nickte. „Hier bist du jedenfalls sicher. Du wirst sie begleiten, sobald sie gesund sind.“
„Begleiten? Wohin?“ Katharina starrte die Alte entgeistert an.
„Was denkst du? Dass sie hier ihr Leben verbringen werden?“ Anoa lachte. „Nein, nein. Sie haben eine Aufgabe, das sollten sie jetzt verstanden haben. Und auch du, meine Liebe, hast eine Aufgabe. Deine Jahre als Magd meiner lieben Tochter dienten nur der Tarnung, meinst du nicht auch?“
Katharina schwieg verwirrt. Sie betrachtete ihren Bruder, der nun regelmäßig atmete, genau wie Sarah. Was die Alte da auch getan hatte, es schien schon zu wirken. Anoa nahm sie beim Arm und zog sie mit sich nach nebenan, wo sie sich an einen kleinen Tisch aus Stein setzten. Aus einem Krug goss Anoa ihnen Tee in Becher, die sie vorhin schon hingestellt hatte. Dann lehnte sie sich zurück, die Tasse an den Mund führend, den Blick auf die junge Frau gerichtet.
„Wer bist du eigentlich?“, fragte Katharina.
„Sarahs Großmutter.“
„Die deine Tochter getötet hat!“
„Und ihren Vater, ich weiß. Sie wird einen guten Grund gehabt haben.“
„Gire hat gesagt, du wärst eine Hexe. Du hast weiße Augen, genau wie Sarah. Und Kayla, deine Tochter.“
„Ja, so ist es. Seun wusste das, aber es war ihm egal.“ Sie nippte nachdenklich am Tee. „Ich war mal eine Prinzessin und gehörte dem stolzen Geschlecht der Zbarsz an. Und für die Tochter einer Prinzessin der Zbarsz gehörte es sich nun mal nicht, sich in einen Sterblichen zu verlieben, nicht einmal in einen sterblichen König.“ Sie lachte bitter. „Das war es dann für mich mit der Prinzessin. Doch glaube nicht, dass ich mich beschwere. Ich hatte durchaus ein Leben, das ich nicht eintauschen würde. Und nun muss meine Enkelin das Erbe antreten. Sie ist eigentlich noch zu jung und unerfahren, aber Thomas wird sie beschützen.“
„Warum er? Er ist genauso unerfahren!“
Anoa nickte. „Und er ist mächtig. Mächtiger, als er ahnt.“
„Was redest du da?“
Anoa lächelte sanftmütig. „Ich erkenne dich. Auch du bist keine normale Sterbliche, genauso wenig wie dein Bruder. Im Bewusstsein seiner Kraft hätten sie ihn nicht ans Kreuz gekriegt, und er wäre jetzt wohl tot. Nein, so war es schon besser für ihn. – Ihr seid Vépos.“ Als Katharina protestieren wollte, winkte sie ab. „Keine Sorge, das macht mir nichts aus. Hexen und Vépos haben sich schon oft verbündet. Von mir brauchst du nichts zu befürchten. Deine Feinde suchen da oben nach dir.“
Katharina entspannte sich. Ja, die Hexe hatte recht. Und sie hätte schon viele Gelegenheiten gehabt, ihnen zu schaden. Sie trank zum ersten Mal vom Tee, der noch warm war. Immer noch. Er schmeckte leicht süßlich, mit einer angenehmen, kaum merklichen bitteren Note. Eigentlich ein Widerspruch. „Was ist das für ein Tee?“, erkundigte sie sich.
„Er belebt den Geist. Ein übliches Getränk unter uns Hexen. Gibt Kraft und Ausdauer, das werden wir wohl brauchen. Ihr vor allem.“
„Und wo sollen wir hingehen, wenn wir nicht hierbleiben?“
„Och, da habe ich schon eine Idee. Ich wüsste jemanden, der euch vielleicht helfen kann.“
„Wobei helfen?“ Katharina biss sich auf die Unterlippe. Das war eine doofe Frage.
Anoa lächelte nachsichtig. Ihr gefiel die junge Vampirin immer mehr. Vor allem diese irritierenden Augen mit ihren unterschiedlichen Farben. Auf ihre Art war sie ein hübsches Ding. Keine Kriegerin, zumindest nicht im üblichen Sinne. Aber sie hatte einen starken Willen, genau wie ihr Bruder.
„Es ist schon spät. Wir sollten schlafen gehen“, schlug Anoa plötzlich vor.
Katharina lachte. „Erst belebenden Tee trinken, dann schlafen?“
„Der Tee, meine Liebe, belebt den Geist, nicht den Körper. Dein Geist mag wach bleiben, auch wenn dein Körper schläft. Oder irre ich mich da?“
Katharina schüttelte den Kopf. „Wo kann ich mich hinlegen?“
Anoa zeigte auf das einzige Bett im Raum.
„Und du? Ich kann auch auf dem Boden schlafen, wenn du mir eine Decke gibst!“
Anoa lächelte und erwiderte: „Ich habe mein Bett nicht hier. Meine Art zu schlafen ist anders.“
Katharina begriff plötzlich, dass Anoa den Körper wie eine Haut ablegen konnte, und nickte. Als die Alte rausgegangen war, zog sie Stiefel, Hose und Jacke aus und kroch unter die Decke. Plötzlich fühlte sie sich sehr müde. Hoffentlich hatte die Hexe ihr kein Gift verabreicht, dachte sie, bevor sie die Augen schloss und sofort einschlief.
*
Thomas betrachtete die Narben an seinen Handgelenken. Er saß auf seinem Bett, nur mit einer Hose bekleidet. Hier unten schien es immer warm zu sein, jedenfalls fror er nicht. Er warf einen Blick auf Sarah. Sie lag in ihrem Bett und schlief, wie ihr regelmäßiger Atem verriet. Unter der dünnen Decke zeichnete sich ihr nackter Körper deutlich ab. Für einen kurzen Moment verspürte Thomas heftiges Verlangen nach ihm. Er erinnerte sich an den Duft von Sarahs Haut, an den Geschmack ihres Mundes und an die Hitze ihres Unterleibs. Er wusste nicht mehr, wann und warum sie beschlossen hatten, dass sie niemals ein Paar sein wollen würden. Und auch wenn sie einige Male miteinander geschlafen hatten, blieben diese intimen Begegnungen ohne Bedeutung und Zusammenhang. Ihre Leidenschaften prallten aufeinander und trennten sich danach wieder. Oft schliefen sie viele Monate nicht miteinander, dann wieder in einer Woche fast jeden Tag. Und zwischendurch mit anderen, er mit Lanaya zum Beispiel, sie mit Kars. Ihm fiel die ekstatische Hingabe der schlangenhaften Lanaya ein, und er merkte, dass sich seine Hände zu Fäusten geballt hatten.
Sarah war da anders. Auch in ihr brannte ein heißes Feuer, aber sie war die Löwin und Lanaya die Leopardin. Doch Lanaya war tot, und Sarah lebte. Und er lebte auch. Etwas, das er nicht begreifen konnte. Seine Freunde waren vor seinen Augen gestorben. Er konnte sich genau an den letzten Blick von Gire erinnern, bevor sein Körper erschlafft war. Und an seinen eigenen Schmerz, während er am Kreuz gehangen hatte. Sarah hatte völlig teilnahmslos gewirkt, aber sie war bei Bewusstsein geblieben. Zumindest waren ihre Augen offen gewesen. Und Lanaya mit dem seltsam schiefen Hals und den weit aufgerissenen Augen, die ins Nichts starrten. All das sah Thomas vor sich wie in einem nebligen Traum. Er konnte und wollte nicht akzeptieren, dass nur Sarah und er überlebt hatten. Und auch das nur, weil Oluar sie besonders lange hatte leiden sehen wollen.
Nein, das durfte nicht sein!
Sarah stöhnte und riss die Augen auf. Für einige Sekunden starrte sie in die Welt zurück, aus der sie gekommen war. Dann wurde ihr Blick klar und schweifte zu Thomas hinüber. Sie lächelte schwach.
„Du bist da!“
Thomas nickte stumm. Sarah hob ihre Decke an und sah ihn auffordernd an. Thomas schlüpfte aus der Hose und legte sich neben sie. Ihr Körper schien zu glühen. Sarah drückte sich an ihn und er reagierte.
„Ich brauche dich“, flüsterte sie. „Ich brauche dich so!“
„Ich bin da“, erwiderte Thomas heiser und spürte, wie er bis zur Schmerzgrenze hart wurde. Sarah entging seine Erregung nicht. Sie legte ein Bein über seine Hüfte, sodass er wie von selbst den Eingang fand. Sein Glied glitt mühelos in ihre Nässe hinein. Sie verharrten bewegungslos für einige Zeit. Sarah drückte ihr Gesicht in seine Halsbeuge und weinte lautlos. Erst als sie ihr Gesicht hob und ihn anschaute, begann er langsam sich zu bewegen. Sie suchte seine Lippen, sog ihn förmlich in sich auf, während ihre Zungen einander umschlängelten. Plötzlich presste sie den Unterleib gegen seinen, ihre zuckende Vagina massierte den Orgasmus aus ihm heraus, und als er sich in sie ergoss, hatte er das Gefühl, von ihr völlig verschlungen zu werden.
Er öffnete die Augen und blickte in die ihren.
„Wir können nicht ewig hierbleiben“, sagte sie leise.
„Wo willst du hin? Und was ist mit Oluar?“
„Ich weiß es nicht. Im Moment ist er für uns in unerreichbarer Ferne. Jeden Augenblick, den wir hierbleiben, bringen wir meine Großmutter und Katharina in Gefahr.“
Thomas nickte. „Ich glaube, wir können bald aufbrechen. Unsere Wunden sind gut verheilt. Und jucken werden die Narben noch eine ganze Weile. Wir sollten uns mit Anoa unterhalten. Vielleicht hat sie eine Idee, wo wir hingehen können.“
„Da bin ich mir ganz sicher.“ Plötzlich kicherte Sarah. „Du bist aus mir rausgeflutscht!“
„Soll ich ihn wieder reinstecken?“, erkundigte sich Thomas trocken.
Statt einer Antwort sprang Sarah aus dem Bett. Sich einen Umhang überwerfend verließ sie das Zimmer. Als sie zurückkehrte, war Katharina bei ihr. Sie brachte eine Schüssel mit Kürbissuppe zu Thomas ans Bett, die er gierig zu essen begann. Sarah zog den Umhang enger um sich und setzte sich neben ihm auf das Bett. Sie musterte seine Schwester.
„Anoa sagt, wir sollen zu Lord Dargk gehen“, sagte ­Katharina.
„Kenne ich nicht.“ Sarah sprang wieder auf und wanderte auf und ab. „Ich wünschte, ich wäre auch tot!“
„Geh doch zu Oluar“, bemerkte Thomas, scheinbar ungerührt.
„Hier!“ Sarah nahm ein Messer und reichte es ihm. „In mein Herz!“ Sie öffnete den Umhang und präsentierte ihm ihren nackten Oberkörper. Er betrachtete ihre wogenden Brüste, die vor wenigen Minuten noch so weich zwischen ihren Körpern gelegen hatten. Dann nahm er das Messer und warf es auf den Boden.
„Du spinnst. Ich bezweifle, dass er dir einen schnellen Tod gönnen würde. Und uns auch nicht.“
Sarah warf sich schmollend auf das Bett, sodass ein Teil der Suppe überschwappte. Thomas schüttelte den Kopf und aß dann ruhig weiter. Er kannte ihre Launen schließlich schon lange und gut genug. Katharina war da weniger abgehärtet. Sie nahm das Messer und legte es an seinen Platz. Dann wandte sie sich an Sarah:
„Auch wenn du Schmerzliches durchmachen musstest, ist das kein Grund, dass du dich wie eine Irre aufführst!“
„Lass gut sein, Schwesterherz.“
„Verteidigst du mich etwa?!“ Sarah setzte sich abrupt auf. „Ich bin kein kleines Kind!“
„Ach?“ Thomas grinste sie von der Seite an. „Ja, das ist wohl wahr. Auch wenn du dich so benimmst. Und, meine Liebe, wann lernst du endlich, dass mich das überhaupt nicht beeindruckt?“
Sarah kroch auf den Knien zu ihm, nahm ihm die leere Schüssel weg, warf sie auf den Boden und packte seinen Kopf. „Du lügst! Du liebst mich!“
„Mag sein.“ Er befreite sich aus ihrem Griff und richtete sich auf. „Du spielst wieder deine Spielchen. Wird Zeit, damit aufzuhören.“
„In Ordnung!“ Sarah sprang auf und verlor dabei endgültig ihren Umhang. Sie stand nun splitternackt vor ihm. „Dann schlag mich! Schlag mich, ins Gesicht! Los, ich befehle es dir!“
Katharina betrachtete die vor Erregung bebende junge Frau entgeistert. „Hat sie das öfter?“
Thomas zuckte mit den Schultern. „Das ist Teil ihres Spielchens.“ Dann schlug er zu – fest genug, dass Sarah auf das Bett fiel. Sie hielt sich die Wange, wo seine Hand sie getroffen hatte, und starrte ihn ungläubig an.
„Du hast es wirklich gewagt?“
„Das ist die Abkürzung“, erwiderte er ruhig. „Und jetzt zieh dich an.“
*
Anoa musterte die verweinten Augen ihrer Enkelin, war aber erfahren genug, um kein Wort darüber zu verlieren. Sie schenkte allen Tee ein, bevor sie sich in ihrem Stuhl zurücklehnte.
„Lord Dargk“, begann sie gedehnt, „wird euch helfen. Allerdings ist der Weg zu ihm nicht einfach. Ihr werdet die Hängebrücken von Heyges überqueren und wahrscheinlich auch Veglö passieren müssen. Vielleicht schafft ihr es auch ohne eine Begegnung, obwohl ich das nicht glaube.“
„Und wenn ich nicht zu diesem … Lord Dargk will?“, fragte Sarah provozierend.
„Jede gute Idee ist willkommen“, antwortete Anoa. Sarah presste die Lippen zusammen und schwieg. Lächelnd nickte Anoa und wandte sich dann an Thomas. „Lord Dargk ist ein mächtiger Mann, aber auch er wird Oluar nicht angreifen wollen. Ich bin mir sicher, dass er eine Idee haben wird, die euch hilft.“
„Warum sollte er uns helfen wollen?“, stellte Thomas die entscheidende Frage.
„Nun, sagen wir, er tut das mir zuliebe.“
„Ha!“, rief Sarah triumphierend. „Er ist verliebt in dich!“
„Er war es mal, ja“, erwiderte Anoa nachdenklich. Sarah biss sich verärgert auf die Unterlippe, als ihr klar wurde, dass sie die Gefühle ihrer Großmutter verletzt hatte. „Ob er das noch ist? Ich glaube nicht. Trotzdem wird er mir so eine Bitte nicht abschlagen. Außerdem mag er Oluar sicher nicht.“
„Was ist dieser Lord Dargk eigentlich?“ Thomas fand die Unterhaltung ermüdend, aber er hütete sich, seine Ungeduld allzu offensichtlich zu zeigen.
„Er ist der größte noch lebende Hexenmeister.“ Thomas hatte so eine Antwort erwartet und war nicht überrascht. Er gewann allmählich die Überzeugung, dass ihn gar nichts mehr überraschen konnte. „Nachdem der Rat uns wegen Kylas Liebe zu Seun verbannt hatte, verbrachte ich einige Jahre bei Lord Dargk und folgte dann schließlich meiner lieben Tochter hierher.“
„Wieso? Du hättest doch bei ihm bleiben können. Mama war auch bis dahin ohne dich ausgekommen. Ähm …“ Sarah wurde rot und biss sich erneut auf die Unterlippe. „Entschuldige, ich weiß heute nicht, was ich rede.“
„Nur heute?“ Thomas bereute seine Worte sofort, aber ungeschehen machen konnte er sie nicht. Sarah starrte ihn an und wirkte wirklich verletzt. Er atmete tief durch und sagte: „Tut mir leid.“
„Scheiße“, sagte Katharina seufzend. „Das wird ja eine lustige Reise.“
Sarah wischte sich hastig die Tränen ab und wandte sich an ihre Großmutter: „Also, warum?“
Anoa starrte scheinbar ins Nichts und antwortete erst nach einigen Minuten der Stille langsam: „Unsere Liebe war nicht stark genug.“
„Das verstehe ich nicht. Ihr habt euch nicht mehr geliebt?“
„Oh doch“, erwiderte Anoa. „Wir haben nie aufgehört uns zu lieben. Aber Liebe ist nicht die einzige Kraft des Universums.“
„Und?“, fragte Sarah. „Wie geht es weiter?“
„Gar nicht.“ Anoa erhob sich. „Ihr solltet schlafen, denn auf der Reise werdet ihr das selten tun können. Ich gehe einige Besorgungen machen. In der nächsten Nacht werdet ihr aufbrechen.“ Damit verließ sie den Raum.
„So kann man gleichzeitig viel und nichts sagen“, stellte ­Katharina staunend fest.
„Meine Begeisterung kennt keine Grenzen“, sagte Sarah säuerlich. „Wann ist eigentlich die nächste Nacht?“
„Nach diesem Tag.“ Thomas duckte sich blitzschnell unter Sarahs Hand hinweg. „Erst küsst du und dann schlägst du mich? Kein echter Mann kann eine Frau verstehen.“
Sarah räusperte sich und richtete sich auf. „Na schön. Ich bin ja kein Kind mehr. Packen wir also unsere Sachen zusammen!“
Katharina verkniff sich eine bissige Bemerkung. Wie es aussah, würden sie eine ganze Weile zusammen unterwegs sein, da war es besser, keine vermeidbaren Spannungen zu kultivieren.
Gemeinsam machten sie sich also daran, ihre wenigen Habseligkeiten zu packen.