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Leseprobe: Klosterrauschen

Klosterrauschen

Ein riesiger roter Schlund, feucht und mit dicken, muskulösen, fleischigen Lippen, die sich rhythmisch zusammenziehen und wieder erschlaffen, nähert sich meinem Kopf und verschlingt ihn nahezu vollständig. Es ist eine überdimensionale Vagina, die mich fast völlig einsaugt und mir den Atem nimmt, bis ich im letzten Moment, kurz bevor ich ganz darin verschwunden bin, laut schreiend aufwache. Ich sehe den Gang im Bahnhof und den Blinden neben mir.
„Du kannst aber pennen! Albtraum gehabt?“
„Ja, geht schon wieder!“ Mir brummt der Kopf. Der Wermut rebelliert in meinem Magen.
Der Blinde streift sich seine Armbinde über und setzt die dunkle Brille auf. „Ich muss jetzt zur Arbeit!“
„Ich verschwinde auch lieber von hier. Muss nur noch meine Koffer aus dem Schließfach holen!“
„Da kommen wir vorbei, wenn wir zum Ausgang gehen. Komm, ich zeig dir den Weg. Haste noch Schmerzen am Arsch?“
„Ja, schon. Geht schon so!“
Wir gehen Richtung Ausgang. Bei den Schließfächern bleiben wir stehen, ich suche den Schlüssel in meiner Tasche. Eine Nummer steht drauf, ich weiß aber noch, welches es war. Ich stecke den Schlüssel hinein und höre das Klappern der Münzen. Dann werde ich blass. Das Fach ist leer. Ich bücke mich, um ganz hineinsehen zu können. Nur ein Zettel liegt da. ‚Danke!‘ steht drauf.
„Wo sind meine Koffer? Hab sie doch gestern hier reingestellt. Passt der Schlüssel noch auf andere Fächer? Das kann sicher nicht sein! Aufgebrochen ist das doch nicht!“
„Nee, jeder passt nur auf eins! Hat dich jemand beobachtet?“
„Weiß ich doch nicht. Da war ein Mann, der mir geholfen hat, weil ich erst nicht zurechtkam mit dem Schloss!“
„Ja dann ist doch alles klar! Hat der den Schlüssel gehabt? Bestimmt! Da gibts einige Experten hier. So schnell kannste gar nicht gucken, wie die einen Wachsabdruck vom Schlüssel machen. Dann schleifen sie den nach und räumen in Ruhe aus. Passiert hier fast täglich! Die Koffer siehste nie mehr wieder!“
Ich bin völlig sprachlos. Was jetzt? All meine Klamotten. Meine wenigen Bücher und ein paar Fotos. Und vor allem mein Sparbuch!
„Kannst höchstens zur Polizei gehen! Die werden das zwar aufschreiben, aber die Koffer bringen sie dir auch nicht zurück!“
„Ich? Zur Polizei! Um keinen Preis! Damit die mich noch mal durchficken können? Nee, danke!“
„Alle Bullen sind ja nicht so, wie die beiden von gestern. Bringen wird es wahrscheinlich nichts!“
„Ich muss jetzt erst mal ’nen Kaffee trinken. Gehen Sie mit? Ich lade Sie ein!“
„Nee, danke! Nett von dir! Aber ich krieg in der Stadt was bei den anderen. Es ist schon spät, und vor Mittag ist für mich das beste Geschäft, wenn die Leute einkaufen gehen. Verstehste? Machs gut! Ich wünsch dir viel Glück! Vielleicht sieht man sich ja mal!“
„Ihnen auch viel Glück, und danke für die Hilfe!“
Er geht, jetzt mit seinem Blindenstock den Boden abtastend, zielstrebig zum Ausgang. Ich setze mich in das Bahnhofslokal und bestelle einen Kaffee und ein belegtes Brötchen. Was soll ich jetzt machen? Alles läuft schief in meinem Leben. Ich stiere nur vor mich hin. Die Hektik um mich herum dringt nicht an mein Bewusstsein. Nichts gelingt mir. Warum bloß? Ich hab doch nie etwas Böses getan. Bin halt ein Pechvogel. Angefangen hat es mit dem Autounfall. Dass ich da schuld war, ist ja irgendwo wahr. Hätte ich den Mund gehalten, wie Onkel Theophil es mir immer wieder eingetrichtert hat, wäre das nicht passiert und mein Leben wäre sicher anders verlaufen. Aber ist nicht eigentlich er daran schuld? Weil er solche Dinge mit mir gemacht hat?
„Darf es noch etwas sein?“ Der Kellner weckt mich aus meinen Gedanken.
„Nein, danke! Bezahlen, bitte!“
„Zweifuffzig, der Herr!“
Ich gebe ihm das Geld, und als ich aus dem Bahnhof komme, weiß ich nicht, was ich jetzt machen soll. Zuerst muss ich zur Bank. Mein Sparbuch ist zwar weg, aber mein Geld muss ja noch da sein. Ich frage jemanden, wo eine Bank ist. Nur zwei Straßen weiter finde ich tatsächlich eine. Es ist sogar eine Filiale der Bank, in der ich gearbeitet habe. Dann wird sich ja jetzt alles klären. Hoffnungsfroh gehe ich zum Schalter, lege meinen Ausweis vor und erkläre dem Angestellten, was passiert ist.
Der schaut mich freundlich an. „Na, mal sehen, was ich für Sie tun kann, Herr Hermeling! Das ist aber nicht so einfach ohne das Sparbuch! Nur wer das hat, kann Geld abheben!“ Er geht in einen anderen Raum mit meinem Ausweis. Ich warte geduldig. Nach einiger Zeit kommt er zu mir. „Ich habe eben das Konto abgerufen. Wann haben Sie denn zuletzt etwas abgehoben?“
„Vorgestern! Dreihundert Mark!“
„Und wie viel war da noch drauf?“
„Genau fünftausendachthundert!“
„Stimmt genau! Und danach haben Sie nichts mehr abgehoben?“
„Nein! Ich bin doch gestern erst hier angekommen. Und wofür auch? Können Sie mir denn ein neues Sparbuch geben?“
„Da ist leider ein kleines Problem! Gestern haben Sie wohl noch einmal fünftausendsiebenhundertneunzig abgehoben, und zwar in Düsseldorf! Jetzt sind noch zehn Mark drauf!“
„Was?“ Meine Knie werden ganz weich und ich beginne zu zittern. „Das kann nicht sein! Ich war noch nie in Düsseldorf. Ich habe kein Geld geholt! Ehrlich! Das Sparbuch war doch im Koffer gestern. Und der ist geklaut worden!“
„Ja dann hat wohl derjenige jetzt Ihr Geld! Der wird sich freuen! Sie sollten zur Polizei gehen und Anzeige erstatten. Mit Sparbüchern ist das so eine Sache! Wer das hat, kann etwas abheben, verstehen Sie? Nur ganz auflösen kann er es nicht! Das kann nur der, dem es gehört. Drum hat der auch die zehn Mark draufgelassen, denk ich!“
Das hab ich doch eigentlich alles in der Bank gelernt! Hätte ich das Sparbuch doch in der Hosentasche gehabt! Das schien mir doch zu gefährlich. Wer konnte das ahnen? Bei einem normalen Bankkonto wäre das auch nicht passiert. Da hätte ich aber keine Zinsen gekriegt! Scheiße! Scheiße! Scheiße! Jetzt bin ich völlig mittellos, hab nichts mehr zum Anziehen. Knapp zweihundert Mark habe ich noch in bar. Sonst nichts! Besser hänge ich mich sofort auf! Oder ich gehe betteln, wie der Blinde. Nein, Schluss machen ist besser! Dann ist endlich Ruhe! Ich kriege ja doch nichts auf die Kette, und alles, was ich habe, geht verloren. Eltern, Freunde, Abi, alles. Warum das Leben dann nicht auch?
„Ich empfehle Ihnen, jetzt sofort zur Polizei zu gehen, Herr Hermeling, und dort Anzeige zu erstatten!“
„Ja, mach ich! Danke! Auf Wiedersehen!“
Ich gehe hinaus und der Lärm der Stadt schlägt auf mich ein. Zur Polizei gehe ich gewiss nicht!

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