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Leseprobe: Klosterrauschen

1

Draußen regnet es in Strömen. Es ist schon Herbst und lausig kalt. Die meisten Blätter sind schon von den Bäumen gefallen und ein heftiger Wind gibt sich redliche Mühe, auch die verbliebenen noch herunterzuwehen. In der Wohnung ist es gemütlich warm.
Ich spiele mit meiner kleinen Schwester Luisa, die ich immer Lu nenne. Viel kann man mit ihr nicht anfangen, da sie erst vier Jahre alt ist und die meisten Spiele nicht kapiert. Ich bin schon sechs und im ersten Schuljahr. Außerdem ist sie sehr zänkisch. Wenn ihr etwas nicht passt, fängt sie an zu heulen und schlägt mich vor Wut. Das lass ich mir natürlich nicht gefallen und ziehe ihr an den Haaren oder kneife sie in den Hintern. Dann wird sie noch wütender, weil ich ja stärker bin, läuft anschließend schreiend aus dem Kinderzimmer und petzt es unseren Eltern. Ich soll dann immer nachgeben, weil ich ja schließlich der Ältere sei. Das gefällt mir natürlich überhaupt nicht, und so suche ich mir dann meistens eine andere Beschäftigung. Am liebsten gehe ich in den Garten Ball spielen oder mit meinen Freunden irgendetwas unternehmen. Am Wochenende sind die aber meistens nicht da, und heute ist Sonntag. Nachdem Lu und ich unser übliches Ritual – spielen, schlagen, kneifen, schreien und weinen, bei den Eltern petzen – abgespult haben, kommt unser Vater ins Zimmer.
»Papa, ich war diesmal nicht schuld. Ich hab nicht angefangen! Lu hat mich wieder einfach so geschlagen!«, sage ich schon mal rein vorsorglich, wie eigentlich immer.
»Doch, du hast mir in den Popo gekniffen!«, heult Lu los.
»Schluss jetzt mit der Zankerei! Ich mach euch einen Vorschlag. Bei dem Regen können wir ja draußen nichts machen. Mama und ich haben überlegt, dass wir zu Onkel Theophil ins Kloster fahren könnten, um ihn zu besuchen. Da wart ihr doch lange nicht mehr! Na, was haltet ihr davon?«
Immerhin hat Papa erreicht, dass Stille und Frieden im Kinderzimmer herrschen. Ein hocherfreutes ›Ja, tolle Idee‹ will uns beiden jedoch nicht über die Lippen. Lu mag das düstere Kloster nicht, weil sie da immer still sein muss, da wieder gerade irgendwo gebetet wird. Ich mag zwar das Kloster mit all den großen und geheimnisvollen Räumen, aber Onkel Theophil in seiner ewig gleichen, muffigen Kutte liegt mir nicht so.
Und da ist noch etwas anderes, weswegen ich da nicht unbedingt hin will.
»Können wir nicht lieber ins Schwimmbad fahren? Da waren wir so lange nicht mehr! Bitte, bitte!« Ich habe mein bravstes Gesicht aufgesetzt.
»Ja, ja, Schwimmbad, bitte, bitte!« Einer der seltenen Momente, in denen meine Schwester mir zustimmt.
»Okay. Von mir aus. Schwimmen täte mir auch mal wieder gut! Da müssen wir aber erst Mama fragen, die hat Onkel Theophil nämlich schon angerufen.«
Mama findet Kloster heute wohl auch nicht so spannend und ist sofort einverstanden. Juchhu! Das große Hallenbad ist toll. Sprungbretter gibt es da, ein kleines Becken mit Rutsche nur für Kinder, und sogar ein Klettergerüst. Und Pommes! Blitzschnell haben wir unsere Badesachen zusammengesucht und stehen abmarschbereit an der Wohnungstür. Mama ruft noch schnell ihren Bruder, Onkel Theophil, an und vertröstet ihn auf das nächste Wochenende.
»Der Onkel war ganz traurig, dass wir nicht kommen«, sagt sie. »Besonders auf dich, Julian, hatte er sich schon so gefreut. Auf dich natürlich auch, Lu!«
Das kann ich mir denken. Ich weiß genau, warum. Was solls, jetzt gehts ins Bad. Das wird ein schöner Sonntag werden!
Lu und ich sitzen schon im Auto, Papa hat bereits den Motor gestartet, als Mama endlich mit den Badeutensilien kommt, sie schnell in den Kofferraum wirft und sich neben Papa setzt. »So ein Sauwetter!«, meint sie, während sie sich anschnallt, sich umdreht und schaut, ob wir beide auch angeschnallt sind. Dann fährt Papa los. Der Scheibenwischer schafft es gar nicht so schnell hin und her, wie der Regen auf die Windschutzscheibe prasselt. Man kann kaum etwas sehen. Die Scheinwerfer der entgegenkommenden Autos scheinen verschwommen und blenden sehr. Es ist ziemlich viel Verkehr.
Das Radio spielt ununterbrochen irgendwelche Schlager, die nicht nach meinem Geschmack sind. Mama summt aber ständig mit. Dann folgen Nachrichten. Die mag ich noch weniger als die Schlager. Ich verstehe das alles nicht, was die da im Radio sagen. »Heute wurde ein lange gesuchter Kinderschänder festgenommen. Er soll in den letzten Jahren etwa zehn Jungen zwischen drei und zehn Jahren missbraucht haben. Nähere Informationen sollen morgen veröffentlicht werden. Und jetzt das Wetter …«
»Papa«, frage ich, neugierig geworden, »was ist ein Kinderschänder?«
»Das ist ein böser Mann, der Kindern wehtut.«
»Und was heißt ›missbrauchen‹?«
»Ja weißt du, Julian, diese Männer sind irgendwie im Kopf nicht richtig und fassen kleine Jungen an.«
»Was meinst du mit anfassen? Du fasst mich doch auch schon mal an, an der Hand und so.«
»Das ist ja auch normal. Solche Männer fassen die Kinder aber da an, wo sich das nicht gehört, wo man das nicht darf.«
»Wo denn genau?«
»Ja, äh, also … also zum Beispiel, also jedenfalls nicht an der Hand!«
»Ja wo denn? Am Fuß?«
»Nein, äh, also am Fuß ist es ja nichts Böses!«
»Na dann sag doch endlich, wo der die Jungen angefasst hat!«
»Okay. Ihr beiden müsst das ja auch wissen, damit euch so was nicht passiert. Und wenn es einer bei euch macht, dann müsst ihr uns das sofort sagen, hört ihr?«
»Klar! Aber was müssen wir wann sagen? Du sagst ja nicht, wo der uns nicht anfassen darf!«
»Ach so, ja, also zum Beispiel am … Mama, kannst du den Kindern nicht auch mal was erklären? Ich muss mich doch auf den Verkehr konzentrieren!«
»Wieder mal typisch! Also Kinder, wenn euch irgendein fremder Mann mal auffordert, die Hose auszuziehen, um ihm euren Popo zu zeigen, zum Beispiel. Oder, wenn einer euren Popo oder den Penis oder etwa Lus Scheide anfasst, das müsst ihr uns …«
»Das macht Onkel Theophil doch immer bei mir … verdammt, das soll ich doch nicht erzählen!« Das ist mir jetzt einfach so rausgerutscht. Mist!
Mein Vater tritt voll auf die Bremsen und dreht sich halb zu uns um. »Was macht der mit dir?«, brüllt er, vor Zorn rot angelaufen.
Das Auto gerät ins Schlingern.
»Pass auf, Erich!« Mama schreit laut auf, während das Auto richtig ins Schleudern kommt und auf die Böschung zurast. Papa reißt das Lenkrad herum und der Wagen rutscht und schlittert über die Fahrbahn auf die andere Seite. Er dreht das Steuer wieder zur anderen Seite, aber unser Auto gehorcht ihm nicht mehr und saust quer zur Fahrbahn in den Gegenverkehr. Ich sehe nur noch viele Scheinwerfer von allen Seiten auf uns zukommen, dann schreckliches Krachen von Blech gegen Blech, Glassplitter fliegen durchs Auto, das immer weiter rutscht und rutscht. Plötzlich ist mein Kopf unten, dann wieder oben. Wir überschlagen uns und ständig höre ich die Geräusche von Metall und zerberstendem Glas. Mama schreit immer noch, nein, sie kreischt. Lu schreit und heult wie nie zuvor. Es geht alles so furchtbar schnell. Plötzlich ist alles still und dunkel.
Als ich die Augen aufschlage, finde ich mich auf dem Rücken liegend in einer Wiese wieder. Der Regen hat mich bis auf die Knochen durchnässt. Mir ist schwindelig. Mein rechter Arm tut sehr weh, und als ich mir den Regen aus dem Gesicht wische, sehe ich Blut auf meiner Hand. Ich weiß zuerst nicht, wo ich bin und wie ich hierhergekommen bin. Dann sehe ich ein paar Meter entfernt unser Auto auf dem Dach liegen. Die Räder drehen sich noch. Ich springe auf, obwohl meine Beine schmerzen und mir nicht so recht zu gehören scheinen, und humple zum Auto. »Papa, Mama, Lu! Wo seid ihr?« Ich schreie es immer wieder laut weinend, als ich über etwas stolpere. Ein Teil von Lus Kindersitz. Ein paar Meter weiter sehe ich Lu im Gras liegen. Sie liegt auf dem Bauch. Ein Bein ist über ihren Rücken gedreht und der Fuß hängt auf ihrem Kopf. Sie ist mit Blut überströmt. Beide Arme sind irgendwie verdreht und stehen merkwürdig abgewinkelt in die Luft. Obwohl sie auf dem Bauch liegt, starren ihre offenen Augen zum Himmel. Und sie ist ganz still. Schreit nicht. Heult nicht. »Lu, Lu, sag doch was! Bitte, bitte, sag doch was! Schrei mich doch mal an!« Keine Reaktion. Sie schläft wohl. Ich stolpere weiter zum Auto. Dort sehe ich Papa und Mama, bis zum Bauch aus der Windschutzscheibe heraushängend, auf dem Boden unter der Motorhaube liegen. Sie sind auch ganz blutverschmiert. Mamas linker Arm liegt abgerissen neben dem Auto im Gras und ihre starren Augen sehen mich aus dem verdrehten Kopf genau an. »Mama, Mama, sag doch was! So sag doch was!« An dem starren Blick ändert mein Rufen nichts. Ich krieche unter die Motorhaube zu meinem Vater. Ich sehe, dass sich sein Brustkorb hebt und senkt. Ein merkwürdiges Röcheln kommt mit blutigem Schaum aus seinem Mund. Seine Augen sind geschlossen. Ich schüttele seinen Kopf. »Papa, was ist mit dir?« Ich heule und heule und schreie immer wieder: »Mama, Papa, Lu! Mama, Papa, Lu! Hilfe! Hilfe!« Papa schlägt die Augen auf, sieht mich an und versucht, einen Arm zu heben. Seine Lippen bewegen sich leicht und er bringt mit viel blutigem Schaum ein gehauchtes »Julian …!« hervor. Dann bekommen seine Augen einen seltsamen Ausdruck. So wie Mamas Augen. So wie Lus Augen.
Im Hintergrund auf der Straße sehe ich viele Autos stehen und aus der Ferne höre ich Polizeisirenen. Dann erkenne ich auch Blaulicht von beiden Seiten dorthin fahren. Ich schreie und weine unaufhörlich weiter, als sich ein Arm um mich legt und ein Mann in Uniform mich hochhebt. Ich will fort von ihm, aber er hält mich fest im Arm und geht mit mir in Richtung der blauen Blinklichter. Er bringt mich zu einem großen Auto mit einem roten Kreuz darauf. Dort legt man mich auf eine Liege.
»Der arme Junge!«, höre ich von irgendwoher. Dann falle ich in einen tiefen Schlaf.

2

Ich erwache in einem hellen, großen Zimmer mit einer sehr hohen Decke. Ein riesiges Fenster erlaubt den Blick auf einen wolkenverhangenen Himmel. An der Wand gegenüber ist ein Fernseher angebracht. Der läuft aber nicht. Mein Blick schweift über das Bett und ich sehe, dass mein Bein in einem dicken, weißen Verband steckt und über der Bettdecke auf einem Gestell liegt. Der rechte Arm ist dick verpackt und ich kann ihn nicht bewegen. Ich fühle mit der linken Hand daran. Der Verband ist sehr hart und fest, wie aus Beton, aber weiß. Mein Kopf ist verbunden und schmerzt ziemlich. Auch sonst habe ich noch Pflaster und Verbände im Gesicht, an der Hand und auch an dem anderen Bein. An meinem Bauch und an der Brust fühlt es sich so an, als wenn dort tausend Pflaster klebten.
Wo bin ich? Wie komme ich hierhin? Warum bin ich so verpackt? Ich kann mich an nichts erinnern. Wo sind Papa und Mama? Warum lassen sie mich hier so völlig alleine liegen? Fragen über Fragen gehen durch meinen schmerzenden Kopf. Fragen, auf die ich keine Antworten habe. Niemand ist zu sehen, den ich fragen kann. »Mama, Mama! Papa, Papa, Papaaaa!« Ich schreie so laut ich kann, obwohl das die Schmerzen immer schlimmer macht. »Mamaaaaaaa! Mamaaaaaa! Papaaaaaaa!« Endlich geht die Tür auf und eine Frau in einem weißen Kittel kommt eilig hereingelaufen und nimmt meine Hand. Sie setzt sich zu mir aufs Bett und streicht mir sanft über den Kopf.
»Ruhig, Julian. Ich bin ja jetzt da. Ich bin Schwester Hildegard. Aber du kannst einfach Hilde sagen. Du musst keine Angst haben! Du hast sehr lange geschlafen!« Die Frau ist sehr nett und strahlt etwas Liebes aus. Ich beruhige mich ein wenig.
»Wo bin ich hier? Warum bin ich hier? Wo sind Mama und Papa? Und Lu? Warum sind sie nicht hier?«
Sie schaut mich sehr seltsam an und streichelt mir durchs Gesicht und über die Hand. »Erinnerst du dich an nichts? An gar nichts?«, fragt sie mit einer jetzt auf einmal etwas zittrigen Stimme.
»Nein. An nichts. Woran soll ich mich denn erinnern?«
»Das kommt schon noch. Du hast ein paar Tage geschlafen. Dann vergisst man manchmal was. Du bist ja noch krank, und deshalb liegst du hier. Das ist hier nämlich ein Krankenhaus, weißt du?«
»Was ist ein Krankenhaus? Was habe ich denn für eine Krankheit?«
»In ein Krankenhaus kommt man, wenn man so krank ist, dass man das zu Hause nicht heilen kann. Hier sind ganz viele Zimmer mit kranken Leuten, auch Kindern. Du hast ein paar Schnittwunden, die genäht worden sind, und dein Bein ist gebrochen. Äh, dein Arm auch, ein ganz kleines bisschen aber nur. Das wird alles wieder gut. Ganz bald bist du gesund und kannst dann rumlaufen wie früher!«
»Wieso ist das denn alles gebrochen und geschnitten? Was ist denn passiert? Ich weiß doch von nichts! Ich hab doch nichts gemacht! Wo sind Papa und Mama und Lu? Warum kommen sie nicht zu mir? Ich kann mit dem blöden Verband am Bein nicht aufstehen! Ich will, dass die kommen! Jetzt!« Ein heftiger Weinkrampf schüttelt mich und ich fange erneut an, nach meinen Eltern zu schreien.
»Ruhig Julian. Ganz ruhig, mein Kind. Alles wird wieder gut.«
»Aber wo sind die denn?«, schluchze ich.
»Ja, äh, also, äh, weißt du, äh, die … die sind jetzt, äh, äh im …«, sie hat jetzt ein sehr ernstes Gesicht und ich sehe ein paar Tränen über ihre Wangen laufen. »Also, äh, die sind jetzt im … im … in einem anderen Zimmer hier im Krankenhaus. Die haben genau solche Verbände wie du und können nicht gehen!«
»Lu auch?«
Jetzt wird ihr Weinen stärker. »Ja, ja, Lu auch. Ich gebe dir jetzt hier von dem Saft einen Schluck und dann schläfst du noch mal etwas. Danach wird es schon besser, glaub mir!«
Bevor ich mich besinne und weiter Fragen stellen kann, hat sie einen winzig kleinen Becher an meine Lippen gesetzt und den Inhalt in meinen Mund geschüttet.
»Bah, ist das bitter! Das will ich nicht!«
»War ja schon alles, Julian. Jetzt wirst du gleich müde werden und einschlafen.« Sie beugt sich über mich und umarmt mich zärtlich, während ich schon spüre, dass meine Augen zufallen.
Im Schlaf fühle ich eine warme, fleischige Hand zwischen meinen Beinen, die sanft alles streichelt, was ich dort habe. Ich träume gerade von Onkel Theophil und dem Kloster, als ich wach werde und dem Onkel direkt in die Augen sehe. Er sitzt neben meinem Bett in seiner braunen, wie immer muffigen Kutte, und hat seine rechte Hand unter meiner Bettdecke. Mit der anderen streicht er mir über den Kopf. Er beugt sich über mein Gesicht und küsst mich mit seinem bärtigen Mund und seinem stinkenden Atem. Seine Küsse sind immer so furchtbar nass und seine Zunge steckt er zwischen meine Lippen. Ich hasse das so sehr, bin aber im Moment froh, wenigstens irgendeinen Bekannten und sogar Verwandten zu sehen.
»Hallo, Julian, mein kleiner Liebling. Endlich bist du wach! Wie bin ich froh! Ich habe so sehr für dich gebetet. Und es hat geholfen!« Während er so spricht, befummelt und streichelt er mich munter unter der Bettdecke weiter. Ich lasse es geschehen. Das kenne ich ja schon. Jetzt im Moment ist es mir auch gleichgültig.
»Wo sind Papa und Mama? Und Lu? Was ist passiert, Onkel Theophil?«
»Tja, weißt du, mein kleiner Liebling, Gottes Wege sind unergründlich! Ihr hattet einen Autounfall. Dabei seid ihr alle schwer verletzt worden! Erinnerst du dich denn an nichts?«
»Nein, nein. Aber jetzt erinnere ich mich an Lichter und Regen und Lärm, dann war plötzlich alles dunkel. Wo sind Papa und Mama und Lu? Ich will zu ihnen! Kannst du mich nicht zu ihnen bringen? Hilde hat gesagt, die wären auch hier.«
»Julian, mein Herz, du musst nun ganz tapfer sein! Und du musst beten, wie ich es dir schon so oft gezeigt habe!«
»Warum? Ich will nicht beten! Ich will nach Hause! Und zu Papa und Mama! Ich schrei jetzt ganz laut! Ganz laut! Bis sie kommen!«
»Deine Eltern können nicht kommen. Nie mehr! Und Lu ebenfalls nicht. Sie sind jetzt bald beim lieben Gott. Sie sind auf dem Weg in den Himmel!«
Als er das so sagt, fallen mir die reglosen Augen und der verdrehte Körper von Lu ein und auch meine Eltern, wie sie aus dem Auto ragen und mich so starr anblicken. Alles ist plötzlich wieder in meinem Kopf, und ich fange fürchterlich an zu schreien.
»Ruhig, Julian! Sei ganz ruhig!« Er fasst mich fester, an der Hand und auch zwischen den Beinen. »Sei ganz ruhig und lass uns beten!«
»Nein, nein, nicht beten! Ich hab doch nichts gemacht! Papa hat sich plötzlich im Auto umgedreht und gebrüllt. Dann ist das Auto gerutscht und geschleudert und dann war da der Krach und …«
»Warum hat Papa denn gebrüllt?«
»Da war was im Radio, von so einem Mann, der Kinder anfasst und so, und dann ist mir rausgerutscht, dass du das mit mir auch machst! Ich wollte es aber doch nicht sagen! Es ist mir so einfach raus…«
»Du hast gesagt, dass ich dich da anfasse? An deinem Penis?«
»Ja, aber ich wollte es doch nicht sagen! Und dann ist das alles passiert!«
Ich sehe, dass Onkel Theophil etwas blass geworden ist und schwitzt. Sein Mief schwebt jetzt noch deutlicher im Zimmer.
»Ihr wart alleine im Auto, darum hat es sonst niemand gehört. Außer dem lieben Gott! Ich hatte dir doch gesagt, es passiert etwas Schreckliches, wenn du es jemandem erzählst! Nun siehst du, dass ich recht hatte! Der Unfall ist passiert, weil du es erzählt hast! Jetzt sind deine Eltern und Lu tot und du bist schuld! Du ganz alleine! Ich hatte dich gewarnt!«
Ich fange wieder laut schreiend an zu weinen. »Ich will nicht, dass die alle tot sind! Warum hat der liebe Gott das getan? Ich will auch tot sein! Ich will auch nicht mehr leben! Ich will zu ihnen! Hörst du? Lass mich auch tot sein! Tot! Tot!«
Schwester Hilde kommt ins Zimmer gelaufen und eh ich michs versehe, hat sie mir wieder so einen kleinen Becher mit dem bitteren Zeugs zwischen die Lippen geschüttet. »Schlaf, Julian! Beruhige dich! Alles wird gut.«

3

Ich sitze, wie jeden Abend, auf Onkel Theophils Schoß. Das wäre eigentlich ganz gemütlich, wenn da nicht so etwas Hartes an meinem Po zu fühlen wäre. Ich habe ihn mal gefragt, was das sei, und er erwiderte, das sei ein Stück Holz aus dem Kreuze Jesu Christi, wie es alle Priester hätten, die Gott ganz besonders liebt. Habe dann nicht weiter nachgefragt. Dass er mich da drauf hin- und herschiebt, macht es nicht schöner. Manchmal ist das Stück vom Kreuz auch nicht zu spüren. Wahrscheinlich hat er es dann irgendwo versteckt. Immer trägt er es jedenfalls nicht bei sich.
Seine Hand streichelt unter meinem Nachthemd meine Beine, meinen Bauch und auch öfter meinen Penis. Die Hand ist aber schön warm und es tut ja nicht weh. Es ist sogar angenehm.
Schon seit Wochen wohne ich bei meinem Onkel im Kloster. Als ich aus dem Krankenhaus entlassen wurde, hat er mich mit hierher genommen. Ich war froh, als ich dort endlich rauskonnte, obwohl die Schwester immer sehr lieb war. Nach und nach hat sie mir alles von dem Unfall erzählt. Sie weinte meistens dabei und nahm mich in den Arm. Papa, Mama und Lu wären jetzt im Himmel beim lieben Gott, erzählte sie mir. Dort hätten sie es gut und würden von dort oben immer auf mich aufpassen. Onkel Theophil erzählte das etwas anders. Sie seien noch nicht im Himmel, sondern im Fegefeuer und müssten dort für meine Sünden leiden, weil ich das Geheimnis verraten hätte. Ich weinte dann immer sehr und war völlig verzweifelt. Aber ich glaubte ihm und versprach, nie mehr etwas zu erzählen. Dann nämlich, so erzählte er mir, kämen sie irgendwann aus dem Fegefeuer in den Himmel. Wenn ich allerdings wieder irgendetwas erzählen würde, kämen sie sogar in die Hölle. Nun wurde mir der Unterschied zwischen Hölle und Fegefeuer nicht ganz klar, trotz seiner vielfachen Erklärungsversuche, aber mir schien die Hölle irgendwie furchtbarer zu sein. So nahm ich mir also fest vor, immer zu schweigen, gleich was der Onkel verlangte. Ich musste ja meine Eltern und Lu retten.
So liest er mir allabendlich also Geschichten aus der Bibel vor, während ich im Nachthemd auf dem Stück Holz vom Kreuze Jesu Christi sitzen darf. Die Geschichten sind ziemlich langweilig und ich verstehe das meiste nicht. Manchmal frage ich was, bin aber nach seiner, meist sehr ausführlichen Antwort auch nicht schlauer. Hin und wieder muss ich lachen, anscheinend an Stellen, die nicht lustig sind, denn er sieht mich dann etwas vorwurfsvoll an. Schließlich höre ich einfach nur noch zu. Umso schneller hört er auf und schlägt das dicke Buch zu. Nach dem Lesen gibt es immer noch einen Becher Kakao vor dem Zubettgehen. Der riecht ganz anders als zu Hause. Irgendwie nach Medizin. Ist aber schön warm und ich trinke ihn gerne. Danach werde ich immer sofort ganz müde und er trägt mich dann halb schlafend ins Bett. Ich muss immer in seinem Bett mit ihm schlafen, damit ich nicht alleine bin und keine Angst habe, sagt er. Wenn das Bett nur nicht so stinken würde! Genauso wie der ganze Onkel. Muffig und wie ein altes Klo. Sauber ist das Bett schon gar nicht. Flecken sind auf dem Laken und es riecht auch nach Schweiß und Pipi. Zu Hause roch mein Bett nach Frühling und war stets frisch. Nachts träume ich schreckliche Dinge. Von dem Unfall, von blutverschmierten Gesichtern und vom Fegefeuer und der Hölle. Ich spüre dann immer Schmerzen, meistens seltsamerweise am Popo. Wenn dann alles in Flammen steht, erwache ich von meinem eigenen Schreien. Dann sehe ich im Dunkeln Onkel Theophils Gesicht ganz nah über mich gebeugt und mein Bauch fühlt sich nass an. Das Nachthemd habe ich mir wohl im Schlaf hochgezogen, sodass ich nackt neben ihm liege. Er zieht es dann behutsam ganz herunter und streicht mir mit der Hand über den Kopf. »Hast wohl wieder was Schlimmes geträumt, mein kleiner Engel!«, sagt er dann meistens und deckt mich zu. »Schlaf jetzt ruhig weiter! Morgen früh darfst du mit mir um sechs in die erste heilige Messe!« Er dreht sich dann um und schnarcht laut los. Ich schlafe meistens sofort wieder ein. Wenn auch die Träume vorläufig weg sind, der Schmerz an meinem Hintern bleibt immer noch eine Zeit, und sogar am nächsten Morgen spüre ich ihn noch.
Ganz in der Früh am Morgen klopft es kurz an der Tür, und herein kommt ein anderer Pater namens Aquarius. Er bringt jeden Morgen eine große Kanne heißes Wasser, deren Inhalt er in eine breite Porzellanschüssel gießt.
»Gott zum Gruße, Bruder Theophil und kleiner Julian«, sagt er dann jedes Mal und lässt seine fettigen kleinen Schweins­äuglein lange auf mir ruhen. Dabei leckt er sich mit der Zunge über die Lippen. Er ist ziemlich klein, dafür aber sehr dick und hat die gleiche Kutte an wie alle Patres hier im Kloster. Er ist auch genauso schmutzig wie Onkel Theophil. Nur seine Ausdünstungen übertreffen die des Onkels bei Weitem. Ich mag seinen Blick nicht. Weiß nicht warum, er ist einfach unangenehm. Er wartet immer so lange, bis ich mein Nachthemd ausgezogen habe und völlig nackt neben Onkel Theophil stehe. Der wäscht mich jeden Morgen, obwohl ich zu Hause schon alleine duschen durfte. Aquarius heftet seine Augen wie Magnete auf meinen Unterleib und seine Zunge leckt immer schneller über seine Lippen wie eine Schlange. Bevor der Onkel mit dem Waschen beginnt, schickt er den Pater aber, Gott sei Dank, hinaus. Es ist so schrecklich ungemütlich und unangenehm, wenn er mit dem nassen Waschlappen beginnt, an mir herumzureiben. Gesicht und Hände sind schnell erledigt, aber mit meinem Popo und meinem Penis gibt er sich schrecklich viel Mühe. Immer wieder nimmt er frisches Wasser und Seife und reibt mit der Hand alles so lange, dass ich Angst habe, dass nachher nichts mehr da ist. »Der süße kleine Popo und dein kleines Pipimännchen müssen immer ganz besonders sauber sein! Dann freuen sich der liebe Gott und auch all die kleinen Engelein!« Das murmelt er jeden Morgen, mehr zu sich selbst als zu mir. Der Schweiß läuft ihm dabei über die Stirn. Dann wäscht er sich auch, während ich mich anziehe. Bei sich selbst ist das Waschen ganz anderes. Eine Handvoll Wasser ins Gesicht, abgetrocknet, fertig. Den restlichen Wanst lässt er komplett aus. Kein Wunder, dass er so stinkt. Ich beobachte das zwar, frage ihn aber lieber nicht, warum er seinen Hintern nicht wäscht. Wahrscheinlich haben der liebe Gott und all die kleinen Engelein an seinem fetten Arsch nicht so eine Freude. Verstehen kann ich es.
»Heute ist ein besonderer Tag, mein kleiner Liebling! Nach der Messe und dem Frühstück fahren wir in die Stadt zum Gericht!«
»Was ist ein Gericht, Onkel Theophil?«
»Das Gericht ist ein sehr großes Haus, in dem ein Richter sitzt. Der entscheidet, was mit dir geschieht. Du bist ja noch klein und deine Eltern sind beide tot, durch deine Schuld! Der Herr möge dir verzeihen!« Er bekreuzigt sich bei diesen Worten und schaut gen Himmel. Ich möchte wieder losheulen, aber er fährt sofort in seiner Ansprache fort. »Du bist jetzt ein Waisenkind und ich bin dein einziger Verwandter auf Erden! Darum wird der Richter mir sicher das Sorgerecht für dich zusprechen und du darfst dann hier bei mir im Kloster leben und zur Schule gehen, bis du erwachsen bist. Hast du das soweit verstanden?«
»Ja Onkel Theophil!«
»Der Richter wird dich sicher fragen, ob du das auch wirklich möchtest. Dann musst du sogleich und freudig antworten mit ›Ja, Euer Ehren, das möchte ich unbedingt! Ich wünsche mir nichts mehr, als bei meinem Onkel im Kloster zu leben. Der Onkel ist ja so gut zu mir!‹ Verstanden, Julian? Wenn du etwas anderes sagst oder etwa, dass du nicht bei mir leben willst, werden der Richter und vor allem der liebe Gott ganz böse und deine Eltern kommen sofort in die Hölle und du in ein Waisenhaus, wo du immer alleine in einem dunklen Verlies sitzen musst und nichts zu essen und zu trinken bekommst!«
Nichts habe ich von all dem, was der Onkel gesagt hat, verstanden. Nur das mit der Hölle.
Ich fange laut an zu schniefen und stottere mit verweinter Stimme: »Ja, ja, Onkel Theophil, ich sage genau, was du mir eben erzählt hast! Papa und Mama sollen nicht in die Hölle kommen! Nein, nein!« Ein Weinkrampf schüttelt mich. Tausend Gedanken überschlagen sich in meinem Kopf. Lieber den Onkel weiter ertragen als das andere. Ich habe ja schließlich meine Eltern und meine Schwester umgebracht, und dafür will ich jetzt eben leiden, damit sie wenigstens bald in den Himmel kommen. In der Hölle ist es sicher viel schlimmer als hier im Kloster.
»Gut, gut, mein kleiner Engel! Beruhige dich wieder. Wir wollen jetzt in die Messe gehen und für deine Familie und dich beten!« Er geht voran und ich tapse leise weinend hinter ihm her. Es ist noch sehr dunkel draußen, und in den weiten Fluren, durch die der Weg zur Kirche uns führt, brennen nur wenige traurige Wandleuchten. Die Glocken läuten wie zum Sturm, ihr Schall erreicht uns aber durch die dicken Mauern nur gedämpft. Auch in der Kirche, die fast schon riesig ist, brennen nur wenige Kerzen, hauptsächlich vorne an dem mächtigen Altar, der so hoch ist, dass er fast bis zur Decke reicht. Überall an den Wänden und in Mauernischen stieren mich große, bunt bemalte Holzfiguren zum Teil böse, zum Teil traurig an. Die Wände sind, genau wie die Decke, bunt bemalt mit allerlei kleinen, meist nackten Engeln mit Flügeln, weißhaarigen alten Männern, die zu schweben scheinen, und Drachen sowie anderen Tieren, deren Namen ich nicht kenne. Die nackten Engelchen sind alles kleine Jungen, wie ich unschwer zwischen ihren Beinen erkennen kann. Überhaupt gibt es nur ein Bild von einer Frau. Die nennen die Patres die ›Mutter Gottes‹. Die Bedeutung der Bilder und Figuren erschließt sich mir nicht. Einerseits erinnert es mich an mein altes Märchenbuch, andererseits an bunte Karussells auf dem Kirmesplatz. Nur ist alles sehr bedrückend und angsteinflößend. Dazu die unheimliche Stille. Jeder Schritt irgendeines Paters, die nach und nach in die Kirche geschlurft kommen, erscheint wie lautes Unwetter und macht die ganze Szene noch erschreckender. Ich zucke zusammen, als plötzlich in meinem Rücken die riesige Orgel losdonnert. Alles scheint zu vibrieren. Wir sitzen ganz vorne und auch die anderen sind jetzt alle da. Einer steht aus irgendeinem Grund vorne beim Altar und schwenkt wie verrückt mit einem Kessel um sich, der an Ketten hängt und aus dem ein betäubender Dampf strömt. Bald ist die ganze Kirche davon eingenebelt. Allen scheint es zu gefallen, denn sie beginnen, lauthals in einer fremden Sprache zu singen. Mir wird schlecht von dem Dampf und ich fürchte, kotzen zu müssen. Ich reiße mich aber zusammen und nach einiger Zeit habe ich mich ein wenig daran gewöhnt. Zumindest die Übelkeit lässt nach.
Dann beginnt der Pater vorne am Altar ebenfalls in einer mir fremden Sprache zu beten, und im Wechsel mit ihm beten die anderen. Ich verstehe kein einziges Wort davon. Es muss wohl alles stimmen, denn ich sehe den ein oder anderen der Kuttenmänner bejahend nicken. Zwei direkt vor mir haben den Kopf tief auf die Brust gebeugt. Sie sind wahrscheinlich so ergriffen von all dem. Warum aber schnarchen sie leise? Vielleicht gehört das dazu. Der Vorbeter am Altar läuft mal nach rechts, dann wieder nach links. Sicher sucht der was. Er schaut sich ständig um, hebt ein großes Buch hoch, küsst es und legt es wieder hin. Da ist das Gesuchte wohl auch nicht. Er hebt die Hände zum Himmel, murmelt etwas, geht nach vorne und redet auf die anderen in der fremden Sprache ein. Wahrscheinlich fragt er die, ob sie nicht wissen, wo es versteckt ist. Keiner sagt zunächst etwas. Onkel Theophil hebt sich leicht mit einer Pobacke von der Bank und lässt einen lauten Furz fahren, der mit schönem Echo langsam in der großen Kirche verhallt. Aus einer anderen Ecke erfolgt eine gefurzte Antwort, aber bei Weitem nicht so prächtig und laut. Das scheint geholfen zu haben, denn alle rufen laut ›Amen‹. Ah! Das ist wohl das Versteck! Der vorne geht nämlich jetzt schnurstracks auf den Altar zu. Er dreht sich noch einmal um, hebt wieder die Hände ganz hoch und ruft: »Halleluja!«
Endlich hat er das Gesuchte gefunden. Hatte wohl jemand hinter einer verborgenen kleinen Tür in dem großen Altar versteckt. Glücklich lächelnd, weil er es wiedergefunden hat, kommt er mit einem riesigen goldenen Topf, mit einem Stiel unten daran, in den Händen zurück und stellt das Ding vor sich auf einen hohen Tisch. Er kniet davor nieder. Warum bloß? Ist sicher etwas Wertvolles drin. Er nimmt den Deckel ab, guckt, anscheinend zufrieden mit dem Inhalt, hinein, macht allerlei Verrenkungen mit den Armen über dem Topf, kniet immer wieder hin und nimmt ihn schließlich hoch und zeigt ihn nach rechts und links, damit ihn alle sehen können. Die anderen werden bestimmt auch froh sein, dass er den Topf wiedergefunden hat. Dann erklingt aufs Neue die Orgel, alle, fast alle, singen laut. Einige sitzen immer noch in schnarchender Andacht vornübergebeugt in den Reihen. Nach weiteren Kniefällen schnappt der Vorbeter sich den goldenen Topf und kommt damit weiter nach vorn. Dort bleibt er stehen und schaut erwartungsvoll auf seine Kuttenbrüder. Unter dem Klang der Orgel, jetzt gedämpfter, gehen alle in einer Reihe aus den Bänken heraus nach vorne. Die so andächtig vor sich hin ruhenden Brüder werden angestoßen und mitgenommen. Der Vorbeter holt jedes Mal irgendetwas aus dem Gefäß und stopft es jedem Einzelnen in den Mund. Ob dies das Frühstück ist? Krieg ich nichts? Ich laufe hinter dem Onkel her auch nach vorne. Er sieht mich nicht sofort, nimmt dann jedoch meine Hand und führt mich mit nach vorne. Onkel Theophil bekommt etwas in den Mund gesteckt und ich stehe schon mit geöffnetem Schnabel da, in der Hoffnung, auch irgendwas Leckeres zu kriegen, da ich mittlerweile Hunger habe. Mir streicht der Pater aber nur mit der Hand über den Kopf und macht so etwas wie ein Kreuzzeichen auf meiner Stirn. Dabei sieht er mich so merkwürdig an mit einem glasigen Blick. »Gott mit dir, mein Kind, mein hübsches!«, flüstert er mir zu. »Sei immer fromm und willig hier im Kloster und deinem Herrn!«
Etwas Essbares wäre mir lieber gewesen als Worte, die ich nicht verstehe. Als alle gefüttert sind, ist die Vorstellung scheinbar vorbei und alle bewegen sich unter dem Dröhnen der Orgel aus der Kirche wieder in die dunklen Flure, aus denen sie gekommen sind.
»Warum hab ich nichts zu essen gekriegt, Onkel Theophil?«, frage ich leise, als wir draußen sind. »War das eben schon das Frühstück?«
»Nein, Julian, das war der Leib Christi. Den bekommt man erst, wenn man zur ersten heiligen Kommunion gegangen ist. Zum Frühstück gehen wir jetzt. Du bekommst natürlich auch etwas, wie sonst doch auch!«
Stimmt. Ich war aber bisher noch nie mit in so einer Messe. Da ist er wohl die letzten Wochen ohne mich hingegangen. Hoffentlich macht der das morgen wieder alleine. So toll finde ich das nämlich nicht. Im Bett noch etwas länger schlafen wäre schon besser. Nach dem ›Leib Christi‹ frage ich lieber nicht, sonst hält er wieder einen langen Vortrag und ich habe jetzt wirklich Hunger. Groß kann der Leib Christi, was auch immer das ist, nicht sein, sonst würde er ja nicht in so einen kleinen Topf passen.
Der Frühstücksraum, in dem wir auch immer mittags und abends essen, ist gewaltig, allerdings sehr düster und ungemütlich. Eine hohe Gewölbedecke, von der einem schon mal etwas Putz auf den Teller fällt, viele hohe Fenster rundherum, durch die es mächtig zieht. Die Möbel sind schlichte, grob gezimmerte Holztische und lange Bänke. An den Wänden sind weder Farbe noch irgendwelche sonstigen Verzierungen. Nur ein meterhohes Holzkreuz mit einer riesigen Holzfigur hängt direkt neben der Eingangstür. Bis heute habe ich sie nie so richtig betrachtet. Die Figur ist völlig nackt bis auf ein Tuch, das um die Hüften geschlungen ist. Es scheint ein Mann zu sein, denn er hat keine Brust wie Mama, dafür aber einen Bart. Auf dem Kopf trägt er einen Kranz mit langen Dornen. Mit den ausgestreckten Armen hält er sich wohl an dem Querbalken fest, sonst würde er ja sicher herunterfallen. Er sieht sehr mager aus. Ob der auch im Waisenhaus war? Er tut mir etwas leid. Anscheinend schläft er, denn der Kopf hängt auf der Brust und die Augen sind geschlossen. »Wer ist das da an dem Kreuz, Onkel Theophil?«
»Das ist der gekreuzigte Herr Jesus, mein unwissendes Kind! Der Retter der Welt! Gottes Sohn!«
»Ist das das Kreuz Jesu?«
»Ja, mein Sohn! Zu ihm kannst du immer beten.«
Ach so! Ich frage lieber nicht weiter, sonst muss ich noch länger mit dem Frühstücken warten. Ich sitze immer auf mehreren dicken, alten Büchern, um überhaupt an meinen Teller zu kommen, so hoch sind die Tische. Wie jeden Morgen gibt es heißes Wasser, das ganz leicht gelblich gefärbt ist, wie Pipi aussieht und so ähnlich auch wohl schmeckt. Soll Tee sein. Dazu gibt es einen widerlichen Brei aus ganz dünner, wässriger Milch und einer Art dicker Würmer darin. So sahen die Mehlwürmer aus, mit denen Papa angelte. Zum Glück sind sie aber tot. In der Milch sind sie sicher ertrunken. Beim ersten Mal musste ich fast brechen, als ich sie heruntergewürgt habe. Jetzt habe ich mich daran gewöhnt. Lecker sind sie nicht. Wenigstens machen sie satt. Dazu gibt es noch ganz dunkles und sehr grobes Brot, das zudem steinhart ist. Man taucht es in die Wurmsuppe, dann kann man es nach einiger Zeit wenigstens kauen. Ich muss dann immer mit feuchten Augen an Mamas Frühstück zu Hause denken. Kakao gab es da und weiche Brötchen mit Marmelade oder leckerer Nusscreme. Das werde ich wohl nie mehr bekommen. Ich bin ja selbst schuld! Jetzt muss ich büßen, wie der Onkel mir immer und immer wieder predigt. Als alle fertig sind, beten sie zum wiederholten Male, genau wie zu Beginn jeder Mahlzeit, und dann schlurfen sie mit über den Kopf gezogenen Kapuzen in alle Richtungen davon. Ich bleibe kurz neben der Tür stehen und betrachte genau das Kreuz Jesu. Irgendwo muss ja das Stück fehlen, das der Onkel öfters unter seiner Kutte versteckt. Komisch! Nirgends ist ein Stück herausgeschnitten. Vielleicht gibts noch mehr davon, denke ich, und tripple schnell hinter Theophil her, der sich schon suchend nach mir umgedreht hat.