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Leseprobe: Fiona – Beginn

Fiona – Beginn

Zwei mit Maschinenpistolen bewaffnete Jungs eskortieren den Terminator. Er kommt auf mich zu, drückt mich, am Hals gepackt, gegen die Wand. Seine freie Hand umschließt meine Brust und drückt fest zu. Ein Zucken der Augenlider ist die einzige Reaktion, die ich mir leiste.
„Du bist nicht so verweichlicht wie andere Mädchen in deinem Alter“, sagt der Terminator. „Das gefällt mir. Ich glaube, wir werden viel Spaß miteinander haben.“
„Das kann ich dir versprechen“, erwidere ich zähneknirschend.
„Nicht so voreilig!“ Er rammt mir sein Knie in den Unterleib. Während ich mich nach Luft schnappend krümme, verbindet er mir die Augen mit einem schwarzen Tuch. „Zur Sicherheit. Blinde Löwinnen sind weniger gefährlich. Außerdem hat deine Mutter noch einige Finger, die wir ihr abschneiden könnten.“
„Mach nur weiter so“, erwidere ich keuchend, „irgendwann werde ich dir dann in die Fresse kotzen!“
Er packt meine Haare und reißt meinen Kopf hoch. „Wenn du das tust, frisst du Scheiße. Echte Scheiße.“
„Aber bitte mit Knoblauch … aua!“
„Fiona!“, schreit meine Mutter. „Hör bitte auf damit, ihn zu reizen!“
„Genau, Fiona, hör auf deine Mutter. Obwohl ich zugeben muss, dass es mir riesig viel Spaß macht, diese Sachen mit dir zu machen.“
„Fein“, erwidere ich, die Bitte meiner Mutter ignorierend. „Es wird auch mir Spaß machen, jede Lektion mit dir durchzuexerzieren.“
„Du hältst wohl nie das Maul? Soll ich dir die Zunge rausreißen?“
„Und dich damit des Vergnügens berauben, mit mir feuchte Zungenküsse auszutauschen? Mach dich doch nicht lächerlich!“
„Ach ja? Glaubst du ernsthaft, ich riskiere es, dass du mir die Zunge abbeißt, Hexe?“
„Der Trick war wohl nicht besonders gut, nicht wahr? Schade eigentlich …“
„Ja, schade eigentlich. Gehen wir!“
Eine kräftige Hand packt meinen Oberarm und führt mich. Unsere Schritte klingen hohl auf dem Korridor. Dann geht es eine Treppe rauf. Ich rieche, dass die Luft frischer wird. Ein leichter Windstoß berührt meine Haut. Weitere Männer stoßen dazu. Dass es Männer sind, erkenne ich an ihrem Geruch und an ihren harten Schritten. Hinter mir gehen meine Eltern. Ich rieche ihre Angst. Höre sie stoßweise atmen. Dann kommen wir ins Freie. Wir steigen in einen Van, trotzdem stoße ich mir den Kopf und lasse mich fluchend auf den Sitz sinken. Im Hintergrund lacht jemand.
Die Fahrt dauert etwa eine Viertelstunde. Jemand tritt an das Auto heran.
„Fahren Sie hinter dem weißen Wagen her, er führt Sie zum richtigen Flugzeug“, sagt eine männliche Stimme.
„In Ordnung. Keine Dummheiten, sonst sind die Geiseln tot!“ Wie zur Bekräftigung spüre ich plötzlich die kalte Mündung einer Waffe am Hals.
„Schon gut“, sagt beschwichtigend der fremde Mann, vermutlich ein Polizist. „Wir werden nichts unternehmen, wenn ihr vernünftig seid.“
„Ihr seid nicht in der Position, Forderungen zu stellen!“, erwidert Brodwich.
„Doch. Wenn ihr den Geiseln was antut, verliert ihr euer Schutzschild, und dann gnade euch Gott. Also spielt lieber nicht mit dem Feuer.“
„Vielen Dank für den guten Rat“, sagt Brodwich sarkastisch. „Und jetzt trete zur Seite!“
Der Van setzt sich wieder in Bewegung, nur der Fahrbahnbelag ändert sich. Offensichtlich sind wir auf dem Rollfeld des internationalen Flughafens, auf dem Weg zum Fluchtflugzeug. Die Bestätigung dafür erhalte ich beim Aussteigen. Die Motoren des Flugzeugs laufen bereits. Ich stolpere die Treppe rauf, und erst drinnen bekomme ich die Augenbinde abgenommen.
Es herrscht die typische Düsternis in Großraumflugzeugen. Zwei Gänge, in der Mitte drei Sitzplätze, an den Fenstern zwei. Außer uns keine weiteren Fluggäste, was nicht weiter erstaunlich ist. Aber auch keine Flugbegleiterinnen. Nur zwei Piloten, die bereits im Cockpit sitzen.
„Die Alten setzen sich hin und schnallen sich an!“, befiehlt Brodwich. „Dann fesselt sie aneinander. Rechte Hand an rechte Hand und so weiter.“
Während die Anweisung ausgeführt wird, schaue ich mich weiter um. Es gibt nichts Ungewöhnliches zu sehen, aber ich kann es mir einfach nicht vorstellen, dass eine Regierung wie die von Newope Kidnapper wie diese einfach ziehen lässt. Außerdem spüre ich es einfach, dass da noch was kommen muss.
„Die Piloten sagen, dass die Maschine in einer Viertelstunde bereit sein wird“, meldet einer der Kerle.
Zusammen mit Brodwich besteht die Bande der Kidnapper aus acht Männern, die alle in schwarz gekleidet und mit Pistolen bewaffnet sind. Einige mustern mich mit unverhohlener Begierde, die auch Brodwich nicht entgeht. Er grinst, doch da ist keine Freude, keine Fröhlichkeit in seinen Augen. Er kommt näher, bis unsere Gesichter sich beinahe berühren.
„Dann haben wir ja noch etwas Zeit, nicht wahr? Die sollten wir auch nutzen. Okay, drei Leute schieben Wache, die anderen können mit ihr machen, was sie wollen. Außer umbringen, natürlich.“
Es ist ein Gefühl, als wäre plötzlich gähnende Leere im Kopf. Gleichzeitig geht ein unterirdisches, kaum spürbares Rumoren vom Magen aus. Die Beine werden weich, Hitzewellen steigen hoch, bedingt durch den plötzlichen Adrenalinanstieg im Blut. Nur dumpf höre ich das Grölen der Männer, die mich in der Nähe meiner Eltern zu Boden reißen. Da meine Hände gefesselt sind, wird das Hemd einfach zerrissen. Die anderen Kerle sind damit beschäftigt, mir Schuhe, Jeans und Schlüpfer auszuziehen. Dann erinnern sie sich wieder daran, dass ich meine Tage habe. Ein Hindernis ist das für sie nicht. Einer von ihnen reißt brutal den Tampon raus und hält ihn erstaunt hoch.
„Das Ding hat ja eine unglaubliche Saugkraft!“, stellt er fest.
„Zeig mal her!“ Der Terminator untersucht den Tampon, nicht ohne vorher daran zu riechen. „Hm … ich freue mich schon auf deine Muschi, Mädchen. Aber erst mal dieses Ding hier … ich würde sagen, das ist so was wie ein Funksender in Miniatur. Das habt ihr ja richtig schlau eingefädelt! Aber jetzt ist es Geschichte.“ Er lässt den Sender fallen und zermatscht ihn mit dem Absatz. „Aber der Trick war wirklich gut. Erst serviert ihr uns eine Kamera, die wir finden sollen, und den wirklich kritischen Teil versteckt ihr einfach in deinem Körper. Klasse. Aber es wird dir gar nichts helfen. Zur Belohnung werde ich der erste sein, der dich fickt. Wie gefällt dir das?“
„Ist dein Schwanz denn groß genug, dass ich ihn spüren werde?“
„Ich denke schon.“ Er packt ihn aus, und ich muss unwillkürlich schlucken.

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Fionas Tagebuch: Warum Sex keine Waffe ist

Fiona – Beginn

Liebes Tagebuch,

meine heutige Therapiestunde war irgendwie denkwürdig.

Nachdem ich es mir gemütlich gemacht habe, fange ich an. „Ich möchte heute über … über dieses Ereignis damals im Flugzeug sprechen.“
„Welches Ereignis?“
„Wie, über welches Ereignis?
„Sie meinen das Ereignis, über das wir nicht zu sprechen brauchten, weil Sie damit auch so fertig wurden?“
Ich starre Robert an. Falls du es nicht mehr weißt, liebes Tagebuch, Dr. Robert Malcolm ist mein Therapeut. „Ja, ich meine das. Ja, ich rede davon, als ich in diesem Scheißflugzeug keine zwei Meter von meinen Eltern entfernt vergewaltigt wurde. Genau das meine ich.“
„Sie klingen wütend.“
„Ach ja?“
„Ja.“
Ich atme tief durch und provoziere damit die nächste Frage des Psychoterroristen. „Warum machen Sie das?“
„Was? Warum mache ich was?“
„Sich entspannen. Warum entspannen Sie sich? Ich denke, Sie wollen über dieses Ereignis sprechen?“
„Ja, will. – Hören Sie, Robert, es ist nichts, was mich im Alltag behindert. Wie eine vernarbte Wunde. Normalerweise merkt man nichts davon, nur wenn man es mal berührt oder wenn eine Front aufzieht, dann spürt man sie. Aber sie ist trotzdem da.“
„Und jetzt zieht eine Front auf?“
„Vielleicht!“
„Was macht Sie grad so wütend, Fiona?“
„Ich weiß nicht. Ihre Fragen.“
„Dafür bezahlen Sie mich doch.“
„Ja, ja. Ich weiß. Vielleicht war es doch keine gute Idee, damit anzufangen.“
„Heißt das, Sie wollen doch nicht darüber reden? Über das Ereignis?“
„Hören Sie auf damit! Ich bin doch nicht dämlich! Natürlich ist mir auch klar, dass da noch was ist, mehr als nur eine Narbe!“
„Ich weiß, dass Ihnen das klar ist. Und was wollen Sie mit dieser Erkenntnis anfangen? Was möchten Sie genau jetzt tun?“
Ja, was? Ich weiß es nicht. Oder doch, eigentlich weiß ich es schon. Ihm an die Kehle springen. Er scheint meine Gedanken zu erahnen, denn er zieht die Augenbrauen hoch.
„Worüber haben Sie gerade nachgedacht, Fiona?“
„Dass Sie nichts dafür können, ich aber trotzdem am liebsten Sie umbringen würde.“
„So sahen Sie in der Tat aus. Aber Sie haben Ihre Gefühle bereits interpretiert, anstatt einfach sie nur zuzulassen.“
„Ja, weil ich gegen Sie persönlich nichts habe. Es geht nur um die Wut in mir.“
„Worauf sind Sie wütend?“
Auch eine gute Frage. Ich denke kurz über sie nach. „Wissen Sie, Robert, ich habe darüber nachgedacht, nachdem … nachdem ich vergewaltigt wurde. Ich meine, bevor es mir passiert ist, habe ich gedacht, so eine Vergewaltigung ist quasi der Weltuntergang …“
„Ist es für viele Frauen auch. Und für viele Männer übrigens auch.“
„Ja, das kann ich mir gut vorstellen. Und genau darum habe ich mich gefragt, warum es bei mir anders ist. Und die Antwort, die ich damals schon gefunden habe, hat damit zu tun, dass ich diese Bestien getötet habe. Ich bin aktiv geworden. Die meisten Vergewaltigungsopfer haben diese Chance nicht.“
„Das sehe ich nicht ganz so. Aber Sie haben recht, die Erstarrung ist die größte Gefahr. Sicherlich ist es nicht immer möglich, und auch nicht unbedingt zu befürworten, dass die Vergewaltiger getötet werden. In Ihrem Fall sah es vielleicht anders aus, denn es ging ja nicht nur um die Vergewaltigung.“
„Ja, das ist wahr. – Wie auch immer. Trotzdem ist diese Wut da. Die Narbe schmerzt. Ich … ich sehe es noch genau … und ich spüre es … ich lag da, die Hände unter mir, gefesselt, und die Kerle haben mich durchgefickt. Einer nach dem anderen. Robert, ich war kein Kind der Traurigkeit. Mit 15 entjungfert, ich habe Dutzende von Männer gehabt. Mit Sex habe ich kein Problem. Was mich wütend macht, ist dieses Gefühl des Augeliefertseins, das ich damals hatte. Ich konnte nicht selbst bestimmen, was mit meinem Körper geschieht. Das macht mich so wütend.“
„Sie wollen also selbst bestimmen, was mit Ihrem Körper geschieht?“
„So weit es möglich ist, ja. Ich weiß auch, dass er altern wird und irgendwann stirbt. – Robert, warum setzen Menschen Sex als Waffe ein?“
„Wie meinen Sie das?“, fragt er überrascht.
„Na ja … ich wurde doch nicht vergewaltigt, weil die Kerle an Entzugserscheinungen litten. Klar, sie hatten ihren Spaß dabei, aber das war nicht die Hauptsache. Es ging darum, mich zu brechen, mich unten zu halten. Zu erniedrigen und dadurch beherrschbar zu machen. In Kriegen wird das immer wieder gemacht, die Frauen der Gegner werden vergewaltigt, entehrt, erniedrigt, demütigt. Sex wird als Waffe eingesetzt. Überall wird Sex als Waffe eingesetzt. Warum?“
„Ich weiß es nicht, Fiona. Hat das noch mit Ihrem Thema zu tun?“
„Ich denke schon. Ja, ich weiß, ich verkopfe das gerade.“ Ich ziehe meine Schuhe aus und schlage die Beine unter. Meiner Wirkung bin ich mir absolut bewusst, und die Blicke des Psychoterroristen beweisen das. Aber er ist Profi genug, um nicht auf meine Provokation einzugehen. Vielleicht wäre es anders, wenn ich einen Rock anhätte und keine Jeans. „Mich beschäftigt das. Ich habe auch Sex eingesetzt, um zu kriegen, was ich haben wollte. Selbst jetzt, wo ich verheiratet bin und meinen Mann liebe, setze ich Sex ein. Ich glaube, es ist normal.“
„Man könnte annehmen, Sex ist ein wichtiger Bestandteil menschlichen Lebens.“
„Ja. Immerhin entstehen die meisten Menschen immer noch beim Sex. Übrigens, da wir schon bei Waffen sind, wussten Sie, dass eine Pistolenkugel mehr als dreihundertmal so schnell ist als das Ejakulat, jeweils Mündungsgeschwindigkeit?“
„Nein, das wusste ich nicht, aber es klingt interessant. Mit Samen kann man also niemanden töten.“
„Nein, das geht nicht. Sonst gäbe es uns beide nicht.“ Ich grinse ihn an. „Loch in der Gebärmutter wäre der Entwicklung eines Babys nicht sehr förderlich.“
„Klingt grausig.“
„Ich habe einen morbiden Humor, das haben schon viele gesagt.“
„Kommen wir zurück zu Ihrer Eingangsfrage. Zu dem Ereignis.“
„Sie sind fies.“
„Möchten Sie doch nicht darüber sprechen?“
„Ich weiß nicht. Was hilft denn gegen Narben, die ab und zu weh tun?“
„Kühlung.“
„Ist das eine Anspielung?“, erkundige ich mich misstrauisch.
„Empfinden Sie es so?“
„Was passiert eigentlich, wenn ich Ihnen jedes Mal 100 Dollar zahle, wenn Sie eine Frage nicht mit einer Gegenfrage beantworten?“
„Ich verliere meine Reputation als guter Psychotherapeut.“
„Jetzt werden Sie zynisch, Robert.“
„Warum denken Sie das?“
„Sie möchten keine leichtverdienten Hunderter, ich sehe schon.“
„Möchten Sie denn, dass ich mich prostituiere?“
„Sie haben die einmalige Gabe, selbst Aussagen in Fragen zu verpacken. Ich werde Sie in ein paar Jahren vielleicht sogar dafür bewundern.“
„Wieso erst in ein paar Jahren?“
„Für manche Dinge brauche ich etwas länger. – Robert, wir haben heute ungewöhnlich viel rumgeplänkelt.“
„Finden Sie? Haben Sie das Gefühl, diese Stunde hat Ihnen nichts gebracht?“
„Immerhin habe ich herausgefunden, wieso Sex keine Waffe ist. Das Mündungsfeuer ist zu schwach. O.K., ernsthaft. Ich weiß es nicht. Wirklich nicht. Einerseits habe ich schon das Bedürfnis, über … die Vergewaltigung zu sprechen. Andererseits weiß ich nicht, was.“
„Was ist Ihr Gefühl dabei?“
„Wut.“
„Das war spontan. Was noch?“
„Scham.“
„Scham? Wofür schämen Sie sich?“
„Dass meine Eltern mich beim Sex gesehen haben …“ Liebes Tagebuch, es hat mich völlig überrascht, dass ich nach diesen Worten einen Heulkrampf bekommen habe. Aber so war es. Ich habe eine ganze Packung Taschentücher verbraucht, ehe ich mich wieder halbwegs als Mensch fühlte. Der Psychoterrorist beschränkte sich darauf, mir die Papiertaschentücher anzureichen.
„Damit haben Sie nicht gerechnet?“, fragt er danach.
„Nein.“
„Haben Sie eine Idee, wodurch Ihre Reaktion ausgelöst wurde?“
„Ich … ich … ich glaube, ich möchte darüber jetzt nicht sprechen.“
„In Ordnung. Die Stunde ist sowieso rum. Vielleicht überlegen Sie sich, ob Sie nächste Woche darüber sprechen möchten.“
„Vielleicht“, erwidere ich abwesend, während ich die Schuhe anziehe.

Tja, liebes Tagebuch, das war der Höhepunkt des heutigen Tages.

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Leseprobe: Klosterrauschen

Klosterrauschen

Ein riesiger roter Schlund, feucht und mit dicken, muskulösen, fleischigen Lippen, die sich rhythmisch zusammenziehen und wieder erschlaffen, nähert sich meinem Kopf und verschlingt ihn nahezu vollständig. Es ist eine überdimensionale Vagina, die mich fast völlig einsaugt und mir den Atem nimmt, bis ich im letzten Moment, kurz bevor ich ganz darin verschwunden bin, laut schreiend aufwache. Ich sehe den Gang im Bahnhof und den Blinden neben mir.
„Du kannst aber pennen! Albtraum gehabt?“
„Ja, geht schon wieder!“ Mir brummt der Kopf. Der Wermut rebelliert in meinem Magen.
Der Blinde streift sich seine Armbinde über und setzt die dunkle Brille auf. „Ich muss jetzt zur Arbeit!“
„Ich verschwinde auch lieber von hier. Muss nur noch meine Koffer aus dem Schließfach holen!“
„Da kommen wir vorbei, wenn wir zum Ausgang gehen. Komm, ich zeig dir den Weg. Haste noch Schmerzen am Arsch?“
„Ja, schon. Geht schon so!“
Wir gehen Richtung Ausgang. Bei den Schließfächern bleiben wir stehen, ich suche den Schlüssel in meiner Tasche. Eine Nummer steht drauf, ich weiß aber noch, welches es war. Ich stecke den Schlüssel hinein und höre das Klappern der Münzen. Dann werde ich blass. Das Fach ist leer. Ich bücke mich, um ganz hineinsehen zu können. Nur ein Zettel liegt da. ‚Danke!‘ steht drauf.
„Wo sind meine Koffer? Hab sie doch gestern hier reingestellt. Passt der Schlüssel noch auf andere Fächer? Das kann sicher nicht sein! Aufgebrochen ist das doch nicht!“
„Nee, jeder passt nur auf eins! Hat dich jemand beobachtet?“
„Weiß ich doch nicht. Da war ein Mann, der mir geholfen hat, weil ich erst nicht zurechtkam mit dem Schloss!“
„Ja dann ist doch alles klar! Hat der den Schlüssel gehabt? Bestimmt! Da gibts einige Experten hier. So schnell kannste gar nicht gucken, wie die einen Wachsabdruck vom Schlüssel machen. Dann schleifen sie den nach und räumen in Ruhe aus. Passiert hier fast täglich! Die Koffer siehste nie mehr wieder!“
Ich bin völlig sprachlos. Was jetzt? All meine Klamotten. Meine wenigen Bücher und ein paar Fotos. Und vor allem mein Sparbuch!
„Kannst höchstens zur Polizei gehen! Die werden das zwar aufschreiben, aber die Koffer bringen sie dir auch nicht zurück!“
„Ich? Zur Polizei! Um keinen Preis! Damit die mich noch mal durchficken können? Nee, danke!“
„Alle Bullen sind ja nicht so, wie die beiden von gestern. Bringen wird es wahrscheinlich nichts!“
„Ich muss jetzt erst mal ’nen Kaffee trinken. Gehen Sie mit? Ich lade Sie ein!“
„Nee, danke! Nett von dir! Aber ich krieg in der Stadt was bei den anderen. Es ist schon spät, und vor Mittag ist für mich das beste Geschäft, wenn die Leute einkaufen gehen. Verstehste? Machs gut! Ich wünsch dir viel Glück! Vielleicht sieht man sich ja mal!“
„Ihnen auch viel Glück, und danke für die Hilfe!“
Er geht, jetzt mit seinem Blindenstock den Boden abtastend, zielstrebig zum Ausgang. Ich setze mich in das Bahnhofslokal und bestelle einen Kaffee und ein belegtes Brötchen. Was soll ich jetzt machen? Alles läuft schief in meinem Leben. Ich stiere nur vor mich hin. Die Hektik um mich herum dringt nicht an mein Bewusstsein. Nichts gelingt mir. Warum bloß? Ich hab doch nie etwas Böses getan. Bin halt ein Pechvogel. Angefangen hat es mit dem Autounfall. Dass ich da schuld war, ist ja irgendwo wahr. Hätte ich den Mund gehalten, wie Onkel Theophil es mir immer wieder eingetrichtert hat, wäre das nicht passiert und mein Leben wäre sicher anders verlaufen. Aber ist nicht eigentlich er daran schuld? Weil er solche Dinge mit mir gemacht hat?
„Darf es noch etwas sein?“ Der Kellner weckt mich aus meinen Gedanken.
„Nein, danke! Bezahlen, bitte!“
„Zweifuffzig, der Herr!“
Ich gebe ihm das Geld, und als ich aus dem Bahnhof komme, weiß ich nicht, was ich jetzt machen soll. Zuerst muss ich zur Bank. Mein Sparbuch ist zwar weg, aber mein Geld muss ja noch da sein. Ich frage jemanden, wo eine Bank ist. Nur zwei Straßen weiter finde ich tatsächlich eine. Es ist sogar eine Filiale der Bank, in der ich gearbeitet habe. Dann wird sich ja jetzt alles klären. Hoffnungsfroh gehe ich zum Schalter, lege meinen Ausweis vor und erkläre dem Angestellten, was passiert ist.
Der schaut mich freundlich an. „Na, mal sehen, was ich für Sie tun kann, Herr Hermeling! Das ist aber nicht so einfach ohne das Sparbuch! Nur wer das hat, kann Geld abheben!“ Er geht in einen anderen Raum mit meinem Ausweis. Ich warte geduldig. Nach einiger Zeit kommt er zu mir. „Ich habe eben das Konto abgerufen. Wann haben Sie denn zuletzt etwas abgehoben?“
„Vorgestern! Dreihundert Mark!“
„Und wie viel war da noch drauf?“
„Genau fünftausendachthundert!“
„Stimmt genau! Und danach haben Sie nichts mehr abgehoben?“
„Nein! Ich bin doch gestern erst hier angekommen. Und wofür auch? Können Sie mir denn ein neues Sparbuch geben?“
„Da ist leider ein kleines Problem! Gestern haben Sie wohl noch einmal fünftausendsiebenhundertneunzig abgehoben, und zwar in Düsseldorf! Jetzt sind noch zehn Mark drauf!“
„Was?“ Meine Knie werden ganz weich und ich beginne zu zittern. „Das kann nicht sein! Ich war noch nie in Düsseldorf. Ich habe kein Geld geholt! Ehrlich! Das Sparbuch war doch im Koffer gestern. Und der ist geklaut worden!“
„Ja dann hat wohl derjenige jetzt Ihr Geld! Der wird sich freuen! Sie sollten zur Polizei gehen und Anzeige erstatten. Mit Sparbüchern ist das so eine Sache! Wer das hat, kann etwas abheben, verstehen Sie? Nur ganz auflösen kann er es nicht! Das kann nur der, dem es gehört. Drum hat der auch die zehn Mark draufgelassen, denk ich!“
Das hab ich doch eigentlich alles in der Bank gelernt! Hätte ich das Sparbuch doch in der Hosentasche gehabt! Das schien mir doch zu gefährlich. Wer konnte das ahnen? Bei einem normalen Bankkonto wäre das auch nicht passiert. Da hätte ich aber keine Zinsen gekriegt! Scheiße! Scheiße! Scheiße! Jetzt bin ich völlig mittellos, hab nichts mehr zum Anziehen. Knapp zweihundert Mark habe ich noch in bar. Sonst nichts! Besser hänge ich mich sofort auf! Oder ich gehe betteln, wie der Blinde. Nein, Schluss machen ist besser! Dann ist endlich Ruhe! Ich kriege ja doch nichts auf die Kette, und alles, was ich habe, geht verloren. Eltern, Freunde, Abi, alles. Warum das Leben dann nicht auch?
„Ich empfehle Ihnen, jetzt sofort zur Polizei zu gehen, Herr Hermeling, und dort Anzeige zu erstatten!“
„Ja, mach ich! Danke! Auf Wiedersehen!“
Ich gehe hinaus und der Lärm der Stadt schlägt auf mich ein. Zur Polizei gehe ich gewiss nicht!