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Leseprobe: Als der Sensenmann ins Stolpern geriet

Ich bremste.
‚Ach du Schreck, wie sieht der denn aus‘, dachte ich. Rechts auf dem Gehweg in einiger Entfernung ging eine Gestalt, die mir eine Gänsehaut über den Rücken jagte. Es war frühmorgens und ich war mit dem Auto unterwegs zu einer geschäftlichen Besprechung. Die seltsame Figur ging in die gleiche Richtung, in die ich fuhr. Die Sonne blendete etwas, aber ich erkannte eine große Statur mit langem, schwarzem Mantel, der fast bis zum Boden reichte. Das Ganze war gekrönt mit einer seltsamen Mütze. Oder war es eine Kapuze, die den Kopf völlig verdeckte? ‚Komischer Typ. Und wie der geht‘, dachte ich, ‚eine Mischung aus abwechselndem Latschen und Schlurfen.‘
Bei dem Gedanken musste ich grinsen. ‚Der Tod auf Latschen.‘ Das sagt man doch so, wenn man einem unheimlichen, hageren Menschen begegnet.
Ich fuhr jetzt Schritttempo und beobachtete ihn, wie er da rechts im Schatten der Bäume vor mir ging. Er hatte große Ähnlichkeit mit dem Bild eines Sensenmannes, das ich irgendwo einmal gesehen hatte. Nur die Sense fehlte. Auch wenn ich ganz langsam fuhr, kam ich doch immer näher heran. Jetzt wirkte die Gestalt sogar ein wenig skurril. So, als sei sie nicht echt. Sie latschte nicht mehr, sondern glitt ganz unnatürlich steif dahin, ja sie schwebte fast. Jetzt war ich nur noch ein kleines Stückchen hinter dem ‚Tod‘. ‚Wie er wohl von vorne aussieht?‘ Mir grauste es ein wenig. Bestimmt hatte er einen Totenschädel, mit rotglühenden Augen. ‚Ob er überhaupt Augen hat?‘, dachte ich. Es kribbelte in meinem Bauch ganz fürchterlich vor Anspannung. So, als wäre mir schlecht, magentechnisch gesehen. Was wohl passierte, wenn ich den Gevatter Tod überholte?
‚Wie viele Namen gibt es für den Tod?‘, grübelte ich. ‚Der Ausdruck ,Gevatter Tod‘ ist doch auch merkwürdig, oder? Der Name enthält so etwas Freundschaftliches, Familiäres. Es ist doch mal wieder typisch für den Menschen, dass er das, was er am meisten fürchtet, mit Nettigkeiten umgibt. Diese Kniefälle und Verbeugungen vor dem Tod hat es wohl schon immer gegeben. Glauben manche, dadurch länger in der Warteschleife zu bleiben oder ganz davonzukommen?‘
Ich fing an zu lachen. Irgendwie war es lustig, den Tod zu überholen. Ziemlich paradox und sehr tiefsinnig.
Und dann war es soweit. Gleiche Höhe. Ich fuhr fast im Schneckentempo. Von der Seite sah der Tod nicht mehr so bedrohlich aus. Sein Kopf drehte sich langsam nach links, er schaute mich an.
Und?
Ich war verblüfft. Damit hatte ich nicht gerechnet. Es war ein Kindergesicht, das mich da anschaute. Die Augen leuchteten fröhlich, Schalk tanzte in seinem Blick und es zwinkerte mir zu. Die ganze Gestalt hatte sich verändert. Aus diesem Blickwinkel leuchtete sie im hellen Sonnenlicht. Nichts erinnerte mehr an den Tod, an diese dunkle Fantasiewolke. Der schwarze Mantel hatte sich in einen weichen, lila Poncho verwandelt und die dunkle Kapuze war in Wahrheit eine bunte Kappe. ‚Ja, hatte ich denn Tomaten auf den Augen gehabt?‘ Es war nichts als ein großes, schlaksiges Kind, das dort fröhlich lachend den Weg entlanghüpfte. Ein Kind mit einem gewissen Etwas.
Ein Gedanke in meinem Kopf formte sich: ‚Ein himmlisches Kind?‘
Mich erfasste eine stille Freude. Das Kind winkte mir zu. Ich winkte zurück und fuhr endgültig weiter. Ich ließ den Tod hinter mir und sah im Rückspiegel die Freude des Himmels darüber, dass ich endlich begriffen hatte.
Ich schaltete in den dritten Gang und fuhr beherzt und voller Frieden dem ewigen Leben entgegen. Und meinem Geschäftspartner.
Im tiefsten Inneren fühlte ich eigentlich immer schon, dass es den Tod gar nicht gibt. Leider hatte ich das zeitweise wohl vergessen und mir doch ab und zu Angst einjagen lassen. So konnten sich in meinem Leben einige Grenzerfahrungen entwickeln, die einem Menschen, der sich seiner liebevollen Unendlichkeit bewusst ist, nie geschehen würden. Darüber hinaus war ich nicht damit zufrieden, nur etwas zu ahnen oder zu glauben, ich wollte es wissen. Und ich wollte bestimmt nicht damit warten, bis ich tot war, nur um zu erfahren, dass ich nicht sterben kann. Irgendwann habe ich mich dafür entschieden, hier in diesem Leben herauszufinden, was es mit dem Tod auf sich hat und auch mit all den anderen Ungereimtheiten.
Mein Grundgedanke war dieser: Wir werden in diese Welt geboren und erleben allerhand Höhen und Tiefen. Da sind unglaublich liebevolle Gefühle, Zärtlichkeit, aber auch innere Kämpfe, Ängste und Abwehr. Da ist Schmerz und Lust und da ist ebenso allerhöchstes Glück. Dieses Leben ist so voll von Eindrücken, Erfahrungen, Wundern und Bewegung, dass es doch wohl der größte Unsinn wäre, wenn es irgendwann einfach so vorbei wäre. Zack, ohne Erkenntinsse, ohne Sinn und ohne Fortsetzung. So ein Tod würde aussagen, dass das Leben keinerlei Bedeutung hat. Aber was keine Bedeutung hat, kann nicht existieren.
Und? Es ist nicht zu übersehen, dass wir alle das pure Leben sind. Ob laut oder leise, lachend oder weinend, fröhlich oder miesepetrig. Wir alle leben, wachsen, streben und sind. Das Leben hat höchste Bedeutung, denn es ist in dieser Welt das Einzige von Bestand. Die Grenzen setzen wir uns selbst, aus Angst und Unwissenheit. Auch den Tod.
Jetzt ist der Augenblick gekommen, wo ich mit euch zusammen, meinen lieben Freunden, die Dunkelheit auflösen möchte, damit sich das Licht ausbreiten möge. Ich mache das auf meine Weise. Mit Liebe, Leichtigkeit und Freude.
Freude. Darf ich mich vorstellen? Ich heiße Joy und das bedeutet ja bekanntlich ‚Freude‘. Warum meine Eltern mich so genannt haben, weiß ich nicht. Sie hatten auf jeden Fall eine gute Idee und vielleicht auch so eine Ahnung, dass ihre Tochter eines Tages viel mit Freude zu tun haben würde. Hier noch ein paar Einzelheiten, damit du dir ein besseres Bild von mir machen kannst. Als Fünfundvierzigjährige müsste ich eigentlich jetzt erwachsen sein. Auf den ersten Blick bin ich es auch. Wenn man aber genauer hinschaut, erkennt man mein kindliches Gemüt, die Vertrauensseligkeit in dieses Leben und in jeden Menschen. Da ist keine Angst, nur reine Liebe.
„Du bist so süß, Mama, wenn du mit deinen großen, blauen Kinderaugen durch die Welt läufst und jeden anschaust, als könntest du auf den Grund seiner Seele blicken“, sagt Tom manchmal. Er ist der Ältere von meinen Zwillingen, ein gelassener Typ. Nils, der Zweitgeborene, ist der vorsichtige Zweifler in unserer Familie. Er möchte mich behüten und äußert sich hin und wieder besorgt: „Mama, strahl doch nicht immer jeden so an und schließ nicht mit jedem, der dir über den Weg läuft, Freundschaft. Irgendwann liegst du da mit durchgeschnittener Kehle, dann guckst du aber blöd.“ Ich lache dann meist über die Worte meiner zwanzigjährigen Zwillinge und nehme beide stürmisch in meine Arme. Ach, wie liebe ich diese beiden Jungs. Eine wunderbare Familie.
Was, sagst du? Da fehlt noch einer? Ja, den Vater der Kinder will ich natürlich nicht unterschlagen. Ein ganz wunderbarer Mann, ohne Einschränkung. Ein Vater, so liebevoll wie die beste Mutter. Er heißt Jan und wohnt ein paar Straßen weiter. Wir verstehen uns gut, obwohl wir ein getrenntes Ehepaar sind. Kein Rosenkrieg, sondern einfach liebevolle Akzeptanz des anderen. Warum wir uns getrennt haben? Tja. Der Witz ist, dass ich das heute auch nicht mehr so richtig weiß. Vor ein paar Jahren konnte ich nicht mehr mit ihm leben, glaubte ich. Die Liebe war zwar noch da, aber irgendwie zu einer Gewohnheit geworden. Im tiefsten Inneren wollte ich frei sein. Vielleicht spürte Jan das und fühlte sich nicht mehr geliebt. Jedenfalls kam eine andere Frau ins Spiel, die ihm das vermisste Gefühl der Liebe zurückgab. Jan zog aus.
Auch ich hatte nach einem Jahr wieder eine neue Partnerschaft, denn ich vermisste die Anerkennung und die Liebe eines anderen Menschens. Lange hielt diese Partnerschaft nicht, was mich im Nachhinein nicht wundert. Heute weiß ich, dass Liebe und Anerkennung nur in jedem selbst zu finden sind. Und hat man sie gefunden, kann man theoretisch mit jedem Partner glücklich sein.
Ich glaube, dass die Geschehnisse, mein Freiheitsdrang und Jans Suche nach dem vollkommenen Geliebtsein eine gute Chance gewesen wären, unsere Partnerschaft neu zu sortieren. Anders, inhaltlich wertvoller, freier und gelassener. Doch heute ist es wie es ist. Und ich fühle, dass es so sein soll. Alles ist gut.
Es hat sich alles neu geordnet. Da ist die neue Partnerschaft mit Max, Anfang fünfzig, groß, stark, liebevoll und sanft. Er lief mir eines Tages einfach so über den Weg und ist in meine Arme gestolpert. Seit zwei Jahren üben wir, miteinander glücklich zu sein. Meistens gelingt uns das auch.
Vor allem aber habe ich das gefunden, was ich die ganze Zeit gesucht habe. Andere Menschen benutzen vielleicht lieber einen anderen Ausdruck für dieses helle Licht, die Wärme und die allumfassende Liebe, die im Inneren eines jeden zu finden ist. Ich aber nenne es Gott.
Es hat eine Weile gedauert, bis ich es oder ihn Gott nennen konnte. Irgendwie hatte ich immer ein Problem mit dem Wort ‚Gott‘. In Gesprächen machte ich stets einen großen Bogen um diese vier Buchstaben und ich vermied auch Worte wie ‚Schöpfer‘ oder ‚Vater‘. Wenn ich dann über dieses wunderbare Licht sprach, die universelle Energie und meine innere Stimme, schauten mich meine Gesprächspartner manchmal etwas belämmert an. Und ehrlich gesagt fühlte ich mich auch so.
Ich beschloss erst vor Kurzem, in Gesprächen die Dinge, die mich berührten, endlich beim Namen zu nennen: Gott, Christus, Heiliger Geist.
Ich kann sie endlich aussprechen. Es tut auch gar nicht weh. Und es ist alles ganz anders als ich es je in Religionsunterricht, Schule und Kirche gelernt habe.
Ich habe Gott gefunden und gleichzeitig mich selbst. Es fühlt sich wunderbar an.
Wie genau es sich anfühlt, willst du wissen? Im Grunde ist es seine Stimme in mir, die in Form von Gefühlen zum Ausdruck kommt.
Glaubst du das nicht oder zweifelst du daran? Ja, das kann ich verstehen, mir ging es früher auch so, wenn andere mir so etwas erzählten. Ich dachte: ‚Was hört der? Seine innere Stimme? Die göttliche Stimme? Hat der einen Knall, oder was?‘ Ja, das dachte ich. Und heute? Ich kann sie auch endlich hören, klar und deutlich spricht sie zu mir. Sie hat die ganze Zeit gesprochen, nur waren quasi meine inneren Gehörgänge verstopft. Wer voller Ängste, Zweifel und Unsicherheit ist, der kann diese wundervolle Stimme in sich nicht hören, egal, wie laut sie ruft.
Ob Jan das gefunden hat, was er suchte, weiß ich nicht, aber er ist auf dem Weg, wie jeder von uns. Der Loslöseprozess von Jan war eine harte Zeit. Man möchte den Schmerz weghaben, ihn nicht fühlen. Meine innere Stimme sagte: ‚Joy, nimm diesen Schmerz an, es ist dein Schmerz. Schau ihn dir genau an, liebe dich mit diesem Schmerz und dann geh durch ihn hindurch und lass ihn los. Dann kann er sich auflösen.‘
Das hat funktioniert. Es hört sich leichter an, als es war, aber seitdem ich das Loslassen so praktiziert habe, trage ich das sichere Gefühl in mir, dass Jan immer ein Teil von mir bleiben wird. Endlich konnte ich alles akzeptieren und den Dingen ihren Lauf lassen.
Ich hörte weiterhin auf diese wundervolle Stimme in mir, lernte mich selbst und mein kindliches Gemüt besser kennen und lieben.
Da ist nicht nur dieses Urvertrauen zu jedem Fremden, gepaart mit brüderlicher Liebe, sondern auch die pure Lebensfreude. Sie muss einfach raus in diese Welt. Man sieht es sogar an meinem Kleidungsstil. Er ist fröhlich und bunt, wie es mir gefällt. Miniröcke sind meine Leidenschaft und dazu trage ich gerne farbenfrohe Strumpfhosen mit Blümchen und Ringeln. Manche Leute bleiben stehen und staunen über meine farbige Lebenslust, während ich lächelnd und strahlend an ihnen vorbeigehe. Manchmal bleibe ich auch stehen und rede, lache und verbinde mich mit Fremden, die oft schnell zu Freunden werden. Inzwischen habe ich meinen Traumberuf gefunden, indem ich in meinem Haus ein Seminarzentrum für Selbstfindung leite. Hier lernen die Menschen, auf ihre innere Stimme zu lauschen und eine liebevolle Denkweise zu erlangen, die sie auf dem Weg voranbringt. Jede Begegnung in dieser friedvollen Atmosphäre erfüllt mich mit Freude und Dankbarkeit. Die Liebe schwingt hier auf ihrer höchsten Ebene. Man fühlt es, sobald man das Haus betritt. An die absolute Lebensfreude wird hier erinnert und sie erwacht neu.
Wie du dir denken kannst, habe ich noch eine zweite Beschäftigung, die ich sehr liebe: das Schreiben. Schon als Jugendliche habe ich gern das aufgeschrieben, was mich bewegt. In gewisser Weise ist dies eine Form, Dinge zu verarbeiten, quasi eine Selbsttherapie. Das ehrliche Aufschreiben konfrontiert mich mit meinen innersten Gefühlen und bringt Klarheit in mein Leben. Dass inzwischen Bücher daraus entstanden sind, hätte ich mir früher nie träumen lassen. Oder doch?
Mein Name ist Joy. Er bedeutet Freude, Wonne. Ja, das ist heute mein Leben. Eine wahre Wonne.
Überall sause ich herum und verteile meine Freude. Ich strahle Leute an, halte ihre Hand, streichle sie und bringe sie zum Lächeln, zum Lachen und zum Lieben. Außerdem puste ich schrecklich gerne Seifenblasen und schaue ihrem Tanz zu. Ich lasse bunte Drachen steigen und kann keiner Schaukel aus dem Wege gehen. Ach, ich bin total begeisterungsfähig. Ein warmer Sommertag lässt mich genauso jubeln wie ein peitschender Herbststurm. Oft bin ich so erfüllt von meinen tobenden Gefühlen, dass ich alle Menschen umarme, die ich zu fassen bekomme. Ja, vielleicht halten mich einige Leute für seltsam, doch das denken Menschen immer von denen, die nicht mit dem Strom schwimmen. Beruhigend ist aber doch, dass jeder hin und wieder die vorgegebene Strömung verlässt, um mal etwas anderes auszuprobieren. Und genau das vereint uns dann wieder.
Ich kann einfach nicht die Meinung der Gesellschaft und der Medien teilen, wenn es um Sicherheitsmaßnahmen, Kontrollen und Schubladendenken geht. Eher fühle ich mich aufgerufen zu sagen, welche Denkweise wirklich förderlich für das Wachstum der Menschheit ist.
Der Schlüssel ist die Liebe, uneingeschränktes Vertrauen zueinander und anerkennende Freude. Unser eigenes Licht mit dem Licht eines jeden zu teilen und auszutauschen bringt uns das vollkommene Glück. Das ist die Wahrheit.
Viele haben schon die Wahrheit gesagt. Sie wurden belächelt, hinterfragt, verfolgt oder ans Kreuz geschlagen. Sie waren sich der weltlichen Urteile bewusst, dieser tiefen Ängste der Menschheit. Trotzdem ließen sie sich nicht davon abhalten zu sprechen, denn niemals drohte ihnen wirklich Gefahr.
Sie alle leben. Sie alle stehen unter dem Schutz der Liebe, auch wenn es für die Blinden und die Tauben nicht zu erkennen ist. Die Blinden und die Tauben sind jene, die diese Welt ausschließlich mit ihren körperlichen Augen und Ohren wahrnehmen und beurteilen. Es sind jene, die sich irrtümlich für Körper halten und nicht wissen, dass der Körper nur ein Mittel ist, das uns in Freude dienen soll.
Ziel dieses Buches ist, gemeinsam wieder sehen und hören zu lernen, zu erfassen, was die Wahrheit ist. So beschäftigen wir uns mit geistigen Lehren, wie der Macht der Gedanken, dem Gesetz der Anziehung und der inneren Stimme. Ich habe viel gelernt, doch habe ich auch noch viel zu lernen. Dies kann ich am besten auf diesem Wege, gemeinsam mit dir. Jedes Wort, das du liest und als Wahrheit erkennst, hilft mir, mich selbst zu erkennen.
Ich danke dir.
Es hat einige Zeit gebraucht, bis ich manches wirklich verstehen konnte. Woran liegt das? Wir alle haben gelernt, nur das zu glauben, was wir sehen oder hören können, also das, was unsere Sinnesorgane beweisen können. Unsere Köpfe wurden von klein auf mit Wissen vollgestopft, das uns in der inneren Welt nicht nützt, sondern blockiert. Der Verstand, der die Ratio und Analyse umfasst, der auf Beweisen und Dogmen beruht, begrenzt sich selbst und führt letztlich in eine Sackgasse. Die tiefe Weisheit des Herzens aber, die keine Unterschiede und Urteile kennt, die ihr Wissen aus der liebevollen Unendlichkeit schöpft, ist unser Weg in die Befreiung.
Die meisten Menschen glauben, dass sie nur auf äußere Umstände reagieren. Sie glauben, dass sie zuerst die Welt wahrnehmen und daraufhin Entscheidungen treffen oder handeln. Ist das wirklich wahr?
Was wäre, wenn?
Was wäre, wenn es sich genau umgekehrt verhielte? Wenn nicht das Sichtbare zuerst da wäre, sondern der Gedanke? Hört sich das nicht unglaublich an? Ja? Verständlich. Schließlich hat man uns von klein auf etwas völlig anderes beigebracht.
Eins verspreche ich dir hier! Wenn du den Mut hast, die üblichen Dinge loszulassen und dich für Neues zu öffnen, dann wirst du grenzenlose Möglichkeiten und ein fantastisches Leben finden. Dann wirst du das wirkliche Leben finden.
Nun bist du an dieser Stelle, gemeinsam mit mir. Du kannst dich entscheiden, ob du wie bisher dein Leben so weiterleben willst. Ob du ein Leben mit dieser Olala-Zufriedenheit, mit allen Begrenzungen, die du zulässt und mit diesem Grauschleier, der dich auf der Stelle treten lässt, führen willst. Willst du das? Ja? Dann lege das Buch jetzt an die Seite.
Wenn du aber das vollkommene Glück willst, jubelnde Freude und umfassende Liebe erleben möchtest, dann lies weiter. Du wirst die Wahrheit durch dich selbst erfahren und dich über alle Begrenzungen hinweg bewegen, um die Welt zu verändern. Du wirst einer von denen sein, die das Licht der Wahrheit weitertragen, so wie ich es tu.
Ich kann dir nicht beschreiben, wie glücklich das macht. Es ist ein so wunderbares Gefühl, wie es in dieser Welt mit nichts zu vergleichen ist.

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Leseprobe: Die Legende von Sarah und Thomas – Die Prinzessin, die ihre Eltern tötete

Kreuz

Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren.
Dieses Gebot kam Thomas in den Sinn, während er mit geschlossenen Augen auf dem Boden saß. Er verscheuchte es wieder und öffnete die Augen, als er jemanden herannahen hörte.
Er hob den Blick. Vor ihm stand Gire Tabar. Ruhig sagte er, dass sie kamen. Es war so weit. Thomas erhob sich langsam.
„Sind alle bereit?“, fragte er. Gire nickte. Thomas wusste, dass er sich auf seine Gefährten verlassen konnte. Er legte kurz seine Hand auf Gires Schulter, dann gingen sie gemeinsam den Abhang hinunter. Bald würde es dunkel werden. Zu beiden Seiten des Weges, der zwischen den Bäumen verlief, standen die anderen bereit. Thomas wusste das, ohne sie zu sehen.
„Sie nehmen uns nicht ernst“, erklärte Gire bedächtig. „Zwei Dutzend Bewacher.“
„Bald werden sie uns ernst nehmen“, erwiderte Thomas düster. „Sehr ernst.“
Gire nickte und strich sich über seinen roten Stoppelbart. Es hörte sich an wie eine Klinge, die über Stein gezogen wurde. Thomas‘ Mundwinkel zuckten und die roten Augen seines riesigen Freundes leuchteten kurz auf.
Sie hielten an. Thomas schlug sein Schwert in die von weichem Moos bedeckte Erde und nahm seinen Bogen und einen Pfeil zur Hand, ohne anzulegen. Seine Gedanken flogen dem nahenden Wagen entgegen. Er atmete tief durch. Jeder Schuss musste sitzen.
Als die Reiter und der Wagen deutlich zu hören waren, legte er den Pfeil an und spannte den Bogen. In der hereinbrechenden Dämmerung war er zwischen den dicht beieinanderstehenden Bäumen für die Herannahenden kaum zu erkennen. Dafür konnte er sie umso deutlicher sehen. 22 Reiter und zwei Mann auf dem Bock. Möglicherweise saß noch jemand im Wagen bei Sarah, aber um den musste sie sich selbst kümmern. Thomas suchte mit den Augen den Anführer. Er ritt allein vorneweg, den Rücken durchgedrückt, aufmerksam die Umgebung beobachtend. Thomas verzog den Mund. Was für ein Affe, dachte er.
Als die ersten Reiter den verabredeten Punkt, die hervorstehende Wurzel eines geneigten Baumes, passierten, ließ er los. Sirrend fand der Pfeil seinen Weg und bohrte sich in den Hals des Anführers. Fünf andere Pfeile trafen ebenfalls ihr Ziel, vier Reiter und einer der Männer auf dem Wagen fielen zusammen mit ihrem Anführer. Thomas nahm in aller Ruhe den nächsten Pfeil und spannte den Bogen. Er legte an und schoss den zweiten Mann vom Wagen herunter. Seine Gefährten streckten vier weitere Reiter nieder. Noch 13 oder 14 Männer. Einige von ihnen hielten auf die Bäume zu, hinter denen sich Lanaya und Sulla versteckten. Ihnen blieb keine Zeit zum Schießen. Also sprangen sie mit gezogenen Schwertern und Kampfgeschrei den Reitern entgegen. Thomas und Gire erschossen zwei weitere Männer. Kars und Manty, bis dahin in der Dunkelheit zwischen den Bäumen verborgen, empfingen diejenigen, die sich auf Thomas und Gire stürzen wollten.
Thomas zog sein Schwert aus der Erde und rannte auf den Weg. Die Tür des Wagens wurde aufgestoßen, dann fiel ein lebloser Körper heraus. Thomas konnte erkennen, dass im Wagen gekämpft wurde. Er rannte darauf zu, doch ein Reiter stellte sich ihm in den Weg. Das Pferd stieg vor ihm hoch, ­Thomas wich aus und schlug sein Schwert durch das linke Bein des Reiters. Die Klinge blieb in der Seite des Pferdes stecken, das erneut hochging und ihm dadurch das Schwert aus der Hand riss. Schreiend vor Schmerzen fiel der Reiter nach hinten aus dem Sattel. Thomas konnte sein Schwert gerade noch packen, bevor das Tier die Flucht ergriff. Er blieb neben dem schreienden Mann stehen und schlug ihm den Kopf ab. Dann wandte er sich wieder der Kutsche zu.
Während er zum Wagen rannte, verschaffte er sich einen Überblick, ob seine Hilfe nicht an anderer Stelle dringender benötigt wurde. Lanaya schlitzte gerade mit ihrem Schwert einem Gegner den Hals auf und fuhr dann herum, um Sulla zu helfen. Gire, Kars und Manty erledigten den Rest. Für Thomas gab es nichts mehr zu tun.
Er ging zum Wagen und schaute hinein. Sarah saß auf der Bank. Vor ihr kniete ein Soldat, nicht mehr ganz lebendig. Sie hielt ihn mit gefesselten Händen von hinten am Hals umklammert, er röchelte nur noch vor sich hin. Thomas beendete seinen Todeskampf mit einem Schwertstich ins Herz. Sarah spürte, wie der Körper erschlaffte. Thomas packte ihn an den Haaren und zog ihn aus dem Wagen.
Sie stieg aus, in das bodenlange schwarze Kleid der zum Tode Verurteilten gehüllt. Sie fühlte sich schmutzig und war wütend. Thomas schnitt ihr die Handfesseln durch. Dann blickte sie sich um. Die schlangenhafte Lanaya und der schweigsame Manty waren dabei, die Herumliegenden auf Lebenszeichen hin zu untersuchen. Gire entfernte sich gemächlich und Sarah vermutete, dass er die Pferde holen wollte. Sie sah Thomas an, der ruhig vor ihr stand.
„Ich freue mich, dich zu sehen“, sagte sie.
„Ich freue mich, dich lebend zu sehen“, erwiderte Thomas. Er hielt ihrem forschenden Blick ruhig stand. „Wie geht es dir?“
„Ich bin wütend. Wütend auf diesen verfluchten Verräter Oluar! Und wütend auf mich!“
Thomas nickte. „Kann ich gut verstehen.“
„Ach, wirklich?“
Thomas hatte sie schon oft so erlebt und war unbeeindruckt. Er nickte erneut, und als Sarah zu einer Erwiderung ansetzte, deutete er auf den kleinen Kars Tersem, der sich ihnen schüchtern näherte. „Willst du die anderen gar nicht begrüßen?“
Sarah atmete tief durch, bevor sie antwortete: „Doch. – ­Hallo Kars. Bist du verletzt?“
Kars betastete seine Wange, auf der sich ein blutiger Striemen von der Schläfe an nach unten zog. Dann schüttelte er den Kopf. „Das ist nicht wichtig, nur eine Kleinigkeit. Hauptsache, dir geht es gut. Oder muss ich dich jetzt anders anreden? Mit Hoheit?“
„Untersteh dich!“ Sarah trat zu Kars, fasste in seine dunkelgrünen Haare und drückte ihre Lippen gegen seinen Mund. „Es ist schön, dich zu sehen. Und dass du nicht ernsthaft verletzt bist.“
„Versucht haben die es ja.“ Kars deutete vage auf die Herumliegenden. „Aber ich hatte was dagegen.“
Sarah lächelte. Dann blickte sie zu Gire, der mit den Pferden ankam. Von einem der Pferde nahm er ein Bündel und reichte es ihr. Nach einem knappen Nicken entfernte er sich wieder und half Lanaya und Manty, die Leichen auf einen Haufen zusammenzutragen. Sarah und Thomas sahen Sulla an, der schon eine Weile regungslos in der Nähe stand und sie beobachtete.
Sarah ging zu ihm und legte ihm die Hände auf die muskulösen Oberarme. Mit einem tiefen Blick in seine grünen Augen sagte sie leise: „Ich bin froh, dich zu sehen.“
Sulla nickte lächelnd. „Was hast du jetzt vor, Prinzessin?“
„Erst einmal dieses Kleid loswerden.“ Sarah trat einen Schritt zurück, dann packte sie das Kleid und zerriss es mit einer einzigen Bewegung. Darunter war sie nackt. Sulla wandte sich schnell ab, ebenso die anderen. Nur Thomas hielt den Blick auf Sarah gerichtet. Sie zog Hose und Hemd an, dann streifte sie die Stiefeln über. „Habt ihr auch mein Schwert?“, fragte sie.
„Ja.“ Kars trat zu seinem Pferd und brachte ihr kurz darauf einen eingewickelten Gegenstand. Sie nahm ihn entgegen und packte ihn aus. Zuerst wurde der schwarze Griff sichtbar. Sie umschloss ihn mit den Fingern, dann zog sie die Klinge aus der Scheide. Sirrend glitt sie durch die Luft, während Sarah verschiedene Figuren mit ihr malte. „Damit werde ich diesem Mistkerl den Kopf abschlagen!“, verkündete sie.
„Und dann?“, erkundigte sich Thomas. Die anderen sahen Sarah erwartungsvoll an. Sie musterte die Klinge, dann schob sie sie in die Scheide zurück. Ihr Blick glitt über die Wartenden und blieb zuletzt auf Thomas ruhen. Seine grünen Augen erwiderten den Blick gelassen.
„Dann werde ich die Königin von Untes sein!“
„Ein guter Plan“, sagte Thomas nickend. „Wir marschieren in den Königspalast, köpfen Oluar, erklären der Garde, dass er ein Mistkerl war, und alles ist gut. Du wirst das Land deiner Eltern regieren, die wir getötet haben.“
Sarahs Mundwinkel zuckten kurz. Gepresst fragte sie: „Hast du eine bessere Idee?“
Thomas deutete mit einer ausladenden Bewegung nach hinten. „Wir verlassen Untes und fangen irgendwo ein einfaches Leben an. Arbeiten. Bauen uns ein Haus. Irgendwo, wo uns niemand kennt.“
„Ein guter Plan.“ Sarah nickte. Sie hätte am liebsten losgeschrien, doch stattdessen sagte sie einigermaßen gefasst: „Davon habe ich schon immer geträumt. Eine einfache Bäuerin. Und dann Kinder. Verdammt, bist du bescheuert?!“ Ihr Wutaus­bruch ließ alle bis auf Thomas zusammenfahren. Achselzuckend wandte er sich ab und trat zum Wagen.
„Was machst du da?“, fragte Sarah in scharfem Ton.
Thomas hielt in seiner Bewegung inne und seufzte. „­Sarah, du benimmst dich, als wärst du bereits eine Königin. Ich schaue nach, ob hier etwas ist, womit wir in die Stadt kommen.“
„Da ist nichts!“ Sarahs Stimme klang wieder weicher. Sie trat zu Thomas und legte die Arme von hinten um ihn. „Es tut mir leid. Ich bin so wütend! Er wollte mich hinrichten lassen, dieser verfluchte Mistkerl!“
„Das will er immer noch“, erwiderte Thomas, ihr den Kopf leicht zugewandt. „Und wenn wir das verhindern wollen, brauchen wir einen Plan. Und zwar einen guten.“
„Und uns will er auch tot sehen“, bemerkte Lanaya. „Mit den zwei Dutzend hier wurden wir fertig, weil wir sie überrascht haben. Die Garde ist 500 Mann stark. Und sie werden gewarnt sein.“
„Nicht unbedingt“, sagte Sarah nachdenklich. Sie ging auf und ab. „Wenn wir es schaffen, im Palast zu sein, bevor die Kunde von meiner Befreiung dort ankommt, können wir Oluar erledigen. Er wähnt sich in Sicherheit.“
„Ein guter Plan“, stellte Thomas fest. Sarah spürte, wie sich ihr Körper kurz anspannte. „Wir reiten durch die Stadt? Damit alle sehen, dass du lebst und frei bist?“
Sarah schüttelte den Kopf, ging zu ihrem Pferd und schwang sich in den Sattel. Sie ließ das Tier steigen und dann auf ­Thomas zugaloppieren. Erst wenige Schritte vor ihm brachte sie es zum Stehen und sagte: „Es gibt geheime Wege in den Palast.“
Thomas nickte stumm.
„Es ist nicht aussichtslos!“, fuhr Sarah fort. Ihr Pferd tänzelte. „Kommt ihr mit? Thomas?“ Thomas nickte erneut. Sarah richtete ihren Blick auf die hellblonde Lanaya, deren gelbe Augen ihn selbstbewusst erwiderten. „Und du, Lanaya?“
Lanaya lächelte leicht. „Es wird mir eine Freude sein.“
Gire, Kars, Manty und Sulla standen zusammen. Gire sagte auf Sarahs fragenden Blick hin: „Ja.“ Kars und Sulla nickten schweigend. Manty erwiderte ihn mit ausdrucksloser Miene, dann ging er zu seinem Pferd und stieg in den Sattel. Ohne einen weiteren Blick auf die Toten oder seine Gefährten ließ er sein Pferd nach Norden galoppieren. Zum Palast.
„Gesprächig wie immer“, stellte Kars lachend fest. „Worauf warten wir noch?“ Statt einer Antwort riss Sarah ihr Pferd herum und ließ es Manty folgen. Thomas blickte sich um. Es war schon fast völlig dunkel. Sein Bauch verkrampfte sich kurz, doch er ignorierte es. Genau wie die anderen sechs stieg auch er auf sein Pferd und ließ es galoppieren.
Sie holten Sarah und Manty bald ein und ritten von da an gemeinsam auf der Hauptstraße in Richtung Retni. Thomas beobachtete Sarah von der Seite. Die rechtmäßige Königin von Untes starrte vor sich hin und ließ nicht erkennen, ob sie seine Blicke bemerkte. Hinter dem Hof des Selzo verließen sie die Hauptstraße und folgten nun dem kaum benutzten Weg zum Friedhof. Von der Stadt aus gab es andere, kürzere Wege dorthin. Das hatte den Vorteil, dass die Gefahr einer unliebsamen Begegnung nur sehr gering war.
Manty ritt voraus. Plötzlich ließ er sein Pferd anhalten und hob die Hand. Seine Gefährten stoppten auch sofort und verharrten angespannt, bereit, nach ihren Waffen zu greifen. So verging etwa eine Minute. Dann ließ Manty die Hand wieder sinken und ritt weiter. Die anderen atmeten tief durch. Sie hatten keine Angst vor einem Kampf, sie wünschten in diesem Moment aber auch keinen herbei.
Sie folgten Manty weiter bis zum Friedhof. Er stieg ab, ließ sein Pferd stehen und erkundete die Gegend. Dann kam er von hinten zurück. Mit einem kaum sichtbaren Lächeln registrierte er, wie fast jede Hand verstohlen den Griff eines Schwertes losließ. Einzig die Königin hatte sich nicht bewegt.
Er schüttelte den Kopf.
„Wir lassen die Pferde hier stehen, für den Fall, dass wir fliehen müssen“, sagte Thomas.
Sarah sah ihn durchdringend an. „Warum gehst du davon aus, dass wir fliehen müssen? Hat dich Drav Tersem nicht gelehrt, deine Gedanken darauf zu konzentrieren, was du erreichen willst, und nicht darauf, was du nicht erreichen willst?“
Thomas hielt in seiner Bewegung inne und starrte sein Pferd an. Er entgegnete langsam: „Er lehrte mich auch, auf alles vorbereitet zu sein. Unser Vorhaben ist gefährlich. Wir sollten auch das berücksichtigen, was uns unangenehm ist. Dein Hass sollte dich nicht blind machen, Sarah.“
Sie trat schnell an ihn heran und zwang ihn, sich umzudrehen und sie anzuschauen. Ihre weißen Augen funkelten in der Dunkelheit. „Nicht ich bin blind, sondern du! Du hast dich verändert! Ich will meinen Thomas wiederhaben!“
Thomas musterte ihr Gesicht und sah in ihren Zügen wieder diese ungezähmte Wildheit, die er schon vor mehr als zehn Jahren darin gesehen hatte. Er spürte auch die Berührung ihrer Hände auf den Schultern, die Kraft in ihren Fingern. Und er merkte, wie ihre Gedanken sich durch seine Augen in seinen Kopf bohrten und ihm keine Möglichkeit zum Entkommen ließen. So nickte er langsam. „Mag sein, Sarah, dass mich die Ereignisse vorsichtig gemacht haben. Wie nah warst du dem Tod?“
„Vor dem Tod habe ich keine Angst!“, erwiderte sie heftig. „Wenigstens hätte ich dann endlich meinen Frieden!“ Sie hielt inne, selbst erschrocken über das, was sie gesagt hatte. Leise sagte sie: „Lass uns gehen und diesen Mistkerl töten, Thomas.“
„Ja, dafür sind wir hier.“
Sarah fuhr herum. „Seid ihr bereit?“
„Wir sind bereit, Prinzessin“, antwortete Sulla. „Wir folgen dir.“
Sarah nickte. Sie blickte nach hinten, zu Thomas. Er nahm sein Schwert in die linke Hand und ging voran.
In der Dunkelheit der Nacht hatte Sarah das Gefühl, als entstiegen die Geister der Verstorbenen ihren Gräbern und flögen in alle Himmelsrichtungen davon. Sie hielt ihr Schwert mit beiden Händen fest und richtete den Blick auf den Rücken von Thomas. Wie oft waren sie, auch nachts, vom Schloss aus durch den geheimen Gang hierhergekommen und hatten sich über die Leute lustig gemacht, die Angst vor den Geistern hatten. Doch heute spürte Sarah selbst diese Angst. Sie fragte sich, ob es vielleicht daran lag, dass sie heute hätte hingerichtet werden sollen. Möglicherweise waren die Geister echt, und diejenigen, die selbst fast tot waren, konnten sie sehen und hören.
Sie erschauderte.
„Ist dir kalt?“, fragte Kars, der hinter ihr ging. Sie schüttelte den Kopf und war froh, als Thomas neben dem Baum anhielt, in dessen Innerem sich der Zugang zur Höhle befand. Der Stamm war sehr dick, so dick, dass Thomas und sie zusammen ihn nicht hatten umfassen können, als sie es vor wenigen Jahren einmal versucht hatten. Er teilte sich in Kopfhöhe, als hätte eine übermenschliche Faust von oben auf den Baum eingeschlagen. Wie drei Arme ragten die Fortläufer des Stammes nach oben und zwischen ihnen befand sich der Eingang. Ausgehöhlt vom Regen oder vielleicht auch von Tieren. Die derart entstandene Höhle führte durch den Stamm unter die Erde und unterirdisch bis in den Palast. Der erste Teil, der abwärts führte, war am schwersten zu passieren, denn es gab keine Stufen. Nur die Unebenheiten an der Innenseite des Baums boten etwas Halt für Füße und Hände.
Thomas hängte sich sein Schwert über den Rücken. Die anderen beobachteten ihn. Der Mond lieferte genug Licht, um ihn gut zu erkennen. Er packte einen der Stammfortsätze und schwang sich hoch. Ohne einen weiteren Blick auf seine Gefährten sprang er durch den Stamm nach unten.
Manty kletterte auf den Baum und folgte Thomas. Kars sog hörbar die Luft ein, als Gire hochkletterte. Der war sich der Ausmaße seines Körpers wohl bewusst und wählte den langsameren, sicheren Weg, indem er mit den Füßen tastend sicheren Halt suchte. Ihm folgte Lanaya mit den Worten: „Dann falle ich wenigstens weich.“ Grinsend machte sich der breitschultrige Sulla daran, hinter ihr in den Baum zu klettern. Nur noch Kars und Sarah waren übrig.
„Ich gehe zuletzt“, erklärte Sarah.
Kars sah sie an, und in seinem Blick lag etwas sehr Trauriges. So etwas wie Abschied. Sarahs Magen verkrampfte sich, und für einen sehr kurzen Augenblick dachte sie, dass der Vorschlag von Thomas vielleicht doch nicht so schlecht war. Aber dann siegte ihr Stolz. Sie nahm den Kopf von Kars und zog ihn an sich. Ihre Lippen berührten sich. „Für dich sterbe ich“, sagte er. Dann riss er sich los, kletterte schnell auf den Baum und verschwand darin.
Sarah spürte ihr Herz wie wild schlagen und lehnte die Stirn gegen den Baumstamm. Sie war völlig durcheinander, Übelkeit stieg in ihr hoch. Am liebsten hätte sie einfach losgeschrien, nur ihre Selbstbeherrschung hinderte sie daran. Sie waren an einem Punkt angelangt, an dem keine Umkehr mehr möglich war. Sarah spürte auf einmal ganz deutlich, dass sie ihre Gefährten in ein Abenteuer gedrängt hatte, dessen Ausgang mehr als ungewiss war. Egal wie es ausging, sie würde verlieren. Doch dann sagte sie sich, dass sie bereits verloren hatte, als sie geboren worden war. Wenn sie schon sterben musste, dann wenigstens im Kampf. Sie atmete tief durch und kletterte auf den Baum, um ihren Freunden zu folgen.
In der Höhle war es eng, doch nicht so eng wie im Baumstamm selbst. Immerhin konnten zwei Leute nebeneinanderstehen. Die anderen warteten schon ungeduldig auf sie. Sogar der sonst so unerschütterliche Thomas klang leicht gereizt, als er fragte, ob sie noch Pilze sammeln gewesen wäre. Sarah verkniff sich eine Antwort, weil sie sich ihrer Stimme nicht sicher war. Stattdessen drängte sie sich an ihren Gefährten vorbei und ging vor. Thomas unterdrückte seinen Ärger, denn als sie ihn berührte, konnte er deutlich ihre Angst spüren. Ihm wurde bewusst, unter welcher Anspannung sie stand, und das ließ schlagartig seine Wut in etwas umschlagen, das sich fast schon wie Mitleid anfühlte. Er folgte ihr ohne ein weiteres Wort, doch daran denkend, dass ihre Dickköpfigkeit auch sein Leben in Gefahr brachte. Realistisch betrachtet war die Chance, dass sie dieses Unternehmen überlebten, nicht sehr hoch. Trotzdem gab es für ihn keinen Zweifel daran, dass er das Richtige tat. Und er war sich sicher, dass die anderen genauso dachten.
Bis auf Sarah vielleicht.
Der Weg war anstrengend. Wer auch immer für den Bau der Höhle verantwortlich gewesen war, hatte es nicht da­rauf angelegt, den Boden eben und gut begehbar zu machen. Oft wurde die Höhle so schmal, dass Gire und Sulla nur quer durchgehen konnten. Sarah fluchte ab und zu, wenn sie in Spinnennetze lief und sich mal wieder eine Spinne in ihren Haaren verfing. Einmal merkte sie, wie eine aus ihren Haaren auf ihr Ohr krabbelte, und schlug wild nach ihr, wobei sie die Überreste des Tieres auf ihrem Ohr und in den Haaren verteilte. Sie spürte förmlich die Blicke ihrer Gefährten im Rücken und ging schneller. Sie war froh, dass ihre Gesichtsröte in dem schwachen Licht der Fackeln, die am Anfang der Höhle bereitgelegen hatten, auf keinen Fall zu sehen war.
Sie nutzte die nächsten Meter des Weges, um sich zu beruhigen. Es war nicht die Begegnung mit der Spinne, die ihr zu schaffen machte. Ihre übertriebene Reaktion wurde von einer inneren Unruhe verursacht, die sich ihrer auf dem Friedhof bemächtigt hatte. Sie wunderte sich über sich selbst.
Mantys Stimme riss sie aus den Gedanken. Manty, den sie in all den Jahren kaum hatte sprechen hören, sagte plötzlich: „Ich glaube, wir werden beobachtet.“
Thomas drehte sich um und sah ihn an. „Hier? Vielleicht von irgendwelchen Fledermäusen.“
Manty erwiderte seinen Blick ohne eine Regung. „Fledermäuse haben keine Augen.“
Thomas zuckte die Achseln und erwiderte: „Hier kann sich nichts und niemand verstecken. Hier ist kaum Platz genug für uns.“
Sarah schwenkte ihre Fackel herum, doch außer dem engen Höhlengang konnte sie nichts erkennen. „Hier ist wirklich nichts, Manty.“
„In Ordnung“, brummte der. „Gehen wir jetzt weiter?“
Thomas wechselte einen Blick mit Sarah. Ihrer verriet eindeutig, dass sie Manty für nervös hielt und dass er wohl da­rum schon Geister sah. Eine andere Erklärung hatte er ja auch nicht. Dass sie wirklich beobachtet wurden, hielt er für ausgeschlossen.
Sarah ging wieder vor. Weit mehr als die Hälfte des Weges hatten sie schon geschafft, und das gab ihr neuen Mut. Als die Höhle vor ihr breiter wurde und dann einen Knick machte, atmete sie laut aus. Sie waren am Ziel. Vorläufig zumindest. Im Schloss.
„Wir sind da“, sagte sie mit vibrierender Stimme.
„Wurde ja auch Zeit!“, knurrte Sulla hinter ihr.
Sarah warf einen Blick auf den muskulösen Kerl und grinste leicht. „Nichts für dich, hier unter der Erde, oder?“ Sulla schüttelte den Kopf. Sarah sah wieder nach vorne und sagte: „Da kommt gleich die Tür, hinter der die ganzen Toten aus den Kerkern abgelegt werden. Es … es stinkt ein bisschen.“
„Ein bisschen?“, echote Lanaya und verzog das Gesicht.
„Jedenfalls kommen wir so ins Schloss“, entgegnete Sarah. „Nur das ist wichtig!“
„Ja, schon gut, Hoheit, ich wollte dich nicht kritisieren“, erwiderte Lanaya kopfschüttelnd.
Sarah schloss die Augen und zählte langsam bis zehn. In der Zwischenzeit schaltete sich Thomas ein: „Wir sollten einfach mal weitergehen, was meint ihr?“
Sarah nickte und setzte sich in Bewegung. Sie kannte Lanaya doch, warum regte sie sich also auf? Lanaya war eine treue Freundin, auf die sie sich immer verlassen konnte. Sie hatte eben ein freches Mundwerk, aber das mochte sie sogar an ihr. Oder lag es daran, dass Lanaya und Thomas …? Ach, er war ihr doch zu nichts verpflichtet! Dummes Weib!, schalt sie sich und beschloss, sich ab sofort wieder voll und ganz auf das Unternehmen zu konzentrieren.
Ihre gesamte Aufmerksamkeit war plötzlich wieder in der Gegenwart, als sie versuchte, die Tür aufzudrücken, und diese sich kaum bewegen ließ. Sie war verwirrt. Sie versuchte es erneut und warf sich mit der Schulter gegen die Tür – ohne Erfolg. Sie bewegte sich zwar anstandshalber ein winziges Stück, aber durch die so entstandene Öffnung wäre nicht einmal eine dieser lästigen Spinnen gekommen.
Sarah trat zurück und warf einen Blick auf Gire. Er ging an ihr vorbei zur Tür und drückte versuchsweise dagegen. Sie bewegte sich ein wenig, aber offensichtlich wurde sie auf der anderen Seite durch etwas blockiert. Gire trat mit dem Fuß dagegen, was das Holz splittern ließ, aber ansonsten keine nennenswerte Auswirkung hatte. Gire fluchte. Dann warf er sich mit aller Kraft gegen die Tür, und endlich ging sie auf. Nein, sie ging nicht, sie wurde regelrecht aus den Angeln gerissen und flog in den Raum hinein. Gefolgt von Gire, der das Gleichgewicht verlor und hinfiel. Nicht auf den Boden, denn dieser war mit Leichen und Leichenteilen in ganz unterschiedlichen Verwesungszuständen bedeckt. Ein schier unerträglicher Gestank kam den Gefährten entgegen, während Gire seine ganze Kraft brauchte, um nicht ohnmächtig zu werden. Er ließ sich davon nichts anmerken. Stattdessen richtete er sich auf und sagte zu Sarah: „Die Tür ist offen, Majestät. Würdest du bitte eintreten?“
„Danke“, erwiderte sie. Dann holte sie tief Luft und ging, ohne zu atmen, voran.
Nachdem sie sich durch die Leichenberge gekämpft hatten, gelangten sie auf einen modrigen Korridor. Jetzt erst wagte Sarah es, wieder Luft zu holen. Der Gestank war immer noch fürchterlich.
„Hoffentlich hat dieser Empfang keinen symbolischen Charakter“, bemerkte Kars.
„Und wenn doch, ist es auch egal“, erwiderte Thomas. „Teufel auch, so schlimm war es beim letzten Mal noch nicht!“
„Das muss Oluar gewesen sein“, sagte Sarah düster. „Vielleicht hat er so alle unliebsamen Zeugen beseitigt.“
Thomas nickte. „Ja, könnte sein. Ein Grund mehr, ihn aus dem Weg zu schaffen.“ Diesmal ging Thomas vor. Die Gänge hier unten waren alles andere als hell und großzügig, aber doch viel angenehmer zu begehen als der unterirdische Geheimgang, durch den sie hierhergekommen waren.
Thomas hielt sein Schwert mit blanker Klinge in der rechten Hand. Seitdem Manty in der Höhle davon geredet hatte, dass er sich beobachtet fühlte, verspürte er ein zunehmendes Unbehagen. Vielleicht hätten sie seine Bedenken nicht einfach so abtun sollen. Doch jetzt war es zu spät.
Wie sehr, das wurde ihm klar, als sie sich hinter einer Abbiegung plötzlich Oluar und mehreren Soldaten gegenübersahen. Ein halbes Dutzend der Männer hielt gespannte Bogen mit den Pfeilspitzen auf sie gerichtet. Sie saßen in der Falle, denn hinter ihnen kamen aus irgendwelchen dunklen Ecken weitere Soldaten, viele von ihnen ebenfalls mit Pfeil und Bogen bewaffnet. Thomas ließ sein Schwert, das er reflexartig zum Schlag erhoben hatte, langsam wieder sinken.
„Eine weise Entscheidung!“, rief Oluar lachend. „Und jetzt sag deinen Freunden, dass sie es dir gleichtun sollen. Sonst müsste ich meinen Soldaten sagen, dass sie schießen sollen. Und das täte mir außerordentlich leid!“
„Lügner!“, schrie Sarah mit wutverzerrtem Gesicht. „Ich bring dich um! Komm her und kämpf wie ein Mann!“
Sie wollte sich auf Oluar stürzen. Im letzten Augenblick wurde sie von Gire festgehalten und hochgehoben. Sie trat wild um sich. Ihre Selbstbeherrschung reichte gerade eben aus, um nicht mit dem Schwert nach Gire zu schlagen.
„Lass mich los! Verdammt noch mal, Gire, lass mich los! Ich bring ihn um!“
„Sarah!“ Thomas sprang vor die Tobende und riss ihr das Schwert aus der Hand. „Komm zu dir! Du würdest lebend nicht einmal in seine Nähe kommen!“
„Hör auf deinen kleinen Freund, denn er hat recht!“, rief Oluar. „Ich will euch nicht töten lassen, aber ich tu es, wenn ihr mich zwingt.“
Sarah erstarrte. „Gib mir mein Schwert zurück!“ Thomas dachte kurz nach, dann gehorchte er. Sie nahm das Schwert an sich und wandte sich dann Gire zu. „Und du, lass mich los!“
„Bleibst du dann ruhig?“, erkundigte sich Gire.
„Du hast mir nichts zu befehlen!“, fauchte sie. „Lass mich los!“
„Nur wenn du keine Dummheiten machst.“
„Lass mich sofort los!“, kreischte Sarah. Dann atmete sie ein paarmal durch. „Also gut, lass mich jetzt bitte los.“
Gire nickte und gehorchte.
„Bravo!“, rief Oluar applaudierend. „Wie herrlich sie euch doch im Griff hat!“
„Vorsicht, du miese Ratte. Einer von uns könnte noch lebend bei dir ankommen und dich einen Kopf kürzer machen.“ Die ruhige Art, mit der Thomas das sagte, stand im krassen Gegensatz zum Inhalt seiner Worte. Sarah erschauderte unwillkürlich. „Was willst du, Oluar?“
Der fuhr sich mit der Hand durch seine gelben Haare. „Ihr wisst, dass ihr keine Chance habt. Und mal ganz ehrlich, was wollt ihr hier überhaupt?“
„Du sitzt auf meinem Thron!“, erwiderte Sarah heftig. „Wir holen uns zurück, was mir gehört!“
„Was dir gehört?“ Oluar lachte laut auf. „Du hast deine Eltern getötet!“
„Du fette Wanze!“, schrie Sarah. „Du warst genauso daran beteiligt! Du Scheißkerl!“
„Na, na, was schreist du da rum?“ Sarah, die Oluar gut kannte, bemerkte das leichte Flackern seiner Augenlider. „Das war ganz anders, meine Liebe. Ich wollte euch davon abhalten, diese fürchterliche Tat zu begehen. Leider kam ich zu spät. Aber ich verspreche euch, wenn ihr euch jetzt ergebt, sorge ich für ein gerechtes Verfahren.“
„Niemals!“, rief Sarah. „Lieber sterbe ich! Und außerdem glaube ich dir sowieso kein Wort! Du hast mich foltern lassen!“
„Meine Leute waren da etwas übereifrig. Das tut mir leid“, erwiderte Oluar in beschwichtigendem Tonfall. „Aber ich verspreche dir, dass ihr hier nur lebend rauskommt, wenn ihr euch ergebt.“
„Das werden wir ja sehen!“
„Sarah“, sagte Thomas leise. „Sarah. Denk nach. Niemand hat was davon, wenn wir hier ein Schlachtfest veranstalten.“
Sarah fuhr herum und starrte ihn mit funkelnden Augen an. Selbst im flackernden Fackellicht war das gut zu sehen. Thomas spürte, wie sein Magen sich verkrampfte. Er war bereit, für sie zu sterben, wenn es sein musste, auch hier und jetzt. Aber ihm war es lieber, wenn sie zur Vernunft kam.
Sarah kämpfte mit sich. Aus den Augenwinkeln sah sie ihre Freunde, die mit erhobenen Schwertern bereitstanden, um in den Tod zu rennen. Was für ein Wahnsinn!, dachte sie. Als sie Thomas in die Augen blickte, sah sie darin seinen Zwiespalt und seinen Schmerz.
Sie warf ihr Schwert auf den Boden und senkte den Kopf.
„Das ist eine kluge Entscheidung“, bemerkte Oluar mit kaum verhohlener Freude. „Legt sie in Ketten und bringt sie in den Kerker!“, befahl er dann mit harter Stimme. Mit diesen Worten machte er kehrt und ließ sie zurück.
*
Ihre Lage wirkte ziemlich aussichtslos. Thomas betrachtete seine Gefährten, ihre Umgebung, und spürte in seinen Körper hinein, um ganz nüchtern für sich festzustellen, dass Sarahs Idee vielleicht doch die bessere gewesen wäre. Sie standen oder saßen alle an einer Wand, angekettet, so unbequem wie nur möglich. Die Hände über den Köpfen in Fesseln, sodass sie nur für kurze Zeit sitzen konnten. Denn nach wenigen Minuten begannen die Schultern und Arme zu schmerzen. In der Zelle war es kalt und klamm, und sie konnten die Schreie von anderen Gefangenen hören, die allem Anschein nach gefoltert wurden.
„Wir hätten vielleicht auf dich hören sollen, Sarah“, stellte er fest und erschrak darüber, wie müde seine eigene Stimme klang.
Sarah, die links von ihm stand und bislang den Boden angestarrt hatte, hob den Kopf, um ihn anzuschauen. „Ach, ­Thomas … jede Entscheidung wäre die falsche gewesen. Im Grunde genommen hatten wir gar keine Wahl. Wir haben lediglich unseren Tod hinausgezögert.“
„Du meinst also, er wird sein Wort nicht halten?“, erkundigte sich Kars.
„Oh, ich bin sicher, er wird sein Wort nicht brechen“, bemerkte Lanaya. „Zumindest aus seiner Sicht. Ich glaube, wir verstehen unter einem gerechten Verfahren etwas anderes als dieser verfluchte Mistkerl.“
„Ach ja?“
„Das denke ich auch“, mischte sich Thomas ein. „Aber was soll´s. Wenigstens sind wir noch am Leben. Ihr wisst ja, die Hoffnung stirbt zuletzt.“
„Ja, natürlich“, sagte Sarah, doch sie klang nicht sehr überzeugt. Thomas versuchte ein Lächeln.
„Ich glaube daran, dass das nicht unser Ende sein wird.“
„Genau, der Glaube versetzt Berge“, erwiderte Sarah spöttisch. „Kann er auch Ketten sprengen?“
„Wenn man fest genug daran glaubt, dann ganz sicher.“ Gire stand, während er das sagte, regungslos da. Er war der Einzige, der einigermaßen bequem hätte sitzen können. „Ist nur blöd mit dem Glauben. Wenn es nicht geklappt hat, war der Glaube nicht stark genug. Die Ausrede funktioniert immer.“
„Wohl wahr.“ Kars seufzte. „Und wer von uns glaubt grad nicht fest genug? Wer zweifelt? Wer verhindert, dass wir frei sind und diesen dämlichen Schweinehund einen Kopf kürzer machen? Wer ist es?“
„Ich vermute, dass du es bist!“, rief Lanaya lachend. „Ach, Kleiner, wir sind doch alle freiwillig hier. So schnell kriegt man uns nicht klein.“
„Das hoffe ich mal“, bemerkte Thomas. „Da kommt jemand, hört ihr das?“
Alle konnten hören, wie ein Schlüssel im Schloss umgedreht wurde. Bald darauf erschien eine zarte Frauengestalt in der Zellentür und ging schnellen Schrittes zu Thomas. „­Katharina!“, rief der erstaunt. „Was machst du denn hier?“
„Thomas!“, sagte sie mit tränenverschleierten Augen. „Oh, mein armer Bruder! Die Nachricht von eurer Gefangennahme ist schon in der ganzen Stadt angekommen.“
Thomas betrachtete voller Liebe seine Schwester und sog ihren Anblick in sich auf. Ihre zweifarbigen Augen, die langen, dunkelblonden Haare, die zarte Gestalt. „Du solltest mich nicht so sehen“, sagte er leise. „Überhaupt, es ist gefährlich für dich, hier zu sein.“
Katharina schmiegte sich an ihn und Thomas verfluchte die Ketten, die ihn daran hinderten, sie in die Arme zu nehmen. „Keine Sorge, Bruderherz“, flüsterte sie. „Wir werden euch befreien.“
„Wer ist wir?“, fragte er flüsternd zurück.
„Das kann ich dir nicht sagen. Noch nicht. Aber wir haben einen Plan. Morgen, in der Nacht, holen wir euch hier raus. So lange müsst ihr durchhalten.“
„Kein Problem, das schaffen wir schon“, erwiderte Thomas. „Aber seid vorsichtig, wer auch immer dazugehört. Oluar ist gefährlich. Er hat gewusst, dass wir kommen. Es ist mir ein Rätsel, wie er das wissen konnte.“
„Er hat uns gesehen“, bemerkte Manty. „Ich habe es gespürt und euch gewarnt.“
„Ja, das hast du“, knurrte Gire. „Aber wie konnte er uns sehen?“
„Keine Ahnung.“ Manty zuckte die Achseln.
„Das ist nicht sehr hilfreich“, stellte Sarah fest, dabei ­Katharina betrachtend. „Wie hast du es geschafft, dass sie dich reingelassen haben?“
Katharina schlug die Augen nieder. „Frag nicht.“ Sie holte tief Luft, dann griff sie unter ihren Mantel und holte Brot hervor. Da die Gefesselten es nicht selbst zum Mund führen konnten, fütterte sie alle der Reihe nach. Thomas beobachtete sie zugleich erfreut und besorgt. Als Manty an der Reihe war, zögerte Katharina kurz. „Es tut mir leid, Manty.“
Der schüttelte den Kopf. „Ist schon gut. Es ist nicht deine Schuld.“
„Niemand konnte das ahnen“, flüsterte Sarah, auf den Boden starrend. „Niemand konnte ahnen, dass ich mal meine eigenen Eltern umbringen würde. Niemand.“
„Aber warum habt ihr das überhaupt getan? Du hast deine eigenen Eltern getötet. Warum?“ Katharina sah die blauhaarige Frau verzweifelt an. „Was bringt eine Tochter dazu, ihre eigenen Eltern zu töten? Was haben sie dir denn angetan, dass du sie so gehasst hast?“
„Ich habe sie nicht gehasst!“, erwiderte Sarah wütend. „Ich habe sie geliebt, darum musste ich sie töten! Verstehst du, ich habe es aus Liebe getan! Ich konnte nicht anders! Sie … sie haben alles verraten, woran ich geglaubt habe! Sie haben ihr Land verraten, ihre Leute – und mich!“
Katharina ließ den Blick von Sarah zu Thomas schweifen. „Erklär du es mir! Ich verstehe das nicht!“
Thomas schüttelte den Kopf. „Schwesterherz, da gibt es nichts zu erklären. Für Sarah ist es, als hätte sie sich ihr eigenes Herz rausgeschnitten. Aber es ging nicht anders.“ Er wandte den Blick ab. „Du solltest jetzt lieber gehen.“
Katharina trat zu ihm und umarmte ihn. „Wir werden euch holen“, flüsterte sie. „In der nächsten Nacht holen wir euch. Haltet durch!“
Thomas nickte. „Ja, das tun wir, meine liebe Schwester. Pass du auf dich auf. Es kommen schwere Zeiten.“
„Ja, das tun sie.“ Katharina verließ eilig die Zelle und blickte nicht mehr zurück, weil ihr der Anblick das Herz gebrochen hätte.
*
Thomas ließ sich die Hände am Rücken fesseln. Es gefiel ihm nicht, aber es schien Sinn zu machen. Offensichtlich sollte ihnen jetzt der Prozess gemacht werden, und klar, dass Oluar vorsichtig war. Er konnte es sehr gut nachvollziehen. Gire knurrte zwar vor sich hin, aber nach einem Blick auf Thomas, der die Prozedur ruhig über sich ergehen ließ, leistete er keinen Widerstand. Und auch Sarah, die kurz daran gedacht hatte, etwas zu unternehmen, verhielt sich vernünftig. Zumindest hätte es Thomas so bezeichnet, dessen war sie sich sicher.
„Wohin gehen wir“, erkundigte sie sich, als die Soldaten sie und die anderen in Richtung Tür schubsten.
„In den Hof“, erwiderte einer der Soldaten grinsend.
„In den Hof?!“ Sarah blieb stehen und erhielt einen Schlag in den Rücken. „Los, weiter!“, brüllte ihr einer der Männer ins Ohr. Als jedoch auch die anderen stehen blieben, zogen alle Soldaten ihre Schwerter und umstellten sie.
„Oluar hat uns ein gerechtes Verfahren versprochen“, sagte Thomas so ruhig, wie es ihm nur möglich war.
„Das werdet ihr auch bekommen“, erklärte einer der Soldaten, der seiner Uniform nach die Befehlsgewalt hatte.
„Im Hof, oder was? Verfahren werden nicht im Hof abgehalten, da werden die Urteile vollstreckt. Und zwar die Todesurteile!“ Sarah trat versuchsweise nach einem der Soldaten, doch als dessen Klinge ihr Bein nur knapp verfehlte, sprang sie schnell zurück. „Dieser Bastard will uns nur möglichst schnell loswerden, damit ihm niemand mehr den Thron streitig machen kann! Das ist die Wahrheit!“
„Wir haben nicht das Recht, Anweisungen unseres Königs in Zweifel zu ziehen. Und die Anweisung lautet, euch in den Hof zu bringen und jeden, der sich widersetzt, sofort zu töten.“ Der Kommandant deutete auf die Tür. „Es ist eure Entscheidung.“
„Und wenn ich dir sage, dass ich die rechtmäßige Königin bin?“ Sarah zerrte bei diesen Worten wie wild an ihrer Handfessel, aber ohne jeden Erfolg.
„Du hast deine Eltern getötet. Damit hast du jedes Recht auf den Thron verwirkt“, antwortete der Kommandant. „Und jetzt bewegt euch, sonst gebe ich meinen Leuten den Befehl, jeden von euch, der sich nicht zur Tür bewegt, sofort zu töten!“
„Komm, Sarah“, sagte Thomas. „Ein Massaker hier unten macht keinen Sinn. Wir können nicht gewinnen.“
Sarah starrte ihn düster an, doch sie sah ein, dass er recht hatte, und ging zur Tür. Ihre Freunde folgten ihr, betreten auf den Boden schauend. Einzig Lanaya ging hocherhobenen Hauptes; sie musterte den Kommandanten wütend, und als sie nah genug an ihm dran war, spuckte sie ihm blitzschnell ins Gesicht. Sofort flogen Schwerter in die Höhe, doch der Kommandant hielt seine Leute mit einer Handbewegung auf.
„Du weißt, wofür das war“, bemerkte Lanaya. Der Mann nickte und wischte sich die Spucke aus dem Gesicht.
Später fragte Kars leise: „Eins deiner Abenteuer, Lanaya?“ Sie nickte stumm. Ihr war nicht nach Erzählen zumute. Sie spürte ganz deutlich die Nähe des Todes und ahnte, dass ihr junges Leben heute enden würde.
Der Hof, wie der öffentliche Hinrichtungsplatz von Retni genannt wurde, war voll mit Menschen. So voll, dass die Soldaten eine Schneise in die Menschenmenge schlagen mussten, um die Gefangenen in die Mitte führen zu können. Hier standen auf einem Podest fünf Galgen bereit. Alle Gefangenen wurden auf den Podest geführt, und von hier aus konnten sie dann auch sehen, warum es nur fünf Galgen gab. Zwei von ihnen sollten auf eine wesentlich grausamere Art und Weise sterben. Es gehörte nicht viel Überlegung dazu, zu erraten, wer diese zwei sein würden.
Die Menschenmenge jubelte, als die Gefangenen auf den Podest geführt wurden, und rief immer wieder: „Tod den Verrätern! Tod den Verrätern und Königsmördern!“ Oluar hatte gute Arbeit geleistet. Thomas ließ seinen Blick äußerlich ungerührt über die Menschenmenge schweifen, dann wandte er den Blick nach oben. Dort befand sich die Galerie, von der aus Mitglieder der Königsfamilie einer Hinrichtung beiwohnen konnten, wenn sie wollten. Auch er hatte schon dort zusammen mit ­Sarah gestanden. Es war ein seltsames Gefühl, nun selbst auf diesem Podest zu sein. Auf der Galerie befand sich Oluar mit einigen Männern, die Thomas flüchtig vom Sehen kannte.
Nun trat ein Mann, der sich bis dahin im Schatten aufgehalten hatte, hervor. Es war der Königliche Richter, und spätestens jetzt wusste Thomas, dass Oluar wirklich nicht daran dachte, ihnen so etwas wie ein Verfahren zuzugestehen. Er wollte einfach nur so schnell wie möglich lästige Zeugen beseitigen und zugleich dem Volk gegenüber ein Exempel statuieren. Von Königen zu Bauernopfern, so schnell konnte es gehen.
„Im Namen des Volkes …“, setzte der Königliche Richter an und verstummte – darauf wartend, dass die Menschenmenge still wurde. Als es schließlich so still wurde, dass selbst das Summen einer Fliege zu hören gewesen wäre, fing er erneut an: „Im Namen des Volkes und des Königs von Untes! Kraft meines Amtes verkündige ich folgende Urteile:
Gire Tabar, du wurdest wegen Beteiligung an dem hinterhältigen Mord an Seiner Majestät Seun Kayl und Ihrer Königlichen Hoheit Gemahlin Kanga Kayla zum Tode durch den Strang verurteilt! Das Urteil ist sofort zu vollstrecken.
Kars Tersem, du wurdest wegen Beteiligung an dem hinterhältigen Mord an Seiner Majestät Seun Kayl und Ihrer Königlichen Hoheit Gemahlin Kanga Kayla zum Tode durch den Strang verurteilt! Das Urteil ist sofort zu vollstrecken.
Lanaya Von, du wurdest wegen Beteiligung an dem hinterhältigen Mord an Seiner Majestät Seun Kayl und Ihrer Königlichen Hoheit Gemahlin Kanga Kayla zum Tode durch den Strang verurteilt! Das Urteil ist sofort zu vollstrecken.
Sulla Zut, du wurdest wegen Beteiligung an dem hinterhältigen Mord an Seiner Majestät Seun Kayl und Ihrer Königlichen Hoheit Gemahlin Kanga Kayla zum Tode durch den Strang verurteilt! Das Urteil ist sofort zu vollstrecken.
Manty Gök, du wurdest wegen Beteiligung an dem hinterhältigen Mord an Seiner Majestät Seun Kayl und Ihrer Königlichen Hoheit Gemahlin Kanga Kayla zum Tode durch den Strang verurteilt! Das Urteil ist sofort zu vollstrecken.
Und nun zu den beiden Hauptschuldigen!
Thomas Ay, du wurdest wegen des Mordes und aktiver Beihilfe zum Mord an Seiner Majestät Seun Kayl und Ihrer Königlichen Hoheit Gemahlin Kanga Kayla zum Tode durch das Kreuz verurteilt! Du wirst bei lebendigem Leibe an Füßen und Händen an das Kreuz genagelt und sollst verweilen am Kreuz für drei volle Tage. Am dritten Tage sollst du abgenommen werden vom Kreuz und ob du lebst oder tot bist, soll dein Kopf abgeschlagen und für weitere drei Tage vor das Kreuz gelegt werden. Dein Körper soll weiterhin den Löwen zum Fraß vorgeworfen werden!
Und schließlich zu dir, Sarah Kayla, der Haupttäterin! Als solche verurteile ich dich zum Tode durch das Kreuz! Du wirst bei lebendigem Leibe an Füßen und Händen an das Kreuz genagelt und sollst verweilen am Kreuz für drei volle Tage. Am dritten Tage sollst du abgenommen werden vom Kreuz und ob du lebst oder tot bist, soll dein Kopf abgeschlagen und für weitere drei Tage vor das Kreuz gelegt werden. Dein Körper soll weiterhin den Löwen zum Fraß vorgeworfen werden.
Dieses Urteil ergeht im Namen des Volkes und des Königs! Ein Widerspruch wird ausgeschlossen! Alle Urteile werden jetzt vollstreckt! Zuerst erfolgt die Kreuzigung, hiernach sind die Kreuze so aufzustellen, dass die beiden Gekreuzigten zusehen müssen, wie ihre verräterischen und feigen Mittäter den Tod durch Hängen finden.
Henker, beginnt eure Arbeit!“
Für einen Moment herrschte noch Stille, dann begann der Mob zu toben und forderte, dass die Verurteilten endlich hängen sollten. Die Henker kamen auf den Podest und wurden von Sarah mit einem Fußtritt empfangen. Der getroffene Henker riss zwei weitere mit nach unten, doch die anderen schafften es, die sich wild wehrende Sarah zu bändigen und festzuhalten.
„Ich verfluche dich, Oluar!“, schrie sie zur Galerie hinüber. „Ich verfluche dich und ich verspreche dir, dass ich wiederkommen und dich holen werde! Du bist bereits tot, du weißt es nur noch nicht! Verflucht sollst du sein! Ich komme und hole dich, das verspreche ich dir bei meiner Seele und bei Gott!“
Auf einen Wink Oluars hin rammte einer der Soldaten seine Faust in Sarahs Bauch, sodass sie sich vor Schmerz krümmte und röchelnd verstummte. Thomas wurde festgehalten, als er ihr zu Hilfe eilen wollte. Beide wurden jetzt vom Podest heruntergezerrt und zu den Kreuzen geschleift, während die Henker jedem ihrer Freunde den Strick um den Hals legten. Zuerst kam Sarah dran. Ihre Hände wurden von den Fesseln losgemacht, während jeder Arm von einem Henkersgehilfen festgehalten wurde. Trotzdem schaffte sie es, einen Arm zu befreien und dem Gehilfen, der den anderen Arm festhielt, die Finger in die Augen zu stoßen, sodass dieser unter wildem Geschrei zurücktaumelte. Doch bereits im nächsten Moment wurde sie von mehreren kräftigen Männern zu Boden gedrückt. Zwei hielten ihre Hand an den Querbalken des Kreuzes, während ein dritter den Nagel ansetzte und ihn mit mehreren Hammerschlägen durch den Handwurzelknochen in das Holz trieb.
Sarahs markerschütternder Schmerzensschrei holte Thomas aus seiner Lethargie. Er bäumte sich unerwartet auf unter den zwei Männern, die ihn zu Boden drückten, und als sie von ihm herunterkullerten, setzte er seine Beine ein, um sie vorübergehend kampfunfähig zu machen. Dann sprang er auf und wollte zu Sarah laufen. Nach wenigen Schritten wurde er von einem Soldaten umgerannt und dann von einigen Männern zum Kreuz zurückgeschleift. Mehrere Schläge prasselten auf ihn ein und ließen ihn bewusstlos werden.
Währenddessen kämpfte Sarah einen verlorenen Kampf um ihr Leben. Sie schlug und trat um sich, aber sie wurde von vielen Händen festgehalten. Ihr linker Arm war unnütz, mehr noch, eine Quelle bestialischen Schmerzes. Der andere wurde nun von gleich drei Männern festgehalten und auf das Holz gedrückt. Wenige Augenblicke später war auch die rechte Hand festgenagelt.
Sarah hörte auf zu schreien und sich zu wehren. Sie hörte plötzlich gar nichts mehr. Wie durch einen Schleier sah und spürte sie, dass ihr die Stiefel ausgezogen wurden. Dann legte man ihre Füße übereinander, und mit einem besonders langen Nagel wurden auch diese am Kreuz befestigt. Den Schmerz dabei nahm sie gar nicht mehr wahr.
Thomas wurde vom ersten Schmerz wach. Unfähig, sich zu rühren, sah er sein Blut aus dem Handgelenk spritzen. Mindestens ein Dutzend Männer, Soldaten und Gehilfen, hielten ihn fest. Dann kam seine zweite Hand dran. Er spürte den Geschmack vom Blut im Mund, als er sich die Zunge durchbiss, um nicht zu schreien. Denn diese Genugtuung wollte er dem Mob nicht bereiten. Auch als seine Füße festgenagelt wurden, blieb er stumm. Nur das zwischen den Lippen hervorsickernde Blut zeugte von seiner Qual.
Die schlimmsten Schmerzen begannen, als die Kreuze nun hochgezogen und in zuvor eigens dafür ausgehobene Löcher gestellt wurden. Thomas hörte, wie Sarahs Schultergelenke auskugelten. Seine eigenen hielten noch, doch der Schmerz in den Muskeln und Sehnen war kaum auszuhalten. Durch einen Tränen- und Blutschleier blickte er auf seine Freunde hinab.
Er sah, wie der Henker an den Hebel für die Falltür trat. Er fing den Blick von Gire auf, der ihn leicht angrinste. Dann öffnete sich die Falltür und fünf Körper fielen nach unten. Der Mob schrie auf. Sulla und Kars waren sofort tot. Mantys Kopf wurde durch den zu langen Fall vom Hals gerissen, sodass sein kopfloser Körper mit einem dumpfen Laut zu Boden fiel und der Kopf über den Podest kullerte. Seine Augen bewegten sich wild hin und her und der Mund öffnete sich, als wollte er etwas sagen. Lanaya zappelte wild, aber ihr Kopf hing in einem unnatürlichen Winkel vom Hals herab. Es bestand kein Zweifel daran, dass ihr Genick gebrochen war. Nach einer halben Minute oder auch mehr wurden ihre Bewegungen langsamer, bis sie schließlich genauso regungslos am Seil hing wie Sulla und Kars.
Auch Gire bewegte sich nicht, aber seine Augen waren offen und seine Lippen zusammengepresst. Er lebte und seine harten Muskeln hatten den Genickbruch verhindert. Er lebte und würde irgendwann ersticken. Solange seine Muskeln angespannt und hart blieben, konnte er atmen. Irgendwann würde ihn die Kraft verlassen, seine Muskeln würden erschlaffen und das Seil würde ihm die Luft abwürgen. Danach konnte es noch Minuten dauern, bis er wirklich tot war.
Der Mob war verstummt und beobachtete ihn entsetzt. Einer der Männer neben Oluar beugte sich über das Geländer und erbrach sich auf die darunter Stehenden. Gire schaute aus den Augenwinkeln zu Sarah hinüber, dann beobachtete er Thomas. Er wusste, dass er es sich nur unnötig schwer machte, aber er wollte diesem Mob etwas bieten.
Es dauerte eine halbe Stunde, bis er nach einer letzten Zuckung das Bewusstsein verlor und starb.
*
Die Erinnerung an den Schmerz war augenblicklich da, nur um wieder zu gehen. Er blickte in das Gesicht vor ihm, und es kam ihm bekannt vor. Doch so sehr er sich auch anstrengte, konnte er sich weder an den Namen, der zu dem Gesicht gehörte, noch an die Ursache des Schmerzes erinnern.
Schließlich fragte er: „Bin ich tot?“
Die Frau, deren Gesicht er sah, nickte langsam. Jetzt wurde er der zweiten Frau weiter hinten gewahr, die mit gesenktem Kopf weinend dastand. Katharina. Sein Blick schweifte zu der alten Frau zurück.
„Was ist geschehen?“, fragte er.
„Du warst sehr tapfer“, antwortete die alte Frau mit den weißen Augen, die ihn an Sarah erinnerten. Sarah! Er konnte sich plötzlich an ihre Schmerzensschreie erinnern.
„Wer bist du?“
„Ich bin Anoa, die Großmutter von Sarah“, sagte die alte Frau zärtlich. Ihre Hände hielten sein Gesicht. Nun fiel es ihm wieder ein. Er hieß Gire, und er war erstickt. Nun war es dunkel. Er spürte, dass er noch am Seil baumelte. Anoa fuhr fort: „Ich werde dich jetzt losschneiden. Du musst dann deinen Freunden helfen.“
„Sind sie auch tot?“, erkundigte sich Gire.
„Ja, ihr seid alle gestorben. Nur Thomas und Sarah leben noch. Und euch bitte ich um einen letzten Freundschaftsdienst für die beiden. Bist du bereit?“
„Ja“, antwortete Gire. Anoa durchschnitt mit einem Messer das Seil, sodass er auf den Boden fiel und sich aus der Schlinge befreien konnte. Er sah den kopflosen Körper von Manty am Boden, und er sah Kars, Lanaya und Sulla leblos in der Luft baumeln.
„Nimm sie alle runter, damit ich sie für kurze Zeit wieder zum Leben erwecken kann“, bat Anoa.
„Du bist also eine Hexe“, stellte Gire fest, während er aus dem Loch kletterte und als Erstes Lanaya befreite und auf den Boden legte. Nachdem auch Sulla und Kars neben ihr lagen, trug er Mantys Körper auf den Podest und nahm seinen Kopf. Dann blieb er unschlüssig stehen.
„Setz ihn an seinen Hals“, sagte Anoa, und nachdem er das getan hatte, beobachtete er staunend, wie Kopf und Körper zusammenwuchsen. Manty setzte sich blitzartig auf und sah sich um.
„Was ist passiert? Ich bin gestorben? Habe ich nur geträumt?“
„Das war kein Traum“, sagte Anoa. Auch die anderen regten sich langsam, setzten sich auf und blickten sich verwundert um. „Ihr seid alle gestorben. Meine Kraft reicht leider nicht aus, um euch endgültig aus dem Totenreich zurückzurufen. Aber ich habe erwirkt, dass ihr Sarah und Thomas einen letzten Freundschaftsdienst erweisen dürft.“
Sie schauten an den Kreuzen hoch und sahen, dass Sarah und Thomas bewusstlos herunterhingen. Es war auch gut zu erkennen, dass Sarahs Schultern die Last nicht ausgehalten hatten. Schweigend kletterten sie hoch und befreiten die beiden. Sarah und Thomas stöhnten dabei, erlangten aber nicht ihr Bewusstsein zurück.
„Folgt mir!“, befahl Anoa. Dann führte sie die Gruppe in ihr Versteck tief unter der Stadt. Nur ganz wenige Auserwählte wussten von diesem Ort, und weder Oluar noch irgendeiner seiner Vertrauten gehörten dazu. Das Versteck bestand aus mehreren Räumen, die nur durch ein Labyrinth aus Korridoren unter der Erde erreichbar waren. Wer nicht wusste, wie er zu gehen hatte, konnte es nicht finden. Selbst Katharina, die schon mehrmals hier gewesen war, zweifelte daran, das Versteck allein finden zu können.
Die Toten machten sich solche Gedanken nicht. Sie waren in dieser Welt nur Gäste für kurze Zeit. Sie legten Sarah und Thomas auf die vorbereiteten Betten und zogen sie auf Geheiß von Anoa nackt aus. „Verabschiedet euch“, sagte sie mit Tränen in den Augen. „Ihr müsst nun gehen. Mehr konnte ich leider nicht für euch tun.“
„Das war schon mehr, als wir erwartet haben“, erwiderte Lanaya. Sie beugte sich über Thomas und berührte seine aufgesprungenen Lippen mit dem Mund. „Lebe wohl, lieber Thomas. Ich beneide dich trotz allem nicht. Und mach dir keine Sorgen um uns.“ Dann küsste sie auch Sarah auf die Lippen, diesmal ohne etwas zu sagen.
Gire war kein Mann großer Worte, auch als Toter nicht. Er drückte kurz die Hand von Thomas und berührte mit den Fingerspitzen Sarahs schweißnasse Stirn. Die anderen machten es ähnlich. Kars gab Sarah zusätzlich einen zarten Kuss auf die leicht geöffneten Lippen, durch die stoßweise ihr Atem kam. Dann nahm Manty Katharina in die Arme. „Danke“, sagte er kurz.
Während Anoa die Toten nach draußen führte, begann ­Katharina damit, die Wunden der beiden Verletzten zu reinigen. Sie benutzte dazu einen Lappen, den Anoa ihr gegeben hatte, zusammen mit einem Eimer, in dem sich eine gelbgrünliche Flüssigkeit befand. Die Flüssigkeit roch seltsam und streng. Für einen Moment kämpfte Katharina gegen Übelkeit an. Sie schloss für einige Sekunden die Augen, dann begann sie mit ihrer Arbeit.
Als Anoa zurückkehrte, war sie mit Sarah schon fertig und säuberte gerade die rechte Handwunde von Thomas.
„Sind sie fort?“, fragte sie. Anoa nickte stumm und nahm eine Holzkiste, mit der sie sich neben Sarah auf das Bett setzte. Aus der Kiste holte sie getrocknete Blätter hervor, die sie auf die Wunden legte, begleitet von einem leisen Singsang. Als sie damit fertig war, legte sie je ein Blatt auf Herz und Stirn. Nun holte sie Stoffstreifen aus der Kiste und fixierte damit die Blätter. Dabei musste sie Sarahs Oberkörper anheben, um den Stoff um ihre Brust zu wickeln. Sie tat das mit einer erstaunlichen Leichtigkeit, wie Katharina für sich feststellte. Ihrer zarten Gestalt war diese Kraft nicht anzusehen.
Als Katharina auch die Wunden von Thomas gesäubert hatte, verfuhr Anoa mit ihm wie zuvor mit Sarah. Danach richtete sie sich auf und betrachtete zufrieden ihr Werk.
„Sie werden nun Schlaf brauchen, viel Schlaf. Was ist mit dir, mein Kind? Sie werden nach dir suchen und wissen, dass du geholfen hast.“
„Das ist mir egal! Ich kehre nicht mehr zu diesem … diesem Bastard zurück.“
Anoa nickte. „Hier bist du jedenfalls sicher. Du wirst sie begleiten, sobald sie gesund sind.“
„Begleiten? Wohin?“ Katharina starrte die Alte entgeistert an.
„Was denkst du? Dass sie hier ihr Leben verbringen werden?“ Anoa lachte. „Nein, nein. Sie haben eine Aufgabe, das sollten sie jetzt verstanden haben. Und auch du, meine Liebe, hast eine Aufgabe. Deine Jahre als Magd meiner lieben Tochter dienten nur der Tarnung, meinst du nicht auch?“
Katharina schwieg verwirrt. Sie betrachtete ihren Bruder, der nun regelmäßig atmete, genau wie Sarah. Was die Alte da auch getan hatte, es schien schon zu wirken. Anoa nahm sie beim Arm und zog sie mit sich nach nebenan, wo sie sich an einen kleinen Tisch aus Stein setzten. Aus einem Krug goss Anoa ihnen Tee in Becher, die sie vorhin schon hingestellt hatte. Dann lehnte sie sich zurück, die Tasse an den Mund führend, den Blick auf die junge Frau gerichtet.
„Wer bist du eigentlich?“, fragte Katharina.
„Sarahs Großmutter.“
„Die deine Tochter getötet hat!“
„Und ihren Vater, ich weiß. Sie wird einen guten Grund gehabt haben.“
„Gire hat gesagt, du wärst eine Hexe. Du hast weiße Augen, genau wie Sarah. Und Kayla, deine Tochter.“
„Ja, so ist es. Seun wusste das, aber es war ihm egal.“ Sie nippte nachdenklich am Tee. „Ich war mal eine Prinzessin und gehörte dem stolzen Geschlecht der Zbarsz an. Und für die Tochter einer Prinzessin der Zbarsz gehörte es sich nun mal nicht, sich in einen Sterblichen zu verlieben, nicht einmal in einen sterblichen König.“ Sie lachte bitter. „Das war es dann für mich mit der Prinzessin. Doch glaube nicht, dass ich mich beschwere. Ich hatte durchaus ein Leben, das ich nicht eintauschen würde. Und nun muss meine Enkelin das Erbe antreten. Sie ist eigentlich noch zu jung und unerfahren, aber Thomas wird sie beschützen.“
„Warum er? Er ist genauso unerfahren!“
Anoa nickte. „Und er ist mächtig. Mächtiger, als er ahnt.“
„Was redest du da?“
Anoa lächelte sanftmütig. „Ich erkenne dich. Auch du bist keine normale Sterbliche, genauso wenig wie dein Bruder. Im Bewusstsein seiner Kraft hätten sie ihn nicht ans Kreuz gekriegt, und er wäre jetzt wohl tot. Nein, so war es schon besser für ihn. – Ihr seid Vépos.“ Als Katharina protestieren wollte, winkte sie ab. „Keine Sorge, das macht mir nichts aus. Hexen und Vépos haben sich schon oft verbündet. Von mir brauchst du nichts zu befürchten. Deine Feinde suchen da oben nach dir.“
Katharina entspannte sich. Ja, die Hexe hatte recht. Und sie hätte schon viele Gelegenheiten gehabt, ihnen zu schaden. Sie trank zum ersten Mal vom Tee, der noch warm war. Immer noch. Er schmeckte leicht süßlich, mit einer angenehmen, kaum merklichen bitteren Note. Eigentlich ein Widerspruch. „Was ist das für ein Tee?“, erkundigte sie sich.
„Er belebt den Geist. Ein übliches Getränk unter uns Hexen. Gibt Kraft und Ausdauer, das werden wir wohl brauchen. Ihr vor allem.“
„Und wo sollen wir hingehen, wenn wir nicht hierbleiben?“
„Och, da habe ich schon eine Idee. Ich wüsste jemanden, der euch vielleicht helfen kann.“
„Wobei helfen?“ Katharina biss sich auf die Unterlippe. Das war eine doofe Frage.
Anoa lächelte nachsichtig. Ihr gefiel die junge Vampirin immer mehr. Vor allem diese irritierenden Augen mit ihren unterschiedlichen Farben. Auf ihre Art war sie ein hübsches Ding. Keine Kriegerin, zumindest nicht im üblichen Sinne. Aber sie hatte einen starken Willen, genau wie ihr Bruder.
„Es ist schon spät. Wir sollten schlafen gehen“, schlug Anoa plötzlich vor.
Katharina lachte. „Erst belebenden Tee trinken, dann schlafen?“
„Der Tee, meine Liebe, belebt den Geist, nicht den Körper. Dein Geist mag wach bleiben, auch wenn dein Körper schläft. Oder irre ich mich da?“
Katharina schüttelte den Kopf. „Wo kann ich mich hinlegen?“
Anoa zeigte auf das einzige Bett im Raum.
„Und du? Ich kann auch auf dem Boden schlafen, wenn du mir eine Decke gibst!“
Anoa lächelte und erwiderte: „Ich habe mein Bett nicht hier. Meine Art zu schlafen ist anders.“
Katharina begriff plötzlich, dass Anoa den Körper wie eine Haut ablegen konnte, und nickte. Als die Alte rausgegangen war, zog sie Stiefel, Hose und Jacke aus und kroch unter die Decke. Plötzlich fühlte sie sich sehr müde. Hoffentlich hatte die Hexe ihr kein Gift verabreicht, dachte sie, bevor sie die Augen schloss und sofort einschlief.
*
Thomas betrachtete die Narben an seinen Handgelenken. Er saß auf seinem Bett, nur mit einer Hose bekleidet. Hier unten schien es immer warm zu sein, jedenfalls fror er nicht. Er warf einen Blick auf Sarah. Sie lag in ihrem Bett und schlief, wie ihr regelmäßiger Atem verriet. Unter der dünnen Decke zeichnete sich ihr nackter Körper deutlich ab. Für einen kurzen Moment verspürte Thomas heftiges Verlangen nach ihm. Er erinnerte sich an den Duft von Sarahs Haut, an den Geschmack ihres Mundes und an die Hitze ihres Unterleibs. Er wusste nicht mehr, wann und warum sie beschlossen hatten, dass sie niemals ein Paar sein wollen würden. Und auch wenn sie einige Male miteinander geschlafen hatten, blieben diese intimen Begegnungen ohne Bedeutung und Zusammenhang. Ihre Leidenschaften prallten aufeinander und trennten sich danach wieder. Oft schliefen sie viele Monate nicht miteinander, dann wieder in einer Woche fast jeden Tag. Und zwischendurch mit anderen, er mit Lanaya zum Beispiel, sie mit Kars. Ihm fiel die ekstatische Hingabe der schlangenhaften Lanaya ein, und er merkte, dass sich seine Hände zu Fäusten geballt hatten.
Sarah war da anders. Auch in ihr brannte ein heißes Feuer, aber sie war die Löwin und Lanaya die Leopardin. Doch Lanaya war tot, und Sarah lebte. Und er lebte auch. Etwas, das er nicht begreifen konnte. Seine Freunde waren vor seinen Augen gestorben. Er konnte sich genau an den letzten Blick von Gire erinnern, bevor sein Körper erschlafft war. Und an seinen eigenen Schmerz, während er am Kreuz gehangen hatte. Sarah hatte völlig teilnahmslos gewirkt, aber sie war bei Bewusstsein geblieben. Zumindest waren ihre Augen offen gewesen. Und Lanaya mit dem seltsam schiefen Hals und den weit aufgerissenen Augen, die ins Nichts starrten. All das sah Thomas vor sich wie in einem nebligen Traum. Er konnte und wollte nicht akzeptieren, dass nur Sarah und er überlebt hatten. Und auch das nur, weil Oluar sie besonders lange hatte leiden sehen wollen.
Nein, das durfte nicht sein!
Sarah stöhnte und riss die Augen auf. Für einige Sekunden starrte sie in die Welt zurück, aus der sie gekommen war. Dann wurde ihr Blick klar und schweifte zu Thomas hinüber. Sie lächelte schwach.
„Du bist da!“
Thomas nickte stumm. Sarah hob ihre Decke an und sah ihn auffordernd an. Thomas schlüpfte aus der Hose und legte sich neben sie. Ihr Körper schien zu glühen. Sarah drückte sich an ihn und er reagierte.
„Ich brauche dich“, flüsterte sie. „Ich brauche dich so!“
„Ich bin da“, erwiderte Thomas heiser und spürte, wie er bis zur Schmerzgrenze hart wurde. Sarah entging seine Erregung nicht. Sie legte ein Bein über seine Hüfte, sodass er wie von selbst den Eingang fand. Sein Glied glitt mühelos in ihre Nässe hinein. Sie verharrten bewegungslos für einige Zeit. Sarah drückte ihr Gesicht in seine Halsbeuge und weinte lautlos. Erst als sie ihr Gesicht hob und ihn anschaute, begann er langsam sich zu bewegen. Sie suchte seine Lippen, sog ihn förmlich in sich auf, während ihre Zungen einander umschlängelten. Plötzlich presste sie den Unterleib gegen seinen, ihre zuckende Vagina massierte den Orgasmus aus ihm heraus, und als er sich in sie ergoss, hatte er das Gefühl, von ihr völlig verschlungen zu werden.
Er öffnete die Augen und blickte in die ihren.
„Wir können nicht ewig hierbleiben“, sagte sie leise.
„Wo willst du hin? Und was ist mit Oluar?“
„Ich weiß es nicht. Im Moment ist er für uns in unerreichbarer Ferne. Jeden Augenblick, den wir hierbleiben, bringen wir meine Großmutter und Katharina in Gefahr.“
Thomas nickte. „Ich glaube, wir können bald aufbrechen. Unsere Wunden sind gut verheilt. Und jucken werden die Narben noch eine ganze Weile. Wir sollten uns mit Anoa unterhalten. Vielleicht hat sie eine Idee, wo wir hingehen können.“
„Da bin ich mir ganz sicher.“ Plötzlich kicherte Sarah. „Du bist aus mir rausgeflutscht!“
„Soll ich ihn wieder reinstecken?“, erkundigte sich Thomas trocken.
Statt einer Antwort sprang Sarah aus dem Bett. Sich einen Umhang überwerfend verließ sie das Zimmer. Als sie zurückkehrte, war Katharina bei ihr. Sie brachte eine Schüssel mit Kürbissuppe zu Thomas ans Bett, die er gierig zu essen begann. Sarah zog den Umhang enger um sich und setzte sich neben ihm auf das Bett. Sie musterte seine Schwester.
„Anoa sagt, wir sollen zu Lord Dargk gehen“, sagte ­Katharina.
„Kenne ich nicht.“ Sarah sprang wieder auf und wanderte auf und ab. „Ich wünschte, ich wäre auch tot!“
„Geh doch zu Oluar“, bemerkte Thomas, scheinbar ungerührt.
„Hier!“ Sarah nahm ein Messer und reichte es ihm. „In mein Herz!“ Sie öffnete den Umhang und präsentierte ihm ihren nackten Oberkörper. Er betrachtete ihre wogenden Brüste, die vor wenigen Minuten noch so weich zwischen ihren Körpern gelegen hatten. Dann nahm er das Messer und warf es auf den Boden.
„Du spinnst. Ich bezweifle, dass er dir einen schnellen Tod gönnen würde. Und uns auch nicht.“
Sarah warf sich schmollend auf das Bett, sodass ein Teil der Suppe überschwappte. Thomas schüttelte den Kopf und aß dann ruhig weiter. Er kannte ihre Launen schließlich schon lange und gut genug. Katharina war da weniger abgehärtet. Sie nahm das Messer und legte es an seinen Platz. Dann wandte sie sich an Sarah:
„Auch wenn du Schmerzliches durchmachen musstest, ist das kein Grund, dass du dich wie eine Irre aufführst!“
„Lass gut sein, Schwesterherz.“
„Verteidigst du mich etwa?!“ Sarah setzte sich abrupt auf. „Ich bin kein kleines Kind!“
„Ach?“ Thomas grinste sie von der Seite an. „Ja, das ist wohl wahr. Auch wenn du dich so benimmst. Und, meine Liebe, wann lernst du endlich, dass mich das überhaupt nicht beeindruckt?“
Sarah kroch auf den Knien zu ihm, nahm ihm die leere Schüssel weg, warf sie auf den Boden und packte seinen Kopf. „Du lügst! Du liebst mich!“
„Mag sein.“ Er befreite sich aus ihrem Griff und richtete sich auf. „Du spielst wieder deine Spielchen. Wird Zeit, damit aufzuhören.“
„In Ordnung!“ Sarah sprang auf und verlor dabei endgültig ihren Umhang. Sie stand nun splitternackt vor ihm. „Dann schlag mich! Schlag mich, ins Gesicht! Los, ich befehle es dir!“
Katharina betrachtete die vor Erregung bebende junge Frau entgeistert. „Hat sie das öfter?“
Thomas zuckte mit den Schultern. „Das ist Teil ihres Spielchens.“ Dann schlug er zu – fest genug, dass Sarah auf das Bett fiel. Sie hielt sich die Wange, wo seine Hand sie getroffen hatte, und starrte ihn ungläubig an.
„Du hast es wirklich gewagt?“
„Das ist die Abkürzung“, erwiderte er ruhig. „Und jetzt zieh dich an.“
*
Anoa musterte die verweinten Augen ihrer Enkelin, war aber erfahren genug, um kein Wort darüber zu verlieren. Sie schenkte allen Tee ein, bevor sie sich in ihrem Stuhl zurücklehnte.
„Lord Dargk“, begann sie gedehnt, „wird euch helfen. Allerdings ist der Weg zu ihm nicht einfach. Ihr werdet die Hängebrücken von Heyges überqueren und wahrscheinlich auch Veglö passieren müssen. Vielleicht schafft ihr es auch ohne eine Begegnung, obwohl ich das nicht glaube.“
„Und wenn ich nicht zu diesem … Lord Dargk will?“, fragte Sarah provozierend.
„Jede gute Idee ist willkommen“, antwortete Anoa. Sarah presste die Lippen zusammen und schwieg. Lächelnd nickte Anoa und wandte sich dann an Thomas. „Lord Dargk ist ein mächtiger Mann, aber auch er wird Oluar nicht angreifen wollen. Ich bin mir sicher, dass er eine Idee haben wird, die euch hilft.“
„Warum sollte er uns helfen wollen?“, stellte Thomas die entscheidende Frage.
„Nun, sagen wir, er tut das mir zuliebe.“
„Ha!“, rief Sarah triumphierend. „Er ist verliebt in dich!“
„Er war es mal, ja“, erwiderte Anoa nachdenklich. Sarah biss sich verärgert auf die Unterlippe, als ihr klar wurde, dass sie die Gefühle ihrer Großmutter verletzt hatte. „Ob er das noch ist? Ich glaube nicht. Trotzdem wird er mir so eine Bitte nicht abschlagen. Außerdem mag er Oluar sicher nicht.“
„Was ist dieser Lord Dargk eigentlich?“ Thomas fand die Unterhaltung ermüdend, aber er hütete sich, seine Ungeduld allzu offensichtlich zu zeigen.
„Er ist der größte noch lebende Hexenmeister.“ Thomas hatte so eine Antwort erwartet und war nicht überrascht. Er gewann allmählich die Überzeugung, dass ihn gar nichts mehr überraschen konnte. „Nachdem der Rat uns wegen Kylas Liebe zu Seun verbannt hatte, verbrachte ich einige Jahre bei Lord Dargk und folgte dann schließlich meiner lieben Tochter hierher.“
„Wieso? Du hättest doch bei ihm bleiben können. Mama war auch bis dahin ohne dich ausgekommen. Ähm …“ Sarah wurde rot und biss sich erneut auf die Unterlippe. „Entschuldige, ich weiß heute nicht, was ich rede.“
„Nur heute?“ Thomas bereute seine Worte sofort, aber ungeschehen machen konnte er sie nicht. Sarah starrte ihn an und wirkte wirklich verletzt. Er atmete tief durch und sagte: „Tut mir leid.“
„Scheiße“, sagte Katharina seufzend. „Das wird ja eine lustige Reise.“
Sarah wischte sich hastig die Tränen ab und wandte sich an ihre Großmutter: „Also, warum?“
Anoa starrte scheinbar ins Nichts und antwortete erst nach einigen Minuten der Stille langsam: „Unsere Liebe war nicht stark genug.“
„Das verstehe ich nicht. Ihr habt euch nicht mehr geliebt?“
„Oh doch“, erwiderte Anoa. „Wir haben nie aufgehört uns zu lieben. Aber Liebe ist nicht die einzige Kraft des Universums.“
„Und?“, fragte Sarah. „Wie geht es weiter?“
„Gar nicht.“ Anoa erhob sich. „Ihr solltet schlafen, denn auf der Reise werdet ihr das selten tun können. Ich gehe einige Besorgungen machen. In der nächsten Nacht werdet ihr aufbrechen.“ Damit verließ sie den Raum.
„So kann man gleichzeitig viel und nichts sagen“, stellte ­Katharina staunend fest.
„Meine Begeisterung kennt keine Grenzen“, sagte Sarah säuerlich. „Wann ist eigentlich die nächste Nacht?“
„Nach diesem Tag.“ Thomas duckte sich blitzschnell unter Sarahs Hand hinweg. „Erst küsst du und dann schlägst du mich? Kein echter Mann kann eine Frau verstehen.“
Sarah räusperte sich und richtete sich auf. „Na schön. Ich bin ja kein Kind mehr. Packen wir also unsere Sachen zusammen!“
Katharina verkniff sich eine bissige Bemerkung. Wie es aussah, würden sie eine ganze Weile zusammen unterwegs sein, da war es besser, keine vermeidbaren Spannungen zu kultivieren.
Gemeinsam machten sie sich also daran, ihre wenigen Habseligkeiten zu packen.

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Leseprobe: Himmelsstaub – gefangen im Koma (2)

Leichte Übelkeit steigt in mir hoch. Komisch. Was ist das?
Langsam erwache ich aus einem Traum, dessen Inhalt wieder viel zu schnell verdämmert. Ich war wieder jung. Irgendwas mit der Schule. Vokabeln nicht gelernt. Deutscharbeit. Text wieder nicht gelesen. Examen. Ich glaube, keine Ahnung mehr zu haben. Von nichts. Oder war das der Traum von gestern? Wie ging es noch weiter? Alles verschwimmt von meinem Traum und ich versuche, es festzuhalten. Es ist weg.
Draußen dämmert es ganz langsam. Homers ‚Rosenfingrige Morgenröte‘ lächelt durch unser Schlafzimmerfenster. Auf der Fichte davor begrüßt die Singdrossel wie jeden Morgen fröhlich lockend den jungen Tag. Wie kitschig das klingt! Aber manchmal sind die Wunder der Natur so bezaubernd und schön, dass man sie gemalt oder beschrieben, sogar fotografiert als kitschig bezeichnen würde. Da sind mir besonders die Sonnenuntergänge in Namibia in Erinnerung. Auf Fotos würde man sie nicht für echt halten.
Mist. Der Traum ist weg. Vielleicht kommt er zurück, wenn ich noch mal versuche, einzuschlafen.
Wieder diese Übelkeit. Leichter Brechreiz. Wird wohl wieder verschwinden.
Ich döse vor mich hin, bald muss ich sowieso aufstehen. Ich höre Gabi, meine Frau, schon emsig hin und her laufen. Der Föhn geht wieder los, wie eine Boeing.
Was ist nur mit mir los? Mir ist so komisch. Ach Quatsch!
„Gustav, komm Herrchen wecken!“, höre ich Gabi sagen. Schon spüre ich, wie mein Hund Gustav zu mir ans Bett getrappelt kommt und mir freudig durchs Gesicht leckt. Guten Morgen, mein allerbester Freund!
Meine Beine kribbeln. Ich versuche aufzustehen. Irgendwie fehlt mir die Kraft. Verrückt. Schlafe ich noch? Träume ich noch? Ich mache die Augen zu und versuche, an etwas Schönes zu denken.
So etwas wie Angst steigt in mir hoch. Nicht verrückt machen! Ich habe Herzklopfen. Verdammt! Ich stehe jetzt einfach auf. Keine Panik aufkommen lassen. Sag ich meinen Patienten doch auch immer. Anderen einen Rat geben ist aber leichter, als selbst danach zu handeln. Einfach aufstehen und alles ist weg!
Ich werfe die Bettdecke zur Seite und stehe auf. Geht doch. Kein Kribbeln mehr. Kraft für zwei. War doch auch gerade noch beim Kardiologen. Alles okay. Bin topfit. Ich beuge mich zu meinem Hund hinunter und schmuse ausgiebig mit ihm, wie jeden Morgen. Vor Freude kriegt der sich gar nicht mehr ein. Wuselt um mich herum wie verrückt, bevor er sich wieder, mit sich und der Welt zufrieden, in seinem Körbchen einrollt.
Shari, seine Oma, fast 17 Jahre alt, stocktaub, aber sonst noch recht fit für ihr Alter, verschläft wieder mal den Morgen, am liebsten den ganzen Tag, bis ich sie vorsichtig anschubse und wecke. Etwas unwirsch schaut sie mich an und wedelt pflichtgemäß leicht mit dem Schwanz. Sie leckt einmal kurz meine Hand, schiebt den Kopf wieder unter die Pfoten und döst weiter.
Auf ins Bad. Ich drehe schon mal die Dusche auf, weil es immer etwas dauert, bis warmes Wasser kommt, und beginne, mich zu rasieren. Der Rasierapparat fühlt sich irgendwie schwerer an. Ich schaue in den Spiegel. Nein, ich sehe aus wie immer. Nichts ist anders. Oder ist der Mund links etwas schief? Blödsinn! Ich rasiere mich fertig und gehe duschen. Irgendwie kribbelt mein Bein. Das rechte? Das linke? Einbildung. Duschgel. Einseifen. Shampoo auf den Kopf. Abduschen. Fertig. Raus aus der Dusche. Abtrocknen.
Jeden Morgen dasselbe. Routine. Automatische Abläufe. Automatismen. Mehr unbewusst macht man das alles. Heute scheint das alles irgendwie in Zeitlupe abzulaufen. Warum nur?
Ich schaue auf die Uhr. 7:45 Uhr. Habe noch Zeit. Ich ziehe mich an. Meine Frau legt mir immer alles hin. Brauche ich nicht zu überlegen, was ich anziehen soll. Nach Gabis Meinung verstehe ich da eh nichts von und würde mir nicht zusammenpassende Sachen anziehen. Okay. Mir ist es gleich. Ist auch ganz praktisch, diese Regelung.
Ich wecke Shari noch mal, Gustav steht schon an der Tür. Wir gehen hinunter. Shari muss ich manchmal dabei helfen, die Treppe hinauf- und hinunterzukommen. Wenn sie zu lange gelegen hat, ist sie noch etwas wackelig und rutscht dann schon mal die Treppe ein Stück hinunter. Ich lasse die beiden in den Garten. Kurze Zeit später stehen sie aber wieder in der Küche, legen sich auf ihre Decke und schauen mich erwartungsvoll an. Gleich gibts ja Futter. Nein, vom Frühstückstisch gibt es, von mir zumindest, nichts. Meine Frau sieht das manchmal anders.