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Leseprobe: Als der Sensenmann ins Stolpern geriet

Die Wahrheit.
Seit zweitausend Jahren ist sie auf dem Weg und sie ist nicht aufzuhalten. Also öffne dich doch einmal für Neues und fühle hinein. Beschäftige dich mit diesen Lehren und gib ihnen eine Chance. „Okay, ich gebe ihnen eine Chance“, antwortest du jetzt vielleicht, „aber diese Welt soll nur ein Traum sein? Sie fühlt sich so real an. Dies hier ist doch wirklich, oder?“
Mmmh, natürlich kommt es dir so vor, als erlebtest du diese Welt hier tatsächlich. Doch wenn du in deinem Bett liegst und schläfst, dann träumst du doch auch oft etwas. Du träumst und hältst es in dem Moment für real, oder nicht?
Wenn ich dir nun im Traum auf die Schultern tippen würde und dir sagte, es sei nicht wirklich, sondern nur ein Traum, würdest du mir dann glauben?
Nein. Und warum nicht? Weil du den Traum für die Wirklichkeit hieltest. Du würdest mich als Außenstehenden, quasi deinen persönlichen Wecker, nicht erkennen und mich in deinen Traum hineinbasteln. Genauso, wie du während des Träumens den Traum für real hältst, genauso hältst du dein Leben hier auf Erden für real. Und genauso, wie du morgens nach dem Erwachen über den Traum lachst, wirst du einfach nur froh sein, wenn die Illusion dieser Welt endet und du zur Wirklichkeit erwachst.
So, und nun schließt sich der Kreis.
Den Tod gibt es nicht. Wie kann er auch real sein, wenn diese Welt nicht real ist? Wenn dies alles ein Traum ist, dann ist der Tod ein Teil des Traumes. Genau so verhält es sich auch mit der Geburt. Auch sie ist nur ein Teil des Traumes. Sie ist der Anfang eines neuen Traums, wie der Tod das Ende dieses einen Traums darstellt. Bevor der Mensch zur Wirklichkeit erwacht, scheint er viele Träume zu haben. Immer wieder, solange, wie es eben dauert, bis er aufwacht.
Als ich das erste Mal diese Zusammenhänge begriff, kam große Freude in mir auf. ‚Denn wenn alles nur ein Traum ist‘, dachte ich, ‚muss ich nicht mehr alles so ernst nehmen und mich verrückt machen. Meine Probleme sind dann nicht wirklich Probleme, sondern dienen einzig dem Zweck, mich weiterzuentwickeln, innerlich zu wachsen und mich zu befreien.‘
Wer das bei sich selbst erkennt, der sieht es auch bei seinen Mitmenschen. Angewohnheiten wie Mitleid zu haben, das eigene Helfersyndrom auszubauen und die Welt zu retten, werden endlich aufgegeben.
Was bleibt, ist warme, zärtliche Nächstenliebe.
Natürlich kann ich für meine Brüder da sein und ihnen helfen, der Dunkelheit zu entrinnen. Meine Freundin, die voller Verzweiflung und Furcht ist, kann ich liebevoll im Arm halten und ihr von dem wundervollen Licht erzählen, das in ihr wohnt. In der Gegenwart meiner Eltern rede ich so selbstverständlich vom ewigen Leben und der strahlenden Wirklichkeit, die uns erwartet, dass sie ihre Gedanken an den Tod immer mehr fallen lassen. Meine Kollegin, die bisher allem ablehnend gegenüberstand, was mit positivem Denken zu tun hatte, erzählt mir ihre Probleme und ich höre einfach nur zu. Während sie spricht und ich in meinen inneren Frieden hineinfühle, sie gedanklich in meinen Armen halte, wird sie immer ruhiger und kann eine klare Entscheidung treffen.
Und so ist es mit vielen Menschen, denen ich begegne.
Sie lassen sich mehr und mehr auf den Frieden ein, den ich ausstrahle. Die Menschen spiegeln mir ihre Dankbarkeit und Freude zurück. Ein gegenseitiger Austausch von beglückender Energie, genannt Liebe, beginnt. Und das erst zeigt mir, wer wir sind. Das lässt mich unsere Einheit erkennen.
Ich denke manchmal an die Fackelläufer bei der Olympiade. So ähnlich und doch anders ist es mit unserem inneren Licht, unserer göttlichen Erkenntnis. Einige erkennen den Ursprung ihres Seins und entzünden ihr Licht an der ewigen Flamme der Liebe Gottes. Nun wird das Licht weitergetragen und jeder, der in Berührung mit diesen heiligen Fackeln kommt, entzündet sein eigenes Licht daran. Ihn erfasst eine große Freude und das Verlangen, die Erkenntnis der ewigen Liebe weiterzugeben.
Und genau so dehnt sich die Wahrheit aus. Genau so erfasst dieses heilige Licht die Welt und lässt alle Dunkelheit vergehen. Wenn dieses Licht auch das letzte Fragment unserer Einheit erreicht hat, erwachen wir aus diesem Traum.
So so, denkst du nun. Alles ist nur ein Traum. Alles, was in den Nachrichten berichtet wird, ist nur ein Traum. Das Zugunglück, der Vulkanausbruch, der Krieg, die Überschwemmung, der Mord und die Massenkarambolage.
Ja. Es ist ein Traum. Von der universellen Ebene aus betrachtet ist es ein Traum. Das Problem hierbei ist nur, dass sich die wenigsten Menschen der wirklichen Ebene bewusst sind und sich sehr wohl an diesen äußeren Umständen beteiligt fühlen. Und wenn sie nicht nur Zuschauer, sondern persönlich betroffen sind, ist es noch schwieriger, das Ganze als Traum zu erfassen.
Der Backenzahn schmerzt einfach höllisch, die Fünf in Mathe steht rot angestrichen unter der Klassenarbeit und ist nicht zu übersehen. Das Auto hat eine Panne und wir stehen hier am Straßenrand und warten auf den Abschleppdienst. Die Stromrechnung lag heute im Briefkasten und enthält die Aufforderung, eine satte Nachzahlung zu leisten. Der Ehemann hat gebeichtet, er sei fremdgegangen und der Orthopäde hat gesagt, die Hüfte müsse erneuert werden, weil sie in einem desolaten Zustand sei.
Alles ein Traum?
Wenn ich nachts schlafe, träume ich auch die Gefühle, die den Traum begleiten. Ich habe dann Angst. Ich fühle dann Schmerz. Ob Traurigkeit, Verzweiflung oder körperliche Einschränkungen. Es ist alles so, als sei es real und ich merke erst, dass ich geträumt habe, wenn ich aufgewacht bin.
Das gerade jetzt erinnert mich an den Besuch meines Großvaters vor langer Zeit.
Opa war gekommen.
Mein kleines Mädchenherz hüpfte vor Freude. Er beugte sich zu mir herunter und nahm mich auf seine starken Arme. Wie groß er war, wie beschützend. An seine breite Brust geschmiegt kaute ich schon an der mitgebrachten Schokolade. Opa roch so gut. Ein herrlicher Duft war es, nach Rasierwasser und Zigarre. Vor allem der Zigarrengeruch war typisch. Das war mein Opa, niemand anders roch so gut wie er. Er streichelte meinen Kopf und fragte: „Na, meine kleine Prinzessin, wie geht es dir?“ Dabei schaute er mich liebevoll an und hörte meinem Geplapper aufmerksam zu. Zwischendurch lachte er. Die Fältchen um seine Augen tanzten hin und her und die Augen blitzten vergnügt.
Alle gingen ins Wohnzimmer, um miteinander Kaffee zu trinken. Opa setzte sich und nahm mich auf seinen Schoß. Und wir spielten das Spiel: Hoppe, hoppe, Reiter …
Mama sagte: „Vater, lass doch diesen Unsinn hier bei Tisch!“
Aber wir spielten. Und ich hüpfte hoch und höher, sah das fröhliche Lachen Opas und lachte mit. Mein Opa, wie sehr ich ihn liebte. Das waren meine Gedanken. Wilder und wilder ging es, und als der Reiter „plumps“ machte, durchzuckte es mich im ganzen Körper und ich wachte auf.
Ich lag in meinem Bett, schaute mich um und registrierte jetzt erst, dass alles ein Traum gewesen war. Ich sah den Wecker, der gleich klingeln würde. Ich würde gleich meine Kinder wecken, ihnen Frühstück machen und dann selbst zur Arbeit fahren. Und Opa? Opa war schon seit über dreißig Jahren nicht mehr unter uns.
Oder doch? Ich schnupperte.
Da war es. Ein unverwechselbarer Geruch lag in der Luft. Zigarre, ganz eindeutig Zigarrenduft.
Ich lächelte.
Es ist ganz wichtig zu erkennen, dass die äußeren Dinge einfach ein Produkt unserer geistigen Aktivität sind. Die Ursache liegt immer in den Gedanken und die Wirkung ist dann außen zu sehen. Wir Menschen verhalten uns, als sei es genau umgekehrt. Wir reagieren auf die Dinge da draußen und versuchen sie dort, wo wir sie sehen, zu verändern. Das kann doch gar nicht klappen.
Stell dir mal vor, du sitzt im Kino. Deine Gedanken sind die Filmspule im Projektionsraum. Die Welt, die du siehst, ist das Geschehen auf der Leinwand. Bevor du das Kino betreten hast, hast du beschlossen zu vergessen, dass es nur ein Film ist. Damit du mehr Genuss hast und stärkere Gefühle spüren kannst, hast du dich darauf eingelassen, diesen Film als real anzusehen und dich selbst als einen Teil davon.
Nun siehst du vielleicht einen „Film“, in dem „action“ in blutrünstigsten Farben gezeigt wird. Er handelt von Elend, Mord, Verfolgung und fürchterlicher Angst. Im tiefsten Inneren weißt du, dass der Film vermutlich ein Happy End hat und du dich nicht wirklich sorgen musst. Du weißt, dass der Film auch mit grausigem Ende nichts bewirken kann, weil es ja nur ein Film ist.
Doch du bist so gefangen in diesem Film, du hast dich den Illusionen so hingegeben, dass du in diesem Moment wirklich Angst hast. Du gruselst dich und erzitterst vor der Grausamkeit dieser Welt und nimmst nicht mehr wahr, dass du nur in einem Kino sitzt und auf eine Leinwand schaust. Den anderen Kinobesuchern ergeht es genauso. Sie zittern vor Angst, klagen und lassen ihrer Ablehnung freien Lauf. Du bleibst wie erstarrt sitzen und erträgst all das Leid. Vielleicht schaust du weg oder hältst dir die Ohren zu. Die ganz Mutigen rennen zur Leinwand und versuchen mit aller Kraft die Personen, die Dinge und Situationen anders zu arrangieren, zu bekämpfen oder sie zu überreden, anders zu handeln. Genauso verhalten sich die Menschen in dieser Welt. Entweder versuchen sie durchzuhalten oder sie schauen weg.
Die Mutigen werden zu Menschen, die die Leinwand bekämpfen. Sie klagen die Zustände an und organisieren sich gegen andere Organisationen. Sie kämpfen gegen Krebs, gegen Aids, gegen den Hunger, gegen Korruption und Terror. Sie bemängeln Politiker, Wirtschaftsbosse, den Fortschritt oder die Medizin. Sie sind zu einem Instrument des Urteilens geworden.
Das ist ein bisschen wie bei Don Quichote, der gegen die Windmühlen kämpft, findest du nicht?
Dieses Verhalten ist nicht nur sinnlos, es fördert sogar die negativen und unliebsamen Erscheinungen. So entsteht durch Ablehnung, Widerstand und Aufmerksamkeit mehr und mehr scheinbares Leid auf der Leinwand, ein Teufelskreis, aus dem die Welt und die Kinobesucher kaum noch herausfinden.
Wie wäre es denn, mal etwas völlig anderes zu tun? Wenn dir der Film nicht gefällt, den du in deinem persönlichen Kino siehst, dann steh einfach auf, geh in den Projektionsraum und lege einen neuen Film ein. Das kannst du jederzeit. Von jetzt auf gleich.
Nimm einen schönen, liebevollen Film, der bunt und fröhlich ist. Einen Film, der alle verbindet und niemanden ausschließt. Das ist wirklich Mut, denn am Anfang wirst du belächelt werden. Manche Leute werden über dich den Kopf schütteln und deine Denkweise und dein Handeln kritisieren. Doch du wirst wissen, dass es der richtige Weg ist und das allein reicht aus, die Zweifelnden und Zauderer ins Licht zu holen. Sie werden alle kommen. Das ist sicher.
Und so hüpfe ich als Joy mit einer beglückenden Filmspule durch dieses Leben und nehme das bewusst wahr, was sie auf die Leinwand projiziert. Ich liebe mich und alle Menschen, bin offen und empfangsbereit für alles Gute in der Welt. Meine Mitmenschen umgeben mich mit Wärme und Vertrauen, sodass ich die Einheit spüren kann. Ich sehe nur die Liebe und sonst nichts.
Das Leben ist herrlich und diesen Traum empfinde ich inzwischen als glücklichen Traum. Wir sind nur einen Schritt von dem Erwachen in die Wirklichkeit entfernt und können jetzt ruhig und gelassen warten, bis alle so weit sind. Niemand muss sich anstrengen und niemand muss überzeugt werden. Es geht von ganz allein, weil wir eins sind und die liebevollen, heilsamen Gedanken sich in jedem ausdehnen werden. Wir gehen gemeinsam.
Ich bin voller Freude über uns.
Nun ja, wie du weißt, gab es bei mir auch andere Zeiten. Für die einen Menschen führt das Erleben von tiefem Leid in den vermeintlichen Tod, für andere führt der gleiche Umstand auf den Weg ins Licht, den sie vorher nicht kannten. Der Unterschied zwischen beiden Wegen liegt in der inneren Haltung des Einzelnen gegenüber seinem Zustand.
Ja, ich gebe zu, dass ich um Haaresbreite in die falsche Richtung gelaufen bin. Doch dazu später.
Die innere Haltung kann zum Beispiel bei zwei Menschen, die genau die gleiche Krankheit haben, zwei völlig unterschiedliche Wirkungen haben.
Während einer Reha-Maßnahme vor einigen Jahren lernte ich zwei Frauen kennen, mit denen ich mich anfreundete. Im Dreierpack unternahmen wir gemeinsam Ausflüge, gingen schwimmen oder machten einen Stadtbummel. Margarete und Birgit hatten die gleiche Erkrankung, Brustkrebs.
Beiden wurde gesagt, dass sie gute Chancen zur Heilung hätten. Für Margarete war die Diagnose Krebs ein Drama. Sie erzählte es in ihrem Freundes- und Familienkreis und machte es selbst überall zum Gesprächsthema Nummer eins. Wie wir erfuhren, beschäftigte sie sich intensiv im Internet mit den Heilungschancen dieser Erkrankung und ließ sich von den Niederlagen anderer ängstigen. Zu guter Letzt gründete sie eine Selbsthilfegruppe, in der die Krankheit Krebs besonders thematisiert wurde. Margarete ernährte sich absolut kontrolliert, begrenzt und eingeschränkt.
Sie gönnte sich null Spaß beim Essen und gestand sich auch sonst keinerlei Freuden mehr zu. Sie hatte sich völlig ihrem Leid hingegeben.
Birgit dagegen war ganz anders. Sie verdrehte oft genervt die Augen, wenn Margarete wieder ihre Leidensnummer zum Besten gab. Birgit hörte ich weder stöhnen noch mit ihrem Schicksal hadern.
Sie war offen, kommunikativ, lachte viel und flirtete mit den männlichen Kurgästen. Sie gönnte sich Wellnessmassagen, riesige Eisbecher mit Sahne und verwöhnte sich selbst mit allem, was ihr Freude bereitete. Während dieser Zeit trafen wir auf Rosi, die im Heilungszentrum eine Yogagruppe leitete. Rosi sah die Art und Weise, wie Margarete und Birgit mit ihren Erkrankungen umgingen und sprach uns an: „Meine lieben Mädels. Ich verrate euch mal ein Geheimnis und es ist eure Sache, was ihr daraus macht. Jede Krankheit ist nichts weiter als eine Wirkung von eigenen, falschen Überzeugungen und den daraus entstandenen, schlechten Gefühlen. Wer gesund werden will, muss seine innere Einstellung zum Leben und zu sich selbst ändern. Ganz einfach.“
Birgit hatte aufmerksam zugehört, genau wie ich. Nachdenklich lauschten wir dem Nachhall dieser Worte.
Margarete fing spöttisch an zu lachen: „Ja, wer´s glaubt, wird selig. Ganz einfach, sagst du? Ich finde es nicht gerade nett von dir, einem schwerkranken Menschen so etwas ins Gesicht zu sagen. Damit drückst du ja aus, dass jeder Kranke selbst an seiner Krankheit schuld ist.“
„Schuld hat niemand“, erklärte Rosi, „denn Schuld gibt es nicht. Aber, dass sich jeder seine Krankheit selbst erschafft, ja, das stimmt. Vor allem die Konzentration auf eine Sache erhält ihre Existenz und verstärkt sie. Wer eine Krankheit hat und dagegen ankämpft, sich dagegen wehrt oder sie ablehnt, der bekommt sie nur um so schlimmer.“
An Margarete gewandt sagte Rosi eindringlich: „Nimm den Krebs an, erkenne ihn als selbsterschaffen an, fühle gelassen hinein und lass ihn dann in Liebe frei. Dann kann er gehen.“
Margarete wurde nun richtig zornig und funkelte wütend mit ihren Augen: „Wie kannst du so etwas sagen? Du hast doch gar keine Ahnung, wie es sich anfühlt, wenn man die Diagnose Brustkrebs bekommt.“
Rosi blieb ruhig und sagte leise: „Doch, ich habe Ahnung. Ich hatte selbst im letzten Stadium Brustkrebs und alle Ärzte hatten mich aufgegeben. Meine Tochter schenkte mir ein Buch, das sich mit der Macht der Gedanken beschäftigte. Dieses Buch hat mich gerettet und mein komplettes Wissen auf links gedreht. Ich las es, nein, ich verschlang es geradezu und endlich verstand ich die Zusammenhänge. Ich wurde gesund. Heute gebe ich Kurse in Entspannungtechniken, in positivem Denken und leite Seminare, die die Macht der Gedanken erklären.“
Margarete nahm die Worte von Rosi nicht an und ging ihr fortan aus dem Weg. Birgit und ich trafen uns weiterhin noch einige Male mit Rosi und wir blieben auch nach der Kur noch in freundschaftlicher Verbindung. Monate später berichtete mir Birgit von ihrem Heilungserfolg. Sie ist heute gesund und lebt ein Leben voller Freude und Hingabe. So wie ich.
Was aus Margarete geworden ist, weiß ich nicht. Sie hat den Kontakt zu uns beiden schon lange abgebrochen.

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Leseprobe: Paternoster – Vom Auf und Ab des Lebens

Gevatter

Paternoster

„Der Tod kann sich das Leben nicht aussuchen, das er been­den muss“, so sagt es der Philosoph Manfred Hinrich. Wenn Gevatter Tod das doch nur beherzigen würde. Leider ist er beratungs­resistent.
Sicherlich hat er in diesen krisengeschüttelten Zeiten viel um die Ohren, Überstunden eingerechnet. Er ist ständig im Einsatz, auf der ganzen Welt unterwegs und stets bemüht seiner Profession gerecht zu werden.
Freunde wird er sich damit nicht schaffen. Und Dank, Dank schuldet ihm niemand dafür. Gleichwohl ist seine Arbeit vonnöten. Das sehe auch ich ein, fordere aber von ihm ein gewisses Quäntchen an Verantwortung und Empathie. Und daran mangelt es dem Tod.
Ich hatte ihn schon länger in Verdacht gehabt, zu schludern. Seine Unachtsamkeiten und Fehler konnten durch nichts entschuldigt werden, denn sie waren existentieller Art.
Es gab Listen, die der Tod abzuarbeiten hatte. Dezidiert stand darauf festgeschrieben, wer wann diese Erde zu verlassen hat. Es war dies die einzige Vorgabe, an die er sich zu halten hatte. Er tat es nicht. Er arbeitete schlampig und das war mehr als ärgerlich, das war tödlich.
Ich hatte geglaubt, den Tod zu kennen, war überzeugt, dass er kein Dummkopf sein konnte, doch die Zweifel in mir überwogen. Ich hegte den Verdacht, dass der Tod nicht lesen konnte, zumindest aber eine deutliche Leseschwäche aufwies. So sagte ich es ihm ins leere Gesicht. Natürlich stritt er es ab. Überzeugend war das nicht, zu viele Indizien sprachen gegen ihn.
Da gab es zum einen Menschen, die sich monatelang auf dem Sterbebett quälten, sich bereits in einer besseren Welt sahen, zumindest aber einer anderen Welt, und dann plötzlich wieder aufstanden, um ihre Lebenszeit abzuarbeiten. Andere ließ er in langer, schwerer Krankheit dahinsiechen, bis er sich endlich ­bequemte, tätig zu werden. Dann wiederum raffte er ganze Sippschaften, sogar Völkerstämme dahin, ohne dass dies rational nachzuvollziehen war.
In diesem Tun war kein Sinn erkennbar. Es schien, als ob er wahllos vorginge und in dem einen oder anderen Fall versuchte, Fehler zu vertuschen. Ich vermochte diese Korrekturversuche keiner höheren Macht zuzuschreiben. Nein, auf seine Selbstständigkeit hatte der Tod ja immer gepocht. Da gab es niemanden, der ihn hätte zurückpfeifen können. Er ­handelte auf eigenes Risiko, war Freiberufler. Er alleine war es, der so oder so handelte. Er war einfach überfordert, der Aufgabe nicht gewachsen.
Konnte das sein? Den einen holte er ohne Gnade, den anderen ließ er zappeln, bangen und hoffen, um dann doch vor ihn zu treten, mit der unmissverständlichen Aufforderung, endlich mitzukommen.
Nein, den Weltenlauf nach seinem Gutdünken zu verändern, stand ihm nicht zu.
Er hatte sich an die Liste zu halten. Jedem stand das Recht zu, diese Erde dann zu verlassen, wenn seine Zeit gekommen war. Niemand durfte bevorteilt oder benachteiligt werden. Dabei war es egal, wer die Liste erstellt hatte. Sie existierte und hatte gewissenhaft abgearbeitet zu werden, und zwar in der vorgegebenen Reihenfolge.

Ein heller, freundlicher Morgen bescherte mir Gewissheit, belegte endgültig die Unzulänglichkeiten des Todes.

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Leseprobe: Als der Sensenmann ins Stolpern geriet

Als der Sensenmann ins Stolpern geriet

Als Vierzehnjährige machte ich eine seltsame Erfahrung. Vorausgegangen war Folgendes: Ich war beim Rauchen erwischt worden.
Mein Vater ließ ein Donnerwetter vom Stapel, worauf ich völlig beleidigt seine Medikamentenbox plünderte und alle bunten Pillchen in mich hineinstopfte, die ich finden konnte. Einfach so. Ich weiß bis heute nicht, welcher Teufel mich in dem Moment geritten hatte, jedenfalls tat es mir wenige Minuten später schon leid. Vermutlich hatte es sich nur um harmlose Vitaminpräparate gehandelt, aber genau konnte man das ja nie wissen. Also beichtete ich meinem entsetzten Vater die spontane Handlung. Mein geplagter Vater schnappte mich sofort am Kragen und ließ mir im Krankenhaus den Magen auspumpen.
So weit, so gut.
Ich sollte eine Nacht zur Beobachtung im Krankenhaus bleiben. Schließlich wollte man auch meine psychische Verfassung im Auge behalten.
Niemand war sich sicher, ob meine Pillenaktion tatsächlich auf Selbstmordgedanken oder auf eine kindische Kurzschlussreaktion zurückzuführen war. Ich hatte meinem Vater eigentlich nur einen Schrecken einjagen wollen, damit er nicht noch mal so mit mir schimpfte. Das war alles.
Um mich mit der Holzhammermethode von weiteren Freitodversuchen abzuhalten, steckte man mich in das Zimmer einer Sterbenden. Die Krankenschwester erklärte kurz, dass die alte Frau wohl heute Nacht dahingehen würde.
„Dahin?“, fragte ich, „wohin dahin?“ „Na, ins Jenseits, du Dummerchen, wohin sonst. Da wärst du ja auch fast gelandet“, bekam ich die schnippische Antwort.
Das Jenseits, ich war mir nicht sicher, wie ich mir das vorstellen sollte. Ich war direkt etwas neugierig. Von einem Vorhang abgetrennt durfte ich dann dem schweren Röcheln und Stöhnen der alten Dame lauschen. Ich stand auf und warf einen Blick hinter den Vorhang. Die Sterbende richtete ihren Blick auf mich und lächelte leicht. Ich schloss den Vorhang, weil ich spürte, dass sie alleine bleiben wollte und ging wieder in mein Bett. Mit der Zeit atmete die Frau immer schwerer, schleppender und es hörte sich an, als koste es sie unendliche Mühe, Luft zu bekommen. Plötzlich war es still.
Jetzt war sie wohl dahingegangen.
Nach einigen Minuten des Gruselns, stand ich auf. Ich wollte wissen, wie eine Dahingegangene aussah. Als ich den Vorhang an die Seite schob, spürte ich einen warmen, streichelnden Lufthauch an mir vorbeigleiten, der mich lächeln ließ.
Ich schaute in das Bett der alten Frau und sah, dass sie weg war. Sie hatte nur ihre Hülle dagelassen.
Die Ansichten einiger Menschen über den Tod konnte ich nie teilen. Schon als Kind fand ich dieses Verhalten am Grab eines Verstorbenen sehr seltsam. Wenn meine Mutter mich mit zum Grab meiner Großeltern nahm, durfte ich nur leise sprechen und nicht herumhüpfen.
Wieso eigentlich?
Hatte Mama Angst, die Toten würden aufwachen, aus den Gräbern krabbeln und sich über den Lärm beschweren? Wusste sie denn nicht, dass Oma da gar nicht drin war? Es war doch bloß ihr Körper, mehr nicht. Wenn ich die Augen schloss, konnte ich Oma und Opa fühlen und mit ihnen sprechen. Sie sprachen auch zu Mama, aber sie hörte einfach nicht zu.
Vielleicht lag es daran, dass Mama immer ihre Augen offen hielt. „Mama, du musst die Augen schließen und die Ohren zusperren, dann kannst du sie sehen und hören und mit ihnen sprechen.“
Doch Mama hörte mir nicht zu. Sie zupfte und harkte voller Elan auf dem Grab herum. Zwischendurch schielte sie auch zu den Nachbargräbern und verglich die Dekorationen miteinander. Zum Schluss wurde der mickrige Sand vor dem Grab geharkt und in ein ansehnliches Zickzackmuster gebracht. Mama begab sich nun in eine betende Position, indem sie den Kopf senkte, die Hände faltete und einige Worte murmelte. Dann schaute sie hoch zum Himmel und sagte mit aller Deutlichkeit: „Bitte Gott, mach es Ihnen da oben so schön wie möglich.“
‚Da oben‘, dachte ich. ‚Wo oben? In der Luft, da, wo die Wolken sind oder zwischen den Flugzeugen? Da soll Gott sein? Oder noch weiter oben, irgendwo zwischen den Sternen? So ein Unsinn. Gott ist doch hier. Er ist in uns und wir sind in ihm. Das ist doch sonnenklar, oder?‘
Natürlich können die Menschen mit allen körperlosen Wesen kommunizieren, sie wissen es nur nicht. So laufen sie zum Friedhof, pflanzen Stiefmütterchen und starren das Grab an. Sie sind traurig und weinen. Ich denke, sie tun es aus einem Gefühl des Verlustes heraus und aus dem Bedürfnis, sich verbinden zu wollen.
Doch warum ausgerechnet dort, wo die Körper begraben werden? Da ist nichts mehr, absolut nichts. Wer sich verbinden will, der soll seine Trauer loslassen und nach innen gehen, denn dort findet er alles, was er sucht. Dann kann auch der Verlustschmerz gehen, weil man erkennt, dass nichts verloren wurde.
Oft sitzen die Hinterbliebenen zu Hause und schauen auf die Fotos, die auf der Kommode stehen und umgeben sie mit Kerzen und Blumen. Was dort steht, ist nichts anderes als ein Stück Papier, das von einem Rahmen umfasst wird. Wozu brauchen manche Menschen diese Erinnerungsstücke? Wissen sie denn nicht, dass sie sich nur an Bilder klammern, aber damit das Leben selbst und die Wahrheit verleugnen?
Ahnen sie denn nicht, dass sie damit die beglückende, liebevolle Kommunikation mit ihren Liebsten blockieren. Lasst eure Toten los, dann können sie wieder auferstehen und mit euch durchs ewige Leben tanzen. Sprecht mit ihnen, lacht mit ihnen und genießt eure Zärtlichkeit miteinander.
Das geht nicht?
Doch, das geht. Zärtlichkeit sind liebevollste Gedanken, die miteinander geteilt werden und das geht wunderbar ohne Körper. Du musst es nur einmal ausprobieren. Stell dir einfach jemanden vor, den du glaubst verloren zu haben. Denke intensiv an ihn, male ein inneres Bild von ihm. Das kannst du sehr gut, glaube mir. Du hast doch eine gesunde Vorstellungskraft. Nutze sie. Stell dir diesen Menschen als gesund, vital und fröhlich vor, ganz ohne Begrenzungen. So. Siehst du ihn? Sein Gesicht, seine Gestalt und seine Haltung? Ja? Siehst du auch das helle Licht, in das seine Gestalt getaucht ist?
Dann ist es gut.
Nun umarme ihn, küsse ihn, sag ihm, wie sehr du ihn liebst. Sag ihm all das, was du ihm schon immer anvertrauen wolltest. Frage ihn all das, was du fragen wolltest. Schau ihn an und streichle ihn mit deinen Gedanken. Er wird antworten und dir all seine Liebe geben. Er ist da. Er lebt wirklich.
Heute, nach vielen Erfahrungen und Begegnungen, bin ich zu der Überzeugung gekommen, dass es nur das eine wunderbare, ewige Leben gibt.