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Leseprobe: Himmelsstaub – Gefangen im Koma

Himmelsstaub – gefangen im Koma

Ein sonniger Tag! Ich habe gerade mein Brötchen mit Leberwurst und viel Zucker darauf gegessen und jetzt gehts ab in den Garten.
Ich bin 5 Jahre alt und darf noch nicht zur Schule. Gemein. Mein Bruder darf schon. Der ist knapp 3 Jahre älter als ich. Mann, war ich neidisch, als der zur Schule gehen durfte und so eine tolle Schultüte bekam mit vielen Süßigkeiten und so drin! Ich bekam damals aber auch eine. Kleiner zwar, aber sie hat mich ein wenig getröstet. Wir bekommen immer etwas geschenkt, wenn der jeweils andere Geburtstag oder Namenstag hat. Meine Eltern wollen keinen Neid zwischen uns und wir findens prima.
Zuerst gehe ich zum Sandkasten. Heute ist kein Kindergarten. Toll. Geh ich sowieso nicht gerne hin. Der Sand stinkt. Hat wieder eine Katze reingeschissen. Wenn ich die erwische! Ich grabe das mit meiner kleinen Schaufel aus und bringe es zur Mülltonne. Muss ich fast jeden Tag machen. Der Sand wird immer weniger! Papa wird mir bestimmt bald wieder neuen besorgen.
Unser Garten in Grevenbroich ist ein wahres Kinderparadies. Eine große Hoffläche mit festgefahrenem Kies zwischen dem schweren Eisentor zur Straße und den am Ende des Grundstücks liegenden Garagen.
Hier kann man klasse mit dem Fahrrad fahren. Rechts davon ist, durch eine niedrige Mauer getrennt, über die man laufen und springen kann, der eigentliche Garten mit Wiese und Bäumen, Sträuchern und Blumenbeeten. In einer Ecke leben in einem Stall unsere Meerschweinchen.
Wir haben auch Zwerghühner, eine kleine Ziege und eine Voliere mit Wellensittichen und Kanarienvögeln, die auch oft Junge haben.
Im letzten hinteren Teil des Grundstücks ist noch die Hauptattraktion, ein Bunker aus dem Krieg, wie Papa immer erzählt. Was Krieg genau ist, hab ich aber nicht verstanden. Der Bunker ist jedenfalls das Größte! Man kann drumrum laufen, wobei es an der Seite zum Nachbarn sehr eng ist. Gerade deshalb macht es so viel Spaß. Man kann auch mit etwas Mühe hinaufklettern und drüberlaufen. Ist aber viel höher, als meine kurzen Arme reichen. Zu zweit geht es besser. Vom Fahrrad aus klappt es manchmal auch. Man fällt dabei auch schon mal. Das ist nicht schlimm. In den Bunker hinein dürfen wir nicht. Hat man uns verboten. Es gibt eine Eingangstür. Die hab ich aber noch nie ganz aufgekriegt, nur einen Spaltbreit, sodass ich mich grade durchzwängen konnte. Da geht es eine kleine Treppe runter, allerlei Gerümpel liegt da und dann kommt noch eine verrostete Eisentür. Dahinter liegt das Geheimnis! Ich kriege die Tür aber selbst mit all der mir als Fünfjährigem zur Verfügung stehenden Kraft nicht auf. Mist. Irgendwann wirst du mir nachgeben müssen, verdammte Tür. Ist aber ja eh verboten.
Eine zweite Einstiegsmöglichkeit ist ein kleiner viereckiger Turm auf der anderen Seite des Bunkers. Da kann man sich mit sehr viel Kraftanstrengung hochziehen und steht dann auf einem kleinen Podest. Da ist eine Eisenplatte vor einer Öffnung. Die ist wackelig und lässt sich etwas bewegen. Aber nur etwas. Dann klemmt sie so fest, dass man auch hier nicht weiterkommt. Wirft man einen Stein durch den Spalt, hört man ihn kurz darauf in Wasser platschen. Klingt wie in einer Höhle. Hmm. Ist wohl tief. Sicher doch gefährlich. Irgendwann, Bunker, werd ich dich ganz erobern! Später. Warum reizt das einen so? Weil es verboten ist?!
Noch ein tolles Spielzeug ist unsere Teppichstange im Garten. Sehr, sehr hoch. In der Mitte ist eine Schaukel dran. Macht auch Spaß. Toller aber ist es, die Stange hinaufzuklettern und dann langsam wieder herunterzurutschen! Wie das so süß kribbelt! Zwischen den Beinen, bis ganz oben in den Bauch. Genau am Pipimann aber am stärksten. Kann ich immer wieder machen. So ein tolles Gefühl. Wo kommt das her? Immer wieder. Das Gefühl wird immer stärker und süßer. Nach zehnmal rauf und runter an der Stange hat man aber keine Kraft mehr. Schade!
Von der Mülltonne aus gehe ich nicht sofort zum Sandkasten zurück, obwohl ich für heute da ein größeres Bauwerk geplant hatte. Hat Zeit. Ich hab ja noch den ganzen Tag. Ich laufe über die kleine Wiese, auf der nicht allzu große Apfelbäume stehen. Plötzlich sehe ich etwas durchs Gras hüpfen. Ein kleiner Spatz!
Den muss ich fangen! Ich bücke mich langsam und krieche auf allen Vieren langsam auf das Vögelchen zu. Es duckt sich. Als ich die Hand danach ausstrecke, macht es sich noch kleiner, legt den Kopf zurück und sperrt den Schnabel auf. Es piepst laut. Hat sicher Hunger, denke ich. Ich nehme es vorsichtig in die Hand. Es bleibt mit aufgerissenem Schnabel leicht zitternd in meiner kleinen Hand geduckt sitzen. Neben mir liegt ein ziemlich großer Stein am Rand der Wiese im Blumenbeet. Da ist bestimmt ein Wurm drunter! Mit einer Hand kriege ich den Stein nicht gedreht. Mist! Ich setze mich auf den Hintern und drücke fest mit beiden Beinen dagegen. Geschafft! Tatsächlich! Ein riesengroßer Regenwurm liegt da und will schnell in der Erde verschwinden. Ich bin aber schneller, erwische ihn gerade noch und ziehe in aus seinem Loch. Hm. Der ist aber lang! Egal. Ich halte ihn dem Spatz in den geöffneten Schnabel. Der fängt auch tatsächlich an, den Wurm zu schlucken. Dann aber würgt er ihn wieder aus. Keinen Hunger, kleiner Spatz? Ich versuche es noch mal. Der Schnabel bleibt jetzt aber fest geschlossen. Na gut. Wenn du keinen Hunger hast!
Ich stecke den Wurm in die Hosentasche. Vielleicht mag er ihn ja später. Ich stehe auf und gehe mit meinem kleinen neuen Freund zum nächsten Apfelbaum. Ich schaue nach oben. Da muss doch irgendwo das Nest sein. Vielleicht kann ich ihn da wieder reinlegen. Kein Nest zu sehen. Auch in den anderen Bäumen nicht. Doof. Irgendwo muss er doch rausgefallen sein. Ich suche überall. Nichts. Egal. Dann zieh ich dich groß!
Der kleine Vogel hat noch nicht viele Federn, aber doch schon einige. Der muss ja auch das Fliegen sicher noch lernen, überlege ich. Und wenn der keine Mama mehr hat, muss ich es ihm beibringen. Also auf den Baum mit uns beiden. Ist gar nicht einfach mit einer Hand, aber ich hab ja eine große Tasche in meinem Hemd. Muss ich nur aufpassen. Ich stopfe den kleinen Kerl in meine Hemdentasche und schon bin ich auf dem ersten großen Ast angekommen.
So, kleiner Piepmatz, jetzt kommt der erste Flugunterricht! Ich hole ihn vorsichtig aus meiner Tasche, nehme ihn in die flache Hand und werfe ihn leicht nach oben von mir weg. Hui! Der Spatz schlägt einmal kurz mit den wenig befiederten Flügeln, dreht sich in der Luft einmal um sich selbst und trudelt im Sturzflug zur Erde. Das war aber noch nicht besonders gut! War ja auch der erste Versuch. Fliegen lernen dauert sicher länger! Ich springe vom Baum und nehme ihn wieder in meine Hand und stecke ihn in die Tasche. Wieder rauf auf den Baum. Diesmal etwas höher. Das ist sicher besser zum Fliegenlernen. Ich werfe ihn wieder von mir weg. Etwas höher als beim ersten Mal.
Wieder fällt er fast wie ein Stein zur Erde. Verdammt. Ist der zu dumm oder mach ich etwas falsch? Noch ein Versuch. Aller guten Dinge sind drei, sagt Mama immer. Noch höher klettere ich. Weiter trau ich mich nicht. Ganz schön hoch. Jetzt aber, kleiner Spatz! Danach machen wir dann mal Pause.
Etwas kräftiger werfe ich ihn abermals weit von mir, ganz vorsichtig. Als ob ich einen Ball geworfen hätte, plumpst er, ohne auch nur den Versuch gemacht zu haben, mit den Flügeln zu schlagen, in den ‚Robobembom‘ Strauch. Mama nennt den so. Komischer Name. Sollen wir nicht kaputtmachen. Wo ist der Spatz? Ah! Da hängt er ja im Strauch. Er lässt den Kopf so merkwürdig hängen. Ist ihm schlecht? Er rührt sich nicht mehr. Die Äuglein halb geöffnet, schaut er mich so traurig an. Ich hole den Regenwurm aus der Hosentasche. Dann freut er sich bestimmt. Ich halte ihn ihm vor den Schnabel. Nichts. Er holt noch mal tief Luft. Dann liegt er ganz still in meiner Hand. Schnell laufe ich durch das Büro meines Vaters die Treppe rauf.
„Mama, Mama, guck mal schnell. Der kleine Spatz ist sicher krank. Was hat er nur?“
Mama nimmt den Spatz, betrachtet ihn und sagt: „Ich glaube, Hänschen, der ist tot!“
„Aber ich wollte ihm doch nur das Fliegen beibringen“, weine ich lauthals los.
„Das kann man doch nicht“, sagt Mama und nimmt mich auf den Schoß. „Und verhungert wäre er auch. Wenn die Vogelmama sich nicht kümmert, müssen die sterben. Du hast es sicher gut gemeint. Das nächste Mal wartest du aber erst mal ab. Manchmal kommen die Vogeleltern zurück und kümmern sich, auch wenn so ein Baby aus dem Nest gefallen ist. Geh jetzt und begrab ihn im Garten!“
Schluchzend nehme ich das Vögelchen vorsichtig wieder in die Hände und gehe traurig zurück in den Garten. Ich mache mit der Schaufel ein kleines Loch und lege ihn vorsichtig hinein.
„Schade, kleiner Freund. Ich hätte dich so gerne großgezogen.“ Ich fülle die Erde wieder auf ihn. Dann suche ich zwei kleine Stöcke, binde sie mit einem Stück Kordel – hat man ja alles in der Hosentasche – zu einem Kreuz und stecke es in die Erde. Der Regenwurm ist ja auch noch in meiner Tasche! Ich lege ihn wieder an die Stelle unter dem Stein. Langsam kriecht der wieder zurück in sein Loch. Wenigstens der lebt noch. Während ich den großen Stein wieder umdrehe, höre ich laut ‚tatütata-tatütata‘. Aufgeregt laufe ich zum Straßentor. Das ist bestimmt die Feuerwehr! Das riesengroße rote Auto mit der Leiter auf dem Dach. Das Tor ist immer abgeschlossen. Ich darf ja nicht alleine auf die Straße. Der Schlüssel steckt. Mal rausgucken darf ich sicher! Bestimmt! Sieht ja auch keiner. Ich drehe den Schlüssel um, öffne das Tor und gehe auf den Bürgersteig. Da kommt schon das Auto mit Blaulicht angerast. Ist aber nicht die Feuerwehr. Viel kleiner. Mit Fenstern rundherum. Ich glaube, das ist ein Krankenwagen.

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Leseprobe: Himmelsstaub – Gefangen im Koma

Himmelsstaub – gefangen im Koma

Ein dicker Schlauch schiebt sich zwischen meine Lippen, durch die Zahnreihen weiter in den Hals am Kehlkopf vorbei und holt mich schrecklich wirklichkeitsnah und boshaft unangenehm aus dem Puff, wo ich um ein Haar meine Entjungferung erlebt hätte. War mehr eine ganze Perücke, die daran fehlte. Trotzdem war es so schön! Was machen die jetzt schon wieder mit mir?
„Schieb mal den Monitor näher. Ich seh so nicht, wo ich bin. Ah. Da ist die Aorta. Jetzt die Kammer. Da ist der Vorhof!“
Eine TEE! Das hatte ich ja auch noch nicht! Mir wird sofort klar, was die untersuchen. Es handelt sich um eine transösophagele Echokardiographie. Dabei wird eine Ultraschallsonde an einer Art Endoskop durch den Hals bis in Herzhöhe geschoben. Dabei kann man genauer als bei der Echokardiographie von außen die Herzhöhlen beurteilen. Ist natürlich auch teurer! Man sucht da unter anderem nach Blutgerinnseln im Vorhof, die eventuell einen Schlaganfall verursachen können, wenn sie durch die linke Herzkammer, dann durch die Hauptschlagader in die Halsarterie und von dort direkt ins Gehirn gelangen.
„Da ist kein Vorhofflimmern. Hätte man ja auch im EKG gesehen. Auch keine Blutgerinnsel. Die Klappen sind auch okay. Das Herz ist völlig unauffällig. Fertig. Ich zieh wieder raus!“
Die Stimme ist neu für mich und das Gesicht des Untersuchers kenne ich auch nicht. Er ist etwas untersetzt, schlank, noch nicht sehr alt, vielleicht vierzig. Sieht eigentlich ganz sympathisch aus mit seinen dunklen, leicht gewellten Haaren. Guckt aber etwas unwirsch.
„Wir sollen da auch noch ’nen Katheter schieben. Kommt doch auch nix bei raus bei der guten Herzfunktion. Aber der Chef will das! Der spinnt! Klar, P-Patient! Melken, melken, melken, melken! Wie ich das hasse!“
Du sprichst mir aus dem Herzen, Junge! Aber so ist das eben. Profit geht über medizinische Notwendigkeit. Das kannst du auch nicht ändern. Sieh zu, dass du nicht mal genauso wirst.
„Wenn ich mal irgendwo was zu sagen habe, wird es das nicht geben, das schwör ich!“ Mit diesen Worten zieht er den Schlauch wieder aus meinem Hals. Kann der jetzt auch meine Gedanken lesen, dass er meine gedachte Frage sofort beantwortet hat? Mir wird das langsam unheimlich.
„Bringt ihn in den anderen Raum, dann schieben wir den Herzkatheter schnell noch!“
Im nächsten Raum werde ich wieder auf eine Art OP-Tisch gehoben. Über mir sehe ich an einem schwenk- und drehbaren Teleskoparm eine Röntgenröhre schweben. Zwei große Monitore stehen an meiner Seite, sodass ich die Sache weitgehend verfolgen kann.
Der Arzt von vorhin macht sich an meiner rechten Leiste zu schaffen.
„Lokale und Sedativum?“, fragt ein OP-Pfleger. „Wie immer, oder brauchen wir das hier nicht?“
„Angeblich ja nicht. Aber gib mal lieber her, mir ist das nicht geheuer. Die sagen zwar, der merkt nichts mehr, aber wer weiß!“
Er sticht mit einer dünnen Nadel in meinen Oberschenkel, kurz unterhalb der rechten Leiste. Das pikst einen Moment, aber schon kurz darauf fühlt sich da alles taub an. Schön! Freundlich von ihm! Die Katheternadel ist nämlich ziemlich dick und schmerzhaft. Dann spritzt er mir noch etwas in die Armvene. Ein Beruhigungsmittel. Wahrscheinlich Valium oder so was. Ich fühle mich sofort wie auf Wolken, werde etwas müde. Ein tolles Feeling, so leicht ist plötzlich alles, fast schwerelos. Eben hatte ich noch Angst vor der Untersuchung, jetzt ist es mir egal. Bin sogar neugierig. Hoffentlich kann ich es auch sehen auf dem Monitor, wenn der Katheter hoch bis ins Herz geschoben wird. Ein bisschen müsste der noch zu mir hingedreht werden.
Als ob der Arzt mich verstanden hätte, dreht er den Tisch mit dem Monitor so, dass er weiter in mein Gesichtsfeld rückt. Er macht das zwar für sich, aber ich würde Danke sagen, wenn ich könnte.
„So!“, sagt er zum Pfleger, „Mach die Durchleuchtung an!“ Schon wird der Bildschirm hell und ich sehe meinen Unterleib im Röntgenbild. Ein schwarzgrauer Strich kommt von unten ins Bild und wandert langsam hoch. In dem Katheter ist immer ein ganz dünner Metalldraht, damit man ihn im Röntgenbild überhaupt sehen kann. Kunststoff sieht man da nicht so gut. Der Strich wird immer länger, macht zuerst eine Kurve nach rechts auf dem Monitor, in mir drin in Wirklichkeit also nach links, dann beschreibt er einen scharfen Knick nach oben und dann geht es ziemlich gerade hoch. Die Röntgenröhre wird vom Pfleger mitgeführt, so, dass die Spitze des Drahtes immer ungefähr in der Bildmitte liegt. Jetzt sehe ich meine Rippen, die Wirbelsäule und die im Röntgenbild ziemlich hellen Lungenflügel. Knochen erscheinen fast schwarz.
In der Mitte sehe ich mein Herz schlagen, ganz ruhig und rhythmisch. Der Katheter wandert derweil immer höher durch die Aorta – die Hauptschlagader -, bis er von unten hinter dem Herzen verschwindet. Ganz schwach kann ich ihn noch sehen. Dann taucht er oberhalb des Herzens wieder auf und muss jetzt durch die enge Kurve des Aortenbogens. Das ist meistens nicht so einfach. Hab das ja schon mal gesehen. Der Kardiologe – der junge Arzt ist das ja wohl – zieht den Katheter mehrmals vor und zurück. Dann ist der Bogen geschafft und der Strich wandert nach unten.
„Jetzt noch die Koronararterie treffen!“, murmelt er mehr zu sich selbst und zieht und schiebt wieder an dem Teil, bis man es fast rechtwinklig abknicken sieht. „Geschafft! Kontrastmittel bitte!“
Der Pfleger reicht ihm eine große Spritze, die er unten auf den Katheter stöpselt.
„Jetzt wird es etwas warm, Herr Kollege!“

Hallo? Hat der das jetzt zu mir gesagt? Freundlicher Kollege, war aber sicher so ein Routinesatz! Oder doch nicht? Jetzt wird es mir wirklich innerlich ganz warm von dem Kontrastmittel. Unangenehm, aber auszuhalten. Ich sehe das Kontrastmittel schwarz durch die Adern fließen. Das Herz ist jetzt mitten im Bild. Mehrere größere, so einige Millimeter dicke Adern sind sichtbar, die Koronararterien. Sie zweigen sich immer weiter auf, wie die Äste an einem Baum. Ganz schnell geht das alles jetzt. Zum Schluss sieht man die ganze Herzsilhouette von einer feinen Gefäßstruktur gezeichnet, bevor das Kontrastmittel verschwunden ist und das Herz wieder nur als dicker, pumpender Schatten zu sehen ist.
„Das wars!“, sagt er. „Alles okay. Keine Stenosen. Ich schau mir das gleich noch genau am Computer an. Sie können aber beruhigt sein, Herr Kollege. Ihr Herz ist völlig in Ordnung!“ Der spricht doch mit mir! Der Erste hier im Haus von den Herren Ärzten! Aber für die anderen bin ich ja auch im Koma!

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Leseprobe: Klosterrauschen

Klosterrauschen

Ein riesiger roter Schlund, feucht und mit dicken, muskulösen, fleischigen Lippen, die sich rhythmisch zusammenziehen und wieder erschlaffen, nähert sich meinem Kopf und verschlingt ihn nahezu vollständig. Es ist eine überdimensionale Vagina, die mich fast völlig einsaugt und mir den Atem nimmt, bis ich im letzten Moment, kurz bevor ich ganz darin verschwunden bin, laut schreiend aufwache. Ich sehe den Gang im Bahnhof und den Blinden neben mir.
„Du kannst aber pennen! Albtraum gehabt?“
„Ja, geht schon wieder!“ Mir brummt der Kopf. Der Wermut rebelliert in meinem Magen.
Der Blinde streift sich seine Armbinde über und setzt die dunkle Brille auf. „Ich muss jetzt zur Arbeit!“
„Ich verschwinde auch lieber von hier. Muss nur noch meine Koffer aus dem Schließfach holen!“
„Da kommen wir vorbei, wenn wir zum Ausgang gehen. Komm, ich zeig dir den Weg. Haste noch Schmerzen am Arsch?“
„Ja, schon. Geht schon so!“
Wir gehen Richtung Ausgang. Bei den Schließfächern bleiben wir stehen, ich suche den Schlüssel in meiner Tasche. Eine Nummer steht drauf, ich weiß aber noch, welches es war. Ich stecke den Schlüssel hinein und höre das Klappern der Münzen. Dann werde ich blass. Das Fach ist leer. Ich bücke mich, um ganz hineinsehen zu können. Nur ein Zettel liegt da. ‚Danke!‘ steht drauf.
„Wo sind meine Koffer? Hab sie doch gestern hier reingestellt. Passt der Schlüssel noch auf andere Fächer? Das kann sicher nicht sein! Aufgebrochen ist das doch nicht!“
„Nee, jeder passt nur auf eins! Hat dich jemand beobachtet?“
„Weiß ich doch nicht. Da war ein Mann, der mir geholfen hat, weil ich erst nicht zurechtkam mit dem Schloss!“
„Ja dann ist doch alles klar! Hat der den Schlüssel gehabt? Bestimmt! Da gibts einige Experten hier. So schnell kannste gar nicht gucken, wie die einen Wachsabdruck vom Schlüssel machen. Dann schleifen sie den nach und räumen in Ruhe aus. Passiert hier fast täglich! Die Koffer siehste nie mehr wieder!“
Ich bin völlig sprachlos. Was jetzt? All meine Klamotten. Meine wenigen Bücher und ein paar Fotos. Und vor allem mein Sparbuch!
„Kannst höchstens zur Polizei gehen! Die werden das zwar aufschreiben, aber die Koffer bringen sie dir auch nicht zurück!“
„Ich? Zur Polizei! Um keinen Preis! Damit die mich noch mal durchficken können? Nee, danke!“
„Alle Bullen sind ja nicht so, wie die beiden von gestern. Bringen wird es wahrscheinlich nichts!“
„Ich muss jetzt erst mal ’nen Kaffee trinken. Gehen Sie mit? Ich lade Sie ein!“
„Nee, danke! Nett von dir! Aber ich krieg in der Stadt was bei den anderen. Es ist schon spät, und vor Mittag ist für mich das beste Geschäft, wenn die Leute einkaufen gehen. Verstehste? Machs gut! Ich wünsch dir viel Glück! Vielleicht sieht man sich ja mal!“
„Ihnen auch viel Glück, und danke für die Hilfe!“
Er geht, jetzt mit seinem Blindenstock den Boden abtastend, zielstrebig zum Ausgang. Ich setze mich in das Bahnhofslokal und bestelle einen Kaffee und ein belegtes Brötchen. Was soll ich jetzt machen? Alles läuft schief in meinem Leben. Ich stiere nur vor mich hin. Die Hektik um mich herum dringt nicht an mein Bewusstsein. Nichts gelingt mir. Warum bloß? Ich hab doch nie etwas Böses getan. Bin halt ein Pechvogel. Angefangen hat es mit dem Autounfall. Dass ich da schuld war, ist ja irgendwo wahr. Hätte ich den Mund gehalten, wie Onkel Theophil es mir immer wieder eingetrichtert hat, wäre das nicht passiert und mein Leben wäre sicher anders verlaufen. Aber ist nicht eigentlich er daran schuld? Weil er solche Dinge mit mir gemacht hat?
„Darf es noch etwas sein?“ Der Kellner weckt mich aus meinen Gedanken.
„Nein, danke! Bezahlen, bitte!“
„Zweifuffzig, der Herr!“
Ich gebe ihm das Geld, und als ich aus dem Bahnhof komme, weiß ich nicht, was ich jetzt machen soll. Zuerst muss ich zur Bank. Mein Sparbuch ist zwar weg, aber mein Geld muss ja noch da sein. Ich frage jemanden, wo eine Bank ist. Nur zwei Straßen weiter finde ich tatsächlich eine. Es ist sogar eine Filiale der Bank, in der ich gearbeitet habe. Dann wird sich ja jetzt alles klären. Hoffnungsfroh gehe ich zum Schalter, lege meinen Ausweis vor und erkläre dem Angestellten, was passiert ist.
Der schaut mich freundlich an. „Na, mal sehen, was ich für Sie tun kann, Herr Hermeling! Das ist aber nicht so einfach ohne das Sparbuch! Nur wer das hat, kann Geld abheben!“ Er geht in einen anderen Raum mit meinem Ausweis. Ich warte geduldig. Nach einiger Zeit kommt er zu mir. „Ich habe eben das Konto abgerufen. Wann haben Sie denn zuletzt etwas abgehoben?“
„Vorgestern! Dreihundert Mark!“
„Und wie viel war da noch drauf?“
„Genau fünftausendachthundert!“
„Stimmt genau! Und danach haben Sie nichts mehr abgehoben?“
„Nein! Ich bin doch gestern erst hier angekommen. Und wofür auch? Können Sie mir denn ein neues Sparbuch geben?“
„Da ist leider ein kleines Problem! Gestern haben Sie wohl noch einmal fünftausendsiebenhundertneunzig abgehoben, und zwar in Düsseldorf! Jetzt sind noch zehn Mark drauf!“
„Was?“ Meine Knie werden ganz weich und ich beginne zu zittern. „Das kann nicht sein! Ich war noch nie in Düsseldorf. Ich habe kein Geld geholt! Ehrlich! Das Sparbuch war doch im Koffer gestern. Und der ist geklaut worden!“
„Ja dann hat wohl derjenige jetzt Ihr Geld! Der wird sich freuen! Sie sollten zur Polizei gehen und Anzeige erstatten. Mit Sparbüchern ist das so eine Sache! Wer das hat, kann etwas abheben, verstehen Sie? Nur ganz auflösen kann er es nicht! Das kann nur der, dem es gehört. Drum hat der auch die zehn Mark draufgelassen, denk ich!“
Das hab ich doch eigentlich alles in der Bank gelernt! Hätte ich das Sparbuch doch in der Hosentasche gehabt! Das schien mir doch zu gefährlich. Wer konnte das ahnen? Bei einem normalen Bankkonto wäre das auch nicht passiert. Da hätte ich aber keine Zinsen gekriegt! Scheiße! Scheiße! Scheiße! Jetzt bin ich völlig mittellos, hab nichts mehr zum Anziehen. Knapp zweihundert Mark habe ich noch in bar. Sonst nichts! Besser hänge ich mich sofort auf! Oder ich gehe betteln, wie der Blinde. Nein, Schluss machen ist besser! Dann ist endlich Ruhe! Ich kriege ja doch nichts auf die Kette, und alles, was ich habe, geht verloren. Eltern, Freunde, Abi, alles. Warum das Leben dann nicht auch?
„Ich empfehle Ihnen, jetzt sofort zur Polizei zu gehen, Herr Hermeling, und dort Anzeige zu erstatten!“
„Ja, mach ich! Danke! Auf Wiedersehen!“
Ich gehe hinaus und der Lärm der Stadt schlägt auf mich ein. Zur Polizei gehe ich gewiss nicht!