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Leseprobe: Paedoleaks

Gewidmet allen kleinen Seelen dieser Erde,
die Opfer des Missbrauchs wurden und noch werden.
 

Paedoleaks

Prolog

Ich kann meinen Blick nicht abwenden von ihnen, meine Gedanken nicht loslösen, meine Gefühle nicht kontrollieren, meinen Herzschlag nicht beruhigen, meine Lenden nicht im Zaum halten. Wenn ich sie sehe, bin ich hypnotisiert, wenn sie in greifbarer Nähe sind, bin ich nicht mehr Herr meiner Sinne. Mein Verstand setzt aus, meine Hormone übernehmen das Kommando über meinen Körper. Schon, wenn ich nur an sie denke, an diese bezaubernden, elfengleichen kleinen Wesen, die in all ihrer Unschuld und Schönheit ständig um mich herum sind, und sei es nur in meinen Träumen.

I

Ich bin jetzt fast vierzig, Lehrer an der Grundschule einer Provinzstadt. Ich unterrichte Sport und Erdkunde. Nebenbei bin ich ehrenamtlich im hiesigen Sportverein tätig. Da betreue ich die Kinder ab zehn, insbesondere beim Schwimmen, schwerpunktmäßig auch bei der Gymnastik.

Ich bin seit zehn Jahren sehr glücklich verheiratet und habe zwei Kinder, Philip ist sieben und Marie gerade fünf. Sie sind neben meiner Frau mein Ein und Alles.

Eigentlich läuft alles glatt in meinem Leben. Ich könnte rundherum glücklich und zufrieden sein. Wenn da nur nicht dieses verfluchte Verlangen wäre! Ich wehre mich zwar täglich dagegen, bisher noch erfolgreich, aber ich merke, wie es immer stärker wird, mich nicht mehr loslässt, meine Gedanken Tag und Nacht blockiert und lähmt. Ich will es nicht mehr, möchte, dass es verschwindet, mich in Ruhe lässt. Wie ein Krebsgeschwür wuchert es unaufhaltsam wachsend weiter. Ich werde langsam wahnsinnig und bin dem Verzweifeln nahe. Ich brauche Hilfe, Hilfe bevor ein Unglück geschieht und mein Leben, unser Leben zerstört. Wo bekomme ich sie? Wem kann ich mich anvertrauen?

Gleich gebe ich Schwimmunterricht in der ersten Klasse. Ich freue mich darauf. Ich habe Angst davor, Angst vor mir.

 

Ѿ
 

Hunger! Wenn ich jetzt laut genug schreie, kommt die weiche, warme Brust und ich kann wohlig daran nuckeln, bis ich satt und zufrieden wieder einschlafen werde. Also los. Langsam die Lautstärke steigernd brülle ich los, wie nur ich es kann und wie es immer zum Erfolg führt. Heute dauert es aber lange, komisch! Endlich höre ich die Tür quietschen und halte kurz inne. Gleich gehts los. Anders als sonst strecken sich mir aber nicht Mamas zarte Hände entgegen, nein, viel größere, gröbere. Sie nehmen mich aus meiner kuscheligen Wiege und heben mich hoch. Mamas Gesicht sehe ich auch nicht, nur eins mit Bart. Nicht wie sonst werde ich auf den Arm genommen, sondern auf das große Bett gelegt, in dem ich auch schon mal schlafen darf. Eine tiefe Stimme redet zwar ganz leise und irgendwie auch beruhigend auf mich ein, ich verstehe die Laute aber nicht. Hunger! Ich schreie erneut. Wo bleibt die Brust? Das Bett senkt sich leicht und ein großer Schatten beugt sich über mich. Etwas nähert sich meinem Mund. Endlich! Es ist aber viel größer und anders als die schöne, kleine Warze an Mamas Brust. Es schiebt sich vorsichtig in meinen Mund und ich beginne zu saugen. Wenn jetzt Milch kommt, ist alles gut. Ich schmatze und sauge und sauge, mein Magen bleibt aber leer. Was soll das? Verzweifelt versuche ich weiter, dieser neuen Milchquelle einen Tropfen zu entlocken, vergeblich. Dann ist die harte Brust auch wieder aus meinem Mund verschwunden. Gerade will ich wieder losschreien, als ich meine schöne Pulla mit dem weichen Nucki zwischen den Lippen spüre. Endlich kann ich trinken. Wohlig warm rinnt die Milch in meinen Hals. Anders als sonst üblich beginnt man mich schon jetzt auszuziehen. Das kommt doch sonst immer nach dem Essen. Heute ist alles anders. Egal, ich habe ja jetzt Beschäftigung und kann mich satt trinken. Hey, die Beine nicht so weit auseinander, das tut weh! Das feuchte Tuch zwischen meinen Beinen ist nie schön, aber heute kratzt es auch noch, als ob es Stacheln hätte, an den Beinen und auch dazwischen. Warm und feucht, weich aber etwas rau, gleitet da unten immer wieder irgendwas vor und zurück, immer wieder, ziemlich fest. Jetzt tut es weh. Lass das! Was ist das? Was soll das? Ich lasse die Flasche los, sie rollt neben mich, und ich schreie los. Das Etwas zieht sich zurück, die Windel wird hochgeklappt und geschlossen, die großen Hände legen mich zurück in mein Bett und die Babyflasche ist wieder in meinem Mund. Beruhigt trinke ich noch ein wenig. Erneut höre ich die Türe sich öffnen und Mamas vertraute Stimme dringt an mich. „Na, Werner, alles okay? Gabs Probleme? Ich hab mich extra beeilt!“
„Nee, alles gut! Die kleine war ganz lieb. Hat überhaupt nicht geschrien.“
„Hast ihr ja die Flasche gegeben! Danke noch mal!“
„Kein Problem, kannst mich ruhig wieder als Babysitter rufen!“

 

Ѿ
 

II

Mit knapp fünfzig wurde er Frührentner. Das war ihm recht, denn Lust zum Arbeiten hatte er schon lange nicht mehr. Jetzt jobbt er hier und da und kann davon leben. Richtig gelernt hatte er sowieso nichts, war sein Leben lang Hilfsarbeiter. Frauen haben ihn nie interessiert, geradezu Angst hatte er immer vor ihnen. Männer schon gar nicht. Dafür hat er eine andere große Leidenschaft. Kleine Mädchen. Da ist er stärker, größer, mächtiger. Sie müssen tun, was er will …

Er steht mit heruntergelassener Hose in einem Gebüsch. Er ist sehr erregt. Mit der einen Hand onaniert er langsam, mit der anderen hält er ein kleines Fernglas vor die Augen. Durch eine Lücke im Blätterwerk hat er den Spielplatz genau im Blick. Er stiert auf die große Rutsche. Der Reihe nach kommen die Kleinen von oben heruntergesaust. Ein kleines Mädchen, vielleicht fünf Jahre alt, in einem weiten, kurzen Röckchen, rutscht am öftesten, laut juchzend. Wenn es auf halber Höhe ist, ist das Kleidchen ganz nach oben gerutscht, und mit gespreizten Beinen versucht es, die Fahrt zu bremsen. Sein Höschen zieht sich dabei ganz stramm und die Konturen seines kleinen Körpers sind im Fernglas deutlich sichtbar. Er stöhnt vor Wonne und Geilheit.
Jetzt kommt die Kleine zu der nähergelegenen Schaukel. Neben den Ketten mit dem Sitzbrett ist auch eine Holzstange wie ein kleines Reck an zwei Seilen befestigt. Kopfüber hängt es sich mit den Kniekehlen daran. „Mama, Mama, guck mal, was ich kann!“
Das Röckchen ist ganz nach unten geschlagen, fast bis zum Hals. Bis über den Bauchnabel ist sie nackt, nur das Höschen bedeckt noch das Nötigste, aber er erkennt genau das Ziel seiner Begierde. Seine Hand wird schneller, er muss den Schrei unterdrücken, als er kommt, zieht seine Hose hoch und entfernt sich lautlos. Morgen, morgen bist du wieder hier, denkt er. Bald werde ich dich besitzen!

Am nächsten Tag ist er beizeiten an der gleichen Stelle. Er hat seine Videokamera mitgebracht. Mit den Augen sucht er den gesamten Spielplatz ab. Schon bald hat er das Mädchen entdeckt. Genau wie am Tag zuvor gilt dessen erste Begeisterung der Rutsche. Die Kamera ist bereit und mit maximalem Zoom füllt der kindliche Unterleib das Display aus. Genau zentriert zwischen die kleinen Beine. Ganz deutlich ist es zu sehen. Jede Rutschpartie wird vom Chip gespeichert. Jedes Mal erscheint es ihm noch schöner, noch begehrenswerter. Lange, zum Glück sehr lange ist heute der Anblick des Kindes an der Schaukel, kopfüber, in völliger Unschuld und Kindlichkeit, nichts ahnend von der bösen Welt.
Obwohl seine Lust befriedigt, er wieder angezogen ist, die Erregung noch feucht in der Hose nachklingt, bleibt er stehen. Wartet ab. Beobachtet, wie die Mutter das Kind schließlich ermahnt, endlich mit nach Hause zu gehen. Leise verlässt er sein Versteck, setzt seine dunkle Sonnenbrille auf, geht den kurzen Weg zum Eingang des Spielplatzes und verfolgt die beiden in ausreichendem Abstand durch mehrere Straßen, bis sie in einem Reihenhaus verschwinden.
Jetzt kann er es kaum erwarten, die Ernte des heutigen Tages zu Hause auf dem großen Bildschirm zu betrachten.

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Leseprobe: Himmelsstaub – gefangen im Koma

Himmelsstaub – gefangen im Koma

Dumpf, wie durch Watte höre ich das Martinshorn. Dieses verhasste Geräusch. Wie oft habe ich es verflucht, als ich selbst noch als Notarzt mit dem Rettungswagen den ganzen Tag und auch in der Nacht unterwegs war. Hatte selten was Gutes zu bedeuten. Wenn ich Glück hatte, war es ein Fehlalarm. Besser als ein Einsatz bei einem Verkehrsunfall. Man fühlte sich damals zwar wichtig, war man ja auch, aber es war oft wenig erfreulich. Sterbende, Tote, Verletzte. Aufgeregte Angehörige. Leid und Not. Schön war der Tag, als ich meinen allerletzten Einsatz hatte, mit dem Bewusstsein, niemals mehr solche Einsätze fahren zu müssen.
Warum höre ich jetzt wieder dieses verhasste Horn? Es nähert sich. Der Rettungswagen ist doch eben hier mit meinem Patienten Josef weggefahren. Warum kommt der zurück? Stimmt da was nicht? Ist da etwas passiert unterwegs?
Mir kommt das auch alles so seltsam vor. Warum liege ich hier auf dem Hof auf der Erde? Ich sehe nur verschwommen meine Frau, die sich über mich beugt und ständig meinen Namen ruft. Auch meine Angestellten stehen um mich herum. Das Martinshorn wird immer lauter, bis es urplötzlich verstummt.
Ich will aufstehen. Es geht nicht. Nichts kann ich bewegen, weder Arme noch Beine reagieren. Ich fühle sie aber. Sie wollen aber nicht. Was ist passiert? Ich versuche mich zu erinnern. Weiß noch, dass ich auf den Hof gegangen bin, weil mir so mulmig und schlecht war. Dann bin ich zusammengesunken. Ja, und dann? Keine Erinnerung mehr. Ich bekomme Angst. Große Angst. Das Grauen. Habe ich einen Schlaganfall oder Herzinfarkt? Eine Hirnblutung? Weitere schlimme Diagnosen fliegen durch meinen Kopf. Ist das jetzt mein Ende? Muss ich sterben? Ich muss doch noch so vieles tun! Noch für so vieles sorgen. Ich kann doch Gabi nicht allein lassen mit all dem Unfertigen auf unserem geliebten Lindenhof. Das schafft sie nicht alleine. Jeden Tag ist doch was kaputt und ich bin der Kaczmarek, der Hausmeister, der alles zu reparieren versucht und das auch meistens schafft. Lieber Gott, Vater und Mutter, lasst das nicht zu, noch nicht. In ein paar Jahren vielleicht. Aber doch jetzt noch nicht!
Zwei Männer in roten Jacken beugen sich über mich. Sie öffnen mein Hemd, kleben mir Elektroden auf die Brust. Ich friere. Ich schwitze. Es dreht sich alles. Einer misst meinen Blutdruck.
„EKG sieht normal aus“, höre ich entfernt jemanden sagen. „Blutdruck ist normal. Kreislauf stabil.“
Hört sich schon mal nicht schlecht an.
„Keine Reflexe“, sagt ein anderer. „Pupillen starr. Könnte eine cerebrale Blutung sein.“
Neiiiiin!!!! Das bitte nicht!
„Wir müssen ihn auf schnellstem Wege in die Neurologie bringen, ins Stroke Unit!!“
Sie heben mich wenig vorsichtig auf und legen mich auf die Tragbahre. So sieht also das Ende aus? Es verschwimmt wieder alles, was sowieso nicht scharf zu sehen war.
„Hören Sie mich?“, schreit jemand.
Ja, verflucht, merkt ihr das nicht? Ich will antworten, aber es geht nicht. Ich kriege keinen Ton heraus. Ich kann den Mund nicht bewegen. Es wird wieder dunkel um mich und still, entsetzlich dunkel und still.
Es rumpelt. Ich höre wieder zwei oder drei Leute sich unterhalten. Einer legt mir eine Infusion an. Das Martinshorn schreit mich laut an. Wir fahren wohl ins Krankenhaus. Ein anderer gibt mir eine Spritze in den anderen Arm. Ich spüre das alles. Tut verdammt weh. Warum kann ich mich nicht bewegen, wenn ich doch alles fühle?
„Das wird nichts mehr mit dem“, höre ich den Sanitäter – oder ist es der Notarzt? – zu meiner Rechten sagen. „Pupillen reagieren nicht. Keine Reflexe!“
„Piks mal mit einer Nadel in den Fuß!“, sagt er zu einem anderen.
Au! Verdammt, tut das weh. Ich will den Fuß wegziehen. Geht nicht. Er sticht noch zweimal kräftig zu.
Hör doch endlich auf damit, du Arschloch!!
„Keine Reaktion“, sagt das Arschloch. „Der is fertig! Gut, dass er uns nicht hört!“
Ich höre alles, du Mistkerl! War ich auch so, als ich noch im Notarztwagen gefahren bin? Nein. Sicher nicht. Hoffentlich nicht! Ich kann mich jedenfalls nicht erinnern. Gedacht und befürchtet habe ich es öfter.
„Hoffentlich kriegen wir den noch lebend zur Klinik. Tot nehmen die uns den nicht ab. Dann haben wir wieder die Fahrerei und den Palaver.“
Oh ihr Wichser! Könnte ich euch doch in eure verdammten Ärsche treten!
Die Fahrt geht weiter. Es schaukelt wie verrückt. Das Martinshorngeheule geht mir durch Mark und Bein. Ich werde auf der Trage nach rechts und links gerissen. Die fahren wie die Wilden. Wollen mich ja noch lebendig abliefern.
Ich will denen die Meinung sagen. Geht nicht. Kein Ton kommt über meine Lippen. Ich werde wahnsinnig. Warum war ich nicht gleich tot?
Durch den oberen Teil des hinteren Fensters, das zu zwei Dritteln undurchsichtig ist, sehe ich rechts und links große Häuser, Ampeln, Straßenschilder. Wir sind also irgendwo in der Stadt. Es geht rasant links herum, dann rechts, wieder ein Stück geradeaus. Das Blaulicht spiegelt sich in den Fenstern der Fassaden. Bei jeder Kurve zieht es mich heftig von der einen zur anderen Seite. Ich fall denen noch von der Trage!
Mit einem plötzlichen Ruck hält der Wagen auf einmal an. Die hintere Tür wird aufgerissen. Die Sanitäter springen raus und ziehen mich auf der Trage aus dem Auto.
„Der lebt zum Glück noch. Jetzt schnell in die Ambulanz!“, höre ich einen sagen.
Hastig rollen sie mich vom Rettungswagen weg und in einen großen Flur hinein. Hinter uns schließen sich automatisch große gläserne Schiebetüren.
„Notfall!“, ruft jemand. „Schnell, schnell, aus dem Weg!“
Weiter und weiter werde ich gerollt, durch endlose Flure, um zahlreiche Ecken, bis wir schließlich in einem Raum, der mit grellem Licht und vielen medizinischen Geräten ausgestattet ist, ankommen. Ich muss brechen. Will mich erheben, geht nicht. Ich merke, wie mir Erbrochenes aus dem Mund läuft.
„Der kotzt. Verdammt! Auf die Seite drehen, damit er nicht aspiriert!“
Sie rollen mich recht unzärtlich auf die Seite. Mein Arm liegt krumm unter mir, tut weh.
„Absaugen!“, ruft einer.
Ich spüre, wie sie mir einen Schlauch in den Hals stecken. Scheißgefühl. Nach einiger Zeit ziehen sie das verdammte Ding wieder heraus. Sie drehen mich wieder auf den Rücken. Mein Arm ist wieder frei, schmerzt aber noch heftig.
Ein weißer Kittel mit einem bärtigen Kopf beugt sich über mich und leuchtet mir mit einer Taschenlampe in die Augen. Das ist so schrecklich hell, dass es wehtut. Will die Augen schließen. Klappt nicht. Mach die Lampe weg!
„Keine Pupillenreaktion“, klingt es aus dem Bart.
Ich sehe, wie er einen Reflexhammer nimmt und mir auf Beine und Arme klopft.
„Nichts!“
Wieder ein Stechen mit einem spitzen Ding in meine Fußsohlen. Ein brennender Schmerz durchbohrt mich wieder. Ich kann die Füße nicht zurückziehen.
„Da ist nichts mehr bei dem, außer dass er noch nicht ganz tot ist. Den können wir hier nicht brauchen. Wir haben kein Bett frei!“, sagt der Bart zu den Sanitätern. „Versucht es mal an der Uni. Die werden auch nicht begeistert sein!“
Während die alle, jetzt etwas leiser, miteinander reden, höre ich meine Frau laut und schnell sprechend den Raum betreten. Ach Gabi, hol mich schnell hier raus und lass mich zu Hause sterben, in Ruhe und Frieden! Bitte, bitte!
„Machen Sie doch was!“, schreit sie fast. „Helfen Sie bitte meinem Mann. Der stirbt doch sonst noch!“
„Mmh, Frau, äh, äh, ich weiß Ihren Namen nicht. Aber das sieht sehr schlecht aus. Wir haben auch kein Bett frei für solche Fälle.“
„Das geht doch wohl nicht!“, schreit Gabi ihn an. „Mein Mann ist privat versichert und außerdem ein Kollege von Ihnen!“
Zuerst betretenes Schweigen. Dann sagt der Bart, plötzlich freundlicher, wie verwandelt: „Das ist natürlich etwas anderes. Ich rufe sofort den Professor und dann sehen wir weiter!“
Zu den anderen schreit er, schon aus dem Raum laufend: „Los, bringt den Kollegen sofort auf die Intensivstation. Aber rasch!“ Schon ist er weg.
Gabi beugt sich über mich und ich spüre Tränen auf meine Wangen tropfen. Sie weint. „Bald bist du wieder gesund“, schluchzt sie.
Wieder werde ich durch endlose Flure gerollt. Schnell geht die Fahrt. Eine Krankenschwester läuft mit einer Infusionsflasche, die sie in Kopfhöhe hält, neben mir her. Der Schlauch der Infusion wackelt vor meinem Gesicht und führt zu meinem Arm.
„Schnell! Aus dem Weg da!“, ruft sie in den Flur.
Sie schieben mich in einen riesigen Aufzug. Dann geht es aufwärts. Ich höre die Stimmen von drei oder vier Personen. Sie unterhalten sich ziemlich leise. Alles kann ich nicht verstehen.
„Wieder typisch! Privatpatient!“
„Klar. Dann geht alles.“
„Der ist doch am Ende! Schon fast tot! Aber der Chef muss ja auch noch was verdienen. Sonst kann der sich den neuen Ferrari nicht leisten!“ Ich höre die anderen leise lachen, bis der Aufzug sanft zum Stillstand kommt.
Weiter geht die Fahrt durch noch mehr, noch längere Flure, bis wir in einem riesigen Raum ankommen. Es stehen einige Betten an einer Wand. Es piepst und blinkt von zahlreichen Monitoren, helles Licht schmerzt in meinen Augen, die ich nicht schließen kann. Überall laufen Pfleger und Schwestern in blauen Kitteln und mit Mundschutz sowie Kopfbedeckung – blauen OP-Papiermützen – herum. Hier ruft einer, da reißt einer eine Schranktür auf und holt etwas Verpacktes heraus.
„Los! Beeilung! Nummer drei verblutet! Schnell! Plasmaexpander!“
Drei laufen zu dem Bett neben mir. Da ich den Kopf nicht bewegen kann, sehe ich nicht, was sie machen. Zwei andere beginnen, mich auszuziehen. Sie heben meine Beine hoch und ziehen an meiner Hose.
„Schneller!“, höre ich einen anderen. „Schneidet die Klamotten doch auf, sonst müssen wir die Braunülen ja wieder neu legen! Der braucht die Sachen ja doch nicht mehr! EKG anschließen! Zentralen Zugang legen! Oxymeter anlegen! Sauerstoffmaske auf die Nase! Beeilt euch. Gleich kommt bestimmt der Alte. Dann muss das alles laufen. Privatpatient!“
Ich werde verkabelt, ein weißes, langes Hemd wird über mich gelegt, eine Klammer spüre ich am Zeigefinger der rechten Hand. Eine Schwester stülpt mir eine Sauerstoffmaske auf Nase und Mund. Ein anderer dreht meinen Kopf zur Seite und sticht, wohl mit einer dicken metallenen Kanüle, kräftig zu.
Au! Verflixt, tut das weh! Schon mal was von Lokalanästhesie gehört? Scheiße! Ein wahnsinniger Schmerz ist das. Die denken ja, ich fühle nichts. Ich spüre genau, wie der mit der Nadel in meinem Hals bohrt und immer tiefer geht.
„Mist!“, ruft er. „Das war die Arterie!“
Ich merke, wie etwas Warmes meinen Hals hinunter läuft und auf meine Schulter spritzt. Blut.
„Abdrücken!“, schreit er einem Pfleger zu. „Ich versuch`s an der anderen Seite!“
Man drückt mit Gewalt gegen meinen Hals, während mein Kopf nach rechts gerissen wird. Wieder sticht die dicke Nadel. Noch schmerzhafter als vorher. Immer tiefer bohrt sie sich in meinen Hals. Ich kriege kaum Luft. Der Schmerz, der verdrehte Kopf, die pressende Hand an meiner rechten Halsseite.
„Jetzt liegt das Ding richtig! Her mit dem Katheter!“
Sterile Handschuhe reichen ihm einen langen, dünnen Plastikschlauch. Das Gefühl, wie der Schlauch langsam, aber zügig innen in meinem Hals durch die Vene bis zur Brust geschoben wird, ist nicht angenehm, aber immerhin nicht so sehr schmerzhaft.
„Fixieren und an den Perfusor anschließen!“, wendet sich der Meister ab und verschwindet aus meinem Gesichtsfeld. Endlich liegt der Kopf wieder gerade und relativ schmerzfrei. Der Druck rechts am Hals hat auch aufgehört. Hoffentlich sind die jetzt erst mal fertig und lassen ab von mir. Was kommt wohl als Nächstes? Ich weiß ja ganz genau, wie es weiter geht!
„Exitus!“ Hektisches Laufen um mich herum.
Was jetzt? Ich? Bin ich gemeint? Ich sehe euch doch! Ich höre euch doch! Bin ich trotzdem tot? Hatte ich mir anders vorgestellt.
Sie huschen aber alle an mir vorbei zu dem Bett nebenan. Kurz darauf wird das Bett an mir vorbei weggeschoben. Einen kurzen Moment sehe ich aus den Augenwinkeln, dass das Bettlaken auch den Kopf des anderen Patienten bedeckt. Der ist also tot! Nicht ich! Soll ich jetzt froh oder traurig sein? Hat der es jetzt besser als ich? In jedem Fall braucht er nicht mehr zu leiden, was auch immer er hatte. Fast beneide ich ihn!
Ich weiß zu gut, was noch alles auf mich zukommen kann. Schmerzen. Schmerzhafte Untersuchungen. Qual. Vielleicht schneidet man mich auf. Den Kopf? Spritzen, die ich so hasse. Was habe ich bloß? Kann mir keinen Reim machen. Sich nicht bewegen können, nicht die kleinste Bewegung, aber alles hören, alles sehen, alles fühlen. In welche Diagnose passt das denn? Mir fällt keine ein. Habe ich etwas, das noch niemand hatte? Blödsinn!
„Achtung, der Chef kommt!“, tönt es von der anderen Seite des Raumes.
Es herrscht auf einmal andächtige Stille, vom Piepsen der Monitore und verschiedenen Motorengräuschen, einem Saugen und Pumpen, abgesehen.
Schon tauchen drei große, weiß bekittelte Gestalten an meinem Bett auf. In einigem Abstand bleiben sie am Fußende stehen wie die Heilige Dreifaltigkeit.
Bin ich jetzt also doch tot? Habe ich es nicht gemerkt? Sind die drei Figuren das ‚Jüngste Gericht‘? Ich war sicher, das gäbs nicht. Nee, haben alle ein Stethoskop um den Hals. Gibts im Himmel bestimmt nicht!
Ich würde schmunzeln, wenn ich nur könnte! Kenne ich alles noch aus meiner Zeit als Assistenzarzt. Respekt hatte man zu haben und Ehrfurcht! Unsere Scherze über diese Auftritte haben wir natürlich hinterher auch gemacht.
„Der neue Privatpatient. Eben mit dem Notarztwagen hier eingetroffen und sofort hier auf die ITV und versorgt“, berichtet der kleinere der Dreifaltigkeit. Der Bart steht an der anderen Seite. Der Professor, natürlich in der Mitte, wie Gottvater persönlich, allerdings ohne Bart, dafür mit goldgefasster, randloser Brille tief auf der Nase, sodass er über sie hinweg auf mich hinab schaut, und um den Hals eine große, grellbunte Fliege, fragt mit ruhiger, aber sehr bestimmender Stimme, die für seine Größe etwas hoch klingt: „Klinik?“
„Im Moment noch unklarer Fall“, erwidert sichtlich angespannt der Kleinere zu seiner Linken. „Zu Hause zusammengebrochen. Nicht ansprechbar. Keine Reflexe. Keine Schmerzreaktionen. Schlaffe Tetraplegie, wie es scheint. Pupillen ohne Reaktion. Auf Geräusche keinerlei Reaktion. Herz und Kreislauf stabil. Spontanatmung. Keine Inkontinenz – bis jetzt. Möglicherweise eine Hirnblutung!“
Gottvater hat die rechte Hand an sein Kinn gelegt. „Schädel-CT. Sobald wie möglich. Privat, sagten sie? Dann besser auch noch Ganzkörper-MRT. EEG, neurologische Untersuchung, komplettes Labor und so weiter. Sie wissen ja! Das ganze Programm. Vor die Therapie haben die Götter die Diagnose gesetzt!“
Anstandshalber verhaltenes Lächeln und zustimmendes Kopfnicken vom Bart und dem Kleineren.
„Gut. Danach so schnell wie möglich auf meine Privatstation,“ verkündet er, dreht sich um und entschwindet mit den beiden anderen im wehenden Kittel aus meinem Gesichtsfeld.
Ich höre sie an einem anderen Bett kurz verhoffen.
„Was ist hier?“
„Apoplex“, antwortet der Bart. „Stabil. Noch keine Besserung seit drei Tagen.“
„Auch privat versichert?“
„Nein. AOK.“
„Gut, gut“, höre ich Gottvater sagen. „Dann kann er auf die Allgemeinstation. Sie kümmern sich um das Weitere. Wir brauchen die Betten hier!“ Er wendet sich ab und die Schritte der Dreifaltigkeit entfernen sich rasch.
Die Geschäftigkeit im Raum beginnt wieder. Hastende Schritte von allen Seiten. Gemurmel. Manchmal leises Lachen. Zurufe. Geklapper von Geräten und Instrumenten. Das Piepsen der Monitore. Summen. Brummen. Rauschen. Ich merke, wie ich immer müder werde. Könnte ich doch die Augen schließen! Irgendwann schlafe ich wohl ein