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Leseprobe: Als der Sensenmann ins Stolpern geriet

Ich bremste.
‚Ach du Schreck, wie sieht der denn aus‘, dachte ich. Rechts auf dem Gehweg in einiger Entfernung ging eine Gestalt, die mir eine Gänsehaut über den Rücken jagte. Es war frühmorgens und ich war mit dem Auto unterwegs zu einer geschäftlichen Besprechung. Die seltsame Figur ging in die gleiche Richtung, in die ich fuhr. Die Sonne blendete etwas, aber ich erkannte eine große Statur mit langem, schwarzem Mantel, der fast bis zum Boden reichte. Das Ganze war gekrönt mit einer seltsamen Mütze. Oder war es eine Kapuze, die den Kopf völlig verdeckte? ‚Komischer Typ. Und wie der geht‘, dachte ich, ‚eine Mischung aus abwechselndem Latschen und Schlurfen.‘
Bei dem Gedanken musste ich grinsen. ‚Der Tod auf Latschen.‘ Das sagt man doch so, wenn man einem unheimlichen, hageren Menschen begegnet.
Ich fuhr jetzt Schritttempo und beobachtete ihn, wie er da rechts im Schatten der Bäume vor mir ging. Er hatte große Ähnlichkeit mit dem Bild eines Sensenmannes, das ich irgendwo einmal gesehen hatte. Nur die Sense fehlte. Auch wenn ich ganz langsam fuhr, kam ich doch immer näher heran. Jetzt wirkte die Gestalt sogar ein wenig skurril. So, als sei sie nicht echt. Sie latschte nicht mehr, sondern glitt ganz unnatürlich steif dahin, ja sie schwebte fast. Jetzt war ich nur noch ein kleines Stückchen hinter dem ‚Tod‘. ‚Wie er wohl von vorne aussieht?‘ Mir grauste es ein wenig. Bestimmt hatte er einen Totenschädel, mit rotglühenden Augen. ‚Ob er überhaupt Augen hat?‘, dachte ich. Es kribbelte in meinem Bauch ganz fürchterlich vor Anspannung. So, als wäre mir schlecht, magentechnisch gesehen. Was wohl passierte, wenn ich den Gevatter Tod überholte?
‚Wie viele Namen gibt es für den Tod?‘, grübelte ich. ‚Der Ausdruck ,Gevatter Tod‘ ist doch auch merkwürdig, oder? Der Name enthält so etwas Freundschaftliches, Familiäres. Es ist doch mal wieder typisch für den Menschen, dass er das, was er am meisten fürchtet, mit Nettigkeiten umgibt. Diese Kniefälle und Verbeugungen vor dem Tod hat es wohl schon immer gegeben. Glauben manche, dadurch länger in der Warteschleife zu bleiben oder ganz davonzukommen?‘
Ich fing an zu lachen. Irgendwie war es lustig, den Tod zu überholen. Ziemlich paradox und sehr tiefsinnig.
Und dann war es soweit. Gleiche Höhe. Ich fuhr fast im Schneckentempo. Von der Seite sah der Tod nicht mehr so bedrohlich aus. Sein Kopf drehte sich langsam nach links, er schaute mich an.
Und?
Ich war verblüfft. Damit hatte ich nicht gerechnet. Es war ein Kindergesicht, das mich da anschaute. Die Augen leuchteten fröhlich, Schalk tanzte in seinem Blick und es zwinkerte mir zu. Die ganze Gestalt hatte sich verändert. Aus diesem Blickwinkel leuchtete sie im hellen Sonnenlicht. Nichts erinnerte mehr an den Tod, an diese dunkle Fantasiewolke. Der schwarze Mantel hatte sich in einen weichen, lila Poncho verwandelt und die dunkle Kapuze war in Wahrheit eine bunte Kappe. ‚Ja, hatte ich denn Tomaten auf den Augen gehabt?‘ Es war nichts als ein großes, schlaksiges Kind, das dort fröhlich lachend den Weg entlanghüpfte. Ein Kind mit einem gewissen Etwas.
Ein Gedanke in meinem Kopf formte sich: ‚Ein himmlisches Kind?‘
Mich erfasste eine stille Freude. Das Kind winkte mir zu. Ich winkte zurück und fuhr endgültig weiter. Ich ließ den Tod hinter mir und sah im Rückspiegel die Freude des Himmels darüber, dass ich endlich begriffen hatte.
Ich schaltete in den dritten Gang und fuhr beherzt und voller Frieden dem ewigen Leben entgegen. Und meinem Geschäftspartner.
Im tiefsten Inneren fühlte ich eigentlich immer schon, dass es den Tod gar nicht gibt. Leider hatte ich das zeitweise wohl vergessen und mir doch ab und zu Angst einjagen lassen. So konnten sich in meinem Leben einige Grenzerfahrungen entwickeln, die einem Menschen, der sich seiner liebevollen Unendlichkeit bewusst ist, nie geschehen würden. Darüber hinaus war ich nicht damit zufrieden, nur etwas zu ahnen oder zu glauben, ich wollte es wissen. Und ich wollte bestimmt nicht damit warten, bis ich tot war, nur um zu erfahren, dass ich nicht sterben kann. Irgendwann habe ich mich dafür entschieden, hier in diesem Leben herauszufinden, was es mit dem Tod auf sich hat und auch mit all den anderen Ungereimtheiten.
Mein Grundgedanke war dieser: Wir werden in diese Welt geboren und erleben allerhand Höhen und Tiefen. Da sind unglaublich liebevolle Gefühle, Zärtlichkeit, aber auch innere Kämpfe, Ängste und Abwehr. Da ist Schmerz und Lust und da ist ebenso allerhöchstes Glück. Dieses Leben ist so voll von Eindrücken, Erfahrungen, Wundern und Bewegung, dass es doch wohl der größte Unsinn wäre, wenn es irgendwann einfach so vorbei wäre. Zack, ohne Erkenntinsse, ohne Sinn und ohne Fortsetzung. So ein Tod würde aussagen, dass das Leben keinerlei Bedeutung hat. Aber was keine Bedeutung hat, kann nicht existieren.
Und? Es ist nicht zu übersehen, dass wir alle das pure Leben sind. Ob laut oder leise, lachend oder weinend, fröhlich oder miesepetrig. Wir alle leben, wachsen, streben und sind. Das Leben hat höchste Bedeutung, denn es ist in dieser Welt das Einzige von Bestand. Die Grenzen setzen wir uns selbst, aus Angst und Unwissenheit. Auch den Tod.
Jetzt ist der Augenblick gekommen, wo ich mit euch zusammen, meinen lieben Freunden, die Dunkelheit auflösen möchte, damit sich das Licht ausbreiten möge. Ich mache das auf meine Weise. Mit Liebe, Leichtigkeit und Freude.
Freude. Darf ich mich vorstellen? Ich heiße Joy und das bedeutet ja bekanntlich ‚Freude‘. Warum meine Eltern mich so genannt haben, weiß ich nicht. Sie hatten auf jeden Fall eine gute Idee und vielleicht auch so eine Ahnung, dass ihre Tochter eines Tages viel mit Freude zu tun haben würde. Hier noch ein paar Einzelheiten, damit du dir ein besseres Bild von mir machen kannst. Als Fünfundvierzigjährige müsste ich eigentlich jetzt erwachsen sein. Auf den ersten Blick bin ich es auch. Wenn man aber genauer hinschaut, erkennt man mein kindliches Gemüt, die Vertrauensseligkeit in dieses Leben und in jeden Menschen. Da ist keine Angst, nur reine Liebe.
„Du bist so süß, Mama, wenn du mit deinen großen, blauen Kinderaugen durch die Welt läufst und jeden anschaust, als könntest du auf den Grund seiner Seele blicken“, sagt Tom manchmal. Er ist der Ältere von meinen Zwillingen, ein gelassener Typ. Nils, der Zweitgeborene, ist der vorsichtige Zweifler in unserer Familie. Er möchte mich behüten und äußert sich hin und wieder besorgt: „Mama, strahl doch nicht immer jeden so an und schließ nicht mit jedem, der dir über den Weg läuft, Freundschaft. Irgendwann liegst du da mit durchgeschnittener Kehle, dann guckst du aber blöd.“ Ich lache dann meist über die Worte meiner zwanzigjährigen Zwillinge und nehme beide stürmisch in meine Arme. Ach, wie liebe ich diese beiden Jungs. Eine wunderbare Familie.
Was, sagst du? Da fehlt noch einer? Ja, den Vater der Kinder will ich natürlich nicht unterschlagen. Ein ganz wunderbarer Mann, ohne Einschränkung. Ein Vater, so liebevoll wie die beste Mutter. Er heißt Jan und wohnt ein paar Straßen weiter. Wir verstehen uns gut, obwohl wir ein getrenntes Ehepaar sind. Kein Rosenkrieg, sondern einfach liebevolle Akzeptanz des anderen. Warum wir uns getrennt haben? Tja. Der Witz ist, dass ich das heute auch nicht mehr so richtig weiß. Vor ein paar Jahren konnte ich nicht mehr mit ihm leben, glaubte ich. Die Liebe war zwar noch da, aber irgendwie zu einer Gewohnheit geworden. Im tiefsten Inneren wollte ich frei sein. Vielleicht spürte Jan das und fühlte sich nicht mehr geliebt. Jedenfalls kam eine andere Frau ins Spiel, die ihm das vermisste Gefühl der Liebe zurückgab. Jan zog aus.
Auch ich hatte nach einem Jahr wieder eine neue Partnerschaft, denn ich vermisste die Anerkennung und die Liebe eines anderen Menschens. Lange hielt diese Partnerschaft nicht, was mich im Nachhinein nicht wundert. Heute weiß ich, dass Liebe und Anerkennung nur in jedem selbst zu finden sind. Und hat man sie gefunden, kann man theoretisch mit jedem Partner glücklich sein.
Ich glaube, dass die Geschehnisse, mein Freiheitsdrang und Jans Suche nach dem vollkommenen Geliebtsein eine gute Chance gewesen wären, unsere Partnerschaft neu zu sortieren. Anders, inhaltlich wertvoller, freier und gelassener. Doch heute ist es wie es ist. Und ich fühle, dass es so sein soll. Alles ist gut.
Es hat sich alles neu geordnet. Da ist die neue Partnerschaft mit Max, Anfang fünfzig, groß, stark, liebevoll und sanft. Er lief mir eines Tages einfach so über den Weg und ist in meine Arme gestolpert. Seit zwei Jahren üben wir, miteinander glücklich zu sein. Meistens gelingt uns das auch.
Vor allem aber habe ich das gefunden, was ich die ganze Zeit gesucht habe. Andere Menschen benutzen vielleicht lieber einen anderen Ausdruck für dieses helle Licht, die Wärme und die allumfassende Liebe, die im Inneren eines jeden zu finden ist. Ich aber nenne es Gott.
Es hat eine Weile gedauert, bis ich es oder ihn Gott nennen konnte. Irgendwie hatte ich immer ein Problem mit dem Wort ‚Gott‘. In Gesprächen machte ich stets einen großen Bogen um diese vier Buchstaben und ich vermied auch Worte wie ‚Schöpfer‘ oder ‚Vater‘. Wenn ich dann über dieses wunderbare Licht sprach, die universelle Energie und meine innere Stimme, schauten mich meine Gesprächspartner manchmal etwas belämmert an. Und ehrlich gesagt fühlte ich mich auch so.
Ich beschloss erst vor Kurzem, in Gesprächen die Dinge, die mich berührten, endlich beim Namen zu nennen: Gott, Christus, Heiliger Geist.
Ich kann sie endlich aussprechen. Es tut auch gar nicht weh. Und es ist alles ganz anders als ich es je in Religionsunterricht, Schule und Kirche gelernt habe.
Ich habe Gott gefunden und gleichzeitig mich selbst. Es fühlt sich wunderbar an.
Wie genau es sich anfühlt, willst du wissen? Im Grunde ist es seine Stimme in mir, die in Form von Gefühlen zum Ausdruck kommt.
Glaubst du das nicht oder zweifelst du daran? Ja, das kann ich verstehen, mir ging es früher auch so, wenn andere mir so etwas erzählten. Ich dachte: ‚Was hört der? Seine innere Stimme? Die göttliche Stimme? Hat der einen Knall, oder was?‘ Ja, das dachte ich. Und heute? Ich kann sie auch endlich hören, klar und deutlich spricht sie zu mir. Sie hat die ganze Zeit gesprochen, nur waren quasi meine inneren Gehörgänge verstopft. Wer voller Ängste, Zweifel und Unsicherheit ist, der kann diese wundervolle Stimme in sich nicht hören, egal, wie laut sie ruft.
Ob Jan das gefunden hat, was er suchte, weiß ich nicht, aber er ist auf dem Weg, wie jeder von uns. Der Loslöseprozess von Jan war eine harte Zeit. Man möchte den Schmerz weghaben, ihn nicht fühlen. Meine innere Stimme sagte: ‚Joy, nimm diesen Schmerz an, es ist dein Schmerz. Schau ihn dir genau an, liebe dich mit diesem Schmerz und dann geh durch ihn hindurch und lass ihn los. Dann kann er sich auflösen.‘
Das hat funktioniert. Es hört sich leichter an, als es war, aber seitdem ich das Loslassen so praktiziert habe, trage ich das sichere Gefühl in mir, dass Jan immer ein Teil von mir bleiben wird. Endlich konnte ich alles akzeptieren und den Dingen ihren Lauf lassen.
Ich hörte weiterhin auf diese wundervolle Stimme in mir, lernte mich selbst und mein kindliches Gemüt besser kennen und lieben.
Da ist nicht nur dieses Urvertrauen zu jedem Fremden, gepaart mit brüderlicher Liebe, sondern auch die pure Lebensfreude. Sie muss einfach raus in diese Welt. Man sieht es sogar an meinem Kleidungsstil. Er ist fröhlich und bunt, wie es mir gefällt. Miniröcke sind meine Leidenschaft und dazu trage ich gerne farbenfrohe Strumpfhosen mit Blümchen und Ringeln. Manche Leute bleiben stehen und staunen über meine farbige Lebenslust, während ich lächelnd und strahlend an ihnen vorbeigehe. Manchmal bleibe ich auch stehen und rede, lache und verbinde mich mit Fremden, die oft schnell zu Freunden werden. Inzwischen habe ich meinen Traumberuf gefunden, indem ich in meinem Haus ein Seminarzentrum für Selbstfindung leite. Hier lernen die Menschen, auf ihre innere Stimme zu lauschen und eine liebevolle Denkweise zu erlangen, die sie auf dem Weg voranbringt. Jede Begegnung in dieser friedvollen Atmosphäre erfüllt mich mit Freude und Dankbarkeit. Die Liebe schwingt hier auf ihrer höchsten Ebene. Man fühlt es, sobald man das Haus betritt. An die absolute Lebensfreude wird hier erinnert und sie erwacht neu.
Wie du dir denken kannst, habe ich noch eine zweite Beschäftigung, die ich sehr liebe: das Schreiben. Schon als Jugendliche habe ich gern das aufgeschrieben, was mich bewegt. In gewisser Weise ist dies eine Form, Dinge zu verarbeiten, quasi eine Selbsttherapie. Das ehrliche Aufschreiben konfrontiert mich mit meinen innersten Gefühlen und bringt Klarheit in mein Leben. Dass inzwischen Bücher daraus entstanden sind, hätte ich mir früher nie träumen lassen. Oder doch?
Mein Name ist Joy. Er bedeutet Freude, Wonne. Ja, das ist heute mein Leben. Eine wahre Wonne.
Überall sause ich herum und verteile meine Freude. Ich strahle Leute an, halte ihre Hand, streichle sie und bringe sie zum Lächeln, zum Lachen und zum Lieben. Außerdem puste ich schrecklich gerne Seifenblasen und schaue ihrem Tanz zu. Ich lasse bunte Drachen steigen und kann keiner Schaukel aus dem Wege gehen. Ach, ich bin total begeisterungsfähig. Ein warmer Sommertag lässt mich genauso jubeln wie ein peitschender Herbststurm. Oft bin ich so erfüllt von meinen tobenden Gefühlen, dass ich alle Menschen umarme, die ich zu fassen bekomme. Ja, vielleicht halten mich einige Leute für seltsam, doch das denken Menschen immer von denen, die nicht mit dem Strom schwimmen. Beruhigend ist aber doch, dass jeder hin und wieder die vorgegebene Strömung verlässt, um mal etwas anderes auszuprobieren. Und genau das vereint uns dann wieder.
Ich kann einfach nicht die Meinung der Gesellschaft und der Medien teilen, wenn es um Sicherheitsmaßnahmen, Kontrollen und Schubladendenken geht. Eher fühle ich mich aufgerufen zu sagen, welche Denkweise wirklich förderlich für das Wachstum der Menschheit ist.
Der Schlüssel ist die Liebe, uneingeschränktes Vertrauen zueinander und anerkennende Freude. Unser eigenes Licht mit dem Licht eines jeden zu teilen und auszutauschen bringt uns das vollkommene Glück. Das ist die Wahrheit.
Viele haben schon die Wahrheit gesagt. Sie wurden belächelt, hinterfragt, verfolgt oder ans Kreuz geschlagen. Sie waren sich der weltlichen Urteile bewusst, dieser tiefen Ängste der Menschheit. Trotzdem ließen sie sich nicht davon abhalten zu sprechen, denn niemals drohte ihnen wirklich Gefahr.
Sie alle leben. Sie alle stehen unter dem Schutz der Liebe, auch wenn es für die Blinden und die Tauben nicht zu erkennen ist. Die Blinden und die Tauben sind jene, die diese Welt ausschließlich mit ihren körperlichen Augen und Ohren wahrnehmen und beurteilen. Es sind jene, die sich irrtümlich für Körper halten und nicht wissen, dass der Körper nur ein Mittel ist, das uns in Freude dienen soll.
Ziel dieses Buches ist, gemeinsam wieder sehen und hören zu lernen, zu erfassen, was die Wahrheit ist. So beschäftigen wir uns mit geistigen Lehren, wie der Macht der Gedanken, dem Gesetz der Anziehung und der inneren Stimme. Ich habe viel gelernt, doch habe ich auch noch viel zu lernen. Dies kann ich am besten auf diesem Wege, gemeinsam mit dir. Jedes Wort, das du liest und als Wahrheit erkennst, hilft mir, mich selbst zu erkennen.
Ich danke dir.
Es hat einige Zeit gebraucht, bis ich manches wirklich verstehen konnte. Woran liegt das? Wir alle haben gelernt, nur das zu glauben, was wir sehen oder hören können, also das, was unsere Sinnesorgane beweisen können. Unsere Köpfe wurden von klein auf mit Wissen vollgestopft, das uns in der inneren Welt nicht nützt, sondern blockiert. Der Verstand, der die Ratio und Analyse umfasst, der auf Beweisen und Dogmen beruht, begrenzt sich selbst und führt letztlich in eine Sackgasse. Die tiefe Weisheit des Herzens aber, die keine Unterschiede und Urteile kennt, die ihr Wissen aus der liebevollen Unendlichkeit schöpft, ist unser Weg in die Befreiung.
Die meisten Menschen glauben, dass sie nur auf äußere Umstände reagieren. Sie glauben, dass sie zuerst die Welt wahrnehmen und daraufhin Entscheidungen treffen oder handeln. Ist das wirklich wahr?
Was wäre, wenn?
Was wäre, wenn es sich genau umgekehrt verhielte? Wenn nicht das Sichtbare zuerst da wäre, sondern der Gedanke? Hört sich das nicht unglaublich an? Ja? Verständlich. Schließlich hat man uns von klein auf etwas völlig anderes beigebracht.
Eins verspreche ich dir hier! Wenn du den Mut hast, die üblichen Dinge loszulassen und dich für Neues zu öffnen, dann wirst du grenzenlose Möglichkeiten und ein fantastisches Leben finden. Dann wirst du das wirkliche Leben finden.
Nun bist du an dieser Stelle, gemeinsam mit mir. Du kannst dich entscheiden, ob du wie bisher dein Leben so weiterleben willst. Ob du ein Leben mit dieser Olala-Zufriedenheit, mit allen Begrenzungen, die du zulässt und mit diesem Grauschleier, der dich auf der Stelle treten lässt, führen willst. Willst du das? Ja? Dann lege das Buch jetzt an die Seite.
Wenn du aber das vollkommene Glück willst, jubelnde Freude und umfassende Liebe erleben möchtest, dann lies weiter. Du wirst die Wahrheit durch dich selbst erfahren und dich über alle Begrenzungen hinweg bewegen, um die Welt zu verändern. Du wirst einer von denen sein, die das Licht der Wahrheit weitertragen, so wie ich es tu.
Ich kann dir nicht beschreiben, wie glücklich das macht. Es ist ein so wunderbares Gefühl, wie es in dieser Welt mit nichts zu vergleichen ist.

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Leseprobe: Die Asylentscheiderin

Die erste Entscheidung


Bundesweit sucht das Bundesamt für Migration und Flucht (BAMF) ca. 300 tatkräftige, mutige und entscheidungsfreudige Frauen und Männer der Deutschen Post, um für 6 – 12 Monate als Entscheider alle anhängigen Asylverfahren verantwortungsbewusst zu bearbeiten.
Seit fast 30 Jahren arbeitete ich bei der Post und lange Zeit war dies mein Traumberuf gewesen, auch wenn manche meiner Freunde mich nicht verstehen konnten.
Hinter dem Postschalter stehen, Briefmarken abzählen und Pakete entgegennehmen – Damit meinten sie, meine Arbeit beschreiben zu können. Aber sie hatten keine Ahnung, was alles sonst noch dazu gehörte. Und selbst wenn mir die Arbeit als solche manchmal etwas trocken wurde, so waren da immer noch meine Kunden, die mir schon bald ans Herz gewachsen waren. Viele von ihnen kannte ich besser als ihre nächsten Verwandten. War gerade mal niemand sonst im Schalterraum, dann erzählten sie mir aus ihrem Leben. Wenn sie einen eingeschriebenen Brief vom Amt abholten, so erfuhr ich auch gleich, welches Problem es gerade wieder gab. Ich wusste von ihren Sorgen und Ängsten, aber auch von ihren Hoffnungen und Erfolgen. Manche, die zu Hause niemanden zum Reden hatten, kamen auch einfach mal vorbei, warteten am Stehtisch in der Ecke des Raumes, wo die Paketkarten zum Ausfüllen bereitlagen, bis der letzte Kunde gegangen war. Dann kamen sie zu mir an den Schalter, um mir ihr Herz auszuschütten, oder auch einfach nur, um zu reden. Um nicht immer nur sich selbst sprechen zu hören, sondern auch Antworten zu bekommen.
Im Lauf der Jahre entwickelte ich ganz ungeahnte Fähigkeiten. Ich beriet Mütter, die nicht wussten wie sie mit ihren heranwachsenden Kindern klar kommen sollten. Männer die nicht mehr weiter wussten, weil sie die Verbindung zu ihren Frauen und Kindern immer mehr verloren. Ich beriet Jugendliche bei der Berufswahl, schwanger gewordene junge Mädchen, alleinstehende Menschen, die nicht wussten, wie sie der Einsamkeit entfliehen sollten, und einmal sogar einen verliebten Priester.
Aber das lag nun schon sehr viele Jahre zurück.
Meine erste Poststelle wurde geschlossen. Ich begann erneut im Nachbarort und war bald wieder Beraterin in allen Lebenslagen. Dann wurde auch dieses Postamt geschlossen und ich durchlief im Lauf der Jahre viele kleine Orte. Aber die Umstände veränderten sich immer schneller und das, was ich an meinem Beruf so geschätzt hatte, ging mehr und mehr verloren. Ich hatte keine Zeit mehr für die einzelnen Kunden, denn es wurde mit jeder Minute gerechnet. Meine Einsatzorte wechselten immer häufiger, so dass es mir kaum mehr möglich war, die Menschen, die zu mir kamen, näher kennenzulernen. Dann gab keine feste Stelle mehr für mich. Ich machte Urlaubs- und Krankenvertretungen, war immer dort, wo Not an der Frau war, hatte aber keinen festen Platz, wo ich gebraucht wurde. Gebraucht – nicht nur für das übliche Tagesgeschäft, sondern vor allem von meinen Kunden, von den Menschen vor dem Schalter.
Schließlich wechselte ich in die Verwaltung und verbrachte meine Arbeitszeit vorwiegend am Schreibtisch. Ich gewöhnte mich an die neue Situation, vermisste aber den Kontakt zu den Kunden immer noch sehr. Gerne hätte ich wieder mehr mit Menschen gearbeitet, anstatt den ganzen Tag nur auf den Bildschirm zu starren. Doch mit fast 50 Jahren fühlte ich mich nicht mehr jung genug, um ganz neu zu beginnen. Außerdem verdiente ich genügend Geld, konnte nicht entlassen werden und hatte Aussicht auf eine gute Pension.
Da kam mir dieses Angebot gerade recht:
Bundesweit sucht das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) ca. 300 tatkräftige, mutige und entscheidungsfreudige Frauen und Männer der Deutschen Post, um für 6 – 12 Monate als Entscheider alle anhängigen Asylverfahren verantwortungsbewusst zu bearbeiten.
Manche meiner Kollegen und Kolleginnen waren schon vor Jahren zum Zoll oder zu anderen Behörden gewechselt, um dort Löcher zu stopfen. Damals hatte ich aber noch gezögert, litt noch nicht genug unter meiner beruflichen Situation und hoffte immer noch, dass sich alles wieder nach meinen Wünschen zum Guten entwickeln würde. Inzwischen hatte ich die Hoffnung aufgegeben.
Die Tätigkeit als Asylentscheiderin erschien mir die Fortführung dessen, was ich jahrelang gemacht hatte, auch wenn sich vielleicht manches in der Erinnerung verklärte. Sorgen und Nöte hatten die Flüchtlinge ja schließlich genug, jedenfalls die richtigen Flüchtlinge. Ich hatte in letzter Zeit die Debatte um die Flüchtlingskrise genau verfolgt, man kam ja auch kaum dran vorbei. Es leuchtete mir ein, was ich überall zu lesen und auch von den Politikern zu hören bekam: Wenn unendlich viele Menschen zu uns kamen, und das war ja anscheinend so, wenn man ihrer Aussage glauben konnte – und warum sollte man nicht? – dann war irgendwann kein Platz mehr für alle. Und wenn wir nicht Platz für alle hatten, dann musste man natürlich aussortieren zwischen den richtigen Flüchtlingen und den falschen. Zwischen denen, die unsere Hilfe verdienten und dankbar dafür waren und jenen, die nur etwas von unserem Wohlstand abhaben wollten. Klar, ich konnte auch sie verstehen. Warum nicht teilhaben an der Torte des Nachbarn, wenn es zu Hause nur trockenes Brot gibt. Ich hatte da auch grundsätzlich nichts dagegen, nur wenn gleichzeitig diejenigen keinen Platz bei uns fanden, die vor Krieg und Terror flohen, dann mussten die anderen eben zurückstehen. So konnte ich es überall lesen und so sah ich das auch. Und wenn es hieß, wir hätten keinen Platz und kein Geld für alle die zu uns kamen, so nahm ich das als Tatsache, denn schließlich hatte ich selbst keinen Einblick und musste mich auf diejenigen verlassen, die von Berufs wegen Bescheid wussten. Das war immer schon so gewesen und ich war gut damit gefahren. Warum sollte ich also jetzt diese Aussagen in Zweifel ziehen?
Immer wieder las ich zwar auch andere Meinungen. Dass wir genug Raum und Geld für alle hätten, dass die Wirtschaft boomte – manche sagten sogar, dass durch die Flüchtlinge die Wirtschaft angekurbelt würde – und das Geld eigentlich da wäre, um allen zu helfen, wir müssten es nur richtig verteilen. Dass wir die moralische Pflicht hätten, denen, die bei uns Hilfe suchten, beizustehen und nicht zu sortieren, wer Anspruch auf unsere Hilfe hätte, nach dem Motto „die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen“ – aber diese Stimmen waren leiser als die anderen und ich hörte lieber auf die lauten.
„Wir schaffen das“, wie es die Bundeskanzlerin lange und gern verkündet hatte, hieß im Grunde: „Wir schaffen das, wenn …“ und zu diesem wenn wollte ich jetzt beitragen. Wollte meinen Beitrag dazu leisten, den ärmsten und gebeuteltsten unter den Flüchtlingen zu helfen. Ich sah Bilder von zerbombten Städten und zerfetzten Körpern, von Scharen gefangener Frauen in Burkas, Niqabs oder Kopftüchern, und ich sah Bilder von abgeschlagenen Köpfen und verzweifelten Gestalten vor zerstörten Häusern. Diesen Menschen wollte ich helfen, genau diesen Menschen musste ich helfen, auch wenn der ein oder andere, der seine Kinder von kaum mehr als nichts ernährte, deswegen zurück in sein Land musste. Den meisten von ihnen ging es doch nur darum, bei uns besser zu verdienen, als es zu Hause möglich war. Aber das war nicht mein Problem und auch nicht das derjenigen, die vor Bomben und Krieg flohen.
Und ich wollte weg von meinem Schreibtisch im Büro, ohne Kontakt zu den Menschen.
So traf ich meine erste Entscheidung.
Schon bald nachdem ich mein Bewerbungsschreiben losgeschickt hatte, bekam ich eine Einladung zum Vorgespräch. Ich machte einen schönen Tagesausflug daraus, einmal Nürnberg und zurück. Freigestellt vom Arbeitgeber für das alles entscheidende Treffen, freie Fahrt mit der Bahn und ein Kribbeln im Bauch, das ich schon lange so nicht mehr gespürt hatte. Ich war aufgewacht aus meiner Lethargie, in der sich Tag an Tag reihte, unterbrochen von Wochenenden, die für mich bereits am Sonntagabend als Leuchtturm am Horizont standen, auf die ich mich mühsam die Woche über zubewegte. Mein Leben ähnelte dem Rosenkranz, den ich als Kind oft am Abend mit meinen Eltern beten musste, im Oktober, im „Rosenkranzmonat“, sogar jeden Abend. Man konnte den Rosenkranz (warum hieß der überhaupt so, Rosen gab es dabei keine?) abschnittweise beten oder, wenn es hart auf hart kam, vollständig. Fünf Gesätzchen oder Gesetzchen – ich hatte als Kind und auch später nie begriffen worauf dieses Wort baute. Was es bedeutete war mir aber nur zu gut bewusst. Ein Gesä/etzchen waren zehn Perlen, fünfmal zehn waren aneinander gereiht, jeweils unterbrochen von einer ganz besonderen Perle. Das Wochenende sozusagen. Zehn Mal also das gleiche Gebet heruntergeleiert, nie begriffen und auch nie wirklich erklärt warum. Immer mit dem sehnsüchtigen Blick auf die große dicke Perle, die das Ende der Quälerei bedeutete. Man konnte aber nie wissen, ob es nicht danach weiterging mit einer neuen Sequenz. Und so ging es in meinem Leben, eine Woche folgte der anderen. Im Gegensatz zu damals wusste ich sicher, dass es kein Ende gab, dass es immer so weitergehen würde. Hin und wieder wurde dieser Rosenkranz der Langeweile unterbrochen von wenigen Wochen Urlaub und dann ging es wieder von vorne los. Woche für Woche, von großer Perle zu großer Perle, von Leuchtturm zu Leuchtturm, und nur diese Unterbrechungen waren mir in den letzten Jahren wirklich lebenswert erschienen und hatten mich über Wasser gehalten.
Und nun wagte ich den Aufbruch, wollte mich ins Wasser zwischen den Leuchttürmen stürzen und endlich wieder das Schwimmen genießen, bewusst erleben und erfahren, was zwischen den Leuchttürmen lag.
Ein wenig aufgeregt war ich schon. Sechs Wochen herumsitzen und lernen! Es hatte während der Jahre immer wieder Fortbildungen gegeben, jedoch fünf Tage waren das Höchste der Gefühle gewesen und ich erinnerte mich gut, dass die Konzentration meist schon nach drei Tagen nachgelassen hatte. Aber ich würde mich daran gewöhnen und das Beste daraus machen. Sechs Wochen raus aus meinem Alltag, das allein war schon eine höchst verlockende Aussicht.
Vor noch nicht allzu langer Zeit hatte ich meine langjährige Beziehung beendet. Endlich, nach vielen Aufs und Abs oder besser gesagt Abs und Aufs, hatte ich den Mut gefunden, einen Schlussstrich zu ziehen. War das schon der erste Schritt in mein neues Leben gewesen? Ein ziemlich großer Bruch war es jedenfalls, der sehr viel Kraft erfordert hatte. Mich aufzuraffen und aus den Gewohnheiten vieler Jahre aus- und aufzubrechen hatte mich alle Energie gekostet, die ich aufbringen konnte. Manchmal wundere ich mich noch immer, wie ich es geschafft habe. Frage mich manchmal auch, was genau mich veranlasst hat, diese längst tote Gewohnheitsbeziehung endlich abzubrechen. Herauszuschauen aus meinem Schneckenhaus in dem ich mich eingerichtet hatte im Lauf vieler Jahre. Das ich nur verließ, um zur Arbeit zu gehen, wo sich zu den besten Zeiten mein eigentliches Leben abspielte.
Was hatte mich in dieser Beziehung festgehalten? Heute kann ich das nicht mehr sagen. War es die Angst, vor dem Alleinsein? Die Angst davor, als Versagerin in Sachen Liebe zu gelten? Auch wenn das Single-Leben immer angesagter, immer akzeptierter wurde, so saß tief in mir drin doch immer noch der alte Stachel. Wie ich es als Kind gelernt hatte, war es für mich immer ein Makel geblieben, allein zu sein. Wer allein war hatte versagt, war – modern ausgedrückt – bindungsunfähig. Alte Jungfer hatte das in der Sprache meiner Kindheit geheißen. Und als alte Jungfer zu enden war das Schlimmste, was einer Frau geschehen konnte. Junggesellen, das männliche Gegenstück, waren anerkannt und interessant. Als Frau jedoch würde ich ohne Mann als eine nicht gewollte alte Jungfer enden. Spröde, unattraktiv, unfähig, einen Mann anzulocken und für mich zu gewinnen. Hässlich oder im besten Fall unscheinbar, nicht wertvoll genug, gesucht, und vor allem gefunden zu werden.
So hatte ich es gelernt, als ich ein kleines Mädchen war, und so stand das Schreckensbild jahrelang vor mir. Dass ich mich damals nicht für Jungs interessierte sah die Welt um mich herum aus einer ganz anderen Perspektive: Die Jungs interessierten sich nicht für mich. Die Männerwelt übersah mich einfach, weil ich nichts zu bieten hatte. Und warum sollte ich in Frage stellen, was alle anderen, so glaubte ich damals jedenfalls, erkannt hatten? Dass auch manche meiner Freundinnen nicht ganz freiwillig ihre Spielchen mit dem anderen Geschlecht spielten, sondern aus ähnlichen Ängsten heraus wie ich sie hatte agierten, erkannte ich erst sehr viel später. Zu spät. Einige von ihnen heirateten früh und gingen im Familienleben auf – oder unter? Manche verschwanden einfach, verließen die Stadt, studierten, machten Karriere und lebten ihre jeweiligen Leben, von denen ich nichts wusste.
Irgendwann bekam ich Torschlusspanik. Ich war hängengeblieben in meiner Stadt, in meiner Ausbildung, bei der Post. Ich fühlte mich mit mehr selbst am wohlsten, konnte aber die Blicke und das Getuschel – das ich wohl eher fürchtete als hörte – irgendwann nicht mehr aushalten.
„Sie wird als alte Jungfer enden!“, „Was ist nur los mit ihr?“, so glaubte ich sie reden oder jedenfalls denken zu hören. Heute glaube ich, dass ich mir das alles eingebildet habe. Es waren wohl nur meine eigenen Ängste, die mich bedrängten und dazu brachten, mich Hals über Kopf in eine Beziehung zu stürzen, die anfangs wunderbar war, weil ich jetzt war wie alle anderen auch, die aber eben deshalb auch schnell ihren Reiz verlor. Ich war nun wie alle – gefangen in einem Leben, das nicht meines war.
Während ich packte lief mein Leben wie ein alter Film vor mir ab. Ein Film, wie wir sie früher in der Schule gesehen hatten, aufgerollt auf großen Blechspulen, die jedes Mal jemand von uns aus dem Lehrmittelraum holen musste, um dann den Filmstreifen im Projektor einzufädeln. Manchmal ruckte und zitterte das Bild, manchmal riss der Film oder es gab nur Blitze und Striche zu sehen an Stellen, wo der Film früher schon gerissen und dann geklebt worden war. So ganz genau ließ sich nicht mehr rekonstruieren, was an diesen Stellen einmal zu sehen gewesen war. Ob nur wenig fehlte oder ob große Teile verloren gegangen waren. Manchmal wunderte ich mich, dass dies mein Film, mein Leben sein sollte, und noch mehr, wie es dazu gekommen war. Im Rückblick schien es so einfach, auszusteigen und auf einen anderen Zug aufzuspringen. Aber ich hatte es nicht getan, hatte die Möglichkeiten die sich boten nicht wahrgenommen und den richtigen Zeitpunkt immer wieder verpasst.
Aber gab es ihn denn überhaupt, den richtigen Zeitpunkt? War nicht immer genau der Moment, an dem man aussteigen konnte? Es musste ja nicht an der vorgegebenen Haltestelle sein. Notbremse ziehen und auf dem freien Feld aussteigen hätte ja genügt. Aber ich hatte gewartet bis der Zug im Stellwerk angehalten hatte, und auch dort war ich zunächst sitzen geblieben, obwohl ich nicht erwartete, dass er sich wieder in Bewegung setzen würde. Oder war da doch noch ein kleiner Funke Hoffnung gewesen auf Bewegung, notfalls auch im Rückwärtsgang? Ich wusste es nicht mehr.
Unschlüssig stand ich vor meinem Kleiderschrank. Unterwäsche, Socken und all das, was immer gebraucht wurde, hatte ich gepackt. Aber jetzt stellte sich die Frage nach dem Outfit mit dem ich den besten Eindruck vermitteln würde. Leger und bequem – ich ging ja praktisch wieder zu Schule – oder doch eher so, wie man sich gewöhnlich eine Beamtin vorstellte? Schließlich war noch nichts entschieden, ich war noch nicht angenommen, noch nicht angekommen im neuen Leben.
Erst nach den sechs Wochen Crashkurs würde die endgültige Entscheidung fallen. Auf beiden Seiten, so hatte man betont.
„Nicht alle stehen das durch, nicht alle sind geeignet, nicht alle möchten bleiben.“
Warum das so war blieb offen, aber für mich war klar, dass dies der einzige Weg in ein neues Leben war, der mir blieb. Deshalb würde ich bleiben, koste es was es wolle.
Sie hatten Beamte angefordert, also würde ich auch so auftreten. Sollte ich die Einzige sein, würde ich mein Outfit eben am nächsten Tag verändern und damit zeigen, dass ich anpassungsfähig war – und schon hätte ich den ersten Pluspunkt kassiert.
Also packte ich großzügig von allem etwas für die erste Woche ein und kehrte zurück zu meinem Kopfkino.
Wie war es gekommen, dass ich so lange nicht bemerkt hatte, dass das Leben an anderen Orten spielte als dort, wo ich mich aufhielt? Ich hatte mich doch immer für die Welt und die Menschen interessiert, hatte mir ihre Probleme angehört und viele davon gelöst. Aber zugleich döste ich bewegungslos in einer Beziehung, die es im Grunde gar nicht gab. Wir lebten beide unseren Alltag, trafen hin und wieder aufeinander, waren zufrieden damit nicht allein zu sein – und das war’s. Es war kein wirklich schlechter Film den ich da jetzt sah. Es gab keine Gewalt, keine großen Ängste, nichts, was wirklich schlimm gewesen wäre. Aber niemand würde sich einen solchen Film freiwillig bis zum Ende ansehen. Es geschah einfach nichts.
Mein Leben hatte sich lange Zeit im Leben der Anderen abgespielt, erkannte ich jetzt. Ihre Freuden und ihre Sorgen waren zu meinen geworden und wahrscheinlich hatte ich sogar vielen Menschen sehr geholfen. Sie konnten reden, konnten ihre Sorgen dort erzählen, wo sie sicher waren, dass niemand sonst davon erfahren würde. Sie erhielten Ratschläge und so manches Mal auch direkte Hilfe von mir. Ich war Seelsorgerin, Therapeutin und Sozialarbeiterin in einem gewesen und was war daran falsch? Eigentlich hatte ich es doch fast richtig gemacht. Das war mein Leben, und die Beziehung mit Richard hielt mich im ruhigen Fahrwasser. Sie plätscherte vor sich hin, machte mich nicht glücklich, aber auch nicht wirklich unglücklich.
Irgendwann plätscherte es dann aber nicht einmal mehr und unsere Beziehung löste sich in Luft auf. Sie verschwand einfach, aber wir beide bemerkten das lange nicht. Erst als mein beruflicher Alltag sich rasant verschlechterte, mir das Leben der Anderen nicht mehr zur Verfügung stand und ich herausfand, dass ich gar kein eigenes hatte, das diese Lücke nun hätte ausfüllen können, war ich aufgewacht. Nicht plötzlich, sondern eher zögerlich. Wie an einem Morgen nach einer durchgefeierten Nacht. Ich wollte nicht wach werden, alles war zu laut und zu hell um mich herum, und ich schloss die Augen wieder und dämmerte weiter vor mich hin. Das ging eine Weile so, dann wurde ich endgültig wach, stand auf und ging davon.
Ich stellte den Film ab. Fortsetzung folgt – der nächste Teil sollte aufregender werden, beschloss ich, während ich den Koffer zum Auto brachte.
Ich schloss den Kofferraumdeckel mit einem Knall. Ganz so einfach war der Prozess des Erwachens aber doch nicht gewesen, musste ich mir eingestehen. Bis ich aufwachte und dann wirklich davonging hatte es ziemlich lange gedauert, und ein wenig Input von außen brauchte ich dazu auch. Ich wollte den Neuanfang richtig machen, wollte den alten Film zunächst noch einmal genau und bis zum Schluss ansehen, beschloss ich. Nicht nur die Kurzfassung. Ich kochte Kaffee, setzte mich auf die Terrasse in die Frühlingssonne und spulte zurück.
Nachdem ich es nicht mehr aus der Welt denken konnte, dass Schluss war mit dem Beruf, den ich geliebt hatte, musste ich mir eingestehen, dass es kein Zurück geben würde in das Leben der Anderen. Ich würde bestenfalls am Schreibtisch Büroarbeit verrichten bis ans Ende meiner postalischen Tage. Ich schrammte knapp an einer Depression vorbei. Was mich davor rettete wirklich einzubrechen, weiß ich nicht, aber ich verfiel in einen Dämmerzustand, eine Art Standby. Da war meine Arbeit im Büro, hin und wieder unterbrochen durch einen zeitlich begrenzten Einsatz in der Produktion, was bedeutete, Briefe zu sortieren oder Pakete aufs Band zu legen. Zu Hause war alles wie immer. Zwei Menschen, die sich ab und zu begegneten, die das Notwendigste miteinander besprachen, sogar manchmal gemeinsam ausgingen oder in den Urlaub fuhren. Die aber nicht bemerkten, dass sie parallel liefen. Dass ihre Wege sich nicht mehr kreuzten, geschweige denn sich von Zeit zu Zeit vereinigten, um zumindest abschnittsweise gemeinsam zu verlaufen. Es gab lediglich notwendige und manchmal auch zufällige tangentiale Berührungen. Mehr nicht.
Ich war damit nicht unglücklich – ich war einfach nicht.
Dann rief mich Sabine an. Alle paar Jahre organisierte sie unermüdlich ein Klassentreffen und jedes Mal hatte ich bisher abgelehnt oder mich unentschieden gezeigt und war dann nicht hingegangen. Dieses Mal war irgendetwas anders. Es lag nicht daran, dass es eine runde Jahreszahl seit unserem Abschlussjahr war. Es lag auch nicht daran, dass Sabine anders als sonst argumentiert hätte. Es war einfach anders. Ich war anders. Schon als ich Sabines Stimme erkannte, wusste ich, dass ich zu diesem Klassentreffen gehen würde. Ich wollte mir ansehen, wo die anderen langgegangen waren. Ob und wie und wo sie angekommen waren.
Die meisten kamen in Pärchenformation, bei manchen Paaren kannte ich sogar noch beide aus der Schule. Da hatte gehalten was damals begonnen worden war. Andere kamen mit mir unbekanntem Partner oder Partnerin, wieder andere allein wie ich. Steffi kam mit ihrer Frau und Claudia brachte einen Straßengrabenverschnitt auf vier Beinen mit den sie von irgendeiner spanischen Insel gerettet hatte.
Als ich zum ersten Mal von Steffis Frauenbeziehungen hörte, hatte ich lange Zeit überlegt, ob ich nur nicht bemerkt hatte, dass ich ebenfalls auf Frauen stand. Ob ich mir vielleicht deshalb so schwer tat mit den Männern und die nicht vorhandenen Beziehungen während und auch noch lange nach der Schulzeit dadurch bedingt waren. Ich hatte sehr gründlich nachgeforscht und war zu der Überzeugung gekommen, dass das nicht der Punkt war. Ich war ein paar Mal in die örtliche Lesbenbar gegangen, hatte nette und weniger nette Begegnungen gehabt und war schließlich mit der Erkenntnis davongegangen, dass ich manche Frauen und manche Männer mochte und manche eben nicht. Und mit dem leisen Verdacht, den ich aber nur ungern vertiefen wollte, dass mir hin und wieder ein Mann im Bett genügt hätte, ich ihn mir fürs Leben aber hätte besser sparen sollen.
Als Frau fürs Leben – so war ich überzeugt – war ich mir selbst genug.
Es wurde ein lustiger Abend. Ich erfuhr vieles was ich wissen und noch mehr, was ich nicht wissen wollte. Über Partner und Partnerinnen, über Kinder, Hunde, Katzen, Pferde, Schwiegereltern und Ferienhäuser. Über Karrieren, die „einfach super gelungen“ waren und solche, die nicht in Schwung kamen – nicht weil der Beruf nicht passte oder weil es an bestimmten Fähigkeiten mangelte, sondern weil der oder jener im richtigen Moment unüberwindliche Stolperfallen gelegt hatte. Aus Missgunst und Neid oder warum auch immer. Oder das Schicksal hatte es nicht gut gemeint und schickte Kinder und deren Probleme immer zum falschen Zeitpunkt.
Als ich gerade überlegte, nun doch bald nach Hause zu gehen, kam Cochise. Cochise war während unserer Schulzeit wie ich einsam gewesen inmitten einer erzwungenen Klassengemeinschaft. Sie hieß ursprünglich Cornelia, was ihr jedoch noch nie gefallen und was sie ihren Eltern lange verübelt hatte. Dann begann sie sich für die Geschichte der Ureinwohner Amerikas und alternative Musikbands zu interessieren und nannte sich eines Tages Cochise. Davon war sie nie mehr abgewichen. Cochise war nie ein „Mädchen“ gewesen, aber auch kein verhinderter Junge, wie es für kürzere oder längere Zeit viele von uns waren, weil sie sich gegen die damals üblichen Rollenzwänge und Geschlechterdefinitionen auflehnten, bis sie dann einbrachen und sich anpassten und alles taten, um den „süßen Jungen“ aus der Parallelklasse, „der so ganz anders ist“, um den Finger zu wickeln.
Cochise war anders. Sie blieb allein. Hatte als Kind keine Freundin und keinen Freund und später keine Beziehung – gerade so wie ich. Aber obwohl wir uns – von heute aus betrachtet – so ähnlich gewesen waren, hatten wir doch nicht zueinander gefunden.
Cochise drehte eine erste Runde durch das Lokal, ging von Tisch zu Tisch, wechselte hier ein paar Worte, lachte dort über gemeinsame Erinnerungen und kam schließlich auch bei mir an. Ich stand allein am Tresen und wartete auf mein, so hatte ich das jedenfalls bis zu diesem Zeitpunkt geplant, letztes Bier für diesen Abend.
Nach zwei Stunden saßen wir immer noch da und redeten. Als sich die anderen verabschiedet hatten und der Wirt Feierabend machen wollte, zogen wir zu zweit weiter.
Cochise hatte nach dem Abitur die Stadt verlassen, um zu studieren.
„Wäre ich geblieben“, so sinnierte sie, als ich ihr meine Lebensgeschichte erzählt hatte, „dann wäre es mir womöglich genauso ergangen wie dir.“
Ausbildung, Beruf, ein Mann, eine Beziehung, wie es sich eben so gehörte damals, und wie es sich, wenn man nicht aufpasste, einfach so ergab. Aber Cochise war weggegangen, hatte studiert und „nach viel zu langer Zeit“, wie sie sagte, auch Examen gemacht. Ein durchschnittlicher Abschluss mit dem sie nicht allzu viel anfangen konnte. Während des Studiums hatte sie sich für alles andere mehr interessiert als fürs Lernen, dabei aber mehr fürs Leben gelernt als es den angepassten fleißigen Studierenden gewöhnlich gelang.
Sie hatte sich politisch engagiert, war bei amnesty international eingestiegen, hatte dann in der Anti-AKW- und der Friedensbewegung mitgemischt, hatte demonstriert und organisiert, Raketentransporte und später Castoren blockiert und schon früh mit Flüchtlingsarbeit begonnen.
„Und ganz nebenher habe ich noch bemerkt, dass ich mich für Frauen interessiere. Das war damals verdammt schwer, es mir selbst einzugestehen“, grinste sie ein wenig unsicher und beobachtete mich genau, wie mir schien. Als von mir keine Reaktion kam, fuhr sie fort.
„Ich habe sehr lange gebraucht bis ich es für mich akzeptieren konnte und noch länger, bis ich bereit war, es auch vor anderen zuzugeben.“
„Irgendwie passt das zu dir“, rutschte es mir raus.
Cochise grinste erleichtert.
„Dass ich so lange gebraucht habe?“, fragte sie und ich wusste genau, dass sie das nicht meinte, antwortete aber trotzdem.
„Nein, dass du auf Frauen stehst. Ich habe mir nie Gedanken darüber gemacht, warum du nie einen Freund hattest. Das ging mir ja ganz lange genauso. Aber jetzt rückblickend betrachtet, war es im Grunde immer schon klar, dass du Frauen bevorzugst.“
„Ich glaube du hast recht, und es hätte mir selbst auch schon viel früher klar sein müssen. Aber ich wollte es vermutlich einfach nicht wissen. Das passte damals nicht in unser engstirniges Bild davon, wie unsere Leben auszusehen hatten.“
Als ich nickte sah mir Cochise lange und irgendwie komisch in die Augen, fand ich, und fragte dann:
„Und du? Hast du es auch mal mit einer Frau probiert?“
Das wurde mir nun doch zu intim und ich stand auf.
„Entschuldige, ich muss mal kurz das viele Bier zurückgeben.“
Cochise lachte.
„Ich sorge solange für Nachschub“, sagte sie dann, und als ich zurückkam, standen zwei frisch gefüllte Gläser vor ihr auf dem Tresen. Wir prosteten uns zu und unser Gespräch bewegte sich nun wieder auf sicherem Boden.
Cochise erzählte weiter. Ihr Berufsleben war eher unspektakulär. Nach verschiedenen Jobs und dem misslungenen Versuch sich selbständig zu machen, war sie bei einer Spedition gelandet, wo sie nun schon lange arbeitete. Mal fuhr sie mit dem Vierzigtonner durch die Lande, dann wieder arbeitete sie als Disponentin im Büro. Diese Kombination von Straße und Schreibtisch gefiel ihr, und sie hatte vor, so sagte sie, dort ihr Berufsleben irgendwann zu beschließen.
Die Zeit die ihr zur Verfügung stand, um sich politisch zu engagieren, war weniger geworden, was sie bedauerte, doch neuerdings war sie wie so viele, wieder in die ehrenamtliche Flüchtlingsarbeit eingestiegen. Sie unterstützte die ankommenden Menschen, organisierte, demonstrierte und war davon überzeugt, dass alle die kamen, ihre guten Gründe dafür hatten und die wenigen, die wirklich einfach auf der „Welle“ mitschwammen, zu vernachlässigen wären. Sie war der Ansicht, dass kaum jemand freiwillig die Heimat verließ, alles zurück und im Stich ließ und das eigene Leben, geradeso wie das seiner Kinder, aufs Spiel setzte, wenn es nur darum ging, ein wenig mehr zu verdienen und sich am europäischen Wohlstand zu bereichern.
Auch ich hatte mich in den letzten Wochen intensiv mit dem Thema beschäftigt, hatte mit den Ertrinkenden und den Ausgeraubten mitgelitten und daran gedacht, auch selbst aktiv zu werden und war deshalb offen für Cochises Anliegen. Aber sehr schnell stellten wir fest, dass wir auf gefährliches Gebiet zusteuerten. Cochise wollte allen helfen, alle willkommen heißen. Sie war überzeugt, dass dies angesichts der finanziellen Lage Deutschlands kein Problem sei. Hinsichtlich des demografischen Wandels sah sie es sogar als große Chance, wenn nicht sogar als dringend geboten.
„Und selbst wenn es ein Problem wäre – müssen wir nicht helfen, wenn jemand in Not ist?“
Diesen Satz konnte ich selbstverständlich unterstreichen, jedoch war ich davon überzeugt, dass wir die riesigen Flüchtlingswellen, die über uns hereinbrachen und noch lange über uns hereinbrechen würden, wie man das überall las und hörte, nur bewältigen könnten, wenn wir aussortierten. Wer wirklich in Not war musste bleiben dürfen, gar keine Frage, aber alle anderen mussten schnellstmöglich zurückgeschickt werden, um Platz für diejenigen zu machen, die in einer wirklichen Notlage waren.
Ich hielt mit meiner Meinung nicht zurück.
„Was ist eine wirkliche Notlage und was nicht? Willst du das etwa entscheiden?“, fragte Cochise in angespanntem Ton und ich konterte bereits leicht erregt – auch der Alkohol tat seine Wirkung:
„Ja, warum denn nicht? Glaubst du, ich bin weniger schlau als du, nur weil ich nicht studiert habe?“
Ich erschrak und Cochise sah mich verunsichert an.
„Lass uns über was anderes reden und uns nicht den schönen Abend verderben“, zog sie die Reißleine.
Dankbar bestellte ich noch eine Runde. Ich selbst hätte unser Gespräch an diesem Punkt nicht mehr zum Positiven wenden können.
Wir gingen zurück zur Schulzeit und schon bald lachten wir wieder gemeinsam über aus heutiger Sicht harmlose Geschehnisse, die uns damals tief bewegt hatten.
„Bist du denn immer allein geblieben?“, fragte ich irgendwann. Cochise erzählte von mehreren eher kurzen und einigen ganz kurzen Beziehungen und gestand ein, dass sie zurzeit auf der Suche sei. „Dauerhaft allein sein ist meine Sache auch nicht“, schloss sie.
„Aber am liebsten allein bin ich mit mir selbst. Daran habe ich mich immer gehalten und bin damit sehr gut gefahren.“
Am liebsten allein bin ich mit mir selbst.
Dieser Satz war der erste, der sich in meinem Kopf formte, als am nächsten Tag ganz langsam und einigermaßen schmerzhaft mein Bewusstsein und damit auch meine Erinnerung zurückkehrte. Die Wohnung schien leer zu sein. Mühsam bewegte ich mich aus dem Bett und ins Bad. Der Weg von dort in die Küche fiel mir schon leichter. Ich legte ein Pad in die Kaffeemaschine – Richard hatte darauf bestanden, dass wir uns eine solche Maschine kauften, ich fand das aus Umweltgründen nicht richtig, aber heute Morgen war ich doch ganz dankbar dafür – und wanderte schon kurz darauf mit dem gefüllten Kaffeebecher zurück zum Bett. In der Waagerechten ging es mir momentan immer noch am besten, auch wenn es nicht einfach war, liegend Kaffee zu trinken. Meine verfleckte Matratze zeugte von allerlei misslungenen Versuchen in der Vergangenheit, und am Kaffee im Bett hatte sich schon so mancher Streit zwischen Richard und mir entzündet. Aber der Platz neben mir war leer und ich konnte tun und lassen was ich wollte.
Am liebsten allein bin ich mit mir selbst.
Da war er wieder, dieser Satz, der für Cochise eine Art Lebensmotto war und mir gerade, noch ohne dass ich es bewusst erkannte, zum Wegweiser für die Zukunft wurde. Noch konnte ich den Gedanken nicht fassen, noch trieb ein Gefühl formlos durch die Gehirnmasse, aber ich spürte bereits, wie es sich ganz langsam zu einem Gedanken zu formen begann.
Der noch halbvolle Becher fiel mir aus der Hand und als ich sehr viel später wieder erwachte stand Richard mit vorwurfsvollem Blick an meinem Bett. Er sagte nur „Essen ist fertig!“, den Rest ersparte er mir und sich selbst, aber ich hatte auch so verstanden.
Ich stand zum zweiten Mal an diesem Tag auf, ging ins Bad, weiter zur Küche und legte wieder ein Pad in die Kaffeemaschine. Mit dem erneut gefüllten Kaffeebecher setzte ich mich zu Richard an den Tisch, wollte ihm vom gestrigen Abend erzählen und dachte dann aber:
Wozu eigentlich? Es ist mein Leben. Wenn es ihn interessiert, wird er schon fragen.
Richard fragte nicht. Er aß schweigend, sah mich ab und zu forschend an und griff dann zur Fernsehzeitung.
Wir haben uns nichts mehr zu sagen, formte sich ein Satz in meinem Kopf. Aber der Satz war falsch, er traf das Problem nicht. Man muss sich nichts sagen, man kann auch wunderbar gemeinsam schweigen, wenn es ein Zusammen gibt. Aber wir schwiegen nicht gemeinsam, wir waren nicht zusammen, wir waren noch nicht einmal gemeinsam einsam, sondern wir waren beide allein.
Allein bin ich am liebsten mit mir selbst!
Dieser Satz ließ mich während der folgenden Tage und Wochen nicht mehr los und irgendwann suchte ich nach einer eigenen Wohnung und zog schließlich bei Richard aus.
Cochise war nach dem Klassentreffen wieder aus meinem Leben verschwunden, doch ihre Worte wollten mich nicht mehr loslassen. Nachdem ich mich in der neuen Wohnung eingerichtet hatte war das neue Leben an der Reihe. Ich wollte es wahr machen mit dem Engagement in der Flüchtlingshilfe und als ich kurz davor stand, in der nächstgelegenen Unterkunft anzufragen, wie ich mich am besten einbringen könnte, kam das Angebot des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge.
Bundesweit sucht das BAMF ca. 300 tatkräftige, mutige und entscheidungsfreudige Frauen und Männer …
„Was ist eine wirkliche Notlage? Willst du das etwa entscheiden?“, hörte ich Cochise wieder herablassend fragen. Ja, genau das wollte ich. Mit einem Schlag war mir klar wie es mit mir weitergehen würde. Ich hatte jahrelang Erfahrung gesammelt mit den Problemen in den unterschiedlichsten Leben der Anderen und ich hatte vielen von ihnen geholfen. Und genau das würde ich jetzt wieder tun!

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Leseprobe: Himmelsstaub – gefangen im Koma (5)

Ein sonniger Tag! Ich habe gerade mein Brötchen mit Leberwurst und viel Zucker darauf gegessen und jetzt gehts ab in den Garten.
Ich bin 5 Jahre alt und darf noch nicht zur Schule. Gemein. Mein Bruder darf schon. Der ist knapp 3 Jahre älter als ich. Mann, war ich neidisch, als der zur Schule gehen durfte und so eine tolle Schultüte bekam mit vielen Süßigkeiten und so drin! Ich bekam damals aber auch eine. Kleiner zwar, aber sie hat mich ein wenig getröstet. Wir bekommen immer etwas geschenkt, wenn der jeweils andere Geburtstag oder Namenstag hat. Meine Eltern wollen keinen Neid zwischen uns und wir findens prima.
Zuerst gehe ich zum Sandkasten. Heute ist kein Kindergarten. Toll. Geh ich sowieso nicht gerne hin. Der Sand stinkt. Hat wieder eine Katze reingeschissen. Wenn ich die erwische! Ich grabe das mit meiner kleinen Schaufel aus und bringe es zur Mülltonne. Muss ich fast jeden Tag machen. Der Sand wird immer weniger! Papa wird mir bestimmt bald wieder neuen besorgen.
Unser Garten in Grevenbroich ist ein wahres Kinderparadies. Eine große Hoffläche mit festgefahrenem Kies zwischen dem schweren Eisentor zur Straße und den am Ende des Grundstücks liegenden Garagen.
Hier kann man klasse mit dem Fahrrad fahren. Rechts davon ist, durch eine niedrige Mauer getrennt, über die man laufen und springen kann, der eigentliche Garten mit Wiese und Bäumen, Sträuchern und Blumenbeeten. In einer Ecke leben in einem Stall unsere Meerschweinchen.
Wir haben auch Zwerghühner, eine kleine Ziege und eine Voliere mit Wellensittichen und Kanarienvögeln, die auch oft Junge haben.
Im letzten hinteren Teil des Grundstücks ist noch die Hauptattraktion, ein Bunker aus dem Krieg, wie Papa immer erzählt. Was Krieg genau ist, hab ich aber nicht verstanden. Der Bunker ist jedenfalls das Größte! Man kann drumrum laufen, wobei es an der Seite zum Nachbarn sehr eng ist. Gerade deshalb macht es so viel Spaß. Man kann auch mit etwas Mühe hinaufklettern und drüberlaufen. Ist aber viel höher, als meine kurzen Arme reichen. Zu zweit geht es besser. Vom Fahrrad aus klappt es manchmal auch. Man fällt dabei auch schon mal. Das ist nicht schlimm. In den Bunker hinein dürfen wir nicht. Hat man uns verboten. Es gibt eine Eingangstür. Die hab ich aber noch nie ganz aufgekriegt, nur einen Spaltbreit, sodass ich mich grade durchzwängen konnte. Da geht es eine kleine Treppe runter, allerlei Gerümpel liegt da und dann kommt noch eine verrostete Eisentür. Dahinter liegt das Geheimnis! Ich kriege die Tür aber selbst mit all der mir als Fünfjährigem zur Verfügung stehenden Kraft nicht auf. Mist. Irgendwann wirst du mir nachgeben müssen, verdammte Tür. Ist aber ja eh verboten.
Eine zweite Einstiegsmöglichkeit ist ein kleiner viereckiger Turm auf der anderen Seite des Bunkers. Da kann man sich mit sehr viel Kraftanstrengung hochziehen und steht dann auf einem kleinen Podest. Da ist eine Eisenplatte vor einer Öffnung. Die ist wackelig und lässt sich etwas bewegen. Aber nur etwas. Dann klemmt sie so fest, dass man auch hier nicht weiterkommt. Wirft man einen Stein durch den Spalt, hört man ihn kurz darauf in Wasser platschen. Klingt wie in einer Höhle. Hmm. Ist wohl tief. Sicher doch gefährlich. Irgendwann, Bunker, werd ich dich ganz erobern! Später. Warum reizt das einen so? Weil es verboten ist?!
Noch ein tolles Spielzeug ist unsere Teppichstange im Garten. Sehr, sehr hoch. In der Mitte ist eine Schaukel dran. Macht auch Spaß. Toller aber ist es, die Stange hinaufzuklettern und dann langsam wieder herunterzurutschen! Wie das so süß kribbelt! Zwischen den Beinen, bis ganz oben in den Bauch. Genau am Pipimann aber am stärksten. Kann ich immer wieder machen. So ein tolles Gefühl. Wo kommt das her? Immer wieder. Das Gefühl wird immer stärker und süßer. Nach zehnmal rauf und runter an der Stange hat man aber keine Kraft mehr. Schade!
Von der Mülltonne aus gehe ich nicht sofort zum Sandkasten zurück, obwohl ich für heute da ein größeres Bauwerk geplant hatte. Hat Zeit. Ich hab ja noch den ganzen Tag. Ich laufe über die kleine Wiese, auf der nicht allzu große Apfelbäume stehen. Plötzlich sehe ich etwas durchs Gras hüpfen. Ein kleiner Spatz!
Den muss ich fangen! Ich bücke mich langsam und krieche auf allen Vieren langsam auf das Vögelchen zu. Es duckt sich. Als ich die Hand danach ausstrecke, macht es sich noch kleiner, legt den Kopf zurück und sperrt den Schnabel auf. Es piepst laut. Hat sicher Hunger, denke ich. Ich nehme es vorsichtig in die Hand. Es bleibt mit aufgerissenem Schnabel leicht zitternd in meiner kleinen Hand geduckt sitzen. Neben mir liegt ein ziemlich großer Stein am Rand der Wiese im Blumenbeet. Da ist bestimmt ein Wurm drunter! Mit einer Hand kriege ich den Stein nicht gedreht. Mist! Ich setze mich auf den Hintern und drücke fest mit beiden Beinen dagegen. Geschafft! Tatsächlich! Ein riesengroßer Regenwurm liegt da und will schnell in der Erde verschwinden. Ich bin aber schneller, erwische ihn gerade noch und ziehe in aus seinem Loch. Hm. Der ist aber lang! Egal. Ich halte ihn dem Spatz in den geöffneten Schnabel. Der fängt auch tatsächlich an, den Wurm zu schlucken. Dann aber würgt er ihn wieder aus. Keinen Hunger, kleiner Spatz? Ich versuche es noch mal. Der Schnabel bleibt jetzt aber fest geschlossen. Na gut. Wenn du keinen Hunger hast!
Ich stecke den Wurm in die Hosentasche. Vielleicht mag er ihn ja später. Ich stehe auf und gehe mit meinem kleinen neuen Freund zum nächsten Apfelbaum. Ich schaue nach oben. Da muss doch irgendwo das Nest sein. Vielleicht kann ich ihn da wieder reinlegen. Kein Nest zu sehen. Auch in den anderen Bäumen nicht. Doof. Irgendwo muss er doch rausgefallen sein. Ich suche überall. Nichts. Egal. Dann zieh ich dich groß!
Der kleine Vogel hat noch nicht viele Federn, aber doch schon einige. Der muss ja auch das Fliegen sicher noch lernen, überlege ich. Und wenn der keine Mama mehr hat, muss ich es ihm beibringen. Also auf den Baum mit uns beiden. Ist gar nicht einfach mit einer Hand, aber ich hab ja eine große Tasche in meinem Hemd. Muss ich nur aufpassen. Ich stopfe den kleinen Kerl in meine Hemdentasche und schon bin ich auf dem ersten großen Ast angekommen.
So, kleiner Piepmatz, jetzt kommt der erste Flugunterricht! Ich hole ihn vorsichtig aus meiner Tasche, nehme ihn in die flache Hand und werfe ihn leicht nach oben von mir weg. Hui! Der Spatz schlägt einmal kurz mit den wenig befiederten Flügeln, dreht sich in der Luft einmal um sich selbst und trudelt im Sturzflug zur Erde. Das war aber noch nicht besonders gut! War ja auch der erste Versuch. Fliegen lernen dauert sicher länger! Ich springe vom Baum und nehme ihn wieder in meine Hand und stecke ihn in die Tasche. Wieder rauf auf den Baum. Diesmal etwas höher. Das ist sicher besser zum Fliegenlernen. Ich werfe ihn wieder von mir weg. Etwas höher als beim ersten Mal.
Wieder fällt er fast wie ein Stein zur Erde. Verdammt. Ist der zu dumm oder mach ich etwas falsch? Noch ein Versuch. Aller guten Dinge sind drei, sagt Mama immer. Noch höher klettere ich. Weiter trau ich mich nicht. Ganz schön hoch. Jetzt aber, kleiner Spatz! Danach machen wir dann mal Pause.
Etwas kräftiger werfe ich ihn abermals weit von mir, ganz vorsichtig. Als ob ich einen Ball geworfen hätte, plumpst er, ohne auch nur den Versuch gemacht zu haben, mit den Flügeln zu schlagen, in den ‚Robobembom‘ Strauch. Mama nennt den so. Komischer Name. Sollen wir nicht kaputtmachen. Wo ist der Spatz? Ah! Da hängt er ja im Strauch. Er lässt den Kopf so merkwürdig hängen. Ist ihm schlecht? Er rührt sich nicht mehr. Die Äuglein halb geöffnet, schaut er mich so traurig an. Ich hole den Regenwurm aus der Hosentasche. Dann freut er sich bestimmt. Ich halte ihn ihm vor den Schnabel. Nichts. Er holt noch mal tief Luft. Dann liegt er ganz still in meiner Hand. Schnell laufe ich durch das Büro meines Vaters die Treppe rauf.
„Mama, Mama, guck mal schnell. Der kleine Spatz ist sicher krank. Was hat er nur?“
Mama nimmt den Spatz, betrachtet ihn und sagt: „Ich glaube, Hänschen, der ist tot!“
„Aber ich wollte ihm doch nur das Fliegen beibringen“, weine ich lauthals los.
„Das kann man doch nicht“, sagt Mama und nimmt mich auf den Schoß. „Und verhungert wäre er auch. Wenn die Vogelmama sich nicht kümmert, müssen die sterben. Du hast es sicher gut gemeint. Das nächste Mal wartest du aber erst mal ab. Manchmal kommen die Vogeleltern zurück und kümmern sich, auch wenn so ein Baby aus dem Nest gefallen ist. Geh jetzt und begrab ihn im Garten!“
Schluchzend nehme ich das Vögelchen vorsichtig wieder in die Hände und gehe traurig zurück in den Garten. Ich mache mit der Schaufel ein kleines Loch und lege ihn vorsichtig hinein.
„Schade, kleiner Freund. Ich hätte dich so gerne großgezogen.“ Ich fülle die Erde wieder auf ihn. Dann suche ich zwei kleine Stöcke, binde sie mit einem Stück Kordel – hat man ja alles in der Hosentasche – zu einem Kreuz und stecke es in die Erde. Der Regenwurm ist ja auch noch in meiner Tasche! Ich lege ihn wieder an die Stelle unter dem Stein. Langsam kriecht der wieder zurück in sein Loch. Wenigstens der lebt noch. Während ich den großen Stein wieder umdrehe, höre ich laut ‚tatütata-tatütata‘. Aufgeregt laufe ich zum Straßentor. Das ist bestimmt die Feuerwehr! Das riesengroße rote Auto mit der Leiter auf dem Dach. Das Tor ist immer abgeschlossen. Ich darf ja nicht alleine auf die Straße. Der Schlüssel steckt. Mal rausgucken darf ich sicher! Bestimmt! Sieht ja auch keiner. Ich drehe den Schlüssel um, öffne das Tor und gehe auf den Bürgersteig. Da kommt schon das Auto mit Blaulicht angerast. Ist aber nicht die Feuerwehr. Viel kleiner. Mit Fenstern rundherum. Ich glaube, das ist ein Krankenwagen.

Dumpf, wie durch Watte, höre ich das Martinshorn. Dieses verhasste Geräusch. Wie oft habe ich es verflucht, als ich selbst noch als Notarzt mit dem Rettungswagen den ganzen Tag und auch in der Nacht unterwegs war. Hatte selten was Gutes zu bedeuten. Wenn ich Glück hatte, war es ein Fehlalarm. Besser als ein Einsatz bei einem Verkehrsunfall. Man fühlte sich damals zwar wichtig, war man ja auch, aber es war oft wenig erfreulich. Sterbende, Tote, Verletzte. Aufgeregte Angehörige. Leid und Not. Schön war der Tag, als ich meinen allerletzten Einsatz hatte, mit dem Bewusstsein, niemals mehr solche Einsätze fahren zu müssen.
Warum höre ich jetzt wieder dieses verhasste Horn? Es nähert sich. Der Rettungswagen ist doch eben hier mit meinem Patienten Josef weggefahren. Warum kommt der zurück? Stimmt da was nicht? Ist da etwas passiert unterwegs?
Mir kommt das auch alles so seltsam vor. Warum liege ich hier auf dem Hof auf der Erde? Ich sehe nur verschwommen meine Frau, die sich über mich beugt und ständig meinen Namen ruft. Auch meine Angestellten stehen um mich herum. Das Martinshorn wird immer lauter, bis es urplötzlich verstummt.
Ich will aufstehen. Es geht nicht. Nichts kann ich bewegen, weder Arme noch Beine reagieren. Ich fühle sie aber. Sie wollen aber nicht. Was ist passiert? Ich versuche, mich zu erinnern. Weiß noch, dass ich auf den Hof gegangen bin, weil mir so mulmig und schlecht war. Dann bin ich zusammengesunken. Ja, und dann? Keine Erinnerung mehr. Ich bekomme Angst. Große Angst. Das Grauen. Habe ich einen Schlaganfall oder Herzinfarkt? Eine Hirnblutung? Weitere schlimme Diagnosen fliegen durch meinen Kopf. Ist das jetzt mein Ende? Muss ich sterben? Ich muss doch noch so vieles tun! Noch für so vieles sorgen. Ich kann doch Gabi nicht allein lassen mit all dem Unfertigen auf unserem geliebten Lindenhof. Das schafft sie nicht alleine. Jeden Tag ist doch was kaputt und ich bin der Kaczmarek, der Hausmeister, der alles zu reparieren versucht und das auch meistens schafft. Lieber Gott, Vater und Mutter, lasst das nicht zu, noch nicht. In ein paar Jahren vielleicht. Aber doch jetzt noch nicht!
Zwei Männer in roten Jacken beugen sich über mich. Sie öffnen mein Hemd, kleben mir Elektroden auf die Brust. Ich friere. Ich schwitze. Es dreht sich alles. Einer misst meinen Blutdruck.
„EKG sieht normal aus“, höre ich entfernt jemanden sagen. „Blutdruck ist normal. Kreislauf stabil.“
Hört sich schon mal nicht schlecht an.
„Keine Reflexe“, sagt ein anderer. „Pupillen starr. Könnte eine cerebrale Blutung sein.“
Neiiiiin!!!! Das bitte nicht!
„Wir müssen ihn auf schnellstem Wege in die Neurologie bringen, in die Stroke Unit!!“
Sie heben mich wenig vorsichtig auf und legen mich auf die Tragbahre. So sieht also das Ende aus? Es verschwimmt wieder alles, was sowieso nicht scharf zu sehen war.
„Hören Sie mich?“, schreit jemand.
Ja, verflucht, merkt ihr das nicht? Ich will antworten, aber es geht nicht. Ich kriege keinen Ton heraus. Ich kann den Mund nicht bewegen. Es wird wieder dunkel um mich und still, entsetzlich dunkel und still.
Es rumpelt. Ich höre wieder zwei oder drei Leute sich unterhalten. Einer legt mir eine Infusion an. Das Martinshorn schreit mich laut an. Wir fahren wohl ins Krankenhaus. Ein anderer gibt mir eine Spritze in den anderen Arm. Ich spüre das alles. Tut verdammt weh. Warum kann ich mich nicht bewegen, wenn ich doch alles fühle?
„Das wird nichts mehr mit dem“, höre ich den Sanitäter – oder ist es der Notarzt? – zu meiner Rechten sagen. „Pupillen reagieren nicht. Keine Reflexe!“
„Piks mal mit einer Nadel in den Fuß!“, sagt er zu einem anderen.
Au! Verdammt, tut das weh. Ich will den Fuß wegziehen. Geht nicht. Er sticht noch zweimal kräftig zu.
Hör doch endlich auf damit, du Arschloch!!
„Keine Reaktion“, sagt das Arschloch. „Der is fertig! Gut, dass er uns nicht hört!“
Ich höre alles, du Mistkerl! War ich auch so, als ich noch im Notarztwagen gefahren bin? Nein. Sicher nicht. Hoffentlich nicht! Ich kann mich jedenfalls nicht erinnern. Gedacht und befürchtet habe ich es öfter.
„Hoffentlich kriegen wir den noch lebend zur Klinik. Tot nehmen die uns den nicht ab. Dann haben wir wieder die Fahrerei und das Palaver.“
Oh ihr Wichser! Könnte ich euch doch in eure verdammten Ärsche treten!
Die Fahrt geht weiter. Es schaukelt wie verrückt. Das Martinshorngeheule geht mir durch Mark und Bein. Ich werde auf der Trage nach rechts und links gerissen. Die fahren wie die Wilden. Wollen mich ja noch lebendig abliefern.
Ich will denen die Meinung sagen. Geht nicht. Kein Ton kommt über meine Lippen. Ich werde wahnsinnig. Warum war ich nicht gleich tot?
Durch den oberen Teil des hinteren Fensters, das zu zwei Dritteln undurchsichtig ist, sehe ich rechts und links große Häuser, Ampeln, Straßenschilder. Wir sind also irgendwo in der Stadt. Es geht rasant links herum, dann rechts, wieder ein Stück geradeaus. Das Blaulicht spiegelt sich in den Fenstern der Fassaden. Bei jeder Kurve zieht es mich heftig von der einen zur anderen Seite. Ich fall denen noch von der Trage!
Mit einem plötzlichen Ruck hält der Wagen auf einmal an. Die hintere Tür wird aufgerissen. Die Sanitäter springen raus und ziehen mich auf der Trage aus dem Auto.
„Der lebt zum Glück noch. Jetzt schnell in die Ambulanz!“, höre ich einen sagen.
Hastig rollen sie mich vom Rettungswagen weg und in einen großen Flur hinein. Hinter uns schließen sich automatisch große gläserne Schiebetüren.
„Notfall!“, ruft jemand. „Schnell, schnell, aus dem Weg!“
Weiter und weiter werde ich gerollt, durch endlose Flure, um zahlreiche Ecken, bis wir schließlich in einem Raum, der mit grellem Licht und vielen medizinischen Geräten ausgestattet ist, ankommen. Ich muss brechen. Will mich erheben, geht nicht. Ich merke, wie mir Erbrochenes aus dem Mund läuft.
„Der kotzt. Verdammt! Auf die Seite drehen, damit er nicht aspiriert!“
Sie rollen mich recht unzärtlich auf die Seite. Mein Arm liegt krumm unter mir, tut weh.
„Absaugen!“, ruft einer.
Ich spüre, wie sie mir einen Schlauch in den Hals stecken. Scheißgefühl. Nach einiger Zeit ziehen sie das verdammte Ding wieder heraus. Sie drehen mich wieder auf den Rücken. Mein Arm ist wieder frei, schmerzt aber noch heftig.
Ein weißer Kittel mit einem bärtigen Kopf beugt sich über mich und leuchtet mir mit einer Taschenlampe in die Augen. Das ist so schrecklich hell, dass es wehtut. Will die Augen schließen. Klappt nicht. Mach die Lampe weg!
„Keine Pupillenreaktion“, klingt es aus dem Bart.
Ich sehe, wie er einen Reflexhammer nimmt und mir auf Beine und Arme klopft.
„Nichts!“
Wieder ein Stechen mit einem spitzen Ding in meine Fußsohlen. Ein brennender Schmerz durchbohrt mich wieder. Ich kann die Füße nicht zurückziehen.
„Da ist nichts mehr bei dem, außer, dass er noch nicht ganz tot ist. Den können wir hier nicht brauchen. Wir haben kein Bett frei!“, sagt der Bart zu den Sanitätern. „Versucht es mal an der Uni. Die werden auch nicht begeistert sein!“
Während die alle, jetzt etwas leiser, miteinander reden, höre ich meine Frau laut und schnell sprechend den Raum betreten. Ach Gabi, hol mich schnell hier raus und lass mich zu Hause sterben, in Ruhe und Frieden! Bitte, bitte!
„Machen Sie doch was!“, schreit sie fast. „Helfen Sie bitte meinem Mann. Der stirbt doch sonst noch!“
„Mmh, Frau, äh, äh, ich weiß Ihren Namen nicht. Aber das sieht sehr schlecht aus. Wir haben auch kein Bett frei für solche Fälle.“
„Das geht doch wohl nicht!“, schreit Gabi ihn an. „Mein Mann ist privat versichert und außerdem ein Kollege von Ihnen!“
Zuerst betretenes Schweigen. Dann sagt der Bart, plötzlich freundlicher, wie verwandelt: „Das ist natürlich etwas anderes. Ich rufe sofort den Professor und dann sehen wir weiter!“
Zu den anderen schreit er, schon aus dem Raum laufend: „Los, bringt den Kollegen sofort auf die Intensivstation. Aber rasch!“ Schon ist er weg.
Gabi beugt sich über mich und ich spüre Tränen auf meine Wangen tropfen. Sie weint. „Bald bist du wieder gesund“, schluchzt sie.
Wieder werde ich durch endlose Flure gerollt. Schnell geht die Fahrt. Eine Krankenschwester läuft mit einer Infusionsflasche, die sie in Kopfhöhe hält, neben mir her. Der Schlauch der Infusion wackelt vor meinem Gesicht und führt zu meinem Arm.
„Schnell! Aus dem Weg da!“, ruft sie in den Flur.
Sie schieben mich in einen riesigen Aufzug. Dann geht es aufwärts. Ich höre die Stimmen von drei oder vier Personen. Sie unterhalten sich ziemlich leise. Alles kann ich nicht verstehen.
„Wieder typisch! Privatpatient!“
„Klar. Dann geht alles.“
„Der ist doch am Ende! Schon fast tot! Aber der Chef muss ja auch noch was verdienen. Sonst kann der sich den neuen Ferrari nicht leisten!“ Ich höre die anderen leise lachen, bis der Aufzug sanft zum Stillstand kommt.
Weiter geht die Fahrt durch noch mehr, noch längere Flure, bis wir in einem riesigen Raum ankommen. Es stehen einige Betten an einer Wand. Es piepst und blinkt von zahlreichen Monitoren, helles Licht schmerzt in meinen Augen, die ich nicht schließen kann. Überall laufen Pfleger und Schwestern in blauen Kitteln und mit Mundschutz sowie Kopfbedeckung – blauen OP-Papiermützen – herum. Hier ruft einer, da reißt einer eine Schranktür auf und holt etwas Verpacktes heraus.
„Los! Beeilung! Nummer drei verblutet! Schnell! Plasmaexpander!“
Drei laufen zu dem Bett neben mir. Da ich den Kopf nicht bewegen kann, sehe ich nicht, was sie machen. Zwei andere beginnen, mich auszuziehen. Sie heben meine Beine hoch und ziehen an meiner Hose.
„Schneller!“, höre ich einen anderen. „Schneidet die Klamotten doch auf, sonst müssen wir die Braunülen ja wieder neu legen! Der braucht die Sachen ja doch nicht mehr! EKG anschließen! Zentralen Zugang legen! Oxymeter anlegen! Sauerstoffmaske auf die Nase! Beeilt euch. Gleich kommt bestimmt der Alte. Dann muss das alles laufen. Privatpatient!“
Ich werde verkabelt, ein weißes, langes Hemd wird über mich gelegt, eine Klammer spüre ich am Zeigefinger der rechten Hand. Eine Schwester stülpt mir eine Sauerstoffmaske auf Nase und Mund. Ein anderer dreht meinen Kopf zur Seite und sticht, wohl mit einer dicken metallenen Kanüle, kräftig zu.
Au! Verflixt, tut das weh! Schon mal was von Lokalanästhesie gehört? Scheiße! Ein wahnsinniger Schmerz ist das. Die denken ja, ich fühle nichts. Ich spüre genau, wie der mit der Nadel in meinem Hals bohrt und immer tiefer geht.
„Mist!“, ruft er. „Das war die Arterie!“
Ich merke, wie etwas Warmes meinen Hals hinunterläuft und auf meine Schulter spritzt. Blut.
„Abdrücken!“, schreit er einem Pfleger zu. „Ich versuchs an der anderen Seite!“
Man drückt mit Gewalt gegen meinen Hals, während mein Kopf nach rechts gerissen wird. Wieder sticht die dicke Nadel. Noch schmerzhafter als vorher. Immer tiefer bohrt sie sich in meinen Hals. Ich kriege kaum Luft. Der Schmerz, der verdrehte Kopf, die pressende Hand an meiner rechten Halsseite.
„Jetzt liegt das Ding richtig! Her mit dem Katheter!“
Sterile Handschuhe reichen ihm einen langen, dünnen Plastikschlauch. Das Gefühl, wie der Schlauch langsam, aber zügig innen in meinem Hals durch die Vene bis zur Brust geschoben wird, ist nicht angenehm, aber immerhin nicht so sehr schmerzhaft.
„Fixieren und an den Perfusor anschließen!“, wendet sich der Meister ab und verschwindet aus meinem Gesichtsfeld. Endlich liegt der Kopf wieder gerade und relativ schmerzfrei. Der Druck rechts am Hals hat auch aufgehört. Hoffentlich sind die jetzt erst mal fertig und lassen ab von mir. Was kommt wohl als Nächstes? Ich weiß ja ganz genau, wie es weitergeht!
„Exitus!“ Hektisches Laufen um mich herum.
Was jetzt? Ich? Bin ich gemeint? Ich sehe euch doch! Ich höre euch doch! Bin ich trotzdem tot? Hatte ich mir anders vorgestellt.
Sie huschen aber alle an mir vorbei zu dem Bett nebenan. Kurz darauf wird das Bett an mir vorbei weggeschoben. Einen kurzen Moment sehe ich aus den Augenwinkeln, dass das Bettlaken auch den Kopf des anderen Patienten bedeckt. Der ist also tot! Nicht ich! Soll ich jetzt froh oder traurig sein? Hat der es jetzt besser als ich? In jedem Fall braucht er nicht mehr zu leiden, was auch immer er hatte. Fast beneide ich ihn!
Ich weiß zu gut, was noch alles auf mich zukommen kann. Schmerzen. Schmerzhafte Untersuchungen. Qual. Vielleicht schneidet man mich auf. Den Kopf? Spritzen, die ich so hasse. Was habe ich bloß? Kann mir keinen Reim machen. Sich nicht bewegen können, nicht die kleinste Bewegung, aber alles hören, alles sehen, alles fühlen. In welche Diagnose passt das denn? Mir fällt keine ein. Habe ich etwas, das noch niemand hatte? Blödsinn!
„Achtung, der Chef kommt!“, tönt es von der anderen Seite des Raumes.
Es herrscht auf einmal andächtige Stille, vom Piepsen der Monitore und verschiedenen Motorengeräuschen, einem Saugen und Pumpen, abgesehen.
Schon tauchen drei große, weiß bekittelte Gestalten an meinem Bett auf. In einigem Abstand bleiben sie am Fußende stehen wie die Heilige Dreifaltigkeit.
Bin ich jetzt also doch tot? Habe ich es nicht gemerkt? Sind die drei Figuren das ‚Jüngste Gericht‘? Ich war sicher, das gäbs nicht. Nee, haben alle ein Stethoskop um den Hals. Gibts im Himmel bestimmt nicht!
Ich würde schmunzeln, wenn ich nur könnte! Kenne ich alles noch aus meiner Zeit als Assistenzarzt. Respekt hatte man zu haben und Ehrfurcht! Unsere Scherze über diese Auftritte haben wir natürlich hinterher auch gemacht.
„Der neue Privatpatient. Eben mit dem Notarztwagen hier eingetroffen und sofort hier auf die ITV und versorgt“, berichtet der kleinere der Dreifaltigkeit. Der Bart steht an der anderen Seite. Der Professor, natürlich in der Mitte, wie Gottvater persönlich, allerdings ohne Bart, dafür mit goldgefasster, randloser Brille tief auf der Nase, sodass er über sie hinweg auf mich hinabschaut, und um den Hals eine große, grellbunte Fliege, fragt mit ruhiger, aber sehr bestimmender Stimme, die für seine Größe etwas hoch klingt: „Klinik?“
„Im Moment noch unklarer Fall“, erwidert sichtlich angespannt der Kleinere zu seiner Linken. „Zu Hause zusammengebrochen. Nicht ansprechbar. Keine Reflexe. Keine Schmerzreaktionen. Schlaffe Tetraplegie, wie es scheint. Pupillen ohne Reaktion. Auf Geräusche keinerlei Reaktion. Herz und Kreislauf stabil. Spontanatmung. Keine Inkontinenz – bis jetzt. Möglicherweise eine Hirnblutung!“
Gottvater hat die rechte Hand an sein Kinn gelegt. „Schädel-CT. Sobald wie möglich. Privat, sagten Sie? Dann besser auch noch Ganzkörper-MRT. EEG, neurologische Untersuchung, komplettes Labor und so weiter. Sie wissen ja! Das ganze Programm. Vor die Therapie haben die Götter die Diagnose gesetzt!“
Anstandshalber verhaltenes Lächeln und zustimmendes Kopfnicken vom Bart und dem Kleineren.
„Gut. Danach so schnell wie möglich auf meine Privatstation“, verkündet er, dreht sich um und entschwindet mit den beiden anderen im wehenden Kittel aus meinem Gesichtsfeld.
Ich höre sie an einem anderen Bett kurz verhoffen.
„Was ist hier?“
„Apoplex“, antwortet der Bart. „Stabil. Noch keine Besserung seit drei Tagen.“
„Auch privat versichert?“
„Nein. AOK.“
„Gut, gut“, höre ich Gottvater sagen. „Dann kann er auf die Allgemeinstation. Sie kümmern sich um das Weitere. Wir brauchen die Betten hier!“ Er wendet sich ab und die Schritte der Dreifaltigkeit entfernen sich rasch.
Die Geschäftigkeit im Raum beginnt wieder. Hastende Schritte von allen Seiten. Gemurmel. Manchmal leises Lachen. Zurufe. Geklapper von Geräten und Instrumenten. Das Piepsen der Monitore. Summen. Brummen. Rauschen. Ich merke, wie ich immer müder werde. Könnte ich doch die Augen schließen! Irgendwann schlafe ich wohl ein.
Ich fliege. Schwerelos schwebe ich über eine weite Landschaft mit vielen großen Feldern und Wiesen. Ein Kirchturm kommt mir entgegen. Das ist doch unsere kleine Kirche! Da, da ist unser Hof. Wie toll das von oben aussieht! So ordentlich alles! Wie früher meine Modelleisenbahn. Da steht ein Krankenwagen mit Blaulicht vor dem Tor zu meiner Praxis. Was macht der da? Viele Leute laufen da herum. Plötzlich fährt er los. Dieses schreckliche Getute hört man bis hier oben. Ich fliege hinterher. Aus dem Dorf hinaus, über die Landstraße bis zur Autobahn. Über rote Ampeln hinweg. Mann, hat der es eilig! Weiter rast er auf der Überholspur der Autobahn. Ich komme kaum mit. Er erreicht eine größere Stadt. Links ab. Rechts ab. Hält vor einem riesigen Gebäudekomplex. Die Fahrer springen heraus. Auf einer Bahre schieben sie jemanden in das Gebäude. Ich schwebe weiter hinterher, komme gerade noch durch die Tür, die sich genau hinter mir schließt. Viele weiße Kittel. Hektik. Meine Frau! Was macht die denn hier? Rennt da schreiend herum. Bist du verrückt geworden, Gabi?!
Weiter fliege ich hinter der Bahre her, die kreuz und quer durch das ganze Gebäude geschoben wird. Ich halte über einem Bett in einem hell erleuchteten Raum. Ich gleite etwas tiefer, wer liegt da in dem Bett? Ich? So was! Ich träume wohl! Wieso sehe ich mich selbst da liegen, mit Schläuchen am Arm? Scheißtraum. Es wird dunkler. Dunkler und auf einmal ganz still. Schwarz. Schweigen.
Habe wohl kurz geschlafen und was Blödes geträumt. Ein hübsches Gesicht beugt sich über mich. Lange blonde Locken. Ganz in Weiß gekleidet lächelt es mich freundlich, aber ernst an. Jetzt fällt mir alles wieder ein. Wo ich bin und wie ich hierhergekommen bin. Was passiert ist.
Die sieht aber doch aus wie ein Engel! Gibt es die doch? Bin ich jetzt doch schon im Himmel? Bei solch hübschen Engeln wäre das ja nicht das Schlechteste!
„Hallo! Hallo! Hören Sie mich?“, schreit der Engel mich mit einer recht tiefen, aber eher doch menschlichen Stimme an. „Ich bin Neurologin und werde Sie jetzt untersuchen!“
Doch nicht der Himmel! Doch kein Engel! Irgendwie schade!
Sie fängt an, mit einem silbernen Reflexhammer auf mir herumzuklopfen. Auf die Fersen, auf die Knie, mehrfach auf den Bauch, auf beide Arme, auf die Handgelenke und auf die Ellenbeugen. Ich spüre jeden Schlag. Tut nicht besonders weh. Mit dem spitzen Ende des Hammerstiels zieht sie kräftig über meine Fußsohlen. Das kitzelt. Dann rechts und links unterm Bauchnabel nach unten. Sie schüttelt den Kopf langsam, das Engelshaar wogt schön um ihren Hals.
„Nichts!“, murmelt sie zu sich selbst. Sie klatscht laut mit den Händen vor meinen Ohren und sieht mir dabei direkt in die Augen.
Hübsch bist du ja, du vermeintlicher Engel! Was hast du jetzt noch auf Lager? Dachte ich es mir! Sie nimmt ein kleines Köfferchen und stellt es auf meinen Bauch. Zwei Kabel mit spitzen Nadeln am Ende hält sie in ihren Händen, die sehr schön schmal und wohlgeformt sind, aber von zahlreichen, wohl modischen und auffälligen Ringen geziert werden. Eher nicht mein Geschmack! Ich weiß wohl, dass die Nadeln Schmerz bringen und schon fährt die erste in meinen Oberschenkel, gefolgt von der zweiten in die Wade. Verdammt, das pikst aber mehr, als ich dachte. Nach kurzer Zeit zieht sie die Dinger heraus und sticht sie ins andere Bein. Hat sie ein leicht sadistisches Lächeln auf ihren geschwungenen, beinah wollüstigen Lippen? Ich tue ihr sicher Unrecht. Kenne die Untersuchung ja. Elektromyogramm nennt man das. Wieder scheint sie unzufrieden mit dem Messergebnis und haut mir die Nadeln in beide Arme, erst rechter Oberarm und Unterarm. Dann noch mal das gleiche links. Engelshauptschütteln.
Sie packt das Köfferchen wieder ein und stellt es neben sich auf einen fahrbaren kleinen Tisch, steht auf und zieht einen anderen Tisch mit einem großen Monitor zu sich heran. Sie nimmt eine Menge Kabel mit kleinen Saugelektroden und pappt sie mir auf die Stirn, die Schläfen und hinter die Ohren, sowie in den Nacken. Dann befestigt sie noch einige an verschiedenen Stellen mitten auf dem Kopf zwischen den Haaren. Der Monitor leuchtet auf und ein Gewirr von Kurven erscheint. Sicher ein Dutzend verschiedene untereinander. Ein EEG. Da verstehe ich nichts von. EEGs waren mir immer ein Rätsel. Nacheinander drückt sie auf verschiedene Knöpfe. Immer andere, noch verrücktere Kurven werden sichtbar. Sie steht staunend mit verschränkten Armen davor, eine Hand am Kinn und zwei Finger auf dem Mund, und sieht den laufenden Zacken zu. So ähnlich sehen die Kurven der Seismologen bei Erdbeben aus, geht mir durch den Kopf.
Während der Monitor noch läuft, greift sie zu einer kleinen Taschenlampe und leuchtet mir abwechselnd in das rechte und linke Auge. Das ist wieder so grell! Schlimmer als die Nadeln. Jetzt drückt sie mit dem Daumen auf meinen Augapfel. Hör auf, du Teufel! Niemals bist du ein Engel! Auch wenn du so aussiehst! Das ist ein höllischer Druckschmerz. Das andere Auge auch noch! Du Biest! Könnte ich dich bloß packen!
Sie zaubert eine lange, dünne und scherenartige Zange aus der Kitteltasche und nähert sich damit langsam meiner Nase.
Neiiiiiiin! Bitte das nicht! Das ist der schlimmste Test. Habe ich früher auch schon mal gemacht. Jetzt gerade tut mir das leid. Damit kann man testen, ob jemand Bewusstlosigkeit simuliert.
Niemand hält den Schmerz aus.
Sie öffnet die Zange und schiebt sie langsam in meine Nase, in jedes Nasenloch ein Zangenmaul. Dabei sieht sie mir wieder genau in die Augen. Langsam, ganz langsam schließt sich die Zange. Zunächst ist es nur ein leichter Druck. Dann drückt sie das Gerät immer fester. Grinst sie hämisch dabei? Um den leicht geöffneten Mund spielt ein Lächeln, ein böses Lächeln. Zwischen den schönen Zahnreihen sieht man die Zungenspitze blitzen wie bei einer Schlange. Immer kräftiger wird der Druck. Es schmerzt. Der Schmerz wird immer größer, je kräftiger sie drückt. Das ist brutal! Ich halte das nicht mehr lange aus. Weg mit der Klemme. Ich bin doch kein Tanzbär oder Bulle! Hölle pur! Will schreien. Kein Ton. Wie weit lässt sich Schmerz steigern? Ich kann nicht mehr. Das hält keiner aus. Mir verschwimmt alles vor Augen. Werde ich endlich bewusstlos? Was kann der Mensch noch aushalten? Schwarze Stille. Kein Schmerz mehr.