Posted on Schreib einen Kommentar

Leseprobe: Paternoster – Vom Auf und Ab des Lebens

Gevatter

Paternoster

„Der Tod kann sich das Leben nicht aussuchen, das er been­den muss“, so sagt es der Philosoph Manfred Hinrich. Wenn Gevatter Tod das doch nur beherzigen würde. Leider ist er beratungs­resistent.
Sicherlich hat er in diesen krisengeschüttelten Zeiten viel um die Ohren, Überstunden eingerechnet. Er ist ständig im Einsatz, auf der ganzen Welt unterwegs und stets bemüht seiner Profession gerecht zu werden.
Freunde wird er sich damit nicht schaffen. Und Dank, Dank schuldet ihm niemand dafür. Gleichwohl ist seine Arbeit vonnöten. Das sehe auch ich ein, fordere aber von ihm ein gewisses Quäntchen an Verantwortung und Empathie. Und daran mangelt es dem Tod.
Ich hatte ihn schon länger in Verdacht gehabt, zu schludern. Seine Unachtsamkeiten und Fehler konnten durch nichts entschuldigt werden, denn sie waren existentieller Art.
Es gab Listen, die der Tod abzuarbeiten hatte. Dezidiert stand darauf festgeschrieben, wer wann diese Erde zu verlassen hat. Es war dies die einzige Vorgabe, an die er sich zu halten hatte. Er tat es nicht. Er arbeitete schlampig und das war mehr als ärgerlich, das war tödlich.
Ich hatte geglaubt, den Tod zu kennen, war überzeugt, dass er kein Dummkopf sein konnte, doch die Zweifel in mir überwogen. Ich hegte den Verdacht, dass der Tod nicht lesen konnte, zumindest aber eine deutliche Leseschwäche aufwies. So sagte ich es ihm ins leere Gesicht. Natürlich stritt er es ab. Überzeugend war das nicht, zu viele Indizien sprachen gegen ihn.
Da gab es zum einen Menschen, die sich monatelang auf dem Sterbebett quälten, sich bereits in einer besseren Welt sahen, zumindest aber einer anderen Welt, und dann plötzlich wieder aufstanden, um ihre Lebenszeit abzuarbeiten. Andere ließ er in langer, schwerer Krankheit dahinsiechen, bis er sich endlich ­bequemte, tätig zu werden. Dann wiederum raffte er ganze Sippschaften, sogar Völkerstämme dahin, ohne dass dies rational nachzuvollziehen war.
In diesem Tun war kein Sinn erkennbar. Es schien, als ob er wahllos vorginge und in dem einen oder anderen Fall versuchte, Fehler zu vertuschen. Ich vermochte diese Korrekturversuche keiner höheren Macht zuzuschreiben. Nein, auf seine Selbstständigkeit hatte der Tod ja immer gepocht. Da gab es niemanden, der ihn hätte zurückpfeifen können. Er ­handelte auf eigenes Risiko, war Freiberufler. Er alleine war es, der so oder so handelte. Er war einfach überfordert, der Aufgabe nicht gewachsen.
Konnte das sein? Den einen holte er ohne Gnade, den anderen ließ er zappeln, bangen und hoffen, um dann doch vor ihn zu treten, mit der unmissverständlichen Aufforderung, endlich mitzukommen.
Nein, den Weltenlauf nach seinem Gutdünken zu verändern, stand ihm nicht zu.
Er hatte sich an die Liste zu halten. Jedem stand das Recht zu, diese Erde dann zu verlassen, wenn seine Zeit gekommen war. Niemand durfte bevorteilt oder benachteiligt werden. Dabei war es egal, wer die Liste erstellt hatte. Sie existierte und hatte gewissenhaft abgearbeitet zu werden, und zwar in der vorgegebenen Reihenfolge.

Ein heller, freundlicher Morgen bescherte mir Gewissheit, belegte endgültig die Unzulänglichkeiten des Todes.

Posted on Schreib einen Kommentar

Leseprobe: Als der Sensenmann ins Stolpern geriet

Als der Sensenmann ins Stolpern geriet

Als Vierzehnjährige machte ich eine seltsame Erfahrung. Vorausgegangen war Folgendes: Ich war beim Rauchen erwischt worden.
Mein Vater ließ ein Donnerwetter vom Stapel, worauf ich völlig beleidigt seine Medikamentenbox plünderte und alle bunten Pillchen in mich hineinstopfte, die ich finden konnte. Einfach so. Ich weiß bis heute nicht, welcher Teufel mich in dem Moment geritten hatte, jedenfalls tat es mir wenige Minuten später schon leid. Vermutlich hatte es sich nur um harmlose Vitaminpräparate gehandelt, aber genau konnte man das ja nie wissen. Also beichtete ich meinem entsetzten Vater die spontane Handlung. Mein geplagter Vater schnappte mich sofort am Kragen und ließ mir im Krankenhaus den Magen auspumpen.
So weit, so gut.
Ich sollte eine Nacht zur Beobachtung im Krankenhaus bleiben. Schließlich wollte man auch meine psychische Verfassung im Auge behalten.
Niemand war sich sicher, ob meine Pillenaktion tatsächlich auf Selbstmordgedanken oder auf eine kindische Kurzschlussreaktion zurückzuführen war. Ich hatte meinem Vater eigentlich nur einen Schrecken einjagen wollen, damit er nicht noch mal so mit mir schimpfte. Das war alles.
Um mich mit der Holzhammermethode von weiteren Freitodversuchen abzuhalten, steckte man mich in das Zimmer einer Sterbenden. Die Krankenschwester erklärte kurz, dass die alte Frau wohl heute Nacht dahingehen würde.
„Dahin?“, fragte ich, „wohin dahin?“ „Na, ins Jenseits, du Dummerchen, wohin sonst. Da wärst du ja auch fast gelandet“, bekam ich die schnippische Antwort.
Das Jenseits, ich war mir nicht sicher, wie ich mir das vorstellen sollte. Ich war direkt etwas neugierig. Von einem Vorhang abgetrennt durfte ich dann dem schweren Röcheln und Stöhnen der alten Dame lauschen. Ich stand auf und warf einen Blick hinter den Vorhang. Die Sterbende richtete ihren Blick auf mich und lächelte leicht. Ich schloss den Vorhang, weil ich spürte, dass sie alleine bleiben wollte und ging wieder in mein Bett. Mit der Zeit atmete die Frau immer schwerer, schleppender und es hörte sich an, als koste es sie unendliche Mühe, Luft zu bekommen. Plötzlich war es still.
Jetzt war sie wohl dahingegangen.
Nach einigen Minuten des Gruselns, stand ich auf. Ich wollte wissen, wie eine Dahingegangene aussah. Als ich den Vorhang an die Seite schob, spürte ich einen warmen, streichelnden Lufthauch an mir vorbeigleiten, der mich lächeln ließ.
Ich schaute in das Bett der alten Frau und sah, dass sie weg war. Sie hatte nur ihre Hülle dagelassen.
Die Ansichten einiger Menschen über den Tod konnte ich nie teilen. Schon als Kind fand ich dieses Verhalten am Grab eines Verstorbenen sehr seltsam. Wenn meine Mutter mich mit zum Grab meiner Großeltern nahm, durfte ich nur leise sprechen und nicht herumhüpfen.
Wieso eigentlich?
Hatte Mama Angst, die Toten würden aufwachen, aus den Gräbern krabbeln und sich über den Lärm beschweren? Wusste sie denn nicht, dass Oma da gar nicht drin war? Es war doch bloß ihr Körper, mehr nicht. Wenn ich die Augen schloss, konnte ich Oma und Opa fühlen und mit ihnen sprechen. Sie sprachen auch zu Mama, aber sie hörte einfach nicht zu.
Vielleicht lag es daran, dass Mama immer ihre Augen offen hielt. „Mama, du musst die Augen schließen und die Ohren zusperren, dann kannst du sie sehen und hören und mit ihnen sprechen.“
Doch Mama hörte mir nicht zu. Sie zupfte und harkte voller Elan auf dem Grab herum. Zwischendurch schielte sie auch zu den Nachbargräbern und verglich die Dekorationen miteinander. Zum Schluss wurde der mickrige Sand vor dem Grab geharkt und in ein ansehnliches Zickzackmuster gebracht. Mama begab sich nun in eine betende Position, indem sie den Kopf senkte, die Hände faltete und einige Worte murmelte. Dann schaute sie hoch zum Himmel und sagte mit aller Deutlichkeit: „Bitte Gott, mach es Ihnen da oben so schön wie möglich.“
‚Da oben‘, dachte ich. ‚Wo oben? In der Luft, da, wo die Wolken sind oder zwischen den Flugzeugen? Da soll Gott sein? Oder noch weiter oben, irgendwo zwischen den Sternen? So ein Unsinn. Gott ist doch hier. Er ist in uns und wir sind in ihm. Das ist doch sonnenklar, oder?‘
Natürlich können die Menschen mit allen körperlosen Wesen kommunizieren, sie wissen es nur nicht. So laufen sie zum Friedhof, pflanzen Stiefmütterchen und starren das Grab an. Sie sind traurig und weinen. Ich denke, sie tun es aus einem Gefühl des Verlustes heraus und aus dem Bedürfnis, sich verbinden zu wollen.
Doch warum ausgerechnet dort, wo die Körper begraben werden? Da ist nichts mehr, absolut nichts. Wer sich verbinden will, der soll seine Trauer loslassen und nach innen gehen, denn dort findet er alles, was er sucht. Dann kann auch der Verlustschmerz gehen, weil man erkennt, dass nichts verloren wurde.
Oft sitzen die Hinterbliebenen zu Hause und schauen auf die Fotos, die auf der Kommode stehen und umgeben sie mit Kerzen und Blumen. Was dort steht, ist nichts anderes als ein Stück Papier, das von einem Rahmen umfasst wird. Wozu brauchen manche Menschen diese Erinnerungsstücke? Wissen sie denn nicht, dass sie sich nur an Bilder klammern, aber damit das Leben selbst und die Wahrheit verleugnen?
Ahnen sie denn nicht, dass sie damit die beglückende, liebevolle Kommunikation mit ihren Liebsten blockieren. Lasst eure Toten los, dann können sie wieder auferstehen und mit euch durchs ewige Leben tanzen. Sprecht mit ihnen, lacht mit ihnen und genießt eure Zärtlichkeit miteinander.
Das geht nicht?
Doch, das geht. Zärtlichkeit sind liebevollste Gedanken, die miteinander geteilt werden und das geht wunderbar ohne Körper. Du musst es nur einmal ausprobieren. Stell dir einfach jemanden vor, den du glaubst verloren zu haben. Denke intensiv an ihn, male ein inneres Bild von ihm. Das kannst du sehr gut, glaube mir. Du hast doch eine gesunde Vorstellungskraft. Nutze sie. Stell dir diesen Menschen als gesund, vital und fröhlich vor, ganz ohne Begrenzungen. So. Siehst du ihn? Sein Gesicht, seine Gestalt und seine Haltung? Ja? Siehst du auch das helle Licht, in das seine Gestalt getaucht ist?
Dann ist es gut.
Nun umarme ihn, küsse ihn, sag ihm, wie sehr du ihn liebst. Sag ihm all das, was du ihm schon immer anvertrauen wolltest. Frage ihn all das, was du fragen wolltest. Schau ihn an und streichle ihn mit deinen Gedanken. Er wird antworten und dir all seine Liebe geben. Er ist da. Er lebt wirklich.
Heute, nach vielen Erfahrungen und Begegnungen, bin ich zu der Überzeugung gekommen, dass es nur das eine wunderbare, ewige Leben gibt.

Posted on Schreib einen Kommentar

Leseprobe: Kinderdiebe

Imagination is more important
than knowledge

(Albert Einstein)

Kinderdiebe

Dieser Satz hing über meinem Schreibtisch. In den 1980er Jahren begann ich, mich immer unwohler in der mir zugedachten Lehrerrolle zu fühlen. Wenn ich mit meinen Schülern einen literarischen Text behandelte, widersprach es zusehends meinem Instinkt, ihre Äußerungen zu bewerten. Ich fühlte, dass ein Lernen, welches auf der Angst zu versagen beruht, die in jedem Kind angelegte Kreativität blockiert, statt sie zu fördern. Die Angst vor dem Scheitern tötet die Inspiration. Auch ich wollte, dass meine Schüler erfolgreich waren, aber ich wollte dies nicht durch Druck erreichen, der mir meine eigene Schulzeit häufig zur Hölle gemacht hatte. Vielmehr wollte ich den Kindern einen angstfreien Raum zur Verfügung stellen, in dem sie sich getrauten, ihre Kreativität zu entfalten. Um das zu erreichen war es notwendig, mich auf Augenhöhe mit ihnen zu begeben, was natürlich immer wieder in Konflikt geriet mit meiner Rolle als Notengeberin. Ich hasste es zusehends, Stapel von Heften mit rotem Stift zu verschandeln. Entzog sich mein Erziehungsauftrag nicht jeglicher Bewertungsfunktion?
Imagination is more important than knowledge. Wie kann ein Lehrer mit seinem Rotstift Kreativität fördern? Die Haltung der meisten meiner Kollegen befremdete mich ebenfalls. Sie klagten ständig über schwierige Schüler, als seien diese schlechtes Material für ihren Erziehungsauftrag. Mir aber widerstrebte es, mich als Erzieher auf eine höhere Stufe zu stellen und Kinder zu bewerten. Im Gegenteil: ich spürte, dass gerade die schwierigen Kinder mit ihrem kreativen Potential hinter dem Berg hielten, um sich auf diese Weise vor Verbiegungen zu schützen. Ich spürte die Lebensenergie, die häufig hinter ihren Sabotageakten steckte, und war ihnen deshalb besonders zugetan.
Und so kam es, dass ich an meiner Schule mehr und mehr einen Bereich ausbaute, der sich der Bewertung entzog und stattdessen die Kreativität förderte: Das Theaterspiel. Statt einen Text nur zu besprechen, ließ ich ihn spielen; statt emotionale Reaktionen abzuwürgen, ließ ich meine Schüler diese in die Ausgestaltung ihrer Rollen einbringen; statt sich hinter einer intellektuellen Bewertung von Literatur zu verstecken, forderte ich meine Schüler auf, sich zu zeigen. In der Theater AG, die ich inzwischen gegründet hatte, erfand ich immer mehr Improvisationsspiele, aus denen ich zusammen mit den Schülern Stücke entwickelte, die wir sowohl in der Schule, als auch in der Stadt zur Aufführung brachten. Ich übernahm immer mehr Klassenfahrten, weil sich außerhalb des Schulrahmens mehr Gelegenheit bot, die Welt sinnlich zu erfahren und im Spiel neue Verhaltensweisen zu erkunden. Auf einer solchen Klassenfahrt entwickelte ich z. B. „Die Mutprobe“. Statt über Ängste zu sprechen, wählte ich einen kurzen Waldweg aus, den ich die Schüler einzeln, einer nach dem anderen im Stockfinstern laufen ließ. Endlich gab es echtes Herzklopfen, auch bei den wildesten Jungen. Und als es alle geschafft hatten und die Kinder sich in der Sicherheit der Gruppe wiederfanden, gab es ein richtiges Freudenfest mit tollen Geschichten. Viele Male veranstaltete ich mit meinen Stadtkindern Waldmodenschauen, wo sie sich mit Pflanzen und Blättern ein Kostüm bastelten, wobei ich ihnen spielerisch die Namen der verschiedenen Pflanzen und Blätter beibrachte. Ja, ich wollte Freude in den Schulalltag bringen und das gelang mir durch solche kreativen Momente immer wieder.
Mitte der 1980er Jahre hatte mich mein jahrelanges Gegen-den-Strom-Schwimmen jedoch ausgelaugt. Ich nahm mir eine Auszeit von der Schule und zog nach Berlin, um an der Hochschule der Künste Theaterpädagogik zu studieren. Obwohl mir die Regelschule zu eng geworden war, brannte meine Sehnsucht nach kreativer Arbeit mit Kindern in mir stärker denn je. Zusätzlich tickte meine biologische Uhr jedes Jahr lauter und ich ertappte mich dabei, wie ich immer häufiger in die Kinderwagen von Müttern schaute, um mit meinen Blicken den Schopf eines süßen Babys zu erhaschen. Dabei zog sich mein Herz jedes Mal schmerzlich zusammen, denn ich hatte seit dem Ende meiner englischen Liebe meine ganze Energie in die Arbeit gesteckt und das mit Erfolg.
Aber einem geeigneten Partner war ich nicht begegnet und hielt die Situation zwischen Männern und Frauen am Ende des 20. Jahrhunderts generell einigermaßen verfahren. Ein Frauchen wie meine Mutter konnte und wollte ich nicht sein, aber eine Emanze, welche die Männer zwang, sich beim Pinkeln auf die Klobrille zu setzen auch nicht. Männer, die von Frauen bewundert werden wollten, verursachten mir Magenkrämpfe, aber solche, die um mich herumturtelten und keine eigenen Visionen hatten, übten die gleiche Wirkung auf mich aus. Ich hatte mich zu einer ziemlich unkonventionellen Frau mit starkem Freiheitsdrang entwickelt, der die frühe Überzeugung, niemals zu heiraten, immer noch im Blut steckte. So erschöpften sich meine Liebesversuche bezüglich des anderen Geschlechts in kurzen, leidenschaftlichen, meist schmerzhaft endenden Angelegenheiten. Berlin zog mich sofort in seinen Bann. Ich hatte Anfang der 70er Jahre schon einmal hier studiert und nach einem Semester aufgegeben, weil mich die Schikanen an den DDR-Grenzkontrollen zu sehr zermürbt hatten. Jetzt, in den 1980er Jahren, war der Reiseverkehr leichter geworden, aber die Teilung der Stadt und nicht zuletzt die Erinnerung an die kafkaeske Situation um den auf mich gefallenen Spionageverdacht, löste bei mir immer noch eine starke Beklommenheit aus.
Ich liebte mein Studium an der Hochschule der Künste, aber abends, in meiner Wohnung direkt an der Mauer, starrte ich stundenlang aus dem Fenster und grübelte, wie es mit meinem Leben weitergehen solle. So wie mein Blick nach draußen auf eine Mauer fiel, nahm ich in mir drinnen die Grenzen meiner inneren Landschaft überdeutlich wahr und zugleich den drängenden Wunsch nach Befreiung von einem Leben, das sich dumpf und eng anfühlte. Im Frühjahr 1987 flog ich mit einer Freundin aus dem schmutzigweißen Berlin auf die grüne Insel Gomera, wo ich mir fernab von sorgenumwobenen Deutschland Klarheit verschaffen wollte, wo meine Lebensreise eigentlich hingehen sollte. Schon auf der Überfahrt von Las Palmas de Gran Canaria begannen die Zeichen. Wir hatten einen Einheimischen angesprochen, der uns auf seinem winzigen Boot nach Gomera übersetzte. Unmittelbar nach dem Ablegen gesellte sich eine große Gruppe von Delfinen zu uns, die uns die gesamte Überfahrt begleiteten. Es war ein strahlend blauer Frühlingstag und der Atlantik ganz und gar friedlich. Ich lag bäuchlings über den Bug des kleinen Schiffes gebeugt und beobachtete fasziniert das Auf- und Abtauchen der Delfine und es schien mir, als wollten sie mir etwas sagen. Ab und zu hielt ich meine Hand ins Wasser, um diese Wesen einer fremden Welt zu berühren, was sie sich gerne gefallen ließen.
Mit einem Mal hatte ich das Gefühl, dass alles gut war, so wie es war, und dass das Leben mich trug. Die Zeit der übermäßigen Anstrengung war vorbei, es war alles da, was ich brauchte, ich musste nur hinschauen. Was ich meinen Schülern mit Leichtigkeit hatte schenken können, nämlich den Raum, sie selbst zu sein, das hatte ich mir selbst meist vorenthalten. Und warum? Weil ich geglaubt hatte, ich habe es nicht verdient. Es war mir immer möglich gewesen, zu geben. Ja es war meine Identität zu schenken. Aber mir selbst ließ ich nichts durchgehen, legte strengste Maßstäbe an mich an, war getrieben von der Angst zu versagen. Ich schaute dem Spiel der Delfine zu und begann zu weinen vor Sehnsucht nach ihrer Leichtigkeit. Ich bewunderte die Formationen, in denen sie in ständigem Wechsel auftauchten und wieder in die Wellen sanken. Ich wollte nicht mehr allein sein, ich wollte ankommen, zur Ruhe kommen. Ich wollte Kinder, Mann, Familie, ein Zuhause. Kurz vor Einlaufen in den Hafen von Gomera verschwanden die Delfine. Unsere Rucksäcke auf dem Rücken und nach einer Bleibe suchend, erklommen meine Freundin und ich einen kleinen Hügel über dem Hafen. Während ich auf den steinigen Boden achtete, blieb ich plötzlich wie angewurzelt stehen: Vor mir im Sand lag ein silberner Ring. Ich hob ihn auf und stellte fest, dass er die grazile Form eines winzigen Delfins hatte. Ich steckte ihn an meinen Finger und er passte wie angegossen. In der ersten Nacht auf Gomera hatte ich einen Traum. Ich glitt wie ein silberner Fisch durch türkisfarbenes Wasser, einem riesigen dunklen Schatten folgend, in freudiger Erwartung auf eine Begegnung. Endlos lange schwamm ich an den krebsübersäten Flanken des Wales vorbei, bis ich sein Auge erreicht hatte. Es war auf mich gerichtet. Und während wir Auge in Auge still standen in der Zeit, erblickte ich die Seele des Universums im Auge des großartigen Tieres. Es schaute mich unverwandt an und ich wusste, dass wir aus dem gleichen Stoff gemacht waren, er und ich und alles Lebendige: Glückseligkeit. Ich wachte weinend auf von diesem Traum und bewahrte ihn während der zwei Wochen auf der Insel sorgfältig in meinem Herzen.
Auf der Rückreise nach Las Palmas benutzten wir die große Fähre. Während ich auf dem Oberdeck in meditativer Stimmung die kobaltblauen Wellen des Atlantiks vergeblich nach Delfinen absuchte, gewahrte ich flüchtig einen Mann, der an der Reling des unteren Decks lehnte. Als sich die Passagiere kurz vor dem Einlaufen der Fähre in den Hafen von Las Palmas vor dem Ausgang drängelten, stand dieser Mann direkt neben uns und meine Freundin, die immer viel praktischer war als ich, war gerade dabei, mit ihm eine gemeinsame Taxifahrt zum Flughafen zu verabreden, da das doch billiger sei. Ich selbst hörte nur mit einem halben Ohr hin und registrierte, dass der Mann Engländer war. Nach dem wir an Land gegangen waren, warteten wir drei gemeinsam vor dem Gepäckwagen, um unsere Rucksäcke an uns zu nehmen. Ich konnte meinen auf dem obersten Regal sehen und wollte ihn gerade herabheben, als der Engländer mich ansprach: „May I?“ Diese Geste löste das Gefühl gentlemanlike in mir aus und ich schaute diesen Mann zum ersten Mal an: „Thank you, very kind of you,“ murmelte ich, „what’s your name?“
Es stellte sich heraus, dass er Robin hieß und auf dem Weg zurück nach London war. Wir hatten alle drei noch einige Stunden Zeit bis zum Abflug nach Frankfurt bzw. London und so beschlossen wir, in einem schönen Restaurant hoch über dem Hafen zu Mittag zu essen. Da das Lokal sehr voll war, setzten wir uns an einen Tisch zu einem jungen, bildschönen Deutschen mit Dreadlocks, der mich sofort ansprach: Er besitze ein großes Segelboot unten im Hafen und sei auf der Suche nach einer Frau, die mit ihm über den Atlantik nach Jamaika segeln wolle. Dabei flirtete er hemmungslos mit mir, während meine Freundin und der Engländer auf der anderen Seite des Tisches höflich Konversation betrieben. Da saß ich nun, zwei Männer an meinem Tisch, die unterschiedlicher nicht sein konnten. Zu meiner Rechten der Abenteurer, der Mannjunge, der attraktive Bindungsflüchtling mit dem unsteten Blick; links gegenüber der ruhige Engländer, ritterlich, höflich, mit einem verlässlichen Beruf, zu dem er am nächsten Tag zurückzukehren gedachte, der Technik des Flirtens unkundig, aber vertrauenserweckend.
Wieder sah ich mich am Scheidewege bezüglich meiner Männerwahl. Ich hatte mich bisher für die Abenteurer entschieden, die nach einem leidenschaftlichen Encounter davon segelten. Die Ritterlichen aber entbehrten das gewisse Etwas, ihre Bodenständigkeit fühlte sich langweilig an. In diesem Augenblick, die beiden Männer im Blick, legte ich durch einen bewussten Akt in meiner Wahrnehmung einen Schalter um. Ich brach den Flirt mit dem braungebrannten Dreadlock ab und wandte mich bewusst dem blassen Engländer zu. Ich nahm seine männlich kantigen Gesichtszüge wahr, seine ernsthafte Mimik, und vor allem seine tiefe, beruhigende Stimme. Er erzählte gerade von seinem lebhaften Interesse am Urwald auf Gomera, das ihn zu seiner Reise auf die Canaren bewogen habe, und welches Glück er gehabt habe: Weil er einen Flug am Freitag den 13. gebucht habe, habe sein Ticket so gut wie nichts gekostet, und dabei lachte er über den Aberglauben der Menschen, denen er, der Rationale, ein Schnippchen geschlagen habe. Sein Englisch hatte einen wohltönenden Süd-Londoner Akzent, der meinem Ohr schmeichelte. Und es war der Klang seiner Stimme, der bei mir plötzlich eine Vision auslöste: Dieser Mann wird der Vater meiner Kinder sein. Die bedrängende Einfachheit dieses Bildes bewirkte bei mir eine solche Verwirrung, dass ich mir sofort noch einen Wein bestellte. Vom Herzen fühlte ich mich nicht zu dem Engländer hingezogen, aber diese andere Seite in mir, die, die mir die Delfine offenbart hatten, mein Wunsch nach Geborgenheit und Heimat, kam bei diesem Engländer namens Robin an und umfing ihn mit einer Ahnung von Erfüllung. Dumpf und von Mittagshitze und Wein benebelt, fühlte ich zugleich mit dem Energieschub meiner neuen Wahrnehmung auch die Schatten, die am Grunde meines Planes lagen. Denn es war ein großes Bild, das mein Herz da entwarf. Ich wollte alles Fremde auf einmal umarmen: einen Mann als Partner – bis dato immer gescheitert,das Land meiner Sehnsucht, England – diesmal down to earth, Mutterschaft und totale Verantwortung ohne Netz und doppelten Illusionsboden.