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Leseprobe: Himmelsstaub – gefangen im Koma (2)

Leichte Übelkeit steigt in mir hoch. Komisch. Was ist das?
Langsam erwache ich aus einem Traum, dessen Inhalt wieder viel zu schnell verdämmert. Ich war wieder jung. Irgendwas mit der Schule. Vokabeln nicht gelernt. Deutscharbeit. Text wieder nicht gelesen. Examen. Ich glaube, keine Ahnung mehr zu haben. Von nichts. Oder war das der Traum von gestern? Wie ging es noch weiter? Alles verschwimmt von meinem Traum und ich versuche, es festzuhalten. Es ist weg.
Draußen dämmert es ganz langsam. Homers ‚Rosenfingrige Morgenröte‘ lächelt durch unser Schlafzimmerfenster. Auf der Fichte davor begrüßt die Singdrossel wie jeden Morgen fröhlich lockend den jungen Tag. Wie kitschig das klingt! Aber manchmal sind die Wunder der Natur so bezaubernd und schön, dass man sie gemalt oder beschrieben, sogar fotografiert als kitschig bezeichnen würde. Da sind mir besonders die Sonnenuntergänge in Namibia in Erinnerung. Auf Fotos würde man sie nicht für echt halten.
Mist. Der Traum ist weg. Vielleicht kommt er zurück, wenn ich noch mal versuche, einzuschlafen.
Wieder diese Übelkeit. Leichter Brechreiz. Wird wohl wieder verschwinden.
Ich döse vor mich hin, bald muss ich sowieso aufstehen. Ich höre Gabi, meine Frau, schon emsig hin und her laufen. Der Föhn geht wieder los, wie eine Boeing.
Was ist nur mit mir los? Mir ist so komisch. Ach Quatsch!
„Gustav, komm Herrchen wecken!“, höre ich Gabi sagen. Schon spüre ich, wie mein Hund Gustav zu mir ans Bett getrappelt kommt und mir freudig durchs Gesicht leckt. Guten Morgen, mein allerbester Freund!
Meine Beine kribbeln. Ich versuche aufzustehen. Irgendwie fehlt mir die Kraft. Verrückt. Schlafe ich noch? Träume ich noch? Ich mache die Augen zu und versuche, an etwas Schönes zu denken.
So etwas wie Angst steigt in mir hoch. Nicht verrückt machen! Ich habe Herzklopfen. Verdammt! Ich stehe jetzt einfach auf. Keine Panik aufkommen lassen. Sag ich meinen Patienten doch auch immer. Anderen einen Rat geben ist aber leichter, als selbst danach zu handeln. Einfach aufstehen und alles ist weg!
Ich werfe die Bettdecke zur Seite und stehe auf. Geht doch. Kein Kribbeln mehr. Kraft für zwei. War doch auch gerade noch beim Kardiologen. Alles okay. Bin topfit. Ich beuge mich zu meinem Hund hinunter und schmuse ausgiebig mit ihm, wie jeden Morgen. Vor Freude kriegt der sich gar nicht mehr ein. Wuselt um mich herum wie verrückt, bevor er sich wieder, mit sich und der Welt zufrieden, in seinem Körbchen einrollt.
Shari, seine Oma, fast 17 Jahre alt, stocktaub, aber sonst noch recht fit für ihr Alter, verschläft wieder mal den Morgen, am liebsten den ganzen Tag, bis ich sie vorsichtig anschubse und wecke. Etwas unwirsch schaut sie mich an und wedelt pflichtgemäß leicht mit dem Schwanz. Sie leckt einmal kurz meine Hand, schiebt den Kopf wieder unter die Pfoten und döst weiter.
Auf ins Bad. Ich drehe schon mal die Dusche auf, weil es immer etwas dauert, bis warmes Wasser kommt, und beginne, mich zu rasieren. Der Rasierapparat fühlt sich irgendwie schwerer an. Ich schaue in den Spiegel. Nein, ich sehe aus wie immer. Nichts ist anders. Oder ist der Mund links etwas schief? Blödsinn! Ich rasiere mich fertig und gehe duschen. Irgendwie kribbelt mein Bein. Das rechte? Das linke? Einbildung. Duschgel. Einseifen. Shampoo auf den Kopf. Abduschen. Fertig. Raus aus der Dusche. Abtrocknen.
Jeden Morgen dasselbe. Routine. Automatische Abläufe. Automatismen. Mehr unbewusst macht man das alles. Heute scheint das alles irgendwie in Zeitlupe abzulaufen. Warum nur?
Ich schaue auf die Uhr. 7:45 Uhr. Habe noch Zeit. Ich ziehe mich an. Meine Frau legt mir immer alles hin. Brauche ich nicht zu überlegen, was ich anziehen soll. Nach Gabis Meinung verstehe ich da eh nichts von und würde mir nicht zusammenpassende Sachen anziehen. Okay. Mir ist es gleich. Ist auch ganz praktisch, diese Regelung.
Ich wecke Shari noch mal, Gustav steht schon an der Tür. Wir gehen hinunter. Shari muss ich manchmal dabei helfen, die Treppe hinauf- und hinunterzukommen. Wenn sie zu lange gelegen hat, ist sie noch etwas wackelig und rutscht dann schon mal die Treppe ein Stück hinunter. Ich lasse die beiden in den Garten. Kurze Zeit später stehen sie aber wieder in der Küche, legen sich auf ihre Decke und schauen mich erwartungsvoll an. Gleich gibts ja Futter. Nein, vom Frühstückstisch gibt es, von mir zumindest, nichts. Meine Frau sieht das manchmal anders.