Veröffentlicht am

Leseprobe: Spanische Dörfer

LA MARCHE

Der Mann neben ihr am Strand schreit: „Lauf!“ Und noch einmal: „Los, lauf!“
Sie versteht, obwohl es nicht ihre Sprache ist, in der er es ihr zuruft. Und so läuft sie los, ohne nachzudenken, ohne zurückzusehen. Sie läuft einfach los und hört erst wieder auf zu laufen, als sie sich allein in einem kleinen Dorf wiederfindet, mitten auf dem Dorfplatz. Angestarrt von einer Sechsjährigen, die gedankenverloren in der Nase bohrt. Und von einem Alten, der auf seinen Stock gestützt vornübergebeugt auf einer Bank sitzt und in regelmäßigen Abständen kleine Rauchwölkchen in die Luft entlässt.
Der Alte und das Kind scheinen nichts miteinander zu tun zu haben, und als sie mitten auf dem Platz zusammenbricht, erstarrt das Kind, zieht den Finger aus der Nase und läuft weg. Der Alte bläst weiterhin seine Wölkchen, er sieht sie nicht und hört sie nicht. Er sieht und hört wohl gar nichts mehr – hat schon genug in seinem langen Leben gesehen und gehört, sodass es ihm für alle Zeiten ausreicht.
*
„Europa ist frei. In Europa wirst auch du frei sein“, so hatten sie gesagt. Und diese Hoffnung auf Freiheit hatte sich in ihr eingebrannt und ließ sie alles auf sich nehmen, was diese Reise, die eigentlich keine Reise war, mit sich bringen sollte. Reisen war etwas Freiwilliges. Sie aber hatte sich nicht aus freiem Willen auf den Weg gemacht. Sie musste weg, musste los, musste alles hinter sich lassen, um frei zu sein – um zu leben.
Auf ihrem Weg begegneten ihr viele, die zu Hause nichts mehr hielt, die es lieber gegen die Fremde eintauschen wollten, weil sie der Überzeugung waren: „Europa ist frei. In Europa wirst auch du frei sein.“
Trotz der riesigen Entfernung waren auch bei ihnen vor einigen Jahren die Bilder einer stürzenden Mauer angekommen, die ein Land mitten in Europa jahrzehntelang geteilt hatte. Bilder von Zäunen am Rande des damaligen Europas, die abgebaut wurden. Nein, nie wieder würde es Mauern geben in Europa oder Zäune, so hieß es. Europa ist jetzt frei und wird frei bleiben.
Und frei sein hieß doch zu tun und zu lassen, was man wollte. Zu heiraten oder nicht, zu lieben, wen man wollte, zu essen zu haben, wenn man hungrig war, und vor allem, leben zu können – ohne Angst vor bewaffneten Männern mit oder ohne Uniformen, die mit einem anstellen durften, was ihnen gerade in den Sinn kam.
Und so war sie eines Nachts aufgebrochen, nur mit dem Notwendigsten bei sich, und hatte alles und alle zurückgelassen. Sie war allein und konnte gehen, musste kein Kind mit sich nehmen und keines zurücklassen.
„Lauf! Los, lauf!“, flüsterte jemand hinter ihr, als sie mit dem Rucksack, in dem alles war, was sie für ihr neues Leben brauchte, auf die Straße trat und dort noch einmal zögerte, den Schritt aus ihrem alten Leben hinaus zu tun.
„Lauf! Los, lauf!“
Sie wusste nicht, hatte wirklich jemand geflüstert oder bildete sie es sich nur ein? Sie sah nicht mehr zurück, sondern lief einfach los. Sie musste sich beeilen, die ersten Anzeichen der Dämmerung waren in der Ferne schon zu erkennen. Sie sah nicht mehr zurück und sie beschloss in diesem Augenblick, niemals mehr zurückzublicken. Sie wollte vergessen, was hinter ihr lag, wer sie war und woher sie kam. Sie hatte es schon vergessen. Sie lief und lief, bis sie nicht mehr konnte. Suchte einen sicheren Ort zum Ruhen, aß und trank, was sie mitgenommen hatte, und dann lief sie weiter. Irgendwann hörte sie auf zu laufen und verfiel in eine gemächlichere Gangart, um nicht die Blicke der Menschen auf sich zu ziehen. Wer läuft, macht sich verdächtig. Wer mit einem prallen Rucksack auf dem Rücken läuft, macht sich sehr verdächtig. Also schritt sie nun zügig vo­ran. Immer Richtung Norden, der Freiheit entgegen.
Sie ging bei Tag und sie lief in der Nacht, und wenn sie einen sicheren Platz fand, schlief sie. In den Dörfern unterwegs versorgte sie sich mit dem Nötigsten und so vergingen die Tage, einer nach dem anderen. Sie zählte sie nicht.
An jedem neuen Tag löschte sie die Erinnerung an den vergangenen. Erinnern wollte sie sich erst wieder, wenn sie in Europa war. Ab dem ersten Tag ihres neuen freien Lebens würde sie wieder zulassen, dass sich die Tage in ihre Erinnerung einprägten. Das alte Leben aber sollte für immer vergessen bleiben.
Sie war nun schon so lange unterwegs, dass sie sicher war, bald ans Ende von Afrika zu gelangen. Dann war da noch ein Stück Wasser zu überqueren – falls sie kein Boot fand, das sie mitnahm, so musste sie eben anders durchkommen. Schließlich war sie eine ebenso gute Schwimmerin, wie sie eine Läuferin war. Die Meerenge zwischen Afrika und Europa sollte kein Problem für sie darstellen.
Und so lief und ging sie weiter und versuchte Menschen möglichst aus dem Weg zu gehen. Nur wenn sie nichts mehr zu essen in ihrem Rucksack hatte, ging sie in ein Dorf und besorgte sich, was sie zum Überleben brauchte. Einmal hatte sie ein sehr alter Gemüsehändler sehr genau betrachtet, von oben bis unten und wieder zurück. „Du bist fremd hier. Und du bist schon lange unterwegs“, so formulierte er schließlich das Ergebnis seiner Musterung. „Woher kommst du?“
„Von Süden.“
„Und wohin gehst du?“
„Nach Norden.“
Der Frager lächelte und nach einer Pause sagte er: „Du bist klug und stark. Du wirst deinen Weg gehen. Wie heißt du?“
Sie zögerte nur kurz. „Ich bin La Marche – der Weg.“
Der Alte lächelte wieder, wie einer nur nach einem langen Leben, mit dem er irgendwann unterwegs Frieden geschlossen hat, lächeln kann. „Leb wohl, La Marche. Egal wie lang dein Weg sein wird und ganz gleich wo er langgeht, du wirst das Ziel erreichen. Verliere nie den Glauben daran.“
Diese Begegnung blieb ihre erste Erinnerung, die sie – entgegen ihren Vorsätzen – für das neue Leben aufbewahrte.
*
La Marche setzt ihren Weg fort. Unendliche Tage, Wochen, Monate, sie weiß es nicht. Sie läuft und schläft und läuft, das ist ihr Leben. Sie durchquert Wälder, Städte, Wüsten und bleibt allein. Nur im Notfall, wenn es gar nicht mehr anders geht, schließt sie sich anderen an. Händlern, Touristen, Flüchtlingen. Reisenden eben, die alle aus ihren eigenen Gründen unterwegs sind, die sie nicht interessieren. Wenn sie nicht schläft oder läuft, fährt sie mit dem Bus, als Anhalter auf LKWs oder schließt sich als Kameltreiber Karawanen an. Oder sie lässt sich von Fremden, die aus reiner Freude am Reisen und Entdecken unterwegs sind, im Geländewagen mitnehmen. Manche von ihnen kommen aus Europa.
Wenn die Sonne untergeht, löscht sie die Erinnerungen und beginnt den nächsten Tag wie ein unbeschriebenes Blatt.
Und so weiß sie auch keine bessere Antwort, als sie plötzlich am Rande der Wüste auf ein Camp stößt und einer sie sehr erstaunt fragt, als er die Frau mit dem Rucksack allein aus der Wüste kommen sieht: „Woher kommst du, Schwester? Wie hast du den Weg geschafft, so ganz allein?“
„Ich bin La Marche. Ich komme aus dem Süden. Wo geht es nach Europa?“
Der Frager lacht. „Du willst nach Europa? Wir alle wollen nach Europa. Eigentlich ist es auch gar nicht mehr weit. Hier ganz in der Nähe gibt es eine kleine Ecke auf dem Kontinent Afrika, die seit vielen Jahren Spanien gehört. Und Spanien ist Europa. Also ist ein kleiner Zipfel des afrikanischen Kontinents Europa. Und wir sitzen nur wenige Kilometer vor Europa in einem Camp und wissen nicht, wie wir dort hingelangen sollen.“
La Marche sieht ihn fragend an.
„Du verstehst nicht? Komm mit ins Camp, ruh’ dich erst mal aus. Und morgen werde ich dir zeigen, warum es so schwierig ist, nach Europa zu kommen.“
La Marche sucht sich einen Platz am Rande des Lagers. Sie braucht Abstand zu den Menschen, auch wenn sie hier wie sie selbst Flüchtlinge sind und das gleiche Ziel haben wie sie: Europa, die Freiheit. Sie wundert sich noch immer über die Worte des Fragers. Wie kann man hierbleiben, wenn Europa so nahe ist? Aber sie ist zu müde, um sich diese Frage zu beantworten, und zu müde, um noch heute weiterzugehen. Also bleibt sie und schläft unruhig. So viele Menschen um sich herum ist sie nicht mehr gewohnt und sie hat auch nicht das Gefühl, dass sie unter ihnen sicherer ist als auf ihrem Weg allein.
Als sie die Augen aufschlägt, steht der Frager von gestern Abend vor ihr. „Komm mit, ich zeige dir Europa“, sagt er und wartet nicht lange, sondern läuft einfach los. La ­Marche steht, noch steif vom Schlaf, auf und folgt ihm.
Sie sind keine halbe Stunde unterwegs, da erhebt sich vor ihren Augen ein riesiger eiserner Zaun. Zunächst denkt sie, sie träumt noch und hat Schlaf in den Augen. Aber je näher sie dem Zaun kommt, desto größer und erschlagender wird sein Anblick. Dann stehen sie direkt davor, er erstreckt sich nach links und nach rechts, so weit sie sehen kann.
„Was ist das?“
„Das“, so antwortet ihr Gegenüber etwas pathetisch, „das ist der Zaun, der Europa von Afrika trennt. Das ist der Zaun, der dafür Sorge tragen soll, dass wir Afrikaner den Europäern nicht zu nahe kommen. Hast du gedacht, du kannst einfach so nach Europa? Hast du gedacht, sie freuen sich am Ende noch über die Gäste aus Afrika? Das haben wir alle einmal gedacht und hier endete unser Traum von der Freiheit. Und jetzt sitzen wir in unserem Camp und überlegen Tag und Nacht, wie wir den Zaun überwinden können.“
La Marche steht nur da und schaut. Sie sieht sich den Zaun an, diese Mauer aus Eisen, die nun um Europa herumzuführen scheint, obwohl es doch einmal geheißen hatte, das Zeitalter ohne Mauern und Zäune wäre dort angebrochen. Und sie denkt, ob die Mauern dann nicht auch in den Köpfen und Herzen der Menschen sind? Aber es ist zu spät. Sie kann nicht zurück, sie hatte nie zurückgekonnt. Etwas Besseres als den Tod findest du allemal, hätte sie jetzt gedacht, wenn ihr jemand dieses europäische Märchen irgendwann einmal erzählt hätte. So denkt sie nicht in literarischen Sätzen, aber sie weiß, sie muss weiter. Kann nicht zurück in ein Leben, das keines war und an das sie sich nicht erinnern will.
„Wir versuchen es immer wieder“, unterbricht eine Stimme ihre Gedanken. Erstaunt sieht La Marche auf, sie hat ihren Begleiter längst vergessen. „Schon oft sind Hunderte von uns auf den Zaun geklettert. Manchmal klappt es und die meisten kommen hinüber, andere stürzen ab, zurück nach Afrika. Wieder andere werden von denen, die den Zaun bewachen, abgewehrt und klettern wieder herunter, gehen zurück ins Lager und versuchen es einige Nächte später erneut. Aber diesen Weg über den Zaun schaffen nur die Starken und Jungen unter uns, die keine Kinder haben.“
La Marche, die auf der anderen Seite des Zaunes uniformierte Männer hin- und hergehen sieht und mit Gewalt dagegen ankämpfen muss, nicht sofort wegzulaufen, fragt: „Und die es nach drüben schaffen, was geschieht mit denen?“
„Die Polizisten nehmen sie erst einmal mit. Dann kommen sie in ein Lager und es wird darüber entschieden, ob sie aufs europäische Festland gebracht werden und dort bleiben dürfen. Die meisten von ihnen werden irgendwann abgeschoben und wieder zurück nach Afrika gebracht. Auch ich war schon drüben und bin nun wieder hier. Aber ich werde es immer wieder versuchen.“
„Und es gibt keinen anderen Weg nach Europa?“, fragt La Marche.
„Die Stadt jenseits des Zaunes heißt Melilla. Und es gibt noch so einen Ort, Ceuta, der zu Spanien gehört, obwohl er noch auf afrikanischem Boden ist. Aber auch dort sind Mauern und Zäune und auch dort versuchen es viele von uns immer wieder.“
„Und drüben nehmen die uniformierten Männer die Leute mit?“, fragt La Marche noch einmal sicherheitshalber nach, obwohl sie es ja eigentlich schon weiß.
„Ja, aber es würde dir auch nichts nützen, wenn sie dich in Ruhe ließen. Die Stadt ist klein, da kann man nicht auf Dauer leben, nicht wir alle. Du müsstest weiter aufs spanische Festland und dazu brauchst du ein Schiff, das dich mitnimmt. Wenn die Uniformierten bestimmen, dass es dich mitnehmen soll, dann darfst du weg von hier. Wenn nicht, dann hast du keine Chance.“
Sie schüttelt den Kopf. Das ist nichts für sie. „Aber ich habe gehört, es gibt eine Stelle, wo Afrika und Europa ganz dicht beieinanderliegen. Ist dort auch eine Mauer?“
„Soviel ich weiß nicht, denn dort reicht Afrika bis zum Meer. Aber kein normales Schiff nimmt dich mit, wenn du kein Visum für Europa hast.“
La Marche wirft noch einen letzten Blick auf den Zaun, dreht sich um und geht zurück. Sie will noch ein paar Tage im Camp bleiben, sie muss ausruhen und nachdenken. Aber sie weiß jetzt schon, dass es nicht ihr Weg ist, Zäune und Mauern zu überwinden, nur um von irgendjemandem festgehalten zu werden. Sie wird das Meer an seiner engsten Stelle überwinden. Sie wird ein Schiff finden oder notfalls schwimmen. Noch weiß sie nicht, wie sie es schaffen wird, aber sie ist sicher, dass es einen Weg für sie gibt. Sie ist jung und stark und sie ist allein. Muss sich um niemanden kümmern. Kann tun und lassen, was sie will und wie sie es will.
Das ist für sie immer noch eine neue Erfahrung, ganz anders als ihr altes Leben. Und sie weiß, das wird so bleiben, solange sie es irgendwie einrichten kann.