Leseprobe: Himmelsstaub – Gefangen im Koma

Leichte Übelkeit steigt in mir hoch. Komisch. Was ist das?
Langsam erwache ich aus einem Traum, dessen Inhalt wieder viel zu schnell verdämmert. Ich war wieder jung. Irgendwas mit der Schule. Vokabeln nicht gelernt. Deutscharbeit. Text wieder nicht gelesen. Examen. Ich glaube, keine Ahnung mehr zu haben. Von nichts. Oder war das der Traum von gestern? Wie ging es noch weiter? Alles verschwimmt von meinem Traum und ich versuche, es festzuhalten. Es ist weg.
Draußen dämmert es ganz langsam. Homers ‚Rosenfingrige Morgenröte‘ lächelt durch unser Schlafzimmerfenster. Auf der Fichte davor begrüßt die Singdrossel wie jeden Morgen fröhlich lockend den jungen Tag. Wie kitschig das klingt! Aber manchmal sind die Wunder der Natur so bezaubernd und schön, dass man sie gemalt oder beschrieben, sogar fotografiert als kitschig bezeichnen würde. Da sind mir besonders die Sonnenuntergänge in Namibia in Erinnerung. Auf Fotos würde man sie nicht für echt halten.
Mist. Der Traum ist weg. Vielleicht kommt er zurück, wenn ich noch mal versuche, einzuschlafen.
Wieder diese Übelkeit. Leichter Brechreiz. Wird wohl wieder verschwinden.
Ich döse vor mich hin, bald muss ich sowieso aufstehen. Ich höre Gabi, meine Frau, schon emsig hin und her laufen. Der Föhn geht wieder los, wie eine Boeing.
Was ist nur mit mir los? Mir ist so komisch. Ach Quatsch!
„Gustav, komm Herrchen wecken!“, höre ich Gabi sagen. Schon spüre ich, wie mein Hund Gustav zu mir ans Bett getrappelt kommt und mir freudig durchs Gesicht leckt. Guten Morgen, mein allerbester Freund!
Meine Beine kribbeln. Ich versuche aufzustehen. Irgendwie fehlt mir die Kraft. Verrückt. Schlafe ich noch? Träume ich noch? Ich mache die Augen zu und versuche, an etwas Schönes zu denken.
So etwas wie Angst steigt in mir hoch. Nicht verrückt machen! Ich habe Herzklopfen. Verdammt! Ich stehe jetzt einfach auf. Keine Panik aufkommen lassen. Sag ich meinen Patienten doch auch immer. Anderen einen Rat geben ist aber leichter, als selbst danach zu handeln. Einfach aufstehen und alles ist weg!
Ich werfe die Bettdecke zur Seite und stehe auf. Geht doch. Kein Kribbeln mehr. Kraft für zwei. War doch auch gerade noch beim Kardiologen. Alles okay. Bin topfit. Ich beuge mich zu meinem Hund hinunter und schmuse ausgiebig mit ihm, wie jeden Morgen. Vor Freude kriegt der sich gar nicht mehr ein. Wuselt um mich herum wie verrückt, bevor er sich wieder, mit sich und der Welt zufrieden, in seinem Körbchen einrollt.
Shari, seine Oma, fast 17 Jahre alt, stocktaub, aber sonst noch recht fit für ihr Alter, verschläft wieder mal den Morgen, am liebsten den ganzen Tag, bis ich sie vorsichtig anschubse und wecke. Etwas unwirsch schaut sie mich an und wedelt pflichtgemäß leicht mit dem Schwanz. Sie leckt einmal kurz meine Hand, schiebt den Kopf wieder unter die Pfoten und döst weiter.
Auf ins Bad. Ich drehe schon mal die Dusche auf, weil es immer etwas dauert, bis warmes Wasser kommt, und beginne, mich zu rasieren. Der Rasierapparat fühlt sich irgendwie schwerer an. Ich schaue in den Spiegel. Nein, ich sehe aus wie immer. Nichts ist anders. Oder ist der Mund links etwas schief? Blödsinn! Ich rasiere mich fertig und gehe duschen. Irgendwie kribbelt mein Bein. Das rechte? Das linke? Einbildung. Duschgel. Einseifen. Shampoo auf den Kopf. Abduschen. Fertig. Raus aus der Dusche. Abtrocknen.
Jeden Morgen dasselbe. Routine. Automatische Abläufe. Automatismen. Mehr unbewusst macht man das alles. Heute scheint das alles irgendwie in Zeitlupe abzulaufen. Warum nur?
Ich schaue auf die Uhr. 7:45 Uhr. Habe noch Zeit. Ich ziehe mich an. Meine Frau legt mir immer alles hin. Brauche ich nicht zu überlegen, was ich anziehen soll. Nach Gabis Meinung verstehe ich da eh nichts von und würde mir nicht zusammenpassende Sachen anziehen. Okay. Mir ist es gleich. Ist auch ganz praktisch, diese Regelung.
Ich wecke Shari noch mal, Gustav steht schon an der Tür. Wir gehen hinunter. Shari muss ich manchmal dabei helfen, die Treppe hinauf- und hinunterzukommen. Wenn sie zu lange gelegen hat, ist sie noch etwas wackelig und rutscht dann schon mal die Treppe ein Stück hinunter. Ich lasse die beiden in den Garten. Kurze Zeit später stehen sie aber wieder in der Küche, legen sich auf ihre Decke und schauen mich erwartungsvoll an. Gleich gibts ja Futter. Nein, vom Frühstückstisch gibt es, von mir zumindest, nichts. Meine Frau sieht das manchmal anders.
Der Tisch ist wie immer gedeckt. Gabi ist schon in der Praxis. Sie fängt mit den Mädchen um halb acht an. Ich um halb neun. Bin ja auch der Chef! So kann ich in Ruhe frühstücken und die Tageszeitung, also die Nachrichten von gestern, lesen. Meistens hat sich die Welt schon wieder etwas verändert und die Neuigkeiten der Tageszeitung sind schon überholt. Trotzdem ist es so eine Tradition. Frühstück mit Zeitung. Die Kommentare sind ja auch oft lesenswert. Sie ändern die Welt leider auch nicht.
Ich schneide meine beiden Brötchen auf. Jeden Morgen zwei Brötchen mit Marmelade. Am liebsten Holunder. Von Gabi selbst gemacht. Das Messer ist heute schwerer als sonst. Ist das ein anderes als an anderen Tagen? Nein. Wie immer. Alles merkwürdig heute. Es schmeckt auch irgendwie anders als sonst.
Ich esse widerwillig die Brötchen, trinke den Kaffee. Wieder leichte Übelkeit. Ein Blick auf die Uhr. Zwanzig nach acht. Es wird Zeit. Was hab ich gerade in der Zeitung gelesen? Vergessen! Ich rufe die Hunde und gehe mit ihnen eine Runde durch den Garten. Wie immer. Shari ist wieder zu faul. Sie läuft direkt zur Gartenküche, in der ich die Hunde füttere.
Das war in den ersten Jahren, als die Kinder noch klein waren, unsere Sommerküche. Hier kochte Gabi, und die Kinder, Jane und Johannes, konnten dann im Garten toben. Von hier aus hatte Gabi sie im Auge. Schöne Zeit damals. Meine Frau war damals noch nicht mit in der Praxis. Sie war zu der Zeit nicht immer mit sich und der Welt zufrieden. Sie beneidete mich ein wenig, weil ich meinen ‚Spaß‘ mit den Mädchen – zwei Arzthelferinnen und einem Lehrmädchen – und den Patienten hatte, sie aber mit den Kindern alleine war. Heute sieht sie das anders. So lustig ist eine Arztpraxis nicht immer, wie man es im Fernseher sieht. Über 25 Jahre ist das her! Wo ist die Zeit nur geblieben?!
Nachdem ich die beiden gefüttert habe, gehe ich in mein Sprechzimmer, das eine Tür zum Garten hinaus hat. Meine Beine fühlen sich so schwer an wie Mehlsäcke.
Ich setze mich an meinen Schreibtisch und schalte den Computer ein. Warum fühlt sich der Einschaltknopf so seltsam an? Als ob er unter Strom stünde.
Der Rechner fährt hoch. Das dauert immer. Als ich meine Praxis 1987 am 1. April anfing, hatten wir noch keine Computer. Das waren noch Zeiten! Alles war viel einfacher. Was solls. Geht nun mal heute nicht mehr anders.
Ich schaue auf die Uhr. Habe noch etwas Zeit. Ich muss noch mal raus an die frische Luft. Sofort kommen beide Hunde auf mich zugestürmt. Die glauben wohl, ich ginge mit ihnen noch mal durch den Garten. Ich gehe auch ein Stück. Die Beine sind immer noch so schwer. Ich habe das Gefühl, sie tragen mich nicht mehr weit. Ich schwanke leicht. Bekomme etwas Angst. Leichter Schwindel. Ich glaube, ich bin verrückt. Psychosomatisch heißt das doch. Ich reiße mich zusammen und laufe ein Stück mit den Hunden bis zum Ende des Gartens.
Es ist ein sehr großes Grundstück. Etwas wild. Kein gezirkelter Garten, sondern meine geliebte Wildnis! Rundherum stehen große Bäume, die im Sommer wunderbaren Schatten spenden. Habe ich selbst gepflanzt. Vor ungefähr dreißig Jahren. Wie riesengroß die geworden sind! Zwischen den Bäumen führt ein schmaler Pfad rund um den Garten bis zu einer kleinen, wenn auch künstlichen Quelle. Von dort führt ein kleines Bächlein wieder zum Haus hin und fließt durch drei verschieden große Teiche, um vom letzten unterirdisch wieder zur Quelle zurückzufließen. Ich habe vor Jahren sogar mal von der Gemeinde einen Preis für naturnahe Gärten bekommen. Wir verbringen viel Zeit in unserer grünen Hölle. Mit Arbeit, aber auch zum Ausruhen. Für unsere Kinder war es immer ein Paradies mit vielen Ecken zum Verstecken und Spielen und Klettern. Die Reste eines Baumhauses stehen immer noch. Molche gibts im Wasser und Frösche. Viele Libellen im Sommer und die unterschiedlichsten Vögel, von Eulen über Spechte bis zum Zaunkönig. Sogar ein Eisvogel war mal am Teich. Abends fliegen immer die Fledermäuse. Durch die abendliche Beleuchtung an den Gebäuden, die die Insekten anlockt, haben diese erstaunlichen kleinen Vampire viel Beute. Wie schön ist das alles!
Mir gehts wieder besser. Alles wie weggeblasen. Ich streichle meine beiden vierbeinigen Freunde noch mal und gehe wieder in mein Sprechzimmer. Der Rechner läuft jetzt. Ich rufe, wie jeden Morgen, per Datenfernübertragung die Laborwerte vom Vortag ab und schaue sie mir an. Das mache ich immer zuerst. Vielleicht sind einige Werte nicht in Ordnung. In besonderen Fällen muss ich dann sofort mit den Patienten telefonieren. Ist aber nicht so sehr oft nötig. Das meiste sind Routinekontrollen. Heute ist nichts Besonderes dabei.
Jetzt muss ich aber schnell anfangen. Die Zeit läuft jetzt doch wieder zu schnell. Zunächst ist morgens immer ein TÜV. Manchmal auch zwei oder drei. TÜV ist in unserer Praxis die Gesundheitsuntersuchung. Bei Männern kommt noch die ASU dazu, die Krebsvorsorge. TÜV und ASU! Etwas rustikal ausgedrückt vielleicht. Hat sich aber bei uns so eingebürgert und die Patienten finden es auch lustig. Zumindest die meisten. Wir sind schließlich auf dem Land. Ich bin als Landarzt ja auch ziemlich rustikal. Spreche platt mit den Leuten und nicht lateinisch. Kommt aber gut an bei den Patienten. Mir machts auch Spaß und ich will keinen künstlichen Abstand erzeugen. Wir tragen auch keine weißen Kittel, sondern ganz normale Alltagskleidung. Weiße Kittel allein machen keine Sauberkeit und Ordnung.
Ich gehe den Mädels „Guten Morgen“ sagen, unterschreibe vorn an der Theke einige Rezepte und nehme den ersten Patienten aus dem Wartezimmer mit in mein Zimmer.
„Hallo, Wilhelm, alles fit?“, frage ich ihn.
„Noch ja! Und bei dir?“
„Mir gehts supergut, wie immer, danke!“
Hier auf dem Land duze ich mich mit vielen Patienten. Ich war ja als Kind schon oft hier bei meinem Opa, der damals hier wohnte und die Metzgerei und die Wirtschaft mit meiner Oma betrieb.
Es ist ein sehr großer, sehr alter Bauernhof, ehemals eine Brauerei, deren es hier am Niederrhein sehr viele gab. Ein sogenannter Viereckhof. Mein Urgroßvater Gottfried hat das Anwesen ca. 1900 gekauft. Er hatte einen Großhandel für Futtermittel und Sämereien. War ein reicher und tüchtiger Mann. Er ist mit ungefähr 50 Jahren zusammen mit seiner Frau Eva 1918 an der ‚Spanischen Grippe‘ gestorben. Man nannte ihn ‚Der grobe Fritz‘. Ich habe wohl einige Eigenschaften von ihm. Ich bin auch nicht zimperlich und manchmal etwas grob, im Handeln und auch in der Wortwahl. Gegen Erbgut kann man nichts machen!
Mein Opa Anton hat dann den Hof übernommen. Da meine Mutter nach dem Tod ihres Bruders, der im Zweiten Weltkrieg gefallen ist, schließlich alles geerbt hat, bin ich heute der ‚Alte Sieben vom Lindenhof‘. Ich hätte ein schlimmeres Schicksal haben können! Aber so ein großer Komplex ist zwar toll und ich bin auch sehr stolz darauf, ich habe aber auch immer nur hier gearbeitet und renoviert und investiert. Das kann niemand ermessen. Aber es macht mir und auch Gabi viel Spaß und wir leben dafür. Ich hätte noch Arbeit und auch Ideen für ein zweites Leben!
Wilhelm, mein erster Patient an diesem Morgen, liegt schon bis auf die Unterhose entkleidet auf der Untersuchungsliege. Ich schaue noch einmal schnell in den Spiegel. Nein, alles ist okay. Nichts im Gesicht ist schief, sehe aus wie immer, etwas blass vielleicht. Fühle mich okay. War alles Einbildung.
Ich setze mich neben Wilhelm und beginne mit der Untersuchung. Zuerst suche ich den ganzen Körper nach Muttermalen ab. Keine auffälligen zu sehen. Ich höre Herz und Lunge ab. Alles okay. Während ich den Bauch von Wilhelm abtaste, zwinkere ich ihm zu.
„Wieder ein paar Kilo zugelegt?“
„Nur wenig, bestimmt!“, grinst er zurück. „Ich versteh das auch nicht! Ich ess doch kaum was! Nur ganz wenig, ehrlich. Morgens ein Scheibchen Brot und mittags zwei kleine Kartöffelchen!“
„Schon klar!“, antworte ich. „Auf dem Brot ist nix drauf und die Kartöffelchen weinen auf dem Teller vor Einsamkeit!“
„Nee, ein bisschen Käse und Wurst und ganz dünn die Butter sind auf dem Brot. Und ohne Soße und einem winzigen Stück Fleisch schmecken die Kartoffeln ja nicht!“
„Klar. Verstehe. Kenn ich. Dann ist der Bauch wahrscheinlich vom Hungerleiden voller Wasser. Nennt man Hungerödem, kommt vom Eiweißmangel! Oder es war der Wind. Der bläst auch dicke Arschbacken!“
Wilhelm lacht.
„Du glaubst mir ja doch nicht. Aber vom Essen kann es wirklich nicht sein!“
Ich schaue ihn sehr ernst an.
„Okay. Dann guck ich mal mit dem Ultraschall, ob du vielleicht schwanger bist!“
„Blödmann“, gibt er zurück. Wir lachen beide.
Ich greife zum Schallkopf am Ultraschallgerät. Hängt der fest in der Halterung? Kriege ihn nicht da raus. Meine Finger rutschen von dem Ding ab. Sie kribbeln wieder. Kaum Gefühl in der Hand. Der Schweiß bricht mir aus. Alles verschwimmt kurz vor meinen Augen. Fieber? Ich muss kotzen. Bloß jetzt nicht mitten in der Untersuchung schlappmachen! Reiß dich zusammen, denke ich bei mir. Ich atme tief durch.
„Ist dir nicht gut?“, fragt Wilhelm mich. „Du bist so blass plötzlich!“
Panik erfasst mich. Scheißtag! Ich setze mich ganz gerade neben ihn auf die Liege und stütze mich mit der linken Hand auf das Ultraschallgerät. Noch mal tief durchatmen.
„Doch. Mir gehts prima! Wie immer.“
Entschlossen greife ich noch mal zum Schallkopf. Jetzt habe ich ihn fest in der Hand. Fühlt sich auch alles wieder normal an. Klemmt auch nicht mehr fest. Gott sei Dank! Ich gebe etwas Gel auf Wilhelms Bauch und beginne zu schallen. Rechte Niere okay. Linke Niere okay. Aorta nicht erweitert. Bauchspeicheldrüse unauffällig. Keine Lymphknoten. Gallenblase steinfrei, Gallengang frei. Fettleber, natürlich. Wie immer. Die rheinische Fettleber! Hier bei uns fast der Normalfall! Noch ein Blick auf Blase und Prostata. Auch okay.
„Bis auf deine fettige Leber ist alles in Ordnung!“, sage ich, nicht ohne Ironie.
„Ist das schlimmer geworden?“, fragt er.
„Nee, wirste überleben!“
Mit Mühe stehe ich auf, bugsiere den Schallkopf wieder in seine Halterung und sage Wilhelm, er solle sich wieder anziehen. Wir besprechen noch das EKG und die Laborbefunde. Ich muss raus hier.
„Insgesamt bist du noch ganz fit. Machs gut und vergiss nicht dein Scheibchen Brot, wenn du zu Hause bist!“, versuche ich gequält zu lächeln.
„Nee, nee!“ Lachend gibt er mir die Hand. „Tschüss und danke!“
Er ist noch nicht ganz aus dem Zimmer, als ich auf den Hof stürze und zum Haus hinüberwanke. Ich gehe hastig zur Toilette und kann gerade noch den Deckel hochheben, als auch schon der erste Schwall sich aus meinem Magen ins Becken stürzt. Verdammt! Kotzen ist für mich das Schlimmste! Ich würge noch weiter und glaube, gleich kommt der Magen mit raus. Was habe ich denn gegessen? Nichts Besonderes, glaube ich. Ich erinnere mich aber überhaupt nicht, was es gestern gab. Wieder bricht mir der Schweiß aus. Noch mal würgen. Jetzt geht es etwas besser.
Ich gehe in die Küche und trinke ein Glas Wasser. Der saure Geschmack im Mund lässt etwas nach. So! Geht wieder. Kann ja mal passieren. Sicher ein Infekt. Hat mich irgendeiner angesteckt. Magen-Darm-Virus grassiert ja wieder mal. Noch ein Schluck Wasser. Der Bauch ist wieder ruhig.
Langsam gehe ich wieder zurück in die Praxis. Ich kann ja über den Hof von außen direkt in mein Sprechzimmer gehen. Niemand hat gemerkt, dass ich weg war. Auf meinem Schreibtisch liegen die Karten der nächsten beiden Patienten. Ich öffne die Tür zum Wartezimmer.
„Frau Schneider bitte!“
Ich begrüße die Patientin mit Handschlag, wie ich es immer tue. Ihre Hand fühlt sich so ungewöhnlich an, irgendwie leblos. Ist ja auch schon alt, die Frau. Oder liegts an meiner Hand? Ach Quatsch! Nicht wieder verrückt machen. Bestimmt sagt Frau Schneider gleich wieder ‚mir ist es nicht gut‘. Das sagt sie immer.
„Na, Frau Schneider! Was kann ich für Sie tun?“
„Ach, Herr Doktor, mir is et jar nich juut!“
Hab ichs doch gewusst! Mir ist es doch auch nicht gut heute!
„So genau wollt ich es nicht wissen. Was ist denn heute besonders schlimm?“, versuche ich freundlich zu lächeln.
„Mir is et schon seit Tagen überhaupt jar nich juut!“, antwortet sie betont wehleidig. Sie hat eine Altersdepression und meistens hilft es, den Blutdruck zu messen und ein paar aufmunternde Worte für sie zu finden. Kleine Psychotherapie.
„Dann mess ich mal Ihren Blutdruck, Frau Schneider!“
„Ja, dat hätt ich jern. Der is bestimmt wieder so furchtbar hoch!“, sagt sie schon etwas munterer.
„Einhundertvierzig zu achtzig! Der ist aber sehr gut für Ihr Alter!“, sage ich anerkennend zu ihr. Eigentlich war er ein bisschen niedrig, aber nicht besorgniserregend. „Liegt sicher am Wetter. Sie müssen viel trinken, Frau Schneider! Das ist die beste Medizin, gerade im Alter!“
„Ja, ja. Dat verjess ich immer. Ich hab auch keinen Durst. Aber ich stell mir jetzt wieder überall eine Flasche Wasser hin. Dat haben Sie ja schon öfter jesagt.“
„Ja, machen Sie das. Dann gehts Ihnen auch besser. Vergessen Sie Ihre Tabletten auch nicht.“
„Mach ich. Ja, das Alter und die Einsamkeit!“, stöhnt sie.
„Sie können jederzeit kommen, wenn es Ihnen nicht gut geht. Oder ich komme dann zu Ihnen, ja?“
„Ja. Dat is nett. Vielen Dank, Herr Doktor! Auf Wiedersehen!“
„Bis bald, und halten Sie sich fit! Und trinken!!“
Läuft fast immer nach dem gleichen Schema ab. Ist aber lieb, die Patientin.
Eines meiner Mädchen kommt durch die andere Tür hinter mir herein und bringt eine weitere Krankenakte.
„Sie sind etwas blass heute, Chef!“ Sie schaut mich fragend und etwas besorgt an. „Gehts Ihnen nicht gut?“
„Doch. Wieso? Ich muss sicher mal wieder unter die Sonnenbank! Braun sieht man besser aus!“ Ich versuche, scherzhaft zu klingen. Gelingt wohl nicht ganz. Sie schaut mich so merkwürdig an, geht dann aber wieder aus dem Zimmer.
Der nächste Patient sieht verdammt mies aus. Ich kenne ihn schon lange. Wenn der kommt, hat er auch was. Er bekommt schlecht Luft, hat Schmerzen in der Brust. Ich befrage ihn kurz und gehe mit ihm sofort in den EKG-Raum. Ich rufe eines der Mädchen und warte, bis das EKG geschrieben ist.
Dachte ich es doch! Frischer Herzinfarkt. Ich gehe kurz mit meiner Helferin vor die Tür und sage ihr, dass sie sofort einen Notarztwagen anfordern soll.
Wieder im Raum, sage ich ganz ruhig: „So, Josef. Das scheint ein kleiner Infarkt zu sein. Aber keine Panik. Kriegen wir wieder hin. Ich leg dir jetzt eine Nadel für eine Infusion in den Arm. Nimm mal hier von dem Spray, dann gehen die Schmerzen schnell weg. Hier, die Tabletten musst du auch schlucken.“
„Ist es sehr schlimm?“, fragt er ängstlich.
„Nee“, versuche ich ihn zu beruhigen. „Aber du musst jetzt ganz ruhig liegen bleiben. Du musst damit ins Krankenhaus. Das ist sonst zu riskant!“
„Gut. Es geht jetzt auch schon etwas besser.“ Er gähnt. Typisch bei Herzinfarkt.
„Wird schon wieder. Der Krankenwagen ist schon unterwegs. Erschreck dich nicht, die kommen ja immer mit Musik!“
Er ist vom Kreislauf her stabil. Trotzdem bin ich froh, wenn er im Krankenhaus ist. Ich höre den Rettungswagen schon von weitem sich nähern. Kurz darauf kommen drei Sanitäter und der Notarzt hereingelaufen.
„Frischer Infarkt!“, sage ich zu dem Kollegen. „Muss so schnell wie möglich auf die Kardiologie zur Angiographie.“
Sie schauen sich alles an, schließen ihr EKG an und heben den Patienten auf die Trage.
„Mach es gut Josef. Bist da in guten Händen. Wir sehen uns bald wieder!“
„Ja. Bis bald!“, sagt er. „Und danke!“
Ich höre den Rettungswagen wieder, wie er sich mit eingeschaltetem Martinshorn entfernt. Ist immer aufregend und etwas stressig, so ein Fall. Hat aber alles gut geklappt, und wenn nichts schiefgeht, wird der Josef bald wieder hier vor mir sitzen. Wahrscheinlich mit einem oder mehreren Stents.
Noch zwei Patienten. Ich spüre wieder diese Unruhe in mir aufsteigen. Hitzewallungen. Übelkeit. Ich fühle mich so schwer. Die beiden sind Bagatellfälle. Einmal Grippe, einmal ‚non vult laborare Syndrom‘. Das heißt, der hat heute keine Lust zu arbeiten und braucht eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung. So lange Worte gibt es auch fast nur im Deutschen.
Ich drucke sie aus und gebe sie ihm mit der Bemerkung: „Dieses Jahr aber nur noch, wenn du mal wirklich krank bist!“
„Ja klar!“ Er sieht mich, noch nicht mal beleidigt, lächelnd an.
Mir ist es so verdammt schlecht. Mit Mühe erhebe ich mich aus meinem Sessel und wanke zur Hoftür. Ich gehe raus an die frische Luft. Sofort kommt Gustav angerannt und wedelt freudig erregt wie verrückt mit dem Schwanz.
„Na, mein kleiner Freund!“ Ich bücke mich leicht und streichle sein seidiges Fell. Wenn du wüsstest, wie ich mich fühle, mein allerbester Freund! Es geht mir total beschissen. Ich kann es nicht einordnen. Ich schwitze. Mein Herz rast. Meine Beine sind wie Blei. Meine Arme gehorchen mir nicht mehr. Schwindel. Ich lasse mich einfach auf den Boden sinken. Ich höre die Vögel lustig zwitschern, ein letzter Blick in den Garten. Dann dämmert es mir vor Augen. Panik ergreift mich. Ich spüre noch, dass ich ganz auf der Erde liege. Gustav bellt und leckt mir durchs Gesicht. Alles wird schwarz. Ganz weit höre ich aufgeregte Stimmen nach mir rufen. Hastige Schritte nähern sich. Totale Schwärze legt sich auf mich. Die Stimmen werden leiser. Dunkelheit. Stille. Nichts mehr. Gar nichts.