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Leseprobe: Himmelsstaub – Gefangen im Koma

I

Leichte Übelkeit steigt in mir hoch. Komisch. Was ist das?
Langsam erwache ich aus einem Traum, dessen Inhalt wieder viel zu schnell verdämmert. Ich war wieder jung. Irgendwas mit der Schule. Vokabeln nicht gelernt. Deutscharbeit. Text wieder nicht gelesen. Examen. Ich glaube, keine Ahnung mehr zu haben. Von nichts. Oder war das der Traum von gestern? Wie ging es noch weiter? Alles verschwimmt von meinem Traum und ich versuche, es festzuhalten. Es ist weg.
Draußen dämmert es ganz langsam. Homers ‚Rosenfingrige Morgenröte‘ lächelt durch unser Schlafzimmerfenster. Auf der Fichte davor begrüßt die Singdrossel wie jeden Morgen fröhlich lockend den jungen Tag. Wie kitschig das klingt! Aber manchmal sind die Wunder der Natur so bezaubernd und schön, dass man sie gemalt oder beschrieben, sogar fotografiert als kitschig bezeichnen würde. Da sind mir besonders die Sonnenuntergänge in Namibia in Erinnerung. Auf Fotos würde man sie nicht für echt halten.
Mist. Der Traum ist weg. Vielleicht kommt er zurück, wenn ich noch mal versuche, einzuschlafen.
Wieder diese Übelkeit. Leichter Brechreiz. Wird wohl wieder verschwinden.
Ich döse vor mich hin, bald muss ich sowieso aufstehen. Ich höre Gabi, meine Frau, schon emsig hin und her laufen. Der Föhn geht wieder los, wie eine Boeing.
Was ist nur mit mir los? Mir ist so komisch. Ach Quatsch!
„Gustav, komm Herrchen wecken!“, höre ich Gabi sagen. Schon spüre ich, wie mein Hund Gustav zu mir ans Bett getrappelt kommt und mir freudig durchs Gesicht leckt. Guten Morgen, mein allerbester Freund!
Meine Beine kribbeln. Ich versuche aufzustehen. Irgendwie fehlt mir die Kraft. Verrückt. Schlafe ich noch? Träume ich noch? Ich mache die Augen zu und versuche, an etwas Schönes zu denken.
So etwas wie Angst steigt in mir hoch. Nicht verrückt machen! Ich habe Herzklopfen. Verdammt! Ich stehe jetzt einfach auf. Keine Panik aufkommen lassen. Sag ich meinen Patienten doch auch immer. Anderen einen Rat geben ist aber leichter, als selbst danach zu handeln. Einfach aufstehen und alles ist weg!
Ich werfe die Bettdecke zur Seite und stehe auf. Geht doch. Kein Kribbeln mehr. Kraft für zwei. War doch auch gerade noch beim Kardiologen. Alles okay. Bin topfit. Ich beuge mich zu meinem Hund hinunter und schmuse ausgiebig mit ihm, wie jeden Morgen. Vor Freude kriegt der sich gar nicht mehr ein. Wuselt um mich herum wie verrückt, bevor er sich wieder, mit sich und der Welt zufrieden, in seinem Körbchen einrollt.
Shari, seine Oma, fast 17 Jahre alt, stocktaub, aber sonst noch recht fit für ihr Alter, verschläft wieder mal den Morgen, am liebsten den ganzen Tag, bis ich sie vorsichtig anschubse und wecke. Etwas unwirsch schaut sie mich an und wedelt pflichtgemäß leicht mit dem Schwanz. Sie leckt einmal kurz meine Hand, schiebt den Kopf wieder unter die Pfoten und döst weiter.
Auf ins Bad. Ich drehe schon mal die Dusche auf, weil es immer etwas dauert, bis warmes Wasser kommt, und beginne, mich zu rasieren. Der Rasierapparat fühlt sich irgendwie schwerer an. Ich schaue in den Spiegel. Nein, ich sehe aus wie immer. Nichts ist anders. Oder ist der Mund links etwas schief? Blödsinn! Ich rasiere mich fertig und gehe duschen. Irgendwie kribbelt mein Bein. Das rechte? Das linke? Einbildung. Duschgel. Einseifen. Shampoo auf den Kopf. Abduschen. Fertig. Raus aus der Dusche. Abtrocknen.
Jeden Morgen dasselbe. Routine. Automatische Abläufe. Automatismen. Mehr unbewusst macht man das alles. Heute scheint das alles irgendwie in Zeitlupe abzulaufen. Warum nur?
Ich schaue auf die Uhr. 7:45 Uhr. Habe noch Zeit. Ich ziehe mich an. Meine Frau legt mir immer alles hin. Brauche ich nicht zu überlegen, was ich anziehen soll. Nach Gabis Meinung verstehe ich da eh nichts von und würde mir nicht zusammenpassende Sachen anziehen. Okay. Mir ist es gleich. Ist auch ganz praktisch, diese Regelung.
Ich wecke Shari noch mal, Gustav steht schon an der Tür. Wir gehen hinunter. Shari muss ich manchmal dabei helfen, die Treppe hinauf- und hinunterzukommen. Wenn sie zu lange gelegen hat, ist sie noch etwas wackelig und rutscht dann schon mal die Treppe ein Stück hinunter. Ich lasse die beiden in den Garten. Kurze Zeit später stehen sie aber wieder in der Küche, legen sich auf ihre Decke und schauen mich erwartungsvoll an. Gleich gibts ja Futter. Nein, vom Frühstückstisch gibt es, von mir zumindest, nichts. Meine Frau sieht das manchmal anders.
Der Tisch ist wie immer gedeckt. Gabi ist schon in der Praxis. Sie fängt mit den Mädchen um halb acht an. Ich um halb neun. Bin ja auch der Chef! So kann ich in Ruhe frühstücken und die Tageszeitung, also die Nachrichten von gestern, lesen. Meistens hat sich die Welt schon wieder etwas verändert und die Neuigkeiten der Tageszeitung sind schon überholt. Trotzdem ist es so eine Tradition. Frühstück mit Zeitung. Die Kommentare sind ja auch oft lesenswert. Sie ändern die Welt leider auch nicht.
Ich schneide meine beiden Brötchen auf. Jeden Morgen zwei Brötchen mit Marmelade. Am liebsten Holunder. Von Gabi selbst gemacht. Das Messer ist heute schwerer als sonst. Ist das ein anderes als an anderen Tagen? Nein. Wie immer. Alles merkwürdig heute. Es schmeckt auch irgendwie anders als sonst.
Ich esse widerwillig die Brötchen, trinke den Kaffee. Wieder leichte Übelkeit. Ein Blick auf die Uhr. Zwanzig nach acht. Es wird Zeit. Was hab ich gerade in der Zeitung gelesen? Vergessen! Ich rufe die Hunde und gehe mit ihnen eine Runde durch den Garten. Wie immer. Shari ist wieder zu faul. Sie läuft direkt zur Gartenküche, in der ich die Hunde füttere.
Das war in den ersten Jahren, als die Kinder noch klein waren, unsere Sommerküche. Hier kochte Gabi, und die Kinder, Jane und Johannes, konnten dann im Garten toben. Von hier aus hatte Gabi sie im Auge. Schöne Zeit damals. Meine Frau war damals noch nicht mit in der Praxis. Sie war zu der Zeit nicht immer mit sich und der Welt zufrieden. Sie beneidete mich ein wenig, weil ich meinen ‚Spaß‘ mit den Mädchen – zwei Arzthelferinnen und einem Lehrmädchen – und den Patienten hatte, sie aber mit den Kindern alleine war. Heute sieht sie das anders. So lustig ist eine Arztpraxis nicht immer, wie man es im Fernseher sieht. Über 25 Jahre ist das her! Wo ist die Zeit nur geblieben?!
Nachdem ich die beiden gefüttert habe, gehe ich in mein Sprechzimmer, das eine Tür zum Garten hinaus hat. Meine Beine fühlen sich so schwer an wie Mehlsäcke.
Ich setze mich an meinen Schreibtisch und schalte den Computer ein. Warum fühlt sich der Einschaltknopf so seltsam an? Als ob er unter Strom stünde.
Der Rechner fährt hoch. Das dauert immer. Als ich meine Praxis 1987 am 1. April anfing, hatten wir noch keine Computer. Das waren noch Zeiten! Alles war viel einfacher. Was solls. Geht nun mal heute nicht mehr anders.
Ich schaue auf die Uhr. Habe noch etwas Zeit. Ich muss noch mal raus an die frische Luft. Sofort kommen beide Hunde auf mich zugestürmt. Die glauben wohl, ich ginge mit ihnen noch mal durch den Garten. Ich gehe auch ein Stück. Die Beine sind immer noch so schwer. Ich habe das Gefühl, sie tragen mich nicht mehr weit. Ich schwanke leicht. Bekomme etwas Angst. Leichter Schwindel. Ich glaube, ich bin verrückt. Psychosomatisch heißt das doch. Ich reiße mich zusammen und laufe ein Stück mit den Hunden bis zum Ende des Gartens.
Es ist ein sehr großes Grundstück. Etwas wild. Kein gezirkelter Garten, sondern meine geliebte Wildnis! Rundherum stehen große Bäume, die im Sommer wunderbaren Schatten spenden. Habe ich selbst gepflanzt. Vor ungefähr dreißig Jahren. Wie riesengroß die geworden sind! Zwischen den Bäumen führt ein schmaler Pfad rund um den Garten bis zu einer kleinen, wenn auch künstlichen Quelle. Von dort führt ein kleines Bächlein wieder zum Haus hin und fließt durch drei verschieden große Teiche, um vom letzten unterirdisch wieder zur Quelle zurückzufließen. Ich habe vor Jahren sogar mal von der Gemeinde einen Preis für naturnahe Gärten bekommen. Wir verbringen viel Zeit in unserer grünen Hölle. Mit Arbeit, aber auch zum Ausruhen. Für unsere Kinder war es immer ein Paradies mit vielen Ecken zum Verstecken und Spielen und Klettern. Die Reste eines Baumhauses stehen immer noch. Molche gibts im Wasser und Frösche. Viele Libellen im Sommer und die unterschiedlichsten Vögel, von Eulen über Spechte bis zum Zaunkönig. Sogar ein Eisvogel war mal am Teich. Abends fliegen immer die Fledermäuse. Durch die abendliche Beleuchtung an den Gebäuden, die die Insekten anlockt, haben diese erstaunlichen kleinen Vampire viel Beute. Wie schön ist das alles!
Mir gehts wieder besser. Alles wie weggeblasen. Ich streichle meine beiden vierbeinigen Freunde noch mal und gehe wieder in mein Sprechzimmer. Der Rechner läuft jetzt. Ich rufe, wie jeden Morgen, per Datenfernübertragung die Laborwerte vom Vortag ab und schaue sie mir an. Das mache ich immer zuerst. Vielleicht sind einige Werte nicht in Ordnung. In besonderen Fällen muss ich dann sofort mit den Patienten telefonieren. Ist aber nicht so sehr oft nötig. Das meiste sind Routinekontrollen. Heute ist nichts Besonderes dabei.
Jetzt muss ich aber schnell anfangen. Die Zeit läuft jetzt doch wieder zu schnell. Zunächst ist morgens immer ein TÜV. Manchmal auch zwei oder drei. TÜV ist in unserer Praxis die Gesundheitsuntersuchung. Bei Männern kommt noch die ASU dazu, die Krebsvorsorge. TÜV und ASU! Etwas rustikal ausgedrückt vielleicht. Hat sich aber bei uns so eingebürgert und die Patienten finden es auch lustig. Zumindest die meisten. Wir sind schließlich auf dem Land. Ich bin als Landarzt ja auch ziemlich rustikal. Spreche platt mit den Leuten und nicht lateinisch. Kommt aber gut an bei den Patienten. Mir machts auch Spaß und ich will keinen künstlichen Abstand erzeugen. Wir tragen auch keine weißen Kittel, sondern ganz normale Alltagskleidung. Weiße Kittel allein machen keine Sauberkeit und Ordnung.
Ich gehe den Mädels „Guten Morgen“ sagen, unterschreibe vorn an der Theke einige Rezepte und nehme den ersten Patienten aus dem Wartezimmer mit in mein Zimmer.
„Hallo, Wilhelm, alles fit?“, frage ich ihn.
„Noch ja! Und bei dir?“
„Mir gehts supergut, wie immer, danke!“
Hier auf dem Land duze ich mich mit vielen Patienten. Ich war ja als Kind schon oft hier bei meinem Opa, der damals hier wohnte und die Metzgerei und die Wirtschaft mit meiner Oma betrieb.
Es ist ein sehr großer, sehr alter Bauernhof, ehemals eine Brauerei, deren es hier am Niederrhein sehr viele gab. Ein sogenannter Viereckhof. Mein Urgroßvater Gottfried hat das Anwesen ca. 1900 gekauft. Er hatte einen Großhandel für Futtermittel und Sämereien. War ein reicher und tüchtiger Mann. Er ist mit ungefähr 50 Jahren zusammen mit seiner Frau Eva 1918 an der ‚Spanischen Grippe‘ gestorben. Man nannte ihn ‚Der grobe Fritz‘. Ich habe wohl einige Eigenschaften von ihm. Ich bin auch nicht zimperlich und manchmal etwas grob, im Handeln und auch in der Wortwahl. Gegen Erbgut kann man nichts machen!
Mein Opa Anton hat dann den Hof übernommen. Da meine Mutter nach dem Tod ihres Bruders, der im Zweiten Weltkrieg gefallen ist, schließlich alles geerbt hat, bin ich heute der ‚Alte Sieben vom Lindenhof‘. Ich hätte ein schlimmeres Schicksal haben können! Aber so ein großer Komplex ist zwar toll und ich bin auch sehr stolz darauf, ich habe aber auch immer nur hier gearbeitet und renoviert und investiert. Das kann niemand ermessen. Aber es macht mir und auch Gabi viel Spaß und wir leben dafür. Ich hätte noch Arbeit und auch Ideen für ein zweites Leben!
Wilhelm, mein erster Patient an diesem Morgen, liegt schon bis auf die Unterhose entkleidet auf der Untersuchungsliege. Ich schaue noch einmal schnell in den Spiegel. Nein, alles ist okay. Nichts im Gesicht ist schief, sehe aus wie immer, etwas blass vielleicht. Fühle mich okay. War alles Einbildung.
Ich setze mich neben Wilhelm und beginne mit der Untersuchung. Zuerst suche ich den ganzen Körper nach Muttermalen ab. Keine auffälligen zu sehen. Ich höre Herz und Lunge ab. Alles okay. Während ich den Bauch von Wilhelm abtaste, zwinkere ich ihm zu.
„Wieder ein paar Kilo zugelegt?“
„Nur wenig, bestimmt!“, grinst er zurück. „Ich versteh das auch nicht! Ich ess doch kaum was! Nur ganz wenig, ehrlich. Morgens ein Scheibchen Brot und mittags zwei kleine Kartöffelchen!“
„Schon klar!“, antworte ich. „Auf dem Brot ist nix drauf und die Kartöffelchen weinen auf dem Teller vor Einsamkeit!“
„Nee, ein bisschen Käse und Wurst und ganz dünn die Butter sind auf dem Brot. Und ohne Soße und einem winzigen Stück Fleisch schmecken die Kartoffeln ja nicht!“
„Klar. Verstehe. Kenn ich. Dann ist der Bauch wahrscheinlich vom Hungerleiden voller Wasser. Nennt man Hungerödem, kommt vom Eiweißmangel! Oder es war der Wind. Der bläst auch dicke Arschbacken!“
Wilhelm lacht.
„Du glaubst mir ja doch nicht. Aber vom Essen kann es wirklich nicht sein!“
Ich schaue ihn sehr ernst an.
„Okay. Dann guck ich mal mit dem Ultraschall, ob du vielleicht schwanger bist!“
„Blödmann“, gibt er zurück. Wir lachen beide.
Ich greife zum Schallkopf am Ultraschallgerät. Hängt der fest in der Halterung? Kriege ihn nicht da raus. Meine Finger rutschen von dem Ding ab. Sie kribbeln wieder. Kaum Gefühl in der Hand. Der Schweiß bricht mir aus. Alles verschwimmt kurz vor meinen Augen. Fieber? Ich muss kotzen. Bloß jetzt nicht mitten in der Untersuchung schlappmachen! Reiß dich zusammen, denke ich bei mir. Ich atme tief durch.
„Ist dir nicht gut?“, fragt Wilhelm mich. „Du bist so blass plötzlich!“
Panik erfasst mich. Scheißtag! Ich setze mich ganz gerade neben ihn auf die Liege und stütze mich mit der linken Hand auf das Ultraschallgerät. Noch mal tief durchatmen.
„Doch. Mir gehts prima! Wie immer.“
Entschlossen greife ich noch mal zum Schallkopf. Jetzt habe ich ihn fest in der Hand. Fühlt sich auch alles wieder normal an. Klemmt auch nicht mehr fest. Gott sei Dank! Ich gebe etwas Gel auf Wilhelms Bauch und beginne zu schallen. Rechte Niere okay. Linke Niere okay. Aorta nicht erweitert. Bauchspeicheldrüse unauffällig. Keine Lymphknoten. Gallenblase steinfrei, Gallengang frei. Fettleber, natürlich. Wie immer. Die rheinische Fettleber! Hier bei uns fast der Normalfall! Noch ein Blick auf Blase und Prostata. Auch okay.
„Bis auf deine fettige Leber ist alles in Ordnung!“, sage ich, nicht ohne Ironie.
„Ist das schlimmer geworden?“, fragt er.
„Nee, wirste überleben!“
Mit Mühe stehe ich auf, bugsiere den Schallkopf wieder in seine Halterung und sage Wilhelm, er solle sich wieder anziehen. Wir besprechen noch das EKG und die Laborbefunde. Ich muss raus hier.
„Insgesamt bist du noch ganz fit. Machs gut und vergiss nicht dein Scheibchen Brot, wenn du zu Hause bist!“, versuche ich gequält zu lächeln.
„Nee, nee!“ Lachend gibt er mir die Hand. „Tschüss und danke!“
Er ist noch nicht ganz aus dem Zimmer, als ich auf den Hof stürze und zum Haus hinüberwanke. Ich gehe hastig zur Toilette und kann gerade noch den Deckel hochheben, als auch schon der erste Schwall sich aus meinem Magen ins Becken stürzt. Verdammt! Kotzen ist für mich das Schlimmste! Ich würge noch weiter und glaube, gleich kommt der Magen mit raus. Was habe ich denn gegessen? Nichts Besonderes, glaube ich. Ich erinnere mich aber überhaupt nicht, was es gestern gab. Wieder bricht mir der Schweiß aus. Noch mal würgen. Jetzt geht es etwas besser.
Ich gehe in die Küche und trinke ein Glas Wasser. Der saure Geschmack im Mund lässt etwas nach. So! Geht wieder. Kann ja mal passieren. Sicher ein Infekt. Hat mich irgendeiner angesteckt. Magen-Darm-Virus grassiert ja wieder mal. Noch ein Schluck Wasser. Der Bauch ist wieder ruhig.
Langsam gehe ich wieder zurück in die Praxis. Ich kann ja über den Hof von außen direkt in mein Sprechzimmer gehen. Niemand hat gemerkt, dass ich weg war. Auf meinem Schreibtisch liegen die Karten der nächsten beiden Patienten. Ich öffne die Tür zum Wartezimmer.
„Frau Schneider bitte!“
Ich begrüße die Patientin mit Handschlag, wie ich es immer tue. Ihre Hand fühlt sich so ungewöhnlich an, irgendwie leblos. Ist ja auch schon alt, die Frau. Oder liegts an meiner Hand? Ach Quatsch! Nicht wieder verrückt machen. Bestimmt sagt Frau Schneider gleich wieder ‚mir ist es nicht gut‘. Das sagt sie immer.
„Na, Frau Schneider! Was kann ich für Sie tun?“
„Ach, Herr Doktor, mir is et jar nich juut!“
Hab ichs doch gewusst! Mir ist es doch auch nicht gut heute!
„So genau wollt ich es nicht wissen. Was ist denn heute besonders schlimm?“, versuche ich freundlich zu lächeln.
„Mir is et schon seit Tagen überhaupt jar nich juut!“, antwortet sie betont wehleidig. Sie hat eine Altersdepression und meistens hilft es, den Blutdruck zu messen und ein paar aufmunternde Worte für sie zu finden. Kleine Psychotherapie.
„Dann mess ich mal Ihren Blutdruck, Frau Schneider!“
„Ja, dat hätt ich jern. Der is bestimmt wieder so furchtbar hoch!“, sagt sie schon etwas munterer.
„Einhundertvierzig zu achtzig! Der ist aber sehr gut für Ihr Alter!“, sage ich anerkennend zu ihr. Eigentlich war er ein bisschen niedrig, aber nicht besorgniserregend. „Liegt sicher am Wetter. Sie müssen viel trinken, Frau Schneider! Das ist die beste Medizin, gerade im Alter!“
„Ja, ja. Dat verjess ich immer. Ich hab auch keinen Durst. Aber ich stell mir jetzt wieder überall eine Flasche Wasser hin. Dat haben Sie ja schon öfter jesagt.“
„Ja, machen Sie das. Dann gehts Ihnen auch besser. Vergessen Sie Ihre Tabletten auch nicht.“
„Mach ich. Ja, das Alter und die Einsamkeit!“, stöhnt sie.
„Sie können jederzeit kommen, wenn es Ihnen nicht gut geht. Oder ich komme dann zu Ihnen, ja?“
„Ja. Dat is nett. Vielen Dank, Herr Doktor! Auf Wiedersehen!“
„Bis bald, und halten Sie sich fit! Und trinken!!“
Läuft fast immer nach dem gleichen Schema ab. Ist aber lieb, die Patientin.
Eines meiner Mädchen kommt durch die andere Tür hinter mir herein und bringt eine weitere Krankenakte.
„Sie sind etwas blass heute, Chef!“ Sie schaut mich fragend und etwas besorgt an. „Gehts Ihnen nicht gut?“
„Doch. Wieso? Ich muss sicher mal wieder unter die Sonnenbank! Braun sieht man besser aus!“ Ich versuche, scherzhaft zu klingen. Gelingt wohl nicht ganz. Sie schaut mich so merkwürdig an, geht dann aber wieder aus dem Zimmer.
Der nächste Patient sieht verdammt mies aus. Ich kenne ihn schon lange. Wenn der kommt, hat er auch was. Er bekommt schlecht Luft, hat Schmerzen in der Brust. Ich befrage ihn kurz und gehe mit ihm sofort in den EKG-Raum. Ich rufe eines der Mädchen und warte, bis das EKG geschrieben ist.
Dachte ich es doch! Frischer Herzinfarkt. Ich gehe kurz mit meiner Helferin vor die Tür und sage ihr, dass sie sofort einen Notarztwagen anfordern soll.
Wieder im Raum, sage ich ganz ruhig: „So, Josef. Das scheint ein kleiner Infarkt zu sein. Aber keine Panik. Kriegen wir wieder hin. Ich leg dir jetzt eine Nadel für eine Infusion in den Arm. Nimm mal hier von dem Spray, dann gehen die Schmerzen schnell weg. Hier, die Tabletten musst du auch schlucken.“
„Ist es sehr schlimm?“, fragt er ängstlich.
„Nee“, versuche ich ihn zu beruhigen. „Aber du musst jetzt ganz ruhig liegen bleiben. Du musst damit ins Krankenhaus. Das ist sonst zu riskant!“
„Gut. Es geht jetzt auch schon etwas besser.“ Er gähnt. Typisch bei Herzinfarkt.
„Wird schon wieder. Der Krankenwagen ist schon unterwegs. Erschreck dich nicht, die kommen ja immer mit Musik!“
Er ist vom Kreislauf her stabil. Trotzdem bin ich froh, wenn er im Krankenhaus ist. Ich höre den Rettungswagen schon von weitem sich nähern. Kurz darauf kommen drei Sanitäter und der Notarzt hereingelaufen.
„Frischer Infarkt!“, sage ich zu dem Kollegen. „Muss so schnell wie möglich auf die Kardiologie zur Angiographie.“
Sie schauen sich alles an, schließen ihr EKG an und heben den Patienten auf die Trage.
„Mach es gut Josef. Bist da in guten Händen. Wir sehen uns bald wieder!“
„Ja. Bis bald!“, sagt er. „Und danke!“
Ich höre den Rettungswagen wieder, wie er sich mit eingeschaltetem Martinshorn entfernt. Ist immer aufregend und etwas stressig, so ein Fall. Hat aber alles gut geklappt, und wenn nichts schiefgeht, wird der Josef bald wieder hier vor mir sitzen. Wahrscheinlich mit einem oder mehreren Stents.
Noch zwei Patienten. Ich spüre wieder diese Unruhe in mir aufsteigen. Hitzewallungen. Übelkeit. Ich fühle mich so schwer. Die beiden sind Bagatellfälle. Einmal Grippe, einmal ‚non vult laborare Syndrom‘. Das heißt, der hat heute keine Lust zu arbeiten und braucht eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung. So lange Worte gibt es auch fast nur im Deutschen.
Ich drucke sie aus und gebe sie ihm mit der Bemerkung: „Dieses Jahr aber nur noch, wenn du mal wirklich krank bist!“
„Ja klar!“ Er sieht mich, noch nicht mal beleidigt, lächelnd an.
Mir ist es so verdammt schlecht. Mit Mühe erhebe ich mich aus meinem Sessel und wanke zur Hoftür. Ich gehe raus an die frische Luft. Sofort kommt Gustav angerannt und wedelt freudig erregt wie verrückt mit dem Schwanz.
„Na, mein kleiner Freund!“ Ich bücke mich leicht und streichle sein seidiges Fell. Wenn du wüsstest, wie ich mich fühle, mein allerbester Freund! Es geht mir total beschissen. Ich kann es nicht einordnen. Ich schwitze. Mein Herz rast. Meine Beine sind wie Blei. Meine Arme gehorchen mir nicht mehr. Schwindel. Ich lasse mich einfach auf den Boden sinken. Ich höre die Vögel lustig zwitschern, ein letzter Blick in den Garten. Dann dämmert es mir vor Augen. Panik ergreift mich. Ich spüre noch, dass ich ganz auf der Erde liege. Gustav bellt und leckt mir durchs Gesicht. Alles wird schwarz. Ganz weit höre ich aufgeregte Stimmen nach mir rufen. Hastige Schritte nähern sich. Totale Schwärze legt sich auf mich. Die Stimmen werden leiser. Dunkelheit. Stille. Nichts mehr. Gar nichts.

II

Ein sonniger Tag! Ich habe gerade mein Brötchen mit Leberwurst und viel Zucker darauf gegessen und jetzt gehts ab in den Garten.
Ich bin 5 Jahre alt und darf noch nicht zur Schule. Gemein. Mein Bruder darf schon. Der ist knapp 3 Jahre älter als ich. Mann, war ich neidisch, als der zur Schule gehen durfte und so eine tolle Schultüte bekam mit vielen Süßigkeiten und so drin! Ich bekam damals aber auch eine. Kleiner zwar, aber sie hat mich ein wenig getröstet. Wir bekommen immer etwas geschenkt, wenn der jeweils andere Geburtstag oder Namenstag hat. Meine Eltern wollen keinen Neid zwischen uns und wir findens prima.
Zuerst gehe ich zum Sandkasten. Heute ist kein Kindergarten. Toll. Geh ich sowieso nicht gerne hin. Der Sand stinkt. Hat wieder eine Katze reingeschissen. Wenn ich die erwische! Ich grabe das mit meiner kleinen Schaufel aus und bringe es zur Mülltonne. Muss ich fast jeden Tag machen. Der Sand wird immer weniger! Papa wird mir bestimmt bald wieder neuen besorgen.
Unser Garten in Grevenbroich ist ein wahres Kinderparadies. Eine große Hoffläche mit festgefahrenem Kies zwischen dem schweren Eisentor zur Straße und den am Ende des Grundstücks liegenden Garagen.
Hier kann man klasse mit dem Fahrrad fahren. Rechts davon ist, durch eine niedrige Mauer getrennt, über die man laufen und springen kann, der eigentliche Garten mit Wiese und Bäumen, Sträuchern und Blumenbeeten. In einer Ecke leben in einem Stall unsere Meerschweinchen.
Wir haben auch Zwerghühner, eine kleine Ziege und eine Voliere mit Wellensittichen und Kanarienvögeln, die auch oft Junge haben.
Im letzten hinteren Teil des Grundstücks ist noch die Hauptattraktion, ein Bunker aus dem Krieg, wie Papa immer erzählt. Was Krieg genau ist, hab ich aber nicht verstanden. Der Bunker ist jedenfalls das Größte! Man kann drumrum laufen, wobei es an der Seite zum Nachbarn sehr eng ist. Gerade deshalb macht es so viel Spaß. Man kann auch mit etwas Mühe hinaufklettern und drüberlaufen. Ist aber viel höher, als meine kurzen Arme reichen. Zu zweit geht es besser. Vom Fahrrad aus klappt es manchmal auch. Man fällt dabei auch schon mal. Das ist nicht schlimm. In den Bunker hinein dürfen wir nicht. Hat man uns verboten. Es gibt eine Eingangstür. Die hab ich aber noch nie ganz aufgekriegt, nur einen Spaltbreit, sodass ich mich grade durchzwängen konnte. Da geht es eine kleine Treppe runter, allerlei Gerümpel liegt da und dann kommt noch eine verrostete Eisentür. Dahinter liegt das Geheimnis! Ich kriege die Tür aber selbst mit all der mir als Fünfjährigem zur Verfügung stehenden Kraft nicht auf. Mist. Irgendwann wirst du mir nachgeben müssen, verdammte Tür. Ist aber ja eh verboten.
Eine zweite Einstiegsmöglichkeit ist ein kleiner viereckiger Turm auf der anderen Seite des Bunkers. Da kann man sich mit sehr viel Kraftanstrengung hochziehen und steht dann auf einem kleinen Podest. Da ist eine Eisenplatte vor einer Öffnung. Die ist wackelig und lässt sich etwas bewegen. Aber nur etwas. Dann klemmt sie so fest, dass man auch hier nicht weiterkommt. Wirft man einen Stein durch den Spalt, hört man ihn kurz darauf in Wasser platschen. Klingt wie in einer Höhle. Hmm. Ist wohl tief. Sicher doch gefährlich. Irgendwann, Bunker, werd ich dich ganz erobern! Später. Warum reizt das einen so? Weil es verboten ist?!
Noch ein tolles Spielzeug ist unsere Teppichstange im Garten. Sehr, sehr hoch. In der Mitte ist eine Schaukel dran. Macht auch Spaß. Toller aber ist es, die Stange hinaufzuklettern und dann langsam wieder herunterzurutschen! Wie das so süß kribbelt! Zwischen den Beinen, bis ganz oben in den Bauch. Genau am Pipimann aber am stärksten. Kann ich immer wieder machen. So ein tolles Gefühl. Wo kommt das her? Immer wieder. Das Gefühl wird immer stärker und süßer. Nach zehnmal rauf und runter an der Stange hat man aber keine Kraft mehr. Schade!
Von der Mülltonne aus gehe ich nicht sofort zum Sandkasten zurück, obwohl ich für heute da ein größeres Bauwerk geplant hatte. Hat Zeit. Ich hab ja noch den ganzen Tag. Ich laufe über die kleine Wiese, auf der nicht allzu große Apfelbäume stehen. Plötzlich sehe ich etwas durchs Gras hüpfen. Ein kleiner Spatz!
Den muss ich fangen! Ich bücke mich langsam und krieche auf allen Vieren langsam auf das Vögelchen zu. Es duckt sich. Als ich die Hand danach ausstrecke, macht es sich noch kleiner, legt den Kopf zurück und sperrt den Schnabel auf. Es piepst laut. Hat sicher Hunger, denke ich. Ich nehme es vorsichtig in die Hand. Es bleibt mit aufgerissenem Schnabel leicht zitternd in meiner kleinen Hand geduckt sitzen. Neben mir liegt ein ziemlich großer Stein am Rand der Wiese im Blumenbeet. Da ist bestimmt ein Wurm drunter! Mit einer Hand kriege ich den Stein nicht gedreht. Mist! Ich setze mich auf den Hintern und drücke fest mit beiden Beinen dagegen. Geschafft! Tatsächlich! Ein riesengroßer Regenwurm liegt da und will schnell in der Erde verschwinden. Ich bin aber schneller, erwische ihn gerade noch und ziehe in aus seinem Loch. Hm. Der ist aber lang! Egal. Ich halte ihn dem Spatz in den geöffneten Schnabel. Der fängt auch tatsächlich an, den Wurm zu schlucken. Dann aber würgt er ihn wieder aus. Keinen Hunger, kleiner Spatz? Ich versuche es noch mal. Der Schnabel bleibt jetzt aber fest geschlossen. Na gut. Wenn du keinen Hunger hast!
Ich stecke den Wurm in die Hosentasche. Vielleicht mag er ihn ja später. Ich stehe auf und gehe mit meinem kleinen neuen Freund zum nächsten Apfelbaum. Ich schaue nach oben. Da muss doch irgendwo das Nest sein. Vielleicht kann ich ihn da wieder reinlegen. Kein Nest zu sehen. Auch in den anderen Bäumen nicht. Doof. Irgendwo muss er doch rausgefallen sein. Ich suche überall. Nichts. Egal. Dann zieh ich dich groß!
Der kleine Vogel hat noch nicht viele Federn, aber doch schon einige. Der muss ja auch das Fliegen sicher noch lernen, überlege ich. Und wenn der keine Mama mehr hat, muss ich es ihm beibringen. Also auf den Baum mit uns beiden. Ist gar nicht einfach mit einer Hand, aber ich hab ja eine große Tasche in meinem Hemd. Muss ich nur aufpassen. Ich stopfe den kleinen Kerl in meine Hemdentasche und schon bin ich auf dem ersten großen Ast angekommen.
So, kleiner Piepmatz, jetzt kommt der erste Flugunterricht! Ich hole ihn vorsichtig aus meiner Tasche, nehme ihn in die flache Hand und werfe ihn leicht nach oben von mir weg. Hui! Der Spatz schlägt einmal kurz mit den wenig befiederten Flügeln, dreht sich in der Luft einmal um sich selbst und trudelt im Sturzflug zur Erde. Das war aber noch nicht besonders gut! War ja auch der erste Versuch. Fliegen lernen dauert sicher länger! Ich springe vom Baum und nehme ihn wieder in meine Hand und stecke ihn in die Tasche. Wieder rauf auf den Baum. Diesmal etwas höher. Das ist sicher besser zum Fliegenlernen. Ich werfe ihn wieder von mir weg. Etwas höher als beim ersten Mal.
Wieder fällt er fast wie ein Stein zur Erde. Verdammt. Ist der zu dumm oder mach ich etwas falsch? Noch ein Versuch. Aller guten Dinge sind drei, sagt Mama immer. Noch höher klettere ich. Weiter trau ich mich nicht. Ganz schön hoch. Jetzt aber, kleiner Spatz! Danach machen wir dann mal Pause.
Etwas kräftiger werfe ich ihn abermals weit von mir, ganz vorsichtig. Als ob ich einen Ball geworfen hätte, plumpst er, ohne auch nur den Versuch gemacht zu haben, mit den Flügeln zu schlagen, in den ‚Robobembom‘ Strauch. Mama nennt den so. Komischer Name. Sollen wir nicht kaputtmachen. Wo ist der Spatz? Ah! Da hängt er ja im Strauch. Er lässt den Kopf so merkwürdig hängen. Ist ihm schlecht? Er rührt sich nicht mehr. Die Äuglein halb geöffnet, schaut er mich so traurig an. Ich hole den Regenwurm aus der Hosentasche. Dann freut er sich bestimmt. Ich halte ihn ihm vor den Schnabel. Nichts. Er holt noch mal tief Luft. Dann liegt er ganz still in meiner Hand. Schnell laufe ich durch das Büro meines Vaters die Treppe rauf.
„Mama, Mama, guck mal schnell. Der kleine Spatz ist sicher krank. Was hat er nur?“
Mama nimmt den Spatz, betrachtet ihn und sagt: „Ich glaube, Hänschen, der ist tot!“
„Aber ich wollte ihm doch nur das Fliegen beibringen“, weine ich lauthals los.
„Das kann man doch nicht“, sagt Mama und nimmt mich auf den Schoß. „Und verhungert wäre er auch. Wenn die Vogelmama sich nicht kümmert, müssen die sterben. Du hast es sicher gut gemeint. Das nächste Mal wartest du aber erst mal ab. Manchmal kommen die Vogeleltern zurück und kümmern sich, auch wenn so ein Baby aus dem Nest gefallen ist. Geh jetzt und begrab ihn im Garten!“
Schluchzend nehme ich das Vögelchen vorsichtig wieder in die Hände und gehe traurig zurück in den Garten. Ich mache mit der Schaufel ein kleines Loch und lege ihn vorsichtig hinein.
„Schade, kleiner Freund. Ich hätte dich so gerne großgezogen.“ Ich fülle die Erde wieder auf ihn. Dann suche ich zwei kleine Stöcke, binde sie mit einem Stück Kordel – hat man ja alles in der Hosentasche – zu einem Kreuz und stecke es in die Erde. Der Regenwurm ist ja auch noch in meiner Tasche! Ich lege ihn wieder an die Stelle unter dem Stein. Langsam kriecht der wieder zurück in sein Loch. Wenigstens der lebt noch. Während ich den großen Stein wieder umdrehe, höre ich laut ‚tatütata-tatütata‘. Aufgeregt laufe ich zum Straßentor. Das ist bestimmt die Feuerwehr! Das riesengroße rote Auto mit der Leiter auf dem Dach. Das Tor ist immer abgeschlossen. Ich darf ja nicht alleine auf die Straße. Der Schlüssel steckt. Mal rausgucken darf ich sicher! Bestimmt! Sieht ja auch keiner. Ich drehe den Schlüssel um, öffne das Tor und gehe auf den Bürgersteig. Da kommt schon das Auto mit Blaulicht angerast. Ist aber nicht die Feuerwehr. Viel kleiner. Mit Fenstern rundherum. Ich glaube, das ist ein Krankenwagen.

III

Dumpf, wie durch Watte, höre ich das Martinshorn. Dieses verhasste Geräusch. Wie oft habe ich es verflucht, als ich selbst noch als Notarzt mit dem Rettungswagen den ganzen Tag und auch in der Nacht unterwegs war. Hatte selten was Gutes zu bedeuten. Wenn ich Glück hatte, war es ein Fehlalarm. Besser als ein Einsatz bei einem Verkehrsunfall. Man fühlte sich damals zwar wichtig, war man ja auch, aber es war oft wenig erfreulich. Sterbende, Tote, Verletzte. Aufgeregte Angehörige. Leid und Not. Schön war der Tag, als ich meinen allerletzten Einsatz hatte, mit dem Bewusstsein, niemals mehr solche Einsätze fahren zu müssen.
Warum höre ich jetzt wieder dieses verhasste Horn? Es nähert sich. Der Rettungswagen ist doch eben hier mit meinem Patienten Josef weggefahren. Warum kommt der zurück? Stimmt da was nicht? Ist da etwas passiert unterwegs?
Mir kommt das auch alles so seltsam vor. Warum liege ich hier auf dem Hof auf der Erde? Ich sehe nur verschwommen meine Frau, die sich über mich beugt und ständig meinen Namen ruft. Auch meine Angestellten stehen um mich herum. Das Martinshorn wird immer lauter, bis es urplötzlich verstummt.
Ich will aufstehen. Es geht nicht. Nichts kann ich bewegen, weder Arme noch Beine reagieren. Ich fühle sie aber. Sie wollen aber nicht. Was ist passiert? Ich versuche, mich zu erinnern. Weiß noch, dass ich auf den Hof gegangen bin, weil mir so mulmig und schlecht war. Dann bin ich zusammengesunken. Ja, und dann? Keine Erinnerung mehr. Ich bekomme Angst. Große Angst. Das Grauen. Habe ich einen Schlaganfall oder Herzinfarkt? Eine Hirnblutung? Weitere schlimme Diagnosen fliegen durch meinen Kopf. Ist das jetzt mein Ende? Muss ich sterben? Ich muss doch noch so vieles tun! Noch für so vieles sorgen. Ich kann doch Gabi nicht allein lassen mit all dem Unfertigen auf unserem geliebten Lindenhof. Das schafft sie nicht alleine. Jeden Tag ist doch was kaputt und ich bin der Kaczmarek, der Hausmeister, der alles zu reparieren versucht und das auch meistens schafft. Lieber Gott, Vater und Mutter, lasst das nicht zu, noch nicht. In ein paar Jahren vielleicht. Aber doch jetzt noch nicht!
Zwei Männer in roten Jacken beugen sich über mich. Sie öffnen mein Hemd, kleben mir Elektroden auf die Brust. Ich friere. Ich schwitze. Es dreht sich alles. Einer misst meinen Blutdruck.
„EKG sieht normal aus“, höre ich entfernt jemanden sagen. „Blutdruck ist normal. Kreislauf stabil.“
Hört sich schon mal nicht schlecht an.
„Keine Reflexe“, sagt ein anderer. „Pupillen starr. Könnte eine cerebrale Blutung sein.“
Neiiiiin!!!! Das bitte nicht!
„Wir müssen ihn auf schnellstem Wege in die Neurologie bringen, in die Stroke Unit!!“
Sie heben mich wenig vorsichtig auf und legen mich auf die Tragbahre. So sieht also das Ende aus? Es verschwimmt wieder alles, was sowieso nicht scharf zu sehen war.
„Hören Sie mich?“, schreit jemand.
Ja, verflucht, merkt ihr das nicht? Ich will antworten, aber es geht nicht. Ich kriege keinen Ton heraus. Ich kann den Mund nicht bewegen. Es wird wieder dunkel um mich und still, entsetzlich dunkel und still.
Es rumpelt. Ich höre wieder zwei oder drei Leute sich unterhalten. Einer legt mir eine Infusion an. Das Martinshorn schreit mich laut an. Wir fahren wohl ins Krankenhaus. Ein anderer gibt mir eine Spritze in den anderen Arm. Ich spüre das alles. Tut verdammt weh. Warum kann ich mich nicht bewegen, wenn ich doch alles fühle?
„Das wird nichts mehr mit dem“, höre ich den Sanitäter – oder ist es der Notarzt? – zu meiner Rechten sagen. „Pupillen reagieren nicht. Keine Reflexe!“
„Piks mal mit einer Nadel in den Fuß!“, sagt er zu einem anderen.
Au! Verdammt, tut das weh. Ich will den Fuß wegziehen. Geht nicht. Er sticht noch zweimal kräftig zu.
Hör doch endlich auf damit, du Arschloch!!
„Keine Reaktion“, sagt das Arschloch. „Der is fertig! Gut, dass er uns nicht hört!“
Ich höre alles, du Mistkerl! War ich auch so, als ich noch im Notarztwagen gefahren bin? Nein. Sicher nicht. Hoffentlich nicht! Ich kann mich jedenfalls nicht erinnern. Gedacht und befürchtet habe ich es öfter.
„Hoffentlich kriegen wir den noch lebend zur Klinik. Tot nehmen die uns den nicht ab. Dann haben wir wieder die Fahrerei und das Palaver.“
Oh ihr Wichser! Könnte ich euch doch in eure verdammten Ärsche treten!
Die Fahrt geht weiter. Es schaukelt wie verrückt. Das Martinshorngeheule geht mir durch Mark und Bein. Ich werde auf der Trage nach rechts und links gerissen. Die fahren wie die Wilden. Wollen mich ja noch lebendig abliefern.
Ich will denen die Meinung sagen. Geht nicht. Kein Ton kommt über meine Lippen. Ich werde wahnsinnig. Warum war ich nicht gleich tot?
Durch den oberen Teil des hinteren Fensters, das zu zwei Dritteln undurchsichtig ist, sehe ich rechts und links große Häuser, Ampeln, Straßenschilder. Wir sind also irgendwo in der Stadt. Es geht rasant links herum, dann rechts, wieder ein Stück geradeaus. Das Blaulicht spiegelt sich in den Fenstern der Fassaden. Bei jeder Kurve zieht es mich heftig von der einen zur anderen Seite. Ich fall denen noch von der Trage!
Mit einem plötzlichen Ruck hält der Wagen auf einmal an. Die hintere Tür wird aufgerissen. Die Sanitäter springen raus und ziehen mich auf der Trage aus dem Auto.
„Der lebt zum Glück noch. Jetzt schnell in die Ambulanz!“, höre ich einen sagen.
Hastig rollen sie mich vom Rettungswagen weg und in einen großen Flur hinein. Hinter uns schließen sich automatisch große gläserne Schiebetüren.
„Notfall!“, ruft jemand. „Schnell, schnell, aus dem Weg!“
Weiter und weiter werde ich gerollt, durch endlose Flure, um zahlreiche Ecken, bis wir schließlich in einem Raum, der mit grellem Licht und vielen medizinischen Geräten ausgestattet ist, ankommen. Ich muss brechen. Will mich erheben, geht nicht. Ich merke, wie mir Erbrochenes aus dem Mund läuft.
„Der kotzt. Verdammt! Auf die Seite drehen, damit er nicht aspiriert!“
Sie rollen mich recht unzärtlich auf die Seite. Mein Arm liegt krumm unter mir, tut weh.
„Absaugen!“, ruft einer.
Ich spüre, wie sie mir einen Schlauch in den Hals stecken. Scheißgefühl. Nach einiger Zeit ziehen sie das verdammte Ding wieder heraus. Sie drehen mich wieder auf den Rücken. Mein Arm ist wieder frei, schmerzt aber noch heftig.
Ein weißer Kittel mit einem bärtigen Kopf beugt sich über mich und leuchtet mir mit einer Taschenlampe in die Augen. Das ist so schrecklich hell, dass es wehtut. Will die Augen schließen. Klappt nicht. Mach die Lampe weg!
„Keine Pupillenreaktion“, klingt es aus dem Bart.
Ich sehe, wie er einen Reflexhammer nimmt und mir auf Beine und Arme klopft.
„Nichts!“
Wieder ein Stechen mit einem spitzen Ding in meine Fußsohlen. Ein brennender Schmerz durchbohrt mich wieder. Ich kann die Füße nicht zurückziehen.
„Da ist nichts mehr bei dem, außer, dass er noch nicht ganz tot ist. Den können wir hier nicht brauchen. Wir haben kein Bett frei!“, sagt der Bart zu den Sanitätern. „Versucht es mal an der Uni. Die werden auch nicht begeistert sein!“
Während die alle, jetzt etwas leiser, miteinander reden, höre ich meine Frau laut und schnell sprechend den Raum betreten. Ach Gabi, hol mich schnell hier raus und lass mich zu Hause sterben, in Ruhe und Frieden! Bitte, bitte!
„Machen Sie doch was!“, schreit sie fast. „Helfen Sie bitte meinem Mann. Der stirbt doch sonst noch!“
„Mmh, Frau, äh, äh, ich weiß Ihren Namen nicht. Aber das sieht sehr schlecht aus. Wir haben auch kein Bett frei für solche Fälle.“
„Das geht doch wohl nicht!“, schreit Gabi ihn an. „Mein Mann ist privat versichert und außerdem ein Kollege von Ihnen!“
Zuerst betretenes Schweigen. Dann sagt der Bart, plötzlich freundlicher, wie verwandelt: „Das ist natürlich etwas anderes. Ich rufe sofort den Professor und dann sehen wir weiter!“
Zu den anderen schreit er, schon aus dem Raum laufend: „Los, bringt den Kollegen sofort auf die Intensivstation. Aber rasch!“ Schon ist er weg.
Gabi beugt sich über mich und ich spüre Tränen auf meine Wangen tropfen. Sie weint. „Bald bist du wieder gesund“, schluchzt sie.
Wieder werde ich durch endlose Flure gerollt. Schnell geht die Fahrt. Eine Krankenschwester läuft mit einer Infusionsflasche, die sie in Kopfhöhe hält, neben mir her. Der Schlauch der Infusion wackelt vor meinem Gesicht und führt zu meinem Arm.
„Schnell! Aus dem Weg da!“, ruft sie in den Flur.
Sie schieben mich in einen riesigen Aufzug. Dann geht es aufwärts. Ich höre die Stimmen von drei oder vier Personen. Sie unterhalten sich ziemlich leise. Alles kann ich nicht verstehen.
„Wieder typisch! Privatpatient!“
„Klar. Dann geht alles.“
„Der ist doch am Ende! Schon fast tot! Aber der Chef muss ja auch noch was verdienen. Sonst kann der sich den neuen Ferrari nicht leisten!“ Ich höre die anderen leise lachen, bis der Aufzug sanft zum Stillstand kommt.
Weiter geht die Fahrt durch noch mehr, noch längere Flure, bis wir in einem riesigen Raum ankommen. Es stehen einige Betten an einer Wand. Es piepst und blinkt von zahlreichen Monitoren, helles Licht schmerzt in meinen Augen, die ich nicht schließen kann. Überall laufen Pfleger und Schwestern in blauen Kitteln und mit Mundschutz sowie Kopfbedeckung – blauen OP-Papiermützen – herum. Hier ruft einer, da reißt einer eine Schranktür auf und holt etwas Verpacktes heraus.
„Los! Beeilung! Nummer drei verblutet! Schnell! Plasmaexpander!“
Drei laufen zu dem Bett neben mir. Da ich den Kopf nicht bewegen kann, sehe ich nicht, was sie machen. Zwei andere beginnen, mich auszuziehen. Sie heben meine Beine hoch und ziehen an meiner Hose.
„Schneller!“, höre ich einen anderen. „Schneidet die Klamotten doch auf, sonst müssen wir die Braunülen ja wieder neu legen! Der braucht die Sachen ja doch nicht mehr! EKG anschließen! Zentralen Zugang legen! Oxymeter anlegen! Sauerstoffmaske auf die Nase! Beeilt euch. Gleich kommt bestimmt der Alte. Dann muss das alles laufen. Privatpatient!“
Ich werde verkabelt, ein weißes, langes Hemd wird über mich gelegt, eine Klammer spüre ich am Zeigefinger der rechten Hand. Eine Schwester stülpt mir eine Sauerstoffmaske auf Nase und Mund. Ein anderer dreht meinen Kopf zur Seite und sticht, wohl mit einer dicken metallenen Kanüle, kräftig zu.
Au! Verflixt, tut das weh! Schon mal was von Lokalanästhesie gehört? Scheiße! Ein wahnsinniger Schmerz ist das. Die denken ja, ich fühle nichts. Ich spüre genau, wie der mit der Nadel in meinem Hals bohrt und immer tiefer geht.
„Mist!“, ruft er. „Das war die Arterie!“
Ich merke, wie etwas Warmes meinen Hals hinunterläuft und auf meine Schulter spritzt. Blut.
„Abdrücken!“, schreit er einem Pfleger zu. „Ich versuchs an der anderen Seite!“
Man drückt mit Gewalt gegen meinen Hals, während mein Kopf nach rechts gerissen wird. Wieder sticht die dicke Nadel. Noch schmerzhafter als vorher. Immer tiefer bohrt sie sich in meinen Hals. Ich kriege kaum Luft. Der Schmerz, der verdrehte Kopf, die pressende Hand an meiner rechten Halsseite.
„Jetzt liegt das Ding richtig! Her mit dem Katheter!“
Sterile Handschuhe reichen ihm einen langen, dünnen Plastikschlauch. Das Gefühl, wie der Schlauch langsam, aber zügig innen in meinem Hals durch die Vene bis zur Brust geschoben wird, ist nicht angenehm, aber immerhin nicht so sehr schmerzhaft.
„Fixieren und an den Perfusor anschließen!“, wendet sich der Meister ab und verschwindet aus meinem Gesichtsfeld. Endlich liegt der Kopf wieder gerade und relativ schmerzfrei. Der Druck rechts am Hals hat auch aufgehört. Hoffentlich sind die jetzt erst mal fertig und lassen ab von mir. Was kommt wohl als Nächstes? Ich weiß ja ganz genau, wie es weitergeht!
„Exitus!“ Hektisches Laufen um mich herum.
Was jetzt? Ich? Bin ich gemeint? Ich sehe euch doch! Ich höre euch doch! Bin ich trotzdem tot? Hatte ich mir anders vorgestellt.
Sie huschen aber alle an mir vorbei zu dem Bett nebenan. Kurz darauf wird das Bett an mir vorbei weggeschoben. Einen kurzen Moment sehe ich aus den Augenwinkeln, dass das Bettlaken auch den Kopf des anderen Patienten bedeckt. Der ist also tot! Nicht ich! Soll ich jetzt froh oder traurig sein? Hat der es jetzt besser als ich? In jedem Fall braucht er nicht mehr zu leiden, was auch immer er hatte. Fast beneide ich ihn!
Ich weiß zu gut, was noch alles auf mich zukommen kann. Schmerzen. Schmerzhafte Untersuchungen. Qual. Vielleicht schneidet man mich auf. Den Kopf? Spritzen, die ich so hasse. Was habe ich bloß? Kann mir keinen Reim machen. Sich nicht bewegen können, nicht die kleinste Bewegung, aber alles hören, alles sehen, alles fühlen. In welche Diagnose passt das denn? Mir fällt keine ein. Habe ich etwas, das noch niemand hatte? Blödsinn!
„Achtung, der Chef kommt!“, tönt es von der anderen Seite des Raumes.
Es herrscht auf einmal andächtige Stille, vom Piepsen der Monitore und verschiedenen Motorengeräuschen, einem Saugen und Pumpen, abgesehen.
Schon tauchen drei große, weiß bekittelte Gestalten an meinem Bett auf. In einigem Abstand bleiben sie am Fußende stehen wie die Heilige Dreifaltigkeit.
Bin ich jetzt also doch tot? Habe ich es nicht gemerkt? Sind die drei Figuren das ‚Jüngste Gericht‘? Ich war sicher, das gäbs nicht. Nee, haben alle ein Stethoskop um den Hals. Gibts im Himmel bestimmt nicht!
Ich würde schmunzeln, wenn ich nur könnte! Kenne ich alles noch aus meiner Zeit als Assistenzarzt. Respekt hatte man zu haben und Ehrfurcht! Unsere Scherze über diese Auftritte haben wir natürlich hinterher auch gemacht.
„Der neue Privatpatient. Eben mit dem Notarztwagen hier eingetroffen und sofort hier auf die ITV und versorgt“, berichtet der kleinere der Dreifaltigkeit. Der Bart steht an der anderen Seite. Der Professor, natürlich in der Mitte, wie Gottvater persönlich, allerdings ohne Bart, dafür mit goldgefasster, randloser Brille tief auf der Nase, sodass er über sie hinweg auf mich hinabschaut, und um den Hals eine große, grellbunte Fliege, fragt mit ruhiger, aber sehr bestimmender Stimme, die für seine Größe etwas hoch klingt: „Klinik?“
„Im Moment noch unklarer Fall“, erwidert sichtlich angespannt der Kleinere zu seiner Linken. „Zu Hause zusammengebrochen. Nicht ansprechbar. Keine Reflexe. Keine Schmerzreaktionen. Schlaffe Tetraplegie, wie es scheint. Pupillen ohne Reaktion. Auf Geräusche keinerlei Reaktion. Herz und Kreislauf stabil. Spontanatmung. Keine Inkontinenz – bis jetzt. Möglicherweise eine Hirnblutung!“
Gottvater hat die rechte Hand an sein Kinn gelegt. „Schädel-CT. Sobald wie möglich. Privat, sagten Sie? Dann besser auch noch Ganzkörper-MRT. EEG, neurologische Untersuchung, komplettes Labor und so weiter. Sie wissen ja! Das ganze Programm. Vor die Therapie haben die Götter die Diagnose gesetzt!“
Anstandshalber verhaltenes Lächeln und zustimmendes Kopfnicken vom Bart und dem Kleineren.
„Gut. Danach so schnell wie möglich auf meine Privatstation“, verkündet er, dreht sich um und entschwindet mit den beiden anderen im wehenden Kittel aus meinem Gesichtsfeld.
Ich höre sie an einem anderen Bett kurz verhoffen.
„Was ist hier?“
„Apoplex“, antwortet der Bart. „Stabil. Noch keine Besserung seit drei Tagen.“
„Auch privat versichert?“
„Nein. AOK.“
„Gut, gut“, höre ich Gottvater sagen. „Dann kann er auf die Allgemeinstation. Sie kümmern sich um das Weitere. Wir brauchen die Betten hier!“ Er wendet sich ab und die Schritte der Dreifaltigkeit entfernen sich rasch.
Die Geschäftigkeit im Raum beginnt wieder. Hastende Schritte von allen Seiten. Gemurmel. Manchmal leises Lachen. Zurufe. Geklapper von Geräten und Instrumenten. Das Piepsen der Monitore. Summen. Brummen. Rauschen. Ich merke, wie ich immer müder werde. Könnte ich doch die Augen schließen! Irgendwann schlafe ich wohl ein.
Ich fliege. Schwerelos schwebe ich über eine weite Landschaft mit vielen großen Feldern und Wiesen. Ein Kirchturm kommt mir entgegen. Das ist doch unsere kleine Kirche! Da, da ist unser Hof. Wie toll das von oben aussieht! So ordentlich alles! Wie früher meine Modelleisenbahn. Da steht ein Krankenwagen mit Blaulicht vor dem Tor zu meiner Praxis. Was macht der da? Viele Leute laufen da herum. Plötzlich fährt er los. Dieses schreckliche Getute hört man bis hier oben. Ich fliege hinterher. Aus dem Dorf hinaus, über die Landstraße bis zur Autobahn. Über rote Ampeln hinweg. Mann, hat der es eilig! Weiter rast er auf der Überholspur der Autobahn. Ich komme kaum mit. Er erreicht eine größere Stadt. Links ab. Rechts ab. Hält vor einem riesigen Gebäudekomplex. Die Fahrer springen heraus. Auf einer Bahre schieben sie jemanden in das Gebäude. Ich schwebe weiter hinterher, komme gerade noch durch die Tür, die sich genau hinter mir schließt. Viele weiße Kittel. Hektik. Meine Frau! Was macht die denn hier? Rennt da schreiend herum. Bist du verrückt geworden, Gabi?!
Weiter fliege ich hinter der Bahre her, die kreuz und quer durch das ganze Gebäude geschoben wird. Ich halte über einem Bett in einem hell erleuchteten Raum. Ich gleite etwas tiefer, wer liegt da in dem Bett? Ich? So was! Ich träume wohl! Wieso sehe ich mich selbst da liegen, mit Schläuchen am Arm? Scheißtraum. Es wird dunkler. Dunkler und auf einmal ganz still. Schwarz. Schweigen.
Habe wohl kurz geschlafen und was Blödes geträumt. Ein hübsches Gesicht beugt sich über mich. Lange blonde Locken. Ganz in Weiß gekleidet lächelt es mich freundlich, aber ernst an. Jetzt fällt mir alles wieder ein. Wo ich bin und wie ich hierhergekommen bin. Was passiert ist.
Die sieht aber doch aus wie ein Engel! Gibt es die doch? Bin ich jetzt doch schon im Himmel? Bei solch hübschen Engeln wäre das ja nicht das Schlechteste!
„Hallo! Hallo! Hören Sie mich?“, schreit der Engel mich mit einer recht tiefen, aber eher doch menschlichen Stimme an. „Ich bin Neurologin und werde Sie jetzt untersuchen!“
Doch nicht der Himmel! Doch kein Engel! Irgendwie schade!
Sie fängt an, mit einem silbernen Reflexhammer auf mir herumzuklopfen. Auf die Fersen, auf die Knie, mehrfach auf den Bauch, auf beide Arme, auf die Handgelenke und auf die Ellenbeugen. Ich spüre jeden Schlag. Tut nicht besonders weh. Mit dem spitzen Ende des Hammerstiels zieht sie kräftig über meine Fußsohlen. Das kitzelt. Dann rechts und links unterm Bauchnabel nach unten. Sie schüttelt den Kopf langsam, das Engelshaar wogt schön um ihren Hals.
„Nichts!“, murmelt sie zu sich selbst. Sie klatscht laut mit den Händen vor meinen Ohren und sieht mir dabei direkt in die Augen.
Hübsch bist du ja, du vermeintlicher Engel! Was hast du jetzt noch auf Lager? Dachte ich es mir! Sie nimmt ein kleines Köfferchen und stellt es auf meinen Bauch. Zwei Kabel mit spitzen Nadeln am Ende hält sie in ihren Händen, die sehr schön schmal und wohlgeformt sind, aber von zahlreichen, wohl modischen und auffälligen Ringen geziert werden. Eher nicht mein Geschmack! Ich weiß wohl, dass die Nadeln Schmerz bringen und schon fährt die erste in meinen Oberschenkel, gefolgt von der zweiten in die Wade. Verdammt, das pikst aber mehr, als ich dachte. Nach kurzer Zeit zieht sie die Dinger heraus und sticht sie ins andere Bein. Hat sie ein leicht sadistisches Lächeln auf ihren geschwungenen, beinah wollüstigen Lippen? Ich tue ihr sicher Unrecht. Kenne die Untersuchung ja. Elektromyogramm nennt man das. Wieder scheint sie unzufrieden mit dem Messergebnis und haut mir die Nadeln in beide Arme, erst rechter Oberarm und Unterarm. Dann noch mal das gleiche links. Engelshauptschütteln.
Sie packt das Köfferchen wieder ein und stellt es neben sich auf einen fahrbaren kleinen Tisch, steht auf und zieht einen anderen Tisch mit einem großen Monitor zu sich heran. Sie nimmt eine Menge Kabel mit kleinen Saugelektroden und pappt sie mir auf die Stirn, die Schläfen und hinter die Ohren, sowie in den Nacken. Dann befestigt sie noch einige an verschiedenen Stellen mitten auf dem Kopf zwischen den Haaren. Der Monitor leuchtet auf und ein Gewirr von Kurven erscheint. Sicher ein Dutzend verschiedene untereinander. Ein EEG. Da verstehe ich nichts von. EEGs waren mir immer ein Rätsel. Nacheinander drückt sie auf verschiedene Knöpfe. Immer andere, noch verrücktere Kurven werden sichtbar. Sie steht staunend mit verschränkten Armen davor, eine Hand am Kinn und zwei Finger auf dem Mund, und sieht den laufenden Zacken zu. So ähnlich sehen die Kurven der Seismologen bei Erdbeben aus, geht mir durch den Kopf.
Während der Monitor noch läuft, greift sie zu einer kleinen Taschenlampe und leuchtet mir abwechselnd in das rechte und linke Auge. Das ist wieder so grell! Schlimmer als die Nadeln. Jetzt drückt sie mit dem Daumen auf meinen Augapfel. Hör auf, du Teufel! Niemals bist du ein Engel! Auch wenn du so aussiehst! Das ist ein höllischer Druckschmerz. Das andere Auge auch noch! Du Biest! Könnte ich dich bloß packen!
Sie zaubert eine lange, dünne und scherenartige Zange aus der Kitteltasche und nähert sich damit langsam meiner Nase.
Neiiiiiiin! Bitte das nicht! Das ist der schlimmste Test. Habe ich früher auch schon mal gemacht. Jetzt gerade tut mir das leid. Damit kann man testen, ob jemand Bewusstlosigkeit simuliert.
Niemand hält den Schmerz aus.
Sie öffnet die Zange und schiebt sie langsam in meine Nase, in jedes Nasenloch ein Zangenmaul. Dabei sieht sie mir wieder genau in die Augen. Langsam, ganz langsam schließt sich die Zange. Zunächst ist es nur ein leichter Druck. Dann drückt sie das Gerät immer fester. Grinst sie hämisch dabei? Um den leicht geöffneten Mund spielt ein Lächeln, ein böses Lächeln. Zwischen den schönen Zahnreihen sieht man die Zungenspitze blitzen wie bei einer Schlange. Immer kräftiger wird der Druck. Es schmerzt. Der Schmerz wird immer größer, je kräftiger sie drückt. Das ist brutal! Ich halte das nicht mehr lange aus. Weg mit der Klemme. Ich bin doch kein Tanzbär oder Bulle! Hölle pur! Will schreien. Kein Ton. Wie weit lässt sich Schmerz steigern? Ich kann nicht mehr. Das hält keiner aus. Mir verschwimmt alles vor Augen. Werde ich endlich bewusstlos? Was kann der Mensch noch aushalten? Schwarze Stille. Kein Schmerz mehr.

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Ellinor Wohlfeils zweiteilige Familien-Saga aus „Im Zwielicht der Zeit“ und „Im Bann der Vergangenheit“ erzählt unaufgeregt ein Stück deutscher Geschichte.

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Dennoch sind die beiden Romane sehr wichtig.

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