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Leseprobe: Die Macht des Vampirgens

Die Macht des Vampirgens

Ich hielt in der einen Hand meine silbernen Stilettos und ließ sie hin und her schwingen und in der anderen hielt ich die Hand meiner Mutter (oder besser gesagt: Sie umklammerte meine Hand wie eine Ertrinkende einen Strohhalm). Der weiche und weiße Sand rieselte durch meine Zehen und ich genoss es. Links neben mir lief Rakesh, er ließ den Blick kaum von mir, links neben ihm ging Judy, die den Blick kaum von ihm wenden konnte. Diese Szene musste von Weitem einfach zu köstlich aussehen. Ich unterdrückte ein Schmunzeln und kurz darauf einen Aufschrei und beließ es beim Verziehen meines Gesichts, denn meine Mutter hatte gerade, da der entschiedene Teil des Strandes nun in Sicht kam, ihre Fingernägel in meine Haut gebohrt. Klar war ich ein Vampir, doch ich war erst wenige Monate alt und außerdem hieß das nicht, dass meine Haut jetzt hart wie Stein war, trotzdem musste meine Mutter echt fest zugedrückt haben, dass es mir so sehr weh tat, dass mir fast die Tränen in die Augen traten. Ich lockerte ein wenig ihren Griff und atmete tief ein, doch kurz darauf schloss sich ihre Hand wieder wie ein Schraubstock um meine, wenigstens diesmal ohne den Einsatz ihrer Fingernägel, ich seufzte tief. Doch als ich sah, wie wunderschön der Strand innerhalb weniger Stunden dekoriert worden war, musste ich lächeln. Genau das hatte ich meiner Mutter schon ewig gewünscht, nur dieses Mal war es auch der richtige Mann, mit dem sie hoffentlich (ich war überzeugt davon) bis zu ihrem Lebensende glücklich sein würde. Und bei diesem Gedanken überkam mich ein sicheres Gefühl, ich hatte plötzlich nicht mehr ein ganz so schlechtes Gewissen, weil ich für eine unbestimmte Zeit gehen würde; denn unsere Familie, die einst in Stücke gerissen worden war, schien sich nun neu zu ordnen. Bei dem Gedanken, dass meine Mutter nun wieder einen Mann hatte, den sie liebte (und er liebte sie definitiv genauso sehr, ich würde sogar sagen, er vergötterte sie fast) und bei dem sie sich ausheulen konnte, wenn wieder mal etwas nicht so lief wie sie es sich vorgestellt hatte. Und auch bei dem Gedanken an Maddie machte ich mir nun nicht mehr so große Sorgen, ich hatte sie unendlich lieb und sie war sehr wichtig in meinem Leben und auch sie brauchte mich. Doch jetzt hatte sie Robert, der bei ihr die Vaterrolle übernahm, jemand, den sie brauchte. Sie hatte ihn unheimlich gern, genauso wie er sie. Also würden sie mich weniger brauchen. Meine Mom drückte nun wieder ganz fest meine Hand und brachte mich wieder in die Realität zurück. Auch Rakesh sah mich mit seinem schiefen Lächeln von der Seite an. Ich wusste, dass er wusste, dass ich gerade in Gedanken geschwelgt hatte, alleine schon an meinem dämlichen Grinsen, welches ich immer auf den Lippen hatte, wenn ich über etwas Positives nachdachte. Ich lächelte zurück, er kannte mich mittlerweile halt einfach zu gut, und genau das gefiel mir. Er kannte mich nur zu gut, und war immer noch hier, also war das doch Beweis genug, dass er mich sehr gern haben musste, oder?
Als ich wieder einen Schritt nach vorne trat, weil wir nun fast unser Ziel erreicht hatten, wurde ich abrupt wieder zurückgerissen, ich stolperte rückwärts und Rakesh fing mich lachend auf. Ich blickte fragend meine Mutter an, was der Grund gewesen war für meinen Beinahesturz. Sie stand da wie versteinert, ihre Hand immer noch wie ein Schraubstock um meine. Es schien, als ob eine unsichtbare Mauer sie nicht durchlassen würde. Ich holte tief Luft und versuchte es auf dieselbe Weise wie ich meine Mutter fast immer dazu brachte, wieder normal zu reagieren und ihre Nerven herunterzufahren: Ich machte ihr etwas schmackhaft. Ich grinste bei dem Gedanken und gab einen Bewunderungslaut von mir: „Wow, wie wunderschön alles aussieht, die absolute Traumhochzeit, ich beneide dich so, Mom, an deiner Stelle würde ich so schnell wie möglich …“ Doch bevor ich zu Ende reden konnte, begann meine Mutter schon wie ein Honigkuchenpferd zu grinsen und riss mich nun nach vorne (Musste alles immer so ruckartig sein? Noch kann ich nicht hellsehen …) und stürzte fast schon wieder, doch diesmal hielt ich mich ohne Rakeshs Hilfe auf den Beinen. Ich drehte mich zu ihm um und bemerkte gerade noch, wie er mich anerkennend ansah. Ich schaffte es gerade noch, ihm zuzuzwinkern, dann wurde ich schon weiter nach vorne gezogen: „Nun komm endlich, Alexis, sonst komme ich noch zu meiner eigenen Hochzeit zu spät“, sagte sie voller Schwung und drängte mich. Da hatte ich ja mal wieder gute Arbeit geleistet, sagte ich zu mir und klopfte mir innerlich auf die Schulter.
Vor uns tauchten Reihen von Stühlen auf mit rosanen und blauen Schleifen. Am Ende der Reihe stand ein mit Blüten verzierter, aus weißen Ästen bestehender Pavillon. Der Pfarrer stand schon darunter und winkte uns zu. Langsam füllten sich die Stuhlreihen mit Gästen. Wir machten einen weiten Bogen drum herum, damit niemand uns sah. Mom stellte sich unter eine Palmengruppe, unter der sie nachher hervortreten würde. Mein Grandpa kam uns mit Maddie entgegen, die ein orange-rotes Kleid trug. Er küsste Mom und mich auf beide Wangen und klopfte Rakesh auf die Schulter: „Passen Sie gut auf meine Enkelin auf. Und seien Sie ja gut zu ihr.“ Dabei zwinkerte er ihm zu. Rakesh lächelte, sagte aber völlig ernst: „Selbstverständlich, Sir, das verspreche ich Ihnen.“ Mein Grandpa klopfte ihm nochmals auf die Schulter: „So ist´s recht, Junge, so ist´s recht.“ Dann wandte er sich an Mom und nahm sie in den Arm: „Ach, meine Kleine, ich bin so froh, dass du endlich den Richtigen gefunden hast und glücklich bist.“ Meine Mom nahm ihn in den Arm und drückte ihn ganz fest: „Danke, Dad“, erwiderte sie glücklich. Es versetzte mir einen kleinen Stich, als ich sah, wie Grandpa sie zum Altar führte, und ich hoffte, dass Robert das einst bei mir auch machen würde, das wäre wenigstens ein kleiner Trost. Ich wischte es weg und setzte mich mit Rakesh in die erste Reihe. Die Brautjungfern, unter anderem Moms Schwestern Judy und Sally – ich mochte Sally nicht, sie nervte und ihre Tochter Bevenie war die reinste Hölle von einem Mädchen – und zwei Freundinnen von Mom, Annabelle und Valerie, standen schon neben dem Pavillon auf einer kleinen Anhöhe. Sie hatten alle ein aprikotfarbenes Kleid an und waren in Begleitung eines Mannes, Judy von ihrem und Moms Bruder Anthony, mein Onkel sah wirklich gut aus, meine Tante Sally in Begleitung ihres Mannes Norbert, Valerie mit einem Freund von Norbert und Annabelle mit Roberts Bruder, die beiden schienen wirklich perfekt zueinanderzupassen. Robert stand schon am Altar und wartete nervös. Dann kam Mom – sie sah wunderschön aus – den Gang entlang mit meinem Grandpa am Arm, alle Köpfe fuhren zu ihr herum und Robert lächelte verliebt. Meine Mom kam am Altar an und lächelte bis über beide Ohren, ich hatte sie lange nicht mehr so glücklich gesehen. Der Pfarrer fing eine Rede an, doch ich hörte kaum zu, ich schaute die beiden nur an und fragte mich, ob Rakesh und ich auch eines Tages da oben stehen würden.
Als meine Mutter dann sagte: „Ja, ich will“, war ich genauso happy wie sie, irgendwie gab mir dieser Akt ein bisschen Hoffnung auf Normalität. Ich lächelte und applaudierte genauso wie die anderen, als der Pfarrer verkündete, dass Robert die Braut nun küssen dürfe. Rob beugte sich vor und küsste meine Mutter lang und innig, was wir alle mit heftigem Klatschen begleiteten. Ich merkte, wie Rakesh mich aufmerksam anschaute, ich lächelte ihn an. Ich sah ein Funkeln in seinen Augen und glaubte, dass er auch daran dachte, dass dies vielleicht auch eines Tag uns passieren könnte und das machte mich gleich noch fröhlicher. Alle Gäste fingen an, sich zu erheben, und die Caterer kamen, um die Stühle wegzustellen. Die Band ging auf die Bühne und das Fest begann. Alle begaben sich nun zur Tafel, jeder konnte sich setzen, wohin er wollte. Mein einziges Ziel war nur, dass Rakesh neben mir saß und meine Tante Sally, ihr Mann Norbert und deren Tochter Bevenie so weit wie möglich von mir weg saßen. Als sich alle gesetzt hatten, begannen die Reden. Die Brautjungfern meiner Mutter trugen ein Gedicht vor, welches ich nicht wiederholen werde, da es sehr schmutzig, jedoch auch sehr witzig war, also um es genau zu sagen: Den Kindern aus der Familie mussten die Ohren zugehalten werden, doch die Restlichen lachten alle. Mein Opa trug nur wenige Worte bei, wie noch einige andere. Dann standen nur noch Roberts und meine Rede aus, ich ließ ihm den Vortritt: „Also gut … ähm ja. Rachel“, er sah sie liebevoll an und sprach nur zu ihr: „Als wir uns damals in diesem Café kennenlernten, war es sofort um mich geschehen, ich wusste, ich muss dich haben, auch wenn ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht mal wusste, ob du überhaupt noch frei warst. Auf jeden Fall habe ich mich sofort in dich verliebt.“ Ich sah zu Rakesh und wusste direkt, was Robert meinte: „Ich habe nie an Liebe auf den ersten Blick oder Seelenverwandtschaft geglaubt, aber seit ich dich kenne, halte ich nichts mehr für unmöglich. So, also … um nicht alle zu langweilen, wollte ich dir nur sagen, dass ich dich über alles liebe und niemals wieder verlassen werde. Deswegen danke ich deinen Eltern, dass es dich gibt. Und zu guter Letzt bist nicht nur du in mein Leben getreten, sondern auch Madlen und Alexis, und ich werde mir die größte Mühe geben, euch ein guter Vater zu sein. Danke.“ Er lächelte in die Runde und setzte sich nun, alle applaudierten. Dann erhob ich mich und räusperte mich, ich hatte nichts einstudiert, ich wollte alles aus meinem Herzen heraus sprechen lassen: „Mom, du weißt, ich bin glücklich, wenn du glücklich bist und im Moment geht es mir wirklich gut. Ich möchte nur sagen, dass ich unheimlich froh bin und es dir so gewünscht habe, dass du so jemanden wie Robert an deiner Seite hast, und wie man sieht, hat sich der Wunsch erfüllt. Nun ja, ich wünsche euch alles Gute und Glück in eurer Ehe und ich möchte Robert danken. Denn jeder hier weiß, wie es meiner Mom ergangen ist in den letzten Jahren und jetzt seht nur, wie sie strahlt und das haben wir nur einem einzigen Menschen hier zu verdanken. Und zwar dir, Robert, du hast ihr die Lebensfreude wiedergegeben, die sie verloren hatte. Du bist der Mensch, der ihr ein neues Leben geschenkt hat. Und wenn ich jetzt ausziehen würde, wüsste ich sie in guten Händen. Dafür und dafür, dass du so ein toller Mensch und ja auch Vater bist, möchte ich dir danken. Also: Cheers und ein Hoch auf Robert und meine Mom, dass sie eine lange Zeit zusammen haben! Und jetzt wird gegessen!“ Alle erhoben die Gläser und riefen: „Ein Hoch auf Rachel und Robert, cheers!“ Dann erklang ein lautes Klirren von Gläsern und ich setzte mich, Moms und Roberts Blicke begegneten mir und beide formten ihre Münder zu einem Danke, ich lächelte sie als Antwort einfach nur an. „Das hast du toll gesagt“, flüsterte Rakesh neben mir, zog mich zu sich heran und küsste mich: „Ich bin stolz auf dich.“ Dann ließ ich von ihm ab, weil ich einen Mordshunger hatte.

 

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Leseprobe: Freundschaftspiel

Freundschaftspiel

Die Geschichte, der Hendrix Witzl später den Titel Freundschaftspiel gab, hatte für Marie vier Stunden früher begonnen; mit einem Bimmeln der Ladentür nämlich. Hendrix erzählte sie seinem Großvater, als wäre sie seine eigene. Nach zögerlichem Beginn steigerte er sich in eine ihm selbst unbekannte Fabulierleidenschaft hinein.
Es war früher Samstagnachmittag, die Sonne brannte vom wolkenlosen Himmel herab; in der Fußgängerzone von Nastetten herrschte bereits kein Betrieb mehr und Marie freute sich schon darauf, bald den elterlichen Laden abschließen zu können.
Ihre Eltern führten eine kleine Buchhandlung, die seit der Eröffnung des Großfilialisten World of Books gleich schräg gegenüber kaum mehr etwas einbrachte; dementsprechend schlecht war auch die familiäre Stimmung, denn über kurz oder lang würde man die Buchhandlung aufgeben müssen. Maries Mutter, die sich bereits vorsorglich um eine neue Stelle kümmerte, verbrachte die Wochenenden auf EDV-Fortbildungsseminaren in der Nähe von Braunschweig; im November würde sie eine Prüfung ablegen, um dann eine Festanstellung bei Peek & Cloppenburg zu bekommen – in der Datenverarbeitung freilich, nicht im Verkauf. So jedenfalls lautete die Version für Marie und ihren Vater.
Der vertraute seiner Tochter jeden zweiten Samstag ab 13 Uhr den Laden an, da es in der letzten Stunde erfahrungsgemäß nicht mehr viel zu tun gab. Auf diese Weise konnte er sich von seinen Existenzsorgen wenigstens einen Nachmittag lang ablenken und seine geliebten Hannoveraner ansehen, wenn sie ein Heimspiel hatten. An diesem Samstag empfing Hannover 96 die Bayern aus München, es war ein Freundschaftsspiel zur Vorbereitung auf die neue Bundesligasaison. Selbst solche Details erwähnte Hendrix, obwohl er spürte, dass Dieter allmählich ungeduldig wurde.
„Marie saß hinter der Kasse und las die Witze im BuchReport, als die Schaufensterscheiben zu vibrieren begannen; direkt vor der Buchhandlung, also in der Fußgängerzone, hatte ein Kleinbus des Seniorenstifts Sankt Kunibert gehalten. Aus der Fahrerseite sprang ein junger Mann. Der Kleidung nach zu urteilen handelte es sich um einen Zivildienstleistenden. Ohne zuvor den Motor abgestellt zu haben, eilte er um das Auto herum zur Beifahrerseite, hievte einen Rollstuhl aus dem Laderaum und postierte ihn in geeigneter Weise so neben dem Kleinbus, dass er die alte Dame nur noch vom Beifahrersitz zu heben brauchte und hineingleiten lassen konnte.
Marie hatte die Szene eher beiläufig beobachtet, doch als nun die Ladenbimmel ertönte und der junge Mann den Rollstuhl samt Dame hereinschob, erhob sie sich vom Kassentresen und schritt auf die Kundschaft zu.
„Das muss sie sein. Was für ein Glück!“, erklärte die Dame ihrem Begleiter. „Den Rest mache ich schon! Kannst in Ruhe nach deiner Katze sehen. In einer halben Stunde erwarte ich dich hier wieder zurück!“
Sekunden später entfernte sich der Kleinbus, abermals vibrierten die Scheiben.
„Wann ist hier Ladenschluss?“, fragte die Dame mit leicht näselnder Stimme. Sie machte einen eleganten Eindruck in ihrem grauen Kleid.
„Genau genommen in drei Minuten“, antwortete Marie. „Aber es kommt nicht so darauf an. Was darf ich denn für Sie tun?“, fügte sie schnell hinzu, denn ihr Vater hatte sie beschworen, jeden Kunden wie ein rohes Ei zu behandeln.
„Wenn du mir zunächst vielleicht ein Glas Wasser bringen könntest …, ich verdurste nämlich und außerdem muss ich meine Pille schlucken.“
Marie war bereits auf dem Weg zur Kochnische, als die Dame ihr hinterherrief: „Am besten, du schließt jetzt schon mal ab. Ich möchte nämlich nicht gestört werden!“
„Als ich mit dem Wasser kam, bat mich die Dame, sie in die Kinderbuchecke zu schieben. Damit uns niemand durch die Fensterscheibe beobachten konnte. Ein bisschen unheimlich war mir das Ganze schon, kannste dir ja sicher denken. Aber so richtig gefährlich kam mir die Alte auch nicht vor, denn sie saß ja im Rollstuhl. Ich tat ihr also den Gefallen. Jetzt sollte ich mir einen Stuhl holen und mich ihr gegenüber setzen. Was will die nur, habe ich mich gefragt.“
„Du erzählst, als wärest du selbst dabei gewesen!“, sagte Dieter Lange.
„Wolltest du doch, oder nicht?“, gab Hendrix zurück.
„Also: Was wollte sie?“, versuchte Dieter Lange die Ausführungen seines Enkels zu forcieren.
„Du wirst mir vielleicht nicht glauben, aber pass auf: Sie erzählte Marie, dass sie an MS leide und schon seit sieben Jahren im Rollstuhl sitzt. Und dass ihre beiden Söhne in München leben und sie, seitdem sie im Sankt-Kunibert wohnt, noch nie besucht haben. Ihr früherer Ehemann schon gar nicht; der hat sie verstoßen, als sie noch gesund war. Mittlerweile ist er tot.“
Hendrix hatte bis zu dieser Stelle noch nicht Feuer gefangen. Nun folgte jedoch ein Detail, das ihn aufmerken ließ und das er dem Großvater mit gesteigerter Lautstärke präsentierte, weil er gegen einen ganz in der Nähe aufheulenden Moped-Motor ankämpfen musste, wie auch in Filmen die Hintergrundmusik oft lauter wird, wenn es zu einer entscheidenden Stelle kommt.
„Zwanzig Millionen hat der ihr angeblich hinterlassen. Muss man sich einmal vorstellen! Zwanzig Millionen. Aber sie hat nichts davon gekriegt. Nicht einen Cent. Ihre Söhne bezahlen das Altersheim und ein Taschengeld, sonst nichts. Weil sie irgendwann mal, als es ihr schon sehr schlecht ging, einen Vertrag unterschrieben hat, den sie gar nicht kapierte. Der sie voll über den Tisch zog. Du musst dir das mal vorstellen, zwanzig Millionen …“
„Aber dagegen kann man doch gerichtlich vorgehen!“, sagte der Großvater.
„Weiß ich nicht. Hat sie vielleicht ja auch versucht. Vielleicht war sie dazu schon zu schwach und zu krank, oder vielleicht hatte sie niemanden, der sie dabei unterstützte. Soll ich jetzt also weitererzählen oder nicht?“ Hendrix’ Stimme klang aufgebracht.
„Sicher, sicher!“ Der Großvater stopfte seine Pfeife. „Bin gespannt, worauf das jetzt überhaupt hinausläuft!“
Das Motorengeräusch erstarb urplötzlich, die friedliche Abendstimmung war wiederhergestellt. Vom „Goldener Hirsch“ wehte La Paloma herauf, aber leise genug, um nicht das Muhen der Milchbauerkühe zuzudecken.
Hendrix fuhr fort mit seinem Bericht.
„Auch Marie hatte sich die ganze Zeit gefragt, warum die Dame ihr das alles erzählte. Nun erfuhr sie es und sofort war sie von der Sache gefesselt, was sie durch die Art und Weise, in der sie mir davon erzählte, deutlich machte. Du hättest sehen müssen, wie sie dabei geguckt hat!“ Hendrix’ Wangen glühten jetzt regelrecht.
„Einen Menschen gibt es, den die alte Dame seit ihrer Jugend liebt. Den sie auch geheiratet hätte, wäre die Ehe nicht für ihn eine kleinbürgerlich-spießige Institution gewesen, die er verachtete. Und jetzt rate mal, von wem ich rede!“

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Leseprobe: Für Elise – 15 Briefe

Für Elise

Heute erwachte ich mit Kopfschmerzen, heftigen, bohrenden Kopfschmerzen, deren Zentrum in der Mitte der Stirn lag. Ich hätte den Rotwein nicht so schnell trinken sollen, ich vertrage das nicht. Und geraucht habe ich auch, wie ich am mit Kippen halbgefüllten Aschenbecher erkenne. Ich schäme mich ein wenig für meine Schwäche, die, Sie werden es sich denken können, natürlich ihren Grund hat: Artur geht es sehr schlecht.
Dr. Mahmoudi nahm mich ernst zur Seite und sagte: »Er will nicht mehr, er ist leer. Das, was einmal an Lebenskraft in ihm gewesen ist, hat ihn verlassen. Es ist schwer, wenn nicht unmöglich, zu bestimmen, wie lange es noch gehen mag. Rechnen Sie jeden Tag damit.«
Mir geht es also nicht gut am heutigen Morgen. Obwohl ich ein paar Tabletten eingenommen habe und diese eindeutig lindernd wirkten, bleibt ein Druck in mir, den ich mit abscheulich verzogener Grimasse quittiere; ich weiß, was er bedeutet. Aber ich weiß auch, dass ich kein Mann der Kompromisse bin, ich werde umziehen! Ich werde dieses Land verlassen, und Artur, würde er davon erfahren, riefe lauthals: »Bravo! Wohl getan!«
Es ist Sonntag und durch meine wehleidige Untätigkeit bereits Mittag geworden. Jetzt sitzen meine ehemaligen Kollegen in den Redaktionsräumen und reden das Übliche: Herr Lamm macht dies, Dietrich jenes, Frau Wieck das. Würde ich gerne wissen, wer mein Nachfolger wird? Nein, ich glaube nicht.
Aber ich möchte, dass SIE mehr wissen, über mich und »meine« Musik, über mein Leben.
Hanna brachte mir also Schumanns Musik nahe; bei zwei anderen Komponisten, deren Nachnamen ebenfalls mit dem Buchstaben S beginnen, verhält es sich ähnlich.
Georg, mein alter Fußballfreund, schenkte mir eines Tages eine Langspielplatte mit der Bemerkung, dies sei eine chaotische Musik, und er verstehe sie nicht. Er habe es ja mehr mit der Rock-Musik, ich wisse schon: Led Zeppelin, Deep Purple, Black Sabbath, diese Kaliber. Sein Onkel habe ihm diese LP geschenkt, und er könne sie nicht umtauschen. So solle ich sie halt haben, ich wisse schon, ob diese Musik des Hörens wert wäre.
Ich besah mir das Cover der Langspielplatte: Ein wildes und abstraktes Gemälde in vielen Gelb- und Blautönen war da abgebildet. Oben stand ein Name: Igor Stravinsky, und darunter der Titel des Werkes: »Le Sacre Du Printemps«.
Zunächst mochte ich diese anscheinend gefühlskalte Musik nicht. Jahre später erst entdeckte ich den genialen Ton in namentlich diesem Werk. Andere bedeutende Tonschöpfungen von Stravinsky sind »Der Feuervogel« und »Pulcinella«. Die Musik ist schwer zugänglich und einer ungewohnten Hörerin bestimmt zu schräg und misstönend, gerade das zuerst erwähnte Opus. Hören Sie Stravinsky bitte erst, wenn Sie Bruckner und Mahler bewältigt haben.
Den anderen Komponisten, den ich eigentlich als Langweiler abgestempelt und in die Ecke gelegt hatte, brachte Artur in nachdrückliche Erinnerung.
Wir zwei fuhren zu einem Konzert eines amerikanischen Pianisten (Keith Jarrett wird noch ausführlich erwähnt werden) nach Wien, und wir fuhren die ganze Nacht hindurch mit meinem alten Ford. Ich lag auf der Rückbank und döste, meine Augen waren müde, das lange Fahren hatte mich angestrengt, ab und zu sah ich halbe Traumfetzen. Durch ein Klicken erwachte ich; Artur hatte eine Kassette in den Recorder geschoben. Und dann zogen Streicherklänge durch die Limousine, dann Bläser dazu, ein Thema erschien, alles das laut, fast ein Dröhnen, und etwas mürrisch erhob ich meinen Oberkörper, um Artur um etwas Mäßigung zu bitten. Und er hielt im selben Moment das Auto an und schaltete den Motor ab. Wir standen auf einem Parkplatz am Rande des großen Flusses, durch das Firmament zogen die ersten Anzeichen des Morgenrots, und über den Fluss hinweg sahen wir auf Wien, auf das frühmorgendliche, noch verschlafene, beleuchtete Wien. Es war ein unglaublicher Anblick, und aus dem Kassettenrecorder strömte in immenser Lautstärke »An der schönen blauen Donau« von Johann Strauß.
Noch heute bekomme ich auf der Stelle eine Gänsehaut, sobald ich diesen Walzer höre.
Die folgende Erinnerung hat sich genau so ereignet, ich schwöre es bei meiner Mutter.
Kurz vor meinem fünfundzwanzigsten Geburtstag, im Juli 1974, rief mich Schwarz in sein Büro und sagte sinngemäß etwa dies: »Ihr Schreibstil gefällt mir, Herr Mendelsohn. Sie formulieren gut und recherchieren sorgfältig. Ich denke, es ist an der Zeit, Ihnen eine eigene Artikelseite zu geben. Sammeln Sie Ideen und legen Sie sie mir vor.«
»Ich brauche nicht zu sammeln«, sagte ich, »ich habe ein Dutzend Ideen.«
Die Augenbrauen meines Gegenübers ruckten in die Höhe. »Aha, lassen Sie hören.«
»Ich könnte zum Beispiel über herausragende vierhändig zu spielende Klavierstücke schreiben. Sie wissen schon: Schubert, Mozart, Beethoven; die großen Komponisten in nahezu unbekannten Werken.«
»Hm«, brummte Schwarz, »und noch?«
»Frühzeitig verstorbene Musiker«, schob ich nach, »und zwar solche der Klassik wie auch des Rock und Jazz.«
Er war nicht begeistert, fand all meine Vorschläge zwar nicht schlecht, aber auch nicht gut genug. Bis ich sagte: »Ich könnte eine kleine Serie von Artikeln schreiben, die von Komponisten erzählen, die es noch zu entdecken gilt.«
»Das hört sich interessant an«, meinte Schwarz, »wen haben Sie im Auge?«
Ich überlegte kurz. »Frederick Delius, Fanny Mendelssohn, Carl Nielsen, Clara Schumann, John Cage, Mili Balakirev, Franz Xaver Richter, Antonin Reicha, John …«
»Genug«, schmunzelte Schwarz, »das ist genug. Ich will mich noch mit Herrmanns kurzschließen, um über Ihren Vorschlag zu beraten, dann gebe ich Ihnen Bescheid.«
Am nächsten Tag bekam ich das Okay.
Irgendetwas, dessen Namen ich nicht wusste, drängte mich, mit Delius zu beginnen. Ich sammelte Material; er war in Bradford, Yorkshire geboren worden, hatte viel dem Dirigenten Thomas Beecham zu verdanken, schrieb sechs Opern, eine kleine Menge Kammermusik, er starb in Frankreich. Aber ich kam über diese Standardfakten nicht hinaus.