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Leseprobe: Fiona – Beginn 2.0 (Band 1) (9)

Fiona - Beginn 2.0

Ich fahre herum und meine Hand schlägt gegen etwas. Dann setzt die Erinnerung ein und ich verharre mitten in der Bewegung.
Keine Panik, Fiona. Du liegst zu Hause im Bett, nachdem du ziemlich besoffen, verschwitzt und müde mitten in der Nacht nach Hause gekommen bist.
Habe ich mich wenigstens ausgezogen?
Ich betaste meinen Körper. Er ist nackt. Auch die Füße, nicht einmal die Stiefel habe ich vergessen. Sehr gut. Du bist doch noch zu etwas zu gebrauchen.
Ich setze mich vorsichtig auf und öffne blinzelnd die Augen. Draußen scheint es gleißend hell zu sein, so viel kann ich erkennen.
Ich krabbele zum Fussende und dort aus dem Bett. Die Versuchung, auf allen vieren ins Bad zu kriechen, ist verflucht groß. Aber es sieht lächerlich aus. Und es ist egal, ob mich dabei jemand sieht, ich weiß es. Das genügt. Also erhebe ich mich und wanke zur Toilette.
Wenn ich Glück habe, ist heute Sonntag, wenn nicht, dann habe ich den Sonntag durchgepennt und es ist bereits Montag. Aber eigentlich ist es so scheißegal.
Mein Kopf ist irgendwie ziemlich schwer, ich lege die Stirn in die Hände.
Ich habe ihm die Arme gebrochen. Und ich hatte ernsthaft vor, ihn zu töten. Verdammt, was ist bloß mit mir los? Ich bin doch keine Mörderin!
Ich hebe den Kopf und betrachte meine Hände, mit denen ich ihn totschlagen wollte, zumindest laut Plan.
Komisch. Sie sehen irgendwie komisch aus, diese Hände. Glatte Haut, feingliedrig, einigermaßen sauber, die Nägel mal nicht abgekaut. Eigentlich ganz okay.
Und das genau ist das Problem.
Gestern Abend waren nach der Schlägerei die Knöchel völlig zerschunden, blutig, wund. Davon ist nichts mehr zu sehen. Nichts. Nada.
Hä?
Ich taste in meinem Gesicht nach den Wunden. Mindestens am Kinn müsste eine Platzwunde sein.
Nada.
Ich springe auf und starre mein Spiegelbild an. Über das Gesicht kann man geteilter Meinung sein, viele halten es für hübsch, aber im Moment interessiert mich nur eines: Es sieht mehr oder weniger genauso aus wie gestern Morgen. Vor der Schlägerei.
Das kann doch nicht sein! Eine solche Wunde verheilt doch nicht einfach über Nacht! Ich weiß ja, dass ich gutes Heilfleisch habe, aber hallo?
Ich gehe ins Zimmer und setze mich auf die Bettkante. Was ist hier eigentlich los? In 48 Stunden hat sich mein Leben völlig verändert. Mein Bruder ist tot, ich hatte vor, einen Menschen zu töten, habe eine unglaubliche Prügelei und meine daraus resultierenden Verletzungen heilen über Nacht.
Äh?
Okay, vielleicht habe ich auch nur alles geträumt und wenn ich zum Frühstücken nach unten gehe, sitzt Norman bereits da.
Ja, das sollte ich tun.
Ich ziehe ein hellgraues T-Shirt und weiße Shorts an und rase nach unten.
Der Lieutenant und der eine Polizist sind da. Ben oder so.
Norman ist nicht zu sehen. Klar, er liegt ja im Leichenschauhaus. Oder das, was von ihm übrig ist.
Die beiden Polizisten mustern mich neugierig. Sie sitzen auf der Couch und haben sich wohl mit meinen Eltern unterhalten. Auch diese mustern mich. Meine Mutter unsicher, mein Vater wütend.
„Hätte nicht gedacht, dass du so früh aufstehst“, bemerkt er.
„Wie spät ist es denn? Und welcher Tag?“
Er schnaubt. „Wieso überrascht mich diese Frage nicht?“
„Sonntag, elf Uhr“, sagt der Lieutenant. „War wohl eine harte Nacht.“
„Ich habe zu viel getrunken und noch mehr getanzt“, erwidere ich und lasse mich stöhnend auf die Couch sinken, ohne meinen Vater anzusehen. „Was ist überhaupt los? Wieso kreuzt die Polizei an einem Sonntag vormittags hier auf?“
„Wegen dir“, knurrt mein Vater.
„Wegen mir?“ Ich suche mit dem Blick Nicholas. Er versteht mich ohne Worte: „Ich bringe Ihnen einen Kaffee, Fiona.“
„Es gab gestern Abend eine Schlägerei in einer Kneipe“, sagt der Lieutenant. „Unter anderem war darin eine junge, blonde Frau verwickelt, die ihnen auffallend ähnlich sah. Zeugen zufolge hat sie einen Mann beschuldigt, ihren Bruder getötet zu haben. Anschließend brach sie ihm beide Arme. Es heißt, sie hätte unglaublich gut gekämpft. Sie machen doch seit zehn Jahren sehr intensiv Kampfsport, oder?“
„Seit zwölf“, korrigiere ich ihn. „Und?“
„Waren Sie in eine Schlägerei verwickelt gestern?“
„Sehe ich so aus?“
Er schüttelt den Kopf. „Ich hätte bis vorhin darauf gewettet, dass Sie es waren. Sowohl die Beschreibung als auch das mit dem Bruder passt. Allerdings wurde die Frau bei der Schlägerei verletzt, unter anderem am Kinn.“
„Aha. Nun, ich habe keine Verletzung am Kinn.“ Weil es verheilt ist und ich habe keine Ahnung, wie das möglich ist. Scheiße!
„So sieht es tatsächlich aus. Schminken Sie sich?“
„Ab und zu, wenn es das Protokoll verlangt.“
„Das Protokoll?“ Er zieht beide Augenbrauen hoch.
„Ich habe mich zu den Abschlussbällen geschminkt und ich schminke mich, wenn ich an den Messeständen von CSE stehe. Ich bin Trainee bei meinem Vater und war ein Jahr in der Marketingabteilung.“
„Ich verstehe.“ Er beobachtet Nicholas, der mir jetzt meinen Kaffee bringt und sich dann dezent zurückzieht. „Nun, ich muss mich für die Störung entschuldigen.“
„Ist schon gut“, sagt mein Vater und steht ebenfalls auf. Meine Mutter auch. Ich bleibe demonstrativ sitzen und trinke meinen Kaffee.
Vor der Treppe nach oben bleibt der Lieutenant stehen und dreht sich zu mir um. „Was ich vergessen habe, auch wenn es Sie ja eigentlich nicht interessieren dürfte: Für den Mord an ihrem Bruder hat Brodwich ein Alibi. Einen schönen Sonntag noch, Miss Carter.“
Ich nicke nur.
Nachdem die beiden weg sind, kommt meine Mutter wieder und setzt sich neben mich.
Ich sehe sie an. „Was?“
„Warst du das?“
„Hast du nicht zugehört? Das Supergirl wurde verprügelt und hatte eine blutige Visage. Sehe ich aus, als hätte ich eine Prügelei gehabt?“
Sie schüttelt stumm den Kopf, dann erhebt sie sich seufzend. „Kind, es ist für uns alle schwer. Ich möchte nicht noch ein Kind verlieren.“
Ich starre ihr hinterher, während sie nach draußen auf die Terrasse geht. Es fühlt sich beschissen an, dass ich sie angelogen habe. Aber ich kann ihr die Wahrheit auf keinen Fall sagen.
Ausnahmsweise sitze ich mal mit am Mittagstisch, aber niemand hat wirklich Hunger. Am begehrtesten ist noch der Rotwein, irgendein Südamerikaner. Schmeckt gar nicht schlecht, alles andere wäre im Hause meines Vaters sehr seltsam.
Bis zum Nachtisch schaffen wir es, ohne dass es Ärger gibt.
Als ich mir allerdings zum dritten Mal das Glas fülle, meint mein Vater, einschreiten zu müssen: „Meinst du nicht, du hast genug?“
Ich starre ihn an. „Meinst du nicht, ich würde es lassen, wenn ich das meinen würde?“
„Du hast doch bestimmt gestern auch ohne Sinn und Verstand getrunken.“
„Bestimmt“, erwidere ich und nehme einen Schluck. „Du hast doch gehört, ich bin nicht das Supergirl.“
„Ja, aber es hätte zu dir gepasst.“
„Echt? So gut kennst du mich? Woher eigentlich? Du merkst doch sonst überhaupt nicht, dass es mich gibt. Wieso glaubst du dann, du wüsstest irgendetwas über mich?“
Für einen Moment scheint alles einzufrieren. Dann lässt mein Vater den Kaffeelöffel wieder sinken, mit dem er seinen Kaffee vermutlich umrühren wollte. Will er mich etwa schlagen? Er weiß doch, dass ich mich wehren würde und das auch kann. Die Zeiten, in denen ich mich von ihm schlagen ließ, sind lange vorbei.
Er mustert eine Weile den Kaffee, bis er schließlich den Blick hebt und mich ansieht. „Du bist meine Tochter. Ich kenne dich, besser, als du es gerne hättest. Und ich weiß, wie sehr auch dich der Tod von Norman mitnimmt, daher tue ich mal so, als hättest du nichts gesagt.“
„Wie gütig von dir. Und mir reicht es.“ Ich werfe meine Kuchengabel hin und erhebe mich geräuschvoll.
„Kind …“, sagt meine Mutter.
„Ja, was?“
„Wo willst du hin?“
„Keine Ahnung. Nach draußen.“
Erst einmal gehe ich jedoch nach oben und tausche die Shorts gegen 3/4-Jeans und Sportschuhe. Und kurz darauf stehe ich auf dem Nachbargrundstück vor der Haustür und läute Sturm. Bis Leslie die Tür aufreißt.
„Was soll das denn?“
„Kommst du mit?“
„Wohin?“
„Spazieren. Zur Promenade. Eis essen.“
Sie starrt mich kurz an, dann nickt sie. „Ich ziehe mir nur eben Schuhe an.“
Sie streift sich flache Sandalen über, steckt ihren Schlüsselbund und etwas Geld ein, dann zieht sie die Tür hinter sich zu. Sie trägt wadenlange Jeans und ein Hemd, das sie anscheinend von James geklaut hat, es reicht ihr bis zu den Oberschenkeln.
Eine Weile gehen wir schweigend nebeneinander her. Erst als wir auf den Waldweg einbiegen, der nach unten zur Küste führt, bricht sie unser Schweigen.
„Was ist los? Wieder Krach mit deinem Vater?“
„Das auch.“
„Das auch? Ist das denn noch steigerungsfähig?“
„Anscheinend ja.“ Ich atme tief durch. „Vorhin waren die beiden Polizisten da, der Lieutenant und der junge Kerl.“
„Aha. Was wollten sie denn?“
„Sie dachten, ich hätte mich gestern in einer Kneipe mit neun Männern geprügelt. Und einem von ihnen beide Arme gebrochen.“
„Mit neun Männern? Ist das nicht etwas übertrieben? Ich meine, ich weiß ja, was du drauf hast, habe es ja selbst erlebt. Aber neun Männer? Okay, und das glauben sie nicht mehr?“
„Supergirl hat ein paar Schrammen abgekriegt, unter anderem hier.“ Ich tippe auf die Stelle am Kinn.
„Und weil du nichts … Woher weißt du, an welcher Stelle?“
„Weil ich es war.“
Leslie bleibt stehen und starrt mich fassungslos an. „Du? Aber warum?“
„Der Mann mit den gebrochenen Armen … Ihm gehört das Auto, mit dem Norman getötet wurde.“
„Was?! Warte mal, wieso glaubten die, dass da eine Verletzung …?“
„Der Barmann hat mich dort mit einem Baseballschläger erwischt.“
„Jetzt mal langsam. Aber da ist nichts!“
„Eben, Leslie, eben! Als ich heute aufgewacht bin, waren alle Schrammen spurlos weg! Wie geht so was?!“
„Willst du mich verarschen?“
„Nein! Verdammte Scheiße!“ Ich packe meine Haare, dann sehe ich sie wieder an. „Ich habe schon gedacht, ich habe alles geträumt, dann komme ich runter und da sitzen die beiden. Ich … ich weiß einfach nicht, was ich denken soll.“
Leslie überlegt kurz, dann nimmt sie meinen Arm. „Wir gehen erst einmal weiter und essen ein Eis, okay?“
Ich nicke schweigend.
An der Küste ist es natürlich jetzt schon voll. Nach einer halben Stunde finden wir trotzdem einen freien Tisch in einer kleinen Eisdiele etwas weiter hinten. Leslie bestellt sich einen Milchkaffee und einen Erdbeerbecher, ich nehme Cappuccino und Spaghettieis.
Erst als wir unser Eis haben, redet Leslie wieder. „Also gut, du hast neun Männer verprügelt? Wie geht das? Waren das irgendwelche Schwächlinge, Buchhalter, oder wie?“
„Straßenjungs, kampferprobt“, erwidere ich düster. „Brodwich ist ein Riese mit Glatze und Tattoos, wie aus einem Film. Ein bisschen wie Vin Diesel, nur größer.“
„Du weißt aber schon, wie sich das anhört?“
„Klar weiß ich das. Ich … ich weiß auch nicht, was da passiert ist. Ich war schon nahe dran, wieder nach Hause zu fahren, als ich zufällig die Kneipe gefunden habe. Die haben mich für eine Nutte gehalten, weil ich so knappe Jeans anhatte.“
„Wo dein halber Arsch raushängt?“
„Genau, du Arsch.“
Sie grinst. „Vielleicht bist du ja Supergirl, weißt es nur nicht.“
„Das würde erklären, warum ich mich oft so fühle, als käme ich von einem anderen Planeten.“
„Siehst du, es gibt für alles eine Erklärung.“
Ich erwidere nichts, sondern beobachte an ihr vorbei das Meer. Da sind Segelboote unterwegs, weiter weg ein Kreuzfahrtschiff und vorne auf dem Strand Menschen wie Sardinen in der Büchse.
„Hallo, Schätzchen!“ Leslie fuchtelt mit den Händen vor meinem Gesicht herum. „Ich will von dir wissen, ob du eine vernünftige, rationale Erklärung hast!“
„Hab ich nicht“, erwidere ich kopfschüttelnd und esse wieder von meinem Eis. „Wie denn? Hör zu, natürlich habe ich gelernt, gleichzeitig mit mehreren Gegnern zu kämpfen. Das gehört zur Prüfung. Ich weiß, was ich kann, und ich habe definitiv nicht damit gerechnet, dass ich auch nur die geringste Chance gegen die habe.“
„Warum bist du dann nicht weggerannt, verdammt nochmal? Du hättest sterben können!“
„Keine Ahnung.“ Ich zucke die Schultern. „Vielleicht deswegen.“
„Soll das ein Witz sein? Oder muss ich die Polizei rufen, zu deinem Schutz?“
„Nein, nicht nötig. Du siehst ja, nicht einmal das kriege ich hin.“
„Idiot!“
„Ja, danke. – Hör zu, das mit den neun Kerlen kann man ja noch irgendwie mit Adrenalin, Lebensgefahr und so erklären. Irgendwie. Aber das mit den Verletzungen?“
„Wie schlimm waren sie denn? Vielleicht sahen sie nur wild aus.“
„Meine Knie waren blutig, mein Ellbogen auch, eine Platzwunde am Kinn. Und jetzt sind alle, wirklich alle Wunden spurlos weg.“
„Hm. Eigenartig. Ich würde an deiner Stelle mal Ahnenforschung betreiben.“
„Ahnenforschung? Hä?“
„Ich denke, du hast eine Hexe unter deinen Vorfahren. Eine andere Erklärung gibt es eben nicht.“
„Du bist echt bescheuert.“ Ich starre in ihr grinsendes Gesicht, dann schüttele ich den Kopf. „Das ist ernst.“
„Weiß ich ja. Aber ich habe echt absolut keine Erklärung. Ich kann ja mal vorsichtig an der Uni rumhören, kenne ein paar Medizinstudis.“
„Das wäre gut. Danke.“
Sie nickt. „Ich sehe ja, dass du völlig durch den Wind bist. Und das kann ich nachvollziehen. Keine Ahnung, was für Panik ich schieben würde, wenn mir so was passieren würde. Ich meine, vielleicht ist es eine Art Gendefekt.“
„Gendefekt? Hast du sie noch alle?“
„Denk mal nach, Schätzchen. Du hast doch auch Biologie gehabt.“
„Klar, wir waren ja in derselben Klasse.“
„Eben.“
„Worauf willst du hinaus?“
„Was passiert denn bei der Wundheilung? Das ist doch reinste Genetik, irgendwie.“
„Na ja …“
„Hat das nichts mit der Reparatur defekter Genabschnitte zu tun?“
„Ich glaube, du wirfst da etwas durcheinander, meine Liebe. Unabhängig davon könnte es trotzdem gentechnisch bedingt sein, da gebe ich dir recht, wenn ich so darüber nachdenke. Die Mechanismen bei Wundheilung habe ich nicht mehr parat, aber Veranlagung spielt mit rein. Und Wunden haben bei mir immer schnell geheilt. Aber nicht soo schnell.“
„Vielleicht haben die Schläge was ausgelöst bei dir. So wie man manchmal den Fernseher schlägt, wenn das Bild verwackelt ist.“
„Du bist heute echt unmöglich“, erwidere ich, nachdem ich meine Sprache wiedergefunden habe. „Klar, ein Schlag mit dem Baseballschläger wirbelt meine Gene so durcheinander, dass … Hey, vielleicht hätte ich mich richtig treffen lassen sollen, dann wäre in meinem Kopf bestimmt alles zurechtgerückt worden!“
„Ja, genau. Wenn du Hilfe brauchst dabei …“
„Ich sehe schon, dir darf ich auch nie wieder den Rücken zudrehen.“
Sie lacht auf und ich muss mitlachen. Das ist einfach zu bescheuert, da kann kein Mensch ernst bleiben. Mir ist schon klar, dass sie genau das erreichen wollte. Aber verdammt, niemand ist zynischer als ich. Dachte ich jedenfalls.
Wir essen schweigend unser Eis zu Ende, dabei denke ich darüber nach, ob es wirklich etwas mit meiner Genetik zu tun haben könnte. Jedenfalls wäre das eine wahrscheinlichere Erklärung als das mit der Hexe. Hexen und Magie, all diesen Quatsch gibt es nicht, seltsame Gendefekte schon. Ich meine, ich bin ja eh ziemlich seltsam, warum sollten dann meine Gene normal sein? Wenn schon, denn schon.
Ich beschließe, dass meine Gene genauso bescheuert sind wie ich und seltsame Sachen machen.
Fall gelöst.
Ich muss unbedingt mit Savage reden. Selbst wenn er mir das richtige Kennzeichen genannt hat, Brodwich saß anscheinend nicht am Steuer. Und ich glaube irgendwie nicht, dass Savage das nicht gewusst hat. Es mag ja sein, dass ich keinem Unschuldslamm die Arme gebrochen habe, doch das macht es nicht besser.
Ich springe aus dem Bett und laufe Richtung Bad. Dabei fällt mein Blick unwillkürlich auf die Zimmertür und ich muss daran denken, wie Norman früher immer völlig unerwartet hereingestürmt ist.
Ich bleibe stehen und schließe die Augen.
Verdammte Scheiße.
Es war ihm völlig egal, ob ich vielleicht gerade nackt aus dem Bad kam oder möglicherweise Besuch hatte. Okay, wenn ich Besuch hatte, schloss ich die Tür ab.
Meistens jedenfalls.
Als er acht wurde, erklärte ich ihm, dass er bitte anklopfen möge. Er hat genickt und weitergemacht wie vorher. Ich hatte ein halbes Jahr gebraucht, um ihn umzugewöhnen! Vor allem, dass es nicht reicht, anzuklopfen, er müsste auch darauf warten, dass ich „Herein!“ rufe.
Und plötzlich wurde er älter, kam in die Pubertät. Von da an achtete ich wirklich peinlich genau darauf, die Tür abzuschließen, wenn ich Besuch hatte. Trotzdem überraschte er mich an einem Sonntag beim Masturbieren. Keine Ahnung, für wen das peinlicher war. Ich zog blitzschnell die Decke über mich, aber sein Gesichtsausdruck verriet, dass seine Fantasie mit ihm durchging.
Mit mir nicht, dafür rastete ich aus.
Ich spüre, wie mir schlecht wird, und schaffe es gerade eben zum Waschbecken.
Danach dusche ich und ziehe mich an. Ich will zu Savage, also in ein Krankenhaus. Was ziehe ich an? Nach den Erfahrungen am Samstag habe ich genug davon, wie ein Flittchen auszusehen. Ich entscheide mich für eine kurzärmelige Bluse, einen knielangen, hellblauen Jeansrock und Stiefeletten.
Sieht okay aus. Hübsch, aber nicht aufreizend.
Bist ja auch ein hübsches Mädchen, sagt die Andere in mir.
Halt den Mund. Das ist ja wohl nicht mein Verdienst.
Trotzdem kein Grund, dich zu schämen.
Ich lasse das mal so stehen und gehe nach unten. Mein Vater ist schon weg, zur Arbeit, wie ich von Nicholas erfahre. Ich starre ihn an. Die Frage, wieso er arbeitet, wenn am Freitag erst sein Sohn getötet wurde, kann ich gerade noch zurückhalten. Ich muss es wirklich nicht an Nicholas auslassen, er kann nichts dafür.
Meine Mutter sitzt auf der Terrasse bei einer Tasse Tee. Nach kurzem Zögern lege ich von hinten die Arme um sie. Sie greift nach meinen Unterarmen.
„Wohin gehst du?“
„Zu Savage.“
Ihr Blick, als sie mich ansieht, verrät mir, dass sie nicht begeistert ist, doch sie sagt nichts dazu. Ich gebe ihr einen Kuss auf die Wange, dann beeile ich mich, wegzukommen. Ich fürchte, sonst ersticken zu müssen. Oder wieder zu kotzen. Oder beides.
Scheiße.
Im Krankenhaus droht mir dann ein Herzstillstand, als ich das Zimmer von Savage leer vorfinde. Das heißt, sein Bett ist abgezogen, seine Sachen weg. Er ist also auch weg.
Ich renne zur Stationsschwester, die mich erschrocken anstarrt.
„Was ist mit Savage?“, frage ich panisch.
„Er ist nach Hause“, erwidert sie und kümmert sich wieder um irgendwelche Papiere, mit denen sie bereits vorher beschäftigt war, bevor ich sie auch in Panik versetzt habe.
„Wie, nach Hause? Wieso denn?“
Jetzt blickt sie wieder hoch und mich streng an.
„Er wurde von seiner Mutter abgeholt. Ist das ein Problem?“
„Natürlich ist das ein Problem! Sein Freund wurde vor seinen Augen getötet!“
„Ja, schon klar. Aber er ist nicht krank. Also haben wir ihn entlassen.“
„Er ist nicht krank?“
„Jedenfalls nicht physisch. Und um das Andere muss sich die Therapeutin kümmern.“
„Aha.“
„Miss Carter, wo ist das Problem? Das hier ist ein Krankenhaus, hier werden Menschen mit körperlichen Leiden behandelt. Und wir brauchen das Bett.“
„Vielleicht hat er ja irgendwelche Spätfolgen und …“
„Miss Carter! Körperlich fehlt ihm nichts!“
Ich atme tief durch, dann nicke ich. „Ja, in Ordnung. Sorry.“
Ihre Gesichtszüge werden weicher. „Ich weiß ja, was Sie durchmachen. So ein Verlust ist sehr tragisch. Aber wir machen nur unsere Arbeit.“
„Klar. Wie gesagt, sorry. Ich hatte mich erschrocken.“
„Ist schon okay.“
Wie in Trance gehe ich zu meinem Auto und steige ein. Was jetzt? Wo er wohnt, weiß ich ja. Aber ich kann nicht mit ihm reden, während seine Mutter dabei ist. Normalerweise würde sie wohl um diese Zeit arbeiten, doch sie wird sich für ihn freigenommen haben. Kann ich ja nachvollziehen. Trotzdem ist das nicht gut für mich.
Schließlich beschließe ich, dass ich trotzdem hinfahre. Irgendwas wird sich schon ergeben. Hoffe ich jedenfalls.
Die beiden wohnen in einem Mietshaus mit sechs Wohnungen. Nicht die beste Gegend, aber auch nicht die schlechteste. Mittelstand, aber nicht der gehobene. Die meisten Autos, die hier parken, haben Technik verbaut, die der BMW meines Vaters vor zehn Jahren schon hatte. Aber sie sind sauber und gepflegt, genau wie die Häuser und Gärten.
Hier möchte ich niemals leben. Nicht wegen des fehlenden Luxus, den würde ich wahrscheinlich nicht einmal vermissen. Aber der hier vorherrschende Mief ließe mich früher oder später Amok laufen. Zu Hause habe ich den Vorteil, dass ich allem aus dem Weg gehen kann. Hier könnte ich das nicht. Dann lieber im Ghetto. Wäre bestimmt nicht angenehm, aber ich kenne es aus meiner Zeit mit Greg. Vieles war scheiße, aber ich konnte wenigstens sagen, was ich dachte.
Ist das eine Art Naturromantik?, erkundigt sich die Andere in mir.
Höchstens Sozialromantik. Klar, ich bin ja das verwöhnte Mädchen aus reichem Hause und so was von naiv. Niemand würde mir glauben, dass ich das kenne und es so meine.
Stimmt.
Ach, halt doch die Fresse. Fick dich.
Fängt eigentlich Schizophrenie so an? Dass ich zu mir selbst sage, ich soll mich ficken?
Vielleicht sollte ich mir einen Dildo besorgen. Nur für den Fall, dass es schlimmer wird.
Seufzend steige ich aus und gehe zur Haustür. Mrs Norton öffnet mir die Wohnungstür und nimmt mich in die Arme, als sie mich sieht. Ich lasse es über mich ergehen, ich weiß ja, dass sie es ehrlich meint. Wir haben uns nicht oft gesehen, aber ich habe Norman einige Male gebracht oder abgeholt.
„Das tut mir so leid!“, sagt sie danach schniefend.
„Mir auch“, erwidere ich. „Ich … ich wollte eigentlich zu Savage.“
„Er ist nicht da.“
„Nicht da?“ Ich spüre, wie der nächste Herzstillstand droht.
„Er wollte auf den Spielplatz, wohin er auch mit Norman immer gegangen ist. Gefiel mir nicht, aber er fing an zu weinen, also ließ ich ihn gehen. Es ist nur paar Minuten von hier entfernt. Sag mal, willst du nicht reinkommen? Auf einen Tee?“
„Das ist wirklich sehr lieb, Mrs Norton. Danke. Ich werde Savage suchen.“
„In Ordnung. Einfach nach rechts gehen, du kannst es nicht verfehlen.“
Vor dem Haus zünde ich mir erst einmal eine Zigarette an, bevor ich zum Spielplatz spaziere. Ich kann Savage auf einer Bank sitzen sehen und beobachte ihn während des Rauchens.
Er sitzt nur da und hört Musik. Mit dem CD-Player, den ich ihm geschenkt habe.
Er blickt nicht einmal hoch, als ich mich neben ihn setze. Ich lehne mich zurück und rauche mit geschlossenen Augen zu Ende. Dann erhebe ich mich wieder, gehe zum Mülleimer mit integriertem Aschenbecher, sicheres Zeichen für Mittelschicht, am Rand des Spielplatzes, entsorge die Kippe und kehre zurück Savage.
Diesmal beobachtet er mich.
„Hi“, begrüße ich ihn.
„Hi“, erwidert er. „Hast du ihn gefunden?“
„Ja. Aber er saß nicht am Steuer, oder?“
Savage schüttelt den Kopf.
„Wer saß am Steuer, Savage?“
„Ist das wichtig? Komm, ich will dir was zeigen.“
Er springt auf und geht mit einer Geschwindigkeit los, als wollte er heute noch bis … keine Ahnung, wohin. Bis ans Ende der Welt. Ich habe trotz meiner langen Beine Mühe, ihm zu folgen.
„Hey, langsam! Wo willst du hin?“
„Zum Baumhaus.“
„Baumhaus?“ Ich bleibe stehen, daraufhin er auch. „Was für einem Baumhaus?“
„Unserem Versteck. Du wirst es sehen. Kommst du?“
„Ja, aber renn nicht so.“ Er geht tatsächlich langsamer weiter, so dass ich mir eine weitere Zigarette anzünden kann. Ob ich weniger rauchen sollte? Ist ja auch eine Art des Selbstmords, nur eben auf Raten. Und möglicherweise sehr unangenehm.
Wir gehen an einem Park entlang bis etwas über die Mitte hinaus, dann schlägt sich Savage plötzlich zwischen die Bäume. Wenn es einen regulären Weg zum Baumhaus gibt, dann will er ihn mir nicht zeigen, und ich verfluche meine Idee, einen Rock anzuziehen. Die verdammten Dornen haben es auf meine Schienenbeine abgesehen, das merke ich sehr schnell. Mit etwas Konzentration gelingt es mir aber dann, ihnen aus dem Weg zu gehen. Doch bis dahin habe ich mir einige blutige Schrammen eingehandelt.
Ob die bis morgen spurlos verschwunden sein werden?
Endlich bleibt Savage vor einem Baum stehen und zeigt stumm nach oben. Ich muss zweimal hinsehen, bis ich das Baumhaus erkenne, so gut ist es versteckt. Farblich perfekt an die Äste und den Laub angepasst, sieht man ihn nur, wenn man weiß, dass es da ist.
„Wie kommen wir da hinauf?“, erkundige ich mich.
„Kannst du nicht auf einen Baum klettern?“
„Doch“, erwidere ich stinkig. Savage weiß, dass ich Kampfsport mache. Irgendwas hat er und das lässt er im Moment an mir aus. Ich habe viel Verständnis für ihn wegen dem, was er erlebt hat, trotzdem bin ich sauer.
Ich greife nach einem Ast, um mich hochzuziehen, als mir bewusst wird, dass ich einen Rock trage. Ich lasse die Hand wieder sinken und sehe Savage an: „Du gehst vor!“
„Schade“, sagt er grinsend, dann klettert er schnell und geschickt nach oben.
Ich folge ihm schweigend. Meine Kleidung ist nicht ganz die Richtige, um Jane zu spielen, aber ich gelange ins Baumhaus, ohne mich zu blamieren.
Es ist, nicht unüblich für so ein Baumhaus, klein und spartanisch eingerichtet. Eine alte Matratze, ein Regal, mehr gibt es nicht. Überall liegen Hefte herum. Superman-Comics – und Pornos.
Wenn ich erwartet habe, dass Savage Letztere hektisch einsammelt, werde ich enttäuscht. Er fegt zwar alles beiseite, aber nicht so, dass ich nicht sehe, was es ist. Im Gegenteil, er sortiert alles auf einem Stapel und ganz oben liegt ein Porno. Eine junge Dame mit beängstigend aufgeblasen wirkenden Titten schiebt sich einen noch beängstigender wirkenden Dildo rein und grinst dabei, als würde sie mit einer Pistole gezwungen, Spaß zu simulieren.
Was zur Hölle soll daran erregend sein? Ich bin ja nun echt nicht prüde und bestimmt kein Fan von klassischem Sex in Missionarsstellung und im Dunkeln, aber das wirkt auf mich einfach nur abstoßend. Unabhängig davon, dass ich nicht so auf Sex mit Frauen stehe. Ich wäre aber auch nicht erregt, wenn da ein Mann mit Riesenschwanz sich einen Riesendildo in den Arsch schieben würde, von daher …
„Gefällt es dir?“, fragt Savage.
Ich reiße mich von dem Anblick der Monstertitten los und starre ihn entgeistert an.
„Das da? Nein, ganz sicher nicht!“
„Ich finde das gar nicht so schlecht, aber Norman stand auf diesen Riesentitten.“
„Aha.“ Das ist ein Thema, das ich gar nicht vertiefen möchte. „Sava, warum hast du mich hierher geführt?“
„Hier sind wir ungestört.“
Er sitzt im Schneidersitz mir gegenüber. Ich sitze eigentlich auch gerne so, aber nicht einem Dreizehnjährigen gegenüber, wenn ich einen Rock trage. Einem Dreizehnjährigen, dessen Blicke mich ziemlich irritieren. Hallo? Er ist traumatisiert!
Also sitze ich auf meinen Fersen, den Rock so weit nach vorne gezogen, wie es nur geht. Und ich bereue es, keinen BH angezogen zu haben. Die Scheißbluse lässt sich nicht bis oben zuknöpfen, außerdem schwitze ich in dieser Hitze, dadurch klebt der Stoff an meinen Brüsten.
Ich beschließe, das Ganze abzukürzen: „Sava, ich will von dir nur wissen, was …“
„Lass uns ficken“, unterbricht er mich.
„Wie bitte?!“
„Lass uns Spaß haben.“ Dabei streckt er die rechte Hand nach mir aus. Ich greife blitzschnell nach seinem Handgelenk.
„Was soll das denn? Savage, ich weiß ja, dass du Schlimmes erlebt hast und ich bin gerne bereit, dir zu helfen, das zu überwinden, aber ganz bestimmt nicht so, okay?“
„Die anderen haben sich auch nicht so geziert“, sagt er mit einem lauernden Blick.
Hä?
„Was für andere?“, erkundige ich mich, während ich spüre, wie mir kalter Schweiß am Rücken hinunterläuft. Irgendwas ist hier nicht in Ordnung. So verhält sich kein traumatisierter Junge, das weiß ich auch, ohne Psychologie studiert zu haben.
„Die anderen Mädchen.“
„Hier waren andere Mädchen?“
„Nicht hier. Wir durften sie nicht mitnehmen.“
„Nicht mitnehmen …“ Ich unterbreche mich selbst. Der verarscht mich doch. Aber warum? „Sava, das ist ein verdammt schlechter Scherz.“
„Kein Scherz“, erwidert er kopfschüttelnd. „Niemand darf davon wissen. Versprichst du mir das? Es ist unser Geheimnis. Normans, meins und jetzt auch deins. Okay?“
„Ich nehme an, du redest nicht von dem Baumhaus?“
„Nein, ich rede von Sex.“
„Von Sex? Aha. Ihr habt es hier miteinander getrieben? Ich meine … Entschuldige den Ausdruck, okay? Ihr seid bisschen jung, aber klar, ich will ja auch nicht spießig sein und …“
„Nicht miteinander und nicht hier.“
„Mit wem denn sonst?“
„Mit Mädchen. Fiona, ich liebe dich.“
Hä? Was ist jetzt los?
„Savage, bitte. Ich weiß ja, dass Jungs in deinem Alter …“
„Norman hat gesagt, du schläfst mit jedem Jungen, der das will.“
Ich starre ihn entsetzt an. „Das glaube ich nicht!“
„Dass er das gesagt hat? Doch. Stimmt das etwa nicht?“
„Natürlich nicht!“
„Was muss ich dann tun, damit du es mit mir machst?“
„Ich werde auf keinen Fall Sex mit dir haben, okay? Erstens bist du viel zu jung. Zweitens bist du der beste Freund von meinem gerade eben verstorbenen Bruder. Und drittens …“ Ich unterbreche mich. Diese beiden Gründe reichen völlig aus.
Dachte ich.
„Die Mädchen waren noch viel jünger.“
„Jünger als ich?“
„Jünger als wir.“
Die Gedanken rasen durch meinen Kopf. Ich bin fest davon überzeugt, dass er mich verarscht, dass das ein schlechter, ein sehr, sehr schlechter Scherz ist, aber warum? Wie kommt er dazu, mit so was Scherze zu machen? Wie kommt ein Dreizehnjähriger überhaupt auf solche Gedanken? Das kann doch alles nicht wahr sein!
„Sava, kann es sein, dass dir gar nicht klar ist, was das bedeutet? Wenn die Mädchen viel jünger gewesen wären, wären sie Kinder gewesen. Ich meine, eine Dreizehnjährige, okay, in meiner Klasse waren ein oder zwei Mädchen, höchstens, die mit dreizehn ihr erstes Mal hatten, aber die sahen auch älter aus. Das kommt immer mal vor. Und ich bin bestimmt keine, die das verurteilt, ich bin ja echt keine Nonne und so, aber noch jüngere? Ich selbst hatte ja sogar mit dreizehn noch kein Bedürfnis, Sex mit einem Jungen zu haben, davor schon mal gar nicht.“
„Aber du hast dich selbst befriedigt.“
„Das geht dich absolut nichts an“, erwidere ich kühl.
„Also ja“, sagt er lächelnd.
„Das ist kein Thema für ein Gespräch zwischen uns, okay? Also, du hast doch nur einen Scherz gemacht, oder?“
Statt einer Antwort greift er hinter sich, zieht schließlich ein Pornoheft aus dem Stapel, schüttelt es, bis ein Bild herausfällt, und hält es mir hin.
Okay, bisher war ich nur nahe dran an einem Herzstillstand, gleich zweimal heute, aber jetzt habe ich wirklich das Gefühl, gleich ohnmächtig zu werden.
Das Bild zeigt Norman. Und ein Mädchen, das tatsächlich viel jünger ist als er.
Ich werfe das Bild weg, als würde es glühen und meine Finger verbrennen.
„Wer hat das Bild gemacht?“, flüstere ich. „Du?“
Er schüttelt den Kopf. „Es gibt viele Bilder. Und Videos. Norman und ich haben Geld dafür bekommen.“ Er hält den CD-Player hoch. „Den habe ich mal gekauft. Aber der andere, den du mir mitgebracht hast, der ist auch gut. Wenn dieser hier mal kaputtgeht …“
„Savage!“
Er verstummt und sieht mich fragend an.
Das kann doch nicht wahr sein! Er versteht wirklich nicht, warum ich entsetzt bin? Was das bedeutet? Bis vorhin hielt ich alles für einen sehr dummen, sehr schlechten Scherz, aber das Bild ist eindeutig. Und es sieht echt aus. Selbst wenn es nicht echt wäre, wäre schon allein die Idee widerwärtig.
Ich zwinge mich, nicht zu weinen. Nicht. Nein. Jedenfalls nicht jetzt, nicht vor Savage. Dafür versuche ich, rasend schnell darüber nachzudenken, wie ich mich verhalten soll. Wie verhalte ich mich meinen Eltern gegenüber, jetzt, mit diesem Wissen? Wie kann ich jetzt noch so tun, als wäre ich am Boden zerstört vor Trauer über Normans Tod? Ja, am Boden zerstört bin ich ja, jetzt noch mehr als vorher, aber ich spüre gerade Wut, nicht Trauer. Wenn Norman wirklich das getan hat, dann … dann … dann war er ein Monster.
Ein. Monster.
Aber es kann nicht wahr sein. Das kann einfach nicht wahr sein. Norman war kein Monster.
Mein Bruder war kein Monster. Ich habe ihn geliebt. Er war witzig, charmant, konnte jeden um die Finger wickeln.
Dann fällt mir sein Blick ein, als er mich beim Masturbieren erwischt hat. Damals hat er mich irritiert, doch jetzt … verstehe ich ihn. Norman war nicht erschrocken.
Er kannte den Anblick.
Ich schließe die Augen und kann doch nicht verhindern, dass die Tränen kommen.
„Du brauchst nicht zu weinen“, sagt Savage zärtlich und legt eine Hand auf meine Wange.
Aufschreiend stoße ich sie weg. „Fass mich nicht an!“
„Was hast du denn?“, fragt er verwirrt.
Ich glaube das einfach nicht. Der versteht es wirklich nicht. Was muss mit ihm passiert sein, dass ihm überhaupt nicht klar ist, was er getan hat? Was sie getan haben, er und mein Bruder?
„Ihr … ihr habt es mit Kindern getan …“
„Ja, das stimmt. Manchmal war es nicht so schön, aber …“
„Nein!“, schreie ich ihn an. „Ich will das nicht hören!“
„Okay“, sagt er achselzuckend.
Dann nimmt er das Bild und betrachtet es. Ich nehme es ihm wütend weg und will es zerreißen, da fällt mir etwas ein.
„Du hast gesagt, es gibt auch Videos?“
„Ja.“
„Die kann man kaufen?“
Er nickt und mustert das Bild, das ich zwischen den Händen halte. Nach kurzem Zögern mache ich Schnipsel daraus und werfe diese auf die Matratze.
„Wo?“
Savage beginnt, die Schnipsel einzusammeln.
„Wo?!“
Er zuckt zusammen und schaut hoch. „Ich weiß nur von so einer Videothek. Da ist einer, der heißt Stanley. Stanley Mime. Wenn man nach Schwimmanzügen fragt und dem Jungen mit dem Zauberstab, dann … dann kann man die Videos kaufen.“
Ich atme tief durch. Ich muss unbedingt herausfinden, ob Savage nicht doch alles zusammenfantasiert. Dieses Bild ist schrecklich, aber es könnte trotzdem eine Fälschung sein. Schon das wäre furchtbar, aber damit könnte ich noch irgendwie umgehen.
Ich muss die Wahrheit herausfinden!
„Wie heißt die Videothek?“
„StarV.“
„Okay. Savage, ich werde da jetzt hinfahren. Und ich verspreche dir, wenn du mich angelogen hast, dann wirst du es bereuen.“ Ich hasse es, einem Kind so zu drohen, allerdings bin ich mir nicht ganz sicher, ob ich wirklich einem Kind gegenüber sitze.
Sein Blick gehört jedenfalls nicht einem Kind.
„Es ist alles wahr“, sagt er schließlich. „Wenn du herausgefunden hast, dass alles wahr ist, schläfst du dann mit mir?“
Darauf kann ich nicht antworten. Wenn ich jetzt den Mund aufmache, kotze ich. Mit zusammengepressten Lippen klettere ich nach unten und laufe bis zum Auto.
Und dann ist es mir egal, ob mich jemand sieht und was er denkt. Ich kann nicht mehr. Heftig keuchend und würgend entleere ich das Bisschen, was sich noch in meinem Magen befindet, neben dem linken Vorderreifen, steige dann, mehr oder weniger blind, in mein Auto und suche tastend nach den Papiertüchern, um meinen Mund abzuwischen. Und meine Bluse. Und den Rock. Einfach alles.
Dann drücke ich meine Stirn gegen das Lenkrad und heule einfach los.
Ich hätte mich vielleicht umziehen sollen. Auch wenn meine Kleidung sauber aussieht, ich weiß, dass ich darauf gekotzt habe. Außerdem bin ich mir nicht sicher, ob eine Dreiundzwanzigjährige in knielangem Jeansrock und Bluse glaubwürdig wirkt als Interessentin für Kinderpornos.
Andererseits, weiß ich denn, wie Leute aussehen, die sich für so einen Scheiß interessieren? Ich meine, Norman und Savage haben sich anscheinend dafür interessiert. Obwohl sie selbst noch Kinder waren. Was zum Teufel muss schiefgelaufen sein, damit ein Junge wie Norman so was macht? Er hat doch alles gehabt … Nein, nicht alles.
Ich atme tief durch, dann zünde ich mir eine Zigarette an. Der Videoladen befindet sich schräg gegenüber. Montags um ein Uhr ist wohl nicht viel los da drin. Die Tür steht sperrangelweit offen, bei der Hitze kein Wunder.
Will ich das? Will ich es wirklich wissen? Vor allem, will ich das sehen?
Ich will nicht, aber ich muss! Ein Foto ist eine Sache, aber das reicht mir als Beweis nicht. Ich will Norman sehen, vor allem will ich sein Gesicht sehen.
Ich will, ich muss wissen, ob er Opfer oder Täter war.
Wahrscheinlich beides. Wie soll ein Kind in seinem Alter einsehen können, was er da anderen Kindern antut?
Konnte ich das vor zehn Jahren?
Ich versuche mich zu erinnern, wie ich damals getickt habe. Eigentlich konnte ich es. Ich wusste ja auch genau, was ich tat, als ich mit elf auf meinen Klassenkameraden losging, der ständig an meinen Haaren gezogen hatte und der schuld daran war, dass ich sie mir abgeschnitten habe. Ich verprügelte ihn und durfte dann vor dem Büro des Direktors auf meine Mutter warten.
Aber ich wusste genau, was ich tat. Und ich bereute es keine Sekunde. Ich hatte das Arschloch ja vorgewarnt, mehrmals. Bloß weil ich ein Mädchen bin, muss ich nicht alles mit mir machen lassen. Das habe ich noch nie eingesehen.
Das Mädchen auf dem Foto mit Norman hatte keine Wahl. Und hat vielleicht keine Chance mehr auf ein normales Leben.
So eine verdammte Scheiße.
Ich drücke die Zigarette aus und prüfe mein Gesicht im Spiegel, schließlich kann ich nicht verheult da rein und nach dem Jungen mit dem Zauberstab fragen. Die lachen mich aus.
Ich sehe aber verheult aus, also setze ich eine Sonnenbrille auf. Damit geht es.
Auf der Straße, in gleißendem Sonnenlicht, ist die Brille eine Wohltat, aber drinnen sehe ich damit kaum was. Muss trotzdem sein. Nach einiger Zeit habe ich mich jedoch daran gewöhnt und kann alles erkennen, was wichtig ist.
Es sind zwei Kunden drin, ein junger Mann mit aschblonden Haaren und ein älterer, beleibt und in durchgeschwitztem Hemd. Außerdem ein Angestellter, jung, mit dunkelbraunen Haaren, sportlich schlank. Ich schätze ihn auf etwa 30. Er trägt ein Hemd, hellblaue Jeans, von ähnlicher Farbe wie mein Rock, und Turnschuhe. Seine Augen sind grau, soweit ich es erkennen kann, als ich zu ihm gehe. Auf seinem Namensschild steht: Stanley. Habe ich einfach nur Glück oder gibt es hier sonst keinen?
„Hi“, sagt er.
„Hi. Habt ihr Schwimmanzüge?“
Er starrt mich erstaunt an. Also sehe ich eher nicht wie typische Kundschaft für dieses spezielle Produkt aus. Doch dann nickt er.
„Eine besondere Vorliebe?“
Na, er kommt ja schnell zum Wesentlichen.
„Der Junge mit dem Zauberstab“, würge ich hervor. Ich muss aufpassen, nicht schon wieder zu kotzen. Das wäre nicht gut hier. Irgendwie gar nicht gut. Eher ganz schlecht.
Während Stanley hinter einer Tür verschwindet, übe ich mich in Tiefenatmung, um den Krampf aus meinen Halsmuskeln zu kriegen. Es gelingt mir leidlich, sodass ich nur noch latenten Brechreiz habe, als er zurückkommt.
In der Hand hält er eine undurchsichtige Einkaufstüte aus Plastik, die er mir reicht.
„200“, sagt er leise.
„Wie viel?“
„Qualität kostet halt“, erwidert er achselzuckend.
Ich taste meine Rocktaschen ab. Verflucht. Normalerweise habe ich in jeder Hosentasche diverse Geldscheine, eine dämliche, aber auch nützliche Macke von mir. Doch diesen Rock trage ich einfach zu selten.
Aber ich habe Glück, ich finde ein Knäuel Scheine und lege es vor ihm auf die Theke. Er zählt 200 ND ab, den Rest gibt er mir zurück. Ich stopfe ihn achtlos in die Gesäßtasche und gehe, ohne mich zu verabschieden.
Bloß raus hier!
Nachdem Einsteigen lege ich die Tasche vorsichtig auf den Beifahrersitz, als könnte der Inhalt explodieren. Wenn ich jetzt angehalten und damit erwischt werde … Nun, dann könnte ich es erklären und der komische Lieutenant würde mir glauben. Hoffe ich.
Aber ich werde nicht erwischt.
Zu Hause gelange ich unbemerkt auf mein Zimmer und schließe sorgfältig ab. Dann schiebe ich die Kassette in den Rekorder, setze mich ans Fußende von meinem Bett und starte den Film mit der Fernbedienung.
Und ganz, ganz langsam, mit jeder Sekunde immer mehr, bricht meine Welt zusammen.
Ich starre die Kassette an. Da liegt sie nun. Irgendwann konnte ich nicht mehr und bin ins Bad gerannt, um den Kopf in die Kloschüssel zu stecken. Ich hätte nicht gedacht, dass man so viel und so lange kotzen kann, wenn man gar nichts im Magen hat.
Dann zog ich alles aus, schmiss die Sachen in die Schmutzwäsche und nahm frische Kleidung. Diesmal dachte ich praktischer: T-Shirt, Jeans, Sportschuhe. Wer weiß, was heute noch alles geschieht. Mich würde definitiv nichts mehr wundern.
Was mache ich mit der Kassette? Meinen Eltern zeigen? Hallo? Das bringt meine Mutter um und mein Vater mich. Eigentlich gibt es nur eine vernünftige Entscheidung: Ich fahre damit zur Polizei, beichte ihnen alles und halte mich zukünftig aus Sachen raus, von denen ich keine Ahnung habe.
Den Teil mit „Ich fahre damit zur Polizei“ sollte ich auf jeden Fall machen. Was danach passiert, sehen wir dann noch. Allerdings habe ich das dumpfe Gefühl, dass ich mit diesem Thema nicht gut umgehen kann, schon gar nicht, wenn Norman da mitmacht.
Und er macht mit. Das steht fest. Nein, er machte mit. Jetzt nicht mehr. Jetzt macht er gar nichts. Jetzt muss kein Mädchen mehr wegen ihm leiden.
Mein Gott, wenn ich daran denke, dass einige von denen noch nicht einmal in die Schule …! Ich halte die Hände vor den Mund und zwinge mich, nicht daran zu denken. Keine Ahnung, ob ich noch mehr kotzen könnte, aber ich will es nicht ausprobieren. Es reicht schon, dass die Tränen wieder aus den Augen schießen. Meine Augen brennen, schon lange.
Polizei. Ich muss zur Polizei.
Ich nehme die Kassette, packe sie wieder in die Plastiktasche und gehe zur Tür. Dort lausche ich erst, denn jetzt möchte ich niemandem begegnen. Ich habe Glück und gelange unbemerkt zu meinem Wagen.
Während ich darauf warte, dass hinter mir das Tor sich wieder schließt, schaue ich nach rechts. King Valley ist leer, eigentlich wie immer. Weiter hinten ist die Kurve zu sehen, hinter welcher der Wald beginnt und wo es nach unten zur Küstenpromenade geht, wenn man mit dem Auto fahren will.
Und zwei Motorradfahrer, die am Straßenrand stehen und sich unterhalten.
Sonst nur die Zäune und Einfahrten zu den Villen der Oberen Zehntausend von Skyline. Direkt neben unserem Haus zur rechten Hand das deutlich kleinere, in dem Leslie mit ihrem Vater lebt. Wie ein ehemaliger Geheimagent sich hier ein Grundstück leisten kann, ist mir ein Rätsel. Aber es hat den Vorteil, auf diese Weise an Leslie als beste Freundin gekommen zu sein. Dass sie auch noch in dieselbe Klasse ging wie ich, war ein nettes Extra.
Ich seufze und fahre los.
Die Motorradfahrer auch.
Hm.
Ich beobachte sie im Innenspiegel und werde nervös. Doch dann biegen sie anscheinend ab, jedenfalls sehe ich sie nicht mehr. Ich muss unwillkürlich lachen. Anscheinend werde ich allmählich hysterisch. Solche Sachen tun mir nicht gut. Das ist aber auch kein Wunder.
Ich nehme die Highway nach Westen. Das Polizeipräsidium, in dem auch der Lieutenant sein Büro hat, liegt in Center Village, an der Grenze zu Downhill. Also ziemlich mitten in der Stadt, im Gegensatz zu Old Town, dessen Herzstück King Valley bildet, dem Viertel der Reichen.
Du wohnst ja auch da, meldet sich mal wieder die Andere.
Bin ja auch nicht gefragt worden.
Du könntest ausziehen, angeblich bist du doch erwachsen.
Während ich noch über eine erwachsene Antwort nachdenke, erblicke ich wieder die Motorradfahrer. Sie sind ziemlich nahe hinter mir, es befinden sich gerade mal zwei Autos zwischen uns.
Verfluchte Scheiße, was soll das? Das ist doch kein Zufall!
Ich fahre auf dem mittleren Fahrstreifen und überhole gerade einen LKW. Rechts vorne ist die Ausfahrt ins Zentrum zu sehen, eine Ausfahrt zu früh. Vielleicht sollte ich sie trotzdem nehmen?
Während ich noch darüber nachdenke und dabei den LKW hinter mir lasse, sehe ich im Innenspiegel die Motorräder aufholen. Die in schwarze Lederanzüge gekleideten Fahrer halten Pistolen in den Händen.
Was zur Hölle …?!
Dann reagiere ich nur noch. Vermutlich der Teil in mir, der durch den Kampfsport daran gewöhnt ist, blitzschnelle Entscheidungen zu treffen und umzusetzen, reißt das Steuer nach rechts. Der BMW schießt über den rechten Fahrstreifen auf die Abbiegespur vor den LKW, den ich gerade erst überholt habe.
Die Motorradfahrer folgen mir, doch nur einer schafft es wirklich. Der andere erwischt die Abtrennung zwischen Abbiegespur und rechtem Fahrstreifen und verliert die Kontrolle über sein Gefährt. Entsetzt beobachte ich, wie er gegen die Absperrung auf der rechten Seite kracht, einen Abflug macht und nach einer längeren Rutsch- und Rollphase schließlich zum Liegen kommt.
Bis der LKW mit quietschenden Reifen über ihn …
Ich wende meinen Blick ab. Meine Fantasie reicht völlig aus, mir vorzustellen, was die blockierten Reifen mit ihm anstellen, ich muss das nicht auch noch sehen.
Zumal ich immer noch einen Motorradfahrer im Nacken habe. Fast wörtlich. Vielleicht hat er nicht einmal gemerkt, was mit seinem Kollegen passiert ist. Jedenfalls ist er dicht hinter meinem Wagen, die Waffe auf mich gerichtet.
Ich reiße erneut das Steuer herum, gleichzeitig höre ich Scheiben zerbersten. Hinten und links. Anscheinend hat er genau in diesem Augenblick abgedrückt und die Kugel verfehlt mich haarscharf.
Ich habe keine Zeit, darüber nachzudenken, ich bin nur noch im Überlebensmodus. Vor mir eine belebte, breite Straße, die zu der Einkaufsmeile führt. Ausgeschlossen, dass er die Jagd fortsetzt, hier gibt es viel zu viele Zeugen!
Und ich irre mich, wie ich schon bald erkenne.
Er ist mit dem Motorrad viel schneller als ich, bevor er also nah genug ist, um wieder schießen zu können, biege ich nach rechts ab.
Und schreie entsetzt auf, denn direkt vor mir befindet sich eine Baustelle. Ich trete mit aller Kraft auf die Bremse, doch trotzdem fliege ich geradezu auf eine Planierraupe zu. Lenkrad nach rechts, denn links ist ein riesiger LKW. Das ABS arbeitet brav und schüttelt den Wagen und mich kräftig durch. Fast reicht es auch.
Aber nur fast.
Mit der linken Seite treffe ich die Planierraupe, die sich davon relativ unbeeindruckt zeigt, im Gegensatz zum BMW. Aber danach steht das Auto endlich.
Ich brauche einige Sekunden, um mich zu sammeln. Dann blicke ich mich um. Der Motorradfahrer fährt auch nicht mehr, und mit diesem Motorrad garantiert nie wieder. Anscheinend hat er es geschafft, rechtzeitig abzusteigen und rappelt sich gerade auf.
Scheiße, haben die einen Terminator geschickt? Ich komme mir gerade wie Sarah Connor vor.
In panischer Angst klettere ich über die Mittelkonsole und stoße die Beifahrertür auf. Sie klemmt ein wenig, doch sie lässt sich wenigstens öffnen. Auf allen vieren krieche ich aus dem Auto, dann erhebe ich mich und laufe los. Anfangs etwas wackelig, nach einigen Schritten wird es besser.
Ich biege nach links in eine Passage ein, komme an einer Buchhandlung und einer Pizzeria vorbei. Kurz denke ich darüber nach, in einen der beiden Läden zu rennen, doch dann sehe ich den Killer hinter mir und laufe weiter.
Auf der anderen Seite das sonnendurchflutete Zentrum. Voll mit Menschen. Und hinter mir der Killer, mit dem Motorradhelm auf dem Kopf und der Pistole in den Händen.
„Mama, die drehen einen Film!“, schreit ein kleiner Junge begeistert.
Wie er auf diese Idee kommt, ist mir ein Rätsel. Wahrscheinlich ist das eine glaubwürdigere Erklärung für ihn als dass die Szene echt ist. Für mich bedeutet es, dass ich um mein Leben kämpfen muss. Also ständig in Bewegung bleiben. Der da hinter mir darf gar nicht auf die Idee kommen, zu schießen. Entweder trifft er mich oder Unschuldige oder beides.
Links das Korners Megastore, ein riesiges Kaufhaus mit mehreren Etagen. Ich renne durch die geöffnete Tür und dann geduckt weiter. Am Geschrei hinter mir erkenne ich, dass der Killer nicht daran denkt, aufzugeben.
Ich komme an Haushaltswaren vorbei und lasse ein großes Küchenmesser mitgehen. Eine lächerliche Waffe gegen eine Pistole, aber besser als nichts. Und die Schusswaffen sind zu weit entfernt, außerdem gesichert.
Ich denke kurz an Korner, dem ich schon mal auf einem Empfang begegnet bin. Seine Vorfahren waren Einwanderer aus Deutschland, vor vielen Generationen. Die meisten wollten in die USA, aber nicht alle. Einer von denen, die nicht in die USA wollten, war ein Urgroßvater von Korner. Oder so ähnlich.
Seltsam, dass ich jetzt daran denken muss, während ich durch das Kaufhaus hetze, immer schön geduckt. Dann zur Treppe. Nach unten oder nach oben?
Ich entscheide mich für nach oben, denn da sind die Toiletten. Vielleicht schaffe ich es, schnell genug aus dem Fenster zu klettern und den Killer so abzuhängen, der durch seinen Helm und seinen Lederanzug gehandicapt ist.
Aber Pech gehabt.
Die Toilettenfenster sind vergittert, selbst in der ersten Etage.
Als die Tür aufgestoßen wird, fahre ich herum. Und starre ihn an. Mit der linken Hand halte ich den Messergriff, der mir fast entgleitet, weil ich schwitze wie in der Sauna. Mein T-Shirt klebt an meinem Oberkörper und zwischen den Brüsten. Über meinem Kopf das vergitterte Fenster, in meinem Rücken die geflieste Wand, links die Waschbecken und rechts die Kabinen.
Und vor mir der Mann, der mich aus diesem Leben befördern wird.
Die Pistole ist auf meine Stirn gerichtet, im herunter geklappten, schwarzen Visier kann ich mich sehen. Mein angstverzerrtes Gesicht, die Brüste unter dem nassen T-Shirt …
Warum schießt er nicht?
Dann wird mir klar, dass er meine Brüste anstarrt, die genauso gut zu sehen sind, als wäre ich nackt.
Als Zweites wird mir klar, dass ich vielleicht überleben werde. Vielleicht. Die Chance ist äußerst klein, aber größer als mit einem Loch in der Stirn. Mit viel, viel Glück verliere ich nur ein Auge.
Der schlanke, hochgewachsene Kerl steht so nah vor mir, dass die Pistolenmündung fast meine Stirn berührt. Jedenfalls kommt es mir so vor. Sein Brustkorb hebt und senkt sich schnell. Er stinkt nach Schweiß und Leder.
Ich stoße mit dem Messer von unten ansatzlos zu, gleichzeitig bewege ich mich nach rechts. Ein unmögliches Unterfangen, niemand ist schneller als eine Kugel. Aber besser, als untätig zu sterben, ist es auf jeden Fall.
Ich spüre, wie die Klinge in den Körper vor mir gleitet. Und ich höre den Schuss, unerträglich laut. Dann wird mein linker Arm nach hinten gerissen, der Rest meines Körpers mit. Mein Kopf prall gegen die harte Wand, dadurch wird es schwarz vor meinen Augen.
Doch ich bleibe bei Bewusstsein. Spüre, wie ich nach unten rutsche. Höre, wie etwas hart auf den Boden knallt. Mein Messer? Oder die Pistole?
Dann kann ich wieder sehen.
Der Killer steht vor mir, aber nicht mehr so nah, wie gerade noch. Ich sitze mit ausgestreckten Beinen auf dem Boden und habe keine Ahnung, wie es um mich steht.
Um ihn jedoch steht es schlecht, das ist sicher. Der Griff des Haushaltsmessers mit der 30 cm-Klinge ragt aus seinem Solarplexus, er hält ihn fest und versucht, das Messer herauszuziehen. Dazu fehlt ihm eindeutig die Kraft, und während ich mich erstaunt frage, wie ich es überhaupt geschafft habe, die Klinge so tief in ihn hineinzujagen, fällt er langsam erst auf die Knie, dann nach vorne auf die Seite.
Er atmet röchelnd, aus seinem geöffneten Mund kommen blutige Blasen. Die Augen sind geöffnet, aber ich bezweifle, dass er mich sieht, obwohl er in meine Richtung starrt. Es wirkt eher so, als würde er seinen Schöpfer sehen. Oder den Todesengel. Oder was man halt so sieht, während man stirbt.
Schließlich hört er einfach auf zu atmen.
Ich wende den Blick langsam von ihm ab und sehe an mir hinunter. Mein T-Shirt ist immer noch nass und an der linken Seite blutig. Aber da ist kein Loch. Also lasse ich den Blick weiter schweifen, bis ich die Schusswunde in meinem linken Oberarm erkenne.
So unglaublich es eigentlich auch ist, ich war schnell genug, dass er nur meinen Arm getroffen hat, selbst aber zur Hölle gefahren ist.
Ich sollte Angst vor mir haben. Neun Männer verprügeln. Okay, eigentlich unmöglich, aber irgendwie erklärbar. Wunden über Nacht verheilt. Unmöglich und nicht wirklich erklärbar. Zwei Killer ausgeschaltet und selbst nur eine Schusswunde im Arm.
Absolut ausgeschlossen.
Dann werde ich wohl endlich ohnmächtig.
Ich kann es immer noch nicht glauben. Aber der Schmerz holt mich in die Realität zurück.
„Aua!“
„Nicht zappeln“, sagt der Arzt. „Ich sagte ja, es wäre besser, ins Krankenhaus zu fahren.“
Ich denke daran, was er sagen würde, wenn meine Verletzung morgen oder vielleicht auch erst übermorgen verschwunden wäre und erwidere: „Nein! Will ich nicht!“
Er zuckt die Achseln und macht mit der Behandlung weiter. Ob er stinkig ist und deswegen absichtlich so arbeitet, dass es wehtut? Als Arzt?
Ich schließe die Augen und versuche, ihn und den Schmerz zu ignorieren. Das funktioniert erstaunlich gut, aber dafür kommt die Erinnerung wieder.
Ich war wohl nicht sehr lang weggetreten. Der Killer lag noch genauso da wie vorher. Allerdings gab es eine weitere Mitspielerin. Sie stand in der Tür einer Kabine und starrte mich an.
Ich setzte mich langsam auf und hielt die rechte Hand auf die Wunde.
„Könnten … könnten Sie jemandem Bescheid geben?“ Meine Stimme klang ziemlich schwach, wie von weit weg. Sie nickte und rannte nach draußen, dabei schrie sie laut. Warum eigentlich?
Kurz darauf kamen zwei Polizisten hereingestürmt. Wahrscheinlich waren sie bereits vorher alarmiert wurden, wegen des Unfalls und der Verfolgungsjagd danach. Später bestätigten sie das auch, aber jetzt sichern sie erst einmal die Toilette. Bis zum Beweis des Gegenteils gelte ich auch als Verdächtige, aber den Beweis kriegen sie schnell durch den Bericht einiger Zeugen, die sich in der Tür drängen.
Als ich dann meinen Namen nenne, kriegen die Polizisten große Augen.
„Die Schwester von dem Jungen?“, fragt einer von ihnen.
Ich nicke und öffne die Augen, als eine mir bekannte Stimme meinen Namen nennt.
Der Lieutenant steht draußen und beobachtet, wie ich verarztet werde.
„Sie sollte ins Krankenhaus“, teilt ihm der Notarzt mit.
„Und?“
„Sie weigert sich.“
„Warum?“, fragt der Lieutenant mich.
„Ich hasse Krankenhäuser“, erwidere ich mürrisch.
„Aha. Sie haben es ja gehört, Doc. Wie schlimm ist die Verletzung überhaupt?“
„Sie hat Glück gehabt, in jeder Hinsicht.“
„Dann ist es ja gut.“ Er sieht mich an. „Übrigens, das stimmt wirklich. Sie haben den Polizisten erzählt, der Killer hätte gezögert. Wollen Sie wissen, warum?“
„Ich bin mir nicht ganz sicher“, erwidere ich.
„Ob Sie es wissen wollen?“
„Ja.“
„Okay.“
Als er sich abwendet, rufe ich hinterher: „Hey! Jetzt erzählen Sie doch!“
Grinsend dreht er sich wieder um. „Das war ein Berufskiller, der sich Sergio Valencia nannte. Niemand weiß, ob das sein richtiger Name ist. Er gehörte der mittleren Liga an.“
„Immerhin“, bemerke ich. Es lenkt mich von der Metzgerarbeit des Arztes ab.
„Ja, immerhin, dafür waren Sie jemandem wichtig genug. Nun, Valencia hatte eine Schwäche: Frauen. Er war berüchtigt dafür, seine Opfer zu quälen, wenn sie weiblich waren.“
„Er hat meine Brüste angestarrt …“
„Wundert mich nicht“, nickt der Lieutenant und der Arzt grinst.
Was zum …? Ich blicke an mir hinunter. Natürlich trocknet so schnell kein T-Shirt. Ich spüre, dass ich rot werde.
„Keine Sorge, wir haben schon ganz andere Sachen gesehen“, sagt der Arzt.
„Ganz andere Sachen als nackte Titten?“
„Ja, auch. Oder solche, die beim Obduzieren an den Seiten hängen, nach dem Schnitt …“
„Wollen Sie, dass ich Sie vollkotze? Lieutenant, darf er das überhaupt? Ich wurde gerade durch die Gegend gehetzt und fast von einem Berufskiller erschossen!“
„Das ist wohl wahr“, sagt der Lieutenant und nickt wieder. „Allerdings haben Sie denselben Killer mit einem haushaltsüblichen Tranchiermesser erstochen und sich nicht wie ein typisches Opfer verhalten.“
„Ich hatte nichts zu verlieren. Und ich mag nicht einfach darauf warten, geschlachtet zu werden. Ich wehre mich, wenn mir jemand was will.“
„Davon habe ich gehört.“
„Von wem?“
„Unwichtig. Bleiben wir doch lieber bei Ihnen. Mich würde es interessieren, warum die überhaupt hinter Ihnen her waren. Hat es was mit dieser Schlägerei zu tun?“
„Woher soll ich das denn wissen?“
Er starrt mich durchdringend an. „Miss Carter, ich bescheinige Ihnen, dass Sie wirklich eine sehr ungewöhnliche und auch mutige junge Frau sind. In gewisser Hinsicht bewundere ich Ihre Nerven. Aber ich möchte Sie ungern verhaften müssen. Mein Gefühl sagt mir, dass Sie uns etwas verschweigen, was auf Dauer ungesund für Sie enden könnte.“
Ich starre zurück. War ich nicht sowieso auf dem Weg zu ihm, als mir das mit den beiden Killern dazwischen kam? Ich wollte doch der Polizei alles beichten, glaube ich. Oder jedenfalls alles, was wichtig ist.
Also atme ich tief durch und nicke.
„Also schön. Sobald dieser Metzger hier fertig ist, zeige ich Ihnen etwas.“
„Und das hat mit dieser Geschichte zu tun?“
„Es erklärt alles“, erwidere ich leise.
„Dann ist ja gut. Doc, sie kann wirklich nicht ins Krankenhaus.“
„Bin ja gleich fertig“, erwidert dieser wütend.
Das stimmt. Er legt gerade den Verband an. Als er dann endlich von mir ablässt, lüfte ich mein T-Shirt, damit es nicht mehr so an den Brüsten klebt, und bewege versuchsweise den linken Arm. Geht ganz gut.
„Noch wirkt das Schmerzmittel“, bemerkt der Arzt.
„Kriege ich noch was davon?“
„Im Krankenhaus.“
Arschloch! Aber ich spreche es lieber nicht aus. Stumm klettere ich aus dem Rettungswagen und will losgehen, zu meinem Auto, als ich die Menschenmenge hinter der Absperrung erblicke. Vor allem Journalisten und Fernsehreporter.
Ach du Scheiße.
„Was wollen die alle?“, frage ich entgeistert.
„Miss Carter, Sie wurden von zwei Berufskillern auf Motorrädern verfolgt. Einer von denen wurde von einem LKW geplättet, einen anderen haben Sie mit einem haushaltsüblichen Tranchiermesser gekillt. Sie sind die Tochter des bekannten Jason Carter. Ihr Bruder wurde von einigen Tagen getötet. Und jetzt fragen Sie mich ernsthaft, was die alle hier wollen?“
„Schon gut“, erwidere ich mürrisch. „Können Sie mich zu meinem Wagen fahren?“
„Warum? Er ist eh nur noch Schrott.“
„Darin befindet sich der Grund, warum die hinter mir her waren.“
„Na schön“, sagt er seufzend.
Er muss sich selbst mit dem Auto den Weg freikämpfen. Erst mit Hilfe einiger Uniformierten gelingt es. An der Unfallstelle sieht es besser aus. Hier gibt es nur wenige Fotografen. Ein Polizist hebt den Absperrband an, sodass wir bis zum Auto fahren können. Ich springe raus und suche die Kassette. Sie ist mitsamt Plastiktüte unter den Beifahrersitz gerutscht.
Nachdem ich wieder eingestiegen bin, mustert der Lieutenant die Tasche.
„Was ist da drin?“
„Eine Videokassette. Haben Sie ein Abspielgerät?“
„Im Büro“, erwidert er mit hochgezogenen Augenbrauen. „Und was ist auf der Kassette?“
„Das würde ich Ihnen lieber zeigen. Dann glauben Sie mir sofort.“
„Na schön. Hier gibt es für mich eh nichts zu tun.“
Ich nicke nur. Während der Fahrt, die ich auf dem Beifahrersitze verbringe, halte ich mit einer Hand die auf meinem Schoß liegende Tüte fest und kaue auf den Nägeln der anderen herum. Bis ich mich dabei ertappe. Das ist doch gar nicht meine Art?! Die ganze Geschichte zehrt wohl gewaltig an meinen Nerven, verdammt.
„Schmecken sie?“, erkundigt sich die Lieutenant.
„Nein. Und sonst mache ich das auch nicht.“
„Klar. Die Ereignisse bringen wohl neue Verhaltensweisen hervor.“
Ich starre ihn an, er grinst. Irgendwie gefällt er mir, trotz seiner knurrigen Art. Nach einem Moment grinse ich zurück.
Er parkt direkt vor dem großen, imposanten Gebäude. Eine breite Treppe führt hinein, mehrere Aufzüge nach oben zu den Abteilungen. Unterwegs grüßt der Lieutenant einige Uniformierte. Ich werde begutachtet. Trotz allem werden die wenigsten mein Gesicht kennen und im Moment sehe ich wohl ziemlich wild aus.
Aber ich trage keine Handschellen, das wird einige irritieren.
Das Morddezernat hat ein eigenes Großraumbüro, und es ist verdammt laut. Schlimmer als in den Filmen. Aber vielleicht kommt es mir auch nur so vor, denn meine Nerven sind ziemlich angespannt.
Der Lieutenant winkt Heller, der Ben heißt, zu, und einer Frau. Gemeinsam gehen wir in das Büro des Lieutenants mit einer Glasfront zum Großraumbüro hin.
Als Erstes macht er die Front blickdicht, zur Verwirrung der beiden anderen.
„Detective Ben Norris kennen Sie ja bereits. Und das ist Sergeant Laura Holler. Die beiden werden sich ab sofort um Sie kümmern.“
„Was ist passiert?“, erkundigt sich Ben Norris. Seine grau-blauen Augen mustern mich neugierig.
„Zwei Berufskiller, einer davon Sergio Valencia, haben versucht, sie zu töten.“
„Oh“, sagt die Frau. Mit ihren schulterlangen, rot-braunen Haaren würde sie attraktiv sein, wenn sich nicht die Erfahrung der Jahre in ihr Gesicht eingegraben hätte. Ich schätze sie auf Anfang 40, obwohl sie älter aussieht. „Sie sind entkommen?“
„Nope!“ Jack Siever setzt sich hinter seinen Schreibtisch. „Einer wurde von einem 40-Tonner platt gebügelt, den anderen hat Fiona mit einem haushaltsüblichen Tranchiermesser getötet.“
„Wie bitte?!“ Die beiden Detectives starren mich an.
„Yep!“ Der Lieutenant hat es anscheinend heute mit Slang. Auch gut. „Während er seine Pistole auf ihre Stirn gerichtet hielt. Er hat zwar noch geschossen, aber nur ihren Arm erwischt.“
„Okay. Ich denke, wir sollten das mit den neun Jungs bei ‚Derek‘ neu überdenken“, sagt Ben.
Der Lieutenant winkt ab. „Ist erst einmal egal. Eh nicht schade um die.“
„So dürfen wir aber nicht einmal denken“, sagt Laura Holler.
„Wie?“
„Na, wie du gerade …“
„Ich habe keine Ahnung, was du meinst.“
Laura schüttelt den Kopf und setzt sich dann grinsend.
„Okay, Fiona behauptet, die Videokassette da erklärt alles, was bisher geschehen ist.“
„Tut sie auch“, erwidere ich. Inzwischen habe ich das Abspielgerät entdeckt und schiebe die Kassette in den Schlitz.
Nach wenigen Sekunden beginnt der Film.
Nach grob geschätzt zehn Sekunden wird den drei Polizisten klar, was sie sehen und hören.
Nach etwa einer Minute ergreift Ben die Fernbedienung und hält die Wiedergabe an.
Dann starren sie mich an.
„Ihr Bruder?“, fragt schließlich Siever entsetzt.
Ich nicke und kann nur mit Mühe meine Magensäfte dort halten, wo sie hingehören. „Savage behauptet, er und Norman hätten Geld dafür bekommen. Die anderen Kinder … nicht.“
„Das tut mir leid“, murmelt Ben. „Ganz aufrichtig.“
„Danke. Ich … ich weiß einfach nicht, was ich tun soll! Ich kann das doch nicht meinen Eltern erzählen!“
Die drei sehen mich hilflos an, dann sagt wieder Ben: „Ich denke, sie werden es erfahren. Möglichst nicht aus den Zeitungen. Wenn … wenn Sie möchten, übernehme ich das.“
Ich sinke auf den letzten freien Stuhl und begrabe das Gesicht in den Händen. „Ich muss das selbst machen.“ Meine eigene Stimme klingt dumpf. „Ich muss nur vorher das irgendwie begreifen. Das sind Kinder …“
„Ihr Bruder auch“, sagt der Lieutenant leise.
„Er war alt genug, um das freiwillig und für Geld zu machen!“
„Wieso hat Savage Ihnen das eigentlich erzählt?“, erkundigt sich Laura.
„Als Beweis, dass er alt genug ist, mich zu ficken.“
„Oh“, sagt sie nur.
„Wenn es der Wagen von Brodwich war, hängt er irgendwie mit drin“, bemerkt Ben nach einer Weile. „Und dann ist er mit zwei gebrochenen Armen bisher ziemlich billig davongekommen. Ja, Laura, ich weiß, ist mir aber egal.“
Sie winkt ab. „Mir auch, inzwischen. Fiona, woher haben Sie das Video?“
„Savage hat mir erzählt, wie man drankommt. Das ist doch eine Spur, oder? Wir sollten hinfahren und dann …“
„Wir?“, wiederholt Laura.
„Ich weiß, wo es ist und …“
„Es gibt doch bestimmt eine Adresse?“
„Ja, sicher. Aber …“
„Fiona, Sie sind keine Polizistin.“ Es macht ihr wohl Spaß, mich ständig zu unterbrechen.
„Hören Sie, Laura, ohne mich wüssten Sie nicht einmal, um was es hier geht!“, erwidere ich wütend.
„Wir hätten es herausgefunden. Ohne die Mitarbeit von Savage auch, nur später. Fiona, ich verstehe ja, dass Sie sich so engagieren, aber Sie haben ja selbst gespürt, wie gefährlich es ist.“
„Ja, vor allem für Berufskiller!“
Siever und Ben grinsen, Laura schaut ihren Chef hilfeheischend an. Aber dieser ist nicht auf ihrer Seite.
„Fiona wird jetzt im Visier der Bande sein, also müssen wir sie eh beschützen.“
„Genau“, sage ich.
„Jetzt mal langsam, junge Dame. Sie werden Beraterin des PDs. Ihr Alter und die Umstände sind zwar etwas ungewöhnlich, aber das scheint mir die beste Lösung zu sein.“
„Bekomme ich eine Waffe?“
„Nein!“, antworten alle wie aus einem Mund.
„Ist ja schon gut“, murmele ich. Was haben die denn?
„Also gut, Sie begleiten die beiden und zeigen ihnen als Erstes, wo Sie das Video bekommen haben“, sagt Siever, nachdem sie sich beruhigt haben.
„Hm“, erwidere ich.
„Nicht einverstanden?“
„Ich überlege nur. Als ich aus dem Haus kam, warteten die beiden auf mich. Woher wussten die, dass ich das Video habe?“
„Hm“, sagt jetzt Siever. „Eine berechtigte Frage. Hätte von uns kommen müssen.“
„Ich bin die Beraterin, oder?“
„Nicht abheben, junge Dame.“ Ist das jetzt sein neuer Lieblingsausdruck für mich? Furchtbar. „Nehmen wir einmal an, Sie wären das bei ‚Derek‘ gewesen und die bösen Menschen hätten Sie erkannt. Dann könnte es sein, dass Sie beobachtet wurden.“
„Scheiße!“, erwidere ich.
„Was ist?“
„Dann wissen sie auch, dass ich die Info von Savage habe!“
„Das ist nicht gut“, bemerkt Ben. „Wissen Sie, wo er ist?“
„Ich weiß, wo ich ihn zuletzt gesehen habe.“
„Fahrt hin!“, befiehlt Siever. „Ich gebe eine Suchmeldung für Savage raus.“
Während wir mit dem Aufzug nach unten fahre, bemerke ich: „Ich saß noch nie am Steuer eines Polizeiwagen, erst recht nicht mit Blaulicht.“
„Daran wird sich auch nichts ändern“, erwidert Ben amüsiert.
„Aber ich weiß, wohin wir müssen!“
„Ich kann auch nach Anweisung fahren.“
Ich schweige mürrisch, bis wir im Auto sitzen. Das ist doch bescheuert. Ich habe doch bewiesen, dass ich kein kleines Kind bin, und dass ich auch in gefährlichen Situation nicht die Nerven verliere. Ob die schon mal einen Berufskiller erledigt haben, während der ihnen seine Pistole auf die Stirn gedrückt hat?
Du hast nur Glück gehabt und benimmst dich außerdem jetzt gerade durchaus kindisch, stellt die Andere fest.
Trotzdem gebe ich dem Polizisten schlecht gelaunt die Richtungsanweisungen. Meine schlechte Laune verschwindet erst, als wir Savage sehen.
Stattdessen kriege ich den nächsten Heulkrampf.
Es könnte so ein schöner Tag sein. Zwar ist es immer noch heiß, aber ein leichter Wind geht durch die Bäume. Außerdem ist es Montag, der Strand wird also nicht so voll sein wie am Wochenende. Gut, eigentlich müsste ich ja auch arbeiten.
Stattdessen hocke ich im Wagen von Ben Norris und versuche das Bild loszuwerden. Das Bild von Savage, wie er hin und her baumelt. Er sieht aus, als hätte er keinen schnellen Tod gehabt. Seine Zunge quillt aus dem geöffneten Mund, die Augen sind offen und seltsam verdreht. Seine Hände hängen neben dem Körper herunter und sind blutig, als hätte er versucht, die Schlinge zu lockern.
Sie haben ihn einfach hochgezogen und zugesehen, wie er erstickt ist. Ich habe keine Ahnung, wie lange das dauert, aber ich möchte nicht so sterben. Dann lieber eine Kugel in die Stirn.
Um mich herum wimmelt es inzwischen von Menschen. Polizisten, Rettungsärzte, CSI und andere. Ich weiß es nicht. Und es ist mir so egal.
Einige schauen kurz nach mir, aber sie lassen mich in Ruhe. Inzwischen dürfte sich herumgesprochen haben, wer ich bin und was heute passiert ist. Die Killer. Savage. Und was auch immer.
Scheiße. Verdammte Scheiße.
Im Auto kommen die Geräusche nur gedämpft an. Oder es liegt an mir, könnte auch sein.
Ich begrabe das Gesicht in den Händen und weine mal wieder. Bringt bloß überhaupt nichts.
Vor drei Tagen dachte ich noch über Selbstmord nach, nicht einmal wirklich ernsthaft, aber ein bisschen schon, jetzt sterben um mich herum die Menschen. Das ist unglaublich. Bis auf Phil habe ich davor keine tote Menschen gesehen, glaube ich, jetzt innerhalb weniger Tage gleich vier. Normans Reste, die beiden Killer, jetzt Savage.
Was mache ich nur?
Ich reiße den Kopf hoch und starre durch einen Tränenschleier Ben an, als er die Tür öffnet.
„Wie geht es dir?“, fragt er.
„Erwartest du ernsthaft eine Antwort darauf?“
„Nein. Wir fahren dich gleich nach Hause.“
„Auf keinen Fall! Wir müssen diese Schweine schnappen!“
„Fiona, willst du auch … Sorry. Es ist gefährlich.“
„Meinst du, zu Hause bin ich sicherer als bei euch?“
„Du bekommst einen Streifenwagen vor die Tür gestellt.“
„Nein! Wir haben besprochen, dass ich als Beraterin dabei sein darf!“
„Das war, bevor wir Savage fanden.“
„Und was ändert das? Wir wussten auch vorher schon, dass sie gefährlich sind und vor nichts zurückschrecken. Hör zu, Ben, ich muss jetzt etwas tun, sonst drehe ich durch! Wenn ich zu Hause rumhocke, tue ich garantiert etwas Unüberlegtes!“
„Wenn du mit Suizid drohst …“
„Tue ich nicht!“, unterbreche ich ihn, denn mir wird klar, dass ich ungeschickt war. „Ich nehme denen doch nicht die Arbeit ab!“
Er grinst leicht. „Okay, du hast selbst jetzt noch deinen Humor, das werte ich als gutes Zeichen.“
„Sind wir uns dann einig? Ich bin weiterhin dabei?“
Er nickt. „Aber ich will, dass du mir versprichst, das zu tun, was wir dir sagen. Keine voreiligen Aktionen. Und du sagst uns Bescheid, wenn du lieber nach Hause gehen möchtest.“
„Okay. Ich verspreche es.“
„Na schön. Wir sind hier gleich fertig, dann fahren wir zu diesem Videoladen. Lauf nicht weg.“
„Haha.“ Ich blicke ihm hinterher, als er wieder im Wald verschwindet. Ein bisschen, wirklich nur ein bisschen, geht es mir besser. Und ich überlege, wann wir eigentlich zu der vertraulichen Anrede gewechselt sind. Ich glaube, das war in dem Moment, als ich beim Anblick des hängenden Jungen zusammengebrochen bin.
Durch die nach wie vor geöffnete Tür schaut jemand rein.
„Alles okay? Ich bin Arzt und man hat mich gebeten, nach Ihnen zu schauen.“
„Mir geht es gut“, erwidere ich und weiß genau, wie unglaubwürdig das klingen muss. Ich sitze im Fond des Wagens, die Hände gefaltet auf meinen Oberschenkeln, den Rücken krumm, das Gesicht tränenverschmiert … Ich würde mir jedenfalls kein Wort glauben.
„Der Detective meinte, dass Sie das sagen würden, und ich Ihnen nichts aufzwingen soll. Aber falls Sie Schmerzen haben …“
Ich betaste meinen linken Arm. Ein wenig tut es schon weh. Heilungsschmerz? Was würde er wohl als Arzt zu dem Phänomen sagen? Ich beschließe, dass ich es lieber für mich behalte.
„Ein bisschen …“
„Okay, ich gebe Ihnen ein paar Tabletten. Bitte ausreichend dazu trinken. Das Zeug ist stark, nicht wie das aus der Apotheke, also nicht zu viel nehmen. Höchstens eine alle vier Stunden.“
Er reicht mir ein Tütchen. Ich nehme es entgegen, schiebe es in die Hosentasche und bedanke mich artig. Er lächelt mich aufmunternd an und entfernt sich dann.
Ich lehne den Kopf zurück.
Ach du Scheiße …
Es ist vielleicht vier Stunden her, dass ich fast an derselben Stelle geparkt und den Videoladen beobachtet habe.
Ich glaube das einfach nicht. Kann das sein? Wirklich nur vier Stunden? Ich rechne nach, aber es stimmt.
Das ist ja unglaublich. Vielleicht sind es ja auch fünf Stunden, aber selbst dann …
„Wie sieht er aus?“, erkundigt sich Laura.
„Etwa einen halben Kopf größer als ich, dunkelbraune Haare, sehr kurz, graue Augen. Schlank, sportlich. Etwa 30. Er trägt ein graues Hemd, hellblaue Jeans und Turnschuhe.“
Die beiden starren mich an.
„Was?“
„Du wärst eine Traumzeugin“, sagt Ben.
„Ich habe ein gutes Gedächtnis und pflege meine Umgebung zu beobachten.“
„Es ist sehr ungewöhnlich, eine so präzise Beschreibung zu bekommen. Umso besser für uns. Du wartest hier, wie besprochen und versprochen.“
Ich schenke Ben ein kurzes und etwas gezwungenes Lächeln, während sie aussteigen. Dann sehe ich zu, wie sie die Straße überqueren und „StarV“ durch die offene Tür betreten. Das wird anscheinend eine ziemlich langweilige Beratertätigkeit, wenn ich immer nur alles aus dem Auto heraus beobachte.
Da ansonsten nichts passiert, betrachte ich meine Umgebung. Viel gibt es ja nicht zu sehen. Was soll auch schon an einem Montag spätnachmittags bitteschön los sein? Es fahren Autos durch die Gegend, Menschen gehen irgendwohin, die Fenster in den Häusern sind überwiegend zu, die Rollos unten. Die Luft flimmert. Ist doch heißer, als ich dachte. Jedenfalls hier, wo alles asphaltiert ist.
Dann kommt Stanley Mime durch die Tür. Allein und ziemlich hektisch. Er blickt sich kurz um, dann rennt er auf mich zu. Gut, nicht wirklich auf mich, er kann ja nicht sehen, dass in dem Wagen jemand sitzt, weil die hinteren Scheiben getönt sind.
Kurz darauf erscheint auch Ben in der Tür. Er wirkt gehetzt. Von Laura keine Spur.
Ich beschließe, dass mein Versprechen nicht für außergewöhnliche Situationen gilt und stoße die Tür auf. Das bringt Stanley, der eigentlich hinter dem Wagen herlaufen wollte, aus dem Takt. Seine Augen weiten sich, als ich aus dem Auto springe und er mich erkennt.
„Willst du nicht lieber warten?“, erkundige ich mich.
„Hau ab, Kleine!“, erwidert er und rennt weiter.
Das heißt, er würde ja gerne. Aber er nannte mich soeben Kleine. Das kann ich so was von nicht ausstehen. Ganz abgesehen davon, dass ich ihn sowieso nicht entkommen lassen will.
Aber er hat mich Kleine genannt, das Arschloch!
Ich springe ihn von der Seite an, mit der rechten Schulter voran. Dieser Teil von mir ist gerade schmerzfrei. Seine rechte Brust daraufhin nicht mehr. Er dreht sich um die eigene Achse, dann prallt er stolpernd gegen den Wagen, der hinter unserem parkt.
Bevor er sich aufrappeln kann, ist Ben da und legt ihm Handschellen an, ihn wenig zimperlich behandelnd.
„Du solltest doch im Auto bleiben!“, fährt er mich wütend an.
„Ach ja? Wolltest du ihm in der Hitze hinterher laufen? Übrigens, habe ich gerne gemacht.“
„Danke. – Stanley Mime, ich nehme Sie fest wegen des Handels mit Kinderpornografie. Sie haben das Recht zu schweigen. Alles, was Sie sagen, kann gegen Sie verwendet werden.“
„Fickt euch!“, erwidert der Videothekar hasserfüllt.
„Wir beide? Uns?“, hake ich neugierig nach und ernte von beiden böse Blicke. „Wo ist eigentlich Laura?“
„Er hat sie mit einem dicken Aktenordner niedergeschlagen“, antwortet Ben. „Kannst du mal nach ihr schauen?“
„Aber sicher doch!“ Ich laufe über die Straße und fühle mich bereits viel besser. Das könnte ja doch noch ganz interessant werden. Wenn er sich beruhigt hat, wird auch Ben einsehen, dass ich alles richtig gemacht habe. Einer wie Stanley ist nun echt keine Herausforderung für die laut ihres Meisters zweitbeste Kampfsportlerin des Landes.
Laura steht bereits, als ich ankomme, aber etwas wackelig. Sie sieht mich erstaunt an.
„Wo ist Mime?“
„Wir haben ihn“, teile ich ihr mit.
„Ihr?“
„Ich habe nur dafür gesorgt, dass Ben ihm die Handschellen anlegen konnte. Soll ich einen Arzt rufen?“
Sie schüttelt den Kopf, dann verzieht sie das Gesicht. Auf ihrer Schläfe ist eine dünne Blutspur zu sehen.
„Wäre vielleicht besser. Wenn du eine Gehirnerschütterung hast …“
„Fiona, willst ausgerechnet du mir was von Ärzten erzählen?“
„Ist ein Argument“, erwidere ich grinsend. „Darf ich dir wenigstens meinen Arm leihen?“
Ich sehe ihr an, dass sie erst auch das ablehnen will, sich dann aber eines Besseren besinnt. Gemeinsam gehen wir zurück zum Auto. Mime sitzt inzwischen auf dem Rücksitz, Ben steht dagegen gelehnt und hat seine Sonnenbrille aufgesetzt.
„Wo bleibt ihr denn?“, fragt er.
„Fick dich doch“, erwidert Laura.
„Komisch, alle wollen das“, bemerke ich. „Dafür muss es doch einen Grund geben.“
„Dir scheint es wieder besser zu gehen“, meint Ben und mustert mich. Wegen der Sonnenbrille kann ich nicht eindeutig erkennen, wie ernst er es meint. Er holt eine Zigarettenschachtel hervor und bietet mir was an. Ich nehme dankbar an, Laura lehnt ab und setzt sich ins Auto. Nach hinten. Der arme Stanley.
Wir rauchen eine Weile schweigend, bis Ben schließlich sagt: „Ich weiß durchaus zu schätzen, dass du uns helfen willst. Und ich habe eine Ahnung, dass du ein Karatewunderkind zu sein scheinst. Aber wenn dir was passiert, bringt Jack mich um. Und dich auch.“
„Ja, voll logisch.“
Er grinst leicht. „Du bist durchgeknallt, weißt du das?“
„Ich höre es nicht zum ersten Mal.“
„Dachte ich mir.“
„Hör zu, Ben, damit kann ich umgehen. Alles, was irgendwie mit Nahkampf zu tun hat, kann ich gut. Wir waren mal auf Klassenfahrt, etwa vor sechs Jahren, da haben drei Idioten einen Mitschüler von mir bedroht. Er hätte keine Chance gegen die gehabt, also bin ich dazwischen gegangen.“
„Was ist passiert?“, erkundigt er sich neugierig.
„Sie haben überlebt, mussten aber unterschiedlich lange im Krankenhaus bleiben.“
„Das klingt verdächtig nach Rambo.“
„Nö“, erwidere ich. „Es klingt verdächtig danach, dass ich es nicht leiden kann, wenn Schwächere oder vermeintlich Schwächere angegangen werden. Ich habe auch meinen Bruder beschützt, wenn es sein musste. Zumindest früher, als er noch mit mir unterwegs war. Als Kind habe ich mal ursprünglich Ballett gemacht, fünf Jahre lang. Mit Karate habe ich angefangen, als ich gemerkt habe, wie mit kleinen, zierlichen Mädchen umgegangen wird. Ich wollte das nicht, also habe ich gelernt, wie ich mich dagegen wehren kann. Und ich habe gelernt, dass ich nicht zu lange warten darf, bis ich reagiere. Meine Stärke ist meine Schnelligkeit. Und ich ziehe voll durch. Viele Kampfsportler haben damit ein Problem, im Ernstfall nicht abzubremsen. Ich nicht.“
„Das glaube ich dir sofort.“
„Dann hast du ja Glück“, sage ich grinsend.
„Aber neun Männer?“
„Das war ich nicht.“
Er mustert mich kurz, dann zuckt er die Achseln. Wir wissen beide, dass ich lüge, aber wir wissen beide nicht, wie ich das geschafft habe. Immerhin, eine Gemeinsamkeit.
Er wirft seine Kippe weg und deutet stumm auf das Auto. Wir steigen beide ein, ich diesmal vorne. Ich werfe einen Blick auf Stanley, aber er scheint noch zu leben. Wenn Laura was mit ihm getan hat, dann hat sie es unauffällig erledigt.
Ich lehne den Kopf gegen die Kopfstütze und schließe die Augen. Meine Wunde tut weh und ich denke darüber nach, eine Tablette zu nehmen. Aber vielleicht ist es ja Heilschmerz.
Mal sehen, wie es morgen ist.
Obwohl ich damit gerechnet habe, bin ich fassungslos. Ich sitze im Bett und starre meine Beine an. Ich finde sie ein bisschen zu dünn, obwohl sie vermutlich den Männern gefallen. Doch im Moment versetzt mich in eine kurze Schockstarre, dass sie so glatt sind.
Die Schrammen von den Dornen sind weg! Spurlos weg!
Ich betaste meinen linken Oberarm und erspüre die Wunde durch den Verband. Sie scheint nicht vollständig verheilt zu sein, aber zumindest verursacht die Berührung nicht den geringsten Schmerz.
Ich springe auf und laufe ins Bad. Dort mache ich den Verband vorsichtig ab, lege ihn aufs Klo und wasche die Wunde.
Ich bin keine Ärztin, aber ich glaube, eine Schusswunde darf frühestens nach zwei, drei Wochen so aussehen. Nicht nach nicht mal einem Tag.
Was zum Teufel ist hier nur los?
Ich ziehe das T-Shirt aus, das ich als Nachthemd nutze, und dusche. Danach geht es mir zwar nicht besser, aber ich stinke wenigstens nicht mehr. Nach dem Abtrocknen lege ich den Verband wieder an. Das bleibt besser mein Geheimnis, dass ich noch unnormaler bin, als sowieso schon alle denken. Vor meinem geistigen Auge sehe ich Bilder, wie gefangengenommene Aliens untersucht und aufgeschnitten werden.
Dann atme ich tief durch. Wenn nicht bereits das Militär, dann würde aber ganz bestimmt die Pharmaindustrie vor nichts zurückschrecken, um herauszufinden, wieso Verletzungen bei mir grob geschätzt zehnmal schneller verheilen als bei anderen Menschen.
Ich ziehe kurze, hellblaue Jeans an, aber keine Pomanschette. Schon züchtig bis zu den Oberschenkeln reichend. Und keine Stiefeletten, sondern Söckchen und Sportschuhe. Dazu ein weißes Cross Over Tanktop. Es lenkt die Blicke auf mich, aber eigentlich kann niemand behaupten, es wäre aufreizend. Nicht bei diesem Wetter. Alle Mädchen und junge Frauen in meinem Alter laufen so herum, für mehr Kleidung ist es einfach zu heiß.
Diesmal habe ich kein Glück. Mein Vater ist noch da. Zusammen mit meiner Mutter sitzt er am Esstisch.
„Fiona!“, ruft er, als ich mich hinausschleichen will. „Komm mal bitte!“
Ich schließe kurz die Augen, dann gehorche ich. Aber ich setze mich nicht, sondern bleibe ihm gegenüber stehen, die Hände auf eine Stuhllehne gelegt.
„Ja?“
Er mustert mich, dann hebt er den Blick. „Die Beerdigung ist am Donnerstag, um drei Uhr nachmittags.“
„In der größten Hitze?“
„Ging nicht anders. Wir hätten sonst eine Woche warten müssen.“
„Na gut. War es das?“
„Wo willst du hin? Arbeiten wohl kaum, oder?“
Ich betrachte meine Mutter, die neben ihm sitzt und eine Orange schält. Schon die ganze Zeit. Sehr akkurat. Ich glaube, sie weiß gar nicht, dass sie das tut.
„Nein“, antworte ich schließlich. „Ich arbeite mit der Polizei zusammen, um Normans Mörder zu fassen.“
„Aha. Und was ist mit deinem Arm passiert?“
„Das ist eine Schusswunde“, möchte ich am liebsten sagen. Und eigentlich sollte ich das auch, er wird es sonst aus der Zeitung erfahren. Aber nicht, während ich dabei bin. Ich bin noch nicht so weit, ihnen zu erzählen, was ich über Norman herausgefunden habe.
Dass er ein Monster war.
Ich begreife es ja selbst noch nicht.
Mein Bruder? Der süße Norman?
Ja, der süße Norman. Auf dem Video wurde mir deutlich, wie gut er tatsächlich aussah. Bereits mit 13 dürften ihm die Mädchen nachgelaufen sein. Warum hat er sich nicht mit denen vergnügt, die es freiwillig getan hätten? Selbst das wäre besser gewesen!
„Habe mich verletzt“, antworte ich schließlich. „Nichts Schlimmes.“
„Ja, genauso sieht es aus.“
Ich beende das dämliche Gespräch, indem ich einfach gehe. Eigentlich würde ich mich von meiner Mutter gerne verabschieden, aber dann müsste ich in die Nähe meines Vaters. Was nicht infrage kommt.
Da ich kein Auto habe, werde ich abgeholt. Von Laura und Ben zusammen.
„Was ist los?“, erkundigt sich Ben, nachdem ich mich nach hinten gesetzt habe.
„Nichts. Wieso?“
„Weil du aussiehst, als würdest du gleich heulen.“
„Es ist nichts“, erwidere ich und starre aus dem Seitenfenster. „Hat Stanley schon was gesagt?“
„Wir haben ihn noch gar nicht befragt. Soll ruhig ein wenig schmoren.“
„Okay. Darf ich bei der Befragung dabei sein? Als Beraterin?“
„Wen willst du denn beraten? Ihn oder uns?“ Die beiden grinsen sich an.
Haha.
„Ihn, damit er das Richtige sagt. Darf ich ihm dabei ein paar Zähne ausschlagen? Beratend natürlich, nur beratend.“
„Oha, ganz schön aggressiv heute, unser Schätzlein“, bemerkt Laura.
„Ich hatte vorhin ein Gespräch mit meinem Vater“, entfährt es mir. Scheiße. Ich sollte den Mund halten. Aber nun ist es zu spät.
„Euer Verhältnis ist nicht besonders gut“, bemerkt Ben nach einem Blick in den Innenspiegel. „Das ist mir schon beim ersten Mal aufgefallen.“
Eigentlich ist es ja egal, ob sie es wissen oder nicht. Ist eh kein Geheimnis, von meiner Seite aus. Mein Vater hätte lieber die heile Familie, weil sich das besser macht, aber dann soll er halt was dafür tun.
„Nein, ist es nicht. Ich bin als Erstgeborene kein Junge, damit kommt er nicht klar.“
„Dabei benimmst du dich wie einer“, sagt Laura.
„Danke!“
„Stimmt das etwa nicht? Du bist ein hübsches Mädchen, aber du hast auch viel Jungenhaftes. Vor allem bewegst du dich wie ein Junge.“
„Das stimmt nicht. Meine Art, mich zu bewegen, hängt mit dem Sport zusammen. Jungs, die so trainieren, bewegen sich anders. Und ich weiß, dass ich immer noch das Tänzelnde drin habe, vom Ballett. Aber ich bewege mich nicht wie andere Mädchen in meinem Alter, die von der Diät dünn sind, aber keine Muskeln haben. Das ist ein Riesenunterschied, okay?“
„Oh, sind wir an der Stelle empfindlich?“
„Ja, sind wir. Ich habe Ben gestern schon gesagt, warum ich mit dem Kampfsport angefangen habe. Mal abgesehen von dem konkreten Anlass, aber das hat nur den Denkprozess in mir ausgelöst. Ich will keine Emanze sein, aber ich hasse es echt, wenn ich nicht für voll genommen werde. Und als blondes, zierliches Mädchen passiert mir das ständig. Ich könnte dann jedes Mal ausrasten.“
„Sieht man dir gar nicht an“, bemerkt Ben.
„Nein, ich kann mich nach außen ganz gut beherrschen. Meistens. Auf der Schule bin ich ein paarmal ausgerastet, danach wussten sie Bescheid und haben es akzeptiert. Ich meine, ich helfe gerne. Und ich bin lieber nett als böse, aber ich kann auch sehr, sehr böse sein.“
„Habe ich gemerkt, als du Stanley gestoppt hast.“
„Das war sehr zurückhaltend.“
„Trotzdem, dein Gesichtsausdruck war eindeutig. Egal. Was war denn der konkrete Anlass?“
„Wie bitte?“
„Du hast vorhin was von einem konkreten Anlass gesagt.“
„Ach, das. Ich hatte damals lange Haare und der Idiot hinter mir hat ständig daran gezupft. Tagelang. Ich habe ihn mehrfach gewarnt, dass ich ihn zusammenschlage, aber er hat nur gelacht. Irgendwann, mitten in der Geschichtsstunde, bin ich dann aufgesprungen, habe mich auf ihn geworfen und ihm die Nase gebrochen.“
„Oh, oh.“
„Ja, das gab ein Riesentheater. Meine Mutter durfte auch kommen. Ich sollte mich dann auch noch entschuldigen, aber da habe ich mich geweigert. Hat ja auch keinen interessiert, warum ich das getan habe. Mädchen dürfen sich nun einmal nicht so verhalten. Schon mal gar nicht so hübsche Mädchen mit so schönen langen Haaren. Hat ernsthaft eine Lehrerin gesagt.“
„Die lebt noch?“
„Ja, leider. Okay, das war jetzt doof. Sorry. Aber ich habe dann am nächsten Morgen mit einer Nagelschere meine Haare abgeschnitten. Meine Mutter ist fast ohnmächtig geworden, als sie mich danach sah. Seitdem habe ich diese Frisur. Und ich habe ihr gesagt, als ich beim Friseur saß, dass sie mich beim Ballett abmelden soll, ich will Karate lernen. Nach einigen Diskussionen hat sie zugestimmt, zumal ich ihr gesagt habe, dass ich da lernen würde, mich zu beherrschen.“
„Das ist ja auch wirklich so beim Kampfsport“, sagt Ben.
„Ich weiß. Klappt einigermaßen. Ich habe euch das auch nur erzählt, weil Laura vorhin meinte, ich würde mich wie ein Junge benehmen. Als Junge bräuchte ich mich gar nicht so zu verhalten.“
„Klingt nach Vorurteilen.“
„Klingt nach Erfahrung. Ich weiß nicht. Hast du andere Erfahrungen gemacht?“
„Ich bin ja nicht zierlich und blond.“
„Haha. Ernsthaft jetzt.“
„Ja und nein. Ich glaube, Rothaarige werden anders eingeschätzt.“
„Und das ist jetzt kein Vorurteil, oder wie?“
Sie dreht sich grinsend zu mir um. „Touché. Okay, an Vorurteilen ist ja meist auch was dran. Und sei doch ehrlich: Wir sind ganz unterschiedliche Typen, unterschiedliche Beuteschemata.“
„Ich bin gar keine Beute“, murmele ich. „Aber ich weiß, was du meinst. Schon klar.“
„Um auf deine Frage zurückzukommen: Ja, ich habe auch meine Erfahrungen gemacht, und die waren keineswegs nur schön. Gerade bei der Polizei spielt es eine Rolle, dass ich kein Mann bin. Ich will mich aber gar nicht beschweren.“
Und ich bin echt froh, dass wir jetzt ankommen. Solche Gespräche machen mich aggressiv, und meine Grundstimmung war eh schon schlecht. Es ist ja nicht so, dass ich es nicht gelernt hätte, aus meinem Aussehen auch mal Profit zu ziehen. Gezwungenermaßen. Deswegen finde ich es trotzdem nicht gut, dass Jungs es besser haben. Wie sehr das stimmt, das durfte ich ja ständig an Norman sehen.
Trotzdem ist er tot, nicht ich.
Ben veranlasst von seinem Schreibtisch aus, dass Mime in einen der Verhörräume gebracht wird. Laura erklärt mir in der Zwischenzeit einige grundsätzliche Dinge, zum Beispiel, dass ich möglichst nur zuhören sollte. Eigentlich nur zuhören sollte.
„Am besten bleibst du erst einmal nebenan und beobachtest nur“, meint Ben.
„Was soll ich beobachten?“
„Wie wir das machen.“
Ich zucke die Achseln. „Okay. Hauptsache, wir kriegen raus, wie wir an die Hintermänner drankommen.“
„Kriegen wir. Früher oder später.“
Ich verzichte lieber darauf, zu erzählen, was ich von später halte. Sie werden es sich eh denken können. Und wenn nicht, ist es auch egal.
Stanley Mime wirkt etwas nervös, als er hereingeführt wird. Sein Blick flattert zwischen den beiden Polizisten hin und her, die vor ihm sitzen. Hauptsächlich stellt Ben die Fragen und notiert sich die nichtssagenden Antworten von dem Kerl. Zumindest tut er so.
Natürlich streitet Stanley alles ab. Ich würde lügen, als Ben bemerkt, dass es eine Zeugin gibt. Überhaupt, wer ich denn sei? Außerdem wäre es eine Falle gewesen, jemand hätte ihm was untergejubelt.
Nach einer Stunde sagt Laura, dass sie einen Kaffee braucht und kommt dann zu mir.
„Lange hält er nicht mehr durch“, sagt sie dabei.
„Echt jetzt? Warst du bei einem anderen Verhör als ich?“
„Nein, aber ich habe so was schon öfter gemacht“, erwidert sie lächelnd. „Er ist nervös. Klar, er hat wohl auch Angst vor denen, die hinter der Sache stecken und ihn töten würden, wenn er redet.“
„Warum lassen wir ihn nicht laufen und beschatten ihn?“
„Vielleicht machen wir das“, sagt sie achselzuckend. „Aber das wäre mit Aufwand verbunden, außerdem mit dem Risiko, dass er entkommt. Ich glaube, ihn kriegen wir auch so zum Reden.“
„Aha. Darf ich mit ihm reden?“
„Meinetwegen darfst du mich ablösen, aber ob du Fragen stellen darfst, entscheidet Ben. Nimm Kaffee mit.“
„Guter Bulle, schlechter Bulle?“
„Du guckst zu viele Krimis. Nein, für Ben.“
Ich finde den Kaffeeautomaten um die Ecke und ziehe drei Kaffees, die ich in den Verhörraum balanciere. Die drei Pappbecher stelle ich erst auf dem Tisch ab, dann setze ich mich und verteile die Becher.
Ben beobachtet mich fragend.
„Wolltest du keinen Kaffee?“, erkundige ich mich.
„Doch. Aber ich dachte, Laura bringt ihn.“
„Falsch gedacht.“ Ich mustere Stanley, der mich wütend anstarrt. „Hi. Ich wusste nicht, wie viel Zucker du in deinen Kaffee tust, deswegen habe ich drei Portionen reingetan.“
„Ich mag es süß.“
„Wie die süßen kleinen Mädchen?“
„Ich habe keine Ahnung, wovon du redest. Was macht sie überhaupt hier? Und wo bleibt mein Anwalt?“
„Er steckt im Stau fest. Aber du brauchst ihn gar nicht, um uns zu erzählen, wer dir die Videos geliefert hat.“
„Es gibt einen Lieferdienst, wie ihn alle Videoclubs haben.“
„Dass ich nicht die Filme meine, die ihr offiziell vermietet, weißt du ja.“
„Nein, weiß ich nicht. Aber das habe ich schon gefühlt hundertmal gesagt.“
„Du tust mir jetzt schon leid“, bemerke ich, bevor Ben die Schleife von vorne beginnen kann.
„Wieso?“
„Ich denke, du wirst nicht sitzen können. Wenn du Glück hast. Vielleicht hängen sie dich ja auch auf.“
„Fiona, was soll das?“
Ich wende mich an Ben. „Ist das nicht so? Was geschieht denn im Gefängnis mit Kinderschändern?“
„Ich bin kein Kinderschänder!“, schreit Stanley.
„Aber du vertreibst die Videos, in denen Kinder vergewaltigt werden! Glaubst du, das interessiert die im Knast, ob du mitmachst?“
„Ihr müsst mich beschützen, das ist eure Pflicht! Und überhaupt, wer ist die eigentlich?“
„Sie ist Beraterin. Wir arbeiten mit ihr zusammen.“
„Mit der?“ Stanley wirft mir einen verächtlichen Blick zu. „Müsste sie nicht in der Schule sein?“
Er hat Glück, er benutzt nicht das Wort. Er sagt nicht „Kleine“ oder etwas Ähnliches, sonst fiele es mir deutlich schwerer, mich zu beherrschen. Aber im Prinzip sagt er es doch.
Ich atme tief durch. „Ben, darf ich alleine mit ihm reden?“
„Nein!“
„Schade. Glück für dich, Stanley Mime. Weißt du, was ich glaube? Ich glaube, du weißt ganz genau, dass dich niemand beschützen kann, wenn deine Mithäftlinge herausfinden, dass du ein beschissener Pädo bist. Das glaube ich. Dann hast du ausgeschissen, aber so was von.“
Ben starrt mich entgeistert an, dann erhebt er sich. „Kommst du bitte mit, Fiona?“
Ich gehorche. Draußen fährt er mich an: „Was soll das? Und wo hast du diesen Scheiß her?“
„Stimmt das etwa nicht?“
„Das mag in Brasilien oder Mexiko so sein, aber nicht bei uns.“
„Und meinst du, das Arschloch weiß das?“
„Wahrscheinlich nicht. Du wusstest es ja auch nicht.“
„Haha. Wollen wir nun einen Namen von ihm hören oder nicht?“
„Doch. Aber nicht mit solchen Methoden.“
„Warum nicht?“
„Weil Polizisten in diesem Land nicht so arbeiten.“
„Kein Problem. Ich bin ja keine Polizistin. Ich berate euch, dass ihr das so machen sollt und stelle mich freiwillig zur Verfügung.“
Laura, die uns aus der Tür zum Nebenraum zuhört, sagt plötzlich: „Ich finde die Idee gar nicht so schlecht. Und auch wenn bei uns vielleicht Pädos nicht aufgehängt oder in Stücke geschnitten werden, kann ihnen das Leben zur Hölle gemacht werden, wenn die anderen rauskriegen, warum sie im Knast sind.“
„So arbeiten wir aber nicht, Laura.“
„Ja, du hast recht, normalerweise nicht. Aber Fiona ist keine Polizistin.“
„Darum dürfte sie gar nicht da drin sein. Aber meinetwegen, macht doch, was ihr wollt.“
Ich starre ihn erstaunt an, dann werfe ich einen fragenden Blick auf Laura. Diese zuckt grinsend die Achseln, und mir wird klar, dass Ben in Wirklichkeit auch weiß, dass die nicht hundertprozentig legale Methode schneller und damit besser ist. Und weil es ihm nicht in erster Linie darum geht, Stanley ins Gefängnis zu bringen, sondern an die Verantwortlichen heranzukommen, tut er nur so, als wäre er der Gute.
Also doch böser Bulle.
Kann mir nur recht sein.
„Warum hast du mich eigentlich herausgerufen?“, erkundige ich mich.
„Um ihn zu verunsichern. Er hofft darauf, dass ich dich zurechtstutze. Wenn wir wieder reingehen und du machst weiter, ist er bald weichgekocht.“
„Ich muss wohl meine Meinung über dich revidieren, Ben“, stelle ich fest.
„Tue das ruhig. Aber später. Komm.“ Er hält mir die Tür auf, wir gehen hinein, zu Stanley, der mich grinsend ansieht.
„Na, weißt du jetzt Bescheid?“
„Oh ja, weiß ich. Weißt du, mein Onkel ist bei der Polizei, der hat mir Sachen erzählt, dagegen war ich ja noch zurückhaltend. Ich bin ein nettes Mädchen, deswegen drücke ich mich nicht so aus wie mein Onkel.“
Stanley schnaubt. „Du? Nettes Mädchen?“
„Irgendwie schon. Ich habe dir zum Beispiel nichts gebrochen, als ich dich aufgehalten habe. Hätte kein Problem damit gehabt. Ben hier kann das bestätigen.“
„Oh ja“, sagt Ben.
Stanley wird unsicher, das sehe ich an seinem Blick. Es überrascht ihn, dass Ben mich plötzlich unterstützt. Damit hat er nicht gerechnet, schätze ich.
„Was wird das hier eigentlich?“, fragt er schließlich.
„Es hat sich nichts geändert“, erwidere ich. „Wir wollen von dir wissen, wie du an die Videos kommst. Und sag nichts vom Lieferdienst, wir wissen alle, dass du weißt, was wir meinen. Okay?“
„Selbst wenn es so wäre, warum sollte ich überhaupt mit euch zusammenarbeiten?“
Ich werfe einen hastigen Blick auf Ben, doch der ignoriert das und mustert Stanley mit einem gelangweilten Gesichtsausdruck. Dann nippt er an seinem Kaffee.
„Dafür gibt es mehrere Gründe“, sage ich schließlich, da anscheinend ich das Gespräch weiter führen darf. Oder sogar soll. „Der wichtigste ist, dass wir dann dafür sorgen werden, dass du den Knast überlebst. In einem Stück. Hilfst du uns, helfen wir dir. Ist das ein guter Grund oder nicht?“
Ich nehme aus dem Augenwinkel wahr, wie Ben mich ansieht, aber nun ignoriere ich ihn.
„Und wie wollt ihr das schaffen? Komme ich in das Kronzeugenprogramm?“
„Jetzt mal nicht übertreiben“, erwidert Ben. „Ich glaube nicht, dass du genug für einen Kronzeugen weißt.“
„Wenn ich euch den Namen von jemandem liefere, der weiß, wie die Drahtzieher sind, was ist dann?“
„Vielleicht wird es dann was mit uns“, sagt Ben. „Wir überprüfen das, wenn du die Wahrheit sagst, dann stehen deine Chancen gut.“
„Es kann aber auch sein, dass ich trotzdem in den Knast komme?“
„Sieh das mal so“, bemerke ich und beuge mich vor, wie die es in Filmen auch immer machen, wenn sie etwas Bedeutendes sagen wollen. „Kooperierst du nicht, kommst du auf jeden Fall in den Knast. Ohne Vaseline wird es hart. Wenn du mit uns kooperierst, hast du eine Chance, dein Arschloch nicht in Zukunft mit einem Stopfen zumachen zu müssen, damit die Scheiße nicht direkt herausfällt.“
„Fiona!“ Ben starrt mich entgeistert an, und ich glaube, diesmal ist es echt.
„Was denn? Gibt es das auch nur in Brasilien?“
Er schüttelt den Kopf, dann mustert er Stanley. „Fiona hat, trotz des etwas plakativen Vergleichs, tatsächlich recht. Leute wie du stehen in der Hierarchie ganz, ganz weit unten. Weißt du was? Du kommst jetzt zurück in deine Zelle und darfst dir bis morgen überlegen, ob du mit uns zusammenarbeitest oder nicht. Haben wir morgen um zehn Uhr noch keinen Namen von dir bekommen, ist der Zug abgefahren. Komm, Fiona, wir gehen.“
Er packt seine Tasse, erhebt sich und steuert auf die Tür zu. Ich werfe einen Blick auf Stanley, der mich wie versteinert anstarrt, dann zucke ich die Achseln und folge Ben.
„Wartet!“
Bens Hand liegt bereits auf der Klinke. Er dreht sich mit einem fragenden Gesichtsausdruck um.
„Okay, ich bin dabei!“ Stanley leckt sich die Lippen. „Scheiße, ich glaube, ihr seid wirklich so verrückt, und ich weiß, was die mit mir machen würden.“
„Eine weise Entscheidung“, nickt Ben und kehrt zurück an den Tisch. „Na, dann erzähl mal. Und denk daran, du hast nur diese eine Chance.“
„Schon gut.“ Stanley beobachtet mich, als ich ebenfalls zu meinem Platz zurückgehe. „Er heißt Malcolm. Gerry Malcolm. Er bringt die Videos, aber er ist nicht bloß ein Kurier. Aus dem, was er gesagt hat, denke ich, dass er weiß, wer weiter oben ist.“
„Das denkst du?“
Er nickt und leckt sich erneut die Lippen. Lügt er jetzt, oder was? Ich krame in meinem Gedächtnis, was ich über Verhaltenspsychologie gelernt habe. Viel war es ja nicht, aber ich habe ja auch nicht studiert. Wenn ich nicht völlig daneben liege, dann ist das eine Beschwichtigungsgeste.
Der Kerl hat Schiss ohne Ende.
Okay, das ist nachvollziehbar.
„Also gut, wir überprüfen ihn. Gerry Malcolm? Wenn er etwas weiß, was uns weiterbringt, lege ich ein gutes Wort beim Captain für dich ein. Wenn du allerdings uns anlügst, dann wird es düster. Sehr düster.“
„Ich sage die Wahrheit“, erwidert Stanley.
„Okay. Wir werden sehen. Komm, Fiona, wir gehen jetzt tatsächlich.“
Draußen wendet er sich mir zu. „Laura und ich fahren zu diesem Kerl, du …“
„Und ich fahre mit!“
„Du fährst nicht mit!“
„Doch! Wieso willst du es mir verbieten?“
„Weil es gefährlich werden könnte?“
„Und wenn er euch wegläuft? Wer soll ihn dann stoppen?“
„Fiona, das ist kein Spiel. Stanley aufzuhalten war … Na ja, er ist ungefährlich, eigentlich. Dieser Malcolm scheint aber ein anderes Kaliber zu sein.“
„Oh, ich bin auch ein anderes Kaliber. Hör zu, ich fahre mit und bleibe im Auto. Was soll da schon passieren?“
„Du bleibst wirklich im Auto? Egal, was passiert?“
„Natürlich steige ich aus, wenn ein LKW euren Wagen rammen will!“
„Aber nur dann?“
„Nur dann!“
„Also gut, dann komm meinetwegen mit“, sagt er und wendet sich kopfschüttelnd ab.
Laura ist nicht begeistert, aber anscheinend hat sie verstanden, dass es keinen Sinn hat, mich von etwas abbringen zu wollen, was ich mir in den Kopf gesetzt habe. Stimmt ja auch. Eine der wenigen Eigenschaften, die ich von meinem Vater geerbt habe und für die ich ausnahmsweise sogar dankbar bin, obwohl es etwas von meinem Vater ist. Kann ja nicht alles nur schlecht sein.
Also sitze ich hinter Laura und beobachte die Gegend, durch die wir fahren. Sie weckt Erinnerungen, an Greg, dem ich verdanke, dass ich meine größte – meine große – Liebe Phil kennengelernt habe. Weil er so ein Arschloch war. Toller Sex, zumindest für ein paar Wochen. Hoffentlich hat er immer noch Schmerzen beim Pissen.
Ich beschließe, lieber nicht länger daran denken zu wollen. Es würde keinen guten Eindruck machen, wenn ich anfinge zu heulen, und beim Gedanken an Phil könnte das passieren. Selbst jetzt noch, nach fast vier Jahren.
Verdammte Scheiße.
„Alles okay?“, erkundigt sich Ben, und mir fällt auf, dass er mich anscheinend schon eine Weile im Rückspiegel beobachtet.
„Schau auf die Straße!“
„Ich habe zwei Augen. Und du Tränen in deinen.“
Ich fahre mit den Händen über meine Augen. Er hat recht. Echt klasse. Ich markiere hier die harte Göre und heule. Ja, so macht man das. Glaubwürdig ohne Ende.
„Habe mich nur an etwas erinnert“, erwidere ich schließlich. „Ist privat. Sehr privat.“
„Okay, kein Problem. Wir sind gleich da.“
Ben parkt den Wagen am Straßenrand, fast vor dem Haus. Ich kann am Haus vorbei in eine Gasse hineinsehen, allerdings ist ein Gittertor davor, etwas höher als ich.
„Du parkst nicht vorschriftsmäßig“, teile ich Ben mit, da sich das Haus links von uns befindet.
„Möchtest du wieder nach Hause?“, erkundigt er sich, während er aussteigt und dabei seine Waffe kurz prüft.
„Meinetwegen kannst du ja parken, wie du willst. Aber was sage ich dem Polizisten, der das nicht gut findet?“
„Zeige ihm das Blaulicht. Im Handschuhfach.“
„Gut zu wissen.“
„Nur für den Notfall, klar?“
„Ja, ja.“
Ich beobachte die beiden, wie sie das Haus betreten, dann lehne ich mich zurück. Es ist schon wieder so heiß. Ich liebe den Sommer ja, ich liebe die Sonne, ich liebe es auch, wenn es warm ist, aber das ist selbst mir schon fast zu viel des Guten.
Dann fällt mein Blick auf die nackten Schienenbeine. Wie frisch gewachsen. Ich begreife das einfach nicht. Ich habe ja keine Medizin studiert, aber Biologie fand ich immer interessant und auch in Genetik gut zugehört. Wie kann das sein? Ich könnte mir natürlich schon vorstellen, dass es eine Krankheit gibt, bei der die Zellteilung viel, viel schneller abläuft als normal. Aber müsste ich dann nicht schon aussehen, als wäre ich 100? Mindestens?
Ich werde aus meinen düsteren Gedanken gerissen, als ich Bewegung sehe. Auf der Feuertreppe an der Seite vom Haus, in das Laura und Ben gegangen sind. Dort, wo das Gittertor ist. Ein Kerl in Jeans und Muskelshirt klettert aus dem Fenster und dann verdammt schnell nach unten. Er scheint ziemlich muskulös zu sein, hat rote, kurzgeschorene Haare. Und eine Pistole im Hosenbund.
Fiona, bleib einfach sitzen und überlass das den beiden. Er ist bewaffnet und sieht aus wie van Damme.
Wen interessiert van Damme?
Ich springe aus dem Auto und über das Gittertor. Der Kerl, der Gerry Malcolm sein müsste, und ich kommen gleichzeitig auf dem Boden an. Er starrt mich kurz an, dann wendet er sich ab und rennt von mir weg. Vor mir? Oder nur vor den beiden anderen? Eigentlich spielt das eine große Rolle, dennoch beschließe ich, dass es mich in diesem Moment nicht interessiert.
Und folge ihm. Von oben höre ich Ben schreien, kann ihn aber nur schlecht verstehen. Irgendetwas mit „Verdammt“ und „Fiona“ und „Verflucht“. Er soll deutlicher reden, wenn er was von mir will.
Am Ende der Gasse klettert van Damme alias Gerry Malcolm auf eine Mauer und springt auf der anderen Seite hinunter. Ich folge ihm kurzentschlossen und finde mich in einem Garten wieder. Was es hier so alles gibt. Der Garten ist klein und an der Terrassentür, die zum Glück geschlossen ist, klebt ein wütender Hund. Schäferhund.
Ich sehe zu, dass ich weiterkomme, zumal auch Malcolm nicht auf mich wartet. Oder doch, aber dann sehe ich es nicht. Wäre nicht optimal, geht mir kurz durch den Kopf. Andererseits, ich habe neuerdings Glück, außerdem, wer weiß, vielleicht heilen auch sonst tödliche Wunden bei mir inzwischen?
Hör auf zu träumen, Fiona.
Wir überqueren noch einige Gärten, nicht alle sind unbenutzt, doch niemand kommt dazu, etwas zu tun, so schnell sind wir wieder fort. Ich höre hinter mir ein Kleinkind weinen, das tut mir echt leid, aber im Moment kann ich darauf keine Rücksicht nehmen.
Dann kommt der Augenblick, dass ich nicht in einem Garten lande, nachdem ich über ein Mäuerchen springe, sondern auf dem Hof vor einer langen Garagenreihe.
Und mich Malcolm gegenüber sehe.
Ups.
Seine Pistole ist auf mich gerichtet.
Ich reagiere instinktiv, das ist vermutlich auch gut so. Wenn auch nur einer von uns die Gelegenheit zum Nachdenken hätte, wäre das fatal.
Für mich, vor allem.
Aber er rechnet ganz sicher nicht mit dem, was ich tue. Ich ja auch nicht.
Mit einer Hand schlage ich die Pistole zur Seite, so heftig, dass sie davon fliegt, mit dem Ellbogen voran springe ich dann gegen den riesigen Kerl. Ich treffe ihn so wuchtvoll am unteren Ende des Brustbeins, dass er auf den Rücken fliegt und ich fast auf ihn. Kann mich gerade noch so abfangen und nutze den eigenen Schwung, um in einem Halbkreis zur Pistole zu stolpern, sie hochzureißen, herumzufahren und auf Malcolm zu richten.
Er liegt immer noch auf dem Boden und starrt mich an. Sein Gesicht ist schmerzverzerrt. Das allerdings wundert mich nicht, ich weiß aus eigener Erfahrung allzu gut, wie schmerzhaft so ein Treffer gegen das Brustbein sein kann.
„So“, sage ich. Keine Ahnung, wieso. Ich glaube, das wirkt einschüchternd. Vielleicht. Hoffentlich. Eine junge Blondine mit einer Pistole in der Hand wirkt vielleicht ohne „So“ nicht einschüchternd genug. So genau weiß ich es aber nicht.
Malcolm beginnt, sich aufzurichten.
„Hey, hey! Bleib mal schön auf dem Boden!“
Er hält inne, dann grinst er. „Die Pistole ist ja nicht einmal entsichert.“
„Echt nicht?“ Für einen Moment werde ich unsicher, aber dann fällt mir ein, dass er die Pistole schon auf mich gerichtet hatte. Gesichert? Wohl kaum.
Ich ziele neben ihn und drücke ab.
Der Knall ist fast unerträglich laut hier, zwischen den Mauern. Ich höre kaum den Querschläger, der dann irgendetwas trifft. Irgendetwas aus Glas.
Scheiße.
Niemand schreit, das ist schon mal gut.
Malcolm wird aber sehr bleich.
„Hör zu“, sage ich. „Du hast recht, ich kenne mich mit Pistolen nicht so gut aus. Aber ich kann abdrücken, wie du gesehen hast. Und ich bin heute irgendwie nervös. Meine Finger zucken seit dem Aufwachen. Also, wenn du aufstehst, schieße ich auf dich. Wo dich das trifft, weiß ich nicht, aber zielen würde ich auf deine Eier. Klar?“
Er nickt und schwitzt. Also brauche ich die Pistole nicht nachzuladen. Das ist auch gut so. Eine Halbautomatik oder Automatik oder wie das auch immer heißt. Verdammt, ich brauche unbedingt Schießunterricht, wenn mein Leben so weitergeht.
„Okay. Für wen arbeitest du?“
„Was?“
„Für wen du arbeitest! Und denk an meinen nervösen Finger, verdammt!“ Ich schwitze auch, außerdem weiß ich, dass Ben und Laura bald hier sein werden. Dann nehmen sie mir die Pistole weg. Was vielleicht auch besser ist, aber ich will trotzdem einen Namen von diesem Arschloch. Also richte ich die Waffe jetzt zwischen seine Beine. „Noch einmal frage ich nicht!“
„Du bist wahnsinnig! Keine Polizistin darf …“
„Ich bin keine Polizistin.“ Und drücke erneut ab, sicherheitshalber aber nicht zwischen seine Beine zielend, weil ein Querschläger ihn treffen könnte. Ganz abwesend ist mein Verstand also doch nicht. Aber richtig da auch nicht. Ist wohl im Auto geblieben.
Er schreit auf. „Bist du wahnsinnig?!“
„Du wiederholst dich. Name?“
„Rollo! Jay King Rollo!“
Im nächsten Augenblick werden wir erlöst, weil Ben über die Mauer ankommt und fast gleichzeitig Laura mit dem Auto. Die nicht über die Mauer.
Ich atme tief durch und lasse die Pistole sinken. Ben nimmt sie mir vorsichtig ab.
„Bist du bescheuert?“, fragt er dann.
„Danke, mir geht es gut.“
„Das bezweifle ich. Welchen Teil von ‚Bleib im Auto!‘ hast du eigentlich nicht verstanden?“
„Jay King Rollo.“
„Was?“
„So heißt sein Boss. Kennst du den?“
Ben wechselt einen Blick mit Laura, die gerade den mit Handschellen gefesselten Rothaarigen ins Auto bugsiert.
„Also ja.“
„Ja, der Name ist bekannt“, knurrt Ben. „Ob der Kerl dir die Wahrheit gesagt hat, wissen wir …“
„Hat er.“
„Was?“
„Er hat mir die Wahrheit gesagt!“, wiederhole ich. „Er hatte eine Scheißangst, weil er gemerkt hat, dass ich mit der Pistole nicht umgehen kann. Freundlicherweise hatte er sie aber vorher entsichert, weil ich habe keine Ahnung, wie das geht. Zeigst du es mir?“
„Nein!“
„Und wieso nicht?“
„Weil du keine Waffe in die Hände nehmen sollst!“
„Ben! Ich finde es sowieso heraus, wenn ich will.“
„Ich denke darüber nach“, sagt er mürrisch. „Jetzt steig ins Auto, wir bringen den Kerl zur Staatspension.“
Grinsend steige ich vorne ein, da es wieder Lauras Aufgabe ist, sich um den Gefangenen zu kümmern. Dieser sieht ziemlich wütend aus, was ich ja irgendwie auch verstehen kann. Ich wäre bestimmt auch ziemlich wütend, so als gefährlicher Gangster, wenn mich so eine Kleine nicht nur überwältigt, sondern mir auch noch eine wichtige Information entlockt hätte.
Vielleicht sollte ich mal darüber nachdenken, mir wirklich eine Pistole zuzulegen. Aus meiner Zeit mit Greg weiß ich, dass Gangs und überhaupt diesen harten Jungs sehr nachtragend sein können.
Und das, was ich mit Brodwich und seinen Freunden gemacht habe, werden sie nicht ungesühnt lassen wollen. Zu welchen Mitteln meine neuen Feinde zu greifen bereit sind, haben sie ja bereits demonstriert. Mein einziger echter Vorteil dürfte meine neue Unverletzlichkeit sein. Auf sie verlassen sollte ich mich allerdings nicht.
Scheiße, Scheiße. In was habe ich mich da bloß hineingeritten?
Nachdem wir Gerry Malcolm abgeliefert haben, steigen wir wieder ins Auto. Diesmal muss ich hinten sitzen. Eigentlich finde ich das nicht einmal schlimm, denn so kann ich in Ruhe nachdenken. So langsam scheint mir, dass es eine gute Idee ist, das gelegentlich zu praktizieren.
„Wir machen einen Ausflug in die Natur“, bemerkt Ben beim Anfahren.
„In die Natur? Wo wohnt denn dieser komische Kerl, von dem Malcolm gesprochen hat? In der Wildnis?“
„Auf einem Campingplatz.“
„Auf einem Campingplatz? Hä?“
„Rollo ist ein Unikat“, erklärt Ben grinsend. „Er ist bekannt, ein Paradiesvogel, und mit Sicherheit im Drogengeschäft. Aber ehrlich gesagt, kann ich es mir nicht vorstellen, dass er was mit Kinderpornos macht, dazu ist er viel zu sehr auf zwar junge, aber vollbusige Frauen fixiert. Wirst du gleich sehen.“
„Na, wenigstens falle ich nicht in sein Beuteschema“, bemerke ich und provoziere damit einen Lacher von beiden.
„Oh, du bist jung und gutaussehend, sei dir da nicht so sicher“, sagt dann Laura.
„Na toll. Was denn nun?“
„Wir sind ja bei dir“, erwidert Ben, immer noch grinsend. „Wir passen auf dich auf.“
„Das ist sehr lieb von euch. Habt ihr den Eindruck, dass ich Aufpasser benötige?“
Sie gehen beide darauf nicht ein. Ist vielleicht auch besser so. Ich lehne mich zurück und betrachte mich. Die Jeans sind kurz, aber nicht von der Art, von der Leslie meinte, dass mein Arsch raushängt. Sie sind bei diesem Wetter wirklich normal, ich sehe aus dem Auto heraus Dutzende von Mädchen in solchen Jeans herumlaufen. Auch die Schuhe sind nicht ungewöhnlich. Habe ja nicht ohne Grund auf meine geliebten Stiefeletten verzichtet. Das Top dürfte auch unkritisch sein, es ist so geschnitten, dass niemand in meinen Ausschnitt sehen kann, nicht einmal, wenn ich mich vorbeuge. Okay, man sieht, dass ich Brüste habe. Soll ich sie mir abquetschen wegen irgendwelcher Idioten?
Definitiv nicht.
„Du bist ja so still geworden“, bemerkt Ben, dem wahrscheinlich nicht entgangen ist, wie ich mich selbst begutachtet habe.
„Ich muss ja Angst haben, alles wird gegen mich verwendet, was ich sage.“
„Nur wenn du böse Sachen machst.“
„Willst du, dass ich einen Lachflash bekomme?“
„Wieso?“
„Willst du ernsthaft behaupten, die SLPD verhaftet nur Leute, die böse Sachen tun? Und vor allem, dass die verhaftet werden? So naiv bin ich dann doch nicht, okay?“
„Oder du siehst zu viele Krimis, die unseren Ruf in den Dreck ziehen“, erwidert Laura, und sie klingt wütend.
„Okay. Du behauptest also, die Polizei ist nicht korrupt und beschützt die Guten und sperrt die Bösen ein. Ja oder nein?“
Laura wirft einen Blick auf mich, sagt aber nichts.
„Danke, das genügt.“
Erneut senkt sich Schweigen über uns. Echt, das ist ein schlechter Witz. Auch wenn ich mich nicht mit Politik und dem ganzen Scheiß beschäftige, weiß ich trotzdem einiges. Wozu habe ich Verwandte bei der Polizei? Und über meinen Vater höre ich auch entsprechende Geschichten. Mit Geld kann man alles kaufen, sogar Moral.
Wir verlassen die Zivilisation. Zumindest ein bisschen. Links sehe ich sogar die Wälder der Small Hills. Und die Villen der Neureichen aus Newvill. Was bin ich froh, nicht hier zu wohnen. Schon Old Town ist schlimm, aber da leben wenigstens jene, die schon lange viel Geld haben und es nicht für nötig halten, nach außen hin zu protzen. Wie mein Vater.
Der Campingplatz liegt am Fuß der Wälder, etwas außerhalb und mehr oder weniger an der Grenze zwischen South Village und Small Hills. Das dürfte auch Absicht sein und die Hauptkundschaft aus Wandervereinen bestehen.
Ben parkt den Wagen brav dort, wo alle ihren Wagen abstellen, wenn sie keinen Wohnwagen und Ähnliches haben, nämlich auf dem Parkplatz vor der Haupteinfahrt. Die Schranke steht offen, ein Schild informiert darüber, dass sie um zehn Uhr abends geschlossen und um sechs Uhr morgens wieder geöffnet wird. Es gibt eine Kameraüberwachung und einen gelangweilten Pförtner, der gar nicht von seinem Magazin hochblickt, als wir sein Häuschen passieren.
„Ist es normal, dass wir einfach so herein können?“, erkundige ich mich.
„Zu Fuß? Natürlich. Ist ja kein Gefängnis. Und das Restaurant hier ist berühmt, da kommen Leute aus der ganzen Stadt her.“ Ben schüttelt den Kopf, vermutlich über meine Unwissenheit.
„Aha. Und dieser … Wie heißt er nochmal?“
„Jay King Rollo.“
„Wer denkt sich eigentlich so einen bescheuerten Namen aus?“
„Jay King Rollo.“
„Ich habe verstanden, dass er so heißt! Mann!“
„Du hast gefragt, wer sich so einen bescheuerten Namen ausdenkt“, erwidert Ben grinsend.
„Er hat sich selbst diesen Namen gegeben?“
„Yep!“
„Und wie heißt er wirklich?“
„Das weiß keiner.“
„Wie, das weiß keiner?“
„Es gibt Gerüchte, aber keins davon hat sich als wahr erwiesen. Warum ist dir das so wichtig?“ Laura mustert mich fragend.
„Eigentlich ist es mir egal“, antworte ich. Ich sollte lieber den Mund halten. Eigentlich weiß ich das schon lange, mein vorlautes Mundwerk hat mich oft in unangenehme oder peinliche Situationen gebracht. Dieses Wissen bringt bloß nichts, wenn es mal wieder so weit ist, vergesse ich es wieder. Ich müsste mir den Mund schon zunähen, damit sich was ändert.
Wir erreichen das Restaurant mit dem bescheidenen Namen „Best Choice“. Ich schließe den Mund wieder, bevor ich etwas sage, was überflüssig ist. Und beschließe, dass ich trotz aller Vorbehalte irgendwann mal hier essen werde. Vielleicht ist es ja wirklich gut, wenn es so berühmt ist.
Jay King Rollo residiert neben dem Restaurant in einem riesigen Wohnmobil. Eigentlich ist es ein Wohnbus. Teurer als manch eine Luxuswohnung. Jedenfalls wird er nicht oft bewegt, so wie er zugebaut ist mit Vorzelten. Auf diese Weise dürfte die nutzbare Fläche an die 200 qm sein. Auf einem Campingplatz ist das nicht schlecht.
„Okaaay …“, bemerke ich. „Als ihr Campingplatz sagtet, dachte ich natürlich nicht an so ein Schloss.“
„Immer diese Vorurteile“, erwidert Ben.
Kopfschüttelnd geht Laura vor und betritt das Vorzelt. Wir folgen ihr. Und endlich bekomme ich Jay King Rollo zu sehen.
Er sieht aus wie Marlon Brando. Nur doppelt. Relativ groß, aber kein Riese, doch durch die schiere Masse wirkt er trotzdem groß. Seltsamerweise sieht das gar nicht mal schlecht aus. Seine Leberwerte werden nicht die besten sein, sein Kardiologe wird sich auch nicht freuen, und trotzdem hat er etwas Einladendes. Wie ein riesiger Teddybär. Seine braunen Haare sind kurz, und er hat graue Augen, wie ich.
Seine Kleidung passt auch zu Brando. Und der Jahreszeit: Bermuda-Shorts, Hawaii-Hemd und Flip-Flops.
Er sitzt in einer Sonnenliege, raucht einen Zigarillo und lässt sich von einer braunhaarigen Schönheit die Kopfhaut massieren. Sie ist vollbusig, was dank ihres Tops mit Spaghettiträgern sehr gut zu erkennen ist. Die gelben Shorts dazu lassen mich beinahe aufschreien vor Entsetzen.
Eine zweite Frau, mit hellbraunen Haaren, noch kleiner als die in gelben Shorts, die schon kleiner ist als ich, hockt vor Rollos Füßen und bearbeitet seine Nägel. Er hat schöne, gepflegte Füße, bei einem Mann wie ihm sicher keine Selbstverständlichkeit. Auch sie hat große Brüste, aber ihre sind eindeutig nicht von Natur aus so groß. Sie trägt nur einen Bikini-Oberteil zu ihren Shorts, die wenigstens keine augenverletzende Farbe haben, denn sie sind einfach nur weiß. Dafür dient der Oberteil nur als Alibi, er verdeckt kaum mehr als die Brustwarzen.
Ich sehe Laura und Ben an, dass auch sie erschüttert sind.
Jay King Rollo mustert kurz Ben, dann Laura und schließlich mich. Genauer gesagt, mich scannt er. Warum Laura nicht? Okay, sie ist nicht mehr jung, aber hässlich ist sie ja nun nicht.
„Sie hat schon fast die richtige Kleidung“, bemerkt Jay King und deutet auf mich. „Die Schuhe und die Hose kannst du ausziehen, Liane zeigt dir, wo du dich etwas schminken kannst.“
Liane ist die mit den gelben Shorts, denn sie richtet sich auf und geht auf den Wohnwagen zu.
„Gratuliere“, bemerke ich. „So schnell hat es noch niemand geschafft, bei mir auf der Liste der Männer zu landen, die ich garantiert niemals vom sinkenden Titanic retten würde. Das ist schon fast bewundernswert.“
Er lacht auf, während meine neuen Freunde mich etwas fassungslos ansehen.
„Schade. Und ich habe mich schon darauf gefreut, dich auf meinen Schoß einzuladen.“
„Eher würde ich mich auf einen Besenstiel setzen.“
Während er wieder auflacht und seine Gefährtinnen pflichtschuldig so tun, als hätten sie meine Antwort verstanden, hat Ben seine Fassung wiedergefunden.
„Das reicht jetzt“, sagt er. „Wir sind von der SLPD.“
„Ihr könnt das sicherlich beweisen?“
Ben hält seine Marke hoch. Jay King sieht fragend Laura an, woraufhin diese ihre Marke auch zeigt.
„Ich habe keine“, bemerke ich. „Und meinen Besenstiel habe ich auch zu Hause vergessen. Darf ich trotzdem bleiben?“
„Du gefällst mir, du darfst bleiben.“ Er zeigt mit seinem Zigarillo auf mich. „Rauchst du?“
„Ja, aber nicht so ein Zeug, nur Zigaretten.“
„Habe ich bis vorgestern auch, inzwischen nur noch Zigarillos. Probier mal, Zigaretten sind für Kinder.“
„Ich bin ja auch noch jung genug dafür“, erwidere ich, ohne nachzudenken.
„Jedenfalls hast du auf alles eine Antwort, scheint mir.“ Er lacht immer noch oder schon wieder, so genau kann ich das nicht erkennen. „Ich sag dir, du würdest eine Zigarette nie wieder auch nur anschauen, wenn du mal das hier probieren würdest.“ Er hält mir seinen Zigarillo hin.
Ich verziehe das Gesicht. „Lass mal. Ich will weder deinen Zigarillo noch deinen Schwanz. War das endlich deutlich genug?“
„Fiona!“ Laura und Ben starren mich entgeistert an.
„Was denn?“
„Geh lieber nach draußen und reg dich ab“, sagt Ben. „Los, geh jetzt!“
Nach kurzem Nachdenken gehorche ich und höre Jay Kings Lachen im Rücken. Am liebsten würde ich zu ihm laufen und ihm seinen dämlichen Zigarillo sonstwohin stopfen. Aber genau das will er ja: mich provozieren.
Verdammte Scheiße!
Ich bleibe vor dem Zelt stehen und zünde mir eine Zigarette an. Meine Hände zittern leicht. Das ist ja unglaublich, wie mich so ein Arschloch aufregen kann. Warum eigentlich? Warum hat so ein Mistkerl so eine Macht über mich?
Ich könnte kotzen.
Nach einigen Minuten kommen Laura und Ben heraus und gehen zurück zum Auto. Ich folge ihnen in einem kleinen Abstand.
„Warum nehmen wir ihn nicht mit?“, erkundige ich mich, als wir einsteigen.
„Weil du es vermasselt hast“, antwortet Laura wütend.
„Ich?“
„Warum kannst du nicht einfach den Mund halten?“
„Hallo? Er hat angefangen!“
„Und du hast reagiert, wie ein kleines Kind.“
„Bin ich jetzt auch noch schuld, oder was? Er hat mich provoziert und ich war dämlich genug, darauf einzugehen. Ja, okay. Aber das ist ganz sicher kein Grund, ihn nicht zu verhaften!“
„Ist es auch nicht“, sagt Ben. „Laura, lass sie in Ruhe. Was Jay King angeht, wir haben nichts gegen ihn in der Hand.“
„Wie bitte?!“
„Was glaubst du, was jeder halbwegs begabte Anwalt mit uns macht, wenn wir ihm erzählen, dass Malcolm den Namen genannt hast, nachdem du, die nicht einmal eine Waffe anfassen darf, eine Pistole auf ihn gerichtet und sogar geschossen hast? Wir können froh sein, wenn wir keine Anzeige kriegen.“
„Ihr könnt ja nichts dafür.“
„Doch, wir hätten besser auf dich aufpassen müssen.“
„Wie denn? Mich mit Handschellen ans Lenkrad fesseln?“
„Oh, da bringst du uns auf eine gute Idee“, erwidert Laura lachend.
„Fickt euch“, sage ich wütend.
„Hey, so was will ich nicht nochmal hören, klar?“ Ben sieht wütend aus. „So kannst du mit deinen Kumpeln reden, aber nicht mit uns.“
„Sorry.“ Ich schweige eine Weile, aber schließlich halte ich es nicht mehr aus. „Wie geht es denn überhaupt weiter?“
„Wir reden mit Jack. Danach sehen wir weiter.“
Ich nicke seufzend. Viel lieber würde ich herumschreien und etwas kaputt machen, aber im Moment sollte ich mich wohl besser zurückhalten, glaube ich. Mir wird gerade bewusst, auf welchem schmalen Grat ich herumwandere. Ich habe mehr als einen Grund geliefert, mich festzunehmen. Schon allein die Prügelei in der Kneipe würde für eine Verurteilung reichen, fürchte ich. Ich sollte den Bogen vielleicht nicht überspannen.
Jack sieht unbegeistert aus, als wir in sein Büro kommen.
„Was ist denn los?“, erkundigt sich Ben, während wir uns hinsetzen.
„Fiona ist raus.“
„Wie, ich bin raus? Wo?“
„Aus den Ermittlungen. Anweisung von ganz oben. Als der Polizeichef erfahren hat, dass und wie du dabei bist, hat er gesagt, wir sollen dich nach Hause schicken, das wäre nichts für kleine Mädchen.“
„Dieser Chauviarsch!“, entfährt es mir.
Die drei starren mich an.
„Ist doch wahr! Ich bin kein kleines Mädchen! Ich rede mal mit ihm und bin gleich zurück!“
Ich stürme nach draußen und höre noch, wie mir Jack nachruft, wo zum Teufel ich hinwolle, aber das interessiert mich gerade nicht. Dazu bin ich viel zu geladen.
Kleines Mädchen?! Ich?!
Auch wenn ich eine Ahnung habe, warum der Polizeipräsident mich aus dem Spiel nehmen will, bin ich nicht damit einverstanden. Und das wird er auch einsehen.
Ich fahre mit dem Aufzug nach oben und betrete dann das Allerheiligste der Skyliner Polizei. Dunkle, holzgetäfelte Wände mit Bildern der Männer, die die Stadtgeschicke bestimmt haben in den letzten Jahrhunderten. Nationalflagge.
Und eine erstaunt wirkende Sekretärin.
„Ist er da?“ Ich deute auf die schwere Tür, hinter sich das Büro von Steve Connor verbirgt.
„Ja, aber …“
Als ich auf die Tür zustürme, springt sie auf und versucht, mich aufzuhalten, natürlich völlig erfolglos. Um eine wütende Fiona aufzuhalten, müsste sie ihr perfektes Styling riskieren.
Steve sitzt hinter seinem dunkelbraunen Schreibtisch aus Mahagoni und blickt stirnrunzelnd hoch, als die Tür mit Karacho aufgeht.
Ich bleibe erst vor dem Tisch stehen, mit einer empörten Sekretärin neben mir.
„Es tut mir leid, Mr Connor, aber …“
Der Polizeichef winkt ab. „Schon gut, Sandra. Ich glaube, das ist ihre Art, wenn sie wütend ist. Bringen Sie uns bitte Kaffee.“
Sandra starrt ihn ungläubig an. Dann mich. Sie hat braune Augen. Wie ein Reh, so groß. Ob sie ihm schon mal einen geblasen hat? Ihr Mund ist ja hübsch, aber das ist ja nicht alles.
Pfui, Fiona.
„Kaffee?“, fragt sie endlich.
Steve Connor nickt. „Oder, Fiona?“
Ich atme tief durch. „Ja. Schwarz. Ohne Zucker.“
„Für mich wie immer. Und, Sandra, bevor Sie sich zu sehr wundern: Das ist Fiona Carter, meine Nichte. Genauer gesagt, ihre Mutter ist eine Cousine von mir.“
„Oh“, sagt Sandra. „Warum haben Sie es nicht gesagt?“
„Ich glaube, sie ist etwas wütend im Augenblick.“
„Etwas?!“
Sandra zieht die Augenbrauen hoch.
„Ihr Bruder wurde letzte Woche getötet, und inzwischen ist ein Mordfall daraus geworden. Ich will nicht, dass sie unnötig in Gefahr gerät.“
„Von dem Fall habe ich gehört“, erwidert Sandra. „Haben nicht zwei Profikiller versucht, Sie zu … töten?“
„Doch. Aber sie sind tot, ich nicht. Hast du auch davon gehört, so rein zufällig?“ Ich sehe meinen Onkel provozierend an.
Er lächelt ansatzweise. „Bringen Sie uns den Kaffee, Sandra.“ Und als diese kopfschüttelnd hinausgeht, wendet er sich an mich: „Setz dich.“
„Warum? Was ich zu sagen habe …“
„Setz dich.“
Hm. Vielleicht sollte ich ihn nicht unnötig ärgern, schließlich will ich was von ihm. Also setze ich mich und schlage die Beine übereinander.
„So ist es besser. Fiona, ich weiß, dass du ein willensstarkes Mädchen …“
„Nichts für kleine Mädchen?“, unterbreche ich ihn.
„Nun, im Vergleich zu erfahrenen Detectives bist du das, oder?“ Er lächelt süffisant.
„Hallo? Kann es sein, dass ich ziemlich viel zu den bisherigen Ergebnissen beigetragen habe, so rein zufällig?“
„Du hattest sehr viel Glück.“ Er blickt zur Tür, als Sandra mit dem Kaffee kommt. „Auch bei der Verfolgungsjagd durch die Killer. Das hätte auch ganz anders ausgehen können.“
„Hat es aber nicht. Und das war kein Zufall. Ich bin nämlich kein kleines Mädchen, das alles mit sich machen lässt.“
„Du bist auf jeden Fall eins, das sehr freizügig herumläuft.“
„Es ist heiß.“
„Trotzdem. Keine einzige Polizistin läuft so herum. Das wirft ein schlechtes Licht auf die Polizei, wenn man dich so in Begleitung der Detectives sieht.“
„Okay, ich kann mich ja anders anziehen.“
„Du hast keine Ausbildung …“
„Ich bin ja auch nur eine Beraterin, habe nicht einmal eine Waffe. Und Fakt ist ja wohl, dass ich der Polizei wichtige Erkenntnisse liefern konnte. Ganz abgesehen davon, dass ich sonst Polizeischutz bekommen müsste. Hast du so viele Leute übrig?“
Er mustert mich, dann lächelt er. „Du bist wie dein Vater.“
„Wie bitte?!“
„Ich weiß, dass ihr euch nicht so gut versteht. Trotzdem, dein Vater würde genauso argumentieren. Das Reden hast du von ihm, glaube mir.“
„Mag sein. Habe ich deswegen etwa unrecht?“
„Nein, hast du nicht. Kannst du denn wenigstens meine Argumente verstehen?“
Ich atme tief durch und nippe am Kaffee. Er ist gut.
„Ja, kann ich.“
„Gut. Du ziehst dir andere Sachen an? Lange Hose, vernünftiges Schuhwerk, Bluse? Und einen BH?“
„Und Schlüpfer auch.“
Er zieht die Augenbrauen hoch.
„War ein Scherz!“
„Unangebracht. Also gut, wir probieren es. Aber ich werde Jack Siever sagen, wie meine Bedingungen lauten. Wenn du dich nicht daran hältst, bist du raus. Und zwar endgültig. Ist das angekommen?“
Ich nicke langsam.
„Also schön. Ich muss jetzt arbeiten.“
Wir stehen beide auf, er begleitet mich zur Tür. Dabei kann ich endlich seinen hellgrauen Anzug von Boss bewundern. Und seine makellos glänzenden Schuhe. Er ist nur unwesentlich größer als mein Vater, aber neben ihm komme ich mir noch viel kleiner vor.
Als er die Hand auf die Klinke legt, sage ich leise: „Onkel Steve …“
„Ja?“
„Hast du schon meine Mutter angerufen?“
Jetzt atmet er tief durch. „Nein, bisher noch nicht. Ich hole das jetzt gleich nach.“
„Danke …“
Unten starren mich Laura, Jack und Ben fassungslos an.
„Ich bin doch noch dabei!“, verkünde ich, obwohl ich weiß, dass sie es wissen.
„Der Polizeichef hat persönlich angerufen und mir das mitgeteilt“, erklärt Jack, nach wie vor fassungslos. „Was hast du getan?“
„Mit ihm geredet.“
„Geredet?“
„Geredet. Ich weiß ja nicht, was ihr denkt, aber er ist mein Onkel, okay?“
„Dein Onkel?“
„Meine Mutter ist seine Cousine.“
Ich sehe, wie alle drei aufatmen. Was haben die eigentlich gedacht, was ich tue? Ihn verprügeln? Ihm einen blasen? Haben Polizisten grundsätzlich so eine schmutzige Fantasie? Oder tue ich ihnen unrecht und sie haben gar nichts konkret gedacht, sondern einfach nur befürchtet, dass ich etwas tun könnte, was ich später bereue? Und sie auch?
Egal.
„Hör zu, Fiona“, sagt Jack. „Du sollst dich ja eh umziehen. Aber es gibt im Moment nichts zu tun. Wir werden versuchen, etwas aus Malcolm herauszubekommen, was wir auch verwerten dürfen, aber es ist besser, wenn du nicht dabei bist. Ich glaube, den Grund brauche ich dir nicht zu erklären.“
„Nein“, erwidere ich missmutig.
„Wir lassen dich nach Hause fahren und eine Streife bleibt die ganze Zeit vor eurem Haus. Sobald wir etwas wissen, sagen wir dir Bescheid.“
„Versprochen?“
„Versprochen. Und umgekehrt?“
„Wie meinst du das?“
„Das weißt du ganz genau.“
„Ja, versprochen. Ich werde brav sein.“
„Gut.“
Ich warte noch auf die Polizisten, die mich nach Hause fahren sollen, dann verabschiede ich mich. Irgendwie ist das ein seltsames Gefühl. Vielleicht sollte ich mich bei der Polizei bewerben. Mein Vater würde zwar einen Anfall kriegen, aber das ist mir so egal.
Na ja, wahrscheinlich ist Polizeiarbeit nur selten so aufregend. Obwohl, wenn ich dabei bin …
Im Polizeiwagen sitze ich hinten und lehne den Kopf zurück, schließe die Augen.
Wenn mir das vor einer Woche jemand gesagt hätte …
Ich hasse Beerdigungen. Es gibt nur einen Vorteil: Ich kann etwas Langärmeliges anziehen, ohne dass es auffällt. Also brauche ich keinen Verband zu tragen. Die Schusswunde ist ja schon längst verheilt, aber das muss niemand wissen.
Bis auf meine Bluse ist alles schwarz, die Bluse dunkelgrau. Bundfaltenhose, Lackschuhe. Ich erkenne mich kaum wieder, und das, obwohl ich in den letzten vier Jahren durchaus auch mal elegant angezogen war. Vor allem während der Zeit in der Marketingabteilung. Auf Messen, auf wichtigen Meetings … Dort eher, um die Männerblicke auf mich zu lenken. Sex sells, selbst bei Software. Und bei Meetings mit Kunden sowieso. Okay, dass es gelegentlich danach noch zu echtem Sex kam, gehörte nicht zu der Geschäftstätigkeit, und die anderen brachten so viel persönlichen Einsatz, glaube ich, auch nicht. Aber ich als Tochter des Chefs musste ja mehr tun. Nun gut, eigentlich war mir das Geschäft scheißegal. Es ist nur erstaunlich, wie oft Chefeinkäufer irgendwelcher Banken und anderer wichtiger Kunden tatsächlich so gut aussahen wie in Filmen. Obwohl, eigentlich ist das nicht erstaunlich. Es gibt ja Statistiken darüber, dass gutaussehende, hochgewachsene Männer die besten Karrierechancen haben. Keine Statistiken gibt es darüber, dass sie meinem Beuteschema entsprachen. Zumindest in der Zeit nach Phil.
Was die Statistiken ebenfalls nicht erfassen, ist die Tatsache, dass sie beim Sex auch nicht besser sind als andere. Es gibt den Hochleistungssportler, womit ich keine Probleme habe, den Schmuser, den Unterwürfigen, den Idioten – und den Traummann. Letzterem bin ich irgendwie bloß noch nie begegnet.
Ich betrachte mich im Spiegel und unternehme einen letzten Versuch, meine Haare davon abzuhalten, mir vor die Augen zu fallen. Hoffnungslos. Okay, abschneiden wäre noch möglich, aber das will ich nicht.
Dann eben so. Es reicht, wenn ich vom Hals abwärts elegant aussehe.
Meine Eltern warten schon unten auf mich. Sie sind dem Anlass entsprechend gekleidet, also schwarz. Wie ich ja auch. Außerdem weint meine Mutter jetzt schon. Demzufolge ist mein Vater hauptsächlich damit beschäftigt, sie zu halten, daher biete ich an, dass ich fahre. Nicholas sitzt auf dem Beifahrersitz.
Bis zum Friedhof ist es eine relativ lange Fahrt, die wir schweigend hinter uns bringen. Nur das leise Schluchzen meiner Mutter ist zu hören. Ab und zu blicke ich in den Rückspiegel und beobachte die Zivilstreife. Der Streifenwagen wurde schon am Mittwochmorgen gegen den unauffälligeren zivilen Wagen ersetzt, weil Anwohner sich beschwert hatten. Da der Anschlag auf mich dank der Medien bekannt war, fiel es mir nicht schwer, die Anwesenheit der Polizisten zu erklären. Und als mein Vater mich fragte, warum überhaupt ich ermordet werden sollte, zuckte ich nur mit den Achseln und sagte, dass die Polizei noch ermittelt. Er könnte ja Steve fragen.
Ich würde auch gerne heulen. Aber aus anderen Gründen als meine Mutter. Wie bringe ich ihnen bei, dass Norman nicht der nette Junge war, für den sie ihn halten? Für den auch ich ihn gehalten habe. Wie man das halt so macht mit zehn Jahre jüngeren Brüdern. Hätte ich ihn nicht in dem Video gesehen, würde ich garantiert niemandem ein Wort glauben, der mir erzählen würde, dass er Kinder vergewaltigt hat.
Dennoch hat er es getan. Und ich kann das weder meinen Eltern noch Nicholas erzählen.
Verdammte Scheiße!
„Vorsicht!“, ruft Nicholas.
Ich weiche einem parkenden Auto aus und werfe einen Blick durch den Innenspiegel auf meinen Vater, der den Blick kopfschüttelnd erwidert.
Aber er sagt nichts.
Danach erreichen wir ohne weitere Zwischenfälle den Friedhof.
Hier sind schon viele Leute da. Verwandte. Klassenkameraden. Leslie und James. Steve Connor und seine Leute, meine neuen Freunde: Jack, Laura und Ben. Jack nickt mir nur kurz zu, er und die beiden Detectives halten sich zurück, auch als Steve zu uns tritt und stumm meine Mutter umarmt.
Ich weiß gar nicht, ob er angerufen hat. Aber im Grunde genommen ist es völlig egal.
Während der Trauerfeier sitze ich neben meiner Mutter ganz außen. Daneben mein Vater, dann die Geschwister meiner Eltern. Und die Großeltern, soweit noch unter den Lebenden verweilend. Vielleicht sitzen auch die anderen da, aber dann sehe ich sie nicht.
Ist natürlich ein seltsames Gefühl. Ich sitze in einer Kirche wegen eines Toten, dessen hübsch gemachten Überreste in einem offenen Sarg liegen. Hier waren schon sehr viele Tote, überhaupt, auf einem Friedhof sind meist einige Tote vorhanden.
Als mein Vater ein paar Worte über Norman sagt, kann ich mich nicht mehr beherrschen und weine auch. Vor allem, weil ich weiß, dass kaum etwas von dem stimmt, was mein Vater über Norman behauptet. Aber das wissen die natürlich nicht. Nur Steve und die Polizisten könnten ahnen, warum ich tatsächlich weine.
Ich hasse dich, Norman. Ich hasse dich, weil du mich zwingst, eine Entscheidung zu treffen. Ich hasse dich, weil ich irgendwann diejenige sein werde, die meinen Eltern erzählen muss, wie du wirklich warst.
Ich zwinge mich, mit dem Weinen aufzuhören. Leslie reicht mir von hinten ein Taschentuch, mit dem ich mein Gesicht abtrockne.
Der Pfarrer tritt vor mich und fragt mich leise, ob ich auch etwas sagen möchte. Für einen kurzen Moment überrasche ich mich dabei, dass ich am liebsten Ja antworten, aufspringen und allen erzählen möchte, dass Norman kleine Kinder vergewaltigt und dafür Geld bekommen hat, dass er getötet wurde, weil er zu gierig wurde und dass wegen ihm nun auch Savage tot ist, der übrigens auch nicht besser war.
Doch dann schüttele ich nur den Kopf.
Irgendwann ist auch diese Scheiße vorbei. Dann geht es zur Grabstelle, gibt es noch eine Runde Heulerei, ein paar warme Worte, bis endlich der Sarg unter der Erde verschwindet.
Jetzt noch die unendlich lange Reihe an Menschen, die meinen, mir ins Ohr heulen zu müssen, überleben.
Und das alles bei einer Hitze, die anscheinend direkt aus den Tropen zu uns gekommen ist. In der Kirche war es ja noch angenehm, aber hier draußen ist es selbst im Schatten der Bäume kaum zu ertragen.
Mein Vater hält meine Mutter fest, die offensichtlich Schwierigkeiten hat, sich auf den Beinen zu halten. In diesem Moment bewundere ich ihn. Ich weiß, dass er selber unglaubliche Schmerzen hat, dass es ihn sehr, sehr viel Kraft kostet, nicht zusammenzubrechen. Ohne die Routine als CEO würde er das nicht durchstehen.
Obwohl, ist das wirklich bewundernswert?
Dann denke ich daran, was ich gerade mache. Eigentlich dasselbe, nur aus anderen Gründen.
Ja, irgendwie ist es bewundernswert und zugleich idiotisch. Warum? Warum reißen wir uns so zusammen, warum schreien wir nicht einfach alles hinaus?
Warum? Warum? Warum?
Als ich mich weinend abwende, nimmt mein Vater mich am Arm und zieht mich an seine freie Seite. Nach kurzem Zögern drücke ich mich an ihn, presse das Gesicht gegen seine Schulter und lasse meinen Tränen freien Lauf.
Ich bin vor meinem Vater zu Hause und ziehe mich um. Stretch-Jeans, die knapp über den Knöcheln enden, ein dunkelgraues T-Shirt und Sandalen. Danach gehe ich nach unten in die Küche, wo ich Nicholas und meine Mutter vorfinde. Nicholas trägt seinen gewohnten grauen Anzug, meine Mutter ein schwarzes, aber luftiges Kleid. Sie sitzt an der Theke in der Mitte und trinkt einen Kaffee. Ich setze mich ihr gegenüber auf einer der Hocker und lasse mir von Nicholas einen Cappuccino machen.
„Wie war dein Arbeitstag?“, fragt meine Mutter nach einer Weile.
„Beschissen.“
„Warum bist du nicht zu Hause geblieben? Den einen Tag hättest du dir auch sparen können.“
„Ja, wäre besser gewesen.“ Ich zucke die Achseln. „Eigentlich ist es ja egal, wo ich mich beschissen fühle.“
Meine Mutter sieht mich an. Ihre grünen Augen wirken verschleiert.
„Vielleicht solltest du eine Psychotherapie machen?“
„Ich? Psychotherapie? Ich glaube, ich würde jeden Psychoterroristen wahnsinnig machen. Nein, danke.“
Sie sieht aus, als wollte sie etwas sagen, wahrscheinlich zum Psychoterroristen, aber dann überlegt sie es sich anders und schweigt.
Ist mir recht.
Es ist Freitagnachmittag, halb sechs, und ich hocke hier zu Hause mit meiner Mutter. Eigentlich unglaublich. Und es ist genau eine Woche her, dass mein Vater in mein Zimmer gestürmt kam. Eine Woche und etwa zwei Stunden. Wieso war ich eigentlich letzte Woche schon so früh zu Hause? Ach ja, eigentlich hatte ich was vorgehabt.
Heute habe ich nichts vor, dabei müsste ich hier dringend raus. Aber wohin nur? In die Disco? Auf eine Party? Sicher nicht. Vielleicht könnte ich mal wieder trainieren gehen. Da war ich schon ziemlich lange nicht mehr, vor allem wenn man bedenkt, dass ich sonst jeden Tag da bin. Außer sonntags, aber selbst das hängt davon ab, ob ich Streit mit meinem Vater habe und mich abreagieren muss.
Irgendwie fehlt mir im Moment die Kraft und die Motivation, auch nur aufzustehen.
„Stört es dich, wenn ich rauche?“ erkundige ich mich.
Meine Mutter schüttelt den Kopf. Beim Rauchen betrachte ich sie. Dieses Jahr wird sie 45. Immer noch eine schöne Frau, aber die Traurigkeit lässt sie zehn Jahre älter aussehen. Ihre schulterlangen, dunkelblonden Haare sind von grauen Strähnen durchsetzt, und ich bin mir sehr sicher, dass es vor einer Woche viel weniger waren.
Ein Wunder ist es aber nicht. Ich mag gar nicht darüber nachdenken, was es für eine Mutter bedeuten muss, wenn ihr Kind vor ihr stirbt. Und ich möchte das auch nie erfahren. Dann lieber keine Kinder bekommen.
Ich kann hören, wie mein Vater ankommt, den Wagen vor dem Hauseingang abstellt und dann hereinkommt. Er hat seine übliche Arbeitskleidung an, nur das Jackett hat er sich bereits ausgezogen.
„Darf ich dein Auto haben?“, frage ich nach der Begrüßung.
„Wann holst du dir ein neues?“
Ich zucke die Achseln. „Noch keine Zeit gehabt. Ja oder nein?“
„Wir wollen nachher noch weg. Nimm ein Taxi.“
„Okay.“ War ja klar. Vielleicht wollen sie wirklich weg, aber das ist nicht sicher. Er will nur nicht, dass ich mit dem 7-er durch die Gegend fahre. Nachdem ich meinen Wagen geschrottet habe, schon mal gar nicht.
Mein Vater holt sich ein Bier aus dem Kühlschrank und bemerkt dabei: „Ich habe mit Steve gesprochen. Er hat erzählt, dass du dich an den Ermittlungsarbeiten beteiligst, als Beraterin.“
„An welchen Ermittlungsarbeiten?“, fragt meine Mutter.
„Das wüsste ich auch gern“, fügt mein Vater hinzu.
Scheiße.
„Wir suchen den … den Fahrer des Wagens, mit dem Norman getötet wurde.“
„Du?“
„Ja, ich! Was erstaunt dich daran so?“
„Du hast dich bisher nicht durch besonders hohes soziales Engagement ausgezeichnet.“
„Wie bitte?“ Ich starre meinen Vater an, selbst meine Mutter wirkt irritiert. „Was weißt du schon, wofür ich mich engagiere?“
„Wenn du dich überhaupt für irgendetwas außer Fiona interessierst, hast du das bisher gut verheimlicht.“
Ich glaube das einfach nicht! Er weiß nichts von mir, hat sich nie dafür interessiert, was ich tue, was ich denke, was ich fühle, war nie dabei, wenn in der Schule was anstand, nicht einmal bei der Aufführung vor sechs Jahren, als ich für Jenny einsprang, weil sie sich zwei Wochen vor ihrem Auftritt das Bein gebrochen hat, und jetzt haut er so was heraus. Gestern habe ich ja für einen Augenblick gedacht, zwischen uns hätte sich etwas geändert, als er mich im Arm hielt, während ich so heulen musste, aber da habe ich mich wohl geirrt. Da war er vermutlich einfach nur in einem emotionalen Ausnahmezustand, aber inzwischen hat er sich wieder gefangen.
„Nun, da du so gut über mich Bescheid weißt, brauche ich ja nichts weiter zu sagen“, bemerke ich und erhebe mich. Meine Stimme zittert. Jetzt bloß nicht weinen!
„Wo willst du hin?“
„Keine Ahnung. Ich muss mich mal um Fiona kümmern.“ Bevor er noch etwas sagen kann, renne ich nach draußen. Nach kurzem Nachdenken nicht nach oben, sondern aus dem Haus, vom Grundstück, nach nebenan, und läute Sturm, wie vor wenigen Tagen schon mal.
Leslie scheint nicht da zu sein, denn in der Tür steht James. Sein Gesichtsausdruck verheißt nichts Gutes. Ihn finster zu nennen, wäre noch sehr untertrieben.
Ich sollte weglaufen. Das kann ich gerade so gut.
„Was willst du?“, fragt er, scheinbar ruhig. Doch da ist ein Unterton, der sollte mir eigentlich Angst machen.
„Ist Leslie … da?“
„Als wenn du es nicht besser wüsstest.“
Wieso durchschaut er mich so leicht?
„Okay, du hast recht, ich wollte zu dir.“
„Dein Gedächtnis war auch schon mal besser.“
„Ich … ich wollte dich nicht um einen Gefallen bitten.“
„Nicht?“ Er zieht eine Augenbraue hoch. Kaum sichtbar, aber ich bemerke es trotzdem. „Und was willst du dann?“
Ich kaue auf meiner Unterlippe herum und starre ihn unsicher an. Vor allem, weil ich es selbst nicht so genau weiß, warum ich hier bin. Wieso tue ich mir das an? Was könnte er mir schon geben, das ich jetzt brauche?
„Hast du die Sprache verloren? Kommt bei dir nicht oft vor.“
„Äh … Ja, das stimmt. Ich … Es war eine blöde Idee, entschuldige. Tut mir leid. Ich wollte dich nicht stören.“
Ich habe mich bereits umgedreht, als er sagt: „Warte.“
Ich verharre.
„Was ist los?“
Ich wende mich wieder ihm zu und spüre die ersten Tränen auf meinen Wangen.
„Jemand wollte mich umbringen.“
„Warum?“
„Weil … weil ich herausgefunden habe, warum mein Bruder getötet wurde.“
„Du bist nicht zu der Polizei gegangen mit dem Kennzeichen.“
Ich schüttele den Kopf. Die Tränen werden immer mehr.
„Es tut mir leid. Ich hätte es tun sollen. Jetzt ist auch Savage tot. Und … Verdammt, mein Bruder hat Kinderpornos gedreht! Freiwillig! Er hat Kinder vergewaltigt!“
James´ Augen weiten sich, dann nimmt er meinen Arm und zieht mich ins Haus. Wir gehen in die Küche, er drückt mich sanft auf einen Stuhl, dann bringt er mir ein Glas Wasser.
„Weiß die Polizei davon?“
Ich nicke. „Sie wissen alles, was ich weiß. James, es tut mir wirklich leid, dass ich nicht auf dich gehört habe. Er … er stand vor mir, mit der Pistole, ich dachte nur, das war es, ein verdammt kurzes Leben …“ Ich sehe ihn keuchend an.
James erwidert meinen Blick. Für einen Moment sieht es so aus, als wollte er was sagen, doch dann erhebt er sich, kommt zu mir und hockt sich neben mir hin. Damit sind wir ungefähr auf Augenhöhe. Er nimmt mein Gesicht zwischen die Hände und küsst mich sanft. Auf den Mund.
Ich habe Angst, wenn ich mich bewege, löst sich dieser Moment auf wie eine Seifenblase und James geht wieder weg.
„Fiona, warum bist du zu mir gekommen?“, fragt er, ohne mein Gesicht loszulassen.
„Ich … ich weiß einfach nicht, zu wem ich gehen könnte. Und weil ich dachte … dachte, dass du vielleicht mich … nicht hasst.“
„Warum sollte ich dich hassen?“
„Die meisten tun das“, erwidere ich leise. „Niemand würde es sagen, viele wissen es nicht einmal.“
„Weißt du es?“
Ich starre ihn an.
„Okay, vergiss diese Frage. Du hast meine Frage, warum du zu mir gekommen bist, nicht wirklich beantwortet, oder?“
„Das … das war nicht gelogen.“
„Nein, aber nicht die eigentliche Antwort.“
Das ist wahr. Wieso durchschaut er mich wie sonst niemand?
Ich beuge mich vor und küsse ihn. Nicht so sanft wie er mich. Genau genommen nicht einmal ansatzweise so sanft. Nach einem Augenblick erwidert er den Kuss.
„Ich brauche dich“, sage ich schließlich, ohne ihn loszulassen.
„Jetzt? Und in sieben Jahren wieder?“
Am liebsten würde ich aufspringen und weglaufen. Noch weiter weg. Aber er hat recht. Bin ich nur deswegen hier? Oder gibt es noch einen anderen Grund?
Gibt es.
„Nein. Ich … Damals war ich fast noch ein Kind. Ich meine, nicht wirklich, natürlich nicht. Ich habe so was sonst nicht gemacht.“
„Du hattest sonst keinen Sex? Fällt mir schwer, das zu glauben.“
„Natürlich hatte ich Sex!“ Ich muss lachen. „Aber meistens hat es mir nichts bedeutet. Es wäre mir auch egal gewesen, wenn jemand Nein gesagt hätte. Ich meine, auch das ist natürlich vorgekommen. Aber bei dir wäre es mir nicht egal.“
„Warum nicht?“
„Was willst du denn jetzt hören?“
„Die Wahrheit.“
Das ist doch pervers. Da sitze ich bei James in der Küche auf einem Stuhl, total verheult, hatte gerade wieder einen Streit mit meinem Vater, vielleicht kommt Leslie gleich rein, er hockt neben mir, sein Gesicht so nah vor meinem, dass ich nur seine Augen sehe, meine Arme liegen auf seinen Schultern, seine rechte Hand auf meinem Oberschenkel, die linke auf meinem Nacken. Und er will, dass ich die Wahrheit sage. Ist die denn nicht offensichtlich?
„Ich liebe dich“, sage ich schließlich leise.
Ich glaube das einfach nicht. Wollte ich das wirklich sagen? Habe ich das überhaupt schon mal jemandem gesagt? Kann mich gerade nicht erinnern. Vielleicht zu David, als ich noch daran geglaubt habe.
Er wirkt überrascht, als hätte er nicht damit gerechnet, dass ich das wirklich sage. Kein Wunder, auch ich bin ja überrascht. Wieso habe ich das gesagt? Ist es die Verzweiflung wegen meinem Vater oder ist es wahr? Wie könnte ich ihn überhaupt lieben? Er ist so alt wie mein Vater, seine Tochter meine beste Freundin, mit der ich zusammen in die Schule gegangen bin, und wir hatten vor sieben Jahren Sex miteinander, genau einmal.
Weil ich es wollte.
Aber liebe ich ihn?
Gesagt habe ich es zumindest.
Er starrt in meine Augen, als würde er herausfinden wollen, ob ich das ernst meine. Schließlich nickt er und zieht mein Gesicht heran, um mich zu küssen.

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Kristallwelten-Saga: Übersicht

Spoiler-Warnung!

 

Auf den nachfolgenden, sich dynamisch entwickelnden Seiten wird die Kristallwelten-Saga (High Fantasy) dargestellt. Naturgemäß werden dabei Ereignisse und Personen erwähnt, die erst in späteren Geschichten als der, die man vielleicht gerade liest, auftauchen bzw. sich ereignen. Ob einem das die Freude an den Geschichten nimmt, ist höchst individuell. Manche Menschen interessiert das „Wer hat es getan?“ gar nicht so sehr, dafür aber mehr „Wie kam es dazu?“. Ich gehöre zum Beispiel eher zum letzteren Typ. Mich stört es nicht, wenn ich vornherein schon weiß, was geschehen wird, weil ich es viel spannender finde, wie es dazu kommt.

Ich werde versuchen, die einzelnen Abschnitte hinsichtlich Spoiler-Gefahr zu kategorisieren. 10 bedeutet dabei größte Spoiler-Gefahr, 0 bedeutet, es gibt gar keinen Spoiler in diesem Teil.

Übersicht (Spoiler-Gefahr: 3)

Zunächst folgt eine Übersicht, die möglichst neutral gehalten wird. Die Spoiler-Gefahr ist hier relativ gering, aber größer als Null.

Die Kristallwelten-Saga hat Fiona als zentralen Charakter. Sie ist die einzige Ich-Erzählerin, wobei es dennoch Geschichten gibt, in denen sie nicht auftaucht. Diese werden in dem Fall aus einer auktorialer Sichtweise erzählt. Ein Beispiel hierfür ist „Die Legende von Sarah und Thomas“.

Es gibt, nach derzeitigem Stand, vier „Stränge“ in der Kristallwelten-Saga.

Ein „Strang“ beschäftigt sich dabei mit Dargk und Ryema. Voraussichtlich wird er nur aus einem einzigen Roman bestehen: „Dargks Erwachen“.

*

Ein zweiter Strang begleitet Sarah und Thomas, bevor sie in „Fiona – Sterben“ auf Fiona treffen. Ab da verschmelzen ihre Geschichten miteinander.

Dieser Strang beginnt mit „Die Legende von Sarah und Thomas – Die Prinzessin, die ihre Eltern tötete“. Bereits in Planung ist „Die Legende von Sarah und Thomas – Die tote Welt“.

*

Der dritte Strang ist die Hauptserie, die Geschichte von Fiona. Die ist in Zyklen unterteilt, deren Inhalte an einer anderen Stelle mit hoher Spoiler-Gefahr wiedergegeben werden. Jeder Zyklus hat ein Grundthema. Aktuell, Ende 2018, ist Zyklus 1 vollständig erschienen. Der zweite Zyklus befindet sich in Arbeit, das erste Buch daraus bereits erschienen, das zweite, Band 8 ebenfalls. Es folgen mindestens zwei weitere Zyklen.

*

Der vierte Strang schließlich besteht aus einer losen Reihe kostenloser E-Books, die „Geschichten einer Kriegerin„. Darin wird das aus Fionas Leben erzählt, natürlich aus ihrer Perspektive, was keinen Platz in der Hauptserie findet. So zum Beispiel die erste Begegnung zwischen Fiona und John Summer.

*

Nicht als eigener Strang konzipiert sind die Geschichten von Herrn Mut. Herr Mut spielt eine Sonderrolle, weil seine Geschichten erstens aus einer ebenfalls personalen Sichtweise erzählt werden, wenn Fiona nicht dabei ist, und zweitens weil er sich sehr verselbstständig hat.

Das Licht der Welt hat er eigentlich in der Anthologie „Paternoster“ erblickt. Von dort schaffte er den Sprung in die Fiona-Serie und schließlich bekam er eine eigene Kolumne im Café Kitsch.

Eine faszinierende Karriere, oder?

Die Zyklen (Spoiler-Gefahr: 10)

Im ersten Zyklus lernt Fiona sich selbst kennen. Sie erfährt, wie die Welt aufgebaut ist – mehr oder weniger. Erst nach und nach versteht sie, dass das Universum nur eines von vielen ist und welche Bedeutung die Illusion hat. Je mehr sie weiß, desto mächtiger wird sie, denn sie lernt, die Illusion zu beherrschen und erhält dadurch magische Kräfte. Eigentlich hat jeder Mensch diese, nur die Macht der Illusion hält ihn davon ab, sie zu nutzen. Oder anders gesagt: Alles ist Illusion und Magie die Fähigkeit, diese zu manipulieren.

Der zweite Zyklus beginnt mit einer Fiona, die gar nicht weiß, dass sie Fiona ist, denn sie wurde von den Göttern als „Belohnung“ für ihre Bemühungen als Auserwählte in ein neues Universum verfrachtet. Sie „arbeitet“ sich zur Königin hoch, nur um am Ende zu erkennen, dass sie mal wieder ein Spielball der Götter ist. Wutentbrannt und verzweifelt begibt sie sich auf die Suche nach ihren Gefährten, allem voran nach Katharina.

Immerhin hat sie dabei den Ring, den die Götter ihr als eine Art Super-Cheat spendiert haben. Auf diese Weise lernt sie das neue Universum kennen, das wie ein Sandwich aus mehreren Welten aufgebaut ist, die aufeinander liegen. In der Welt der Spinnen findet sie Katharina, in der Welt der Liebe Sarah, in der Welt der Götter (sic!) Thomas, und schließlich landen sie im Untergrund, der untersten Welt.

Der dritte Zyklus bringt die Universen zusammen. Fiona und ihre Gefährten bekommen die Chance, ihr altes Universum wieder zu aktivieren. Die Götter wollen schließlich spielen und Fiona entpuppt sich als eine besonders interessante Spielfigur. Auch wenn sie selbst davon nicht gerade begeistert ist. Um das angehaltene Universum wieder starten zu lassen, muss Fiona gemeinsam mit ihren Freunden in die Abgründe beider Universen hinabsteigen und trifft dabei auf einige alte Bekannte, Freunde wie Feinde. Kian lernt unter anderem seine Halbschwester kennen.

Im vierten Zyklus passiert das, was Fiona und Katharina gemeinsam im zweiten Zyklus träumen: Sie und Kian leben auf einer Erde, allerdings nicht auf der ursprünglichen, denn diese ist ja zerstört. Anders als beim ersten Großen Krieg kommt es diesmal zu keinem Reset. Und obwohl Fiona und Katharina bei der Suche nach einer neuen Heimat darauf achten, eine Erde zu nehmen, auf der es noch keine Fiona gibt, übersehen sie etwas.

Und die Fiona, der sie hier begegnen, ist nicht nur mächtig, sie verfolgt auch andere Ziele als die Auserwählte. Das bringt Fiona Flame erneut an ihre Grenzen, obwohl sie das nicht mehr für möglich gehalten hätte.

Die Leseproben: Kristallwelten.

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