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Leseprobe: Für Elise – 15 Briefe

Für Elise

Vor annähernd fünf Jahren fühlte ich mich zum letzten Mal verliebt. Es war eine Entwicklung, die ich nicht unter Kontrolle hatte und sie nahm ein kurioses und unerwartetes Ende. Aber schon der Beginn hätte mich stutzen lassen sollen: Es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass man sich nach Jahren, in denen man eine Frau kannte und sie immerzu als unscheinbar verurteilt hat, plötzlich andere Gedanken über diese Frau macht. Aber so war es, ich will und kann es nicht leugnen. Dabei war die diesbezügliche Begegnung reiner Zufall, aber was ist das nicht?
Es war Frühling, ein rauschender, gnadenloser Frühling; es war warm wie sonst nur im August oder Juli, empfindliche Menschen klagten bereits über einen respektablen Sonnenbrand, die Biergärten waren geöffnet, die Baggerseen überfüllt, die Talsperren von Erfrischungssüchtigen heimgesucht, die Natur war in voller Blüte. So einen Frühling hatte man selten erlebt, selbst alte Menschen erinnerten sich nur mühsam an dergleichen.
Nur meine Mutter behauptete unverrückbar, dass im Frühling 1949 die Natur genauso, nein, wenn sie es genau bedenke sogar zwei Wochen früher soweit gewesen sei, und sie müsse es wissen, schließlich sei sie hochschwanger gewesen, und zwar mit mir.
Um das Paradies auf Erden vollständig zu machen, war es ein Wochenende, ein Samstag mit unglaublicher Atmosphäre. Es war, als sei die Welt ein Luftholen. Und man spürte tatsächlich etwas von dem Gefühl, das unkompliziertere Charaktere als der meinige mit der Vokabel »Glück« zu treffen versuchen.
Ich war am frühen Samstagmorgen in den Eilzug nach Köln gestiegen, um dort meine Plattensammlung zu ergänzen. Der Rhein glitzerte als sei er ganz gesund, ein weicher Wind durchzog die Stadt und ich entstieg dem Zug in bester Stimmung.
Mein Weg zu Music Planet war etwas umständlich, da ich das Bürogebäude, in dem die Redaktion ihren Sitz hatte, nicht unbedingt sehen wollte. So benötigte ich vom Hauptbahnhof zum großen Plattengeschäft fast dreißig Minuten.
Ich wühlte unorganisiert in der Klassikabteilung herum, nahm neun CDs mit und wanderte zum Jazz. Und ich kramte im überdimensionalen Fach mit Musik von Pat Metheny, als mir jemand auf die Schulter tippte und ich, der ich in Gedanken gewesen war, zusammenzuckte und mich umwandte.
»Hallo«, sagte Frau Wieck, »wieder auf der Suche nach neuen Tönen?«
Sie sah irgendwie anders aus als in den Redaktionsräumen. Es dauerte eine Weile, bis ich begriff, dass sie eine andere Frisur besaß. Auch ihre Kleidung war nicht mehr so unscheinbar. Sie war eindeutig eine gutaussehende Frau; ich musste mich wundern, was ein guter Friseur aus einem Menschen machen konnte.
»Sind Sie es, Karla?«, fragte ich. »Oder Ihre jüngere Schwester?«
Sie lachte leise und sagte nichts.
»Kommen Sie«, sagte ich spontan, »ich lade Sie zu einer Tasse Kaffee ein.«
Sie errötete leicht. »Schön«, sagte sie, »ich freue mich.«
Und kaum hatten wir das riesige Musikgeschäft verlassen, war diese himmlische Luft wieder da, und die Welt war schöner als sie eigentlich ist. Wir setzten uns an einen der Tische, die der Inhaber eines Cafés im Freien hatte aufstellen lassen. Der Lärm der Straße war hier nur halblaut, der Halbschatten war angenehm.
Wer weiß, dachte ich, als ich zwei Tassen Kaffee bestellt hatte und Karla Wieck mit wachen Augen ansah, was inzwischen geschehen wäre, hätte ich ihre Ausstrahlung schon früher bemerkt. Und tatsächlich: Ich ertappte mich bei dem Gedanken, ob ich sie je über einen Ehemann hatte sprechen hören.
»Was treiben Sie in Köln?«, fragte ich berechtigterweise, denn ich wusste, dass sie im Bergischen Land lebte, in der Nähe von Gummersbach in einem kleinen Dorf, dessen Name mir immerzu entfiel.
»Einkaufsbummel«, sagte sie, »richtig einkaufen kann man nur in der Großstadt.«
»Sie haben etwas mit Ihren Haaren gemacht.«
»Ist das der Grund, warum Sie mich so merkwürdig ansehen?«
»Ich sehe Sie merkwürdig an?«
»Die ganze Zeit.«
»Verzeihung.« Mag sein, dass nunmehr ich errötete.
»Aber bitte.« Sie versuchte in Lächeln zu unterlassen, ein Unterfangen, das nur halbwegs gelang.
Wir benehmen uns wie Teenager während des ersten Treffens, erkannte ich, eigentlich ist das albern wie sonst wenig. Aber gleichzeitig ist es auf seltsame Weise reizvoll und es tut wohl, dergestalt vom Becher der Jugend zu kosten.
Wir tranken artig unseren Kaffee und sprachen wenig. Was ist das für eine Befangenheit? fragte ich mich, was ist das für eine Irritation? Ist das der Trommelwirbel vor der Sensation?
Die Sonne schien, es war ein Jahrhundertfrühling, der Himmel besaß eine unechte Blaufärbung, der Wind machte alles vollkommen: Eine seichte, zärtliche Bewegung der Luft, die die Haut streichelte, und man bemerkte es erst Sekunden später.
Ich bestellte zwei Gläser Wodka, so wohl war mir. Karla protestierte nicht, setzte sich ihre Sonnenbrille auf und konnte mich nunmehr hinter den Gläsern mustern, ohne eine Entdeckung fürchten zu müssen.
Wir prosteten uns zu und der Wodka lief, eine warme Spur zurücklassend, in den Magen. Ich spürte den Alkohol auf der Stelle; mir war, als hätte ich eine sensationelle Achterbahnfahrt hinter mir. Ihre Blicke wanderten über mein Gesicht; ich spürte es.
Und dann hatte ich genug der Spielerei und schickte meine Blicke zurück, direkt in ihre Brillengläser hinein. Der Wind bewegte eine Strähne ihres braunen Haares, sie wippte beinahe lustig.
»Zehn Pfennig für Ihre Gedanken«, sagte sie.
In solchen Augenblicken hindert das Überlegen ungemein. Man sollte nicht zögern, dem Gegenüber ein dreistes »Das kommt ja gar nicht in Frage« entgegenzuschleudern, allerdings müsste man bedenken, dass dies so gut wie eine Antwort ist. Oder man sollte, ohne im geringsten zu zögern, seine Gedanken offenbaren, zumal im Frühling und schon überhaupt, wenn das Gegenüber eine gutaussehende Frau ist.
Ich zögerte nicht eine halbe Sekunde.
»Ich habe gedacht«, sagte ich, und meine Stimme war ein wenig heiser geworden, was weniger am Wodka lag, »wie es wäre, mit Ihnen zu schlafen.«
Aufmerksam beobachtete ich ihre Reaktion. Der Ober störte mich dabei; er fragte, ob wir noch etwas trinken wollten. Eine Sekunde war peinliches Schweigen, dann sagte Karla: »Ja, bitte noch zwei Wodka.«
Und ich rief ihm hinterher: »Doppelte!«
Sie lehnte sich zurück, scheinbar vollkommen entspannt, und nahm die Sonnenbrille ab. Unsere ungeschützten Blicke trafen sich. Auf der Straße quietschte es, dann das Geräusch eines Verkehrsunfalls, Blech stieß auf Blech, Glas zerbarst. Zwei Gäste des Cafés sprangen auf und rannten sensationsgeil auf die Straße, um nichts zu verpassen. Der Ober stellte die beiden Gläser vor uns hin und verschwand wieder. Eine Kirchturmuhr in der Nähe schlug mehr als ein dutzend Mal.
»Und?«, fragte Karla, »Möchten Sie’s ausprobieren?«
Nun zögerte ich doch. Mir fiel – zum ersten Mal seit einem Stapel von Jahren – die Briefträgerin ein. Artur hätte bestimmt gewusst, was nun zu tun war. Ach, scheiße, dachte ich so heftig, dass ich es beinahe ausgesprochen hätte, es ist Frühling, und du heißt Felix! Dem Mutigen gehört das Glück.
»Ja«, sagte ich, »das möchte ich.«
Sie trank ihren Wodka in einem Zug und ich tat es ihr nach. Ich achtete auf ihre Finger – nein, kein Ring. Ihr Blick war nach wie vor fest auf meine Augen gerichtet. Die Schaulustigen kamen zurück, angeregt schwatzend.
»Du musst es wollen«, sagte Karla, »mit jeder Faser deines Herzens und deines Körpers wollen. Du musst wollen, dass die Erde bebt, im besten Hemingway’schen Sinne. Die Sterne müssen sich verrücken, die Gesetze müssen aufgehoben sein.«
Ich verstand sie nicht. »Was hat Hemingway damit zu tun?«
»Ernest Hemingway hat in seinem Roman ›Wem die Stunde schlägt‹ dieses Phänomen eindeutig beschrieben. Die Erde bebt während der Liebe und jeder Mensch erfährt dieses Wunder dreimal in seinem Leben. Metaphysik im allerbesten Sinne.«
»Ich kenne so etwas aus der Musik«, sagte ich ernst. »Piazzolla kann solche Tangos schreiben. Es gibt Stellen in Mahler-Symphonien, die dem sehr nahekommen. John Coltrane hat so Saxophon gespielt, manchmal spielt Keith Jarrett so Klavier.«
Wir schwiegen wieder. Ich kannte Hemingways Roman nicht, Karla war Coltrane vollkommen unbekannt. Und einander kannten wir auch nur flüchtig. Es war eine seltsame und unbekannte Situation.
Mit einem kleinen Geräusch landete etwas Vogelscheiße neben meinem Wodkaglas. Karla musste darüber lächeln. Mir war nicht nach einem Lächeln; ich versuchte zu ergründen, was sie begehrte. Aber die einzige Möglichkeit, dieses zu erkennen, war das Eingehen auf ihre Sätze.
»Ich will!«, sagte ich, als wolle ich sie heiraten, »Lass uns die Erde beben machen.«
Sie lächelte immer noch, breiter jetzt. »Das wird sich zeigen«, sagte sie und stand auf. Und als ich eine Sekunde sitzen blieb, fügte sie hinzu: »Auf was wartest du?«
Und wir gingen durch die Straßen von Köln und ich fragte nicht, wohin sie mich dirigierte. Wir kamen an einer Kirche vorbei; das soeben mit dem kirchlichen Segen bedachte Brautpaar stand vor der Eingangstür und verzog das Gesicht für einen Fotografen. Ein Autoalarm gellte in einiger Entfernung. Ein Dreißigtonner aus Rumänien schob sich durch den Verkehr, ein Obdachloser trank aus einer Flasche Lambrusco, ein Blindenhund ließ sich nicht ablenken, ein Brunnen versprach Erfrischung, der Wodka hatte mich ein wenig duselig gemacht. An einer Ecke stand ein verwaister Rollstuhl, ein alter graubärtiger Türke wartete in einem Hauseingang auf irgendetwas und spielte mit seinen Gebetskugeln, aus einem kleinen Schallplattengeschäft drang schwarze Musik an die Ohren der Passanten, laut und schnell, eine Dogge war vor einem Pornokino angebunden, die Fassade eines Hotels glänzte frisch gestrichen.
In dieses Hotel zog sie mich; erst jetzt bemerkte ich, dass wir die Hand des anderen genommen hatten, ohne ein Wort.
Karla schien mit dem Mann am Empfang gut bekannt zu sein, sie duzten sich, ein Geldschein wurde hingeschoben, ein Schlüssel kam zurück. Wir gingen eine Treppe hinauf, Karla öffnete eine Tür, auf der die Zahl 6 in glänzendem Messing prangte, und dann standen wir in einem mittelgroßen Hotelzimmer, so banal und alltäglich, dass es wie ein Scherz wirkte. Ich überlegte kurz, an welchem Ort ich wohl in der sogenannten Wirklichkeit war, in diesem Hotel in der Kölner Innenstadt war ich sicher nicht.
Das Zimmer befand sich auf der Schattenseite des Hauses, es war kühl, aber hell und klar. Karla und ich standen immer noch.
Und da ich mit einem Mal von Unsicherheit angefüllt war und außerdem eine nicht näher zu beschreibende Angst verspürte, sodass ich nicht wusste, was sie denn jetzt von mir verlangen könnte, nahm ich sie in den Arm (die unschuldigste Annäherung, die mir einfiel) und vergrub meine Nase in ihrem Haar. Ich spürte ihre Hände auf meinem Rücken. Ihr Haar roch nach Fichtennadel-Shampoo.
»Bist du öfter hier?«, fragte ich.
Sie löste sich von mir und sah mich an. »Denkst du das von mir?«
»Ich denke gar nichts. Ich wunderte mich nur, dass du den Mann am Empfang kanntest.«
Sie lachte leise. »Natürlich kenne ich ihn, er ist mein Bruder.«
Irgendeine Kirchturmuhr schlug die Zeit, als wir uns nebeneinander auf das Bett legten und die Erkundungsreise begann.

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Leseprobe: Karmaexpress

Karmaexpress

Sophia durchforstete Time Out, das Londoner ­Szene-Magazin. Vor einer Woche war sie bei Nick eingezogen, nachdem sie sich vom Schuldienst in Berlin hatte beurlauben lassen. Sie hatte zur Sicherheit nur einen Koffer mitgebracht und ihre wenigen Besitztümer in der Wohngemeinschaft in Berlin gelassen. Sie gab sich selbst ein Jahr für dieses Liebesexperiment, dessen Ausgang ungewiss war. Kaum war sie in Heathrow gelandet, hatte sie den Geruch von Theater in der Nase. Und hier in Time Out fand sie, was sie suchte: Einen Aufruf zur Teilnahme an einem groß angelegten experimentellen Theater-Event. Die Open Theatre Company suchte Teilnehmer für ihr Hospital Project, das in Lambeth, einem sozial schwachen Stadtteil im Süden Londons, stattfinden sollte. Sie war sofort Feuer und Flamme: Theater spielend würde sie sich London erschließen! Schon am nächsten Tag fuhr sie mit Bahn und Bus nach Lambeth und nahm alles begierig in sich auf: Die Reihen grauer Häuschen, dazwischen verwahrloste Tower Blocks aus zerbröckelndem Beton; Frauen in Saris, die Einkaufstüten schleppten, schwarz verschleierte Frauen mit Kindern in westlicher Kleidung an der Hand, Männer in Turbanen, die an den Straßenecken miteinander schwätzten; und nirgendwo ein Fleckchen Grün, während die Gegend immer ärmlicher wurde. Die in Time Out angegebene Adresse war ein leer stehendes Krankenhausgebäude im viktorianische Stil und Sophia kämpfte sich eine Weile ratlos durch hohe feuchte Räume, in denen vereinzelt verrostete Bettgestelle standen. Durch die verschmierten, mancherorts zerbrochenen Fensterscheiben fiel eine milchige Herbstsonne. Schließlich fand sie drei enthusiastische junge Theaterleute, die gerade einem großen Kreis von Menschen unterschiedlichen Alters und Hautfarbe das Projekt erklärten. Sie erfuhr, dass sie noch einmal den Geist des viktorianischen Krankenhauses reanimieren wollten, bevor das Gebäude dem Erdboden gleich gemacht würde. Es sei zu seiner Zeit ein Loony Bin, eine psychiatrische Anstalt gewesen und jeder Projektteilnehmer sollte sich mit der Geschichte der viktorianischen Psychiatrie vertraut machen, um daraus eine glaubhafte Figur zu entwickeln, die in diesem Loony Bin ihr Ende fand. Sophia war begeistert, diese Art Theaterarbeit war ganz nach ihrem Geschmack. Schon auf dem Heimweg schaute sie bei Silver Moon, dem Frauenbuchladen auf der Charing Cross Road vorbei und wurde sofort fündig. Das Buch hatte den Titel The Femal Malady und seine Autorin führte durch vielfältige Quellentexte den Nachweis, dass viele Frauen im viktorianischen England als Hysterikerinnen in die Psychiatrie weggesperrt wurden, weil sie sich dem engen Korsett der weiblichen Rollenerwartungen ihrer Zeit nicht anzupassen vermochten. Hier erfuhr sie zum ersten Mal, dass das Wort Hysterie selbst von Hystos, griechisch für Gebärmutter, stammte. Besonders faszinierte sie ein Kapitel über die berühmte Florence Nightingale, die dem Loony Bin nur entging, weil sie eine hoch gebildete Frau war. Als kleines Mädchen, schrieb Nightin­gale, habe sie die Obsession gehabt, ein Monster zu sein, in ständiger Angst, aus der Gesellschaft ausgestoßen zu werden. Als monströs habe sie ihre Wut auf und Unzufriedenheit mit der von ihr erwarteten Rolle der gehorsamen, pflichtbewussten Tochter aus gutem Hause empfunden. Was die Geschichtsbücher über die berühmte Lady with the Lamp, die auf der Krim unermüdlich von Lazarettbett zu Lazarettbett schreitet, verschwiegen, war die Tatsache, dass Florence Nightin­gale sich weigerte, den ihr von ihrer Familie zugewiesenen Mann zu heiraten, weil sie Krankenschwester werden wollte. Als ihr das verweigert wurde, fiel sie in eine tiefe Depression und versuchte sich umzubringen, bis sie den Mut aufbrachte, mit der Familie zu brechen und die Frau zu werden, die für ihre Verdienste in die Geschichtsbücher einging. Andere, weniger gebildete oder charakterstarke Frauen zerbrachen an ihrem Konflikt und wurden von ihren Familien in die Psychiatrie gesperrt. In diesem Buch waren viele Zeichnungen von sogenannten hysterischen Frauen. Sie waren an eiserne Betten gefesselt und ihre Körper bäumten sich auf zu einer Brücke, die sich hoch über die Matratze wölbte.
Sophias Herz ging hinaus zu diesen namenlosen Frauen, die angekettet wurden, um sie mundtot zu machen und ihren schöpferischen Geist zu brechen, und sie wollte sie durch ihre Improvisation ehren. Sie entwickelte eine viktorianische Frauengestalt namens Lucy Jennings, die von der hochmoralischen Pfarrersfamilie, in der sie aufwächst, wegen Ungehorsam verstoßen und in die Psychiatrie gesperrt wird. Sie hat Feuervisionen und möchte die Welt in Schutt und Asche legen. In der Rolle lag zweifelsohne viel von ihrer eigenen Empörung über die Unterdrückung der Frau und ihres Rechtes auf Selbstbestimmung in den vergangenen Jahrhunderten und auch noch in ihrer Gegenwart. Sie war überzeugt, dass auch Margarete, der Nagel in ihrem eigenen Fleisch, eine starke Frau in sich trug, die zum Vorschein gekommen wäre, wenn man sie gelassen hätte. Dasselbe galt für Nicks Mutter, der man früh den Wunsch nach Selbstbestimmung ausgetrieben hatte, so dass ihr nur die Opferrolle übrig blieb. Und in ihrer Beziehung zu Nick ging es um das Gleiche: Sie wollte auf Augenhöhe wahrgenommen werden, als Partnerin. Stattdessen schwankte er zwischen Anbetung – gefährlich, weil Frau leicht vom Sockel fallen konnte – und Besserwisserei, was sie zur Weißglut brachte. Genau diese Wut darüber, nicht gesehen zu werden mit dem, was sie zu geben hatte, legte Sophia jetzt in die Figur der Lucy Jennings. Die Aufführung war ein großer Erfolg. Sie hatten nicht nur einzelne Figuren erarbeitet, sondern aus Pappmaschee große Puppen hergestellt. So betraten die Zuschauer die psychiatrische Station durch einen grell bemalten schreienden Mund einer Patientin. Dann wurden sie in kleinen Gruppen an zehn Einzelzellen vorbei geführt, in denen sich die einzelnen Fälle befanden. Wenn der Vorhang zur Seite gezogen wurde, hielt Sophia als Lucy Jennings einen wütenden Monolog über die irre Einrichtung der Welt. Ihre Feuervisionen, aber auch ihre Sehnsucht nach Grün und Büchern wurden durch bemalte Dias an die Zellenwand projiziert. Wenn die Besucher der Open Theatre Company Performance alle Insassen gesehen hatten, wurden sie die Treppen hinunter in den Hinterhof des tristen Backsteinbaus geführt. Hier hatten sie Puppen aus weißem Pappmaschee an den hohen Backsteinwänden befestigt, die vom Hof aus angestrahlt wurden. So ergab sich den Besuchern ein eindrucksvolles Bild: Die lebensgroßen Puppen steckten von der Hüfte abwärts im Stein, während ihre Oberkörper mit ausgestreckten, sehnsuchtsvollen Armen in die nächtliche Freiheit strebten. Auf dem Hof selbst standen Dutzende von verrosteten Bettgestellen, an die sich die Schauspieler gekettet hatten, um heulend und mit den Ketten rasselnd mit einem lauten Spektakel die Performance zu beenden.
Während der Arbeit am Hospital Projekt vollzogen sich geheimnisvolle Veränderungen mit Sophia. Eines Nachmittags während der Proben schaute sie durch die zerbrochene Scheibe des Stationsfensters hinaus in den herbstlichen Himmel und bemerkte dort eine kleine, orangenfarbene Wolke. Plötzlich meinte sie Lucy in the Sky with Diamonds vorüberschweben zu sehen, das wunderbare Mädchen aus dem gleichnamigen Beatles Song. Nach dieser Erscheinung nannte sie ihre Figur Lucy. Am Wochenende fuhr sie mit Nick ans Meer. Am Horizont gewahrte sie ein großes Schiff, dessen weißer Bauch sich leuchtend aus den grauen Wogen hob. In der nächsten Nacht hatte sie erneut ihren Traum von der Nuss. Wieder gebar sie eine Nuss, aber diesmal schrumpfte diese nicht wie sonst, sondern lag prall und schwer in ihrem Schoß. Sie öffnete sie und fand darin ein winziges Mädchen, gebettet auf eine orangenfarbene Wolke. Die Augen des Kindes schauten an ihr vorbei in das helle Licht eines Sommertages. Als sie von diesem Traum erwachte, wurde Sophia von einer Welle des Glücks überschwemmt. Das Wunder war geschehen, sie wusste, sie war schwanger.
Nick war nicht der erste, der es erfuhr. Nein, Sophia besuchte Florence in ihrem Hexenhäuschen und erzählte ihr, dass sie in ihrem Bauch ihr Enkelchen trug. Sie sah, wie die weißen Löckchen der alten Dame vor Freude wippten. Florence hatte Sophia von Anfang an als Ersatztochter in ihr Herz geschlossen und ihr bedingungslose Liebe entgegengebracht. Umgekehrt fühlte sich Sophia von dieser Frau gesehen auf eine Weise, wie sie es von ihrer eigenen Mutter schmerzlich vermisste. Wie sie so da saß in ihrem Lehnstuhl, ihre alte Katze im Schoß, erinnerte Florence Sophia an die Großmutter in Rotkäppchen. Ja, ihr würde sie jederzeit gern Kuchen und Wein bringen, bedingungslos. Und dieser Frau würde sie ihr Kind anvertrauen, falls es sie wieder auf die Bretter des Theaters zog. Schwieriger würde es sich mit dem einsamen Wolf namens Nick gestalten. Sie wusste, dass Nick ihren Freigeist liebte, weil er so anders war als die Art seiner Mutter, deren Selbstaufgabe er ganz offensichtlich hasste. Andererseits war er ein unsicherer Mann, der seinen Mangel an Selbstbewusstsein durch Rechthaberei kompensierte. Sie konnte seine Sehnsucht nach Liebe sowie seine Verletzlichkeit spüren und schätzen, aber die Prägung durch seine Geschichte des Überlebens; die unsichtbaren Fäuste, die er innerlich ballte, um für den nächsten Schlag gewappnet zu sein; diese Maske konnte sie nicht lieben. Im Gegenteil: Sie machte ihr Angst, weil sie diese Haltung von Margarete kannte. Andererseits könnten sie sich über die Elternschaft zusammenraufen, war das nicht eine Chance? Vielleicht konnten Nick und sie aneinander wachsen? Sophia würde ihn überzeugen, dass er von ihr nichts zu befürchten hatte, wenn er sie nur achtete, wie sie war? Und könnte sie nicht von ihm lernen, ein bisschen pragmatischer zu werden und sich nicht von ihrem Schwarzen Loch auffressen zu lassen? Das rumorte gewaltig und die gefürchtete Stimme hämmerte auf sei ein: Du liebst ihn nicht! Du benutzt ihn nur, um ein Kind zu zeugen! Und weil du das weißt, machst du dich schuldig. Das ist die gleiche Schuld wie die Margaretes, die auch nicht lieben konnte und stattdessen ihre Tochter und ihren Mann bis heute emotional erpresst! Trenn dich vom Vater deines Kindes, ehe es zu spät ist! Mit deiner Geschichte steht dir eine gesunde Familie nicht zu! Sophia hätte sich am liebsten die Ohren zugehalten, aber das war ganz unsinnig, denn die Stimme mitsamt dem schwarzen Loch hatte sie aus Deutschland mitgebracht. Einen Neuanfang zu machen durch geographische Veränderung war also eine absurde Illusion. Das wusste sie seit ihrem Abitur, in dem sie in Deutsch ein Gedicht von Gottfried Benn zu interpretieren hatte, das mit der Zeile Meinst du, Havanna sei eine andere Stadt begann und darauf hinaus lief, dass wir unsere Themen überall hin mitnehmen, an Palmenstrände oder in aufregende fremde Kulturen. Die inneren Baustellen reisten immer mit. Sie schaute Florence zu, die gerade an ihrem Tee nippte, immer noch mit dem hoffnungsvollsten Lächeln über das Wiedererstehen ihrer kürzlich verlorenen Familie. Nein, dachte Sophia, ich kann es vor allem dieser Frau nicht antun, jetzt zu kneifen. Ich will es wagen und ich will alles, was geschieht, als Lernerfahrung annehmen. Sie wollte heil werden, was auch immer dazu gehören würde. Sie wollte diesem Kind geben, was sie selbst nicht bekommen hatte. Noch am selben Abend teilte sie Nick mit, dass er Vater werden würde, und er war over the moon, wie man auf Englisch sagt.
Die Schwangerschaft gestaltete sich in den ersten drei Monaten schwierig, weil Sophia manchmal blutete. Der englische Arzt meinte lapidar, dann würde der Fötus eben abgehen, das sei ganz natürlich; die Natur sondere eben aus, was sich nicht gesund entwickle. Es war Sophias erster Kontakt mit einem englischen Arzt und die Härte seines Pragmatismus erschreckte sie. Sie beschloss nach Berlin zu fliegen und sich von ihrer alten Gynäkologin eine zweite Einschätzung einzuholen. Der Ultraschall bestätigte einen gesunden Fötus, die Ärztin machte ihr Hoffnung und empfahl, jegliche Art von schwerer körperlicher Anstrengung zu meiden. Erleichtert besuchte Sophia ihre Mutter, um ihr mitzuteilen, dass sie Großmutter werden würde. Margarete zeigte keine Regung, sondern rührte wütend in der Kapernsoße, die es zu den Königsberger Klopsen geben sollte. Sophia konnte fühlen, dass die Nachricht ihre Mutter in höchste Alarmbereitschaft versetzte. Sie wollte ihren festen Griff auf Sophia behalten und deren eigene Mutterschaft barg die Gefahr des Kontrollverlustes. Außerdem war sie nach wie vor fast verzweifelt mit ihrer körperlichen Attraktivität identifiziert, stand viel vor dem Spiegel, vor dem Dutzende von Schönheitscremes aufgereiht waren. Im Badezimmerschränkchen standen mehrere Döschen Valium verschiedener Stärke. Sie rang ganz offensichtlich mit den Folgen der Menopause und das Wort Großmutter gehörte in eine graue Zukunft, gegen die sie sich verbittert wehrte. Sie wollte Spaß am Leben, den es an der Seite des viel älteren Müllers und im dörflichen Einerlei nicht gab. Also beschloss Margarete, einen riesigen Koffer zu packen, um Sophia zurück nach Berlin zu begleiten, weil sie dort eine Jugendfreundin besuchen wollte. Als das Taxi kam, das Mutter und Tochter zum Bahnhof bringen sollte, wies Margarete Sophia barsch an, ihren schweren Koffer zu tragen. Aber Mutti, du weißt doch, dass ich nicht schwer heben darf, weil ich das Kind bekommen möchte, erwiderte diese. Da ergriff Margarete sie grob am Oberarm, schob ihr Gesicht ganz nah an das ihre heran und zischte: Dann kriegst du das Kind eben nicht! Da geschah etwas in Sophia, was sie zuletzt bei einem Autounfall erlebt hatte, als sie siebzehn war. Sie sah in die Augen der Mutter, als diese ihren Fluch ein zweites Mal aussprach, und die Zeit blieb stehen. Damals hatte sich das Auto, in dem sie saß, überschlagen und sie hatte das Lenkrad des Wagens, das Armaturenbrett und den Horizont sich unendlich langsam, wie in Zeitlupe drehen sehen, bevor das Auto ihres Schulfreundes auf dem Dach landete. Ihre Wahrnehmung hatte sich wohl in Erwartung des möglichen Endes völlig aus dem Alltag herausgehoben und sie für einen Augenblick mit einer unsichtbaren zeitlosen Ebene verbunden, die realer zu sein schien als das Alltagsbewusstsein. Etwas Ähnliches geschah hier im Blickkontakt mit der Mutter: Sophia sah plötzlich eine Schattengestalt, die Margarete besetzte, und vor der Sophia ihr ganzes Leben Angst gehabt hatte. Aus Angst war sie dieser dunklen Macht immer zu Willen gewesen und sie war es, die über ihrem eigenen schwarzen Loch thronte. Sie sah die Qual in den Augen der Mutter, die ihr dieser Pakt mit der Schattenfigur bereitete, aber zum ersten Mal stieg sie selbst aus dem Pakt aus. Sie löste sich vom Blick der Gorgonin, verband sich stattdessen mit dem Kind in ihrem Bauch und flüsterte: Ich beschütze Dich! Zu Margarete aber, die immer noch herrisch auf den Koffer zeigte, sagte sie zum ersten Mal in ihrem Leben Nein. In diesem scheinbar endlosen Moment löste sich die Nabelschnur, die Sophia an Margaretes Schatten gebunden hatte. Gleichzeitig festigte sich die Verbindung mit dem Kind und die Blutung versiegte. Sophia wusste intuitiv, dass sich ihr Kind erst jetzt sicher bei ihr fühlte. Margarete aber sank in diesem Augenblick in sich zusammen und würde in die Umnachtung gleiten. In diesem Moment medialer Wahrnehmung wusste Sophia das einfach. Umso mehr wuchs ihre Achtung vor den Gesetzmäßigkeiten der unsichtbaren Welt, die wir nicht verstehen und denen wir nur vertrauen können.

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Leseprobe: Im Zwielicht der Zeit

Im Zwielicht der Zeit

Gertrud und Emmy saßen im Wohnzimmer und waren mit Näharbeiten beschäftigt. Zwischen ihnen stand ein großer Korb mit Wäsche, die noch geflickt werden musste. Die Nachmittagssonne sandte ihre Strahlen durch das halb geöffnete Fenster. Ein leichter Wind bauschte die Gardine und spielte mit ihren Schatten. Es war still in dem Raum, nur von draußen drangen ab und zu Geräusche herein: Rufe, Hundegebell, Kinderstimmen, das Rumpeln der Straßenbahn, die vorüberfuhr. Die beiden Frauen schwiegen, jede hing ihren Gedanken nach.
Da wurde plötzlich die Tür geöffnet. Gertrud schrak zusammen und blickte auf. Ihr Vater stand im Türrahmen. Seine große Gestalt schien die ganze Öffnung auszufüllen. Er hielt einen Brief in der Hand. „Paul hat geschrieben“, sagte er mit ruhiger Stimme.
„Oh, Vater, wie schön!“ Gertrud ließ den Strumpf fallen, den sie gerade stopfte, und wollte vor Freude aufspringen, doch ein Blick in das ernste Gesicht des Vaters hielt sie zurück. „Was ist?“ Ängstlich sah sie ihn an.
„Paul ist schwer verwundet, aber es geht ihm schon besser“, sagte Oertel mit belegter Stimme. Dann las er vor: „Lieber Vater, liebe Gertrud! Ihr habt lange nichts von mir gehört. Aber ich konnte nicht schreiben, denn ich bin schwer verwundet. Ich habe einen Lungendurchschuss. Doch inzwischen geht es mir besser, und ich hoffe, dass ich in ungefähr zwei Wochen aus dem Lazarett entlassen werde. Wie freue ich mich auf zu Hause!“
Oertel ließ den Brief sinken. Sein Gesicht hatte jetzt einen ungewohnt weichen Ausdruck. Gertrud schien es, als sei alle Strenge daraus verschwunden. Sie selbst hatte Tränen in den Augen, Tränen der Freude, des Mitleids und der Sorge. „Paul kommt nach Hause, dem Himmel sei Dank!“ rief sie aus. „Er wird wieder gesund werden, Vater. Die Hauptsache ist doch, dass er lebt.“
Sie stand auf und ging zu ihm hin. Oertel nahm ihre Hand und drückte sie fest, dann drehte er sich um und ging wortlos aus dem Zimmer.
Zwei Wochen später stand Gertrud voller Erwartung mit ihrem Vater auf dem Bahnsteig, um ihren Bruder vom Zug abzuholen. Überall drängten sich Menschen. „Wo kommen all diese Leute her?“ Sie blickte sich überrascht um. „Es kann doch nicht sein, dass alle ihre verwundeten Angehörigen abholen wollen.“
„Wahrscheinlich kommen auch Frontsoldaten, die Heimaturlaub haben, mit diesem Zug“, meinte Oertel.
Als die Lokomotive schnaufend in den Bahnhof einfuhr und schließlich hielt, kam Bewegung in die Menge. Gertrud wurde von einer dicken Frau beiseite geschubst, die rufend und winkend versuchte, einem Soldaten entgegenzulaufen, der gerade auf Krücken aus einem Waggon herauskam. Einige junge Männer in Uniform winkten lachend, sprangen rasch auf den Bahnsteig, bahnten sich einen Weg durch das Gedränge zu einer Gruppe wartender Frauen und begrüßten sie stürmisch.
Ein großer, schlanker, leicht gebeugt gehender junger Mann kam mit schleppenden Schritten auf Oertel und Gertrud zu. Das ist doch nicht Paul, ging es ihr durch den Kopf, das kann er nicht sein. Als er dann vor ihnen stand, war er Gertrud so fremd, dass sie fast Scheu vor ihm empfand. War er größer geworden? Oder kam es, weil er so abgemagert war? Der Uniformmantel schien ihm gar nicht zu passen. Und wie blass und schmal er geworden war! Das war nicht mehr das vertraute Gesicht, das sie von früher her kannte. Seine Gesichtszüge waren viel schärfer geworden, die Nase und die Wangenknochen traten hervor, und von der Nasenwurzel abwärts bis zu den Mundwinkeln zogen sich Linien, die vorher nicht dagewesen waren. Alles Weiche, alles Kindliche der Vergangenheit war aus diesem Gesicht verschwunden. Es zeigte einen bitteren Ausdruck, der zu seiner Jugend nicht recht passen wollte. Zögernd, fast ein wenig schüchtern, reichte Gertrud Paul die Hand. Es gelang ihr nicht, ihn spontan zu umarmen, wie sie es eigentlich gewollt hatte, wie sie es auch früher bei manchen Gelegenheiten getan hatte. Da war etwas Trennendes, wie eine Mauer, das sie hinderte, ihm nahe zu kommen. „Willkommen zu Hause, Paul“, sagte sie leise. Ihre Stimme bebte. In ihren Augen lag ein Ausdruck von Betroffenheit, aber auch von Wärme.
Oertel legte seinem Sohn einen Arm um die Schultern und drückte ihn leicht an sich. „Gut, dass wir dich jetzt ein Weilchen zu Hause haben. Du musst dich nun erst einmal erholen.“
Auf dem Heimweg sprachen die drei kaum. Gertrud versuchte ein paar Mal, eine Unterhaltung mit Paul anzufangen. „Schön, dass du wieder da bist“, sagte sie, und „Wie geht es dir?“ Aber Paul schien sie nicht zu hören. Verlegen sah sie zu Boden. Auf einmal kamen ihr ihre Worte unaufrichtig und belanglos vor.
Paul war in den nächsten Tagen sehr still und in sich gekehrt. Es war so, als sei er noch nicht richtig nach Hause gekommen. Von der Front erzählte er gar nichts. Als der Vater ihn nach seiner Verwundung fragte, gab er nur eine knappe Auskunft.
Emmy schienen die Veränderungen in Pauls Wesen am wenigsten aufzufallen. Oder sie ließ sich nichts anmerken. „Schmal sind Sie geworden, Herr Paul“, stellte sie in ihrer mütterlich-resoluten Art lächelnd fest. Dann sah sie ihn aufmunternd an und legte wie bekräftigend ihre Hand auf seinen Arm: „Das kriegen wir schon wieder hin. Wir werden Sie richtig aufpäppeln.“
Ein dankbares Lächeln glitt über Pauls Gesicht.
Was war das für ein Schrei? Gertrud fuhr aus tiefstem Schlaf hoch. Da hat doch jemand geschrien, oder habe ich geträumt? Verstört rieb sie sich die Augen und horchte angespannt. Da, da ist es wieder! Ein Schrei, als sei jemand in Todesnot! Und dann dieses Stöhnen, so qualvoll … dieses Wimmern … Ein Schauer lief ihr über den Rücken. Es klingt, als sei alles Leid der Welt in diesen schmerzerfüllten Lauten eingefangen und suche verzweifelt nach einem Ausweg. Das kommt ja aus Pauls Zimmer! Einen Herzschlag lang war sie starr vor Schreck. Dann fasste sie sich und zog entschlossen den Morgenrock über. Was war los? Sie musste zu ihm.
Paul warf sich unruhig im Bett hin und her. Er war schweißüberströmt, die Haare hingen ihm wirr ins Gesicht, seine Augen waren halb geöffnet. Gertrud wusste nicht, ob er wach war oder schlief. Voller Angst betrachtete sie ihn. Er muss etwas Furchtbares träumen. Immer wieder dieses klägliche Wimmern und Stöhnen … Jetzt sagt er etwas … aber ich kann ihn kaum verstehen … Seine Stimme ist so verändert. Sie versuchte, genau hinzuhören, und konnte schließlich einige Wortfetzen aufschnappen. „Dieser ewige Regen … Mir ist so kalt … alles nass … und der Schlamm … Ich kann mich nicht bewegen …“ Es war wie ein Klagen, das immer erregter wurde. „Läuse … überall … am ganzen Körper … jetzt auch noch Ratten … weg … weg …“ Er schlug wie wild mit den Händen um sich.
Gertrud wollte zu ihm gehen, seine Hände festhalten, ihn in den Arm nehmen, aber sie stand da wie gelähmt. Sie konnte sich nicht von der Stelle rühren. Dann schien ihr, als würde Paul sich beruhigen. Aber plötzlich wurde seine Stimme wieder lauter, die Erregung nahm zu. „Meine Augen … tun so weh … blenden so … diese Leuchtkugeln …“ Er schlug die Hände vor das Gesicht. „Dieses Heulen … dieses grauenhafte Pfeifen … da, eine Explosion … nicht hier … bitte, nicht hier … Ich will nicht sterben …“ Seine Worte gingen unter in einem markerschütternden Schrei. Dieser Schrei riss Gertrud aus ihrer Erstarrung. Sie spürte, wie ihre Kräfte zurückkehrten, ging zum Bett ihres Bruders und rüttelte ihn, so fest sie konnte.
„Wach auf, Paul, wach auf! Du hast einen Albtraum!“, rief sie verzweifelt. Mit einem Ruck fuhr Paul in die Höhe, saß kerzengerade, seine weit aufgerissenen Augen starrten mit leerem Blick ins Zimmer. Er sah Gertrud nicht, schien noch nicht wach zu sein. „Blut … überall Blut …“ Er sprach mit ersterbender Stimme. „… und die vielen Toten … überall Tote … diese Schmerzen …“ Dann war es nur noch ein hilfloses Schluchzen, das Gertrud Tränen in die Augen trieb. Sie rüttelte ihren Bruder wieder mit verzweifelter Heftigkeit. „Wach auf, wach doch endlich auf, Paul! Quäl dich doch nicht so!“
Paul schien nun endlich wach zu sein. Er blickte seine Schwester an, und sie sah in seinen Augen, in seinem ganzen Gesicht das Entsetzen gespiegelt, das furchtbare Grauen, das er erlebt haben musste. Still nahm sie seine Hand und lehnte seinen Kopf an ihre Schulter. So saßen die Geschwister eine Weile beieinander, keines sagte ein Wort. Paul lehnte sich erschöpft an Gertrud, und sie strich von Zeit zu Zeit über sein wirres Haar, so wie man ein Kind beruhigt, das schlecht geträumt hat. Es war eine fast scheue Berührung, eine liebevolle, aber hilflose Geste. Schließlich schob Paul seine Schwester sanft von sich.
„Geh wieder schlafen, Gertrud. Es tut mir leid, dass ich dich geweckt habe.“
Das ist seine normale Stimme, dachte sie erleichtert. In all ihrer Betroffenheit hatte dieser Gedanke etwas Tröstliches.
„Paul …“, sagte sie leise, fasste seinen Arm und sah ihm forschend ins Gesicht. Aber er schüttelte den Kopf, legte sich zurück in seine Kissen und drehte sich auf die Seite, ihr den Rücken zuwendend. Sie verstand. Er wollte nicht darüber reden, er konnte nicht darüber reden. Die Schrecken, die er erlebt hatte, saßen zu tief. Wie böse Geister hatten sie sich in seiner Seele festgekrallt. Mit eisernem Griff hielten sie ihn umklammert, und er kämpfte mit aller Kraft, dass sie ihn nicht ganz zerstörten. Wenn es an der Zeit ist, wird er darüber reden, dachte Gertrud. Er muss darüber reden, sonst zerbricht er daran. Aber jetzt ist es noch zu früh. Leise ging sie aus dem Zimmer.