Veröffentlicht am

Leseprobe: Arbor – Der Weg des Waldes

Arbor – der Weg des Waldes

Als er sich im dritten Semester seines Biologiestudiums befand, stand auf dem Lehrplan der Besuch einer Falknerei, auf den sich die gesamte Studentenschaft sehr freute, war es doch eine willkommene Abwechslung zum tristen Alltag an seiner Alma Mater; denn dort bestand er mehrheitlich aus dem Wiederkauen von bereits mannigfaltig Durchdachtem. So begab es sich, dass Max als junger Student unbefangen der Präsentation des Falkners lauschte, als dieser stattliche, bullige Mann ankündigte, man werde nun erleben können, wie ein Greifvogel jage. Zu diesem Zwecke öffnete der Falkner einen kleinen Weidenkorb, aus dem er rosafarbene Fleischstückchen herausholte und einen dieser Brocken auf einer sockelartigen Vorrichtung, wohl aus falschem Marmor, in unmittelbarer Augenhöhe der Zuschauer platzierte, die wie in einem antiken Amphitheater auf halbkreisförmig angeordneten Steinstufen saßen und teils fasziniert, teils gelangweilt dem Schauspiel zusahen. Dann ließ er ein wunderschönes, gestreift und buschig gefiedertes Bussardweibchen aus seinem Käfig, befreite es von seiner Augenklappe, die Greifvögel zwecks Unterdrückung des Jagdinstinkts tragen und entließ das Tier in die Freiheit. Die nutzte es sogleich, um in luftige Höhen emporsteigen. Max war fasziniert von der Agilität und Eleganz dieses erbarmungslosen Jägers und lauschte begeistert den spitzen Schreien des Vogels, die die gesamte Luft erfüllten. Obwohl man den Raubvogel nur noch als kleinen, flatternden Punkt am Himmel sehen konnte, war die bebende Erregung des Tiers allein aufgrund seines geheimnisvollen und dennoch tödlich wirkenden Jagdrufs förmlich nachzuvollziehen. Max fokussierte gebannt dieses eindrückliche Naturphänomen und beneidete den Bussard um seine Stimmgewalt, hinter der jeder Opernsänger meilenweit zurückstand und seine grenzenlose Freiheit, die er für einige wonnige Momente nachempfinden konnte, bis plötzlich der Falkner vollmundig in eine rote Trillerpfeife blies, um dem Vogel das Zeichen zum Beutezug zu geben. Max, der damals nicht zuletzt aufgrund seiner Studienfächer sehr lärmempfindlich war, wurde augenblicklich aus seinen Tagträumen geweckt und entwickelte sofort eine kochende Wut gegenüber dem Falkner, der mit seiner Pfeife sowohl die Freiheit des Bussards als auch die poetische Träumerei von Max schlagartig beendet hatte, und das nur durch einen unsanft vollführten, brüsken Pfiff. Dieser war durch die Entschiedenheit und den Herrschaftsanspruch, mit dem er vollführt wurde, in der Lage, den geheimnis- und bedeutungsvollen Wert des Moments zu zerstören. Es bedarf keiner weiteren Erläuterung, dass die Pfeife den Ton ‚Gis‘ hervorgebracht hatte, der Max von diesem Tag an immer aus allen Träumen riss, wenn er Geige spielte.

Als nun dieser Ton zu allem Überfluss in seinem Kopf erschallte, hatte Max Schwierigkeiten, all seine Gedanken zu sortieren oder gar irgendeinem verwertbaren Ergebnis zuzuführen. Dann verstummte das nervtötende ‚Gis‘ jedoch von einem Moment auf den anderen und augenblicklich endete auch der bisher stetig durch das offene Fenster blasende, kalte Luftzug.
Das Ende seiner akustischen Folter quittierte der Geiger mit einem erleichterten Seufzen und richtete seinen Blick auf. Dem Beobachter hätte sich ein surreales Bild ergeben, zwei rechtschaffene Herren, einer von ihnen im feinen Zwirn im Raum stehend, ein anderer, der im kurzärmeligen Hemd schwitzend den Eindruck machte, als hätte er eine durchzechte Nacht hinter sich, noch dazu mit unmenschlich wirkenden Körperteilen, die in diesem Moment eher den Anschein unbeweglicher Prothesen machten als funktionsfähiger Extremitäten.
Gehle und Max stand die Verwunderung über das Vergangene gleichermaßen ins Gesicht geschrieben, und obwohl sie miteinander noch nicht darüber gesprochen hatten, wusste Max sofort, dass die beiden sich erst wenige Minuten kennenden Männer fortan unterschiedliche Wege im Umgang mit ihrer Verholzung gehen würden. Die Tatsache, dass nur er den mysteriösen Ton vernommen hatte, war für ihn zunächst nicht nachzuvollziehen. Mühsam richtete er sich auf und versuchte, seinen Körper in eine aufrechte Haltung zu manövrieren, was aber angesichts des Zitterns seiner Beine eher an eine neugeborene Kuh erinnerte, die auf einer vom morgendlichen Tau noch glänzenden Frühlingswiese wackelige Aufstehversuche unternimmt. Gehle erkundigte sich sichtlich verängstigt nach dem Befinden von Max und fragte, was denn los gewesen sei.
„Ach nichts, das war wohl nur eine Art epileptischer Anfall“, log Max, denn er spürte, dass es wenig Sinn machte, dem Anwalt die ganze Wahrheit zu erzählen.
„Soll ich einen Arzt rufen?“
„Nein, nicht nötig“, antwortete Max unwirsch. Er wusste jetzt, dass ein Arzt in dieser Sache niemals etwas ausrichten könnte.
Als er nun aus dem Zimmerfenster blickte, nahm Max wahr, dass der Regen aufgehört hatte. Auch das rote Leuchten am Himmel war spurlos verschwunden, anstelle der schwarzen Himmelsscheibe lugte die Sommersonne freundlich hinter wattigen Wolken hervor. Während vom Grundstück eines Nachbarn das gemächliche und monotone Röhren eines Benzinrasenmähers herüberschallte, konnte man beobachten, wie sich an der Kreuzung gegenüber der Verkehr staute und ein Kioskbesitzer einen neuen Plastikbeutel in den kleinen Mülleimer vor seiner Bude spannte und den alten in eine riesige, schon überquellende, blaue Mülltonne bugsierte, die unauffällig hinter seinem Lädchen stand.
Von einem großen Vogelschwarm fehlte am Himmel jede Spur.
Die Menschen in der Stadt K. bewegten sich an diesem Mittwoch gleichmütig und nichts ahnend ihrem Abend entgegen.