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Leseprobe: Gefährliche Rochade

Essen, 10.03.1989


Seit dem Ende des Studiums bemühte sich Ingo gemeinsam mit Bruno Führing, einem Kumpel aus der Schulzeit, um den Aufbau einer kleinen Personalberatungsgesellschaft:
,Virgam Progressum, Personalmanagement Ingo Fellbach & Bruno Führing‘; die Firmenbezeichnung hatten sie schnell gefunden.
Und sie waren sich einig, dass ,Virgam Progressum‘ als Firmierung ein Knaller war.
Damit war es aber auch schon fast zu Ende mit der Einigkeit. Bruno, studierter Pädagoge, war ein ausgeflippter Typ, für den eine hedonistische Lebensweise nicht nur auf einer Einstellung beruhte, sondern eine Lebensphilosophie darstellte. Die Firma wollte er im Wesentlichen dazu nutzen, mit haarsträubenden Honoraren schnellstmöglich und mit wenig Arbeit viel Geld zu scheffeln. Als die beiden sich zusammensetzten, um ihre Geschäftsstrategie abzustimmen, war es für Bruno sofort sonnenklar, dass Gewinnmaximierung das oberste Ziel zu sein hatte.
Spätestens zu diesem Zeitpunkt hätte Ingo, das hatte er im Nachhinein oft gedacht, eigentlich Abstand nehmen sollen. Er selbst war viel idealistischer unterwegs. Sein Traum bestand darin, anderen mit kreativen Ideen und Vorgehensweisen zu helfen und dabei selbst genug zu verdienen, um ein selbstbestimmtes Leben führen zu können. Keinesfalls wollte er in einer, wie er es nannte, Knochenmühle seinen Job fristen, wo Dutzende von Emporkömmlingen ihm sagen würden, was er zu tun und zu lassen hat.
Jetzt saß er in seiner Wohnung vor einem Haufen unbezahlter Rechnungen. Langsam wurde es eng. Auch das Geld, das er von den Alphas hatte, war nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Was insbesondere fehlte war eine echte Perspektive, der Durchbruch, um sich am Markt einen Namen machen und mittelfristig etwas Solides aufbauen zu können.
Wie so oft bei solchen Gelegenheiten versuchte er, sich durch Musik abzulenken. Seine selbst zusammengestellte Mischung mit Bowie-Titeln wie ,Changes‘, ,Station to Station‘, ,Life on Mars‘ und ,Ashes to Ashes‘ lief, während er in der aktuellen Ausgabe des Spiegel blätterte.
Kurz blieb er an dem Artikel ‚Spion am Bildschirm‘ hängen, in dem es um Hackerspionage für den KGB ging. Eigentlich ein Thema, das ihn interessierte. Aber jetzt konnte er sich nicht konzentrieren, weder auf die Musik, noch auf den Artikel.
Seine Sorgen wegen der Firma waren einfach zu groß und er konnte sich nicht von ihnen lösen. Also wählte er die Nummer von Pia. Nach dem dritten Klingeln hörte er ihre vertraute Stimme: „Hallo, wer stört mich?“
„Hallo mein Schatz, ich hoffe doch sehr, dass ich dich nicht störe, sondern du mich vermisst.“
„Wie könnte ich anders. Ich schmachte förmlich“, gluckste sie.
„Ich hab eine Hammeridee. Was hältst du davon, wenn ich dich heute Abend zum Fischessen einlade?“
„Ach, warst du angeln?“
„Quatsch, in den Walsumer Hof. In Duisburg. Warst du da schon mal?“
„Nein.“
„Super, der Inhaber, Matthes, ist ein toller Kerl. Schwer in Ordnung. Der Fisch ist perfekt. Die Atmosphäre spitze. Ist Pauls und mein Lieblingsrestaurant. Paul nehmen wir auch mit, aber nur bis nach dem Essen.“
„Wenn es sein muss“, lachte sie. „Klar nehmen wir den auch mit. Will dich ihm ja nicht wegnehmen.“
„Super. Ich fahre sofort los und sammle Paul ein.“
Vorbei an der Dinslakener Trabrennbahn fuhren sie in Richtung Walsum. Nach einer Weile sahen sie auf der rechten Seite die Rheinfähre Orsoy, dann ging es noch einmal kurz links herum und Ingo parkte seinen Wagen gegenüber vom Walsumer Hof.
„Das muss man aber kennen“, meinte Pia. „Zufällig fährt man hier doch nicht entlang.“
„Stimmt“, antwortete Paul, „trotzdem ist die Bude immer voll. Gleich wirst du wissen warum.“
Das ließ sich schon erahnen, als sie auf den Eingang zugingen. Matthes, der Inhaber, kam auf sie zu. Fröhlich lächelnd, Fischerhemd und Jeans, über einer Schulter ein Geschirrtuch hängend, rief er ihnen freundlich „Moin“ entgegen.
„Ihr auch mal wieder in meiner bescheidenen Hütte? Und heute in so hübscher Begleitung.“
An Pia gewandt ergänzte er: „Du musst wissen, das sind zwei Banausen. Meine kulinarischen Köstlichkeiten sind bei den beiden Perlen vor die Säue geworfen. Ich hoffe, du magst Fisch. Hab da so einiges auf der Karte, was unbedingt weg muss. Aber jetzt kommt erst mal rein.“
Er führte sie in das voll besetzte Lokal. Dunkles Holz, eine einfache Einrichtung, Fischernetze an den Decken und andere Utensilien von der Seefahrt empfingen sie.
„Ist mal wieder voll heute. Gott sei Dank. Ihr seid ja nicht scheu, wie ich mich erinnere. Kommt, ich setze euch irgendwo mit ran.“
Er ging an einen großen Tisch, an dem noch Stühle frei waren. „Darf ich die mit bei euch ransetzen? Die Jungs sind zwar unhöflich und pöbeln ständig, aber wenn es, wie sonst immer, Schwierigkeiten gibt, braucht ihr mir nur Bescheid zu sagen.“
Matthes‘ Art schien bekannt zu sein und natürlich hatte niemand etwas dagegen, dass sie sich dazusetzten. „So, hier habt ihr erst einmal etwas zu lesen.“ Er reichte ihnen eine große Speisekarte.
„Ehrlich gesagt würde ich davon nichts nehmen. Hab heute was Besonderes im Angebot. Wels, halb gegrillt und halb geräuchert. Dazu en Pänneken Scheiben und mein Salätchen. Echt ein Traum.“
„Laber nicht. Das nehmen wir“, sagte Ingo. „Schatz, wenn du nicht nimmst, was er empfiehlt, ist er den ganzen Abend brummig. Aber meistens sind seine Empfehlungen auch echt gut.“
Nach Getränken wurde erst gar nicht gefragt. Wenn man nicht ausdrücklich etwas anderes bestellte, gab es Köpi, das Pils der Duisburger Brauerei. Und natürlich im 0,5-l-Glas. Alles andere hätte nur als Reagenzgläschen gegolten und wäre irgendwie unangemessen gewesen.
Pia gefiel es hier sehr. Sie beobachtete, dass diese Begrüßung auch keine Ausnahme für Ingo und Paul darstellte. Matthes begrüßte und verabschiedete jeden persönlich an der Tür, immer mit launigen Sprüchen versehen. Ein echtes Original, fand sie.
Nach wenigen Minuten brachte eine Kellnerin Brot und einen großen Topf mit Shrimps. „Der ist vom Haus. Unser Chef meint, ihr seht hungrig aus und ihr solltet vorab schon etwas zum Naschen bekommen.“
Das Essen genossen sie in lustiger Unterhaltung mit den Tischnachbarn. Die Stimmung war vergnügt und ausgelassen.
Nach und nach leerte sich das Lokal. Da Matthes ihnen angeboten hatte, sich ruhig Zeit zu lassen, saßen die drei noch bei Getränken zusammen und plauderten.

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Leseprobe: Im Bann der Omerta

Im Bann der Omerta

Carolina Rycha bekam Reportageaufträge aus allen möglichen europäischen Regionen. So hatte sie vor wenigen Wochen von einem deutschen Fernsehsender eine Anfrage erhalten, ob sie in einer Koproduktion mit dem italienischen Fernsehen eine Reisesendung machen wolle, in der Heidelberg und die Toskana vorgestellt werden sollten. Da Carolina die Toskana mit ihren Menschen, Landschaften und Städten schon immer besonders anziehend fand, war die Antwort eindeutig. Die Idee, in der anderen Hälfte der Sendung Heidelberg und das Neckartal vorzustellen, war ihr ein willkommener Anlass, mal wieder eine Weile zu Hause bei der Familie zu sein und »ihr Heidelberg« einem internationalen Publikum zu präsentieren. Die Toskanareportage war für Ostern terminiert.
Mit gewohnter Routine packte Carolina ihren silbernen Reportagekoffer. Sie sprach mit Peter, ihrem Kameramann und Aufnahmeleiter, den Reisetermin ab und war auch schon fast aus dem Haus und in ihrem Auto.
Im letzten Moment fiel ihr ein, dass sie Isabelle noch informieren musste. Ihre jüngere Schwester war Vertraute, Sachverständige und Assistentin in einem, was ihr Büro und die Aufgaben zu Hause anging. Da Isabelle aber von vielen früheren Reisen wusste, wie fix das manchmal mit den Reiseterminen ging, musste Carolina keine großen Reden halten, denn sie wusste, auf Isabelle konnte sie sich verlassen.
Nach einem kurzen Anruf war die Sache klar und Carolina mit ihren ganzen Utensilien reisefertig. Sie hatte sich am Heidelberger Hauptbahnhof mit ihrem Team verabredet und sie wollten gemeinsam abends starten. Nachts war überall ein besseres Durchkommen und der Gotthard-Pass nicht durch viele LKWs verstopft. Für Carolina und ihren Aufnahmeleiter gab es nichts Schöneres, als nach einer so langen Reise in die Toskana nach dem ersten »Bon Giorno« einen schönen Cappuccino zu trinken. Sie waren schon oft in ganz Europa unterwegs gewesen, aber die Toskana war immer wieder ein Highlight. Als sie in Viareggio ankamen, waren alle übernächtigt, die mehr als hundert Kilometer bis San Gimignano wollten sie heute nicht mehr fahren.
»Also gut, bleiben wir in Viareggio.« Hotelzimmer waren um diese Jahreszeit kein Problem, denn zum Baden war das Meer noch zu kalt. Aber die Sonne schien warm, ein Genuss nach dem kalten deutschen Wetter. Carolina ging über die berühmte Strandpromenade unter Palmen entlang und verspeiste ihre erste, exzellente Pizza. ›Jetzt bin ich wieder in Italien, das musste sein‹, grübelte sie vor sich hin. Noch war sie nicht im Einsatz und konnte bei einem guten Glas toskanischen Weins ihre Überlegungen anstellen, wie sie San Gimignano präsentieren wollte.
Am nächsten Morgen war es endlich soweit und das ganze Team machte sich auf den Weg zu seinem eigentlichen Ziel. Carolina vereinbarte mit Peter den Treffpunkt in San Gimignano. Sie wollte sich von der toskanischen Landschaft inspirieren lassen, die eigentliche Arbeit sollte erst am nächsten Morgen beginnen. Nachdem alle abgereist waren, packte sie ihre Kameraausrüstung griffbereit auf den Beifahrersitz und startete in Richtung Lucca. Als die Küstenregion an ihr vorbeigezogen war, zog sie es vor, die Landstraße zu nehmen. Sie genoss die Hügellandschaft in ihrer Frühjahrsblüte und freute sich auf den Auftrag.
Etwa fünfzig Kilometer vor San Gimignano rief Peter auf dem Handy an. »Wo bleibst du? Wir sind gerade angekommen und wollten in das vereinbarte Ferienhaus einziehen.« An seiner Stimme hörte sie, wie ungehalten er war. »Aber stell’ dir vor, die Besitzer haben es bereits an ein Team aus Japan vermietet, das Werbeaufnahmen machen will. Ich gehe jetzt zur Touristinformation und frage nach einer anderen Unterkunft, denn schließlich brauchen wir mit unserem ganzen Equipment eine Menge Platz. Wir treffen uns auf der Piazza della Cisterna, vielleicht weiß ich dann schon mehr!«
»Na, das fängt ja gut an.« Aber trotz der fehlenden Unterkunft wollte sich Carolina die Aussicht auf »ihr« San Gimignano nicht nehmen lassen. Der Blick über die Wein- und Olivenberge auf das »Manhattan des Mittelalters« in der Abendsonne faszinierte sie immer wieder.
Knapp eine Stunde später traf sie einen gefrusteten Peter mit dem Team auf der Piazza della Cisterna in San Gimignano. Sie berieten sich bei einem Cappuccino und beschlossen, einzeln auf die Suche zu gehen und sich spätestens in zwei Stunden wieder hier zu treffen. Ohne Aussicht auf ein Haus wurde beratschlagt, wo sie unterkommen und vor allem, wo sie ihre Ausrüstung unterbringen konnten. Carolina überlegte. Irgendwo musste doch in San Gimignano eine Bleibe zu finden sein! Nachdenklich stand sie auf und ging ins Café, um die Rechnung zu bezahlen. Am Tresen sprach sie den Kellner an. »Ich möchte bitte bezahlen.«
»Einen Moment bitte. Ich komme gleich.«
Carolina wunderte sich, dass der Kellner sie auf Deutsch ansprach. »Wieso sprechen Sie so gut Deutsch?« Sie musterte ihr Gegenüber. Er hatte lange, blonde Haare, die zu einem Zopf gebunden waren. Seine Statur war groß und kräftig, seine braunen Augen sahen sie freundlich an.
»Na ja, es gibt bekanntlich ›Badische und Unsymbadische‹«, grinste er schelmisch. »Und ich bin halt ein Badischer. Wenn man lange in Mannheim gelebt hat, ist das unvermeidlich, selbst als Italiener«, lachte der Kellner. »Ich habe dort das Gastronomiefach gelernt. Aber die Toskana hat mich nicht losgelassen. Also zog es mich wieder zurück. Ich habe es nie bereut, aber meine badische, zweite Heimatstadt fehlt mir schon sehr. An Ihrer Sprache habe ich gehört, dass sie auch aus der Ecke kommen müssen. Das freut mich immer besonders, wenn ich mal wieder ein paar Töne in der Sprache hören kann. Übrigens, ich heiße Daniel Camari«, stellte er sich vor.
Während der Kellner sprach, sah sich Carolina in dem gemütlichen Lokal um. Überall an den Wänden hingen Fotos von Menschen, die hier zu Gast gewesen sein mussten. Ab und zu sah sie kleine Gemälde mit Toskanalandschaften, die dem Raum ein gemütliches Flair verliehen. Carolina stutzte, sie hatte bei der Vorstellung den Namen nicht ganz verstanden. Hatte sie eben Camari gehört? Hatte Eva, die leibliche Mutter Manuels, nicht so geheißen? Aber ein Bild hinter der Theke erregte ihre Aufmerksamkeit. Sie musterte es näher und wurde sehr bleich.
Überrascht blickte Daniel zu seinem Gast. »Was haben Sie? Ist Ihnen nicht gut? Habe ich Sie erschreckt?«
Carolina starrte auf ein Foto, das hinter der Theke an der Wand hing. Ihre Stimme drohte ihren Dienst zu versagen. »Woher kennen Sie diese Frau?« Mit zitternden Fingern wies sie auf ein Bild, das eine junge Mutter mit einem Baby zeigte.
Der Kellner erstarrte in seiner Bewegung und hätte fast den Teller fallen lassen, den er gerade in der Hand hatte. »Wieso?«
Carolina sank auf den nächstbesten Stuhl. Das Sprechen fiel ihr schwer. »Das ist die leibliche Mutter meines Patensohnes, den meine Schwester adoptiert hat.«
Jetzt ließ der Kellner den Teller tatsächlich fallen. Auch sein Gesicht wurde immer bleicher. »Was?«, brachte er nur noch heraus.
Carolina stand mit zitternden Knien auf und ging langsam um die Theke herum. Sie war sich ganz sicher, eine Täuschung war ausgeschlossen. Das war zweifelsohne Manuels Mutter. Die schwarze Lockenmähne und die grünen Augen waren zu markant. Aber ob das Baby Manuel war? »Es gibt keinen Zweifel, das ist Manuels Mutter. Wie um alles in der Welt kommt denn dieses Foto hierher?«
Der Kellner hatte sich wieder etwas gefangen. »Wer sind Sie, dass Sie Eva kennen?«
»Ich bin Carolina Rycha aus Heidelberg.« Sie brachte ein kleines Lächeln zustande. »Entschuldigen Sie, aber ich täusche mich bestimmt nicht. Wissen Sie, wo Eva lebt?«
Der Kellner sah sie bedauernd an. »Eva ist meine Nichte. Ich habe aber keine Ahnung, wo sie ist.«
Verständnislos sah Carolina den Kellner an. »Ihre Nichte? Und Sie wissen nicht, wo sie ist?«
»Nein, ich weiß es wirklich nicht.«
Carolina schüttelte verwirrt den Kopf. Sie stand hier Evas Onkel gegenüber und der wollte angeblich nicht wissen, wo sie war? Das konnte sie einfach nicht glauben. Aber jetzt musste sie zunächst an ihr Team denken. Es war schon ziemlich spät und sie hatte noch keine Ahnung, wo sie unterkommen könnten. »Können wir vielleicht morgen weitersprechen? Wir müssen dringend noch eine Unterkunft suchen. Wissen Sie vielleicht ein Haus, das wir mit unserem Team mieten können?«

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Leseprobe: Projekt Melancholia

Projekt Melancholia

Die Nacht war kalt. Es wehte kaum Wind und es war sehr ruhig im Dickicht des Waldes. Nur ab und zu hallten die Schreie der Eulen zwischen den Stämmen wider. Dort bewegte sich etwas. Nicht sonderlich schnell und oftmals ausruhend. Ein verwundetes Tier?
Aber es ging nicht auf allen vieren – obwohl stark vornüber geneigt, hielt es sich relativ aufrecht. Es schleppte sich buchstäblich von einem Baum zum nächsten. In den vom Gewitter noch regennassen Nadelboden drückten sich seine Spuren ein.
Niemand, wenn es denn jemand gesehen hätte, hätte wohl in der Dunkelheit erkannt, was es war oder es auch nur geahnt: ein Kind.
Doch weder Leila noch ein anderes Mädchen. Es war ein kleiner Junge, der sich dahinschleichend mühevoll Schritt für Schritt seinen Weg durch das Geäst bahnte. Und dieser kleine Junge hieß Levin. Leilas bester Freund war er.
Er irrte hier umher. Und er war verwundet. An seinem Kopf klebte Blut. Es färbte einzelne Strähnen seines blonden Haares rot.
Aber keine Verletzung war es, die ihm das Vorwärtskommen erschwerte. Etwas in ihm drin hinderte ihn. Ein Gefühl, welches ihn unsicher machte über das, was er tat und sogar darüber, ob er es überhaupt tat. Jeder Schritt kam ihm unwirklich vor.
Auch wusste er kein Ziel. All seine Gedanken waren verschwommen und unklar, dabei hätte er gerade jetzt Klarheit haben müssen.
Er war seinen Verfolgern fürs Erste entkommen.
Im Dunkel der Nacht hatten sie seine Spur verloren. Seine Flucht war geglückt! Sie hatten einen Moment lang nicht aufgepasst, waren kurz unvorsichtig gewesen und diese Schwäche hatte er ausgenutzt.
Man hatte ihn aus dem dunklen Keller herausgeholt, in dem er schon lange festgehalten worden war – viele Stunden, vielleicht Tage – da kein Sonnenlicht dort unten hin drang, wusste er das nicht genau.
Oben war dann alles ganz schnell gegangen. Sie hatten gar nicht daran gedacht, ihn zu fesseln, hatten angefangen zu reden und ihn kurz aus den Augen gelassen. Die Tür war auch nicht abgeschlossen gewesen wie sonst, wahrscheinlich, weil doch gerade jemand gekommen war, der ihn sehen wollte.
Seine Entführer fast über den Haufen rennend, war er aus dem Haus ins Freie gestürmt. Den nicht übermäßig hohen Holzzaun, der das Grundstück begrenzte, hatte er allemal geschafft – bevor ihn die Hunde zu fassen bekommen konnten. Dann über die Wiesen in den Wald.
Sie hatten ihm nachgesetzt. Zweimal hatten sie ihn entdeckt und geschossen, ihn jedoch verfehlt, später noch einmal – aber nicht auf ihn. Sie mussten wohl ein anderes, ein falsches Ziel gehabt und ihn dadurch verloren haben.
Nun war er hier. Wo auch immer das war. Er konnte kaum die Hand vor Augen sehen. Es war völlig egal, ob er vorwärts, rückwärts, rechts oder links ging. Nur Glück konnte ihm helfen, hier wieder hinauszufinden. Und damit war er in letzter Zeit nicht gerade verwöhnt worden. Und selbst wenn er aus dem Wald hinauskam, was dann?
Langsam begannen sich seine umherkreisenden Gedanken zu ordnen. Er fühlte wieder etwas mehr Boden unter den Füßen.
Er war entkommen. Frei. Endlich frei!
Doch wohin jetzt? Wo war es sicher? Wo gab es jemanden, dem er trauen konnte?
Gerade diese Frage war nicht ganz unwichtig. Einige von denen waren Leute aus dem Dorf gewesen, die er vorher schon gekannt oder zumindest schon einmal gesehen hatte, und andere, völlig fremde – es war nicht abzuschätzen, wer noch zu ihnen gehörte. Vielleicht niemand, vielleicht aber auch sehr viele.
Es war ihm gelungen, freizukommen. Wenn er sich jedoch einfach so wieder im Internat oder im Dorf sehen ließ, konnte er ihnen gleich noch einmal ins Netz gehen.
Was wollten die eigentlich von ihm? Er wusste es nicht. Sie hatten ihn immer wieder gezwungen, irgendwelche kleinen Pillen zu schlucken. Davon war er dann sehr müde geworden, hatte nicht mehr so viel mitbekommen, selbst wenn er wach gewesen war. Schien über das, was er gedacht und getan hatte, keine rechte Kontrolle mehr gehabt zu haben. Oft hatte er alles wie im Traum erlebt.
Aber er wusste nur zu gut, dass es auch noch an etwas anderem lag. Ein Teil dieser Gefühle war ihm schon seit langer Zeit vertraut. Und dafür war er selbst verantwortlich.
Im Internat hatte er sich die Zeit immer etwas verschönt. Im Stift gab es einen kleinen Laden, in dem klostereigene Arzneimittel verkauft wurden. Mit ein paar Freunden war er vor etwa einem Jahr nachts da hineingeschlichen und hatte einiges von den Sachen dort probiert.
Das war richtig gut gewesen. Also war es nichts Einmaliges geblieben. Irgendwann hatte er gemerkt, dass er regelmäßigen Wiederholungsbedarf verspürte. Deshalb hatte er dann angefangen, auch einen gewissen Vorrat in seinem Zimmer zu verstecken. Aber da war er nun schon ziemlich lange nicht mehr herangekommen. Das machte sich jetzt natürlich intensiv bemerkbar. Essen oder Trinken war völlig egal, er fühlte nur den Hunger nach den Medikamenten.
Doch diese lästigen Gefühle hin oder her – was ihn im Moment wirklich fast wahnsinnig machte, war, dass er eine gewaltige Erinnerungslücke hatte.
Er wusste nicht mehr, wie er diesen Leuten überhaupt in die Hände gefallen war. Er war wie immer früh um sechs Uhr im Internat aufgewacht, hatte mit den anderen gefrühstückt, hatte Unterricht gehabt. Aber dann war alles dunkel – keinerlei Erinnerung daran, was nachmittags passiert war.
Er hörte auf zu gehen. Setzte sich an einen Baumstamm.
Er war verzweifelt.
Er wusste, er musste weg. Weg aus dem Dorf, so weit weg wie möglich. Denn sie würden nicht aufhören, ihn zu suchen. Und sie durften ihn nicht wieder erwischen!
Er hatte Angst vor dem, was sie ihm angetan hatten und wieder antun könnten. Oder noch schlimmer. Schließlich hatten sie heute sogar auf ihn geschossen. Er wusste ja, wie sie aussahen und was sie taten.
Solange er frei herumlief, war er ein Risiko für sie. Bevor er etwas verraten konnte, sollte er sterben. Wem aber sollte er schon etwas verraten?! Im Dorf gab es nicht einmal ein Polizeirevier. Wo also sollte er Hilfe finden?
Jemand anderem etwas erzählen? Wenn der, dem er es erzählte, auch dazugehörte, dann war gleich Endstation.
Endstation. Bei diesem Wort kam Levin ein Gedanke.
Die Eisenbahn!
Es gab einen Güterbahnhof am Rande des Dorfes. Die Gegend war früher reich an Erzen gewesen, die von hier mit dem Zug wegtransportiert worden waren. Jetzt fuhren die Züge seltener, aber sie fuhren.
Levin hatte mit Leila vor Jahren öfter auf dem Bahnhofsgelände gespielt. Es gab dort fast niemanden mehr, der aufpasste, und abgesperrt war das Gelände auch nicht.
Damit gab es also eine Möglichkeit, hier wegzukommen. Wohin? Egal! Erst einmal weg, in Sicherheit – außer Reichweite des Todes. Weg von der Gefahr!
All das sollte so weit wie möglich weg von ihm sein – das war sein einziger Wunsch.
Nur ein kleines Bündel voller Hass band ihn an diesen Ort. Doch Rachegedanken konnte er widerstehen. Abgesehen davon, dass er Angst vor diesen Menschen hatte, sah er auch keinen Sinn darin, jemanden zu töten, um seinen Hass loszuwerden. Überhaupt, töten – das konnte er sich kaum vorstellen. Sicher, Rache hin oder her, dann wäre er sie los, sie könnten ihm nichts mehr anhaben. Nur war es das wert?
Was würde dadurch mit ihm passieren? Dass es ihn verändern würde, das fürchtete er am meisten.
Würde etwas Schlimmes mit seiner Seele geschehen? Vorausgesetzt, es gab so etwas überhaupt. Aber furchtbar schlecht fühlen würde er sich auf jeden Fall deshalb, dessen war er sich sicher. Wäre mit dieser Tat nicht sein Leben genauso zerstört, als wenn diese Verbrecher es auslöschen würden? – Nein, das konnte es einfach nicht sein – nicht die Lösung seiner Probleme!
Er verdrängte die Gedanken daran.
Nur weg von hier, zum Bahnhof!
Im Moment war es natürlich nicht sonderlich leicht, dorthin zu gelangen. Der Mond schien zwar relativ hell, aber was nützte Licht von oben, wenn rundherum dicht an dicht hohe Bäume standen?!
Doch bis zum Morgen zu warten, war zu gefährlich, denn dann konnten auch seine Verfolger wieder Jagd auf ihn machen. Also nichts wie los!
Zwischen den Ästen durch die Finsternis tappend; immer einen Fuß vor den anderen. Es ging, wenn auch langsam, aber es ging.
Die genaue Richtung konnte er nur erahnen – das, was er rundum erkennen konnte, sah alles gleich aus. Doch da, wo es unter seinen Füßen abschüssig wurde, musste der Wald am schnellsten zu Ende sein.
Viele Minuten vergingen. Eine Stunde, vielleicht zwei – dann endlich spürte er grasigen Untergrund. Die Bäume lichteten sich etwas und auf einmal stand er tatsächlich im Freien.
Eine große Wiese. Der Mond tauchte die Halme in ein bleiches schimmerndes Weiß. Endlich freie Sicht!
Levin konnte das schlafende Dorf sehen. Es war nicht besonders weit.
Als finstere Klötze lagen die Häuser da, nur die kleine Kirche wurde von außen angestrahlt. Hinter dem Dorf die großen Felder, dann die Gleise direkt am Fluss. Bis dorthin musste er es schaffen.
Das Dorf war vollkommen ruhig, zu hören war nur der Schrei der Eulen vom Walde her.
Levin lief über die Wiese. Er beeilte sich sehr. Er hatte zwar keine Uhr, ihm war jedoch klar, dass die Nacht bereits viele Stunden alt war und wahrscheinlich sehr bald die Sonne aufgehen würde. Vielleicht erst in ein oder zwei Stunden, vielleicht aber auch innerhalb der nächsten zehn Minuten. Die Zeit saß ihm im Nacken. Das war das eine Problem. Das andere war, dass seine Häscher möglicherweise damit rechneten, dass er ins Dorf zurückkehrte und ihm dort eine Falle stellten.
Sicherlich wäre es für sie erfolgversprechender als wieder seiner Spur nachzujagen. Ob sie daran dachten?
Einen Moment überlegte er, den Ort lieber nicht zu betreten und außen herumzugehen. Aber der Umweg würde zu groß sein.
Als er die ersten Häuser erreicht hatte, schlich er von Ecke zu Ecke, immer wieder stehen bleibend und Ausschau haltend, ob nicht schon irgendwer auf ihn lauerte.
Und bereits nach kurzer Zeit schien sich seine Befürchtung zu bestätigen. Gerade war er in eine schmale Gasse eingebogen, da wich er gleich erschrocken zurück.
An einer Hauswand lehnte eine große Gestalt.
Vorsichtig spähte Levin um die Ecke.
Ja, dort war jemand. Eindeutig. Kein Gegenstand, kein bloßer Schatten – das war ein Mensch!
Levin machte abermals den Schritt zurück hinter die Ecke.
Verdammt – was jetzt?! Hier schien mit einem Mal Schluss, aber das durfte nicht sein!
Er schaute wieder. Der Fremde hatte sich nicht bewegt, blickte nicht in seine Richtung. Er hatte ihn also noch nicht bemerkt. Oder tat er nur so? Eine Falle?
In Levin kroch die Angst hoch. Vielleicht saß er schon mittendrin. Er suchte aufmerksam mit den Augen jedes Haus der Gasse ab, blickte auch zurück auf die Straße, aus der er gerade kam.
Nichts.
Aber es gab hier genug Möglichkeiten, jemanden versteckt zu beobachten. Fenster, dunkle Nischen zwischen einigen Häusern, Dächer, sowieso überall dort, wo das Mondlicht nicht hinfiel. Die Straßen waren schmal, die Häuser eng zusammengebaut.
Im Moment stand Levin noch an einer Straßenkreuzung, in der kleinen Gasse jedoch konnte man nur an einem Ende hinein und am anderen Ende wieder hinaus – Hofeingänge oder Lücken zwischen den Häusern gab es dort überhaupt nicht. Ein idealer Platz für eine Falle!
Selbst wenn Levin sich diesbezüglich irrte, sogar wenn diese Gestalt nicht zu denen gehörte, sie würde trotzdem mitbekommen, wo er hinging, hatte ihn gesehen. Und in einem Dorf wurde nun mal viel geredet, sodass denen diese Information auch zufallen konnte, selbst wenn sie nicht danach fragten.
Doch Levin war klar, dass solche Bedenken zu nichts führten. Er musste zum Güterbahnhof, und das so schnell wie möglich! Und falls das wirklich eine Falle war, dann war höchstwahrscheinlich ohnehin schon alles zu spät – dann hatte es auch keinen Sinn, einen zeitraubenden Umweg zu versuchen.
Er nahm allen Mut zusammen und trat um die Ecke. Einfach so vorbeizugehen, als mache er einen Spaziergang, schien ihm am unauffälligsten, wenngleich natürlich jeder, der sich nachts allein auf der einsamen Straße herumtrieb, anderen auffallen musste.
Levin versuchte, ruhig zu gehen und vor allem möglichst geräuschlos. Doch er erschrak bei jeder Berührung seiner Schuhe mit dem Kiesbett der Straße und blickte angstvoll zu der Gestalt hinüber. Bei jedem Schritt gab es ein gefährlich verräterisches Geräusch, das ihm das Herz bis zum Halse schlagen ließ.
Er ging am rechten Straßenrand, dicht an den Hauswänden. Die furchteinflößende Gestalt lehnte an der anderen Seite. Ein langer dunkler Mantel und ein schwarzer Hut.
Ein Gesicht konnte Levin noch nicht erkennen, aber gleich würde er so weit gekommen sein, dass er dem Unheimlichen direkt gegenüberstand. Jeder Schritt vorwärts ließ ihn stärker zittern. Sein Atem wurde immer schneller und sein Herz raste wie wild. Würde er gleich sterben?
Jede Sekunde war eine Ewigkeit, war absolute Qual. Kein Gedanke war mehr klar zu fassen. Panik.
Noch ein einziger Schritt und sein Blick traf genau die Augen des Gefürchteten.
Der Schrei des Entsetzens zerriss mit einem Schlag die nächtliche Stille.
Levin wankte zurück. Doch hinter ihm war die kalte Wand. Er zitterte und aus seinem Gesicht schien alles Leben gewichen zu sein. Was er sah, trieb ihm den Schock durch alle Glieder, ließ sein Herz beinahe stillstehen.
Die Augen und der Mund seines Gegenübers waren weit aufgerissen, es war wie ein stummer Schrei. In tiefdunklem Rot, fast schwarz, lief ihm das Blut von oben herab. In Höhe der Brust spiegelte es sich in der losen Klinge einer Sense, die tief in seinem Körper steckte.
Als wäre er im Augenblick seines Todes erstarrt, stand er nahezu aufrecht, gestützt durch die Wand im Rücken. Der letzte Atemzug war eingefroren in diesem Bild, in diesem Anblick des so ruhelosen Leichnams.
Der grausame Ausdruck seiner Augen forderte Levins Blick, fesselte ihn, zwang ihn dazu, in sie hineinzuschauen. Er konnte sich kein Stück mehr regen und eine unsichtbare Kraft schien ihm die Luft im Halse abzuschnüren. Er war vollkommen im Bann des unheimlichen Toten.
Da plötzlich flammten Lichter auf. Rundherum. Hinter den Fenstern der Häuser wurde es hell. Levins Augen zuckten erschrocken von einem Licht zum nächsten.
Wie ein Blitz schoss das vielfache Leuchten den einen nur möglichen Gedanken in seinen Kopf:
Weg hier!
Er riss seinen noch immer zitternden, halb erstarrten Körper von der Wand los und rannte.