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Leseprobe: Geschichten einer Kriegerin – Das hungrige Biest

Das Biest hat einen makabren Humor, so viel steht fest.
Es sieht aus wie eine Vogelscheuche. Fast. Nur dass diese hier aus echten menschlichen Teilen zusammengebastelt wurde. Der Kopf ist skelettiert, anscheinend stand kein gut erhaltener Schädel mehr zur Verfügung. Die in die Höhlen gepressten Augen hingegen wirken recht frisch. Der Körper ist nackt, der aufgeschlitzte Bauch notdürftig zusammengenäht. Das Biest hat eindeutig keine chirurgische Erfahrung. Und während der Oberkörper einer Frau gehört hat, stammt der untere Teil von einem Mann. Die Reste lassen das ganz gut erkennen, auch wenn nicht alles, was einen Mann so gewöhnlicherweise ausmacht, noch vorhanden ist.
Die Arme gehörten nicht der Frau, die den Oberkörper zur Verfügung stellt, sie gehörten nicht einmal demselben Menschen. Ein Arm ist so angewinkelt, dass die Hand ein Schild halten kann, auf dem in kraxeliger Schrift die eindeutige Aufforderung steht: „Kehr um!“
Der andere Arm zeigt mit ausgestrecktem Mittelfinger in die Richtung, aus der ich gekommen bin.
Ich denke darüber nach, ob ich dem Befehl folgen sollte. Was geht mich das hier überhaupt an? Okay, ich bin eine Kriegerin, ich habe gefälligst für das Gleichgewicht zu sorgen. Wobei, stört das Ding hier wirklich das Gleichgewicht? Ab wie vielen Opfern kann ich davon ausgehen? Und außerdem, vielleicht sollte ich dabei auch berücksichtigen, wen er sich holt. Klar, eigentlich ist das politisch sehr unkorrekt, den Wert von Menschen gegeneinander abzuwägen. Aber für das Gleichgewicht spielt es nun einmal eine Rolle, wer was tut in seinem Leben. Auch wenn es mich ankotzt, muss ich das berücksichtigen.
Seufzend beschließe ich, den Hinweis zu ignorieren, und gehe an der zusammengebastelten Vogelscheuche vorbei tiefer in den Tunnel hinein.

Um mich herum wird es immer dunkler. Warum konnte mir niemand vorher sagen, dass ich eine Taschenlampe brauchen werde? Missmutig betaste ich die Beule an meinem Kopf; das heißt, dank meiner Heilkräfte ist sie schon verschwunden. Aber es hat verflucht wehgetan, als das Biest mir mit dem Hammer den Kopf fast eingeschlagen hat.
Die Luft ist stickig und kalt. Und es stinkt. Wenn das Biest hier seine Opfer zum Verwesen aufbewahrt, dann ist das aber auch kein Wunder.
Ich merke, wie es in meinem Bauch rumort. Jetzt ist es schon ein halbes Jahr her, dass ich erfahren habe, eine Kriegerin zu sein und was das bedeutet. Habe ich mich deswegen schon daran gewöhnt? Ganz sicher nicht. Ich muss wahnsinnig sein, als unerfahrene Gleichgewichtsbewahrerin hier einem Wesen hinterherzujagen, das verweste, menschliche Leichen für eine Delikatesse zu halten scheint. Es wäre besser gewesen, Nilsson zu fragen. Oder zur Not auch Michael, obwohl der seltsame Vampir mir unheimlich ist. Bei ihm weiß ich nie genau, was er denkt.
Konzentrier dich lieber auf deine Aufgabe, erkläre ich mir. Wer weiß, ob du dich auch dann regenerierst, wenn du aufgefressen wirst.
Mit Sicherheit, erwidere ich mir und muss grinsen, als mir bewusst wird, was für Selbstgespräche ich führe. Ich sollte mich lieber auf meine Umgebung konzentrieren, sonst gibt es gleich den nächsten Schlag auf meinen Kopf.
Wozu braucht ein Wasserwerk überhaupt so einen Tunnel? Und will ich das wirklich wissen? Hoffentlich ist er außer Betrieb, wie der Rest. Möchte nicht plötzlich mit irgendwelcher Kloake geflutet werden. Obwohl, das Biest ist ja hier drin …
Ich halte inne. Eigentlich habe ich es hier nicht hineingehen sehen. Lediglich die komische Vogelscheuche im Eingang ließ mich das glauben. Was, wenn es zum makabren Humor des Wesens gehört, Leute auf völlig falsche Fährten zu locken?
Ich lausche angestrengt in die Dunkelheit hinein und verfluche meinen Leichtsinn, keine Taschenlampe dabei zu haben. Memo an mich: Auf Einsätze als Kriegerin immer, wirklich immer, eine Taschenlampe mitnehmen.
Es ist nichts zu hören. Und zu sehen schon mal gar nicht. Andererseits stinkt es derart abartig, als stünde ich inmitten der Vorratskammer des menschenfressenden Biestes.
Vielleicht stimmt das ja sogar.
Ich gehe langsam in die Hocke und taste den Boden ab. Es fällt mir schwer, keinen Schrei auszustoßen, als ich in etwas Glitschiges packe und mir kurze Zeit später klar wird, dass ich im Bauch von einem Menschen herumwühle.
Okay, also Vorratskammer stimmt schon einmal und auf falsche Fährte gelockt wurde ich auch nicht. Dann müsste das Biest doch eigentlich in der Nähe sein …
Ich spüre den Luftzug, bevor ich getroffen werde, und das rettet mich diesmal. Etwas Hartes streift meinen Kopf zwar trotzdem und reißt mir fast das linke Ohr ab, aber ich werde nicht bewusstlos.
Allerdings verliere ich das Gleichgewicht und falle in das, was ich gerade eben noch als offenen Bauch eines Menschen identifiziert habe. Ich schreie auf, halb vor Wut und halb vor Ekel.
Dann wird mir klar, dass ich es meinem Gegner nicht so leicht machen sollte, und rolle mich zur Seite. Das ist jedoch nur bedingt eine gute Idee, denn logisch, dass der Bauch nicht allein auf dem Boden herumliegt. Ob es die dazugehörigen Eingeweiden sind, in denen ich lande, oder etwas gänzlich anderes, kann ich auf die Schnelle nicht erkennen.
Und um ehrlich zu sein, will ich es auch gar nicht.
Das Biest scheint im Dunkeln sehen zu können, denn plötzlich packt es mich an den Schultern und hievt mich hoch. Ich spüre seinen Atem im Gesicht und denke darüber nach, ohnmächtig zu werden, derart gräßlich ist der Gestank, der plötzlich meine empfindlichen Geruchssinne bombardiert.
„Hör auf!“
Wie? Was? Hat wirklich gerade das Biest mit kaum zu verstehender Stimme, die einem Subwoofer Ehre machen könnte, darum gebeten, aufzuhören?
Ich beschließe, dass ich wohl halluziniere, was kein Wunder wäre angesichts dessen, was ich gerade einatmen muss. Ob sich bei der Verwesung auch Halluzinogene bilden, die nun konzentriert aus dem Magen dieses Monsters entweichen und mich der Sinne berauben?
Ich schlage wild in die Richtung, aus der die Stimme kam, und treffe etwas Hartes. Obwohl ich vom Kampfsport her gewohnt bin, Ziegelsteine und Ähnliches zu zertrümmern, habe ich das Gefühl, sämtliche Knochen meiner Faust wären gebrochen. Anscheinend habe ich das Biest voll im Maul getroffen, und seine Zähne sind verflucht hart.
Wir schreien beide auf und taumeln voneinander weg. Wenigstens kann ich meinen Gegner jetzt hören und so lokalisieren. Er scheint in Richtung Ausgang zu laufen und ich folge ihm, wenn auch etwas langsamer, da ich nichts sehen kann. Ich werde bei Gelegenheit Michael fragen, ob es irgendeinen Trick gibt, wie sich Vampire auch bei völliger Dunkelheit orientieren. Wobei, so wie ich ihn kenne, wird er sagen, dass sie es genauso machen wie die Fledermäuse.
Blödes Arschloch.
Doch jetzt sollte ich mich auf das menschenfressende Biest konzentrieren. Und weil es zunehmend hell wird, kann ich immer schneller laufen. Leider ist sein Vorsprung inzwischen so groß, dass ich ihn aus den Augen verliere, als er den Ausgang erreicht. Und bis ich ebenfalls dort ankomme, ist er verschwunden.
Na super.
Ich mustere die Vogelscheuche.
Dann meine Hände.
Und dann ist es vorbei. Zu viel ist zu viel.
Ich falle würgend auf die Knie und gebe die kümmerlichen Reste meines Abendessens von mir.
Als ich schließlich den Kopf hebe, sehe ich seine Füße.
Direkt vor mir.
Scheiße.

„Warum verfolgst du mich?“
Ich erhebe mich stöhnend, wische die Überreste meines Mageninhalts vom Kinn und starre das Biest dabei entgeistert an.
„Warum frisst du Menschen?“
„Das ist eine lange Geschichte“, erwidert es mit seiner tiefen, brummigen Stimme, und ich muss mich sehr konzentrieren, es überhaupt zu verstehen. „Aber ich habe niemanden getötet!“
„Na ja, die Krankenschwester, die du gebissen hast, hat einen Schock fürs Leben.“
„Das tut mir leid“, erwidert es mit gesenktem Kopf. „Ich wollte es nicht. Es überkam mich einfach.“
Das wird ja immer lustiger. Ein Monster mit Gewissensbissen?
„Hast du eigentlich einen Namen?“
„Ich heiße Theodor Calvan. Und du?“
Wie? Was? Ich atme tief durch, bevor ich antworte: „Nenn mich Fiona. – Hast du zufällig auch einen Personalausweis?“
„Nicht bei mir.“
Mich überkommt urplötzlich das tiefe Gefühl von Surrealität. Ich stehe hier vor einem Tunnel des stillgelegten, alten Wasserwerks von Skyline, mitten in der Nacht, es ist fast Vollmond, saukalt, und ein Monster, das aussieht wie eine Kreuzung aus Quasimodo und einem Zombie aus „Die Nacht der lebenden Toten“, erzählt mir, dass es zwar einen Personalausweis hat, ihn aber nicht bei sich trägt.
Vielleicht sollte ich mich mal kneifen. Obwohl, inzwischen weiß ich ja, dass das nichts bringt.
„Wo hast du ihn denn?“
„Zu Hause. Aber dort kann ich nicht mehr hin.“
„Wieso nicht?“
„Ich habe mich verändert.“ Er seufzt laut. „Ich war mal ein ganz normaler Mensch. Das Menschenfleisch hat mich zu dem gemacht, was ich bin.“
„Was sagst du da? Du wurdest zu einem Monster, weil du Menschenfleisch frisst?“
„Ja.“ Das Biest lässt den Kopf hängen, was bei einem Zwei-Meter-Quasimodo-Zombie-Verschnitt einfach nur lächerlich wirkt. Trotzdem gelingt es mir unter Aufbietung all meiner Selbstbeherrschung, nicht laut loszulachen.
„Warum frisst du überhaupt Menschenfleisch? Selbst wenn du niemanden tötest dafür, zumindest bislang, ist das doch irgendwie ziemlich … irre.“
„Das ist eine lange Geschichte.“
„Ich habe Zeit.“ Ich sehe es herausfordernd an. „So oder so, ich kann dich ja nicht gehen lassen.“
„Wie willst du das verhindern?“ Es richtet sich zu seiner vollen Größe auf und funkelt mich wütend an.
Nach einem Tritt zwischen die Beine und einem Faustschlag gegen seinen Rücken findet es sich auf dem Boden wieder.
„So“, erwidere ich ruhig. Langsam macht es mir Spaß, so was wie ein Engel zu sein. „Das war übrigens die Rache für den Schlag mit dem Hammer.“
„Das war keine Absicht“, sagt es dumpf, während es sich schwerfällig wieder aufrichtet. Seiner monströsen Fratze sehe ich an, dass es dabei Schmerzen hat, und plötzlich empfinde ich Mitleid für es.
„Klar, der Hammer hat deine Hand gezwungen, ihn gegen meinen Kopf zu führen.“
„Ich geriet in Panik, als du plötzlich da warst. Ich bekam es mit der Angst zu tun, weil ich wusste, das war wegen der Sache mit der Krankenschwester.“
„Genau, die du gebissen hast. Also gut, du erzählst mir jetzt schön deine Geschichte und ich überlege mir, was wir tun können.“
„Wer bist du überhaupt?“
„Sagte ich doch schon: Fiona.“
Es, oder eigentlich er, Theodor, mustert mich nachdenklich. „Dich kenne ich aber irgendwoher.“
„Kann schon sein. Vor zweieinhalb Jahren war ich viel in den Zeitungen und im Fernsehen.“
„Ich erinnere mich“, sagt er und nickt. „Wir können uns da drin hinsetzen.“ Er deutet auf den Tunnel und mich schüttelt es.
„Nein, danke, das muss nicht sein. Gibt es hier keinen gemütlicheren Ort? Sonst setzen wir uns in mein Auto.“
Wie auf ein Stichwort klingelt plötzlich mein Handy. Ben ist dran.
„Brauchst du Verstärkung?“, erkundigt er sich ohne Umschweife.
„Nein.“
„Hast du das Ding?“
„Äh … ja und nein.“
„Was zum Teufel heißt das denn?“
„Dass ich noch etwas Zeit brauche. Ich rufe dich an, wenn ich fertig bin.“
„Wenn du womit fertig …?“ Ich lege auf. Mir ist grad nicht nach Diskussionen mit ihm.
„War das die Polizei?“, erkundigt sich das … Theodor.
„Eigentlich nur ein Polizist. Die Polizei kann nicht telefonieren.“ Ich ignoriere seinen ratlosen Gesichtsausdruck und zeige auf mein Auto. Dann fällt mir ein, wie viel Blut und andere menschlichen Teile an uns kleben und ich entscheide mich um. „Das heißt, warte mal. Bestimmt gibt es hier irgendwo verlassene Büros, oder?“
Theodor nickt ergeben und geht voraus. Ich beobachte ihn aufmerksam, falls er fliehen oder mich angreifen will, möchte ich es rechtzeitig merken. Aber anscheinend hat er sich mit seinem Schicksal abgefunden. Direkt eine Kämpfernatur scheint er eh nicht zu sein. Jedenfalls führt er mich in ein Bürogeböude, wo wir uns in einem heruntergekommenen Meetingraum niederlassen. Immerhin gibt es hier Mobiliar.
„Fehlt nur noch die Sekretärin, die uns Kaffee bringt“, bemerke ich.
„Was?“
Ich beschließe, Theodor nicht zu überfordern. Er muss seine ganze Lebensportion Humor aufgebraucht haben, als er die Vogelscheuche gebaut hat.
„Also gut, dann erzähl mal. Wieso hast du angefangen, Menschenfleisch zu essen?“
„Daran war Yvonne schuld.“
„Wer ist Yvonne?“
„Yvonne ist … war eine Kollegin. Ich … ich dachte, ich könnte bei ihr landen, als sie mich zu einer besonderen Party eingeladen hat. Eine Art Tupperparty, sagte sie, nur interessanter.“
„Und da gab es Menschenfleisch?“
„Ja“, erwidert er langsam und starrt an mir vorbei ins Nichts. „Da habe ich zum ersten Mal Menschenfleisch gegessen.“
„Aus Tupperware?“
„Nein, von Tellern. Wieso?“
Fiona! Du wolltest ihn doch nicht überfordern!
Ich winke ab. „Nicht so wichtig. Du bist also wegen Yvonne mit auf eine Tuppermenschenparty gegangen. Und wie ging es dann weiter?“
„Ich habe mit Yvonne geschlafen.“
Jetzt starre ich ihn an. „Äh … Okay. Auf der Party?“
„Nein, danach.“
„Und was passierte auf der Party?“
„Zuerst war alles ganz normal. Ich wusste da ja auch noch nicht, dass es um Menschenfleisch geht. Viele wussten das nicht, die zum ersten Mal dabei waren. Und zuerst habe ich mich auch nicht gewundert, dass wir, als serviert wurde, eine weniger waren als am Anfang. Sie wird nach Hause gegangen sein, dachte ich. Bis ich ihren Ringfinger in der Suppe fand.“
„Hast du ihn gegessen?“, erkundige ich mich.
„Was?“ Theodor sieht mich irritiert an.
„Den Finger.“
„Nein! Ich wusste dadurch, dass sie nicht nach Hause gegangen ist.“
Nicht überfordern, Fiona, nicht überfordern! Vermutlich hat die Verwandlung auch sein Gehirn verändert. Vielleicht ist das eine Art Evolution rückwärts. Also, überfordere ihn nicht!
„Schon gut. Wie ging es weiter?“
„Ich … Ich weiß wirklich nicht, wieso ich dort hingegangen bin.Und wieso ich Fleisch gegessen habe. Menschenfleisch. Einige waren nicht zum ersten Mal da und schwärmten besonders von Babyfleisch.“
Ich atme tief durch. In meinem Magen ist nichts mehr, was ich wieder nach oben befördern könnte.
„Ihr habt Babyfleisch gefressen?“
„An dem Abend nicht. Wie gesagt, wir haben erst während des Essens erfahren, dass wir Menschenfleisch essen. Und irgendwie fühlte es sich normal an. Obwohl einige von uns das noch nie getan haben.“
„Möglicherweise habt ihr Drogen verabreicht bekommen. Ich frage mich nur, wieso eigentlich.“
„Drogen?“
„Meinst du nicht? Ich meine, du hast gerade gesagt, dass ihr nicht alle gewusst habt, was das für eine Party sein würde. Und dann wurde eine von euch sogar gekocht und gegessen. Ich glaube, die meisten Menschen, die in einer westlichen Kultur aufwachsen, lehnen das Verspeisen eines Menschen mehr oder weniger ab. Das ist eine Art angelernter Schutz, ein Tabu. So was lässt sich ziemlich gut mit Drogen ausschalten.“
„Und wieso wurde ich zu so … so einem Monster?“
„Das ist allerdings eine gute Frage. Was passierte denn nach der Party und nachdem du mit Yvonne geschlafen hast?“
„Woher weißt du davon?“
„Hast du vor ein paar Minuten noch selbst erzählt.“
„Ach so. Ja, das stimmt, ich habe dann wirklich mit ihr geschlafen. Aber nur einmal. Danach war sie verschwunden und ich habe sie nie wiedergesehen.“
„Könnte sie sich auch in …ein Monster verwandelt haben?“
„Das weiß ich nicht. Aber möglich ist es.“
Ich überlege, schon allein, um mich zu erholen. Einerseits von dem, was Theodor mir erzählt, anderseits von der Anstrengung, die das Zuhören verursacht, denn er spricht extrem undeutlich.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich jemand nur dadurch, dass er Menschenfleisch isst, so verwandelt. Dass er sich überhaupt verwandelt. Dann müssten sich ja alle verwandeln, die Fleisch irgendwelcher Art essen. Nein, es gibt einen anderen Grund, und der wird mit den Drogen zu tun haben, die Theodor und einige der anderen offensichtlich verabreicht bekommen haben.
Aber wozu? Dahinter stecken vermutlich die Gastgeber der Party, doch was bezwecken sie? Ich habe den Verdacht, dass Theodor kein normaler Fall ist. Irgendwas ist bei ihm vermutlich schiefgelaufen und es entspricht gar nicht dem Plan, dass er sich so verändert hat.
Hilft alles nichts, ich muss sie selbst fragen.
„Führ mich hin.“
„Wohin?“, fragt Theodor erstaunt.
„Zu dem Haus, in dem du Menschenfleisch gegessen hast.“
„Was hast du vor?“
„Ich will herausfinden, was das alles zu bedeuten hat. Schon allein, weil ich es nicht zulassen werde, dass Newopes Bevölkerung aufgegessen wird.“
„So viele waren es gar nicht.“
Ich beschließe, den letzten Satz zu überhören. Alles andere wäre zu anstrengend.
Ich springe auf und mustere Theodor. Er sieht ja nicht wirklich unauffällig aus, nicht einmal im Schutz der Dunkelheit. Außerdem sind wir beide immer noch besudelt von … von was auch immer. Ich will es so genau gar nicht wissen.
„Gibt es hier eine Möglichkeit zu duschen?“
„Duschen?“
„Ja, duschen!“ Ich atme tief durch. „Sorry. Wir müssen mit dem Auto fahren, schätze ich, und so setzt du dich nicht in mein Auto. Und ich auch nicht!“
„Ich glaube nicht, dass es hier fließendes Wasser gibt“, sagt Theodor vorsichtig. „Aber einen kleinen Fluss …“
Hm. Es ist Winter und es ist kalt. Ich sterbe vor Kälteschock, wenn ich in Klamotten baden gehe. Und ohne Klamotten erst recht. Aber den Gestank würde ich nie wieder aus dem Auto kriegen … Verdammt!
„Also gut, wir gehen im Fluss baden. Und danach setzen wir uns bei voll aufgedrehter Heizung sofort ins Auto.“
„Mir ist nicht kalt.“
„Aber mir!“ Diesmal entschuldige ich mich nicht.

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Leseprobe: Arbor – Der Weg des Waldes

Durch das offene Dachfenster im Bus zog an diesem Sonntagnachmittag im Spätsommer ein kühler Windstoß, den Max von Relling, der wie immer auf dem Sitz in der zweiten Reihe rechts Platz genommen hatte, mit einem leisen, aber durchaus erleichterten Seufzer quittierte.
Max saß immer auf diesem ihm angestammten Platz. Das hatte den einfachen Grund, dass er gern durch die Frontscheibe sah, um das Gefühl der Vorhersehbarkeit sowohl im Sinne der Verkehrssicherheit als auch im Sinne der Landschaftsbetrachtung zu haben. Dafür erschien ihm dieser Sitzplatz der einzig geeignete – sämtliche anderen Optionen hatte Max durch sorgfältige Überlegungen als ungeeignet eingestuft, ohne jemals auf ihnen gesessen zu haben. Die erste Reihe eignete sich nicht, da sich dort erstens nur fußlahme Tattergreise niederzulassen pflegten, um die 58 Zentimeter zur zweiten Sitzreihe nicht gehen zu müssen. Max hatte diesen Abstand einmal heimlich mit einem Zollstock nachgemessen, da ihn der Grad der Gebrechlichkeit der Menschen immer wieder schockierte. Zweitens wäre das Risiko bei einem Unfall aufgrund der Nähe zur Frontscheibe erheblich erhöht.
Die linke Seite des Busses hinter dem Busfahrer eignete sich freilich überhaupt nicht, da die Sicht des Sitzenden durch die Fahrerkabine ganz erheblich eingeschränkt wird. Sämtliche Sitzreihen zur rechten Hand, welche sich hinter der zweiten Reihe befinden, wären mit steigender Entfernung von umso geringerer Qualität und bedürfen daher keiner weiteren Erläuterung.
Durch den angenehmen Lufthauch wurde Max´ Laune kurzzeitig besser. Zuvor hatte er sich maßlos ärgern müssen über einen Vorfall, der ihm den Tag zu verhageln drohte. Während er nämlich über Kopfhörer die Kanarienvogel-Kantate von Georg Philipp Telemann hörte, klopfte er mit seinen Fingern den imaginären Rhythmus auf seinem zuvor ausgetrunkenen, leeren Kaffeebecher mit. An einer für ihn wirklich wichtigen, da emotional aufgeladenen Stelle des Werks bremste der Fahrer abrupt, sodass seine Finger nur den Rand des Bechers berührten und so den Takt verfehlten. Manch einem mag dies völlig gleichgültig sein, doch Max von Relling war Geiger, sodass ihm der Drang zur Einhaltung eines Takts gewissermaßen als Berufskrankheit zu eigen war.
Wenn es eines gab, das er außer unvorhergesehenen Taktwechseln nicht mochte, dann waren es Verabredungen an Sonntagen. Dies hatte den einfachen Grund, dass er an diesen Tagen immer mit der Überlandlinie 212 von der Haltestelle ‚Lindenallee‘ in der Innenstadt von K., wo Max wohnte, zu der Endhaltestelle ‚Gustav-Stresemann-Platz‘ in dem Dörfchen A. und zurück fuhr, um sich an der hügeligen Landschaft zu erfreuen und die Woche Revue passieren zu lassen. Währenddessen konnte er vor allem seine musikalische Fortentwicklung selbstkritisch hinterfragen. Dabei ging er immer nach einem strengen Muster vor. Die Fahrt dauerte gewöhnlich 42 Minuten pro Richtung, sodass er insgesamt 84 Minuten zum Nachdenken hatte. Hinzu kam noch die Zigarettenpause des Fahrers an der Endhaltestelle. Doch da machte auch Max eine Gedankenpause und schaute dem bunten Treiben auf dem kleinen Dorfplatz zu. Er hatte es sich zum Ziel gesetzt, über jeden Wochentag genau 12 Minuten nachzudenken, was natürlich zur Folge hatte, dass dem Sonntagmorgen dabei überproportional viel Bedenkzeit zugewiesen war. Dies allerdings hatte Max bewusst so kalkuliert, da er am Sonntagmorgen stets Büroarbeiten erledigte und dringende Briefe beantwortete. Um also das Risiko zu minimieren, dass ihm dabei etwas Wichtiges entginge, hatte er den Sonntagmorgen in seiner Wertigkeit den übrigen Wochentagen vollends gleichgestellt.
Bei seiner heutigen Fahrt allerdings gestaltete sich das konzentrierte Nachdenken schwieriger als gewöhnlich, da ihn seit den frühen Mittagsstunden ein starker Kopfschmerz beeinträchtigte. Dieser hatte seinen Grund darin, dass sich Max, als er am Morgen eine Pause von der Büroarbeit benötigte, zu einem kurzen Aufenthalt in seinem kleinen Garten entschlossen hatte. Den hatte er zwar nicht besonders kunstvoll mit Blumen geschmückt, aber gerade aufgrund dieser Wildheit liebte er ihn sehr. Dort ließ er sich auf seinem aus einer Nachahmung von Teakholz gefertigten, einzigen Gartenstuhl unter einer großen, glattstämmigen Buche nieder, um kurz Abstand von der Frage zu gewinnen, ob ein Geiger eine Berufsunfähigkeitsversicherung braucht und schloss die Augen. Man muss an dieser Stelle klarstellen, dass der Besitz nur eines einzelnen Gartenstuhls nicht der Höhe des Einkommens eines Geigers – Max wurde zwar nicht fürstlich, aber durchaus angemessen bezahlt –, sondern der Tatsache geschuldet war, dass Max von Relling allein lebte. Trotz der Versuche der mit fernöstlichem Akzent sprechenden Verkäuferin des Möbelhauses Stratmann, ihn von der Notwendigkeit des Besitzes zweier Stühle allein aus Gründen der Symmetrie zu überzeugen, hatte er sich für die Anschaffung nur eines Sitzmöbels entschieden. Ihm fiel einfach kein triftiges Argument dafür ein, wieso ein einziger Mensch zwei Stühle braucht, wenn er nicht stark übergewichtig ist.
Während Max nun dösend die morgendliche Sonne genossen hatte, war er plötzlich von einem harten Gegenstand am Kopf getroffen worden. Obwohl das Objekt keinen großen Schmerz ausgelöst hatte, erschrak Max heftig und fasste sich instinktiv an sein Haupt, an dem er allerdings keine pathologische Veränderung feststellen konnte. Allerdings rief ihm die Berührung in Erinnerung, dass er bereits seit Längerem einen Arzttermin vereinbaren wollte, um seinen kreisförmigen Haarausfall zu bekämpfen, unter dem er seit geraumer Zeit erheblich litt. Da er infolgedessen wesentlich älter aussah als er war, schob er diesem Umstand einen ganz beträchtlichen Teil an Verantwortung für sein unfreiwilliges Junggesellendasein zu.
Sein Blick schweifte zu Boden, wo er das Corpus Delicti schnell ausfindig machen konnte. Der heimtückische Angriff ging von seiner Schatten spendenden Buche aus, die eine Buch­ecker abgeworfen hatte, welche sich dann dank der Schwerkraft den Weg zu Max’ Haupt gebahnt hatte. Verdutzt über den Zufall, dass die doch recht kleine Oberfläche seines Kopfes zum Ziel der herabfallenden Baumfrucht wurde, und in Gedanken an Sir Isaac Newton und seine Entdeckung der Gravitationsgesetze, lehnte Max sich zurück und schloss die Augen …
Das dichte Geäst des Baums, das Max’ Sichtfeld in einer für einen unbedarften Schlummer hinreichenden Art und Weise verdunkelte und seine ihm heute entgegen seiner üblichen Gewohnheiten träge morgendliche Verfassung führten dazu, dass er sich schnell damit einverstanden erklärte, die Zügel seiner Gedanken schleifen zu lassen. Mehr und mehr glitt er in einen Zustand, der sich zwischen wirklichem Schlaf und bewusster Erholung befand und von vielen Menschen gemeinhin als Nickerchen bezeichnet wird. Lange Zeit war er sich ganz und gar bewusst, dass er in seinem Gartenstuhl aus Teakholzimitat saß und empfand sein Alleinsein als große Erleichterung angesichts der Tatsache, dass die erschlaffende Muskulatur seines Mundes ihm wohl ein unfreiwillig albernes Aussehen verleihen musste, das einem Musiker nicht gut zu Gesicht stünde.
Für einen in seiner Länge aber nicht zu taxierenden Zeitraum war sich Max seines Daseins im Garten nicht gewahr, sodass sich ein seltsamer Vorfall ereignen konnte.
Just in dem Moment, als Max die Kontrolle über seine Kiefermuskulatur wieder einmal abgeben musste, waberte eine Nebelbank in den Garten hinein und das, obwohl es ein wolkenloser und trockener Tag war. Meteorologisch betrachtet erschien dies Phänomen völlig unerklärlich, da sich in der städtischen Umgebung des Grundstücks weder Sümpfe noch größere Wasserläufe oder gar Seen befanden, sodass die Herkunft der Feuchtigkeit rätselhaft blieb. Die nur einige Meter breite Formation war in ihrer Gestalt unstet und variantenreich, sodass die Bewegungsrichtung vom Betrachter kaum vorherzusagen war. Nach einiger Zeit bewegte sich das diffuse Gebilde allmählich zügig auf die Buche zu, die Max nach wie vor Schatten spendete, und blieb unterhalb der Krone mit einigem Abstand zum Kopf des Ruhenden unvermittelt stehen, so als habe ein galoppierendes Wildtier plötzlich eine Fährte gewittert.
Just in diesem Moment schreckte Max von einem Geräusch auf, das aus der Ferne zu kommen schien, aber gleichzeitig derart intensiv ertönte, dass es genauso aus seinem eigenen Kopf hätte stammen können. Dieser unsägliche Lärm erinnerte Max an seine Zeit als Schrankenwärter – er hatte sich nämlich während seines Studiums der Musikwissenschaften und der Biologie gelegentlich bei der Eisenbahn verdingt, um sich die Anschaffung der teuren Musikinstrumente leisten zu können. Er empfand es stets als maßlose Beleidigung des ästhetischen Hörempfindens, wenn ein Güterzug an seiner Station bremsen musste und das stählerne Ungetüm dabei derart widerwärtig quietschte, dass es einen innerlich zerriss und man sich an Szenen aus dunkelsten Tagen der industriellen Revolution erinnerte, in denen rußverschmierte Kinder Kohlenberge auf keuchende Kesselwagen schaufelten. Eben jener Ton erschallte für mehrere Sekunden im Garten von Max an jenem Sonntagmorgen, als der Nebel sich in den Ästen der Buche verfing. Gleichzeitig schien sich der Wind, der vorher noch für eine angenehme Kühlung sorgen konnte, zu legen. Er räumte das Feld zugunsten einer für einen Spätsommermorgen seltenen, unangenehm stickigen Hitze. Für den Spätsommer ist dies nicht gerade typisch, eigentlich eher eine erfrischende, bereits auf den Herbst vorgreifende Luft. In einem Moment völliger Windstille begann ein schlingfüßiger Efeustrauch einen zittrigen Tanz, dem wohl eine geheime Choreografie zugrunde liegen mochte, da sich nur einzelne Blattgruppen an drei voneinander verschiedenen Stellen zu bewegen schienen. Aus der mittleren dieser drei Gruppen stieß allmählich eine Ranke hervor und bewegte sich in schlangenartigen Bewegungen in Richtung Max, freilich ohne dass dieser davon Notiz nehmen konnte.
Begleitet wurden die grünen Blätter von vier in der Formation einer Raute fliegenden Finken, die ihren Dienst wunderlicherweise völlig stumm verrichteten. Überhaupt war es zu diesem Zeitpunkt im Garten ungewöhnlich still geworden, selbst das ansonsten vorhandene, beruhigende Grundrauschen des Alltags hatte sich zurückgezogen, sodass man sich eher in einem künstlich schallisolierten Raum hätte wähnen können als ausgerechnet im grünen Garten eines Musikers.
Mit beängstigender Präzision zielte die Ranke auf den Liegenden ab, und als nur noch eine kurze Distanz zwischen der seltsamen Quadriga und Max lag, da trennten sich die Wege der Vögel und der Ranke. Die Vögel begannen in konzentrischen Kreisen um den Kopf von Max zu fliegen, und die Ranke legte sich gleich einer Würgeschlange, die ihr Opfer sanft, aber grausam erstickt, um den rechten Knöchel des ahnungslos Schlafenden.
Wenige Augenblicke später fand sich Max kopfüber hängend hoch erhoben in der Luft wieder. Die Ranke hatte ihn ganz plötzlich, wie auf ein verabredetes Zeichen hin, unvermittelt gepackt, gen Himmel gezogen und ihr Werk erst beendet, als eine Höhe erreicht war, aus der ein Sturz für einen Menschen sicher fatale Folgen gehabt hätte.
Gleich einem hilflos zappelnden Regenwurm am Haken des wartenden Anglers fand der Geiger Max von Relling sich nun im Luftraum über seinem Garten wieder. Er versuchte, seinen Missmut durch laute Schreie deutlich zu machen. Jedoch wollte ihm dies nicht gelingen, da die Bewegungen seines Mundes nicht zu einem Ton führen wollten, so, als würden die von ihm erzeugten Schallwellen kein geeignetes Trägermedium finden, das ihnen Hörbarkeit verleiht.
Panisch versuchte er mit abwehrenden Bewegungen, Herr seiner misslichen Lage zu werden, doch vergebens. Seine Arme hingen schlaff am Körper und reagierten nicht auf die Impulse, die ihnen gesandt wurden. Stattdessen schien Max in völliger Paralyse verharren zu müssen. Im nächsten Augenblick erschienen die vier Finken vor seinen weit aufgerissenen Augen, über deren Blickrichtung er noch die Kontrolle zu haben glaubte. Und er erkannte erschrocken, dass die Vögel in einem Punkt nicht dem entsprachen, was er in seinem Studium der Biologie gelernt hatte. Genau wie er kopfüber hing flogen die eigentlich possierlichen Wesen auf dem Rücken, wenngleich ihre kleinen Flügelchen die normale Ausrichtung aufwiesen und daher verkehrtherum dem Körper der Vögel anhafteten, was den Tieren ein äußerst sonderbares Aussehen verlieh.
Immer enger flogen die Vögel Kreise um den Unglücklichen, sodass er bereits den Windstoß ihrer gespenstischen und kolibriähnlich sirrenden Flügel spüren konnte. Plötzlich erklang jedoch wieder der schaurige Ton, der das Schauspiel kurz zuvor eingeleitet hatte. Mit derselben überraschenden Heftigkeit, mit der Max in die Höhe gerissen wurde, beförderte ihn die Schlingpflanze wieder in seinen Stuhl. Gleich einem Trapez­künstler hatte er sich während seines Rückwegs in Richtung des Erdbodens zu einigen unfreiwilligen Pirouetten gezwungen gesehen. Sie hatten in ihm diese drückende Karussell-Übelkeit hervorgerufen, die besonders Halbwüchsige, für Max völlig unverständlich, gemeinhin als Ziel ihrer Besuche verschiedener Fahrgeschäfte auf Rummelplätzen ansehen.
Die harte Landung im hölzernen Stuhl ließ Max aufschrecken. Eine ungewöhnlich lange Zeit war er sich nicht sicher, ob er wirklich wach oder nur in den nächsten Traum hinübergeglitten war. Ein untrügliches Indiz für vollkommene Vigilanz schien die unerträgliche Übelkeit – doch hatte er die nicht bereits einige Augenblicke vorher verspürt?
Zumindest war er wieder Herr seines Körpers, sodass er zu seiner eigenen Sicherheit die Funktionsfähigkeit seiner Gliedmaßen einer strengen Prüfung unterzog und durch komplexe Fingerübungen sicherzustellen versuchte, wieder in der Realität angekommen zu sein. Der von ihm zur eigenen Bezeugung seiner Stimmkompetenz kurzerhand laut formulierte Satz: „Ich sollte noch einen neuen Notenständer kaufen“, erschien ihm im nächsten Moment unverzeihlich und an Idiotie grenzend, denn es war ja Sonntag, sodass das von ihm stets besuchte Musikhaus Eschendorn selbstverständlich geschlossen hatte. Er hielt es seit Jahr und Tag für wesentlich besser sortiert als das deutlich größere Musikhaus Barkhau und deswegen nahm er sogar den weiteren Weg in den Ortsteil B. der Stadt K. auf sich.
Der Irrtum allerdings ließ seine letzten Zweifel verstummen, dass er den Zustand der Wachheit erreicht hatte, denn er hielt es für ausgeschlossen, dass man sich im Traum über seine eigene Schusseligkeit ärgern konnte.
Es war kalt geworden im Garten von Max von Relling. Nebelschwaden waberten durch den Garten und ihn fröstelte, sodass er beschloss, seine Pause zu beenden.
Auf dem Weg in sein Bürozimmer fiel ihm auf, dass auf dem Herd noch ein Rest Möhrensuppe stand, die er am Vorabend zubereitet hatte, was ihm ein behagliches Gefühl gab – es gab nämlich jeden Samstag Möhrensuppe. Außer am ersten Samstag im Monat, denn an dem ersten Wochenende jedes Monats fanden immer Konzertproben statt, sodass er praktisch nicht zu Hause war und daher keine Zeit zum Kochen fand.
In Vorfreude auf das Mittagessen und die Möhrensuppe, die ihm am zweiten Tag immer noch ein wenig besser schmeckte als am Tag ihrer Zubereitung, schloss er die Tür zu seinem Büro und setzte sich an seinen von einem befreundeten Antiquar zu einem, wie dieser meinte, ‚Spottpreis‘ erworbenen Schreibtisch aus Douglasienholz. Das ist bekanntermaßen eines der robusteren Hölzer. Er öffnete den Werbebrief seines Telefonanbieters, in dem ihm zum angeblichen Zwecke der Kostenersparnis nahegelegt wurde, einen teureren, aber mehr Leistungen umfassenderen Tarif zu wählen. Das lehnte Max aber innerlich brüsk ab aufgrund der Tatsache, dass er grundsätzlich nur sehr selten und wenn überhaupt so kurz wie möglich telefonierte. Den Schrieb faltete er daraufhin sechsmal in der Mitte der Seite, sodass ein aus 64 Lagen bestehendes papiernes Rechteck entstand – mehr Faltungen sind bei einem gewöhnlichen Blatt Papier mit bloßen Händen unmöglich. Da das geformte Gebilde aber rein mechanisch dazu neigte, sich von ganz allein einen Arbeitsschritt zurückzuentwickeln, befestigte er einen Streifen doppelseitigen Klebebands an der Innenseite des Rechtecks, um die Eigendynamik des Papiers zu zähmen und die Gestalt des Papiers zu gewährleisten. Anschließend legte er das so auf ein Minimum seiner Fläche reduzierte Papier unverzüglich, aber vorsichtig in den Papierkorb und besah sich, schlussendlich zufrieden, die optimierte Ordnung in seinem Abfallbehälter. Sie war sehr schön. Sehr perfekt.
In diesem Augenblick verspürte er den Beginn eines Kopfschmerzes, den er aber zunächst ignorierte, war es doch eher ein Unwohlsein als ein wirklicher Schmerz.
Bis zum Nachmittag aber wurde das Gefühl dröhnend und immer unangenehmer, sodass er sich an diesem Tag kurz nach Beginn seiner Busfahrt überlegte, die Fahrt zu verkürzen und bereits nach einigen, wenigen Haltestellen auszusteigen. Draußen huschten die für eine Vorstadt typischen Gebäude wie Baumärkte, Autohäuser, Fitnessstudios und Tankstellen durch das Blickfeld des Fahrgasts, als Max den Halteknopf drücken wollte, aber feststellen musste, dass just neben seiner Sitzreihe kein solcher Knopf existierte. Seltsam, dachte er, das ist mir noch nie aufgefallen, dass die Reihung der Knöpfe keiner logischen Anordnung folgt. Deshalb sah er sich gezwungen, bereits lange vor Halt des Busses aufzustehen, um zwecks Kundgabe seines Haltewunsches einen Knopf nahe der Hintertür zu drücken. Beim Aussteigen fiel ihm dann auf, dass er das Fehlen des Knopfes ja bisher auch nicht bemerkt haben konnte, da er bis zum heutigen Tage immer bis zur Endhaltestelle gefahren war und ein Drücken des Knopfes daher obsolet gewesen sei.
Max fand sich nun also auf dem Bürgersteig einer breiten, viel befahrenen Ausfallstraße der Stadt K. wieder und beschloss, dieser grässlichen Umgebung, die ihn unmittelbar nach dem Aussteigen mit einem vorbeifahrenden LKW begrüßt hatte, ohne viel Federlesens zu entkommen. Es hatte nämlich dazu geführt, dass sich seine Mimik wie beim Biss in eine saure Frucht verzogen hatte. Da seine Kopfschmerzen ihn inzwischen durchaus malträtierten und die hässliche Szenerie ihn massiv störte, beschloss er kurzerhand, ein Taxi nach Hause zu nehmen. Zu diesem Zweck drehte er seinen Körper um 180 Grad, streckte seinen rechten Arm mit erhobenem Daumen nach außen und ging langsam in Richtung der Innenstadt, wohlwissend, dass ‚jeder Meter bares Geld wert sei‘. Während er also mit weit ausgestreckter Hand die Straße entlangging und seinen Körper zur Stabilisierung seines Gangs dadurch etwas seitlich zur Straße eindrehen musste, blieb sein Blick plötzlich an seinem rechten Daumen haften. Dort erblickte er einen kleinen, braunen Punkt, der in etwa ein Viertel der Fläche des Daumennagels bedeckte. Aufgrund seiner Neigung zur Ansteckung mit grippalen Infekten aller Art und seiner daher sehr gründlichen Handhy­giene wurde er stutzig, sodass er unverzüglich die zweckmäßige Haltung seines Arms aufgab, stehen blieb und sich die fragliche Stelle genauer anschaute. Um die Herkunft des Flecks zu erfassen, rieb er den Daumennagel der anderen Hand mit derselben Bewegung, mit der man hartnäckige Verschmutzungen auf Porzellantellern beseitigt, an der braunen Stelle, musste aber feststellen, dass es sich nicht um einen Fleck, sondern um eine förmliche Erhebung handelte. Sie saß gleichsam auf dem Nagel und wies eine harte und raue Oberfläche auf. Um sicherzugehen, dass es nicht die mangelnde Kraft seiner Hände war, welche die Entfernung des Objekts verhinderte, rückte er seinem Daumen auch noch mit seinen Zähnen zu Leibe und versuchte so, das störende Ding loszuwerden. Doch auch dieser Versuch wollte nicht gelingen.
‚Wird schon nix sein, dachte Max, und hob wieder den Arm, um seine Suche nach einem Chauffeur in die Innenstadt fortzusetzen. Während er nun weiter die Straße rückwärts entlangging, war er unfähig, seinen Blick von seinem Daumen abzuwenden, zu ungewöhnlich war besagte bräunliche, warzen­ähnliche Modifikation seiner bogenführenden Hand.
Nach einiger Zeit gab er die Hoffnung auf, noch ein Taxi zu finden, drehte sich wieder in Laufrichtung und beschloss, den restlichen Weg nach Hause per pedes zurückzulegen. Während des gesamten Heimwegs fiel es ihm schwer, klare Gedanken zu finden, zu sehr war er in Sorge über die Veränderung seines Daumens.
Am nächsten Morgen erwachte Max von Relling aufgrund des monotonen Klingelns seines Weckers pünktlich aus einem erholsamen und komatösen Schlaf, den er in seinem Schlafzimmer genossen hatte. Dieses war karg ausgestattet mit einem großen, aus nüchtern weiß lackiertem Sperrholz hergestellten Bett und einem Nachttisch, auf welchem sich ein Glas Leitungswasser, eine Taschenlampe und ein Bild seines bereits in frühester Jugend verstorbenen Schnauzers Schorschi befanden. Ihn nannte er aufgrund eines kindlichen Sprachfehlers früher immer ‚Sotschi‘, woraufhin ihn seine Mutter Gisela von Relling penibel darauf hinwies, dass dies eine Stadt am Schwarzen Meer sei und er doch bitte auf eine korrekte Aussprache des Hundenamens achten möge.
Es war Montag. Das Wetter war über Nacht umgeschlagen, und durch das Küchenfenster beobachtete Max den steten Regen, der draußen niederging; kein starker, aggressiv prasselnder Regen, sondern ein gleichmäßig plätschernder Dauerregen, der den Erdboden dauerhaft mit Feuchtigkeit versorgte und eigentlich nur von Gärtnern, Landwirten und Melancholikern gemocht wird. Eigentlich war Max der Auffassung, dass das Wetter keinen Einfluss auf die Stimmung von Menschen haben sollte, er hielt dies für eine Problematik, der ein zivilisiert denkender Mensch keine Aufmerksamkeit schenken sollte, da ‚es doch genügend Möglichkeiten gibt, sich dem Wetter anzupassen und auf der anderen Seite können wir sowieso nichts am Wetter ändern‘. Doch heute verspürte er ein Wohlgefühl bei der Betrachtung des Regens, eine fast kindliche Freude und innerlich dürstete er danach, seine menschliche Behausung zu verlassen und sich ins Freie zu begeben.
Ihm war allerdings bewusst, dass diese Möglichkeit sich heute zunächst nicht ergeben würde, da er zur Mittagszeit mit den Philharmonikern der Stadt K., zu deren Stammensemble er seit langen Jahren gehörte, im großen Festsaal der städtischen Universität aufzutreten hatte. Anlass war der 125. Geburtstag der dortigen sprach- und literaturwissenschaftlichen Fakultät. Sie hatte zu einem dieser Festakte geladen, bei denen es gewöhnlich zum guten Ton gehörte, auf den Einladungskarten in Fettdruck darauf hinzuweisen, „dass der hochbegabte Pianist und Student X unserer Universität zur musikalischen Untermalung“ spielt. Und dann spielt er drei beliebige und austauschbare Stücke, die nichts miteinander zu tun haben, aus den verschiedensten Epochen der Musikgeschichte stammen und nur den Eindruck erwecken sollen, dass die Herren Professoren und Magnifizenzen sich bestens in den Werken beispielsweise der Wiener Klassik auskennen.
Da es sich aber um einen runden Geburtstag handelte und es auch an hochbegabten Pianisten mangelte, hatte man sich entschlossen, die Philharmoniker zu engagieren sowie zum Zwecke ihrer Bezahlung und im sicheren Bewusstsein, dass dies auf die Zuschauerzahl keinen signifikanten Einfluss haben würde, Eintrittsgeld für den Festakt zu verlangen. Aufgrund dieser Umstände stand Max dem Auftritt seines Orchesters skeptisch gegenüber, da er die Auffassung vertrat, dass ein renommiertes Orchester nicht dazu herhalten sollte, lediglich als ‚musikalische Untermalung‘ zu dienen. Überhaupt sei dieser Ausdruck ganz furchtbar, da man mit Musik nicht malt, sondern ihr lauscht und das im besten Falle hingebungsvoll, andächtig oder zumindest berührt.
Mit dem Erlernen des Geigenspiels hatte er schon mit fünf Jahren angefangen und er hatte es seitdem zu einiger Virtuosität gebracht, da er von frühester Jugend an sehr diszipliniert (manche sagten pedantisch) jeden Tag Geige spielte. Meistens übte er morgens nach dem Aufstehen, oft noch im Nachthemd und ohne Frühstück. Max war gemeinhin weniger an menschlicher Gesellschaft interessiert als an der Gesellschaft von Büchern, Gemälden und Musik. Aufgewachsen war er in einem wohlhabenden Elternhaus. Sein Vater Heinrich hatte es als Buchhändler zu einigem Wohlstand gebracht, mit dem er die Familie als Ausgleich für seine häufigen Reisen großzügig bedachte. In Max’ vierzehntem und seinem neunundfünfzigsten Lebensjahr schied er jedoch freiwillig aus dem Leben. Max’ Mutter fand ihn quer auf seinem Bett liegend, die Sandalen ordentlich ausgezogen und vor das Bett gestellt, mit einer Tüte über dem Kopf und gefalteten Händen. Heinrich von Relling hatte immer viel gearbeitet, wobei er das Buchhändlerdasein nie als Arbeit empfand. Als der Hausarzt ihm eine Makuladegeneration diagnostizierte, stand sein Entschluss fest: Ohne die Fähigkeit zu lesen wollte er nicht mehr länger leben. Gesagt, getan. Gefragt hatte er seinen Sohn Max nicht.
Seine Mutter arbeitete, vornehmlich, um ihren Schmerz zu vergessen, nach dem Tod ihres Mannes halbtags im städtischen Naturkundemuseum, das aufgrund seiner Dinosaurierausstellung (es gab dort sogar die riesige Nachbildung eines Brontosaurus) eine beachtliche Reputation auch über die Stadtgrenzen hinaus hatte. Da Max ein Einzelkind war, nahm ihn seine Mutter in den Schulferien immer mit ins Museum, wo er sich mit Vorliebe mit einem kleinen, roten Klappstuhl in den Raum mit den ausgestopften und präparierten ‚heimischen Tieren aus Feld und Flur‘ setzte. Dinosaurier interessierten ihn überhaupt nicht, sie waren ja schon lange tot. Dort las er dann Bücher, die er von zu Hause mitgenommen hatte, denn die von Rellings hatten eine gigantische Privatbibliothek mit einer großen Auswahl wichtiger Werke der Weltliteratur. Schon als Schüler am Gymnasium fiel Max vor allem dadurch auf, dass er im Deutschunterricht fast jedes Buch, das im Unterricht besprochen wurde, bereits gelesen hatte. Das brachte ihm allerdings mehrheitlich Häme und Spott ein, seine Kindheit hatte er daher nicht unbedingt in angenehmer Erinnerung. Max hatte sich aufgrund seiner Erlebnisse in der Schulzeit damit abgefunden, dass seine Mitmenschen ihm meist mit zurückhaltender Distanz begegneten. Er zog es vor, die Möglichkeit einer zwischenmenschlichen Enttäuschung durch die vollständige Vermeidung einer Beziehung auszuschließen, auch wenn seine Mutter ihm während seiner Schulzeit immer wieder versichert hatte, er sei ein „guter Junge“ und habe einfach nur Pech, dass er weiter sei als die anderen.
Im Bewusstsein der Notwendigkeit des rechtzeitigen Eintreffens am Konzertort hatte Max sich vorgenommen, einen Bus früher als nötig zu nehmen, um die Universität zu erreichen. Und er verließ, nachdem er seinen morgendlichen Kaffee – stark, schwarz und ohne Zucker – getrunken und seinen Geigenkoffer vorbereitet hatte, angesichts des bevorstehenden Pflichttermins recht missmutig das Haus. Die Bushaltestelle ‚Lindenallee‘ lag nur einige Schritte von seinem Grundstück entfernt. Nachdem Max den Schlüssel aus dem Schloss seiner Haustür gezogen und sich durch ein kraftvolles Rütteln des Schließerfolgs versichert hatte, begann er forschen Schrittes seinen Weg zur Haltestelle. Bereits nach einigen Sekunden aber begann sich in ihm ein Gefühl Bahn zu brechen, das er in seinem Leben noch nie verspürt hatte. Trotz der Sicherheit über ihr Vorhandensein war er zunächst nicht in der Lage, diese Regung adäquat einer bekannten menschlichen Emotion zuzuordnen. Verdutzt blieb er kurzerhand stehen.
Man kann sich nur schwer vorstellen, was Max von Relling in diesem Moment spürte. Eine Art innerer Durst überkam ihn, doch war es kein Durst, wie man ihn für gewöhnlich kennt und der durch ein Getränk, womöglich durch eine bunte Limonade, hätte gestillt werden können. Vielmehr schien jede einzelne Faser seines Körpers sich ausschließlich nach reinem, kaltem Wasser zu sehnen, sodass Max kurzerhand seinen Mantel ablegte, hektisch sein Hemd aufknöpfte, es von sich riss und sich unvermittelt mit freiem Oberkörper mitten auf der Straße wiederfand. Die Arme hatte er ausgebreitet wie ein indianischer Medizinmann, der Manitu für den erlegten Bison dankt und gierig den Regen auf seine Haut niederfallen ließ. Max tanzte wie ein Derwisch, drehte sich wie von Sinnen um seine eigene Achse und lachte laut auf, so wie er es zum letzten Mal getan hatte, als er sich unter dem Einfluss einer Flasche ‚Côtes du Rhône‘ darin versucht hatte, auf seiner Geige bekannte Weihnachtslieder wie ‚O Tannenbaum‘ rückwärts zu spielen.
Dieses seltsame Gebaren fand erst ein Ende, als der Bus, den er eigentlich nehmen wollte, an ihm und der Haltestelle vorbeisauste und Max so schlagartig klar wurde, dass er nun in Zeitdruck geraten würde. Als sei er gerade aus einem furchtbaren Albtraum erwacht, wurde sich Max mit einem Mal bewusst, dass er mit blanker Brust mitten in der Stadt stand, um ihn he­rum seine Kleidung und sein Geigenkasten, in sicherem Abstand einige Passanten, die sein Verhalten mit entgeistertem Gesichtsausdruck beobachtet hatten. Verstört über seinen ihm unerklärlichen und beschämenden Auftritt schnappte Max Hemd und Mantel und zog beide recht artistisch unter Fort­setzung seines Wegs zur Haltestelle an, wobei er sich wunderte, dass sein Körper vollständig trocken war und keinerlei Rückstände des Regenwassers an ihm hafteten.
Während er sich nach Erreichen der Haltestelle seines einigermaßen korrekten Kleidungsstils durch Blick in das nur leidlich spiegelnde Glasfenster des Wartehäuschens versichert hatte und nur sein etwas zerzaustes, spärliches Haupthaar bemängeln konnte, fiel sein Blick auf seinen Daumen. Die braune Stelle hatte sich im Vergleich zum vorherigen Tage erheblich vergrößert, sie bedeckte nun fast den gesamten Daumennagel und war auch in ihrer Dicke gewachsen, sodass die raue Oberfläche nun deutlich spürbar war und Max den Entschluss fasste, mit dieser Sache in der Folgezeit einen Dermatologen zu konfrontieren.
Einige Minuten später kam der Bus, zum Glück pünktlich. Nachdem Max hastig eingestiegen war, setzte er sich auf seinen glücklicherweise unbesetzten Lieblingsplatz in zweiter Reihe auf der rechten Seite des Busses.
Die Fahrt verlief unspektakulär und Max blieb etwas Zeit, um im Kopf noch einmal die Stücke durchzuexerzieren, die heute zu spielen waren. Besonderes Kopfzerbrechen bereitete ihm der dritte Satz des ‚Liedes von der Erde‘ von Gustav Mahler, da er dieses Stück noch nie vor Publikum hatte spielen müssen. Als Max von Relling dann die Haltestelle ‚Universität‘ erreicht und den Bus verlassen hatte, betrat er die Räumlichkeiten durch den Künstlereingang mit einer ihm fremden Unruhe und Nervosität, die er auf die Tatsache zurückführte, dass er sich möglicherweise unzureichend auf seinen Auftritt vorbereitet hatte.