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Leseprobe: Im Bann der Omerta

Im Bann der Omerta

Carolina Rycha bekam Reportageaufträge aus allen möglichen europäischen Regionen. So hatte sie vor wenigen Wochen von einem deutschen Fernsehsender eine Anfrage erhalten, ob sie in einer Koproduktion mit dem italienischen Fernsehen eine Reisesendung machen wolle, in der Heidelberg und die Toskana vorgestellt werden sollten. Da Carolina die Toskana mit ihren Menschen, Landschaften und Städten schon immer besonders anziehend fand, war die Antwort eindeutig. Die Idee, in der anderen Hälfte der Sendung Heidelberg und das Neckartal vorzustellen, war ihr ein willkommener Anlass, mal wieder eine Weile zu Hause bei der Familie zu sein und »ihr Heidelberg« einem internationalen Publikum zu präsentieren. Die Toskanareportage war für Ostern terminiert.
Mit gewohnter Routine packte Carolina ihren silbernen Reportagekoffer. Sie sprach mit Peter, ihrem Kameramann und Aufnahmeleiter, den Reisetermin ab und war auch schon fast aus dem Haus und in ihrem Auto.
Im letzten Moment fiel ihr ein, dass sie Isabelle noch informieren musste. Ihre jüngere Schwester war Vertraute, Sachverständige und Assistentin in einem, was ihr Büro und die Aufgaben zu Hause anging. Da Isabelle aber von vielen früheren Reisen wusste, wie fix das manchmal mit den Reiseterminen ging, musste Carolina keine großen Reden halten, denn sie wusste, auf Isabelle konnte sie sich verlassen.
Nach einem kurzen Anruf war die Sache klar und Carolina mit ihren ganzen Utensilien reisefertig. Sie hatte sich am Heidelberger Hauptbahnhof mit ihrem Team verabredet und sie wollten gemeinsam abends starten. Nachts war überall ein besseres Durchkommen und der Gotthard-Pass nicht durch viele LKWs verstopft. Für Carolina und ihren Aufnahmeleiter gab es nichts Schöneres, als nach einer so langen Reise in die Toskana nach dem ersten »Bon Giorno« einen schönen Cappuccino zu trinken. Sie waren schon oft in ganz Europa unterwegs gewesen, aber die Toskana war immer wieder ein Highlight. Als sie in Viareggio ankamen, waren alle übernächtigt, die mehr als hundert Kilometer bis San Gimignano wollten sie heute nicht mehr fahren.
»Also gut, bleiben wir in Viareggio.« Hotelzimmer waren um diese Jahreszeit kein Problem, denn zum Baden war das Meer noch zu kalt. Aber die Sonne schien warm, ein Genuss nach dem kalten deutschen Wetter. Carolina ging über die berühmte Strandpromenade unter Palmen entlang und verspeiste ihre erste, exzellente Pizza. ›Jetzt bin ich wieder in Italien, das musste sein‹, grübelte sie vor sich hin. Noch war sie nicht im Einsatz und konnte bei einem guten Glas toskanischen Weins ihre Überlegungen anstellen, wie sie San Gimignano präsentieren wollte.
Am nächsten Morgen war es endlich soweit und das ganze Team machte sich auf den Weg zu seinem eigentlichen Ziel. Carolina vereinbarte mit Peter den Treffpunkt in San Gimignano. Sie wollte sich von der toskanischen Landschaft inspirieren lassen, die eigentliche Arbeit sollte erst am nächsten Morgen beginnen. Nachdem alle abgereist waren, packte sie ihre Kameraausrüstung griffbereit auf den Beifahrersitz und startete in Richtung Lucca. Als die Küstenregion an ihr vorbeigezogen war, zog sie es vor, die Landstraße zu nehmen. Sie genoss die Hügellandschaft in ihrer Frühjahrsblüte und freute sich auf den Auftrag.
Etwa fünfzig Kilometer vor San Gimignano rief Peter auf dem Handy an. »Wo bleibst du? Wir sind gerade angekommen und wollten in das vereinbarte Ferienhaus einziehen.« An seiner Stimme hörte sie, wie ungehalten er war. »Aber stell’ dir vor, die Besitzer haben es bereits an ein Team aus Japan vermietet, das Werbeaufnahmen machen will. Ich gehe jetzt zur Touristinformation und frage nach einer anderen Unterkunft, denn schließlich brauchen wir mit unserem ganzen Equipment eine Menge Platz. Wir treffen uns auf der Piazza della Cisterna, vielleicht weiß ich dann schon mehr!«
»Na, das fängt ja gut an.« Aber trotz der fehlenden Unterkunft wollte sich Carolina die Aussicht auf »ihr« San Gimignano nicht nehmen lassen. Der Blick über die Wein- und Olivenberge auf das »Manhattan des Mittelalters« in der Abendsonne faszinierte sie immer wieder.
Knapp eine Stunde später traf sie einen gefrusteten Peter mit dem Team auf der Piazza della Cisterna in San Gimignano. Sie berieten sich bei einem Cappuccino und beschlossen, einzeln auf die Suche zu gehen und sich spätestens in zwei Stunden wieder hier zu treffen. Ohne Aussicht auf ein Haus wurde beratschlagt, wo sie unterkommen und vor allem, wo sie ihre Ausrüstung unterbringen konnten. Carolina überlegte. Irgendwo musste doch in San Gimignano eine Bleibe zu finden sein! Nachdenklich stand sie auf und ging ins Café, um die Rechnung zu bezahlen. Am Tresen sprach sie den Kellner an. »Ich möchte bitte bezahlen.«
»Einen Moment bitte. Ich komme gleich.«
Carolina wunderte sich, dass der Kellner sie auf Deutsch ansprach. »Wieso sprechen Sie so gut Deutsch?« Sie musterte ihr Gegenüber. Er hatte lange, blonde Haare, die zu einem Zopf gebunden waren. Seine Statur war groß und kräftig, seine braunen Augen sahen sie freundlich an.
»Na ja, es gibt bekanntlich ›Badische und Unsymbadische‹«, grinste er schelmisch. »Und ich bin halt ein Badischer. Wenn man lange in Mannheim gelebt hat, ist das unvermeidlich, selbst als Italiener«, lachte der Kellner. »Ich habe dort das Gastronomiefach gelernt. Aber die Toskana hat mich nicht losgelassen. Also zog es mich wieder zurück. Ich habe es nie bereut, aber meine badische, zweite Heimatstadt fehlt mir schon sehr. An Ihrer Sprache habe ich gehört, dass sie auch aus der Ecke kommen müssen. Das freut mich immer besonders, wenn ich mal wieder ein paar Töne in der Sprache hören kann. Übrigens, ich heiße Daniel Camari«, stellte er sich vor.
Während der Kellner sprach, sah sich Carolina in dem gemütlichen Lokal um. Überall an den Wänden hingen Fotos von Menschen, die hier zu Gast gewesen sein mussten. Ab und zu sah sie kleine Gemälde mit Toskanalandschaften, die dem Raum ein gemütliches Flair verliehen. Carolina stutzte, sie hatte bei der Vorstellung den Namen nicht ganz verstanden. Hatte sie eben Camari gehört? Hatte Eva, die leibliche Mutter Manuels, nicht so geheißen? Aber ein Bild hinter der Theke erregte ihre Aufmerksamkeit. Sie musterte es näher und wurde sehr bleich.
Überrascht blickte Daniel zu seinem Gast. »Was haben Sie? Ist Ihnen nicht gut? Habe ich Sie erschreckt?«
Carolina starrte auf ein Foto, das hinter der Theke an der Wand hing. Ihre Stimme drohte ihren Dienst zu versagen. »Woher kennen Sie diese Frau?« Mit zitternden Fingern wies sie auf ein Bild, das eine junge Mutter mit einem Baby zeigte.
Der Kellner erstarrte in seiner Bewegung und hätte fast den Teller fallen lassen, den er gerade in der Hand hatte. »Wieso?«
Carolina sank auf den nächstbesten Stuhl. Das Sprechen fiel ihr schwer. »Das ist die leibliche Mutter meines Patensohnes, den meine Schwester adoptiert hat.«
Jetzt ließ der Kellner den Teller tatsächlich fallen. Auch sein Gesicht wurde immer bleicher. »Was?«, brachte er nur noch heraus.
Carolina stand mit zitternden Knien auf und ging langsam um die Theke herum. Sie war sich ganz sicher, eine Täuschung war ausgeschlossen. Das war zweifelsohne Manuels Mutter. Die schwarze Lockenmähne und die grünen Augen waren zu markant. Aber ob das Baby Manuel war? »Es gibt keinen Zweifel, das ist Manuels Mutter. Wie um alles in der Welt kommt denn dieses Foto hierher?«
Der Kellner hatte sich wieder etwas gefangen. »Wer sind Sie, dass Sie Eva kennen?«
»Ich bin Carolina Rycha aus Heidelberg.« Sie brachte ein kleines Lächeln zustande. »Entschuldigen Sie, aber ich täusche mich bestimmt nicht. Wissen Sie, wo Eva lebt?«
Der Kellner sah sie bedauernd an. »Eva ist meine Nichte. Ich habe aber keine Ahnung, wo sie ist.«
Verständnislos sah Carolina den Kellner an. »Ihre Nichte? Und Sie wissen nicht, wo sie ist?«
»Nein, ich weiß es wirklich nicht.«
Carolina schüttelte verwirrt den Kopf. Sie stand hier Evas Onkel gegenüber und der wollte angeblich nicht wissen, wo sie war? Das konnte sie einfach nicht glauben. Aber jetzt musste sie zunächst an ihr Team denken. Es war schon ziemlich spät und sie hatte noch keine Ahnung, wo sie unterkommen könnten. »Können wir vielleicht morgen weitersprechen? Wir müssen dringend noch eine Unterkunft suchen. Wissen Sie vielleicht ein Haus, das wir mit unserem Team mieten können?«

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Leseprobe: Projekt Melancholia

Projekt Melancholia

Die Nacht war kalt. Es wehte kaum Wind und es war sehr ruhig im Dickicht des Waldes. Nur ab und zu hallten die Schreie der Eulen zwischen den Stämmen wider. Dort bewegte sich etwas. Nicht sonderlich schnell und oftmals ausruhend. Ein verwundetes Tier?
Aber es ging nicht auf allen vieren – obwohl stark vornüber geneigt, hielt es sich relativ aufrecht. Es schleppte sich buchstäblich von einem Baum zum nächsten. In den vom Gewitter noch regennassen Nadelboden drückten sich seine Spuren ein.
Niemand, wenn es denn jemand gesehen hätte, hätte wohl in der Dunkelheit erkannt, was es war oder es auch nur geahnt: ein Kind.
Doch weder Leila noch ein anderes Mädchen. Es war ein kleiner Junge, der sich dahinschleichend mühevoll Schritt für Schritt seinen Weg durch das Geäst bahnte. Und dieser kleine Junge hieß Levin. Leilas bester Freund war er.
Er irrte hier umher. Und er war verwundet. An seinem Kopf klebte Blut. Es färbte einzelne Strähnen seines blonden Haares rot.
Aber keine Verletzung war es, die ihm das Vorwärtskommen erschwerte. Etwas in ihm drin hinderte ihn. Ein Gefühl, welches ihn unsicher machte über das, was er tat und sogar darüber, ob er es überhaupt tat. Jeder Schritt kam ihm unwirklich vor.
Auch wusste er kein Ziel. All seine Gedanken waren verschwommen und unklar, dabei hätte er gerade jetzt Klarheit haben müssen.
Er war seinen Verfolgern fürs Erste entkommen.
Im Dunkel der Nacht hatten sie seine Spur verloren. Seine Flucht war geglückt! Sie hatten einen Moment lang nicht aufgepasst, waren kurz unvorsichtig gewesen und diese Schwäche hatte er ausgenutzt.
Man hatte ihn aus dem dunklen Keller herausgeholt, in dem er schon lange festgehalten worden war – viele Stunden, vielleicht Tage – da kein Sonnenlicht dort unten hin drang, wusste er das nicht genau.
Oben war dann alles ganz schnell gegangen. Sie hatten gar nicht daran gedacht, ihn zu fesseln, hatten angefangen zu reden und ihn kurz aus den Augen gelassen. Die Tür war auch nicht abgeschlossen gewesen wie sonst, wahrscheinlich, weil doch gerade jemand gekommen war, der ihn sehen wollte.
Seine Entführer fast über den Haufen rennend, war er aus dem Haus ins Freie gestürmt. Den nicht übermäßig hohen Holzzaun, der das Grundstück begrenzte, hatte er allemal geschafft – bevor ihn die Hunde zu fassen bekommen konnten. Dann über die Wiesen in den Wald.
Sie hatten ihm nachgesetzt. Zweimal hatten sie ihn entdeckt und geschossen, ihn jedoch verfehlt, später noch einmal – aber nicht auf ihn. Sie mussten wohl ein anderes, ein falsches Ziel gehabt und ihn dadurch verloren haben.
Nun war er hier. Wo auch immer das war. Er konnte kaum die Hand vor Augen sehen. Es war völlig egal, ob er vorwärts, rückwärts, rechts oder links ging. Nur Glück konnte ihm helfen, hier wieder hinauszufinden. Und damit war er in letzter Zeit nicht gerade verwöhnt worden. Und selbst wenn er aus dem Wald hinauskam, was dann?
Langsam begannen sich seine umherkreisenden Gedanken zu ordnen. Er fühlte wieder etwas mehr Boden unter den Füßen.
Er war entkommen. Frei. Endlich frei!
Doch wohin jetzt? Wo war es sicher? Wo gab es jemanden, dem er trauen konnte?
Gerade diese Frage war nicht ganz unwichtig. Einige von denen waren Leute aus dem Dorf gewesen, die er vorher schon gekannt oder zumindest schon einmal gesehen hatte, und andere, völlig fremde – es war nicht abzuschätzen, wer noch zu ihnen gehörte. Vielleicht niemand, vielleicht aber auch sehr viele.
Es war ihm gelungen, freizukommen. Wenn er sich jedoch einfach so wieder im Internat oder im Dorf sehen ließ, konnte er ihnen gleich noch einmal ins Netz gehen.
Was wollten die eigentlich von ihm? Er wusste es nicht. Sie hatten ihn immer wieder gezwungen, irgendwelche kleinen Pillen zu schlucken. Davon war er dann sehr müde geworden, hatte nicht mehr so viel mitbekommen, selbst wenn er wach gewesen war. Schien über das, was er gedacht und getan hatte, keine rechte Kontrolle mehr gehabt zu haben. Oft hatte er alles wie im Traum erlebt.
Aber er wusste nur zu gut, dass es auch noch an etwas anderem lag. Ein Teil dieser Gefühle war ihm schon seit langer Zeit vertraut. Und dafür war er selbst verantwortlich.
Im Internat hatte er sich die Zeit immer etwas verschönt. Im Stift gab es einen kleinen Laden, in dem klostereigene Arzneimittel verkauft wurden. Mit ein paar Freunden war er vor etwa einem Jahr nachts da hineingeschlichen und hatte einiges von den Sachen dort probiert.
Das war richtig gut gewesen. Also war es nichts Einmaliges geblieben. Irgendwann hatte er gemerkt, dass er regelmäßigen Wiederholungsbedarf verspürte. Deshalb hatte er dann angefangen, auch einen gewissen Vorrat in seinem Zimmer zu verstecken. Aber da war er nun schon ziemlich lange nicht mehr herangekommen. Das machte sich jetzt natürlich intensiv bemerkbar. Essen oder Trinken war völlig egal, er fühlte nur den Hunger nach den Medikamenten.
Doch diese lästigen Gefühle hin oder her – was ihn im Moment wirklich fast wahnsinnig machte, war, dass er eine gewaltige Erinnerungslücke hatte.
Er wusste nicht mehr, wie er diesen Leuten überhaupt in die Hände gefallen war. Er war wie immer früh um sechs Uhr im Internat aufgewacht, hatte mit den anderen gefrühstückt, hatte Unterricht gehabt. Aber dann war alles dunkel – keinerlei Erinnerung daran, was nachmittags passiert war.
Er hörte auf zu gehen. Setzte sich an einen Baumstamm.
Er war verzweifelt.
Er wusste, er musste weg. Weg aus dem Dorf, so weit weg wie möglich. Denn sie würden nicht aufhören, ihn zu suchen. Und sie durften ihn nicht wieder erwischen!
Er hatte Angst vor dem, was sie ihm angetan hatten und wieder antun könnten. Oder noch schlimmer. Schließlich hatten sie heute sogar auf ihn geschossen. Er wusste ja, wie sie aussahen und was sie taten.
Solange er frei herumlief, war er ein Risiko für sie. Bevor er etwas verraten konnte, sollte er sterben. Wem aber sollte er schon etwas verraten?! Im Dorf gab es nicht einmal ein Polizeirevier. Wo also sollte er Hilfe finden?
Jemand anderem etwas erzählen? Wenn der, dem er es erzählte, auch dazugehörte, dann war gleich Endstation.
Endstation. Bei diesem Wort kam Levin ein Gedanke.
Die Eisenbahn!
Es gab einen Güterbahnhof am Rande des Dorfes. Die Gegend war früher reich an Erzen gewesen, die von hier mit dem Zug wegtransportiert worden waren. Jetzt fuhren die Züge seltener, aber sie fuhren.
Levin hatte mit Leila vor Jahren öfter auf dem Bahnhofsgelände gespielt. Es gab dort fast niemanden mehr, der aufpasste, und abgesperrt war das Gelände auch nicht.
Damit gab es also eine Möglichkeit, hier wegzukommen. Wohin? Egal! Erst einmal weg, in Sicherheit – außer Reichweite des Todes. Weg von der Gefahr!
All das sollte so weit wie möglich weg von ihm sein – das war sein einziger Wunsch.
Nur ein kleines Bündel voller Hass band ihn an diesen Ort. Doch Rachegedanken konnte er widerstehen. Abgesehen davon, dass er Angst vor diesen Menschen hatte, sah er auch keinen Sinn darin, jemanden zu töten, um seinen Hass loszuwerden. Überhaupt, töten – das konnte er sich kaum vorstellen. Sicher, Rache hin oder her, dann wäre er sie los, sie könnten ihm nichts mehr anhaben. Nur war es das wert?
Was würde dadurch mit ihm passieren? Dass es ihn verändern würde, das fürchtete er am meisten.
Würde etwas Schlimmes mit seiner Seele geschehen? Vorausgesetzt, es gab so etwas überhaupt. Aber furchtbar schlecht fühlen würde er sich auf jeden Fall deshalb, dessen war er sich sicher. Wäre mit dieser Tat nicht sein Leben genauso zerstört, als wenn diese Verbrecher es auslöschen würden? – Nein, das konnte es einfach nicht sein – nicht die Lösung seiner Probleme!
Er verdrängte die Gedanken daran.
Nur weg von hier, zum Bahnhof!
Im Moment war es natürlich nicht sonderlich leicht, dorthin zu gelangen. Der Mond schien zwar relativ hell, aber was nützte Licht von oben, wenn rundherum dicht an dicht hohe Bäume standen?!
Doch bis zum Morgen zu warten, war zu gefährlich, denn dann konnten auch seine Verfolger wieder Jagd auf ihn machen. Also nichts wie los!
Zwischen den Ästen durch die Finsternis tappend; immer einen Fuß vor den anderen. Es ging, wenn auch langsam, aber es ging.
Die genaue Richtung konnte er nur erahnen – das, was er rundum erkennen konnte, sah alles gleich aus. Doch da, wo es unter seinen Füßen abschüssig wurde, musste der Wald am schnellsten zu Ende sein.
Viele Minuten vergingen. Eine Stunde, vielleicht zwei – dann endlich spürte er grasigen Untergrund. Die Bäume lichteten sich etwas und auf einmal stand er tatsächlich im Freien.
Eine große Wiese. Der Mond tauchte die Halme in ein bleiches schimmerndes Weiß. Endlich freie Sicht!
Levin konnte das schlafende Dorf sehen. Es war nicht besonders weit.
Als finstere Klötze lagen die Häuser da, nur die kleine Kirche wurde von außen angestrahlt. Hinter dem Dorf die großen Felder, dann die Gleise direkt am Fluss. Bis dorthin musste er es schaffen.
Das Dorf war vollkommen ruhig, zu hören war nur der Schrei der Eulen vom Walde her.
Levin lief über die Wiese. Er beeilte sich sehr. Er hatte zwar keine Uhr, ihm war jedoch klar, dass die Nacht bereits viele Stunden alt war und wahrscheinlich sehr bald die Sonne aufgehen würde. Vielleicht erst in ein oder zwei Stunden, vielleicht aber auch innerhalb der nächsten zehn Minuten. Die Zeit saß ihm im Nacken. Das war das eine Problem. Das andere war, dass seine Häscher möglicherweise damit rechneten, dass er ins Dorf zurückkehrte und ihm dort eine Falle stellten.
Sicherlich wäre es für sie erfolgversprechender als wieder seiner Spur nachzujagen. Ob sie daran dachten?
Einen Moment überlegte er, den Ort lieber nicht zu betreten und außen herumzugehen. Aber der Umweg würde zu groß sein.
Als er die ersten Häuser erreicht hatte, schlich er von Ecke zu Ecke, immer wieder stehen bleibend und Ausschau haltend, ob nicht schon irgendwer auf ihn lauerte.
Und bereits nach kurzer Zeit schien sich seine Befürchtung zu bestätigen. Gerade war er in eine schmale Gasse eingebogen, da wich er gleich erschrocken zurück.
An einer Hauswand lehnte eine große Gestalt.
Vorsichtig spähte Levin um die Ecke.
Ja, dort war jemand. Eindeutig. Kein Gegenstand, kein bloßer Schatten – das war ein Mensch!
Levin machte abermals den Schritt zurück hinter die Ecke.
Verdammt – was jetzt?! Hier schien mit einem Mal Schluss, aber das durfte nicht sein!
Er schaute wieder. Der Fremde hatte sich nicht bewegt, blickte nicht in seine Richtung. Er hatte ihn also noch nicht bemerkt. Oder tat er nur so? Eine Falle?
In Levin kroch die Angst hoch. Vielleicht saß er schon mittendrin. Er suchte aufmerksam mit den Augen jedes Haus der Gasse ab, blickte auch zurück auf die Straße, aus der er gerade kam.
Nichts.
Aber es gab hier genug Möglichkeiten, jemanden versteckt zu beobachten. Fenster, dunkle Nischen zwischen einigen Häusern, Dächer, sowieso überall dort, wo das Mondlicht nicht hinfiel. Die Straßen waren schmal, die Häuser eng zusammengebaut.
Im Moment stand Levin noch an einer Straßenkreuzung, in der kleinen Gasse jedoch konnte man nur an einem Ende hinein und am anderen Ende wieder hinaus – Hofeingänge oder Lücken zwischen den Häusern gab es dort überhaupt nicht. Ein idealer Platz für eine Falle!
Selbst wenn Levin sich diesbezüglich irrte, sogar wenn diese Gestalt nicht zu denen gehörte, sie würde trotzdem mitbekommen, wo er hinging, hatte ihn gesehen. Und in einem Dorf wurde nun mal viel geredet, sodass denen diese Information auch zufallen konnte, selbst wenn sie nicht danach fragten.
Doch Levin war klar, dass solche Bedenken zu nichts führten. Er musste zum Güterbahnhof, und das so schnell wie möglich! Und falls das wirklich eine Falle war, dann war höchstwahrscheinlich ohnehin schon alles zu spät – dann hatte es auch keinen Sinn, einen zeitraubenden Umweg zu versuchen.
Er nahm allen Mut zusammen und trat um die Ecke. Einfach so vorbeizugehen, als mache er einen Spaziergang, schien ihm am unauffälligsten, wenngleich natürlich jeder, der sich nachts allein auf der einsamen Straße herumtrieb, anderen auffallen musste.
Levin versuchte, ruhig zu gehen und vor allem möglichst geräuschlos. Doch er erschrak bei jeder Berührung seiner Schuhe mit dem Kiesbett der Straße und blickte angstvoll zu der Gestalt hinüber. Bei jedem Schritt gab es ein gefährlich verräterisches Geräusch, das ihm das Herz bis zum Halse schlagen ließ.
Er ging am rechten Straßenrand, dicht an den Hauswänden. Die furchteinflößende Gestalt lehnte an der anderen Seite. Ein langer dunkler Mantel und ein schwarzer Hut.
Ein Gesicht konnte Levin noch nicht erkennen, aber gleich würde er so weit gekommen sein, dass er dem Unheimlichen direkt gegenüberstand. Jeder Schritt vorwärts ließ ihn stärker zittern. Sein Atem wurde immer schneller und sein Herz raste wie wild. Würde er gleich sterben?
Jede Sekunde war eine Ewigkeit, war absolute Qual. Kein Gedanke war mehr klar zu fassen. Panik.
Noch ein einziger Schritt und sein Blick traf genau die Augen des Gefürchteten.
Der Schrei des Entsetzens zerriss mit einem Schlag die nächtliche Stille.
Levin wankte zurück. Doch hinter ihm war die kalte Wand. Er zitterte und aus seinem Gesicht schien alles Leben gewichen zu sein. Was er sah, trieb ihm den Schock durch alle Glieder, ließ sein Herz beinahe stillstehen.
Die Augen und der Mund seines Gegenübers waren weit aufgerissen, es war wie ein stummer Schrei. In tiefdunklem Rot, fast schwarz, lief ihm das Blut von oben herab. In Höhe der Brust spiegelte es sich in der losen Klinge einer Sense, die tief in seinem Körper steckte.
Als wäre er im Augenblick seines Todes erstarrt, stand er nahezu aufrecht, gestützt durch die Wand im Rücken. Der letzte Atemzug war eingefroren in diesem Bild, in diesem Anblick des so ruhelosen Leichnams.
Der grausame Ausdruck seiner Augen forderte Levins Blick, fesselte ihn, zwang ihn dazu, in sie hineinzuschauen. Er konnte sich kein Stück mehr regen und eine unsichtbare Kraft schien ihm die Luft im Halse abzuschnüren. Er war vollkommen im Bann des unheimlichen Toten.
Da plötzlich flammten Lichter auf. Rundherum. Hinter den Fenstern der Häuser wurde es hell. Levins Augen zuckten erschrocken von einem Licht zum nächsten.
Wie ein Blitz schoss das vielfache Leuchten den einen nur möglichen Gedanken in seinen Kopf:
Weg hier!
Er riss seinen noch immer zitternden, halb erstarrten Körper von der Wand los und rannte.

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Leseprobe: Im Bann der Omerta

Im Bann der Omerta

Eva hatte ihren Sohn in Heidelberg zurückgelassen und kam vollkommen niedergeschlagen nach Frankfurt zurück. Sie musste sich sehr beherrschen, dass sie sich nicht einfach von der nächsten Brücke in den Main stürzte. Sie hatte mit ihren knapp neunzehn Jahren alles verloren, was ihr wichtig gewesen war. Ihr Vater war tot, sie wusste nicht, was mit ihrer Mutter war. Martin war tot und Manuel schwer krank und hatte wahrscheinlich auch nicht mehr lange zu leben. Sie fühlte sich schlecht, weil sie ihn in Heidelberg gelassen und das Versprechen gebrochen hatte, dass sie Martin gegeben hatte. Die Malerei, die ihr früher so wichtig gewesen war, hatte sie ganz vergessen und verdrängt. Irgendwann riss sie sich widerwillig zusammen und versuchte nachzudenken, wie es jetzt weitergehen sollte. Sie kündigte ihre Arbeit und gab die Wohnung auf. Hätte sie nicht gleich zwei Menschen verloren, sie hätte glauben können, sie stünde wieder am Anfang nach ihrer Flucht. Sie konnte ihre alte Umgebung nicht mehr ertragen, alles erinnerte sie an Martin und an Manuel. Sie musste unbedingt hier weg. Sie suchte sich im Frankfurter Ortsteil Höchst ein billiges Zimmer, änderte ihren Familiennamen und nannte sich jetzt Stefano, nach Martins Nachnamen. Sie bewarb sich in einer großen Firma wieder als Putzfrau und tat so, als verstehe sie kaum Deutsch, um lästige Fragen zu vermeiden. Die Sehnsucht nach Manuel zerriss sie fast. Am liebsten wäre sie nach Heidelberg gefahren, um ihn zu holen. Sie redete sich ein, dass er, wenn überhaupt, nur in Heidelberg eine Überlebenschance haben würde. Dort gab es gute Kliniken und die Krebsforschung hatte wichtige Fortschritte gemacht. Diese Überlegungen gaben ihr ein Quäntchen Mut zurück.
Mechanisch tat sie ihre Arbeit, bis sie eines Abends bei ihrer Rückkehr vor ihrer Haustür diesen Mann entdeckte, den sie schon vor ein paar Monaten in Frankfurt gesehen hatte. Bei all den Ereignissen in der letzten Zeit hatte sie aber nicht mehr an ihn gedacht. ‚Was sucht denn der hier? Ich kenne ihn doch gar nicht!’ Am ersten Abend beachtete sie ihn nicht weiter. Aber am nächsten Morgen stand er da, und als sie abends heimkam, wurde sie schon wieder beobachtet. Langsam bekam sie es mit der Angst zu tun. ‚Was, wenn die Leute meines Großvater mich entdeckt haben sollten?’ Unwirsch schüttelte sie den Kopf. Das war sehr unwahrscheinlich. Oder doch? Aber was wollte der Mann denn sonst? Verstohlen beobachtete sie ihn. Sehr italienisch sah er nicht aus, er war um die vierzig und hatte dunkelblonde, kurze Haare, eine Mütze auf dem Kopf und eine schlanke Figur. Er wäre ihr nicht weiter aufgefallen, wenn er sie nicht ständig beobachtet hätte. Er stand nicht immer da, aber meistens verfolgte er ihr Kommen und Gehen. Sie ging nur noch aus dem Haus, wenn es unbedingt sein musste. Eines Tages tauchte er am Werkstor ihres Arbeitsplatzes auf. „Eva Camari, wie geht es dir?“ Er baute sich vor ihr auf, sie konnte ihm nicht ausweichen.
„Was wollen Sie? Lassen Sie mich in Ruhe!“
„Was würdest du tun, damit ich dem alten Salvatore in San Gimignano nicht deinen Aufenthaltsort verrate?“
Eva versuchte sich an ihm vorbeizudrängeln, aber er verstellte ihr den Weg. „Welcher Salvatore?“ Misstrauisch blickte sie ihn an.
Ein hämisches Grinsen erschien auf seinem Gesicht. „Ich weiß es eben. Nein, er hat mich nicht geschickt, um dich zu suchen. Aber ich weiß, dass er viel zahlen würde, um dich unschädlich zu machen.“
„Was wollen Sie?“ Sie bekam wirklich Angst. Sollte ihr Großvater tatsächlich erfahren, wo sie war, wer weiß, ob sie überhaupt noch eine Überlebenschance hatte oder genauso enden würde wie ihr Vater.
„Ich bin nur an Geld interessiert. Aber wenn ich mir dich so anschaue, könnte ich auch auf andere Gedanken kommen.“ Sein Blick wurde immer unverschämter. „Und versuche ja nicht abzuhauen. Ich habe dich auch hier gefunden. Entweder du löhnst, oder ich verpfeife dich. Ich könnte aber auch der Ausländerbehörde und deinem Arbeitgeber stecken, dass sie mal deine Papiere überprüfen. Dann landest du in jedem Fall wieder in Italien. Keine Ahnung, was mir sonst noch einfallen könnte!“
Evas Gedanken drehten sich schneller als ein Kreisel. Wie konnte das gehen? Der unverschämte Mensch musste sie irgendwie ausgekundschaftet haben. Aber wie, um alles in der Welt? Sie hatte so zurückgezogen gelebt. Außer dem Projekt mit Carolina war sie nirgends groß weg oder dabei gewesen. Wie war er ihr auf die Spur gekommen? Was noch viel schlimmer war, wie hatte er das mit der Aufenthaltserlaubnis erfahren? Oder bluffte er nur, was das anging? Selbst wenn dies so war, sie durfte ihn in keinem Fall unterschätzen. Am nächsten Tag versuchte sie sich heimlich aus dem Haus zu schleichen, aber der Mann belästigte sie wieder. Er wollte Geld, fast die Hälfte ihres ohnehin mageren Lohns. Wieder drohte er damit, sie an Salvatore zu verraten. Sie wusste immer noch nicht, wie der Mann sie gefunden hatte. Ein Zufall konnte das Ganze nicht sein, dafür wusste er zu viel. Er hatte deutlich gemacht, dass er ihre Eltern und die Villa Marco kannte. Eva überlegte angestrengt, wie sie diesem Verbrecher entkommen konnte. Aber er war immer da, er verfolgte ständig ihr Kommen und Gehen. Der Polizei konnte sie sich nicht anvertrauen, denn sie wollte auf keinen Fall riskieren, dass die Angelegenheit breitgetreten wurde, schon alleine wegen ihrer gefälschten Papiere. Was sie am allerwenigsten brauchen konnte, war öffentliche Aufmerksamkeit. Aber sie brauchte mehr Geld. Vielleicht gab es wieder eine Möglichkeit zu dolmetschen, auch wenn sie dann zugeben musste, gut deutsch zu sprechen. Und vor allem, der Erpresser durfte das nicht mitbekommen. Sie suchte in der Zeitung nach Anzeigen, fand aber nichts Passendes. In der Firma hielt sie weitgehend den Mund, jeder glaubte, sie spreche kaum Deutsch. Aber der Erpresser verlangte monatlich seinen Anteil. Dann bot sich aber doch eine Gelegenheit. Sie holte sich die Firmenzeitung und sah, dass ein Dolmetscher für Italienisch gesucht wurde. Sie zog sich um und ging ins Personalbüro.
Eva musste sich zusammennehmen, dass ihre Stimme nicht zitterte, als sie nach dem Personalchef fragte. Zum ersten Mal sprach sie in der Firma richtig deutsch, als sie dem Personalchef gegenüber saß. Das Zeugnis von Herrn Sänger konnte sie nicht vorlegen, weil es auf einen anderen Namen lautete. Aber sie bat ihn, ihr einen schwierigen Text zu geben, den sie problemlos übersetzte. Der Personalchef war von dieser Leistung überzeugt und gab ihr die Stelle, wenn auch zunächst zur Probe. Er wunderte sich zwar über ihre Tätigkeit als Putzfrau, fragte aber nicht weiter nach. Am nächsten Tag bekam sie ihren ersten Auftrag. Sie musste eine Gelegenheit finden, bessere Kleidung mitzunehmen, denn in Jeans konnte sie unmöglich als Dolmetscherin arbeiten. Sie trug eine Tasche bei sich, die größer war als sonst, und entdeckte ihren Verfolger wieder an der Tür. Sie versuchte, sich vorbeizudrängeln. „Nanu, so eilig? Du bist heute aber früh dran.“ Er musterte sie unverschämt.
„Lassen Sie mich vorbei, ich muss zur Arbeit.“ Sie wollte ihn wegschieben, doch er blieb im Weg stehen.
„Hast du mir vielleicht was Neues mitzuteilen? Hast du etwa einen besseren Job und verdienst mehr Kohle?“ Er machte keinerlei Anstalten, sie vorbeizulassen.
„Nein, ich habe keinen besseren Job.“ Es fiel ihr nicht schwer zu lügen. Sie hoffte nur, dass er nicht auf die Idee kommen würde, in ihre Tasche zu schauen. Er wollte schon danach greifen, aber sie konnte an ihm vorbeischlüpfen und in dem Strom der Frühpendler untertauchen.
‚Das ist ja gerade noch mal gut gegangen. Ich habe keine Lust mehr, für den mitzuschuften.’ Es tat ihr trotz allem gut, deutsch zu sprechen und zu dolmetschen. Sie war froh, dass sie wieder eine anspruchsvollere Tätigkeit hatte. Der Erpresser schien nichts von ihrem neuen Job zu merken, sie hatte etwas mehr Geld. Eva hoffte, dass es ihr gelungen war, die Dolmetscherei zu verheimlichen, als er abends wieder vor ihrer Haustür stand.
„Hast du mir nicht etwas zu erzählen?“ Scheinbar erwartungsvoll und freundlich lächelte er sie an.
„Ich wüsste nicht, was.“ Schroff wandte sie sich ab.
„Ich aber schon. Ich halte deine Vergesslichkeit deiner Euphorie zugute. Aber man hat mir gesäuselt, dass du mehr Kohle verdienst. Was hast du dazu zu sagen?“
„Woher wollen Sie das wissen?“
„Ich habe so meine Verbindungen. Mir entgeht nichts. Also, wie ist es? Ich will meinen Anteil! Du weißt, was sonst passiert.“
Widerwillig musste sie ihm das Geld geben. Sie war froh, dass er nichts von Manuel mitbekommen hatte, denn ihr Kind wollte sie nicht in eine Erpressung verwickelt sehen. Sie hatte jetzt auch nicht mehr Geld als zuvor, aber wenigstens ab und zu einen Dolmetschauftrag. Eva zermarterte sich das Gehirn, wie sie diesen Erpresser abschütteln konnte. Sie überlegte, ob sie mit Daniel oder Michele Kontakt aufnehmen sollte. Aber das Risiko wäre zu groß gewesen, dass ihr Großvater von der Sache Wind bekommen hätte. Nein, es blieb ihr nichts anderes übrig, als hier zu bleiben und nach einer Gelegenheit zu suchen, dem Erpresser zu entwischen.
Der Zustand wurde unerträglich, denn er stellte wieder höhere Forderungen. Eva drohte mit der Polizei, aber er lachte sie nur aus. Er wusste genau, dass sie keine Handhabe gegen ihn hatte.
Notgedrungen arrangierte sie sich mit dem Mann. Sie kannte nicht einmal seinen Namen. Aber er hatte ein Foto von ihren Eltern, das früher in der Villa Marco gestanden hatte. Sie hatte das Bild aus Versehen vom Regal geworfen, dabei war es leicht beschädigt worden. Damit hatte er bewiesen, dass er Eva und ihre Familie kannte. Hatte sie ihn vielleicht schon bei bei ihrem Großvater gesehen? Nein, wie sie es auch drehte und wendete, ihr fiel kein Anhaltspunkt ein, woher er wusste, wer Salvatore war oder wieso er irgendeine Verbindung zu ihm haben könnte. Sie konnte aber nicht riskieren zu überprüfen, ob er nur bluffte. Wenn er sie tatsächlich verraten würde, wusste sie nicht, was werden sollte. Also musste sie den Erpresser wieder bezahlen. Oft war sie kurz davor, sich doch der Polizei anzuvertrauen, wagte es aber nicht aus Angst vor den Konsequenzen. Ob man ihr glauben würde, war sehr zweifelhaft. Sie dachte manchmal an Martin, er hätte ihr bestimmt geholfen. Aber es war keiner da, sie musste alleine damit fertig werden. Eva war mit ihren Nerven völlig am Ende und begann, beim Dolmetschen Fehler zu machen, sie wurde unkonzentriert.