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Leseprobe: Arbor – Der Weg des Waldes

Durch das offene Dachfenster im Bus zog an diesem Sonntagnachmittag im Spätsommer ein kühler Windstoß, den Max von Relling, der wie immer auf dem Sitz in der zweiten Reihe rechts Platz genommen hatte, mit einem leisen, aber durchaus erleichterten Seufzer quittierte.
Max saß immer auf diesem ihm angestammten Platz. Das hatte den einfachen Grund, dass er gern durch die Frontscheibe sah, um das Gefühl der Vorhersehbarkeit sowohl im Sinne der Verkehrssicherheit als auch im Sinne der Landschaftsbetrachtung zu haben. Dafür erschien ihm dieser Sitzplatz der einzig geeignete – sämtliche anderen Optionen hatte Max durch sorgfältige Überlegungen als ungeeignet eingestuft, ohne jemals auf ihnen gesessen zu haben. Die erste Reihe eignete sich nicht, da sich dort erstens nur fußlahme Tattergreise niederzulassen pflegten, um die 58 Zentimeter zur zweiten Sitzreihe nicht gehen zu müssen. Max hatte diesen Abstand einmal heimlich mit einem Zollstock nachgemessen, da ihn der Grad der Gebrechlichkeit der Menschen immer wieder schockierte. Zweitens wäre das Risiko bei einem Unfall aufgrund der Nähe zur Frontscheibe erheblich erhöht.
Die linke Seite des Busses hinter dem Busfahrer eignete sich freilich überhaupt nicht, da die Sicht des Sitzenden durch die Fahrerkabine ganz erheblich eingeschränkt wird. Sämtliche Sitzreihen zur rechten Hand, welche sich hinter der zweiten Reihe befinden, wären mit steigender Entfernung von umso geringerer Qualität und bedürfen daher keiner weiteren Erläuterung.
Durch den angenehmen Lufthauch wurde Max´ Laune kurzzeitig besser. Zuvor hatte er sich maßlos ärgern müssen über einen Vorfall, der ihm den Tag zu verhageln drohte. Während er nämlich über Kopfhörer die Kanarienvogel-Kantate von Georg Philipp Telemann hörte, klopfte er mit seinen Fingern den imaginären Rhythmus auf seinem zuvor ausgetrunkenen, leeren Kaffeebecher mit. An einer für ihn wirklich wichtigen, da emotional aufgeladenen Stelle des Werks bremste der Fahrer abrupt, sodass seine Finger nur den Rand des Bechers berührten und so den Takt verfehlten. Manch einem mag dies völlig gleichgültig sein, doch Max von Relling war Geiger, sodass ihm der Drang zur Einhaltung eines Takts gewissermaßen als Berufskrankheit zu eigen war.
Wenn es eines gab, das er außer unvorhergesehenen Taktwechseln nicht mochte, dann waren es Verabredungen an Sonntagen. Dies hatte den einfachen Grund, dass er an diesen Tagen immer mit der Überlandlinie 212 von der Haltestelle ‚Lindenallee‘ in der Innenstadt von K., wo Max wohnte, zu der Endhaltestelle ‚Gustav-Stresemann-Platz‘ in dem Dörfchen A. und zurück fuhr, um sich an der hügeligen Landschaft zu erfreuen und die Woche Revue passieren zu lassen. Währenddessen konnte er vor allem seine musikalische Fortentwicklung selbstkritisch hinterfragen. Dabei ging er immer nach einem strengen Muster vor. Die Fahrt dauerte gewöhnlich 42 Minuten pro Richtung, sodass er insgesamt 84 Minuten zum Nachdenken hatte. Hinzu kam noch die Zigarettenpause des Fahrers an der Endhaltestelle. Doch da machte auch Max eine Gedankenpause und schaute dem bunten Treiben auf dem kleinen Dorfplatz zu. Er hatte es sich zum Ziel gesetzt, über jeden Wochentag genau 12 Minuten nachzudenken, was natürlich zur Folge hatte, dass dem Sonntagmorgen dabei überproportional viel Bedenkzeit zugewiesen war. Dies allerdings hatte Max bewusst so kalkuliert, da er am Sonntagmorgen stets Büroarbeiten erledigte und dringende Briefe beantwortete. Um also das Risiko zu minimieren, dass ihm dabei etwas Wichtiges entginge, hatte er den Sonntagmorgen in seiner Wertigkeit den übrigen Wochentagen vollends gleichgestellt.
Bei seiner heutigen Fahrt allerdings gestaltete sich das konzentrierte Nachdenken schwieriger als gewöhnlich, da ihn seit den frühen Mittagsstunden ein starker Kopfschmerz beeinträchtigte. Dieser hatte seinen Grund darin, dass sich Max, als er am Morgen eine Pause von der Büroarbeit benötigte, zu einem kurzen Aufenthalt in seinem kleinen Garten entschlossen hatte. Den hatte er zwar nicht besonders kunstvoll mit Blumen geschmückt, aber gerade aufgrund dieser Wildheit liebte er ihn sehr. Dort ließ er sich auf seinem aus einer Nachahmung von Teakholz gefertigten, einzigen Gartenstuhl unter einer großen, glattstämmigen Buche nieder, um kurz Abstand von der Frage zu gewinnen, ob ein Geiger eine Berufsunfähigkeitsversicherung braucht und schloss die Augen. Man muss an dieser Stelle klarstellen, dass der Besitz nur eines einzelnen Gartenstuhls nicht der Höhe des Einkommens eines Geigers – Max wurde zwar nicht fürstlich, aber durchaus angemessen bezahlt –, sondern der Tatsache geschuldet war, dass Max von Relling allein lebte. Trotz der Versuche der mit fernöstlichem Akzent sprechenden Verkäuferin des Möbelhauses Stratmann, ihn von der Notwendigkeit des Besitzes zweier Stühle allein aus Gründen der Symmetrie zu überzeugen, hatte er sich für die Anschaffung nur eines Sitzmöbels entschieden. Ihm fiel einfach kein triftiges Argument dafür ein, wieso ein einziger Mensch zwei Stühle braucht, wenn er nicht stark übergewichtig ist.
Während Max nun dösend die morgendliche Sonne genossen hatte, war er plötzlich von einem harten Gegenstand am Kopf getroffen worden. Obwohl das Objekt keinen großen Schmerz ausgelöst hatte, erschrak Max heftig und fasste sich instinktiv an sein Haupt, an dem er allerdings keine pathologische Veränderung feststellen konnte. Allerdings rief ihm die Berührung in Erinnerung, dass er bereits seit Längerem einen Arzttermin vereinbaren wollte, um seinen kreisförmigen Haarausfall zu bekämpfen, unter dem er seit geraumer Zeit erheblich litt. Da er infolgedessen wesentlich älter aussah als er war, schob er diesem Umstand einen ganz beträchtlichen Teil an Verantwortung für sein unfreiwilliges Junggesellendasein zu.
Sein Blick schweifte zu Boden, wo er das Corpus Delicti schnell ausfindig machen konnte. Der heimtückische Angriff ging von seiner Schatten spendenden Buche aus, die eine Buch­ecker abgeworfen hatte, welche sich dann dank der Schwerkraft den Weg zu Max’ Haupt gebahnt hatte. Verdutzt über den Zufall, dass die doch recht kleine Oberfläche seines Kopfes zum Ziel der herabfallenden Baumfrucht wurde, und in Gedanken an Sir Isaac Newton und seine Entdeckung der Gravitationsgesetze, lehnte Max sich zurück und schloss die Augen …
Das dichte Geäst des Baums, das Max’ Sichtfeld in einer für einen unbedarften Schlummer hinreichenden Art und Weise verdunkelte und seine ihm heute entgegen seiner üblichen Gewohnheiten träge morgendliche Verfassung führten dazu, dass er sich schnell damit einverstanden erklärte, die Zügel seiner Gedanken schleifen zu lassen. Mehr und mehr glitt er in einen Zustand, der sich zwischen wirklichem Schlaf und bewusster Erholung befand und von vielen Menschen gemeinhin als Nickerchen bezeichnet wird. Lange Zeit war er sich ganz und gar bewusst, dass er in seinem Gartenstuhl aus Teakholzimitat saß und empfand sein Alleinsein als große Erleichterung angesichts der Tatsache, dass die erschlaffende Muskulatur seines Mundes ihm wohl ein unfreiwillig albernes Aussehen verleihen musste, das einem Musiker nicht gut zu Gesicht stünde.
Für einen in seiner Länge aber nicht zu taxierenden Zeitraum war sich Max seines Daseins im Garten nicht gewahr, sodass sich ein seltsamer Vorfall ereignen konnte.
Just in dem Moment, als Max die Kontrolle über seine Kiefermuskulatur wieder einmal abgeben musste, waberte eine Nebelbank in den Garten hinein und das, obwohl es ein wolkenloser und trockener Tag war. Meteorologisch betrachtet erschien dies Phänomen völlig unerklärlich, da sich in der städtischen Umgebung des Grundstücks weder Sümpfe noch größere Wasserläufe oder gar Seen befanden, sodass die Herkunft der Feuchtigkeit rätselhaft blieb. Die nur einige Meter breite Formation war in ihrer Gestalt unstet und variantenreich, sodass die Bewegungsrichtung vom Betrachter kaum vorherzusagen war. Nach einiger Zeit bewegte sich das diffuse Gebilde allmählich zügig auf die Buche zu, die Max nach wie vor Schatten spendete, und blieb unterhalb der Krone mit einigem Abstand zum Kopf des Ruhenden unvermittelt stehen, so als habe ein galoppierendes Wildtier plötzlich eine Fährte gewittert.
Just in diesem Moment schreckte Max von einem Geräusch auf, das aus der Ferne zu kommen schien, aber gleichzeitig derart intensiv ertönte, dass es genauso aus seinem eigenen Kopf hätte stammen können. Dieser unsägliche Lärm erinnerte Max an seine Zeit als Schrankenwärter – er hatte sich nämlich während seines Studiums der Musikwissenschaften und der Biologie gelegentlich bei der Eisenbahn verdingt, um sich die Anschaffung der teuren Musikinstrumente leisten zu können. Er empfand es stets als maßlose Beleidigung des ästhetischen Hörempfindens, wenn ein Güterzug an seiner Station bremsen musste und das stählerne Ungetüm dabei derart widerwärtig quietschte, dass es einen innerlich zerriss und man sich an Szenen aus dunkelsten Tagen der industriellen Revolution erinnerte, in denen rußverschmierte Kinder Kohlenberge auf keuchende Kesselwagen schaufelten. Eben jener Ton erschallte für mehrere Sekunden im Garten von Max an jenem Sonntagmorgen, als der Nebel sich in den Ästen der Buche verfing. Gleichzeitig schien sich der Wind, der vorher noch für eine angenehme Kühlung sorgen konnte, zu legen. Er räumte das Feld zugunsten einer für einen Spätsommermorgen seltenen, unangenehm stickigen Hitze. Für den Spätsommer ist dies nicht gerade typisch, eigentlich eher eine erfrischende, bereits auf den Herbst vorgreifende Luft. In einem Moment völliger Windstille begann ein schlingfüßiger Efeustrauch einen zittrigen Tanz, dem wohl eine geheime Choreografie zugrunde liegen mochte, da sich nur einzelne Blattgruppen an drei voneinander verschiedenen Stellen zu bewegen schienen. Aus der mittleren dieser drei Gruppen stieß allmählich eine Ranke hervor und bewegte sich in schlangenartigen Bewegungen in Richtung Max, freilich ohne dass dieser davon Notiz nehmen konnte.
Begleitet wurden die grünen Blätter von vier in der Formation einer Raute fliegenden Finken, die ihren Dienst wunderlicherweise völlig stumm verrichteten. Überhaupt war es zu diesem Zeitpunkt im Garten ungewöhnlich still geworden, selbst das ansonsten vorhandene, beruhigende Grundrauschen des Alltags hatte sich zurückgezogen, sodass man sich eher in einem künstlich schallisolierten Raum hätte wähnen können als ausgerechnet im grünen Garten eines Musikers.
Mit beängstigender Präzision zielte die Ranke auf den Liegenden ab, und als nur noch eine kurze Distanz zwischen der seltsamen Quadriga und Max lag, da trennten sich die Wege der Vögel und der Ranke. Die Vögel begannen in konzentrischen Kreisen um den Kopf von Max zu fliegen, und die Ranke legte sich gleich einer Würgeschlange, die ihr Opfer sanft, aber grausam erstickt, um den rechten Knöchel des ahnungslos Schlafenden.
Wenige Augenblicke später fand sich Max kopfüber hängend hoch erhoben in der Luft wieder. Die Ranke hatte ihn ganz plötzlich, wie auf ein verabredetes Zeichen hin, unvermittelt gepackt, gen Himmel gezogen und ihr Werk erst beendet, als eine Höhe erreicht war, aus der ein Sturz für einen Menschen sicher fatale Folgen gehabt hätte.
Gleich einem hilflos zappelnden Regenwurm am Haken des wartenden Anglers fand der Geiger Max von Relling sich nun im Luftraum über seinem Garten wieder. Er versuchte, seinen Missmut durch laute Schreie deutlich zu machen. Jedoch wollte ihm dies nicht gelingen, da die Bewegungen seines Mundes nicht zu einem Ton führen wollten, so, als würden die von ihm erzeugten Schallwellen kein geeignetes Trägermedium finden, das ihnen Hörbarkeit verleiht.
Panisch versuchte er mit abwehrenden Bewegungen, Herr seiner misslichen Lage zu werden, doch vergebens. Seine Arme hingen schlaff am Körper und reagierten nicht auf die Impulse, die ihnen gesandt wurden. Stattdessen schien Max in völliger Paralyse verharren zu müssen. Im nächsten Augenblick erschienen die vier Finken vor seinen weit aufgerissenen Augen, über deren Blickrichtung er noch die Kontrolle zu haben glaubte. Und er erkannte erschrocken, dass die Vögel in einem Punkt nicht dem entsprachen, was er in seinem Studium der Biologie gelernt hatte. Genau wie er kopfüber hing flogen die eigentlich possierlichen Wesen auf dem Rücken, wenngleich ihre kleinen Flügelchen die normale Ausrichtung aufwiesen und daher verkehrtherum dem Körper der Vögel anhafteten, was den Tieren ein äußerst sonderbares Aussehen verlieh.
Immer enger flogen die Vögel Kreise um den Unglücklichen, sodass er bereits den Windstoß ihrer gespenstischen und kolibriähnlich sirrenden Flügel spüren konnte. Plötzlich erklang jedoch wieder der schaurige Ton, der das Schauspiel kurz zuvor eingeleitet hatte. Mit derselben überraschenden Heftigkeit, mit der Max in die Höhe gerissen wurde, beförderte ihn die Schlingpflanze wieder in seinen Stuhl. Gleich einem Trapez­künstler hatte er sich während seines Rückwegs in Richtung des Erdbodens zu einigen unfreiwilligen Pirouetten gezwungen gesehen. Sie hatten in ihm diese drückende Karussell-Übelkeit hervorgerufen, die besonders Halbwüchsige, für Max völlig unverständlich, gemeinhin als Ziel ihrer Besuche verschiedener Fahrgeschäfte auf Rummelplätzen ansehen.
Die harte Landung im hölzernen Stuhl ließ Max aufschrecken. Eine ungewöhnlich lange Zeit war er sich nicht sicher, ob er wirklich wach oder nur in den nächsten Traum hinübergeglitten war. Ein untrügliches Indiz für vollkommene Vigilanz schien die unerträgliche Übelkeit – doch hatte er die nicht bereits einige Augenblicke vorher verspürt?
Zumindest war er wieder Herr seines Körpers, sodass er zu seiner eigenen Sicherheit die Funktionsfähigkeit seiner Gliedmaßen einer strengen Prüfung unterzog und durch komplexe Fingerübungen sicherzustellen versuchte, wieder in der Realität angekommen zu sein. Der von ihm zur eigenen Bezeugung seiner Stimmkompetenz kurzerhand laut formulierte Satz: „Ich sollte noch einen neuen Notenständer kaufen“, erschien ihm im nächsten Moment unverzeihlich und an Idiotie grenzend, denn es war ja Sonntag, sodass das von ihm stets besuchte Musikhaus Eschendorn selbstverständlich geschlossen hatte. Er hielt es seit Jahr und Tag für wesentlich besser sortiert als das deutlich größere Musikhaus Barkhau und deswegen nahm er sogar den weiteren Weg in den Ortsteil B. der Stadt K. auf sich.
Der Irrtum allerdings ließ seine letzten Zweifel verstummen, dass er den Zustand der Wachheit erreicht hatte, denn er hielt es für ausgeschlossen, dass man sich im Traum über seine eigene Schusseligkeit ärgern konnte.
Es war kalt geworden im Garten von Max von Relling. Nebelschwaden waberten durch den Garten und ihn fröstelte, sodass er beschloss, seine Pause zu beenden.
Auf dem Weg in sein Bürozimmer fiel ihm auf, dass auf dem Herd noch ein Rest Möhrensuppe stand, die er am Vorabend zubereitet hatte, was ihm ein behagliches Gefühl gab – es gab nämlich jeden Samstag Möhrensuppe. Außer am ersten Samstag im Monat, denn an dem ersten Wochenende jedes Monats fanden immer Konzertproben statt, sodass er praktisch nicht zu Hause war und daher keine Zeit zum Kochen fand.
In Vorfreude auf das Mittagessen und die Möhrensuppe, die ihm am zweiten Tag immer noch ein wenig besser schmeckte als am Tag ihrer Zubereitung, schloss er die Tür zu seinem Büro und setzte sich an seinen von einem befreundeten Antiquar zu einem, wie dieser meinte, ‚Spottpreis‘ erworbenen Schreibtisch aus Douglasienholz. Das ist bekanntermaßen eines der robusteren Hölzer. Er öffnete den Werbebrief seines Telefonanbieters, in dem ihm zum angeblichen Zwecke der Kostenersparnis nahegelegt wurde, einen teureren, aber mehr Leistungen umfassenderen Tarif zu wählen. Das lehnte Max aber innerlich brüsk ab aufgrund der Tatsache, dass er grundsätzlich nur sehr selten und wenn überhaupt so kurz wie möglich telefonierte. Den Schrieb faltete er daraufhin sechsmal in der Mitte der Seite, sodass ein aus 64 Lagen bestehendes papiernes Rechteck entstand – mehr Faltungen sind bei einem gewöhnlichen Blatt Papier mit bloßen Händen unmöglich. Da das geformte Gebilde aber rein mechanisch dazu neigte, sich von ganz allein einen Arbeitsschritt zurückzuentwickeln, befestigte er einen Streifen doppelseitigen Klebebands an der Innenseite des Rechtecks, um die Eigendynamik des Papiers zu zähmen und die Gestalt des Papiers zu gewährleisten. Anschließend legte er das so auf ein Minimum seiner Fläche reduzierte Papier unverzüglich, aber vorsichtig in den Papierkorb und besah sich, schlussendlich zufrieden, die optimierte Ordnung in seinem Abfallbehälter. Sie war sehr schön. Sehr perfekt.
In diesem Augenblick verspürte er den Beginn eines Kopfschmerzes, den er aber zunächst ignorierte, war es doch eher ein Unwohlsein als ein wirklicher Schmerz.
Bis zum Nachmittag aber wurde das Gefühl dröhnend und immer unangenehmer, sodass er sich an diesem Tag kurz nach Beginn seiner Busfahrt überlegte, die Fahrt zu verkürzen und bereits nach einigen, wenigen Haltestellen auszusteigen. Draußen huschten die für eine Vorstadt typischen Gebäude wie Baumärkte, Autohäuser, Fitnessstudios und Tankstellen durch das Blickfeld des Fahrgasts, als Max den Halteknopf drücken wollte, aber feststellen musste, dass just neben seiner Sitzreihe kein solcher Knopf existierte. Seltsam, dachte er, das ist mir noch nie aufgefallen, dass die Reihung der Knöpfe keiner logischen Anordnung folgt. Deshalb sah er sich gezwungen, bereits lange vor Halt des Busses aufzustehen, um zwecks Kundgabe seines Haltewunsches einen Knopf nahe der Hintertür zu drücken. Beim Aussteigen fiel ihm dann auf, dass er das Fehlen des Knopfes ja bisher auch nicht bemerkt haben konnte, da er bis zum heutigen Tage immer bis zur Endhaltestelle gefahren war und ein Drücken des Knopfes daher obsolet gewesen sei.
Max fand sich nun also auf dem Bürgersteig einer breiten, viel befahrenen Ausfallstraße der Stadt K. wieder und beschloss, dieser grässlichen Umgebung, die ihn unmittelbar nach dem Aussteigen mit einem vorbeifahrenden LKW begrüßt hatte, ohne viel Federlesens zu entkommen. Es hatte nämlich dazu geführt, dass sich seine Mimik wie beim Biss in eine saure Frucht verzogen hatte. Da seine Kopfschmerzen ihn inzwischen durchaus malträtierten und die hässliche Szenerie ihn massiv störte, beschloss er kurzerhand, ein Taxi nach Hause zu nehmen. Zu diesem Zweck drehte er seinen Körper um 180 Grad, streckte seinen rechten Arm mit erhobenem Daumen nach außen und ging langsam in Richtung der Innenstadt, wohlwissend, dass ‚jeder Meter bares Geld wert sei‘. Während er also mit weit ausgestreckter Hand die Straße entlangging und seinen Körper zur Stabilisierung seines Gangs dadurch etwas seitlich zur Straße eindrehen musste, blieb sein Blick plötzlich an seinem rechten Daumen haften. Dort erblickte er einen kleinen, braunen Punkt, der in etwa ein Viertel der Fläche des Daumennagels bedeckte. Aufgrund seiner Neigung zur Ansteckung mit grippalen Infekten aller Art und seiner daher sehr gründlichen Handhy­giene wurde er stutzig, sodass er unverzüglich die zweckmäßige Haltung seines Arms aufgab, stehen blieb und sich die fragliche Stelle genauer anschaute. Um die Herkunft des Flecks zu erfassen, rieb er den Daumennagel der anderen Hand mit derselben Bewegung, mit der man hartnäckige Verschmutzungen auf Porzellantellern beseitigt, an der braunen Stelle, musste aber feststellen, dass es sich nicht um einen Fleck, sondern um eine förmliche Erhebung handelte. Sie saß gleichsam auf dem Nagel und wies eine harte und raue Oberfläche auf. Um sicherzugehen, dass es nicht die mangelnde Kraft seiner Hände war, welche die Entfernung des Objekts verhinderte, rückte er seinem Daumen auch noch mit seinen Zähnen zu Leibe und versuchte so, das störende Ding loszuwerden. Doch auch dieser Versuch wollte nicht gelingen.
‚Wird schon nix sein, dachte Max, und hob wieder den Arm, um seine Suche nach einem Chauffeur in die Innenstadt fortzusetzen. Während er nun weiter die Straße rückwärts entlangging, war er unfähig, seinen Blick von seinem Daumen abzuwenden, zu ungewöhnlich war besagte bräunliche, warzen­ähnliche Modifikation seiner bogenführenden Hand.
Nach einiger Zeit gab er die Hoffnung auf, noch ein Taxi zu finden, drehte sich wieder in Laufrichtung und beschloss, den restlichen Weg nach Hause per pedes zurückzulegen. Während des gesamten Heimwegs fiel es ihm schwer, klare Gedanken zu finden, zu sehr war er in Sorge über die Veränderung seines Daumens.
Am nächsten Morgen erwachte Max von Relling aufgrund des monotonen Klingelns seines Weckers pünktlich aus einem erholsamen und komatösen Schlaf, den er in seinem Schlafzimmer genossen hatte. Dieses war karg ausgestattet mit einem großen, aus nüchtern weiß lackiertem Sperrholz hergestellten Bett und einem Nachttisch, auf welchem sich ein Glas Leitungswasser, eine Taschenlampe und ein Bild seines bereits in frühester Jugend verstorbenen Schnauzers Schorschi befanden. Ihn nannte er aufgrund eines kindlichen Sprachfehlers früher immer ‚Sotschi‘, woraufhin ihn seine Mutter Gisela von Relling penibel darauf hinwies, dass dies eine Stadt am Schwarzen Meer sei und er doch bitte auf eine korrekte Aussprache des Hundenamens achten möge.
Es war Montag. Das Wetter war über Nacht umgeschlagen, und durch das Küchenfenster beobachtete Max den steten Regen, der draußen niederging; kein starker, aggressiv prasselnder Regen, sondern ein gleichmäßig plätschernder Dauerregen, der den Erdboden dauerhaft mit Feuchtigkeit versorgte und eigentlich nur von Gärtnern, Landwirten und Melancholikern gemocht wird. Eigentlich war Max der Auffassung, dass das Wetter keinen Einfluss auf die Stimmung von Menschen haben sollte, er hielt dies für eine Problematik, der ein zivilisiert denkender Mensch keine Aufmerksamkeit schenken sollte, da ‚es doch genügend Möglichkeiten gibt, sich dem Wetter anzupassen und auf der anderen Seite können wir sowieso nichts am Wetter ändern‘. Doch heute verspürte er ein Wohlgefühl bei der Betrachtung des Regens, eine fast kindliche Freude und innerlich dürstete er danach, seine menschliche Behausung zu verlassen und sich ins Freie zu begeben.
Ihm war allerdings bewusst, dass diese Möglichkeit sich heute zunächst nicht ergeben würde, da er zur Mittagszeit mit den Philharmonikern der Stadt K., zu deren Stammensemble er seit langen Jahren gehörte, im großen Festsaal der städtischen Universität aufzutreten hatte. Anlass war der 125. Geburtstag der dortigen sprach- und literaturwissenschaftlichen Fakultät. Sie hatte zu einem dieser Festakte geladen, bei denen es gewöhnlich zum guten Ton gehörte, auf den Einladungskarten in Fettdruck darauf hinzuweisen, „dass der hochbegabte Pianist und Student X unserer Universität zur musikalischen Untermalung“ spielt. Und dann spielt er drei beliebige und austauschbare Stücke, die nichts miteinander zu tun haben, aus den verschiedensten Epochen der Musikgeschichte stammen und nur den Eindruck erwecken sollen, dass die Herren Professoren und Magnifizenzen sich bestens in den Werken beispielsweise der Wiener Klassik auskennen.
Da es sich aber um einen runden Geburtstag handelte und es auch an hochbegabten Pianisten mangelte, hatte man sich entschlossen, die Philharmoniker zu engagieren sowie zum Zwecke ihrer Bezahlung und im sicheren Bewusstsein, dass dies auf die Zuschauerzahl keinen signifikanten Einfluss haben würde, Eintrittsgeld für den Festakt zu verlangen. Aufgrund dieser Umstände stand Max dem Auftritt seines Orchesters skeptisch gegenüber, da er die Auffassung vertrat, dass ein renommiertes Orchester nicht dazu herhalten sollte, lediglich als ‚musikalische Untermalung‘ zu dienen. Überhaupt sei dieser Ausdruck ganz furchtbar, da man mit Musik nicht malt, sondern ihr lauscht und das im besten Falle hingebungsvoll, andächtig oder zumindest berührt.
Mit dem Erlernen des Geigenspiels hatte er schon mit fünf Jahren angefangen und er hatte es seitdem zu einiger Virtuosität gebracht, da er von frühester Jugend an sehr diszipliniert (manche sagten pedantisch) jeden Tag Geige spielte. Meistens übte er morgens nach dem Aufstehen, oft noch im Nachthemd und ohne Frühstück. Max war gemeinhin weniger an menschlicher Gesellschaft interessiert als an der Gesellschaft von Büchern, Gemälden und Musik. Aufgewachsen war er in einem wohlhabenden Elternhaus. Sein Vater Heinrich hatte es als Buchhändler zu einigem Wohlstand gebracht, mit dem er die Familie als Ausgleich für seine häufigen Reisen großzügig bedachte. In Max’ vierzehntem und seinem neunundfünfzigsten Lebensjahr schied er jedoch freiwillig aus dem Leben. Max’ Mutter fand ihn quer auf seinem Bett liegend, die Sandalen ordentlich ausgezogen und vor das Bett gestellt, mit einer Tüte über dem Kopf und gefalteten Händen. Heinrich von Relling hatte immer viel gearbeitet, wobei er das Buchhändlerdasein nie als Arbeit empfand. Als der Hausarzt ihm eine Makuladegeneration diagnostizierte, stand sein Entschluss fest: Ohne die Fähigkeit zu lesen wollte er nicht mehr länger leben. Gesagt, getan. Gefragt hatte er seinen Sohn Max nicht.
Seine Mutter arbeitete, vornehmlich, um ihren Schmerz zu vergessen, nach dem Tod ihres Mannes halbtags im städtischen Naturkundemuseum, das aufgrund seiner Dinosaurierausstellung (es gab dort sogar die riesige Nachbildung eines Brontosaurus) eine beachtliche Reputation auch über die Stadtgrenzen hinaus hatte. Da Max ein Einzelkind war, nahm ihn seine Mutter in den Schulferien immer mit ins Museum, wo er sich mit Vorliebe mit einem kleinen, roten Klappstuhl in den Raum mit den ausgestopften und präparierten ‚heimischen Tieren aus Feld und Flur‘ setzte. Dinosaurier interessierten ihn überhaupt nicht, sie waren ja schon lange tot. Dort las er dann Bücher, die er von zu Hause mitgenommen hatte, denn die von Rellings hatten eine gigantische Privatbibliothek mit einer großen Auswahl wichtiger Werke der Weltliteratur. Schon als Schüler am Gymnasium fiel Max vor allem dadurch auf, dass er im Deutschunterricht fast jedes Buch, das im Unterricht besprochen wurde, bereits gelesen hatte. Das brachte ihm allerdings mehrheitlich Häme und Spott ein, seine Kindheit hatte er daher nicht unbedingt in angenehmer Erinnerung. Max hatte sich aufgrund seiner Erlebnisse in der Schulzeit damit abgefunden, dass seine Mitmenschen ihm meist mit zurückhaltender Distanz begegneten. Er zog es vor, die Möglichkeit einer zwischenmenschlichen Enttäuschung durch die vollständige Vermeidung einer Beziehung auszuschließen, auch wenn seine Mutter ihm während seiner Schulzeit immer wieder versichert hatte, er sei ein „guter Junge“ und habe einfach nur Pech, dass er weiter sei als die anderen.
Im Bewusstsein der Notwendigkeit des rechtzeitigen Eintreffens am Konzertort hatte Max sich vorgenommen, einen Bus früher als nötig zu nehmen, um die Universität zu erreichen. Und er verließ, nachdem er seinen morgendlichen Kaffee – stark, schwarz und ohne Zucker – getrunken und seinen Geigenkoffer vorbereitet hatte, angesichts des bevorstehenden Pflichttermins recht missmutig das Haus. Die Bushaltestelle ‚Lindenallee‘ lag nur einige Schritte von seinem Grundstück entfernt. Nachdem Max den Schlüssel aus dem Schloss seiner Haustür gezogen und sich durch ein kraftvolles Rütteln des Schließerfolgs versichert hatte, begann er forschen Schrittes seinen Weg zur Haltestelle. Bereits nach einigen Sekunden aber begann sich in ihm ein Gefühl Bahn zu brechen, das er in seinem Leben noch nie verspürt hatte. Trotz der Sicherheit über ihr Vorhandensein war er zunächst nicht in der Lage, diese Regung adäquat einer bekannten menschlichen Emotion zuzuordnen. Verdutzt blieb er kurzerhand stehen.
Man kann sich nur schwer vorstellen, was Max von Relling in diesem Moment spürte. Eine Art innerer Durst überkam ihn, doch war es kein Durst, wie man ihn für gewöhnlich kennt und der durch ein Getränk, womöglich durch eine bunte Limonade, hätte gestillt werden können. Vielmehr schien jede einzelne Faser seines Körpers sich ausschließlich nach reinem, kaltem Wasser zu sehnen, sodass Max kurzerhand seinen Mantel ablegte, hektisch sein Hemd aufknöpfte, es von sich riss und sich unvermittelt mit freiem Oberkörper mitten auf der Straße wiederfand. Die Arme hatte er ausgebreitet wie ein indianischer Medizinmann, der Manitu für den erlegten Bison dankt und gierig den Regen auf seine Haut niederfallen ließ. Max tanzte wie ein Derwisch, drehte sich wie von Sinnen um seine eigene Achse und lachte laut auf, so wie er es zum letzten Mal getan hatte, als er sich unter dem Einfluss einer Flasche ‚Côtes du Rhône‘ darin versucht hatte, auf seiner Geige bekannte Weihnachtslieder wie ‚O Tannenbaum‘ rückwärts zu spielen.
Dieses seltsame Gebaren fand erst ein Ende, als der Bus, den er eigentlich nehmen wollte, an ihm und der Haltestelle vorbeisauste und Max so schlagartig klar wurde, dass er nun in Zeitdruck geraten würde. Als sei er gerade aus einem furchtbaren Albtraum erwacht, wurde sich Max mit einem Mal bewusst, dass er mit blanker Brust mitten in der Stadt stand, um ihn he­rum seine Kleidung und sein Geigenkasten, in sicherem Abstand einige Passanten, die sein Verhalten mit entgeistertem Gesichtsausdruck beobachtet hatten. Verstört über seinen ihm unerklärlichen und beschämenden Auftritt schnappte Max Hemd und Mantel und zog beide recht artistisch unter Fort­setzung seines Wegs zur Haltestelle an, wobei er sich wunderte, dass sein Körper vollständig trocken war und keinerlei Rückstände des Regenwassers an ihm hafteten.
Während er sich nach Erreichen der Haltestelle seines einigermaßen korrekten Kleidungsstils durch Blick in das nur leidlich spiegelnde Glasfenster des Wartehäuschens versichert hatte und nur sein etwas zerzaustes, spärliches Haupthaar bemängeln konnte, fiel sein Blick auf seinen Daumen. Die braune Stelle hatte sich im Vergleich zum vorherigen Tage erheblich vergrößert, sie bedeckte nun fast den gesamten Daumennagel und war auch in ihrer Dicke gewachsen, sodass die raue Oberfläche nun deutlich spürbar war und Max den Entschluss fasste, mit dieser Sache in der Folgezeit einen Dermatologen zu konfrontieren.
Einige Minuten später kam der Bus, zum Glück pünktlich. Nachdem Max hastig eingestiegen war, setzte er sich auf seinen glücklicherweise unbesetzten Lieblingsplatz in zweiter Reihe auf der rechten Seite des Busses.
Die Fahrt verlief unspektakulär und Max blieb etwas Zeit, um im Kopf noch einmal die Stücke durchzuexerzieren, die heute zu spielen waren. Besonderes Kopfzerbrechen bereitete ihm der dritte Satz des ‚Liedes von der Erde‘ von Gustav Mahler, da er dieses Stück noch nie vor Publikum hatte spielen müssen. Als Max von Relling dann die Haltestelle ‚Universität‘ erreicht und den Bus verlassen hatte, betrat er die Räumlichkeiten durch den Künstlereingang mit einer ihm fremden Unruhe und Nervosität, die er auf die Tatsache zurückführte, dass er sich möglicherweise unzureichend auf seinen Auftritt vorbereitet hatte.

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Leseprobe: Gefährliche Rochade (3)

Nach einer kurzen Zeit des Überlegens schilderte Ingo, was er bisher erlebt hatte. Er erzählte von dem Schockzustand, in den er gefallen war, als er das Paket erhalten hatte. Davon, dass er zwei Tage und Nächte benötigt hatte, um das Geschehen überhaupt zu realisieren. Von der Leere im Kopf, die er so deutlich empfunden hatte, und auch davon, dass er zu diesem Zeitpunkt absolut mit sich allein klarkommen musste. Er erläuterte, dass er die Entscheidung, nicht die Polizei einzuschalten, sondern sich auf dieses mörderische Spiel einzulassen, unbedingt alleine treffen musste. Jeder, auch noch so gut gemeinte Rat von außen, hätte zu diesem Zeitpunkt nach seiner Überzeugung nur kontraproduktiv sein können, weil er ihn in seiner Entschlusskraft geschwächt hätte.
Als Ingo Pauls irritierten Ausdruck sah, versuchte er, eine weitere Erklärung zu geben: „Weißt du Paul, was für die bevorstehende Zeit der einzige Trumpf ist, den ich spielen kann? Unerwartet mentale Stärke zu zeigen. Um mental überhaupt auf den Damm zu kommen, musste ich die Situation so gut wie möglich erst einmal allein verarbeiten. Darum habe ich dich auch nicht früher um Rat gefragt. Auch nicht bei der Vorbereitung auf das Spiel. Und das, obwohl du tendenziell der stärkere Schachspieler von uns beiden bist.“
Ingo erzählte, wie er den Schlüssel zur Wohnung in der Osttangente erhalten hatte. In einem Päckchen der gleichen Größe wie dem, mit dem ihm der Finger zugestellt worden war, hatte er eines Morgens im Briefkasten gelegen. Wie ein Trauma seien ihm in dem Moment die erst wenige Tage alten Erlebnisse um Julia vorgekommen. So habe er beinahe eine Stunde gebraucht, um das Päckchen zu öffnen. Darin gefunden habe er nur den Schlüssel, an den ein Bändchen mit einem Zettel geknotet war, der Straße und Hausnummer sowie einen Hinweis auf die 1. Etage enthielt.
Noch am gleichen Tag war er – so erzählte er weiter – auf seinem Handy angerufen worden. Gesprochen hatte eine Kinderstimme, die Stimme eines Jungen, die auf Fragen oder Äußerungen von Ingo nicht reagierte, sondern nur monoton einen Text herunterleierte. Die Stimme kam aber, dessen war sich Ingo sicher, nicht vom Band. Der Text hatte sich in sein Hirn gebrannt:
„Dies ist eine Nachricht von White King. Das Spiel beginnt am nächsten Freitag, pünktlich um 21:00 Uhr. Die Regeln sind dir bekannt. Halte dich strikt daran. Das gilt nicht nur für die Spielregeln, sondern auch für alle anderen Regeln, die dir angetragen wurden. Ansonsten wird Julia schrecklich leiden. Solange du alles beachtest, versichert dir der White King, dass Julia sehr gut behandelt wird. Alles Weitere wird vom Spielverlauf abhängen.“
Ingo hatte es grotesk gefunden, diese Worte aus dem Mund eines Kindes zu hören. Der Inhalt der Worte war eiskalt, die Stimme, die ihn vermittelte, hatte sensibel, fast zärtlich geklungen. Eben wie die Stimme eines unschuldigen Kindes.
Und gleichzeitig war es für ihn entsetzlich erschreckend, dass das Kind selbst auf flehentliche Worte nicht eingegangen war. Es hatte den Text einfach an der Stelle wieder fortgesetzt, an der es unterbrochen worden war. Ingo war sicher, dass das wieder ein subtiles Arrangement war, das lediglich dem Zweck diente, seine Psyche zusätzlich zu perforieren. Ansonsten wäre der Anruf seiner Ansicht nach völlig überflüssig gewesen.
Dann schilderte Ingo noch, wie der erste Freitag in der Wohnung in der Osttangente abgelaufen war. Paul hörte gebannt die Worte, kaum in der Lage, ihren Inhalt zu verstehen. Sein Kopf schmerzte, seine Augen schienen aus dem Inneren seines Schädels zu drücken. Dennoch richtete er seine Aufmerksamkeit voll auf Ingos Stimme: „Ich habe sofort bemerkt, dass das Haus mit Ausnahme der Wohnung in der 1. Etage unbewohnt ist. Auch diese Wohnung scheint im Wesentlichen ungenutzt zu sein. Ich bin einen langen Flur entlanggelaufen. Es schien Dämmerlicht. Die Wände sind komplett leer. Von dem Flur geht nur ein Zimmer ab, in dem es zwei Türen gibt. Die waren beide verschlossen.
Das Zimmer ist mit einem Schachtisch und zwei bequemen Stühlen eingerichtet. An der Rückwand befindet sich eine riesige Leinwand. Darauf wird das Schachbrett im Großformat projiziert.“
„Und was noch?“
„An einer Wand hängt ein riesiger Druck von Dalis ‚Das endlose Rätsel‘. Das war eines der Lieblingsbilder von Pia. Du kennst ja ihre Leidenschaft für Dali. Es wird durch indirektes Licht richtig in Szene gesetzt. Mir hat der Anblick sofort die Kehle zugeschnürt.“
„Gab es sonst noch was?“
„Ansonsten ist der Raum komplett leer, zumindest, wenn man davon absieht, dass mehrere, offen installierte Kameras alles überwachen. Jetzt kommt noch so ein Knaller. Sobald ich den Raum betreten habe, werden automatisch zwei Pink Floyd-Titel in hervorragender Klangqualität abgespielt: erst ‚Wish you where here‘, danach ‚Time‘.“
„‚Ich wünschte, du wärest hier‘ und ‚Zeit‘; diese Titelwahl ist doch kein Zufall“, meinte Paul.
Ingo fuhr fort: „Erst nachdem die Musik zu Ende war, sprach der Irre über die Lautsprecher zu mir. Die Stimme kannte ich nicht. Es war eine sonore Stimme und er sprach betont deutlich:
,Zu unserer Partie heiße ich dich herzlich willkommen. Lass uns sofort beginnen. Alles Nötige ist gesagt. Die Uhr tickt ab jetzt‘.“
Beim Wiederholen des Textes hatte Ingo seine Stimme verstellt, langsam und sehr betont gesprochen.
„Dann hat der Irre eröffnet. Er zog den weißen Bauern von e2 nach e4. Auf der Leinwand konnte ich das nachzuvollziehen. Das Spiel auf dem Tisch diente wohl nur dazu, dass ich die Züge bei Bedarf auch auf dem Brett abbilden konnte. Sollte wohl eine faire Geste mir gegenüber sein.“
Paul hatte große Mühe, den Schilderungen zu folgen. Sein Entsetzen stieg von Minute zu Minute an. Alles rational zu verarbeiten war ihm völlig unmöglich.
„Ingo, das ist doch der totale Irrsinn. Ich bin immer noch der Meinung, dass du die Bullen rufen musst. Aber ich sehe schon an deiner Gusche, dass du das nicht tun wirst. Willst du jetzt wirklich alles auf die Karte setzen, gegen irgendjemanden – wir wissen nicht wen – diese Partie zu gewinnen? Und selbst wenn, wer weiß, ob er Julia dann wirklich freilässt?“
„Wir müssen jetzt parallel vorgehen.“ Ingo sprach, wie selbstverständlich, jetzt schon von ‚Wir‘.
„Das Schachspiel müssen wir spielen. Da gibt es keine Alternative. Natürlich müssen wir gleichzeitig alle Überlegungen anstellen, welche die Polizei auch anstellen würde. Dazu brauchen wir deren Apparat nicht. Wenn überhaupt können wir dem Irren nur durch eigenes Nachdenken auf die Schliche kommen. Der Schlüssel kann, wenn ich kein rein zufälliges Opfer bin, nur in meiner Vergangenheit liegen. Und die kennt niemand besser als wir beide.“
„Das mag ja sein …“ Den Rest des Satzes verschluckte Paul. „Gut, betrachten wir zunächst das Schachspiel. Was ist deine Strategie? Ist doch Mist, dass du mich jetzt erst einbindest.“
„Meine Überlegung ist, dass ich den Typen nicht mit Standardvarianten, die wir beide leidlich gut drauf haben, schlagen kann. Ich muss ihn überraschen und immer wieder durch Unerwartetes unter Druck setzen. Deshalb habe ich mir auch überlegt, gleich im Rahmen der Eröffnung mit einer Gambit-Variante zu starten.“
„Rede nicht so geschwollen. Was ist das?“
„Na, das heißt, dass du bewusst ein Figurenopfer eingehst, um dir einen Stellungsvorteil zu sichern.“
„Bist du wahnsinnig? Das entspricht doch überhaupt nicht deiner Spielweise. Du knallst am lautesten aus Standarderöffnungen, aus denen du ganz langsam und vorsichtig deine strategischen Vorteile entwickelst. Da passt doch so ein Scheiß nicht.“
„Eben, mein Lieber. Das entspricht nicht meinem Typus. Wenn ich unterstelle, dass der Irre mich kennt, wird er das wissen. Woher auch immer. Daher wollte ich ihn überraschen. Und da ich genau wusste, dass du mir davon abraten würdest, bin ich zunächst ohne dich gestartet.“
Paul quittierte das mit einem leicht beleidigten Blick.
„Ist ganz bestimmt nicht böse gemeint. Aber jetzt, wo jeder seine ersten sechs Züge gemacht hat, kommst du ins Spiel. Die Optionen werden mir jetzt zu komplex, auch wenn ich im Nachhinein natürlich alles mit dem Computer simuliere.
Die Eröffnung ist übrigens doch nicht ganz so abgelaufen, wie ich es mir vorgenommen hatte. Mein Mumm hat mich einfach verlassen. Auch deshalb brauche ich dich. Hilf mir dabei, ihn zu überraschen. Hilf mir, so zu sein, wie ich nicht bin.“
Paul war verdutzt. Insbesondere war er selbst darüber irritiert, dass er jetzt, nur wenige Minuten, nachdem er von dieser schrecklichen Situation gehört hat, tatsächlich damit begann, sich ernsthaft auf das Spiel einzulassen.
„Wie sieht die Partie denn bisher aus?“, fragte er. Seine Gedanken waren so verwirrt, dass ihm die gesamte Situation wie ein schlechtes Rauscherlebnis erschien.

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Leseprobe: Gefährliche Rochade (2)

Lieber Ingo,
ich muss dir nicht erklären, zu wem mein kleines Geschenk gehört. Aber sei versichert, Julia geht es im Übrigen (noch) gut. Ihre Wunde ist medizinisch versorgt und ich tue alles dafür, dass sie sich wohlfühlt, soweit es die Umstände zulassen.
Das wird sich auch so lange nicht ändern, wie du genau das tust, was ich von dir verlange. Versuche gar nicht erst, herauszubekommen, wer ich bin. Es wird dir nicht gelingen. Auch Analysen dieses Briefes und Ähnliches würden nicht zum Ziel führen. Sollte ich auch nur den Hauch eines Verdachts hegen, dass du die Polizei eingeschaltet hast oder sonst etwas geschehen, was ich nicht zulassen kann, werde ich dir deine Julia in kleinen Portionen zusenden.
Wahrscheinlich wird dich jetzt brennend die Frage interessieren, was mein Begehr ist.
Ich möchte mit dir spielen!
Wir beide werden eine Partie Schach spielen. Grundsätzlich unterliegen wir den offiziellen Regeln des Weltschachverbandes. Es gelten nur folgende kleine Besonderheiten:
• Da ich diese Partie ja initiiere, werde ich mit Weiß spielen, sie also eröffnen.
• Es gibt kein Remis; Bei einem Unentschieden ist die Partie für dich verloren.
• Wir spielen alle zwei Wochen freitags ab 21:00 Uhr. Den Schlüssel zu einer Wohnung in der Osttangente, die als Spielort dient, lasse ich dir zukommen. Natürlich werde ich nur virtuell dort sein. Gib dir keine Mühe – über die Wohnung kannst du mich nicht ausfindig machen.
• Die Spielzeit auf jeder Seite beträgt jeweils maximal 45 Minuten. In dieser Zeit müssen beide Spieler drei Züge absolvieren.
Du darfst, wenn du möchtest, eine zweite Person zu den Spieltagen mitbringen. Solltest du dich dafür entscheiden, muss es aber immer dieselbe sein. Ansonsten erwarte ich dich allein. Während der Spielzeit vor Ort sind keine Hilfsmittel erlaubt. Wie du dich zwischen den Terminen auf das Spiel vorbereitest, ist für mich ohne Bedeutung, solange es den Grundsätzen meiner Regeln nicht widerspricht.
Sofern du das Spiel gewinnst, entlasse ich deine Julia in die Freiheit. Dann wirst du nie wieder von mir hören. Für den Fall, dass du verlierst, wird sie leider sterben müssen. Das ist der Einsatz.
Frage dich gar nicht erst, warum mir diese Partie so wichtig ist. Der Versuch, das zu verstehen, würde deine Fähigkeiten weit übersteigen. Es würde ja erfordern, dass du zu ähnlicher geistiger Leistung imstande wärest wie ich. Wie sonst solltest du meine Intentionen nachvollziehen können?
Sieh es also als eine sportliche Herausforderung mit hohem Einsatz an und fühle dich durchaus geehrt, dass ich dich zu dieser Partie einlade. Damit zolle ich dir großen Respekt. Enttäusche mich nicht!

Zunächst verbleibe ich voll der Hochachtung
Gez. White King


Paul war verwirrt und erschüttert. Er las den Brief ein weiteres Mal. Aber er konnte den Inhalt einfach nicht fassen. Im Moment tat er sich sogar schwer, überhaupt zu glauben, was er hier erlebte. Aber wenn das stimmt, dachte er, was hat Ingo eigentlich mit dem Finger gemacht? Nein, das werde ich ihn nicht fragen. Ich will das nicht wirklich wissen.
„Ingo, hast du die Bullen gerufen?“, fragte er, obwohl er die Antwort kannte.
„Bist du verrückt? Du hast den Brief doch gelesen. Weißt du, was dieser Irre mit meiner Julia anstellt, wenn er das herauskriegt? Und er würde es herauskriegen. Der Typ ist zwar eindeutig verrückt, aber sicher nicht dumm. Der ist absolut professionell unterwegs.“
„Woher weißt du das? Du hast doch nicht …“
„Selbstverständlich habe ich. Wir haben schon zweimal gespielt. Heute Abend ist der dritte Termin. Und ab heute möchte ich dich dabei haben.“
In dem Raum herrschte Schweigen. Draußen gab es einen heftigen Regenschauer. Blitze erhellten den inzwischen sehr dunkel gewordenen Abendhimmel. Die Freunde sahen sich an und sahen sich doch nicht. Jeder hing seinen Gedanken nach.
Paul fragte sich, ob es richtig sein konnte, die Polizei nicht einzuschalten. Sein Gefühl sagte ihm, dass das ein Fehler sein musste. Und wie soll es weitergehen? Wir können doch das Leben von Julia nicht von einem Spiel gegen einen Irren abhängig machen. Warum hat Ingo bereits damit begonnen und schaltet mich jetzt erst ein?
Ein lauter Donnerschlag riss die beiden aus ihren Überlegungen.
Als hätte Ingo die Gedanken seines Freundes gelesen, setzte er das Gespräch fort: „Paul, meine erste Idee war natürlich die Polizei. Als ich den Telefonhörer in der Hand hielt, fiel mein Blick wieder auf den abgeschnittenen Finger. Dieses Arschloch hat Julia in der Hand. Warum sollte der nicht merken, wenn ich die Polizei einbinde? Ich würde alles tun, nur dass ich Julias Leben gefährde, kommt nicht infrage. Wenn ich mich opfern müsste, um Julia zu retten, wäre das kein Problem. Nicht eine Sekunde lang würde ich überlegen. Aber nach Pia jetzt auch noch Julia zu verlieren, nein, das wäre unerträglich.“
Ingo machte eine kurze Pause. Sein Blick schien ins Leere gerichtet zu sein. Er dachte gefühlt sehr lange nach, um dann mit fester Stimme und sehr nachdrücklich fortzufahren: „Und überhaupt, was könnte die Polizei schon tun, erst recht, wenn es niemand merken darf? So verrückt das klingt, das ist mir einfach zu gefährlich.“
„Das schnalle ich sogar. Aber Ingo, was würden die Bullen denn in jedem Fall tun? Sie würden doch versuchen, rauszukriegen, wie der Typ ausgerechnet auf dich gekommen ist. Der muss ordentlich was von dir wissen. Zum Beispiel, dass du leidenschaftlicher Schachspieler bist. Dabei wissen das gar nicht viele. Du spielst in keinem Verein oder so. Meistens muss ich doch als Gegner herhalten. Woher kennt der dich? Und wer kann dich so krass hassen, dass er dir so etwas antut? Ist in deinem Job etwas schiefgelaufen? Ein Mandant, der es auf dich abgesehen haben könnte? Hast du irgendeine Braut flachgelegt, von der du mir nicht erzählt hast? Ein gehörnter Ehemann, der dich plattmachen will. Irgendetwas?“
Pauls Redeschwall machte seine Verzweiflung offensichtlich. Die Fragen sprudelten nur so aus ihm heraus. Und seine Augen verrieten absolute Hilflosigkeit. Sicher hätte er gleich mehrere Fragen hinterhergeschoben, wenn Ingo ihn nicht unterbrochen hätte: „Glaub mir, Paul. Darüber zermartere ich mir Tag und Nacht den Kopf. Erfolglos.“
„Du hast bereits angefangen, mit dem Typen zu spielen. Wie ist das denn gelaufen? Und warum sprichst du mich erst jetzt an? Ich bin doch dein Freund.“