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Leseprobe: Fiona – Gefühle (Band 3)

Was zum Teufel tue ich hier überhaupt? Zu Hause warten James und Danny, und ich stehe hier vor einer Bank herum. Ein paar Meter weiter kotzt sich ein Polizist aus.
Die Sonne scheint, ein herrlicher Spätfrühlingstag.
„Was ist mit euch los?“, erkundige ich mich.
„Komm mit rein, dann weißt du es“, erwidert Ben ungewohnt kurz angebunden.
Ich folge ihm in die Bank. Die Fenster sind abgedunkelt, drinnen Scheinwerfer aufgestellt. Spurensicherer und Ärzte sind schon da. Für die Ärzte gibt es nicht so viel zu tun, für die Spurensicherer umso mehr. Und weil sie schon mal da sind, helfen ihnen die Ärzte. Zu helfen gibt es für sie eine Menge.
Überempfindlichkeit gehört nicht zu meinem Wesen, im Gegenteil. In der kurzen Zeit meines bisherigen Wirkens als Kriegerin hatte ich sehr häufig Gelegenheit, ziemlich unappetitliche Dinge zu sehen. Aber der Anblick, der sich mir hier bietet, lässt meinen Magen rotieren. Zwar nur kurz, aber es reicht, dass Ben die Augenbrauen hochzieht.
„Alles in Ordnung, Fiona?“
Ich nicke. „Geht schon wieder. Ich war nur nicht darauf vorbereitet.“
„Niemand von uns war darauf vorbereitet.“
„Ich weiß.“
Die Bank wurde überfallen, das ist eindeutig. Ob auch Geld mitgenommen wurde, ist mir noch nicht bekannt. Aber wie es aussieht, hat niemand von den Kunden und Mitarbeitern überlebt. Sie wurden nicht erschossen, sie wurden auch nicht erstochen, nicht einmal erschlagen. Sie wurden zerfetzt. Einige von ihnen sehen aus, als wären sie teilweise aufgegessen worden. Auf dem Boden liegen Körperteile herum, die Bissspuren aufweisen.
Überall ist Blut.
Auch an der Wand gegenüber den Kassen. Dort hat jemand mit Blut hingeschrieben: Snow White was here.
„Schneewittchen?“ Ich starre Ben fragend an. Er zuckt nur die Schultern.
„Na schön. Hier waren also ein paar Irre am Werk. Und du meinst, das ist ein Fall für mich?“
„Siehst du das anders?“
Ich seufze. „Ben, nicht alle Irren sind übermenschlich. Ich kenne Typen, die sind ziemlich menschlich und würden trotzdem so was veranstalten.“
„Schließt du denn aus, dass es … nichtmenschliche Wesen waren?“
Ich schüttle den Kopf. „Nein. Aber die wenigsten von denen rauben eine Bank aus. Ist Geld mitgenommen worden?“
„Ja, sogar jede Menge. Etwa eine halbe Million.“
„Das wiederum wirkt menschlich.“ Ich schaue mich erneut um. Etwas gefällt mir nicht. Und das ist nicht nur die Mitteilung an der Wand. „Ich weiß nicht, Ben. Irgendwas passt nicht. Aber ich kann dir nicht sagen, was es ist. Vielleicht hast du recht, und das waren tatsächlich keine Menschen.“
„Vielleicht findet die Spurensicherung Hinweise. Ich halte dich auf dem Laufenden.“
„Ja, das ist auf jeden Fall eine gute Idee. Mann, Mann. So was habe ich noch nie gesehen. Das muss doch aufgefallen sein. Die Schreie. Hat niemand die Polizei gerufen?“
„Doch, wir wurden alarmiert von einem Zeugen. Ein Mann, der von draußen alles beobachtet hat.“
„Und?“
Ben zeigt auf etwas in der Nähe der Tür. Es ist wohl mal ein Mann gewesen. Er wurde mit seinem eigenen Dickdarm erwürgt. „Seine Handynummer stimmt überein.“
„Hm. Ich revidiere meine Ansicht immer mehr. Was hat er denn gesagt?“
„Das war nicht ganz eindeutig. Jedenfalls etwas in der Art, dass sie sie auffressen. Klang wohl ziemlich panisch. Und dann brach plötzlich die Verbindung ab. Die Zentrale hat sofort mehrere Wagen hierhingeschickt, aber als sie eintrafen, fanden sie nur noch das vor.“
Ich habe genug gesehen und gehört. Vorne rausgehen mag ich trotzdem nicht, inzwischen ist auch das Fernsehen da. Schon schlimm genug, dass die Reporter gesehen haben, wie ich mit Ben hier hineingegangen bin. Ich nehme den Hinterausgang und atme tief durch. Bestialisch, der Gestank. Meine Hände zittern, als ich mir eine Zigarette anzünde. Allmählich werde ich ruhiger.
Ben kommt nach draußen und bleibt neben mir stehen, die Hände in den Hosentaschen.
„So möchte ich nicht sterben“, sagt er leise.
Ich werfe ihm einen Seitenblick zu. „Ich bin schon schlimmer gestorben.“
„Schlimmer als das?“
Ich nicke. „Ja.“
Wir schweigen eine Weile vor uns hin, bis meine Zigarette aufgeraucht ist. Ich trete sie aus und wende mich dann Ben zu. „Lass es mich wissen, wenn ihr eine Spur gefunden habt.“
„Du hast keine Idee, wer Schneewittchen sein könnte?“
„Mir ist niemand aus der Szene bekannt, der sich so nennt oder der so ein Massaker anrichten würde. Schon mal gar nicht bei einem Banküberfall.“
Ein tiefer Seufzer entfährt Ben. Dann schlägt er unvermittelt gegen die Tür. Ich betrachte seine Hand.
„Geht schon“, meint er. „Aber das musste raus.“
„Klar.“
„Was ist mit dir? Macht dich das nicht wütend?“
„Doch, sicher. Aber vielleicht stumpfe ich ab.“
„Du? Niemals!“
Jetzt muss ich doch lächeln. „Lieb von dir, Ben. Ich fahre mal nach Hause. Hast du keine Lust, eine Mini-Pressekonferenz zu geben?“
Er braucht nur drei Sekunden, um zu verstehen. Dann nickt er grinsend.
Und ich kann unbemerkt in meinen Wagen einsteigen und wegfahren.

Zu Hause ist niemand. Da der Jaguar schon dasteht, sind die beiden wohl laufen. Ich ziehe mich aus und gehe in die Wanne. Das heiße Wasser entspannt meine verkrampften Muskeln. Mit geschlossenen Augen döse ich weg, bis sie nach Hause kommen.
Als ich die Augen öffne, steht James in der Tür, Danny sitzt neben mir. Beide sehen mich irritiert an.
„Hallo, mein Schatz“, sage ich.
„Was ist los?“ Das liebe ich so an ihm. Immer direkt zur Sache kommen, und du kannst einfach kein Geheimnis vor ihm haben. Nicht nach fast drei Jahren Ehe. Er kennt mich in- und auswendig, fast besser als ich mich selbst.
„Schneewittchen.“
„Hm? War das jetzt eine Anrede?“
„Nein“, erwidere ich kopfschüttelnd. „Sie hatte Hunger. Und hat eine Bank mit einem Schnellimbiss und die Menschen mit Hamburgern verwechselt.“
„Ich verstehe kein Wort.“
Ich schließe wieder die Augen. „Ben rief mich an, ob ich nicht zu ihm kommen wolle. Er möchte mir was zeigen. Eine Bank, sie wurde überfallen. Die Menschen darin … auseinandergerissen, zerfetzt, angefressen. Überall Blut. Und mit Blut an die Wand geschrieben: Snow White was here.“
„Shit.“
„Du sagst es, mein Schatz.“
Er kommt zu mir, hockt sich hin und legt eine Hand ins Wasser. Sie berührt ganz leicht meine Brüste. „Eine Ahnung?“
„Eine ganz düstere.“
„Aber nichts Konkretes?“
„Nichts Konkretes. James, ich bin nicht leicht zu schocken, aber das war hart.“
„Wie haben es die anderen verkraftet?“
„Schlecht.“ Er fragt nicht nach, wie schlecht. Ist ihm sowieso klar. Er kennt mich, und er hat genug Fantasie, sich die Szenerie auszumalen.
„Was für dich?“
„Möglicherweise. Auch gewöhnliche Menschen können so was.“
„In einer Bank? Am helllichten Tag?“
Er stellt immer die unbequemen Fragen, die ich mir stellen müsste. Auch dieses Mal.
„Eher selten.“ Ich sehe ihn an. „Aber warum sollten andere Wesen so was tun? Eine Bank ausrauben, eine halbe Million und ein paar Innereien mitgehen lassen?“
„Sag du es mir!“
„Mir fällt kein Grund ein, der mir gefallen würde.“
„Und ein Grund, der dir nicht gefällt?“
„Dämonen. Aber Dämonen rauben keine Bank aus. Sie brauchen kein Geld.“
„Was ist mit Katharina?“
„Was soll mit ihr sein? Sie hat es nicht nötig, Banken auszurauben!“
„Das stimmt. Sie kauft sie höchstens. Aber sie hat eine Affinität zu Geld. Und ist ein Dämon.“
„Sie frisst keine Menschen.“
„Ich habe ja auch nicht gesagt, dass sie es war. Ich wollte dich lediglich darauf hinweisen, dass es Dämonen gibt, die sich mit Geld abgeben.“
„Ja.“ Ich steige aus der Badewanne.
„Oh je, du hast ja wirklich schlechte Laune.“
Seufzend bleibe ich stehen, dann lasse ich mich von ihm trocken rubbeln. Dass ich dabei an einer Stelle nur noch nasser werde, ist ein eindeutig gewollter Nebeneffekt.

Ich gehe in die Hocke. Hinter dem Gestrüpp bin ich unsichtbar, aber selbst sehe ich alles. Es regnet wie aus einer Gießkanne. Meine Sachen sind völlig durchnässt und kleben unangenehm auf der Haut. Am liebsten würde ich mich nackt ausziehen, aber kalte Windböen halten mich davon ab. Ich drücke den Rücken gegen den Baumstamm hinter mir und lege die Arme um die Beine. Ich zittere, es ist plötzlich kalt. Das Wasser dringt durch die Kleidung, alles an mir ist nass.
Wo bin ich?
Um mich herum Gestrüpp. Ein Baum. Grauer Himmel, aus dem es Bindfäden regnet. Geräusche. Ich wende den Kopf nach rechts und versuche durch die Sträucher hindurch zu erkennen, wo sie herkommen. Da ist ein Weg, schlängelt sich durch den Wald. Eine Prozession kommt, eine Beerdigung. Vorne gehen die Sargträger mit dem Sarg. Dutzende von Schwarzgekleideten.
Etwas ist seltsam. Ich krieche unter dem Gestrüpp auf den Weg zu, um besser sehen zu können. Kinder. Es sind Kinder. Alles nur Kinder, gekleidet wie Erwachsene. Selbst die Sargträger sind Kinder.
Es ist gespenstisch. Bis auf den Regen ist nichts zu hören. Die Gesichter der geschätzt 80 Kinder, die dem Sarg folgen, sind regungslos, wie Masken. Nirgendwo ein Regenschirm, eine Kapuze. Die in Anzüge und Kleider gekleideten Kindern sind genauso nass wie ich.
Ich warte, bis die Prozession vorbeigezogen ist, dann krieche ich auf den Weg. Aufgerichtet folge ich den Kindern. Es fühlt sich an, als würde ich durch einen See waten, so dicht ist inzwischen der Regen. Wenn ich den Mund aufmache, ertrinke ich. Am Wegesrand stehen Laternen, deren Licht sich im Wasser zerstreut.
Die Prozession erreicht ihr Ziel, die Kinder stellen sich um ein ausgehobenes Grab herum auf. Die Sargträger lassen den Sarg hinunter in das Loch, während die anderen Kinder einen seltsamen Singsang anstimmen, wie Kinder im Vorschulalter oft singen. Das Bild ist verrückt: Sie geben sich wie Erwachsene und dann dieser Gesang. Ich erschaudere, während ich die Kinder aus einem Versteck heraus beobachte. Der Regen ist mein Versteck.
Nachdem das Grab zugeschaufelt ist, löst sich die Gruppe auf und die Kinder zerstreuen sich in allen Richtungen. Schließlich bin ich allein. Allein mit den Toten. Ich warte noch ein paar Minuten, bevor ich zum Grab laufe. Für mich wäre es zu klein, aber warum sollten ausgerechnet Tote erwachsen sein in dieser Kinderwelt?
Wer bin ich und was tue ich hier??
Die erste Frage bleibt offen, die zweite beantworte ich mir selbst, indem ich damit beginne, das Grab wieder auszuheben. Mit bloßen Händen ist das eine mühselige und dreckige Arbeit, vor allem, da sich die Erde durch den Regen in einen Sumpf verwandelt. Dennoch habe ich irgendwann endlich den Sarg freigelegt. Ich lege mich auf den Bauch und versuche, den Deckel hochzuziehen. Auf dem nassen Holz rutschen meine Finger immer wieder ab, meine Fingerspitzen bluten schon. Doch schließlich schaffe ich es, den Deckel mit beiden Händen so festzuhalten, dass ich ihn anheben und dann von unten packen kann. Ich ziehe ihn heraus und werfe ihn achtlos zur Seite.
Im Sarg liegt ein Kind, doch es ist zu dunkel, als dass ich viel erkennen könnte. Ich suche meine Taschen ab nach etwas, womit ich Licht machen könnte. Aber selbst wenn ich etwas bei mir gehabt hätte, wäre es inzwischen durch den Regen unbrauchbar geworden. Ich lege mich also erneut in den Schlamm und ziehe stöhnend und ächzend den Sarg aus dem Grab. Jetzt kann ich das Kind besser erkennen.
Ein zehnjähriges Mädchen, die Hände ordentlich auf dem Bauch gefaltet, die Augen verschlossen. Sie sind grau. Das weiß ich sehr genau, denn ich starre entgeistert auf mich selbst.

Graue Augen, die ins Nichts starren. Die Augen einer Toten? Ich trete so weit zurück, dass ich meinen Körper im Spiegel sehen kann. Ist das wirklich eine 26-Jährige?
Bin ich das wirklich?
Mir ist kalt. Als ich die Arme um mich lege, fällt mir auf, dass ich mich umarme. Was ist los mit mir? Wie kann ein Traum mich derart verwirren? Was bedeutet er?
Mir ist klar, dass er eine Botschaft ist. Ich habe als Kriegerin oft genug mit Dingen zu tun, die sich in kein rationales Weltbild pressen lassen, mich eingeschlossen. Aber dieser Traum ist etwas sehr Persönliches. Der Anblick meines Kind-Ichs hat etwas sehr Tiefes berührt, und ich kann nicht einordnen, was das für Gefühle sind, die mich fast in einen Zombie verwandeln. Und das Letzte, was ich jetzt sehen will, ist die Visage des Psychoterroristen. Er weiß eh schon viel zu viel über mich. Ich glaube, er weiß mehr als ich.
Ich lasse die Arme sinken, bis sie einigermaßen locker an den Seiten herunterhängen. Schlanke, sehnige Gestalt, flacher, muskulöser Bauch, kleine, runde Brüste. Kurze Haare. Gefährlich sehe ich wirklich nicht aus. Wer mich nicht kennt, hält mich für ein schüchternes, unsicheres Mädchen. Zumindest wer nicht genau hinschaut, denn ich stehe aufrecht.
Viel wichtiger ist jedoch, dass ich sehr deutlich auch das kleine Mädchen im Spiegel sehe.
Ich trete wieder näher an den Spiegel heran und betrachte mein Gesicht. Die unauffällig vollen Lippen, die fast immer angedeutet diesen zynischen Zug haben. Die gerade, schmale Nase. Und die grauen Augen. Sie sind kalt – ja, fast leblos.
„Wer bist du?“, flüstere ich.
In einem Anfall von Trotz beschließe ich, dass mich der Traum kreuzweise kann und verlasse empört das Badezimmer. James ist gerade fertig mit dem Tischdecken, als ich nackt auftauche. Er mustert mich eindringlich. Ich kenne diesen Blick und mag ihn grad nicht. Er scheint es zu merken, denn die obligatorische Frage kommt nicht. Stattdessen reicht er mir stumm meinen Kaffee.
„Schatz.“ Er mustert mich noch eindringlicher. Wenn ich nackt „Schatz“ sage, scheint das was Bedrohliches zu haben. „Schatz?“
„Ja.“
„Was Ja?“
„Was du auch immer fragst.“
„Wie kommst du darauf, dass ich was fragen will?“
„Weil du ‚Schatz‘ gesagt hast. Mit einem Punkt. Kein Fragezeichen, kein gedehntes ‚Schaaaaatz‘, sondern kurz und knackig ‚Schatz‘. Das bedeutet, du willst mir eine Frage stellen, und von der Antwort hängt mein Leben ab. Also habe ich schon mal vorsorglich Ja gesagt.“
Ich starre ihn mit offenem Mund an.
„Wie lautet denn nun die Frage?“
„Äh … habe ich vergessen.“
„Glück gehabt. Möchtest du frühstücken, mein Schatz?“
Ich nicke stumm und setze mich. Er grinst. „Das kommt nicht oft vor, dass man dich sprachlos kriegt.“
„Das stimmt. – Meinst du, ich sollte zum Psychoterroristen?“
„Was willst du da?“
„Na ja, vielleicht kann er mir den Traum erklären.“
„Wieso sollte dir ein Psychotherapeut den Traum erklären können?“
„Er hat das gelernt.“
James verschüttet vor Lachen seinen eigenen Kaffee. „Scheiße!“ Dann blickt er mich fassungslos an. „Das glaubst du aber nicht ernsthaft, oder?“
„Wieso nicht? Er hat wirklich was drauf.“
„Das glaube ich dir ja. Aber ein Trauma zu behandeln ist was ganz anderes, als einen Traum zu erklären.“
„Freud hat auch …“
„Freud! Lass den mal schön aus dem Spiel. Kannst ja deinen Psychoterroristen fragen, was er von dem hält.“
„Nicht viel. – Und wie finde ich jetzt heraus, was mir der Traum sagen will?“
„Hm. Bist du sicher, dass es ein Traum war?“
„Fast. Also, eigentlich ziemlich sicher. Die Stimmung, das Körpergefühl … sehr untypisch für eine Außerkörperlichkeit. Und die Begegnung mit dem Kind … eigentlich nur in einem Traum möglich.“
Mir fällt ein, dass ich frühstücken könnte und nehme ein Brötchen. Als ich hineinbeißen will, nimmt James es mir aus der Hand, schneidet es auf und schmiert Marmelade auf beide Hälften. Dann bekomme ich es zusammengelegt wieder.
„Danke … was symbolisiert ein Kind, das eigentlich mein junges Ich ist und in einem Sarg liegt? Dass ich bald sterben werde?“
„Na, dann brauchst du dir ja keine Sorgen zu machen. Darin hast du nun wirklich viel Übung.“
„Du …!“ Ich atme laut aus. „Ja. Und ich bin erwachsen.“
„Eben. Kannst ja tagsüber darüber nachdenken oder nächste Nacht das Kind fragen. Ich muss jetzt los, habe in einer Viertelstunde eine Besichtigung.“
„Soll ich heute Danny nehmen?“
„Das wäre super.“ Er gießt den Kaffee hinunter und gibt mir einen Kuss. „Bis heute Abend. Und vergiss nicht, dich anzuziehen, bevor du zur Arbeit fährst.“
Manchmal hasse ich ihn. Fast. Wenigstens ein bisschen. Wie kann ein Mensch nur so zynisch sein? Mich ausgenommen!?

Mit 10 war ich ein Einzelkind. Nachdenklich betrachte ich meine Mutter, während ich lustlos im Essen herumstochere. James unterhält sich angeregt mit meinem Vater, aber ich weiß genau, dass er mitkriegt, wie ich drauf bin. Deswegen unterhält er sich so angeregt mit meinem Vater. Aber er schafft es nicht, auch meine Mutter abzulenken. Sie beobachtet mich eine Weile, ehe sie mich anspricht.
„Was ist los, mein Schatz?“
„Nichts.“ Wir alle wissen, dass das gelogen ist.
„Erzählst du mir, welches Nichts dich so beschäftigt?“
„Du bist fast so zynisch wie ich, Mama.“
„Ja, ich habe viel von dir gelernt.“
Ich grinse. „Echt? Die schlimmen Sachen auch?“ Ich atme tief durch. „Ich habe blöd geträumt, das ist alles.“
„Mein Kind, hast du so wenig Vertrauen zu mir?“
Was soll ich dazu sagen? Mütter sind lästig. Meiner Mutter kann ich nichts vormachen, sie kennt mich viel zu gut. Sie spielt oft und erfolgreich die Gattin des reichen Ex-Unternehmers und Entrepreneurs, aber sie kriegt einfach alles mit. Fast alles.
Ich stehe auf und gehe nach draußen. Es regnet leicht, daher bleibe ich unter dem Terrassendach stehen und zünde mir eine Zigarette an. Meine Mutter legt von hinten ihre Arme um mich.
„In letzter Zeit wirkst du oft traurig“, sagt sie plötzlich.
„Traurig?“
„Ja. Nicht immer. Aber ab und zu.“
„Oft oder ab und zu?“
„Mir kommt es oft vor, aber wahrscheinlich ist es gar nicht so oft, wie ich mir einbilde. – Gibt es Probleme mit James?“
„Mit James?“ Ich schüttle den Kopf. Nein, mit James habe ich keine Probleme. Ich liebe ihn. Mein Problem heißt Katharina. Aber das weiß niemand außer ihr. Ich lehne den Kopf zurück, bis unsere Wangen sich berühren. „Mama, ich weiß es nicht. Ich meine, was mich so traurig macht. Mit James ist alles in Ordnung. Ich liebe ihn.“
„Wann werde ich Großmutter?“
„Was?!“ Ich richte mich auf und starre sie entgeistert an.
„Warum erschreckt dich dieser Gedanke so? Du bist eine junge Frau, und du wärst eine wunderbare Mutter.“
„Ich?“ Als Mutter kann ich mich nun wirklich nicht vorstellen. Kind stillen, wickeln, baden … ich??? „Mama, ich glaube nicht, dass ich eine gute Mutter wäre.“
„Doch, das wärst du. Ich habe gesehen, wie du mit Kindern umgehst. Kinder lieben dich.“
„Weil ich auch ein Kind bin!“
„Du bist doch kein Kind mehr!“
Ich ziehe an meiner Zigarette. „In meinem Traum schon. Ich fand mich als Zehnjährige in einem Sarg liegend.“
„Oh. – Jetzt verstehe ich. Aber es war nur ein Traum. Ein böser Traum.“
„Ja, ein böser Traum … wie auch immer. Ich sollte vielleicht erst einmal erwachsen werden, bevor ich ein Kind bekomme.“
„Dann würde die Menschheit aussterben, wenn das Bedingung wäre.“ Meine Mutter kichert. „Es ist gar nicht so gut, ganz erwachsen zu werden.“
„Du überrascht mich, Mama.“
„Wirklich?“
„Nein.“
„Ich habe mich schon fragen wollen, ob du mich wirklich so schlecht kennst.“
Ich zwinge ein Lächeln auf mein Gesicht. „Mama, im Moment kenne ich nicht einmal mich selbst.“ Seufzend nehme ich einen letzten Zug von der Zigarette, bevor ich sie ausdrücke. „Vor allem verstehe ich nicht, dass ein Traum mich so … depressiv macht.“
„Gegen Depressionen gibt es gute Mittel.“
„Wie den Psychoterroristen?“
„Wieso nennst du ihn eigentlich immer so? Das ist abwertend, und das hat er nicht verdient.“
„Weil er wie ein Terrorist in mein Innerstes eingedrungen ist und dort alles durcheinandergebracht hat.“
„Vielleicht hat er auch nur aufgeräumt.“
„Ja, natürlich. – Nein, Mama, das geht schon. Ich bin bestimmt nicht selbstmordgefährdet. Wüsste sowieso nicht, wie ich das anstellen sollte.“
„Zum Glück …“ Sie schweigt erschrocken. „Tut mir leid, verzeih mir. So war es nicht gemeint.“
Ich nehme sie in die Arme. „Ich weiß, Mama. Ist schon gut. Ist lieb gemeint, dass du versuchst, mir zu helfen, aber ich muss mit diesem Ding, das sich mein Leben nennt, selbst fertig werden. Irgendwie. Und ich schaffe das schon. Trotzdem, danke.“
Sie streichelt mir mein Gesicht, dann gehen wir wieder hinein. Die Männer sehen uns erwartungsvoll an, aber sie werden enttäuscht. Von uns erfahren sie nichts. Außerdem hätten wir sowieso keine Gelegenheit etwas zu erzählen, denn mein Handy meldet sich lautstark. Auf dem Display steht der Name von Jack. Mein Herz verkrampft sich.
„Hallo Jack.“
„Fiona … tut mir leid, dich zu stören.“
„Hat Schneewittchen wieder zugeschlagen?“
„Ja, wahrscheinlich.“
„Scheiße. Hast du Ben schon Bescheid gesagt?“
Er zögert. „Das geht nicht“, sagt er schließlich. Dann räuspert er sich. „Sie haben ihn entführt.“
„Wen?“ Ich kapiere mal wieder nichts. „Wer hat wen entführt?“
„So wie es aussieht, hat Schneewittchen Ben entführt.“
„Was!? Jack, wo bist du?“
„In Bens Wohnung. Kannst du herkommen?“
„Ja, natürlich. Bin gleich da.“ Ich lege auf und starre James an.
„Habe ich das richtig verstanden, dass Ben entführt wurde?“, fragt er. Ich nicke. „Verdammt. Heftig. Wesen, die Polizisten persönlich angreifen, sind entweder sehr dumm oder sehr gefährlich.“
„Oder beides. Schatz, ich muss hin.“
„Ich weiß.“
Ich gebe ihm einen Kuss, verabschiede mich von meinen Eltern und laufe rüber zu unserem Haus. Kurzerhand nehme ich den Jaguar, weil ich ihn sowieso wegsetzen müsste. Vor dem Haus, in dem Ben wohnt, sehe ich schon von Weitem den üblichen Auflauf. Allerdings ist die Presse noch nicht da, also hat mich Jack ziemlich schnell, nachdem die Entführung Bens entdeckt wurde, angerufen. Ich parke neben einem Krankenwagen, und als ich aussteige, nimmt mich ein junger Polizist in Empfang.
„Der Chief möchte, dass ich Sie zu ihm bringe“, sagt er ohne jede Begrüßung. „Ich finde das unverantwortlich.“
„Wieso?“, frage ich, unwillkürlich schmunzelnd.
„Es sieht nicht schön aus in der Wohnung des Lieutenants.“
„Wieso?“ Mein Herz verkrampft sich. „Ich denke, er wurde entführt?“
„Er schon. Sein … Freund nicht.“ Mehr scheint der Polizist nicht sagen zu wollen. In der Zwischenzeit haben wir das Haus betreten und gehen zu Fuß in die zweite Etage. Ich habe dabei mehrere Déjà-vus. Bleiche Polizisten, die aussehen, als würden sie gleich kotzen. Dank der Andeutungen des jungen Polizisten ahne ich allerdings, was der Auslöser für die allgemeinen Übelkeitsanfälle sein könnte.
Jack erwartet mich vor der Wohnung. Es ist eine dieser Luxuswohnungen in einem Luxusgebäude in einer Luxusgegend. Wo waren die Luxuswachleute des privaten Schutzdienstes? Und wieso kann sich Ben das eigentlich leisten? Zumindest die letztere Frage kann ich mir selbst beantworten: Weil er zurückgezogen lebt und kaum Geld für irgendwas ausgibt, was nicht unbedingt nötig ist.
Ich nehme Jack kurz in die Arme. Dann deute ich auf die Wohnungstür. „Da drinnen muss es ja schlimm aussehen.“
„Ja. Du warst in der Bank?“
Ich nicke.
„Dann wird es für dich nichts Überraschendes in der Wohnung geben. Wusstest du, dass Ben mit einem Mann zusammengelebt hat?“
„Du?“
„Ja. Aber er machte es nie öffentlich.“
„Nun, ich habe es geahnt. Aber wir haben nie über sein Privatleben gesprochen.“
Jack mustert mich mit einem undefinierbaren Ausdruck. Schließlich öffnet er die Tür und geht vor. Bestialischer Gestank schlägt mir entgegen. Die Quelle liegt auf dem Boden zwischen Badezimmer und Küche. Es war mal ein Mann, das kann ich erkennen.
Ich schlucke. „Komisch, dass Menschen kein Problem haben, ein Huhn aus dem Supermarkt anzupacken, aber bei diesem Anblick loskotzen.“
„Du findest das komisch?“
„Nicht wirklich.“ Während ich an den Resten des Mannes, und es sind wirklich nur Reste, vorbeigehe, denke ich daran, dass es eben einen Unterschied macht, ob man ein Huhn als Huhn erkennen kann oder nicht. Nicht ohne Grund werden die Hühner meistens in Einzelteilen und mariniert oder paniert angeboten, um bloß keine Assoziationen zu wecken. Niemand wäre von einem Menschenschnitzel schockiert, wenn er den ursprünglichen Menschen nicht mehr erkennen könnte und auch nicht wüsste, dass es Menschenfleisch ist, was da grad in der Pfanne bruzzelt.
Der Freund von Ben ist als Mensch erkennbar, auch wenn sein Kopf entkernt wurde.
„Was ist passiert?“, erkundige ich mich. Ich stehe nun mit Jack im Wohnzimmer. Es sieht wild aus. Und als ich erkenne, dass eins der Beweisstücke, das neben dem Sessel liegt, ein Teil von einem Fuß ist, halte ich kurz den Atem an, sonst würde selbst mir schlecht werden.
„Soweit wir rausgefunden haben, sind sie durch das Fenster gekommen. Es gab wohl einen kurzen Kampf. Dann haben sie den Freund – er hieß George Wilson – ausgeweidet, vermutlich, als er noch lebte. Und sind wieder durch das Fenster gegangen.“
„Durch das Fenster? Wir sind im zweiten Stock.“
„Das scheint sie nicht gestört zu haben“, erwidert Jack trocken.
Ich trete zum Fenster, bleibe aber in einiger Entfernung stehen, um die Spurensicherung nicht zu stören. Die Scheiben liegen vor dem Fenster, in Tausenden von Scherben. Sie sind nicht durch das Fenster gekommen, sie sind durch das Fenster gesprungen. Bloß wer?
„Gibt es Zeugen? Irgendwelche Hinweise, mit wem oder was wir es zu tun haben?“
Jack schüttelt den Kopf. „Das Ganze hat vielleicht zehn Minuten gedauert, wenn überhaupt. Mehrere Bewohner haben was gehört, es hat ja auch ordentlich gerumst. Bei uns gingen zwei Notrufe ein. Als wir eintrafen, war es schon vorbei. Als unsere Leute die Tür aufbrachen, hat George noch gezuckt.“
„Wie bitte? Er hat doch kein Gehirn mehr!“
Jack zuckt die Achseln. „Anscheinend hatten sie es ihm erst kurz zuvor entfernt. Sein Körper bewegte sich jedenfalls noch.“
Ich erschaudere. Erinnerungen kommen plötzlich hoch. Erinnerungen, die ich gut verschlossen wähnte. Dann merke ich nur noch, dass Jack mich auffängt.
„Fiona? Fiona, was ist los?“
Ich klammere mich an Jack fest und warte darauf, dass die Welt um mich herum sich beruhigt. Das Ganze dauert sicher nicht länger als ein paar Sekunden, aber das reicht, um Jack einen panischen Ausdruck auf sein Gesicht zu zaubern.
„Fiona??“
Ich atme ein paarmal tief durch und richte mich langsam auf. „Sorry … ich … ich habe mich an etwas Unangenehmes erinnert.“
Jack mustert mich, dann nimmt er meinen Arm und zieht mich fort, fort von den neugierigen Blicken seiner Leute, in das Bad, und er schließt die Tür.
„Fiona, das ist das erste Mal, dass ich eine solche Reaktion bei dir erlebe“, sagt er dann langsam.
„Puuh …“ Ich setze mich auf den Wannenrand und fische meine Zigaretten hervor. „Du auch?“ Und als er den Kopf schüttelt, zünde ich mir eine an. „Das Bild vom zuckenden Kerl … ließ die Frage in mir hochkommen, ob und wie er sich dabei fühlte … und das wiederum in mir mit Urgewalt die Erinnerung daran erwachen, wie sich so was anfühlt.“
„Was anfühlt?“
„Seinen Körper in Stücken zu verlieren.“ Ich ziehe an der Zigarette und bin wieder halbwegs bei mir. „Du weißt doch, wer ich bin.“
„Ja. Aber wir haben uns noch nie über Details unterhalten. Ich wusste zum Beispiel nicht, dass du auch schon …“
„Ausgeweidet wurde? Nun, es lief etwas anders. Aber am Ende konnte ich die einzelnen Teile meines Körpers auf dem Boden zerstreut rumliegen sehen, bevor ich endlich das Bewusstsein verlor. – Wie auch immer. Ich habe nicht mit diesem Flashback gerechnet.“
„Vielleicht sollte jemand anderes den Fall übernehmen? Schon allein, weil du persönlich befangen bist.“
„Willst du bei Gott anrufen? – Nein, so läuft das nicht, Jack. Du wirst mit mir vorliebnehmen müssen. Wir sind keine Behörde, bei uns gibt es keinen Notruf, keinen Dienstplan, keine Zuständigkeiten. Ich bin Fiona und zufällig in dieser Wohnung, zufällig in diesem Bad und sitze nur zufällig auf dieser Wanne und rauche zufällig diese scheißverdammte Zigarette!“
„Schon gut, ich habe verstanden.“
„Tut mir leid.“ Ich drücke die Zigarette aus und erhebe mich. „Ich will mir die Spuren draußen ansehen.“
Allerdings nicht die in der Wohnung. Um die kümmern sich schon die Fachleute, die das besser können als ich. Ich gehe vorsichtig nahe an das Fenster heran, während unter meinen Sohlen Glas knirscht. Unter dem Fenster ein größerer Gemüsegarten. Pech für die Hobbygärtner, aber gut für mich, denn zwischen den Tomaten und der Paprika ist sehr gut zu erkennen, wo die Angreifer herkamen.
„Sie scheinen von da unten hier hochgesprungen zu sein“, bemerke ich. „Hm.“
„Hochklettern kommt nicht infrage?“
„Dann hätten sie die Scheibe eingeschlagen, und dann lägen die Scherben ganz anders.“
„Das stimmt“, gibt Jack zu. „Aber wer springt mal eben in ein Wohnung im zweiten Stock durch ein geschlossenes Fenster?“
„Sehr gute Frage.“ Ich schaue mich draußen um. Niemand zu sehen. Bevor Jack reagieren kann, springe ich durch das Fenster und lande im Gemüsebeet. Da ich mich dabei darum bemühe, nicht die Spuren der Entführer zu zerstören, müssen weitere Tomaten dran glauben. Das ist blöd, denn der sich verteilende Saft erschwert etwas die Spurenlese. Während ich mich über die Spuren der Entführer beuge, denke ich flüchtig darüber nach, ob Tomatensaft gut aus Baumwolle rausgeht. Wir werden sehen.
Ich konzentriere mich auf das Riechen. Meinem Anderssein verdanke ich unter anderem wesentlich höher auflösende Sinneswahrnehmungen als normale Menschen. Was normal auch immer sein mag. Neben dem brutal intensiven Geruch der zerstörten Tomaten rieche ich als erstes Angst. Todesangst. Ich rieche Bens Angst.
Und dann ist da ein vertrauter Geruch, nur viel, viel intensiver. Der Geruch von Dämonen. Er ist sehr spezifisch, für geübte Nasen wie meine gut erkennbar. Auch Katharina hat diesen Geruch, allerdings nur dezent. Hier jedoch, in diesem Gemüsegarten, waren Vollblutdämonen unterwegs. Damit ist jeder Zweifel ausgeräumt – es waren keine Menschen. Wie konnte ich das auch nur annehmen? Dieser Geruch hätte mir auffallen müssen in der Bank, wäre er auch ohne den allgegenwärtigen Gestank toter Seelen. Fiona! Ich korrigiere, nicht die Seelen stanken, sondern ihr brutaler Tod.
In der Zwischenzeit sind Jack und zwei Polizisten auch da. Jack sieht mich vorwurfsvoll an, spart sich aber jede Bemerkung bezüglich meiner Stunteinlage.
„Hast du was rausgefunden?“
Ich mustere kurz die beiden Polizisten und deren mitleidigen Gesichtsausdruck, dann wende ich mich Jack zu. „Ja.“ Statt einer weiteren Erklärung folge ich der gut sichtbaren und noch besser riechbaren Spur. Ziemlich eindeutig verließen die Entführer das Grundstück auf demselben Wege, auf dem sie gekommen waren. Der riesengroße Gemeinschaftsgarten des Mietshauses grenzt an einen öffentlichen Erholungspark, durch einen mindestens zwei Meter hohen Maschendrahtzahn davon abgetrennt.
„Auf der anderen Seite geht es weiter“, stellt Jack lakonisch fest.
Ich betrachte den Park. Etwas weiter südlich fließt die Labe, spätestens darin würde ich die Spur verlieren. Außerdem sind in dem Park zu viele Leute unterwegs.
„Manchmal liebe ich deinen Humor, Jack. Hast du hier noch was zu tun?“
„Alle wären froh, wenn ich sie hier nicht bei der Arbeit stören würde. Kann ich dir von unserem hervorragenden Kaffee in der Zentrale anbieten?“
„Sandras Kaffee? Jederzeit.“
Wir fahren in die Polizeizentrale, getrennt. Im Vorzimmer des Polizeichefs werde ich überschwänglich von Sandra begrüßt. Erstaunt stelle ich fest, dass ich Jack überholt habe. Ich lümmle mich in den Chefsessel und lege die Beine auf die Lehne. Dabei fallen mir die roten Tomatensaftflecken auf. Sie sehen wie Blutflecken aus.
Jack und Sandra kommen gleichzeitig, sie mit dem Kaffee. Nachdem sie wieder draußen ist, halte ich fragend meine Zigarettenschachtel hoch. Jack nickt. Ich zünde mir eine Zigarette an und betrachte ihn neugierig.
„Ich habe ein paar Leute angesetzt, Bens letzte Fälle anzuschauen. Oder findest du es nicht seltsam, dass er entführt wurde?“
„Ich finde im Moment alles seltsam“, erwidere ich melancholisch.
„Fiona? Alles in Ordnung?“
„Bestimmt“, versichere ich und nehme einen tiefen Zug. „Jack, ich habe noch nie davon gehört, dass Vollblutdämonen sich mitten am Tag einen Menschen holen. Auf diese Weise nicht einmal nachts. Und noch ungewöhnlicher ist dieser Banküberfall.“
„Er ist jedenfalls Thema Nummer eins in den Medien. Aber nicht mehr lange. Schwuler Polizist wird entführt, sein Freund ausgeweidet, und das mitten am helllichten Tag in einer bewachten Luxuswohnanlage.“
„Klingt nach einem Schundroman.“
„Leider.“
Ich grinse leicht. „Es müssten vier oder fünf Dämonen sein, ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass sie völlig unbemerkt durch die Gegend laufen.“
„Ich auch nicht, deswegen lasse ich jeden Polizisten der Stadt alles auseinandernehmen, was irgendwie auffällig ist.“
„Du warst ja richtig fleißig.“
Jack seufzt, dann setzt er sich an seinen Schreibtisch. Nachdenklich mustert er mich. „Du hast dich verändert.“
„Ich esse keine Menschen.“
Er lacht. „Das wollte ich damit auch nicht behaupten. Ich schätze, du wirst mir den Grund nicht erzählen.“
„Warum ich keine Menschen esse? Oh, das ist einfach. Sie schmecken mir nicht.“
„Ich sollte dir die Zigaretten wegnehmen, sie tun dir offensichtlich nicht gut.“
„Versuchs doch!“ Ich grinse. „Du und James, ihr seid euch sehr ähnlich.“
„Und das heißt konkret?“
„Ihr bringt mich beide gezielt zum Lachen, wenn ich scheiße drauf bin.“
„Ach, das meinst du.“
„Und ihr werdet alt.“ Zack. Das konnte ich mir nicht verkneifen. Für einen Moment bin ich unsicher, ob ich nicht zu weit gegangen bin. Mit James kann ich das machen, das weiß ich. Aber Jack kenne ich nicht so gut. Doch dann entspannen sich seine Gesichtszüge und er stellt fest: „Du bist respektlos. Aber auf eine charmante Weise.“
„Autsch.“
„Ich wünschte, ich hätte eine Tochter wie dich.“ Und zack. Er ist ein guter Sparringspartner.
„Jetzt sind wir wohl quitt und können ernsthaft arbeiten“, erwidere ich. Er grinst.
Mein Handy macht Höllenkrach. Wer zum Teufel hat „Race with the Devil“ als Klingelton eingestellt?
„Was ist das?“, fragt Jack entgeistert.
„Mein Motto: Race with the Devil.“ Ich muss grinsen, während ich den Anruf annehme. „Hallo, mein Schatz.“
„Hi. Störe ich?“
„Du? Niemals!“
„Ich werde dich gegebenenfalls daran erinnern. Wo bist du?“
„Bei Jack im Büro.“
„Grüß ihn von mir. Gehe ich recht in der Annahme, dass du nicht in der nächsten halben Stunde nach Hause kommst?“
„Ich könnte auf die Idee kommen, Einsteins Relativitätstheorie zu widerlegen, dann doch.“
„Schatz, hübsche Blondinen haben keine Ahnung von Physik, also zerstöre bitte nicht mein Weltbild.“
„Du bist ansatzweise zynisch.“
„Zum Glück nur ansatzweise. – Und, wie sieht es aus?“
„Beschissen. Sie sprangen mal eben im zweiten Stock durch das Fenster, fraßen Bens Spielkameraden halb auf und sprangen wieder aus dem Fenster. Dabei nahmen sie Ben mit. Ob als Proviant oder aus weniger niederen Gründen, lässt sich derzeit nicht sagen.“
„Nenn du mich noch einmal zynisch.“
„Wusstest du eigentlich, dass er schwul ist?“
„Gewusst nicht, aber ich hatte so eine Vermutung. Nur ist das nichts, was man einfach mal so fragt.“
„Ja, das ist wahr. Manchmal erschreckt mich meine eigene Naivität. – Bist du eigentlich noch bei meinen Eltern?“
„Wir sind.“
„Klasse. Frag bitte meine Mutter, wie man Tomatensaftflecken aus Jeans entfernt.“
„Wie bitte?“
„Tomatensaftflecken. Jeans. Entfernen.“ Ich sehe Jack strafend an, der sich vor Lachen verschluckt.
„Warum fragst du sie nicht selbst?“, fragt James säuerlich und reicht mich weiter.
„Mama?“
„Mein Kind, James hat erzählt, was passiert ist. Ich habe davon ja auch im Fernsehen was gesehen, das ist ja schrecklich.“
„Im Fernsehen wurde berichtet, dass ich Tomatensaftflecken auf der Hose habe?“
„Was?“
Ich zünde mir mit einer Hand eine neue Zigarette an, und Jack sieht sich ungerührt an, wie ich mich abmühe. „Wie kriege ich Tomatensaftflecken aus Jeans?“
„Ich verstehe nicht …“
Ich schließe die Augen und zähle langsam rückwärts. „Was ist mit euch los? Ich will einfach nur wissen, wie ich Tomatensaftflecken aus Jeans rauskriege. Das kann doch nicht so schwer zu verstehen sein.“
Jack liegt halb auf dem Boden.
„Mit Kernseife. Einweichen, dann normal waschen.“
„Na, endlich eine vernünftige Antwort.“
„Aber … ich dachte, du bist bei der Polizei wegen … wegen dieser schrecklichen Sache.“ Arme Mama.
„Bin ich auch. Ich habe ein Tomatenbeet gekillt, und die Tomaten haben sich fieserweise an meiner Hose gerächt.“
„Tut mir leid, mein Kind, du hast grad eine Laune, die kann ich einfach nicht ertragen. Ciao.“ Und schon habe ich wieder James dran. Ich kann hören, dass er das Lachen nur mit Mühe unterdrückt. „Du machst deine Mutter unglücklich.“
„Tut mir leid.“ Glatt gelogen, und alle, die mich kennen, wissen das auch. „Also, wenn du nachher nach Hause gehst, schau bitte nach, ob wir Kernseife haben, sonst bringe ich welche mit.“
„Ja, Chefin.“
„Arschloch.“ Ich lege wütend auf. Und rufe ihn wieder an. „Tut mir leid. Diesmal wirklich.“
Jetzt zählt er rückwärts. Dann fragt er ruhig: „Was ist passiert?“
„Ich habe Tomaten gekillt. – Ich … ich hatte einen Blackout in der Wohnung von Ben. Scheiße … davon war keine Rede, dass mein Körper zwar heilt, aber meine Seele nicht.“
„Vielleicht ist das die Aufgabe. Zu wachsen.“
„Was?“
„Ist das nicht so? Ist das nicht etwas, woran deine Seele wachsen kann?“
„Hm.“ Ich betrachte Jack, der jetzt sehr ernst an seinem Schreibtisch sitzt. „Ja, vielleicht. Jedenfalls wurde dadurch meine vorher schon nicht rosige Laune nicht besser.“
„Verständlich. Und was habt ihr jetzt vor?“
„Wir versuchen, in Bens Fällen einen Hinweis zu finden, wieso ausgerechnet er entführt wurde. Und wieso er überhaupt entführt wurde.“
„Viel Erfolg. Ich glaube nicht, dass ihr da was finden werdet.“
„Ich auch nicht“, erwidere ich müde. „Aber ich habe im Moment keine bessere Idee.“
„Hast du Katharina schon gefragt?“
Ich erstarre für den Bruchteil eines Moments. So kurz nur, dass es nicht einmal für eine Teilchenkollision reichen würde. Danach höre ich mich antworten: „Nein. Ich glaube nicht, dass sie da helfen kann.“
„O. K. Wahrscheinlich hast du recht damit. – Na gut, ich halte euch nicht länger auf. Schatz …“
„Ja?“
„Versprich mir, dass du dich meldest, wenn es dir wieder so dreckig geht. Ich spüre deinen Schmerz.“
Oh Mist. Ich schließe die Augen und halte den Atem an. Dann nicke ich. Doofkopf, er kann dich doch nicht sehen. „Ja, das werde ich. Ich liebe dich.“ Und lege schnell auf. Oh Mann, was für ein Tag.
Jack mustert mich, ich mustere ihn. Dann zünde ich meine nächste Zigarette an. Heute werde ich bestimmt meinen eigenen Rekord brechen. Vielleicht sollte ich mit dem Rauchen aufhören. Andererseits – es entspannt, und ich werde ganz sicher nicht an den Folgen sterben. Zumindest nicht auf Dauer.
„Fiona … ich habe ein Problem mit der Vorstellung, dass sich Dämonen einfach so in dieser Stadt verstecken können. Sie müssen doch auffallen.“
Wenn er wüsste. „Jack, hast du eine Ahnung, wie viele Dämonen oder ähnliche nicht ganz menschliche Wesen in Skyline leben?“
„Nein. Bislang ist mir keine Statistik dazu untergekommen. Wie viele sind es denn?“
„Was schätzt du?“
„Ich wollte nicht schätzen, aber wenn du schon so fragst, sind es vermutlich mehr, als ich zuerst geschätzt hätte. 1000?“
„Ich rede von Skyline, nicht von einem kleinen Dorf. Genaue Zahlen habe ich natürlich auch nicht, aber etwa eine halbe Million dürfte realistisch sein.“
Die Zahl lässt seine Gesichtszüge entgleisen. „Eine. Halbe. Million?“
„Plusminus, ja. Viele von denen leben in den Katakomben, die ja größer sind als die Stadt. Aber selbst überirdisch dürften es an die 200.000 sein. Die Wenigsten von ihnen fallen auf, viele sind Mischlinge, entstanden aus Affären oder längeren Beziehungen zwischen Menschen und … äh … eben Nichtmenschen.“
„Kennst du … Nichtmenschen?“
Ich nicke.
„Und das meinst du ernst, dass sich Menschen mit Nichtmenschen paaren?“
„Das kommt durchaus oft vor. Jack, vergiss alles, was du aus blöden Filmen über Dämonen, Vampire und sonstige Gruselgestalten weißt. Manche, wie wir ja auch heute wieder gesehen haben, können sehr unangenehm werden, aber das ist keine typisch nichtmenschliche Eigenschaft.“
„Eher im Gegenteil.“
„Du sagst es. – Verdammt, wer raucht immer meine Zigaretten auf?“ Ich werde es nie erfahren, denn Sandra steckt ihren Kopf durch die Tür. „Chef, da ist eine Polizistin, sie meint, sie hat vielleicht eine wichtige Information zu Ben.“
„Dann soll sie reinkommen.“
Sie ist noch jung, etwa in meinem Alter, und sehr unsicher. Sie tritt von einem Bein auf das andere, während ich sie mustere. Jack bietet ihr einen Stuhl an. Sie setzt sich vorsichtig.
„Wie ist Ihr Name?“, erkundigt sich Jack.
„Marlen.“
„O. K., Marlen. Sie wissen etwas, was Ben helfen könnte?“
„Nun … ich bin mir nicht ganz sicher … aber ich dachte, falls es doch wichtig ist und ich erzähle es nicht …“
„Das ist ein guter Gedanke. Erzählen Sie es uns?“
Marlen wirft mir einen scheuen Blick zu, als ich mir die nächste Zigarette anzünde. Mir ist bewusst, dass über mich wahre Legenden erzählt werden, und auch wenn ich kein Unschuldslamm bin, ist das Meiste wahrscheinlich maßlos übertrieben. Und nun sitzt diese Legende beim Chief, raucht in aller Seelenruhe eine Zigarette und sieht auch noch völlig harmlos aus. Mit Tomatensaftflecken auf den Jeans.
„Also, das war so … heute Morgen kam jemand. Eine Frau, in Begleitung eines Mannes. Dieser Mann, er fiel mir auf, weil er so unsicher ging. Nicht wie ein Betrunkener oder so, eher wie ein kleines Kind, das noch nicht gelernt hat, sicher zu gehen. Und er trug einen langen Mantel.“
„Bei dem Wetter?“, frage ich.
„Ja, das fand ich auch seltsam. Die Frau war normal gekleidet. Na ja, vielleicht ein bisschen zu … freizügig. Aus der Nähe konnte ich schon ziemlich tief in ihr Dekolleté schauen. Und sie tat alles dafür, dass ich da hinschaue.“
„War sie lesbisch?“
„Das … das glaube ich nicht. Es wirkte sehr aufgesetzt.“
„O. K. Und was geschah dann?“
„Sie wollte wissen, wo sie einen David findet.“
„David wer?“
„Das hat sie nicht gesagt, Sir. Sie hatte nur den Vornamen und fand es sehr seltsam, dass wir ihr nicht sagen konnten – und auch nicht sagen wollten – wo sie ihn finden könnte.“
„Wirklich seltsam. Aber wieso glauben Sie, dass das was mit der Entführung zu tun hat?“
„Nun, Sir, als sie gemerkt hat, dass sie nichts erreicht, obwohl ihr schon fast eine Brust aus dem Kleid gerutscht ist – und meine Kollegen sich plötzlich ziemlich kindisch benahmen –, da hat sie ihre Taktik geändert und fragte, ob sie jemanden sprechen könnte, der hier was zu sagen hat. Ich wollte ihr grad erklären, dass sie erst einmal mir erzählen müsste, um was es überhaupt geht, da verließ Mr Norris das Haus, um heimzugehen. Sie fragte dann, wer das sei und ging dann. Das war sehr seltsam, wie sie es plötzlich eilig hatte, aber ich konnte ja nicht wissen, was passieren würde.“ Sie bricht in Tränen aus und Jack hat Mühe, sie zu beruhigen. Schließlich reiche ich ihr eine Zigarette und gebe ihr Feuer. Das hilft. Das hilft immer. Sie wischt sich die Tränen ab und schnieft.
Nachdem sie weg ist, sieht Jack mich an. „Schneewittchen“, nicke ich. „Endlich eine Spur. Wir brauchen dringend das Phantombild.“
„Sie lässt es ja jetzt anfertigen. Was hältst du von ihrem Begleiter?“
Ich zucke die Achseln. „Ein Dämon. Spannend finde ich die Frau. Einerseits kannte sie sich mit unseren Gepflogenheiten aus, aber so richtig auch wieder nicht.“
„Das ist wahr. Glaubt, dass wir ihr helfen können und wollen, einen David zu finden. Welchen von den zigtausend?“
„Das bedeutet, sie lebt nicht in der Zivilisation. Damit wird ihre Vorgehensweise zumindest teilweise verständlich. Und es macht sie und ihren Begleiter gefährlich. Genauer gesagt, ihre Begleiter. Im Garten waren definitiv die Spuren von mehr als zwei Dämonen.“
„Wie viele?“
„Vielleicht 4. Oder mehr. Genau konnte ich das nicht erkennen, dazu waren die Spuren zu durcheinander.“
Jack lässt sich seufzend in einem der Sessel nieder. „Jetzt nehme ich auch eine Zigarette.“
Wir sitzen schweigend da und rauchen.

Falls Nasnat vor meiner Ankunft schlechte Laune hatte, wird sie durch meinen Anblick auch nicht besser. Da ich das allerdings schon gewohnt bin, lasse ich mich dadurch nicht verunsichern. Trotzdem wäre es sicherlich interessant zu erleben, wie Nasnat sich verhält, wenn er gute Laune hat. Falls er dazu überhaupt fähig ist. So allmählich habe ich da meine Zweifel.
„Was willst du?“, bellt er, nachdem ich mich an ihm vorbeigedrängelt habe.
„Zu dir.“
„Du bist bei mir. Kannst also wieder gehen.“
„Und mit dir reden!“
„Das kostet aber extra.“
„Das gehörte mal zum Basistarif.“
„Du bist eine harte Verhandlungspartnerin. Na schön. Willst du einen Tee?“
„Klar.“
Wir setzen uns in die Küche. An die unsichtbare Bedienung habe ich mich schnell gewöhnt, jetzt fällt sie gar nicht mehr auf. Ich denke auch daran, mich nicht zu bedanken. Nasnat hatte mir mal erklärt, dass ich genauso gut zu der Wand „Danke“ sagen könnte.
„Fang an zu reden.“
Ich mustere den kleinen Nasnat. Wenigstens sind wir auf Augenhöhe. „Du warst auch schon mal freundlicher. Nicht viel freundlicher, aber so eine kleine Nuance, da bin ich mir ganz sicher.“
„Ich bin kein Psychoonkel.“
„Das ist wohl wahr.“ Zum Glück habe ich nichts im Mund und kann mich auch nicht verschlucken. „O. K., dann komme ich direkt zur Sache.“
„Ich bitte darum.“
„Kennst du Schneewittchen?“
„Natürlich. Ich habe sie immer besucht, wenn die Zwerge in dem Berg waren.“
„Oh. Warum hast du sie denn besucht?“
Nasnat betrachtet mich mitleidig. „Meine Verehrteste, dein Mann tut mir leid. Läuft er schon über?“
Ich schlage mir auf die Stirn. „Jetzt verstehe ich! Du hast einen Witz gemacht! – Entschuldige, es ist mir völlig entgangen.“
„Wie gesagt, dein Mann tut mir leid. Was ist mit Schneewittchen? Schon wieder schwanger?“
Ich umfasse die Teetasse mit beiden Händen, beuge mich über den Tisch und starre Nasnat in die Augen. „Sie und ihre Zwerge haben erst eine Bank überfallen, alle Menschen dort zerfetzt und teilweise aufgefressen. Dann haben sie heute meinen Freund Lieutenant Ben Norris zu Hause überfallen, entführt und vorher seinen Freund ausgeweidet und teilweise aufgegessen.“
„Hm. So psychopathisch habe ich sie nie erlebt, da kann ich jetzt nichts dazu sagen. – Von der Bank habe ich gehört, das mit dem Polizisten ist neu für mich. Bist du sicher, dass es nicht bloß besonders durchgeknallte, menschliche Idioten sind?“
„Bin ich. Ich konnte sie riechen.“
Nasnat nickt langsam. „Das ist schade. Durchgeknallte menschliche Idioten, die so was machen, sind mir deutlich lieber als durchgeknallte Dämonen.“
„Mir auch, Nasnat. Ich habe gehofft, du kannst mir helfen.“
„Das würde ich gerne. Ich fürchte nur, dass ich in diesem Fall weniger weiß als du.“
„Das geht gar nicht.“
„Dann wissen wir beide nichts.“
„Schade.“
Nasnat nippt an seinem Tee und beobachtet mich aus den Augenwinkeln. „Er ist ein guter Freund?“
„Ja. Er war dabei, als das mit … mit meinem Onkel geschah. Gefühlt der einzige Polizist, der auf meiner Seite stand.“
„Ich verstehe. Es tut mir leid. Vielleicht bringt es was, intensiv darüber nachzudenken, wo sich solche Dämonen verstecken könnten. Denn eins ist offensichtlich: Sie halten sich noch nicht lange in der Zivilisation auf.“
„Den Verdacht habe ich auch. Aber kannst du das ein wenig konkretisieren?“
Er zuckt die Achseln. „Sie werden sich ja wohl kaum ein Appartement gemietet haben.“
„Bleiben bloß eine Million Möglichkeiten“, erwidere ich. „Aber du hast recht, mit ihren Essgewohnheiten würden sie auffallen. Und wahrscheinlich auch mit ihren sonstigen Gewohnheiten. Jedenfalls, der Tee war mal wieder sehr gut.“
„Daran wird sich auch niemals etwas ändern. Eher geht die Welt unter.“
Er begleitet mich zur Tür hinaus. Wir verabschieden uns nicht, das tun wir nie. Denn dann müsste er ja zugeben, dass er sich über den Besuch gefreut hat.
Draußen stelle ich erstaunt fest, dass es schon dunkel geworden ist. Mein Wagen, vielmehr der von James, steht unversehrt dort, wo ich ihn abgestellt habe. In dieser Gegend eigentlich gar nicht so selbstverständlich, allerdings scheint es, als würden das Haus und die nähere Umgebung von Leuten, die der Idee des Eigentums ablehnend gegenüberstehen, gemieden. Für den Rest der Gegend gilt das vermutlich eher nicht.
Nach einem Blick auf die Tür zum geheimnisvollen Haus von Nasnat drehe ich mich um und will zu meinem Auto gehen. In der Drehbewegung nehme ich etwas wahr, was den inneren Roten Alarm auslöst, bevor ich bewusst wahrgenommen habe, dass etwas Großes und Dunkles auf mich zukommt. Zukommt? Zurast! Und zwar so schnell, dass ich trotz meiner übermenschlichen Reflexe keine Chance habe, den Angriff abzuwehren. Etwas Handartiges umschließt meinen Hals, eine andere Hand packt meine kurzen Haare, zusammen heben sie mich hoch und drücken mich gegen die Hauswand. In meinem Blickfeld erscheint das Gesicht meiner Albträume.
Leuchtend blaue Augen mustern mich neugierig, Zähne, die selbst einem weißen Hai zur Ehre gereichen würden, blitzen hinter den sich öffnenden Lippen auf, als das Etwas zu mir spricht: „Du wirst Nasnat rausrufen.“
„Warum klopfst du nicht bei ihm an, wie es sich gehört?“, erkundige ich mich.
Er schlägt meinen Kopf mit einer lässigen Bewegung gegen die äußerst harte Hauswand. „Dein Humor ist berüchtigt. Man sagt, dass man dir die Augen rausreißen kann und du machst noch Witze über innere Welten.“
„Anscheinend habe ich mir einen guten Ruf erarbeitet …“ Das zweite Mal, als mein Kopf gegen die Hauswand klopft, tut es schon richtig weh. Wahrscheinlich habe ich eine Platzwunde. Die Situation wird ungemütlich.
„Was hältst du davon, wenn du mich loslässt, bevor wir uns weiter unterhalten?“
„Nichts. Du bist eine Kriegerin. Mit Kriegern mache ich für gewöhnlich kurzen Prozess. Dass du noch am Leben bist, hat einzig damit zu tun, dass ich dich brauche.“
„Um bei Nasnat reinzukommen, ja, das habe ich verstanden.“
„Du bist ja intelligent“, grinst das dunkle Wesen. Dunkel, weil es vollständig in Schwarz gekleidet ist wie ein Nachtmahr. „Du hast also die Wahl …“
Mir gefällt diese Fortsetzung nicht. Ich packe seine Pranken, um mir mehr Bewegungsfreiheit zu verschaffen. Er merkt, dass wir kräftemäßig ausgeglichen sind, denn plötzlich schleudert er mich herum und lässt mich los, sodass ich gegen ein Auto fliege und dessen Dach halb eindrücke, bevor ich ziemlich unsanft auf der Straße lande. Die Begegnung mit der Dachkante, die meinen Unterleib etwas in Mitleidenschaft zieht, raubt mir vorübergehend den Atem, sodass ich noch auf der Straße liege, als mein neuer Feind in meinem Blickfeld auftaucht.
„Wie stehst du jetzt zu meinem Vorschlag?“, erkundigt er sich.
Statt einer Antwort rolle ich mich von ihm weg, in der Hoffnung, schnell genug aufstehen zu können, aber das ist in meinem Zustand illusorisch. Die Pranken haben mich wieder, heben mich hoch und ich trete meinen nächsten Flug an. Er endet in Glasscherben, und ich finde mich zwischen Büchern wieder. Mir fehlt allerdings die Zeit herauszufinden, in welchem Genre ich gelandet bin. Einerseits merke ich, dass ich diverse Glassplitter in mir habe und teilweise kräftig blute, andererseits sehe ich auch meinen neuen Feind auf den Buchladen zukommen.
Während er in das Schaufenster einsteigt, drehe ich mich auf den Bauch und packe das dickste Buch in meiner Reichweite. Und als das dunkle Wesen neben mir stehen bleibt, um sein sadistisches Spiel fortzusetzen, richte ich mich halb auf und schlage mit der offenen Seite des Hardcoverbuchs in sein Gesicht. Das tut weh, selbst einem Dämon, denn das Buch ist wirklich dick und hart. Ich werfe einen Blick auf den Titel: die Bibel. Wie praktisch.
Er taumelt zurück, ich richte mich ganz auf. Mich auf Lorbeeren auszuruhen wäre jetzt fatal. Ich versetze ihm einen linken Haken gegen die Wange, die ich soeben noch mit dem Buch malträtiert hatte. Er taumelt noch weiter zurück, aus dem Schaufenster ins Ladengeschäft, wo er das ein oder andere dekorative Element seines Daseinszwecks beraubt. Ich taumele hinterher, denn anders kann man das vermutlich nicht bezeichnen, was ich vollführe. Zumindest bin ich schneller beim Taumeln als der Dämon, denn er fängt sich von mir den nächsten Treffer ein. Und gleich noch einen. Langsam laufe ich mich warm und erinnere mich wieder, was ich so alles gelernt habe. Mehrere Beinkombinationen später liegt er auf dem Boden, und ich, wohlwissend, dass er ein Dämon ist und nicht verhätschelt werden will, springe beidbeinig auf seinen Kopf. Das sorgt erst einmal für Ruhe.
Ich bin sauer. Zu den Tomatensaftflecken kommen auch noch Blutflecken. Und nicht nur auf den Jeans. Mein Gesicht fühlt sich an wie ein Schnitzel nach dem Flachklopfen. Als ich es berühre, sind hinterher meine Hände rot, soweit ich es im schummrigen Alarmlicht beurteilen kann.
Die Polizei dürfte auch bald da sein.
Und das gefällt mir im Moment nicht wirklich. Wie erkläre ich denen, dass ich mich mit einem Dämon geprügelt habe und ihn dann mit der Bibel ruhigstellte? Wobei, es passt schon, irgendwie.
Der Dämon bewegt seinen Kopf. Sicherheitshalber springe ich auf seinen Bauch, damit er auf keine dummen Ideen kommt. Es wirkt.
„Was willst du eigentlich von mir?“, erkundige ich mich.
„Von dir nichts …“, erwidert er stöhnend. „Ich will Nasnat.“
„Warum?“
„Das geht dich nichts an.“
Ich entdecke meine sadistische Ader, er einen weiteren Schmerzpunkt in der Gegend seines Bauchs. Aber seine Meinung ändert sich dadurch nicht. Ich beschließe angesichts des Zeitmangels, dass ich damit leben kann.
„Die Polizei ist gleich da …“, erzählt er mir dann, leicht gepresst.
„Ich weiß.“
„Was willst du denen sagen? Und willst du riskieren, dass ich einige von deinen Freunden töte?“
„Du weißt verdächtig viel über mich“, knurre ich.
„Du bist berühmt.“
„Ach?“
„Das war dir nicht bewusst?“ Er lacht leise. „Du bist naiv, Fiona. Sehr naiv. Liebenswert naiv. Und du solltest mich gehen lassen, das wäre die beste Lösung für uns.“
Soll ich wirklich zugeben, dass ich das auch so sehe? Einerseits bin ich sauer auf ihn, andererseits habe ich es ihm mit Zinseszins heimgezahlt. Und das Blaulicht kann man schon sehen. Schlechtgelaunt trete ich zur Seite und beobachte ihn dabei, wie er leicht gekrümmt, aber dennoch flink durch das Schaufenster den Buchladen verlässt und dann die Hauswand hochklettert. Ach ja, da ist eine Feuerleiter.
Ich warte kurz, dann folge ich ihm.
Weit komme ich nicht. Unter mir hält ein Wagen, Türen klappen und ein Lichtkegel erfasst mich.
„Halt! Kommen Sie runter! Wir schießen sonst!“
Ich tue so, als würde ich vor Schreck erstarren.
„Los, runterkommen!“
Ich setze mich langsam abwärts in Bewegung. Noch bevor ich unten ankomme, werde ich von Händen gepackt, runtergerissen und gegen die Wand gedrückt. Zwei Hände tasten mich flink ab, dann werden meine Arme nach hinten gedreht und die Hände auf dem Rücken gefesselt. Meine erste Verhaftung, na toll.
Wenn ich gehofft habe, ich würde erkannt werden, so wird diese Hoffnung enttäuscht. Selbst als ich mich umdrehe und sie mir ins Gesicht leuchten, merken sie nicht, wer ich bin. Ich beschließe, dass es vielleicht gar nicht so schlecht ist, wenn ich hier erst einmal wegkomme, daher lasse ich mich widerstandslos in den Streifenwagen bugsieren, nachdem mir meine Rechte vorgelesen wurden. Kaum sitze ich, kommen schon die nächsten Streifenwagen und ein Sonderkommando. Der Leiter des SEK kann allerdings nur noch feststellen, dass es nichts zu tun gibt. Er leuchtet mich kurz an, dann fahren wir los.
Ich lehne den Kopf zurück und schließe die Augen. Trotzdem merke ich, dass ich von dem Beifahrer beobachtet werde.
„Was war da los?“, fragt er plötzlich.
„Hast du eine Zigarette?“
„Nein“, erwidert er mürrisch und dreht sich wieder nach vorne.
Manchmal muss man einen Ort mehrmals besuchen, ehe man begreift, wie wichtig er ist. Zumindest schießt mir dieser Gedanke durch den Kopf, als wir am Präsidium halten. Ich werde nicht besonders sanft aus dem Wagen geholt und Richtung Hintereingang bewegt. Dennoch landen wir am Empfang.
Und hier starrt mich Marlen völlig entgeistert an.
„Was … wieso … was macht ihr da?“, stottert sie meine Begleiter an.
„Wir bringen eine Verdächtige, die wir verhaftet haben. Was ist denn mit dir los?“
„Eine Verdächtige? Himmel, wisst ihr eigentlich, wen ihr da verhaftet habt?“
„Bis jetzt haben wir ihre Personalien nicht aufgenommen“, erklärt der Beifahrer beleidigt. „Marlen, was ist los?“
„Was los ist? Ihr Idioten, ihr habt Fiona Flame verhaftet!“
Die Wirkung ist gewaltig. Fast so, als hätte sie ihnen erklärt, dass ich die Präsidententochter bin. Ich mustere die beiden, dann Marlen.
„Ich muss pinkeln. Begleitet mich jemand, oder nimmt mir jemand die Handschellen ab?“
Einer der beiden Jungs, die mich verhaftet haben, beeilt sich, mich von den viel zu engen Handschellen zu befreien. Ich reibe meine geröteten Handgelenke.
Marlen zeigt mir, wo die Toilette ist. Sie blicken mir alle stumm hinterher, bis ich die Tür hinter mir zuziehe. Die Toilette ist sauber. Ich verschanze mich in einer der Kabinen und lasse meinen Tränen freien Lauf.
Anschließend bemühe ich mich vor dem Spiegel, meinem Gesicht wieder ein halbwegs menschliches Aussehen zu geben. Dazu muss ich eine Menge Splitter entfernen, was zu diversen Nachblutungen führt. Und etwas schmerzhaft ist die Prozedur auch noch, was wiederum zu weiteren Tränen führt. Irgendwann bin ich fertig, wasche mein Gesicht, so gut es geht, und trockne es mit den Papiertüchern ab. Endlich erkenne ich mich selbst im Spiegel wieder.
Nachdem ich Marlen davon überzeugt habe, dass es keinen Grund gibt, Jack aus dem Bett oder aus was auch immer zu klingeln und es viel besser wäre, mich einfach wieder zu meinem Wagen zu fahren, bieten sich meine neuen Freunde an, den Chauffeurdienst zu übernehmen. Da sage ich natürlich nicht Nein.
Und so sitze ich wieder auf meinem angestammten Platz. Nur habe ich diesmal wenigstens die Hände frei.
„Hey, Freunde, habt ihr eine Zigarette? Oder ist das Rauchen hier verboten?“
„Beides“, erklärt der Beifahrer und hält seine Schachtel an das Gitter. Sogar Feuer gibt er mir, und er fährt die Seitenscheibe hinten hinunter. Ich kann das nicht.
„Eines würde mich interessieren“, sagt der Beifahrer. Sein Kollege ist möglicherweise stumm. Obwohl, so weit ich weiß, dürfte er dann keine Streife fahren. Also überlässt er wohl einfach nur das Reden seinem Kollegen, der das mit sichtlicher Begeisterung tut.
„So glücklich möchte ich auch mal sein.“
„Wie bitte?“
„Dass mich nur Eines interessiert.“
Jetzt lachen sie endlich, und zwar beide.
„Nein, ernsthaft. Wieso lässt sich jemand wie Fiona von uns festnehmen?“
„Wieso habt ihr mich nicht erkannt?“
„Es war dunkel und dein Gesicht … na ja … nicht gut zu erkennen.“
Ich denke an die vielen Glassplitter und nicke. „Ich war auch nicht ganz bei mir. Beim Kampf habe ich ein paar Treffer abbekommen.“
„Ja, das stimmt. Sollen wir dich nicht lieber ins Krankenhaus fahren?“
„Auf keinen Fall!“ Ich hasse Krankenhäuser, außerdem müssen sie nicht mitkriegen, dass meine Wunden schon alle verheilt sind. „Mir geht es gut, mein Mann wird mich hegen und pflegen.“
Das befriedigt sie nicht wirklich, aber sie lassen sich überzeugen, keine Planänderung vorzunehmen.
„Gegen wen hast du überhaupt gekämpft? Wir haben niemanden mehr gesehen.“
„Er ist auf das Dach entkommen“, erwidere ich. „Ich wollte grad zu meinem Auto, als er über mich herfiel.“
„Ist eine gefährliche Gegend hier. Aber dass ausgerechnet Fiona sich von so einem Typen …“
„Das war kein Straßenräuber.“ Ein schwacher Versuch, meine Ehre zu retten. „Die fliehen selten auf Hausdächer.“
„Das stimmt. Der Jaguar?“
„Ja.“ Ich verabschiede mich mehr oder weniger herzlich und steige aus. Um den Buchladen herum wird noch spurengesichert, aber der Auflauf hält sich in Grenzen. Nicht einmal die Presse ist da. Sie wissen ja auch nicht, dass Fiona beteiligt war. Ziel erreicht.
Ich beuge mich zum Beifahrer hinunter. „Hätte ich beinah vergessen. Es ist einiges kaputt gegangen, und wenn mal die Versicherung nicht dafür aufkommen will, sorgt bitte dafür, dass ich davon erfahre. O. K.?“
„Geht klar“, sagt der Fahrer lächelnd.
„Huch! Du kannst sprechen?“
Er lächelt immer noch, sagt aber nichts mehr. Vielleicht habe ich mir das auch nur eingebildet. Nach einem Gute-Nacht-Gruß fahren sie davon. Ich steige in den Jaguar ein und fahre ebenfalls davon.
Zwei Dinge werden mir schnell und schmerzlich bewusst. Erstens ist mein Handy im Arsch. Und zweitens, viel schlimmer, habe ich weder Zigaretten noch ein Feuerzeug. Beides scheint auch nicht zur Notfallausrüstung des Wagens zu gehören. Ich muss wohl ein ernsthaftes Wörtchen mit meinem geliebten Ehemann reden.
Zum Glück gibt es noch Tankstellen auf meiner Strecke, auch solche, die Tag und Nacht geöffnet haben. Als ich schon im Laden bin, fällt mir auf, dass ich überhaupt kein Geld dabei habe. Ich denke einen Moment nach, dann gehe ich zurück zum Auto. Nach kurzer Suche finde ich das Versteck des 20-Dollar-Scheins, der für solche und ähnliche Notfälle dort deponiert ist, und betrete wieder den Laden. Der Tankwart grinst dämlich.
„Marlboro und Feuerzeug!“
Da ich heute eh schon verhaftet wurde, pfeife ich auf Verkehrsregeln und öffne die Packung, während ich mit den Knien den Wagen lenke. Anschließend werfe ich alles auf den Beifahrersitz, damit das Handy nicht zu allein ist und fahre nach Hause. Für heute reicht es mir, echt.
Danny meldet mich an, und nachdem James die Haustür geöffnet hat, leckt er mir auch noch das Gesicht ab, bis ich ihn lachend wegschiebe. Dann trete ich vor James, der mich nachdenklich mustert.
„Ist das alles Tomatensaft oder auch Blut dabei?“
„Blut ist auch dabei.“
„Deins?“
„Auch.“
„Aha.“ Für einen Moment verspüre ich große Lust, ihm eine Ohrfeige zu verpassen. „Und dein Telefon?“
„Liegt auf dem Beifahrersitz, bereit, beerdigt zu werden!“
„Oh …“ Er atmet tief durch. „Tut mir leid, Fiona. Ich war ziemlich sauer und auf 180, weil du dich nicht mehr gemeldet hast.“
„Ich … ich war verhindert. Und als ich endlich dazu kam, musste ich feststellen, dass mein Handy hinüber ist. Ich hätte von dem Präsidium aus aber anrufen können. Mir tut es auch leid.“
Jetzt grinst er. „Gut. Es tut uns beiden leid, was hältst du von einem Friedenskuss?“
„Jede Menge!“ Ich springe in seine starken Arme und küsse ihn wild. Seine Hände umklammern meinen Po, während er den Kuss genauso wild erwidert.
Als wir uns schließlich atemlos voneinander lösen, erkundigt er sich: „Und wo kommt das Blut denn nun her?“
„Das ist eine lange Geschichte.“ Da Danny mittlerweile jeden Busch einzeln markiert hat, gehen wir rein. „Ich war noch bei dem Zauberer in der Hoffnung, er wüsste was über Schneewittchen, aber das war eine Fehlanzeige. Und als ich das Haus verließ, fiel ein Dämon über mich her, den ich überhaupt nicht kannte. Er wollte mich sozusagen als Türöffner benutzen. Nach etwas gegenseitigem Gemetzel habe ich ihn beruhigt, aber da kam schon die Polizei. Und was hätte ich denen erzählen sollen, warum mich so ein Ding in das Schaufenster des Buchladens geschmissen hat? Also ließ ich ihn laufen und tat so, als wollte ich ihn verfolgen. Leider wurde das ein wenig fehlinterpretiert und ich wurde verhaftet.“
„Du wurdest verhaftet??“
„Ja.“
„Aber jeder Polizist in Skyline kennt dich doch!“
„Sie haben mich im Dunkeln und blutbedeckt nicht erkannt.“
„Und warum hast du dich nicht zu erkennen gegeben?“
„Eine gute Frage. Weiß ich auch nicht. Wahrscheinlich war ich noch benommen vom Kampf. Der Dämon hatte einen ganz ordentlichen Schlag.“
„Na schön. Du solltest dich ausziehen und baden. Ich weiche die Sachen schon mal ein, vielleicht kriegen wir die Flecken noch raus. Und wir haben tatsächlich Kernseife da.“ Er grinst stolz.
„Super.“ Ich ziehe die Bluse und die Jeans aus, der Schuhe hatte ich mich ja schon beim Reinkommen entledigt. Während er die Sachen in den Keller mitnimmt, marschiere ich Richtung Badezimmer, gefolgt von Danny. Wieso hält er eigentlich mich für beschützenswerter als Herrchen?
Ich ziehe beim Gehen den Schlüpfer auch noch aus und lasse ihn einfach fallen. Dann bleibe ich stehen und drehe mich um. Danny starrt mich an, vor ihm liegt das Höschen. Jetzt weiß ich auch, warum er mir gefolgt ist.
„Vergiss es!“, erkläre ich ihm, aber er scheint mir nicht zu glauben. Ich lasse mich langsam auf alle viere runter, bis ich mit ihm auf Augenhöhe bin. „Vergiss. Es.“
Er fährt mir mit der Zunge durch das Gesicht und setzt sich hin.
„Auf keinen Fall!“, bekräftige ich mein Verbot, dann packe ich den Schlüpfer mit den Zähnen und richte mich auf. Danny wedelt mit dem Schwanz. Männer sind doch alle gleich.
Den Schlüpfer sichere ich im Bad und lasse Wasser in die Wanne laufen. Dann kommt die schwierigste Entscheidung des Tages: Welchen Badezusatz soll ich nehmen? Bis ich mich für Wildrose entschieden und eine ordentliche Portion in das Wasser geschüttet habe, ist auch James da. Er beobachtet mich, als ich mich in die Wanne gleiten lasse und setzt sich dann auf den Wannenrand.
„Und jetzt?“, fragt er.
„Jetzt bade ich.“
„Das ist doch schon mal was. Was ist der Stand wegen Ben?“
Eine gute Frage. Ich wünschte, es gäbe eine eindeutige Antwort darauf. „Ich weiß es nicht. Wenn ich daran denke, dass es ihm in diesem Moment vielleicht richtig dreckig geht … es gibt so viele Puzzlestückchen, die aber scheinbar gar nicht zusammenpassen.“ Seufzend nehme ich seine Hand und halte sie mir an den Mund. „Das Blöde ist … da fällt mir ein, das weißt du ja noch gar nicht!“
„Wahrscheinlich nicht.“
Er bringt mich mal wieder zum Lachen. Zwar nur zu einem kurzen und leisen Lachen, aber bereits das löst die Verkrampfung in meinem Bauch – wenigstens ein bisschen.
„Schneewittchen war im Präsidium.“
„Och! Und, habt ihr sie wenigstens verhaftet?“
„Du bist manchmal ein echter Idiot, habe ich dir das schon gesagt, mein Schatz? Nein, natürlich nicht, wir waren nicht da. Das war vor der Entführung, wahrscheinlich sogar direkt davor.“ Ich erzähle James, was ich weiß und auch, was ich nur vermute. Er hört mir aufmerksam zu.
„Sie sucht also jemanden“, fasst er anschließend zusammen. „Und dafür riskiert sie eine Menge, was sie vermutlich auch weiß.“
Ich nicke. „Wenn es wenigstens ein vollständiger Name wäre. David gibt es in Skyline vermutlich noch mehr als James.“
„Na!“
„Du bist eine Ausnahme. Und überhaupt, wieso sitzt du eigentlich draußen? Komm in die Wanne!“ Ich ziehe an seinem Arm, und da er nicht sonderlich stabil sitzt, ist er ziemlich schnell im Wasser. Danny bellt, fast könnte man meinen, er findet das lustig. So wie ich. James setzt sich auf und starrt mich an.
„Entschuldige, Schatz“, sage ich, muss aber dabei fürchterlich lachen. Das scheint ansteckend zu sein, denn schließlich stimmt er mit ein und beginnt sich auszuziehen. Als er sich an das gegenüberliegende Ende der Wanne drückt, drehe ich mich um und setze mich auf seine Beine, so dass ich ihn mit meinem Rücken spüre. Seine Hände lege ich über Kreuz auf meine Brüste.
„So ist es doch viel gemütlicher.“
„Ich weiß nicht, ob ich das als gemütlich bezeichnen würde“, erwidert James, „aber es ist in Ordnung so.“
„Was ist daran nicht gemütlich?“
„Vielleicht findest du es nicht gemütlich, wenn du abhebst.“
„Jetzt übertreib mal nicht so. Und außerdem, es gibt Wege und Lösungen.“
„Das ist wohl wahr.“
„Schatz … ich habe dir noch gar nicht erzählt, wie mein Besuch bei Nasnat verlaufen ist.“
„Du hast gesagt, er wäre frustrierend gewesen.“
Ich muss grinsen, denn ich hatte etwas anderes gesagt und James kennt mich gut genug, um es auf das Wesentliche zu reduzieren. „Ja, das stimmt schon. Aber er sagte auch, dass ich mal darüber nachdenken sollte, wo sich so ein Dämon mit Gefolge wohl verstecken könnte. Darüber habe ich auch nachgedacht, und wenn er nicht in den Katakomben lebt, was ich nicht glaube, dann kommt nicht viel infrage.“
„Warum nicht in den Katakomben?“
„Nenn es Intuition. Es passt einfach nicht. Viel zu auffällig, auch wenn es da unten jede Menge auffällige Typen gibt. Aber ich glaube, jemand wie Schneewittchen wäre bekannt. Und dann wüsste Nasnat davon. Außerdem benimmt sie sich, als wäre sie in unserer Welt nicht heimisch.“
„Gut, verstehe ich. Wo dann?“
„Ich könnte mir z. B. gut vorstellen, dass sie sich in einem verlassenen Haus einquartiert hat. Zwar könnte sie mit dem Geld auch eins kaufen oder mieten, aber das halte ich, zumindest so schnell, nicht für wahrscheinlich. Scheint auch nicht ihre Art zu sein.“
„Wieso nicht?“
„Weil sie sich einfach nimmt, was sie haben will.“
„So wie du?“
„So wie ich?“
„Tust du das etwa nicht?“
Hm. „Doch.“
„Na siehst du. Aber kommen wir zurück zu Schneewittchen. Also verlassene Häuser?“
„Oder gar Villen. Die möglichst abseits stehen, sodass es nicht auffällt, wenn plötzlich Dämonen darin wüten. So arg viele dürfte es davon nicht geben. Aber wie finden?“
„Da wüsste ich was.“
Ich verrenke mir den Hals, um ihn anzustarren. Natürlich! Wie blöd bin ich denn? Ich sitze direkt auf der Quelle. James ahnt meine Gedanken, denn er grinst. „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen?“
„Arbeit geht nur mit Vergnügen“, erwidere ich, und ich spüre, dass er es eigentlich genauso sieht. Ich erhebe mich leicht, bis ich die Füße aufstellen kann, dann umfasse ich sein Glied und lasse es hinten langsam eindringen. Im Wasser fühlt sich das ganz anders an als auf dem Trockenen. Sein Schwanz pulsiert in mir, seine Hände lassen mich pulsieren. Mit einer Hand streichelt er abwechselnd meine Brüste, die andere kümmert sich um meinen Kitzler. Erst sanft, dann immer energischer kreisend. Als ich meinen – ziemlich lauten – Höhepunkt habe, kommt er in mir auch.
Mit geschlossenen Augen lausche ich unseren Atemzügen, die ganz langsam auf normale Frequenz zurückgehen. Als James aus mir herausflutscht, erhebe ich mich seufzend.
„Was nimmst du?“
„Was du nimmst.“
Nass und nackt gehe ich in das Wohnzimmer. Zum Glück liegen die Fenster auf der Gartenseite, obwohl es mich nur bedingt stören würde, wenn man mich von der Straße her sehen könnte.
Ich bereite zwei Whisky on the Rocks zu, was keine besondere Herausforderung darstellt, und dann ist auch James schon da. Er stellt sich dicht hinter mich und nimmt sein Glas.
„Von nur Vergnügen war aber nicht die Rede!“, sage ich lachend.
„Ich bin arbeitsbereit.“
„Ja, das merke ich. Cheers!“
Wir schaffen es dann aber doch noch ohne weitere Unterbrechung an den Laptop von James, um uns in proDB einzuloggen. Als Makler hat James einen ganz anderen Zugriff auf die Datenbank als gewöhnliche Sterbliche. Das ist jetzt ausgesprochen hilfreich.
Nach zwei Stunden haben wir insgesamt 5 Häuser ausgesucht, die in die engere Wahl kommen und die ich mir morgen anschauen will. Kurz denke ich darüber nach, sofort loszuziehen, denn jede Minute kann für Ben eine Minute zu viel sein. Letztlich überzeugt mich James´ Argument, dass ich wenigstens ein paar Stunden Erholung vom Kampf gegen den Dämon brauche, bevor ich gegen andere, womöglich viel gefährlichere Dämonen losziehe.
Als ich dann aufstehe und mich leise anziehe, hat die Morgendämmerung bereits eingesetzt. Ich fühle mich einigermaßen frisch, obwohl die Nacht unruhig war. Träume, an die ich mich nicht erinnern möchte, und die dennoch in meinen Erinnerungen rumspuken. Ich betrachte James, der tief und fest schläft. Danny liegt neben ihm, als wenn er mir sagen wollte, ich könne ruhig losziehen, er wird James beschützen, und wisse auch, dass er jetzt nicht mit kann.
Kluger Hund.
Diesmal nehme ich wieder meinen eigenen Wagen. Mein erstes Ziel liegt außerhalb der Stadt, mitten im Wald. Eigentlich ideal geeignet für Schneewittchen. Die Straßen sind noch ziemlich leer, ich komme gut voran. Schon bald habe ich das Gefühl, aus der Zivilisation herauszufahren. Wem die Villa, der ich einen Besuch abstatten will, auch immer gehört hat, er liebte die Einsamkeit und wollte darin nicht gestört werden. Ein schmaler, asphaltierter Weg schlängelt sich durch den Wald, und laut der Beschreibung, die James mir ausgedruckt hat, geht der Zufahrtsweg von diesem ab.
Ich verpasse ihn beinah.
Ab hier geht es zu Fuß weiter, nachdem ich den Wagen zwischen zwei Bäumen geparkt habe. Zum Glück ist der Boden trocken, bei Regen könnte ich Schwierigkeiten haben, wieder auf den befestigten Weg zu fahren.
Es sind einige hundert Meter bis zum Zaun um das Anwesen, denn von der Größe her ist es eins. Der Zaun ist dicht bewachsen und dadurch undurchsichtig, und auch hoch genug, dass nicht einmal Menschen, die größer sind als ich, darüber hinwegschauen können. Gerade darum nähere ich mich ihm so leise wie möglich und kampfbereit. Meine Intuition steht auf Alarm, ich spüre, dass die Villa nicht leer ist, wie sie eigentlich sein sollte. Zugleich spüre ich aber auch, dass es hier keine übernatürlichen Wesen gibt.
Da es von vornherein klar war, dass ich nicht immer die vorgegebenen Wege nutzen werde, trage ich nicht nur bequeme, sondern auch stabile Kleidung, in Tarnfarbe. Zumindest im Dunkeln. Ich klettere am Zaun hoch und betrachte die andere Seite. Nichts Aufregendes zu sehen, ein verwilderter, zugewucherter Garten. Ich schwinge mich rüber und lande im weichen Moos.
Irgendwo bellen Hunde.
Irgendwo bellen Hunde?
Ich atme tief durch. So was mag ich gar nicht. Ich will Hunden nicht wehtun, so wie ich eigentlich auch Menschen nicht wehtun will. Aber Letztere haben für gewöhnlich mehr Entscheidungsfreiheit und wenn sie mich angreifen, ist meine Hemmung, mich zu wehren, niedriger als bei Hunden. Irgendwie pervers.
Es bringt nichts, die Zeit mit Rumgrübeln zu verbringen. Aufmerksam marschiere ich Richtung Villa los. Das geht keineswegs in einer geraden Linie, derart zugewuchert ist der Garten. Und außerdem wird das Hundegebell immer lauter. Allerdings nähere ich mich den Hunden, nicht sie sich mir.
Und dann sehe ich sie. Etwa zwei Dutzend Hunde aller Größen und aller Rassen toben über den Rasen. Offenbar ist der Garten nur am Zaun entlang so verwildert, um den Eindruck zu erwecken, die Villa wäre unbewohnt. Um sie herum hingegen sieht alles gepflegt aus, wenngleich von einem Ziergarten keine Rede sein kann. Bei so vielen Hunden würde der auch nicht lange halten.
Jedenfalls ist es sehr unwahrscheinlich, dass ich hier Ben und irgendwelche Dämonen finden werde. Rückzug könnte eine sinnvolle Alternative sein.
Leises Knurren.
Mist.
Ich drehe mich langsam um und starre den Rottweiler an, der zähnefletschend vor mir steht. Das Gebell verstummt, und ich brauche mich gar nicht erst umzuschauen, um zu wissen, dass die anderen Hunde auch näher kommen. Beeindruckend, wie sie zusammenarbeiten. Das muss ihnen jemand beigebracht haben.
Ich blicke mich suchend um. Selbst wenn ich bereit wäre, die Hunde zu töten, es sind zu viele und am Ende würden sie mich zerfetzen. Ausnahmsweise könnte Flucht die bessere Alternative sein. Die Chancen stehen gar nicht so schlecht, dass ich es bis zum nächsten Baum schaffe und hochspringen kann, bevor sich die Zähne eines Hundes irgendwo in meinen Körper bohren.
„Sie sollten sich nicht bewegen.“
Ich wende den Kopf langsam dem Sprecher zu. Er steht schräg hinter mir, die Arme vor der Brust verschränkt. Seine Augen mustern mich durchdringend.
„Ich will hier nicht übernachten.“
„Das hätten Sie sich überlegen sollen, bevor Sie hier eingebrochen sind. Das hier ist Privatbesitz.“
„Aber nicht Ihrer!“
„Wer sagt das?“
„Mein Mann ist Immobilienmakler. In der Datenbank ist dieses Grundstück als unbewohnt hinterlegt.“
Er lacht kurz, bitter. „Ach ja, diese schlauen Datenbanken. Ich habe das Grundstück gekauft, aber es nirgendwo eintragen lassen. Es war völlig verwahrlost.“
„Und Sie haben sich Mühe gegeben, dass es von außen immer noch so wirkt.“
„Ja, das hält Neugierige ab. Meistens. Was wollen Sie überhaupt hier?“
„Ich suche jemanden.“
„Auf einem vermeintlich leeren Grundstück?“
„Genau. – Hören Sie, ich habe weder die Zeit noch Lust zu diesem Spielchen. Ich konnte nicht wissen, dass hier jemand wohnt. Und ich will weder Ihnen noch den Hunden was antun, aber ich werde nicht länger hier rumstehen.“
„Ohne meine Erlaubnis sollten Sie sich aber nicht bewegen. Es sind viele Hunde und alle haben noch ihre Zähne.“
Ich betrachte die Hunde. Einige unter ihnen wirken selbst mit Zähnen nicht besonders furchterregend, aber andere haben ein ähnliches Kaliber wie der unablässig leise knurrende Rottweiler.
„Sehe ich so gefährlich aus?“
„Eigentlich nicht. Aber Sie sind bis hierher unbemerkt vorgedrungen, und das macht Sie durchaus gefährlich.“ Ja, eine voll logische Antwort.
„Prima. Und was haben Sie genau vor? Die Polizei rufen? Oder mich hier stehen lassen, bis ich vor Schwäche umfalle?“
„Hm. Interessante Ideen. Kann es sein, dass Sie einen leichten Hang zum Sadismus haben?“
Ich sehe ihn an. Er ist Ende Vierzig oder knapp über Fünfzig. Also wie James. Graue Haare, grauer, gepflegter und gestutzter Bart. Legere, bequeme Kleidung: Pullover, abgewetzte Jeans, Wanderschuhe. Wache Augen. Tief eingebrannte Furchen im Gesicht. Eigentlich ganz sympathisch.
„Na schön, ich habe keine Zeit für Spielchen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich entweder über die Bäume wegkomme oder mit den Hunden fertig werde. Es wäre aber für alle besser, Sie riefen die Hunde einfach zurück.“
„Meinen Sie, die hören auf mich?“, fragt er amüsiert. Der Mistkerl scheint mich einfach nur für mein Eindringen bestrafen zu wollen. Ich schließe kurz die Augen, um nicht auf böse Gedanken zu kommen. Obwohl, es geht eher darum, sie wieder zu verscheuchen.
„Da bin ich mir sogar sehr sicher. Ich habe auch einen Hund und erkenne es, wenn Hunde auf jede Mimik reagieren. Außerdem hat jemand diesen Hunden beigebracht, als ein Team zu agieren. Sie sind der Boss.“
„Vielleicht stimmt das sogar.“ Er mustert mich jetzt genauer. „Irgendwie kommen Sie mir bekannt vor.“
„Sie pfeifen die Hunde zurück, und ich stelle mich vor.“
Er denkt darüber nach. Dann seufzt er und dreht sich um. Sofort wenden sich die Hunde von mir ab und setzen ihr ausgelassenes Spiel fort. Bis auf den Rottweiler. Er knurrt zwar nicht mehr, aber er bleibt mir auf den Fersen. Ich bleibe testweise stehen, er stoppt sofort auch.
„Er wird Sie nicht aus den Augen lassen, solange Sie auf dem Grundstück sind“, erklärt der Mann, ohne sich umzudrehen.
„Ein guter Gastgeber.“
Er lacht wieder kurz. „Ihr Humor ist bewundernswert. Die meisten Menschen, und insbesondere Frauen, so ungern ich das sage, in einer vergleichbaren Situation verlieren den Humor oder werden sogar panisch.“ Während er spricht, biegen wir um die Ecke und gelangen auf eine geflieste Terrasse mit einem Tisch und einem Stuhl. Aber der Geheimnisvolle ist auf Besuch eingerichtet, denn aus einer kleinen Laube holt er einen zweiten Stuhl. „Kaffee?“
Ich schwanke kurz. Einerseits müsste ich weiter, andererseits bin ich inzwischen sehr neugierig geworden, und man kann nie wissen, wofür so eine Begegnung gut ist. Also nicke ich.
„Setzen Sie sich bitte. Ronin wird Ihnen Gesellschaft leisten.“
Ronin? Ich betrachte den Hund neugierig. Er sitzt in etwa zwei Meter Entfernung von mir und starrt ins Nichts. Wobei dieser Eindruck garantiert nur täuscht. Als ich testweise eine Hand hebe, habe ich seinen Blick blitzschnell an mir kleben. Ich winke ihm zu. „Braver Hund.“
Der Geheimnisvolle kommt gleich darauf mit zwei Tassen Kaffee zurück. Er setzt sich mir gegenüber. „Ich glaube, Sie sind Schwarztrinkerin.“
„Meistens.“ Ich nehme einen Schluck von dem heißen Kaffee.
„Also, wie heißen Sie, unbekannte Schöne?“
„Das ist unhöflich.“
„Das stimmt, aber immerhin sind Sie hier eingedrungen, das verändert die Dinge etwas.“
„Auch wieder wahr.“ Ich seufze. „Mein Name ist Fiona Flame.“
„Fiona Flame“, wiederholt er leise. „Ja, ich kenne Sie. Eine Zeit lang sah man Sie überall, im Fernsehen, in den Zeitungen, wohin man schaute, sah man Sie. Es hieß, Sie wären gefährlich für das Böse. Was also wollen Sie hier?“
„Das Böse finden. Es ernährt sich von Menschenfleisch.“
Seine Augen weiten sich leicht. „Ah, ich habe davon gelesen. Und Sie suchen jetzt die unbewohnten Häuser ab, die abseits liegen?“
Er ist intelligent, keine Frage.
„Und Sie? Was ist mit Ihnen?“
„Über mich werden Sie außer in älteren Telefonbüchern vermutlich nichts finden“, erwidert er lächelnd. „Mein Name ist David Conrad.“
„David?“
„Ja, ein durchaus nicht seltener Vorname hierzulande“, erwidert er schmunzelnd.
„Ja, das habe ich mitbekommen“, murmele ich. Und füge lauter hinzu: „Und wieso sind Sie ausgestiegen?“
„Bin ich das?“
Ich werfe einen Seitenblick auf Ronin. „Ja.“
„Macht Ronin Sie nervös?“
Ich schüttle den Kopf und lange in meine Hosentasche. Sofort spannt sich der Körper des Hundes an. Ich hole meine Zigaretten und ein Feuerzeug hervor. „Darf ich?“ Als David nickt, halte ich ihm die Schachtel auch hin, aber er schüttelt den Kopf. Also zünde ich nur mir selbst eine Zigarette an und halte sie mit der linken Hand.
„Sie wollten mir was über sich erzählen, David.“
„Das ist Ihre Interpretation“, erwidert er ernst.
„Wie alles.“ Ich mustere ihn intensiv, aber nervös macht ihn das nicht. „Also gut, Sie wollen es mir nicht erzählen. Sie könnten aber wenigstens dem Hund erlauben, sich zu entspannen.“
„Glauben Sie, dass ich das kann? Es ist Ihre Anwesenheit, die ihn angespannt macht.“
„Aber nur, weil er Ihre Angst spürt.“
„Ich habe keine Angst!“
„Sie haben gerade das Gegenteil bewiesen“, stelle ich fest und nehme einen tiefen Zug.
„Rauchen ist ungesund.“
„Und jetzt lenken Sie auch noch ab. Und ja, ich weiß.“ Ich sehe den Hund an, der David anstarrt. Ein Wink von dem und er stürzt sich auf mich.
„Ich habe keine Angst, aber ich frage mich, wonach genau Sie suchen.“
„Hm.“ Ich lege den Kopf in den Nacken und betrachte den leicht grauen Himmel. „Ein guter Freund von mir wurde entführt, und ich würde ihn gerne in einem Stück finden.“
„Und dann sitzen Sie hier … ah, jetzt verstehe ich! Sie vertrauen wohl niemandem?“
Ich muss lächeln. Er ist wirklich intelligent. „Das ist keine Frage des Vertrauens. – Wollen Sie Ronin nicht doch erlauben, sich zu entspannen? Ich möchte ihn streicheln.“
„Er wird sich nicht streicheln lassen.“ David macht eine angedeutete Bewegung, und Ronin geht zu ihm hin. Nachdem er seine Kopfmassage bekommen hat, setzt er sich so hin, dass er mich wieder im Blickfeld hat.
Ich halte ihm meine rechte Hand entgegen.
David beobachtet uns neugierig.
Ronin mustert die Hand, dann sucht er meinen Blick. Danach mustert er wieder die Hand. Ich warte ab. Nach einigen Minuten erhebt er sich, kommt näher und schnuppert an meinen Fingern. Ich lasse ihn gewähren, auch als seine Nase an meinem Handgelenk ankommt. Dabei schaue ich ihn nicht direkt an, um ihn nicht zu verunsichern. Schließlich setzt er sich hin und lässt es zu, dass ich sanft seinen Kopf berühre und streichele.
„Alle Achtung“, sagt David. „Das hat noch niemand geschafft.“
„Er merkt, dass ich keine Angst vor ihm habe, aber auch, dass ich ihm nichts Böses will. Und er spürt vermutlich auch …“
„Was denn?“
„Nichts“, erwidere ich. „Erzählen Sie was über sich. Wieso leben Sie hier mit einem Hunderudel?“
„Ein Geheimnis? Faszinierend.“ Er lehnt sich zurück und legt seine Hände aneinander, mit den Fingerspitzen Kinn und Lippen berührend. „Im Grunde ist es keine große Geschichte. Ich war 20 Jahre lang Kinderarzt mit eigener Praxis. Und eines Tages hatte ich es satt. Ich hatte es satt, die vielen Kinder, die geschlagen und missbraucht wurden, die verwahrlost wurden, die gezwungen wurden, Abbilder ihrer Eltern zu werden, deren verlorene Wünsche zu erfüllen. Kinder, die vergewaltigt und schwanger wurden. Kinder, die angeblich die Treppe runtergefallen sind. Irgendwann wünschte ich mir, eine Pistole nehmen zu können und diese Eltern einfach zu erschießen. Und die Onkel und Tanten. Die Polizisten, die dann noch einmal auf der Seele der Kinder herumtrampelten. Die unfähigen Idioten von den Jugendämtern. Und irgendwann beschloss ich, dass ich einfach gehen sollte, bevor es ein Blutbad gibt.“
Er schaut mir in die Augen. „Habe ich Sie erschreckt?“
Meine Hand liegt auf dem Kopf von Ronin. Ich verneine kopfschüttelnd.
„Sie haben Tränen in den Augen, Fiona. Wen beweinen Sie?“
„Alle.“
Er nickt langsam. „Danke, dass Sie das sagen. Haben Sie Kinder?“ Und als ich verneine: „Werden Sie welche haben?“
„Keine Ahnung …“
„Ich glaube, dass ja. Sie werden eine gute Mutter sein. Ich weiß, Sie denken jetzt, wie kann der das wissen, er kennt mich ja erst seit ein paar Minuten. Nun, das stimmt. Aber ich sehe, wie Sie mit den Hunden umgehen. Und ich sehe, welches Vertrauen Ronin Ihnen entgegenbringt. Das reicht mir.“
Ich wische meine Tränen ab und nehme einen Zug von der Zigarette, bevor ich sie ausdrücke. „Ich sollte jetzt gehen.“
„Das finde ich bedauerlich, aber ich kann verstehen, dass Sie Ihre Suche fortsetzen wollen.“
Er bringt mich zum Gartentor, begleitet von den Hunden und vor allem Ronin. Ich halte ihm die Hand hin, die er nimmt. Sein Griff ist fest, seine Hand rau. Dann wende ich mich Ronin zu, der sich vor mich setzt. Lächelnd gehe ich vor ihm in die Hocke und streichele seinen Kopf.
„Langsam werden Sie mir unheimlich.“ Ich genieße Davids Verblüffung mit einem Lächeln.
Das nächste Haus befindet sich in einer Gegend, die schon mal bessere Zeiten erlebt hat. Es ist nicht ansatzweise so abgelegen wie das von David, und schon als ich es erblicke, weiß ich, dass ich hier nichts finden werde. Dennoch mache ich einen Rundgang auf dem Grundstück und durch das Haus.
Es ist kurz vor Zehn, als ich in der Nähe von dem dritten Haus den Wagen abstelle. Der Himmel bleibt bewölkt. Die Villa, die ich von außen betrachte, hat bis vor wenigen Monaten einer alten, einsamen Millionärin gehört, die ihr Geld mit Öl gemacht hatte. Genauer, ihr Mann war mal vor vielen, vielen Jahren einer der Drei Ölbarone gewesen. Er starb vor 30 Jahren und hinterließ Norma J. Elko ein nicht unbeträchtliches Vermögen. Vor einem halben Jahr etwa fand ihr Butler sie tot im Bett, als er ihr das Frühstück servieren wollte. Mit 96 war sie sanft entschlummert. Gar kein übler Tod. Und was unangenehme Tode angeht, da kenne ich mich aus.
Ich stehe auf einem Waldparkplatz, von dem aus die hohe Mauer und die Einfahrt zu sehen sind, und rauche eine Zigarette. Hohe Mauer, moderne Überwachungsanlage, das Ganze noch sehr gut erhalten … keine guten Voraussetzungen für mich. Durchaus möglich, dass von den sich streitenden Erben so viel Geld in die Anlage gepumpt wurde, dass die Polizei in zwei Minuten da ist, wenn nicht sogar ein privater Wachdienst.
Alternativ ist Schneewittchen hinter dieser Mauer. Und dann wäre der Wachdienst wahrscheinlich die angenehmere Variante.
Hilft aber alles nichts.
Ich mache die Zigarette aus und lasse den Wagen zurück. Man kann wunderbar joggen, ohne die Mauer aus den Augen zu verlieren. An das Grundstück grenzt Waldgebiet, durch das zwar kein Weg führt, aber das stört mich ja nicht. Dafür kann ich mich unbeobachtet wähnen, sofern keine unsichtbaren Kameras mich längst entdeckt haben. Die Straße ist nicht mehr zu sehen und auch kein Mensch. Eine gute Gelegenheit, einen Blick zu riskieren.
Ich springe so weit hoch, dass ich die Mauerkrone zu fassen kriege und mich hochziehen kann. Sicher könnte ich problemlos über die Mauer springen, aber wer weiß, was auf der anderen Seite lauert.
Noch mehr Wald.
Ich blicke nach rechts, ich blicke nach links. Keine Kameras. Ich schwinge mich über die Mauer und lande auf dem weichen Boden. Ich verharre regungslos und lausche mit angehaltenem Atem.
Kann es wirklich sein, dass das Grundstück so schlecht gesichert ist? Fällt mir schwer, das zu glauben. Wahrscheinlich stehe ich gleich einem weißen Tiger oder so was gegenüber.
Ich ziehe meine Pistole aus dem Hosenbund unter dem Pullover hervor. Die hatte ich David gar nicht erst gezeigt, weil es keine Notwendigkeit gab. Er wird sich auch so gedacht haben, dass ich nicht unbewaffnet bin.
Der Wald wirkt gepflegt, allerdings sieht man ihm an, dass er keine Besitzerin mehr hat. Aber verlassen ist er trotzdem nicht. Und es sind nicht nur Eichhörnchen, Kaninchen und Füchse, die in ihm wohnen, nicht nur Krähen und Elster.
Ich werde beobachtet.
Mein Magen verkrampft sich kurz, als mir bewusst wird, dass ich mein Ziel gefunden habe.
Ich entsichere die Pistole, während ich mich umschaue. Es ist nichts Verdächtiges zu sehen, dennoch sträuben sich meine Nackenhaare. Sicheres Zeichen dafür, dass sich etwas in meiner Nähe befindet, das ich eigentlich gar nicht in meiner Nähe haben möchte.
Dann geht es rasend schnell.
Für die Pistole viel zu schnell, wobei diese mir gegen solche Gegner sowieso nichts nützen würde, was mir schnell klar wird. Ich weiß nicht, womit ich es zu tun habe. Sie bewegen sich unglaublich schnell, sind klein und haben große Zähne in großen Mäulern, die aus runden Köpfen herausragen. Der erste kommt von hinten und versetzt mir einen heftige Stoß. Ich fliege der Pistole hinterher und lande im Gras. Meine Reflexe sorgen dafür, dass ich mich umdrehe. So landet die Axt im Boden statt in meinem Rücken. Dem Wesen, das die Axt umklammert, verpasse ich einen Fußtritt ins Gesicht. Die Genugtuung, dass es nun an ihm ist, meterweit durch die Luft zu fliegen, kann ich dennoch nicht auskosten, denn die nächste Axt steuert meinen Körper an. Ich rolle seitwärts, bis ich gegen etwas Hartes stoße. Einen Baumstamm. Mit einem Fuß wehre ich den Arm ab, die Axt kracht dicht hinter meinem Kopf in den Boden. Mit dem anderen Fuß treffe ich die Zähne des Wesens, das grunzend zurücktaumelt.
Ich packe die Axt und springe auf.
Der dritte Gegner. Er steht hinter dem Baum, der Stiel seiner Axt presst meinen Hals gegen den Baumstamm. Die Kraft, die das kleine Wesen besitzt, ist atemberaubend. Wortwörtlich.
Das zweite Ding, dem ich grad die Axt abgenommen habe, versucht, sie sich zurückzuholen. Röchelnd lasse ich seine Axt los, von seinem eigenen Schwung getragen, purzelt er davon. Meine Hoffnung, dadurch Zeit genug zu gewinnen, mich um den Würger zu kümmern, erfüllt sich allerdings nicht, denn der Erste ist wieder auf den Beinen und visiert mit seiner Waffe meinen Kopf an. Ich empfange ihn hoch in der Luft mit einem wenig eleganten Fußtritt. Aber er erfüllt seinen Zweck, das Ding landet ebenfalls wenig elegant im Gras, seine Axt neben meinem Kopf im Baum.
Na ja, fast neben meinem Kopf. Rasender Schmerz schießt durch mein Ohr, das ich wahrscheinlich grad verloren haben. Und auch wenn ich weiß, dass es bald nachwachsen wird, der Luftmangel und der Schmerz zusammen machen mich verwundbar. Bevor ich reagieren kann, krallt sich der waffenlose Gnom in meinen Körper, was an sich schon mehr als unangenehm ist. Richtig schmerzhaft wird es allerdings, als er aus derselben Bewegung heraus seine Zähne in meinen Kopf schlägt.
Vor Schmerz rasend, zugleich blind, weil Blut aus meinem Kopf strömt und augenblicklich mein Blickfeld vernebelt, packe ich die Haare des Wesens und reiße seinen Kopf zurück. Zumindest versuche ich es, denn seine Zähne stecken fest in meinem Schädel. Und auch wenn das Gehirn selbst keinen Schmerz empfindet, sieht das bei der Kopfhaut schon anders aus. Hinzu kommen seine Krallen, die auch in meinem Körper wüten.
Mir wird klar, dass ich diesen Kampf verloren habe. Zwar weiß ich, dass das noch nichts über die Schlacht aussagt, trotzdem steigt schiere Verzweiflung in mir hoch. Verzweiflung und Wut über meine unglaubliche Naivität.
Ich lasse den Kopf des Dämons los und schlage die Fäuste von beiden Seiten gegen seine Ohren. Das hilft etwas, sein Griff lockert sich. Nach dem zweiten Schlag lässt er mich los und springt mit einem Rückwärtssalto weg.
Allerdings, das wird mir zu spät klar, nur, um den Weg für die Axt des ersten Dämons freizumachen.

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Leseprobe: Arbor – Der Weg des Waldes

Durch das offene Dachfenster im Bus zog an diesem Sonntagnachmittag im Spätsommer ein kühler Windstoß, den Max von Relling, der wie immer auf dem Sitz in der zweiten Reihe rechts Platz genommen hatte, mit einem leisen, aber durchaus erleichterten Seufzer quittierte.
Max saß immer auf diesem ihm angestammten Platz. Das hatte den einfachen Grund, dass er gern durch die Frontscheibe sah, um das Gefühl der Vorhersehbarkeit sowohl im Sinne der Verkehrssicherheit als auch im Sinne der Landschaftsbetrachtung zu haben. Dafür erschien ihm dieser Sitzplatz der einzig geeignete – sämtliche anderen Optionen hatte Max durch sorgfältige Überlegungen als ungeeignet eingestuft, ohne jemals auf ihnen gesessen zu haben. Die erste Reihe eignete sich nicht, da sich dort erstens nur fußlahme Tattergreise niederzulassen pflegten, um die 58 Zentimeter zur zweiten Sitzreihe nicht gehen zu müssen. Max hatte diesen Abstand einmal heimlich mit einem Zollstock nachgemessen, da ihn der Grad der Gebrechlichkeit der Menschen immer wieder schockierte. Zweitens wäre das Risiko bei einem Unfall aufgrund der Nähe zur Frontscheibe erheblich erhöht.
Die linke Seite des Busses hinter dem Busfahrer eignete sich freilich überhaupt nicht, da die Sicht des Sitzenden durch die Fahrerkabine ganz erheblich eingeschränkt wird. Sämtliche Sitzreihen zur rechten Hand, welche sich hinter der zweiten Reihe befinden, wären mit steigender Entfernung von umso geringerer Qualität und bedürfen daher keiner weiteren Erläuterung.
Durch den angenehmen Lufthauch wurde Max´ Laune kurzzeitig besser. Zuvor hatte er sich maßlos ärgern müssen über einen Vorfall, der ihm den Tag zu verhageln drohte. Während er nämlich über Kopfhörer die Kanarienvogel-Kantate von Georg Philipp Telemann hörte, klopfte er mit seinen Fingern den imaginären Rhythmus auf seinem zuvor ausgetrunkenen, leeren Kaffeebecher mit. An einer für ihn wirklich wichtigen, da emotional aufgeladenen Stelle des Werks bremste der Fahrer abrupt, sodass seine Finger nur den Rand des Bechers berührten und so den Takt verfehlten. Manch einem mag dies völlig gleichgültig sein, doch Max von Relling war Geiger, sodass ihm der Drang zur Einhaltung eines Takts gewissermaßen als Berufskrankheit zu eigen war.
Wenn es eines gab, das er außer unvorhergesehenen Taktwechseln nicht mochte, dann waren es Verabredungen an Sonntagen. Dies hatte den einfachen Grund, dass er an diesen Tagen immer mit der Überlandlinie 212 von der Haltestelle ‚Lindenallee‘ in der Innenstadt von K., wo Max wohnte, zu der Endhaltestelle ‚Gustav-Stresemann-Platz‘ in dem Dörfchen A. und zurück fuhr, um sich an der hügeligen Landschaft zu erfreuen und die Woche Revue passieren zu lassen. Währenddessen konnte er vor allem seine musikalische Fortentwicklung selbstkritisch hinterfragen. Dabei ging er immer nach einem strengen Muster vor. Die Fahrt dauerte gewöhnlich 42 Minuten pro Richtung, sodass er insgesamt 84 Minuten zum Nachdenken hatte. Hinzu kam noch die Zigarettenpause des Fahrers an der Endhaltestelle. Doch da machte auch Max eine Gedankenpause und schaute dem bunten Treiben auf dem kleinen Dorfplatz zu. Er hatte es sich zum Ziel gesetzt, über jeden Wochentag genau 12 Minuten nachzudenken, was natürlich zur Folge hatte, dass dem Sonntagmorgen dabei überproportional viel Bedenkzeit zugewiesen war. Dies allerdings hatte Max bewusst so kalkuliert, da er am Sonntagmorgen stets Büroarbeiten erledigte und dringende Briefe beantwortete. Um also das Risiko zu minimieren, dass ihm dabei etwas Wichtiges entginge, hatte er den Sonntagmorgen in seiner Wertigkeit den übrigen Wochentagen vollends gleichgestellt.
Bei seiner heutigen Fahrt allerdings gestaltete sich das konzentrierte Nachdenken schwieriger als gewöhnlich, da ihn seit den frühen Mittagsstunden ein starker Kopfschmerz beeinträchtigte. Dieser hatte seinen Grund darin, dass sich Max, als er am Morgen eine Pause von der Büroarbeit benötigte, zu einem kurzen Aufenthalt in seinem kleinen Garten entschlossen hatte. Den hatte er zwar nicht besonders kunstvoll mit Blumen geschmückt, aber gerade aufgrund dieser Wildheit liebte er ihn sehr. Dort ließ er sich auf seinem aus einer Nachahmung von Teakholz gefertigten, einzigen Gartenstuhl unter einer großen, glattstämmigen Buche nieder, um kurz Abstand von der Frage zu gewinnen, ob ein Geiger eine Berufsunfähigkeitsversicherung braucht und schloss die Augen. Man muss an dieser Stelle klarstellen, dass der Besitz nur eines einzelnen Gartenstuhls nicht der Höhe des Einkommens eines Geigers – Max wurde zwar nicht fürstlich, aber durchaus angemessen bezahlt –, sondern der Tatsache geschuldet war, dass Max von Relling allein lebte. Trotz der Versuche der mit fernöstlichem Akzent sprechenden Verkäuferin des Möbelhauses Stratmann, ihn von der Notwendigkeit des Besitzes zweier Stühle allein aus Gründen der Symmetrie zu überzeugen, hatte er sich für die Anschaffung nur eines Sitzmöbels entschieden. Ihm fiel einfach kein triftiges Argument dafür ein, wieso ein einziger Mensch zwei Stühle braucht, wenn er nicht stark übergewichtig ist.
Während Max nun dösend die morgendliche Sonne genossen hatte, war er plötzlich von einem harten Gegenstand am Kopf getroffen worden. Obwohl das Objekt keinen großen Schmerz ausgelöst hatte, erschrak Max heftig und fasste sich instinktiv an sein Haupt, an dem er allerdings keine pathologische Veränderung feststellen konnte. Allerdings rief ihm die Berührung in Erinnerung, dass er bereits seit Längerem einen Arzttermin vereinbaren wollte, um seinen kreisförmigen Haarausfall zu bekämpfen, unter dem er seit geraumer Zeit erheblich litt. Da er infolgedessen wesentlich älter aussah als er war, schob er diesem Umstand einen ganz beträchtlichen Teil an Verantwortung für sein unfreiwilliges Junggesellendasein zu.
Sein Blick schweifte zu Boden, wo er das Corpus Delicti schnell ausfindig machen konnte. Der heimtückische Angriff ging von seiner Schatten spendenden Buche aus, die eine Buch­ecker abgeworfen hatte, welche sich dann dank der Schwerkraft den Weg zu Max’ Haupt gebahnt hatte. Verdutzt über den Zufall, dass die doch recht kleine Oberfläche seines Kopfes zum Ziel der herabfallenden Baumfrucht wurde, und in Gedanken an Sir Isaac Newton und seine Entdeckung der Gravitationsgesetze, lehnte Max sich zurück und schloss die Augen …
Das dichte Geäst des Baums, das Max’ Sichtfeld in einer für einen unbedarften Schlummer hinreichenden Art und Weise verdunkelte und seine ihm heute entgegen seiner üblichen Gewohnheiten träge morgendliche Verfassung führten dazu, dass er sich schnell damit einverstanden erklärte, die Zügel seiner Gedanken schleifen zu lassen. Mehr und mehr glitt er in einen Zustand, der sich zwischen wirklichem Schlaf und bewusster Erholung befand und von vielen Menschen gemeinhin als Nickerchen bezeichnet wird. Lange Zeit war er sich ganz und gar bewusst, dass er in seinem Gartenstuhl aus Teakholzimitat saß und empfand sein Alleinsein als große Erleichterung angesichts der Tatsache, dass die erschlaffende Muskulatur seines Mundes ihm wohl ein unfreiwillig albernes Aussehen verleihen musste, das einem Musiker nicht gut zu Gesicht stünde.
Für einen in seiner Länge aber nicht zu taxierenden Zeitraum war sich Max seines Daseins im Garten nicht gewahr, sodass sich ein seltsamer Vorfall ereignen konnte.
Just in dem Moment, als Max die Kontrolle über seine Kiefermuskulatur wieder einmal abgeben musste, waberte eine Nebelbank in den Garten hinein und das, obwohl es ein wolkenloser und trockener Tag war. Meteorologisch betrachtet erschien dies Phänomen völlig unerklärlich, da sich in der städtischen Umgebung des Grundstücks weder Sümpfe noch größere Wasserläufe oder gar Seen befanden, sodass die Herkunft der Feuchtigkeit rätselhaft blieb. Die nur einige Meter breite Formation war in ihrer Gestalt unstet und variantenreich, sodass die Bewegungsrichtung vom Betrachter kaum vorherzusagen war. Nach einiger Zeit bewegte sich das diffuse Gebilde allmählich zügig auf die Buche zu, die Max nach wie vor Schatten spendete, und blieb unterhalb der Krone mit einigem Abstand zum Kopf des Ruhenden unvermittelt stehen, so als habe ein galoppierendes Wildtier plötzlich eine Fährte gewittert.
Just in diesem Moment schreckte Max von einem Geräusch auf, das aus der Ferne zu kommen schien, aber gleichzeitig derart intensiv ertönte, dass es genauso aus seinem eigenen Kopf hätte stammen können. Dieser unsägliche Lärm erinnerte Max an seine Zeit als Schrankenwärter – er hatte sich nämlich während seines Studiums der Musikwissenschaften und der Biologie gelegentlich bei der Eisenbahn verdingt, um sich die Anschaffung der teuren Musikinstrumente leisten zu können. Er empfand es stets als maßlose Beleidigung des ästhetischen Hörempfindens, wenn ein Güterzug an seiner Station bremsen musste und das stählerne Ungetüm dabei derart widerwärtig quietschte, dass es einen innerlich zerriss und man sich an Szenen aus dunkelsten Tagen der industriellen Revolution erinnerte, in denen rußverschmierte Kinder Kohlenberge auf keuchende Kesselwagen schaufelten. Eben jener Ton erschallte für mehrere Sekunden im Garten von Max an jenem Sonntagmorgen, als der Nebel sich in den Ästen der Buche verfing. Gleichzeitig schien sich der Wind, der vorher noch für eine angenehme Kühlung sorgen konnte, zu legen. Er räumte das Feld zugunsten einer für einen Spätsommermorgen seltenen, unangenehm stickigen Hitze. Für den Spätsommer ist dies nicht gerade typisch, eigentlich eher eine erfrischende, bereits auf den Herbst vorgreifende Luft. In einem Moment völliger Windstille begann ein schlingfüßiger Efeustrauch einen zittrigen Tanz, dem wohl eine geheime Choreografie zugrunde liegen mochte, da sich nur einzelne Blattgruppen an drei voneinander verschiedenen Stellen zu bewegen schienen. Aus der mittleren dieser drei Gruppen stieß allmählich eine Ranke hervor und bewegte sich in schlangenartigen Bewegungen in Richtung Max, freilich ohne dass dieser davon Notiz nehmen konnte.
Begleitet wurden die grünen Blätter von vier in der Formation einer Raute fliegenden Finken, die ihren Dienst wunderlicherweise völlig stumm verrichteten. Überhaupt war es zu diesem Zeitpunkt im Garten ungewöhnlich still geworden, selbst das ansonsten vorhandene, beruhigende Grundrauschen des Alltags hatte sich zurückgezogen, sodass man sich eher in einem künstlich schallisolierten Raum hätte wähnen können als ausgerechnet im grünen Garten eines Musikers.
Mit beängstigender Präzision zielte die Ranke auf den Liegenden ab, und als nur noch eine kurze Distanz zwischen der seltsamen Quadriga und Max lag, da trennten sich die Wege der Vögel und der Ranke. Die Vögel begannen in konzentrischen Kreisen um den Kopf von Max zu fliegen, und die Ranke legte sich gleich einer Würgeschlange, die ihr Opfer sanft, aber grausam erstickt, um den rechten Knöchel des ahnungslos Schlafenden.
Wenige Augenblicke später fand sich Max kopfüber hängend hoch erhoben in der Luft wieder. Die Ranke hatte ihn ganz plötzlich, wie auf ein verabredetes Zeichen hin, unvermittelt gepackt, gen Himmel gezogen und ihr Werk erst beendet, als eine Höhe erreicht war, aus der ein Sturz für einen Menschen sicher fatale Folgen gehabt hätte.
Gleich einem hilflos zappelnden Regenwurm am Haken des wartenden Anglers fand der Geiger Max von Relling sich nun im Luftraum über seinem Garten wieder. Er versuchte, seinen Missmut durch laute Schreie deutlich zu machen. Jedoch wollte ihm dies nicht gelingen, da die Bewegungen seines Mundes nicht zu einem Ton führen wollten, so, als würden die von ihm erzeugten Schallwellen kein geeignetes Trägermedium finden, das ihnen Hörbarkeit verleiht.
Panisch versuchte er mit abwehrenden Bewegungen, Herr seiner misslichen Lage zu werden, doch vergebens. Seine Arme hingen schlaff am Körper und reagierten nicht auf die Impulse, die ihnen gesandt wurden. Stattdessen schien Max in völliger Paralyse verharren zu müssen. Im nächsten Augenblick erschienen die vier Finken vor seinen weit aufgerissenen Augen, über deren Blickrichtung er noch die Kontrolle zu haben glaubte. Und er erkannte erschrocken, dass die Vögel in einem Punkt nicht dem entsprachen, was er in seinem Studium der Biologie gelernt hatte. Genau wie er kopfüber hing flogen die eigentlich possierlichen Wesen auf dem Rücken, wenngleich ihre kleinen Flügelchen die normale Ausrichtung aufwiesen und daher verkehrtherum dem Körper der Vögel anhafteten, was den Tieren ein äußerst sonderbares Aussehen verlieh.
Immer enger flogen die Vögel Kreise um den Unglücklichen, sodass er bereits den Windstoß ihrer gespenstischen und kolibriähnlich sirrenden Flügel spüren konnte. Plötzlich erklang jedoch wieder der schaurige Ton, der das Schauspiel kurz zuvor eingeleitet hatte. Mit derselben überraschenden Heftigkeit, mit der Max in die Höhe gerissen wurde, beförderte ihn die Schlingpflanze wieder in seinen Stuhl. Gleich einem Trapez­künstler hatte er sich während seines Rückwegs in Richtung des Erdbodens zu einigen unfreiwilligen Pirouetten gezwungen gesehen. Sie hatten in ihm diese drückende Karussell-Übelkeit hervorgerufen, die besonders Halbwüchsige, für Max völlig unverständlich, gemeinhin als Ziel ihrer Besuche verschiedener Fahrgeschäfte auf Rummelplätzen ansehen.
Die harte Landung im hölzernen Stuhl ließ Max aufschrecken. Eine ungewöhnlich lange Zeit war er sich nicht sicher, ob er wirklich wach oder nur in den nächsten Traum hinübergeglitten war. Ein untrügliches Indiz für vollkommene Vigilanz schien die unerträgliche Übelkeit – doch hatte er die nicht bereits einige Augenblicke vorher verspürt?
Zumindest war er wieder Herr seines Körpers, sodass er zu seiner eigenen Sicherheit die Funktionsfähigkeit seiner Gliedmaßen einer strengen Prüfung unterzog und durch komplexe Fingerübungen sicherzustellen versuchte, wieder in der Realität angekommen zu sein. Der von ihm zur eigenen Bezeugung seiner Stimmkompetenz kurzerhand laut formulierte Satz: „Ich sollte noch einen neuen Notenständer kaufen“, erschien ihm im nächsten Moment unverzeihlich und an Idiotie grenzend, denn es war ja Sonntag, sodass das von ihm stets besuchte Musikhaus Eschendorn selbstverständlich geschlossen hatte. Er hielt es seit Jahr und Tag für wesentlich besser sortiert als das deutlich größere Musikhaus Barkhau und deswegen nahm er sogar den weiteren Weg in den Ortsteil B. der Stadt K. auf sich.
Der Irrtum allerdings ließ seine letzten Zweifel verstummen, dass er den Zustand der Wachheit erreicht hatte, denn er hielt es für ausgeschlossen, dass man sich im Traum über seine eigene Schusseligkeit ärgern konnte.
Es war kalt geworden im Garten von Max von Relling. Nebelschwaden waberten durch den Garten und ihn fröstelte, sodass er beschloss, seine Pause zu beenden.
Auf dem Weg in sein Bürozimmer fiel ihm auf, dass auf dem Herd noch ein Rest Möhrensuppe stand, die er am Vorabend zubereitet hatte, was ihm ein behagliches Gefühl gab – es gab nämlich jeden Samstag Möhrensuppe. Außer am ersten Samstag im Monat, denn an dem ersten Wochenende jedes Monats fanden immer Konzertproben statt, sodass er praktisch nicht zu Hause war und daher keine Zeit zum Kochen fand.
In Vorfreude auf das Mittagessen und die Möhrensuppe, die ihm am zweiten Tag immer noch ein wenig besser schmeckte als am Tag ihrer Zubereitung, schloss er die Tür zu seinem Büro und setzte sich an seinen von einem befreundeten Antiquar zu einem, wie dieser meinte, ‚Spottpreis‘ erworbenen Schreibtisch aus Douglasienholz. Das ist bekanntermaßen eines der robusteren Hölzer. Er öffnete den Werbebrief seines Telefonanbieters, in dem ihm zum angeblichen Zwecke der Kostenersparnis nahegelegt wurde, einen teureren, aber mehr Leistungen umfassenderen Tarif zu wählen. Das lehnte Max aber innerlich brüsk ab aufgrund der Tatsache, dass er grundsätzlich nur sehr selten und wenn überhaupt so kurz wie möglich telefonierte. Den Schrieb faltete er daraufhin sechsmal in der Mitte der Seite, sodass ein aus 64 Lagen bestehendes papiernes Rechteck entstand – mehr Faltungen sind bei einem gewöhnlichen Blatt Papier mit bloßen Händen unmöglich. Da das geformte Gebilde aber rein mechanisch dazu neigte, sich von ganz allein einen Arbeitsschritt zurückzuentwickeln, befestigte er einen Streifen doppelseitigen Klebebands an der Innenseite des Rechtecks, um die Eigendynamik des Papiers zu zähmen und die Gestalt des Papiers zu gewährleisten. Anschließend legte er das so auf ein Minimum seiner Fläche reduzierte Papier unverzüglich, aber vorsichtig in den Papierkorb und besah sich, schlussendlich zufrieden, die optimierte Ordnung in seinem Abfallbehälter. Sie war sehr schön. Sehr perfekt.
In diesem Augenblick verspürte er den Beginn eines Kopfschmerzes, den er aber zunächst ignorierte, war es doch eher ein Unwohlsein als ein wirklicher Schmerz.
Bis zum Nachmittag aber wurde das Gefühl dröhnend und immer unangenehmer, sodass er sich an diesem Tag kurz nach Beginn seiner Busfahrt überlegte, die Fahrt zu verkürzen und bereits nach einigen, wenigen Haltestellen auszusteigen. Draußen huschten die für eine Vorstadt typischen Gebäude wie Baumärkte, Autohäuser, Fitnessstudios und Tankstellen durch das Blickfeld des Fahrgasts, als Max den Halteknopf drücken wollte, aber feststellen musste, dass just neben seiner Sitzreihe kein solcher Knopf existierte. Seltsam, dachte er, das ist mir noch nie aufgefallen, dass die Reihung der Knöpfe keiner logischen Anordnung folgt. Deshalb sah er sich gezwungen, bereits lange vor Halt des Busses aufzustehen, um zwecks Kundgabe seines Haltewunsches einen Knopf nahe der Hintertür zu drücken. Beim Aussteigen fiel ihm dann auf, dass er das Fehlen des Knopfes ja bisher auch nicht bemerkt haben konnte, da er bis zum heutigen Tage immer bis zur Endhaltestelle gefahren war und ein Drücken des Knopfes daher obsolet gewesen sei.
Max fand sich nun also auf dem Bürgersteig einer breiten, viel befahrenen Ausfallstraße der Stadt K. wieder und beschloss, dieser grässlichen Umgebung, die ihn unmittelbar nach dem Aussteigen mit einem vorbeifahrenden LKW begrüßt hatte, ohne viel Federlesens zu entkommen. Es hatte nämlich dazu geführt, dass sich seine Mimik wie beim Biss in eine saure Frucht verzogen hatte. Da seine Kopfschmerzen ihn inzwischen durchaus malträtierten und die hässliche Szenerie ihn massiv störte, beschloss er kurzerhand, ein Taxi nach Hause zu nehmen. Zu diesem Zweck drehte er seinen Körper um 180 Grad, streckte seinen rechten Arm mit erhobenem Daumen nach außen und ging langsam in Richtung der Innenstadt, wohlwissend, dass ‚jeder Meter bares Geld wert sei‘. Während er also mit weit ausgestreckter Hand die Straße entlangging und seinen Körper zur Stabilisierung seines Gangs dadurch etwas seitlich zur Straße eindrehen musste, blieb sein Blick plötzlich an seinem rechten Daumen haften. Dort erblickte er einen kleinen, braunen Punkt, der in etwa ein Viertel der Fläche des Daumennagels bedeckte. Aufgrund seiner Neigung zur Ansteckung mit grippalen Infekten aller Art und seiner daher sehr gründlichen Handhy­giene wurde er stutzig, sodass er unverzüglich die zweckmäßige Haltung seines Arms aufgab, stehen blieb und sich die fragliche Stelle genauer anschaute. Um die Herkunft des Flecks zu erfassen, rieb er den Daumennagel der anderen Hand mit derselben Bewegung, mit der man hartnäckige Verschmutzungen auf Porzellantellern beseitigt, an der braunen Stelle, musste aber feststellen, dass es sich nicht um einen Fleck, sondern um eine förmliche Erhebung handelte. Sie saß gleichsam auf dem Nagel und wies eine harte und raue Oberfläche auf. Um sicherzugehen, dass es nicht die mangelnde Kraft seiner Hände war, welche die Entfernung des Objekts verhinderte, rückte er seinem Daumen auch noch mit seinen Zähnen zu Leibe und versuchte so, das störende Ding loszuwerden. Doch auch dieser Versuch wollte nicht gelingen.
‚Wird schon nix sein, dachte Max, und hob wieder den Arm, um seine Suche nach einem Chauffeur in die Innenstadt fortzusetzen. Während er nun weiter die Straße rückwärts entlangging, war er unfähig, seinen Blick von seinem Daumen abzuwenden, zu ungewöhnlich war besagte bräunliche, warzen­ähnliche Modifikation seiner bogenführenden Hand.
Nach einiger Zeit gab er die Hoffnung auf, noch ein Taxi zu finden, drehte sich wieder in Laufrichtung und beschloss, den restlichen Weg nach Hause per pedes zurückzulegen. Während des gesamten Heimwegs fiel es ihm schwer, klare Gedanken zu finden, zu sehr war er in Sorge über die Veränderung seines Daumens.
Am nächsten Morgen erwachte Max von Relling aufgrund des monotonen Klingelns seines Weckers pünktlich aus einem erholsamen und komatösen Schlaf, den er in seinem Schlafzimmer genossen hatte. Dieses war karg ausgestattet mit einem großen, aus nüchtern weiß lackiertem Sperrholz hergestellten Bett und einem Nachttisch, auf welchem sich ein Glas Leitungswasser, eine Taschenlampe und ein Bild seines bereits in frühester Jugend verstorbenen Schnauzers Schorschi befanden. Ihn nannte er aufgrund eines kindlichen Sprachfehlers früher immer ‚Sotschi‘, woraufhin ihn seine Mutter Gisela von Relling penibel darauf hinwies, dass dies eine Stadt am Schwarzen Meer sei und er doch bitte auf eine korrekte Aussprache des Hundenamens achten möge.
Es war Montag. Das Wetter war über Nacht umgeschlagen, und durch das Küchenfenster beobachtete Max den steten Regen, der draußen niederging; kein starker, aggressiv prasselnder Regen, sondern ein gleichmäßig plätschernder Dauerregen, der den Erdboden dauerhaft mit Feuchtigkeit versorgte und eigentlich nur von Gärtnern, Landwirten und Melancholikern gemocht wird. Eigentlich war Max der Auffassung, dass das Wetter keinen Einfluss auf die Stimmung von Menschen haben sollte, er hielt dies für eine Problematik, der ein zivilisiert denkender Mensch keine Aufmerksamkeit schenken sollte, da ‚es doch genügend Möglichkeiten gibt, sich dem Wetter anzupassen und auf der anderen Seite können wir sowieso nichts am Wetter ändern‘. Doch heute verspürte er ein Wohlgefühl bei der Betrachtung des Regens, eine fast kindliche Freude und innerlich dürstete er danach, seine menschliche Behausung zu verlassen und sich ins Freie zu begeben.
Ihm war allerdings bewusst, dass diese Möglichkeit sich heute zunächst nicht ergeben würde, da er zur Mittagszeit mit den Philharmonikern der Stadt K., zu deren Stammensemble er seit langen Jahren gehörte, im großen Festsaal der städtischen Universität aufzutreten hatte. Anlass war der 125. Geburtstag der dortigen sprach- und literaturwissenschaftlichen Fakultät. Sie hatte zu einem dieser Festakte geladen, bei denen es gewöhnlich zum guten Ton gehörte, auf den Einladungskarten in Fettdruck darauf hinzuweisen, „dass der hochbegabte Pianist und Student X unserer Universität zur musikalischen Untermalung“ spielt. Und dann spielt er drei beliebige und austauschbare Stücke, die nichts miteinander zu tun haben, aus den verschiedensten Epochen der Musikgeschichte stammen und nur den Eindruck erwecken sollen, dass die Herren Professoren und Magnifizenzen sich bestens in den Werken beispielsweise der Wiener Klassik auskennen.
Da es sich aber um einen runden Geburtstag handelte und es auch an hochbegabten Pianisten mangelte, hatte man sich entschlossen, die Philharmoniker zu engagieren sowie zum Zwecke ihrer Bezahlung und im sicheren Bewusstsein, dass dies auf die Zuschauerzahl keinen signifikanten Einfluss haben würde, Eintrittsgeld für den Festakt zu verlangen. Aufgrund dieser Umstände stand Max dem Auftritt seines Orchesters skeptisch gegenüber, da er die Auffassung vertrat, dass ein renommiertes Orchester nicht dazu herhalten sollte, lediglich als ‚musikalische Untermalung‘ zu dienen. Überhaupt sei dieser Ausdruck ganz furchtbar, da man mit Musik nicht malt, sondern ihr lauscht und das im besten Falle hingebungsvoll, andächtig oder zumindest berührt.
Mit dem Erlernen des Geigenspiels hatte er schon mit fünf Jahren angefangen und er hatte es seitdem zu einiger Virtuosität gebracht, da er von frühester Jugend an sehr diszipliniert (manche sagten pedantisch) jeden Tag Geige spielte. Meistens übte er morgens nach dem Aufstehen, oft noch im Nachthemd und ohne Frühstück. Max war gemeinhin weniger an menschlicher Gesellschaft interessiert als an der Gesellschaft von Büchern, Gemälden und Musik. Aufgewachsen war er in einem wohlhabenden Elternhaus. Sein Vater Heinrich hatte es als Buchhändler zu einigem Wohlstand gebracht, mit dem er die Familie als Ausgleich für seine häufigen Reisen großzügig bedachte. In Max’ vierzehntem und seinem neunundfünfzigsten Lebensjahr schied er jedoch freiwillig aus dem Leben. Max’ Mutter fand ihn quer auf seinem Bett liegend, die Sandalen ordentlich ausgezogen und vor das Bett gestellt, mit einer Tüte über dem Kopf und gefalteten Händen. Heinrich von Relling hatte immer viel gearbeitet, wobei er das Buchhändlerdasein nie als Arbeit empfand. Als der Hausarzt ihm eine Makuladegeneration diagnostizierte, stand sein Entschluss fest: Ohne die Fähigkeit zu lesen wollte er nicht mehr länger leben. Gesagt, getan. Gefragt hatte er seinen Sohn Max nicht.
Seine Mutter arbeitete, vornehmlich, um ihren Schmerz zu vergessen, nach dem Tod ihres Mannes halbtags im städtischen Naturkundemuseum, das aufgrund seiner Dinosaurierausstellung (es gab dort sogar die riesige Nachbildung eines Brontosaurus) eine beachtliche Reputation auch über die Stadtgrenzen hinaus hatte. Da Max ein Einzelkind war, nahm ihn seine Mutter in den Schulferien immer mit ins Museum, wo er sich mit Vorliebe mit einem kleinen, roten Klappstuhl in den Raum mit den ausgestopften und präparierten ‚heimischen Tieren aus Feld und Flur‘ setzte. Dinosaurier interessierten ihn überhaupt nicht, sie waren ja schon lange tot. Dort las er dann Bücher, die er von zu Hause mitgenommen hatte, denn die von Rellings hatten eine gigantische Privatbibliothek mit einer großen Auswahl wichtiger Werke der Weltliteratur. Schon als Schüler am Gymnasium fiel Max vor allem dadurch auf, dass er im Deutschunterricht fast jedes Buch, das im Unterricht besprochen wurde, bereits gelesen hatte. Das brachte ihm allerdings mehrheitlich Häme und Spott ein, seine Kindheit hatte er daher nicht unbedingt in angenehmer Erinnerung. Max hatte sich aufgrund seiner Erlebnisse in der Schulzeit damit abgefunden, dass seine Mitmenschen ihm meist mit zurückhaltender Distanz begegneten. Er zog es vor, die Möglichkeit einer zwischenmenschlichen Enttäuschung durch die vollständige Vermeidung einer Beziehung auszuschließen, auch wenn seine Mutter ihm während seiner Schulzeit immer wieder versichert hatte, er sei ein „guter Junge“ und habe einfach nur Pech, dass er weiter sei als die anderen.
Im Bewusstsein der Notwendigkeit des rechtzeitigen Eintreffens am Konzertort hatte Max sich vorgenommen, einen Bus früher als nötig zu nehmen, um die Universität zu erreichen. Und er verließ, nachdem er seinen morgendlichen Kaffee – stark, schwarz und ohne Zucker – getrunken und seinen Geigenkoffer vorbereitet hatte, angesichts des bevorstehenden Pflichttermins recht missmutig das Haus. Die Bushaltestelle ‚Lindenallee‘ lag nur einige Schritte von seinem Grundstück entfernt. Nachdem Max den Schlüssel aus dem Schloss seiner Haustür gezogen und sich durch ein kraftvolles Rütteln des Schließerfolgs versichert hatte, begann er forschen Schrittes seinen Weg zur Haltestelle. Bereits nach einigen Sekunden aber begann sich in ihm ein Gefühl Bahn zu brechen, das er in seinem Leben noch nie verspürt hatte. Trotz der Sicherheit über ihr Vorhandensein war er zunächst nicht in der Lage, diese Regung adäquat einer bekannten menschlichen Emotion zuzuordnen. Verdutzt blieb er kurzerhand stehen.
Man kann sich nur schwer vorstellen, was Max von Relling in diesem Moment spürte. Eine Art innerer Durst überkam ihn, doch war es kein Durst, wie man ihn für gewöhnlich kennt und der durch ein Getränk, womöglich durch eine bunte Limonade, hätte gestillt werden können. Vielmehr schien jede einzelne Faser seines Körpers sich ausschließlich nach reinem, kaltem Wasser zu sehnen, sodass Max kurzerhand seinen Mantel ablegte, hektisch sein Hemd aufknöpfte, es von sich riss und sich unvermittelt mit freiem Oberkörper mitten auf der Straße wiederfand. Die Arme hatte er ausgebreitet wie ein indianischer Medizinmann, der Manitu für den erlegten Bison dankt und gierig den Regen auf seine Haut niederfallen ließ. Max tanzte wie ein Derwisch, drehte sich wie von Sinnen um seine eigene Achse und lachte laut auf, so wie er es zum letzten Mal getan hatte, als er sich unter dem Einfluss einer Flasche ‚Côtes du Rhône‘ darin versucht hatte, auf seiner Geige bekannte Weihnachtslieder wie ‚O Tannenbaum‘ rückwärts zu spielen.
Dieses seltsame Gebaren fand erst ein Ende, als der Bus, den er eigentlich nehmen wollte, an ihm und der Haltestelle vorbeisauste und Max so schlagartig klar wurde, dass er nun in Zeitdruck geraten würde. Als sei er gerade aus einem furchtbaren Albtraum erwacht, wurde sich Max mit einem Mal bewusst, dass er mit blanker Brust mitten in der Stadt stand, um ihn he­rum seine Kleidung und sein Geigenkasten, in sicherem Abstand einige Passanten, die sein Verhalten mit entgeistertem Gesichtsausdruck beobachtet hatten. Verstört über seinen ihm unerklärlichen und beschämenden Auftritt schnappte Max Hemd und Mantel und zog beide recht artistisch unter Fort­setzung seines Wegs zur Haltestelle an, wobei er sich wunderte, dass sein Körper vollständig trocken war und keinerlei Rückstände des Regenwassers an ihm hafteten.
Während er sich nach Erreichen der Haltestelle seines einigermaßen korrekten Kleidungsstils durch Blick in das nur leidlich spiegelnde Glasfenster des Wartehäuschens versichert hatte und nur sein etwas zerzaustes, spärliches Haupthaar bemängeln konnte, fiel sein Blick auf seinen Daumen. Die braune Stelle hatte sich im Vergleich zum vorherigen Tage erheblich vergrößert, sie bedeckte nun fast den gesamten Daumennagel und war auch in ihrer Dicke gewachsen, sodass die raue Oberfläche nun deutlich spürbar war und Max den Entschluss fasste, mit dieser Sache in der Folgezeit einen Dermatologen zu konfrontieren.
Einige Minuten später kam der Bus, zum Glück pünktlich. Nachdem Max hastig eingestiegen war, setzte er sich auf seinen glücklicherweise unbesetzten Lieblingsplatz in zweiter Reihe auf der rechten Seite des Busses.
Die Fahrt verlief unspektakulär und Max blieb etwas Zeit, um im Kopf noch einmal die Stücke durchzuexerzieren, die heute zu spielen waren. Besonderes Kopfzerbrechen bereitete ihm der dritte Satz des ‚Liedes von der Erde‘ von Gustav Mahler, da er dieses Stück noch nie vor Publikum hatte spielen müssen. Als Max von Relling dann die Haltestelle ‚Universität‘ erreicht und den Bus verlassen hatte, betrat er die Räumlichkeiten durch den Künstlereingang mit einer ihm fremden Unruhe und Nervosität, die er auf die Tatsache zurückführte, dass er sich möglicherweise unzureichend auf seinen Auftritt vorbereitet hatte.

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Leseprobe: Fiona – Entscheidungen (Band 2)

– SPOILER-ALARM! –

 

 

Ich beobachte die Welle, die der letzte Tropfen aus der Kaffeemaschine verursacht. Eine einsame, letzte Welle. Wie in Trance nehme ich die Tasse und gehe zurück in mein Büro.
Draußen ist es bereits dunkel. Die Stille deutet darauf hin, dass ich wieder als Letzte gehen werde. Beim Gedanken an James und Danny beschließe ich, dass dies schon bald geschehen wird. Ich schließe am PC das Mailprogramm und die Präsentation der aktuellen Geschäftszahlen. Als das letzte Fenster sichtbar wird, zögere ich.
Fiona Flame, steht da. Mein Name. Mein Name?
Ein Artikel in einer lokalen Zeitung, die Geschichte der Stadt während der letzten 10 Jahre. Immerhin eine halbe Seite über Steve Connor und in diesem Zusammenhang über mich. Hm. Ich überlege beim Lesen, ob ich das gut finde oder nicht. Bei der recht reißerischen Aufmachung tendiere ich eher dazu, es nicht gut zu finden. Ich lehne mich zurück und halte die Kaffeetasse mit beiden Händen fest. Die Erinnerung an die Ereignisse von damals kommt hoch. Etwas überrascht registriere ich, dass ich keinen Hass und auch keine Wut mehr auf Steve Connor verspüre.
Mir fällt der seltsame Besucher in der Nacht ein. Seitdem habe ich seine Visitenkarte immer bei mir. Zwei Jahre denke ich nun schon darüber nach, ob ich ihn anrufen soll. Sollte ich diesen Artikel in der Lokalpresse etwa als Hinweis sehen, dass eine Entscheidung fällig ist?
Ich krame die Karte hervor und lege sie neben das Telefon.
Drol Wayne, Rechtsanwalt.
In einem Anfall von Entschlossenheit nehme ich das Telefon und wähle die Nummer auf der Karte. Nach einer kurzen Wartezeit klingelt es auf der Gegenseite. Ich ertappe mich dabei, dass ich an meiner Unterlippe herumkaue und überlege, wieder aufzulegen. In diesem Moment geht jemand dran.
„Drol Wayne hier.“ Eine angenehme, unauffällige Männerstimme.
„Hallo“, erwidere ich und komme mir sofort dämlich vor.
„Hallo Fiona“, sagt die Männerstimme und ich höre förmlich, wie mein Gesprächspartner grinst.
„Sie wissen, wer ich bin?“
„Scheint so. Du bist Fiona Flame.“
„Als wir uns begegnet sind, hieß ich noch anders!“
„Das ist wahr. Aber in der Zwischenzeit hast du ja auch geheiratet.“
Ich atme tief durch. „Beobachten Sie mich etwa?“
„Nein, nicht gezielt.“
„Aber ungezielt. Na super. Wer sind Sie eigentlich?“
„Das ist die falsche Frage. Ich bin Drol Wayne.“
„Und was sind Sie?“
Er antwortet erst nach einer kurzen Pause. „Diese Frage ist schon nicht so einfach zu beantworten. Und am Telefon gar nicht. Zumindest will ich sie nicht am Telefon beantworten.“
„Wie dann? Persönlich?“
„Ja, wenn du die Antworten auf deine Fragen wissen willst, werden wir uns treffen müssen.“ Er wartet ein paar Sekunden, bevor er fortfährt. „Morgen, 5 Uhr nachmittags im Café LaSoleil?“
„Na, immerhin ein öffentlicher Platz.“
Er lacht. „Genau, du brauchst keine Angst davor zu haben, dass ich dich entführe.“
„Ich glaube, davor habe ich auch so keine Angst“, erwidere ich.
„Solltest du aber“, sagt Wayne, bevor er auflegt.
Ich starre das Telefon an und bin unbegeistert. Was meinte er damit denn? Ich versuche, mich an ihn zu erinnern. Das Licht ist damals eher dürftig und mein Zustand auch nicht gerade auf der Höhe gewesen. Doch meine Erinnerung enthält nichts, was auch nur annähernd einen Mann ergeben könnte, dem ich zutrauen würde, mich zu entführen. Trotzdem bleibt ein sehr ungutes Gefühl in mir zurück, sodass ich mich mehrmals umsehe, als ich das Büro verlasse und mit dem Aufzug in die Tiefgarage fahre. Hier ist es leer und still, nur mein Auto steht in der Nähe. Während ich langsam darauf zugehe, lausche ich in meine Umgebung hinein. Nur meine Schritte sind zu hören, und mein Atem. Kopfschüttelnd schließe ich meinen Wagen auf, steige ein und fahre los. So was Bescheuertes.
Ich fahre früh genug los, damit ich noch einkaufen kann. Danny hatte schon wieder ein paar Sachen zwischen die Zähne gekriegt, also verweile ich besonders lange in einem Dessous-Shop. In Anbetracht der Summe, die auf dem Kassenzettel steht, nehme ich mir fest vor, in Zukunft alles an Wäsche vom Boden aufzusammeln, bevor ich ins Koma falle, egal wie heftig und geil der Sex war.
Bevor ich in das Café gehe, packe ich den Einkauf in den Kofferraum des nur subtil bedrohlich wirkenden Kombis. Lediglich die vier dicken Endrohre verraten, dass der Wagen selbst Ferraris jagen kann.
Obwohl ich vor 5 Uhr im Café bin, ist Drol Wayne schon da. Er sitzt an einem Ecktisch, von wo aus er den gesamten Raum gut überblicken kann. In einem maßgeschneiderten, tadellos sitzenden, dunkelblauen Anzug, mit passender Krawatte und strahlend weißem Hemd.
Er gibt mir lächelnd die Hand.
Noch bevor wir ein paar Worte tauschen können, ist die Kellnerin da. Ich bestelle Cappuccino und Apfelkuchen, Drol Wayne eine zweite Tasse Kaffee, schwarz.
Dann betrachte ich ihn.
„Sie haben mich inzwischen richtig neugierig gemacht, Mr. Wayne“, bemerke ich schließlich.
„Warum?“
„Warum? Soll das ein Witz sein? Sie machen ja auf ziemlich mysteriös. Wäre ich abergläubisch, käme ich vielleicht sogar auf seltsame Ideen!“
„Auf welche denn, zum Beispiel?“
Ich mustere ihn misstrauisch. „Können Sie sich das nicht denken?“
„Es spielt keine Rolle, was ich denken kann oder denke“, erwidert er. „Wichtig ist lediglich, was du denkst oder fühlst. Um dich geht es, nicht um mich.“
„Wieso geht es um mich? Mit mir ist alles in Ordnung, mein Leben endlich auf der Geraden. Mir ist überhaupt nicht nach irgendwelchen Abenteuern. Ich will weder angeschossen noch verprügelt werden, falls Sie wissen, was ich meine!“
„Oh ja, das weiß ich durchaus. Aber leider kann ich diesem Wunsch nicht entsprechen. Schließlich hast du dir diesen Weg ausgesucht.“
„Welchen Weg?“, frage ich und merke, wie mein Adrenalinspiegel in die Höhe geht.
„Den Weg der Kriegerin.“
„Aha. Hören Sie, Sie Komiker …“ Ich unterbreche mich, als die Kellnerin mit unserer Bestellung kommt. Ich bezahle direkt, dann betrachte ich meinen Kuchen. Seufzend trenne ich mit der Gabel ein Stück ab und führe es in meinen Mund. Kauend sage ich zu Wayne: „Ich weiß nicht, wer oder was Sie sind und woher Sie all das wissen, was Sie wissen, aber ich bin nur eine einfache, junge Frau, die zufällig mal in ein Abenteuer geraten ist, das Aufregung genug für den Rest meines ganzen Lebens geboten hat.“
„Nicht zufällig“, widerspricht Wayne.
„Wie, nicht zufällig?“
Jetzt ist es an Wayne zu seufzen. Er nippt an seinem Kaffee, bevor er mir antwortet. „Glaubst du wirklich, du hast all deine Talente, all deine Fähigkeiten nur zufällig?“
„Welche Talente meinen Sie?“ Mir gefällt es überhaupt nicht, welche Wendung dieses Gespräch nimmt. Überhaupt und gar nicht.
„Hör zu, Fiona, lass uns mit diesem Spielchen aufhören und offen miteinander reden. Einverstanden?“
Ich verkneife mir eine zynische Bemerkung und nicke.
„Schön. Du weißt genau, was ich meine. Und ich weiß, dass du dir da durchaus deine Gedanken dazu gemacht hast. Die Tatsache, dass du hier sitzt, ergab sich daraus, dass du mich angerufen hast. Warum hast du mich angerufen?“
„Ich weiß es nicht.“ Ich stochere lustlos in den Resten meines Kuchens rum. „Ich wurde an diese Geschichte durch einen Zeitungsartikel erinnert. Und da fielen Sie mir eben auch ein. Und dass das alles ziemlich seltsam war.“
„Was genau war seltsam?“
Ich blicke ihn an. „Jetzt spielen Sie, Wayne.“
„Ich möchte, dass du es aussprichst.“
„Also schön, ich fand es seltsam, dass ich das alles durchgehalten habe. Ich fand es seltsam, dass ich nach zwei Wochen aus dem Krankenhaus ging und weitermachte wie davor. Ich fand es schon seltsam, dass ich da 9 Männer mal eben zusammenschlug. Eigentlich fand ich so ziemlich alles seltsam.“
„Und welche Erklärung hast du dafür?“
„Wenn ich ganz ehrlich bin, gar keine.“
Drol Wayne lächelte. „Eine ehrliche Antwort. Dann ist es also an mir, dich darüber aufzuklären.“
„Ich bin sehr gespannt, was ich jetzt zu hören kriege. Wahrscheinlich bin ich Teil eines ultrageheimen Regierungsexperiments. Oder so was.“
„Nicht ganz. Die Regierung hat nichts damit zu tun. Wenn ihr davon was bekannt wäre, würde sie sich vermutlich auf euch stürzen …“
„Auf uns?!“
„Du bist damit nicht allein. Es gibt auf der ganzen Erde ein paar tausend Menschen mit vergleichbaren Fähigkeiten.“
„Okay, ich habe Ihnen fast geglaubt. Aber das wird mir jetzt zu verschwörungstheoretisch. Ich gehe jetzt.“
Wayne sieht mich lächelnd an, als ich Geld auf den Tisch lege und sagt ruhig: „Du kannst gehen, wohin du willst, du bist ja frei. Aber deinem Schicksal entkommst du nicht. Übrigens hast du schon bezahlt.“
„Ach du Scheiße, das wird jetzt melodramatisch. Welchem Schicksal denn, großer Meister? Das Geld lasse ich liegen, die Kellnerin wird sich freuen.“
„Du bist eine Kriegerin. Deine Kräfte und Fähigkeiten hast du bekommen, weil du mit ihrer Hilfe Gott dienen sollst und willst.“
„Will? Ich weiß ja nicht einmal was davon!“
„Du hast dich dafür entschieden, bevor du geboren wurdest.“
„Okay, also melodramatisch und esoterisch. Was haben Sie noch auf Lager, alter Mann? Hat Ihnen das alles ein Engel erzählt?“
„Nein“, erwidert Wayne grinsend. „Die Engel geben bei mir höchstens ihre Berichte ab.“
„Oha. Sie sind sogar so was wie der Chef von den Engeln. Das ist ja eine ganz neue Dimension. Sagen Sie mal, Sie sind doch nicht etwa inkognito hier unterwegs und heißen mit echtem Namen Gott?“
„Nein, Gott gibt sich mit einzelnen Planeten nicht ab. Dafür hat er seine Statthalter.“
Ich setze mich wieder. Vielleicht rufe ich gleich die von der Irrenanstalt an, und dann muss ich ihn ja festhalten, bis die Jungs da sind.
„Und Sie sind so ein Statthalter? Für die Erde, richtig?“
Er nickt. „Das ist korrekt.“
„Da müssten Sie ja ziemlich mächtig sein und so ziemlich alles wissen, was auf der Erde abläuft.“
„Ich bin ja nicht Gott. Aber ich weiß schon eine Menge, das stimmt.“
„Können Sie denn auch Gedanken lesen?“
„Nicht ohne deine Zustimmung. Das kann nur Gott.“
„Oha, Gottes Hausmeistergilde hat so was wie eine Datenschutzverordnung. Das beruhigt mich grad etwas.“
„Ich mag deinen Humor, Fiona. Natürlich könnte ich mit Leichtigkeit beweisen, dass alles wahr ist, was ich sage. Allerdings haben wir Statthalter uns verpflichtet, uns so wenig wie möglich in die Angelegenheiten der Bewohner unserer Planeten einzumischen. Zumindest direkt. Das ist die Aufgabe der Krieger, für Ordnung zu sorgen. Besser gesagt, für das Gleichgewicht. Ganz ohne Batmanmaske und so.“
„Jetzt bin ich noch mehr beruhigt. Ich muss also keine Maske, Uniform und so ein Zeug tragen?“ Ich wische den imaginären Schweiß von meiner Stirn ab. „Aber wie erfahre ich dann, dass es was zu tun gibt für mich?“
„So wie bisher auch.“
„Ach? Ich habe doch noch gar nichts für den Kriegerverein getan.“
„Doch. Mit allem, was du tust. Was du bist. Du bist Fiona, die Kriegerin. Du hast die Vergewaltigung überstanden, du hast Prügel überstanden, die Schusswunden, du hast bei einem Glas Milch vor der Glotze mitten in der Nacht erkannt, dass dein Onkel hinter dem Pornoring steckt, du hast …“
„Moment mal! Woher wissen Sie das mit dem Glas Milch? Ich glaube einfach nicht, dass James das jemandem erzählt hat!“
„Hat er auch nicht. Ich sagte ja, dass ich eine Menge weiß. ­Fiona, es liegt an dir, ob und wann du die Fakten akzeptierst. Dass es wahr ist, was ich sage, spürst du genau. Weitermachen macht aber nur Sinn, wenn du es akzeptierst.“
„Ich bin mir nicht sicher, ob ich das will. Denn wenn das wirklich stimmt, kann ich mein ganzes Weltbild über Bord werfen.“ Ich betrachte mürrisch die Kellnerin, die kommt, um den Tisch abzuräumen. Bei der Gelegenheit bestelle ich noch einen Kaffee.
„Warum denn?“, fragt Wayne, als die Kellnerin wieder abgezogen ist.
„Weil mein Weltbild weder Gott noch seine Statthalter enthält, darum!“
„Dann erweitere es doch einfach“, schlägt Wayne vor. „Wieso glaubt ihr Menschen, dass euer Weltbild direkt zerstört wird, bloß weil ihr was Neues erkennt? Du hast 26 Jahre lang diese Welt schon erfahren, all das ist doch nicht einfach weg oder falsch.“
„Hach! Erwischt! Ich bin erst 25!“
„Ja, du wurdest am 30. Mai 1980 geboren, aber du wurdest am 6. August 1979 gezeugt. Deine Mutter lag dabei auf dem Rücken, dein Vater hat exakt 5 Minuten und 37 Sekunden bis zum Samen­erguss gebraucht.“
„Scheiße!“ Ich starre ihn entgeistert an. „Vorhin dachte ich noch, es gäbe so was wie Intimsphäre!“
„Gibt es auch. Solche Informationen rufe ich nur in einzelnen Situationen ab, in denen es sinnvoll ist. Es gibt keine Aufzeichnungen dazu.“
„Und woher wissen Sie es dann?“
„Die Regeln von Raum und Zeit gelten für mich nicht.“
„Sie könnten also jeden einzelnen Orgasmus von mir, wie sagten Sie es doch, abrufen?“
„Wenn ich das unbedingt wollte, dann ja.“ Wayne lächelt. „Es verschafft mir nichts, das zu wissen. Dass du Sex und dabei Spaß hast, ist fein. Aber es ist deine Sache und im Moment noch von James.“
„Im Moment noch?“
„Im Moment. Noch war eine Addition. Und du hattest keineswegs nur mit James Sex in deinem Leben.“
„Äh … das stimmt.“
Wayne lehnt sich zurück und mustert mich eindringlich. Er macht mich nervös damit. Eine Zeit lang beherrsche ich mich, aber schließlich fahre ich ihn an: „Was soll das?“
„Wie machen wir jetzt weiter? Ich bin mir nicht sicher, ob du schon bereit bist, deine Aufgabe zu akzeptieren.“
„Das sehe ich genauso“, erwidere ich.
„Das Problem ist, dass du jetzt, wo du es weißt, viele Dinge wahrnehmen wirst, die du bis jetzt einfach ausgeblendet hast. Und diese Dinge werden dich erschrecken, wenn du auf sie nicht vorbereitet wirst. Im schlimmsten Fall könntest du wahnsinnig werden.“
„Reizende Aussichten. Eigentlich habe ich also gar keine Wahl.“
„Doch, die Wahl hast du, immer.“
Mir kommt plötzlich eine Idee und ich lehne mich vor, während ich zu ihm sage: „Irgendwie ist das alles unlogisch. Wenn Sie außerhalb von Raum und Zeit sind, wieso nutzen Sie Begriffe des Zeitverlaufs?“
Wayne lächelt freundlich. „Weil du dich nur in diesen Begriffen mit mir unterhalten kannst. Die Unlogik liegt nicht bei mir, sondern bei dir. Ein Wesen der vierdimensionalen Welt kann nur vierdimensional mit anderen Wesen reden, selbst wenn diese fünfdimensional sind. Du kannst die fünfte Dimension einfach nicht wahrnehmen.“
„Heißt das, was ich hier als Drol Wayne wahrnehme, ist nur die vierdimensionale Abbildung von ihm?“
„So ungefähr“, antwortet er.
„Und ich bin nur vierdimensional?“
„Das ist nicht ganz so einfach. Genaugenommen gibt es so was wie Zeit und Raum überhaupt nicht. Aus Gründen, die du nicht verstehen kannst, hast du dich entschieden, eine vierdimensionale Manifestierung von dir zu erschaffen, nämlich Fiona Carter. Wenn du willst, einen Avatar. Das, was von dir Fiona Carter ist, das ist vierdimensional.“
„Das verstehe ich nicht.“
„Kannst du auch nicht verstehen. Dazu müsstest du dich von deiner Manifestierung lösen. Und das wäre der Tod von Fiona Carter.“
„Was ist denn mit außerkörperlichen Erfahrungen?“
„Du hast recht. Aber bei einer außerkörperlichen Erfahrung bleibt die Manifestierung bestehen und die Wahrnehmung der wirklichen Welt bleibt sehr unscharf. Zumindest vermitteln solche Erfahrungen eine Ahnung von dem, was außerhalb der Grenzen der raumzeitlichen Existenz noch alles da ist.“
„Also haben die ganzen Esoteriker recht?“
„Sagen wir es mal so: Sie haben nicht ganz unrecht. Manche haben diese Ahnung erlebt und im Ansatz auch verstanden. Aber sie sind die Ausnahmen. Die meisten wissen nicht, wovon sie reden.“
„Prima, dann gibt es also die ganzen Engel und Dämonen gar nicht!“
Wayne lächelt. „Doch, die gibt es, und noch viel mehr. Sie sind Teil des Spiels, das ihr Menschen erschaffen habt. Alles, was ein Mensch sich vorstellt, wird Manifestierung. Selten so, wie er es sich vorgestellt hat, denn alle Menschen stellen sich was vor, und das beeinflusst das Ergebnis massiv. Vor allem ist das Ergebnis dynamisch, ständig in Bewegung, immer im Fluss.“
„Autsch.“
„Deswegen gibt es die Krieger. Die Aufgabe der Krieger ist es, das Gleichgewicht zu wahren. Krieger müssen eingreifen, wenn das Gleichgewicht bedroht wird. Das kann immer wieder passieren, eigentlich ist das völlig normal und alltäglich.“
„Was bedeutet es, das Gleichgewicht wahren?“
„Das kann ich dir nicht erklären, das musst du und wirst du spüren. Du wirst spüren, wann du und wie du eingreifen musst. Dafür hast du dich entschieden, bevor du dich manifestiert hast.“
„Warum?“
„Es liegt außerhalb der Möglichkeiten von Fiona Carter, das zu verstehen.“
„Ich heiße Fiona Flame.“
„Namen sind ohne Bedeutung. Du hast dich als Fiona Carter manifestiert.“ Wayne trinkt den letzten Schluck aus seiner Tasse und verzieht das Gesicht. „Kalter Kaffee schmeckt scheußlich.“
Ich grinse ihn süffisant an. „Das stimmt.“
Sein Lächeln verrät, dass er verstanden hat. „Es gibt ja Rezepte, für die man kalten Kaffee benötigt.“
„Auch das stimmt. Aber zusätzliche Bestandteile sind notwendig. Ohne sie schmeckt kalter Kaffee einfach nur ätzend.“
„Da kann ich dir nur zustimmen“, sagt Drol Wayne nickend. „Deswegen die Frage an dich: Was kann ich dir noch sagen? Was möchtest du noch wissen?“
„Ob ich das alles noch träume? Diesen ganzen Schwachsinn.“
„Diese Frage wirst du dir schon selbst beantworten müssen. Niemand außer dir kann das wissen und entscheiden, was du als Wahrheit und Realität akzeptierst und was nicht.“
„Oh Gott … das ist nun wirklich unterste Schublade von fader Esoterik, finden Sie nicht?“
„Das kommt darauf an, in welchen Kontext du es stellst, ­Fiona. Auch die Physiker werden dir nichts anderes sagen, denn schließlich ist Licht, das du mit deinen optischen Rezeptoren wahrnimmst, doch nichts anderes als ein kleiner Ausschnitt sämtlicher Strahlungsfrequenzen – und damit nur ein kleiner Ausschnitt der gesamten Welt der Strahlung. Und auf die gleiche Weise ist das, was du glaubst, was du als Realität wahrnimmst, nichts weiter als ein kleiner Teil dessen, was durch deine Rezeptoren in dich gelangt. In jedem Sekundenbruchteil triffst du immer wieder die unbewussten Entscheidungen darüber, was für dich legitime Wahrheit ist und was nur ein flüchtiger Gedanke oder gar eine Einbildung oder eine Halluzination.“
„Ja, klar. Bloß, bei der Strahlung, da gibt es ein definiertes Spektrum, höchste und niedrigste Frequenz. Was für ein Glück, dass ich Physik als Abiturfach hatte. Wie ist es denn mit dem Spektrum der Wahrheit?“
„Was ist die höchste und die niedrigste Frequenz?“
Ich überlege kurz. „Zumindest die niedrigste ist klar. Die, die nach Null konvergiert.“
„Das hast du aber schön gesagt“, sagt Drol Wayne lächelnd. „Was macht dich da denn so sicher?“
„Weil das in etwa 0 Kelvin entspricht. Darunter geht nichts.“
„Und das weißt du genau? Woher eigentlich?“
Ich sehe ihn an und überlege, wie ernst ich den Schwachsinn nehmen soll. Das ist die Art von Diskussionen, die ich schon immer gehasst habe. „Hören Sie, Sie Platonverschnitt, natürlich weiß ich das nicht. Niemand kann das wissen.“
„Eben.“ Drol Wayne winkt der Kellnerin. „Das ist ein wichtiger Punkt. Ihr Menschen neigt stark dazu, Aussagen über Dinge zu treffen, von denen ihr gar nichts wisst. Und dann tut ihr so, als hättet ihr die Wahrheit beschrieben. Und das macht euch blind für eure Welt. Im Übrigen gilt das für die Esoteriker, die du angesprochen hast, genauso. Sie sind ebenso blind wie die sogenannten Naturwissenschaftler und alle anderen. Halt alle. Oder fast alle.“
Drol Wayne bestellt ein Glas Wasser bei der Kellnerin, ich nichts. Dann frage ich ihn: „Was meinen Sie mit fast alle?“
„Es gibt Menschen, die lösen sich von der Idee der Wahrheit, der Wirklichkeit, der Realität, der Subjektivität und Objektivität und so fort. Das sind alles Konzepte, die Sinn machen und lebenswichtig sind, solange man die Sicherheit der eigenen Existenz braucht, um die Angst vor der eigenen Vernichtung in Schach zu halten. Es gibt aber Menschen, wenn auch nur ganz wenige, die es geschafft haben, hinter diese Angst zu blicken. Sie brauchen solche Konzepte nicht mehr.“
„Na ja, wenn sie ja keine eigene Existenz mehr haben, brauchen sie natürlich solche Konzepte auch nicht.“
„Die Sicherheit der eigenen Existenz ist nicht dasselbe wie die eigene Existenz, und schon mal gar nicht dasselbe wie Existenz“, erwidert Drol Wayne lächelnd. „Ich denke, eine solche Diskussion ist aber müßig. Ging es doch eigentlich um die Frage, ob du diesen Schwachsinn alles träumst.“
„Ach ja, genau! Mir kommt er zwar grad sehr real vor, aber vielleicht ist es doch nur ein Traum.“
„Dann finde es heraus, Fiona.“
„Würde ich ja gerne, wenn ich wüsste, wie!“
„Dazu müsstest du den Unterschied kennen.“
„Wieso wusste ich, dass jetzt so eine Antwort kommt?“
Drol Wayne lächelt mitleidig. „Weil du dir das gewünscht hast, und ich wollte dich nicht enttäuschen. Warum ist es dir eigentlich so wichtig, ob es real ist oder ein Traum? Nicht nur, dass du den Unterschied nicht wirklich erklären kannst, darüber hinaus kann ich mir keinen Grund vorstellen, warum es eine Rolle spielen sollte. So oder so erlebst du es jetzt gerade.“
„Leider“, sage ich seufzend.
„Was hast du also zu verlieren?“
„Mein Leben, wenn ich grad wach bin.“
„Wirklich? Glaubst du das ernsthaft?“
„Ich hoffe das sehr! Sonst bestünde die Gefahr, dass mein Onkel plötzlich auftaucht!“
Drol Wayne trinkt sein Wasser und legt dann Geld auf den Tisch. „Ich denke, du hast erst einmal genug erfahren. Was du daraus machst, ist deine Entscheidung. Niemand kann und wird dir diese abnehmen.“
„Wayne …“
Er blickt stehend auf mich herab. „Ja, Fiona?“
„Sie sind doch außerhalb von Zeit und Raum, dann wissen Sie doch, wie es mit mir weitergeht?“
Er grinst süffisant. „Netter Versuch, Fiona.“
Ich beobachte ihn, als er das Bistro verlässt. Die Kellnerin kommt, um Waynes Glas abzuräumen, und ich bestelle einen Martini. Ich würde in Drol Wayne gern einen Spinner sehen, aber leider gibt es ein paar Gründe, ihn und das, was er sagte, ernst zu nehmen.
James sitzt an seinem Laptop, als ich nach Hause komme. Ich lege die Arme von hinten um ihn und drücke meine Wange an seine.
„Was ist passiert?“, fragt James.
Ich muss lachen. „Vor dir kann ich keine Geheimnisse haben, mein Schatz. Bin ich für dich wirklich ein offenes Buch?“
„Na, jetzt hast du es mir schon mitteilen wollen, dass etwas passiert ist. Kann nicht wissen, wann du etwas vor mir verschweigst und ich es nicht mitkriege.“
„Niemals!“, antworte ich entrüstet.
„Okay“, erwidert James lächelnd. „Also gut, erzähl mal, was hast du erlebt?“
„Ich möchte ein Glas Rotwein, bitte.“
Während ich mich nackt ausziehe und auf das Sofa werfe, holt James eine Flasche und zwei Gläser, schenkt uns beiden ein und setzt sich neben mich – angezogen. Ich ziehe eine Schnute.
„Ich bin wohl alt und hässlich?“
„Nein, aber wenn ich mich auch ausziehe, erzählst du mir nichts. Vielleicht ziehe ich mich nachher zur Belohnung aus.“
„Du bist gnadenlos und gemein. Cheers!“
Lächelnd nimmt er einen Schluck aus seinem Glas. „Nun?“
Während ich überlege, womit ich anfange, fällt mir alles wieder ein, was Drol Wayne erzählt hat. Ich setze mich mit angezogenen Beinen auf das Sofa. Dann blicke ich James in die Augen.
„Für was hältst du mich?“
„Wie meinst du das?“
„Beantworte einfach die Frage mit dem, was dir spontan dazu einfällt. Für was hältst du mich?“
„Okay.“ James holt tief Luft. „Ich halte dich für eine ganz besondere junge Frau, die noch nicht genau weiß, was sie vom Leben will.“
Ups. „Du meinst, ich bin auf der Suche?“
„Ob du auf der Suche bist? Keine Ahnung. Man muss nicht auf der Suche nach etwas sein, was man nicht hat. Nein, ich habe bis jetzt eher nicht den Eindruck, dass du auf der Suche warst. Vielleicht hat sich das gerade geändert.“
Ich kaue auf meiner Unterlippe rum, allerdings nur kurz, denn James beugt sich zu mir rüber und berührt meine Unterlippe mit dem Mund. Sofort öffne ich meinen Mund und begehre mit der Zunge Einlass. Lächelnd zieht sich James wieder zurück.
„Das sieht zwar sehr sexy aus, wenn du an deiner Lippe rumnagst, aber selbstverletzendes Verhalten dulde ich nicht“, sagt er.
„Arschloch.“ Ich begieße meinen Kummer mit Wein. „Erinnerst du dich an Drol Wayne?“
James schüttelt den Kopf. „Sollte ich? Wer ist das?“
„Nein, solltest du nicht. Aber es hätte trotzdem sein können. Er war damals, vor zwei Jahren, nachts an meinem Bett und hinterließ mir seine Visitenkarte.“
„Ich erinnere mich“, sagt James nickend.
„Ich habe ihn heute, vorhin, getroffen.“
„Aha. Muss ich eifersüchtig sein?“
„Auf Drol Wayne? Nein, eher nicht.“ Ich kriege einen Lachkrampf, verschütte das halbe Glas und brauche eine Weile, um mich wieder zu beruhigen. Danach schenkt mir James neuen Wein ein und hält mir das Glas hin.
„Nächstes Mal gib mir das Glas erst, okay?“
„Ja, okay, mein Schatz.“ Ich nehme einen großen Schluck. „Drol Wayne behauptet, der Statthalter Gottes auf der Erde zu sein.“
„Aha.“
„Ja, so ging es mir auch. Dann erzählte er noch, ich sei eine Kriegerin. Ich hätte mich vor der Zeugung dafür entschieden, um auf diese Weise mit für das Gleichgewicht zu sorgen.“
„Für das Gleichgewicht von was?“
„Das konnte er mir leider nicht so ganz genau sagen. Ich nehme an, irgendwie für das Gleichgewicht zwischen gut und böse. So ähnlich jedenfalls.“
James mustert mich nachdenklich. „Was denkst du?“
Ich seufze. „Ich kann ihn leider nicht nicht ernst nehmen. Dazu wusste er zu viel über mich. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was ich davon halten soll. Ich meine, was vor zwei Jahren passiert ist, das geht doch eigentlich darüber hinaus, was eine 23jährige tun könnte. Oder?“
„Da ist was dran“, sagt James. „Kann eine Kriegerin denn so was?“
„Ja, ich glaube schon. Auch das mit dem schnellen Heilungsprozess würde da gut ins Bild passen.“ Ich kratze mich am Kopf. „James, wenn das alles wahr ist, dann ist mein gesamtes bisheriges Weltbild für den Arsch!“
„Warum?“
„Was?“ Ich starre ihn entgeistert an.
„Warum eigentlich? Was in deinem bisherigen Weltbild schließt die Möglichkeit aus, dass du kein Mensch wie alle anderen bist? Oder dass es so was wie Gott gibt? Wieso sollte es nicht reichen, dass du dein Weltbild einfach erweiterst? Wieso muss es gleich für den Popo sein?“
„Jaaames …“
„Ja?“
„Ich vernasch dich gleich, wenn du noch mal Popo sagst!“
„Es macht dich an, wenn ich Popo sage?“ Jetzt ist es an James, entgeistert zu blicken.
Statt einer Antwort nehme ich seine Hand und führe sie zwischen meine Oberschenkel. Seine Augen weiten sich. „Okaaaay …“
„Also, Schatz, wenn wir weiter diese Sache mit dem Weltbild und so besprechen sollen, dann unterlass es bitte, mich zum Auslaufen zu bringen.“
„Ich werde mich bemühen.“
„Sehr gut.“ Ich atme tief durch. „Also, Weltbild. Ich weiß eigentlich gar nicht genau, was ich für ein Weltbild habe. So klar habe ich es mir noch nie definiert.“
„Wie fast alle Menschen.“
„Scheiße … wir vegetieren eigentlich so dahin, oder?“
„Möchtest du auf die Metaebene, mein Schatz?“
„Du bist echt ein Arschloch, mein Schatz. Nein, möchte ich nicht. Ich möchte eigentlich nur irgendwie einen Weg für mich finden, mit dieser Geschichte umzugehen.“
„Und warum denkst du dann darüber nach, statt es zu tun?“
„Du bist manchmal erstaunlich pragmatisch, mein Lieber!“
James grinst. „Oh oh, jetzt wird aus Schatz Lieber. Sollte ich mich in Acht nehmen? Ich bin doch immer pragmatisch. Das weißt du doch.“
„Hm.“ Ich trinke den Wein aus. „Gut, dann werden wir jetzt ganz pragmatisch ficken. Und ich dulde keine Widerrede!“
„So auf Kommando? Vergiss es. Das Mindeste ist, dass du mich fängst.“
„Kein Problem … hey, wir haben noch gar nicht angefangen!“ Ich stelle hastig das Weinglas ab und laufe hinter James her, der natürlich einen erheblichen Vorsprung hat. Für sein Alter ist er ja ziemlich fit. Ich hole ihn erst im Garten ein und werfe mich auf ihn. Wir rollen uns im Gras, bis ich es schaffe, auf ihm zu liegen.
„Wir könnten beobachtet werden“, sagt er grinsend.
„Das ist mir scheißegal“, erwidere ich und reiße ihm die Kleider vom Leib.
Ihm ist es dann auch egal. Er stöhnt auf, als ich ihn in mich eindringen lasse, dann verschließe ich seinen Mund mit meinem. Wir lieben uns lange und intensiv.
Später stehen wir frisch geduscht und angezogen vor der Tür meiner Eltern, um Danny abzuholen, der heute seinen Tag hier verbracht hat. Wenn meine Eltern schon kein Enkelkind haben, dann toben sie sich wenigstens an Danny aus, der das durchaus zu würdigen weiß. Dennoch begrüßt er uns freudig bellend, nachdem ich die Tür aufgeschlossen habe, um dann sofort begeistert zurückzurennen. Er ist mit irgendwas noch nicht fertig, und ich bin mir sehr sicher, dass es sich dabei um Essen handelt.
Wir finden ihn und meine Eltern im Salon, alle drei beim Abendessen.
„Wollt ihr auch was essen?“, fragt meine Mutter zum Empfang. „Nicholas, würden Sie noch …“
„Stopp!“, rufe ich. „Ich habe keinen Hunger. Was ist mit dir, James?“
James winkt ab.
„Schade. Ganz sicher nicht?“
„Ganz sicher, Mama. Eigentlich wollten wir nur Danny holen.“
„Aber ihr bleibt doch wenigstens auf einen Drink?“, erkundigt sich mein Vater. Dabei grinst er andeutungsweise.
„Das können wir machen. Wir setzen uns schon mal in den Garten, ihr könnt in Ruhe zu Ende essen und kommt dann nach. Einverstanden?“
Mama nickt seufzend. Ich nehme James an der Hand und ziehe ihn mit mir nach draußen auf die Terrasse, wo ich tief durchatme.
„Ich liebe meine Mutter wirklich und aufrichtig, aber manchmal nervt sie mich auch gewaltig!“
„Und ich dachte, so ein Orgasmus entspannt.“
„Einer??“
„Dann erst recht.“
Nicholas tritt auf die Terrasse und fragt nach unseren Wünschen. Ich entscheide mich für einen Whisky on the rocks, James nimmt einen Martini. Mit dem Glas in der Hand stelle ich mich neben den Pool und betrachte den Garten. Es fällt mir immer noch schwer, mir vorzustellen, dass Norman nicht mehr zwischen den Bäumen rumtobt. Ich spüre die Nähe von James. An meinem Whisky nippend starre ich zwischen die Bäume und habe das Gefühl, Schatten hin und her huschen zu sehen. Vielleicht sollte ich meinen Alkoholkonsum drosseln.
Ich erschaudere.
„Ist dir kalt?“, erkundigt sich James.
Kopfschüttelnd drehe ich mich zu ihm um. „Ich sehe wohl Gespenster. Musste grad an Norman denken.“
„Ja, ich habe manchmal auch das Gefühl, er spukt hier als Geist rum.“
Ich sehe ihn überrascht an.
„Das war metaphorisch!“, sagt er.
„Vielleicht gibt es ja Geister. Wenn es Gottes Statthalter gibt, könnte es ja auch Geister geben, oder?“
„Ja, vielleicht.“ James zieht mich an sich, und ich schmiege mich bereitwillig an ihn.
Der Abend wird dann doch noch ganz lustig. Mein Vater und James erzählen abwechselnd Anekdoten aus ihren eigentlich ganz unterschiedlichen Leben. Als wir schließlich nach Hause gehen, ist es schon dunkel und deutlich kühler. Wieder habe ich das Gefühl, Schatten zwischen den Bäumen hin und her huschen zu sehen.
Ich schließe die Augen.
Mein Gott, geht das Meeting denn nie zu Ende? Ich habe Mühe, den Ausführungen von George zu folgen, dabei ist es wichtig. Es war schließlich meine Idee, die er versucht, buchhalterisch zu erfassen. Ich atme unhörbar ein und konzentriere mich auf die Leinwand und die Grafik darauf, die der Projektor dorthin wirft.
Muss ein CEO wirklich was von Buchhaltung verstehen? Ich beschließe, dass ja, wenn er nicht verarscht werden will. Wenigstens die Grundbegriffe und die Grundlagen.
Ich bin sehr froh, als das Meeting endlich vorbei ist. Ich beobachte die anderen Teilnehmer dabei, wie sie den Konferenzraum verlassen und halte dabei meine leere Kaffeetasse vor mir. So findet mich meine Sekretärin vor.
„Möchtest du Kaffee, Fiona?“, fragt Monica lächelnd.
„Wie? Ach so … nein, danke. Ich mache für heute Feierabend. Und du auch, okay?“
Monica nickt und mustert mich nachdenklich. „Alles in Ordnung?“
„Ja, alles ist gut“, sage ich lächelnd. „Mir gehen nur ein paar Dinge durch den Kopf.“
Sie nickt erneut und geht. Ich folge ihr langsam, lese im Büro die neu reingekommenen Nachrichten, von denen keine dringend zu beantworten ist, und schalte dann den Rechner aus. Morgen ist auch noch ein Tag. Ich muss ja nicht immer die Letzte sein.
Draußen ist noch sonnendurchfluteter Frühabend. Der Verkehr ist dicht, so habe ich viel Zeit und Gelegenheit, am Steuer meinen Gedanken nachzuhängen. Themen habe ich genug. Zwischendurch beobachte ich die Menschen um mich herum. Fußgänger, Autofahrer, Busfahrer, Leute hinter Fenstern, Leute, die vor Cafés sitzen, Leute, die sich ein Eis holen, Leute, die Pizza essen, Kinder, Erwachsene, junge und alte Menschen, allein und in Gruppen. Die ganze Stadt ist voll mit Menschen. Wieso habe ich sie bislang kaum wahrgenommen?
An einer der größten Kreuzungen der Stadt mit 5 Spuren in jeder Fahrtrichtung stehe ich auf der Linksabbiegespur und warte ungeduldig auf Grün. Die hohen Häuser auf beiden Seiten wirken plötzlich bedrückend auf mich. Die auf Westen zulaufende Sonne wirft von links die Schatten auf die Straße, während die oberen Fensterreihen rechts blendend leuchten. Ab und an blitzt ein Schatten auf. Vögel, vielleicht. Ich atme tief durch. Mein herumirrender Blick, auf der Suche nach der Ursache der blitzenden Schatten, fängt eine Szene ein, die mich sofort in helle Aufregung versetzt.
Ein Mädchen wird rechts von mir in ein Eckhaus gezerrt. Als würden die Augen des Mannes, der das Mädchen festhält, mich kurz anblitzen, dann sind beide im Haus verschwunden. Ich überlege nicht lange, gebe Gas, reiße das Steuer rum und rase vor den wartenden Autos auf das Haus zu. Wütendes Hupkonzert begleitet mich, doch im Moment interessiert mich das nicht. Ich fahre auf den abgeschrägten Gehweg hoch, stelle den Wagen dicht neben der Hauswand ab, sodass die Fußgänger problemlos an ihm vorbeigehen können und laufe in das Haus hinein. Den Wagen schließe ich mit der Fernbedienung ab. Das leise Piepsgeräusch, als die Alarmanlage aktiviert wird, hat etwas Vertrautes.
Im Treppenhaus ist es kühl. Es riecht nach Abendessen. Die Geräusche der Hochrennenden lassen mich nach oben sehen. Die beiden haben mehrere Etagen Vorsprung. Ich verfluche meine Businesskleidung und die nur bedingt zum Spurt geeigneten Sandalen, die ich anhabe, während ich hinterhereile.
Meine Hoffnung, dass ich nicht bis in das oberste Stockwerk hochrennen muss, erfüllt sich nicht. Schweratmend komme ich oben an und nehme mir vor, wieder intensiver zu trainieren. Vor mir liegt ein Korridor mit mehreren Wohnungstüren links und rechts, doch ich hatte keine Tür gehört und laufe auf die Abbiegung zu, hinter der es zu den hinteren Wohnungen gehen dürfte.
Mein Leichtsinn wird natürlich bestraft. Ich schaffe es gerade eben, der Metallstange auszuweichen, die auf meinen Kopf zielt. Welcher 1000. Sinn mich dabei leitet, weiß ich nicht. Ich verliere jedenfalls das Gleichgewicht, rolle mich ab und gegen die Wand. Das tut weh.
Während ich mich noch selbst bemitleide und gegen die plötzliche Müdigkeit ankämpfe, werde ich gepackt und hochgerissen. Ich blicke in ein verschwommenes, mir unbekanntes Gesicht.
„Du hast bewundernswerte Reflexe“, sagt eine tiefe, männliche Stimme. „Wieso folgst du uns eigentlich?“
„Was hast du mit dem Mädchen vor?“, stelle ich die Gegenfrage. „Sie ist wohl nicht freiwillig mitgegangen!“
„Was interessiert dich das denn?“ Der Kerl grinst. „Mischst du dich immer in fremde Angelegenheiten ein?“
„Eine Entführung ist keine fremde Angelegenheit“, erwidere ich. „Und jetzt lass mich los!“
„Was passiert denn sonst?“, fragt er spöttisch.
Ich führe es ihm vor. Meine Handflächen klatschen gegen seine Ohren, meine Stirn gegen seine Nase. Aufschreiend taumelt er zurück und bietet mir dadurch den Raum, Schwung zu nehmen und ihn mit meinem Körper gegen die Wand gegenüber zu pressen. Er stöhnt auf, zugleich drücke ich seinen Hals mit meinem linken Unterarm gegen die Wand.
„So“, sage ich keuchend, „das gefällt mir schon besser.“
„Mir nicht“, erwidert er gepresst. Doch das ist eigentlich nur Ablenkung, wie mir klar wird, als zeitgleich sein Knie in meinem Unterleib landet. Er stößt mich zurück und verpasst mir dann einen Tritt ins Gesicht. Während ich falle, werden mir mehrere Dinge gleichzeitig klar. Erstens, dass ich diesen Kampf verloren habe. Zweitens, dass er kein gewöhnlicher Mensch ist. Drittens, dass ich verweichlicht bin. Vor allem drittens tut weh.
Ich stehe auf allen vieren und beobachte, wie mein Blut auf den Boden fließt. Auch zwei rote Klumpen liegen unter mir. Zähne. Und meine Nase ist garantiert gebrochen. Der Wunsch, mich einfach hinzulegen, wird übermächtig.
„War das etwa schon alles?“, höre ich ihn höhnisch fragen.
Ich mobilisiere alles an Willenskraft, was in meinem verweichlichten Körper noch verblieben ist und richte mich langsam auf.
„Das hättest du wohl gerne …“
Er grinst. „Nicht schlecht. Du hast Mut. Und du bist viel stärker als ein gewöhnlicher Mensch. Normalerweise bricht so ein Tritt einem kräftigen Mann das Genick. Ich bin fast geneigt, dich für eine Kriegerin zu halten. Aber dafür bist du dann doch zu schwach.“
„Ich bin eine Kriegerin“, erwidere ich.
„Verflucht, müssen die schon so schlechtes Material nehmen?“ Der Kerl lacht. „Mir kann es nur recht sein.“ Er geht zu der Metallstange und hebt sie hoch. Ich bleibe stehen, denn zum Gehen reicht meine Kraft nicht aus. „Deine Kriegerkarriere ist jetzt jedenfalls beendet“, sagt er beim Ausholen.
Ich versuche, den Schlag mit dem Arm zu blocken. Dass der Arm das nicht aushalten kann, ist mir dabei klar, aber der Schmerz noch schlimmer als erwartet. Zum Schreien fehlt mir dennoch die Zeit, denn im Rückschwung trifft die Stange meinen Kopf. Ich höre die Knochen bersten und merke kaum, wie ich hinfalle.
„Du kannst ja gut einstecken.“ Es klingt, als wäre er ganz weit entfernt.
Dann werde ich hochgerissen und gegen die Wand geschleudert, einen Halbabsatz hinunter. Mein Kopf trifft ungebremst auf die Wand, die Wucht wirft mich zurück, auf die Stufen.
Das Letzte, was ich bewusst sehe, ist mein Körper, seltsam verrenkt auf den Stufen, der Kopf zertrümmert, eine blutige Masse daneben.
Mein Gehirn, denke ich, während dieser Gedanke sich wie ein Lufthauch auflöst.
James starrt mich entsetzt an. Selbst Danny weicht winselnd vor mir zurück. Dank des Rückspiegels weiß ich, dass ich einen heftigen Anblick biete.
„Was ist denn geschehen?“, fragt James. Er ist ungewohnt bleich.
„Ich brauche ein Vollbad“, krächze ich.
Ohne weitere Fragen begleitet mich James ins Badezimmer, lässt Wasser ein und hilft mir beim Ausziehen. Stöhnend lasse ich mich ins Wasser gleiten.
„Brauchst du noch etwas?“
„Irgendwas Starkes“, antworte ich und schließe die Augen. „Und danach erzähle ich dir, was passiert ist.“
James nickt und geht raus. Schon kurze Zeit später, in der ich versuche, mich zu entspannen, kehrt er zurück, mit zwei Gläsern. Ordinärer Whisky, wie ich schnell erkenne.
James setzt sich neben der Wanne auf einen Hocker und hält mir ein Glas hin. Ich nehme es und trinke die Hälfte des Inhalts auf einen Zug.
„Das hat gut getan“, flüstere ich.
„Freut mich, das zu hören. Ist das dein Blut in deinen Haaren?“
Ich nicke, dann tauche ich mit offenen Augen unter und beobachte, wie sich das Wasser rot färbt. Nach einer Weile komme ich wieder hoch.
„Nun?“
Ich hole tief Luft. „Ich war tot, James.“
„Du warst tot? Wann?“
„Vor einer Stunde oder so.“
„Tot? Ist das metaphorisch gemeint?“
Ich sehe ihn an. „James, ich konnte mich da liegen sehen, und mein Gehirn lag neben mir. Das Nächste, woran ich mich erinnere, ist, dass ich wach wurde und beschissene Kopfschmerzen hatte. Ich lag so da, wie ich mich vorher gesehen hatte. Nur schien die Sonne, als ich mich von meinem Bewusstsein verabschiedete, als ich aufwachte, war es dunkel. Und dann fand ich wesentliche Teile meines Gehirns neben meinem Kopf, in einer riesigen Blutlache. Nur war da kein Loch mehr in meinem Kopf. Und auch der Rest meines Körpers war heil, wenn man von den irrsinnigen Schmerzen absieht, die ich in den gebrochenen Teilen meines Körpers verspürte.“
„Was war denn alles gebrochen?“
„Mein Arm, meine Nase.“
„Warum?“
Meistens liebe ich James´ pragmatische Art, aber jetzt würde ich am liebsten schreien. Mit viel Willenskraft beherrsche ich mich.
„Ich war auf der Heimfahrt vom Büro. Aus dem Auto sah ich, wie ein Mädchen in einen Hauseingang gezerrt wurde. Habe den Wagen geparkt und bin hinterher. In der obersten Etage wurde ich von dem Kerl mit einer Metallstange empfangen. Er war schnell und stark. Letztlich stärker als ich. Er brach mir die Nase mit einem Fußtritt, den Arm mit der Metallstange und schleuderte mich schließlich mit solcher Wucht gegen die Wand, dass mein Kopf regelrecht zerplatzte.“
„Autsch.“ James verzog das Gesicht. „Normalerweise würdest du also jetzt beim Pathologen liegen. Wie stehst du unter diesen Umständen zu dem, was Drol Wayne dir erzählt hat?“
Ich lehne den Kopf zurück, verschätze mich und stoße hart gegen die Wannenwand. Fluchend reibe ich die Stelle, die vorhin noch offen war. James kann nur mit Mühe ein Grinsen unterdrücken.
„Verhält sich so ein liebender Ehemann?“, erkundige ich mich vorwurfsvoll.
„Die wenigsten liebenden Ehemänner unterhalten sich mit ihren Frauen, nachdem diese umgebracht wurden“, erwidert James, jetzt wieder ernst.
„Auch wieder wahr“, murmele ich. „Der Kerl, wer oder was er auch war, quasselte was von, ob ich eine Kriegerin sein könnte.“
„Oho!“
„Ja, genau, oho. James, kommt dir nicht merkwürdig vor, dass ich die Begegnung mit Drol Wayne habe, nicht weiß, was ich davon halten soll und dann das hier passiert?“
„Nein“, erwidert James.
„Aha.“ Ich schweige irritiert eine ganze Weile. Da auch James nichts sagt, frage ich schließlich nach: „Und warum nicht?“
„Weil die Begegnung mit Wayne dir eine Tür geöffnet hat und du nun sehen kannst, was sich dahinter befindet. Deswegen hast du Begegnungen, die du vorher nicht hattest.“
„Klingt logisch.“ Ich bin sicher, mein Gesichtsausdruck sagt das Gegenteil aus.
„Schatz, du kennst doch selbst das Phänomen, dass man plötzlich die Automarke sieht, und zwar ständig, die man selber neu fährt, oder?“
„Ja, schon.“
„Warum sollte das hier anders sein? Wenn wir uns mit etwas beschäftigen, verlagert sich das Zentrum unseres Bewusstseins. Das ist doch völlig normal. In deinem Fall kommt wahrscheinlich noch hinzu, dass nicht nur der Fokus deines Bewusstseins sich verschoben hat, sondern tatsächlich dein Wahrnehmungsbereich größer wurde.“
„James, ich liebe dich.“
„Ich weiß.“
„Außerdem bist du ein arrogantes Arschloch!“
„Auch das ist mir bekannt“, sagt er grinsend. „Ich war schließlich Geheimagent. Der beste James, wie du sagen würdest.“
Jetzt muss ich doch lachen. „Ich liebe dich wirklich. Ich weiß nicht, ob ich mit einem anderen Mann so über diese Dinge reden könnte. Die meisten würden mich für verrückt erklären.“
„Tja, ich weiß halt, dass du verrückt bist. Aber mich stört das nicht, im Gegenteil.“
Ich betrachte ihn ernst. „James, jetzt mal ehrlich. All das, was ich dir die letzten Tage erzählt habe, das klingt doch so was von unglaubwürdig und fantastisch. Wieso glaubst du mir?“
James schürzt nachdenklich die Lippen, bevor er antwortet: „Ich schätze, dafür gibt es mehrere Gründe. Erstens liebe ich dich. Lach nicht, das ist wirklich ein Grund.“
„Okay“, sage ich und werde schnell ernst.
„Zweitens habe ich durchaus schon mal erlebt, dass du etwas Fantastisches behauptet hast, und es entpuppte sich als Wahrheit.“
„Und drittens?“
„Woher weißt du, dass es ein Drittens gibt? Na gut, du hast ja recht. Und drittens glaube ich schon lange daran, dass dieses komische westliche Weltbild, degeneriert und deterministisch, viele Dinge aus unseren Wahrnehmungen rausfiltert. Ich hatte da ein paar Erlebnisse, als ich noch Geheimagent war.“
„Was für welche?“, erkundige ich mich neugierig.
„Das erzähle ich dir vielleicht bei der passenden Gelegenheit“, antwortet er. „Jetzt geht es um dich.“
„Willst du mir etwas verheimlichen?“
„Schatz!“ James atmet tief durch. „Nein, ich möchte bloß nicht darüber reden. Aber mit dir hat das nichts zu tun, sondern mit den Erlebnissen. Okay?“
„Ja.“Ich lehne mich zurück und tauche bis auf die Nasenspitze unter. Über mir taucht James´ grinsendes Gesicht auf, und als ich ein kleines Stück hochkomme, küsst er mich auf den Mund. Unsere Zungen begegnen sich. Seine Hand streichelt unter Wasser meine Brüste, was mir ein leises Stöhnen entlockt. Dann nehme ich die Hand und geleite sie in andere Regionen, über den Bauch, an den Innenseiten meiner Schenkel entlang, bis ich sie letztlich auf meine Vulva lege. Die Finger machen sich selbstständig, bahnen sich mühelos den Weg zwischen die Lippen und finden die Stelle, von der aus sich erst kleine, dann immer größer werdende, heiße Wellen der Lust ausbreiten. Ich stöhne in seinen Mund, während mein Körper sich spannt und aufbäumt. Ich halte mich an seinem Nacken fest, die Augen fest verschlossen und schreie.
Als die Erregung langsam abebbt, öffne ich die Augen und blicke in seine.
„Danke“, flüstere ich. „Ich liebe dich.“
Am nächsten Morgen werde ich mit Gesichtswaschen geweckt. Zumindest ist das meine erste Assoziation, bis mir klar wird, dass ich bäuchlings quer auf dem Bett liege und Danny mit seiner Riesenzunge mein Gesicht säubert. Vollsabbert. Mit alles zersetzendem Sabber.
Ich rolle mich vom Bettrand weg und setze mich langsam auf. Es wird hell. James lässt nämlich grad die Jalousien aufgehen, damit ich die Kaffeetasse an meinen Mund führen kann. Die Kaffeetasse, die er mir grinsend reicht.
„Es ist Sommer, es ist warm, die Sonne scheint, und wir waren schon unterwegs“, teilt er mir mit.
Ich nehme die Kaffeetasse und werfe ihm von unten einen düsteren Blick zu. „Wie kann man nur mitten in der Nacht so gut gelaunt sein? Das ist krank!“
„Mitten in der Nacht? Schatz, es ist gleich 10.“
„Was?“ Ich stehe kerzengerade im Bett, was auch mich überrascht.
„Hast du einen Termin?“, erkundigt sich James süffisant.
„Seit einer halben Stunde“, antworte ich. Dabei betrachte ich zuerst den Kaffeefleck auf der Bettdecke, dann die Kaffeetasse, die halb leer ist, obwohl ich noch keinen einzigen Schluck getrunken habe.
„Trink schnell, bevor du den Rest auch noch verschüttest“, sagt James.
Ich setze mich langsam wieder hin, und mit unterschlagenen Beinen führe ich das lebensrettende Koffein meinem Körper zu.
„Mach dir aber keine Vorwürfe, Schatz, du wirst ja nicht jeden Tag umgebracht. Da darfst du schon mal ein bisschen neben der Spur sein.“
„Vielen Dank für dein Mitgefühl.“
„Gern geschehen. Möchtest du zum Wachwerden noch einen ganzen Kaffee?“ Er nimmt meine Tasse, als ich nicke. Danny trottet ihm hinterher. Nach kurzem Nachdenken beginne ich, hektisch nach meinem Telefon zu suchen. Schließlich finde ich es unter meinem Bademantel, der auf dem Boden liegt.
Nach ewig langem Klingeln die vertraute Stimme: „Drol Wayne.“
„Was haben Sie mit mir angestellt?“, schreie ich ihn an.
„Hallo Fiona, wie geht es dir?“
„Mir geht es beschissen! Und Sie sind schuld, verdammter Mistkerl!“
„Ich? Jetzt komm erst einmal wieder runter auf den Teppich und erzähl, was dich so aufregt.“ Er klingt, als würde er sich amüsieren. Ich spüre, wie das bei mir den Adrenalinspiegel noch höher treibt. Ich zähle langsam bis 10, dabei mehrmals tief durchatmend. „So ist es fein“, sagt Wayne.
„Du bist ein Meister im Provozieren“, stelle ich fest. „Aber mich kriegst du damit nicht mehr.“
„Das will ich auch gar nicht. Aber es ist nicht schlecht, wenn eine Kriegerin sich beherrschen kann.“
„Ich fürchte, das allein reicht noch nicht, Wayne. Du weißt echt nicht, was ich will? Ich denke, du lebst außer Zeit und Raum.“
„Das gilt nicht für meine Manifestierung, mit der du gerade redest. Außerdem kannst du mir doch einfach erzählen, dass du gestern getötet wurdest.“
„Arschloch!“
„Zum Glück weiß ich auch, dass dieser Ausdruck zu deinem Lieblingsvokabular gehört und du es gar nicht so meinst“, sagt Wayne lakonisch.
„Ja ja … Danke, mein Schatz!“ Das gilt James, der mir einen Kaffee reicht.
„Wie bitte?“, fragt Wayne.
„Du sollst nicht alles auf dich beziehen“, erwidere ich lachend. Du bist ganz bestimmt nicht mein Schatz! Ich habe nur Kaffee gebracht bekommen. Aber kommen wir zurück zum Grund meines Anrufs.“
„Willst du dir nicht vorher was anziehen?“
„Wayne!“ Ich flüchte unter die Decke. „Lass das!“
James sieht mich fragend an. Ich schüttle den Kopf.
„Du wolltest es doch so haben, Fiona. Im Übrigen, du brauchst dich nicht zu verstecken. Was glaubst du, was ich alles schon gesehen habe?“
„Darüber möchte ich jetzt gar nicht nachdenken“, erwidere ich. „Eigentlich will ich von dir nur wissen, was das war gestern. Ich meine, ich war tot. Oder?“
„Das ist nicht ganz so einfach zu beantworten. Rein biologisch betrachtet war dein Körper vorübergehend deaktiviert, ja. Medizinisch betrachtet war er sogar endgültig stillgelegt, weil das Gehirn zerstört war. Ich bevorzuge es allerdings, einen Menschen dann tot zu nennen, wenn er den Körper endgültig abgelegt hat. Und nach dieser Definition warst du nicht tot. Und bevor du mir jetzt sagst, das wäre nur Haarspalterei, möchte ich darauf hinweisen, dass du eben kein gewöhnlicher Mensch bist und darum in der Lage, auch einen zerstörten Körper erneut zu besetzen und zu nutzen. Technisch betrachtet kann das zwar jeder Mensch, aber es ist nicht vorgesehen. Dir steht aufgrund deiner besonderen Aufgaben diese Möglichkeit offen.“
„Willst du damit behaupten, ich wäre unsterblich?“, frage ich entgeistert.
„Unsterblich bist du sowieso, wie jeder Mensch. Zumindest in dem Sinne, was Menschen so unsterblich nennen. Außerhalb von Raum und Zeit macht dieser Begriff eigentlich keinen Sinn. Der entscheidende Punkt ist ein anderer. Du bist Fiona Carter oder meinetwegen Fiona Flame und somit ein Mensch. Ein Teil des Raumzeitprozesses. Das, was da zu Fiona wurde, wird sozusagen aus dem Körper und der Raumzeit geschleudert, wenn der Körper deaktiviert wird. Also beim Sterben. Als Fiona ist das unter Umständen sogar sehr schmerzhaft. Solange das, was du wirklich bist, ich nenne das mal Seele, also, solange deine Seele ihre Aufgabe wahrnimmt, wird sie den Körper immer wieder neu aufbauen. So wie du eine Sandburg auch immer wieder neu aufbauen kannst. Na ja, so ähnlich. Sandburgen gelingen nie völlig identisch. Obwohl, der Körper auch nicht, wenn auch die Unterschiede sehr subtil sind. Vor allem, wenn das Material … ähm … noch fast vollständig erhalten ist, wie gestern zum Beispiel. Spannender wird es, wenn dein Körper beispielsweise mal vollständig verbrennt.“
„Ach du Scheiße! Ich glaube, diese Erfahrung möchte ich gar nicht machen!“
„Manchmal kann man sich das halt nicht aussuchen, so als Mensch.“
„Okay, okay. Ich habe das jetzt verstanden. Glaube ich. Aber, verdammt noch mal, warum nannte er mich schwach?“
„Weil er normalerweise gegen einen Krieger keine Chance hat.“
„Trotzdem konnte er mich töten. Was ist denn da schiefgelaufen, Wayne?“
„Du“, antwortet Wayne leise. „Du bist schiefgelaufen.“
„Wie meinst du das?“
„Fiona, als ich dich vor zwei Jahren im Krankenhaus besucht habe, sahst du nicht halb so beschissen aus wie neulich im Bistro. Du hast förmlich geglüht vor Feuer. Dieses Feuer ist fast erloschen. Da ist nur noch ein kleiner Funken, irgendwo tief in dir versteckt.“
„Das glaube ich jetzt nicht. Du willst doch nicht ernsthaft behaupten, mir wurde gestern der Kopf zerschlagen, weil in mir kein Feuer mehr brennt?“
„Doch, genau das sage ich. Und dir müsste das eigentlich auch klar sein. Kampftechnisch war der dir wohl kaum überlegen, da hast du doch ganz andere Sachen gebracht. Du hast dich deinem Schicksal ergeben, gar nicht gewinnen wollen. Voller Zweifel du warst.“
Ich schließe die Augen. Wayne hat recht. Ich war gestern voller Zweifel, und ich bin es immer noch.
„Über eines musst du dir im Klaren sein: Das Ganze ist kein Spiel, auch wenn es sicherlich lustige Momente hat. Es ist sogar eine gewisse spielerische Leichtigkeit dabei, das gehört zum Feuer dazu. Aber ohne Leidenschaft geht es nicht. Und die ist bei dir erloschen. Es liegt an dir, das Feuer wieder anzufachen. Oder halt sehr viele schmerzhafte Erfahrungen zu machen. Mehr kann ich dir dazu nicht sagen.“
Ja, mehr kann er dazu nicht sagen.
„Wayne“, sage ich. „Was war das für ein Typ gestern? Was hat er mit dem Mädchen gewollt?“
„Wenn du das wissen willst, dann finde es heraus.“
„Du bist wirklich ein Arschloch.“
„Mag sein. Aber dein Babysitter bin ich nicht. Ist noch was?“
„Nein“, erwidere ich flüsternd. „Für heute reicht mir das.“
Ich werfe das Handy auf den Boden und schaue dann James an. „Siehst du das auch so?“
„Ich habe zwar nicht alles mitgekriegt, aber da war die Rede von dem Feuer in dir?“
Ich nicke.
„Wann hast du zuletzt trainiert?“
Ich zucke die Achseln.
„Schatz, ich …“
„Schon gut“, unterbreche ich ihn. „Die Antwort ist deutlich.“
Ich will aufstehen und ins Bad gehen, doch James hält mich fest und zwingt mich, ihm in die Augen zu sehen.
„Fiona … du weißt, warum dein Feuer erloschen ist?“
Ich nicke und merke, wie meine Augen sich mit Tränen füllen. Oh ja, ich weiß es. Aber es spielt eigentlich überhaupt keine Rolle.
„Möchtest du mal Urlaub machen? Irgendwohin wegfahren, an nichts mehr denken müssen?“
Ich lehne die Stirn gegen seine Brust. „James, glaubst du wirklich, ich kann vor mir selber davonlaufen?“
„Nein. Aber zu dir finden.“
„Ja, sicher. Damals, in der Therapie, haben wir es eigentlich rausgefunden. Und ich bin nicht der Typ, der sich gelähmt in die Ecke zurückzieht. Warum bin ich nur noch ein Schatten von mir?“
„Ich weiß es nicht. Vielleicht solltest du deine Aktivitäten für die Stiftung eine Zeit lang mal zurückfahren. Die Kinder bekommen dort eine hervorragende Unterstützung. Dein Engagement in Ehren, du verlierst dich dort. Und das ist offensichtlich auch nicht deine Aufgabe.“
„Ja, sieht so aus.“ Ich löse mich von ihm und gehe ins Bad. Als ich fertig bin, finde ich ihn unten in der Küche am Tisch. Wir frühstücken schweigend, danach fahre ich ins Büro.
Als ich mir den Kaffee hole, fällt mir ein, wie mir vor ein paar Tagen um eine ähnliche Zeit nach dem Kaffeeholen Wayne eingefallen ist.
Diesmal halte ich mich von Online-Zeitungen fern. Ich habe mit dem Bericht der Business Analysten genug zu tun. Wieder einmal verfluche ich den Tag, an dem ich mich von meinem Vater überreden ließ, die Firma zu übernehmen. Und dann auch noch auf größenwahnsinnige Ideen zu verfallen. Obwohl, die Business Analysten scheinen sie gut zu finden. Vielleicht bin ich doch gar nicht so schlecht als Geschäftsfrau.
Ein Schatten aus dem Augenwinkel reißt mich aus meiner Konzentration. Niemand zu sehen. Im ganzen Gebäude dürften nicht mehr viele Leute sein um diese Uhrzeit. Ich nippe nachdenklich an meinem Kaffee. Neuerdings sehe ich auffallend oft irgendwelche Schatten. Ob das auch zur Erweiterung meiner Wahrnehmungen gehört?
Vor allem wüsste ich gerne, ob ich etwas sehe, was wirklich da ist. Dann sollte ich mir möglicherweise Sorgen machen. Zumindest bis mein Feuer wieder angezündet ist. Der Gedanke daran verdirbt meine Laune. Ich nehme meine Zigaretten, das Feuerzeug und gehe raus auf den Korridor. Etwas frische Luft täte gut, also beschließe ich, ganz nach oben zu gehen, auf das Dach. Am Geländer stehend zünde ich mir eine Zigarette an und betrachte dabei das hell erleuchtete Skyline.
Diesmal spüre ich den Schatten.
Und fahre herum.
Er ist wie ein Luftzug, sehen kann ich ihn nur aus den Augenwinkeln, und auch das nur undeutlich. Ich halte den Kopf so, dass ich ihn beobachten kann. Mein Gefühl sagt mir, dass von ihm keine Gefahr ausgeht, also rauche ich in aller Ruhe weiter. Der Schatten springt auf das Geländer und balanciert auf diesem entlang.
„Fall nicht runter“, bemerke ich.
„Keine Sorge, tue ich schon nicht.“
„Können Schatten eigentlich platt werden?“
„Eigentlich nicht. Sie sind es ja schon!“
„Wie schön.“ Ich beuge mich vor und sehe nach unten. „Was bist du eigentlich, und warum schleichst du die ganze Zeit um mich herum?“
„Ein Schatten ich bin.“
„Du meine Güte, lauter Yodas heute. Also gut, du Schatten, und meine zweite Frage?“
„Du kannst nirgendwo ohne deinen Schatten hin.“
„Die Antwort habe ich jetzt gebraucht. Klasse.“ Missmutig klopfe ich Asche ab. „Schatten ist nur, wo auch Licht ist.“
„Falsch!“ Der Schatten setzt sich neben mir auf das Geländer, mit nach draußen baumelnden Beinen. Aus den Augenwinkeln erkenne ich jetzt die zerfließenden Konturen, spüre zugleich deren Unruhe. „Schatten sind immer dort, wo Masken sind.“
„Also überall?“
„Also überall. Aber das hast du gesagt!“
„Klugscheißer.“
„Hey, ich glaube, du hast ziemlich schlechte Laune.“ Der Schatten springt auf und tänzelt um mich herum. „Wegen mir?“
„Nein, nicht wegen dir“, erwidere ich. „Ist eine lange Geschichte.“
„Und, hast du keine Zeit? Ich habe Zeit.“
Ich sehe ihn an, dadurch wird er für mich unsichtbar. Also wende ich den Blick wieder von ihm ab. Er steht direkt neben mir, sein Gesicht nahe an meinem. Ich kriege fast einen Herzinfarkt.
„Verdammte Scheiße, schleich dich gefälligst nicht so an!“, schreie ich ihn an.
„Ist ja schon gut, wollte dir nur genau zuhören“, sagt er beleidigt und tritt zurück.
„Du kannst mir zuhören und nahe sein, aber nicht anschleichen“, erwidere ich, nun freundlicher. „Du hast mich erschreckt.“
„Entschuldige, das wollte ich nicht.“
Ich winke ab. „Vergiss es. Ich erzähle es dir ein anderes Mal. Bin müde und will nach Hause.“
„Du kannst es mir auch unterwegs erzählen!“, ruft er freudig.
„Nerv mich nicht! Sind alle Schatten so aufdringlich?“
„Ja.“
„Super, klasse. Das sind ja reizende Aussichten.“
Ich drücke die Zigarette aus und gehe nach unten. Der Schatten bleibt oben, aber ich weiß, dass ich nicht allzu lange Ruhe vor ihm haben werde. Seufzend packe ich meine Sachen zusammen und fahre in die Tiefgarage. Irgendwie ist es schon fast beruhigend, dass er auf der Motorhaube meines Wagens sitzt.
„Muss ich dir die Tür aufhalten?“ erkundige ich mich.
„Nein, musst du nicht.“
„Wenigstens etwas“, murmele ich beim Einsteigen. Er sitzt schon drin. Ich werde bei Gelegenheit jemanden fragen, wie man es schafft, seinen Schatten zu ignorieren. Vielleicht einen Psychoanalytiker?
„Also, ich höre zu!“
„Du könntest wenigstens dabei die Klappe halten“, erwidere ich, während der Wagen aus der Tiefgarage rollt. „Oder warte, eine Frage kannst du mir noch beantworten.“
„Gerne, wenn ich kann!“
„Schnauze!“ Ich hole tief Luft. „Also, du erwähntest vorhin die Masken. Was genau ist der Unterschied zwischen einer Maske und einem Schatten?“
„Darf ich reden?“
„Natürlich, hab dich ja was gefragt.“
„Frauen“, murmelt er. „Na gut, Masken. Masken sind immer ganz anders als Schatten. Es gibt keine Gemeinsamkeit. Alles ist anders.“
„Alles?“
„Alles, ja. Das Gegenteil von nichts.“
„Du nervst schon wieder.“
„Hey, jetzt mach mal langsam. Was ist los mit dir? Ich habe dir nichts getan, also lass deine schlechte Laune mal nicht an mir aus, okay?“
„Sorry“, erwidere ich. „Mir wird das grad zu viel.“
„Dir ist aber schon klar, dass ich immer da war?“
„Jetzt weiß ich wenigstens, was die Leute an mir gelitten haben. Tolle Erkenntnis. Mein Tag ist gerettet. Hurra!“ Ich lasse die Scheibe runtergleiten und schreie durchs Fenster zu einer Gruppe von Touristen: „Mein Tag ist gerettet!“
„Es ist doch schon Abend“, bemerkt der Schatten belustigt.
„Du bist immer noch ein Klugscheißer. Und jetzt halt dich geschlossen, ich will nachdenken. Kapiert?“
Er macht eine Bewegung vor seinem Mund, als würde er einen Reißverschluß zuziehen und schafft es tatsächlich, auf dem Rest der Fahrt nichts mehr zu sagen. Meine Laune steigt ein wenig.
Anscheinend überlebe ich den Tag heute mal, ohne zu sterben. Hat was.
Ich betrachte mich im Spiegel. Es ist kurz nach 6 Uhr abends, kaum noch Leute im Gebäude. Ich stehe in der Toilette vor dem Spiegel und betrachte mein Gesicht. Dezent geschminkt, die Lippen leicht verzogen zu einem spöttischen Lächeln, die grauen Augen weit geöffnet, die Haare in die Stirn hängend. Man könnte sagen, ein hübsches Ding. Ich, Fiona, von den Toten auferstanden, mit einem Schatten gesegnet. Toll.
Als die Tür aufgeht, sehe ich im Spiegel eine der Buchhalterinnen. Nachdem sie mit dem Pinkeln fertig ist, stellt sie sich zum Händewaschen neben mich.
„Alles in Ordnung?“, fragt sie schüchtern.
Ich nicke. „Ja, alles bestens. Was machen Sie noch hier?“
„Ich habe Überstunden gemacht. Heute gab es viel zu tun.“
Ich verfluche mich still, weil ich solche Gespräche führe. „Viel zu tun? Kommt das häufig vor?“
„Nein“, sagt sie schnell. „Nur in der letzten Zeit. So viel Neues.“
Ich betrachte ihr Spiegelbild. „Was ist mit den neuen Leuten, die eingestellt werden sollten?“
„Es ist nicht so einfach, gute Leute zu finden.“
„Ja, das könnte sein.“ Ich mache mir eine unsichtbare Notiz, dass ich morgen mit Georg sprechen will.
„Ich gehe dann nach Hause“, sagt sie leise.
„Klar. Einen schönen Abend noch.“
„Danke. Ihnen auch.“ Boah, warum haben die alle so eine Angst vor mir? Okay, nicht alle. Ich denke kurz an meine Zeit als Trainee zurück. Nein, wirklich nicht alle. Ich atme tief durch und beschließe, dass es Zeit wird, wieder trainieren zu gehen. Nicht nur heute. Überhaupt wieder regelmäßig zu trainieren. Ich fahre zu Hause vorbei, um meine Trainingssachen zu holen. James sitzt bei der Arbeit und lächelt, als er mich mit Sporttasche ins Arbeitszimmer kommen sieht. Aber er ist schlau, er sagt nichts, außer mir viel Spaß zu wünschen. Und gibt mir einen Kuss.
Die im Sportcenter sind auch schlau. Selbst Mike beherrscht sich und behält seine Kommentare für sich. Ich mache mich warm, schaue dabei einer Gruppe von Jugendlichen zu, die Grundbegriffe von Selbstverteidigung beigebracht bekommen. Ab und an werden mir neugierige Blicke zugeworfen. Ob ich erkannt werde oder einfach, weil ich abseits still für mich trainiere und den Sandsack wütend bearbeite, weiß ich nicht. Und es ist mir auch egal.
Später werde ich aufmerksam, als eine andere Gruppe den Dojo für sich einnimmt. Einige aus der Gruppe tragen bereits braune Gürtel, es sind also keine absoluten Anfänger mehr. Unterrichtet werden sie von einem Mann, den ich hier noch nie gesehen habe. Ein sehniger, gut durchtrainierter Kerl mit bewundernswert fließenden Bewegungen. Sein Gurt ist schwarz.
Nachdem ich ihn eine Weile beobachtet habe, gehe ich an die Bar und hole mir ein Glas Wasser. Dabei erkundige ich mich bei Charlene, wer der neue Lehrer sei.
„Das ist Nilsson. Nilsson Lang, er vertritt Dan, der diese Woche Urlaub hat. Sieht unerlaubt gut aus.“
„Ja, das tut er. Vor allem unerlaubt.“ Ich registriere Charlenes erstaunten Blick, als ich die Bar verlasse. Der Sandsack muss meine Wut aushalten. Zwischendurch spüre ich den Blick von Nilsson auf meinem Rücken und brauche meine ganze Willenskraft, um nicht in seine Richtung zu sehen.
Erst später, während ich Pause mache und meine glühend roten Hände kühle, blicke ich wieder zu Nilsson und seinen Schülern hinüber. Er führt gerade ein paar Katas vor, mit denen man sich gegen mehrere Angreifer gleichzeitig wehren kann. Seine Bewegungen sind tänzerisch locker, sehr elegant. Und kraftvoll. Der Kerl ist verdammt gut.
Dann begegnen sich unsere Blicke, und mir stockt der Atem, als ich seine Kraft spüre. Er lächelt andeutungsweise, dann wendet er sich wieder seinen Schülern zu. Lautlos fluchend widme ich meine Aufmerksamkeit dem Sandsack und lasse erst von ihm ab, als meine Füße und Hände kurz davor sind zu platzen. Keuchend nähere ich mich der Gruppe von Übenden.
Nilsson fertigt gerade zwei übermütige Jungs ab, und als diese mit gesenkten Köpfen auf ihre Plätze schleichen, sieht er mich herausfordernd an.
„Was ist mit dir? Willst du diesen Großprotzen nicht mal zeigen, wie man anständig kämpft?“
„Wie kommst du darauf, dass ich das besser kann?“, erkundige ich mich provozierend.
„Hey, komm schon, ich weiß, dass du Fiona Flame bist. Deine Kampfkunst ist legendär. Oder hast du Angst vor mir?“
Ich schnaube. „Angst? Ich?“
„Worauf wartest du dann noch?“
Ich werfe einen Blick in die Runde, dann betrete ich den Kreis und bleibe in einem Meter Entfernung vor Nilsson stehen. Er mustert mich abschätzend.
„Kann es sein, dass du mal besser in Form warst?“, fragt er dann.
„Für dich reicht es noch“, erwidere ich wütend. Warum bin ich eigentlich wütend? Warum lasse ich mich von einem Kampfkunstlehrer provozieren?
„Warten wir es ab“, meint er lächelnd. „Bist du bereit?“
„Immer!“
Wir nehmen Stellung ein. Dann taxieren wir uns gegenseitig. Ein paar angedeutete Angriffe. Ich merke, wie schnell er ist. Ihm entgeht nichts. Das macht mich unsicher. Ich habe noch nie einen Gegner erlebt, der so exakt meine Bewegungen im Voraus erraten kann. Was ist er?
Wir testen uns gegenseitig aus. Das gibt mir die Gelegenheit, Nilssons Schwachstellen zu entdecken. Glücklicherweise ist selbst einer wie er nicht perfekt.
Dann greife ich wieder an, diesmal ernsthaft. Jage ihn fast aus dem Kreis hinaus. Aber nur fast. Seine Fußsohle stoppt mich, schickt mich zu Boden. Nur knapp entgehe ich einem zweiten Tritt, wehre verzweifelt und wütend seinen Angriff ab. Mit einem leichten Lächeln weicht er zurück.
„Du bist wirklich gut“, sagt er. „Aber nicht gut genug.“
„Wir werden es sehen“, erwidere ich leise.
Ich greife ihn immer wieder an, bringe ihn ein paarmal in arge Bedrängnis. Aber er schafft es jedes Mal, ohne Treffer rauszukommen. Und dann passiert es. Ich laufe in meine eigene Falle, seine Faust erwischt meine Nase und schickt mich zu Boden. Mein Blut ist eher da. Déjà vu. Der Schock macht mich zu langsam, ehe ich mich versehe, befinde ich mich in einem Schwitzkasten. Sein Mund ist ganz nah an meinem Ohr.
„Verdammt noch mal, Fiona, willst du so mit echten Gegnern fertig werden?“, flüstert er. „Wie oft willst du noch sterben?“
Scheiße! „Schickt dich Drol Wayne, damit du mich motivierst?“, frage ich gepresst.
„Nein. Aber ich weiß trotzdem, was los ist. Reiß dich zusammen, verdammt. Du hast das Zeug, zu den Besten zu gehören. Aber im Moment gibst du ein ziemlich jämmerliches Bild ab.“
„Findest du?“ Wütend befreie ich mich und verpasse ihm einen Schlag gegen das Sonnengeflecht. Das bringt ihn kurz außer Atem, dann richtet er sich lächelnd auf. „Das war schon besser.“
Die nächsten Minuten vergehen damit, dass ich wild auf ihn eindringe, ohne ihn wirklich zu gefährden. Dann werde ich wieder getroffen. Diesmal setzt er blitzschnell nach, und ehe ich mich versehe, liege ich gekrümmt vor Schmerzen auf dem Boden. Aus meiner Nase strömt Blut. Wahrscheinlich ist sie schon wieder gebrochen.
Nilsson stellt sich neben mich. „Willst du weiter machen?“
„Fick dich“, würge ich leise hervor. „Vielen Dank für deine moralische Unterstützung!“
Er grinst ansatzweise. „Du tust mir echt leid.“ Dann wendet er sich kopfschüttelnd ab und macht weiter mit dem Unterricht.
Ich erhebe mich stöhnend, ignoriere die mitleidigen Blicke und gehe duschen. Umständlich wegen der Schmerzen befreie ich mich vom Anzug und stelle mich unter heißes Wasser, beobachte, wie das rotgefärbte Wasser im Abfluss verschwindet.
Dann lasse ich mich sinken und den Tränen freien Lauf.
„Bist du schon wieder gestorben?“ James´ Frage ist ungewohnt gefühllos, als er mich sieht.
„Sag mal, spinnst du?“ Ich starre ihn entgeistert an.
„Oha. Du hast vielleicht eine Laune. Ich weiß ja nicht, was dir passiert ist. Es sollte ein Witz sein.“
„Ein schlechter Witz!“ Ich pfeffere meine Sporttasche in die nächstbeste Ecke. „Nein, ich bin nicht gestorben. Ich wurde lediglich vor der versammelten Mannschaft des Sportcenters verprügelt. Von einem Krieger, der meinte, mich damit motivieren zu können. Zufrieden?“
„Das tut natürlich doppelt weh, körperlich und seelisch, kann ich verstehen.“
„Was ist denn mit dir los?“
„Mit mir? Ich bin nicht anders als sonst auch. Aber wie ist es mit dir? Gehst trainieren, um dich zu prügeln? Wieso eigentlich? Hat dich dieser Krieger gezwungen, dass du dich mit ihm schlägst?“
„Nicht zu fassen.“ Kopfschüttelnd gehe ich ins Wohnzimmer und mache ein Glas mit Whisky voll. „Jetzt bin ich auch noch schuld, oder was?“
„Wer sonst?“ James entscheidet sich für Martini pur. Banause. „Schatz, du bist nur noch ein Schatten deiner selbst. Möchtest du ernsthaft, dass ich dich hier bemitleide?“
„Nein.“ Ich wende mich ab, damit er meine Tränen nicht sieht. „Nur etwas Hilfe.“
„Die bekommst du, das weißt du doch.“ Ich spüre, dass er näherkommt, bis er mich von hinten berührt. Seine Lippen kitzeln mein rechtes Ohr. „Ich kannte mal ein Mädchen, das wollte Bungeejumping ohne Seil machen.“
„Muss eine Verrückte gewesen sein.“
„Oh ja, verrückt war sie. Ich liebte sie wegen ihrer Verrücktheit. Sie konnte ganz wunderbar einen Schmollmund machen und ihre Jeans waren so knapp geschnitten, dass sie eher als Pomanschette durchgingen.“
„Du bist so ein Arsch, weißt du das? Wieso bringst du mich hier zum Lachen, wenn ich eigentlich schmollen will?“
„Du wolltest schmollen? Oh, entschuldige bitte.“
Schreiend drehe ich mich um. „Arsch, Arsch, Arsch!“ Dann küsse ich ihn leidenschaftlich. „Fick mich! Hier und jetzt!“
„Langsam, langsam.“ James hält meine Hände fest, die ihm die Kleider vom Leib reißen wollten. „Ich möchte nicht als Ventil dienen. Warum willst du, dass ich dich ficke?“
„Weil … weil …“ Ich kaue auf meiner Unterlippe rum. „Weil ich dich liebe!“
„Okay, das kann ich als Grund gelten lassen. Aber ist das wirklich der Grund?“
„Zweifelst du daran, dass ich dich liebe? Soll ich auf Knien rutschend dich darum anflehen, dass du mich fickst?“
„Hm“, antwortet er nachdenklich.
„Arschloch!“
Er lacht. „Wenn uns jemand hören würde, müsste er glauben, wir sind kurz davor, uns umzubringen.“
Ich grinse. „Zum Glück hört uns niemand.“
„Hoffentlich.“
Ich gehe langsam auf die Knie, lege das Whiskyglas auf dem Boden ab und öffne dann seine Hose. Sein harter Schwanz beult die Unterhose aus. Ich betrachte ihn mit schiefgelegtem Kopf, dann blicke ich zu James´ Gesicht hoch. „Du bist ja schwerbewaffnet, mein Schatz.“
„Das muss ich bei dir ja auch sein.“
„Gute Antwort.“ Grinsend befreie ich seine Waffe aus der Hülle und beiße leicht in die Speerspitze. James stöhnt auf, und ich glaube, nicht nur vor Lust. Meine kleine Rache. Doch bevor er seine Waffe wieder einstecken kann, lasse ich sie in meinen Mund gleiten, bis seine Haare meine Nase kitzeln.
„Du Biest.“ Meine Antwort fällt etwas undeutlich aus. Vor allem, weil er regelrecht in meinem Mund explodiert. Ich verschlucke mich fast, doch ich lasse ihn nicht los. Erst als er fertig ist, nehme ich seine Waffe aus dem Mund und säubere sie ordentlich mit der Zunge, bevor ich sie wieder wegpacke.
„Das war ja wie ein Blitz“, sage ich dann, etwas enttäuscht. „Wie lange hatten wir schon keinen Sex?“
„Äh … ist nicht ganz so lange her, glaube ich.“ James nimmt meine Schultern und zieht mich hoch. „Aber irgendwie kann ich bei dir manchmal einfach nichts langsam machen.“
„Haha …“
Grinsend greift er mich an den Hüften und trägt mich ins Schlafzimmer. Dort packt er mich aus und versenkt seinen Kopf zwischen meinen Schenkeln. Mit geschlossenen Augen kralle ich mich in seinen Haaren fest, dann lasse ich mich einfach fallen.
Irgendwas fehlt. Der Schatten! Wo steckt er bloß? Seufzend vertiefe ich mich wieder in das Konzeptpapier, das ich schließlich selbst angefordert habe. Dabei frage ich mich unwillkürlich, ob das wirklich das Leben ist, das ich führen will. Irgendwie war es als die aufmüpfige Göre schon spannender. Andererseits, jetzt bin ich für über tausend Menschen verantwortlich, deren Arbeitsplatz von meinen Entscheidungen abhängt. Das ist nicht unwichtig.
Verantwortlich? Ich stutze. Wenn ich wirklich eine Kriegerin bin, dann trage ich die Verantwortung für weit mehr als tausend Menschen. Falls ich diesen Schwätzer von Wayne richtig verstanden habe. Und falls das alles mehr ist als nur wirre Fantasie. Obwohl, der Tod war sehr real. Viel zu real. Ganz abgesehen von der schon nach kurzer Zeit vollständig verheilten Nase, die Nilsson Lang mir gebrochen hatte.
Also sollte ich ernsthaft in Erwägung ziehen, dass ich tatsächlich eine Kriegerin bin. Zumindest theoretisch, denn in der Praxis klappt das nicht so richtig.
„Huhu!“
Ich falle vor Schreck fast vom Bürostuhl und empfinde große Lust, den dämlichen Schatten anzubrüllen. Doch dann fällt mir ein, wie empfindlich er ist, und ich begnüge mich damit, ihn wütend aus den Augenwinkeln anzuschauen. Was gar nicht so einfach ist.
„Erschreck mich nicht so“, sage ich freundlich.
„Ich wollte dich nicht erschrecken“, erwidert der Schatten bekümmert. „Ich wollte dir nur was zeigen!“
„Was denn?“
„Oben, auf dem Dach!“
Ich beschließe, dass es Zeit wird für eine Zigarette und gehe mit dem Nervtöter nach oben. Es ist warm, aber frisch, nicht zuletzt dank des leichten Windes, der hier oben immer geht. Der Himmel überwiegend klar, wenn auch schon fast dunkel. Nur an einer Stelle tobt ein Gewitter. Ich zünde mir eine Zigarette an und trete an den Dachrand.
„Also, was willst du mir zeigen, Schatten?“
Der Schatten tritt neben mich, und aus dem Augenwinkel sehe ich, dass er aufgeregt ungefähr in die Richtung zeigt, wo das Gewitter tobt.
„Ein Gewitter, ja. Hast du etwa Angst?“
„Das ist doch kein Gewitter!“, sagt der Schatten belustigt.
„Ach? Was ist es dann?“
„Spielende Seelenkinder.“
„Bitte, was?“ Ich sehe ihn überrascht an und verliere ihn dadurch aus dem Blickfeld. „Seelenkinder?“
„Ja. Pure Energie, die noch wächst. Manchmal sieht man sie, manchmal überschneiden sich gefrorene Welt und lebende Welt.“
„Die Seelenkinder leben in einer gefrorenen Welt?“
Der Schatten kichert. „Quatsch, dort lebst du!“
„Ich?“
„Ja, klar. Hier ist doch alles starr, unbeweglich, fest, langsam, mühselig. Gefroren halt.“
Ich betrachte nachdenklich das, was für mich immer noch wie ein Gewitter aussieht. Nun ja, die Tatsache der Existenz des Schattens zwingt mich, ernsthaft in Erwägung zu ziehen, dass wahr ist, was er mir da erzählt.
„Also schön. Und was treiben diese Seelenkinder da?“
„Sie spielen. Sagte ich doch.“
Ich atme tief durch. „Okay. Das sind also spielende Seelenkinder und kein Gewitter. Sehen andere Menschen das auch?“
„Nein, die meisten nicht. Für sie ist das nur ein Gewitter.“
„Willst du damit sagen, dass alle Gewitter entstehen, weil Seelenkinder spielen?“
„Nein, nein!“ Der Schatten springt auf das Geländer und balanciert lachend von mir weg. „Es gibt auch andere Ursachen für Gewitter!“
„Wie zum Beispiel geladene Teilchen?“
„Das am wenigsten.“ Der Schatten lacht wieder. „Aber eine schöne Erklärung, oder? Stellt alle zufrieden, die Angst davor haben zu sehen, wie die Welt wirklich ist.“
„Schon wieder dieser esoterische Quatsch“, murmele ich. Dann fahre ich lauter fort: „Wie verbringt ein Schatten so seine Tage?“
„Schattig!“ Diesmal wälzt er sich lachend auf dem Boden.
„Ich knipse gleich das Licht aus, dann war es das mit Schatten“, erwidere ich säuerlich.
„Dein Sinn für Humor hat wohl Urlaub?“ Der Schatten steht auf, schüttelt sich und stellt sich neben mich. „Na ja, ich bin mal da, mal hier. Ich beobachte.“
„Aha. Und was beobachtest du denn?“
„Alles, aber vor allem natürlich die Menschen. Schau, da unten zum Beispiel, siehst du die beiden Verliebten da? Gleich küssen sie sich. Hach! Wusste ich doch!“
Jetzt muss ich doch schmunzeln. „Damit vertreibst du dir ständig die Zeit? Ist das nicht langweilig auf die Dauer?“
„Ach was. Ihr Menschen sorgt schon dafür, dass es spannend wird. Siehst du, da wird gerade jemand entführt.“
„Entführt?!“ Ich versuche, der Richtung seines Zeigefingers zu folgen. Das ist gar nicht so einfach bei den vielen Straßen, die zum Teil ziemlich grell ausgeleuchtet sind. Doch schließlich entdecke ich auch, was der Schatten sieht. Irgendein Kerl zerrt ein Mädchen mit sich und verschwindet in einem Hauseingang aus meinem Blickfeld.
„Verdammte Scheiße“, flüstere ich. „Ich glaube, das ist der Arsch, mit dem ich schon mal zu tun hatte. Das ist wohl sein Hobby, Mädchen zu entführen. Wie komme ich jetzt am schnellsten da hin?“
„Spring doch“, schlägt der Schatten vor.
„Idiot!“
„Wieso bin ich ein Idiot, wenn du dich nicht traust, da runterzuspringen?“
„Ich will nicht sterben! Selbst wenn ich mich wieder regeneriere, das dauert Stunden. Ganz abgesehen davon, dass es vermutlich höllisch wehtun würde.“
„Du glaubst, du kannst nicht fliegen?“ Der Schatten starrt mich entgeistert an.
„Das weiß ich ganz sicher“, erwidere ich und fasse dann den Entschluss, die Treppe zu nehmen. Es sind ja nur 30 Stockwerke. Ich habe nie ganz aufgehört zu trainieren, meine Kondition ist selbst jetzt weit überdurchschnittlich. Aber 30 Stockwerke nach unten zu rennen, das ist eine Sache für sich. Meine Beine haben eine leicht puddingartige Konsistenz, als ich endlich unten ankomme. Ich atme an der frischen Luft einige Male tief durch, bevor ich weiterlaufe. Es sind an die 600 Meter bis zu dem Haus, in das dieser irre Kerl sein Opfer gezerrt hatte. Als ich schließlich davor stehe, sehe ich ein ganz normales Mietshaus mit an die 100 Mietwohnungen vor mir. Ich könnte heulen. Stattdessen klingele ich in mehreren Wohnungen, bis der Summer ertönt und ich die Haustür aufdrücken kann.
Ich nehme die Treppe, auch wenn es wehtut, weil ich so auf jeder Etage nachsehen kann. Zwar habe ich keine Ahnung, wonach ich suche, aber mehr kann ich eh nicht tun, als mich auf meine Intuition zu verlassen. Jedes Mal liegt ein langer Korridor vor mir, von dem zu beiden Seiten Türen abgehen. Es riecht, wie es in solchen Häusern meistens riecht. Wie es immer riecht, wenn auf kleinem Raum zusammengepfercht viele Menschen leben.
In der fünften Etage stutze ich. Unter den üblichen Gestank mischt sich ein anderer Geruch. Er ist anders, fast schon süßlich. Und sehr intensiv, zumindest empfinde ich es so. Ich gehe langsam durch den Korridor, dabei habe ich das Gefühl, die Absätze meiner Knöchelschuhe machen einen unerträglichen Lärm. Sollte der Mistkerl sich wirklich irgendwo hier in der Nähe versteckt halten, weiß er jetzt definitiv Bescheid, dass ich ihn bald haben werde.
Oder auch nicht.
Ich erreiche unbehelligt das Ende des Korridors und kann aus dem Fenster in den Innenhof sehen. Die anderen Etagen kann ich mir sparen. Wütend lehne ich die Stirn gegen die Glasscheibe und schließe die Augen.
Was zum Teufel soll ich tun?
Das Gefühl eisiger Kälte kommt plötzlich. Ich fahre herum. Vor mir der menschenleere Korridor. Für einige Sekunden habe ich das Gefühl, dass sogar die Luft um mich herum gefriert. Dann ist der Spuk auch schon wieder vorbei, die Temperatur normal. Nämlich warm, und es ist stickig.
Frustriert gehe ich nach unten und zurück ins CSE-Gebäude.
„Hilfe!“
James kommt ins Schlafzimmer gestürzt und bleibt dann abrupt stehen. „Was ist denn los?“
„Ich weiß nicht, was ich anziehen soll“, antworte ich und starre in den riesigen Kleiderschrank.
„Und deswegen machst du mir fast einen Herzinfarkt??“
„Das ist eine extrem schwierige Situation.“
„Schaaatz!!! Wir sind auf eine Grillparty bei deinen Eltern eingeladen! Du kannst anziehen, was du willst! Meinetwegen kannst du auch nackt gehen.“
„Echt?“ Ich sehe ihn überrascht an. „Das würde dir wirklich nichts ausmachen?“
„Es war ein Scherz!“ James kommt zu mir, greift wahllos ein Kleid aus dem Schrank und legt es mir über den Kopf. „Zieh das an und gut ist.“
„Das?“ Ich betrachte das Kleid angewidert. „Wieso habe ich überhaupt so ein grässliches, grünes Kleid?“
„Weil du letztes Jahr so eine Anwandlung hattest“, erwidert James seufzend.
„Bist du sicher, dass ich das war?“
„Zumindest hast du ausgesehen wie du.“
„Ist ja blöd.“ Ich werfe das Kleid Richtung Tür, es kommt in den Müll. Dann mustere ich den Inhalt des Schranks. Er hängt voll mit Kleidern, Businessanzügen, Bundfalthosen, eleganten Röcken, Westen, hochpreisigen Jeans. Nichts davon entspricht dem, was ich jetzt anziehen wollen würde. Gestern noch hatte ich teure Jeans und eine erstklassig sitzende, weiße Bluse an. Wie eine Chefin auszusehen hat. Wer entscheidet das eigentlich? Die Chefin? Oder doch jemand anders? Aber dann wäre sie ja keine Chefin mehr. Verflixte Zwickmühle.
Mein Blick fällt auf einen riesigen Koffer, der unscheinbar unter einigen Abendkleidern versteckt ist. Ich zerre ihn hervor und öffne ihn mit angehaltenem Atem. Ich schreie leise auf, als ich meine ganzen Hotpants, Miniblusen und andere Requisiten aus meinem früheren Leben sehe.
„Aua“, sagt James. „Hast du die Sachen nicht selbst vor zwei Jahren da reingestopft mit den Worten, sie nie wieder anziehen zu wollen?“
„Dann hätte ich sie weggeworfen.“
„Ja. Stimmt. Das ist logisch. Frauenlogisch.“
Ich grinse James an. „Ich liebe deinen Humor, habe ich dir das schon mal gesagt?“
„Ab und zu. Manchmal nur einmal am Tag, dann hat mir immer was gefehlt.“
Ich springe auf und küsse ihn. „Ich liebe deinen Humor, ich liebe deinen Humor, ich liebe deinen Humor!“
„Mich auch, wenigstens ein bisschen?“
„Ja, gut, ein bisschen auch dich.“ Während ich ihn anstarre, beginne ich, mich auszuziehen.
„Schatz!“ James schluckt. „Wir sind jetzt schon spät dran!“
Ich ziehe eine Schnute. „Ich liebe dich, wenigstens ein bisschen, und du mich gar nicht?“
„Doch, doch.“ Er legt seine kräftigen Hände auf meine Brüste, und umgehend werden meine Knie weich. „Wenn du sagst, du willst das unbedingt, auch wenn wir dann mindestens zwei Stunden zu spät kommen, dann ist das in Ordnung.“
„Schuft!“
Ich ziehe einen Tanga an, passend knappe Jeans, ein bauchfreies Top und Stiefeletten. Soll der Mistkerl doch den ganzen Nachmittag nach mir lechzen. Strafe muss sein. Sein Grinsen ignoriere ich demonstrativ.
„Kommt Jungs, wir gehen!“
Die meisten Gäste sind schon da. Tanten, Onkel, Cousinen und Cousins, hauptsächlich. Ich ernte irritierte Blicke, aber auch einige heimlich genaue. Gott, wie lange habe ich die Männerwelt nicht mehr so durcheinandergebracht! Ich begrüße meine Mutter mit einer Umarmung, übersehe Vaters missbilligende Blicke und sage artig allen Verwandten „Guten Tag.“ James wird von meinem Vater in Beschlag genommen, in Begleitung einer Flasche Bier. Ich gerate in den Strudel der beiden Schwestern meines Vaters. Wenigstens werde ich mit einem Martini dafür belohnt. Sie nehmen mich ins Kreuzverhör ob meines Jobs als CEO. Ob ich mich nicht viel zu jung dafür fühle, mit 25 Jahren schon so ein Unternehmen zu führen. Höre ich da etwa so was wie Neid heraus? Nein, niemals! Lächelnd erzähle ich ihnen ansatzweise von meinen Plänen, was ungläubige Gesichtsausdrücke in mein Blickfeld zaubert. Ob daran auch mein Outfit heute Schuld trägt? Wäre es anders, hätte ich mein Business-Abendkleid angezogen? Ich grüble darüber eine Weile nach und komme schließlich zu dem Entschluss, dass es mir scheißegal ist.
Später habe ich es mir in einer Liege gemütlich gemacht, mit dem dritten Martini und einer Lucky. Mein Vater stellt sich neben mich.
„So habe ich dich schon lange nicht mehr gesehen“, sagt er.
„Ich habe zufällig den Koffer gefunden, in den ich alles gestopft habe.“
„Zufällig?“
„Papa, du willst doch nicht darüber mit mir reden, oder?“
Seufzend geht er in die Hocke und schaut mich ernst an. „Ich will eigentlich nur, dass es dir gut geht.“
„Prima, dann sind wir schon zwei!“
Endlich lächelt er. „Dir kann man einfach nicht böse sein.“
„Wieso willst du mir böse sein?“, frage ich.
„Keine Ahnung. Will ich gar nicht. In mir wurden unangenehme Erinnerungen wach, als ich dich vorhin so ankommen sah.“
„Ich bin immerhin nicht nackt, obwohl James meinte, ich solle doch nackt gehen, wenn ich mich nicht entscheiden kann, was ich anziehen soll.“
„Na ja, viel mehr ist so eine Pomanschette doch auch nicht.“
Ich verschlucke mich am Martini und ersticke obendrein noch fast. „Papa!“ Mit tränenverschleiertem Blick starre ich ihn an.
„Was denn? Wie bezeichnest du denn so was?“
„Jeans.“
„Aha. Früher nannte man das halt Pomanschette.“
„Pojeans.“ Ich lache laut auf. „Heute nennt man das ab sofort Pojeans!“ Ich bemerke, dass wir im Mittelpunkt des Interesses sind und werfe ein strahlendes Lächeln in die Runde. Dann wende ich mich wieder meinem Vater zu. „Manchmal ändern sich Dinge, Papa. Und mein Outfit ist ein sichtbares Zeichen dieser Veränderungen.“
„Was ist passiert?“
Ich seufze. „Das ist eine lange und komplizierte Geschichte. Ich erzähle es dir lieber ein anderes Mal.“
„Versprochen?“
„Ja, ich verspreche es dir.“
„Also gut. Ich werde mal sehen, was das Essen macht.“
Ich nicke und blicke ihm hinterher. Aus den Augenwinkeln sehe ich Schatten durch den Garten huschen. Vielleicht sind auch ein paar Geister dabei. Ich verliere langsam den Überblick.
„Das ist nicht dein Ernst!“
Diesmal spielt James nicht, er ist wirklich entgeistert.
„Doch.“
„Das kannst du nicht machen! Die Chefin eines bald börsennotierten Unternehmens kann nicht in Hotpants zur Arbeit kommen!“ James steht völlig fassungslos neben mir, während ich in aller Seelenruhe frühstücke.
„Wer verbietet das?“
„Schatz!“ James beugt sich vor und blickt mir in die Augen. „Schatz, niemand wird dich mehr ernst nehmen. Willst du das wirklich?“
„Schatz“, erwidere ich, „auch in Hotpants bin ich Fiona Flame, die CEO dieses verdammten Unternehmens. Und wenn es den Leuten dort wichtig ist, dass die CEO in einem Businessanzug rumläuft, haben die eben Pech gehabt. Sie werden sich daran gewöhnen!“
„Werden sich auch deine Geschäftspartner daran gewöhnen?“
„Ach, komm schon, Schatz. Du weißt doch genauso gut wie ich, was für Orgien auf den berüchtigten Parties der Vorstandsebene ablaufen, wenn die zur Besprechung in Thailand oder sonst wo sich treffen. Gegen die ist der Papst die Jungfrau Maria.“
James starrt mich ungläubig an, dann beginnt er zu grinsen. „Deine Vergleiche sind unmöglich.“
Ich gebe ihm einen kaffeenassen Kuss. „Pass mal auf, mein Schatz. Ich nehme heute mal wieder Danny mit, und du kommst nachher ins Büro. Dann gehen wir gemeinsam irgendwo essen. Okay?“
„Oho! Spricht da etwa die mächtige Chefin eines großen Unternehmens, die es sich leisten kann, ihren Mann auszuhalten?“
„So ein Unsinn. Dazu bist du viel zu stolz. Nein, nein, da spricht die verliebt blinkernde Ehefrau des großartigen Immobilien­maklers James Flame!“ Ich blinkere ihn heftig an. „Och Schatz, du bist der großartigste Mann dieser Erde. Keine Frau kann es sich leisten, dich auszuhalten. Keine!“
„Du spinnst.“ Kopfschüttelnd nimmt er meine Tasse und trinkt den restlichen Kaffee aus. „Okay, ich komme dann nach meinem letzten Termin, so gegen 6. Hast du einen bestimmten Wunsch, wohin wir gehen?“
„Nein, keine Idee. Mir fällt schon was ein.“
„Na schön. Ich bin ja gespannt auf die Reaktionen.“
„Ich auch.“ Ich schenke ihm ein Lächeln. „Küss mich aber, bevor du gehst.“
„Natürlich, Herrin.“ Er berührt meinen Mund mit seinen warmen Lippen, und ich spüre, wie es feucht wird zwischen meinen Schenkeln.
„Geh lieber, bevor ich über dich herfalle. Ich warne dich nur dieses eine Mal!“
Grinsend tritt er den Rückzug an, winkt mir aus der Tür noch einmal zu und verlässt dann das Haus. Ich höre seinen Jaguar aufbrüllen, als er Gas gibt, dann sind Danny und ich allein. Ich schaue den Hund an, der in der Mitte der Küche sitzt und mich beobachtet.
„Das wird ein lustiger Tag“, teile ich ihm mit. „Bist du bereit?“
Er bellt kurz. Das reicht mir als Antwort. Ich nehme den Wagenschlüssel, dann verlassen wir das Haus und fahren zum CSE-Tower. Mein Parkplatz befindet sich fast direkt neben dem Fahrstuhl, so ist also Monica die Erste, die mich sieht.
„Huch! Was ist denn mit dir los?“
„Es ist warm, wir haben Sommer, außerdem habe ich heute bestimmt Termine, bei denen ich Männer überzeugen muss, das zu tun, was ich will.“
„Jaaaa …“
„Na also. Und ich habe beschlossen, dass ich so rumlaufen will, wie es mir passt.“
„Okaaaay. Und was erzähle ich den Abteilungsleitern, die zu mir gerannt kommen, weil ihre Leute dieses Recht auch in Anspruch nehmen wollen?“
„Na, gewähren, was sonst?“ Ich nehme meine Tasse Kaffee aus ihrer Hand und marschiere in mein Büro. „Ach ja, und sag Georg Bescheid, dass ich ihn sprechen will. Wann ist mein erster Termin?“
„Um elf. Ich rufe Georg an.“ Monicas Erschütterung hält sich in Grenzen.
Ich kläre mit Georg, dass wir voraussichtlich drei weitere Buchhalter brauchen und die Stellen ausgeschrieben werden. Um elf Uhr gibt es Abteilungsleitermeeting, das fast drei Stunden geht. Ich grinse, als ich ihre entgeisterten Blicke sehe, setze mich und lege die Füße betont lässig auf den Tisch.
„Meine Damen, meine Herren, das Zeitalter neuer Lässigkeit ist angebrochen. In diesem Sinne gibt es keine Vorschrift, wie ihr euch zu kleiden habt. Aber es gibt die Möglichkeit, euch so zu kleiden, dass ihr euch wohlfühlt. Und nun zum ersten Tagesordnungspunkt.“
Nach dem Meeting hole ich mir ein Sandwich und gehe mit Danny im nahen Park spazieren. Dabei genieße ich die Gewissheit, nicht wie eine entführungsgefährdete Geschäftsfrau auszusehen. Obwohl, langsam gewöhne ich mich auch an die Gewissheit, dass mich gewöhnliche Verbrecher nicht so einfach entführen können. Allerdings habe ich dafür neue, andere Gegner, die eigentlich noch unangenehmer sind als gewöhnliche Kidnapper. Vom Regen in die Traufe? Ich beschließe, dass solche Gedanken nichts bringen und beobachte lieber Danny, wie er mit anderen Hunden durch den Park tobt.
Bis mein Handy klingelt. Die letzten Bissen vom Sandwich runterschluckend, gehe ich dran: „Fiona Flame.“
„Hallo Fiona, hier ist Katharina. Störe ich?“
„Nein, keineswegs. Ich bin nur mit Danny unterwegs und habe noch eine Kleinigkeit gegessen“, antworte ich etwas undeutlich. Auf der anderen Seite höre ich Katharinas glockenklares Lachen.
„Gut. Ich wollte dich nämlich einladen, dass du heute Abend bei uns isst. Wir machen Barbecue. Hast du Lust?“
„Nach 5 habe ich nichts mehr fest geplant.“
„Super. Bring ruhig Danny mit. Was ist mit James?“
„Er arbeitet, aber ich kann ihm Bescheid sagen, dass er danach zu dir kommen soll.“
„Ja, mach das, bitte. Wir müssen uns mal wieder unterhalten.“
„Ja, klar. Dann bis nachher!“ Ich starre das Telefon an. Mir ist nicht ganz klar, was ich davon halten soll. Katharina lädt mich zum Barbecue-Abend ein, mal eben so. Hm. Ich bin mir bei ihr nicht sicher, was sie eigentlich von mir will. Sie hat zwar ein Kind und ist verheiratet, aber ihre Blicke irritieren mich, wenn wir uns begegnen. Sie ist schön und sie ist sexy. Vermutlich sogar die schönste Frau, der ich jemals begegnet bin.
Ich beschließe, dass ich nicht weiter darüber nachgrübeln will. Heute Abend weiß ich mehr. Oder auch nicht. Auch das wäre egal. Ich drehe um, Danny folgt mir, auf meinen Pfiff hin, zurück ins Büro. Unterwegs rufe ich noch James an und erzähle ihm, dass wir eingeladen sind und ob er nach der Arbeit kommen mag. Er mag.
Es wird doch schon fast 6 Uhr, als ich mich dem Grundstück der Lewis‘ nähere. Der asphaltierte Weg führt zu einem Doppeltor, dessen Umgebung rundherum von Kameras beobachtet wird. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass es gut versteckt auch fernsteuerbare Waffen gibt. Manche Leute gehen davon aus, dass Katharina zu den fünf reichsten Menschen der Erde gehört. Ob das nun wahr ist oder nicht, das riesige Grundstück ist gut bewacht.
Vor meinem Wagen öffnet sich das Tor fast geräuschlos, was bedeutet, dass sowohl das Kennzeichen als auch mein Gesicht gescannt wurden. Ich gebe auf der anderen Seite wieder etwas Gas, denn bis zum Hauptgebäude sind es noch gut fünf Kilometer.
Hinter einer Kurve aus einem kleinen Waldstück heraus weitet sich der Weg zu einem Rondell um einen Springbrunnen herum. Nach rechts geht es zu der unterirdischen Garage, dann kommt die breite Treppe zum Haupteingang der Villa mit über 100 Zimmern. Ich parke meinen Wagen neben einem Cayenne und lasse Danny raus.
Obwohl ich niemanden sehe, spüre ich genau, dass wir be­obachtet werden. Nachdem Danny den Brunnen als sein Eigentum markiert hat, gehen wir die Treppe nach oben. Erst jetzt wird die Tür geöffnet, und etwas erstaunt registriere ich, dass wir von der Hausherrin höchstpersönlich empfangen werden. Sie trägt einen leichten Hosenanzug und die langen, blonden Haare offen.
„Hallo Fiona“, sagt sie lächelnd. „Ich bin froh, dass du gekommen bist.“
„Hallo Katharina“, erwidere ich, etwas irritiert. Eigentlich bin ich bei unseren Begegnungen immer irritiert, aber diesmal noch mehr als sonst.
„Komm, wir gehen direkt durch nach hinten“, schlägt sie vor. Ich nicke und folge ihr. „Wo ist Helena?“ erkundige ich mich dabei.
„Sie ist mit ihrem Vater unterwegs, aber beide werden rechtzeitig zum Essen wieder da sein.“
Ich beobachte Katharina von hinten. Ihren fast schwebenden Gang, der für sehr durchtrainierte Muskeln und Sehnen spricht, ihre sich undeutlich abzeichnenden Pobacken unter dem Stoff und die nackten Füße. Auf der Terrasse tritt Katharina zur Getränkebar und fragt, was ich trinken möchte.
Ich entscheide mich für meinen Lieblingsmartini, geschüttelt diesmal. Als Katharina mir das Glas reicht, berühren sich kurz unsere Finger. Mit viel Selbstbeherrschung verhindere ich, dass meine Hand zuckt. Katharina lächelt.
„Cheers, Fiona!“
Ich setze das Glas an meinen Mund und beobachte dabei Katharina, die Whisky trinkt. Ihre vollen Lippen umschließen sanft den Glasrand, und ich frage mich unwillkürlich, ob sie bisexuell ist.
„Möchtest du noch eine Runde schwimmen zur Abkühlung?“, fragt Katharina, auf den tennisplatzgroßen Pool zeigend.
„Möchte schon, aber ich habe keine Schwimmsachen dabei.“
Sie zuckt mit den Achseln. „Meine Sachen passen dir wahrscheinlich auch. Ich kann dir einen Bikini geben. Oder du schwimmst nackt.“
„Nackt?“
„Ja, warum nicht?“ Ihr Lächeln wird zu einem frivol frechen Grinsen. „Befürchtest du, dass ich dich vergewaltige?“
„So ganz sicher bin ich mir da nicht“, murmele ich.
Jetzt lacht sie. „Und, hast du Angst?“
„Nein“, erwidere ich kurz entschlossen, dann ziehe ich das Top aus, die Stiefeletten, schlüpfe aus den Hotpants und dem Höschen und hechte schließlich in das Wasser.
Als ich aus dem Wasser auftauche und zum Haus blicke, sehe ich, wie auch Katharina sich nackt auszieht, dann ansatzlos ein paar Schritte macht, sich am Poolrand abstößt und mit einem dreifachen Salto elegant ins Wasser springt. Etwas fassungslos beobachte ich sie beim Auftauchen. Sie streicht sich die nassen Haare aus dem Gesicht und schwimmt dann näher an mich heran. Ihre hellblauen Augen funkeln voller Energie.
„Hast du mal Leistungssport gemacht“, erkundige ich mich.
„Wegen des Saltos?“ Sie schüttelt den Kopf. „Das kannst du auch.“
„Vielleicht einen doppelten …“
„Komm schon, nicht einmal der dreifache bringt dich an deine Grenze. Krieger haben mit so was keine Probleme.“
„Was hast du gesagt?“ Ich merke, wie mein Körper sich versteift und alles in mir auf Alarmstufe Rot geht.
„Du bist eine Kriegerin, Fiona, ich kann das spüren. Ich weiß das sogar schon lange, aber weil mir klar war, dass du es noch nicht wusstest, sagte ich nichts. Aber etwas hat sich geändert, auch das kann ich spüren. Dir ist bewusst, wer du bist.“
„Und du? Bist du auch eine Kriegerin?“
„Nein. Eher im Gegenteil. Lange Zeit haben mich die Krieger bekämpft, oft genug versucht, mich zu töten.“
„Anscheinend ohne Erfolg“, erwidere ich.
„Ja. Fiona, ich bin deine Freundin, nicht deine Feindin. Du bist eine außergewöhnliche Frau, selbst unter Kriegern. Und ich habe viele von ihnen kennengelernt.“
„Und getötet?“
Sie schüttelt den Kopf. „Nur ganz wenige, die meinten, mich um jeden Preis vernichten zu müssen. Es war Notwehr. Mit etlichen anderen hat mich Freundschaft verbunden, mit einigen wenigen sogar Liebe.“
„Das klingt, als wärst du schon richtig alt.“
„Oh, ich bin erst 400 Jahre alt.“
Ich schlucke. „Dafür hast du dich aber gut gehalten.“
Katharina lacht schallend. „Ja, das bringt mein Wesen so mit sich.“
„Aha. Und was ist dein Wesen?“
Sie schwimmt ganz nahe heran, sodass unsere Körper sich teilweise berühren. Irritiert stelle ich fest, dass mich ihre Nähe erregt. Sie bringt meinen festen Glauben, ich sei hundertpro hetero, kräftig zum Wanken.
„Ich bin ein Dämon.“
„Ein Dämon?“
Sie nickt. „Ja, ein Dämon.“
„Was für ein Dämon?“ Irgendwie kann ich mir überhaupt nicht vorstellen, dass sich hinter diesem wunderschönen Gesicht ein Dämon verbergen soll, dass diese offenen Augen einem todbringenden Monster gehören sollen.
„Das ist eine komplizierte Geschichte.“ Katharinas Gesicht ist nur noch wenige Zentimeter von meinem entfernt.
„Und was machen wir jetzt? Erzählst du mir diese Geschichte, oder verführst du mich grad?“
Katharina lächelt. „Wir sind beide verheiratet.“
„Ja, das ist wahr.“
„Das bedeutet aber nicht, dass ich dich nicht sehr sexy fände. Du machst mich regelrecht nass zwischen den Beinen.“
„Das ist das Wasser aus dem Pool.“
Katharina grinst, dann berührt sie ganz sanft meinen Mund mit ihren Lippen. „Wir werden nicht miteinander schlafen. Zumindest nicht jetzt. Wir lieben beide unseren Mann. Aber ich habe auch schon Frauen geliebt, tief und leidenschaftlich. Meistens ist die Liebe mit einer Frau intensiver, emotionaler als mit einem Mann. Aber auch nicht generell.“ Mit einigen Schwimmbewegungen bringt sie etwas Abstand zwischen uns.
Ich atme erleichtert auf.
„Du hast noch nie eine Frau geliebt, nicht wahr?“
„Nein, noch nie.“
„Du hast ja noch etwas Zeit.“
„Ich liebe James.“
„Das ist mir bewusst. Monogamie ist, bei aller Liebe, kein sicheres und auch kein sinnvolles Konzept.“ Sie zuckt die Achseln. „Manchmal halten sich die Emotionen allerdings nicht an solche Überlegungen.“
„Du bringst mich völlig durcheinander“, sage ich.
„Ich sehe es. Komm, lass uns ein paar Bahnen schwimmen.“
Ich nicke, dann schwimmen wir locker nebeneinander hin und her. Sie erzählt dabei.
„Ich sehe nicht immer so aus wie jetzt. Manchmal halte ich mehrjährige Schlafpausen. So ist mir auch Kay das erste Mal begegnet. Dann sehe ich zwar immer noch wie ein Mensch aus, aber weiß, kalt, wie tot. Ich habe Kay fast getötet damals, weil er mit anderen Männern in meinen Eispalast eingedrungen ist. Sie wussten auch nicht, dass Nomén, den sie suchten, die Gestalt eines Engels hat. Das hat er mal so gesagt.“
„Und … und wie bist du …“
„Entstanden?“
„Ja.“
„Ich wurde gezeugt, wie du auch. Meine Mutter war eine Frau ihrer Zeit, allerdings endete sie dann als Hexe und wurde verbrannt. Mein Vater ist der Teufel.“
Ich schlucke Wasser, und Katharina greift nach mir, damit ich nicht absaufe und noch mehr Wasser schlucke. Hustend und würgend versuche ich, wieder zu Atem zu kommen. Je mehr sich meine primären Körperfunktionen normalisieren, umso deutlicher spüre ich Katharinas Körper an meinem, während sie mich geduldig festhält.
Als ich schließlich wieder sprechen kann, bemerke ich: „Dann ist es aber kein Wunder, dass einige Krieger dich beseitigen wollten.“
„Ja und nein. Krieger haben den Auftrag, für das Gleichgewicht zu sorgen. Ich habe nie das Gleichgewicht gestört. Dazu war ich viel zu beschäftigt.“
„Womit?“
„Meinen Vater zu suchen.“
„Du wusstest nicht, dass er der Teufel ist?“
„O doch“, erwidert sie düster. „Ich habe ihn gehasst und wollte ihn töten, und wenn es das Letzte gewesen wäre, was ich tat.“
„Und jetzt?“
„Das ist der komplizierte Teil der Geschichte“, seufzt Katharina. „Jedenfalls will ich das nicht mehr, und wie du dir denken kannst, habe ich ihn auch nicht umgebracht. Sonst wäre ich wohl nicht hier. Ich erzähle dir die Geschichte irgendwann mal.“
„Okay. Wahrscheinlich ist es jetzt wirklich eine gute Idee, aus dem Pool rauszugehen und uns anzuziehen.“
„Ja, das glaube ich auch.“ Katharina lächelt. „So, jetzt weißt du viel mehr über mich und verstehst vielleicht auch mein Interesse von unserer ersten Begegnung an.“
„Teilweise“, erwidere ich, während wir aus dem Wasser klettern. „Ich bin ja nicht die erste Kriegerin, der du begegnest.“
„Aber die mächtigste.“
„Wie bitte?“
Katharina nickt und winkt mir zu, ihr zu folgen. Wir gehen ins Haus. „Du hast deine Kräfte noch nicht entdeckt, aber ich kann sie spüren. Ich bin noch keiner Kriegerin begegnet, in der ich eine solche Energie gespürt habe. Ich weiß nicht, was für eine Seele du bist, aber auf jeden Fall eine sehr alte und mächtige.“
Wir betreten einen großen, gefliesten Raum, in dem eine angenehme Temperatur und warme Farben herrschen. Aus einem Schrank holt Katharina mehrere Handtücher und reicht mir zwei davon.
„Wayne hat mir davon nichts erzählt“, bemerke ich, während ich meine Haare trocken reibe.
„Hättest du ihm denn geglaubt?“
„Wahrscheinlich nicht“, antworte ich grinsend.
„Eben.“
„Du kennst Drol Wayne?“
„Flüchtig. Das bleibt nicht aus, wenn man so alt ist und vom Teufel gezeugt wurde.“
„Ja, klar.“
Wir wickeln uns in Handtücher ein und gehen in den Garten, wo noch unsere Kleider rumliegen. Inzwischen sind Kay und Helena da und begrüßen erst Katharina, dann mich erfreut. Noch unterdessen trifft auch James ein. Nach der Begrüßung mustert er mich fragend.
„Wir haben uns im Pool abgekühlt“, erkläre ich.
„Aha.“
„Ist ja schließlich ein heißer Sommertag“, sagt Katharina.
„Das ist wahr.“
„Willst du dich nicht auch abkühlen, Schatz?“, erkundige ich mich.
„Ich habe keine Badesachen dabei, weil mir jemand was vom Essen erzählt hat.“
„Du kannst ja nackt schwimmen“, schlage ich vor.
James sieht mich eigenartig an.
„Es geht schon“, sagt er dann. „Hauptsache, ich kann mich von innen kühlen.“
„Ja, klar“, bemerkt Kay. „Möchtest du ein Bier?“
James nickt, während er mich dabei immer noch anschaut.
„Was ist?“, frage ich provozierend.
„Keine Ahnung. Irgendwas ist anders.“
„Ich erkläre es dir zu Hause. Alles in Ordnung, mein Schatz. Entspann dich.“
„Das wird dir dabei helfen.“ Kay reicht ihm eine Flasche Bier und stößt mit ihm an. Endlich wendet James den Blick von mir ab und beginnt ein Gespräch mit Kay.
Ich begebe mich mit meinen Sachen wieder ins Haus und ziehe mich an. Dabei denke ich über Katharina nach. Mein Bauch sagt mir, dass ich ihr vertrauen kann. Mein Verstand allerdings hat an ihren Worten zu nagen. Ganz besonders daran, dass der Teufel, den ich bis vor Kurzem im Reich des Aberglaubens und Kindererschreckens vermutet hätte, ihr Vater ist. Das ist einfach nur krass.