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Leseprobe: Fiona – Reloaded (Band 7)

Fiona – Reloaded

Ich beobachte eine Gruppe von Kindern und ihre Lehrer, die in den Gärten lernen. Sie sehen mich nicht, denn ich stehe hinter der Fensterscheibe des Arbeitszimmers. Nachdem ich längere Zeit den heutigen Bericht gelesen habe, brauche ich eine Abwechslung für meine Gedanken.
Alles spricht dafür, dass es bald Krieg geben wird. Und mir fällt nichts ein, wie er zu verhindern wäre. Ich habe sogar darüber nachgedacht, sowohl Orusas als auch Isakas Könige zu töten. Mit Hilfe der Elfen und meiner Fähigkeiten würde ich das schaffen. Doch die Auswirkungen wären unberechenbar, ein Krieg dadurch womöglich noch wahrscheinlicher. Hinzu kommt, dass vermutlich noch mehr Länder an der Allianz beteiligt sind, als wir bisher gedacht haben. Auch aus Nemuka und Asbala kommen beunruhigende Nachrichten, die darauf schließen lassen, dass Heeresteile verlagert werden.
Dennoch verstehe ich es nicht. Sowohl Marbutan als auch Niuja verfügen über starke Armeen. Selbst wenn unsere Gegner es schaffen würden, die Grenzen zu überwinden, müssten sie mit langandauernden Kämpfen rechnen, deren Ausgang keineswegs sicher ist. Ich schätze Barka eigentlich nicht so ein, dass er sich auf ein derart unsicheres Unterfangen einlässt. Irgendetwas haben wir übersehen, ich weiß nur nicht, was das überhaupt sein könnte.
Wie kann ich es herausfinden?
Seufzend drehe ich mich um und gehe auf meinen Schreibtisch zu, als der Ring aufleuchtet. Dreimal. Das ist ungewöhnlich, eigentlich passiert es zum ersten Mal. Es bedeutet, dass Nuoka mich sehen will. Dringend. Das ist ganz sicher kein gutes Zeichen.
Obwohl ich ein knöchellanges Kleid trage und zum Laufen eher ungeeignete Schuhe, nehme ich mir nicht die Zeit, mich umzuziehen, sondern verlasse die Burg. An einer Stelle, wo ich von der Burg aus nicht gesehen werde, schlage ich mich zwischen die Büsche. Nachdem ich mehrmals umgeknickt bin, ziehe ich die Schuhe aus und gehe barfuß weiter.
Ich erreiche die Höhle zeitgleich mit Nuoka. Seine grünen Augen leuchten besonders stark, als er auf mich zukommt und die Hände auf meine Oberarme legt.
„Kyo, sie sind sicher!“
„Wer? Wovon redest du?“
Er sieht mich irritiert an. „Du weißt es noch gar nicht?“
Ein Stich geht durch mein Herz. „Verflucht, wovon redest du überhaupt?!“
„Dein Sohn und Siana wurden entführt, aber wir haben sie an der Grenze abgefangen und befreit. Leider sind die Entführer dabei ums Leben gekommen, sodass wir sie nicht mehr befragen konnten.“
Ich starre ihn fassungslos an. „Kian? Entführt?“
Ich weiß, dass Siana heute mal wieder einen Ausflug mit ihm machen wollte, außerhalb der Stadt. Das macht sie gelegentlich, damit Kian mehr als nur Schloss und Stadt zu sehen bekommt. Bei solchen Gelegenheiten ist mindestens ein Leibgardist dabei.
„Ja. Ich vermute, die Entführer haben die Elfenpfade genutzt und waren dadurch sehr schnell an der Grenze. Wie gesagt, Kian und Siana geht es gut, sie sind beide unverletzt, haben aber natürlich Angst, weil sie nichts von Elfen wissen.“
„Wo sind sie jetzt?!“
„In der Grenzstadt. Weiter dürfen Menschen nicht in die Drehwelt vordringen.“
„Verflucht nochmal!“ Ich fahre herum und packe meine Haare. „Sie sind seit Quons entführt und niemand hat es gemerkt?! Wo ist der Leibgardist?!“
„Siana hat gesagt, er wäre tot.“
Ich atme tief durch. Am liebsten würde ich herumschreien und etwas zerstören, egal was. Aber das hilft niemandem. Und Nuoka kann ja nichts dafür, im Gegenteil, ohne die Elfen wäre alles viel schlimmer.
Ich drehe mich zu ihm um. „Entschuldige bitte. Ich bin euch sehr dankbar dafür, was ihr getan habt.“
Er neigt den Kopf kurz. „Natürlich, gerne. Und ich verstehe deine Sorge und Aufregung durchaus.“
„Wie schnell kannst du mich zu ihnen bringen?“
„Durch die Drehwelt sehr schnell.“
„Ich denke, in die Drehwelt dürfen keine Menschen?“
„Du bist die Ringträgerin, du hast uneingeschränkten Zugang zu der Drehwelt, Kyo.“
Oh. Das ist interessant. Bisher war mir offenbar nicht wirklich klar, welche Macht ich habe. Und um ehrlich zu sein, ich glaube, es ist mir immer noch nicht ganz klar, auch wenn ich jetzt etwas mehr weiß.
„Gut. Gehen wir!“
Nuoka hockt sich hin und malt mit dem Finger eine Tür, dabei murmelt er: „Dreh dich Welt, dreh dich, unten werde oben, oben werde unten!“
Obwohl ich inzwischen an Magie gewöhnt bin, halte ich trotzdem unwillkürlich den Atem an, als sich daraufhin eine Öffnung bildet, durch die ich in die andere Welt blicke. Es ist sehr verwirrend, durch ein Loch im Boden auf den Himmel zu sehen.
„Wie … wie geht man da durch?“
Nuoka lacht auf, dann tritt er einfach in das Loch. Für einen Moment scheint er zu fallen, dann steht er plötzlich mir gegenüber – aber auf der anderen Seite. Und verkehrt herum.
Ich nehme all meinen Mut zusammen und folge ihm. Zuerst ist es ein Gefühl, als würde ich fallen, doch dann dreht sich kurz alles und gleich darauf spüre ich wieder festen Boden unter den Füßen. Und blicke nun, neben Nuoka stehend, in die dunkle Höhle. Allerdings nur ganz kurz, denn die Öffnung schließt sich gleich darauf.
„Das ist sehr … gewöhnungsbedürftig“, stelle ich fest, dann blicke ich mich um.
Es ist hell. Wenn ich nach oben blicke, sehe ich einen Himmel, der viel niedriger zu sein scheint als in der Menschenwelt. Die Punkte fehlen auch. Ob Elixa hier keine Lust mehr hatte und einfach nur eine riesige Bettdecke über diese Welt gehängt hat? Vielleicht sollte ich das mal gelegentlich mit meinem Lieblingshohepriester diskutieren.
Wir stehen auf einer Insel und vor einer Brücke. Die Flüssigkeit, welche die Insel umgibt, wirkt wie flüssiges Silber. Fast. Es ist dickflüssiger. Die berühmte Flüssigkeit, der man besser nicht zu nahe kommt.
„Das ist Visz“, sagt Nuoka. „Wenn du es berührst, bist du verloren. Schon ein Tropfen genügt für ein faustgroßes Loch in deinem Körper. Also schön aufpassen.“
„Hm. Wozu ist das gut?“
„Das erzähle ich dir später. Du möchtest doch zu deinem Sohn.“
„Ja, du hast recht.“ Ich reiße mich von dem Anblick los. „Dann führe mich.“
Nuoka geht schnell und leichtfüßig, in meinem langen, etwas engen Kleid habe ich fast Mühe, mit ihm Schritt zu halten. Wir durchqueren mehrere Inseln und gehen über Brücken, von denen aus ich das Visz mit Respekt beobachte.
Die Inseln sehen unterschiedlich aus und sind nicht gleich groß. Manche scheinen sich weit zu erstrecken und wir passieren nur die Spitze, andere sind deutlich erkennbar klein. Die meisten werden von Wäldern bedeckt, aber ich sehe auch einige Wiesen. Ab und zu kann ich Augen zwischen Blättern erkennen, dann wieder bewegen sich die Blätter oder gar Äste.
Wir brauchen etwa zwei Quons, um unser Ziel zu erreichen. In der Menschenwelt wären es einige Nums, wie ich ja genau weiß.
Dann kann ich auch erkennen, wieso die Grenzstadt so genannt wird. Sie liegt genau auf der Grenze zwischen Orusa und Marbutan. Die Grenze ist gut sichtbar als eine Art Flimmern, die vom Himmel ausgeht und bis zum Boden reicht. Sie teilt die Stadt, die auf einer Anhöhe liegt, in zwei Hälften. Eine weitere Besonderheit erkenne ich, als wir in die Stadt hineingehen. Hier gibt es auf dem Marktplatz einen von dieser Seite stets offenen Übergang in die Menschenwelt, die von zwei Elfen bewacht wird.
Allerdings ist die Bezeichnung Stadt etwas irreführend. Es mag sein, dass die etwa vierzig oder fünfzig Hütten für Elfenverhältnisse eine Stadt sind, im Vergleich zu Kasunga wüsste ich nicht, wie ich es nennen sollte.
Doch all das ist vergessen, als ich auf einer Bank vor einer etwas größeren Hütte Siana und Kian erblicke. Siana starrt düster vor sich hin, Kian spielt mit einem Holzstock. Als er mich jedoch sieht, schreit er „Mama!“ und kommt angerannt. Ich nehme ihn hoch und drücke ihn an mich.
„Kian! Mein Schatz! Geht es dir gut?“
„Ja! Alles gut! Die Elfen haben uns gerettet!“
„Ich weiß, mein Schatz. Und dir ist nichts passiert?“
„Nein, ich bin noch ganz ganz!“
Jetzt muss ich doch lachen. „Du bist noch ganz ganz? Das ist doch wunderbar!“ Ich sehe Siana an, die traurig neben uns steht. „Was ist denn mit dir los? Bist du verletzt?“
Sie schüttelt den Kopf. „Ich habe Kian nicht beschützt.“
„Doch, das hast du. Du hast nur die Entführung nicht verhindert, weil du sie nicht verhindern konntest. Du bist kein Soldat.“
Sie blickt endlich hoch und mich an. „Kyo, hier sind Elfen. Viele Elfen.“
„Ja. Woher weißt du, wie sie heißen? Haben sie es dir gesagt?“
„Nein, ich habe sie erkannt.“
„Wieso weißt du von Elfen? Ich dachte, es gibt kaum Menschen, die das Wort kennen!“
„Das ist ja auch so. Meine Großmutter hat mir viele Märchen erzählt, als ich klein war. Auch Märchen mit Elfen. Aber das waren Märchen! Und diese Elfen sind echt!“
„Allerdings, sie sind echt.“
„Und überhaupt, wieso bist du hier?“
„Nuoka hat mich benachrichtigt, dass ihr entführt wurdet, aber wohlauf seid.“
„Nuoka?“
„Das bin ich“, sagt er hinter mir, wo er vorhin noch nicht war.
„Das heißt, ihr kennt euch schon länger?“
„Ja, ich weiß schon seit kurz vor der Hochzeit von den Elfen. Ich erkläre es dir später. Ganz wichtig ist aber, dass du mit niemandem darüber sprichst. Nur Askan und Mohk wissen noch davon.“
„Mohk auch?“
„Er hat Bücher, in denen die Elfen beschrieben werden, und das sind keine Märchenbücher. Ach ja, und der süße Kleine hier weiß es jetzt auch. Aber er redet mit niemandem darüber, nicht wahr?“ Ich gebe Kian einen Kuss und sehe ihm in die Augen.
„Nur Papa. Und Mohk. Und Siana.“
„Genau. Du hast es verstanden, Süßer. Und ich habe dich ganz, ganz lieb.“
Statt einer Antwort legt er die Arme um meinen Hals und drückt mich fest.
„Wenn ihr damit fertig seid, würde ich gerne Kyo jemanden zeigen. Ihr beide könnt solange zu der Hütte da hinten, wo zwei Elfenkinder stehen und auf euch warten. Sie zeigen euch ihre Spiele, einverstanden?“
„Spiele?“, fragt Kian. „Auch für mich?“
„Jawohl, auch für dich, Kian. Am besten du nimmst Siana an der Hand und führst sie dahin.“
„Ja, das mache ich!“ Kian lässt sich auf den Boden stellen, packt Siana an der Hand und zieht sie mit sich.
„Er ist weniger beeindruckt als Siana“, bemerkt Nuoka. „Ich bin erstaunt, wie du mit Siana umgehst.“
„Wie meinst du das?“
„Sie ist doch deine Dienerin.“
„Ja, und?“
„Du behandelst sie aber wie eine Freundin.“
„Sie ist ja auch eine Freundin. Eigentlich habe ich es nicht so mit dem Herrschen.“
„Du, als Königin?“
„Als Königin bin ich eine Dienerin des Volkes.“
„Ja, das sagen viele, aber niemand denkt es.“
„Ich schon“, erwidere ich. „Wen wolltest du mir denn zeigen, Nuoka?“
Er mustert mich nachdenklich, dann deutet er auf das große Haus. Das heißt, auf die große Hütte. Dann geht er vor und ich folge ihm. Wir betreten den einzigen Raum, den es gibt und der dementsprechend so groß ist wie die Hütte. Von der Decke und an den Wänden hängen allerlei Sachen, deren Zweck ich noch weniger erkenne wie das, was sie sein sollen. Einige sehen wie Überreste irgendwelcher Wesen aus, zumeist die Knochen und Federn, aber was das für Wesen ursprünglich mal waren, ist mir ein Rätsel.
Dann richtet sich meine Aufmerksamkeit auf den Mann, der im Schneidersitz in der Mitte sitzt und leise eine Trommel schlägt. Er ist dünn, wirkt groß, zumindest im Sitzen, hat weiße Haare und ein schmales Gesicht.
„Das ist der Geheime Zauberer“, erklärt Nuoka. „Seinen richtigen Namen verrät er nicht.“
Der Weißhaarige hält mit dem Trommeln inne und hebt den Blick, bis er in meine Augen sieht.
„Du bist also die berühmte Kyo.“
„Ich bin berühmt? Das weiß ich nicht. Aber Kyo ist mein Name.“
Er nickt, dann erhebt er sich. Jetzt kann ich erkennen, dass er sogar größer ist als Askan. Er geht zu einem Tisch, neben dem einige Stühle stehen, auf die er zeigt. Während wir uns hinsetzen, holt er aus einem Beutel an der Wand Tassen, die er auf den Tisch stellt, aus einem anderen etwas Blättriges, wahrscheinlich Kräuter. Diese lässt er in die Tassen rieseln, die sich daraufhin mit dampfendem Tee füllen.
„Oh!“, rufe ich. „Wie geht das denn?“
„Das ist, warum ich Zauberer heiße“, erwidert er lächelnd.
„Hm. Ist ziemlich nützlich, scheint mir.“
„Es hat Vorteile.“ Der Zauberer setzt sich auch an den Tisch und sieht mich neugierig an. Er wirkt freundlich, vertrauenerweckend. „Du trägst den Ring und hast damit Macht über die Elfen, dennoch habe ich von dir zuvor nichts gehört.“
„Weil ich mich nicht erinnere.“
„Ich weiß. Nuoka hat es mir erzählt. Dennoch ist es erstaunlich, denn ich müsste mich an dich erinnern, wenn ich dir bereits begegnet wäre. Und eine mächtige Frau wie dich gibt es nicht oft.“
„Mächtige Frau? Es gibt viele Königinnen.“
„Diese Macht ist vergänglich und hängt von der Gnade des Volkes ab. Sie meinte ich nicht. Nur Auserwählte dürfen den Ring tragen.“
„Ich habe ihn zufällig gefunden.“
Jetzt lächelt er sanft. „Der Ring wollte, dass du ihn findest. Niemand, der nicht dazu bestimmt ist, kann ihn sehen, bis er seinen Herrn gefunden hat. Und selbst wenn es jemand könnte, der Ring würde ihn augenblicklich töten, wenn er ihn berührt. Im Gegensatz zu dir und mir weiß der Ring ganz genau, wer du bist.“
Ich hebe meine rechte Hand und mustere den Ring. „Du redest von ihm, als hätte er einen eigenen Willen, wie ein Lebewesen.“
„Hat er auch. Niemand weiß, wer ihn geschmiedet hat und wieso er so viel Macht über die Elfen hat.“
„Habt ihr schon mal versucht, euch seinem Willen zu widersetzen, Nuoka?“
„Es gibt eine Legende“, erwidert er düster. „Vor sehr, sehr langer Zeit wollte ein Elfenkönig es wissen. Mehr als ein Häufchen Asche ist nicht von ihm übrig geblieben.“
„Oh, oh. Und wenn er plötzlich auf die Idee kommt, dass ich doch die Falsche bin?!“
„Das wird nicht passieren. Nirgendwo in den Aufzeichnungen ist von so einem Fehler die Rede.“
„Aber ich könnte etwas tun, was ihm nicht gefällt.“
„Auch das ist ausgeschlossen. Du beherrschst den Ring, nicht umgekehrt.“
„Eigenartig. Seltsamerweise habe ich bis gerade nie infrage gestellt, warum ich ihn trage. Damals hatte ich kurz Angst, als ich ihn nicht mehr abziehen konnte.“
„Wie hast du ihn denn gefunden?“
„Er hat mich gerufen.“
„Aha!“, sagt Nuoka. „Und dann zweifelst du noch?“
Ich verneine kopfschüttelnd. Eigentlich zweifele ich wirklich nicht, auch wenn ich vorhin ganz kurz unsicher wurde. Aber eigentlich spüre ich, dass der Ring wirklich mir gehört. Auch die Fähigkeiten, die er mir verleiht, kommen mir seltsam vertraut vor.
„Nun, dann sollte ich mit Siana und Kian wieder zurückkehren und …“
„Es gibt einen Grund, warum ich dich sprechen wollte“, unterbricht mich der Zauberer. Irgendwie erinnert er mich an jemanden. Aber an wen bloß?
„Welchen?“
„Es geht um den nahenden Krieg. Ihr werdet ihn verlieren.“
„Aha. Das wolltest du mir sagen?“ Ich will mich erheben, aber den Zauberer irritiert das nicht.
„Ein Zauberer hilft euren Feinden.“
Ich lasse mich wieder sinken. „Ein Zauberer? Wie viele gibt es denn von euch?“
„Wir sind viele. Ich selbst bin ein Ausgestoßener und lebe darum bei den Elfen. Doch im Zaubererbund gibt es sehr viele meiner Art. Einer von ihnen hat seine Schwur verraten und hilft Barka. Das ist der Grund, warum die Vier-Länder-Allianz es nun wagt, Niuja und Marbutan anzugreifen.“
Ich atme tief durch. Das sind ziemlich viele Neuigkeiten auf einmal. Ich komme mir wieder vor wie damals, als ich auf den Hof von Marbutan kam und das Gefühl hatte, nichts zu wissen. Jetzt, so viele Numoas später, bin ich in königlichen Gefilden heimisch, doch hier, unter Elfen und Zauberern, komme ich mir wieder sehr unwissend vor.

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Leseprobe: Fiona – Spinnen (Band 8 der Fantasy-Saga)

Fiona – Spinnen

Ich hasse das Sterben. Und das Aufwachen danach auch.
Was ist passiert? Im Moment weiß ich nur, dass ich gerade wieder zum Leben erwache. Das ist diesmal ungewöhnlich schmerzhaft, als hätte etwas meinen Körper zerfetzt. Ich spüre, dass ich auf einer harten Unterlage liege.
Neben mir befindet sich noch etwas. Weich, ansatzweise warm. Ein Körper, nackt wie meiner.
Langsam erinnere ich mich wieder. Ich drehe den Kopf und sehe Katharina. Ihre Augen sind offen, sie atmet. Auf ihrem Kopf Blut und noch etwas.
Mein rechter Arm ist eingeklemmt. Ich glaube, sie liegt auf ihm. Ich taste mich mit dem anderen Arm ab. Einige Stellen sind sauber und trocken, andere von verkrustetem Blut und was auch immer bedeckt.
Die Explosion. Sie hat uns zumindest teilweise zerfetzt, und Reste unseres alten Körpers bedecken uns.
Na toll.
Ich setze mich auf und sehe mich um. Eine Kammer. In einer ähnlichen war ich schon. Von diesem Raum aus werden die Leichen in den Shadartunnel gekippt. Wir liegen nebeneinander auf einer Bahre, nackt. Um uns herum weitere Reste von uns. Vermutlich sind sie beim Regenerieren abgestoßen worden, wie die alte Haut bei der Entpuppung. Besonders appetitlich sieht es nicht aus.
Scheiß drauf.
Katharina rührt sich auch. Und stöhnt. Ich betrachte ihren Körper, dann entferne ich einige Teile, die sie nicht mehr braucht. Ich glaube, ein Stück Darm ist auch dabei. Und obwohl ich ihren Körper wirklich sehr gut kenne und liebe, ist das ein Teil davon, den ich weder sehen noch berühren möchte.
Bäh!
„Was ist passiert?“, fragt sie und stöhnt erneut. „Ich war wohl tot …“
„Ich auch. Irgendwas ist explodiert.“
„Explodiert?“
„Zerplatzt. Bumm. Unsere Körper auch zum Teil.“ Ich halte einen weiteren ehemaligen Bestandteil ihres Körpers hoch. „Keine Ahnung, was das ist, aber ich glaube, es war mal in deinem Körper.“
Sie verzieht das Gesicht. „Das ist ja widerlich.“ Sie setzt sich auf. „Wo sind wir überhaupt?“
„Kurz vor dem Shadartunnel.“
„Oh. Ich dachte, Matrixbeauftragte sind unberührbar?“
„Das dachte ich auch. Mir scheint, unser Auftrag wird spannend.“
Sie mustert mich. Meine Augen. Meinen Mund. Meine Brüste. Meinen Bauch. Meine Beine. Und das dazwischen. Ich glaube das einfach nicht.
„Katharina?“
„Ist ja schon gut. Bist du nicht geil?“
„Ich bin gerade erst zu den Lebenden zurückgekehrt, mir tut alles weh. Tut mir leid, da denke nicht einmal ich an Sex.“
„Schade. Mir tut auch alles weh, übrigens. Aber Sex ist eine gute Ablenkung. Vertreibt den Schmerz.“
„Wir holen das nach. Okay?“ Ich gebe ihr einen schnellen Kuss, dann stelle ich die Füße auf dem kalten Boden ab. Dabei versuche ich, über unsere Situation nachzudenken. Inzwischen funktioniert mein Gehirn wieder und ich schaffe es, die Bilder von den letzten Sekunden abzurufen. Sana war aufgestanden und gegangen, um Getränke zu besorgen. Er wusste also, dass gleich etwas passieren wird. Das wiederum bedeutet, es war geplant.
Nicht gut. Überhaupt nicht gut.
Ich drehe den Kopf um, bis ich Katharina sehen kann. Sie sitzt noch mit angezogenen Beinen auf der Bahre und stützt ihren Kopf mit den Händen ab. Sie scheint ganz ordentliche Schmerzen zu haben. Na ja, sie sind gleich vorbei, wenn der Körper sich vollständig regeneriert hat.
„Kannst du dich erinnern?“, erkundige ich mich. „Sana ist kurz vor der Explosion gegangen.“
„Ja, er wollte Getränke holen.“
„Er hat gewusst, was passieren wird.“
Sie blickt hoch. „Sor hat wohl recht.“
„Wie stehst du jetzt dazu, Niasman zu töten? Uns hat er ja nun getötet. Dass das nichts bringt, konnte er ja nicht wissen.“
„Nein, Unsterblichkeit ist hier nicht so verbreitet, glaube ich. Wir sollten ihn uns vornehmen.“
„Sehe ich auch so.“
„Und zuerst brauchen wir Kleidung.“
Ich nicke, dann horche ich auf. Stimmen. Wenn mich nicht alles täuscht, nähern sich zwei Männer. Wir wechseln schnell einen Blick, dann stellen wir uns rechts und links von der Tür auf. Noch wenige Meter, bis sie an der Tür sind.
„Was haben die beiden Hübschen eigentlich verbrochen?“
„Sind beim eigenen Attentat umgekommen. Hübsch und blöd.“
Na warte.
Als die Tür aufgeht, werden wir sofort aktiv. Ich packe den auf meiner Seiten an den kurzen, rotblonden Haaren und knalle seine Nasenwurzel gegen die Kante der Metallbahre. Das gibt ein ziemlich hässliches Geräusch, vermutlich das Letzte, was der hübsche Rotblonde in seinem Leben hört. Zu blöd auch.
Ich sehe nach Katharina. Sie ist auch fertig. Sie hat dem Anderen erst die Luftröhre mit der Handkante zerschmettert und ihm dann mit einer schnellen Bewegung das Genick gebrochen.
Sie sind etwas größer als wir, aber das stellt kein Problem dar. Die Hosen stopfen wir in die Stiefel und die Ärmel werden hochgekrempelt. ID-Karten haben wir nun auch wieder.
Wir legen die beiden auf die Bahre, dann betätige ich den Schalter. Die Tür geht auf, die Bahre fährt an einem Ende hoch und schon sind die beiden fort.
„Der Vorteil ist, dass sie uns nun für tot halten“, stelle ich fest.
„Wir sollten mit Sor sprechen und ihm sagen, was passiert ist“, erwidert Katharina.
„Im Prinzip eine gute Idee. Aber wie?“
„Hat er nicht gesagt, wir können jedes Telefon nutzen?“
„Ja, aber nur mit den ID-Karten, die wir nicht mehr haben, weil sie auch zerstört wurden, kommen wir direkt zu ihm durch.“
„Hm. Schade.“
„Ich schlage vor, wir nutzen die Gelegenheit, und regeln das auf unsere Weise.“
„Okay. Du bist die Chefin.“
„Wieso bin ich die Chefin? Hä?“
„Weil du dich erinnerst, dich hier auskennst und Dinge weißt, die ich vergessen habe. Dadurch kannst du viel bessere Entscheidungen treffen als ich.“
Das ist wahr. Erstaunlich, wie pragmatisch sie sein kann. Sie war schon immer die Bedachtere von uns beiden, von ihrer Eifersucht und gelegentlichen Ausraster mal abgesehen. Umso besser, dass sie jetzt so praktisch denkt.
„Siehst du es anders?“
„Nein, völlig richtig. Komm, wir besuchen Niasman. Diesmal ohne Vorankündigung.“
Nachdem sie nickt, gehen wir zur Bomo. Es sind einige Trauernde und Mitarbeiter im Shadar, aber in unseren Uniformen fallen wir nicht auf. Zwischendurch entfernt Katharina noch etwas aus meinen Haaren. Sie zeigt es mir zwar, aber ich beschließe, nicht so genau hinzuschauen. Wird wohl ein Teil von meinem Hirn sein. Habe ich eh schon viel zu oft gesehen.
Ich gebe Z7.77 als Ziel an. Die Bomo will daraufhin eine ID haben und gibt sich mit meiner zum Glück zufrieden. Die Tür gleitet zu und die Kabine surrt los. Die Fahrt wird eine Weile dauern.
Katharina lehnt sich gegen die Wand und beobachtet mich.
„Was?“
„Ich habe nur darüber nachgedacht, dass du dich benimmst, als würdest du so was ständig machen.“
„Na ja, mein Leben war nicht langweilig, seitdem ich weiß, dass ich eine Kriegerin bin. Außerdem habe ich eine Menge erlebt, nachdem ich diese Welt betreten habe. Meine ruhigste Zeit war die unten, als wir gewandert sind, und dann in der Prex. Sonst ständig so wie zuletzt.“
„Okay. Und was genau hält dich in diesem Moment davon ab, mich zu küssen?“
Lächelnd trete ich zu ihr und lege die Unterarme auf ihre Schultern. „Erinnerst du dich, wie lästig du es fandest, dass ich dich ständig küssen wollte?“
„Du findest mich lästig?“, fragt sie mit großen Augen.
„Nein. Ich glaube, das könnte niemals passieren. Ich finde es nur lustig, wie sich das geändert hat.“ Ich berühre beim Sprechen inzwischen ihren Mund. „Lustig, aber ausgesprochen hilfreich.“
Sie legt die Hände auf meinen Po und erwidert: „Bist du sicher, dass du hilfreich sagen wolltest?“
„Ja. Es hilft mir dabei, ausgeglichen und entspannt zu bleiben.“
„Ach ja. Dann sollten wir dich jetzt entspannen. Wie findest du das?“
„Sehr gut“, murmele ich und setze es direkt in die Tat um. Zum Glück dauert die Fahrt ja etwas.
Kurz bevor die Bomo die Ankunft verkündet, lösen wir uns voneinander. Katharina grinst wie ein Honigkuchenpferd. Allerdings nur solange, bis sich die Tür öffnet und wir uns Prok und Carch gegenüber sehen.
Ihre Augen weiten sich, die Hände greifen nach den Waffen. Aber wir sind viel schneller, packen die beiden am Hals, halten ihre Handgelenke fest und drücken sie gegen die Wand gegenüber.
Ungünstigerweise sind noch mehr Leute auf dem Korridor. Einige Frauen, die sofort losschreien, jedes dämliche Klischee bestätigend, und drei Bewaffnete.
„Kümmere dich um die beiden!“, rufe ich Katharina zu, dann nehme ich mir die drei vor.
Sie greifen nach ihren Waffen, doch da habe ich schon meine eigene Pistole in der rechten Hand, die von Prok in der anderen. Die ersten beiden sind tot, bevor sie ihre Waffen auch nur berühren, der Dritte schafft es gerade eben, die Waffe zu ziehen, bevor zwei Kugeln seine Stirn zerfetzen.
Was sind das denn für Kaliber, verfluchte Scheiße?
Ich sehe nach Katharina, die bis dahin ihre Aufgabe problemlos erledigt hat. Prok erstickt gerade an einer akuten Luftröhrenverengung, ausgelöst durch den Schlag Katharinas, wie sie ihn vorhin auch schon angewendet hat, Carchs Kopf wurde einmal um 180 Grad gedreht.
„So sieht er besser aus“, erklärt Katharina, als sie meinen Blick bemerkt.
Ich bin mir nicht sicher, ob Carch und potenzielle Verehrerinnen das auch so sehen würden, wenn es denn dazu kommen könnte, aber nun ist es wohl zu spät. Carchs Körper rutscht gerade an der Wand hinunter, was etwas seltsam aussieht, da er dabei sein Gesicht und den Rücken dagegen drückt.
Ich spüre, dass selbst mein Magen rebellieren möchte, und wende mich ab.
„Los, weg hier!“, rufe ich Katharina zu. Da ich mich darin auskenne, sprinte ich zum nächsten Lüftungsschacht. Die Abdeckung leistet nicht lange Widerstand, sie ist nicht für rohe Kriegerkraft gemacht.
„Das sieht nicht einladend aus“, bemerkt Katharina.
„Ich weiß, aber hier wird es gleich noch weniger einladend sein.“

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Die Kristallwelten-Saga: Zyklus 3 (Fiona, Spoiler-Gefahr: 10)

Spoiler-Gefahr: 10

Vom dritten Zyklus existiert noch kein Plot zu diesem Zeitpunkt (Februar 2019) und wird nachgereicht, sobald verfügbar.

Bereits bekannt sind die Titel der Bände 12 bis 16:

  • Fiona – Todesstille
  • Fiona – Traumtanz
  • Fiona – Finsternis
  • Fiona – Morgendämmerung
  • Fiona – Erwachen

Jetzt kommt ein ganz dicker Spoiler!

Fionas altes Universum existiert noch, befindet sich allerdings in einer Art Tiefschlaf. Fiona darf einige ihrer Gefährten aus dem Tiefschlaf erwecken und zusammen mit ihnen, und natürlich Katharina, Sarah und Thomas, eine Aufgabe lösen, damit das Universum wieder in den Zustand vor dem Beginn der Formatierung zurückversetzt wird: Die Quelle der Magie finden und aktivieren.

Doch diese Suche erstreckt sich über beide Universen, denn es gibt Übergänge zwischen Fionas neuem und altem Universum: die bereits bekannten Gottesgänge. Es gibt also ein Wiedersehen mit Kian, Siana und den anderen. Wir erfahren auch, was mit der Spinnenwelt passiert ist.

Und es gibt ein Wiedersehen mit Charakteren, die wir vielleicht nicht erwartet hätten, wie zum Beispiel Norman, Fionas ermordetem Bruder. Oela und Garoan begegnen sich endlich ebenfalls, doch wie das ausgeht, verraten wir an dieser Stelle lieber mal nicht.