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Fiona – Beginn 2.0 (2)

Leslie nimmt mich stumm in die Arme, dann zieht sie mich ins Haus.
„Mein Vater arbeitet noch“, sagt sie. „Wir sind also ungestört.“
Ich nicke. Bin froh, dass James nicht da ist, im Moment wäre sein Anblick vielleicht zu viel. Wir gehen in die Küche und sie macht uns Kaffee. Dann setzt sie sich mir gegenüber und sieht mich fragend an.
Ich halte den heißen Becher mit beiden Händen fest.
„Wie geht es deinen Eltern?“
„Beschissen natürlich.“ Ich atme tief durch. „Meine Mutter hatte einen Nervenzusammenbruch und Carola hat sie mit Beruhigungsmitteln vollgepumpt. Jetzt schläft sie, mein Vater ist bei ihr. War eine blöde Idee, ins Krankenhaus zu fahren. Hast du eine Ahnung, wie ein Dreizehnjähriger aussieht, nachdem ein Jeep über ihn hergefahren ist? Wohl mehrmals, sagen die von der Spurensicherung.“
„Also Mord?“ Leslie schüttelt den Kopf. „Nein, ich habe keine Ahnung und bin ganz froh darüber.“
„Das kannst du auch sein. Oh Mann. Man denkt, der menschliche Körper ist was Besonderes, aber …“
„Fiona“, sagt Leslie sanft. „Fiona, sollen wir gemeinsam die Küche vollkotzen?“
Ich starre sie an, dann schüttele ich den Kopf. „Nein. Sorry.“
„Schon okay, Schätzchen. Was willst du tun?“
„Ich fahre nachher ins Krankenhaus, zu Savage.“
„Der arme Kerl“, murmelt Leslie.
Ich mustere sie. Sie trägt ein schwarzes T-Shirt und kurze Hosen. Mit ihren schulterlangen, dunkelbraunen Haaren und den braunen Augen wirkt sie irgendwie exotisch. Sie kommt wohl eher nach ihrer Mutter als nach James. Zumindest den Bildern nach zu urteilen, ich habe sie ja nicht kennengelernt.
„Soll ich mitkommen?“
„Nein, lieber nicht. Dich kennt er ja nur flüchtig.“
„Was willst du bei ihm? Ihn trösten?“
„Keine Ahnung. Vielleicht freut er sich.“
„Kann sein.“ Leslie glaubt mir nicht. Zumindest nicht, dass ich nur deswegen zu Savage will. Sie hat ja recht, aber wenn ich das zugebe, versucht sie, es mir auszureden. Und das wiederum könnte sie nicht, also wozu unnötigen Stress erzeugen? Ich weiß ja selbst, dass ich bescheuert bin, weil ich daran denke.
„Vielleicht sollten wir heute Abend irgendwohin ausgehen“, schlägt sie vor und beobachtet mich aufmerksam.
Verdammt. Sie kennt mich viel zu gut, was für eine beste Freundin ja nicht weiter erstaunlich ist.
„Mal sehen, wie ich mich fühle, wenn ich bei Sava war“, erwidere ich. „Das ist irgendwie ganz unwirklich. Ich meine, wer rechnet schon damit, dass der dreizehnjährige Bruder stirbt? Er war doch noch ein Kind.“
„Es ist grausam. Wer es auch immer getan hat, verdient seine Strafe.Ich bin sicher, die Polizei wird ihn finden und er kommt für sehr lange Zeit ins Gefängnis.“
„Meinst du? Die Polizisten wirkten nicht so auf mich, als hätten sie viel Hoffnung.“
„Die haben heute viele Möglichkeiten, das Auto zu finden. Frag mal meinen Vater. Auch wenn er schon lange weg ist, wird er es dir erklären können.“
„Er war beim Geheimdienst, nicht bei der Polizei.“
„Das bedeutet nur, dass er die technischen Möglichkeiten kannte, über die die Polizei heute verfügt“, sagt sie und grinst leicht.
„Mag schon sein. Angenommen, sie finden ihn. Und dann? Dass es Mord war, wie sollen sie das beweisen? Er kommt dann wegen fahrlässiger Tötung oder so was für zwei Jahre in den Knast. Das wars.“
„Erstens ist das gar nicht sicher. Und selbst wenn, was willst du tun? Ihn selbst richten?“
Scheiße. Sie weiß wirklich, worüber ich nachdenke. Aber ich kann ihr schlecht erzählen, dass meine Mutter mich beauftragt hat, als wir auf dem Heimweg waren und kurz bevor sie ganz weggetreten war, ihn zu finden und zu töten.
„Wer tut so was?“, hat sie gefragt. Weder mein Vater noch ich konnten etwas dazu sagen. Wie denn auch? „Finde ihn, Fiona. Finde ihn und töte ihn.“
Ich sah meinen Vater an, doch der blieb stumm. Keine Ahnung, was er gedacht hat. Und ich weiß nicht, ob meine Mutter sich überhaupt daran erinnern wird, wenn sie aufwacht. Sie stand unter Drogen, als sie es gesagt hat.
Aber ich habe gespürt, welche Wut, welcher Hass da aus ihr gesprochen hat. Und dieselbe Wut, denselben Hass spüre ich in mir auch.
Das macht mir Angst, denn das sorgt dafür, dass ihr Auftrag zu meinem Auftrag wird. Da ist eine Stimme in mir, die es ständig wiederholt: „Finde ihn. Töte ihn.“ Immer und immer wieder.
Und es ist meine Stimme.
Scheiße.
„Du bist verrückt, Fiona“, sagt Leslie. „Versprich mir, dass du dich aus der Polizeiarbeit heraushältst! Ein paar Straßenjungs zu verprügeln ist was ganz anderes als so was!“
„Leslie? Ich habe nichts gesagt.“
„Genau das macht mir Sorgen. Du würdest heftig protestieren, wenn ich unrecht hätte.“
„Lass mich bitte diesen Scheißtag irgendwie überstehen, okay?“
„Möchtest du hier schlafen?“
„Ich möchte gar nicht schlafen. Das heißt, ich möchte schon, aber ich kann nicht. Wenn ich die Augen zumache, sehe ich wahrscheinlich Norman vor mir. Und das ist kein schöner Anblick, das kannst du mir glauben!“
„Das glaube ich dir ja. Du könntest trotzdem hier bleiben und wir bleiben zusammen wach. Was hältst du davon?“
Ich muss unwillkürlich lächeln. Sie ist schon ein klasse Mädchen, die beste Freundin, die man sich vorstellen kann. Jemanden wie mich so lange zu ertragen, ist nicht leicht. Ich hätte nicht gedacht, dass unsere Freundschaft die Schulzeit überdauert. Klar, wir sehen uns seltener, sie studiert Wirtschaftswissenschaft, ich arbeite als Trainee bei meinem Vater.
Seit vier Jahren schon, wie mir gerade bewusst wird. Langsam sollte ich über eine Berufswahl nachdenken. Wie wäre es mit Geheimdienst?
„Leslie, ich bin dir echt dankbar und weiß, dass du es ernst meinst. Aber ich muss raus. Ich werde zu Sava fahren und dann wohl in den Dojo. Wenn sonst nichts geht, schlage ich solange auf einen Sandsack ein, bis entweder der oder meine Fäuste kaputt sind.“
„Deine Fäuste? Niemals.“
„Jetzt hör auf, ich bin auch nur ein Mensch. Ein schwaches, kleines Mädchen.“
„Ein Mensch, okay, kann ich gelten lassen. Aber schwache, kleine Mädchen tragen keinen schwarzen Gurt und zerschlagen keine dicken Bretter mit dem kleinen Finger.“
„Hey, das kann ich auch nicht.“
„Aber fast. Ich war dabei, du erinnerst dich vielleicht, als du vor sechs Jahren die drei Jungs krankenhausreif geschlagen hast, als sie Jeremy angegangen haben.“
„Krankenhausreif ist etwas übertrieben.“
„Einen von ihnen auf jeden Fall.“
„Okay, er hatte einen gebrochenen Arm. Und ja, ich mache seit zwölf Jahren Kampfsport.“
„Entschuldige mal, du machst nicht seit zwölf Jahren Kampfsport, du lebst seit zwölf Jahren Kampfsport. Wie viele Stunden in der Woche?“
„Zwanzig bis dreißig, je nachdem, wie ich Zeit und Lust habe.“
„Du könntest Weltmeisterin sein, wenn du endlich an Wettkämpfen teilnehmen würdest.“
Vielleicht. Der Meister ist auch überzeugt davon. Es mag sein. Aber ich hasse es. Ich hasse es, im Rampenlicht zu stehen. Dank meines Vaters lebe ich lieber im Verborgenen. Schon schlimm genug, dass ich früher immer mal mit zu irgendwelchen Veranstaltungen musste. Norman, Mama und ich. Die perfekte Familie zum Vorzeigen. Der hübsche Norman und die blonde, sportliche Tochter. Nach ein paar bösen Eskalationen, nicht ganz ungewollt von mir verursacht, durfte ich dann zu Hause bleiben. Der Alkohol und ich, gemeinsam sind wir unschlagbar.
„Will ich aber nicht“, erwidere ich.
„Warum nicht?“ Als wenn sie es nicht wüsste. Als wenn sie nicht von dem Krieg wüsste, der zwischen meinem Vater und mir tobt. Verstehen kann sie es nicht, sie hat den tollsten Vater der Welt. Er ist immer für sie da und macht alles für sie. Trotzdem ist sie nicht verwöhnt. Keine Ahnung, wie er das hinkriegt.
Der tolle James. Wenn du wüsstest, Leslie.
„Darf ich bei dir duschen? Danach fahre ich ins Krankenhaus.“
Leslie nickt. „Klar. Willst du frische Sachen von mir haben?“
„Nur Unterwäsche. Eigentlich reicht auch ein Höschen.“
„Mit oder ohne Stoff?“
„Haha. Ich fahre ins Krankenhaus, nicht in die Disco.“
Grinsend begleitet sie mich nach oben in ihr Zimmer und gibt mir einen halbwegs normalen Schlüpfer. Sie ist größer als ich und weiblicher gebaut, aber an der Hüfte sind wir uns ähnlich.
Wir umarmen uns, dann verziehe ich mich ins Bad. Zum Duschen und zum Heulen.

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Leseprobe: Erbengel

Ein Blinzeln von Jessica reichte, und Samuel war aus dem Auto gesprungen und zu ihrer Tür gekommen. Ein weiteres Blinzeln – und er hatte die Tür aufgerissen und sie heraus gezogen. Unsanft stellte Samuel Jessica mitten auf der Lichtung ab.
»Greif mich an!« befahl er von seiner Position, etwa fünf Meter von ihr entfernt. Jessica reagierte nicht. Sie hätte auch gar nicht gekonnt, selbst wenn sie gewollt hätte. Es verlangte ihr immer noch alle Kräfte ab, einfach nur auf den Beinen stehen zu bleiben. Samuel stand ihr gegenüber. Breitbeinig, leicht nach vorn gebeugt, wiegte er sich von einem Fuß auf den anderen. »Mach schon. Greif mich an!«
Diesmal war der Befehl leiser, doch umso nachdrücklicher. Als Jessica immer noch keine Anstalten machte, sich zu bewegen, kam er langsam auf sie zu. Seine geduckte Haltung gab er dabei nicht auf. Zu spät erkannte Jessica, dass es nicht etwa eine Verteidigungs-, sondern eine Angriffshaltung war. Angst ergriff sie, als sie das Glitzern in Samuels Augen sah, kurz bevor er absprang.
Der Aufprall war härter als sie erwartet hatte und riss sie von den Füßen. Auf dem Rücken rutschte sie mehrere Meter, bis an den Rand der Lichtung.
»Was zum Teufel tust du da!«, nur beiläufig registrierte sie, wie panisch ihre Stimme selbst in ihren eigenen Ohren klang.
»Wenn du mich nicht angreifen willst, dann wehre dich wenigstens!« Samuels Stimme war nicht viel mehr als ein Knurren, in dem die Worte wie nebensächlich mitschwangen. Fieberhaft versuchte Jessica zu überlegen, was sie tun sollte, doch alles, woran sie denken konnte, waren die spitzen Zähne, die Samuel nur Zentimeter von ihrem Gesicht entblößt hatte, und das schreckliche Glitzern wie im gierigen Blick eines Raubtieres, das alles Menschliche aus seinen Augen vertrieben hatte. Seine Nasenflügel blähten sich, und ein kehliges Knurren war zu hören. Ein letztes Mal versuchte Jessica, irgendetwas Bekanntes in Samuels Gesicht zu finden, dann gab sie auf und schloss langsam die Augen. Sie zwang sich zur Ruhe, hörte nur noch auf ihren eigenen Atem. Sie verdrängte das Knurren und die harten, kalten Hände, die sich um ihre Oberarme geschlossen hatten.
»Du lässt mich jetzt los.« Es war kein Befehl. Es war auch keine Bitte. Es war mehr eine Anweisung; eine zukünftige Tatsache. Genau so langsam, wie sie sie eben geschlossen hatte, öffnete Jessica nun ihre Augen und sah Samuel unverwandt an. »Es ist alles in Ordnung. Du kannst mich jetzt loslassen.«
Eine Mischung aus Verwirrung und Erleichterung machte sich auf seinem Gesicht breit und drängte Stück für Stück das Raubtier zurück unter die Oberfläche. Noch ein letztes Blinzeln, und es waren wieder Samuels vertraute Augen, die sie erschrocken ansahen.
»Was habe ich getan?« keuchte Samuel fast unhörbar. Schockiert starrte er auf seine Hände, die noch immer Jessicas Oberarme am Waldboden fixierten. Panisch, fast angewidert, riss er sie weg und lehnte sich zurück, so dass Jessica sich aufrichten konnte.
»Du hast versucht, das Richtige zu tun.« Langsam und vorsichtig nahm Jessica Samuels Gesicht zwischen die Hände und versuchte, ihn zu sich zu drehen, um ihm in die Augen schauen zu können. »Du hast nur versucht, mir zu helfen.«
Und dann faste Jessica sich ein Herz und zog Samuel zu sich in ihren Arm. Ein leichtes Beben durchlief den riesigen Körper, der nun zusammengerollt an ihrer Schulter ruhte. In monotonen Runden ließ sie ihre Hand über seinen Rücken kreisen. Immer wieder flüsterte sie beruhigende Worte in sein Ohr. Nach einer Weile ließ das Zittern nach und Samuel hob den Kopf. Schuldbewusst und zutiefst erschüttert sah er sie an. Doch Jessica lächelte nur milde.
»Lass uns nach Hause fahren. Es wird schon bald hell.«
Sie waren schon fast wieder an Samuels Hof angekommen, als Jessica das Schweigen brach. »Ich frage mich, ob das nun musische Beeinflussung oder vampirischer Zwang war … oder ob ich da was Eigenes gemischt habe.«
»Bitte. Jetzt noch nicht.«
»Wir müssen aber darüber reden. Und so wie ich das sehe, stellen sich da zwei grundlegende Fragen. Erstens, wie ich es geschafft habe, dich aufzuhalten, und zweitens, was da überhaupt mit dir los war. Und irgendetwas an dir«, Jessica deutete auf Samuels Hände, die das Lenkrad umklammerten, »sagt mir, dass du noch nicht bereit bist, über Letzteres zu reden.«
Samuel atmete hörbar aus, bevor er antwortete. »Aber das ist es ja gerade. Ich denke, es hängt beides unmittelbar zusammen.«
Der Wagen wurde langsamer und bog in die schmale Zufahrt ein. Hinter dem Hof färbte sich der Himmel bereits hellrosa.
»Lass uns erst einmal rein gehen.«

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Geschichten einer Kriegerin – Magie der Angst (1)

Es ist kühl. Wie bescheuert von mir, an so einem Tag Danny zu übernehmen. Ich hätte ihn auch den Hütern der gefährlichsten Blondine des Landes, meinen Eltern, überantworten sollen. Sie werden mit meiner Tochter fertig, da ist Danny keine wirkliche Herausforderung mehr.
Aber nun ist es egal, Danny ist da und muss raus. Ich beschließe daher, wieder in den Park zu gehen. Mit etwas Glück werden heute keine Drachen unterwegs sein.
Kaum bin ich auf der Straße, kommt die nächste unangenehme Erkenntnis: Es ist viel zu kalt für meine Kleidung. Oder für mich in meiner augenblicklichen Kleidung. Jeans und Stiefeletten gehen ja, aber obwohl mein Rollkragenpullover schwarz ist, nicht weiß, zieht er einfach nicht genug Sonnenstrahlen an, um mich aufzuwärmen. Das liegt vermutlich daran, dass es die Sonnenstrahlen gar nicht erst durch die Wolkendecke schaffen.
Ich könnte ja Danny nehmen und mit ihm über die Wolken fliegen. Aber erstens würden die Leute erstaunt schauen. Zweitens würde Danny sehr erstaunt schauen. Und ob es da oben wärmer ist als hier unten, wage ich zu bezweifeln.
Blöde Idee also.
Das Einzige, was ich tun kann, ist zu laufen. Hin und wieder stoppt mich Danny abrupt, ich muss dann aufpassen, den armen Kerl nicht durch die Luft fliegen zu lassen.
Irgendwann erreichen Hund und genervtes Frauchen doch noch den Park und der Hund darf endlich frei laufen. Er entdeckt auch sogleich einige Freunde und stellt unmissverständlich klar, dass er spielen will. Die Freunde sehen das nicht alle so, aber schließlich erbarmt sich ein Mastiff seiner. Wenigstens ein würdiger Gegner. Danny wirkt sogar ein bisschen schmächtig neben ihm, und das will schon was heißen. Aber das macht er durch Energie wieder wett.
Ich lasse mich auf eine Bank sinken und hole mein Handy hervor, doch da bleibt jemand neben mir stehen.
Ich blicke hoch.
Ein Mann. Er trägt einen braunen Anzug, ein hellblaues Hemd und braune Schuhe, keine Krawatte. Haare hat er keine, zumindest auf dem Kopf, obwohl er jung aussieht. Jedenfalls jünger als die meisten Glatzköpfe. Okay, Vin Diesel wäre ein Gegenbeispiel, aber der hier ist so weit entfernt von Vin Diesel wie ich von Dolly Parton. Oder so.
„Ich muss mit Ihnen sprechen, Fiona“, sagt er.
Ich ziehe á la James die linke Augenbraue hoch.
„Mein Name ist Frank Weaver“, fährt er fort, während er sich neben mich setzt. „Ich bin Vorstandsmitglied von ‚Magische Verbrecher‘.“
„Aha. Sie sind ein magischer Verbrecher?“
„Nein, wir jagen sie. Aber manchmal reichen unsere Möglichkeiten nicht aus, daher möchte ich Sie um Hilfe bitten.“
„Mich um Hilfe bitten? Bei der Jagd auf einen magischen Verbrecher? Faszinierend. Wie kommen Sie auf die Idee, ich könnte Ihnen da helfen?“
„Ben Norris hat es mir gesagt.“
Hm. Das ist natürlich ein passendes Stichwort. Trotzdem, ganz so leicht will ich es ihm nicht machen, ich brauche etwas mehr Informationen, um zu entscheiden, ob er Freund oder Feind ist. Genauer gesagt, ob er das Gleichgewicht stört oder bewahrt.
„Ben Norris?“
„Ja, er ist Lieutenant bei der Polizei, was Sie wissen. Aber Sie vertrauen mir noch nicht.“
„Richtig.“
Ich werfe einen Zwischendurchblick auf Danny, aber der ist gerade damit beschäftigt, den Mastiff zu überreden, das Raufspiel verloren zu geben. Zu blöd, dass er, der Mastiff, sich dabei auf Danny gelegt hat. Danny ist ja schon groß und stark mit seinen etwa 50 kg, aber Mastiffs sind für gewöhnlich deutlich größer und schwerer, dieser auf jeden Fall. Ich hoffe mal, Danny nimmt es sportlich, ich habe keine Lust, dazwischenzugehen.
„Ich weiß, dass Sie eine Kriegerin sind, und dass Sie letztes Jahr Ihren Mann und Jack Siever, den Polizeichef, aus Kanaan befreit haben.“
„Okay, das wissen tatsächlich nicht viele. Wobei soll ich Ihnen denn helfen?“
„Es geht um den Mord an zwei alte Leute. Er geschah gestern in Males, etwa 500 Meilen von hier.“
„Ein Mord? Davon gibt es auch hier in Skyline viele. Täglich. Nicht mein Geschäft.“
„Außer, dabei wird das Gleichgewicht gestört, nicht wahr?“
Hm, vielleicht wird es doch interessant.
„Wer wurde denn ermordet?“
„Das ist nicht der interessante Teil, sondern wer die alten Leute ermordet hat. Es war ihr Sohn, den sie vor 20 Jahren im Wald ausgesetzt haben.“
„Okay, das ist relativ ungewöhnlich, wobei ich sagen muss, ich wäre möglicherweise auch sauer.“
„Das Baby wurde ausgesetzt, weil es drei Arme hat. Als die örtliche Hexe, ist ein kleines Örtchen, das noch ein wenig im letzten Jahrhundert lebt, versucht hat, mit einem Visz-Messer den Arm abzuschneiden, nahm das Baby das Messer und stach der Hexe beide Augen aus.“
„Autsch. Ein Baby einer Erwachsenen? Mit einem Visz-Messer? Vielleicht ist es tatsächlich eine gute Idee von Ben gewesen, Sie an mich zu verweisen. Woher stammen die ungewöhnlichen Kräfte des Kleinen, ist das bekannt?“
Frank Weaver schüttelt den Kopf.
„Es gab Zeugen, die den Dreiarmigen gesehen haben wollen. Und sie behaupten alle, er hätte höchstens wie zehn ausgesehen.“
„Sie meinen, ihn gestern gesehen haben wollen?“
„Genau. Zum ersten Mal seit 20 Jahren. Erkannt haben sie ihn nur am dritten Arm.“
„Okay, Sie haben tatsächlich meine Neugierde geweckt. Dreiarmige Babys, die einer erwachsenen Hexe einen Visz-Dolch entwinden und ihr damit die Augen ausstechen, dürften recht selten und eher übernatürlich sein. Und wenn es jetzt tötet, muss ich eine Störung des Gleichgewichts in Betracht ziehen. Weiß denn jemand in Males, dass, sagen wir mal, keine offiziellen men in black den Fall übernehmen werden?“
Er lächelt leicht. „Die örtliche Polizei hat sich an uns gewendet. Wir haben bereits angedeutet, dass dieser Fall selbst für uns ungewöhnlich ist.“
„Aber sie wissen nicht, woher auch, dass Fiona Flame ankommen wird, richtig?“
Er nickt.
„Ich würde ja gerne darum bitten, dass es auch dabei bleibt, aber ich fürchte, ich bin zu bekannt, selbst in einem kleinen Ort im Landesinneren.“
„Sie könnten sich verkleiden. Wir weihen nur den Polizeichef ein. Was halten Sie davon?“
„Ja, eine gute Idee. Kündigen Sie bitte Lois Nale an.“ Perücke und Brille! Das wird sicher ein seltsames Gefühl sein, wieder die 22-jährige Studentin zu sein, die kein Geld von ihren Eltern bekommt.
Aber diesmal sage ich James im Vorfeld schon Bescheid, nicht dass er noch Mark besucht, während ich unterwegs bin.
„Ich bin Ihnen sehr dankbar“, sagt Frank Weaver, während er sich erhebt. „Ich bin gespannt, was Ihre Recherchen ergeben werden.“
„Ich auch, ich auch. Wahrscheinlich fahre ich morgen mit dem Zug, aber das hängt davon ab, wie ich alles organisieren kann.“
„Ich wünsche Ihnen viel Erfolg.“
Ich beobachte den Kerl, als er sich schnellen Schrittes entfernt, dann blicke ich Danny an, der plötzlich mit hängender Zunge vor mir sitzt.
„Sag bloß, du willst freiwillig wieder ins Büro?“
Er bellt nur, aber ich deute das mal als ein Ja.