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Leseprobe: Fiona – Beginn

Fiona – Beginn

Ich fühle mich müde. Von meinen Eltern unbemerkt habe ich mich ins Haus geschlichen und setze mich auf die Fensterbank. Der Garten wirkt verlassen. In wenigen Stunden wird die Sonne ganz untergegangen sein. Im Hintergrund spielt Musik, Supergirl …
… and supergirls don´t cry.
Wie gern wäre ich jetzt das Supergirl von jemandem. All die vielen Männer, all die vielen Affären, sie verlieren in diesem Augenblick die Bedeutung. Bedeutung, die sie sowieso nie gehabt haben. Ben? Oh nein, Ben ist ein netter Junge, aber nicht das Richtige für mich. Zu langweilig, zu spießig, zu farblos. Vielleicht wäre es sogar ganz nett mit ihm im Bett – die ersten Male. Aber bald würden wir anfangen, uns immer öfter zu streiten. Er hat gern festen Boden unter den Füßen, aber ich bin ein Supergirl, und Supergirls müssen fliegen.
Supergirls lassen sich auch nicht einfach sagen, sie sollen nach Hause gehen und das Puppenhaus hüten. Das war es sinngemäß, was Jack Siever uns mitteilte, als wir ins Präsidium zurückkamen.
„Ich habe schlechte Nachrichten“, empfing er uns, nachdem er uns ausrichten ließ, dass er uns in seinem Büro sehen wollte. „Der Polizeipräsident ist gar nicht erbaut über eure Aktivitäten und möchte, dass Fiona nach Hause geht. Meinen Hinweis auf das Gesetz schmetterte er mit dem Argument ab, dass das Gesetz für Männer gemacht wurde, die eine Waffe richtig anpacken können.“
„Dieser Chauviarsch!“, entfährt es mir.
„Das habe ich überhört“, sagt Siever trocken. „Sorry, aber ich kann seine Anordnung nicht einfach ignorieren …“
„Aber ich kann das!“, erwidere ich heftig. „Okay, ich werde ihn davon überzeugen, dass er die Dinge falsch bewertet. Komme gleich wieder!“
„Fiona! Wo willst du denn hin, verdammt?“
Ich beachte Laura nicht. Das Büro des Präsidenten befindet sich in der obersten Etage. Schon auf dem Korridor merkt man, dass hier nicht die kleinen Fische arbeiten. Meine Schuhe gleiten durch den hochwertigen Teppich, schwere Holztüren führen in das Allerheiligste. Besser gesagt, in den Vorhof davon, zu der Sekretärin.
Sie schaut mich über ihren Brillenrand hinweg fragend an. „Wo möchten Sie hin? Ich vermute, dass Sie sich verirrt haben.“
Ich deute auf eine verschlossene, dunkle Tür. „Ist dort das Büro des Polizeipräsidenten?“
Die Sekretärin nickt.
„Dann bin ich goldrichtig. Ist er da?“
„Ja, aber er hat eine Besprechung … hey, da können Sie nicht rein!“
Als sie versucht, sich mir in den Weg zu stellen, schiebe ich sie mit sanfter Gewalt zur Seite. Danach holt sie mich erst wieder ein, als ich schon die Tür aufgerissen habe.
„Es tut mir leid, aber sie wurde gewalttätig …“
Der Polizeipräsident schaut hoch. Sein Blick durchbohrt mich, dann gleitet er an mir herunter. Seufzend wendet er sich an die beiden Männer in dunkelgrauen Anzügen.
„Es tut mir leid, meine Herren, wir müssen die Fortsetzung unseres Gesprächs vertagen. Sandra, schon gut. Ich kenne die junge Dame. Sie kann sehr nachdrücklich sein. Holen Sie ihr bitte einen Kaffee.“
Sandra geht mit einem irritierten Blick auf mich aus dem Büro. Auch die beiden Herren machen einen erstaunten Gesichtsausdruck, gehorchen aber widerspruchslos. Als die Tür hinter ihnen zugeht, wende ich mich an den Mann hinter dem großen Schreibtisch.
„Hast du wirklich gesagt, das Gesetz wäre für Männer, die eine Waffe richtig anpacken können?“, erkundige ich mich mit einem süßen Lächeln.
„Diesen Gesichtsausdruck mag ich nicht sonderlich, Fiona. Davon abgesehen, habe ich so was angedeutet.“
„Du bist ein elender Chauvinist!“
Seufzend erhebt er sich und kommt zu mir. „Es ziemt sich nicht, so mit deinem Onkel zu reden.“
Die Tür geht auf und Sandra bringt den Kaffee. Sie zieht die Augenbrauen hoch, als sie uns so nah beieinander sieht, enthält sich aber eines Kommentars. Sie ist schon fast wieder draußen, als Steve Connor bemerkt: „Ach, übrigens, ich glaube Sie kennen Fiona Carter, meine Nichte, noch nicht. Fiona ist etwas empört darüber, dass ich sie aus dem Fall rausziehen will.“
„Oh … mir scheint, sie ist genauso ein Sturkopf wie Sie, Steve.“
Steve Connor lacht verhalten. „Oh nein, sie ist viel schlimmer. Sturköpfig und absolut respektlos sind ihre Hauptattribute. Wahrscheinlich liegt sie mir auch deswegen so am Herzen.“
„Wahrscheinlich“, erwidert Sandra und geht raus.
„Du irrst dich“, sage ich leise. „Ich bin nicht etwas empört, ich bin stinkesauer!“
„Es ist gefährlich. Du hast keine Ausbildung …“
„Stopp! Wer hat die Ermittlungen überhaupt so weit gebracht? Das war ja wohl ich!“
„Früher oder später wären wir auch ohne dich zu diesen Erkenntnissen gelangt.“
„Hach! Blödsinn!“
„Möchtest du einen Kaffee?“
„Lenk nicht ab!“
„Kaffeetrinken ist so was wie eine Zeremonie, ähnlich der, wenn bei den Naturvölkern Amerikas die Friedenspfeife geraucht wurde. Also, Fiona, bitte setz dich und trink einen Kaffee mit mir. Ich würde gern mit dir wie mit einer Erwachsenen reden. Du bist doch eine Erwachsene?“
„Natürlich“, erwidere ich mürrisch.
„Also, setz dich bitte. Und erzähl mir, warum ich dich weiter im Team lassen sollte? Eine dreiundzwanzigjährige Zivilistin, die eigentlich Trainee im Unternehmen ihres Vaters ist.“
„Weil ich umgebracht werden soll. Wenn ich bei den Ermittlungen mitarbeite, habe ich automatisch auch Schutz.“
„Schutz können wir dir auch so gewähren.“
„Laut Siever nicht, weil er nicht genug Leute für eine solche Rundumbewachung hat. Und ich dabei auch nicht mitspielen würde. Wie dem auch sei, was hast du eigentlich dagegen?“
„Erstens ist es viel zu gefährlich, zweitens förderst du auch nicht gerade unseren guten Ruf, wenn du in diesem Aufzug für die Polizei deine Haut zur Schau trägst.“
„Ich bin durchaus in der Lage, auf mich aufzupassen. Das habe ich ja wohl bewiesen. Lies den Bericht von Laura und Ben. Was die Kleidung anbelangt, daran lässt sich ja etwas ändern. Onkel Steve, lass mich bitte dabei bleiben. Ich verspreche, dass ich mich nicht mehr daneben benehmen werde! Oder soll ich vor dir auf die Knie fallen?“
„Wenn du das tust, lasse ich dich verhaften. Wie ernst ist dein Versprechen?“
„Sehr ernst.“
„Also schön, ich lasse es auf einen Versuch ankommen. Aber für heute hast du genug. Ich will dich hier frühestens morgen wiedersehen, und zwar ausgeschlafen und vernünftig angezogen. Am besten nimmst du dir zum Einschlafen ein Verhaltensbuch mit. Darin sind nämlich auch einige der wichtigsten Rechtsvorschriften, die Polizisten beachten müssen, aufgeführt. Ist das klar?“
„Ja, Onkel Steve, sonnenklar. Du wirst mich nicht wiedererkennen.“
„Übertreibe nicht. Und jetzt verzieh dich, ich muss arbeiten!“
„Danke! Sagst du Siever Bescheid?“
„Ja, mache ich. Raus jetzt!“
In der Tür bleibe ich zögernd stehen und drehe mich um.
„Du bist ja immer noch da!“ Steve mustert mich nachdenklich.
„Ich fände es schön, wenn du Mama wegen Norman anrufen würdest“, sage ich leise.
Steve atmet tief durch. „Ja, es tut mir leid. Ich werde es tun, OK?“
Ich nicke und verlasse das Büro.
Unten angekommen, brauche ich nicht zu fragen. Laura und Ben sind beim Lieutenant im Büro, und alle drei starren mich an, als ich eintrete.
„Was hast du gemacht?“, fragt Siever ungläubig. „Ich hoffe, du hast ihm nicht einen geblasen!“
Ich registriere das vertrauliche Du nur am Rande. „Das wäre ja Inzest! Steve Connor ist mein Onkel.“
„Ups“, sagt Laura.
„Das wusste ich nicht“, so Siever.
„Es wird ja auch nicht an die große Glocke gehängt. Bis jetzt hatte ich mit meinem Onkel ja auch nur privat zu tun. Übrigens hat er mich nicht im Team gelassen, weil wir verwandt sind, sondern weil ich sachliche Argumente hatte, die ihn überzeugt haben. Bringt mich jemand nach Hause?“
Ben nickt. „Ich mache das. Bin gleich zurück.“
„Hey, Fiona“, sagt Siever, als ich schon fast durch die Tür gegangen bin. „Ist das Du in Ordnung?“
„Sicher, Jack.“
„Fein. Übrigens, du hast gute Arbeit geleistet. Nicht unbedingt immer hundertprozentig konform mit der Legalität, aber gute Arbeit.“
„Danke. Das erinnert mich daran, dass mein Onkel mir aufgetragen hat, einen Verhaltensleitfaden nach Hause mitzunehmen. Habt ihr einen?“
Ich bekomme einen. Zu Hause wandert er erst einmal in die Ecke, Ich hole mir Wein und setze mich auf die Fensterbank.
Schließlich gehe ich duschen. Braves Mädchen, das ich nun mal bin, ziehe ich mich nach dem Duschen polizeigerecht an: Jeans und weißes Hemd. Gut, die Jeans sind recht eng und elastisch, aber keineswegs irgendwie frivol oder gar obszön. Niemand wird gezwungen, mir auf den Schritt oder den Hintern zu starren.

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Leseprobe: Das Vampirgen

Die Realität ist ab und zu
auch mal schöner als der Traum.

Das Vampirgen

Der Raum lag im hinteren Teil des Hauses. Er war im Erdgeschoss und man gelangte durchs Wohnzimmer und den Flur hin. Das Zimmer war zwar nicht sehr groß, doch es war eines der schönsten, fand ich. Außerdem konnte man von da aus in unseren Garten gelangen, weswegen sie sich dieses Zimmer in erster Linie ausgesucht hatte. Der Raum war quadratisch und schön hell durch die weißen Möbel, den weißen Schrank, das weiße Bett und die weiße Kommode aus feinstem Eschenholz. Die Wände waren blassblau gestrichen, mit hellblauen Vorhängen, Bettbezug plus Kissen und hellblauem Teppich. Aber am schönsten war der alte Sekretär unseres verstorbenen Großvaters. Er war einst dunkel gewesen, doch er ist neu – und weiß – lackiert worden. Er ist wunderschön, er hat verschnörkelte Schriften und Muster an seinen Rändern und ich könnte ihn Stunde um Stunde anstarren und mit den Fingern drüberstreichen. Doch meine Mutter ließ mich nicht, sondern holte zwei riesige, runde Kartons unter ihrem Bett hervor. Sie waren schneeweiß und mit einer hellen Schleife zusammengebunden.
„Wenn du das siehst“, sagte sie mit einem Leuchten in den Augen, „wirst du ausrasten, du wirst Judy so dankbar sein. Sie und ihre Helferinnen sind einfach so begabt“, sagte sie schwärmerisch.
„Ich würde dich so gerne als Erste in deinem Kleid sehen, aber das geht ja nicht“, murmelte sie mehr zu sich selbst.
„Wieso denn nicht?“, fragte ich etwas verwirrt, wer sollte mich denn sonst als Erste darin sehen.
„Ach Alexis, du musst doch jetzt sofort zu Elain aufbrechen, es ist schon dunkel, du musst dich beeilen. Ein Glück, dass sie nicht so weit weg wohnt. Übermorgen ist doch schon der Ball, hast du das etwa vergessen? Du darfst keine Zeit verlieren“, und mit diesen Worten drückte sie mir die beiden Schachteln in die Hand, die erstaunlich schwer waren, und schob mich aus dem Zimmer. Sie folgte mir in den Flur.
„Ich habe mit ihrer Mutter schon geredet, sie wird da sein und dir die Tür öffnen. Nun geh schon!“
Völlig überrumpelt ging ich durch die Haustür, die sie mir aufhielt:
„Viel Glück“, sagte sie noch, bevor sie die Tür hinter mir schloss. Was war denn bloß in sie gefahren? Verwirrt machte ich mich auf den Weg, auf die andere Straßenseite. Ich ging die dunkle Straße entlang, noch zwei Häuser, dann würde ich da sein, und was sollte ich bitte sagen.
„Hey Elain, weißt du meine Mutter und meine Tante, du weißt ja, sie ist Modedesignerin, die haben uns einfach Kleider für den Ball gemacht. Ach ja, und deine Mutter wusste auch davon, meine Mutter hat mich jetzt einfach, ich weiß, es ist so gut wie Nacht, zu dir geschickt. Falls du wissen willst, wie ich reinkam, das war deine Mom, ach ja, hier hast du dein Kleid. Jetzt ist alles wieder gut, hab ich recht?“
Mal ehrlich, wie stellten unsere Mütter sich das vor? Ich schenke ihr ein Kleid und alles ist wieder Friede, Freude, Eierkuchen, oder wie? Klar, sie haben bis hierhin geplant, den Rest soll ich wohl selbst erfinden. Na supi, gehen den halben Weg, und wenn es ernst wird, verdrücken sie sich. Meine Gedankenblase platzte, da ich jetzt direkt vor der Haustür der Dowsens stand, na toll, und jetzt? Weiter kam ich nicht, weil sich schon die Tür öffnete und ich in das Licht gezogen wurde und alles, woran ich gerade denken konnte, war, mit diesen zwei sperrigen Kartons das Gleichgewicht zu halten, sonst war’s das mit dem tollen Plan. Das freundliche und runde Gesicht von Elains Mutter blickte mich an. Ich kannte sie schon, seit ich ein kleines Mädchen war und hatte mich in ihrer Gegenwart immer wohlgefühlt. Loren Dowsen lächelte mich freundlich und aufgeregt an, ihr Blick erinnerte mich an Elain und ich bemerkte, wie sehr ich Elain vermisste.
„Da bist du ja endlich, Alexis! Elain ist auf ihrem Zimmer, sie weiß nicht, dass du da bist. Ich hoffe mal, dass sie dir wenigstens zuhören wird.“
Dann nickte sie die Treppe rauf und lächelte mir aufmunternd zu. Langsam und unsicher ging ich die Treppe hinauf, ich schwankte ab und zu unter dem Gewicht der Kartons. Als ich oben angekommen war, blieb ich einen Moment vor Elains Zimmertür stehen und atmete tief ein. Dann löste ich eine Hand von den Kartons und klopfte vorsichtig an ihre Tür. Ein gedämpftes, aber nettes „Herein“ war zu hören, ich zögerte einen Moment, öffnete dann die Tür, mein Hals war trocken und wie zugeschnürt. Als ich eintrat, flutete den Flur helles und warmes Licht. Ich blickte Elain an, sie saß auf ihrem Bett, ein Buch in der Hand, sie sah mich überrascht an. Und bevor ich den Mut wieder verlieren würde, schloss ich die Tür, stellte die Kartons beiseite und fing an zu reden.
„Hey Elain, bitte verzeih mir, es tut mir so leid … ich … ich hab gesehen, wie glücklich du mit Scott bist, und es tut mir schrecklich leid, wie ich zu dir war … Ich weiß auch nicht, was in mich gefahren ist. Es war einfach so überraschend … Du fehlst mir so, bitte verzeih mir.“
Mir kamen die Tränen, als ich endete. Elain sagte erst mal nichts, sie sah mich nur an. Doch dann stand sie auf und umarmte mich ganz fest. Vor Überraschung musste ich auflachen. Sie sah mich an.
„Du hast mir doch auch schrecklich gefehlt“, sagte sie. In ihren Augenwinkeln glänzte es auch und sie wischte die Tränen fort.
„Nicht weinen“, sagte ich.
„Es tut mir so leid, ich war dir doch schon am gleichen Tag nicht mehr böse … ich bin so froh, dass du hier bist“, schluchzte sie. Und wir umarmten uns abermals. Dann löste sie sich von meinem Hals und zeigte auf die Kartons.
„Was ist das?“ Ich lächelte.
„Scott hat dich ja schon gefragt, ob du auf den Ball gehst, … oder?“ Sie nickte traurig.
„Ja, aber ich habe kein Kleid, und meine Mutter sagte energisch, sie würde mir keins kaufen und ich habe kein Geld mehr. Und ihm absagen konnte ich trotzdem noch nicht, wirst du hingehen?“ Ich lächelte sie an.
„Du weißt ganz genau, dass ich nur hingehe, wenn du mitkommst, also schließe die Augen.“ Sie sah mich verwirrt an, tat es aber trotzdem. Ich öffnete den oberen Karton, im Deckel stand mit einer schön geschwungenen Schrift Elain.
„Du kannst sie wieder öffnen“, sagte ich, „und jetzt öffne diesen Karton.“ Sie öffnete den Karton mit ihrem Namen. Als Erstes kamen nur weißes Papier und Tüll zum Vorschein, doch dann hob sie etwas Blaues heraus. Es war ein Traum in blauer Seide. Elain machte große Augen.
„F-Für mich?“, fragte sie ungläubig. Ich nickte, dann machte ich den zweiten Karton auf und staunte nicht schlecht und abermals zeigte sich, dass meine Tante die beste Modedesignerin überhaupt war.
Ich holte den wunderschönen, kräftigen Stoff hervor, der Stoff an sich war schon ein Traum, ich wusste nicht, wie er hieß, doch er war wunderbar weich, edel, schön und anmutig. Einfach atemberaubend. Mir entfuhr ein leiser Bewunderungslaut. Ich zog es heraus, es war schulterfrei und wunderschön lang, doch nicht zu lang, sodass man noch meine Füße sehen konnte. Nachdem ich das Kleid bestaunt hatte, erregte ein weiteres Stück Stoff in dem Karton meine Aufmerksamkeit. Als ich es herauszog, sah ich, dass es sogar zwei Teile waren, nämlich pechschwarze, halb durchsichtige, aus einem leichten Stoff genähte Ärmel, die am oberen Ende einen goldenen Rand hatten. Ungläubig schaute ich alles an und sah erst auf, als Elain begeistert rief:
„Alexis, schau mal!“ Während ich dabei war, meine neuen Sachen zu bestaunen, hatte Elain keine Sekunde gezögert und ihr Kleid schon angezogen. Ich starrte sie mit offenem Mund an, es passte wunderbar zu ihr. Auch ihr kräftiges, himmelblaues Kleid hatte keine Ärmel, es war perfekt angepasst rund um ihre Brust und hatte eine schmale, aber nicht zu enge Taille, was ihre Rundungen prima zur Geltung brachte; alles endete in einem weiten, nach außen ausgestellten Rock, das Einzige, womit ich es vergleichen könnte, wäre Cinderella. Ich klatschte begeistert in die Hände.
„Wow!“, rief ich, „genial.“ Sie strahlte mich an und zog mich auf die Füße.
„Na los, jetzt bist du dran.“ Ich nickte und griff nach dem Kleid. Ich zog mich bis auf die Unterwäsche aus und zog das Kleid an, meine hellen Schultern strahlten und sie hoben sich schön von dem roten Stoff ab. Das Kleid lag bis zur Taille eng an, jedoch nicht drückend, sondern wie eine zweite Haut, es fühlte sich himmlisch an. Das Kleid ging in einen etwas weiteren, luftigeren Rock über, auch der tüllartige Unterrock war schön weich. Das letzte Stück von meinen langen Beinen lugte hervor, ganz anders als bei Elain. Bei ihr ging das Kleid fast bis auf den Boden. Ich schob meine Arme in die Ärmel und zog sie nach oben bis kurz unter die Achsel, sie passten perfekt zu dem Kleid. Lachend drehte ich mich im Kreis, das Kleid schwebte um meine Beine und auch die Ärmel kitzelten leicht auf der Haut. Ich blickte in den Spiegel und lächelte mich an, es war traumhaft. Überschwänglich drehte ich mich um und sah in Elains Gesicht, auch sie lächelte. Dann umarmten wir uns fröhlich und kicherten. Und irgendwie fühlten wir uns gerade wie Prinzessinnen.

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Fionas Tagebuch: Das Baby, Herr Mut, Toll Schreiber und ich

Fiona

„Dem Baby geht es gut.“ Dieser Satz der Ärztin rettet mir den Tag. Dem Baby geht es gut. Gibt es Wichtigeres?
Als ich die Praxis verlasse, strahle ich vermutlich mehr als alle Kernkraftwerke der Erde zusammen. Und das sieht mir bestimmt jeder an. Hach, was bin ich glücklich!
Es ist ja nicht so, dass ich mir keine Gedanken mache. Während ich vor dem Schaufenster mit den Kinderwagen stehe, denke ich darüber nach, wie leichtsinnig es eigentlich von mir ist, ein Kind in die Welt zu setzen. Gar nicht einmal wegen des Zustands der Welt, denn dieser ist, nüchtern betrachtet, weder besser noch schlechter als früher. Die Zeit, in der ich lebe, hat ihre Eigenheiten, aber die hatte jede Zeit.
Doch ich muss mir selbst die Frage zugestehen, ob es wirklich klug ist, dass ich als Kriegerin ein Kind bekomme und mich damit noch erpressbarer mache, als ich es sowieso schon bin.
Und ich weiß keine eindeutige Antwort darauf. Ja, es ist leichtsinnig und nicht so klug, aber andererseits gilt das nicht in irgendeiner Form für jede Mutter? Soll die Menschheit etwa aussterben, bloß weil wir Mütter Angst davor haben, was unserem Kind alles zustoßen kann? Oder sollen wir Mütter eine Gefahreneinstufung machen, bevor wir schwanger werden?
Nein, das kann nicht die Antwort sein.
Ich wende mich vom Schaufenster ab und gehe zielgerichtet auf das kleinen Café an der Straßenecke zu, das erst vor Kurzem eröffnet hat, aber einen sehr einladenden Eindruck macht. Es gibt Tische draußen und drinnen, draußen mit hübschen mokkafarbenen Sonnenschirmen, die Tische in einem passenden Grau und die Stühle mit ebenfalls mokkafarbenen Sitzkissen.
Liebevoll gestaltet, das mag ich.
Es ist voll. Innen wäre noch ein kleiner Ecktisch frei, aber die stickige Luft will ich mir und meinem Kind nicht antun. Ich lasse meinen Blick über die Gäste draußen schweifen, in der Hoffnung, Zeichen eines Aufbruchs zu erkennen, da sehe ich plötzlich jemanden, der mir bekannt vorkommt.
Ich stutze.
Und sehe genauer hin.
Obwohl ich ihn nur einmal in meinem ganzen Leben getroffen habe, und auch diese Begegnung ist schon ein paar Jahre her, erkenne ich ihn trotzdem sofort wieder. Er ist in Begleitung eines anderen Mannes, den ich allerdings nicht kenne.
Während ich noch darüber nachdenke, ob ich ihn ansprechen soll, entdeckt er mich auch. Sein Gesichtsausdruck dabei ist goldig und wechselt von Erschrecken zu verhaltener Freude. Aber schließlich winkt er mir zu und ich gehe zu den beiden hin.
„Guten Tag, die Herren“, begrüße ich sie. „Darf ich mich zu Ihnen setzen?“
„Aber selbstverständlich!“, erwidert der mir fremde Mann und springt auf, um mir den Stuhl zurechtzurücken. Ob das am Babybauch liegt oder an der Tatsache, eine Frau zu sein, weiß ich nicht so genau.
„Vielen Dank“, sage ich, nachdem ich mich gesetzt habe. Dann mustere ich den anderen Mann. „Herr Schreiber, wollen Sie mich nicht bekanntmachen mit Ihrem Freund?“
„Ich würde nicht so weit gehen, ihn als Freund zu bezeichnen“, murmelt Toll Schreiber. „Und im Übrigen, es mutet mich seltsam an, dass eine Frau, die mich geküsst hat, mich mit dem Nachnamen anredet. Und nochmal im Übrigen, das ist Herr Mut. Herr Mut, diese blonde Frau ist Fiona, die Frau aus der Bibliothek. Allerdings war sie damals nicht schwanger und auch deutlich jünger.“
Ich gebe Herrn Mut lächelnd die Hand. „Ich verstehe zwar kein Wort, freue mich aber trotzdem, Ihre Bekanntschaft zu machen.“
„Bin ebenfalls erfreut, Fiona. Herr Schreiber deutet an, dass ich genau in dem Augenblick in der Bibliothek aufgetaucht bin, als Sie aus dem Traum aufgewacht zu sein schienen. Ich traf Herrn Schreiber noch in küssender Position an.“
„Oh!“, rufe ich. „Das ist ja ulkig. Das hieße dann ja, dass ich schon wieder träume?“
„Wenigstens sind Sie bekleidet“, stellt Toll Schreiber fest.
„Ja, manchmal kommt auch das vor.“
Herr Mut lächelt amüsiert, Toll Schreiber schüttelt den Kopf. Aber ein leichtes Lächeln versteckt sich auch in seinen Mundwinkeln.
„Und was genau machen Sie hier, Fiona?“, erkundigt sich Toll Schreiber dann.
Bevor ich antworten kann, bestelle ich bei der Kellnerin, die genau in diesem Moment an unserer Tisch tritt, Kaffee und Apfelkuchen.
„Ich war bei meiner Frauenärztin, zur Kontrolle. Ultraschall.“
„Ich verstehe. Und wie geht es dem Kleinen?“
„Der Kleinen geht es bestens“, erwidere ich.
„Ein Mädchen also, wie Sie?“
Ich starre Toll Schreiber an. „Das hört sich ja fast schon wie ein Vorwurf an!“
„Nun, mir ging gerade der Gedanke durch den Kopf, dass diese Welt ja schon Sie hat, warum muss es auch noch Ihre Tochter sein?“
„Herr Schreiber!“, ruft Herr Mut entsetzt.
„Herr Mut, Sie haben es nötig!“
„Herr Schreiber, was genau wollen Sie damit bitte zum Ausdruck bringen?“
„Hey, ihr beiden!“, rufe ich lachend. „Was soll das denn werden? Ich finde es witzig, was Toll Schreiber da gesagt hat. Schließlich weiß ich sehr wohl, was die Welt an mir hat. Ich bin ganz sicher anstrengend, chaotisch, eine Plage.“
„Fiona, das ist doch nicht Ihr Ernst?“ Herr Mut starrt jetzt mich an.
„Warum nicht? Ich mache mir da nichts vor, Herr Mut.“
„Sie scheinen es aber auch durchaus zu genießen, oder irre ich mich da?“
„Nun, ich bin nicht unglücklich mit meiner Rolle, Herr Mut. Ich meine, diese Welt ist doch grau und trist genug, ich halte es für sehr wichtig, da Farbtupfer als Akzente zu setzen. Und seien wir doch ehrlich: Die Menschen wünschen sich doch, so konsequent ehrlich zu sein wie ich, trauen sich aber nicht.“
„Ach“, sagt Herr Mut.
Ich bemerke, wie Toll Schreiber eine Augenbraue hochzieht und stelle für mich im Geheimen fest, dass er das fast so gut kann wie mein geliebter Ehemann, der Meister minimalistischer Mimik. Dann kommen mein Kaffee und der Apfelkuchen mit Sahne. Genau gesagt, sie werden gebracht, von der überaus freundlichen Kellnerin mit dem überaus tiefen Dekolleté.
Ich trenne mit der Gabel eine Ecke vom Apfelkuchen ab, führe das Stück in meinen Mund und betrachte beim Kauen die beiden Herren, die ihrerseits mich betrachten.
„Der Kuchen schmeckt vorzüglich“, stelle ich fest. „Kann ich empfehlen.“
Beide nicken und Toll Schreiber antwortet: „Wir hatten auch Apfelkuchen und sind daher in der Lage, Ihre Begeisterung nachzuvollziehen.“
„Das haben Sie schön gesagt, Herr Schreiber“, erwidere ich mit vollem Mund, denn ich kaue bereits das zweite Stück vom Apfelkuchen. „Sagen Sie, was genau machen Sie beide eigentlich hier?“
„Nun“, setzt Toll Schreiber an, „das ist eine sehr existenzielle Frage. Eigentlich könnten wir eher fragen, was Sie hier machen. Immerhin haben Sie sich aus Ihrem eigenen Traum sehr effektvoll entfernt, als er gerade interessant wurde.“
Meine Hand verharrt mitten in der Bewegung zu meinem Mund und ich betrachte Toll Schreiber nachdenklich. „Dafür, dass Sie sich so gegen den Kuss gewehrt haben, scheinen Sie ihm doch ziemlich nachzutrauern.“
„Nun ja, ich kann nicht leugnen, dass ein Kuss von Ihnen durchaus etwas Anregendes hat, selbst für einen alten Buchstabengourmet wie mich.“
„Übrigens, wieso haben Sie Apfelkuchen gegessen? Bekommen Sie davon keine Magenverstimmung?“
„Ich bin auf Freigang.“
„Wie bitte?“
„Ich befinde mich außerhalb meiner gewohnten Welt und kann ganz normal essen. Mir ist zwar ein Rätsel, wie das geschehen konnte, aber es ist so.“
„Nun, das gilt in gewisser Weise auch für mich“, ergänzt Herr Mut. „Allerdings habe ich eine Vermutung, was geschehen sein könnte.“
„Ach. Da bin ich ja mal gespannt!“
„Herr Schreiber, ich habe Ihnen doch schon mal gesagt, Sie sollen mir mein ‚Ach‘ nicht klauen!“
„Herr Mut! Herr Schreiber! Sie beide benehmen sich kindisch!“
„Fiona, Sie sind gerade die Richtige, etwas über kindisches Benehmen zu erzählen.“
„Was genau meinen Sie damit, Herr Schreiber?“, erkundige ich mich, während ich gleichzeitig das letzte Stück vom Apfelkuchen in den Mund schiebe.
„Ich meine damit, dass Sie sich ja viel kindischer benehmen als Herr Mut oder ich.“
„Ach. Das ist mir neu.“
„Es ist aber so. Denken Sie nur an Ihr Verhalten in der Bibliothek. Oder wollten Sie sich nicht aus Modemagazinen bekleiden?“
„Sie ernähren sich ja auch normalerweise von Buchstaben! Ist das etwa nicht kindisch?“
„Herr Mut, jetzt sagen Sie doch auch mal was!“ Toll Schreiber blickt seinen Freund, oder wer Herr Mut auch immer sein mag, hilfesuchend an.
Herr Mut räuspert sich. „Also, wenn meine Vermutung richtig ist, benimmt sich niemand kindisch. Ich vermute nämlich, dass wir uns wieder in einem Traum von Fiona befinden.“
„In meinem Traum?!“
„Oh, vielleicht hilft ja dann wieder ein Kuss …“ Toll Schreiber errötet dezent, als sowohl Herr Mut als auch ich ihn entgeistert anstarren. „Ich dachte nur, so als Lösung …“, murmelt er.
„Herr Schreiber, nur zu Ihrer Information: Ich bin inzwischen verheiratet. Übrigens mit einem Mann, der Minimalismus im Ausdruck, insbesondere Gefühle, ähnlich perfekt beherrscht wie Sie.“
„Sind Sie sicher, dass Sie auch in diesem Traum verheiratet sind?“
„Wenn wir davon ausgehen, dass ich nicht, ähnlich der Jungfrau Maria, ohne männliches Zutun zu meiner Schwangerschaft gekommen bin, dann ja!“
„Wir sollten keine Möglichkeit ausschließen“, erwidert Herr Mut.
„Äh … hä??“
„Herr Mut, das war unangebracht“, stellt Toll Schreiber fest. „Sie haben Fiona um ihre Fassung gebracht.“
„Hä?“
„Sie auch, Herr Schreiber.“
„Äh … jetzt mal langsam, Jungs. Ihr habt mich nicht um meine Fassung gebracht! Fassungslosigkeit sieht bei mir ganz anders aus! Jedenfalls, ich könnte mir vorstellen, dass Herr Mut recht hat mit seiner Vermutung, wir befänden uns in einem Traum von mir. Aber mal angenommen, dies trifft so zu, bedeutet es noch lange nicht, dass ich daran interessiert bin, diesen Traum zu verlassen.“
„Und wieso nicht?“, fragt Toll Schreiber entgeistert.
„Herr Schreiber!“, sagt Herr Mut. „Sie wollen doch bloß Ihren Kuss ergaunern!“
„Herr Mut, ich weise diese Unterstellung aufs Entschiedenste zurück!“
„Herr Schreiber, das können Sie gerne tun, ändert aber nichts daran, dass Ihre Absichten ganz und gar offenkundig sind!“
„Welche Absichten denn?“, erkundige ich mich.
„Von Ihnen geküsst zu werden“, antwortet Herr Mut.
„Ist das wahr, Herr Schreiber?“
„Selbstverständlich nicht!“, erwidert der Verdächtigte.
„Heißt das, Sie wollen gar nicht von mir geküsst werden, Herr Schreiber?“
„Das habe ich so nicht gesagt!“
„Ja, aber was denn nun, Herr Schreiber?“, fragt Herr Mut sichtlich amüsiert. „Ich kann ja durchaus nachvollziehen, dass Sie von einer attraktiven Dame wie Fiona geküsst werden möchten.“
„Wie bitte?“, frage ich entgeistert.
„Halten Sie sich etwa nicht für attraktiv? Oh, oh, das deutet auf eine schwerwiegende Persönlichkeitsstörung hin und nennt sich Minderwertigkeitskomplex.“
„Wie bitte? Ich meine, natürlich weiß ich, dass ich attraktiv bin! Aber ich bin ganz sicher keine Dame!“
„Ach so, das meinen Sie. Ich schlage vor, wir widmen uns wieder dem wichtigsten Thema.“
„Und das wäre welches?“, fragt Toll Schreiber.
„Nun, ich denke, wir sollten herausfinden, ob wir uns in einem Traum von Fiona befinden und falls ja, wie wir weiter vorgehen.“
„Warum?“
Jetzt starren die beiden Männer mich an, im Rahmen ihrer minimalistischen Möglichkeiten durchaus entgeistert.
„Was genau meinen Sie mit dieser Frage?“, erkundigt sich schließlich Herr Mut.
„Warum sollten wir herausfinden wollen, wie wir weiter vorgehen?“
„Nun ja, ich denke, wir befänden uns sonst in einer Situation, die auf Dauer unhaltbar wäre.“
„Warum?“
„Jetzt hören Sie doch auf mit Ihrem ‚Warum?‘!“, bricht Herr Mut aus. „Sie können einen ja zum Wahnsinn bringen!“
„Sagte ich doch“, sagt Toll Schreiber.
Ich sehe ihn an. „Was soll das heißen, sagten Sie doch?“
„Ich habe Herrn Mut bereits angedeutet, dass es schwierig mit Ihnen ist.“
„Ach?“
„Sehen Sie, Herr Mut, sie klaut Ihnen sogar Ihr ‚Ach?‘. Was zu beweisen war.“
„Ihr zwei seid ja spaßige Gesellen“, stelle ich fest. „Vielleicht will ich ja mit euch richtig Spaß haben.“
„Wie meinen Sie das?“, erkundigt sich Toll Schreiber misstrauisch.
Ich muss lachen, als ich sein Gesicht sehe. „Habe ich Sie etwa erschreckt, Herr Schreiber? Nun, Sie beide sind Männer und ich bin eine Frau. Was könnte ich wohl meinen?“
Toll Schreiber bleibt die Sprache weg, das sehe ich ihm deutlich an. Auch Herr Mut wirkt etwas konsterniert, aber er scheint sich schneller zu fangen.
„Nun, ich gehe zwar nicht davon aus, dass Sie gerade nicht scherzen, aber gesetzt den Fall, Sie würden es ernst meinen, wüsste ich Ihr Angebot selbstverständlich zu schätzen, Fiona, müsste aber dennoch, wenn auch mit großem Bedauern, ablehnend bescheiden.“
„Oh, Herr Mut, das war jetzt aber sehr umständlich ausgedrückt. Darf ich denn wenigstens erfahren, warum Sie keinen Spaß mit mir haben möchten?“
„Weil Sie verheiratet sind.“
„Aber in meinem Traum darf ich doch Spaß haben, wann und mit wem ich will!“
„Das, liebe Fiona, sehe ich etwas anders.“
„Ach?“
„Da!“, ruft Toll Schreiber ganz aufgeregt. „Sie hat es schon wieder getan!“
„Genau, da war es wieder, das böse, böse Ach-Wort. Nun, Herr Schreiber, Herr Mut hat meinen Vorschlag abschlägig beschieden. Wie ist es denn mit Ihnen?“
„Äh …, ja, also, ich glaube, ich bescheide auch abwegig.“
„Abwegig?“, erkundige ich mich.
„Ich meinte selbstverständlich abschlägig“, erwidert Toll Schreiber kühl.
„Das ist interessant. Sie beide wollen echt keinen Spaß mit mir haben? In meinem Traum?“
„Es geht nicht ums Wollen, Fiona“, erklärt Herr Mut ruhig. „Es geht darum, dass es falsch wäre. Sie würden Ihren Mann betrügen und das wäre auch in einem Traum falsch.“
„Und warum? Es passiert ja nicht wirklich!“
„Gerade Sie müssten doch wissen, Fiona, dass das so nicht stimmt. Was sind denn unsere Träume, wenn nicht der Ausdruck unseres Willens? Es ist nicht richtig zu sagen, die Ereignisse in unseren Träumen wären nicht real. Selbst wenn das stimmte, was es nicht tut, wäre es falsch, den Ausdruck unseres Willens nicht als Realität einzustufen. Denn es geht nicht darum, ob wir eine Handlung tatsächlich ausführen, insbesondere, wenn wir nicht einmal sicher sein können, dass es eine Realität gibt, die wirklich real ist, sondern davon ausgehen müssen, dass alles eine Illusion ist. Und gerade Sie wissen das doch sehr genau, Fiona. Nicht wahr?“
„Das stimmt.“
„Sehen Sie, und darum geht es. Wir sind für unsere Handlungen verantwortlich, egal, wo und wann sie stattfinden. Wir haben keine zuverlässige Möglichkeit, zu erkennen, ob wir träumen oder nicht, denn wir sind immer in der Illusion der Realität gefangen.“
„Das ist richtig, Herr Mut“, bestätige ich.
„Aus diesem Grund sollten Sie bestrebt sein, diesen Traum zu verlassen. Sie befinden sich in der äußerst glücklichen und seltenen Lage, stets sehr genau erkennen zu können, ob Sie träumen oder nicht, Sie sind sogar in der Lage, die Illusion zu durchschauen. Habe ich recht?“
Ich nicke. „Ja, da haben Sie recht, Herr Mut. Aber woher wissen Sie das?“
Lächelnd hebt er seine Kaffeetasse an die Lippen und sagt dabei: „Wir sind doch alle in Ihrem Traum, Fiona, vergessen Sie das nicht.“
Ich erwidere sein Lächeln. „Also gut, Herr Mut, Sie haben mich überzeugt. Sehr bedauerlich für Sie, Herr Schreiber, denn das bedeutet, dass ich auch ohne Ihren Kuss aufwachen kann. Ich muss es nur wollen.“
„In der Tat, sehr bedauerlich“, erwidert Toll Schreiber. „Es freut mich allerdings, dass Sie sich offensichtlich weiterentwickelt haben.“
„Alles andere wäre ja traurig.“ Ich erhebe mich und lege Geld auf den Tisch. „Da wir uns in meinem Traum befinden, sind Sie natürlich meine Gäste. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag, vielleicht sehen wir uns ja wieder.“
Sie nicken beide und ich gehe.

„Ich hatte heute einen irren Traum“, erzähle ich James beim Frühstück.
„Was hast du denn geträumt, mein Schatz?“, erkundigt sich mein Göttergatte mit dem ihm so typischen nur ansatzweise ironischen Unterton, der mich unwillkürlich nach der nächsten Palme Ausschau halten lässt.
„Ich hatte Spaß mit zwei Männern“, antworte ich und beiße in mein Brötchen.
„Ach. Im Traum?“
Ich zucke die Achseln. „Keine Ahnung. Was ist Traum, was ist Illusion, was ist Realität?“ Ich schenke ihm ein Lächeln. „Weißt du, ich glaube, es ist sehr wichtig, dass ein Mensch seinen Werten immer treu bleibt. Oder?“
James nickt. „Da widerspreche ich nicht. Und du bist deinen Werten treu geblieben?“
„Ich denke schon.“
„Das ist doch gut. – Ich muss los, in zehn Minuten ist der erste Termin.“ Er schluckt hastig den letzten Bissen hinunter, schnappt sich seinen Blazer und geht aus der Küche.
Nur um gleich darauf wiederzukehren und zu mir zu kommen. Er legt eine Hand auf meinen Bauch und gibt mir einen Kuss.
„Ich hole dich heute Abend im Büro ab und wir essen auswärts. Einverstanden?“
„Ist gut, mein Schatz“, erwidere ich lächelnd.
Diesmal geht er wirklich. Ich blicke Danny an, der neben mir sitzt und erwartungsvoll meinen Teller ansieht.
„Du hast auch deine Werte, denen du unter allen Umständen treu bleibst, oder, Danny? Na komm, wir gehen eine Runde, danach bekommst du auch was zu essen.“
Ich erhebe mich etwas schwerfällig. Irgendwie freue ich mich doch auf meine Tochter.
Sehr sogar.