Eine willkommene Abwechslung ist auch Kellys Anruf am späteren Nachmittag.
„Wer ist Doda?“, fragt sie, ohne zu grüßen. Ach ja, ich hatte noch gar keine Gelegenheit, ihr die Ereignisse der letzten Nacht zu erzählen. Also hat sie es von Fiona erfahren. Warum sie dann mich anruft, verstehe ich allerdings nicht.
„Den Namen müsstest du eigentlich kennen“, erwidere ich.
„Korrekt. Aus dem anderen Universum. Aber hier?“
„Kann Fiona dir das nicht erklären?“ Ich bin irritiert.
„Bis zu ihr kam ich gar nicht.“
„Bis zu ihr bist du nicht gekommen? Kelly, was zum Teufel ist los?“
Katharina steht weiter entfernt hinter der Theke, aber jetzt schaut sie hoch und beobachtet mich.
„Vier Männer haben versucht, mich zu Doda zu bringen.“ Fuck! „Sie hielten mich wohl für ein gefährliches Dschungelwesen, sie haben mir einen Betäubungspfeil verpasst. Als ich zu mir kam, lag ich in einem Van. Jetzt liegt der Van mitten in der Wüste auf der Seite und nach freundlicher Befragung laberte einer was von Doda und einem Jungen. Was zum Teufel habe ich verpasst?!“
Ich gehe zur Theke und lasse Katharina mithören. „Das war letzte Nacht, wir haben uns seitdem nicht gesehen. Pass auf, bleib da, wir holen dich ab und fahren dann weiter zu Doda, um es zu klären. Was ist mit den Männern?“
„Na ja, weder der Unfall noch meine Gegenwehr hat ihnen gutgetan, aber mindestens einer lebt noch. Mehr oder weniger. Soll ich ihn auch töten?“
„Egal. Wir sind gleich da.“
Katharina sieht mich fragend an. „Doda hat vier Männer losgeschickt, um sie zu entführen. Mit einem Betäubungspfeil haben sie sie erst außer Gefecht gesetzt, aber ihnen war nicht klar, mit wem sie es zu tun haben.“
„Oh, oh.“
„Genau.“
Wir klären mit Lily, dass wir dringend weg müssen und sie das Abschließen leitet. Sie kann das, sie ist seit fast zehn Jahren dabei und richtig fit darin, das Bistro zu führen, auch wenn wir mal nicht da sind.
Wie zum Beispiel jetzt.
„Klar, aus seiner Sicht nur folgerichtig“, bemerkt Katharina, als wir im Auto sitzen.
Ich nicke, dann rufe ich Fiona an.
„Hi Fiona“, meldet sie sich.
„Auch hi. Bist du zu Hause?“
„Ja. Was …“
„Wir sind gleich da. Doda hat Kelly entführt. Details nachher.“
„Okay.“
Das liebe ich an Leuten wie ihr. In so einer Situation kein unnötiges Gequatsche, sondern Handeln. Da sie ist wie ich, weiß sie, dass es akut keine Gefahr gibt, sonst hätte meine Stimme anders geklungen. Aber es gibt Handlungsbedarf.
„Ihr versteht euch wirklich“, stellt Katharina fest.
„Du bist jetzt aber nicht eifersüchtig?!“
„Auf wen denn, Fiona?“
Damit bringt sie mich zum Lachen. Kurz.
Fiona steht bereits an der Straße. Sie will erst vorne einsteigen, bemerkt aber Katharina schnell und nimmt den Sitzplatz hinter ihr. Ich gebe Gas.
„Wie können Menschen jemanden wie Kelly entführen?“, erkundigt sie sich.
„Mit einem Betäubungspfeil.“
„Ups. Und wo ist sie jetzt? Hat Doda sich gemeldet?“
„Doda war heute Morgen da und war ziemlich sauer. Aber jetzt hat Kelly selbst angerufen. Sie wurde auf halbem Weg wach und hat den Van auseinandergenommen.“
„Braves Mädchen.“ Ich sehe im Spiegel, dass Fiona zufrieden lächelt. „Und was haben wir vor?“
„Wir klären die Angelegenheit mit Doda ein für allemal.“
„Oh ja, cool. Darf ich das machen?“
„Fiona, ich sagte klären, nicht alle töten.“
Sie macht die Schnute.
„Wir wenden nur Gewalt an, wenn es unbedingt sein muss“, füge ich hinzu. „Schaffst du das?“
Sie seufzt. „Ich gebe mein Bestes.“
Katharina dreht sich zu ihr um. „Doda produziert sehr, sehr viel Kunstblut für die Vampire. Das rettet sehr, sehr vielen Menschen das Leben. Es ist wichtig, dass sich daran nichts ändert.“
„Ich habe es verstanden.“
„Gut.“
Fiona ist etwas angepisst. Aber Katharina hat recht und es ist wichtig, dass Fiona das versteht. Sie ist wie eine scharf gemachte Granate, eine falsche Bewegung und alles geht in die Luft. Da möchte ich nicht in der Nähe sein. Niemand darf in der Nähe sein, wenn das passieren sollte. Am besten passiert es gar nicht.
Auf der Straße zur Wüstenstadt herrscht kaum Verkehr. Eigentlich ist der Van das erste Auto, das wir sehen. Er liegt auf der Seite im Sand neben der Straße, Kelly hockt auf ihm und macht irgendetwas mit ihrem Handy. Sie schaut erst auf, als wir daneben anhalten.
„Warum hat das so lange … Ah, ihr habt Fiona abgeholt. Na gut.“
Sie springt vom Van und steigt hinter mir ein. Ich gebe wieder Gas.
„Interessiert uns gar nicht, wie es den Leuten im Van geht?“, fragt Fiona.
„Nein“, antworte ich.
„Okay.“
Kelly berührt von hinten meine Schulter. „Mama, wieso Doda?“
„Wir waren gestern auf einer … Mission, Fiona und ich, die führte uns in eine vom Vampiren betriebene Bar in den Katakomben. Das eigentliche Anliegen war schnell geklärt, aber da war noch ein Junge, der ist aus der Wüstenstadt abgehauen. Ungefähr 10. Er wurde anscheinend heftig geschlagen, nicht nur einmal. Also ließ ich Doda ausrichten, dass der Junge nicht zurückkommt.“
„Ja“, nickt Fiona zufrieden.
Kelly wirft ihr einen kurzen, irritierten Blick zu. „Und wo ist er jetzt?“
„Bei einer Bekannten von Margret, zunächst. Doda war dann heute im Bistro und hat ominöse Drohungen hinterlassen. Anscheinend ist er der Meinung, dich zu entführen, wäre ein gerechter Ausgleich.“
„Aha. Nicht ganz die Art, wie ich ihn kennenlernen wollte.“
„Ihn?“, fragt Katharina.
„Na, ihn halt. Natürlich nicht ihn genau, aber fürs Kennenlernen ist das doch egal.“
Das ist wohl wahr. Ich kann es jedenfalls nachvollziehen.
Vor uns taucht die Stadt auf. Die Straße führt mittendurch, also folgen wir ihr. Obwohl wir diesmal nicht davon ausgehen können, dass sie uns nicht töten wollen, fahren wir beherzt bis zur Mitte. Dort halte ich vor dem Brunnen.
„Alles genauso“, sagt Katharina und deutet auf ein Garagentor. „Das können wir nehmen, da kennen wir den Weg.“
„Okay“, nicke ich und steige aus, innerlich darauf vorbereitet, von einer Salve aus einer Maschinenpistole empfangen zu werden. Aber nichts geschieht. Dabei haben die unsere Ankunft garantiert mitbekommen.
Auch gut. Ich spaziere, gefolgt von den Anderen, zum bereits bekannten Garagentor und öffne es. Muss nicht einmal Gewalt anwenden, es ist nicht abgeschlossen. Ich gehe durch in den Korridor und weiter.
„Man merkt, dass ihr euch hier auskennt“, stellt Kelly hinten fest.
„Nur dass wir diesmal keine Angst davor haben müssen, tödlich verletzt zu werden“, erwidert Katharina. „Das war echt beschissen.“
„Ja“, sage ich und halte an. Wir haben das Wohnzimmer erreicht. Anscheinend ist das Dodas Lieblingsplatz, Eindringlinge zu empfangen, denn er sitzt auf dem Sofa, umringt von seinen Leuten, die ihre Waffen auf uns richten.
„Die sind mit Visz-Geschossen geladen“, sagt er zur Begrüßung.
„Oh je“, erwidere ich. „Wenn ich mir in die Hose mache, hast du bestimmt Wechselwäsche für mich, oder?“
Kelly starrt mich erstaunt an. Sie hat mich halt nicht so oft in derartigen Situationen erlebt. Katharina schon, ihr sieht man nichts an. Fiona auch nicht, aber die würde genauso reagieren, von daher ist sie nicht überrascht.
„Du bist verrückt“, teilt mir Doda mit.
„Das stimmt“, bestätige ich, dann hole ich mir einen Stuhl von der Essgruppe, stelle ihn vor Doda ab und setze mich darauf. „Was hat dich eigentlich glauben lassen, du könntest meine Tochter einfach so entführen?“
„Wir haben sie betäubt und …“
„Die Dosis war mit Abstand zu niedrig“, unterbricht ihn meine Tochter, die zu mir kommt und hinter mir stehen bleibt. „Der Van und drei deiner Männer sind dadurch unbrauchbar geworden, vielleicht auch vier. Das war sehr dumm.“
„Dumm?“ Doda ist eitel, ich weiß das, Kelly noch nicht.
„Sagen wir, dir fehlen einige relevante Informationen“, gehe ich also dazwischen. „Zum Beispiel, wer wir eigentlich sind. Daher war es tatsächlich unüberlegt, Kelly zu entführen. Das Ergebnis siehst du ja. Oder würdest du das als Erfolg bezeichnen?“
„Ihr seid hier“, sagt er.
„Das ist wohl wahr. Nur ist das kein Erfolg. Der einzige Grund, warum ich diese Stadt nicht zerstöre, ist der, dass ich die Versorgung mit Kunstblut für sehr wichtig halte. Aber wenn du zu weit gehst, lasse ich diese Bedenken fallen.“
„Die Stadt zerstören? Du?“
„Ja, kein Problem. Was glaubst du, wieso wir seelenruhig hier reinspazieren, obwohl wir wissen, dass wir erwartet werden? Uns für so blöd zu halten, ist eine echte Beleidigung.“
„Okay, angenommen, du hättest wirklich so besondere Kräfte, von denen ich noch nie gehört habe, würden wir euch trotzdem mit den Visz-Geschossen erledigen.“
Ich schüttel langsam und lächelnd den Kopf.
„Du bluffst. Ich habe nur einen gekannt, den Zauberer Zamon, der so mächtig wäre.“
„Zamon wusste von mir, er hat mich erwähnt.“
„Ach ja? Und was hat er gesagt?“
„Er sprach von mir wie von jemandem, der weit mächtiger ist als er. Das muss genügen. Entweder du glaubst es oder du glaubst es nicht, jedenfalls bis ich mich gezwungen sehe, es zu beweisen. Deine Entscheidung. Es ist auch deine Entscheidung, ob du weiter versuchst, Johnny zurückzubekommen. Falls du es aber tust, werde ich dafür sorgen, dass es aufhört. Was meinst du dazu?“
Er starrt mich zuerst ungläubig an. Dann nachdenklich. Ist ja auch blöd. Wenn ich recht habe und die Wahrheit sage, kann er es sich nicht leisten, mich zu provozieren. Aber wenn ich nur bluffe?
„Wärst du wirklich so mächtig, würdest du nicht hier sitzen“, sagt er finster.
„Ich sitze ja auch nicht wegen dir hier, sondern wegen der Menschen, deren Leben du mit dem Blut rettest.“
„Du könntest ja auch die Vampire vernichten.“
„Das stimmt, aber warum sollte ich das tun?“
Das beruhigt ihn wahrscheinlich nicht. Soll ich es darauf ankommen lassen oder lieber demonstrieren, warum er mir besser glaubt? Ginge es darum, meine sadistische Ader zu befriedigen, würde ich ihn schmoren lassen. Aber deswegen bin ich nicht hier.
Ich mache eine Bewegung mit der Hand, woraufhin alle Männer ihre Waffe auf sich selbst richten. Die Waffen lassen sich auch nicht davon abbringen, außer, wenn die Männer sie loslassen, dann fallen sie einfach auf den Boden. Das tun sie auch, einer nach dem anderen.
Ich schaue Doda lächelnd an. „Willst du es darauf ankommen lassen?“
In seinem Gesicht arbeitet es heftig. Er ist ein stolzer Mann, diese Situation demütigt ihn durch und durch.
„Nein“, sagt er schließlich gepresst.
„Gut. Lässt du uns in Ruhe, lassen wir dich auch in Ruhe. Eine Sache würde ich allerdings gerne noch wissen.“
„Was denn?“
„Wieso hast du den Jungen geschlagen?“
„Wer sagt denn, dass ich das war?“
„Warst du es?“
Er zögert. „Ja. Nachdem Martin gestorben ist, habe ich mich um ihn gekümmert, und mir fehlt manchmal die Geduld für so ein Kind.“
Fuck! Hat er gerade Martin gesagt? Ich spüre, dass auch Kelly sich anspannt. Katharina sowieso.
„Sein Vater hieß Martin?“
„Ja, Martin Goober, meine rechte Hand. Wieso?“
„Nichts weiter“, murmele ich. Er könnte es nicht verstehen.
Aber verdammte Scheiße, Johnny ist Kellys genetischer Bruder! Na toll!
Ich zwinge mich zur Ruhe und erhebe mich. „Ich denke, wir haben alles besprochen und werden jetzt gehen. Falls wir uns nie wiedersehen, hast du alles richtig gemacht.“
Niemand wirkt traurig, als wir gehen. Im Auto ist es still. Ich fahre um den Brunnen herum und gebe Gas. Ich glaube, auf diesem Wege habe ich die Wüstenstadt noch nie verlassen.
„Er ist mein Bruder“, sagt Kelly plötzlich.
„Martin Goober ist dein Vater?“, erkundigt sich Fiona.
„Ja“, bestätige ich.
„Jetzt habe ich zwei Halbbrüder, die nicht miteinander verwandt sind“, fährt Kelly fort. „Das muss man erst einmal können.“
„Hast du gut gemacht“, sagt Fiona.
„Halt die Klappe!“
„Wolltest du nicht gelobt werden?“
„Nein!“
„Sorry. Halt mal an, Fiona.“
„Wieso?“
„Ich traue dem Ganzen nicht. Ich werde zurücklaufen und die Stadt beobachten.“
„Wir sind doch schon eine Weile gefahren!“
„Kein Problem, ich muss eh den Kopf freikriegen.“
Na gut. Ihre Sache. Ich halte also mitten auf der Straße an. Sie verabschiedet sich lächelnd und verspricht, sofort anzurufen, wenn sich etwas tut, was für uns wichtig sein könnte.