Leseprobe: Fiona – Erwachen (Die Kristallwelten-Saga 16)

Ralph klettert auf meinen Schoß, von meinem Sohn aus großen Augen beobachtet.
„Was ist hier los?“, erkundigt er sich.
„Guten Morgen, Ralph“, antworte ich. „Wo ist deine Mutter?“
„Sie badet.“
„Ach ja, baden. Eine gute Sache.“
Ralph und Kian starren sich gegenseitig an.
„Ist er ein Bruder von mir?“, fragt Kian schließlich.
„Das kommt darauf an, wer deine Eltern sind“, erwidert Ralph.
„Du sitzt auf meiner Mama! Und Askan ist mein Vater!“
„Dann sind wir keine Brüder.“
„Und wieso sitzt du bei meiner Mama auf dem Schoß?!“
„Weil meine Mama badet.“
„Ach so. Setz dich doch auf Katharina.“
„So heißt meine Mama schon.“
„Katharina?“
„Ja.“
Kian sieht mich fragend an.
„Sie heißt wirklich Katharina“, erkläre ich. „Ist die Schwester von Thomas und die Halbschwester von Sarah.“
Kian denkt intensiv nach. Die beiden gehören ja irgendwie zur Familie, das weiß er, also gehört auch Katharina zur Familie und damit auch der Junge auf meinem Schoß.
Schwierig.
„Na gut. Du darfst da sitzen bleiben.“
„Herzlichsten Dank.“
Ich betrachte den Himmel und hoffe, dass ich den Lachflash unterdrücken kann. Solche Dialoge kann sich doch keiner ausdenken.
Dann werfe ich einen Blick auf die Geschwister von Katharina. Thomas sieht man nichts an, aber Sarah hat eindeutig auch Probleme, Contenance zu bewahren.
„Mama“, sagt Lea, „bin ich mit dem verwandt?“
„Er ist dein Cousin“, antwortet Thomas.
„Und seine Mutter meine Tante so wie du?“
„Fast.“
„Fast?“
„Ich bin nicht deine Tante.“
„Ja, so meinte ich es doch!“
„Dann ja.“
Ich kann nicht mehr! Und Sarah auch nicht.
Wir warten dann auf Katharina. Und teilen ihr nur mit, dass sie mit uns halten kann zum Kernel oder nicht, viel passiert ist und unterwegs ihr bestimmt jemand erzählt, wieso alles anders ist, sie sich aber jetzt entscheiden muss. Ralph erklärt daraufhin, dass er auf jeden Fall mit seiner Cousine mit will. Und dem neuen Sohn von Fiona.
Dass Katharina danach verwirrt aussieht, wundert mich nicht wirklich. Sie entscheidet sich dafür, dass sie uns begleitet.
Also marschieren wir zur Fähre. Das dauert etwa eine Viertelstunde.
„Hätten wir uns eigentlich nicht umziehen sollen“, erkundigt sich meine Katharina, während sie einen Arm um mich legt.
„Da fragst du ja rechtzeitig!“
„Ich bin davon ausgegangen, dass du das bewusst machst. Habe ich mich geirrt?“
„Nein. Aber wieso fragst du dann überhaupt?“
„Aus Neugierde.“
Ich starre sie an und überlege, ob ich sie fragen soll, warum sie dann nicht einfach nach dem Grund gefragt hat. Aber als Psychologin wird sie mir dann irgendeine unwiderlegbare These zu meiner schwangerschaftsbeeinflussten Stimmung bringen, und darauf habe ich keine Lust.
„Es ist hell und ich will nicht unnötig auffallen. Wenn wir die passende Kleidung zukünftig auch auf dem Schiff haben, ist das nicht verkehrt.“
„Klingt logisch“, nickt sie.
„Danke!“
Dann erreichen wir die Fähre und steigen ein. Sie wird voll. Sam spielt Pilotin und hat Kian schneller auf ihrem Schoß sitzen, als sie Nein sagen kann. Lea besetzt Halpha, Ralph stellt sich dazwischen.
„Hinsetzen und anschnallen!“, sagt Kian.
„Nicht nötig“, erwidert Ralph. „Außerdem bist du nicht der Captain dieses Schiffs.“
„Aber meine Mutter!“
Ralph sieht mich fragend an. Ich nicke langsam.
„Muss ich mich hinsetzen und anschnallen?“
Na toll.
„Besser wäre es. Aber meinetwegen kannst du auch da stehen bleiben.“
„Dann bleibe ich hier stehen.“
Im Hintergrund höre ich meine Mutter leise lachen.
Sam bringt die Fähre nach oben, doch erst fliegt sie in Deckung des Waldes weit weg von jeder menschlichen Siedlung, dann erst zieht sie die Nase hoch und beschleunigt. Ralph hält sich an den Sitzlehnen fest, sagt aber nichts.
Und dann sind wir im Weltraum. Mir wird bewusst, dass einige von uns bisher den Flug im Weltraum praktisch nicht kennen. Meine Eltern sind mal von den 18 Planeten in den Kernel geflogen, aber das ist nicht dasselbe.
Ich gehe nach hinten zu ihnen. Sie blicken fasziniert durch die Luken nach draußen, genauso Margrets Eltern und Kevin.
„Faszinierend“, bemerkt mein Vater. „Ist der Weltraum wirklich so gefährlich für das Leben, wie immer erzählt wird?“
„In der Gefrorenen Welt schon“, antworte ich. „Hier gelten mehr oder weniger die bekannten Gesetze der Physik.“
„Wenn man an sie glaubt“, erwidert Margret.
„Es reicht schon, dass andere an sie glauben, sonst würden wir nicht hier stehen.“
„Okay, du hast recht.“ Margret schenkt mir ein wölfisches Lächeln. Wo ist bloß die sanfte Nichte James‘ geblieben? Womöglich gab es sie nie.
„Ist das unser Raumschiff?“, fragt plötzlich Kevin und deutet durch eine der Luken.
„Ja!“, ruft Kian von vorne.
„Ist ja riesig!“
„Es ist ja auch ein Raumschiff, auf dem man einen Teil seines Lebens verbringen würde als normaler Mensch“, sagt Margret.
„Es hat schon eine recht luxuriöse Ausstattung“, erwidere ich. „Und es war ganz praktisch, dass wir es hatten.“
„Ohne wäre es doch gar nicht gegangen“, meint Jody.
Ich belasse es dabei. Vielleicht hat sie sogar recht.
Sam landet die Fähre routiniert im Hangar, nachdem wir regulär durch die Schleuse geflogen sind. Anders als aus der Verborgenen Welt gewohnt, spielt das hier eine Rolle. Eine lebenswichtige.
Und dann stehen wir mit unseren Gästen neben der Fähre. Margret und Michael zeigen den Delfors das Schiff, meine Eltern, Ben und Jack bleiben noch. Zumal der Aufzug mit der ersten Fuhre bereits voll ist.
„Wir haben sogar einen Bordgeist!“, erklärt Kian. „Er heißt Laura!“
Oh, oh!
„Laura!“, ruft Kian.
Nichts.
„Laura!“
Nichts.
„Du hast den Bordgeist beleidigt“, erkläre ich. „Laura will nicht Bordgeist genannt werden, und das weißt du ganz genau.“
„Ja!“, sagt er strahlend. „Laura ist nämlich unser Bordcomputergeist!“
„Jetzt bin ich indigniert“, meldet sich Laura. „Nun bin ich also nicht nur ein Bordgeist, sondern auch noch ein Bordcomputergeist? Meinst du das ernst, Kian?“
„Ja!“ Er strahlt noch mehr, falls das überhaupt möglich ist.
„Und wer wird dir dann beim Kuchenbacken helfen?“
„Na du! Laura, das sind meine Großeltern.“
Nach einem Moment antwortet Laura tatsächlich. „Das habe ich mir bereits gedacht. Willkommen an Bord der Newope II.“
Wir fahren erst mit dem dritten Aufzug, damit sind dann aber alle durch. Oder oben. Und die Küche wird voll. Kian und Lea spielen Gastgeber, wobei Lea schon fast fertig ist.
Ich nehme die Hand meiner Mutter und ziehe sie mit zu unserer Suite. Sie folgt mir verwundert, im Gegensatz zu Katharina, die zu ahnen scheint, was ich will.
Ich befreie mich schweigend von meinem Kleid und hänge es ordentlich im Schrank auf, dann ziehe ich einen der bequemen Hausanzüge an.
„Man merkt, dass du Übung mit so einem Kleid hast“, stellt meine Mutter fest.
„Ja, obwohl ich als Königin keinen einzigen Handschlag tun müsste. Aber irgendwie konnte ich mich selbst ohne Gedächtnis nicht damit anfreunden, dass mir jemand den Arsch abwischt.“
„Du hast ja auch nur dein Gedächtnis verloren, nicht deinen Charakter, oder?“
„Ich denke schon. Möchtest du was trinken?“
„Nein, ich möchte hören, warum ich hier bin.“
Ich setze mich auf die Bettkante und starre die Wand an.
„So schlimm?“
Jetzt sehe ich sie an, allerdings wirkt sie verschwommen. Muss an den Tränen liegen. Sie setzt sich neben mich.
„Nenn mir wenigstens das Thema.“
„Norman. Vater. Schwangerschaft.“
Ihr Gesicht erstarrt. Damit hat sie nicht gerechnet, wie denn auch? Ich hatte ja auch nicht damit gerechnet, als ich die Tagebücher meines Vaters las. So kann das gehen.
„Woher weißt du das?“
„Aus Papas Tagebüchern.“
„Wie bist du denn an die gekommen?!“
„Spielt das eine Rolle? Die untere Welt des anderen Universums ist eine erstaunlich exakte Kopie von Newope damals.“
„Ich verstehe. Nun, ich habe die Tagebücher nie gelesen, aber wenn ich dich richtig verstehe, geht es darum, dass ich nach deiner Geburt nicht mehr schwanger werden konnte.“
„Du bist dabei fast gestorben!“
„Das ist wahr.“
„Also, wie konnte das mit Norman sein? Ich war 10 und ich erinnere mich deutlich an deinen großen Bauch!“
„Der war eine Attrappe. Norman wurde von einer Leihmutter ausgetragen, aber er ist … war wirklich dein Bruder.“
„Er ist es immer noch. Okay, also wissen eigentlich nur wenige davon. Oder war der Bauch nur für mich?“
„Nein, der war nicht nur für dich“, murmelt sie. „Was … was stand noch in den Tagebüchern?“
„Dass mein Vater mich hasst. Gehasst hat. Aber damals war es das Jetzt. Ich meine … Ach scheiße!“ An der Schulter meiner Mutter kann ich auch hervorragend heulen. Na ja, das ist keine neue Erkenntnis, um ehrlich zu sein.
Irgendwann richte ich mich auf, dann hole ich mir Taschentücher und trockne mein Gesicht ab.
So eine Scheiße.
„Hör zu, Mama, ich weiß natürlich, dass er mich nicht mehr hasst. Ich wusste das auch, als ich das las. Und trotzdem war es wie ein Stich ins Herz.“
„Das glaube ich dir.“
„Warum habt ihr es mir verheimlicht?“
„Wann hätten wir es dir denn erzählen sollen?“
Hm. Das ist eine wirklich gute Frage, zugegeben.
„Keine Ahnung“, antworte ich leise.
„So ging es uns auch. Nachdem ihr euch ausgesöhnt hattet, warf dein Vater die Idee auf, dir alles zu erzählen, aber ich befürchtete, dass sich euer Verhältnis dadurch wieder verschlechtern könnte.“
„Das hätte passieren können. Theoretisch. Okay, ich bin euch deswegen nicht böse. Bevor ich ein eigenes Kind hatte, wäre es vielleicht anders gewesen, aber Sandra und noch mehr Kian haben mir Einiges klarwerden lassen. Als Mutter tickt man einfach anders.“
„Das ist wahr“, nickt sie. „So wahr.“
Ich setze mich wieder und nehme ihre Hände. „Ich liebe euch. Beide. Dass ihr weiterleben könnt, war einer meiner Hauptantriebe, das alles zu machen, es durchzustehen. Ich ahnte ja nicht, dass ich nebenher auch noch Norman und James wiederkriege. Und Sandra.“
„Kannst du sie jederzeit sehen? Kannst du einfach so in die Verborgene Welt? Musst du dafür nicht mehr sterben?“
„Schon lange nicht, Mama. Und ja, jetzt, wo ich weiß, wo sie sind, kann ich sie praktisch jederzeit besuchen. Aber sie werden sich verändern, ihr altes Sein immer mehr ablegen. Doch das dauert noch eine Weile.“
„Wie lange?“
Ich zucke die Achseln. „Keine Ahnung. Habe mal gehört, das können Jahrhunderte sein. Mein Turbomodus damals dauerte eine Woche, aber das kann man nicht vergleichen.“
„Meinst du … meinst du, dein Vater und ich können ihn auch … besuchen?“
Ich nicke. „Sprich mit Papa darüber und überlegt es euch gut, ob ihr das wirklich wollt.“
„Du hast gesagt, er hätte sich verändert.“
„Hat er ja auch. Trotzdem wird es sehr wehtun.“
„Ja, vermutlich.“ Meine Mutter seufzt. „Okay, ich rede erst einmal mit deinem Vater darüber. Über alles. Ich weiß nicht, wie er reagieren wird. Es könnte alte Wunden aufreißen.“
Ich nicke erneut. „Ist mir klar. Hat es bei mir auch. Aber totzuschweigen ist nun einmal keine Option.“
Zum Glück sind wir mit dem Thema mehr oder weniger fertig, denn jemand hämmert gegen die Tür.
„Mama!“, ruft die Tür mit Kians Stimme.
Seufzend erlaube ich ihm, hereinzukommen.
Er mustert uns fragend. „Hast du die Tür gesperrt?“
„Ja, mein Süßer. Ich musste was mit meiner Mutter besprechen und wollte dabei mit ihr allein sein. Aber wir sind fertig. Oder?“
„Ja, Kind, sind wir. Führst du mich zu den anderen, Kian?“
„Natürlich!“ Strahlend nimmt er die Hand seiner Oma und die beiden ziehen davon. Ich folge ihnen langsam.
Oh Mann.
Ich nehme meinen Platz ein, nämlich auf Katharinas Schoß. Während ich sie küsse, flüstere ich nur ein Wort: „Leihmutter.“
Sie antwortet nichts, jedenfalls nicht verbal. Aber ich sehe an ihren Augen, dass sie es verstanden hat.
„Oela ist unterwegs, um Renroc zu holen“, sagt sie dann.
„Oh. Den haben wir wohl vergessen.“
„Und den Mann von Bridge auch?“, fragt sie lächelnd.
„Keine Ahnung, wieweit Bridge ihn vergessen hat.“
„Genau. Jedenfalls ist die Zahl der Passagiere kräftig gewachsen. Ob das so gut ist?“
„Ich weiß es auch nicht, aber was ist die Alternative? Sie sind erwachsen. Mehr oder weniger.“
„Ja. So lange sie auf dem Schiff bleiben, ist es wahrscheinlich nicht so kritisch. Aber wir haben gesehen, dass sich das durchaus ändern kann.“
„Ja, haben wir. Soll ich meine Frage wiederholen?“
„Ich habe keine Ahnung, was die bessere Alternative ist.“
Ich schenke ihr ein Lächeln. „Lass es uns einfach machen. Okay?“
„Okay, mein Schatz. Hier, nimm.“ Sie hält mir ein Glas hin, das anscheinend Wodka Martini enthält. Auch eine Lösung.
Ich trinke das Glas leer, dann klopfe ich mit dem Nagel meines rechten Zeigefingers dagegen. Der Geräuschpegel ebbt ab.
„Alle mal bitte kurz herhören! Wir werden uns gleich auf die Reise zum Kernel begeben. Das wird nur wenige Minuten dauern und rein theoretisch können wir danach auch wieder zurückkehren, was wiederum nur wenige Minuten bräuchte. Für diesen äußerst unwahrscheinlichen Fall gilt, dass die neuen Gäste keine eigene Zimmer benötigen. Erfahrungsgemäß werden wir aber deutlich länger unterwegs sein, sucht euch also einfach ein Zimmer aus. Zu dritt, zu zweit, allein, wie es euch gefällt, wir haben genug Platz. Danke fürs Zuhören!“
Katharina lacht. „Wow. Du hast ja eine Laune. Ich gehe mich mal umziehen. Kommst du mit?“
Ich gehe mit, bekomme aber noch am Rande mit, wie mein Sohn seinen Großeltern anbietet, ihnen ihre Suite zu zeigen. Cool. Sie mögen sich, das ist schon mal sehr gut. Sehr, sehr gut.
Da wir nicht genug Zeit haben, verzichten wir auf jegliche Aktivität, die übers Umziehen hinausgeht. Barfuß treffen wir bald darauf auf der Brücke ein, hier sind Helena und Jody bereits dabei, das Raumschiff auf eine größere Distanz zur Erde zu bringen.
Erde. Eigentlich derselbe Planet, auf dem ich aufgewachsen bin, und doch so anders. Eigentlich ja nur eine Erde von vielleicht Millionen.
Wir haben einige Gäste, die keine Ahnung haben, was wir vorhaben. Sie beobachten irritiert, wie die Gefährten sich hinlegen. Meine Mutter schaut Katharina und mich fragend an.
„Wir werden trancegleiten, damit wir keine Jahre unterwegs sind“, erkläre ich. „Ich sehe schon, das hilft euch nichts. Okay. Die Verborgene Welt ist eigentlich die wahre Realität. Das müsst ihr akzeptieren, ich kann es weder begründen noch beweisen. Die Verborgene Welt ist reine Illusion. Sie ist da, sie ist Realität, aber sie ist hochgradig plastisch im Vergleich zur Gefrorenen Welt, in der der Glaube der lebenden … Wesen, denn es sind ja nicht nur Menschen, sich manifest verfestigt hat. Eine etwas ungewöhnliche Eigenschaft der Verborgenen Welt ist das, was wir Logout nennen. Sie kann sich von einem Augenblick zum nächsten auflösen, verändern, sich ganz neu formen. Ungewollt kann das ziemlich blöd sein, was ich euch aus Erfahrung sagen kann. Man kann es aber auch nutzen, um sich durch die Verborgene Welt zu bewegen. Wir nennen es Trancegleiten, weil wir am Anfang dafür eine Art Trancezustand erreichen mussten. Einige von uns können das inzwischen auch ohne Trance, wenn sie nur sich selbst durch die Welt bewegen wollen. Um das Schiff zu bewegen, brauchen wir immer noch die Energie von mehreren von uns.“
„Da habe ich gleich mal eine Frage“, sagt Jack. „Du sagtest, das sei eine Eigenschaft der Verborgenen Welt. Wir sind aber im Moment doch in der Gefrorenen Welt, oder?“
„Da hat jemand gut aufgepasst“, erwidere ich lächelnd. „Ich sagte aber auch, dass die Verborgene Welt die eigentliche Realität ist. Die Gefrorene Welt ist ein Teil davon. So, als würde in einem Ozean ein kleiner Teil des Wassers gefrieren und durch den Ozean treiben. Aber auch Eis ist aus Wasser, aus Wasserstoff und Sauerstoff.“
„Das heißt, ihr könnt auch in der Gefrorenen Welt …“
„Trancegleiten“, ergänzt Kian hilfsbereit.
„Danke. Also könnt ihr das?“
„Nein, Jack“, antworte ich. „Die Gefrorene Welt ist zu fest dafür. Aber wir können hier das Trancegleiten starten, wechseln dann automatisch in die Verborgene Welt und am Ziel wieder zurück. Allerdings ist das wesentlich anstrengender als der Start in der Verborgenen Welt, weil die Festigkeit der Gefrorenen Welt viel Energie schluckt.“
„Also niemand von euch allein kann in der Gefrorenen Welt mit dem Trancegleiten anfangen?“
„Ich konnte das mal, bevor die Götter mir einen Teil der Kräfte wieder weggenommen haben. Ich denke, die Ur-Wesen können es immer noch. Ich habe es nur nicht Trancegleiten genannt, zumal eigentlich das Trancegleiten, wie wir es angefangen haben, sich nur auf die Verborgene Welt und das Erzeugen eines Logouts bezieht. Mit der Zeit haben wir unsere Methode verfeinert.“
„Und das wollen wir jetzt machen, weil die Reise sonst zu lange dauern würde?“
„Ganz genau. Entweder einige Wochen, wie die Ur-Wesen damals, mit einer speziellen Raumfahrttechnik, oder sogar Jahrzehnte mit gefrorener Technologie.“
„Gefrorene Technologie“, murmelt Halpha kopfschüttelnd.
„Ruhe. Also, schaut einfach nur zu. Wir haben es schon oft gemacht und werden auf diese Weise innerhalb von höchstens einer Minute beim Kernel sein.“
Diesmal brauchen wir alle, die trancegleiten können. Das haben wir bereits gemerkt, als wir gestern aus der Verborgenen Welt in die Gefrorene Welt wechselten. Dass wir überhaupt Trancegleiten nutzten, war eher ein Zufall. Wir waren uns nicht sicher, wie wir das gesamte Schiff überhaupt aus der Verborgenen Welt in die Gefrorene Welt bringen sollten, und so schlug jemand vor, wenigstens mal zu der verborgenen Version des Planeten, auf dem sich Untes befand, zu trancegleiten. Aber natürlich imaginierten wir dabei Untes. Und zu unserer Überraschung fanden wir uns in der Gefrorenen Welt wieder.
Das war jedoch ausnahmsweise mal eine angenehme Überraschung.
Ob der Rückweg überhaupt funktioniert und ob es überhaupt stimmt, was ich gerade erzählt habe, wissen wir nicht einmal, als wir anfangen. Es ist nur eine Theorie. Eine schlüssige, wie gestern selbst Tansan zugab.
Danach wissen wir es aber. Und da wir auf den Monitoren und im Panoramafenster den dunklen Kerneleingang sehen, muss es wohl stimmen. Zumindest funktioniert es so, egal, was die Erklärung ist.
Nur das zählt am Ende.
„Geil“, sagt Ona.
„Was ist geil?“, erkundigt sich Kevin.
Ona mustert ihn. „Es hat funktioniert. Ist für uns ja auch neu. Bis vor ein paar Stunden waren wir ausschließlich in der Verborgenen Welt unterwegs. Oder im Embryouniversum. Oder im anderen Universum. Aber euer Universum ist viel spannender.“
„Ernsthaft jetzt?“, frage ich.
„Nicht?“
„Hallo?“
„Ich habe ja nicht gesagt, dass unseres langweilig ist!“
„Ist es nämlich auch nicht!“, bekommt sie, nicht völlig unerwartet, Unterstützung von ihrem zukünftigen Ehemann.
„Danke, der Herr!“
„Kein Ding. Da wir heiraten werden, helfen wir einander.“
Ona starrt ihn an.
„Da hat sich jemand früh festgelegt“, bemerkt Ben.
„Und er lässt sich davon auch nicht abbringen“, erkläre ich. „Wie auch immer, wir sind am Kernel!“
„Dann sollten wir ihn mal anschauen“, sagt Ryema. „Die 18 Planeten sind weg, aber ansonsten sehe ich keine Spur der Zerstörung.“
„Fliegt uns hinein“, sage ich zu den Mädchen, die an den Pulten sitzen. Wie fast immer inzwischen, sind es Helena und Jody. Aber warum auch nicht? Sie machen einen guten Job, das haben sie inzwischen einige Male bewiesen, unter anderem beim Kampf an diesem Ort, als wir Onanda trafen.
Der Kernel sieht wirklich unbeschädigt aus, aber auch gespenstisch ruhig und dunkel. Ein heller Ort war er nie, aber er fühlt sich jetzt wie tot an. Vielleicht, weil er das irgendwie auch ist. Sonst bräuchten wir ihn ja nicht zu aktivieren.
Jody parkt das Schiff vor der dunklen Station. Keine Brücke bewegt sich auf uns zu, nirgendwo ein Licht, nirgendwo auch nur die Spur von Leben.
„Ein kühler Empfang“, stelle ich fest.
„Ja, allerdings“, nickt Ryema. „Wir kommen da nicht hinein, wie es aussieht. Mit Gewalt brauchen wir es gar nicht erst zu probieren.“
„Und was jetzt?“, fragt meine Mutter.
Ich zucke die Achseln. „Keine Ahnung. Irgendwie muss es gehen, Drachenkind stellt uns keine unmöglichen Aufgaben. Nur solche, die unmöglich wirken.“
„Ha, ha“, sagt Margret.
„Nicht?“
„Doch, du hast recht.“ Sie geht nach vorne, bis sie das Panoramafenster fast berührt, und starrt nach draußen.
„Hypnotisierst du den Kernel, mein Schatz?“, erkundigt sich Michael.
„Arschloch.“
Ups?! Ich kann förmlich hören, wie ihre Familie den Atem anhält.
„Ihr habt sie verdorben und angesteckt“, teilt mir Michael mit.
„Und, gefällt dir die neue Margret nicht?“, hake ich nach.
„Doch“, antwortet er grinsend. „In jeder Hinsicht und in jeder Lage.“
Margret fährt herum. „Halt den Mund oder ich brenne dir die Haare weg!“
„Margret?“ Nadine kann sich nicht mehr zurückhalten.
Margret lächelt ihr zu. „Alles in Ordnung, Mum. Michael hat schon recht. Das Kämpfen und Töten verändert einen wirklich.“
„Du hast getötet?“, fragt ihre Mutter entsetzt.
„Was hast du denn gedacht, was es bedeutet, dass ich mitkämpfe? Ich glaube, alle, zumindest die Erwachsenen, aus der Gruppe haben getötet. Mehr als einmal.“
„Nicht nur die Erwachsenen!“, protestiert Sam.
„Dich hat niemand gefragt, Zwerg“, mischt sich Halpha ein.
„Außerdem ist das nichts, worauf man stolz sein muss“, füge ich hinzu.
„Du hast doch auch getötet!“
„Ja, sehr oft sogar. Aber nie ohne Grund.“
„Ich auch nicht! Und das weißt du auch ganz genau!“
Ich mustere Sam, dann nicke ich langsam. „Ja, weiß ich. Aber ich weiß auch, wie gefährlich die Dunkelheit in einem werden kann.“
„Okay“, sagt sie nach einem Moment. „Tut mir leid.“
„Schon gut. Ihr habt ja was versprochen, du und Kian. Okay, Leute, irgendwelche Ideen, was wir jetzt tun sollen?“
„Wir fragen den Nieser.“
Ich starre meinen Sohn an. „Wen? Ach so, den Nieser? Den Virenfänger?“
Er nickt.
„Was willst du ihn denn fragen?“, fragt Ona.
„Wo der Schlüssel ist. Was dachtest du denn?“
„Nichts.“
„Das ist nicht gut. Ich heirate nur eine intelligente Frau!“
Oh mein Gott! Ich schließe kurz die Augen und beschließe, gar keine Diskussionen dieser Art zu tolerieren.
„Virenfänger ist eine gute Idee“, sage ich und meine Stimme zittert leicht. „Wir wollen keine Zeit verlieren.“
Dabei ignoriere ich Onas böses Grinsen.
Wir legen uns auf den Boden. Katharina liegt links von mir, und meine Mutter legt sich auf die andere Seite. Ich sehe sie überrascht an.
„Vielleicht hilft es ja“, sagt sie nur.
Darauf antworte ich lieber nicht. Die Geste zählt.
Kurz darauf blicken wir auf Sarok.
„Wieso ist das so dunkel?“, fragt Kevin. „Schlafen die alle?“
„Nope“, antwortet Sam. „Es gibt auf dem Planeten nur einen Ort, Gorliando, dort lebt … niest der Virenfänger.“
„Ein ganzer Planet für einen Ort?!“
„Wir sind in der Verborgenen Welt.“
„Echt? Woran erkennt man das?“
„Der Weltraum ist hell, zum Beispiel. Im Gegensatz zu diesem verf… komischen Planeten.“
Ryema atmet durch.
„Wer will mit?“, erkundige ich mich.
Es wird voll. Sowohl meine Eltern als auch Margrets Familie wollen den Virenfänger kennenlernen. Wenig überraschend bleiben Bridge und Loiker an Bord, aber nicht nur die. Trotzdem wird die Fähre mal wieder fast voll.
„Gibt es kein Beamen?“, erkundigt sich Kevin. „Wäre doch viel praktischer.“
„Beamen ist für Langstrecken“, antwortet Sam. „Für gaaanz lange Strecken. Zum Beispiel vom Ende des Universums hierher.“
„Ja, schon gut, ich habe verstanden.“
Sam grinst zufrieden, dann startet sie die Fähre und wir fliegen aus dem Schiff. Wir kommen ohne weitere Zwischenfälle auf dem Planeten an und landen in der Nähe von Gorliando. Selbstverständlich ist das nicht, wie wir ja inzwischen wissen.
Wir begeben uns zum Haus der Suchergebnisse. Ich gehe ein Stück vor, begleitet von Katharina, da ich keine Lust auf die Begeisterung der Neuen habe, auch nicht darauf, ihre Fragen zu beantworten. Sollen andere das machen. Sam übernimmt das mit erstaunlicher Begeisterung. Ich habe das dumpfe Gefühl, der Grund dafür könnte Kevin sein.
Okaaay … Nun ja, sie kommt langsam in das Alter, in dem die ersten Erfahrungen gesammelt werden. Allerdings könnte es eine Enttäuschung werden, denn für Kevin ist sie wohl noch ein Kind. Er interessiert sich eher für Ona, glaube ich. Aber gut, auch das gehört dazu. Ich weiß das.
Sam, Kevin und Ona geben die Suchfrage ab, begleitet von seinen Eltern. Meine Eltern bleiben bei Katharina und mir.
„Wie funktioniert das hier eigentlich?“, fragt meine Mutter. „Niest da einer wirklich?“
„Yep!“, erwidere ich. „Haust angeblich in einem Turm, da drüben. Frag mich nicht nach Details, damit will ich mich gar nicht beschäftigen. Fakt ist, dass es auf fast alles eine Antwort gibt, und die Antwort ist immer korrekt.“
„Damit kann ich leben“, murmelt sie.
„Irgendwie hat das was von einem Ausflug mit Freunden“, stellt Jack fest.
„Ja, so geht es mir auch immer, wenn die Kinder dabei sind. Manchmal ist es irgendwie auch einer. Hat jemand zufällig eine Zigarette dabei?“
Leider nein. Und mir fällt auf, wie lange ich schon nicht mehr geraucht habe. Gefühlt eine Ewigkeit.
„Rauchen ist sowieso nicht gut für das Kind.“
„Mama! Nicht schon wieder! Kelly ist außerdem unsterblich.“
„Ist ja gut.“
„Hör zu, ich verstehe dich ja, seitdem ich selbst Mutter bin. Aber ich habe auch gelernt, dass es wichtig ist, sich zurückzunehmen. Selbst bei so einem Kleinen wie Kian.“
„Im Grunde weiß ich das auch. Ich glaube sogar, dass ich euch viel Freiraum gelassen habe.“
Ich denke darüber nach. Es stimmt, ich hatte viele Freiheiten, die andere Mädchen in meinem Alter nicht hatten. Meine Mutter hatte mir nur wenige Dinge kategorisch verboten, und wenn, dann nicht für immer.
„Habe ich recht, Kind?“
„Hast du. Nur dass ich kein Kind mehr bin!“
„Du bleibst aber immer mein Kind. Du wirst sehen, wenn deine Kinder erwachsen sind, dass es Gewohnheiten gibt, die gerade dann wichtig sein werden.“
„Wieso sollte es mir wichtig sein, Kian Kind zu nennen, wenn er erwachsen ist?!“
„Du wirst schon sehen“, antwortet sie nur.
Fuck! Hallo? So ein Quatsch.
„Er ist ja auch nicht süß“, bemerkt Katharina.
„Wie bitte?“
„Kian. Nicht süß.“
„Doch, er ist mein Süßer!“
„Genau“, erwidert sie grinsend. Selbst meine Eltern grinsen.
Hallo?!
Ich will eine Zigarette!
Stattdessen gibt es ein Suchergebnis.
„In der Verborgenen Welt“, liest Sam vor.
„Äh, was war denn die Frage?“, erkundigt sich Margret.
„Wo ist der Schlüssel zum Kernel?“
„Und die antworten, dass er in der Verborgenen Welt ist?!“
„Ganz genau“, nickt Sam.
„Das ist doch … scheiße!“
Margrets Familie starrt sie entgeistert an.
„Was? Michael kann euch bestätigen, dass Fiona mich angesteckt hat!“
„Ganz genau“, bestätigt dieser.
„Ihr seid doof“, erkläre ich. „Wie sollen wir den Schlüssel bitteschön in der Verborgenen Welt finden?“
„Wie sieht er denn aus?“, fragt mein Vater.
Ich zucke die Achseln.
„Kann uns denn diese anachronistische Suchmaschine das nicht sagen?“
„Bestimmt!“, ruft Sam und rennt los.
„Ich bin stolz auf dich, Jason“, sagt meine Mutter.
„Wie bitte?“ Es ist nicht einfach, meinen Vater fassungslos zu machen, aber meiner Mutter gelingt das immer wieder.
„Du hast mit deiner Idee dazu beigetragen, dass wir weiterkommen.“
„Das steht doch noch gar nicht fest.“
„Ich bin da ganz zuversichtlich.“
Ich schaue Katharina an, dann gehe ich abseits. Das ist ja kaum zu ertragen.
Mein Vater könnte recht behalten. Sam liest wieder die Antwort vor.
„Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Universum?“
„Oh nein!“, stöhne ich.
„Was ist denn?“, fragt Nadine.
„Erstens bedeutet das, dass wir schon wieder bei Schneewittchens böser Stiefmutter aufkreuzen. Die dreht noch durch. Und zweitens, was ist das denn für eine Antwort?“
„Eine dämliche“, stellt Sam fest.
„Vielleicht etwas kryptisch“, bemerkt mein Vater. „Aber vielleicht auch ein wichtiger Hinweis. Möglicherweise gibt es ja etwas, was als das Schönste im Universum gilt.“
„In der Antwort steht aber wer, nicht was“, erwidere ich. „Es geht um ein Wesen, etwas Lebendes. Das macht es in keinster Weise einfacher. So eine verdammte Scheiße!“
„Na“, sagt Ryema.
„Sorry. Okay, wir fliegen erst zu Schneewittchen, immerhin ist sie im entsprechenden Märchen gemeint.“
„Ist sie denn so schön, dass sie die Schönste im Universum sein könnte?“, fragt meine Mutter.
Ich zucke die Achseln. „Als wenn Schönheit so eindeutig festlegbar wäre. Außer in der Mathematik.“
„Vielleicht ist das ja gemeint“, sagt Edgar.
„Ich kann es mir nicht vorstellen, aber ausschließen kann ich es auch nicht. Wie auch immer, der Spruch deutet auf Schneewittchens Clan hin, also besuchen wir sie.“
Mangels einer besseren Idee sind alle einverstanden. Daher marschieren wir zur Fähre und fliegen zum Schiff, wo wir den Heimgebliebenen erklären, wie es weitergeht.
Zumindest Bridge sieht man an, dass sie etwas entgeistert ist.
Und Tansan wohl auch. „Das ergibt keinen Sinn“, sagt er. „Diese Antwort ist sinnlos.“
Bei ihm ein Ausdruck absoluter Ratlosigkeit.
„Alter Mann, wir sind tatsächlich mal einer Meinung“, stellt Halpha fest. „Kommt, Mädels, wir bereiten den Trancesprung schon mal vor.“
Trancesprung?
„Trancesprung?“, wiederholt mein Vater amüsiert.
„Trancesprung“, nickt Margret und eilt den anderen Mädels hinterher.
Wir folgen etwas langsamer, zumal wir eh nicht alle in den Aufzug passen. Die Treppe kommt aus irgendeinem Grund nicht infrage. Wie immer. Fliegend ist sie sehr praktisch, finde ich.
Der Trancesprung, wie das anscheinend jetzt heißt, obwohl ich Gleiten sympathischer finde, da es was mit Ruhe zu tun hat, ist inzwischen Routine. Allerdings wird die Brücke immer voller. Während ich mich hinlege, muss ich daran denken, wie ich mal ganz alleine angefangen habe, als ich in der Spinnenwelt ankam. Irgendwie ist ja seitdem alles eine einzige Geschichte. Ich glaube schon, dass alles zusammengehört. Die anderen drei finden, die erste Aufgabe lösen, dann die folgenden, alles nur, um dieses Universum zu retten. Okay, das wusste ich damals noch nicht, im Gegenteil, ich war fest davon überzeugt, dass …
Katharina küsst mich und liegt halb auf mir.
„Was denn?“
„Hilfst du uns?“
„Helfen? Wobei?“
„Beim Trancespringen. Wo warst du gerade?“
„In der Vergangenheit. Ja, okay, ich helfe euch. Können wir jetzt anfangen?“
Katharina mustert mich kurz nachdenklich, dann legt sie sich wieder hin und wir springen halt. Direkt über den Wald, in dem sich auch Schneewittchens Haus befindet.
Als wir landen, kommen die Gopfs um die Ecke gefetzt, erkennen uns, erstarren, dann drehen sie sich um und trotten davon. Die sind ja doch lernfähig!
Schneewittchen lehnt sich aus einem Fenster und starrt uns an.
„Hallo, Schneewittchen“, winkt ihr Kian zu.
Sie winkt unsicher zurück. „Wieso werden es immer mehr Leute, mit denen du kommst, Fiona?“
„Ist das Schneewittchen?“, höre ich Kevin jemanden flüsternd fragen, die Antwort bekomme ich aber nicht mehr mit, weil ich zu ihr spaziere.
„Viel mehr werden es vermutlich nicht mehr. Wir haben nur noch eine Aufgabe zu lösen. Die Gefrorene Welt ist wieder da, aber der Kernel noch inaktiv. Wir suchen den Schlüssel. Also haben wir den Virenfänger gefragt und der hat etwas Kryptisches geantwortet.“
„Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Universum?“, wiederholt Sam.
„Ja, genau, das.“
„Oh, das klingt irgendwie schon nach meinem Märchen“, sagt Schneewittchen mit großen Augen. „Aber ich habe keine Ahnung, wer gemeint sein könnte!“
„Wir auch nicht“, seufze ich. „So eine verdammte …“
Katharina legt ihre Hand auf meinen Mund und lächelt Schneewittchen an. „Vielleicht erfahren wir was vom Spiegel.“
„Ihr kennt ja den Weg“, sagt sie.
„Begleitest du uns nicht?“, erkundige ich mich.
„Nein. Dank euch habe ich meine Stiefmutter öfter besucht als die ganze Zeit davor!“
„Das geht natürlich gar nicht“, stellt Jody fest.
„Wie oft besuchst du deine Eltern?“, erkundigt sich Schneewittchen.
„Ähm … Mal sehen, wann ich überhaupt die Zeit dafür habe.“
„Willst du sie denn überhaupt besuchen?“
Jody zuckt die Achseln. „Ich habe schon verstanden, was du mir sagen willst, Schneewittchen. Ich kenne auch das Märchen. Aber es ist ja nicht alles genauso. Im Märchen gibt es diese wandelnden Gebisse ja auch nicht.“
„Ja, das ist wahr. Aber du hast kein gutes Verhältnis zu deinen Eltern, richtig?“
„Kann schon sein.“
Schneewittchen scheint zu beschließen, da nicht weiter nachzubohren. Sie sieht sich um und ihr Blick bleibt an meiner Mutter hängen.
„Du bist Fionas Mutter? Ihre leibliche Mutter?“
Die Angefragte nickt, sichtlich beeindruckt. Schneewittchen hat mit ihr gesprochen! Eine legendäre Märchenfigur!
„Ich freue mich sehr, dich kennenzulernen!“, sagt Schneewittchen, nicht minder begeistert. „Und dein Vater, Fiona?“
„Wie hast du das bloß erraten?“
Schneewittchen strahlt mich an. „Du bist fast so witzig wie deine Klone!“
„Musstest du das jetzt erwähnen? Willst du mir den ganzen Tag verderben?!“
„Oh, mir war nicht bewusst, dass du so ungern über deine Klone redest.“
„Tue ich auch nicht.“ Ich seufze. „Okay, ein wenig doch, vor allem, weil die Ereignisse nicht so schön waren. Aber weißt du was? Ohne sie hätte ich dich niemals kennengelernt.“
„Und die böse Stiefmutter!“, fügt Sam hinzu.
„Sie ist nicht wirklich böse“, erklärt Schneewittchen.
„Weiß ich doch.“
„Ach so, du versuchst auch, witzig zu sein.“
Sam schneidet eine Grimasse, schweigt aber lieber. Sie will wohl Halpha nachher nicht noch mehr Steilvorlagen liefern.
Berechtigterweise.
Wir verabschieden uns von Schneewittchen und fliegen mit der Fähre zum Schloss der Stiefmutter. Wie schon einmal, landen wir wieder im Vorgarten und werden von der Stiefmutter nonchalant begrüßt.
„Meine Stieftochter schickt euch, um mich in den Wahnsinn zu treiben, nicht wahr?“
„So könnte es sein, ist es aber nicht“, antworte ich.
„Dann willst du mir deine Eltern vorstellen?“ Sie beobachtet die Erwähnten neugierig.
„Nun, da sie dabei sind, können wir das natürlich auch erledigen“, nicke ich. „Hauptsächlich kommen wir wegen des Spiegels. Es sei denn, du kannst das Rätsel lösen.“
Sie zieht die Augenbrauen hoch. „Ein Rätsel? Das klingt spannend. Wie lautet das Rätsel denn?“
„Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Universum?“, rezitiert Sam.
„Im ganzen Universum? Ich gebe zu, Schneewittchen ist fast so schön wie ich, doch selbst ich hielte es für größenwahnsinnig, mich als die Schönste im gesamten Universum zu betrachten.“
„Das hilft uns nicht“, erwidert Ona.
„Das bedauere ich natürlich außerordentlich, junge Dame. Doch wieso sucht ihr sie?“
„Sie soll der Schlüssel zum Kernel sein, den wir aktivieren müssen, damit das Universum nicht doch noch für immer archiviert wird.“
Wir starren Ona an.
„Was denn? Stimmt das nicht?“
„Doch“, antworte ich. „Aber du redest davon, als wäre es irgendwie so ein Vorgang wie Archivieren, was man halt so tut, weil es dazu gehört.“
„Quatsch. Für das Archivierte ist das natürlich fatal.“
„Das wird ja immer schlimmer“, sagt Margret. „Hör einfach auf zu reden.“
„Fick dich doch.“
Margret runzelt die Stirn. Zeit für mich, aktiv zu werden.
„Wenn ich dich richtig verstanden habe, weißt du auch nicht, wer gemeint sein könnte.“
Die Stiefmutter schüttelt majestätisch den Kopf. „Aber ich vermute, ihr würdet gerne den Spiegel fragen.“
„Das würde vielleicht helfen.“
„Dann folgt mir. Auch wenn ihr den Weg kennen dürftet.“ Sie lächelt meinen Eltern zu, dann schwebt sie vor. Gehen kann man das ja nicht nennen, was sie vollführt. Vorführt. Sie ist Königin durch und durch. Möchte ich auch so sein? Ich glaube nicht. Aber ich habe ja auch echte Untertanen.
Meine Mutter packt von hinten meinen Arm. „Die sind ja beide völlig anders als im Märchen!“, flüstert sie.
„Es sind Albtraumversionen, wir sind in Somnita, der Müllhalde für Träume.“
„Müllhalde?“
„Eine gigantische Müllhalde.“
„Sei nicht so respektlos, Fiona“, bemerkt die Königin.
„Du hast gute Ohren.“
„Und lenk nicht ab!“
„Ja. Tut mir leid.“
„Schon gut. Eigentlich hast du recht, was Somnita betrifft.“
„Ich weiß nicht. Ich habe es zwar selbst gesagt, aber in Wirklichkeit denke ich das nicht. Mein verstorbener Mann, meine verstorbene Tochter und meine verstorbene beste Freundin leben in der Zentralverwaltung. Was man so leben nennen kann.“
Die Königin bleibt stehen und sieht mich an. „Sie sind aber echt, nicht das Ergebnis von Albträumen?“
„Ja, sie sind echt.“
„Ich verstehe. Gehen wir weiter.“
Das ist mir sehr recht, denn das Thema nimmt mich mal wieder mit.
„Habe ich dir schon gesagt, dass ich dringend Urlaub haben will, wenn die Scheiße hier vorbei ist?“, frage ich Katharina flüsternd.
„Mehrmals.“
„Dann meine ich es wohl ernst.“
„Definitiv.“
„Arschloch.“
„Ich liebe dich auch.“
Im Spiegelzimmer wird es voll. Und der Spiegel ist anscheinend so überrascht, dass er vergisst, dunkel zu werden.
„Ich bin mir nicht sicher, ob ich mich geehrt oder belästigt fühlen sollte“, brummt er.
„Such es dir aus“, erwidert Sam.
„Ah, du warst doch beim letzten Mal schon dabei, nicht wahr?“
„Ja, aber da habe ich nichts gesagt.“
„Ich hoffe, nicht, weil du Angst vor mir hast.“
Sam starrt den Spiegel an, während Einige lachen. Ich fast auch. Es fällt mir aber schwer, mich in Selbstbeherrschung zu üben.
„Der Reaktion deiner Gefährten entnehme ich, dass du eher kein ängstlicher Mensch bist“, sagt der Spiegel.
„Nein, eher nicht“, antwortet Sam. „Und wenn mich doch mal etwas ängstigt, dann erschie…“
„Sam“, sage ich ruhig.
„Ähm … Kommt eigentlich nie vor.“
„Danke.“
„Nun, ich denke, ich sollte mich geehrt fühlen. Was kann ich diesmal für euch tun?“
Ich schaue Sam an.
„Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Universum?“, sagt sie.
„Pflichtgemäß müsste ich jetzt Schneewittchen nennen“, erklärt der Spiegel. „Aber mich dünkt, sie könnte hier nicht gemeint sein.“
„Das dünkt uns auch“, erwidert Sam. „Und eine andere Idee hast du nicht?“
„Leider nein, junge Dame.“
„Sam.“
„Wie bitte?“
„Ich heiße Sam!“
„Ich verstehe, junge Dame.“
Sams Augen verengen sich. Ich trete hinter sie und lege die Hände auf ihre Schultern.
„Vielen Dank, lieber Spiegel. Mich dünkt, dass unsere Besuche in Zukunft möglicherweise seltener werden, denn wir haben unsere Aufgabe fast erfüllt. Doch sicher ich mir bin, dass wir uns dennoch sehen werden.“
„So sei es, eine von drei.“
Der Spiegel hat heute ja eine provozierende Laune, glaube ich. Ich zwinge mich zu einem Lächeln, dann verlassen wir den Raum und begleiten die Königin in die Empfangshalle.
„Überlegt es euch nochmal“, sagt die Königin. „Ich lasse euch wirklich gerne den Westflügel herrichten. Nur das Ding in meinem Garten muss weg.“
„Sehr freundlich von dir“, erwidere ich. „Aber wir müssen jetzt die Schönste im Universum finden. Danach werden wir urlaubsreif sein, mal sehen.“
„Sehr gerne. Mein Angebot gilt.“
Anschließend entfernen wir das Ding aus ihrem Garten und treffen uns an Bord in der Küche. Nur Halpha ist nicht dabei, sie fliegt das Schiff in den wabernden Nebel der Verborgenen Welt, weit entfernt von allem, was unter dem nächsten Trancegleiten leiden könnte.
„Und was jetzt?“, fasst Jody unseren Gemütszustand zusammen.
„Ich nehme einen Cappuccino“, antworte ich.
„Mach ich dir!“, ruft Kian und rennt zum Automaten. Auch Katharina bekommt einen, beide Becher lässt er magisch zu uns schweben. Dann sieht er seine Großeltern fragend an. Vor Verblüffung bestellt meine Mutter auch einen Cappuccino. Mein Vater nimmt einen Scotch.
„Ich wiederhole meine Frage“, sagt Jody mit einem Weinglas in der Hand. „Und was jetzt?“
„Jetzt trinkst du deinen Wein“, antwortet Helena.
„Ich erschieße dich gleich.“
„Oh nein!“, stöhnt Helena. „Bitte fang damit gar nicht erst an! Trink deinen Wein!“
Grinsend nippt Jody an ihrem Glas und ignoriert Sams böse Blicke.
Halpha kommt gleich darauf, holt sich ein Glas Whisky und verkündet, dass sie eine Idee hätte.
„Was für eine Idee?“, erkundigt sich Kevin. „Ich meine, zu was?“
„Wie wir vielleicht herausfinden, wie wir den Kernel aktivieren.“
„Du hast eine Idee?“, hakt Sam nach. „Erstaunlich.“
„Zwerg, du nervst! Hast du eine Idee?“
Sam schüttelt den Kopf und trinkt von ihrem Kakao. Ihre Augen funkeln amüsiert.
„Lass mal hören“, sagt Ryema ruhig.
„Wir fragen die Bewohner der 18 Planeten. Ich meine, natürlich die ehemaligen, da es ja die 18 Planeten nicht mehr gibt. Etliche haben wir ja evakuieren können.“
„Und wieso meinst du, die wüssten etwas, was uns weiterhilft?“, erkundigt sich Nidea.
„Wieso nicht? Ich meine, wir reden von den 18 Planeten. Und deren Bewohnern. Die wissen schon eine Menge über den Kernel.“
„Das stimmt“, bestätigt Ryema. „Allerdings wurden sie in der Hektik überallhin evakuiert. Sie zu finden, wird nicht einfach.“
„Da kann ich vielleicht helfen“, sagt Bridge. „An unsere Unterlagen kommen wir ja nicht dran, aber ich kann mich erinnern, dass Minister Kashowa von einem Schiff der Zuanod-Föderation mitgenommen wurde.“
„Einen Versuch ist es doch wert, oder?“, fragt Halpha. „Bevor wir hier nur depressiv werden.“
„Wir haben ja noch den Westflügel“, murmele ich. „Aber ja, das sollten wir machen. Kann es da gefährlich werden?“
„Nicht mehr als anderswo“, antwortet Ryema. „Aggressive Regierungen haben uns damals gar nicht erst geholfen. Zumal alle Visz haben wollen, also sind sie daran interessiert, dass wir den Kernel aktivieren können.“
„Na gut. Dann trancegleiten wir. Wer führt?“
Ryema, Bridge und Halpha führen gemeinsam. Niemand von uns war schon mal bei der Zuanod-Föderation, aber es gab häufigen Kontakt mit den Frachtern von denen und so hoffen wir, dass wir wenigstens in der Nähe landen.
Als wir dann in die Gefrorene Welt materialisieren, ist es dunkel und wohl auch kalt.