Den Landeanflug machen wir ohne Schutzschirm, dafür unsichtbar. In Newope ist es dunkel, die Straßen sind leer, also wohl schon etwas später. Im Haus selbst ist es aber hell, und als wir es betreten, kommt uns Kelly entgegen. Mit einem Visz-Dolch in der Hand.
„Da seid ihr!“, ruft sie erfreut. Dann gefriert ihr Lächeln. „Was ist denn los?“
Wieso kann ich vor meiner Tochter nichts geheim halten??
„Erzählen wir gleich“, erwidere ich. „Wer ist denn noch da?“
„Kommt in die Küche“, sagt Kelly statt einer Antwort.
Die ist voll. Dass Johnny da ist, überrascht nicht. Die Anwesenheit von Kian und Lea auch nicht. Mit Sam, Ona, Helena und Jody habe ich weniger gerechnet. Aber es freut mich irgendwie.
Ich gehe zur Kaffeemaschine, lege den Finger auf den Knopf für Cappuccino und zögere. Schließlich hole ich mir stattdessen eine Flasche Whisky aus dem Wohnzimmer, öffne sie, setze sie an den Mund und leere sie in einem Zug.
„Mama?!“ Kelly starrt mich entgeistert an.
Ich klettere auf den Tisch und halte die Flasche hoch. „Ich finde, in diesen Dingern ist viel zu wenig Inhalt!“
„Was ist passiert?“, erkundigt sich Kian ruhig. „Jedenfalls nichts Gutes.“
„Mein liebster Sohn, ich bin geradezu überrascht, wie gut du mich kennst!“
Er blickt zu Katharina. „Wie lange dauert es, bis ihr Körper den Alkohol abbaut?“
Sie zuckt die Achseln. „Sie hat die Flasche schnell getrunken, ich tippe auf fünf bis zehn Minuten.“
Ich springe auf den Boden und hole mir eine zweite Flasche, doch als ich sie öffnen will, nimmt Sam sie mir weg.
„Hey! Willst du Ärger mit mir?“
„Ganz im Gegenteil“, sagt sie. „Aber das hilft dir ganz sicher nicht.“
„Doch!“
„Nein, auf keinen Fall. Was ist passiert?“
„Bubble Bubi!“
Katharina lacht auf.
„Bitte was?“, erwidert Kelly. „Mama, echt, das ist skandalös, wie du dich aufführst!“
Ich starre sie an. Sagte sie gerade skandalös? Zu mir?
„Wie redest du mit deiner Mutter eigentlich?“
„Aktuell rede ich nicht mit meiner Mutter, sondern mit Whisky!“
„Aha!“ Ich klettere wieder auf den Tisch und stelle mich vor ihr auf. „Willst du mir vorschreiben, was ich trinken darf und was nicht?“
„Fiona“, sagt Katharina leise. „Lass bitte Kelly in Ruhe. Sie kann nichts dafür.“
Ich atme tief durch. Natürlich hat Katharina recht, und ich spüre, wie mein Kopf langsam wieder klar wird. Ich gehe auf die Knie und nehme Kellys Gesicht zwischen die Hände.
„Tut mir leid.“
„Kein Problem, Mama, aber ich … wir wollen wissen, was passiert ist! Bist du so frustriert, weil ihr Fiona nicht gefunden habt?“
„Ganz im Gegenteil, wir hatten sie schon. Gefesselt und mit einer explodierenden Halskrause.“
„Du hast es geschafft, uns noch mehr zu verwirren“, erklärt Ona.
Nach kurzem Nachdenken springe ich vom Tisch und mache mir doch einen Cappuccino. Dann schaue ich Katharina fragend an, die nickt. Also kriegt sie auch einen. Mit meinem Becher in der Hand setze ich mich neben Kelly.
„Also, die Knotenstadt ist riesig“, erkläre ich dann, weil Katharina keine Anstalten macht, irgendetwas zu erklären. „Aber das wussten wir ja vorher schon.“
„Allerdings“, nickt Sam.
„Wir sind also intuitiv einfach los, nachdem wir da waren und landeten in einem wirklich riesigen Puff …“
„In einem Puff?“, unterbricht mich Ona.
„Wir waren nicht richtig drin, nur im Foyer. Ein Wolkenkratzer, in dem alle Wesen des Universums auf ihre Kosten kommen könnten. Wir haben gefragt, wo in der Knotenstadt was los wäre und sie sagte uns recht spontan, dass wir im Zirkel-Viertel schauen sollten.“
„Im Zirkel-Viertel?“, wiederholt Jody.
„Yep! Ein echt interessantes Gebilde, und ich fürchte, ihr werdet es kennenlernen, wenn wir Fiona holen.“
„Wenn wir Fiona holen?“ Diesmal wiederholt mich Kian. „Ihr zwei braucht Verstärkung?“
„Und eine Flasche Whisky“, sage ich düster.
„Fiona, das bringt nichts“, bemerkt Ona.
„Weiß ich auch.“ Ich atme schon wieder tief durch. Mann! „Also gut, das Zirkel-Viertel besteht aus mehreren Ebenen, von oben nach unten wird es immer düsterer. Ganz unten sollen irgendwelche hundeähnlichen Wesen leben, die Drogen erschnüffeln, die dann nach oben durchgereicht und aufbereitet werden. Dabei konkurrieren irgendwelche Gangs miteinander. Eine dieser Gangs hat sich Fiona wohl genommen, auf welche Art und Weise auch immer. Die Details sind jetzt egal, auf jeden Fall hat eine konkurrierende Gang sie als Gegenleistung für einen Gefallen in eine Falle gelockt und uns gebracht.“
„Da habe ich jetzt mal eine Frage“, unterbricht mich Sam. „Wer hat wem einen Gefallen getan?“
„Wir der Gang. Dafür haben sie Drogen zur Verfügung gestellt, mit diesen Drogen die Hundeähnlichen dazu gebracht, dass sie Fiona in eine Falle locken und dann Fiona zu uns gebracht.“
„Aha“, erwidert sie. „Ist es für uns wichtig zu wissen, was für ein Gefallen das war?“
„Irgendwie schon.“
„Aha“, sagt sie wieder. „Erzählst du es uns?“
„Sie kontrollieren auf der Ebene unter ihnen die Gamuons, diese wiederum sorgen dafür, dass die erschnüffelten Drogen von Bienenmenschen vorverdaut werden.“
„Krass“, bemerkt Jody. „Wer träumt denn so einen Scheiß?“
Ich zucke die Achseln. „Ich schätze, an diesem Gebilde waren einige Träumer beteiligt.“
„Na gut. Ihr hattet also Fiona und habt sie jetzt nicht mehr?“ Kelly denkt pragmatisch.
„Ja, weil wir erst noch zur Bienenstadt mussten oder gemusst hätten, um die zwei Bienenmenschen dorthin zu bringen, die uns beim Erfüllen des Gefallens geholfen haben und als Belohnung dafür von uns in die Bienenstadt gebracht werden sollten, wurden aber dabei von jemandem angefallen, der als Drogenbaron auf dem runden Hügel lebt und gegen den ich keine Chance hatte. Wo ist der scheißverdammte Whisky?!“
Sie starren mich an.
„Gegen den du keine Chance hattest?“, wiederholt dann Ona. „Wie kann das denn sein?“
„Ich habe keine Ahnung!“
„Okay, ich beginne, dein Verhalten zu verstehen“, erklärt Ona ruhig. „Dieser Jemand hat euch Fiona wieder abgenommen?“
„Und die Bienenmenschen. Und dann hat er uns in den Grenzbereich zwischen Knotenstadt und Gefrorener Welt verfrachtet, wo wir erst die Drachen davon überzeugen mussten, dass wir uns da überhaupt aufhalten dürfen!“
„Hm“, sagt Kian. „Wie mächtig muss jemand sein, gegen den du keine Chance hast?“
„Wie ein Wächter“, antwortet Katharina.
„Scheiße!“, entfährt es Ona. „Ein Wächter? In Somnita?“
„Es ist nur eine Vermutung. Aber erstens war er unglaublich stark und zweitens wusste er über uns Bescheid. Nicht einmal ein Ur-Wesen hätte allein so mit Fiona umgehen können wie dieser Kerl.“
„Whisky!“, rufe ich.
„Sei jetzt mal still, Schatz. Er hat also Fiona und die beiden Bienenmenschen. Wir müssen also wieder dorthin, mit Verstärkung.“
„Also sollte auch Margret dabei sein“, stellt Sam fest.
„Am besten ja“, bestätigt Katharina.
Ich starre in meinen leeren Becher. Kelly springt auf und macht mir einen neuen Cappuccino. In der Zeit sagt niemand etwas.
„Soll ich Margret informieren?“, fragt sie dann.
„Ja, bitte.“
„Ich komme aber auch mit.“
„Wohin?“
„Auf Wächterjagd.“
„Ausgeschlossen!“
„Mama!“
„Erstens musst du zur Schule. Zweitens musst du auf Johnny aufpassen, und es ist noch ausgeschlossener, dass er bei so was dabei ist. Drittens ist es gefährlich.“
„Soll das ein Witz sein? Bist du ernsthaft der Meinung, es ist für mich gefährlicher als zum Beispiel für Helena?“
„Ganz sicher nicht“, erwidert jene ruhig. „Ich hätte in ihrem Alter keine sieben Vampire ausgeschaltet, nicht bei meinem ersten ernsthaften Kampf.“
„Hast du das gehört, Mama?!“
Natürlich habe ich es gehört. Helena hat recht. Eigentlich ist es für alle außer für Margret und mich zu gefährlich. Aber wie sage ich es ihnen?
„Mama?“
„Ich gebe Helena recht. Wie oft hast du schon mit einem Wächter gekämpft?“
„Bin noch keinem begegnet.“
„Das ist nicht der Punkt“, mischt sich Katharina ein. „Fiona überlegt gerade, wie sie uns mitteilt, dass eigentlich nur sie und Margret auf Wächterjagd gehen dürften.“
„Wieso denn das?“
„Weil nur die beiden und nur gemeinsam überhaupt eine Chance gegen einen Wächter haben.“
„Genau“, bestätige ich.
„Allerdings werde ich trotzdem mitgehen“, fährt Katharina fort. „Es geht nicht nur um den Kampf.“
„Genau“, bestätigt Kelly.
„Herzlichen Dank, mein Schatz“, sage ich.
„Nichts zu danken. Wir werden es vermutlich auch mit Gamuons und anderen Wesen zu tun bekommen, zumindest könnte ich mir das gut vorstellen. Und ihr braucht Leute, die euch den Rücken freihalten. Jody würde ich zum Beispiel gerne dabei haben. Und mit Jody bekommen wir auch Helena.“
„Auf jeden Fall“, sagt diese mit hochgezogenen Augenbrauen. „Auf jeden Fall.“
„Und ich komme übrigens auch mit“, erklärt Kian.
Lea hebt stumm die Hand.
„Dann komme ich auf jeden Fall auch mit!“, teilt Kelly mit.
„Und was ist mit Johnny?“, erkundige ich mich.
„Ich kann bei ihm bleiben“, erwidert Ona. „Versteht mich nicht falsch, ich habe keine Angst vor dem Kämpfen, aber ich bin auch nicht wild darauf. Zusammen mit Sarah und Loiker schaffen wir das schon.“
„Und mit Sam“, ergänzt Kian.
„Nichts da, Großer. Ich bin auf jeden Fall dabei. Auf jeden Fall.“
Helena zeigt ihr den Mittelfinger.
Johnny betrachtet uns nachdenklich, dann Ona. „In Ordnung, ich bin einverstanden.“
„Da sind wir ja echt froh“, bemerkt Kelly. „Ona, du kannst zaubern.“
„Ganz bestimmt“, sagt diese und rückt ihre Bluse zurecht. „Das können wir auf jeden Fall. Oh Mann.“
„Kian war noch viel jünger, als er dich unbedingt heiraten wollte“, grinst Sam.
„Hör bloß auf!“ Ich hoffe, Sam erwähnt jetzt nicht auch noch, dass die beiden sogar kurz etwas miteinander hatten. Ist noch gar nicht so lange her. Allerdings glaube ich, dass Kian inzwischen nicht mehr in Ona verliebt ist, und nach der kurzen Beziehung schon gar nicht. Ona ist sehr lieb, loyal, hilfsbereit, aber als Partnerin ziemlich sicher ziemlich anstrengend. Lea ist da wesentlich unkomplizierter.