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Leseprobe: Geschichten aus dem Duden

Geschichten aus dem Duden

Der Regionalexpress 4612 von Wuppertal-Oberbarmen nach Koblenz kroch über die Hohenzollernbrücke und schickte sich an, im Kölner Hauptbahnhof kurz Stand zu nehmen. Ich streifte den sich träge dahinwälzenden grauen Strom unter mir mit halbem Auge; Regen verwischte die Aussicht auf die große Stadt. Die am Fenster herabrinnenden Tropfen zersplitterten das Bild des gewaltigen Domes, er sah beinah aus wie von Feininger gemalt.
Ich fürchtete ernsthaft, der Herbst habe den Sommer bereits zur Seite geschoben und verteidige vehement mit spitzen Ellbogen seine einmal eingenommene Position; mich fröstelte.
Auch der Lokomotivführer schien vor Kälte zu zittern: Seine grüne Lok mit den fünf doppelstöckigen Waggons hielt mit einem solchen Ruck an, dass ich mich nur schwerlich auf den Beinen halten konnte.
Kaum hatte ich den Bahnsteig betreten, knisterte es aus einem Lautsprecher; eine gelangweilte Männerstimme versprach, dass wir auf Gleis 9 stehen würden und kündigte schier endlos Reisemöglichkeiten an, die mir fernlagen. Eine Dame mit Dackel an einer rosafarbenen Leine hastete an mir vorbei und stieß zwischen zwei eiligen Schritten ein hastiges „Wacker, Waldi“ aus.

Ich verließ das ungastliche Gebäude durch den Haupteingang. Der immer noch andauernde Regen verhinderte die Aufhellung meiner Laune, ich fühlte mich griesgrämig.
Von den zahlreichen Vor- und Überbauten der Häuser vor dem Regen geschützt, schlug ich den kürzesten Weg zu ‚Music Planet‘ ein.
Drei- oder viermal in jedem Jahr kam ich nach Köln, um im besagten Geschäft meine CD-Sammlung auf den neuesten Stand zu bringen. So leergefegt hatte ich die Straßen in Köln allerdings noch nie erlebt; kaum behinderte ein Auto mein Vorankommen, Lastwagen schienen ausgestorben. Ich wich Pfützen aus, übersprang kleine Regenbäche und verfluchte einen Fahrradfahrer, der mich mit wehendem Regencape über den Bürgersteig rasend fast erledigt hätte.
Zu etwa fünfundsiebzig Prozent durchnässt betrat ich das riesige Musikgeschäft, zückte meine Liste und begab mich in die gut sortierte Jazz-Abteilung.
Abercrombie, Beirach und Delano wurden sofort gefunden und im mitgeführten Leinenbeutel zwischengelagert, LaVerne und Saluzzi suchte ich etwas länger, eine von mir sehnlichst begehrte Scheibe James Carters gar ohne Erfolg.
Die Klassik-Abteilung zu durchstöbern bereitet mit bei jedem Music-Planet-Besuch ein großes Vergnügen. Manches Mal finde ich dort Kostbarkeiten, die ich gar nicht gesucht habe. Auf meiner Einkaufsliste standen zwar Grieg, Sibelius und Vaughan Williams, aber unverhofft entdeckte ich beim Durchwühlen der Regale eine sehr gute Aufnahme von Mahlers Siebter Symphonie.
Da stand ich, blickte kurz auf Georg Solti in der Hand, überlegte, ob ein Kauf der einzigen mir fehlenden Mahler-Symphonie wohl lohnen würde …

Das war der Moment, in dem ein Blitz in meine Welt einschlug; er änderte schlicht alles, wenig Bekanntes sollte mir bleiben.
Von der anderen Seite des CD-Regals sah mich eine Frau an. Der Blick war so intensiv, dass ich dachte, wir würden uns berühren. Ich starrte einige Sekunden zurück, dann musste ich meine Augen mit Macht wieder auf Herrn Solti in meiner Hand lenken– ansonsten hätte ich wohl zu schreien begonnen. Sofort sah ich wieder auf, eine CD anzubrüllen erschien mir ebenso unvorstellbar.
Ihre Augen blickten direkt in meine. Nasses, rötlichblondes Haar fiel nachlässig in ihre Stirn, die Zunge leckte kurz die Oberlippe, alles an ihr machte mich schwindeln. Diese Frau wirkte ausgesprochen stolz auf ihre Erscheinung, sie wusste um ihr Aussehen. Sie war nicht unbedingt hübsch zu nennen, auch das Wort ‚Schönheit‘ wäre fehl am Platze gewesen. Manche versuchen dieses Phänomen mit der Vokabel ‚Ausstrahlung‘ zu erklären, bei dieser Frau war es eindeutig mehr, eine Art Aura, vielleicht etwas anderes, unerklärbar, unbeschreiblich.
Ich fühlte lange Vergessenes, Vergrabenes, Verstecktes. Das Atmen fiel mir schwer, die Finger beider Hände verkrampften, einer meiner Fingernägel erzeugte ein kleines eisbergiges Geräusch auf der Folie jener CD. Wir standen und starrten.

Beide wollten wir etwas sagen, trauten uns aber nicht. Die Angst, die Magie der Situation durch unüberlegte Worte lächerlich zu färben war in diesem Augenblick größer als das Bedürfnis zu sprechen. Wir standen und starrten uns an, keiner traute sich, einen Anfang zu machen. Mit Händen hätte man die aufgeladene Luft greifen können; meine Unterarmhärchen richteten sich auf.
In zehn oder weniger Sekunden wetterleuchteten ganze Lebensläufe durch mein halb ohnmächtiges Gehirn: Erotische Fantasien geisterten an meinem inneren Auge vorbei, natürlich würden wir heiraten und sie würde mir Kinder schenken. Urlaubsbilder tauchten auf, burgenbauende Söhne am Strand, meine Hand in ihrer, ein Hut mit schwarzem Band bedeckte ihre Haarfülle, hob die Farbe derselben auf das Trefflichste hervor. Ich sah sie an etwas lehnen und auf mich warten, stieg aus einem Wagen und eilte auf sie zu, wir umarmten uns, liebten uns, die Kinder würden groß, heirateten Frauen, die ihrer Mutter ähnlich sahen und sterben würden wir zur gleichen Zeit.

Wir standen und starrten.
Ich weiß nicht mehr zu sagen, wie lange wir uns wort- und tatenlos ansahen, jede Zeitspanne zwischen einer Minute und zweitausend Jahren schien möglich.
Kleinigkeiten im Gesicht des Gegenübers wurden entdeckt: ein aberwitziger, kleiner Bogen in den Augenbrauen, Farbnuancen im Haar, eine kuriose Falte auf der Stirn. Ihr Gesichtsausdruck war erotisch, fordernd, ein klein wenig gelangweilt. Stolz mit einem winzigen Hauch von weiblicher Arroganz.
Noch bevor die Situation in alle Ewigkeiten gefror, brach mit lauter Vehemenz das Eis: Die Frau nieste.
Es war kein verstohlenes ‚Pschsch‘, sie hielt sich nicht die Nase zu, auch deckten ihre Hände das Gesicht nicht ab. Es war eine Explosion von einer Lautstärke, die die Kunden im Musikgeschäft zusammenzucken ließ; wer schon einmal Gelegenheit hatte, bei Music Planet einen Einkauf zu tätigen, der weiß was das heißt.
Nach dieser gewaltigen Eruption mussten wir beide lachen.
„Entschuldigung“, sagte sie dann, ihre Stimme getragen von der gleichen Aura wie ihre Erscheinung, „es kam so über mich.“
„Du wirst dich erkälten“, sagte ich. „Du bist ziemlich nass geworden.“
„Ach“, machte sie, „ist doch nur Wasser.“
„Ja“, sagte ich hochintelligent, „das stimmt.“
Sie ging um das trennende Hindernis herum und gesellte sich zu mir, der ich immer noch die CD mit der Mahler-Symphonie in der Hand hielt. „Gut“, sagte sie. „Sehr gut.“
„Du magst Mahler?“
„Ich liebe Mahler. Er hat ungeheuerliche Bilder komponiert.“
Wieder sahen wir uns an.
„Wie heißt du?“ Und wir nannten unsere Namen.
Ich packte Solti in den Leinenbeutel, nahm die neue Liebe an einer Hand und zog sie mit zur Kasse, die soeben gesammelten Werke zu bezahlen. Wie versengt, wie fehlende Elektrizität, wie Gegenwind im Vakuum brannte meine Haut, als ich ihre Hand losließ.

Kaum hatten wir das Gebäude verlassen, brachen Dämme ein, fegte ein Wirbelsturm über brachliegendes Land; wir klammerten uns aneinander, dass es beinah weh tat. Wir küssten uns und hielten uns fest. Passanten mussten um uns herumgehen, manche lachten, andere machten blöde Bemerkungen. Schwer atmend ließen wir dann voneinander.
„Wo wohnst du?“ fragte sie, und ich gab die betrübliche Auskunft, nicht in dieser Stadt zu Hause zu sein. „Und du?“
„Auch nicht hier“, sagte sie. „Nicht hier, schade.“
„Ja. Und was machen wir jetzt?“
Sie sah mich wieder so intensiv an, dass ich eine Gänsehaut bekam, dann ging ein Ruck durch ihre schlanke Gestalt. Sie nahm mich an einer Hand: „Komm. Ich zeige dir das Liebste, was ich auf der Welt habe.“

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Leseprobe: Für Elise – 15 Briefe

Für Elise

Es war vollkommen still geworden; die Wärme der Sonne hatte auch meinen Atem beruhigt. Ich stieg zwei Stufen empor und stand nun neben dem gigantischen Messingständer. Mein Blick schweifte durch den Kirchenraum. Nein, da war kein Mensch, ich war mit meiner Aufgabe allein. Langsam hob ich die Arme.
Und dann offenbarte sich mir die neue Welt. Genau in dem Augenblick, als meine kleinen, zehnjährigen Finger das bleiche Wachs der Kerze berührten, um auszuprobieren, ob sie anzuheben war, donnerte die Orgel los und meine unbedeutende, alte Kinderwelt ging unter.
Der Kirchenraum schrumpfte bei den ersten Tönen des gewaltigen Instruments zusammen; er schien die Kraft der Musik nicht in sich halten zu können und begann zu zittern. Mein Leben, eben noch in den Fingerspitzen konzentriert, war für einen kurzen Moment vollkommen aus mir verschwunden. Ich stand in einer einzigen Verkrampfung neben diesem lächerlich kleinen Kerzenständer und dachte, der Herr sei erschienen, um mich für mein frevelhaftes Vorhaben zu strafen. Aber es waren nur Töne, es war nur Musik, es war nur die Orgel. Und ich dachte, der Himmel sei geöffnet worden und habe eine seltsame und unaussprechliche Macht freigelassen, mich zu verzaubern. Meine Hände gruben sich in das Kerzenwachs, mein Herz schlug mir zu den Ohren heraus, meine Augen tränten. Der winzig gewordene Kirchenraum maßte sich tatsächlich an, gegen die Macht dieser Töne bestehen zu wollen; die Kirche erbebte. Ich stand mit tränenden Augen, die Finger in das Kerzenwachs gebohrt, und konnte mich nicht rühren. Der Staub im schräg einfallenden Sonnenlicht hatte nun die Musik zu seinem Rhythmus gefunden; er tanzte wild und ausgelassen, er sprang hin und her, er machte tollkühne Salti und verwegene Schrauben. Ein Blatt eines aufgeschlagenen Gesangbuchs bewegte sich als habe sich der Wind erhoben.
Und dann steigerte sich diese Welt noch.
Aus den Orgelpfeifen erschien ein ganzer Schwall von Tönen zur gleichen Zeit, eine Orgie am Rande der Disharmonie, ein nie gehörter Sekundenwahnsinn, eine einzige Zertrümmerung meines kleinen Seins. Ich stand entwurzelt und entgeistet, riss Augen und Mund auf, hörte diese Offenbarung, verstand nichts vom Sinn des Geschehens, hörte nur dieses Klingen und Singen und Getön und hatte alles andere vergessen. Und ich fühlte, wie sich etwas Namenloses, etwas unsagbar Fremdes aufmachte, meinen kleinen Geist zu überspülen. Und während die Orgel dröhnte und die ganze Welt erzittern machte, versank ich im Meer dieser unsagbar mächtigen Tonwelt. Ich wusste, dass ich sang, laut und aus voller Kehle sang, aber ich konnte mich nicht hören. Und wäre in dieser unwirklichen Zeit die außerhalb dieser Kirche existierende Welt mit urtümlichem Getöse in sich zusammengefallen, ich hätte nichts von dem vernommen. Ich war ein großes, neugeborenes, singendes Ohr geworden, das die Musik hörte, und nichts als die Musik.
Ich weiß nicht mehr zu sagen, wie lange dieser Garten Eden, dieses Schlaraffenland, dieses neugefundene Eldorado andauerte; lang genug, um mein Leben für die folgenden Jahrzehnte zu prägen.
Und dann – als hätte eine riesige Axt in dieses Leben aus Tönen hineingehackt, als hätte eine himmlische oder sonst eine Zensur beschlossen: „Genug! Er hat genug!“ – schwieg das riesige Instrument mitten in einem herrlichen Melodienfluss.
Einen Augenblick noch gespensterte mein schriller zehnjähriger Jungensopran durch die entseelte Luft, dann war Ruhe. Nach dieser eben erlebten Welt, nach diesem Rausch, nach diesem Fieber war die annähernd vollkommene Stille danach wie das Erleben der ersten zehn Höllenkreise. Der Staub im Sonnenlicht war zur Ruhe gekommen, das Gesangbuch gestorben, Blut rann über meine Finger.
Ich empfand mit meinen dünnen, scheuen, gerade erst geborenen Lebensgeistern eine Leere, die von dieser Welt nicht war. Schlagartig begann ich zu weinen, weniger über das plötzliche Fehlen der Musik; ich weinte, weil ich in einem noch unerforschten Winkel meiner Seele verstanden hatte, dass mir diese Welt gerade erst erschienen war und dass ich wahrscheinlich niemals, und sei ich auch ein Greis, das ganze, wunderbare Areal der Musik würde überschauen können. Im Grunde entdeckte ich in diesen Momenten meine Sterblichkeit, die Bedeutung der Zeit und des Todes.
Mit einem Ruck löste ich meine Finger aus dem bleichen Kerzenwachs; der Schmerz machte mich endgültig erwachsen. Und jetzt – eigentlich unerklärlich – überfiel mich die Angst und so schnell ich konnte, lief ich den Mittelgang herab, bemerkte gar nicht die Wärme der Sonnenstrahlen, hastete vorbei an Gesangbuch und Staub, öffnete schluchzend die Kirchentür, stürzte hinaus und stand weinend und mit schmerzenden und blutenden Fingern in der sanften Frühlingsluft. Die Sirene des Feuerwehr- oder Polizeiwagens war immer noch in der Ferne zu hören.

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Leseprobe: Venus

Venus – Bericht über eine Wandlung

Ach, wissen Sie: Eigentlich ist das Wort Flitterwochen albern. Mich überläuft es kalt, wenn ich es höre. Außerdem traf es auf uns auch nicht zu, denn unsere Hochzeitsreise dauerte exakt zehn Tage, von Wochen also keine Rede.
Hatten Sie schon einmal die Gelegenheit, diese Gegend zu besuchen, das sogenannte Rheingau? Nun, der Wein dort ist – wie soll ich es anders nennen? – sehr süffig. Ich vertiefte mich deshalb in die eine oder andere Flasche. Auch ist die am Rhein entlangführende Eisenbahnstrecke eine häufig befahrene, wenn ich es recht bedenke, die meistbefahrene in Europa. So blühte meine alte Liebe für diese bequeme Art der Fortbewegung leicht wieder auf. Ich stand – sooft ich auch nur eine halbe Stunde die Gelegenheit hatte – an eben jener Bahnstrecke und schaute den vorbeieilenden Zügen nach.
Manches Mal verband ich beide Freuden miteinander, trank hurtig eine Flasche Riesling, um dann trunkselig den Intercitys hinterher zu winken. Cornelia saß derweil im Garten unserer Unterkunft und las über das grausame und harte Schicksal der Gräfin X oder der Arztgattin Y aus zu Recht so genannten Groschenromanen.
Doch auch gemeinsam unternahmen wir nicht wenig. Der Frankfurter Zoo bedankte sich für unseren Besuch, die Großstädte der direkten Umgebung – Koblenz, Mainz und Wiesbaden – wurden aufgesucht, die Schönheiten und herben Lieblichkeiten des Taunus wandernderweise verinnerlicht, eine Fahrt nach Luxemburg durchgeführt (allein um dort preisgünstigen Tabak zu erstehen), eine weinbrandherstellende Fabrikation besichtigt. Nicht nur an diesem Tage war ich einigermaßen vom Alkohol angeschlagen; langsam begann mir dieser leichte Rauschzustand zu gefallen und Spaß zu machen. Das Leben, das an mir vorbeirauschte, war so ein gänzlich anderes, ein leichter zu ertragendes, ein angenehmeres. Allerdings achtete ich damals noch darauf, den Konsum des Hochprozentigen nicht zu übertreiben. Aggression, möglicherweise körperliche Gewalt, wäre die Folge gewesen, ich bin recht sicher, was dies betrifft.
Aber so – in diesem angesäuselten Zustand – war meine Stimmung oft gut, ich scherzte gar in Maßen, ich ertappte mich dreimal beim Lachen. Manchmal schien es mir, als würde meine innerliche Decke langsam abgenutzt, als bildeten sich dünne Stellen, durch die man möglicherweise bald würde hindurchsehen können.
Natürlich gab ich auf dieser Hochzeitsreise nicht zu, dass ich Cornelia gar nicht liebte, sparte mir auch den Hinweis auf, dass es ihr mit mir womöglich genauso erging. Cornelia wollte nur das ihr selbst gegebene Versprechen (den heirate ich und sonst keinen) einhalten, obwohl es ja streng besehen schon eingetreten war. Aber mehr noch, wie sie einmal ohne Scham (und voller Stolz) zugab, als verkünde sie eine hingebungsvolle Aufgabe, nämlich aus mir einen ordentlichen Menschen machen zu wollen. Ich hoffe ernsthaft, dass ihr dies nicht gelungen ist.
Im Vorfeld unserer Hochzeit hatten wir zahlreiche Wohnungen und auch ein oder zwei Häuser, die zum Einzug bereitstanden, angesehen. Cornelia entschied uns für eine Wohnung am Rande des Ruhrgebietes, in einem Stadtteil von Essen, nahe am Rand von Niederberg, nicht weit entfernt vom Bergischen Land, und zwar wollte sie dort wohnen, weil die Miete fast lächerlich gering war. Natürlich auch, weil man mit der Wohnung herrlich angeben konnte. Wenn Bekannte fragten: „Und wie viele Zimmer habt ihr?“, konnte man ganz cool und auf eine Art, als sei die genannte Zahl das zum Leben absolut notwenige Minimum, „Sechs“ antworten, und allein dies verschaffte ihr wahrscheinlich mehr Befriedigung als meine gesammelten Anstrengungen innerhalb dieser … hm … Ehe. Über diese Tatsache vergaß sie auch gern, dass die Wohnung trotz der Anzahl der Räume nicht mehr als fünfundachtzig Quadratmeter maß. Erschwerend kam des Weiteren hinzu, dass die Höhe der Räume infolge der steinalten Eichenbalken unter der Decke für einen etwas überdurchschnittlich großen Mann wie mich sehr hinderlich war, ein Recken und Strecken verbot sich allein wegen der sofort einsetzenden Schmerzen: Immerhin ist uralte Eiche härter als ein Menschenkopf. Auch der Umstand, dass von den sieben vorhandenen Fenstern keines nach Süden wies, trug für mich nicht zum Beliebtheitsgrad dieser Wohnung bei. Aber einen Vorteil gab es dann doch: Ich hatte ein eigenes Zimmer!

 

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