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Leseprobe: Für Elise – 15 Briefe

Für Elise

Vor annähernd fünf Jahren fühlte ich mich zum letzten Mal verliebt. Es war eine Entwicklung, die ich nicht unter Kontrolle hatte und sie nahm ein kurioses und unerwartetes Ende. Aber schon der Beginn hätte mich stutzen lassen sollen: Es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass man sich nach Jahren, in denen man eine Frau kannte und sie immerzu als unscheinbar verurteilt hat, plötzlich andere Gedanken über diese Frau macht. Aber so war es, ich will und kann es nicht leugnen. Dabei war die diesbezügliche Begegnung reiner Zufall, aber was ist das nicht?
Es war Frühling, ein rauschender, gnadenloser Frühling; es war warm wie sonst nur im August oder Juli, empfindliche Menschen klagten bereits über einen respektablen Sonnenbrand, die Biergärten waren geöffnet, die Baggerseen überfüllt, die Talsperren von Erfrischungssüchtigen heimgesucht, die Natur war in voller Blüte. So einen Frühling hatte man selten erlebt, selbst alte Menschen erinnerten sich nur mühsam an dergleichen.
Nur meine Mutter behauptete unverrückbar, dass im Frühling 1949 die Natur genauso, nein, wenn sie es genau bedenke sogar zwei Wochen früher soweit gewesen sei, und sie müsse es wissen, schließlich sei sie hochschwanger gewesen, und zwar mit mir.
Um das Paradies auf Erden vollständig zu machen, war es ein Wochenende, ein Samstag mit unglaublicher Atmosphäre. Es war, als sei die Welt ein Luftholen. Und man spürte tatsächlich etwas von dem Gefühl, das unkompliziertere Charaktere als der meinige mit der Vokabel »Glück« zu treffen versuchen.
Ich war am frühen Samstagmorgen in den Eilzug nach Köln gestiegen, um dort meine Plattensammlung zu ergänzen. Der Rhein glitzerte als sei er ganz gesund, ein weicher Wind durchzog die Stadt und ich entstieg dem Zug in bester Stimmung.
Mein Weg zu Music Planet war etwas umständlich, da ich das Bürogebäude, in dem die Redaktion ihren Sitz hatte, nicht unbedingt sehen wollte. So benötigte ich vom Hauptbahnhof zum großen Plattengeschäft fast dreißig Minuten.
Ich wühlte unorganisiert in der Klassikabteilung herum, nahm neun CDs mit und wanderte zum Jazz. Und ich kramte im überdimensionalen Fach mit Musik von Pat Metheny, als mir jemand auf die Schulter tippte und ich, der ich in Gedanken gewesen war, zusammenzuckte und mich umwandte.
»Hallo«, sagte Frau Wieck, »wieder auf der Suche nach neuen Tönen?«
Sie sah irgendwie anders aus als in den Redaktionsräumen. Es dauerte eine Weile, bis ich begriff, dass sie eine andere Frisur besaß. Auch ihre Kleidung war nicht mehr so unscheinbar. Sie war eindeutig eine gutaussehende Frau; ich musste mich wundern, was ein guter Friseur aus einem Menschen machen konnte.
»Sind Sie es, Karla?«, fragte ich. »Oder Ihre jüngere Schwester?«
Sie lachte leise und sagte nichts.
»Kommen Sie«, sagte ich spontan, »ich lade Sie zu einer Tasse Kaffee ein.«
Sie errötete leicht. »Schön«, sagte sie, »ich freue mich.«
Und kaum hatten wir das riesige Musikgeschäft verlassen, war diese himmlische Luft wieder da, und die Welt war schöner als sie eigentlich ist. Wir setzten uns an einen der Tische, die der Inhaber eines Cafés im Freien hatte aufstellen lassen. Der Lärm der Straße war hier nur halblaut, der Halbschatten war angenehm.
Wer weiß, dachte ich, als ich zwei Tassen Kaffee bestellt hatte und Karla Wieck mit wachen Augen ansah, was inzwischen geschehen wäre, hätte ich ihre Ausstrahlung schon früher bemerkt. Und tatsächlich: Ich ertappte mich bei dem Gedanken, ob ich sie je über einen Ehemann hatte sprechen hören.
»Was treiben Sie in Köln?«, fragte ich berechtigterweise, denn ich wusste, dass sie im Bergischen Land lebte, in der Nähe von Gummersbach in einem kleinen Dorf, dessen Name mir immerzu entfiel.
»Einkaufsbummel«, sagte sie, »richtig einkaufen kann man nur in der Großstadt.«
»Sie haben etwas mit Ihren Haaren gemacht.«
»Ist das der Grund, warum Sie mich so merkwürdig ansehen?«
»Ich sehe Sie merkwürdig an?«
»Die ganze Zeit.«
»Verzeihung.« Mag sein, dass nunmehr ich errötete.
»Aber bitte.« Sie versuchte in Lächeln zu unterlassen, ein Unterfangen, das nur halbwegs gelang.
Wir benehmen uns wie Teenager während des ersten Treffens, erkannte ich, eigentlich ist das albern wie sonst wenig. Aber gleichzeitig ist es auf seltsame Weise reizvoll und es tut wohl, dergestalt vom Becher der Jugend zu kosten.
Wir tranken artig unseren Kaffee und sprachen wenig. Was ist das für eine Befangenheit? fragte ich mich, was ist das für eine Irritation? Ist das der Trommelwirbel vor der Sensation?
Die Sonne schien, es war ein Jahrhundertfrühling, der Himmel besaß eine unechte Blaufärbung, der Wind machte alles vollkommen: Eine seichte, zärtliche Bewegung der Luft, die die Haut streichelte, und man bemerkte es erst Sekunden später.
Ich bestellte zwei Gläser Wodka, so wohl war mir. Karla protestierte nicht, setzte sich ihre Sonnenbrille auf und konnte mich nunmehr hinter den Gläsern mustern, ohne eine Entdeckung fürchten zu müssen.
Wir prosteten uns zu und der Wodka lief, eine warme Spur zurücklassend, in den Magen. Ich spürte den Alkohol auf der Stelle; mir war, als hätte ich eine sensationelle Achterbahnfahrt hinter mir. Ihre Blicke wanderten über mein Gesicht; ich spürte es.
Und dann hatte ich genug der Spielerei und schickte meine Blicke zurück, direkt in ihre Brillengläser hinein. Der Wind bewegte eine Strähne ihres braunen Haares, sie wippte beinahe lustig.
»Zehn Pfennig für Ihre Gedanken«, sagte sie.
In solchen Augenblicken hindert das Überlegen ungemein. Man sollte nicht zögern, dem Gegenüber ein dreistes »Das kommt ja gar nicht in Frage« entgegenzuschleudern, allerdings müsste man bedenken, dass dies so gut wie eine Antwort ist. Oder man sollte, ohne im geringsten zu zögern, seine Gedanken offenbaren, zumal im Frühling und schon überhaupt, wenn das Gegenüber eine gutaussehende Frau ist.
Ich zögerte nicht eine halbe Sekunde.
»Ich habe gedacht«, sagte ich, und meine Stimme war ein wenig heiser geworden, was weniger am Wodka lag, »wie es wäre, mit Ihnen zu schlafen.«
Aufmerksam beobachtete ich ihre Reaktion. Der Ober störte mich dabei; er fragte, ob wir noch etwas trinken wollten. Eine Sekunde war peinliches Schweigen, dann sagte Karla: »Ja, bitte noch zwei Wodka.«
Und ich rief ihm hinterher: »Doppelte!«
Sie lehnte sich zurück, scheinbar vollkommen entspannt, und nahm die Sonnenbrille ab. Unsere ungeschützten Blicke trafen sich. Auf der Straße quietschte es, dann das Geräusch eines Verkehrsunfalls, Blech stieß auf Blech, Glas zerbarst. Zwei Gäste des Cafés sprangen auf und rannten sensationsgeil auf die Straße, um nichts zu verpassen. Der Ober stellte die beiden Gläser vor uns hin und verschwand wieder. Eine Kirchturmuhr in der Nähe schlug mehr als ein dutzend Mal.
»Und?«, fragte Karla, »Möchten Sie’s ausprobieren?«
Nun zögerte ich doch. Mir fiel – zum ersten Mal seit einem Stapel von Jahren – die Briefträgerin ein. Artur hätte bestimmt gewusst, was nun zu tun war. Ach, scheiße, dachte ich so heftig, dass ich es beinahe ausgesprochen hätte, es ist Frühling, und du heißt Felix! Dem Mutigen gehört das Glück.
»Ja«, sagte ich, »das möchte ich.«
Sie trank ihren Wodka in einem Zug und ich tat es ihr nach. Ich achtete auf ihre Finger – nein, kein Ring. Ihr Blick war nach wie vor fest auf meine Augen gerichtet. Die Schaulustigen kamen zurück, angeregt schwatzend.
»Du musst es wollen«, sagte Karla, »mit jeder Faser deines Herzens und deines Körpers wollen. Du musst wollen, dass die Erde bebt, im besten Hemingway’schen Sinne. Die Sterne müssen sich verrücken, die Gesetze müssen aufgehoben sein.«
Ich verstand sie nicht. »Was hat Hemingway damit zu tun?«
»Ernest Hemingway hat in seinem Roman ›Wem die Stunde schlägt‹ dieses Phänomen eindeutig beschrieben. Die Erde bebt während der Liebe und jeder Mensch erfährt dieses Wunder dreimal in seinem Leben. Metaphysik im allerbesten Sinne.«
»Ich kenne so etwas aus der Musik«, sagte ich ernst. »Piazzolla kann solche Tangos schreiben. Es gibt Stellen in Mahler-Symphonien, die dem sehr nahekommen. John Coltrane hat so Saxophon gespielt, manchmal spielt Keith Jarrett so Klavier.«
Wir schwiegen wieder. Ich kannte Hemingways Roman nicht, Karla war Coltrane vollkommen unbekannt. Und einander kannten wir auch nur flüchtig. Es war eine seltsame und unbekannte Situation.
Mit einem kleinen Geräusch landete etwas Vogelscheiße neben meinem Wodkaglas. Karla musste darüber lächeln. Mir war nicht nach einem Lächeln; ich versuchte zu ergründen, was sie begehrte. Aber die einzige Möglichkeit, dieses zu erkennen, war das Eingehen auf ihre Sätze.
»Ich will!«, sagte ich, als wolle ich sie heiraten, »Lass uns die Erde beben machen.«
Sie lächelte immer noch, breiter jetzt. »Das wird sich zeigen«, sagte sie und stand auf. Und als ich eine Sekunde sitzen blieb, fügte sie hinzu: »Auf was wartest du?«
Und wir gingen durch die Straßen von Köln und ich fragte nicht, wohin sie mich dirigierte. Wir kamen an einer Kirche vorbei; das soeben mit dem kirchlichen Segen bedachte Brautpaar stand vor der Eingangstür und verzog das Gesicht für einen Fotografen. Ein Autoalarm gellte in einiger Entfernung. Ein Dreißigtonner aus Rumänien schob sich durch den Verkehr, ein Obdachloser trank aus einer Flasche Lambrusco, ein Blindenhund ließ sich nicht ablenken, ein Brunnen versprach Erfrischung, der Wodka hatte mich ein wenig duselig gemacht. An einer Ecke stand ein verwaister Rollstuhl, ein alter graubärtiger Türke wartete in einem Hauseingang auf irgendetwas und spielte mit seinen Gebetskugeln, aus einem kleinen Schallplattengeschäft drang schwarze Musik an die Ohren der Passanten, laut und schnell, eine Dogge war vor einem Pornokino angebunden, die Fassade eines Hotels glänzte frisch gestrichen.
In dieses Hotel zog sie mich; erst jetzt bemerkte ich, dass wir die Hand des anderen genommen hatten, ohne ein Wort.
Karla schien mit dem Mann am Empfang gut bekannt zu sein, sie duzten sich, ein Geldschein wurde hingeschoben, ein Schlüssel kam zurück. Wir gingen eine Treppe hinauf, Karla öffnete eine Tür, auf der die Zahl 6 in glänzendem Messing prangte, und dann standen wir in einem mittelgroßen Hotelzimmer, so banal und alltäglich, dass es wie ein Scherz wirkte. Ich überlegte kurz, an welchem Ort ich wohl in der sogenannten Wirklichkeit war, in diesem Hotel in der Kölner Innenstadt war ich sicher nicht.
Das Zimmer befand sich auf der Schattenseite des Hauses, es war kühl, aber hell und klar. Karla und ich standen immer noch.
Und da ich mit einem Mal von Unsicherheit angefüllt war und außerdem eine nicht näher zu beschreibende Angst verspürte, sodass ich nicht wusste, was sie denn jetzt von mir verlangen könnte, nahm ich sie in den Arm (die unschuldigste Annäherung, die mir einfiel) und vergrub meine Nase in ihrem Haar. Ich spürte ihre Hände auf meinem Rücken. Ihr Haar roch nach Fichtennadel-Shampoo.
»Bist du öfter hier?«, fragte ich.
Sie löste sich von mir und sah mich an. »Denkst du das von mir?«
»Ich denke gar nichts. Ich wunderte mich nur, dass du den Mann am Empfang kanntest.«
Sie lachte leise. »Natürlich kenne ich ihn, er ist mein Bruder.«
Irgendeine Kirchturmuhr schlug die Zeit, als wir uns nebeneinander auf das Bett legten und die Erkundungsreise begann.

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News: Peter Klohs liest auf der Lit. Ronsdorf

Peter Klohs

Die Literaturtage Ronsdorf haben inzwischen Tradition. Dieses Jahr finden sie vom 13. Oktober bis 03. November statt.

In diesem Rahmen hatten Miriam Schäfer und Peter Klohs unter dem Motto „Dunkel war´s“ eine gemeinsame Lesung. Kurz vor Halloween wurde es dabei in der Galerie im Ronsdorfer Carrée unheimlich. Beide Autoren haben es drauf, durch ihre Stimmen die Zuhörer in den Bann zu ziehen. Wer Peter Klohs schon mal erleben durfte, zum Beispiel in der Ronsdorfer Bücherstube, der weiß das.

Peter Klohs las eine Geschichte aus seinem persönlichen Duden.

Weitere Informationen, auch einen Bericht über die Lesung, gibt es hier.

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Leseprobe: Venus – Bericht über eine Wandlung

Venus – Bericht über eine Wandlung

Ach, wissen Sie, bei dieser Verlobungsfeier war ich knallvoll. Sie fand in einem dieser mittelprächtigen Räume in einer angesehenen, aber oberspießigen Restauration in meiner Heimatstadt statt. Alle erreichbaren Verwandten sowie die besten Freunde und Bekannten – diejenigen der Eltern und natürlich auch selbige des Verlobungspaares – waren eingeladen worden und anwesend.
Nach der zugegebenerweise delikaten Steinpilzcremesuppe hatte ich bereits vier große Gläser Pilsener Bier geleert, drei doppelte Korn heimlich an der Bar geordert (an der kam man auf dem Weg zur Toilette vorbei) und genauso heimlich mit deftigen Schlucken getrunken, sowie einen erfolgreichen Versuch gestartet, einem achtzehn Jahre alten Single Malt Scotch Whisky Geschmack abzuringen. Einigermaßen angeschlagen ließ ich mich draufgängerisch auf die Gäste los.
Während des zerkochten Wildschweinbratens wuchs meine Laune in ungeahnte Höhen. Drei weitere geleerte Biergläser sowie ein hochprozentiger schwedischer Vodka griffen mir unterstützend unter die kaum noch zu beherrschenden Arme. Ich rülpste laut und sehr unanständig. Das Volk schwieg pikiert, versuchte weiterhin diesen zähen Braten weichzukauen und nahm hin und wieder einen winzigen Schluck aus den bereitstehenden Sektgläsern. Meine Gabel fiel auf die Auslegeware. Gabriel grinste.
„Das Wildschwein“, dozierte ich, „auch porcus wandalii, ist gemeinhin – von sogenannten Köchen zubereitet – als äußerst schmackhaft bekannt. Ergo behaupte ich, dass dieser Mampf hier …“, dabei gab ich meinem Teller einen heftigen Schupps, so dass er über die gesamte Länge des Tisches trudelte und dabei hin und wieder Kleinigkeiten seines Inhaltes an die Umgebung abgab, „unter keinen Umständen ein Wildschwein genannt zu werden verdient. Das schmeckt wie ein ausgelutschter Pariser, und jener eignet sich bekanntlich nur unzureichend als wohlschmeckende Speise. Ober! Was haben Sie denn noch so auf Lager? Dies hier“, und ich fuchtelte über alle erreichbaren Teller, „ist ungenießbar.“
„Aber mein Herr!“, plusterte sich ein befrackter Bediensteter der Restauration indigniert auf, „das ist ein Wildschweinbraten à la maison.“
„Wer auch immer dieser Herr Maison gewesen sein mag“, fuhr ich wenig beeindruckt fort, „von Wildbret hat er keine Ahnung gehabt. Überprüfen Sie flugs Ihre Quellen, Mann. Vielleicht war dieser Herr Maison bei der Erfindung dieses geschmacklosen Breis besoffen. Versuchen Sie es in Zukunft doch mit à la casa.“ Und ich setzte mich beifallssicher.
Gabriel kicherte und auch Tante Hedwig gluckste verräterisch hinter vorgehaltener Hand. Na, immerhin. Nur meine Braut stocherte immer noch in diesem Fraß herum und nuschelte: „P., du bist betrunken.“
„Irgendetwas ist mit meiner Brille nicht in Ordnung“, sagte ich und nahm umständlich die Sehhilfe von der Nase, „ich sehe dich zweimal.“
Cornelia stand auf und verabschiedete sich für ein Viertelstündchen Richtung Toilette. Derweil wurde das Dessert gebracht. „Ah“, äußerte ich Begeisterung, „gefüllte Aprikosenhälften in Weincreme, lecker sieht’s aus.“
Daraufhin empfahl ich dem anwesenden Teil der Menschheit den Verzehr der Aprikosenhälften, die Weincreme jedoch verdunsten zu lassen. An der Bar genehmigte ich mir noch einen doppelten Vodka – und das war genau das eine Glas zu viel. Aus meiner haushohen guten Laune wurde sehr schnell eine Bruchlandung.
Cornelia war wieder aufgetaucht und genau in dem Moment, da Tante Hedwig sagte: „Was für ein schönes Paar“, rülpste ich sehr unanständig, lächelte nach Kräften und fiel um.
Etwas mehr als zwei Stunden später erwachte ich mit einem Brummschädel groß wie ein Rathaus. Freundliche Hände mussten mich in einen Nebenraum des Feinschmeckerlokals getragen und fachmännisch dortselbst gebettet haben. Selbst eine Wolldecke wärmte mich. Die Feier war auf jeden Fall noch nicht beendet, wie ich hörte; es wurde erzählt und kreischend gelacht. Langsam und unbeholfen strampelte ich die schützende Decke weg und schlich mich zur Verbindungstür, die mich von den Feiernden trennte.
Mein Vater erzählte gerade die Geschichte seines Großvaters, der in Spanien als Torero Karriere machen wollte, jedoch an seiner Trunksucht scheiterte. Er konnte eines Tages nach Genuss von zweieinhalb Flaschen Hierbas nicht mehr unterscheiden, wer von den beiden Stieren, die er sah, nun echt und welcher nur eine Trunkenheitsspiegelung war. Er irrte sich und ging ein, auch in die Familienchronik. Großes Gewieher der Zuhörenden.
Danach brachte meine Mutter die inzwischen berühmte Geschichte an, in der ihre Mutter, zum ersten Mal in einem Flugzeug reisend, der freundlichen Stewardess ihren Mantel mit den Worten überreicht habe: „Hängen Sie ihn mal raus, zum Lüften.“
Ja, selbst Cornelia hielt sich nicht zurück und erzählte, wie ihre eigene Mutter, nachdem Tante Klara berichtet hatte, ihr Mann, also Onkel Harald, sei im Hotel gestolpert und auf sein empfindlichstes Teil gefallen, gefragt habe, ob denn die Nase gebrochen gewesen wäre.
Es war ein Kichern und ein Lachen und ein Gibbeln und ein Prusten. Ich stand unerkannt keinen Dutzend Meter von ihnen entfernt. Die anderen amüsierten sich, und ich, wenigstens fünfzig Prozent Anlass zur Feier, fehlte; schlimmer noch, niemand schien mich zu vermissen. Mir kam es vor, als sei die Freude so groß, eben weil ich nicht dabei war. Sollen sie doch ihren Spaß haben, dachte ich trotzig, sollen sie sich totlachen.
Ich ging zurück zur Liege und ließ mich langsam darauf nieder. Als hätte die waagerechte Haltung mit der inneren Schwerkraft eine wenn auch geheime Übereinkunft geschlossen, liefen mir plötzlich Tränen über das Gesicht. Ich weinte wohl eine halbe Stunde lang, mit unbewegtem Gesicht, ohne Geräusch.
Als irgendjemand mich holen wollte, weil die Restauration schließen musste, weinte ich nicht mehr und war längst eingeschlafen.
Nach diesen Ereignissen (alle Ereignisse sind ja nur Unorte und Unzeiten, wie ich inzwischen gelernt habe) war Cornelia eine ganze Weile nicht besonders gut auf mich zu sprechen. Ich tat nichts, um diesen Zustand zu ändern. Ich fühlte mich bemüßigt, in meinem Beruf Fuß zu fassen, wie man sagt.
Nein, ich wollte nicht in irgendein Büro zurückkehren, Auftragseingänge bearbeiten oder Rechnungen abheften und tagein, tagaus immer denselben Bürofrauentratsch hören; das war nichts für mich.
Ich fuhr gerne Lastwagen, auch wenn es sich nur um einen Siebenein-halbtonner handelte, ein Lastwägelchen, wie ich hin und wieder von richtigen Truckern hörte, den ich jedoch nach kurzer Eingewöhnungszeit genauso sicher manövrierte wie meinen kleinen Escort. Ich hatte mich bei einer Bahnspedititon beworben und war sofort angenommen worden. Die mit der Bahn angekommenen Waren fuhr ich mit diesem LKW zu den Adressaten in der näheren Umgebung. Die zu befördernden Güter reichten von einem Karton mit drei Vogelspinnen über Luxus-Stereo-Anlagen bis hin zu drei Knäueln Stacheldraht oder einem halben Dutzend Liegestühlen. Auch Abgasfilter, Dichtungsrohre, gigantische Schraubenschlüssel, Gitterpaletten voller Stromkabel und alle Arten von Feuerwerkskörpern beförderte ich mit der Zeit; Öfen, Spirituosen, einige Dinge, die verrucht klingende Namen besaßen und deren Sinn mir nicht erkenntlich war, Kreissägen, Unmengen von Schuhen, Textilien in hunderttausend Variationen.
Meistens teilte ich mir die Fahrten so ein, dass ich die Haushalte morgens belieferte, da ich wohl wusste, dass die wild bestellenden Hausfrauen dann allein waren, da ihre Ehemänner arbeiteten. Nachmittags belieferte ich dann die Fabriken.
Auch wenn eindeutige Angebote von Seiten der Weiblichkeit vorerst ausblieben (was mich seltsamerweise nur kurz irritierte), bemerkte ich nicht ohne eine gewisse Genugtuung (und innerer Spannung) einen langsamen Anstieg des mir zugedachten Trinkgeldes, sodass ich mir gelegentlich eine Flasche meines geliebten Single Malt Scotch Whiskys zulegen konnte.
Ich war zweiundzwanzig Jahre alt und wohnte noch immer bei meinen Eltern, ohne je ein eigenes Zimmer besessen zu haben. Versuchen Sie ruhig, sich die Auswirkungen dieser Situation vorzustellen.
Sie möchten mehr über meine Kindheit erfahren? Später vielleicht.