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Leseprobe: Für Elise – 15 Briefe

Für Elise

Heute erwachte ich mit Kopfschmerzen, heftigen, bohrenden Kopfschmerzen, deren Zentrum in der Mitte der Stirn lag. Ich hätte den Rotwein nicht so schnell trinken sollen, ich vertrage das nicht. Und geraucht habe ich auch, wie ich am mit Kippen halbgefüllten Aschenbecher erkenne. Ich schäme mich ein wenig für meine Schwäche, die, Sie werden es sich denken können, natürlich ihren Grund hat: Artur geht es sehr schlecht.
Dr. Mahmoudi nahm mich ernst zur Seite und sagte: »Er will nicht mehr, er ist leer. Das, was einmal an Lebenskraft in ihm gewesen ist, hat ihn verlassen. Es ist schwer, wenn nicht unmöglich, zu bestimmen, wie lange es noch gehen mag. Rechnen Sie jeden Tag damit.«
Mir geht es also nicht gut am heutigen Morgen. Obwohl ich ein paar Tabletten eingenommen habe und diese eindeutig lindernd wirkten, bleibt ein Druck in mir, den ich mit abscheulich verzogener Grimasse quittiere; ich weiß, was er bedeutet. Aber ich weiß auch, dass ich kein Mann der Kompromisse bin, ich werde umziehen! Ich werde dieses Land verlassen, und Artur, würde er davon erfahren, riefe lauthals: »Bravo! Wohl getan!«
Es ist Sonntag und durch meine wehleidige Untätigkeit bereits Mittag geworden. Jetzt sitzen meine ehemaligen Kollegen in den Redaktionsräumen und reden das Übliche: Herr Lamm macht dies, Dietrich jenes, Frau Wieck das. Würde ich gerne wissen, wer mein Nachfolger wird? Nein, ich glaube nicht.
Aber ich möchte, dass SIE mehr wissen, über mich und »meine« Musik, über mein Leben.
Hanna brachte mir also Schumanns Musik nahe; bei zwei anderen Komponisten, deren Nachnamen ebenfalls mit dem Buchstaben S beginnen, verhält es sich ähnlich.
Georg, mein alter Fußballfreund, schenkte mir eines Tages eine Langspielplatte mit der Bemerkung, dies sei eine chaotische Musik, und er verstehe sie nicht. Er habe es ja mehr mit der Rock-Musik, ich wisse schon: Led Zeppelin, Deep Purple, Black Sabbath, diese Kaliber. Sein Onkel habe ihm diese LP geschenkt, und er könne sie nicht umtauschen. So solle ich sie halt haben, ich wisse schon, ob diese Musik des Hörens wert wäre.
Ich besah mir das Cover der Langspielplatte: Ein wildes und abstraktes Gemälde in vielen Gelb- und Blautönen war da abgebildet. Oben stand ein Name: Igor Stravinsky, und darunter der Titel des Werkes: »Le Sacre Du Printemps«.
Zunächst mochte ich diese anscheinend gefühlskalte Musik nicht. Jahre später erst entdeckte ich den genialen Ton in namentlich diesem Werk. Andere bedeutende Tonschöpfungen von Stravinsky sind »Der Feuervogel« und »Pulcinella«. Die Musik ist schwer zugänglich und einer ungewohnten Hörerin bestimmt zu schräg und misstönend, gerade das zuerst erwähnte Opus. Hören Sie Stravinsky bitte erst, wenn Sie Bruckner und Mahler bewältigt haben.
Den anderen Komponisten, den ich eigentlich als Langweiler abgestempelt und in die Ecke gelegt hatte, brachte Artur in nachdrückliche Erinnerung.
Wir zwei fuhren zu einem Konzert eines amerikanischen Pianisten (Keith Jarrett wird noch ausführlich erwähnt werden) nach Wien, und wir fuhren die ganze Nacht hindurch mit meinem alten Ford. Ich lag auf der Rückbank und döste, meine Augen waren müde, das lange Fahren hatte mich angestrengt, ab und zu sah ich halbe Traumfetzen. Durch ein Klicken erwachte ich; Artur hatte eine Kassette in den Recorder geschoben. Und dann zogen Streicherklänge durch die Limousine, dann Bläser dazu, ein Thema erschien, alles das laut, fast ein Dröhnen, und etwas mürrisch erhob ich meinen Oberkörper, um Artur um etwas Mäßigung zu bitten. Und er hielt im selben Moment das Auto an und schaltete den Motor ab. Wir standen auf einem Parkplatz am Rande des großen Flusses, durch das Firmament zogen die ersten Anzeichen des Morgenrots, und über den Fluss hinweg sahen wir auf Wien, auf das frühmorgendliche, noch verschlafene, beleuchtete Wien. Es war ein unglaublicher Anblick, und aus dem Kassettenrecorder strömte in immenser Lautstärke »An der schönen blauen Donau« von Johann Strauß.
Noch heute bekomme ich auf der Stelle eine Gänsehaut, sobald ich diesen Walzer höre.
Die folgende Erinnerung hat sich genau so ereignet, ich schwöre es bei meiner Mutter.
Kurz vor meinem fünfundzwanzigsten Geburtstag, im Juli 1974, rief mich Schwarz in sein Büro und sagte sinngemäß etwa dies: »Ihr Schreibstil gefällt mir, Herr Mendelsohn. Sie formulieren gut und recherchieren sorgfältig. Ich denke, es ist an der Zeit, Ihnen eine eigene Artikelseite zu geben. Sammeln Sie Ideen und legen Sie sie mir vor.«
»Ich brauche nicht zu sammeln«, sagte ich, »ich habe ein Dutzend Ideen.«
Die Augenbrauen meines Gegenübers ruckten in die Höhe. »Aha, lassen Sie hören.«
»Ich könnte zum Beispiel über herausragende vierhändig zu spielende Klavierstücke schreiben. Sie wissen schon: Schubert, Mozart, Beethoven; die großen Komponisten in nahezu unbekannten Werken.«
»Hm«, brummte Schwarz, »und noch?«
»Frühzeitig verstorbene Musiker«, schob ich nach, »und zwar solche der Klassik wie auch des Rock und Jazz.«
Er war nicht begeistert, fand all meine Vorschläge zwar nicht schlecht, aber auch nicht gut genug. Bis ich sagte: »Ich könnte eine kleine Serie von Artikeln schreiben, die von Komponisten erzählen, die es noch zu entdecken gilt.«
»Das hört sich interessant an«, meinte Schwarz, »wen haben Sie im Auge?«
Ich überlegte kurz. »Frederick Delius, Fanny Mendelssohn, Carl Nielsen, Clara Schumann, John Cage, Mili Balakirev, Franz Xaver Richter, Antonin Reicha, John …«
»Genug«, schmunzelte Schwarz, »das ist genug. Ich will mich noch mit Herrmanns kurzschließen, um über Ihren Vorschlag zu beraten, dann gebe ich Ihnen Bescheid.«
Am nächsten Tag bekam ich das Okay.
Irgendetwas, dessen Namen ich nicht wusste, drängte mich, mit Delius zu beginnen. Ich sammelte Material; er war in Bradford, Yorkshire geboren worden, hatte viel dem Dirigenten Thomas Beecham zu verdanken, schrieb sechs Opern, eine kleine Menge Kammermusik, er starb in Frankreich. Aber ich kam über diese Standardfakten nicht hinaus.

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Leseprobe: Für Elise – 15 Briefe

Für Elise

Vor annähernd fünf Jahren fühlte ich mich zum letzten Mal verliebt. Es war eine Entwicklung, die ich nicht unter Kontrolle hatte und sie nahm ein kurioses und unerwartetes Ende. Aber schon der Beginn hätte mich stutzen lassen sollen: Es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass man sich nach Jahren, in denen man eine Frau kannte und sie immerzu als unscheinbar verurteilt hat, plötzlich andere Gedanken über diese Frau macht. Aber so war es, ich will und kann es nicht leugnen. Dabei war die diesbezügliche Begegnung reiner Zufall, aber was ist das nicht?
Es war Frühling, ein rauschender, gnadenloser Frühling; es war warm wie sonst nur im August oder Juli, empfindliche Menschen klagten bereits über einen respektablen Sonnenbrand, die Biergärten waren geöffnet, die Baggerseen überfüllt, die Talsperren von Erfrischungssüchtigen heimgesucht, die Natur war in voller Blüte. So einen Frühling hatte man selten erlebt, selbst alte Menschen erinnerten sich nur mühsam an dergleichen.
Nur meine Mutter behauptete unverrückbar, dass im Frühling 1949 die Natur genauso, nein, wenn sie es genau bedenke sogar zwei Wochen früher soweit gewesen sei, und sie müsse es wissen, schließlich sei sie hochschwanger gewesen, und zwar mit mir.
Um das Paradies auf Erden vollständig zu machen, war es ein Wochenende, ein Samstag mit unglaublicher Atmosphäre. Es war, als sei die Welt ein Luftholen. Und man spürte tatsächlich etwas von dem Gefühl, das unkompliziertere Charaktere als der meinige mit der Vokabel »Glück« zu treffen versuchen.
Ich war am frühen Samstagmorgen in den Eilzug nach Köln gestiegen, um dort meine Plattensammlung zu ergänzen. Der Rhein glitzerte als sei er ganz gesund, ein weicher Wind durchzog die Stadt und ich entstieg dem Zug in bester Stimmung.
Mein Weg zu Music Planet war etwas umständlich, da ich das Bürogebäude, in dem die Redaktion ihren Sitz hatte, nicht unbedingt sehen wollte. So benötigte ich vom Hauptbahnhof zum großen Plattengeschäft fast dreißig Minuten.
Ich wühlte unorganisiert in der Klassikabteilung herum, nahm neun CDs mit und wanderte zum Jazz. Und ich kramte im überdimensionalen Fach mit Musik von Pat Metheny, als mir jemand auf die Schulter tippte und ich, der ich in Gedanken gewesen war, zusammenzuckte und mich umwandte.
»Hallo«, sagte Frau Wieck, »wieder auf der Suche nach neuen Tönen?«
Sie sah irgendwie anders aus als in den Redaktionsräumen. Es dauerte eine Weile, bis ich begriff, dass sie eine andere Frisur besaß. Auch ihre Kleidung war nicht mehr so unscheinbar. Sie war eindeutig eine gutaussehende Frau; ich musste mich wundern, was ein guter Friseur aus einem Menschen machen konnte.
»Sind Sie es, Karla?«, fragte ich. »Oder Ihre jüngere Schwester?«
Sie lachte leise und sagte nichts.
»Kommen Sie«, sagte ich spontan, »ich lade Sie zu einer Tasse Kaffee ein.«
Sie errötete leicht. »Schön«, sagte sie, »ich freue mich.«
Und kaum hatten wir das riesige Musikgeschäft verlassen, war diese himmlische Luft wieder da, und die Welt war schöner als sie eigentlich ist. Wir setzten uns an einen der Tische, die der Inhaber eines Cafés im Freien hatte aufstellen lassen. Der Lärm der Straße war hier nur halblaut, der Halbschatten war angenehm.
Wer weiß, dachte ich, als ich zwei Tassen Kaffee bestellt hatte und Karla Wieck mit wachen Augen ansah, was inzwischen geschehen wäre, hätte ich ihre Ausstrahlung schon früher bemerkt. Und tatsächlich: Ich ertappte mich bei dem Gedanken, ob ich sie je über einen Ehemann hatte sprechen hören.
»Was treiben Sie in Köln?«, fragte ich berechtigterweise, denn ich wusste, dass sie im Bergischen Land lebte, in der Nähe von Gummersbach in einem kleinen Dorf, dessen Name mir immerzu entfiel.
»Einkaufsbummel«, sagte sie, »richtig einkaufen kann man nur in der Großstadt.«
»Sie haben etwas mit Ihren Haaren gemacht.«
»Ist das der Grund, warum Sie mich so merkwürdig ansehen?«
»Ich sehe Sie merkwürdig an?«
»Die ganze Zeit.«
»Verzeihung.« Mag sein, dass nunmehr ich errötete.
»Aber bitte.« Sie versuchte in Lächeln zu unterlassen, ein Unterfangen, das nur halbwegs gelang.
Wir benehmen uns wie Teenager während des ersten Treffens, erkannte ich, eigentlich ist das albern wie sonst wenig. Aber gleichzeitig ist es auf seltsame Weise reizvoll und es tut wohl, dergestalt vom Becher der Jugend zu kosten.
Wir tranken artig unseren Kaffee und sprachen wenig. Was ist das für eine Befangenheit? fragte ich mich, was ist das für eine Irritation? Ist das der Trommelwirbel vor der Sensation?
Die Sonne schien, es war ein Jahrhundertfrühling, der Himmel besaß eine unechte Blaufärbung, der Wind machte alles vollkommen: Eine seichte, zärtliche Bewegung der Luft, die die Haut streichelte, und man bemerkte es erst Sekunden später.
Ich bestellte zwei Gläser Wodka, so wohl war mir. Karla protestierte nicht, setzte sich ihre Sonnenbrille auf und konnte mich nunmehr hinter den Gläsern mustern, ohne eine Entdeckung fürchten zu müssen.
Wir prosteten uns zu und der Wodka lief, eine warme Spur zurücklassend, in den Magen. Ich spürte den Alkohol auf der Stelle; mir war, als hätte ich eine sensationelle Achterbahnfahrt hinter mir. Ihre Blicke wanderten über mein Gesicht; ich spürte es.
Und dann hatte ich genug der Spielerei und schickte meine Blicke zurück, direkt in ihre Brillengläser hinein. Der Wind bewegte eine Strähne ihres braunen Haares, sie wippte beinahe lustig.
»Zehn Pfennig für Ihre Gedanken«, sagte sie.
In solchen Augenblicken hindert das Überlegen ungemein. Man sollte nicht zögern, dem Gegenüber ein dreistes »Das kommt ja gar nicht in Frage« entgegenzuschleudern, allerdings müsste man bedenken, dass dies so gut wie eine Antwort ist. Oder man sollte, ohne im geringsten zu zögern, seine Gedanken offenbaren, zumal im Frühling und schon überhaupt, wenn das Gegenüber eine gutaussehende Frau ist.
Ich zögerte nicht eine halbe Sekunde.
»Ich habe gedacht«, sagte ich, und meine Stimme war ein wenig heiser geworden, was weniger am Wodka lag, »wie es wäre, mit Ihnen zu schlafen.«
Aufmerksam beobachtete ich ihre Reaktion. Der Ober störte mich dabei; er fragte, ob wir noch etwas trinken wollten. Eine Sekunde war peinliches Schweigen, dann sagte Karla: »Ja, bitte noch zwei Wodka.«
Und ich rief ihm hinterher: »Doppelte!«
Sie lehnte sich zurück, scheinbar vollkommen entspannt, und nahm die Sonnenbrille ab. Unsere ungeschützten Blicke trafen sich. Auf der Straße quietschte es, dann das Geräusch eines Verkehrsunfalls, Blech stieß auf Blech, Glas zerbarst. Zwei Gäste des Cafés sprangen auf und rannten sensationsgeil auf die Straße, um nichts zu verpassen. Der Ober stellte die beiden Gläser vor uns hin und verschwand wieder. Eine Kirchturmuhr in der Nähe schlug mehr als ein dutzend Mal.
»Und?«, fragte Karla, »Möchten Sie’s ausprobieren?«
Nun zögerte ich doch. Mir fiel – zum ersten Mal seit einem Stapel von Jahren – die Briefträgerin ein. Artur hätte bestimmt gewusst, was nun zu tun war. Ach, scheiße, dachte ich so heftig, dass ich es beinahe ausgesprochen hätte, es ist Frühling, und du heißt Felix! Dem Mutigen gehört das Glück.
»Ja«, sagte ich, »das möchte ich.«
Sie trank ihren Wodka in einem Zug und ich tat es ihr nach. Ich achtete auf ihre Finger – nein, kein Ring. Ihr Blick war nach wie vor fest auf meine Augen gerichtet. Die Schaulustigen kamen zurück, angeregt schwatzend.
»Du musst es wollen«, sagte Karla, »mit jeder Faser deines Herzens und deines Körpers wollen. Du musst wollen, dass die Erde bebt, im besten Hemingway’schen Sinne. Die Sterne müssen sich verrücken, die Gesetze müssen aufgehoben sein.«
Ich verstand sie nicht. »Was hat Hemingway damit zu tun?«
»Ernest Hemingway hat in seinem Roman ›Wem die Stunde schlägt‹ dieses Phänomen eindeutig beschrieben. Die Erde bebt während der Liebe und jeder Mensch erfährt dieses Wunder dreimal in seinem Leben. Metaphysik im allerbesten Sinne.«
»Ich kenne so etwas aus der Musik«, sagte ich ernst. »Piazzolla kann solche Tangos schreiben. Es gibt Stellen in Mahler-Symphonien, die dem sehr nahekommen. John Coltrane hat so Saxophon gespielt, manchmal spielt Keith Jarrett so Klavier.«
Wir schwiegen wieder. Ich kannte Hemingways Roman nicht, Karla war Coltrane vollkommen unbekannt. Und einander kannten wir auch nur flüchtig. Es war eine seltsame und unbekannte Situation.
Mit einem kleinen Geräusch landete etwas Vogelscheiße neben meinem Wodkaglas. Karla musste darüber lächeln. Mir war nicht nach einem Lächeln; ich versuchte zu ergründen, was sie begehrte. Aber die einzige Möglichkeit, dieses zu erkennen, war das Eingehen auf ihre Sätze.
»Ich will!«, sagte ich, als wolle ich sie heiraten, »Lass uns die Erde beben machen.«
Sie lächelte immer noch, breiter jetzt. »Das wird sich zeigen«, sagte sie und stand auf. Und als ich eine Sekunde sitzen blieb, fügte sie hinzu: »Auf was wartest du?«
Und wir gingen durch die Straßen von Köln und ich fragte nicht, wohin sie mich dirigierte. Wir kamen an einer Kirche vorbei; das soeben mit dem kirchlichen Segen bedachte Brautpaar stand vor der Eingangstür und verzog das Gesicht für einen Fotografen. Ein Autoalarm gellte in einiger Entfernung. Ein Dreißigtonner aus Rumänien schob sich durch den Verkehr, ein Obdachloser trank aus einer Flasche Lambrusco, ein Blindenhund ließ sich nicht ablenken, ein Brunnen versprach Erfrischung, der Wodka hatte mich ein wenig duselig gemacht. An einer Ecke stand ein verwaister Rollstuhl, ein alter graubärtiger Türke wartete in einem Hauseingang auf irgendetwas und spielte mit seinen Gebetskugeln, aus einem kleinen Schallplattengeschäft drang schwarze Musik an die Ohren der Passanten, laut und schnell, eine Dogge war vor einem Pornokino angebunden, die Fassade eines Hotels glänzte frisch gestrichen.
In dieses Hotel zog sie mich; erst jetzt bemerkte ich, dass wir die Hand des anderen genommen hatten, ohne ein Wort.
Karla schien mit dem Mann am Empfang gut bekannt zu sein, sie duzten sich, ein Geldschein wurde hingeschoben, ein Schlüssel kam zurück. Wir gingen eine Treppe hinauf, Karla öffnete eine Tür, auf der die Zahl 6 in glänzendem Messing prangte, und dann standen wir in einem mittelgroßen Hotelzimmer, so banal und alltäglich, dass es wie ein Scherz wirkte. Ich überlegte kurz, an welchem Ort ich wohl in der sogenannten Wirklichkeit war, in diesem Hotel in der Kölner Innenstadt war ich sicher nicht.
Das Zimmer befand sich auf der Schattenseite des Hauses, es war kühl, aber hell und klar. Karla und ich standen immer noch.
Und da ich mit einem Mal von Unsicherheit angefüllt war und außerdem eine nicht näher zu beschreibende Angst verspürte, sodass ich nicht wusste, was sie denn jetzt von mir verlangen könnte, nahm ich sie in den Arm (die unschuldigste Annäherung, die mir einfiel) und vergrub meine Nase in ihrem Haar. Ich spürte ihre Hände auf meinem Rücken. Ihr Haar roch nach Fichtennadel-Shampoo.
»Bist du öfter hier?«, fragte ich.
Sie löste sich von mir und sah mich an. »Denkst du das von mir?«
»Ich denke gar nichts. Ich wunderte mich nur, dass du den Mann am Empfang kanntest.«
Sie lachte leise. »Natürlich kenne ich ihn, er ist mein Bruder.«
Irgendeine Kirchturmuhr schlug die Zeit, als wir uns nebeneinander auf das Bett legten und die Erkundungsreise begann.

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News: Peter Klohs liest auf der Lit. Ronsdorf

Peter Klohs

Die Literaturtage Ronsdorf haben inzwischen Tradition. Dieses Jahr finden sie vom 13. Oktober bis 03. November statt.

In diesem Rahmen hatten Miriam Schäfer und Peter Klohs unter dem Motto „Dunkel war´s“ eine gemeinsame Lesung. Kurz vor Halloween wurde es dabei in der Galerie im Ronsdorfer Carrée unheimlich. Beide Autoren haben es drauf, durch ihre Stimmen die Zuhörer in den Bann zu ziehen. Wer Peter Klohs schon mal erleben durfte, zum Beispiel in der Ronsdorfer Bücherstube, der weiß das.

Peter Klohs las eine Geschichte aus seinem persönlichen Duden.

Weitere Informationen, auch einen Bericht über die Lesung, gibt es hier.