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Leseprobe: Alle Zeit mit ihr – Liebe und Erotik zwischen Frauen

Alle Zeit mit ihr

Die zu vielen Wörter, die Margitta bei Klara verloren hatte, trug diese ihr nach, nachdem Klara Buchstabe für Buchstabe eingesammelt hatte. Am liebsten hätte sie diese Margitta eingewickelt unter den Christbaum gelegt. Als sie wenige Stunden vor der Bescherung im Familienkreis von ihrer verheirateten Freundin nach Hause gefahren wurde, zählte Klara die roten, gelben und grünen Ampeln, während sie gleichzeitig die aufgelesenen Buchstaben zu neuen Wörtern zusammensetzte.
„Hör auf mit dem Zählen. Was soll ich mit diesen ganzen Zahlen?“, sagte Margitta und meinte damit die 19 Ampeln.
„Es geht nicht wirklich um die Zahlen, Liebste. Es geht um das Zahlen, das Bezahlen. Die Stunden, die ich mit dir verbracht, die ich deinem Mann und deiner Tochter gestohlen habe, zahle ich dir nun zurück, bevor sie mir heimgezahlt werden. Für jede gebe ich dir einen Silbertaler. Dann hast du ein weiteres Weihnachtsgeschenk für den Gatten, der noch nichts von deinem Betrug ahnt.“
Seit sie ein Leben als versteckte Geliebte führte, verließ Klara fast nur noch dann die Wohnung, wenn Margitta sie mit dem Wagen abholte, um sie in ihr Einfamilienhaus am Stadtrand zu chauffieren. Fremde Menschen in öffentlichen Verkehrsmitteln ertrug sie nicht mehr. Die Folter der Stimmen, das aufgezwungene Anhören von Gesprächen. Nur noch mühsam zwängte sie sich in Busse. Mehr und mehr war sie unfähig, auf diese dickbäuchigen, länglichen Gefährte zu warten und ihnen ausgeliefert zu sein. Ihrem Kommen oder Nichtkommen, ihrem Anhalten oder Weiterfahren, ihren Verspätungen oder Verfrühungen. Klara glaubte, die Fahrer wollten sie nicht einsteigen lassen oder sie hätten sich allesamt vorgenommen, ruckartig zu bremsen und brüllende Kleinkinder als Fahrgäste zu befördern. Deshalb versetzte sie Margittas Vorschlag, sie nur bis zur Bushaltestelle anstatt nach Hause zu fahren, in lichterlohe Angst. Da Margitta nicht noch weitere Worte verlieren wollte und auf keinen Fall Zeit für ein Drama am frühen Nachmittag des Heiligabends hatte, änderte sie ihre Meinung und beschimpfte auf der Fahrt zu Klaras Wohnung jede rote Ampel in greller Wut, als ob Klara daran schuld gewesen wäre, dass sie nur langsam vorankamen. In gewisser Weise war sie es, denn sie fühlte sich in Gesellschaft der schweigenden Gegenstände ihres Apartments nahezu ähnlich unwohl wie unter fremden Menschen und hoffte, dass die Heimfahrt möglichst lange dauern würde. Gern wäre sie mit Margitta einfach abgehauen, irgendwohin gefahren, weit weg von deren Tannenbaum, Ehemann und Tochter, in die Alpen vielleicht oder noch weiter über den Brenner nach Italien und dann an die Küste. Der genaue Ort wäre ihr unwichtig gewesen, genauso wie Margittas kurz vor dem Aufbruch zu oft wiederholte Beteuerung, dass sie ihr in der Heiligen Nacht noch eine romantische Botschaft simsen und ganz besonders sehnsuchtsvoll an sie denken werde. Jede rote Ampel trieb Zornesfalten auf Margittas Stirn, die zu Hause noch nicht einmal die Geschenke für ihre Tochter eingepackt hatte.
„Kannst du es kaum erwarten, dass du mich loswirst?“, fragte Klara.
„Hör auf! Ich kann es nicht mehr hören. Du weißt, wie ich lebe …“
„Ja, aber ich weiß auch, dass man sich im heutigen Deutschland locker trennen, scheiden lassen und ein gemeinsames Sorgerecht bekommen kann. Auch wenn man eine Frau liebt.“
„Gib mir Zeit! In einem Jahr falle ich am 24. Dezember so sehr über dich her, dass dir Hören und Sehen vergeht.“
„Und bis dahin wird mir das Weinen nicht vergehen?!“
„Wir sind da. Bitte steig aus und mach es mir nicht noch schwerer als nötig.“
Klara befahl ihrem Körper, sich aus dem wunderbar warmen Wagen zu bewegen und sie in die verwaiste Wohnung hochzutragen. Jede Bewegung kostete sie eine enorme Kraftanstrengung. Selbst das Tippen auf der Tastatur des Notebooks fiel ihr schwer. Bei unerlässlichen Handlungen betrachtete sie sich von außen und sagte zu sich: „Jetzt nimmst du den Topf, füllst Wasser hinein und stellst ihn auf die Herdplatte. Danach schaltest du den Herd an und wartest, bis das Wasser kocht. Dann legst du zwei Beutel in die Kanne und gießt das heiße Wasser hinein.“
Das Telefonieren war – neben dem Teetrinken – zu ihrer Hauptbeschäftigung geworden. Stundenlang mit Margitta. Manchmal gelang es der einen oder anderen Freundin, Klara zu einem Treffen zu überreden. Wie einen schlaffen Luftballon bewegte sie dann ihren Körper in ein Café, wenn es ihr gelungen war, aufzustehen und sich anzukleiden. Oft sagte sie die Verabredungen in letzter Minute mit einer Lüge ab. Und wenn sie sich doch aufraffte, sang sie pausenlos Liebes- und Klagelieder über Margitta. So zogen die Tage zwischen Weihnachten und Jahreswechsel an ihr vorüber, in denen sie sich immer wieder ausmalte, wie sie Margitta oder gar das Leben insgesamt verlassen könnte. Nachdem sie an Silvester die x-te Abschiedsmail formuliert und wieder gelöscht hatte, läutete es an der Tür. Vor ihr stand ihre Liebste mit zwei riesigen Koffern in den Händen und sagte lächelnd:
„Hallo. Ich bin geflohen. Besteht Aussicht auf Genehmigung meines Asylantrags?“
„Das ließe sich einrichten, sogar im Eilverfahren.“

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Leseprobe: Geschichten aus dem Duden

Geschichten aus dem Duden

Der Regionalexpress 4612 von Wuppertal-Oberbarmen nach Koblenz kroch über die Hohenzollernbrücke und schickte sich an, im Kölner Hauptbahnhof kurz Stand zu nehmen. Ich streifte den sich träge dahinwälzenden grauen Strom unter mir mit halbem Auge; Regen verwischte die Aussicht auf die große Stadt. Die am Fenster herabrinnenden Tropfen zersplitterten das Bild des gewaltigen Domes, er sah beinah aus wie von Feininger gemalt.
Ich fürchtete ernsthaft, der Herbst habe den Sommer bereits zur Seite geschoben und verteidige vehement mit spitzen Ellbogen seine einmal eingenommene Position; mich fröstelte.
Auch der Lokomotivführer schien vor Kälte zu zittern: Seine grüne Lok mit den fünf doppelstöckigen Waggons hielt mit einem solchen Ruck an, dass ich mich nur schwerlich auf den Beinen halten konnte.
Kaum hatte ich den Bahnsteig betreten, knisterte es aus einem Lautsprecher; eine gelangweilte Männerstimme versprach, dass wir auf Gleis 9 stehen würden und kündigte schier endlos Reisemöglichkeiten an, die mir fernlagen. Eine Dame mit Dackel an einer rosafarbenen Leine hastete an mir vorbei und stieß zwischen zwei eiligen Schritten ein hastiges „Wacker, Waldi“ aus.

Ich verließ das ungastliche Gebäude durch den Haupteingang. Der immer noch andauernde Regen verhinderte die Aufhellung meiner Laune, ich fühlte mich griesgrämig.
Von den zahlreichen Vor- und Überbauten der Häuser vor dem Regen geschützt, schlug ich den kürzesten Weg zu ‚Music Planet‘ ein.
Drei- oder viermal in jedem Jahr kam ich nach Köln, um im besagten Geschäft meine CD-Sammlung auf den neuesten Stand zu bringen. So leergefegt hatte ich die Straßen in Köln allerdings noch nie erlebt; kaum behinderte ein Auto mein Vorankommen, Lastwagen schienen ausgestorben. Ich wich Pfützen aus, übersprang kleine Regenbäche und verfluchte einen Fahrradfahrer, der mich mit wehendem Regencape über den Bürgersteig rasend fast erledigt hätte.
Zu etwa fünfundsiebzig Prozent durchnässt betrat ich das riesige Musikgeschäft, zückte meine Liste und begab mich in die gut sortierte Jazz-Abteilung.
Abercrombie, Beirach und Delano wurden sofort gefunden und im mitgeführten Leinenbeutel zwischengelagert, LaVerne und Saluzzi suchte ich etwas länger, eine von mir sehnlichst begehrte Scheibe James Carters gar ohne Erfolg.
Die Klassik-Abteilung zu durchstöbern bereitet mit bei jedem Music-Planet-Besuch ein großes Vergnügen. Manches Mal finde ich dort Kostbarkeiten, die ich gar nicht gesucht habe. Auf meiner Einkaufsliste standen zwar Grieg, Sibelius und Vaughan Williams, aber unverhofft entdeckte ich beim Durchwühlen der Regale eine sehr gute Aufnahme von Mahlers Siebter Symphonie.
Da stand ich, blickte kurz auf Georg Solti in der Hand, überlegte, ob ein Kauf der einzigen mir fehlenden Mahler-Symphonie wohl lohnen würde …

Das war der Moment, in dem ein Blitz in meine Welt einschlug; er änderte schlicht alles, wenig Bekanntes sollte mir bleiben.
Von der anderen Seite des CD-Regals sah mich eine Frau an. Der Blick war so intensiv, dass ich dachte, wir würden uns berühren. Ich starrte einige Sekunden zurück, dann musste ich meine Augen mit Macht wieder auf Herrn Solti in meiner Hand lenken– ansonsten hätte ich wohl zu schreien begonnen. Sofort sah ich wieder auf, eine CD anzubrüllen erschien mir ebenso unvorstellbar.
Ihre Augen blickten direkt in meine. Nasses, rötlichblondes Haar fiel nachlässig in ihre Stirn, die Zunge leckte kurz die Oberlippe, alles an ihr machte mich schwindeln. Diese Frau wirkte ausgesprochen stolz auf ihre Erscheinung, sie wusste um ihr Aussehen. Sie war nicht unbedingt hübsch zu nennen, auch das Wort ‚Schönheit‘ wäre fehl am Platze gewesen. Manche versuchen dieses Phänomen mit der Vokabel ‚Ausstrahlung‘ zu erklären, bei dieser Frau war es eindeutig mehr, eine Art Aura, vielleicht etwas anderes, unerklärbar, unbeschreiblich.
Ich fühlte lange Vergessenes, Vergrabenes, Verstecktes. Das Atmen fiel mir schwer, die Finger beider Hände verkrampften, einer meiner Fingernägel erzeugte ein kleines eisbergiges Geräusch auf der Folie jener CD. Wir standen und starrten.

Beide wollten wir etwas sagen, trauten uns aber nicht. Die Angst, die Magie der Situation durch unüberlegte Worte lächerlich zu färben war in diesem Augenblick größer als das Bedürfnis zu sprechen. Wir standen und starrten uns an, keiner traute sich, einen Anfang zu machen. Mit Händen hätte man die aufgeladene Luft greifen können; meine Unterarmhärchen richteten sich auf.
In zehn oder weniger Sekunden wetterleuchteten ganze Lebensläufe durch mein halb ohnmächtiges Gehirn: Erotische Fantasien geisterten an meinem inneren Auge vorbei, natürlich würden wir heiraten und sie würde mir Kinder schenken. Urlaubsbilder tauchten auf, burgenbauende Söhne am Strand, meine Hand in ihrer, ein Hut mit schwarzem Band bedeckte ihre Haarfülle, hob die Farbe derselben auf das Trefflichste hervor. Ich sah sie an etwas lehnen und auf mich warten, stieg aus einem Wagen und eilte auf sie zu, wir umarmten uns, liebten uns, die Kinder würden groß, heirateten Frauen, die ihrer Mutter ähnlich sahen und sterben würden wir zur gleichen Zeit.

Wir standen und starrten.
Ich weiß nicht mehr zu sagen, wie lange wir uns wort- und tatenlos ansahen, jede Zeitspanne zwischen einer Minute und zweitausend Jahren schien möglich.
Kleinigkeiten im Gesicht des Gegenübers wurden entdeckt: ein aberwitziger, kleiner Bogen in den Augenbrauen, Farbnuancen im Haar, eine kuriose Falte auf der Stirn. Ihr Gesichtsausdruck war erotisch, fordernd, ein klein wenig gelangweilt. Stolz mit einem winzigen Hauch von weiblicher Arroganz.
Noch bevor die Situation in alle Ewigkeiten gefror, brach mit lauter Vehemenz das Eis: Die Frau nieste.
Es war kein verstohlenes ‚Pschsch‘, sie hielt sich nicht die Nase zu, auch deckten ihre Hände das Gesicht nicht ab. Es war eine Explosion von einer Lautstärke, die die Kunden im Musikgeschäft zusammenzucken ließ; wer schon einmal Gelegenheit hatte, bei Music Planet einen Einkauf zu tätigen, der weiß was das heißt.
Nach dieser gewaltigen Eruption mussten wir beide lachen.
„Entschuldigung“, sagte sie dann, ihre Stimme getragen von der gleichen Aura wie ihre Erscheinung, „es kam so über mich.“
„Du wirst dich erkälten“, sagte ich. „Du bist ziemlich nass geworden.“
„Ach“, machte sie, „ist doch nur Wasser.“
„Ja“, sagte ich hochintelligent, „das stimmt.“
Sie ging um das trennende Hindernis herum und gesellte sich zu mir, der ich immer noch die CD mit der Mahler-Symphonie in der Hand hielt. „Gut“, sagte sie. „Sehr gut.“
„Du magst Mahler?“
„Ich liebe Mahler. Er hat ungeheuerliche Bilder komponiert.“
Wieder sahen wir uns an.
„Wie heißt du?“ Und wir nannten unsere Namen.
Ich packte Solti in den Leinenbeutel, nahm die neue Liebe an einer Hand und zog sie mit zur Kasse, die soeben gesammelten Werke zu bezahlen. Wie versengt, wie fehlende Elektrizität, wie Gegenwind im Vakuum brannte meine Haut, als ich ihre Hand losließ.

Kaum hatten wir das Gebäude verlassen, brachen Dämme ein, fegte ein Wirbelsturm über brachliegendes Land; wir klammerten uns aneinander, dass es beinah weh tat. Wir küssten uns und hielten uns fest. Passanten mussten um uns herumgehen, manche lachten, andere machten blöde Bemerkungen. Schwer atmend ließen wir dann voneinander.
„Wo wohnst du?“ fragte sie, und ich gab die betrübliche Auskunft, nicht in dieser Stadt zu Hause zu sein. „Und du?“
„Auch nicht hier“, sagte sie. „Nicht hier, schade.“
„Ja. Und was machen wir jetzt?“
Sie sah mich wieder so intensiv an, dass ich eine Gänsehaut bekam, dann ging ein Ruck durch ihre schlanke Gestalt. Sie nahm mich an einer Hand: „Komm. Ich zeige dir das Liebste, was ich auf der Welt habe.“

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Leseprobe: Paternoster – Vom Auf und Ab des Lebens

Paternoster

Vorwort des Herausgebers

Die Idee zu diesem Buch stammt zwar von mir, beflügelt wurde sie jedoch von anderen, von denen nämlich, deren Beiträge ich lesen, bestaunen und auswählen durfte. Monika Holstein war zu meiner Freude sofort bereit, ihre Geschichte „ Paternoster“ als Titel für das ganze Projekt freizugeben, ein Projekt, in dem Prosa versammelt ist, Geschichten, die teils direkt, teils indirekt vom  Paternosterfahren handeln, vom Auf und Ab des Lebens also, allesamt aus den Federn von Schriftstellern, deren „Sound“ ich ungeheuer schätze. – Da geht ein Traum in Erfüllung. Zunächst war erst einmal spannend, was jeder einzelne unter Auf oder Ab verstand, und tatsächlich erwies sich, dass der Ansatz kaum unterschiedlicher sein könnte. Mir ist das recht, sogar mehr als recht. Wie froh war ich, als alle meine Schriftstellerfreunde, die ich um einen Beitrag bat, ohne zu zögern zusagten; wie froh war ich erst recht, als auch Malte Roß mir zusagte, in seiner unvergleichlichen Art nicht nur ein Cover beizusteuern sondern darüber hinaus Bilder, die meine Idee von einer Anthologie zum Thema „Paternoster – Vom Auf und Ab des Lebens“ kongenial abrunden.
Allen, die beim Entstehen von „Paternoster“ mitgewirkt haben, danke ich auf das Herzlichste und hoffe, dass die Wirkung nachhaltig sein wird, sowohl bei den Lesern dieser schmucken Anthologie als auch beim Kinderhospiz Burgholz, dem der Erlös aus dem Verkauf zugutekommen wird.
Sämtliche Beiträge in diesem Band, also sowohl Graphiken als auch Texte, wurden von den Künstlern mit Freuden und honorarfrei zur Verfügung gestellt, übrigens mit einer Begeisterung, die mich enorm verblüfft hat. Nicht eine Geschichte, nicht ein Bild in diesem Buch möchte ich missen.
Ganz besonders gilt mein Dank deshalb meinem Verlag 3.0, der mir dieses Buch in meiner Eigenschaft als Herausgeber nicht nur zugetraut hat, sondern auch in kürzester Zeit seine Verwirklichung in jeder erdenklichen Weise unterstützte. Alles hat von Anfang an gestimmt.

Christian Oelemann