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Leseprobe: Im Zwielicht der Zeit

»Kommen Sie, machen Sie sich nichts daraus. Manche Leute sind so.« Tröstend legte sie einen Arm um Gertruds Schultern. »Wir lassen uns nicht entmutigen. Beim nächsten Mal haben wir sicher mehr Glück.«
Emmy sollte recht behalten. Als sie weitergingen, fiel Gertruds Blick auf ein kleines, mit Holz verkleidetes Bauernhaus. Es sah schmuck und einladend aus mit seinen grün gestrichenen Fensterläden, die einen hübschen Kontrast zu den weißen Fensterrahmen bildeten. Zwei große Obstbäume standen davor und reckten ihre kahlen Zweige in den Himmel. Hühner liefen umher, und in einem kleinen Stall hörte Gertrud ein Schwein grunzen. Neben dem Stall war ein alter Mann damit beschäftigt, Holz zu hacken. »Hier werden wir unser Glück noch einmal versuchen, kommen Sie.« Emmy nahm Gertrud am Arm, ging mit ihr auf die Haustür zu und klingelte. Eine junge Frau mit einem Baby auf dem Arm öffnete.
»Ach, Sie kommen sicher aus der Stadt«, sagte sie freundlich, noch ehe Emmy ihre Bitte vorbringen konnte. »Ich weiß, in den Städten ist die Not groß. Uns geht es noch ein bisschen besser, obwohl es auch hier nicht mehr so ist wie früher. Mein Mann und mein Bruder sind an der Front. Wenn die Eltern mir nicht helfen würden, dann wüsste ich gar nicht, wie ich mit der Arbeit fertig werden sollte.« Sie streichelte das Baby, das anfing, unruhig zu werden. Eine alte Frau erschien in der Tür. »Halte ihn mal einen Augenblick, Mutter«, sagte die Bäuerin und legte das Kind der Frau in den Arm. »Ich hole für die Damen ein paar Eier und etwas Speck.« Sie ging ins Haus und kam mit einer Tüte und einem kleinen Paket wieder.
Emmy fing an, ihre Schätze auszupacken.
»Lassen Sie Ihre Sachen in der Tasche«, wehrte die junge Frau ab, »dafür will ich nichts haben.«
»Wir danken Ihnen sehr«, sagte Gertrud. Ihre Stimme schwankte ein bisschen. Sie war gerührt. Nach dem, was sie gerade erlebt hatte, empfand sie die Freundlichkeit der jungen Bäuerin wie eine Wohltat.
Das nächste Mal klopften sie wieder vergeblich an, aber dann konnten sie Emmys Bettwäsche gegen ein Pfund Butter eintauschen. Danach hatten sie nicht mehr viel Glück. Mutlos stapften sie durch die von Regen und Schnee aufgeweichten Straßen und versuchten mühsam, den schlimmsten Schlammlöchern auszuweichen. Inzwischen war das Wetter noch schlechter geworden. Ein kalter Ostwind trieb ihnen Schneeregenschauer ins Gesicht. Emmy gab Gertrud die große Tasche und spannte ihren Schirm auf. Sie krochen beide darunter, aber das half auch nicht viel. Der Wind blies unter den Schirm und drohte ihn umzukippen, sodass Emmy ihn nach einer Weile wieder zumachen musste. »So ein Sauwetter«, schimpfte sie. Plötzlich rutschte Gertrud aus und wäre fast gefallen, wenn Emmy sie nicht noch im letzten Moment festgehalten hätte.

 

Eine Leseprobe aus dem ersten Band der Familien-Saga von Ellinor Wohlfeil, die als Kind und Jugendliche den Zweiten Weltkrieg persönlich erlebt hat. In den Büchern verarbeitet sie ihre eigene Geschichte als Halbjüdin. Unter folgendem Link finden Sie dieses und andere Bücher von ihr im Verlagshop:

Im Zwielicht der Zeit

 

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