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Leseprobe: Kein menschlicher Makel – weder gestern noch heute

Kein menschlicher Makel

Ruths Augen sind eine einzige brennende, verzweifelte Frage, doch ihre Stimme klingt unbeteiligt, monoton, so, als ob ein anderer, nicht sie selbst spräche. Nur in ihren Augen spiegelt sich die ganze innere Erregung wider. „Es ist … ein furchtbarer Druck …“, sie sucht mühsam nach Worten, „… eine Spannung …, die mich innerlich zerreißt …, ich möchte weinen, schreien …, ich kann aber nicht. Mir ist, als sei eine Tür in meinem Innern zugefallen. Nichts kann mehr nach außen dringen. Manchmal gehe ich stundenlang spazieren, laufe, renne, nur um diesen Druck loszuwerden. Aber ich kann ihn nicht loswerden. Er ist immer da. Ich bin ihm ausgeliefert.“ Sie starrt vor sich hin. Ihr Blick geht ins Leere. „Ich habe Angst“, sagt sie schließlich stockend und etwas atemlos. „Angst, etwas falsch zu machen; Angst, mich zu verspielen; Angst, mich zu blamieren. Angst! Mein Herz schlägt wie rasend, meine Hände zittern. Ich komme nicht dagegen an.“ Ruth schweigt. Ihre Stimme versagt. Als sie weiterspricht, versucht sie, ihre Fassung wiederzugewinnen. „Es beginnt schon mitten in der Woche. Ich kann nicht schlafen. Ich fühle mich einer quälenden, inneren Unruhe ausgesetzt. Bis zum Sonntag steigert sich dieser Zustand. Dann kommt die Angst. Ich verstehe das nicht! Ich kann es mir nicht erklären! Ich habe es mir doch so gewünscht …, die Orgel ist so ein herrliches Instrument …, es war mein größter Wunsch, da oben zu sitzen und zu spielen … Ich begreife es nicht!!“, bricht es schließlich aus ihr heraus. Gedämpft klingen Straßengeräusche in die Stille des Zimmers: Motorenlärm, das Hupen von Autos, Hundegebell, das Rufen und Lachen spielender Kinder. Durch das Fenster fällt ein Strahl der Märzsonne und malt ein Muster aus Licht und Schatten auf den Parkettfußboden.
Nachdenklich lehnt Ruth sich im Sessel zurück. „Es muss 1939 gewesen sein, kurz vor dem Krieg, im Sommer. Mein Vater war aus dem Konzentrationslager zurückgekommen. Meine Mutter machte mit uns allen einen Ausflug an einen See in der Nähe. Ich sehe ganz deutlich vor mir, wie wir auf einer Terrasse am Seeufer sitzen. Meine Eltern haben jeder ein Getränk in einem hohen Glas vor sich stehen, wir Kinder essen Eis. Es ist warm, die Sonne glitzert auf dem Wasser. Der Duft der Rosen weht zu mir herüber. Die Menschen in hellen, fröhlichen Kleidern lachen und freuen sich an diesem schönen Sommertag. Plötzlich ist mir, als ob ein grauer Schleier sich über die Sonne legt. Ihr Licht wird matt und kraftlos. Der Schleier wandert weiter und legt sich über alles: über das Wasser, die Blumen, das fröhliche Treiben ringsum. Alle Farben verlieren ihre Leuchtkraft, sie sind wie gebrochen. Das Lachen verstummt. Eine tiefe Traurigkeit geht durch mich hindurch. Ich begreife nicht, dass die Menschen fröhlich sein können. Das Leben ist reduziert, als ob ein Hauch des Todes es streift. Mir ist es zumute, als ob irgendetwas gestorben wäre, das, was dem Leben Kraft und Fülle gibt. Es ist nicht mehr da. Tot. Wie kann man weiterleben? Dieser Zustand hielt den ganzen Tag an. Ob meine Eltern es bemerkt haben? Sie haben nichts gesagt. Sie hatten ihre Sorgen. Als ich am nächsten Morgen zur Schule ging, war alles wie immer.“
Ruth denkt über dieses ‚wie immer’ nach. Es legt sich lähmend über ihr Denken und Fühlen, so wie es in ihrer Kindheit und Jugend alles gelähmt hat: alle Freude, allen Mut, Spiele, Freundschaften und Tätigkeiten. Dieses ‚wie immer’ war für sie ein unfassbarer Druck, der aus dem Unbestimmten kam; eine Angst vor etwas, was eintreten könnte, aber sie wusste nicht genau, was es war. Eine Atmosphäre, die Geheimnisse barg und die Ahnung von etwas Grauenvollem.
Unvermittelt sieht Ruth ein langgestrecktes, zweistöckiges Gebäude mit einem Walmdach vor sich. Ist es aus gelblichem Sandstein gebaut? Das weiß sie nicht mehr so genau. Aber ein helles Gelb ist in ihrer Erinnerung die beherrschende Farbe. In der Mitte der Fassade ist eine große Flügeltür, rechts und links davon Fensterreihen, den Stockwerken entsprechend. „Die Mittelschule, die ich sechs Jahre besucht habe, ich sehe sie vor mir … wie damals … Das Gebäude selbst liegt etwas zurück von der Straße, davor ist ein gepflasterter Hof. Links auf dem Hof befindet sich ein Fahnenmast. Zwei Jungen aus der obersten Klasse, 16 oder 17 Jahre alt, stehen an dem Mast und halten eine rote Fahne mit dem Hakenkreuz in den Händen, die an einer Seite schon an der Schnur festgemacht worden ist, mit der sie gleich hochgezogen werden soll. Alle Kinder der Schule sind in Viererreihen im Viereck um den Hof herum angetreten. In Reih´ und Glied stehen sie still. Die Jungen balgen sich nicht, die Mädchen schwätzen nicht. Sie stehen wie kleine, ernsthafte Soldaten. Alle sind in HJ-Uniform.“ Die Erinnerungen erfüllen Ruth plötzlich mit einer schmerzhaften Klarheit.
„Alle tragen sie ihre schwarzen Hosen oder Röcke, die weißen Blusen, die braunen Jacken und das schwarze Halstuch mit dem braunen Lederknoten. Nur ich, ich bin anders gekleidet. Ich darf die Uniform ja nicht tragen, ich gehöre nicht dazu. Ich weiß noch genau, was ich damals fühlte. Ich wollte mich am liebsten davonschleichen und irgendwo verstecken, nur nicht dort stehen müssen als eine Gebrandmarkte, Ausgestoßene: Sehen sie nicht alle zu mir hin, mit einem höhnischen Grinsen?“
Ruth kämpft gegen ihre innere Erregung an. Im Zimmer ist es still. Aus der Ferne klingt das Lied der Amsel herüber. Nach einer Pause fährt sie, nun ruhiger geworden, in ihrer Erzählung fort.
„Es ist der erste Tag nach den Ferien, die Schule beginnt wieder. An dieser Schule ist es üblich, vor Unterrichtsbeginn die Fahne zu hissen. Der Direktor – von uns Schülern Direx genannt – steht in der Mitte des von den Jungen und Mädchen gebildeten Vierecks. Er ist groß und von kräftigem Körperbau, sein Bauch ist etwas zu dick. Er hat seine SA-Uniform angezogen. Der Direx heißt mit Vornamen Adolf. Er ist sehr stolz darauf. Ob er sich den Namen selbst gegeben hat? Als er getauft wurde, war doch von Adolf Hitler noch keine Rede. Er ist ein linientreues Parteimitglied, ein Zweihundertprozentiger, wie Mutti und Oma sagen. Die übrigen Lehrer stehen bei ihren Klassen. Es sind noch ein oder zwei Lehrer auch in SA-Uniform angetreten, die übrigen Lehrer und Lehrerinnen tragen Zivil.
Die Zeremonie beginnt: Der Direx hebt den rechten Arm zum Hitlergruß und schreit: ‚Heil Hitler!’ Alle ungefähr 300 Jungen und Mädchen sowie die Herren und Damen vom Lehrerkollegium heben ebenfalls den rechten Arm und antworten exakt im Chor: ‚Heil Hitler!’ Der Direx kommandiert: ‚Der Kernspruch der Woche!’ Ein Junge aus der 5. Klasse tritt vor und deklamiert laut: ‚Die deutsche Jugend sei zäh wie Leder, flink wie Windhunde und hart wie Kruppstahl.’ Der Kernspruch der Woche ist immer an der Eingangstür angeschlagen. Man muss ihn wissen und aufsagen können. Dieses Wissen wird im Unterricht oft unverhofft kontrolliert. Meistens ist es ein Satz aus den Reden Adolf Hitlers. Wieder erhebt der Direx seine Kommandostimme: ‚Die Fahne – hoch!’ Die beiden Jungen, die am Fahnenmast stehen, ziehen langsam die Hakenkreuzfahne hoch. Alle übrigen, Schüler, Lehrer und der Direx in der Mitte, heben wieder den rechten Arm und singen zuerst das Deutschlandlied und dann das Horst-Wessel-Lied. Als der Gesang geendet hat und die Fahne am Fahnenmast weht, schreit der Direx mit noch erhobenem Arm: ‚Unserem geliebten Führer Adolf Hitler – ein dreifaches ‚Sieg Heil!’ ‚Sieg Heil!’ antwortet es im Chor. ‚Sieg Heil’, ‚Sieg Heil’, ‚Sieg Heil’, ‚Sieg Heil!’ erklingt es im Wechsel. Dann ist die Zeremonie zu Ende. Die Schüler gehen in geschlossenen Gruppen, so wie sie angetreten waren, in ihre Klassenräume. An jedem ersten Schultag nach den Ferien, jedem letzten Schultag vor den Ferien und zwischendurch bei besonderen Gelegenheiten immer wieder diese Szene. Ein Spießrutenlaufen für mich: Das Gefühl des Ausgestoßen-, des Abgelehnt-, des Gezeichnet-Seins, als ob ich irgendeinen Makel an mir hätte, nicht wert sei, zur Gemeinschaft zu gehören.“
Ruths Augen füllen sich mit Tränen. Dieses Gefühl hat ihr späteres Leben immer wieder belastet, ihre Kontakte zu anderen Menschen, Freundschaften und ihren beruflichen Weg. Es war stets gegenwärtig, bei allem, was sie tat, ein Erbe aus vergangener Zeit.

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Buchtipp: Im Zwielicht der Zeit

Im Zwielicht der Zeit

Ellinor Wohlfeils zweiteilige Familien-Saga aus „Im Zwielicht der Zeit“ und „Im Bann der Vergangenheit“ erzählt unaufgeregt ein Stück deutscher Geschichte.

Ellinor Wohlfeil, die den Nationalsozialismus als Kind eines jüdischen Vaters und einer arischen Mutter erlebte, schildert darin das Leben vor dem Zweiten Weltkrieg, währenddessen und nicht zuletzt auch danach. Wer Parallelen zu heute sucht, wird sie finden, doch man darf nicht vergessen, wie anders Deutschland heute dasteht als 1929.

Dennoch sind die beiden Romane sehr wichtig.

Hier ein Link zu einestages auf SPON mit Bildern und einem Text von Ellinor Wohlfeil.

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Leseprobe: Im Zwielicht der Zeit

Im Zwielicht der Zeit

Gertrud und Emmy saßen im Wohnzimmer und waren mit Näharbeiten beschäftigt. Zwischen ihnen stand ein großer Korb mit Wäsche, die noch geflickt werden musste. Die Nachmittagssonne sandte ihre Strahlen durch das halb geöffnete Fenster. Ein leichter Wind bauschte die Gardine und spielte mit ihren Schatten. Es war still in dem Raum, nur von draußen drangen ab und zu Geräusche herein: Rufe, Hundegebell, Kinderstimmen, das Rumpeln der Straßenbahn, die vorüberfuhr. Die beiden Frauen schwiegen, jede hing ihren Gedanken nach.
Da wurde plötzlich die Tür geöffnet. Gertrud schrak zusammen und blickte auf. Ihr Vater stand im Türrahmen. Seine große Gestalt schien die ganze Öffnung auszufüllen. Er hielt einen Brief in der Hand. „Paul hat geschrieben“, sagte er mit ruhiger Stimme.
„Oh, Vater, wie schön!“ Gertrud ließ den Strumpf fallen, den sie gerade stopfte, und wollte vor Freude aufspringen, doch ein Blick in das ernste Gesicht des Vaters hielt sie zurück. „Was ist?“ Ängstlich sah sie ihn an.
„Paul ist schwer verwundet, aber es geht ihm schon besser“, sagte Oertel mit belegter Stimme. Dann las er vor: „Lieber Vater, liebe Gertrud! Ihr habt lange nichts von mir gehört. Aber ich konnte nicht schreiben, denn ich bin schwer verwundet. Ich habe einen Lungendurchschuss. Doch inzwischen geht es mir besser, und ich hoffe, dass ich in ungefähr zwei Wochen aus dem Lazarett entlassen werde. Wie freue ich mich auf zu Hause!“
Oertel ließ den Brief sinken. Sein Gesicht hatte jetzt einen ungewohnt weichen Ausdruck. Gertrud schien es, als sei alle Strenge daraus verschwunden. Sie selbst hatte Tränen in den Augen, Tränen der Freude, des Mitleids und der Sorge. „Paul kommt nach Hause, dem Himmel sei Dank!“ rief sie aus. „Er wird wieder gesund werden, Vater. Die Hauptsache ist doch, dass er lebt.“
Sie stand auf und ging zu ihm hin. Oertel nahm ihre Hand und drückte sie fest, dann drehte er sich um und ging wortlos aus dem Zimmer.
Zwei Wochen später stand Gertrud voller Erwartung mit ihrem Vater auf dem Bahnsteig, um ihren Bruder vom Zug abzuholen. Überall drängten sich Menschen. „Wo kommen all diese Leute her?“ Sie blickte sich überrascht um. „Es kann doch nicht sein, dass alle ihre verwundeten Angehörigen abholen wollen.“
„Wahrscheinlich kommen auch Frontsoldaten, die Heimaturlaub haben, mit diesem Zug“, meinte Oertel.
Als die Lokomotive schnaufend in den Bahnhof einfuhr und schließlich hielt, kam Bewegung in die Menge. Gertrud wurde von einer dicken Frau beiseite geschubst, die rufend und winkend versuchte, einem Soldaten entgegenzulaufen, der gerade auf Krücken aus einem Waggon herauskam. Einige junge Männer in Uniform winkten lachend, sprangen rasch auf den Bahnsteig, bahnten sich einen Weg durch das Gedränge zu einer Gruppe wartender Frauen und begrüßten sie stürmisch.
Ein großer, schlanker, leicht gebeugt gehender junger Mann kam mit schleppenden Schritten auf Oertel und Gertrud zu. Das ist doch nicht Paul, ging es ihr durch den Kopf, das kann er nicht sein. Als er dann vor ihnen stand, war er Gertrud so fremd, dass sie fast Scheu vor ihm empfand. War er größer geworden? Oder kam es, weil er so abgemagert war? Der Uniformmantel schien ihm gar nicht zu passen. Und wie blass und schmal er geworden war! Das war nicht mehr das vertraute Gesicht, das sie von früher her kannte. Seine Gesichtszüge waren viel schärfer geworden, die Nase und die Wangenknochen traten hervor, und von der Nasenwurzel abwärts bis zu den Mundwinkeln zogen sich Linien, die vorher nicht dagewesen waren. Alles Weiche, alles Kindliche der Vergangenheit war aus diesem Gesicht verschwunden. Es zeigte einen bitteren Ausdruck, der zu seiner Jugend nicht recht passen wollte. Zögernd, fast ein wenig schüchtern, reichte Gertrud Paul die Hand. Es gelang ihr nicht, ihn spontan zu umarmen, wie sie es eigentlich gewollt hatte, wie sie es auch früher bei manchen Gelegenheiten getan hatte. Da war etwas Trennendes, wie eine Mauer, das sie hinderte, ihm nahe zu kommen. „Willkommen zu Hause, Paul“, sagte sie leise. Ihre Stimme bebte. In ihren Augen lag ein Ausdruck von Betroffenheit, aber auch von Wärme.
Oertel legte seinem Sohn einen Arm um die Schultern und drückte ihn leicht an sich. „Gut, dass wir dich jetzt ein Weilchen zu Hause haben. Du musst dich nun erst einmal erholen.“
Auf dem Heimweg sprachen die drei kaum. Gertrud versuchte ein paar Mal, eine Unterhaltung mit Paul anzufangen. „Schön, dass du wieder da bist“, sagte sie, und „Wie geht es dir?“ Aber Paul schien sie nicht zu hören. Verlegen sah sie zu Boden. Auf einmal kamen ihr ihre Worte unaufrichtig und belanglos vor.
Paul war in den nächsten Tagen sehr still und in sich gekehrt. Es war so, als sei er noch nicht richtig nach Hause gekommen. Von der Front erzählte er gar nichts. Als der Vater ihn nach seiner Verwundung fragte, gab er nur eine knappe Auskunft.
Emmy schienen die Veränderungen in Pauls Wesen am wenigsten aufzufallen. Oder sie ließ sich nichts anmerken. „Schmal sind Sie geworden, Herr Paul“, stellte sie in ihrer mütterlich-resoluten Art lächelnd fest. Dann sah sie ihn aufmunternd an und legte wie bekräftigend ihre Hand auf seinen Arm: „Das kriegen wir schon wieder hin. Wir werden Sie richtig aufpäppeln.“
Ein dankbares Lächeln glitt über Pauls Gesicht.
Was war das für ein Schrei? Gertrud fuhr aus tiefstem Schlaf hoch. Da hat doch jemand geschrien, oder habe ich geträumt? Verstört rieb sie sich die Augen und horchte angespannt. Da, da ist es wieder! Ein Schrei, als sei jemand in Todesnot! Und dann dieses Stöhnen, so qualvoll … dieses Wimmern … Ein Schauer lief ihr über den Rücken. Es klingt, als sei alles Leid der Welt in diesen schmerzerfüllten Lauten eingefangen und suche verzweifelt nach einem Ausweg. Das kommt ja aus Pauls Zimmer! Einen Herzschlag lang war sie starr vor Schreck. Dann fasste sie sich und zog entschlossen den Morgenrock über. Was war los? Sie musste zu ihm.
Paul warf sich unruhig im Bett hin und her. Er war schweißüberströmt, die Haare hingen ihm wirr ins Gesicht, seine Augen waren halb geöffnet. Gertrud wusste nicht, ob er wach war oder schlief. Voller Angst betrachtete sie ihn. Er muss etwas Furchtbares träumen. Immer wieder dieses klägliche Wimmern und Stöhnen … Jetzt sagt er etwas … aber ich kann ihn kaum verstehen … Seine Stimme ist so verändert. Sie versuchte, genau hinzuhören, und konnte schließlich einige Wortfetzen aufschnappen. „Dieser ewige Regen … Mir ist so kalt … alles nass … und der Schlamm … Ich kann mich nicht bewegen …“ Es war wie ein Klagen, das immer erregter wurde. „Läuse … überall … am ganzen Körper … jetzt auch noch Ratten … weg … weg …“ Er schlug wie wild mit den Händen um sich.
Gertrud wollte zu ihm gehen, seine Hände festhalten, ihn in den Arm nehmen, aber sie stand da wie gelähmt. Sie konnte sich nicht von der Stelle rühren. Dann schien ihr, als würde Paul sich beruhigen. Aber plötzlich wurde seine Stimme wieder lauter, die Erregung nahm zu. „Meine Augen … tun so weh … blenden so … diese Leuchtkugeln …“ Er schlug die Hände vor das Gesicht. „Dieses Heulen … dieses grauenhafte Pfeifen … da, eine Explosion … nicht hier … bitte, nicht hier … Ich will nicht sterben …“ Seine Worte gingen unter in einem markerschütternden Schrei. Dieser Schrei riss Gertrud aus ihrer Erstarrung. Sie spürte, wie ihre Kräfte zurückkehrten, ging zum Bett ihres Bruders und rüttelte ihn, so fest sie konnte.
„Wach auf, Paul, wach auf! Du hast einen Albtraum!“, rief sie verzweifelt. Mit einem Ruck fuhr Paul in die Höhe, saß kerzengerade, seine weit aufgerissenen Augen starrten mit leerem Blick ins Zimmer. Er sah Gertrud nicht, schien noch nicht wach zu sein. „Blut … überall Blut …“ Er sprach mit ersterbender Stimme. „… und die vielen Toten … überall Tote … diese Schmerzen …“ Dann war es nur noch ein hilfloses Schluchzen, das Gertrud Tränen in die Augen trieb. Sie rüttelte ihren Bruder wieder mit verzweifelter Heftigkeit. „Wach auf, wach doch endlich auf, Paul! Quäl dich doch nicht so!“
Paul schien nun endlich wach zu sein. Er blickte seine Schwester an, und sie sah in seinen Augen, in seinem ganzen Gesicht das Entsetzen gespiegelt, das furchtbare Grauen, das er erlebt haben musste. Still nahm sie seine Hand und lehnte seinen Kopf an ihre Schulter. So saßen die Geschwister eine Weile beieinander, keines sagte ein Wort. Paul lehnte sich erschöpft an Gertrud, und sie strich von Zeit zu Zeit über sein wirres Haar, so wie man ein Kind beruhigt, das schlecht geträumt hat. Es war eine fast scheue Berührung, eine liebevolle, aber hilflose Geste. Schließlich schob Paul seine Schwester sanft von sich.
„Geh wieder schlafen, Gertrud. Es tut mir leid, dass ich dich geweckt habe.“
Das ist seine normale Stimme, dachte sie erleichtert. In all ihrer Betroffenheit hatte dieser Gedanke etwas Tröstliches.
„Paul …“, sagte sie leise, fasste seinen Arm und sah ihm forschend ins Gesicht. Aber er schüttelte den Kopf, legte sich zurück in seine Kissen und drehte sich auf die Seite, ihr den Rücken zuwendend. Sie verstand. Er wollte nicht darüber reden, er konnte nicht darüber reden. Die Schrecken, die er erlebt hatte, saßen zu tief. Wie böse Geister hatten sie sich in seiner Seele festgekrallt. Mit eisernem Griff hielten sie ihn umklammert, und er kämpfte mit aller Kraft, dass sie ihn nicht ganz zerstörten. Wenn es an der Zeit ist, wird er darüber reden, dachte Gertrud. Er muss darüber reden, sonst zerbricht er daran. Aber jetzt ist es noch zu früh. Leise ging sie aus dem Zimmer.