Veröffentlicht am

Buchtipp: Im Zwielicht der Zeit

Im Zwielicht der Zeit

Ellinor Wohlfeils zweiteilige Familien-Saga aus „Im Zwielicht der Zeit“ und „Im Bann der Vergangenheit“ erzählt unaufgeregt ein Stück deutscher Geschichte.

Ellinor Wohlfeil, die den Nationalsozialismus als Kind eines jüdischen Vaters und einer arischen Mutter erlebte, schildert darin das Leben vor dem Zweiten Weltkrieg, währenddessen und nicht zuletzt auch danach. Wer Parallelen zu heute sucht, wird sie finden, doch man darf nicht vergessen, wie anders Deutschland heute dasteht als 1929.

Dennoch sind die beiden Romane sehr wichtig.

Hier ein Link zu einestages auf SPON mit Bildern und einem Text von Ellinor Wohlfeil.

Veröffentlicht am

Leseprobe: Im Bann der Vergangenheit

Im Bann der Vergangenheit

Die zweite Schwangerschaft verlief ohne Probleme. Anna fühlte sich wohl und freute sich auf ihr Kind. Als ihr Bauch sich rundete und sie die Bewegungen des Kindes spürte, erzählte sie Klaus, dass er bald ein Schwesterchen oder ein Brüderchen haben würde.
Das Kind machte große Augen. „Wo kommt das denn her?“
„Die kleinen Kinder wachsen im Bauch der Mutter. Hier, fühle mal.“ Sie schob ihren Rock hoch und legte die Hand ihres Sohnes auf ihren nackten Bauch. „Fühlst du, wie es strampelt?“ Klaus sah seine Mutter ungläubig an. Konnte das möglich sein? „Auch du bist in meinem Bauch gewachsen“, sagte Anna lächelnd und strich ihm die blonden Locken aus der Stirn.
An einem sonnigen Tag im September brachte Ralf Anna morgens um sieben Uhr ins Krankenhaus. Die Geburt war leicht und ging schnell vorbei. Mittags um zwei hielt Anna glückstrahlend ihre Tochter in den Armen. Als sie mit der kleinen Lisa wieder zu Hause war, kam Gertrud nach Düsseldorf, um Anna zu helfen. Ralf wollte mit Klaus für vierzehn Tage zu Margret nach Süddeutschland reisen, um Anna zu entlasten.
Gertrud und Anna hatten sich längere Zeit nicht gesehen, und beide freuten sich auf das Beisammensein. Wie mager sie geworden ist, dachte Anna, als Gertrud mit Ralf, der sie vom Bahnhof abgeholt hatte, hereinkam. Gertrud war schon immer zierlich und schlank gewesen, aber in den letzten Jahren schien sie noch weiter abgenommen zu haben. Anna hatte das Gefühl, als ob etwas Durchsichtiges, Ätherisches ihre Mutter umgeben würde. Sie hat viel Kraft gebraucht in ihrem Leben, und jetzt scheint es so, als seien ihre Kräfte erschöpft, dachte sie.
„Wozu brauchst du denn die vielen Medikamente?“ fragte Anna sie.
„Ja, Kind, wenn man älter wird, hat man so seine Wehwehchen“, antwortete Gertrud lächelnd. „Mein Herz und mein Kreislauf haben mir ja schon früher Schwierigkeiten gemacht, und jetzt kommen noch Magenbeschwerden und Schlaflosigkeit dazu. Doktor Hansen meint, die Ursache dafür sind meine schlechten Nerven. Psychosomatische Symptome nannte er es. Die Mittel sind aber alle harmlos, rein pflanzlich, etwas anderes vertrage ich gar nicht“, setzte sie beruhigend hinzu.
Eine große Hilfe war Gertrud nicht für ihre Tochter, aber das war auch nicht nötig. Die kleine Lisa war ein liebes, ruhiges Baby, nicht so ein Schreihals wie Klaus damals. Wenn sie versorgt war, lag sie brav in ihrem Körbchen und schlief. Gertrud machte gelegentlich kleine Besorgungen, wusch das Frühstücksgeschirr ab, wenn Anna ihr Kind badete, oder hielt ihre Enkelin auf dem Schoß, wenn das Bettchen frisch gemacht wurde. Ein Mädchen aus der Nachbarschaft kam zum Putzen. So hatten die beiden Frauen Zeit, miteinander zu plaudern.
„Wenn ich dich so mit deinem Kind sehe …“ Gertrud beendete den Satz nicht, sondern blickte versonnen zu Anna hinüber, die die kleine Lisa stillte. „Wenn ich dich so anschaue … Ich denke, dass du jetzt zufrieden bist. Kinder zu haben, das ist doch die höchste Erfüllung für eine Frau.“
Anna warf den Kopf zurück. Durch die Heftigkeit der Bewegung rutschte die Brustwarze aus Lisas Mündchen, und sie fing leise an zu wimmern. Ein abweisender Blick traf Gertrud, die ihn allerdings nicht zu bemerken schien, dann legte Anna ihre Tochter wieder an die Brust. Die Worte ihrer Mutter hatten eine empfindliche Stelle getroffen, die immer noch schmerzte. Anna bemühte sich, ihre Erregung zu mäßigen. Warum muss sie denn nun so etwas sagen, sie weiß wirklich gar nichts von mir! Zu ihrer Mutter gewendet, antwortete sie: „Natürlich liebe ich meine Kinder. Nicht um alles in der Welt könnte ich sie hergeben oder verlassen. Aber gerade du müsstest doch eigentlich verstehen, dass es im Leben einer Frau auch noch andere Wünsche und Ziele geben kann.“ Ihre Stimme klang beherrscht, aber Gertrud spürte deutlich die innere Anspannung dahinter.
„Immer noch der alte Dickkopf, Anna! Du machst dir das Leben doch nur selber schwer“, sagte sie und schüttelte den Kopf.
Anna antwortete nicht. Es hatte ohnehin keinen Zweck. Sie hätte gern gesagt, dass es die Umstände sind, die den Frauen das Leben schwer machen. Männer haben diese Probleme nicht, sie können einen Beruf und Kinder haben. Aber ihre Mutter würde immer nur die alten Klischees wiederholen, obwohl sie sie für sich selbst auch einmal abgelehnt hatte. Schweigen füllte den Raum. Nur das zufriedene Schmatzen des Kindes war zu hören. Die beiden Frauen hingen ihren Gedanken nach.
Gertrud fühlte sich oft müde und musste sich zwischendurch immer wieder hinlegen. Dann las sie. Anna nahm einmal das Buch in die Hand. Es war Die Zukunft des Menschen von Teilhard de Chardin. Sie blätterte darin herum und sah mit Erstaunen und Bewunderung die vielen Notizen, die ihre Mutter gemacht hatte. Sie hatte Seitenzahlen auf die Innenseiten des Einbands geschrieben, ganze Abschnitte angestrichen und alles, was ihr wichtig war, irgendwie markiert. Zeitungsausschnitte, die sich auf das Buch oder sein Thema bezogen, lagen zwischen den Seiten, ebenso Notizzettel mit Erklärungen von Begriffen, die sie wohl nicht gekannt und deshalb nachgeschlagen hatte. Anna bewunderte ihre Mutter, dass sie sich mit solch einer schwierigen Lektüre so intensiv auseinandersetzte.
„Hast du das Buch von Onkel Paul?“, fragte sie und legte es zurück auf den Tisch neben der Couch.
„Natürlich“, antwortete Gertrud und lächelte. „Es ist ein bisschen schwer zu lesen, aber ich arbeite mich durch, wie du siehst.“ Sie setzte sich auf, und Anna stopfte ihr ein Kissen in den Rücken, damit sie es bequemer hätte. „Teilhard de Chardin ist ein großartiger Naturwissenschaftler und Philosoph“, sagte sie. „Seine Bücher lehren mich zu verstehen, dass wir mit unserem kleinen Leben Teil eines größeren Ganzen sind, ein Bausteinchen im Kosmos. Aber alle Bausteinchen sind von Bedeutung, sie haben ihre Aufgabe und ihren Sinn.“ Gertrud machte eine Pause und sah zu dem Kind hinüber, das in seiner Wiege ruhig schlief. „Weißt du“, fuhr sie dann fort, den Blick wieder auf Anna gerichtet, „wenn man in meinem Alter ist und auf sein Leben zurückblickt, bekommt vieles einen Sinn, den man früher nicht gesehen hat. Es ist wichtig, dass man einen übergeordneten Blickwinkel entwickelt und nicht im Persönlichen stecken bleibt. Man muss sich darum bemühen, von den Verstrickungen und vom Festhalten am eigenen Schicksal frei zu werden, dann gewinnt man mehr und mehr innere Ruhe. Aber dazu gehört eine Reife, die man sich erst erarbeiten muss.“ Gertrud schwieg. Ihren Blick hatte sie in eine unbekannte Ferne gerichtet.
Anna war tief bewegt von den Worten ihrer Mutter. In diesem Augenblick empfand sie eine innige Liebe zu dieser Frau, die in ihrem Leben so vieles tapfer ertragen hatte. Die Meinungsverschiedenheiten, die es immer wieder gab, verblassten.
Gertrud hatte auch für Anna ein Buch mitgebracht. Der Titel lautete: Und führen, wohin du nicht willst. Sie nahm das Buch, bedankte sich brav und stellte es in den Bücherschrank. Dort blieb es stehen, lesen würde sie es nie. Als sie den Titel sah, regte sich der alte Widerstand in ihr. Warum mischen sich alle immer wieder in mein Leben ein? Warum soll ich an einen Ort geführt werden, wohin ich gar nicht will? Ich bin schon genug Wege gegangen, die ich nicht habe gehen wollen. Habe ich nicht das Recht, selbst über mein Leben zu bestimmen? Warum soll ich mich immer wieder irgendwelchen Zwängen beugen? Das Baby im Körbchen wimmerte ganz leise. Sofort ging Anna hin und beugte sich über ihre Tochter, aber die schlief ruhig weiter. Sie blieb eine Weile bei der Wiege stehen. Zärtlichkeit erfüllte ihr Herz. Auf einem solchen Weg, den ich auch nicht gehen wollte, seid ihr mir geschenkt worden, du und dein Bruder. Nachdenklich betrachtete sie das schlafende Kind.

Veröffentlicht am

Leseprobe: Im Zwielicht der Zeit

Im Zwielicht der Zeit

Gertrud und Emmy saßen im Wohnzimmer und waren mit Näharbeiten beschäftigt. Zwischen ihnen stand ein großer Korb mit Wäsche, die noch geflickt werden musste. Die Nachmittagssonne sandte ihre Strahlen durch das halb geöffnete Fenster. Ein leichter Wind bauschte die Gardine und spielte mit ihren Schatten. Es war still in dem Raum, nur von draußen drangen ab und zu Geräusche herein: Rufe, Hundegebell, Kinderstimmen, das Rumpeln der Straßenbahn, die vorüberfuhr. Die beiden Frauen schwiegen, jede hing ihren Gedanken nach.
Da wurde plötzlich die Tür geöffnet. Gertrud schrak zusammen und blickte auf. Ihr Vater stand im Türrahmen. Seine große Gestalt schien die ganze Öffnung auszufüllen. Er hielt einen Brief in der Hand. „Paul hat geschrieben“, sagte er mit ruhiger Stimme.
„Oh, Vater, wie schön!“ Gertrud ließ den Strumpf fallen, den sie gerade stopfte, und wollte vor Freude aufspringen, doch ein Blick in das ernste Gesicht des Vaters hielt sie zurück. „Was ist?“ Ängstlich sah sie ihn an.
„Paul ist schwer verwundet, aber es geht ihm schon besser“, sagte Oertel mit belegter Stimme. Dann las er vor: „Lieber Vater, liebe Gertrud! Ihr habt lange nichts von mir gehört. Aber ich konnte nicht schreiben, denn ich bin schwer verwundet. Ich habe einen Lungendurchschuss. Doch inzwischen geht es mir besser, und ich hoffe, dass ich in ungefähr zwei Wochen aus dem Lazarett entlassen werde. Wie freue ich mich auf zu Hause!“
Oertel ließ den Brief sinken. Sein Gesicht hatte jetzt einen ungewohnt weichen Ausdruck. Gertrud schien es, als sei alle Strenge daraus verschwunden. Sie selbst hatte Tränen in den Augen, Tränen der Freude, des Mitleids und der Sorge. „Paul kommt nach Hause, dem Himmel sei Dank!“ rief sie aus. „Er wird wieder gesund werden, Vater. Die Hauptsache ist doch, dass er lebt.“
Sie stand auf und ging zu ihm hin. Oertel nahm ihre Hand und drückte sie fest, dann drehte er sich um und ging wortlos aus dem Zimmer.
Zwei Wochen später stand Gertrud voller Erwartung mit ihrem Vater auf dem Bahnsteig, um ihren Bruder vom Zug abzuholen. Überall drängten sich Menschen. „Wo kommen all diese Leute her?“ Sie blickte sich überrascht um. „Es kann doch nicht sein, dass alle ihre verwundeten Angehörigen abholen wollen.“
„Wahrscheinlich kommen auch Frontsoldaten, die Heimaturlaub haben, mit diesem Zug“, meinte Oertel.
Als die Lokomotive schnaufend in den Bahnhof einfuhr und schließlich hielt, kam Bewegung in die Menge. Gertrud wurde von einer dicken Frau beiseite geschubst, die rufend und winkend versuchte, einem Soldaten entgegenzulaufen, der gerade auf Krücken aus einem Waggon herauskam. Einige junge Männer in Uniform winkten lachend, sprangen rasch auf den Bahnsteig, bahnten sich einen Weg durch das Gedränge zu einer Gruppe wartender Frauen und begrüßten sie stürmisch.
Ein großer, schlanker, leicht gebeugt gehender junger Mann kam mit schleppenden Schritten auf Oertel und Gertrud zu. Das ist doch nicht Paul, ging es ihr durch den Kopf, das kann er nicht sein. Als er dann vor ihnen stand, war er Gertrud so fremd, dass sie fast Scheu vor ihm empfand. War er größer geworden? Oder kam es, weil er so abgemagert war? Der Uniformmantel schien ihm gar nicht zu passen. Und wie blass und schmal er geworden war! Das war nicht mehr das vertraute Gesicht, das sie von früher her kannte. Seine Gesichtszüge waren viel schärfer geworden, die Nase und die Wangenknochen traten hervor, und von der Nasenwurzel abwärts bis zu den Mundwinkeln zogen sich Linien, die vorher nicht dagewesen waren. Alles Weiche, alles Kindliche der Vergangenheit war aus diesem Gesicht verschwunden. Es zeigte einen bitteren Ausdruck, der zu seiner Jugend nicht recht passen wollte. Zögernd, fast ein wenig schüchtern, reichte Gertrud Paul die Hand. Es gelang ihr nicht, ihn spontan zu umarmen, wie sie es eigentlich gewollt hatte, wie sie es auch früher bei manchen Gelegenheiten getan hatte. Da war etwas Trennendes, wie eine Mauer, das sie hinderte, ihm nahe zu kommen. „Willkommen zu Hause, Paul“, sagte sie leise. Ihre Stimme bebte. In ihren Augen lag ein Ausdruck von Betroffenheit, aber auch von Wärme.
Oertel legte seinem Sohn einen Arm um die Schultern und drückte ihn leicht an sich. „Gut, dass wir dich jetzt ein Weilchen zu Hause haben. Du musst dich nun erst einmal erholen.“
Auf dem Heimweg sprachen die drei kaum. Gertrud versuchte ein paar Mal, eine Unterhaltung mit Paul anzufangen. „Schön, dass du wieder da bist“, sagte sie, und „Wie geht es dir?“ Aber Paul schien sie nicht zu hören. Verlegen sah sie zu Boden. Auf einmal kamen ihr ihre Worte unaufrichtig und belanglos vor.
Paul war in den nächsten Tagen sehr still und in sich gekehrt. Es war so, als sei er noch nicht richtig nach Hause gekommen. Von der Front erzählte er gar nichts. Als der Vater ihn nach seiner Verwundung fragte, gab er nur eine knappe Auskunft.
Emmy schienen die Veränderungen in Pauls Wesen am wenigsten aufzufallen. Oder sie ließ sich nichts anmerken. „Schmal sind Sie geworden, Herr Paul“, stellte sie in ihrer mütterlich-resoluten Art lächelnd fest. Dann sah sie ihn aufmunternd an und legte wie bekräftigend ihre Hand auf seinen Arm: „Das kriegen wir schon wieder hin. Wir werden Sie richtig aufpäppeln.“
Ein dankbares Lächeln glitt über Pauls Gesicht.
Was war das für ein Schrei? Gertrud fuhr aus tiefstem Schlaf hoch. Da hat doch jemand geschrien, oder habe ich geträumt? Verstört rieb sie sich die Augen und horchte angespannt. Da, da ist es wieder! Ein Schrei, als sei jemand in Todesnot! Und dann dieses Stöhnen, so qualvoll … dieses Wimmern … Ein Schauer lief ihr über den Rücken. Es klingt, als sei alles Leid der Welt in diesen schmerzerfüllten Lauten eingefangen und suche verzweifelt nach einem Ausweg. Das kommt ja aus Pauls Zimmer! Einen Herzschlag lang war sie starr vor Schreck. Dann fasste sie sich und zog entschlossen den Morgenrock über. Was war los? Sie musste zu ihm.
Paul warf sich unruhig im Bett hin und her. Er war schweißüberströmt, die Haare hingen ihm wirr ins Gesicht, seine Augen waren halb geöffnet. Gertrud wusste nicht, ob er wach war oder schlief. Voller Angst betrachtete sie ihn. Er muss etwas Furchtbares träumen. Immer wieder dieses klägliche Wimmern und Stöhnen … Jetzt sagt er etwas … aber ich kann ihn kaum verstehen … Seine Stimme ist so verändert. Sie versuchte, genau hinzuhören, und konnte schließlich einige Wortfetzen aufschnappen. „Dieser ewige Regen … Mir ist so kalt … alles nass … und der Schlamm … Ich kann mich nicht bewegen …“ Es war wie ein Klagen, das immer erregter wurde. „Läuse … überall … am ganzen Körper … jetzt auch noch Ratten … weg … weg …“ Er schlug wie wild mit den Händen um sich.
Gertrud wollte zu ihm gehen, seine Hände festhalten, ihn in den Arm nehmen, aber sie stand da wie gelähmt. Sie konnte sich nicht von der Stelle rühren. Dann schien ihr, als würde Paul sich beruhigen. Aber plötzlich wurde seine Stimme wieder lauter, die Erregung nahm zu. „Meine Augen … tun so weh … blenden so … diese Leuchtkugeln …“ Er schlug die Hände vor das Gesicht. „Dieses Heulen … dieses grauenhafte Pfeifen … da, eine Explosion … nicht hier … bitte, nicht hier … Ich will nicht sterben …“ Seine Worte gingen unter in einem markerschütternden Schrei. Dieser Schrei riss Gertrud aus ihrer Erstarrung. Sie spürte, wie ihre Kräfte zurückkehrten, ging zum Bett ihres Bruders und rüttelte ihn, so fest sie konnte.
„Wach auf, Paul, wach auf! Du hast einen Albtraum!“, rief sie verzweifelt. Mit einem Ruck fuhr Paul in die Höhe, saß kerzengerade, seine weit aufgerissenen Augen starrten mit leerem Blick ins Zimmer. Er sah Gertrud nicht, schien noch nicht wach zu sein. „Blut … überall Blut …“ Er sprach mit ersterbender Stimme. „… und die vielen Toten … überall Tote … diese Schmerzen …“ Dann war es nur noch ein hilfloses Schluchzen, das Gertrud Tränen in die Augen trieb. Sie rüttelte ihren Bruder wieder mit verzweifelter Heftigkeit. „Wach auf, wach doch endlich auf, Paul! Quäl dich doch nicht so!“
Paul schien nun endlich wach zu sein. Er blickte seine Schwester an, und sie sah in seinen Augen, in seinem ganzen Gesicht das Entsetzen gespiegelt, das furchtbare Grauen, das er erlebt haben musste. Still nahm sie seine Hand und lehnte seinen Kopf an ihre Schulter. So saßen die Geschwister eine Weile beieinander, keines sagte ein Wort. Paul lehnte sich erschöpft an Gertrud, und sie strich von Zeit zu Zeit über sein wirres Haar, so wie man ein Kind beruhigt, das schlecht geträumt hat. Es war eine fast scheue Berührung, eine liebevolle, aber hilflose Geste. Schließlich schob Paul seine Schwester sanft von sich.
„Geh wieder schlafen, Gertrud. Es tut mir leid, dass ich dich geweckt habe.“
Das ist seine normale Stimme, dachte sie erleichtert. In all ihrer Betroffenheit hatte dieser Gedanke etwas Tröstliches.
„Paul …“, sagte sie leise, fasste seinen Arm und sah ihm forschend ins Gesicht. Aber er schüttelte den Kopf, legte sich zurück in seine Kissen und drehte sich auf die Seite, ihr den Rücken zuwendend. Sie verstand. Er wollte nicht darüber reden, er konnte nicht darüber reden. Die Schrecken, die er erlebt hatte, saßen zu tief. Wie böse Geister hatten sie sich in seiner Seele festgekrallt. Mit eisernem Griff hielten sie ihn umklammert, und er kämpfte mit aller Kraft, dass sie ihn nicht ganz zerstörten. Wenn es an der Zeit ist, wird er darüber reden, dachte Gertrud. Er muss darüber reden, sonst zerbricht er daran. Aber jetzt ist es noch zu früh. Leise ging sie aus dem Zimmer.