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Leseprobe: Ich bleibe solo – Erfahrungen mit dem Glück

Ich bleibe solo

Mein Entschluss steht fest: Ich bleibe solo! Ich habe viel Lehrgeld bezahlen müssen für diese Erkenntnis, aber inzwischen habe ich das Alleinleben gelernt. Allerlei Erfahrungen waren dafür nötig: heitere und ernste, langweilige und skurrile Erlebnisse, an die ich mit einem Lächeln zurückdenke; Begegnungen, die Enttäuschungen mit sich brachten, aber auch amüsante Stunden. Wenn ich die Ereignisse der letzten zwei Jahre meines Lebens in Gedanken wieder lebendig werden lasse, dann ist mir zum Schmunzeln zumute.
Alles begann damit, dass mein glücklich verheirateter Sohn mich eines Tages mit der lakonischen Feststellung überraschte: „Mutter, du brauchst wieder einen Mann!“ Dabei war es doch erst zwei Jahre her, dass ich Witwe geworden war.
„Der Kay hat recht“, pflichtete meine Schwiegertochter Halime ihm bei, „das Alleinsein ist nichts für dich. Der Mensch braucht einen Partner, einen anderen Menschen, mit dem er reden kann, gemeinsam etwas planen und unternehmen kann. Es ist schlimm, dass Papa so früh gestorben ist, aber das lässt sich nun einmal nicht ändern. Du kannst doch deswegen nicht deine Lebensjahre, die noch vor dir liegen, vertrauern!“
„Du hast dich verändert“, fuhr nun mein Sohn wieder fort, „früher warst du aktiv, hattest vielerlei Interessen, hast neben dem Schuldienst Orgel gespielt, hast fotografiert. Jetzt sitzt du oft nur rum und tust gar nichts. Das passt nicht zu dir. Du musst raus aus deinen vier Wänden.“
„Und zu zweit macht sowieso alles mehr Spaß“, fiel Halime ihm ins Wort.
„Also, lass dir das mal durch den Kopf gehen“, sprach mein Sohn wieder weiter. „Aber du musst selbst etwas tun! Es steht nicht plötzlich ein gutaussehender, charmanter Herr mittleren Alters vor deiner Haustür und sagt: ‚Hier bin ich, Madame, ich bin der ideale Partner für Sie!‘ Also, unternimm was!“
Wir saßen in dem gemütlichen Wohnzimmer meiner Kinder bei einem Glas Rotwein zusammen. Das Kerzenlicht verbreitete eine romantische Stimmung. Ich sah die beiden an. Mein Sohn hielt die Hand seiner Frau, und es war schon ein bisschen zu sehen, dass sie bald nicht mehr zu zweit sein würden. Ein warmes Gefühl von Zuneigung und Liebe durchströmte mich. Sie waren glücklich, und sie wollten, dass auch ich wieder glücklich werden sollte, nach dem schweren Verlust, der mich getroffen hatte. Ich dachte an das Haus, das ich nun allein bewohnte, und das so leer war – früher war es voller Leben und Kinderlachen gewesen; morgen früh würde ich wieder dahin zurückkehren. Niemand erwartete mich. Niemand würde mich vermissen, wenn ich nicht käme. Zum ersten Mal, seit ich meinen Mann verloren hatte, kam mir der Gedanke, dass es schön wäre, wenn zu Hause jemand auf mich wartete, nein, besser noch: wenn er hier mit mir säße, als ein Freund und Vertrauter in unserer kleinen Runde.
Auf dem Heimweg damals musste ich immer wieder an unser Gespräch vom Abend zuvor denken. Auch in den folgenden Tagen ging es mir nicht aus dem Kopf. Vor allem die letzten Worte meines Sohnes „Also, unternimm was“ hatten wie ein kategorischer Imperativ geklungen.
Also, unternimm was! Hmm … aber was?? Als ob sich die ganze Welt verschworen hätte, bekam ich auf einmal von allen Seiten gute Ratschläge, wie ich das Problem lösen könne.
„Mach doch wieder einmal eine Studienreise“, riet meine andere Schwiegertochter, stolze Mutter von zwei Kindern. „Da hast du große Chancen, Leute mit den gleichen Interessen kennenzulernen.“
Ich dachte an die Studienreisen, die ich gemacht hatte, an die Ehepaare, die einen Single nicht an sich heranließen, an die allein reisenden Frauen wie mich, die sich oft sehr einsam fühlen mussten. Na ja, aber man könnte es vielleicht noch einmal probieren. Eine Studienreise ist ja interessant und bildend. Warum nicht.
„Belege Volkshochschulkurse, da kommst du auch unter Menschen“, schlug mein zweiter Sohn vor.
„Geh in den Sauerländischen Gebirgsverein“, sagte meine Freundin. „Meine Mutter war dort auch Mitglied. Da sind sehr nette Leute drin. Es wird auch viel Kulturelles geboten, nicht bloß Wanderungen. Da kannst du sicher jemanden kennenlernen, der zu dir passt.“
„Gucken Sie doch in die Zeitung“, war der Rat einer Bekannten. „In der Samstagsausgabe sind so viele Anzeigen. Ich kenne ein Paar, das sich durch eine Zeitungsanzeige kennengelernt hat. Jetzt leben sie schon drei Jahre glücklich miteinander.“
„Gib selbst eine Anzeige auf, natürlich unter Chiffre; dann brauchst du deine Adresse nicht preiszugeben und kannst auswählen“, meinte eine andere Freundin.
Eine gute Bekannte gab mir die Visitenkarte eines Partnervermittlungsinstituts. Sie war von ihrem Mann verlassen worden, hatte durch dieses Institut einen neuen Partner kennengelernt und war nun, frisch geschieden, seit kurzem wieder glücklich verheiratet. „Sie müssen es probieren“, sagte sie mit bewegter Stimme. „Sie können nicht allein bleiben. Ich bin so glücklich, dass ich mich zu diesem Schritt entschlossen habe.“
Irgendwie fühlte ich mich von alledem ein bisschen überfahren. Vierunddreißig Jahre lang hatten Klaus und ich sehr glücklich miteinander gelebt. Gewiss, es hatte auch Probleme gegeben, Sorgen und schwere Zeiten. Aber gemeinsam sind wir damit fertig geworden. Ich war verzweifelt über seinen plötzlichen Tod. Die letzten beiden Jahre waren erfüllt von Schmerz und Trauer. Wie hatte ich mich darum bemüht, allein zu leben. Manchmal dachte ich, es gelingt. Dann wieder fühlte ich mich so unendlich verlassen. Aber ein neuer Partner? Was ich mir damals, an jenem gemütlichen Abend mit den Kindern, durchaus vorstellen konnte, ja vielleicht sogar wünschte, hielt näheren Überlegungen nicht stand. Wieder daheim, im hellen Licht des Tages, verwarf ich den Gedanken. Alle guten Ratschläge schob ich weit von mir weg. Sie gerieten in Vergessenheit über meinem Alltagstrott. Noch fehlte mir die innere Bereitschaft, allein einen neuen Anfang zu wagen.
Aber wenn ich mich an diese Zeit erinnere, dann weiß ich, dass die Worte meiner Kinder wohl doch nicht ganz ohne Wirkung geblieben waren. Ich ertappte mich nämlich im Laufe der nächsten Wochen zu meinem größten Erstaunen immer wieder dabei, dass ich mir aus der Samstagsausgabe der Zeitung den Teil mit den Heiratsanzeigen heraussuchte, ohne Absicht und rein zufällig, wie mir schien. In der letzten Zeit hatte ich mir angewöhnt, beim Frühstück die Zeitung zu lesen, was ich früher nie getan habe. Aber seit ich allein war, konnte mich die Lektüre wenigstens davor bewahren, stumpfsinnig in meine Kaffeetasse zu starren. Die Zeitung wanderte sonst immer ins Altpapier, nachdem ich den politischen und den kulturellen Teil gelesen hatte. Doch auf einmal wurde jetzt auch der Anzeigenteil interessant, zunächst ungewollt. Ich wunderte mich zwar über mich selbst, aber ich wurde doch neugierig und schaute genauer hin.
Unter der großen Überschrift „Ehewünsche/Bekanntschaften“ gab es zunächst die Rubrik, in der die Vermittlungsinstitute inserierten. Alle waren auch Samstag und Sonntag erreichbar und boten „Traumpartner“ an. Da war der Unternehmer, Dipl.-Ingenieur, junggeblieben, dynamisch, in allerbesten finanziellen Verhältnissen, ein Mann von Welt …, der Arzt, auch äußerlich ein Traummann, lässig-elegant, reitet, segelt, spielt Tennis, ein aktiver Mann mit überlegener Ausstrahlung …, die Erbin eines bestfundierten Unternehmens, Akademikerin, die eine „starke Schulter“ zum Anlehnen sucht … und so weiter und so weiter. Die Erde schien geradezu zu wimmeln von liebevollen, großzügigen Menschen, von starken Persönlichkeiten, tüchtig und erfolgreich im Beruf wie im Leben. Wo waren sie alle? Wo hatte ich bisher meine fünf Sinne gehabt, dass mir noch nie so ein Mensch begegnet war, ausgestattet mit allen Vorzügen, die man sich nur erträumen kann, und ohne alle Schwächen. Es musste sie wohl geben. Ich hatte nur nicht richtig hingeguckt.
In der nächsten Rubrik „Heirat – Er sucht Sie“ ging es schon bescheidener zu. Da suchte Er, des Alleinseins müde, vorzeigbar, eine verständnisvolle Sie …, ein repräsentativer Mann eine nette Frau …, ein stiller, häuslicher Typ wollte sein Herz verschenken … alles unter Chiffre, versteht sich. Die Rubrik „Heirat – Sie sucht Ihn“ überschlug ich. Bei den „Bekanntschaften“ wurde es poetisch – oder gewollt originell: ein Kater sucht eine Schmusekatze und versichert, dass er nicht beißt …, ein stilles, aber in vielen Farben schillerndes Wasser möchte ergründet werden …, Leute, die gestern noch am Abgrund standen, behaupteten, dass sie heute einen Schritt weiter wären, weil sie in der Zeitung standen. Aber es gab auch ganz nüchterne und praktische Wünsche: Da suchte eine naturverbundene Sie einen Partner für gemeinsame Reisen …, Thomas, 26, eine Brieffreundin …, eine blonde, sportliche Witwe einen niveauvollen Herrn für gemeinsame Unternehmungen.
Ich sah die Zeitung eine Weile an. Dann dachte ich: Was soll mir das? Was soll ich mit diesen Anzeigen anfangen? Dass sich hinter irgendeinem dieser Inserate ein Mensch verbergen könnte, der ein Freund oder vielleicht ein neuer Lebensgefährte für mich sein würde, das konnte ich mir einfach nicht vorstellen. Die Zeitung wanderte, wie üblich, ins Altpapier. So ging es ein paar Wochen lang jeden Samstag. Ungewollt studierte ich die gleichen Rubriken. Immer wieder begegnete ich dem Traummann in Spitzenstellung … dem vermögenden Fabrikanten mit einer Hochseeyacht und Grundbesitz in Italien … einer attraktiven Waage … einem gefühlvollen Krebs oder auch dem pensionierten Beamten, der eine nette Dame suchte.
Eines Tages aber wurde ich aufmerksam. Eine Anzeige unterschied sich schon optisch von den anderen. Auf schwarzem Grund mit weißen Buchstaben – sozusagen im Negativdruck – bot eine „Freizeitgemeinschaft Frohsinn und Gemütlichkeit“ ihre Dienste an. Sie wollte allen, die allein sind, helfen und versprach sowohl Partnervermittlungen als auch ein umfangreiches Freizeitprogramm, durch das man zwanglos nette Leute oder neue Freunde kennenlernen könne, um so seinen Bekanntenkreis zu erweitern. „Kommen Sie zu uns! Sie werden es nicht bereuen. Nur Mut!“ Diese Aufforderung, gerichtet an die Adresse der Zögernden und Unentschlossenen, bildete den Schluss des Anzeigentextes. „Das ist doch etwas!“, sagte ich zu mir. Erst einmal ganz unverfänglich schnuppern, sich umsehen, zwanglos Menschen kennenlernen und mit ihnen gemeinsam die Freizeit auf angenehme Weise verbringen. Später könnte sich vielleicht eine engere Beziehung ergeben, so ganz von selbst. Es wäre nicht nötig, in irgendeinem Café zu sitzen, mit einer Nelke im Knopfloch oder einem Seidentüchlein in der Hand, und auf einen unbekannten Herrn zu warten, der bestimmt genau so viel Hemmungen, genau so viel Ängste hat wie man selbst. Diese ganze verkrampfte Situation könnte man vermeiden, wenn man das Problem von dieser Seite her anginge.
Hier stockten meine Gedanken plötzlich. Schlagartig wurde mir bewusst, dass ich tatsächlich ernsthaft darüber nachdachte, mir einen neuen Partner zu suchen. Ich wollte doch eigentlich gar nicht! Oder wollte ich doch? Ich wusste es nicht genau, aber ich schnitt die Anzeige aus und legte sie auf meinen Schreibtisch. Dort blieb sie erst einmal ein paar Tage liegen. Ich wollte sie nicht weiter beachten. Doch mein Blick musste zwangsläufig immer wieder darauf fallen, und so wurde ich ständig an sie erinnert. Schließlich griff ich zum Telefonhörer und wählte die angegebene Nummer.

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Leseprobe: Kein menschlicher Makel – weder gestern noch heute

Kein menschlicher Makel

Ruths Augen sind eine einzige brennende, verzweifelte Frage, doch ihre Stimme klingt unbeteiligt, monoton, so, als ob ein anderer, nicht sie selbst spräche. Nur in ihren Augen spiegelt sich die ganze innere Erregung wider. „Es ist … ein furchtbarer Druck …“, sie sucht mühsam nach Worten, „… eine Spannung …, die mich innerlich zerreißt …, ich möchte weinen, schreien …, ich kann aber nicht. Mir ist, als sei eine Tür in meinem Innern zugefallen. Nichts kann mehr nach außen dringen. Manchmal gehe ich stundenlang spazieren, laufe, renne, nur um diesen Druck loszuwerden. Aber ich kann ihn nicht loswerden. Er ist immer da. Ich bin ihm ausgeliefert.“ Sie starrt vor sich hin. Ihr Blick geht ins Leere. „Ich habe Angst“, sagt sie schließlich stockend und etwas atemlos. „Angst, etwas falsch zu machen; Angst, mich zu verspielen; Angst, mich zu blamieren. Angst! Mein Herz schlägt wie rasend, meine Hände zittern. Ich komme nicht dagegen an.“ Ruth schweigt. Ihre Stimme versagt. Als sie weiterspricht, versucht sie, ihre Fassung wiederzugewinnen. „Es beginnt schon mitten in der Woche. Ich kann nicht schlafen. Ich fühle mich einer quälenden, inneren Unruhe ausgesetzt. Bis zum Sonntag steigert sich dieser Zustand. Dann kommt die Angst. Ich verstehe das nicht! Ich kann es mir nicht erklären! Ich habe es mir doch so gewünscht …, die Orgel ist so ein herrliches Instrument …, es war mein größter Wunsch, da oben zu sitzen und zu spielen … Ich begreife es nicht!!“, bricht es schließlich aus ihr heraus. Gedämpft klingen Straßengeräusche in die Stille des Zimmers: Motorenlärm, das Hupen von Autos, Hundegebell, das Rufen und Lachen spielender Kinder. Durch das Fenster fällt ein Strahl der Märzsonne und malt ein Muster aus Licht und Schatten auf den Parkettfußboden.
Nachdenklich lehnt Ruth sich im Sessel zurück. „Es muss 1939 gewesen sein, kurz vor dem Krieg, im Sommer. Mein Vater war aus dem Konzentrationslager zurückgekommen. Meine Mutter machte mit uns allen einen Ausflug an einen See in der Nähe. Ich sehe ganz deutlich vor mir, wie wir auf einer Terrasse am Seeufer sitzen. Meine Eltern haben jeder ein Getränk in einem hohen Glas vor sich stehen, wir Kinder essen Eis. Es ist warm, die Sonne glitzert auf dem Wasser. Der Duft der Rosen weht zu mir herüber. Die Menschen in hellen, fröhlichen Kleidern lachen und freuen sich an diesem schönen Sommertag. Plötzlich ist mir, als ob ein grauer Schleier sich über die Sonne legt. Ihr Licht wird matt und kraftlos. Der Schleier wandert weiter und legt sich über alles: über das Wasser, die Blumen, das fröhliche Treiben ringsum. Alle Farben verlieren ihre Leuchtkraft, sie sind wie gebrochen. Das Lachen verstummt. Eine tiefe Traurigkeit geht durch mich hindurch. Ich begreife nicht, dass die Menschen fröhlich sein können. Das Leben ist reduziert, als ob ein Hauch des Todes es streift. Mir ist es zumute, als ob irgendetwas gestorben wäre, das, was dem Leben Kraft und Fülle gibt. Es ist nicht mehr da. Tot. Wie kann man weiterleben? Dieser Zustand hielt den ganzen Tag an. Ob meine Eltern es bemerkt haben? Sie haben nichts gesagt. Sie hatten ihre Sorgen. Als ich am nächsten Morgen zur Schule ging, war alles wie immer.“
Ruth denkt über dieses ‚wie immer’ nach. Es legt sich lähmend über ihr Denken und Fühlen, so wie es in ihrer Kindheit und Jugend alles gelähmt hat: alle Freude, allen Mut, Spiele, Freundschaften und Tätigkeiten. Dieses ‚wie immer’ war für sie ein unfassbarer Druck, der aus dem Unbestimmten kam; eine Angst vor etwas, was eintreten könnte, aber sie wusste nicht genau, was es war. Eine Atmosphäre, die Geheimnisse barg und die Ahnung von etwas Grauenvollem.
Unvermittelt sieht Ruth ein langgestrecktes, zweistöckiges Gebäude mit einem Walmdach vor sich. Ist es aus gelblichem Sandstein gebaut? Das weiß sie nicht mehr so genau. Aber ein helles Gelb ist in ihrer Erinnerung die beherrschende Farbe. In der Mitte der Fassade ist eine große Flügeltür, rechts und links davon Fensterreihen, den Stockwerken entsprechend. „Die Mittelschule, die ich sechs Jahre besucht habe, ich sehe sie vor mir … wie damals … Das Gebäude selbst liegt etwas zurück von der Straße, davor ist ein gepflasterter Hof. Links auf dem Hof befindet sich ein Fahnenmast. Zwei Jungen aus der obersten Klasse, 16 oder 17 Jahre alt, stehen an dem Mast und halten eine rote Fahne mit dem Hakenkreuz in den Händen, die an einer Seite schon an der Schnur festgemacht worden ist, mit der sie gleich hochgezogen werden soll. Alle Kinder der Schule sind in Viererreihen im Viereck um den Hof herum angetreten. In Reih´ und Glied stehen sie still. Die Jungen balgen sich nicht, die Mädchen schwätzen nicht. Sie stehen wie kleine, ernsthafte Soldaten. Alle sind in HJ-Uniform.“ Die Erinnerungen erfüllen Ruth plötzlich mit einer schmerzhaften Klarheit.
„Alle tragen sie ihre schwarzen Hosen oder Röcke, die weißen Blusen, die braunen Jacken und das schwarze Halstuch mit dem braunen Lederknoten. Nur ich, ich bin anders gekleidet. Ich darf die Uniform ja nicht tragen, ich gehöre nicht dazu. Ich weiß noch genau, was ich damals fühlte. Ich wollte mich am liebsten davonschleichen und irgendwo verstecken, nur nicht dort stehen müssen als eine Gebrandmarkte, Ausgestoßene: Sehen sie nicht alle zu mir hin, mit einem höhnischen Grinsen?“
Ruth kämpft gegen ihre innere Erregung an. Im Zimmer ist es still. Aus der Ferne klingt das Lied der Amsel herüber. Nach einer Pause fährt sie, nun ruhiger geworden, in ihrer Erzählung fort.
„Es ist der erste Tag nach den Ferien, die Schule beginnt wieder. An dieser Schule ist es üblich, vor Unterrichtsbeginn die Fahne zu hissen. Der Direktor – von uns Schülern Direx genannt – steht in der Mitte des von den Jungen und Mädchen gebildeten Vierecks. Er ist groß und von kräftigem Körperbau, sein Bauch ist etwas zu dick. Er hat seine SA-Uniform angezogen. Der Direx heißt mit Vornamen Adolf. Er ist sehr stolz darauf. Ob er sich den Namen selbst gegeben hat? Als er getauft wurde, war doch von Adolf Hitler noch keine Rede. Er ist ein linientreues Parteimitglied, ein Zweihundertprozentiger, wie Mutti und Oma sagen. Die übrigen Lehrer stehen bei ihren Klassen. Es sind noch ein oder zwei Lehrer auch in SA-Uniform angetreten, die übrigen Lehrer und Lehrerinnen tragen Zivil.
Die Zeremonie beginnt: Der Direx hebt den rechten Arm zum Hitlergruß und schreit: ‚Heil Hitler!’ Alle ungefähr 300 Jungen und Mädchen sowie die Herren und Damen vom Lehrerkollegium heben ebenfalls den rechten Arm und antworten exakt im Chor: ‚Heil Hitler!’ Der Direx kommandiert: ‚Der Kernspruch der Woche!’ Ein Junge aus der 5. Klasse tritt vor und deklamiert laut: ‚Die deutsche Jugend sei zäh wie Leder, flink wie Windhunde und hart wie Kruppstahl.’ Der Kernspruch der Woche ist immer an der Eingangstür angeschlagen. Man muss ihn wissen und aufsagen können. Dieses Wissen wird im Unterricht oft unverhofft kontrolliert. Meistens ist es ein Satz aus den Reden Adolf Hitlers. Wieder erhebt der Direx seine Kommandostimme: ‚Die Fahne – hoch!’ Die beiden Jungen, die am Fahnenmast stehen, ziehen langsam die Hakenkreuzfahne hoch. Alle übrigen, Schüler, Lehrer und der Direx in der Mitte, heben wieder den rechten Arm und singen zuerst das Deutschlandlied und dann das Horst-Wessel-Lied. Als der Gesang geendet hat und die Fahne am Fahnenmast weht, schreit der Direx mit noch erhobenem Arm: ‚Unserem geliebten Führer Adolf Hitler – ein dreifaches ‚Sieg Heil!’ ‚Sieg Heil!’ antwortet es im Chor. ‚Sieg Heil’, ‚Sieg Heil’, ‚Sieg Heil’, ‚Sieg Heil!’ erklingt es im Wechsel. Dann ist die Zeremonie zu Ende. Die Schüler gehen in geschlossenen Gruppen, so wie sie angetreten waren, in ihre Klassenräume. An jedem ersten Schultag nach den Ferien, jedem letzten Schultag vor den Ferien und zwischendurch bei besonderen Gelegenheiten immer wieder diese Szene. Ein Spießrutenlaufen für mich: Das Gefühl des Ausgestoßen-, des Abgelehnt-, des Gezeichnet-Seins, als ob ich irgendeinen Makel an mir hätte, nicht wert sei, zur Gemeinschaft zu gehören.“
Ruths Augen füllen sich mit Tränen. Dieses Gefühl hat ihr späteres Leben immer wieder belastet, ihre Kontakte zu anderen Menschen, Freundschaften und ihren beruflichen Weg. Es war stets gegenwärtig, bei allem, was sie tat, ein Erbe aus vergangener Zeit.

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Leseprobe: Im Bann der Vergangenheit

Im Bann der Vergangenheit

Der Winter wurde bitterkalt.
„Ob wir jemals wieder die Zentralheizung in Betrieb nehmen können? Ich glaube es nicht“, seufzte Gertrud. „Wahrscheinlich ist sie inzwischen auch kaputt. Wir haben sie ja schon so lange nicht mehr anstellen können, die ganzen letzten Kriegsjahre hindurch nicht.“ Gertrud stand auf der Leiter und holte ein paar Decken aus einem Wandschrank. Die wollte sie vor die großen Fenster in der Diele stopfen, um die Kälte und den scharfen Ostwind abzuhalten.
Kohlen oder Briketts waren knapp, und Gertrud war froh, dass Anna mit Bormanns im Herbst so fleißig Tannenzapfen gesammelt hatte. Sie ließen sich in dem Ofen im Wohnzimmer gut zum Heizen verwenden. So konnte sie mit den Kohlen sparsamer umgehen. Anna beobachtete immer wieder fasziniert durch die Marienglasscheibe, wie die Zapfen verglühten, und sie hatte jedes Mal ihren Spaß daran, wenn sie so lustig knackten und prasselten. Herr Bormann hatte Holz aus dem Wald herangeschafft, außerdem hatte er einen Baum im Garten gefällt. Aber das alles reichte nur für den einen Ofen. In den Schlafzimmern war es so kalt, dass sich auf dem Wasser in der Waschschüssel über Nacht eine dünne Eisschicht bildete.
An einem frostigen Morgen im Januar hörte Anna, wie ihre Mutter laut ihren Namen rief. Nein, dachte sie, ich will noch nicht aufstehen. Sie kuschelte sich tiefer unter ihr dickes Federbett. Die Wärmflasche, die sie abends mitgenommen hatte, war kalt geworden, und sie warf sie auf den Boden. Aber unter ihrer Bettdecke war es schön warm. Sie schauderte bei dem Gedanken an ihr kaltes Zimmer.
„Anna, Joachim, aufstehen!“ Die Stimme ihrer Mutter war lauter geworden. Plötzlich steckte sie den Kopf durch die Tür. „Die Wasserleitung ist eingefroren. Ihr müsst helfen. Wir müssen Wasser aus dem Stübchenbach holen.“ Dann ging sie ins Nebenzimmer. „Joachim, du musst auch mit anfassen.“
Diese Worte ihrer Mutter erfüllten Anna mit Genugtuung. Na endlich muss er auch mal was tun! Sie kroch unter ihrem Federbett hervor und schlüpfte schnell in ihren dicksten Pullover und die Skihose. Waschen kann ich mich später, wenn es warmes Wasser gibt, dachte sie.
Herr Bormann, der Hausmeister, hatte schon den großen Schlitten aus dem Schuppen geholt. Er stand wartend daneben, die unvermeidliche Pfeife im Mund. Anna fragte sich, ob die Wölkchen vor seinem Gesicht Pfeifenqualm oder sein in der Kälte gefrorener Atem waren. Wahrscheinlich beides, entschied sie. Im Zwielicht des dämmrigen Morgens sah er aus wie ein Gnom, der sich aus dem Wald hierher verirrt hatte. Gertrud brachte eine Waschwanne und einen Eimer, und Frau Bormann stellte eine große Milchkanne auf den Schlitten.
„Mehr geht nicht“, meinte Herr Bormann, „oder wir müssen zweimal fahren.“
Joachim kam als Letzter. Anna warf ihm einen triumphierenden Blick zu, aber er bemerkte es nicht. Ruhig nahm er eines der breiten, festen Leinenbänder, die an dem Schlitten befestigt waren, und schlang es sich um die Schulter. Herr Bormann tat dasselbe, und gemeinsam zogen sie den Schlitten aus dem Garten hinaus und den Waldweg hinauf. Der hart gefrorene Schnee knirschte unter seinen Kufen. Frau Bormann und Anna schoben am hinteren Ende.
Zum Bachtal hinunter gab es eine abschüssige Stelle.
„Achtung!“, schrie Herr Bormann. „Dass wir nicht ins Rutschen kommen.“
Alle vier stemmten sich gegen den Schlitten. Anna wäre fast in den Schnee gefallen, aber sie konnte noch rechtzeitig die ausgestreckte Hand von Frau Bormann greifen.
„Pass auf, Mädchen!“, rief die Frau erschrocken aus.
Herr Bormann nickte Joachim anerkennend zu. „Du bist ein kräftiger Bursche geworden, alle Achtung.“
Unten am Bach griff Herr Bormann nach der Axt, die er mitgenommen hatte, und schlug damit ein Loch in das Eis. Die Schläge hallten durch den stillen, froststarrenden Wald. Anna sah staunend zu, wie die Eisstückchen durch die Luft flogen. Die Sonne war inzwischen aufgegangen und ließ sie funkeln und glitzern wie kleine Sternschnuppen. Unter dem Eispanzer floss glucksend das Wasser des Stübchenbachs. Als das Loch groß genug war, nahm Joachim den Eimer, schöpfte Wasser aus dem Bach und füllte damit zuerst die Waschwanne und dann die Milchkanne von Frau Bormann, die zu groß war und nicht in das Loch hineinpasste. Schließlich stellte er den vollen Eimer auf den Schlitten. Anna beobachtete ihn. Auf ihrem Gesicht lag ein Ausdruck von Befriedigung.
Der Rückweg führte zunächst bergauf. Durch die Last war der Schlitten jetzt schwerer. Sie zogen und schoben ihn mit all ihren Kräften, kamen aber nur langsam voran. Sie glitten oft aus, und sie mussten aufpassen, dass kein Wasser verschüttet wurde. „Da wird uns wenigstens warm“, meinte Herr Bormann und lachte.
Gertrud stand schon wartend an der Haustür, als sie zurückkamen. „Im Wohnzimmer ist der Ofen schon an, da könnt ihr euch gleich aufwärmen“, rief sie ihren Kindern entgegen.
Später saß Anna in ihrem Zimmer. Sie hatte den Mantel übergezogen, sonst hielt sie es vor Kälte nicht aus. Vor ihr auf dem Tisch lagen einige Klassikerbände: Schiller, Shakespeare, Grillparzer. Sie hielt einen Band von Friedrich Hebbel in der Hand und war ganz vertieft in ihre Lektüre. Die Klara aus „Maria Magdalene“, die würde ich zu gern einmal spielen. Schade, dass ich mit Frau Seeck daran nicht mehr weiterarbeiten konnte.
In den arbeitsreichen Sommer- und Herbstmonaten hatte Anna wenig Zeit für sich selbst gehabt. Sie hatte zwar oft daran gedacht, wie sie bei Frau Seeck in Berlin Unterricht hatte, bis die Schauspielerin die Stadt verließ, weil die Theater geschlossen wurden. Aber sie kam nicht dazu, Sprechübungen zu machen oder sich mit ihren Rollentexten zu beschäftigen. Oft sah sie sich in ihrer Fantasie auf der Bühne stehen, fühlte die Verzweiflung Gretchens, die leidenschaftliche Liebe der Julia oder den Mut und die Entschlossenheit der Johanna. Sie wusste, sie konnte all diese Gefühle überzeugend ausdrücken. Das Publikum würde ihr Beifall klatschen, und sie würde als Künstlerin geschätzt und anerkannt sein. Aber bei solchen Tagträumen war es bis jetzt geblieben. Sie sah keinen Weg, wie daraus Wirklichkeit werden könnte. Es schien ihr, als müssten alle Menschen nach dem Krieg das normale Leben erst wieder lernen. Jeder ist nur mit seinen Alltagssorgen beschäftigt, genau wie wir auch, und sonst passiert nichts, dachte sie.
Und dann hatten Plakate in der Stadt für den 25. Februar die Ankunft einer Schauspieltruppe angekündigt. Im großen Saal des Kurhauses sollte Lessings „Minna von Barnhelm“ aufgeführt werden. Anna war wie elektrisiert. Da muss ich hin! Mutti wird mir sicher das Geld für eine Karte geben. Vielleicht kann ich dem Intendanten ja mal vorsprechen … Die Gedanken überschlugen sich in ihrem Kopf. Ob er mich überhaupt vorlassen wird? Er wird mich sicher abweisen. Vielleicht ist er arrogant? Aber er kann doch auch nett sein. Welche Rolle soll ich denn sprechen? Meine Texte von der Eignungsprüfung, die ich damals in Berlin gemacht habe? Zu Hause hatte sie die Klassikerbände aus dem Bücherschrank geholt. Und nun saß sie da und überlegte, ob sie es wagen sollte, die Klara zu sprechen oder die Hero oder vielleicht doch besser die Jungfrau oder die Julia. Sie fing an, laut ihre Rollen zu deklamieren und bemerkte nicht, dass sich die Tür öffnete. Ihre Mutter stand auf der Schwelle.
„Anna, ist das denn nötig? Joachim sitzt nebenan und lernt. Du störst ihn.“
Anna zuckte zusammen. Schreck und Ärger spiegelten sich in ihrem Gesicht. „Immer Joachim! Immer dreht sich alles nur um Joachim!“, stieß sie ärgerlich hervor.
„Es ist wichtig, dass Joachim das Abitur besteht. Ihm fehlen doch drei Schuljahre, weil die Nazis ihn damals vom Gymnasium verwiesen haben. Das muss er nun alles nachholen.“ Die Stimme ihrer Mutter klang leicht gereizt.
Zorn blitzte auf in Annas Augen. Heftiger als beabsichtigt entgegnete sie: „Was ich mache, ist auch wichtig. Ich will einem Intendanten vorsprechen. Eine Schauspieltruppe kommt hierher, ich habe die Plakate in der Stadt gelesen.“
Ihre Mutter fasste sie an den Schultern und drehte sie zu sich herum: „Kind, hängst du denn immer noch an diesen Träumen? Ich dachte, du bist inzwischen zur Vernunft gekommen.“ Sie strich ihrer Tochter mit einer mütterlichen Geste über das Haar, aber Anna machte sich los, kehrte ihrer Mutter den Rücken zu und ließ sie stehen.
Trotz der Auseinandersetzungen mit ihrer Tochter brachte Gertrud es nicht über das Herz, ihr den Besuch dieser Aufführung zu verwehren. Es gab so wenig Abwechslung für ein junges Mädchen. Sie schenkte ihren beiden Kindern eine Karte.
Ungeduldig sah Anna dem Tag der Aufführung entgegen. Dann war es endlich so weit. Mit klopfendem Herzen saß sie neben Joachim in dem großen Kurhaussaal und sah sich um. Der Saal war voll. Anna wunderte sich. Die Karten waren schon tagelang vorher ausverkauft gewesen. Die Menschen schienen auch nach geistiger Anregung ausgehungert zu sein. Aufgeregt wartete sie darauf, dass der Vorhang sich endlich hob. Dann begann das heitere Spiel um Verwirrung und Liebe. Es waren lauter junge, unbekannte Schauspieler, die da oben auf der Bühne standen. Wie wünschte Anna sich, eine von ihnen zu sein, mit ihnen da oben stehen zu können, die Begeisterung und das Engagement, mit denen sie das Stück spielten, mit ihnen zu teilen, mit hineingenommen zu sein in das Geschehen auf der Bühne. Als der Vorhang fiel, klatschte sie begeistert. Joachim neigte sich zu ihr und meinte: „Das war doch gut, findest du nicht auch?“
Nach der Vorstellung nahm sie all ihren Mut zusammen, ging hinter die Bühne und bat, Herrn Vandamme, den Intendanten, sprechen zu dürfen. Dann stand sie einem freundlichen, älteren Herrn gegenüber. Sein Haar war schon stark ergraut, aber sein frisches, leicht gebräuntes Gesicht, in dem noch keine Falte zu sehen war, ließ ihn jünger erscheinen. Die graublauen Augen verrieten Wachheit und Lebendigkeit. Er führte Anna in einen kleinen Nebenraum und sah sie fragend an. Das Mädchen errötete. Das Herz pochte gegen ihre Rippen wie ein eingesperrtes Tier, die Kehle war ihr wie zugeschnürt.
„Ich möchte Sie fragen, ob ich Ihnen einmal vorsprechen darf“, brachte sie mühsam heraus.
Ihr Gegenüber sah sie lächelnd an. „Natürlich, ich bin immer an jungen Talenten interessiert“, antwortete Herr Vandamme und betrachtete seine Besucherin, die in so offensichtlicher Aufregung vor ihm saß, leicht amüsiert. Dann fragte er sie, was sie bisher gemacht habe, bei wem sie Unterricht gehabt hätte und was sie von ihrer Zukunft erwarte.
„Wissen Sie“, erklärte er Anna, die sich durch seine ruhige, sachliche Art inzwischen wieder beruhigt hatte, „ich habe vor, in Goslar eine junge Bühne zu gründen. Es wird zwar noch eine Zeit lang dauern, bis wir anfangen können. Die Genehmigung von der Stadtverwaltung habe ich bereits, aber das Startkapital fehlt, und einen geeigneten Raum habe ich auch bis jetzt nicht gefunden. Doch das ist alles nur noch eine Frage der Zeit.“ Am Ende des Gesprächs vereinbarte er einen Vorsprechtermin mit Anna.