Veröffentlicht am

Leseprobe: Im Zwielicht der Zeit

Erster Teil

Gertrud war siebzehn, als ihre Mutter starb. Die Todesursache war Diabetes. Zehn Jahre später sollte es Insulin geben, das so vielen Menschen, die an dieser Krankheit litten, ein halbwegs normales Leben ermöglichte. Aber damals – man schrieb das Jahr 1912 – waren sie Todeskandidaten. Gertrud stand wie in Trance am Bett ihrer Mutter und blickte starr auf deren bleiches, wächsernes Gesicht. Sie war schön, von einer unschuldigen, fast kindlichen Schönheit. Das braune Haar, das sie sonst der Mode entsprechend hochgesteckt trug, lag in losen Strähnen auf dem Kissen und umrahmte ihr stilles Antlitz.
Plötzlich meinte Gertrud, sie leise atmen zu hören, zu sehen, wie sich ihre Brust ganz sacht hob und senkte. „Sie ist nicht tot, sie lebt!!! Die Ärzte haben sich geirrt!“, wollte sie aufschreien. Ihr war, als verschwände der Boden unter ihren Füßen und die Wände des Zimmers zögen sich zurück, als schwebe sie im leeren Raum, nur sie allein mit ihrer Mutter auf dem Totenbett, allein in einer öden, tiefschwarzen Finsternis. Sie drohte in einen Abgrund zu stürzen, aber ehe dies geschah, empfand sie einen ungeheuren Hunger nach Leben. Er durchzog ihre Adern, zerrte an jeder Faser ihres Körpers mit übermächtigem Sehnen. Gleichzeitig spürte sie einen verzehrenden Schmerz, der sie auszulöschen schien. „Ich will leben, leben! Ich will leben!“, schluchzte sie auf und sank am Bett ihrer Mutter nieder. Sie weinte bis zur Erschöpfung. All die aufgestauten Gefühle des Tages – die verzweifelte Hoffnung, an die sie sich zunächst geklammert hatte, das langsame Begreifen der Endgültigkeit des Abschieds, der Lebenshunger und der unendliche brennende Schmerz – wurden mit der Tränenflut hinweggeschwemmt.
Später setzte sie sich in den Sessel neben dem Bett der Toten und sank in einen unruhigen Schlaf, der von wirren Träumen begleitet war. Sie sah ihre Mutter, wie sie sie als Kind oft gesehen hatte, im Sessel sitzend, mit einer Handarbeit beschäftigt, still, freundlich zu jedermann, liebevoll zu ihren Kindern. Aber ihre Liebkosungen waren nur flüchtig, sie strich ihren Kindern leicht über das Haar, tätschelte zart ihre Wangen oder hauchte einen kaum spürbaren Kuss darauf, so als wolle sie sie nicht zu stark an sich binden, als ahne sie, dass sie früh von ihnen gehen würde. Sie vertiefte sich in ihre Stickerei. Unter ihren Händen entstanden kunstvolle Tischdecken, die man überall im Haus auf Tischen, Truhen und Kommoden bewundern konnte. Und noch viele Jahre später, als längst Kunststoffe und maschinell bedruckte Tücher benutzt wurden, sollte sich ihre Enkelin Anna daran freuen, wenn sie diese Kunstwerke bei festlichen Gelegenheiten aus dem Schrank holte. Sie war immer ein wenig müde, still und geduldig, jeder hatte sie gern. Die Krankheit, die ihr ständiger Begleiter war, ließ sie dem Leben mit einer gewissen Teilnahmslosigkeit begegnen. Sie liebte ihre Kinder, sie liebte ihren Mann, aber es war ihr stärker als anderen Menschen bewusst, dass sie ihr nur für eine kurze Zeitspanne ihres Lebens gegeben waren.
In ihrem Traum war Gertrud wieder das kleine Mädchen, das zu den Füßen der Mutter saß und sich in ihren Rock kuschelte. Doch plötzlich entfernte sich ihre Mutter auf rätselhafte Weise, sie wurde durchsichtig, immer kleiner und schien ganz zu verschwinden. „Mama!“, schrie Gertrud auf, das Wort ihrer Kindertage benutzend, und erwachte vom Klang ihrer eigenen Stimme. Sie rieb sich die Augen. Es dämmerte. Sie fühlte sich verlassen und allein. So sollte es ihr Leben lang bleiben. In Stunden tiefer Verzweiflung und Niedergeschlagenheit war sie immer allein.
Gertrud hatte einen Sinn für das Praktische, und sie hatte die Fähigkeit zu Beherrschung und Disziplin, was ihr Wesen und ihre Gefühle betraf. Damit konnte sie später manche Krise in ihrem Leben bewältigen. In der gegenwärtigen Situation halfen ihr diese Eigenschaften, die Trauer und die Ängste der Nacht in ihrem Herzen einzuschließen und sich den Dingen zuzuwenden, die nun erledigt werden mussten. Sie ging in die Küche, wo sie Fine, die Hausangestellte, schon am Herd hantieren hörte.
„Ach, Fräulein Gertrud, mein Beileid“, sagte die Frau mit unsicherer Stimme und wischte sich mit dem Schürzenzipfel die Augen. Sie war schon lange in der Familie. Gertruds Mutter hatte sie mitgebracht, als sie vom Rhein nach Braunschweig heiratete. Fine hatte die Kinder aufwachsen sehen. Aus Treue zu ihrer kranken Herrin hatte sie nie geheiratet. Inzwischen war sie ein ältliches Mädchen geworden, mit scharfen Zügen und abgearbeiteten Händen, aber ihre Augen waren voller Güte und Verstehen. Ohne die Hoffnung auf einen Mann und eigene Kinder hatte sie ihre Herrschaft zu ihrer Familie gemacht.
„Der Herr Geheimrat hat die ganze Nacht Licht in seinem Zimmer gehabt. Er hat sicher gar nicht geschlafen“, redete Fine weiter, als sie Gertrud eine Tasse Kaffee hinstellte. „Der wird Ihnen gut tun, Fräulein Gertrud. Ach, wie schrecklich, dass die gnädige Frau so früh sterben musste, mit neununddreißig Jahren.“
„Ja, Fine, es ist für uns alle ein großes Unglück“, antwortete Gertrud mit einer fast steifen Förmlichkeit. Man ließ sich vor den Dienstboten nicht gehen, auch wenn sie schon so lange im Haus waren wie Fine. Das gehörte sich nicht. „Deck den Frühstückstisch, ich werde nach meinem Vater und meinem Bruder sehen.“
Der Geheime Hofrat Professor Dr. Friedrich Oertel hatte sich in seine Studierstube zurückgezogen. Wie betäubt saß er an seinem Schreibtisch. Es gelang ihm nicht, seine Gedanken zu ordnen. „Ich werde eine Haushälterin einstellen müssen … Gertrud ist noch zu jung … der Haushalt … ich in meiner Stellung habe Verpflichtungen … ich muss repräsentieren …“ Dann überwältigte ihn der Schmerz. Wie ein reißender Fluss, der über die Ufer tritt und alle Dämme zerstört, überflutete er sein Inneres und löschte jede andere Empfindung aus. Schwach und hilflos fühlte Oertel sich dem ausgeliefert, was geschehen war. Obwohl er über die Krankheit immer genau Bescheid gewusst hatte, konnte er in diesem Augenblick nicht begreifen, dass er seine Frau nun endgültig verloren haben sollte. Nie mehr würde sie ihn anlächeln, nie mehr ihre Hand leicht auf seine Schulter legen, niemals wieder mit ihrer sanften Stimme zu ihm sprechen. Es konnte nicht sein, es durfte nicht sein! Etwas in ihm wehrte sich mit aller Macht gegen diese grausame Wahrheit. Sein Kopf sank vornüber auf die Schreibtischplatte. Tränenloses, krampfhaftes Schluchzen erschütterte seinen Körper.
So verharrte er lange Zeit, ohne etwas denken zu können, ganz dem Ansturm seiner Gefühle preisgegeben. Schließlich stand er auf, ging langsam zum Fenster und öffnete es. Die Nacht war schwül, die Luft schwer, er meinte, er müsse ersticken. Der Himmel war wolkenverhangen, kein Stern sandte einen Lichtschimmer in die Finsternis. In der Ferne donnerte es leise. Ab und zu erhellte Wetterleuchten am Horizont die Nacht. Vor dem geöffneten Fenster ging ein leichter Sommerregen nieder. Manchmal sprühte er Tropfen in Oertels Gesicht, aber er konnte dessen heiße Stirn nicht kühlen.
Dieses Haus am Waldrand – er hatte es für sie gebaut. Es trug ihren Namen, „Lorenhöhe“. Sie sollte sich hier ausruhen, erholen, neue Kraft schöpfen. Nun war sie hier gestorben. Ihm war, als habe er, ohne es zu wissen, ein Mausoleum für sie erbaut. Lange stand er am Fenster und starrte in die Dunkelheit. Schließlich setzte er sich benommen, leer und ausgebrannt wieder an seinen Schreibtisch. Er stützte den Kopf in beide Hände. Er wusste nicht, wie spät es war, es interessierte ihn nicht. Er spürte nichts, gar nichts mehr, auch nicht den wütenden Schmerz, der sein Innerstes aufgewühlt hatte. Es war, als sei alles Leben aus ihm gewichen, als sei er mit ihr gestorben. Eine lange Zeit saß er so da, bis ihn plötzlich ein Geräusch aufschreckte.
Mit Erstaunen nahm er wahr, dass Tageslicht ins Zimmer fiel. Die Tür war leise geöffnet worden. Gertrud stand im Türrahmen, gefasst, aber mit bleichem, übernächtigtem Gesicht. Sie ging auf den Vater zu. Eine Welle von Liebe und Mitgefühl stieg in ihr auf. Sie wusste, wie sehr er seine Frau geliebt, wie viel er mit ihr verloren hatte. Ihr eigener Schmerz um die tote Mutter ließ sie das Leid des Vaters mitfühlen. Sie schlang zärtlich die Arme um ihn, eine Geste, die es schon lange nicht mehr zwischen ihnen gegeben hatte. Er ließ es wie selbstverständlich geschehen. Gertrud konnte sich nicht erinnern, dass ihr Vater sie in den Arm genommen hatte, seit sie dem Kleinkindalter entwachsen war. Eine Respekt gebietende Autorität war immer von ihm ausgegangen, eine distanzierte Strenge. Die Kinder wussten sich von ihm geliebt, er gab ihnen Sicherheit und Geborgenheit. Aber gleichzeitig war die Übermacht seiner starken Persönlichkeit stets allgegenwärtig. Sein Wort war Gesetz. Jeder hatte sich nach ihm zu richten. Widerspruch oder kleine Ungehorsamkeiten wurden nicht geduldet. Er regierte sein Hauswesen und seine Familie wie ein guter Patriarch: mit Liebe, aber auch mit Strenge; mit Verantwortungsbewusstsein, aber Gehorsam fordernd; gerecht, aber unduldsam gegenüber Meinungen, die er nicht teilte; mit einer Autorität, die jeder in seiner Umgebung spürte und die in seinem Charakter begründet war. Es schnitt Gertrud ins Herz, ihren starken Vater so zu sehen, gramgebeugt, ein schwacher Mensch.
Friedrich Oertel entstammte einem alten niedersächsischen Bauerngeschlecht. Er war zwar nicht mehr auf einem Hof aufgewachsen, doch sein großer, kräftiger Körperbau, seine robuste Gesundheit, seine Liebe und Verbundenheit zur Natur waren das Erbteil seiner bäuerlichen Vorfahren. Auch die Kraft seiner Persönlichkeit, die Willenstärke und Disziplin hatten ihren Ursprung in seiner Bindung an die bäuerliche Heimat. Sein Vater war zwar Beamter gewesen, denn der Hof wurde immer an den ältesten Sohn vererbt, und er war der Zweitgeborene, aber der Kontakt der Familie zu ihren bäuerlichen Verwandten und damit zu ihrem Ursprung blieb stets bestehen.
Schon früh zeigten sich Oertels überdurchschnittliche Intelligenz und seine Begabung für die mathematischen und naturwissenschaftlichen Fächer. Er erhielt ein Stipendium und studierte nach dem Besuch des Gymnasiums an verschiedenen Universitäten Mathematik, Physik, Philosophie und Pädagogik. Sein Vater sah darin die Erfüllung eigener Träume und Wünsche. Er hoffte, es noch zu erleben, dass der Sohn eines Tages ein bedeutender Mathematiker würde, was ihm, dem Bauernsohn, trotz eigener Neigung und Begabung nicht möglich gewesen war. Er blieb zeitlebens ein kleiner Katasterbeamter, der im Auftrag seiner Behörde Landvermessungen durchzuführen hatte.
Friedrich Oertel war ehrgeizig und hatte eine hohe Meinung von sich selbst. Aber er stellte auch ebenso hohe Ansprüche an sich und seine Leistungsbereitschaft. Als ihm im Staatsexamen nur die Durchschnittsnote zwei plus zuerkannt wurde und er in den mündlichen Kommentaren zu seinen Prüfungsleistungen einige Kritik und Einschränkungen seitens der Prüfungskommission hinnehmen musste, beschwerte er sich bitter darüber in einem Brief an seine Eltern. Aber gleichzeitig führte er aus, dass er nun andere Ziele habe. Er wolle sein Doktorexamen mit dem Grad „ad modum laudabilis“ machen, ein einfaches „cum laude„ wolle er anderen Leuten überlassen.
Sein Staatsexamen berechtigte ihn, die Fächer, die er studiert hatte, am Gymnasium zu unterrichten. Er wurde jedoch, kurz nachdem er in den Schuldienst übernommen worden war, freigestellt, um einige Jahre lang der Erzieher des Prinzen Joachim Albrecht von Preußen zu sein. Danach habilitierte er sich als Privatdozent für Mathematik und folgte einem Ruf seines alten Lehrers an die Universität Göttingen. Zwei Jahre später wurde er Ordinarius an der Technischen Hochschule in Braunschweig, der er bis zu seinem Lebensende die Treue hielt. Zweimal wurde er im Laufe dieser Zeit zum Rektor berufen. Er schrieb einige mathematische Bücher, die viel Beachtung fanden.
Im Alter von dreiunddreißig Jahren heiratete er Leonore, ein zwanzigjähriges Mädchen, Fabrikantentochter aus dem Rheinland. Sie war fröhlich und aufgeschlossen, den schönen Seiten des Lebens zugewandt. Sie brachte Farbe und Wärme in sein Leben, das Leben eines Wissenschaftlers und Gelehrten, das sich im Wesentlichen in seiner Studierstube über Büchern abspielte. Sie war der lebendige Mittelpunkt der Familie und des Hauswesens, bis die Schatten der beginnenden Krankheit sie stiller und matter werden ließen. Sie schien mehr und mehr in eine unbestimmte Ferne entrückt zu sein, und eines Tages verlosch ihr Leben wie eine niedergebrannte Kerze. Gertrud hatte von ihrer Mutter die Freude am Leben geerbt. Aber es war auch etwas von der Strenge und Verschlossenheit des Vaters in ihr, das sich in späteren Lebensjahren, in den Konflikten ihres eigenen Schicksals, mehr und mehr zeigen sollte.


Am 28. August 1912,
spätabends
Gestern haben wir Mutter begraben. Ich bin noch immer wie betäubt! Bis jetzt war ich nicht in der Lage, ein Wort zu schreiben. Meine Hände zitterten so sehr, ich konnte die Schreibfeder nicht halten. Dass sie so früh von uns gehen musste – das kann ich nicht begreifen! Sie war krank, ja, wir wussten es schon lange, aber zuletzt ging alles so schnell! Die ganze Nacht habe ich an ihrem Bett gesessen, als der Arzt gegangen war und Vater den Totenschein gegeben hatte. ‚Totenschein‘ – was für ein grässliches Wort! Sie sah aus, als ob sie schliefe. Ich hatte das Gefühl, als müsse sie jeden Augenblick aufwachen, ihre Augen aufschlagen und ihre Arme nach mir ausstrecken. Aber sie lag nur still da. Und nun liegt sie in der dunklen Erde und kommt nicht mehr zurück.
Es war eine große Beerdigung, aber ich habe alles nur wie im Traum erlebt. Ich hatte so ein Gefühl, als säße ich unter einer Glasglocke und das, was da geschah, käme nicht wirklich an mich heran. Den Sarg, der unter der Fülle von Blumen und Kränzen kaum noch zu sehen war, den Gesang des Hochschulchores, den Klang der Orgel, die Worte des Pfarrers – das alles habe ich nur wie von ferne wahrgenommen. Ich weiß auch nicht mehr, wer mir später am offenen Grab die Hand gedrückt und was man zu mir gesagt hat. Es waren, glaube ich, immer dieselben Worte. Viele Menschen waren gekommen, denn Mutter war überall beliebt, und Vater ist ja eine bekannte Persönlichkeit. Wie er die ganze Zeremonie überstanden hat, so gefasst und würdevoll, das kann ich nur bewundern, denn ich weiß doch, wie er leidet. Paul hat viel geweint. Er ist ja auch erst fünfzehn und sehr sensibel. Ich glaube, dass die Mutter ihm ganz besonders fehlen wird, denn Vater ist oft sehr streng mit ihm.
Wie wird es jetzt weitergehen? Das Haus ist so leer ohne sie. Wenn ich ins Wohnzimmer komme, dann meine ich, sie müsse in ihrem Sessel sitzen und sticken, so wie sie es immer getan hat. Doch sie wird nie mehr in diesem Sessel sitzen. Ich werde mich mit der bitteren Wahrheit abfinden müssen. Wir haben alle nicht daran gedacht, dass wir sie verlieren könnten, jedenfalls jetzt noch nicht. Ich bin unendlich traurig!


Die Familie kehrte nach den Trauerfeierlichkeiten nicht nach Harzburg zurück. Man blieb in dem Stadthaus in Braunschweig. Friedrich Oertel hätte es nicht ertragen, sich in den Räumen aufzuhalten, wo ihn alles an den Abschied von seiner Frau erinnerte, an ihre letzten Stunden, an ihre immer schwächer werdenden Atemzüge, die das Leben mit sich fortnahmen und gleichzeitig auch alle seine Hoffnungen. Manchmal fuhr er zwar an den Wochenenden nach Harzburg, ohne jedoch einen Fuß in sein Haus zu setzen. Er machte stundenlang einsame Wanderungen durch die Wälder und über die Harzberge, aber abends kam er stets wieder mit dem letzten Zug in Braunschweig an. Er brauchte die Einsamkeit in der Natur, um sich wiederzufinden und um seinen Schmerz zu verarbeiten. Über Gefühle zu reden, im Gespräch mit anderen Trost zu suchen war seinem Charakter fremd. Zeigte er sich in seiner beruflichen und gesellschaftlichen Stellung auch aufgeschlossen und wortgewandt, seine innersten Empfindungen verschloss er vor anderen Menschen tief in seinem Herzen. Das Bild, das er von sich selbst hatte, war das einer starken Persönlichkeit. Die verletzliche Seite seines Wesens gestand er sich nicht ein. Er lehnte es ab, vor anderen Schwäche zu zeigen. Nur Leonore hatte wissen dürfen, dass auch er verwundbar war.
In dem großen Haus herrschte eine düstere Stimmung. Es war nicht allein die gewittrige Schwüle der Augusthitze, die alles lähmte. Gertrud hatte das Gefühl, dass in allen Ecken die Trauer saß, wie eine lebensfeindliche, unerbittliche Göttin, und sie anstarrte. Sie vermisste ihre Mutter unendlich. Wenn Leonore Oertel auch in den letzten Jahren immer stiller geworden war, so hatte sie doch mit ihrem freundlichen, etwas müden Lächeln und mit ihrer leisen Stimme, die voller Anteilnahme war, Wärme und Zärtlichkeit verbreitet. Gertrud empfand deutlich mit jener hellsichtigen Klarheit, die durch starke Erschütterungen hervorgerufen werden kann, dass sie mit ihrer Mutter einen wesentlichen Teil ihres Lebens unwiderruflich verloren hatte. Sie bewunderte ihren Vater, sie hatte die größte Hochachtung vor ihm, aber liebte sie ihn? Wollte er überhaupt Liebe? Wollte er nicht vielleicht nur respektiert werden, geachtet werden, bewundert werden? Die Mutter hatte ihn geliebt. Und seine verzweifelte Trauer zeugte von der tiefen Liebe zu seiner Frau. Vielleicht hat er all seine Liebesfähigkeit in der Beziehung zu ihr erschöpft? Dieser Gedanke kam Gertrud plötzlich in den Sinn. Mit einer ruckartigen Bewegung strich sie eine Haarsträhne aus dem Gesicht, als wollte sie ihn verscheuchen, und wandte sich der Post zu, die vor ihr auf dem Tisch lag.
Ein Sonnenstrahl fiel durch das Erkerfenster des großen Wohnzimmers und ließ kleine Staubkörnchen aufblitzen. Gertrud hatte es übernommen, die Kondolenzbriefe zu beantworten, um dem Vater diese traurige Arbeit abzunehmen. An dem kleinen Schreibtisch im Erker ging sie die Briefe durch. Dabei wunderte sie sich, dass viele Bekannte offenbar gar nicht gewusst hatten, dass ihre Mutter krank gewesen war. Sie las immer wieder, dass man erstaunt sei über ihren frühen Tod. Oft wurde Gertrud auch damit getröstet, dass sie ja nun die schöne Aufgabe habe, für ihren Vater und ihren Bruder zu sorgen und die Hausfrau zu ersetzen. Sie würde sicher Erfüllung und Befriedigung darin finden, und das würde ihr über ihren eigenen Schmerz hinweghelfen. Die Selbstverständlichkeit dieser Erwartungen überraschte sie. Darüber hatte sie noch nicht nachgedacht. Im Augenblick versorgte sie mit Fine und einer Zugehfrau den kleinen Haushalt, aber so würde es wohl nicht bleiben. Vater wollte ja eine Haushälterin engagieren. Doch wie konnte Hausarbeit einen Menschen ersetzen? Mit dem Gefühl, dass man hier über sie verfügen wollte, dass man ihr Pflichten diktierte, die sie nur selbst aus freien Stücken übernehmen könnte, legte sie die Briefe beiseite.
Die Mahlzeiten wurden gemeinsam im Esszimmer eingenommen, das hinter dem Wohnzimmer lag. Es war ein großer Raum, halb hoch mit Eichenholz getäfelt, was ihm eine behagliche, aber etwas düstere Atmosphäre verlieh. Den Abschluss der Täfelung bildete ein Bord, auf dem Krüge und Teller aus Zinn oder Keramik standen. An der einen Seite befanden sich ein Büfett zur Unterbringung des Geschirrs und des Tafelsilbers und eine Anrichte, darauf stand ein schwerer silberner Kerzenleuchter. In der Mitte dominierte ein großer ausziehbarer Tisch mit vier Stühlen. Ein wuchtiger Kronleuchter hing darüber. Das Esszimmer war vom Wohnzimmer durch eine Flügeltür getrennt. Wenn sie geöffnet wurde, konnte man aus den beiden Zimmern einen großen repräsentativen Raum machen, in dem die Diners stattfanden, die Friedrich und Leonore Oertel ihrer gesellschaftlichen Stellung gemäß hatten geben müssen.
Das Wohnzimmer wurde auch der „Salon“ genannt. Ein kostbarer Teppich bedeckte den Fußboden. Die Seidentapete an den Wänden, das zierliche Sofa und die dazu gehörenden Sesselchen sowie der kleine Schreibtisch im Erker waren mit viel Geschmack ausgesucht worden. Diese Einrichtung trug Leonores Handschrift.
Im Erdgeschoss gab es dann noch das Musikzimmer, in dem der große Flügel stand. Hier fanden regelmäßig Hauskonzerte statt, denn Friedrich Oertel spielte sehr gut Cello, und Gertrud hatte sich zu einer tüchtigen Pianistin entwickelt. Auch Paul machte auf der Geige gute Fortschritte. Einige Kollegen des Hausherrn waren gleichfalls begeisterte Musiker, und so hatte man sich immer gern im Oertelschen Hause zum Musizieren getroffen.
Im Souterrain lag die Küche. Sie war ziemlich dunkel und ging auf einen kleinen gepflasterten Hof hinaus. In den oberen Stockwerken befanden sich das Studierzimmer des Professors sowie das Schlafzimmer und die Zimmer der Kinder.
Oertel saß mit seinen Kindern bei Tisch. Wohlgefällig betrachtete er seine Tochter. Fine hatte soeben die Suppe gebracht, und Gertrud füllte zunächst den Teller des Vaters, dann den des Bruders und zuletzt ihren eigenen. Sie bewegte sich anmutig und mit einer natürlichen Grazie. Plötzlich kam ihm zum Bewusstsein, dass seine Tochter kein Kind mehr war. Sie hatte sich zu einer hübschen jungen Frau entwickelt. Das leicht gewellte dunkle Haar umrahmte ihr ovales Gesicht und gab ihm einen weichen Ausdruck. Das Schönste in diesem Antlitz aber waren die großen braunen Augen mit ihrem träumerischen Glanz. Ich werde einen Mann für sie finden müssen, dachte Oertel. Es wird nicht schwer sein. Ich werde dafür sorgen, dass sie eine gute Partie macht, dass sie sich standesgemäß verheiratet. Ein warmes Gefühl der Zuneigung durchströmte ihn.
Dann wanderte sein Blick zu Paul, seinem Sohn. Er setzte große Hoffnungen in ihn. Er wünschte, dass Paul einmal ein tüchtiger Naturwissenschaftler werden würde, vielleicht Mathematiker, wie er selbst, vielleicht sein Nachfolger auf dem Lehrstuhl, den er jetzt innehatte. Seine Neigungen zur Theologie … sie würden vergehen. Er war ja noch Gymnasiast. Seine Entwicklung war noch nicht abgeschlossen. Seine Zeugnisnoten waren durchweg gut, aber sie ließen keine herausragende Begabung erkennen. Man würde sehen, er war ja noch jung, sein Charakter noch im Werden.
Fine kam wieder herein. Sie stellte eine Platte mit Braten auf den Tisch und holte dann Schüsseln mit Blumenkohlgemüse, Kartoffeln und Sauce. Nachdem Oertel sich genommen hatte, reichte er die Speisen weiter an seine Kinder. Es wurde wenig gesprochen während des Essens. Die Geschwister waren von klein auf so erzogen worden, bei den Mahlzeiten nur dann etwas zu sagen, wenn sie gefragt wurden. Der Vater hatte sich früher bei Tisch mit der Mutter unterhalten, aber jetzt war er schweigsam geworden. Der leere Stuhl war für alle drei eine ständige schmerzliche Erinnerung daran, was sie unwiederbringlich verloren hatten.
„Hast du heute schon geübt?“, unterbrach Oertel die Stille und wandte sich an seinen Sohn.
„Ja, zwei Stunden. Es sind ja noch Ferien.“
„Brav“, lobte der Vater ihn. „So kann aus dir etwas werden.“
Gertrud nutzte die Gelegenheit und ergriff das Wort: „Vater, sollten wir nicht unsere Hauskonzerte wieder aufnehmen? Du hast doch immer so viel Freude daran gehabt. Das kann dich vielleicht auf andere Gedanken bringen. Du wirst noch ganz krank vor lauter Traurigkeit.“ Sie sah ihn an, voller Mitgefühl und Zärtlichkeit.
Er erwiderte ihren Blick. „Vielleicht hast du recht. Ich werde es mir überlegen.“
Fine brachte die Nachspeise. Es wurde kein weiteres Wort mehr gesprochen. Schließlich stand der Professor auf und begab sich in sein Studierzimmer. Das war das Zeichen für die Kinder, sich auch zurückzuziehen. Paul ging in sein Zimmer und las. Gertrud half Fine beim Aufräumen der Küche und beim Spülen des Geschirrs. Als die Arbeit erledigt war, ging auch sie auf ihr Zimmer.
15. Oktober,
nach dem Mittagessen
Es ist alles so trostlos, es herrscht so eine beklemmende Stimmung im Haus. Manchmal denke ich, ich kann es nicht mehr aushalten, und dann möchte ich am liebsten davonlaufen. Vater spricht nur das Nötigste. Mit Paul rede ich manchmal über Mutter, und dann weinen wir beide. Aber das Leben geht doch auch weiter. Wenn wir uns in unserem Kummer vergraben, das macht Mutter auch nicht wieder lebendig. Ich bin oft so verzweifelt, weil sie nicht mehr bei uns ist, aber dann denke ich auch wieder, ich bin doch noch jung. Soll mein Leben so weitergehen? Andererseits, was soll ich denn machen? Ich kann Vater und Paul jetzt nicht allein lassen. Sie brauchen mich, und ich habe sie doch auch lieb. Wir trauern alle um Mutter, und wir müssen uns gegenseitig beistehen, so gut es geht. Wie kann ich Vater nur helfen, wie kann ich ihn aus seiner Verschlossenheit herausholen? Er wird noch krank werden! Wenn wir die Hauskonzerte wieder aufnehmen könnten! Er hat früher so viel Freude daran gehabt. Ich werde ihm ein bisschen zureden. Vielleicht hilft ihm die Musik.
Aber es gibt da noch etwas anderes, was mir immer wieder durch den Kopf geht, wenn ich daran denke wegzulaufen. Wo soll ich denn hin, ein Mädchen, das nur die Höhere Töchterschule besucht hat und sonst nichts kann? Vater will ja nicht, dass ich einen Beruf erlerne. Er sagt, ich solle heiraten und bis dahin im Elternhaus bleiben. Ich hätte es nicht nötig, zu arbeiten und Geld zu verdienen. Doch heutzutage haben schon so viele junge Frauen eine Ausbildung und sind berufstätig, zum Beispiel als Sekretärinnen, als Lehrerinnen oder Krankenschwestern. Manche haben sogar studiert und sind Ärztinnen oder Rechtsanwältinnen. Was ist dagegen einzuwenden? Ich verstehe Vater nicht. Jetzt ist mein Platz hier, das weiß ich, bis wir alle ein wenig über Mutters Tod hinweggekommen sind, wenn man überhaupt je darüber hinwegkommen kann. Aber später, in zwei oder drei Jahren vielleicht, werde ich versuchen, von Vater die Erlaubnis für eine Berufsausbildung zu bekommen. Warum soll eine Frau nicht auch ein bisschen Selbstständigkeit und Unabhängigkeit im Leben haben?
Ein Jahr nach Leonore Oertels Tod kam Emmy ins Haus. Sie sollte ein Glücksfall für die Familie werden. Emmy stammte aus einer westfälischen Industriellenfamilie. Sie war Mitte dreißig, als sie in das Oertelsche Haus kam, eine praktische, tüchtige Frau, die überall da mit anpackte, wo es notwendig war, und die keine Arbeit scheute. Gertrud ging ihr gern zur Hand.
Heute waren die beiden Frauen in der Küche beschäftigt. Oertel erwartete am nächsten Tag Gäste, und Emmy bereitete einen Kalbskopf in Aspik vor, der bei allen so beliebt war. „Sie dürfen die Stücke nicht zu groß schneiden, aber auch nicht zu klein, Fräulein Gertrud, etwa so.“ Sie zeigte Gertrud, die dabei war, das Fleisch und das Gemüse zu zerteilen, wie sie es meinte. „Eines Tages werden Sie auch eine Hausfrau sein, dann müssen Sie kochen können.“ Sie nickte ihr aufmunternd zu.
„Wo haben Sie das alles gelernt?“, wollte Gertrud wissen.
„In der Haushaltsschule von Hedwig Heyl in Berlin. Sie hat auch das große Kochbuch geschrieben, das dort steht.“ Ohne von ihrer Arbeit aufzusehen, deutete sie mit einer Kopfbewegung in Richtung Regal. „Eine Hausfrau muss doch die feine Küche kennen, aber auch einfache Gerichte schmackhaft zubereiten können. Sie muss wissen, wie man die Wäsche richtig pflegt und das Silber. Und wie man Hühner und Gänse schlachtet, das stand auch auf unserem Programm.“
Gertrud starrte Emmy entgeistert an. Ein Schauer lief ihr über den Rücken. Sie sah Emmy vor sich, ein Beil in der einen Hand und mit der anderen das Tier festhaltend, dem sie gleich den Kopf abschlagen würde. Sie schüttelte sich bei dem Gedanken.
„Das muss man können, wenn man in einem Landhaushalt arbeitet“, sagte Emmy mit Überzeugung.
Sie scheint gar nichts dabei zu finden, dachte Gertrud, noch immer schockiert. So eine Haushaltsschule, das wäre nichts für mich. Sie war mit ihrer Arbeit fertig, stand auf und wusch sich die Hände.
Emmy goss die Gelatinelösung über die Fleisch- und Gemüsestücke und stellte die Schüssel kalt. „Helfen Sie mir noch, die Wäsche wegzuräumen, Fräulein Gertrud?“
Sie gingen nach oben zu dem großen Wäscheschrank, vor dem bereits der Korb mit der gebügelten Wäsche stand. Gertrud beobachtete, wie Emmy die Laken und Bezüge ganz genau aufeinander legte und die Wäschestapel mit rosa Bändchen zusammenband. Alle Schleifen sahen genau gleich aus, exakt wie Soldaten, dachte Gertrud.
„Ordnung muss sein, und es soll doch auch hübsch aussehen.“ Emmy hatte Gertruds erstaunten Blick bemerkt. Über ihr Gesicht glitt ein Lächeln.
Gertrud fand die Bänder mit den Schleifen überflüssig. Das werde ich später bestimmt nicht so machen, dachte sie, als sie Emmy die Wäschestapel anreichte. Warum hat sie eigentlich nicht geheiratet, wo sie doch so eine perfekte Hausfrau ist? Sie betrachtete Emmy verstohlen von der Seite. Ihre große, etwas grobknochige Figur, ihr scharf geschnittenes Gesicht, ihre selbstbewusste Art … das ist sicher nichts für Männer. Die wollen ein anschmiegsames Weibchen. Aber als anschmiegsames Weibchen konnte Gertrud sich Emmy nicht vorstellen. Vielleicht wollte sie gar nicht heiraten und lieber unabhängig sein, das würde zu ihr passen.
Am Abend schickte Oertel Gertrud zu Emmy, um ihr etwas auszurichten. Gertrud fand sie in ihrem Zimmer im Sessel neben der Stehlampe sitzend, ein Buch in der Hand.
„Setzen Sie sich, Fräulein Gertrud.“ Emmy zeigte auf einen Stuhl und legte das Buch in den Schoß. Johann Wolfgang von Goethe, Sämtliche Werke, las Gertrud. Ihr Blick ging durch den Raum, umfasste das akkurat zugedeckte Bett, den Tisch mit der gestärkten Spitzendecke, die Waschkommode mit der geblümtem Waschschüssel und der dazu passenden Wasserkanne. An der Wand entdeckte sie ein Bücherregal, in dem weitere Bände von Goethe standen neben Schiller und Shakespeare und Büchern von Heine, Tolstoi und Fontane. Gertrud staunte. Das war eine ganz andere Emmy, so kannte sie sie gar nicht.
„Warum sind sie gekommen, Fräulein Gertrud?“, riss Emmys Stimme sie aus ihren Gedanken. „Sollen Sie mir etwas vom Herrn Geheimrat ausrichten, oder wollen Sie mich besuchen?“ Sie bemerkte Gertruds Verlegenheit und lächelte ihr freundlich zu.
Gertrud besann sich. „Vater lässt Ihnen sagen, dass er morgen früh das Frühstück eine halbe Stunde früher als sonst haben möchte. Er hat vor der Vorlesung noch etwas zu erledigen.“
Emmy nickte. „Das geht in Ordnung.“
Was für eine eigenartige Frau, dachte Gertrud beim Hinausgehen. Morgens arbeitet sie in der Küche, erzählt, dass sie Hühner und Gänse schlachten kann, und abends liest sie Klassiker.
Novembernebel hing zwischen den kahlen Zweigen der Bäume. Die Luft schien gesättigt zu sein mit Tausenden kleiner Wassertropfen. Sie verwischten die Konturen der Straßenlaternen und zerstreuten ihr Licht in einem milchigen Schimmer. Die Häuser, die Sträucher und Zäune der Vorgärten, die wenigen Menschen, die in diesem ungemütlichen Wetter unterwegs waren – alles wurde von ihnen in undeutliche Schemen verwandelt, die plötzlich auftauchten und wieder verschwanden. Auch das Licht der hohen, schmalen Erkerfenster des Hauses Kaiser-Wilhelm-Straße 17 wurde von der feuchten Dunkelheit verschluckt. Wer zufällig vorbeiging, hörte Musik, Klavier und Geigenklang, wie von ferne durch die geschlossenen Fenster dringen.
Es gab wieder Hausmusik bei der Familie Oertel. Gertrud hatte ihrem Vater von Zeit zu Zeit vorsichtig zugeredet, um ihn aus seiner Trauer herauszureißen. Schließlich hatte er nachgegeben. Im ganzen Haus war seit dem Morgen eine erwartungsvolle, freudige Spannung zu spüren. Paul, der zum ersten Mal im Quartett die zweite Geige spielen durfte, übte in seinem Zimmer eifrig seine Stimme. Auch Gertrud spielte noch einmal den Klavierpart des Haydn-Trios durch, das heute Abend unter anderem auf dem Programm stand. Die drei Stücke aus den Kinderszenen von Schumann und die beiden Préludes von Chopin, die sie außerdem spielen wollte, konnte sie gut. Sie beschloss, dass es nicht nötig sei, sie noch einmal anzusehen. Emmy war schon vom frühen Morgen an beschäftigt. Martha, ein junges Mädchen, das sie als Haushaltshilfe eingestellt hatte, weil Fine gegangen war, ging ihr dabei zur Hand. Sie fühle sich inzwischen zu alt, hatte Fine gesagt. Aber es war wohl eher so, dass sie sich an die Veränderungen im Hause Oertel nicht mehr gewöhnen konnte. Das Musikzimmer, in dem der große Flügel stand, musste hergerichtet werden. Die drei Klubsessel und der kleine Tisch wurden beiseitegerückt, damit das Streichquartett in der Mitte Platz hatte. Aus dem Esszimmer holten die beiden Frauen vier Stühle herein und stellten sie in einem Halbkreis vor dem Flügel auf. Zwei große Kerzenleuchter wurden so angeordnet, dass sie die Notenpulte zusätzlich beleuchten konnten, wenn das Licht des Kronleuchters an der Decke nicht ausreichen sollte.
Nach dem Mittagessen ging die Arbeit in der großen Küche im Souterrain weiter. Emmy hatte geplant, in der Pause als Erfrischung „dänische Brötchen“ und Punsch zu servieren.
„Schade, dass wir in dieser Jahreszeit keine frische Petersilie und keine Radieschen haben“, sagte Emmy zu Martha, „es würde noch hübscher aussehen.“
Die Platte mit den Brötchen wurde kühl gestellt. Der Teepunsch konnte erst im letzten Moment zubereitet werden, da er ja warm getrunken wurde. Aber Emmy stellte schon einmal den Rotwein, den Rum, Zucker und Tee bereit, damit nachher alles schnell ging. Zufrieden betrachteten die beiden Frauen ihr Werk.
Oertel merkte nichts von all der Geschäftigkeit. Er saß in seinem Studierzimmer über seinen Büchern. Seinen Part brauchte er nicht zu üben, denn er war ein versierter Cellist, und sowohl das Streichquartett von Boccherini als auch das Haydn-Trio stellten an ihn keine großen Anforderungen. Das Boccherini-Quartett hatte ihm sein Freund und Kollege, Professor Reisinger, gegeben, der heute Abend, wie an so vielen Hausmusikabenden im Hause Oertel, die Bratsche spielen sollte. Er hatte die Stimmen gleich weitergegeben, damit die übrigen Mitspieler sich vorbereiten konnten: die für die zweite Geige seinem Sohn Paul, und die für die erste Geige Wilhelm Zeidler, der auch die Geigenstimme für das Haydn-Trio bekommen hatte.
Wilhelm Zeidler war einer von Oertels Studenten. Er war dem Professor neulich bei einem Hochschulkonzert als vielversprechender junger Geiger aufgefallen. Weil sein anderer Kollege, der sonst im Quartett der „Erste“ war, heute nicht kommen konnte, hatte er Wilhelm gebeten, ihn zu vertreten. Der junge Mann empfand es als eine besondere Ehre, von seinem Professor zum privaten Musizieren eingeladen zu werden, und sagte natürlich hocherfreut zu.
Pünktlich um achtzehn Uhr, zur verabredeten Zeit, klingelte Wilhelm Zeidler an der Tür des Hauses Kaiser-Wilhelm-Straße 17.
„Herzlich willkommen in meinem Heim, lieber Wilhelm“, begrüßte Oertel seinen Studenten. Auf Professor Reisinger musste man noch warten. Wie immer kam er fünfzehn Minuten zu spät. Er war eben an das akademische Viertel gewöhnt. „Scheußliches Wetter“, murmelte er ein bisschen atemlos, als er seine Gummiüberschuhe auszog und an der Garderobe abstellte. Professor Reisinger war ein eher kleiner, etwas korpulenter Herr mit einem runden, freundlichen Gesicht. Die Fältchen an seinen Augenwinkeln vermittelten den Eindruck, dass er gern lachte.
„Kommen Sie herein, lieber Kollege.“ Der Hausherr führte ihn in den Salon. „Gertrud wird uns zunächst etwas auf dem Klavier spielen. Da haben Sie Zeit zu verschnaufen, und Ihr Instrument kann sich an die Zimmertemperatur gewöhnen.“ Oertel, Reisinger und Emmy nahmen in den Sesseln Platz, Paul und Wilhelm Zeidler setzten sich auf die Stühle, die für die Quartettspieler bestimmt waren.
Gertrud, die schon bei Hochschulkonzerten öffentlich gespielt hatte, ging ohne Scheu und völlig unbefangen zum Flügel und setzte sich auf den Hocker. Noten brauchte sie nicht, sie konnte die Stücke auswendig. Sie konzentrierte sich kurz und begann mit der „Träumerei“ aus den Kinderszenen von Schumann. Mit weichem Anschlag, sanft und voller Innigkeit ließ sie die ersten Takte erklingen. Etwas Schwebendes, ja, fast etwas Märchenhaftes lag über ihrem Spiel. Die Zuhörer fühlten sich wie verzaubert und in eine andere Welt entrückt. Mit tiefem Empfinden und musikalischer Sensibilität gestaltete sie die Melodiebögen, indem sie vor einer aufwärts strebenden Linie immer ein bisschen verzögerte, so als ob die Kräfte erst gesammelt werden müssten, die sich zum Höhepunkt aufschwingen. Leicht und ohne jede Anstrengung schienen ihre Finger die Tasten zu bewegen. Sie selbst war ganz versunken in ihr Spiel, und ihre Versunkenheit teilte sich auch den Zuhörern mit.
Die nächsten beiden Stücke kamen munter und lebhaft daher. Mit kraftvollen Akkorden der „Ritter vom Steckenpferd“, mit übermütigen, leichtfüßigen Passagen der „Haschemann“. Und so schwerelos Gertruds Finger eben noch auf den Tasten lagen, so kräftig konnten sie nun zupacken, so virtuos und geschickt bewältigten sie die schnellen Läufe.
Wilhelm Zeidler hatte während der ganzen Zeit den Blick nicht von Gertrud gewandt. Er war überrascht, hingerissen, sowohl von ihrem Spiel als auch von ihrer Erscheinung. Wie sie da am Flügel saß, mit anmutigen, leichten Bewegungen der Hände und Finger, im gelben Seidenkleid mit dem Spitzenkragen, das einen schönen Kontrast zu ihrem dunklen, zu Schnecken aufgesteckten Haar bildete.
Die Stimmung der „Träumerei“ wieder aufnehmend, begann sie nun mit dem „Regentropfen-Prélude“ von Chopin. Voller Bewunderung hörte er ihr zu. Wie sie die stereotypen Tonwiederholungen des Regentropfenmotivs spielte, ganz leicht hingetupft … wie sie darüber die friedvolle Melodie erklingen ließ, verhalten, doch mit beseeltem Ausdruck, das berührte ihn zutiefst. Um so mehr überraschte ihn die sich nun ständig steigernde Intensität ihres Spiels, mit der sie das Donnergrollen in den Bässen vorbereitete, das sich schließlich in einem Fortissimo-Ausbruch entlud. Wie viel Kraft und zugleich auch wie viel Innigkeit lebten in dieser jungen Frau! Er betrachtete ihr feines Profil, das vom Kerzenschein weich beleuchtet war, und meinte, ein Märchenwesen vor sich zu haben, eine Fee oder eine Elfe. Den Abschluss ihres Vortrags bildete das B-Dur Prélude. Das lebhafte, unbeschwerte Stück vermittelte eine heitere Stimmung, und als der letzte Akkord verklungen war, wurde spontan Beifall geklatscht. Auch Oertel nickte seiner Tochter anerkennend zu. Gertrud errötete, aber gleichzeitig war sie sehr stolz auf das Lob, das sie in den Augen ihres Vaters lesen konnte. Der Beifall und die Stimmen der übrigen Anwesenden rissen Wilhelm Zeidler aus seiner Verzauberung. Spontan applaudierte auch er. Wie gern wäre er aufgestanden, zu ihr hingegangen, um ihr zu sagen, wie sehr er sie bewunderte, aber das wagte er nicht. Er hätte ihr die Hand küssen mögen, um ihr seine Gefühle zu zeigen, aber das war ganz unmöglich.
Nun formierte sich das Quartett. Oertel begann souverän, mit vollem, warmem Ton. Gertrud horchte auf, und ihr Herz schlug höher. Wie gut, dachte sie, dass ich Vater überreden konnte, wieder Musik zu machen. Sie wird ihm helfen, seine Trauer zu überwinden. Professor Reisinger mit seiner Bratsche, das Zusammenspiel mit seinem Kollegen gewöhnt, folgte dem Cello mühelos. Paul war ängstlich und nervös und verpasste den ersten Einsatz, woraufhin der Vater abwinkte und ärgerlich „noch mal von vorn“ brummte. Der Junge bekam feuchte Hände und einen roten Kopf, aber er nahm sich zusammen und war dieses Mal rechtzeitig da. Als dann etwas später die erste Geige einsetzte, war es, als ob die Sonne aufging. Wilhelm eroberte sich mit seinem strahlenden Geigenklang, seinem ausdrucksvollen Spiel, das bei allem Gefühl, welches er hineinlegte, immer klar und durchsichtig und sauber intoniert blieb, sofort die Herzen der Zuhörer und der Mitspieler. Und jetzt ging es Gertrud so, wie es ihm vorhin gegangen war: Sie konnte den Blick nicht abwenden von dem schlanken, gut aussehenden jungen Mann, der wie verwachsen schien mit seiner Geige. Eine blonde Haarsträhne fiel ihm ins Gesicht, aber er merkte es nicht. Gertrud meinte zu spüren, dass die Musik vollständig von ihm Besitz ergriffen hatte.
Paul konnte seine Nervosität nicht ganz ablegen. Wahrscheinlich war es auch die Gegenwart des Vaters, die ihn unsicher machte. Er hatte fleißig geübt und konnte seinen Part, aber unter den strengen Blicken des Professors fühlte er sich nicht wohl in seiner Haut und machte Fehler. Im Mittelteil, wo die erste und die zweite Geige in Terzparallelen geführt werden, intonierte er unsauber und hielt das Tempo nicht durch, aber Oertel ließ nicht unterbrechen. Er warf seinem Sohn nur einen strafenden Blick zu. Später würde er ihm sagen, was er zu sagen hatte. So ging der erste Satz ohne eine größere Störung zu Ende.
Vor dem zweiten Satz gab Friedrich Oertel kurze Anweisungen: „Die erste Zählzeit im Menuett sollte etwas betont werden, aber nicht übertrieben. Im dritten Satz kann die erste Geige Virtuosität zeigen. Aber ich denke, wir nehmen ihn zunächst allegro moderato und nicht allegro con brio. Wir spielen schließlich das erste Mal zusammen. Die Hauptsache ist jetzt, dass wir uns gegenseitig hören und aufeinander eingehen. Nach dem Boccherini und vor dem Haydn werden wir dann eine Pause machen.“
Die Pause war eine willkommene Entspannung für die Musiker. Sie ließen sich gern in das geräumige Esszimmer führen und setzten sich an den großen Tisch in der Mitte, auf dem die Kanne mit dem dampfenden Punsch und die appetitlich anzusehende Platte mit den Brötchen standen. Ein Strauß aus Tannengrün und Stechpalmen mit roten Beeren zierte den Tisch und erinnerte daran, dass die Adventszeit nahe war. Kerzenschein tauchte den Raum in ein warmes, gemütliches Licht. Martha goss den Punsch ein, und Emmy nahm gern die Lobreden entgegen, mit denen ihre Brötchen bedacht wurden. Dann ergriff Friedrich Oertel das Wort: „Ich freue mich, Wilhelm, dass wir Sie gewinnen konnten, in unserem Quartett mitzuspielen“, wandte er sich an seinen Studenten. „Sie haben einen schönen, ausdrucksvollen, klaren Ton, und das Zusammenspielen macht Ihnen ja keine Schwierigkeiten, wie ich gemerkt habe. Haben Sie schon in einem Ensemble mitgewirkt?“
„Ich spiele manchmal mit ein paar Freunden zusammen“, antwortete der junge Mann bescheiden.
„Nun, ich würde mich freuen, wenn wir Sie öfter in unserer Mitte haben könnten. Es sollte nicht bei dem heutigen Abend bleiben. Sie spielen ein sehr gutes Legato“, fügte Oertel dann hinzu, „aber vielleicht könnten Sie die Phrasierungen noch etwas deutlicher herausarbeiten.“ Dann wandte er sich an die anderen: „Im Mittelteil des ersten Satzes bei Boccherini müssen wir der ersten Geige unbedingt die Führung überlassen. Die tieferen Stimmen sollten sich deshalb etwas zurückhalten. Auch bei Motivwiederholungen bitte auf die Dynamik achten, also mezzoforte oder piano spielen, je nachdem, was vorausgegangen ist.“
Missbilligend sah der Professor seinen Sohn an. Der Junge kannte diesen Ausdruck in den Augen des Vaters und wusste, dass er gleich einen Tadel bekommen würde. „Paul, achte darauf, dass du immer mitzählst“, sagte er, und der vorwurfsvolle Ton in seiner Stimme war nicht zu überhören. „Du bist bei deinen Einsätzen ein paar Mal zu spät gewesen, und gewackelt hat es fast jedes Mal. Bemühe dich, das Tempo mitzuhalten. Auch deine Intonation ist nicht immer ganz sauber. Nimm dir ein Beispiel an Herrn Zeidler, der selbst seine Oktavsprünge lupenrein spielt und seinen Ton schön ausschwingen lässt. Du solltest überhaupt noch mehr üben, insbesondere die Triller.“
„Na, na, Oertel“, mischte sich Professor Reisinger begütigend ein, „seien Sie nicht so streng mit dem jungen Mann. Für das erste Mal hat er sich doch tapfer geschlagen. Und geübt hat er, das konnte man merken.“ Er klopfte Paul, der neben ihm saß, aufmunternd auf die Schulter: „Wenn man zum ersten Mal mit geübten Musikern zusammenspielt, dann ist man nervös und aufgeregt. Ist mir in deinem Alter genau so gegangen. Nur Mut, du wirst noch ein guter Geiger werden.“
Paul wurde über und über rot und wusste vor Verlegenheit nicht, wohin er gucken sollte. Er starrte krampfhaft auf das Brötchen auf seinem Teller, aber er hatte einen Kloß in der Kehle und konnte nichts herunterkriegen. Warum muss Vater nur immer an mir herummeckern? Nichts kann ich ihm recht machen. Immer hat er etwas auszusetzen. Er fühlte ich enttäuscht und entmutigt, denn er hatte sich so viel Mühe gegeben und fleißig geübt.
Es hatte sich so ergeben, dass Gertrud und Wilhelm einander gegenüber saßen. Dadurch begegneten sich ihre Blicke während des Essens immer wieder. Und obwohl sie die Augen schnell niederschlug, so fing sie doch seinen Blick auf, einen Blick, in dem sich Bewunderung und Zärtlichkeit mischten und der ihr Herzklopfen verursachte.
Nach der Pause gingen sie wieder in den Salon. Professor Reisinger und Paul waren jetzt die Zuhörer. Gertrud setzte sich ans Klavier, und Oertel und Wilhelm stimmten noch einmal ihre Instrumente. Schon gleich im ersten Satz, in dem Geige und Klavier miteinander gehen, dann sich loslassen und in einem Frage- und Antwortspiel wiederfinden, empfand Gertrud eine geheimnisvolle Übereinstimmung mit Wilhelm. Sie fühlte sich von der Geigenmelodie auf eine bisher nicht erlebte Art und Weise inspiriert, getragen, an die Hand genommen und in Bereiche geführt, die sie nicht kannte. Und als dann der Teil kam, in dem das Klavier die Führung übernimmt, war sie voller Begeisterung. Mit einem überströmenden Glücksgefühl variierte sie virtuos die Melodie der Geige. Der ruhige zweite Satz mit seinen Kantilenen voller Poesie glich einem Ausatmen, einer inneren Entspannung und Beruhigung. Er war gewissermaßen eine Zäsur, bevor der letzte Satz – ein Zigeunertanz – mit übersprudelnder Lebendigkeit Spieler und Zuhörer in seinen Bann schlug. Wilhelm und Gertrud beflügelten sich gegenseitig mit ihrer Spielfreude. Ihr war, als hätten sie schon immer zusammen musiziert, als sei dies nicht das erste Mal. Keine Fremdheit war zwischen ihnen. Es war ein selbstverständliches Miteinander, ein gemeinsames Schwingen im Geiste der Musik. Als der letzte Ton verklungen war und die Zuhörer Beifall klatschten, sahen sie sich glücklich und mit vor Begeisterung heißen Gesichtern an. Sie hätten noch lange so weiterspielen mögen, um diese gegenseitige Verzauberung nicht aufhören zu lassen.
Professor Reisinger verabschiedete sich bald. Wilhelm wusste, dass es sich für ihn gehörte, nun auch zu gehen, obwohl er so gerne noch geblieben wäre. Er bedankte sich höflich bei Professor Oertel für den schönen Abend und wurde eingeladen, doch bald wiederzukommen.
„Wir planen ein Hauskonzert mit dem heutigen Programm. Es würde mich freuen, wenn Sie dabei wären, Wilhelm. Ich werde meinen Kollegen, der heute verhindert war, fragen, ob er Ihnen für eine Weile seinen Platz überlässt. Die Art und Weise, wie Sie an die Stücke herangehen, hat mir sehr gut gefallen. Herr Scholz ist ein vielbeschäftigter Mann und hat sicher nichts dagegen. Ein paar Mal sollten wir noch vorher üben. Der heutige Abend war ja eigentlich mehr ein Kennenlernen. Ich dachte, dass wir zunächst einmal ausprobieren müssten, ob wir in dieser Besetzung zueinander passen. Außerdem sollten wir uns bekannt machen mit dem Gesamtklang der Stücke. Manche Einsätze müssten noch präziser herausgearbeitet werden, und auch über Tempi und Ritardandi müssten wir uns verständigen. Gertrud und ich werden außerdem eine Cellosonate spielen.“
Gertrud reichte Wilhelm ihre Hand zum Abschied, und er drückte einen zarten Kuss darauf, der auch als Höflichkeit verstanden werden konnte. Aber sie empfand bei der Berührung seiner Lippen eine seltsame, unbekannte Erregung. Noch in den nächsten Tagen spürte sie seinen Kuss auf ihrem Handrücken, und manchmal warf sie einen verstohlenen Blick auf die Stelle, als wolle sie prüfen, ob dort etwas zu sehen sei.


20. November 1913,
vormittags
Ich bin noch ganz durcheinander! Endlich gab es wieder Hausmusik bei uns! Vater hatte einen seiner Studenten eingeladen, die erste Geige zu spielen, weil Professor Scholz nicht konnte. Er spielte hinreißend! Ich muss immerzu an ihn denken. Wie er den Bogen führte … leicht und doch kraftvoll … sein seelenvoller Ton … mir ist, als habe er sich mit seiner Geige tief in mein Herz hineingespielt. Den Kuss auf meine Hand … ich spüre ihn noch immer … der Blick, mit dem er mich ansah … er ging mir durch und durch … ich muss ihn wiedersehen!

Veröffentlicht am Schreib einen Kommentar

Buchtipp: Im Zwielicht der Zeit

Im Zwielicht der Zeit

Ellinor Wohlfeils zweiteilige Familien-Saga aus „Im Zwielicht der Zeit“ und „Im Bann der Vergangenheit“ erzählt unaufgeregt ein Stück deutscher Geschichte.

Ellinor Wohlfeil, die den Nationalsozialismus als Kind eines jüdischen Vaters und einer arischen Mutter erlebte, schildert darin das Leben vor dem Zweiten Weltkrieg, währenddessen und nicht zuletzt auch danach. Wer Parallelen zu heute sucht, wird sie finden, doch man darf nicht vergessen, wie anders Deutschland heute dasteht als 1929.

Dennoch sind die beiden Romane sehr wichtig.

Mehr Infos

Blick ins Buch (Im Zwielicht der Zeit)

Hier ein Link zu einestages auf SPON mit Bildern und einem Text von Ellinor Wohlfeil.