Aufwachen. Wichtigste Frage: Wer bin ich überhaupt? Und wo? Nach einigen Sekunden fällt mir mein Name ein. Fiona. Das ist gut. Ich liege auf jeden Fall in einem Bett. Auf der linken Seite. Die Hand, die ich sehe, müsste meine rechte sein. Klar, der linke Arm inklusive Hand befindet sich hinter meinem Rücken. Ein bisschen verdreht liege ich also schon, aber das ist gar nicht so ungewöhnlich. Und dass ich mich daran erinnere, ist ein Beweis dafür, dass ich tatsächlich wach werde. Mir fällt auch ein, wo ich mich befinde. Im Bett in unserer Suite. Und ich bin angezogen. Okay, es ist eine Art Hausanzug. Ich war zu müde, um ihn auszuziehen, außerdem hat sich Kian zwischen uns gelegt. Aber vor allem war ich müde.
Ich hebe den Kopf und sehe mich um. Kian sitzt am Fußende und hält zwei Tassen in den Händen.
„Cappuccino oder Cappuccino?“, fragt er.
Ich drehe den Kopf weiter und erkenne Katharina, die sich langsam aufsetzt.
„Ich nehme Cappuccino. Was nimmst du, Schätzchen?“
Verflucht, wieso sind alle schon so wach, nur ich nicht? Ach ja, ich bin schwanger. Hallo, Kelly, bist du denn schon wach? Da keine Antwort kommt, gehe ich davon aus, dass sie noch schläft. Ich drehe mich auf den Rücken und setze mich auch auf, ziehe die Knie an.
„Ich nehme auch einen Cappuccino …“
„Ich wusste, was ihr haben wollen wollt“, sagt Kian stolz.
„Cool“, erwidert Katharina. „Soll ich die Tassen holen?“
„Nicht nötig.“ Er lässt die Tassen los, die zu uns schweben. Ich nehme meine und sehe Katharina an, die sich ihre bis an den Mund liefern lässt und erst dort danach greift.
„Irgendwann trinkst du bestimmt auch noch für uns“, murmele ich.
Er verzieht das Gesicht. „Bestimmt nicht. Schmeckt mir nicht! Und jetzt gehe ich spielen!“
„Mit Lea?“, fragt Katharina.
„Mit Lea, Reem und Sam!“, antwortet er beim Hinausrennen.
„Oh Gott …“
Katharina lacht auf. „Du bist ja ganz schön neben der Spur. Hast du was geträumt?“
„Wenn ich das wüsste …“ Ich halte mich an meiner Tasse fest, die leichter wird, weil ich daraus trinke. „War es nur ein Traum oder ist es Wirklichkeit, dass Drachenkind gesagt hat, wir müssen die Seelen dieses Universums finden und befreien?“
„Kein Traum.“
„Oh Scheiße.“
„Schätzchen, wir haben Garoan gefunden und abgeliefert, obwohl es eigentlich unmöglich war. Ein paar Trilliarden Seelen können sich nicht einfach so verstecken.“
„In der Verborgenen Welt? Klar können sie das.“
„Okay, das erhöht den Schwierigkeitsgrad etwas. Trink deinen Cappuccino.“
„Und dann?“
„Dann bringen wir uns gegenseitig zum Schreien, wie schon lange nicht mehr.“
Klingt nach einem echt guten Plan. Ich trinke hastig meinen Cappuccino und stelle die leere Tasse auf den Boden.
Ich starre auf den Monitor. Er zeigt immer noch dasselbe wie vor Tagen schon: den Eingang zur Höhle, die zu Drachenkinds Schloss führt. Eigentlich sollten wir ja unterwegs sein, um die Seelen des Universums zu befreien.
Nur, wo sind sie? Ich habe absolut keine Idee. Ich meine, das ist unser Universum. Es ist riesig im Vergleich zum neuen Universum. Wobei, neu ist es ja nicht. Ich glaube sogar, es ist älter als mein Herkunftsuniversum. Aber es ist eben auch sehr, sehr viel kleiner. Und irgendwie übersichtlicher.
Die Brücke ist abgedunkelt, niemand hier außer mir. Ich lehne mich auf meinem Thron zurück und ziehe die Beine an.
Wo seid ihr, Seelen?
„Laura?“
„Ja, Captain?“
„Bring das Schiff auf Kurs zum Visz-Samen.“
„Captain? Sollen das nicht die Kids machen?“
„Vielleicht später. Flieg los.“
„Aye, aye, Captain!“
Ich beobachte die Monitore, auf denen zu sehen ist, wie das Raumschiff sich dreht und dann aus dem Kernel fliegt. Relativ schnell, denn Laura interessiert sich nicht für die morbide Ästhetik des Kernels, schon gar nicht für deren Verborgene Version.
Kurz darauf kommt Halpha auf die Brücke gerannt.
„Wir fliegen!“
„Ich weiß“, erwidere ich. „Ich gab den Befehl dazu.“
„Wohin denn?“
„Zum Visz-Samen.“
„Sind da die Seelen?!“
„Ich habe keine Ahnung, wo die Seelen sind.“
„Und wieso fliegen wir dann dahin?!“
„Der Anblick des Kernels hat mich depressiv gemacht.“
„Wie bitte?!“ Halpha stellt sich vor mir auf. „Was ist denn mit dir los?“
Ich zucke die Achseln.
„Weiß Kians zweite Mutter, was du treibst?“
„Hast du sie noch alle?“
Halpha winkt ab und rennt weg. Vermutlich zu Kians zweiter Mutter. Diese kommt jedenfalls einige Minuten später auf die Brücke und grinst breit. Sie quetscht sich zwischen meine Beine und meinen Oberkörper, ein echtes Kunststück.
„Du hast Halpha geschockt.“
„Ja. Und deine Reaktion hat sie vermutlich auch geschockt.“
Sie nickt. „Ja. Mich interessiert aber auch, warum wir zum Samen fliegen.“
„Ich weiß es wirklich nicht. Hatte gerade den Gedanken, dass das eine gute Idee sein könnte.“
„Aha.“ Sie mustert mich nachdenklich.
„Was?“
„Da ist noch etwas.“
Ich seufze. „Wieso bin ich wie ein offenes Buch für dich?“
„Ernsthafte Frage?“
„Nope.“
„Wollte mich schon wundern. Also?“
„Die Schlange. Sie hat angedeutet, ich sollte ganz schnell in die Spinnenwelt. Eigentlich habe ich so gar keine Lust darauf, ich schätze, da sieht es inzwischen noch finsterer aus als sowieso schon. Aber die Schlange wird es nicht ohne Grund gesagt haben. Ausgerechnet jetzt.“
„Das sehe ich auch so. Demnach fliegen wir zum Samen, weil dort der Übergang in das andere Universum ist.“
„Hm. Vermutlich.“
„War dir das nicht klar?“
Ich starre auf ihre Brüste, die sich durch den Höhenunterschied genau vor meinen Augen befinden. Eingepackt zwar, aber halt irritierend nah.
„Hallo? Musst du dich schon wieder entspannen?“
Ich lache auf. „Das immer. Es war echt irgendwie eine Idee, die plötzlich da war. Aber vermutlich beschäftigte mich das mit der Schlange so sehr im Unbewussten, dass das dabei herauskam.“
Katharina schaut kurz zur Tür, dann hebt sie das T-Shirt. „Wir hatten noch nie Sex auf der Brücke.“
Und das wird sich auch nicht jetzt ändern, denn nun hören wir Schritte. Mit einem bedauernden Gesichtsausdruck rückt sie ihr T-Shirt wieder zurecht.
Diesmal kommt Ryema, begleitet von Margret, Ona und Halpha. Ona zieht grinsend die Augenbrauen hoch, als sie uns sieht.
„Halpha hat mir eine Beschwerde zugetragen“, sagt Ryema.
„Aha.“
„Kein Grund einzuschnappen. Wir sind halt neugierig, wohin und warum wir fliegen. Ist das verkehrt?“
„Nein“, antworte ich seufzend. „Es war eine spontane Idee von mir. Aber wir haben inzwischen herausgearbeitet, was dahintersteckt.“
„Aha“, sagt jetzt Ryema und zieht eine Augenbraue bedeutungsschwanger hoch. „Herausgearbeitet?“
„Ja, wir sind nämlich ein gutes Team.“
Sie lächelt. „Oh ja, das weiß ich. Okay, und was steckt denn nun dahinter?“
„Die Schlange hat mir gesagt, ich sollte die Spinnenwelt im Auge behalten und besuchen. Das hat aus dem Hintergrund heraus für die Entscheidung gesorgt.“
„Hm.“ Ryema setzt sich an den Pult des Navigators. „Ist das eigentlich dieselbe Schlange, mit der auch Drachenkind zu tun hatte?“
„Ich gehe davon aus, obwohl sie keine klare Antwort darauf geben wollte. Aber sonst wären sie eineiige Zwillinge.“
„Der war gut“, bemerkt Margret. „Was könnte sie denn damit meinen?“
„Wenn ich das nur wüsste. Als wir die Welt verlassen haben, stand sie knapp vor einem Krieg. Und als wir kurz da waren, um Waffen zu holen, sah es danach aus, dass schon viel kaputt war. Das ist jetzt auch schon einige Wochen her.“
„Okay, aber was geht es uns an?“, fragt Ona.
„Die Schlange hat mich gewarnt.“
Ona kratzt sich am Kopf. „Wahrscheinlich bedeutet das, dass du die Welt und das Universum retten musst.“
Ich starre sie an.
„Was denn? Siehst du es anders? Ich meine, ich kenne deine Schlange ja nicht, aber ich habe Drachenkinds Geschichte gehört. Wenn die Schlange dir sagt, du sollst in die Spinnenwelt gehen, dann solltest du das tun und dann hat das einen echt heftigen Grund.“
„Na toll.“
„Genau.“
„Aber sollten wir dann nicht lieber trancegleiten?“, erkundigt sich Halpha. „Sonst sind wir echt lange unterwegs.“
„Doch, das wäre besser. Kannst du die Leute zusammentrommeln?“
„Klar. Laura, sag bitte allen Bescheid, dass sie auf die Brücke kommen sollen!“
„Aye, aye, Madam.“
Halpha sieht aus, als würde sie über eine passende Bemerkung nachdenken, verzichtet aber darauf, mit einem Computer zu diskutieren. Zumal sie Lauras scharfe Zunge und empfindsame Seele kennt. Wer auch immer diese KI programmiert hat, hatte Sinn für Humor.