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Leseprobe: Die Legende von Sarah und Thomas: Die Prinzessin, die ihre Eltern tötete

Die Legende von Sarah und Thomas (Band 1)

Es wurde schlagartig still. Nach einem Moment waren dann die Atemzüge von zwei Menschen zu hören. Thomas setzte sich auf und blickte Sarah an, die mit weit aufgerissenen Augen zurückschaute.
„Wir haben unsere Welt verlassen, Thomas!“
„Unsere Entscheidung.“
Sarah nickte und erhob sich. Sie sah sich um. Um sie herum blanker, geschliffener Stein. Steinboden, Steinwände und Steinstufen, nach unten wie nach oben. Aus einer unsichtbaren Quelle drang indirektes Licht. Die Stufen führten um eine Säule in der Mitte, so wie eine Schlange sich um einen Stab windet.
„Dargk hat gesagt, geht drei Türen weiter. Aber von welcher Tür aus gezählt?“ Thomas kratzte sich am Kopf. „Ich vermute mal, er meinte die vierte Tür von dieser aus betrachtet.“
„Und wenn nicht?“
Er zuckte die Achseln. „Du hast selbst gesagt, Söldner gibt es überall.“
„Das ist ein sehr schwacher Trost. Dargk wird uns nicht ohne Grund an diese eine Tür verwiesen haben.“
„Er tut wohl nichts ohne Grund. Nun, gehen wir!“
„Warte!“ Sarah starrte die Stelle an, wo vormals die Tür gewesen war, durch die sie gekommen waren. Stattdessen war dort jetzt das zu sehen, was Dargk den Gang zu Gott genannt hatte. Sarah trat fasziniert darauf zu.
„Was tust du da, Sarah?“
„Der Weg zu Gott“, flüsterte sie.
„Eher zum Rattenfutter“, erwiderte Thomas. Er legte eine Hand auf ihre Schulter. „Mach keinen Unsinn. Ich müsste dir folgen.“
Mit Tränen in den Augen wandte sie sich ab und ging die Treppe hoch. Nach endlos lang scheinenden Minuten oder Stunden erreichten sie die erste Tür.
„Wie viele Jahre haben wir jetzt?“, fragte Thomas stöhnend.
„Das spielt keine Rolle, Thomas. Wichtig ist nur, dass wir die dritte echte Tür nehmen!“
Er nickte. Sie hatte natürlich recht. Die nächste Tür war unpassierbar. Sie blickten erneut in den Gang zu Gott. Wieder blieb Sarah fasziniert stehen, und bevor Thomas reagieren konnte, streckte sie ihre Hand aus. Sie fühlte mehr, als sie sah, wie etwas sich in Bewegung setzte, und riss ihre Hand zurück. Sie spürte die Berührung durch die Lamellenklingen, die für einen Augenblick die Sicht auf den Gang versperrten. Dann sah sie die Spitze ihres Mittelfingers an, wo ein roter Blutstropfen erschien.
„Das war knapp“, stellte sie ruhig fest.
„Sarah!“
„Es ist alles gut, Thomas. Lass uns weitergehen.“ Wie in Trance setzte sie ihren Fuß auf die erste Stufe zur nächsten Etage. „Es ist ja nichts passiert.“
Kopfschüttelnd folgte er ihr. „Nichts ist gut. Wir laufen seit Stunden eine Treppe nach oben und sind irgendwo außerhalb der Zeit. Wenn das alles überhaupt stimmt!“
Sarah blieb stehen. „Warum sollte es nicht stimmen?“
„Glaubst du ihm denn diesen ganzen Blödsinn?“
Sie hielt ihm ihren blutigen Mittelfinger hin. „Und das Blut?“
„Eine geschickt konstruierte Falle.“
Sie zuckte die Achseln. „Und wozu? Glaubst du nicht, dass sie uns problemlos töten könnten, wenn sie wollten? Wozu dieser Aufwand?“
„Ich weiß es nicht, meine Liebe. Ich weiß nur, dass ich nicht verstehe, wo wir sind. Und was wir hier tun!“
„Das geht mir doch auch nicht anders.“ Sarah setzte sich auf die Stufen und vergrub ihr Gesicht in den Händen. „Thomas! Was von den Ereignissen der letzten Wochen ist zu verstehen? Meine Eltern sind tot! Unsere Freunde sind tot! Wir wurden gekreuzigt! Also, welchen Teil verstehst du?“
Thomas setzte sich neben sie. Er schwieg.
„Wir haben keine Wahl, auch wenn es manchmal anders aussieht“, stellte Sarah verbittert fest. „Eine logische Kette von Ereignissen hat dazu geführt, dass wir hier sitzen. Glaubst du ernsthaft, wir können diese Kette unterbrechen?“
Er schüttelte den Kopf und schwieg.
„Wir wurden gekreuzigt und haben überlebt. Es mag Zufall sein, und vielleicht war es auch der Wille meiner Großmutter und der Katharinas. Aber vielleicht war es auch der Wille Gottes, damit wir in diesem verdammten Turm in die Zukunft gehen.“
„Warum?“
„Ich habe keine Ahnung. Wenn ich Gott verstehen könnte, meinst du, ich säße dann hier?“
„Sarah, es kann keinen Gott geben!“
„Nicht? Ist es dir nicht Beweis genug, dass wir hier sitzen?“
„Was beweist diese Treppe denn?“
„Und der Gang zu Gott?“
„Gang zu Gott?“ Thomas lachte. „Der Gang zu Rattenfutter, alles andere ist nur eine Behauptung.“
„Ich wollte es testen!“
„Wie du den Ratten schmeckst?“
„Du bist zynisch.“
„Ich bin zynisch?“, wiederholte Thomas fassungslos. „Ich? Wer hat denn die Hand in diesen Gang gesteckt? Tut mir leid, Sarah, aber das ist zynisch. Nicht zynisch wäre es gewesen, da durchzugehen. Das wäre zwar sehr traurig gewesen, was mich betrifft, für dich vielleicht auch schmerzhaft, aber es wäre ehrlich gewesen. Nur die Hand auszustrecken und dann einen Blutstropfen anzustarren, das ist für mich zynisch.“
„Aha.“ Sarah sprang auf und lief die Stufen hoch. Thomas folgte ihr seufzend.
„Was ist denn jetzt schon wieder? Habe ich etwa unrecht?“
„Nein, hast du nicht!“, schrie Sarah zurück. „Aber darum geht es gar nicht! Es ist unwichtig, ob du recht hast oder nicht!“
„Und was ist dann wichtig?“
Thomas holte keuchend die flüchtende Sarah ein und hielt sie am Arm fest. „Was? Warum sind wir hier? Gibt es dafür wirklich einen Grund?“
Sarah blieb stehen und sah ihn an. Ihr Gesicht war nass von den Tränen. „Der Grund ist, dass wir unsere Eltern umgebracht haben. Hast du das schon vergessen?“
„Nein.“ Er ließ sie los. „Nein, das werde ich niemals vergessen.“
„Dann können wir ja jetzt weiter, oder?“
Thomas nickte. Er warf einen Blick zurück. Nichts als Stufen. Genau wie vor ihnen. Er atmete tief durch und folgte Sarah.

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Leseprobe: Die Alchimar – Gelebtes Leben

Gelebtes Leben

Mit geschlossenen Augen trieb Maja im Wasser dahin, spürte, wie sie immer tiefer sank. Die Vorfreude auf das Wiedersehen mit ihren Freunden ließ ihr Herz einen Takt höher schlagen und in ihrem Kopf wirbelten tausend Bilder und Gedanken durcheinander. Doch Maja beachtete sie nicht. Sie genoss das Wasser, das ihren Körper umschmeichelte und registrierte nur am Rande, dass es um sie herum immer heller wurde. Je tiefer sie in die Quelle hinabtauchte, desto greller wurde das Licht, auf das sie zusteuerte. Träge öffnete Maja die Augen. Um sie herum schimmerte das Wasser in allen erdenklichen Farben. Fast wirkte es so, als würde das Sonnenlicht sich in den einzelnen Wassertropfen brechen. Doch sie wusste, das war unmöglich, hier in der Tiefe hatten die Sonnenstrahlen keine Chance. Fasziniert beobachtete sie das Farbenspiel um sich herum, fuhr mit weit geöffneten Händen durch das Wasser und sah, wie die Farben durcheinander wirbelten. Sie lachte laut auf. Aus ihrem Mund strömten Hunderte kleiner Luftbläschen, die sich auf den Weg zur Wasseroberfläche machten. Erschrocken schloss sie den Mund und hielt die Luft wieder an.
Immer schneller flossen die Farben um sie herum nun ineinander und beinahe wäre ihr schwindelig von dem Schauspiel geworden. Verwundert bemerkte sie, dass ihr Körper, wie von einer unsichtbaren Kraft gezogen, in immer rasanter werdendem Tempo im Wasser dahinglitt. Je schneller sie wurde, desto mehr verblassten die einzelnen Farben um sie herum. Schließlich vereinigten sie sich zu einem grellen silbernen Schein, der sie vollständig umhüllte. Geblendet schloss Maja die Augen.
Plötzlich spürte sie einen sanften Gegenstrom, der ihre Geschwindigkeit verringerte. Für einen kurzen Moment fühlte es sich an, als wäre sie zwischen zwei Wasserwirbel geraten. Der Druck von beiden Seiten sorgte dafür, dass sie für wenige Sekunden still im Wasser stand. Unbewusst rollte Maja sich zusammen und schlang die Arme um die Beine, um möglichst wenig Fläche zu bieten. Doch bevor sie sich ernsthaft unwohl hätte fühlen können, ließ der Druck auch schon nach, und sie spürte, wie sie nun in die andere Richtung trieb. Sie wurde nicht mehr in die Tiefe gezogen, sondern vielmehr von den Wassermassen sanft nach oben gedrückt. Sie hatte soeben die Grenze zur Oberen Welt überschritten. Ein Lächeln machte sich auf ihrem Gesicht breit und sie hob den Kopf, um einen Blick zu riskieren. Das Licht um sie herum war schwächer geworden, über ihr wirkte das Wasser nun tiefblau, und ganz weit in der Ferne schimmerte ein kleiner heller Punkt, der immer größer wurde, je näher sie ihm kam. Sie überlegte, ob sie schwimmen sollte, anstatt sich nur treiben zu lassen, um die Oberfläche schneller zu erreichen, doch sie fühlte sich angenehm träge und genoss diesen langsamen Aufstieg. Er ließ ihr noch ein wenig mehr Zeit, um sich auf das, was sie gleich in der Oberen Welt erwarten würde, vorzubereiten. Gleich bin ich zu Hause, schoss es ihr durch den Kopf, und sie schloss noch ein letztes Mal die Augen, um die Stille um sich herum in sich aufzunehmen.
Ein kühler Lufthauch, der durch ihr nasses Haar fuhr, signalisierte ihr, dass sie die Wasseroberfläche durchbrochen hatte. Neugierig hob sie den Kopf und öffnete die Augen. Sie befand sich in einer großen Höhle, die in gedämpftes Licht getaucht war, welches von kleinen Fackeln kam, die überall an den schroffen Felswänden angebracht waren. Sie wusste, diese Fackeln würden niemals erlöschen, sie trugen das ewige Licht – eines der Wunder, welche die Obere Welt zu bieten hatte. Maja selbst trieb in einem großen Wasserbecken, welches dem am Ende des Stroms des Vergessens auffallend ähnlich war. Nur ging es hier deutlich ruhiger zu, kein monströser Wasserfall stürzte sich hier in die Tiefe, um das Wasser im Becken in Aufruhr zu versetzen.
Am Rande des Beckens sah sie eine Gestalt sitzen, die aufmerksam in ihre Richtung blickte. Das Gesicht lag im Schatten und doch schlug Majas Herz schneller. Sie brauchte kein Licht, um zu wissen, wer ihr da eine Hand entgegenstreckte. Mit einigen schnellen Schwimmstößen schwamm Maja auf die dargebotene Hand zu. Einige Meter vom Rand entfernt spürte sie plötzlich sandigen Boden unter ihren Füßen. Sie stand auf, das Wasser reichte ihr noch bis zur Brust. Mit kräftigen Schritten watete sie zum Ufer und ein breites Lächeln lag auf ihrem Gesicht. „Alame!“ Majas Stimme hallte leise von den Felswänden wider, doch sie beachtete es nicht. Sie eilte, so schnell es das Wasser zuließ, auf ihre Mentorin zu, die ihr noch immer eine Hand entgegenstreckte, jedoch keinen Laut von sich gab. Die letzten Meter rannte Maja durch das seichter werdende Wasser und sie spürte, wie ihr Tränen in die Augen schossen, als sie endlich die Hand Alames zu fassen bekam und sich von ihr aus dem Becken ziehen ließ. Die Älteste des Rates kniete auf dem kühlen Steinboden, zog Maja ohne Umschweife in ihre Arme und drückte sie fest an sich. Es schien sie nicht zu stören, dass ihr weißes Gewand innerhalb von Sekunden durchnässt war.
„Willkommen zu Hause.“ Alame löste sich und blickte ihr liebevoll in die Augen. „Wie war dein Übergang?“ Maja setzte sich bequemer und lächelte. „Es war wie immer intensiv und sehr besonders.“ Alame nickte wissend und strich ihr eine nasse Haarsträhne aus der Stirn. „Du solltest dich abtrocknen, ich habe dir Tücher und ein frisches Gewand zurecht gelegt.“ Sie deutete auf eine kleine Nische, die sich rechterhand in die grobe Steinwand schmiegte. Maja blickte an Alame hinab und lachte leise auf. „Ich glaube, du brauchst auch etwas Trockenes zum Anziehen.“ Die Älteste musterte ihr Gewand belustigt. Es war von oben bis zu den Knien durchnässt. Sie erhob sich mit einer geschmeidigen Bewegung und zog Maja ebenfalls auf die Füße. „Glaubst du wirklich, ich hätte nicht vorgesorgt? In ihrer Stimme lag Heiterkeit und Maja spürte, wie ihr Herz einen Satz machte. Wie hatte sie Alame vermisst, es tat so gut, ihre Stimme nach so vielen Jahren endlich wieder zu hören. Ohne ein weiteres Wort schritt die Älteste davon und verschwand in einer zweiten Nische, um sich umzuziehen.

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Leseprobe: Die Alchimar – Lernen zu leben

Lernen zu leben

Auch am darauf folgenden Tag kreisten Majas Gedanken ausschließlich um die veränderte Situation der Welten. Sie konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, was Alame zugestoßen sein konnte und spürte eine Angst, wie noch nie zuvor in ihrem Leben. Immer wieder versuchte sie, die Älteste auf telepathischem Wege zu erreichen, doch ihre Rufe liefen ins Leere und auf eine Antwort wartete sie vergebens. Sie überlegte, wie sie weiter vorgehen sollte und was die nächsten Schritte waren. Die Aussicht, vielleicht schon bald aus der Unteren Welt abgezogen zu werden, machte ihr das Herz schwer und wann immer sie einen ihrer Freunde in ihrer Nähe hatte, war ihr zum Schreien zu Mute. Gerne hätte sie über das, was in ihr vorging, mit jemandem geredet, aber sie wusste, diese Information war keinem ihrer Lieben zumutbar.
Dennoch entschloss sich Maja, eine kurzfristige Versammlung des Bundes einzuberufen, um die wichtigsten Details ihres Besuches in der Oberen Welt mitzuteilen. Die Anweisungen des Rates betrafen schließlich im weitesten Sinne auch die Aktivitäten des Bundes. So stand Maja ein paar Stunden später in der großen Scheune und beobachtete, wie nach und nach die Mitglieder ihres Bundes eintrafen. Überrascht zuckte sie zusammen, als sich das Tor ein weiteres Mal öffnete und ihr kleiner Bruder, gefolgt von seinen Freunden, sich ebenfalls zu ihnen gesellte. Maja schluckte schwer. Moritz und seine Gefährten hätte sie lieber aus der ganzen Angelegenheit herausgehalten. Doch ein Blick in seine trotzigen Augen ließen sie schweigend akzeptieren, dass er blieb.
Als alle Mitglieder ihre Plätze eingenommen hatten, unter ihnen befanden sich auch Miriam und Bastian, hob sie kurz die Hand, um zu signalisieren, dass sie etwas sagen wollte. Als sie in die vielen erwartungsvollen Augen blickte, spürte sie einen dicken Kloß im Hals und befürchtete, keinen Ton herausbekommen zu können. Sie räusperte sich leise und versuchte, sich auf einen Punkt auf dem Boden zu konzentrieren. Den Menschen, die sie liebte, jetzt in die Augen schauen zu müssen, war in Anbetracht der schlechten Nachrichten, die sie zu verkünden hatte, zu viel für sie.
„Ich danke euch, dass ihr so kurzfristig kommen konntet. Ich habe dieses Treffen einberufen, weil es sehr wichtige und leider auch traurige Neuigkeiten gibt, die ich euch keinesfalls vorenthalten wollte.“ Maja spürte, wie ihre Stimme zu versagen drohte und hielt einen kurzen Moment inne. „Wir Alchimar wurden gestern in die Obere Welt geholt, weil man uns mitteilen musste, das Alame seit einigen Tagen verschwunden ist.“ Sie blickte auf und suchte den Blick ihrer Mutter, in der Hoffnung in deren Augen die Kraft zu finden, die sie jetzt so dringend benötigte. In der Scheune war es auffallend still und Maja fuhr fort. „Solange nicht geklärt ist, wo Alame sich befindet und ob ihr vielleicht etwas geschehen ist, wurde uns untersagt, unsere Aufgaben weiter zu verfolgen. Der Rat befürchtet, dass die Splitter hinter dem Verschwinden der Ältesten stecken und möchte so verhindern, dass wir enttarnt und zur Zielscheibe werden.“
Ein schockiertes Raunen ging durch die Scheune und Majas Herz krampfte sich zusammen, als sie die ungläubigen Blicke ihrer Freunde auffing. „Es ist uns außerdem verboten, allein zwischen den Welten zu switchen oder andere Dinge zu tun, die uns ins Gefahr bringen könnten. Das heißt auch für euch alle, dass ihr euch im Hintergrund halten und für einige Zeit von möglichen Splittern fernhalten müsst.“ Sally hob die Hand und Majas gab ihr nickend zu verstehen, dass sie sprechen konnte. „Was ist mit diesem Typen von der Party? Bist du sicher, dass er dich nicht schon längst enttarnt hat?“ Bekümmert schaute Maja ihre Freundin an. „Nein, ich bin nicht sicher, aber solange er mir nicht aktiv auf die Pelle rückt, halten wir uns auch zurück.“ Sally nickte. „Sobald ich Neuigkeiten erhalte, werdet ihr die Ersten sein, die es erfahren. Solange bitte ich euch darum, euch möglichst unauffällig zu verhalten.“
Ein kleiner Junge, einer von Moritz Freunden, hob schüchtern die Hand. Als Maja ihn ansah erkannte sie, dass es Aaron war, den sie beim ersten Treffen der zweiten Generation kennengelernt hatte. „Ja Aaron, was gibt es?“ Freundlich lächelte sie dem Kleinen zu. Sie musste sich etwas nach vorne beugen, um seine zitternde Stimme verstehen zu können. „Dürfen wir in der Zeit auch nichts Gutes mehr tun? Wir wollten nächste Woche im Park Müll einsammeln gehen.“ Mit roten Wangen saß der Junge da und blickte auf seine Finger. Maja wäre am liebsten zu ihm gegangen und hätte ihn in den Arm genommen. Es hatte ihn offensichtlich sehr viel Mut gekostet, hier vor allen Anwesenden, die größtenteils mehr als doppelt so alt waren wie er, seine Frage zu stellen. „Doch Aaron, solche tollen Dinge dürft ihr selbstverständlich weiterhin tun. Die Bitte war eher an die Mitglieder des ersten Bundes gerichtet. Ich weiß, dass die zweite Generation viele gute Aktionen geplant hat und die werden auch stattfinden.“
Ein Blick in das zufriedene Gesicht ihres Bruders ließ Maja liebevoll lächeln. Der Kleine machte seine Sache wirklich gut, schoss es ihr durch den Kopf. Während der ältere Bund sich auf die Jagd nach Splittern machte, hatten die Jüngeren sich darauf verlegt, ehrenamtliche Aufgaben zu übernehmen, die dem Allgemeinwohl dienten. Maja war diese Aufteilung sehr gelegen gekommen, so musste sie sich wenigstens keine Sorgen um Moritz oder eines der anderen Kinder machen.
„Wenn soweit keine Fragen mehr sind, können wir jetzt zum gemütlichen Teil des Treffens übergehen und uns auf den Kuchen stürzen, den meine Mutter freundlicherweise gestiftet hat. Als wäre ein Schalter umgelegt worden, lockerte sich schlagartig die Stimmung im Raum und schon wenige Augenblicke später diskutierten die Kinder und Jugendlichen über die Neuigkeiten, während sie sich freudig am Kuchenbuffet bedienten. Als Maja am frühen Morgen bei ihrer Mutter angerufen hatte, um sie über die bevorstehende Versammlung zu unterrichten, hatte sie nicht damit gerechnet, dass Miriam bis zum Nachmittag in der Küche stehen und backen würde. Doch als sie in der Scheune eintraf, standen fünf große Kuchenbleche auf dem Tisch und Miriam hatte ihr lächelnd versichert, dass die Verpflegung nun einmal schon immer ihr Beitrag zu den Treffen gewesen sei und dass sich daran auch nichts ändern würde.
Eine Weile beobachtete Maja das Treiben, dann schlich sie sich zum Tor der Scheune hinaus und schlenderte in der frischen Luft zu der Bank im Garten. Sie ließ sich auf der alten Holzbank nieder, genoss die warmen Sonnenstrahlen auf ihrer Haut und schloss für einen kurzen Moment die Augen. Ihre Gedanken rasten noch immer, doch zumindest ihr Körper kam hier in der Natur ein bisschen zur Ruhe. Ein leises Knacken ließ sie aufhorchen und gleich darauf schob sich etwas zwischen sie und die Sonne. Widerwillig öffnete Maja die Augen und blickte an der Person hoch, die sich vor ihr aufgebaut hatte. „Was verschweigst du uns?“ Sally blickte ihr forschend in die Augen und Maja begann, sich unwohl zu fühlen.
„Was meinst du?“ Sally seufzte und setzte sich neben Maja auf die Bank. Sie streckte die langen Beine aus und betrachtete eine Weile ihre Füße, die in schwarzen Turnschuhen steckten. „Maja, ich kenne dich jetzt schon lange genug, um zu spüren, dass da mehr ist als das, was du uns gesagt hast. Warum sonst hättest du dich heimlich aus der Scheune verdrückt, um hier mit Trauerkloßmiene allein im Garten rumzuhocken?“ Verdammt, Sally traf immer den Nagel auf den Kopf, dachte Maja. Sie seufzte schwer und spürte wie Tränen ihre Augen feucht werden ließen. Wortlos griff sie nach Sallys Hand und drückte diese. Innerlich rang sie schwer mit sich selbst. Der Wunsch, sich jemandem anzuvertrauen und ihre Ängste teilen zu können war beinahe übermächtig, doch sie wollte keinem ihrer Lieben diese Last aufbürden.
Als hätte Sally ihre Gedanken gelesen, stand sie auf und zog Maja mit sich. „Komm, lass uns gemeinsam ein Stück gehen, bevor die anderen merken, dass wir weg sind und dann erzählst du mir, was der Rat noch gesagt hat.“ Sie gingen den kleinen ausgetretenen Pfad entlang durch den Garten und kamen zwischen zwei alten Apfelbäumen hindurch auf die Wiese. Schweigend bahnten sie sich einen Weg durch das hohe Gras, noch immer hielten sie sich an den Händen. Da Sally sich normalerweise mit körperlicher Nähe sehr zurückhielt, wunderte sich Maja zwar, sagte jedoch nichts. Nachdem sie eine ganze Weile gelaufen waren, hielt Maja das Schweigen nicht mehr aus. Sie betrachtete Sally unbemerkt von der Seite und überlegte, wie viel Information sie ihr wirklich zumuten konnte.