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Leseprobe: Die Alchimar – Gelebtes Leben

Gelebtes Leben

Mit geschlossenen Augen trieb Maja im Wasser dahin, spürte, wie sie immer tiefer sank. Die Vorfreude auf das Wiedersehen mit ihren Freunden ließ ihr Herz einen Takt höher schlagen und in ihrem Kopf wirbelten tausend Bilder und Gedanken durcheinander. Doch Maja beachtete sie nicht. Sie genoss das Wasser, das ihren Körper umschmeichelte und registrierte nur am Rande, dass es um sie herum immer heller wurde. Je tiefer sie in die Quelle hinabtauchte, desto greller wurde das Licht, auf das sie zusteuerte. Träge öffnete Maja die Augen. Um sie herum schimmerte das Wasser in allen erdenklichen Farben. Fast wirkte es so, als würde das Sonnenlicht sich in den einzelnen Wassertropfen brechen. Doch sie wusste, das war unmöglich, hier in der Tiefe hatten die Sonnenstrahlen keine Chance. Fasziniert beobachtete sie das Farbenspiel um sich herum, fuhr mit weit geöffneten Händen durch das Wasser und sah, wie die Farben durcheinander wirbelten. Sie lachte laut auf. Aus ihrem Mund strömten Hunderte kleiner Luftbläschen, die sich auf den Weg zur Wasseroberfläche machten. Erschrocken schloss sie den Mund und hielt die Luft wieder an.
Immer schneller flossen die Farben um sie herum nun ineinander und beinahe wäre ihr schwindelig von dem Schauspiel geworden. Verwundert bemerkte sie, dass ihr Körper, wie von einer unsichtbaren Kraft gezogen, in immer rasanter werdendem Tempo im Wasser dahinglitt. Je schneller sie wurde, desto mehr verblassten die einzelnen Farben um sie herum. Schließlich vereinigten sie sich zu einem grellen silbernen Schein, der sie vollständig umhüllte. Geblendet schloss Maja die Augen.
Plötzlich spürte sie einen sanften Gegenstrom, der ihre Geschwindigkeit verringerte. Für einen kurzen Moment fühlte es sich an, als wäre sie zwischen zwei Wasserwirbel geraten. Der Druck von beiden Seiten sorgte dafür, dass sie für wenige Sekunden still im Wasser stand. Unbewusst rollte Maja sich zusammen und schlang die Arme um die Beine, um möglichst wenig Fläche zu bieten. Doch bevor sie sich ernsthaft unwohl hätte fühlen können, ließ der Druck auch schon nach, und sie spürte, wie sie nun in die andere Richtung trieb. Sie wurde nicht mehr in die Tiefe gezogen, sondern vielmehr von den Wassermassen sanft nach oben gedrückt. Sie hatte soeben die Grenze zur Oberen Welt überschritten. Ein Lächeln machte sich auf ihrem Gesicht breit und sie hob den Kopf, um einen Blick zu riskieren. Das Licht um sie herum war schwächer geworden, über ihr wirkte das Wasser nun tiefblau, und ganz weit in der Ferne schimmerte ein kleiner heller Punkt, der immer größer wurde, je näher sie ihm kam. Sie überlegte, ob sie schwimmen sollte, anstatt sich nur treiben zu lassen, um die Oberfläche schneller zu erreichen, doch sie fühlte sich angenehm träge und genoss diesen langsamen Aufstieg. Er ließ ihr noch ein wenig mehr Zeit, um sich auf das, was sie gleich in der Oberen Welt erwarten würde, vorzubereiten. Gleich bin ich zu Hause, schoss es ihr durch den Kopf, und sie schloss noch ein letztes Mal die Augen, um die Stille um sich herum in sich aufzunehmen.
Ein kühler Lufthauch, der durch ihr nasses Haar fuhr, signalisierte ihr, dass sie die Wasseroberfläche durchbrochen hatte. Neugierig hob sie den Kopf und öffnete die Augen. Sie befand sich in einer großen Höhle, die in gedämpftes Licht getaucht war, welches von kleinen Fackeln kam, die überall an den schroffen Felswänden angebracht waren. Sie wusste, diese Fackeln würden niemals erlöschen, sie trugen das ewige Licht – eines der Wunder, welche die Obere Welt zu bieten hatte. Maja selbst trieb in einem großen Wasserbecken, welches dem am Ende des Stroms des Vergessens auffallend ähnlich war. Nur ging es hier deutlich ruhiger zu, kein monströser Wasserfall stürzte sich hier in die Tiefe, um das Wasser im Becken in Aufruhr zu versetzen.
Am Rande des Beckens sah sie eine Gestalt sitzen, die aufmerksam in ihre Richtung blickte. Das Gesicht lag im Schatten und doch schlug Majas Herz schneller. Sie brauchte kein Licht, um zu wissen, wer ihr da eine Hand entgegenstreckte. Mit einigen schnellen Schwimmstößen schwamm Maja auf die dargebotene Hand zu. Einige Meter vom Rand entfernt spürte sie plötzlich sandigen Boden unter ihren Füßen. Sie stand auf, das Wasser reichte ihr noch bis zur Brust. Mit kräftigen Schritten watete sie zum Ufer und ein breites Lächeln lag auf ihrem Gesicht. „Alame!“ Majas Stimme hallte leise von den Felswänden wider, doch sie beachtete es nicht. Sie eilte, so schnell es das Wasser zuließ, auf ihre Mentorin zu, die ihr noch immer eine Hand entgegenstreckte, jedoch keinen Laut von sich gab. Die letzten Meter rannte Maja durch das seichter werdende Wasser und sie spürte, wie ihr Tränen in die Augen schossen, als sie endlich die Hand Alames zu fassen bekam und sich von ihr aus dem Becken ziehen ließ. Die Älteste des Rates kniete auf dem kühlen Steinboden, zog Maja ohne Umschweife in ihre Arme und drückte sie fest an sich. Es schien sie nicht zu stören, dass ihr weißes Gewand innerhalb von Sekunden durchnässt war.
„Willkommen zu Hause.“ Alame löste sich und blickte ihr liebevoll in die Augen. „Wie war dein Übergang?“ Maja setzte sich bequemer und lächelte. „Es war wie immer intensiv und sehr besonders.“ Alame nickte wissend und strich ihr eine nasse Haarsträhne aus der Stirn. „Du solltest dich abtrocknen, ich habe dir Tücher und ein frisches Gewand zurecht gelegt.“ Sie deutete auf eine kleine Nische, die sich rechterhand in die grobe Steinwand schmiegte. Maja blickte an Alame hinab und lachte leise auf. „Ich glaube, du brauchst auch etwas Trockenes zum Anziehen.“ Die Älteste musterte ihr Gewand belustigt. Es war von oben bis zu den Knien durchnässt. Sie erhob sich mit einer geschmeidigen Bewegung und zog Maja ebenfalls auf die Füße. „Glaubst du wirklich, ich hätte nicht vorgesorgt? In ihrer Stimme lag Heiterkeit und Maja spürte, wie ihr Herz einen Satz machte. Wie hatte sie Alame vermisst, es tat so gut, ihre Stimme nach so vielen Jahren endlich wieder zu hören. Ohne ein weiteres Wort schritt die Älteste davon und verschwand in einer zweiten Nische, um sich umzuziehen.

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Leseprobe: Die Alchimar – Lernen zu leben

Lernen zu leben

Auch am darauf folgenden Tag kreisten Majas Gedanken ausschließlich um die veränderte Situation der Welten. Sie konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, was Alame zugestoßen sein konnte und spürte eine Angst, wie noch nie zuvor in ihrem Leben. Immer wieder versuchte sie, die Älteste auf telepathischem Wege zu erreichen, doch ihre Rufe liefen ins Leere und auf eine Antwort wartete sie vergebens. Sie überlegte, wie sie weiter vorgehen sollte und was die nächsten Schritte waren. Die Aussicht, vielleicht schon bald aus der Unteren Welt abgezogen zu werden, machte ihr das Herz schwer und wann immer sie einen ihrer Freunde in ihrer Nähe hatte, war ihr zum Schreien zu Mute. Gerne hätte sie über das, was in ihr vorging, mit jemandem geredet, aber sie wusste, diese Information war keinem ihrer Lieben zumutbar.
Dennoch entschloss sich Maja, eine kurzfristige Versammlung des Bundes einzuberufen, um die wichtigsten Details ihres Besuches in der Oberen Welt mitzuteilen. Die Anweisungen des Rates betrafen schließlich im weitesten Sinne auch die Aktivitäten des Bundes. So stand Maja ein paar Stunden später in der großen Scheune und beobachtete, wie nach und nach die Mitglieder ihres Bundes eintrafen. Überrascht zuckte sie zusammen, als sich das Tor ein weiteres Mal öffnete und ihr kleiner Bruder, gefolgt von seinen Freunden, sich ebenfalls zu ihnen gesellte. Maja schluckte schwer. Moritz und seine Gefährten hätte sie lieber aus der ganzen Angelegenheit herausgehalten. Doch ein Blick in seine trotzigen Augen ließen sie schweigend akzeptieren, dass er blieb.
Als alle Mitglieder ihre Plätze eingenommen hatten, unter ihnen befanden sich auch Miriam und Bastian, hob sie kurz die Hand, um zu signalisieren, dass sie etwas sagen wollte. Als sie in die vielen erwartungsvollen Augen blickte, spürte sie einen dicken Kloß im Hals und befürchtete, keinen Ton herausbekommen zu können. Sie räusperte sich leise und versuchte, sich auf einen Punkt auf dem Boden zu konzentrieren. Den Menschen, die sie liebte, jetzt in die Augen schauen zu müssen, war in Anbetracht der schlechten Nachrichten, die sie zu verkünden hatte, zu viel für sie.
„Ich danke euch, dass ihr so kurzfristig kommen konntet. Ich habe dieses Treffen einberufen, weil es sehr wichtige und leider auch traurige Neuigkeiten gibt, die ich euch keinesfalls vorenthalten wollte.“ Maja spürte, wie ihre Stimme zu versagen drohte und hielt einen kurzen Moment inne. „Wir Alchimar wurden gestern in die Obere Welt geholt, weil man uns mitteilen musste, das Alame seit einigen Tagen verschwunden ist.“ Sie blickte auf und suchte den Blick ihrer Mutter, in der Hoffnung in deren Augen die Kraft zu finden, die sie jetzt so dringend benötigte. In der Scheune war es auffallend still und Maja fuhr fort. „Solange nicht geklärt ist, wo Alame sich befindet und ob ihr vielleicht etwas geschehen ist, wurde uns untersagt, unsere Aufgaben weiter zu verfolgen. Der Rat befürchtet, dass die Splitter hinter dem Verschwinden der Ältesten stecken und möchte so verhindern, dass wir enttarnt und zur Zielscheibe werden.“
Ein schockiertes Raunen ging durch die Scheune und Majas Herz krampfte sich zusammen, als sie die ungläubigen Blicke ihrer Freunde auffing. „Es ist uns außerdem verboten, allein zwischen den Welten zu switchen oder andere Dinge zu tun, die uns ins Gefahr bringen könnten. Das heißt auch für euch alle, dass ihr euch im Hintergrund halten und für einige Zeit von möglichen Splittern fernhalten müsst.“ Sally hob die Hand und Majas gab ihr nickend zu verstehen, dass sie sprechen konnte. „Was ist mit diesem Typen von der Party? Bist du sicher, dass er dich nicht schon längst enttarnt hat?“ Bekümmert schaute Maja ihre Freundin an. „Nein, ich bin nicht sicher, aber solange er mir nicht aktiv auf die Pelle rückt, halten wir uns auch zurück.“ Sally nickte. „Sobald ich Neuigkeiten erhalte, werdet ihr die Ersten sein, die es erfahren. Solange bitte ich euch darum, euch möglichst unauffällig zu verhalten.“
Ein kleiner Junge, einer von Moritz Freunden, hob schüchtern die Hand. Als Maja ihn ansah erkannte sie, dass es Aaron war, den sie beim ersten Treffen der zweiten Generation kennengelernt hatte. „Ja Aaron, was gibt es?“ Freundlich lächelte sie dem Kleinen zu. Sie musste sich etwas nach vorne beugen, um seine zitternde Stimme verstehen zu können. „Dürfen wir in der Zeit auch nichts Gutes mehr tun? Wir wollten nächste Woche im Park Müll einsammeln gehen.“ Mit roten Wangen saß der Junge da und blickte auf seine Finger. Maja wäre am liebsten zu ihm gegangen und hätte ihn in den Arm genommen. Es hatte ihn offensichtlich sehr viel Mut gekostet, hier vor allen Anwesenden, die größtenteils mehr als doppelt so alt waren wie er, seine Frage zu stellen. „Doch Aaron, solche tollen Dinge dürft ihr selbstverständlich weiterhin tun. Die Bitte war eher an die Mitglieder des ersten Bundes gerichtet. Ich weiß, dass die zweite Generation viele gute Aktionen geplant hat und die werden auch stattfinden.“
Ein Blick in das zufriedene Gesicht ihres Bruders ließ Maja liebevoll lächeln. Der Kleine machte seine Sache wirklich gut, schoss es ihr durch den Kopf. Während der ältere Bund sich auf die Jagd nach Splittern machte, hatten die Jüngeren sich darauf verlegt, ehrenamtliche Aufgaben zu übernehmen, die dem Allgemeinwohl dienten. Maja war diese Aufteilung sehr gelegen gekommen, so musste sie sich wenigstens keine Sorgen um Moritz oder eines der anderen Kinder machen.
„Wenn soweit keine Fragen mehr sind, können wir jetzt zum gemütlichen Teil des Treffens übergehen und uns auf den Kuchen stürzen, den meine Mutter freundlicherweise gestiftet hat. Als wäre ein Schalter umgelegt worden, lockerte sich schlagartig die Stimmung im Raum und schon wenige Augenblicke später diskutierten die Kinder und Jugendlichen über die Neuigkeiten, während sie sich freudig am Kuchenbuffet bedienten. Als Maja am frühen Morgen bei ihrer Mutter angerufen hatte, um sie über die bevorstehende Versammlung zu unterrichten, hatte sie nicht damit gerechnet, dass Miriam bis zum Nachmittag in der Küche stehen und backen würde. Doch als sie in der Scheune eintraf, standen fünf große Kuchenbleche auf dem Tisch und Miriam hatte ihr lächelnd versichert, dass die Verpflegung nun einmal schon immer ihr Beitrag zu den Treffen gewesen sei und dass sich daran auch nichts ändern würde.
Eine Weile beobachtete Maja das Treiben, dann schlich sie sich zum Tor der Scheune hinaus und schlenderte in der frischen Luft zu der Bank im Garten. Sie ließ sich auf der alten Holzbank nieder, genoss die warmen Sonnenstrahlen auf ihrer Haut und schloss für einen kurzen Moment die Augen. Ihre Gedanken rasten noch immer, doch zumindest ihr Körper kam hier in der Natur ein bisschen zur Ruhe. Ein leises Knacken ließ sie aufhorchen und gleich darauf schob sich etwas zwischen sie und die Sonne. Widerwillig öffnete Maja die Augen und blickte an der Person hoch, die sich vor ihr aufgebaut hatte. „Was verschweigst du uns?“ Sally blickte ihr forschend in die Augen und Maja begann, sich unwohl zu fühlen.
„Was meinst du?“ Sally seufzte und setzte sich neben Maja auf die Bank. Sie streckte die langen Beine aus und betrachtete eine Weile ihre Füße, die in schwarzen Turnschuhen steckten. „Maja, ich kenne dich jetzt schon lange genug, um zu spüren, dass da mehr ist als das, was du uns gesagt hast. Warum sonst hättest du dich heimlich aus der Scheune verdrückt, um hier mit Trauerkloßmiene allein im Garten rumzuhocken?“ Verdammt, Sally traf immer den Nagel auf den Kopf, dachte Maja. Sie seufzte schwer und spürte wie Tränen ihre Augen feucht werden ließen. Wortlos griff sie nach Sallys Hand und drückte diese. Innerlich rang sie schwer mit sich selbst. Der Wunsch, sich jemandem anzuvertrauen und ihre Ängste teilen zu können war beinahe übermächtig, doch sie wollte keinem ihrer Lieben diese Last aufbürden.
Als hätte Sally ihre Gedanken gelesen, stand sie auf und zog Maja mit sich. „Komm, lass uns gemeinsam ein Stück gehen, bevor die anderen merken, dass wir weg sind und dann erzählst du mir, was der Rat noch gesagt hat.“ Sie gingen den kleinen ausgetretenen Pfad entlang durch den Garten und kamen zwischen zwei alten Apfelbäumen hindurch auf die Wiese. Schweigend bahnten sie sich einen Weg durch das hohe Gras, noch immer hielten sie sich an den Händen. Da Sally sich normalerweise mit körperlicher Nähe sehr zurückhielt, wunderte sich Maja zwar, sagte jedoch nichts. Nachdem sie eine ganze Weile gelaufen waren, hielt Maja das Schweigen nicht mehr aus. Sie betrachtete Sally unbemerkt von der Seite und überlegte, wie viel Information sie ihr wirklich zumuten konnte.

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Leseprobe: Die Alchimar – Start ins Leben

Start ins Leben

Als Maja am nächsten Abend in der Akademie eintraf, herrschte dort hektisches Treiben. Verwundert blieb sie stehen und blickte sich in der Eingangshalle um. Plötzlich wurde sie unsanft angerempelt. Ein bärtiger Blondschopf in einem langen weißen Gewand drehte sich entschuldigend zu ihr um, war im nächsten Moment aber schon im Tumult verschwunden. Nachdenklich schlenderte Maja zu ihrem Unterrichtsraum.
Gerade als sie nach der Türklinke greifen wollte, schwang die Holztür auf und Salomir packte sie am Arm. „Da bist du ja endlich, wir müssen los.“ Er schob das Mädchen vor sich her in Richtung des großen Gemeinschaftssaales. Maja war zu Beginn ihrer Ausbildung in der Oberen Welt schon einmal hier gewesen. Damals waren hier die Alchimar in Klassen eingeteilt worden, wie damals lag auch heute wieder Aufregung in der Luft. Sowohl die Alchimar als auch unzählige Geistwesen hatten sich eingefunden und saßen oder standen dicht aneinandergedrängt.
Maja konnte ihre Neugier kaum zügeln. Zu gerne hätte sie einen Blick auf die Empore geworfen, auf der bei ihrem letzten Aufenthalt der Rat der Weisen seine Plätze eingenommen hatte. Doch durch die vielen Personen blieb ihr der Blick verwehrt. Zaghaft griff das Mädchen nach Salomirs Hand. Sie hatte Angst, dass sie ihn sonst in der Menge verlieren könnte. Salomir blickte fragend zu ihr hinunter und hob sie dann kurzerhand hoch. Er setzte sie auf seine Hüfte und kämpfte sich mit Hilfe seiner Ellbogen bis in die vorderen Reihen durch. Dort saßen die anderen Alchimar auf ihren Sitzkissen und schauten unbehaglich auf das Chaos hinter sich. Suchend blickte Maja durch die Reihen.
Dann hatte sie Lulu, Finn und Silas gefunden. Erleichtert seufzte sie und zappelte auf Salomirs Arm, bis er sie hinunter ließ. Sie drängte sich eilig zu ihren Kameraden durch. Neben Lulu war noch ein Kissen frei und Maja ließ sich dankbar darauf plumpsen. Lulu lächelte: „Ich habe dir einen Platz freigehalten. Ganz schön was los hier, oder?“ Fasziniert ließ sie den Blick schweifen. „Hast du schon mal so viele Geistwesen auf einem Haufen gesehen? Man hat den Eindruck, als wären es Tausende.“ Maja wollte gerade etwas erwidern, als die Tür hinter der Empore aufschwang und die Männer des Rates erschienen. Erst als alle ihre Plätze eingenommen hatten, trat auch Alame durch die Tür. Wie schon beim letzten Mal schritt sie majestätisch zu ihrem Kissen, blieb aber diesmal davor stehen und blickte aufmerksam durch den Raum
Augenblicklich verstummte die Menge und starrte abwartend zur Empore. Wie schon bei ihrer ersten Begegnung wurde Maja sofort in den Bann der Ältesten gezogen. Sie sieht so klug und weise aus, schoss es ihr durch den Kopf, als ob sie alles wüsste, was es auf der Welt nur zu wissen gibt.
Ein Raunen ging durch den Saal, als Alame ihre Hände zum Gruß erhob. Die Spannung war beinah greifbar, Maja hatte das Gefühl, als würde die Luft vibrieren. Sie richtete sich auf und lauschte gebannt den Worten der Meisterin. „Vielen Dank, dass ihr alle pünktlich erschienen seid. Die Lage ist ernst, deshalb hat der Rat so kurzfristig dieses Treffen einberufen.“ Sie schaute sich um. Es schien, als versuche sie den Blick jedes Einzelnen einzufangen. Ein angenehmes Kribbeln fuhr durch Majas Körper, als Alames Blick sie streifte. Mit einem zufriedenen Nicken ließ sich nun auch das Oberhaupt des Rates auf das Kissen sinken. „Die neuesten Entwicklungen sind äußerst besorgniserregend. Wir sind zu der Erkenntnis gelangt, dass das Gleichgewicht zwischen den Welten kurz vor dem Kollaps steht.“