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Leseprobe: Die Alchimar – Start ins Leben

Start ins Leben

Als sie Maja an diesem Abend ins Bett brachte, ermahnte ihre Tochter sie, in dieser Nacht offen zu sein und Milos eine Chance zu geben. Miriam war dann mit einem mulmigen Gefühl in ihr Bett gekrochen und lag jetzt, Stunden später, immer noch hellwach in den Kissen. Sie hatte Angst davor, einzuschlafen und den Besuch zu verpassen. Im Grunde hoffte sie, es würde gar nichts passieren und sie könnte sich einreden, dass Maja nur eine blühende Fantasie besaß. Die Aussicht, alles, was sie an diesem Tag erfahren hatte, würde sich nur als eine Spinnerei ihrer Tochter entpuppen, beruhigte sie. Alles andere würde ihr ganzes Weltbild durcheinanderwerfen.
Die Hoffnung verschwand schlagartig, als Miriam kurze Zeit später eine Bewegung neben dem Bett wahrnahm. Verzweifelt kniff sie die Augen zu, wünschte sich, dass es sich nur um eine Halluzination handeln möge. Eine Reak-tion auf Majas wahnwitzige Geschichten. Doch der Mann am Fußende ihres Bettes war noch immer da, als sie die Augen widerwillig öffnete. Fast automatisch griff Miriam nach dem Lichtschalter und knipste das weiche Licht ihrer Nachttischlampe an, nicht wissend, dass ihre Tochter vor nicht allzu langer Zeit ebenso das Licht angeknipst hatte, als Salomir sie das erste Mal aufsuchte.
Der Mann, der laut Majas Aussage den Namen Milos trug, stand einfach nur da. Seine dunklen Augen musterten sie belustigt. Miriam fühlte sich plötzlich nackt, sie fröstelte und zog die Bettdecke bis zum Kinn hoch. Unverwandt starrte sie den Eindringling an und wusste nicht, wie sie sich verhalten sollte. Einige Minuten lang geschah gar nichts. Die beiden blickten sich an wie zwei Kämpfer, die den Gegner taxieren, um die nächste Bewegung vorauszusehen.
Miriam fühlte sich mehr und mehr unwohl in dieser Situation. Das ist doch lächerlich, dachte sie bei sich, das ist mein Schlafzimmer, ich bin erwachsen und Mutter einer siebenjährigen Tochter und ich sitze wie ein verschreckter Hase im Bett. Mit einem Ruck setzte sie sich auf. »Was willst du von mir, Milos?« Der Mann setzte sich in Bewegung und kam lächelnd näher. »Ah, du kennst meinen Namen. Deine Tochter konnte dich also überzeugen, das ist gut.« Schritt für Schritt kam er näher und ließ sich schließlich auf der Bettkante nieder. Erschrocken zuckte Miriam zurück und versuchte, sich zwischen ihren Kissen zu verkriechen. »Ich bin gekommen, um dich an deine Aufgaben zu erinnern. Du darfst dich von der Macht der Gesellschaft nicht abhalten lassen. Geld und Korruption bringen dich nicht weiter.« Abwartend, ob seine Worte zu der verängstigten Frau durchdringen würden, saß Milos da. Er hatte seine Hände im Schoß gefaltet und beobachtete jede ihrer Regungen genau. Miriam ließ seine Worte auf sich wirken. Irgendwo tief in ihrem Inneren schienen sie auf Zustimmung zu treffen. Ähnlich war es ihr heute ein paar Mal im Gespräch mit Maja gegangen. Obwohl ihr Verstand nicht glauben wollte, was ihre Tochter berichtete, in ihrem Inneren schien es einen Ort zu geben, der es besser wusste.
»Was soll ich tun? Wie kann ich wissen, was meine Aufgaben sind?« Verzweifelt hob Miriam die Hände. Hatte sie nicht bis jetzt schon versucht, ihren Aufgaben gerecht zu werden? Jeden Tag war sie zur Arbeit gegangen, um ihren Dienst zu tun. Um Maja ein angenehmes Zuhause bieten zu können. Sie hatte sich bemüht, ein ehrenhaftes Leben zu führen. Hatte sich nichts zu Schulden kommen lassen. Was konnte sie also mehr tun? »Du weißt bereits, was zu tun ist. Dein Unterbewusstsein wird dich leiten, du musst es nur zulassen. Versuche auf deine innere Stimme zu hören. Als Kind hattest du damit nicht solche Probleme. Weißt du noch?«
Fetzen längst vergessener Erinnerungen schoben sich vor Miriams Augen. Ohne dass sie es verhindern konnte, zogen die Bilder von beschriebenen Papierbögen durch ihr Bewusstsein. Die vielen Hundert Geschichten, die sie geschrieben hatte. Sie hatte ganze Schuhkartons mit eng beschriebenen Blättern gefüllt. Die Worte waren nur so aus ihr herausgeflossen. Schon früh hatte Miriam erkannt, welch große Macht das geschriebene Wort hatte. Wenn man die Menschen erreichen, sie berühren wollte, ging das am Besten, wenn man ihnen ein Buch in die Hand drückte. Als Kind hatte sie das Gefühl, dass sie jede Menge Dinge besaß, an denen sie andere Menschen teilhaben lassen wollte. Miriam hatte nie etwas anderes tun wollen, als die Menschen mit ihren Geschichten zu unterhalten. Aber ihre Eltern hatten sie ausgelacht und den aufkeimenden Berufswunsch der jungen Schriftstellerin im Keim erstickt.
Auch an andere Dinge erinnerte sie sich plötzlich wieder. An die vielen Stunden, die sie damit zugebracht hatte, verletzte Tiere einzusammeln und wieder aufzupäppeln. Es gab viele Katzen in der Nachbarschaft in dem kleinen Ort, in dem sie aufgewachsen war. Immer wieder fingen sie Mäuse oder Vögel, spielten eine Weile mit ihnen und ließen sie dann halb tot auf der Wiese zurück. Wie von einer unsichtbaren Hand geleitet, hatte Miriam zu den verletzten Tieren gefunden und sie eingesammelt. Liebevoll hatte sie die Wunden versorgt und die Tiere gestreichelt. Stundenlang hatte sie ihnen Geschichten erzählt und sie mit winzigen Brotkrumen gefüttert. Fast alle Tiere hatte sie heilen können, hatte mehr als einmal das Gefühl gehabt, die Tiere könnten jedes ihrer Worte verstehen.


 

Miriam war eine Einzelgängerin gewesen. Sie war sich selbst genug, hatte viel in ihrer Fantasie gelebt und in den Tag hinein geträumt. Für sie hatte es einfach keine Probleme gegeben, die man nicht durch eine gute Geschichte hätte beheben können. Ihre Eltern hatten leider wenig Verständnis für ihre Kinderwelt aufgebracht. Sie hatten alles dafür getan, ihre Tochter unsanft in die Realität zurückzuholen. Miriams Leben war von Anfang bis Ende durchgeplant gewesen. Da war kein Platz mehr für ihre eigenen Wünsche oder Träume. Je älter sie wurde, desto seltener dachte sie an ihre Geschichten. Der Wunsch sich mitzuteilen rückte in immer weitere Ferne und Miriam lernte, sich anzupassen. Schon bald waren die Schule und die folgende Ausbildung im Büro das Wichtigste in ihrem Leben.
Nur ein einziges Mal hatte sie sich gegen ihre Eltern aufgelehnt. Sie ließ sich mit einem Jungen aus der Nachbarschaft ein und wurde schwanger. Der Junge zog in eine andere Stadt und sie verloren sich aus den Augen, noch bevor sie ihm von dem Baby erzählen konnte. Für ihre Eltern war die Schwangerschaft völlig inakzeptabel, ihre Tochter eine einzige Enttäuschung für sie, und Miriam war von da an auf sich allein gestellt.
Als Miriam so in ihrem Bett saß und sich an ihre Kindheit zurückerinnerte, überkam sie eine tiefe Traurigkeit. Keiner ihrer Träume war wahr geworden und sie hatte es einfach so hingenommen. Mit jedem Tag ihres Lebens hatte sie sich weiter von sich selbst entfernt, immer nur darauf bedacht, ihren vorbestimmten Platz in der Gesellschaft einzunehmen und nicht aufzufallen.
Betrübt blickte sie Milos an, der saß nur da und lächelte sie liebevoll an. »Ich glaube, du weißt was ich meine. Es ist zwar wichtig, dass man in der Gesellschaft der Unteren Welt zurechtkommt, aber es ist noch wichtiger, sich selbst dabei nicht zu vergessen. Jeder von euch hat seine eigenen Aufgaben. Und ihr alle habt eure individuellen Fähigkeiten und Werkzeuge mitbekommen, um diese Aufgaben auch zu erfüllen.«
Behutsam griff er nach Miriams Hand. »Es gehört mehr dazu, ein erfülltes Leben zu führen, als nur genug Geld und Ansehen zu haben. Deine Wünsche und Träume haben ihren Ursprung aus deinem Unterbewusstsein. Sie sind wichtige Anhaltspunkte, um dir den richtigen Weg zu zeigen.« Miriam erwiderte sein Lächeln unsicher. Sie wusste noch immer nicht so richtig, was von ihr erwartet wurde, aber sie würde versuchen, zukünftig ein wenig mehr auf ihre innere Stimme zu hören.

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Leseprobe: Die Alchimar – Start ins Leben

Start ins Leben

Den ganzen Tag grübelte Maja darüber nach, ob der Besuch von Salomir nun Traum oder Wirklichkeit gewesen war. Sie kam zu keinem Ergebnis und beschloss, einfach die Nacht abzuwarten. Spätestens bei Einbruch der Dunkelheit würde sie Gewissheit bekommen.
Vorsorglich trug Maja an diesem Abend einen gelben Schlafanzug, man konnte ja nie wissen was passierte und im Nachthemd wollte sie nicht auf Reisen gehen. Aufgeregt kuschelte sie sich in ihre Kissen, fest entschlossen, wach zu bleiben und abzuwarten. Irgendwann in der Nacht erwachte sie durch ein sanftes Rütteln an der Schulter. Verschlafen öffnete sie die Augen und sah Salomirs fast schon vertrautes Gesicht direkt über sich in der Dunkelheit schweben. »Es ist Zeit zu gehen.« Mit einem Ruck hob Salomir das kleine Mädchen aus dem Bett und stellte es auf die Füße.
Völlig überrumpelt drehte Maja sich zu ihrem Bett um und erschrak. Ihr Körper lag noch immer warm und sicher eingekuschelt zwischen den Laken. Fragend blickte sie sich nach Salomir um. Doch der lächelte nur nichtssagend und griff nach ihrer Hand. »Bist du bereit?«
Ohne eine Antwort abzuwarten, schloss Salomir die Augen. Fasziniert beobachtet Maja, wie die Luft um sie herum zu flimmern begann. Als dann aber ihr ganzer Körper anfing zu vibrieren und wie ein Blatt im Wind zitterte, wurde ihr mulmig und ängstlich klammerte sie sich fester an Salomirs Hand. Unsicher schaute sie zu ihm auf, konnte sein Gesicht aber kaum noch erkennen.
Es schien so, als würden seine Züge wie warmes Wachs zer-
laufen, begleitet von einem Strahlen, das von Sekunde zu Sekunde greller wurde. Geblendet schloss Maja die Augen, sie konnte sich nicht erklären, was mit ihr geschah. Um sie herum schien sich alles zu drehen und ihr wurde leicht übel von den Vibrationen, die durch ihren Körper schossen.
Kaum hatte Maja die Augen geschlossen, spürte sie, wie ihr Bauch sich wieder beruhigte. Sie fühlte sich seltsam leicht und losgelöst von allem, ein Zustand den sie kaum hätte beschreiben können, nicht vergleichbar mit irgend etwas, das sie kannte. Das Rauschen um sie herum verebbte allmählich und auch die Helligkeit ließ ein wenig nach. »Wir sind angekommen.« Salomirs Stimme schien wieder direkt aus ihr selbst zu kommen, wie schon am Abend zuvor hatte Maja das Gefühl, er würde direkt in ihrem Kopf sitzen. Vorsichtig öffnete das kleine Mädchen die Augen. Der letzte Rest ihrer Angst verflog endgültig, während sie sich begeistert umsah. Sie standen auf einer Wiese, deren Gras grüner und saftiger war als alles, was Maja bisher gesehen hatte.
Um sie herum standen riesige Bäume, deren buntes Laub leise raschelte, obwohl kein Windhauch zu spüren war. Ausgelassen begann Maja, sich um sich selbst zu drehen, rannte hierhin und dorthin, wie ein junges Fohlen. Sie wollte alles sehen, nichts verpassen und dieses völlig neue Gefühl der Freiheit voll auskosten. Amüsiert ließ Salomir sie gewähren. Diese Begeisterungsfähigkeit hatte sie schon immer gehabt. Sie ist und bleibt einfach ein Naturkind, das hat niemand auslöschen können, dachte er, bevor er Maja zur Ordnung rief. »Wir müssen los, die Einweihung wird gleich beginnen.« Unwillig kehrte Maja zu ihm zurück, aber lange schmollen konnte sie bei all der Schönheit um sie herum nicht. Begierig alle Eindrücke in sich aufsaugend, wie ein kleiner Schwamm, lief sie neben Salomir her. Wobei Maja das Gefühl hatte, als würde sie nicht wirklich laufen.
Vielmehr glaubte sie zu schweben. Obwohl es stellenweise leicht bergauf ging, spürte sie keinerlei Anstrengung. Sie fühlte sich leicht wie eine Feder, völlig losgelöst von allem Irdischen. Maja hätte diesen Zustand nicht in Worte fassen können, so ungewohnt und doch wunderschön. Sie folgten einem schmalen, geschwungenen Sandweg, der glitzerte, als bestünde er aus Tausenden von kleinen Diamanten. Links und rechts säumten knorrige alte Bäume den Weg, dazwischen wuchsen die unterschiedlichsten Blumen, die in allen nur erdenklichen Farben leuchteten. Dann machte der Weg einen Knick nach links und wie vom Donner gerührt blieb Maja stehen.
Ehrfürchtig starrte sie auf einen Palast, der durch und durch strahlte, als ob er aus Licht erbaut wäre. »Das ist wunderschön!« Mit großen Augen und offenem Mund stand Maja da und betrachtete das Gebäude. Auch Salomir spürte, wie Bewunderung und Demut in ihm aufstiegen. Er war schon oft hier gewesen, aber dieses prachtvolle Bauwerk hatte immer wieder seine ganz eigene Wirkung auf ihn. »Das ist die Akademie der Alchimar«, erklärte er Maja, die den Blick nicht von dem Gebäude abwenden konnte.

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Leseprobe: Die Alchimar – Gelebtes Leben

Gelebtes Leben

Mit geschlossenen Augen trieb Maja im Wasser dahin, spürte, wie sie immer tiefer sank. Die Vorfreude auf das Wiedersehen mit ihren Freunden ließ ihr Herz einen Takt höher schlagen und in ihrem Kopf wirbelten tausend Bilder und Gedanken durcheinander. Doch Maja beachtete sie nicht. Sie genoss das Wasser, das ihren Körper umschmeichelte und registrierte nur am Rande, dass es um sie herum immer heller wurde. Je tiefer sie in die Quelle hinabtauchte, desto greller wurde das Licht, auf das sie zusteuerte. Träge öffnete Maja die Augen. Um sie herum schimmerte das Wasser in allen erdenklichen Farben. Fast wirkte es so, als würde das Sonnenlicht sich in den einzelnen Wassertropfen brechen. Doch sie wusste, das war unmöglich, hier in der Tiefe hatten die Sonnenstrahlen keine Chance. Fasziniert beobachtete sie das Farbenspiel um sich herum, fuhr mit weit geöffneten Händen durch das Wasser und sah, wie die Farben durcheinander wirbelten. Sie lachte laut auf. Aus ihrem Mund strömten Hunderte kleiner Luftbläschen, die sich auf den Weg zur Wasseroberfläche machten. Erschrocken schloss sie den Mund und hielt die Luft wieder an.
Immer schneller flossen die Farben um sie herum nun ineinander und beinahe wäre ihr schwindelig von dem Schauspiel geworden. Verwundert bemerkte sie, dass ihr Körper, wie von einer unsichtbaren Kraft gezogen, in immer rasanter werdendem Tempo im Wasser dahinglitt. Je schneller sie wurde, desto mehr verblassten die einzelnen Farben um sie herum. Schließlich vereinigten sie sich zu einem grellen silbernen Schein, der sie vollständig umhüllte. Geblendet schloss Maja die Augen.
Plötzlich spürte sie einen sanften Gegenstrom, der ihre Geschwindigkeit verringerte. Für einen kurzen Moment fühlte es sich an, als wäre sie zwischen zwei Wasserwirbel geraten. Der Druck von beiden Seiten sorgte dafür, dass sie für wenige Sekunden still im Wasser stand. Unbewusst rollte Maja sich zusammen und schlang die Arme um die Beine, um möglichst wenig Fläche zu bieten. Doch bevor sie sich ernsthaft unwohl hätte fühlen können, ließ der Druck auch schon nach, und sie spürte, wie sie nun in die andere Richtung trieb. Sie wurde nicht mehr in die Tiefe gezogen, sondern vielmehr von den Wassermassen sanft nach oben gedrückt. Sie hatte soeben die Grenze zur Oberen Welt überschritten. Ein Lächeln machte sich auf ihrem Gesicht breit und sie hob den Kopf, um einen Blick zu riskieren. Das Licht um sie herum war schwächer geworden, über ihr wirkte das Wasser nun tiefblau, und ganz weit in der Ferne schimmerte ein kleiner heller Punkt, der immer größer wurde, je näher sie ihm kam. Sie überlegte, ob sie schwimmen sollte, anstatt sich nur treiben zu lassen, um die Oberfläche schneller zu erreichen, doch sie fühlte sich angenehm träge und genoss diesen langsamen Aufstieg. Er ließ ihr noch ein wenig mehr Zeit, um sich auf das, was sie gleich in der Oberen Welt erwarten würde, vorzubereiten. Gleich bin ich zu Hause, schoss es ihr durch den Kopf, und sie schloss noch ein letztes Mal die Augen, um die Stille um sich herum in sich aufzunehmen.
Ein kühler Lufthauch, der durch ihr nasses Haar fuhr, signalisierte ihr, dass sie die Wasseroberfläche durchbrochen hatte. Neugierig hob sie den Kopf und öffnete die Augen. Sie befand sich in einer großen Höhle, die in gedämpftes Licht getaucht war, welches von kleinen Fackeln kam, die überall an den schroffen Felswänden angebracht waren. Sie wusste, diese Fackeln würden niemals erlöschen, sie trugen das ewige Licht – eines der Wunder, welche die Obere Welt zu bieten hatte. Maja selbst trieb in einem großen Wasserbecken, welches dem am Ende des Stroms des Vergessens auffallend ähnlich war. Nur ging es hier deutlich ruhiger zu, kein monströser Wasserfall stürzte sich hier in die Tiefe, um das Wasser im Becken in Aufruhr zu versetzen.
Am Rande des Beckens sah sie eine Gestalt sitzen, die aufmerksam in ihre Richtung blickte. Das Gesicht lag im Schatten und doch schlug Majas Herz schneller. Sie brauchte kein Licht, um zu wissen, wer ihr da eine Hand entgegenstreckte. Mit einigen schnellen Schwimmstößen schwamm Maja auf die dargebotene Hand zu. Einige Meter vom Rand entfernt spürte sie plötzlich sandigen Boden unter ihren Füßen. Sie stand auf, das Wasser reichte ihr noch bis zur Brust. Mit kräftigen Schritten watete sie zum Ufer und ein breites Lächeln lag auf ihrem Gesicht. „Alame!“ Majas Stimme hallte leise von den Felswänden wider, doch sie beachtete es nicht. Sie eilte, so schnell es das Wasser zuließ, auf ihre Mentorin zu, die ihr noch immer eine Hand entgegenstreckte, jedoch keinen Laut von sich gab. Die letzten Meter rannte Maja durch das seichter werdende Wasser und sie spürte, wie ihr Tränen in die Augen schossen, als sie endlich die Hand Alames zu fassen bekam und sich von ihr aus dem Becken ziehen ließ. Die Älteste des Rates kniete auf dem kühlen Steinboden, zog Maja ohne Umschweife in ihre Arme und drückte sie fest an sich. Es schien sie nicht zu stören, dass ihr weißes Gewand innerhalb von Sekunden durchnässt war.
„Willkommen zu Hause.“ Alame löste sich und blickte ihr liebevoll in die Augen. „Wie war dein Übergang?“ Maja setzte sich bequemer und lächelte. „Es war wie immer intensiv und sehr besonders.“ Alame nickte wissend und strich ihr eine nasse Haarsträhne aus der Stirn. „Du solltest dich abtrocknen, ich habe dir Tücher und ein frisches Gewand zurecht gelegt.“ Sie deutete auf eine kleine Nische, die sich rechterhand in die grobe Steinwand schmiegte. Maja blickte an Alame hinab und lachte leise auf. „Ich glaube, du brauchst auch etwas Trockenes zum Anziehen.“ Die Älteste musterte ihr Gewand belustigt. Es war von oben bis zu den Knien durchnässt. Sie erhob sich mit einer geschmeidigen Bewegung und zog Maja ebenfalls auf die Füße. „Glaubst du wirklich, ich hätte nicht vorgesorgt? In ihrer Stimme lag Heiterkeit und Maja spürte, wie ihr Herz einen Satz machte. Wie hatte sie Alame vermisst, es tat so gut, ihre Stimme nach so vielen Jahren endlich wieder zu hören. Ohne ein weiteres Wort schritt die Älteste davon und verschwand in einer zweiten Nische, um sich umzuziehen.