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Leseprobe: Das Flüstern der Ahnen

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Es war ein hartes Jahr. Das letzte Frühjahr war insgesamt zu kalt gewesen, sodass man die Feldfrüchte erst später hatte ausbringen können und im Sommer hatte es so oft geregnet, dass die meisten Ähren schon am Halm verschimmelt waren. Das Vieh gedieh kümmerlich und auch die Jagdbeute reichte nicht immer aus, um alle satt zu machen. Hinzu kam der sehr kalte Winter, sodass die Vorräte noch vor ihrer Zeit zur Neige gingen und die Menschen sich am Viehfutter schadlos halten mussten. Viele der Alten und der kleinen Kinder hatten den harten Winter nicht überlebt und in jedem Haus war mindestens ein Toter zu betrauern.
Thorbald seufzte, als er an die vergangenen Ereignisse dachte. Auch ihm war sein jüngstes Kind, der erste Sohn, gestorben und Thorbalds Mutter, die bisher als weise Ratgeberin die Geschicke seiner Familie und auch des Dorfes positiv beeinflusste, war seit Wochen nicht mehr aus ihrem Bett gekommen. Aus ihrem greisen Körper entwich die Lebenskraft und sie rüstete sich zur letzten Reise zu den Ahnen. Thorbald war ein großer und muskulöser Mann, der wohl so an die vierzig Winter alt sein musste. Sein rötliches Haar, welches an den Schläfen schon von grauen Strähnen durchzogen wurde, war rechts und links der Stirn zu kleinen Zöpfen geflochten, und sein Bart war sorgfältig gestutzt. Er war das Oberhaupt eines Dorfes mit vierzehn Familien und nicht nur sein eigenes, sondern auch das Los seiner Gefolgsleute drückte ihn schwer. Vor fünfzehn Wintern war er zum Häuptling ernannt worden, kurz nach seiner Eheschließung mit Irmingard, der Tochter des alten Häuptlings und dem wohl schönsten Mädchen im Dorf. Thorbald war ein tapferer Krieger und guter Jäger und so waren Irmingards Eltern froh, ihn als Schwiegersohn zu gewinnen. Auch war er bei den Männern seines Alters hoch angesehen, da er immer sicherstellte, dass es gerecht zuging und die Schwächeren nicht unter den Stärkeren leiden mussten. Dies war wohl auch der Erziehung durch seine Mutter zu verdanken, die ihm immer vor Augen führte, dass eine Gemeinschaft nur dann stark war, wenn alle zusammenhielten.
Das Einzige, was Irmingards und Thorbalds Glück ein wenig trübte, war die Tatsache, dass ihnen wohl von den Göttern nur wenige Kinder beschieden waren. Das erste Kind wurde schon bald nach ihrer Eheschließung geboren, doch dann folgte lange kein Kind mehr. Erst letzten Winter erblickte dann endlich das zweite Kind das Licht der Welt, diesmal war es ein Sohn und Irmingard, die schon während der Schwangerschaft wiederholt von ihrem toten Vater geträumt hatte, erkannte in ihm ihren wiedergeborenen Ahn. Also wurde der Junge nach dem Großvater benannt und er war die Freude seiner Eltern und seiner großen Schwester, die sich rührend um ihn kümmerte. Zu lange hatte sie schon auf ein Geschwisterchen warten müssen. Doch in diesem Winter war er plötzlich krank geworden und weder die Kräutermedizin von Thorbalds Mutter noch Irmingards Zaubergesänge vermochten die bösen Geister zu vertreiben, die den kleinen Körper wieder und wieder in Fieberkrämpfen schüttelten. Dann, eines Morgens, drang aus der Wiege, die neben dem Bett der Eheleute stand, kein Laut mehr. Der kleine Junge war tot und es schien so, als sei mit ihm auch die Freude aus dem Haus gewichen. Kurz darauf wurde auch die Großmutter krank und hatte sich jetzt schon seit Wochen nicht mehr erholt.
Thorbald saß in der großen Halle, die den Hauptraum seines Hauses darstellte und als Versammlungsort der Gefolgsleute diente. Düster blickte er in die Flammen des Feuers, welches in der Mitte des Raumes vor sich hin flackerte. Das Fest der wiederkehrenden Sonne nahte und er hatte nach dem Orakelpriester schicken lassen, um zu erfahren, ob die Götter ihnen zürnten und vielleicht ein Opfer haben wollten. So viel Unglück in einem Jahr musste eine Ursache haben. Da ihm aber keine Tabuverletzung durch ihn oder andere bekannt war und auch die Ahnen und Götter immer rechtzeitig ihre Opfer erhielten, konnte es nur noch der Zorn der Götter sein, den einer von ihnen, aus welchem Grund auch immer, auf sich geladen hatte. Dies galt es nun herauszufinden und die Götter dann zu besänftigen. Plötzlich wurde er aus seinen Grübeleien gerissen und blickte auf. Heidruna, seine Tochter, war in die Halle getreten und brachte ihm einen Becher mit Ziegenmilch. »Mutter schickt mich. Sie lässt fragen, ob wir für das Fest drei oder vier Ziegen schlachten sollen.« Thorbald lächelte ein wenig und betrachtete stolz seine Tochter. Sie war zu einer jungen Frau herangewachsen und ebenso schön wie seine Frau, als er sie kennengelernt hatte. Ihr langes, blondes Haar hing ihr in Flechten bis auf die Schultern, ihre Augen waren von einem strahlenden Blau und auf der Nase hatte sie ein paar Sommersprossen. Bestimmt gab es so einige Jungen im Dorf, die ihr den Hof machten, aber Heidruna hatte nur Augen für Gunthram, den Sohn von Häuptling Gunther aus dem Dorf eine halbe Tagesreise von hier entfernt. Sie waren sich ein paarmal begegnet, wenn sich ihre Väter gegenseitig aufsuchten. Doch erst zur letzten Sommersonnenwende fiel Thorbald auf, wie sehr die Augen seiner Tochter blitzten, als sie den jungen Mann ansah. Natürlich hatte Thorbald sofort Irmingard darauf angesprochen, aber die winkte nur ab, da ihr die Vorliebe ihrer Tochter wohl schon seit Langem aufgefallen war. »Vater?« Heidruna hielt ihm immer noch den Becher entgegen. Thorbald nahm ihn, trank und stand auf, um nach seiner Frau zu sehen. Er wusste wohl, dass sie eigentlich selber entscheiden konnte, wie viele Ziegen für das Fest benötigt wurden, verstand aber auch, dass sie durch diese Frage versuchte, ihn aus seinen Grübeleien zu reißen und auf andere Gedanken zu bringen. So war er dankbar für die Unterbrechung und folgte Heidruna ins Freie hinaus zum Küchenhaus, wo Irmingard mit ein paar Frauen dabei war, das Bier für das Fest in großen Kesseln zu brauen.
Irmingard war hochgewachsen und besaß feine und edle Gesichtszüge. Ihr wohlgeformter Körper ließ ihre Jahre nicht erahnen; nur ihr Haar, das von feinen Silberstreifen durchzogen war, zeugte davon, dass sie schon älter war als dreißig Winter. Als sie ihren Gemahl erblickte, ging sie auf ihn zu und umarmte ihn wortlos. Aus der Nähe betrachtet sah man nun, dass auch bei ihr der Kummer um das verlorene Kind und die Sorgen um die Schwiegermutter Spuren hinterlassen hatten. Ihre Augen wirkten kummervoll und so, als würde ihr Blick in eine andere Welt gerichtet sein. Doch sie versuchte, sich mit alltäglichen Arbeiten abzulenken, mit der Sorge um den Haushalt und nun mit den Vorbereitungen für das anstehende Fest. Natürlich war ihr auch nicht verborgen geblieben, dass Thorbald zunehmend in Grübeleien verfiel. Deshalb kam ihr der Gedanke, dass er ebenfalls etwas Ablenkung gebrauchen könnte, und sie schickte ihre Tochter nach ihm. »Nun, geliebtes Weib, du fragtest nach den Ziegen. Was ist mit ihnen?« – »Es ist so«, eröffnete ihm Irmingard, »die Gäste werden hungrig sein. Auch ihnen hat der harte Winter zugesetzt und die meisten von ihnen sind nicht so wohlhabend wie wir. Also werden sie die Gelegenheit nutzen, sich mal wieder satt zu essen und natürlich werden sie auch an die Daheimgebliebenen denken und das eine oder andere Stück Fleisch mit nach Hause zu nehmen trachten. Ich dachte daher, dass es ratsamer wäre, besser eine Ziege mehr zu schlachten, um nicht nur die, die anwesend sein werden zu nähren, sondern auch die, die zu schwach sind, hierherzukommen. Was meinst du?« Thorbald lächelte. Die Götter hatten ihm eine weise Gemahlin zur Seite gestellt. Sie achtete genau wie er darauf, dass die Schwächeren nicht vergessen wurden, und beugte so Unmut und Missgunst vor, die schon viele Häuptlinge wieder vom Hochsitz gestoßen hatten. »Es geschehe so, wie du es für richtig erachtest.«Eine Woche darauf versammelte sich die Dorfgemeinschaft in der großen Halle. Dort waren lange Bänke um das Herdfeuer gruppiert, welches in der Mitte des Raumes flackerte. Auf diesen Bänken nahmen die Männer Platz, die zu Thorbalds Hof gehörten und mit ihren Familien ebenfalls im Dorf wohnten. Er selbst war von seinem Hochsitz heruntergestiegen und stand jetzt dem Priester gegenüber, der soeben mit den Vorbereitungen begann, um das Orakel zu befragen. Auch Heidruna und Irmingard näherten sich, um der Zeremonie beizuwohnen. Alles war still als der Priester in seinem langen, weißen Gewand nun mit der Rezitation von langen Anrufungen, die teilweise in einer sehr alten Sprache gesprochen wurden, begann. Dabei rieb er in seinen Händen die Orakelhölzer sanft aneinander und schüttelte sie ab und zu rhythmisch in den hohlen Händen. Dann öffnete er seine Hände und hieß Thorbald auf die Hölzer zu hauchen. Danach wiederholte der Priester die Prozedur mit dem Reiben und Schütteln, wobei er jetzt auch den Namen Thorbalds und sein Anliegen an die Götter erwähnte.
Plötzlich öffnete er seine Hände und ließ die Hölzer auf ein weißes Leintuch fallen. Nach einem kurzen Blick auf die Hölzer legte er einige auf die Seite, nahm die restlichen auf und warf sie erneut aus. Noch einmal wiederholte er diese Handlung, bis schließlich nur noch wenige Hölzer, mit rotgefärbten Runen verziert, übrig blieben. Der Priester besah sich lange die Zeichen, welche ihm den Spruch der Götter verkündeten, strich sich seinen langen Bart, blickte Thorbald an und sprach: »Die Götter zürnen euch nicht. Ihr und die Euren habt all eure Pflichten getreulich erfüllt. Das kommende Jahr wird für euch erfolgreich werden und der Segen der Götter ist euch gewiss. Reich wird das Feld Ernte tragen und den Ruhm eures Dorfes mehren. Einige Dinge scheinen nicht das zu sein, was sie sind. Misstraue nicht dem Wort deines Blutes. Opfere den Ahnen einen weißen und einen roten Hahn und einen schwarzen Jungstier dem Frey.« Dann winkte er Heidruna näher an sich heran und sprach zu ihr: »Vertraue stets auf die Götter und folge immer deinem Herzen!« Und laut zu der versammelten Dorfgemeinschaft gewandt rief er aus: »Die Götter sind euch wohlgesonnen, die schwere Zeit ist vorbei.«
Die Menge jubelte laut auf, als sie den Spruch vernahm, denn die zurückliegende Zeit war für alle hart gewesen und nun schöpften sie wieder neuen Mut. Die kommende Ernte würde reich ausfallen, so hatte es das Orakel verkündet. Das lange Leiden hatte endlich ein Ende. Freudig griffen sie nun zu, als das Fleisch aufgetragen wurde. Schäumend floss das Bier in die Krüge und die Sänger griffen zu ihren Instrumenten. Es wurde eine lange Nacht und jedem Gast wurde für die Daheimgebliebenen Essen und Trinken mitgegeben, sodass die Großzügigkeit von Thorbald im ganzen Dorf gerühmt wurde.
Am nächsten Morgen erwachte Heidruna in ihrer Kammer, die am Ende der langen Behausung lag. Sie wusch sich, kleidete sich in ein reines, weißes Gewand und legte sich den wärmenden Wollumhang um die Schultern, denn noch war es kalt. Später, nach dem Vollzug des Opfers durch ihren Vater, war es ihre Aufgabe als die älteste Jungfrau im Hause, die Gaben für die Götter in den heiligen Hain zu tragen und sie dort auf dem steinernen Altar niederzulegen. Der Spruch des Orakelpriesters ging ihr nicht aus dem Kopf. Warum nur hatte er sie dazu ermahnt, den Göttern zu vertrauen? War es nicht so seit sie ein kleines Kind war, dass die Götter die Geschicke der Menschen lenkten und ihr Schicksal in ihren Händen lag? Hatte sie nicht von jeher den Göttern vertraut? Oder sah der Priester etwas, was auf sie zukam und ihren Glauben erschüttern konnte?
Sie wusste es nicht, auch war sie zu jung um solch schweren Gedanken nachzuhängen und so schob sie die Fragen, die ihr durch den Kopf gingen, beiseite und bereitete sich auf ihre Aufgabe vor.
Als sie aus dem Haus trat, fand sie schon ihre Eltern beim Ahnenschrein, der sich direkt hinten ans Haus anlehnte. Beide hatten schon auf sie gewartet. Irmingard hielt einen roten und einen weißen Hahn in der Hand. Heidruna begab sich zu ihnen und der Vater begann mit dem Gebet an die Ahnen, dankte ihnen für ihren Schutz und bat sie darum, diesen auch in Zukunft zu gewähren. Dann überreichte die Mutter ihm den weißen Hahn und unter den rituellen Gesängen schnitt der Vater ihm mit einem schnellen Schnitt seines Opfermessers die Kehle durch. Das Blut tropfte auf die hölzernen Standbilder, die schon seit Generationen in Familienbesitz waren und die Urmütter und Urväter der Sippe repräsentierten. Thorbald legte den Kadaver neben sich auf den Boden und seine Frau reichte ihm den zweiten Hahn. Auch dieser wurde wie der erste geopfert. Irmingard nahm beide Tiere an sich, ging ins Haus zur Feuerstelle und machte sich daran, ein schmackhaftes Mahl zuzubereiten, welches dann am Abend von allen Hausbewohnern eingenommen werden sollte.
Unterdessen suchte Thorbald aus seiner Herde den schönsten und kräftigsten schwarzen Stier aus und führte ihn, gefolgt von Heidruna, zum Platz in der Mitte seines Gehöftes. Unter der Eiche im Zentrum des Platzes hielten sie an. Die anderen Dorfbewohner hatten sich ebenfalls dort versammelt. Der Stier wurde an den Baum gebunden und die Menge näherte sich erwartungsvoll. Nach der Anrufung des Gottes Frey wurde der Stier von Thorbald geopfert, wobei Heidruna einiges von dem Blut in drei tönernen Schalen auffing.
Die größte der Schalen wurde beiseitegestellt und eine Schüssel mit einem Teil der Innereien des Tieres deckte sie ab. Das Blut in einer weiteren Schale wurde von Thorbald mit einem Wedel auf die anwesende Menge gespritzt, damit alle in den Genuss des segens- und fruchtbarkeitsbringenden Blutes kamen. Die dritte Schale dagegen wurde in einer feierlichen Prozession über die Felder des Dorfes getragen, wobei auf jedem Feld etwas Blut vergossen wurde. In der Zwischenzeit hatten Thorbald und seine Männer den Stier zerlegt und verteilten die Stücke an die anwesenden Dörfler, die sich über die erneute Fleischzulage sehr freuten.
Heidruna bekam davon schon nichts mehr mit, denn sie war mit der großen Schale und der Schüssel mit den Innereien beladen auf dem Weg in den heiligen Hain. Vorsichtig setzte sie einen Fuß vor den anderen, um nur ja nichts von der kostbaren Ladung zu verschütten. Sie war sich ihrer Verantwortung sehr wohl bewusst, denn sie war die Überbringerin der Gaben an die Gottheit. Hier und da zeigten sich schon die ersten Vorboten des Frühlings; kleine Pflanzen mit weißglockigen Blüten, die sich aus der mit Schnee bedeckten Erde ans Sonnenlicht wagten. Schweigend und ehrfurchtsvoll näherte Heidruna sich dem alten, von mächtigen Eichen umstandenen Platz, in dessen Mitte sich ein großer, steinerner Altar befand. Wie es das Ritual vorschrieb, umschritt sie den Bezirk erst dreimal, bevor sie sich in das Rund hineinwagte. Langsam und respektvoll ging sie direkt auf den Altar zu. Dann goss sie bedächtig das Blut über den steinernen Tisch und setzte den Teller auf ihm nieder, nicht ohne ihn vorher noch mit ihrer Stirn, ihrem Herzen und ihrem Schoß berührt zu haben.
Obwohl ihr der Platz vertraut war und sie auch nicht zum ersten Mal diesen Gang dorthin unternahm, war ihr heute merkwürdig zumute. Sie hatte nämlich schon die ganze Zeit das Gefühl, beobachtet zu werden, und das seltsame Kribbeln in ihrem Nacken verstärkte sich eher noch, so als drohte ihr eine Gefahr. Sie bemerkte deutlich die Anwesenheit von etwas Fremdem. Vorsichtig sah sie sich um, konnte aber niemanden sehen. Doch da, hatten sich nicht die Zweige von jenem Busch sachte bewegt, obwohl kein Wind ging? Heidrunas Neugierde war stärker als ihre Angst und so griff sie nach ihrem Messer, welches sie immer am Gürtel trug, und schlich langsam auf den Busch zu. Plötzlich erstarrte sie, als sie genau in das Gesicht eines jungen Mannes blickte, der sie unverwandt ansah und einen Schritt aus seiner Deckung heraus auf sie zu machte. Sie hatte ihn noch nie in dieser Gegend gesehen und obwohl er nur mit Wolfsfellen bekleidet und unbewaffnet war, strahlte er etwas Kriegerisches und zugleich Edles aus. Seine langen, dunklen Haare rahmten ein ebenmäßig geformtes Gesicht ein, sein Bart war sorgfältig gestutzt und seine braunen Augen blitzten sie unternehmungslustig an. Für einen kurzen Moment erwiderte sie seinen Blick und ein Gefühl tiefer Vertrautheit überkam sie. Dann wandte sich der junge Mann ab und verschwand im Unterholz.
Heidruna war in einer eigenartigen Stimmung, es war als hätte sich ein Zauber auf sie gelegt, und wie gebannt folgte sie dem Jüngling. Dieser blickte sich nicht nach ihr um als er unter tiefhängenden Zweigen hindurch geschickt seinen Weg durch den Wald suchte, doch Heidruna war sich sicher, dass er sie hinter sich wusste. Tiefer und tiefer ging es in den Wald hinein und mehr als einmal dachte Heidruna, sie hätte ihn verloren, doch dann erhaschte sie wieder einen kurzen Blick auf ihn und jagte ihm weiter nach. Dornige Ranken griffen nach ihr, zerfetzten ihr Kleid und kratzten ihr die Beine blutig, aber sie achtete gar nicht darauf. Die Jagdlust hatte sie gepackt und mehr als einmal fühlte sie sich als Jägerin, die einem seltenen Wild hinterhersetzte, welches eine eigenartige Mischung aus Tier und Mensch zu sein schien und ein aufregendes Spiel mit ihr trieb, bei dem nicht klar war, wer nun Jäger und wer Beute verkörperte.
Irgendwann hielten sie an. Heidruna sah sich erstaunt um. Sie stand auf einem Platz in einem Teil des Waldes, den sie noch nie zuvor betreten hatte. Hier schien die Jahreszeit eine andere zu sein, denn die Luft war warm und ein lauer Wind streichelte angenehm ihre Haut. Schmetterlinge gaukelten von Blüte zu Blüte und Bienen summten an ihr vorbei. Riesige Bäume wuchsen dort und ihr üppiges Blätterdach ließ das Sonnenlicht nur in einem gedämpften Grün durch, welches die ganze Umgebung in ein eigenartiges Licht tauchte und helle, kleine Flecken auf den riesigen stehenden Steinen tanzen ließ, die in einem Kreis angeordnet den Platz umgaben. In der Mitte des Steinkreises stand nun der Jüngling und blickte zu Heidruna, die noch ganz außer Atem war. Langsam ging er auf sie zu und seine Augen zogen sie regelrecht in seinen Bann. Auch sie machte jetzt wie im Traum einige Schritte auf ihn zu, hinein in den Steinkreis. Es fiel kein einziges Wort, als er sie in seine starken Arme nahm und ihr zärtlich über das Haar streichelte. Wieder fühlte sie diese Vertrautheit, und als er ihren Kopf in seine Hände nahm, um sie sanft auf den Mund zu küssen, erwiderte sie den Kuss. Langsam glitten seine Hände an ihrem Körper auf und ab. Tief in ihr regte sich ein Gefühl, welches sie noch nie zuvor gespürt hatte und es schien ihr, als ob dort noch eine andere Heidruna verborgen sei, die nur darauf gewartet hatte, erweckt zu werden. Seine Küsse wurden wilder und sein Streicheln fordernder und auch sie erwiderte sein Drängen mit einer nie zuvor gekannten Wildheit, die sie mit sich riss.
Bilder ihres Elternhauses kamen ihr in den Sinn, kurz dachte sie an die Sorgen, die sich die Eltern um sie machen würden, auch das Gesicht von Gunthram tauchte kurz vor ihrem Auge auf, doch dann wurde alles hinweggespült in einer Welle unbändiger Lust. Wie durch einen Nebel bekam sie noch mit, dass er sie auf den Boden hinabzog, spürte seine nackte Haut an der ihren; wild, vertraut, fremd und sanft. Dann gab sie sich ganz ihrer und seiner Leidenschaft hin und wie eine wilde Meeresbrandung schlugen die Wellen der Ekstase über ihnen zusammen.
Als Heidruna wieder zu sich kam, war sie alleine. Verwundert blickte sie sich um und bemerkte, dass sie nicht unweit von dem Platz lag, an dem sie vor Kurzem noch die Gaben an Frey niedergelegt hatte. Die Sonne war durch die Wolkendecke gebrochen, aber noch reichte ihre Kraft nicht aus, um die Erde zu wärmen und Heidruna fror. Sie stand auf und zog den Wollumhang fester um sich, aber das Zittern hörte nicht auf. Es war nicht so sehr die Kälte, die ihr zusetzte, sondern das vergangene Erlebnis, von dem sie jetzt nicht wusste, ob es Traum oder Wirklichkeit war. Als sie aber an sich herunterblickte, sah sie die blutigen Striemen an ihren Beinen, die ihr die Dornen auf ihrer wilden Verfolgungsjagd beigebracht hatten, und ihr zerrissenes Gewand. In der Luft hing noch ein Duft nach Sommerblumen und sie meinte, das Lächeln des geheimnisvollen Fremden zu spüren. Langsam und nachdenklich machte sie sich auf den Heimweg.
Zu Hause hatte die Mutter sie schon erwartet und lief ihr entgegen. »Die Großmutter fragte nach dir und machte seltsame Andeutungen. Wo bist du so lange gewesen, Kind?« Heidruna wollte gerade ansetzen, die ganze merkwürdige Begebenheit im Wald zu erzählen, da hob die Mutter abwehrend die Hand: »Warte mit deiner Erzählung, bis wir bei der Großmutter sind. Vater ist auch schon dort.«
Als Irmingard mit ihrer Tochter das Zimmer der alten Frau betrat, versuchte diese, sich in ihrem Bett aufzurichten, aber der greise Körper war zu schwach und ausgezehrt, und so half ihr Thorbald, sodass sie am Kopfende ihres Bettes zu sitzen kam. Schon bald begann Heidruna von der Begegnung mit dem mysteriösen Fremden zu erzählen. Als sie zu der Stelle kam, wo er sie in seine kräftigen Arme schloss, zögerte sie und sah ihre Familie unsicher an. Die Großmutter versuchte etwas zu sagen, aber ihre Stimme war zu leise und so beugte Thorbald seinen Kopf, so, dass seine Ohren fast auf den welken Lippen der alten Frau lagen. Er winkte Heidruna zu sich. »Großmutter hat dir etwas zu sagen.« Heidruna trat näher an das Bett und genau wie der Vater zuvor legte nun auch sie ihr Ohr ganz nah an den Mund der Alten. »Du trägst ein Mädchen unter dem Herzen. Ein starkes Mädchen. Es wird nicht einfach für sie, aber sie wird ihren Weg gehen und den Ruhm der Sippe mehren. Versprich mir, mein Kind, dass sie den Namen Alruna tragen wird.« Heidruna war erstaunt. Woher konnte die Großmutter das wissen? Ihre Eltern bemerkten den verwirrten Gesichtausdruck des Mädchens und so fragten sie nach den Worten der alten Frau, die Heidruna nun laut wiederholte. »Der Herr der Wälder«, murmelte Thorbald nachdenklich, »meine Mutter hat mir früher oft von ihm erzählt. Auch, dass sie ihm als junges Mädchen beim Beerensammeln einmal begegnet ist. Damals hatte sie sich im Wald verirrt und er wies ihr den richtigen Weg zurück ins Dorf. Zum Abschied versprach er ihr auch, dass sie noch einmal von ihm hören würde. Lange hat sie nach der Begegnung noch darauf gewartet, aber als dann nichts weiter passierte, tat sie die Begegnung als ein Trugbild ab, obwohl auch die Alten davon erzählten, dass sich der Herr der Wälder den jungen Mädchen hin und wieder als Wolfsmann zeigen würde.« Die Großmutter war in ihr Kissen zurückgesunken und ein zufriedenes Lächeln umspielte ihr zerfurchtes Gesicht. Die zitternden Lippen setzten zu einem Wort an. »Alruna!« Klar und deutlich erklang plötzlich ihre Stimme und schien wie der Ton einer großen Glocke im Raum zu stehen. Erstaunt und gleichzeitig erwartungsvoll blickten die Anwesenden sie an. Ein seltsamer Glanz schien über der alten Frau zu liegen, etwas Überirdisches umgab sie. Dann wurde der greise Körper plötzlich schlaff und sank in sich zusammen. Die Großmutter war tot. »Nun ist sie auf ihrer letzten Reise zu den Ahnen«, sprach der Vater, schloss der Toten sanft mit seiner Rechten die Augen und wischte sich die Tränen, die nun aus seinen Augen liefen, mit dem linken Ärmel seines Gewandes vom Gesicht. Auch Irmingard und Heidruna brachen in hemmungsloses Schluchzen aus.
Drei Tage später fanden die Bestattungsfeierlichkeiten statt. Als Mutter eines Häuptlings gebührte der Verstorbenen natürlich eine ganz besondere Ehre und so waren die Gäste zahlreich erschienen, um den Riten beizuwohnen. Nicht nur Verwandte der Familie waren gekommen, sondern auch Häuptling Gunther mit seiner Frau Bilgis und seinem Sohn Gunthram. Begleitet wurden sie von einigen ihrer Gefolgsleute.
Rechts und links der Hauptstraße, die aus dem Dorf hinaus gen Westen führte, erhoben sich mehrere kleine, grasbewachsene Hügel. Zwischen ihnen ragte hier und da eine mit Symbolen versehene Steinsäule oder ein grob geschnitztes Holzbildnis empor. An diesem Platz war bei Sonnenaufgang ein Scheiterhaufen errichtet worden und neben dem Holzstapel erhob sich ein kleiner Hügel aus Steinen unterschiedlicher Größe, die nach dem Herunterbrennen des Feuers und dem Erkalten der Glut direkt darüber zu einem Grabhügel aufgeschichtet werden sollten. Die Tote selbst war vor drei Tagen bereits von den Frauen der Familie mit einem Sud aus wohlriechenden Kräutern gewaschen worden, die sie selbst noch im letzten Sommer gesammelt hatte. Anschließend hatte man den Leichnam mit Milchfett eingerieben, in das zuvor etwas zerstoßene rote Tonerde gemischt worden war. Die Haare waren sorgfältig frisiert und ebenfalls mit dem Fett eingerieben worden. Die Fingernägel waren kurzgeschnitten worden, genauso die Fußnägel. Die Tote war in ihre kostbarsten Gewänder gekleidet und all ihre Ketten und Armreifen waren ihr umgelegt worden. Auch hatte man sie mit einem Gürtel umwunden, an dem ihr Messer und ein kleiner Lederbeutel hingen, in den man ihre persönlichen Gegenstände gelegt hatte. Zu guter Letzt war der Leichnam in ein reines Leinentuch eingenäht und drei Nächte auf dem Bett aufgebahrt worden, während die Familienmitglieder abwechselnd die Totenwache gehalten hatten. Nebenher musste auch noch die Bestattungsfeier organisiert werden und so waren Thorbald und die seinen jetzt müde und erschöpft. Das hinderte sie aber nicht daran, nun jeden ihrer Gäste persönlich zu begrüßen und sie alle in der großen Halle mit einem Begrüßungstrunk, der aus einem großen Horn gereicht wurde, willkommen zu heißen.
Als alle versammelt waren, gab Thorbald vieren seiner Gefolgsleute ein Zeichen und diese begaben sich in den Raum, wo die Tote immer noch aufgebahrt war. Währenddessen hatte sich der Rest der Gruppe langsam in einem Fackelzug zum Gräberfeld begeben. Dort säumten sie die Straße und eine feierliche Stille senkte sich über sie, einzig und allein das Knistern der Fackeln war zu hören. Als die vier Gefolgsleute nun auftauchten, zwischen sich das Bett, auf dem die Tote lag, ließen die Frauen ein Klagelied erklingen, in dem sie die Taten der Verstorbenen rühmten, die viele Winter alt geworden war und deren Lebensweisheit nicht nur der eigenen Familie, sondern auch den anderen Dorfbewohnern von nun an fehlen würde. Vielen von ihnen hatte Thorbalds Mutter selbst auf die Welt geholfen, war sie doch nicht nur kundig in der Heilkraft der Kräuter, sondern als fünffache Mutter ebenfalls erfahren in den Vorgängen um die Geburt. So war vielen heute zumute, als würden sie die eigene Mutter zu ihrer letzten Reise verabschieden. Alle fühlten mit Thorbald und so mancher hartgesottene Krieger, der in vollen Waffen zu Ehren der Toten erschienen war, drückte sich verstohlen eine Träne aus den Augen. Die Frauen weinten dafür umso hemmungsloser, auch die Kinder wurden von der allgemeinen Trauer angesteckt und so hingen die ganz Kleinen an den Röcken ihrer Mütter und wischten sich die Rotznasen. Nun gab Thorbald den Trägern ein Zeichen und behutsam setzten sie die Bettstatt auf dem Scheiterhaufen ab, während das Wehklagen anschwoll. Als die untergehende Sonne ihre letzten Strahlen gespendet hatte, schritt Thorbald mit einer Fackel in der Hand zum Holzstoß. »Mögen die Götter dich in ihren Hallen willkommen heißen und mögest du im Kreise der Vormütter und Vorväter glücklich werden.« Dann umrundete er den Scheiterhaufen im Uhrzeigersinn und entzündete ihn an allen vier Ecken. Prasselnd schlugen die Flammen empor und leckten schon bald an dem Bett, welches schnell Feuer fing. Hoch stoben die Funken auf und flogen in den dunklen Nachthimmel hinein. Es schien, als würden sie den Reiseweg der alten Frau erleuchten und Heidruna verstand in dieser Nacht, warum man über die Sterne sagte, es seien die Herdfeuer der Altvorderen. So stand sie versonnen da und betrachtete, wie die Flammen den Leib der Ahnin verzehrten, um ihre Seele freizusetzen.
Sie bemerkte nicht, wie sich in der Gruppe, die sich um ihren Vater eingefunden hatte und in der auch Gunthram und Gunther standen, Unruhe breit machte. Was zunächst noch wie ein verhaltenes Raunen geklungen hatte, schwoll auf einmal an zu einer lautstarken Diskussion und der inzwischen reichlich ausgeschenkte Met tat sein übriges, um die Zungen der Männer zu lösen. Irmingard blickte sorgenvoll zu ihrem Mann herüber, denn ihr war aufgefallen, wie sich seine Miene verfinsterte, als Gunther ihn direkt ansprach. Auch die Hand, die schon auf dem Weg zum Schwert war und dann in letzter Minute innehielt, als Thorbald gewahr wurde, dass es der Toten gegenüber respektlos gewesen wäre, es hier und jetzt einzusetzen, entging Irmingards scharfem Blick nicht. Nun löste sich Thorbald aus der Gruppe und kam mit wütenden Schritten auf seine Frau zu, die ihn fragend anblickte. »Dieser Idiot«, zischte Thorbald, »er wagt es ausgerechnet heute, mich hier an der Begräbnisstätte meiner Ahnen vor all meinen Leuten zur Rede zu stellen. Ursprünglich sei er ja hergekommen, um die familiären Bande zwischen seiner und meiner Sippe zu schließen, da sein Sohn Gunthram sich mit Heidruna vermählen wolle. Aber nun sei ihm zugetragen worden, dass unsere Tochter sich einen Fehltritt erlaubt habe und nicht mehr als reine Jungfrau in die Ehe gehen würde. Er scheint sich die merkwürdigen Sitten der Römlinge angeeignet zu haben, die ihre Frauen ins Haus verbannen, wo sie dann rechtlos und wortlos gemacht dazu erzogen werden, ihr einziges Glück darin zu sehen, ihrem Vater oder Gemahl als Magd zur Verfügung zu stehen und den Ruhm der eigenen Sippe nur noch dadurch zu mehren, dass sie unberührt einem Mann vermählt werden. Als Metze hat er unsere Tochter bezeichnet, die sich einem hergelaufenen Strauchdieb hingegeben hätte und uns Ammenmärchen vom Herrn der Wälder auftischt. Was bildet sich dieser Mensch eigentlich ein? Als nächstes versagt er noch unseren Göttern den Dienst.« Er hatte sich in Rage geredet und auch Irmingard wusste nicht, wie sie ihn besänftigen sollte. Es wäre nicht richtig, wenn ausgerechnet am heutigen Tage ein Handgemenge ausbrechen würde; nicht wenn man zusammengekommen war, um die Tote zu ehren. Thorbald stapfte wütend auf das Haus zu, wo ein Teil der Gäste schon in der Halle Platz genommen hatte und den Beginn des Leichenschmauses erwartete. Irmingard suchte Bilgis auf, die sie als verständige Frau kennengelernt hatte, und versuchte sie zu überreden, mildernd auf ihren Gemahl einzuwirken, aber diese winkte müde ab. Gunther sei seit einiger Zeit wie ausgewechselt, hätte neue Sitten im Haus eingeführt und würde auf ihren Rat gar nicht mehr hören. Dafür bekam sie stattdessen nun immer öfter zu hören, dass sie ihre Töchter richtig erziehen solle, zu Anstand und Sitte, und stellte ihr als leuchtendes Beispiel das Gebaren der Frauen vor Augen, die er bei seinen gelegentlichen Zusammentreffen mit römerfreundlichen Häuptlingen dort wahrgenommen hatte. Diese würden sich nicht in die Geschäfte der Männer mischen und diesen auch keine Ratschläge erteilen, vielmehr sei dort der Mann das alleinige Oberhaupt im Haus und die Ehefrau würde sich ihrem Gatten unterordnen. Bilgis brach in Tränen aus, als sie Irmingard anvertraute, dass ihr Gemahl noch nicht einmal mehr vor körperlicher Gewalt zurückschreckte, um, wie er sich ausdrückte, »Zucht und Ordnung« in seinen Haushalt zu bringen. Irmingard war erschüttert. So verheerend wirkte sich der Einfluss der römischen Eindringlinge auf die Sitten und Gebräuche aus, dass nicht einmal mehr die Ehre der Frau geachtet wurde? Sie versuchte, die schluchzende Frau zu trösten, sah aber auch, dass sie keine Möglichkeit mehr hatte, in irgendeiner Form zugunsten ihrer Tochter auf Gunther einzuwirken und so legte sie einfach wortlos den Arm um Bilgis. Plötzlich wurde sie jäh unterbrochen, als Gunther nun wie aus dem Boden gewachsen vor ihnen stand und seine Gattin unsanft am Arm riss. »Komm, Weib, wir haben hier nichts mehr verloren. Lass uns gehen, bevor ich mich vergesse und mich zu einer Dummheit hinreißen lasse.« Ohne zu widersprechen folgte Bilgis ihrem Gemahl, bestieg ihr Pony und ritt hinter ihm her dem heimatlichen Dorf zu, begleitet von ihrem Sohn und ihren Gefolgsleuten.
Nachdenklich begab sich Irmingard zum Wohnhaus, um nach Heidruna zu suchen. Diese aber stand nach wie vor an dem Feuer und blickte in die Flammen, die schon bald von der Großmutter nicht mehr übrig lassen würden als Asche.

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Heidruna blickte sich um. »Mama«, klang es von irgendwo her und noch einmal: »Mama«. Dann sah man ein Mädchen von fast elf Wintern aus dem nahegelegenen Wald kommen, die braungebrannten Arme und Beine zerkratzt und das lange, gelbe, ärmellose und hemdartige Oberteil voller roter Flecken. Ein paar aufgeweckte Augen, die so grün waren wie das Blätterkleid der Bäume im Frühling, blickten aus einem feingeschnittenen Gesicht, welches von langen, honigfarbenen Haaren eingerahmt wurde, die in leichten Wellen über die Schultern fielen. Ihre kleine Nase zierten ein paar Sommersprossen und ihr Mund entblößte beim Lachen eine Reihe weißer, ebenmäßiger Zähne. Schnell kam sie näher und hielt Heidruna ein Körbchen hin, welches bis zum Rand mit saftigen, reifen Brombeeren gefüllt war. »Schau mal, was Großmutter und ich alles gesammelt haben.« Heidruna blickte auf ihre Tochter und strich ihr sanft über das Haar. Es war jetzt schon lange her, dass Alruna das Licht der Welt erblickt hatte und kein einziger Tag war seitdem vergangen, an dem Heidruna nicht voller Freude über ihr Kind war. Von Beginn an war Alruna ein fröhliches und ausgeglichenes Kind, welches selten unzufrieden war und auch als Säugling kaum weinte. Als sie größer wurde, liebte sie es, ihrer Mutter bei der Arbeit zuzusehen und versuchte auch selber schon früh, die eine oder andere Tätigkeit der Erwachsenen nachzuahmen. Besonders liebte sie die langen Winterabende, an denen sie der Großmutter, die viele der alten Geschichten zu erzählen wusste, aufmerksam zuhörte. Später, als Alruna ins Bett gehen sollte, erzählte sie diese ihrer Puppe, die ihre Mutter ihr aus ein paar Lumpen genäht hatte. Stolz bemerkte Heidruna, dass ihre Tochter sich wirklich jedes kleine Detail gemerkt hatte und dies war auch sicher einer der Gründe dafür, dass Irmingard ihrer Enkeltochter schon sehr früh die Wirkungsweise und Anwendung diverser heilkräftiger Kräuter beibrachte, denn das kleine Mädchen sog gierig jedes Wissen auf und schien fast nur aus Fragen zu bestehen. Auch Thorbald hatte seine Freude an Alruna und oft nahm er seine Enkeltochter daher mit zur Jagd oder zeigte ihr mit einem kleinen Holzschwert den Umgang mit der Waffe, denn seiner Meinung nach war es in diesen Zeiten für Männer und Frauen gleichermaßen wichtig, sich im Ernstfall verteidigen zu können.
Seit dem verhängnisvollen Tag, an dem sein Nachbar Gunther in Rage von Thorbalds Hof geritten war, hatte sich einiges verändert. Römische Truppen waren weiter ins Landesinnere vorgerückt und versuchten dort befestigte Stellungen zu errichten. Viele Häuptlinge hatten sich die Sitten und Gebräuche der Fremden zu eigen gemacht und eiferten ihnen in ihrem Verhalten nach. Unter diesen war es Mode geworden, die Knaben in jungen Jahren zur Erziehung in das ferne Rom zu schicken, wo sie dann ihre Ausbildung im Kriegshandwerk genossen. Sippen zerfielen, weil sich einzelne den Römern als Verbündete anboten, in der Hoffnung auf schnellen Ruhm, Titel, Ehren und Macht. Andere führten in kleinen Gefechten einen erbitterten Kampf gegen die Besatzer, der aber aussichtslos erschien, denn die Römer waren besser organisiert und der militärische Drill verschmolz ihre Legionen zu einer fast unschlagbaren Einheit. Natürlich mussten diese Truppen auch versorgt werden, und wo die Disziplin der Soldaten schon durch den langen Aufenthalt im ungewohnt rauen Klima zermürbt war, wurden Lebensmittel nicht nur durch Handel erworben. So wurden Dörfer, die auf der Marschroute lagen, auch öfter Opfer von Plünderungen. Setzten sich die Menschen dort verzweifelt zur Wehr, wurden die meisten dahingemetzelt und die Überlebenden in die Sklaverei verkauft. Manchmal überfielen den Römern freundlich gesonnene Gruppen auch ihre Nachbardörfer, um dort Sklaven und Lebensmittel zu erbeuten, die sie dann den römischen Truppen zum Kauf anboten. Das Land war unsicher geworden und die Waffe saß locker. Fremden, denen früher das Gebot der Gastfreundschaft Haus und Hof öffnete, wurde nun in vielen Gegenden mit Misstrauen begegnet, mancherorts jagte man sie gar davon.
Aber das Zusammentreffen von Römern und Einheimischen war nicht überall von negativen Erfahrungen geprägt. Weiter unten im Süden des großen Landes, wo sich die meisten der befestigten Lager befanden, hatten sich nahebei Dörfer gebildet, deren Einwohner einen schwunghaften Handel mit den Römern trieben und so auch ihren eigenen Reichtum vermehrten. So mancher ehrenhaft aus der Legion entlassene Römer nahm sich sogar eine Einheimische zur Frau und gründete an Ort und Stelle eine Familie. In diesen Orten gab es sogar Häuser, die aus Stein gebaut waren und in denen die Römer ihre Götter verehrten. Auch lebten die römischen Besatzer und die einheimische Bevölkerung dort in friedlicher Koexistenz mit- und nebenei­nander. Die Kunde von diesen Orten war bis hoch in den Norden auch in Thorbalds Dorf gelangt, denn die fahrenden Händler, die schöne Stoffe und Schmuckstücke mit sich führten, an denen vor allem die Frauen Gefallen fanden, wussten so einiges über das Leben in diesen großen Dörfern zu erzählen. Über die langanhaltenden Feste dort, die Fröhlichkeit der Menschen, die warmen Winter und noch wärmeren Sommer, in denen sogar hier unbekannte Früchte wuchsen, die die Römer zu einem Getränk vergoren, das eine ähnlich berauschende Wirkung hatte wie das Bier, und welches ‚Wein‘ genannt wurde. Thorbald und die Seinen lauschten gerne den Erzählungen, hielten aber vieles davon für übertrieben, so fremd und fantastisch kamen ihnen oft die bunten Bilder vor, die die Händler mit Worten vor ihrem geistigen Auge entstehen ließen.
Auch jetzt stand wieder der Wagen eines Händlers in Thorbalds Hof. Der Händler selbst war herabgestiegen und ließ sich, umringt von einer Kinderschar und ein paar Erwachsenen, zu den tollsten Erzählungen hinreißen. Auf Thorbalds Hof wurde das Gebot der Gastfreundschaft noch eingehalten und so hatte man dem Reisenden Speis und Trank gereicht. Vor sich hatte er einige der schönen Dinge ausgebreitet, die er mitgebracht hatte und gegen lokale Handelsgüter einzutauschen gedachte. Da lagen bunte Stoffe, Schalen und Töpfe aus rotem Ton, kleine, tönerne Phiolen mit Parfümölen, Amphoren mit Olivenöl und Wein, kleine Tontöpfchen mit duftenden Gewürzen, silberne und goldene Armreifen und Ringe, Ketten mit bunten Glasperlen und gläserne Gefäße, wie sie die Menschen hier noch nie zuvor gesehen hatten. Alruna, die mit ihrer Mutter und Irmingard zusammen nähergetreten war, betrachtete staunend diese fremde Warenwelt. Eine Kette mit blauen Glasperlen hatte es dem Mädchen besonders angetan und bittend blickte sie zu ihrer Mutter auf. Heidruna prüfte gerade die feingewebten Stoffe und erkundigte sich nach dem Preis für eine Amphore des roten Weines. Diesen kochte sie im Winter zusammen mit verschiedenen Gewürzen zu einem stärkenden Getränk, welches die Kälte aus den Knochen vertrieb und die Lebensgeister weckte. Irmingard überlegte gerade, ob sie einen der roten ‚Terra sigillata‘-Tontöpfe für die Küche erstehen sollte. »Mama, schau doch mal!« Alruna zupfte ihre Mutter am Ärmel und versuchte, ihre Aufmerksamkeit auf die Glasperlenkette zu lenken. »Ach Kind, ich habe nichts mehr zum Eintauschen. Ich habe gerade eine gewebte Decke gegen dieses schöne grüne Stück Stoff getauscht, aus welchem ich zwei Sommerkleider nähen werde; eins für mich und eins für dich. Und die wenigen Münzen werde ich für den Wein und die Gewürze brauchen.« Sie zeigte Alruna den Stoff, doch diese verzog nur den Mund. Sommerkleider hatte sie doch schon zwei, wozu brauchte sie denn noch ein weiteres? Schmuck wollte sie haben, denn sie war doch schon fast groß. Im Winter wurde sie bereits elf. In diesem Moment tauchte Thorbald auf, jauchzend begrüßt von Alruna: »Großvater, sieh doch mal die schöne Kette dort!« Thorbald lächelte. Er konnte seiner Enkeltochter kaum einen Wunsch abschlagen und so tauschte er wenig später das Fell eines jungen Wolfes gegen eine Kette mit blauen Glasperlen ein. Viele Waren, auf einheimischer Seite hauptsächlich gewebte Wollstoffe und Felle, aber auch geschmiedete Waffen und der von Stränden weiter nordöstlich stammende und sehr begehrte Bernstein, wechselten an diesem Tag den Besitzer. Auch römisches Münzgeld wanderte von Hand zu Hand und auf beiden Seiten war man davon überzeugt, ein gutes Geschäft gemacht zu haben.
Alruna hing wie ein Klette an ihrem Großvater und bat ihn, ihr die schöne Kette zu geben, aber der lächelte nur verheißungsvoll und meinte: «Warte noch ein Weilchen, mein Kind. Bald wird dein Ehrentag sein und dafür ist diese Kette ein wunderbares Geschenk.« Alruna wurde ganz aufgeregt. Richtig, davon hatten Mutter und Großmutter in letzter Zeit öfter gesprochen, das heißt sie hatten geheimnisvolle Andeutungen gemacht und sich verschwörerisch zugegrinst, wenn sie versucht hatte, mehr zu erfahren und ihre Neugierde kaum noch zügeln konnte. Alruna hatte den beiden Frauen lediglich die Informationen entlocken können, dass sie selbst, zusammen mit den anderen Mädchen des Dorfes aus ihrer Altersgruppe, bald in den Kreis der Frauen aufgenommen werden sollte; aber vorher galt es noch einige Prüfungen zu bestehen. Am nächsten Neumond sollte es soweit sein und seit gestern hatte der Mond sein Antlitz verhüllt, nachdem er in den letzten Nächten nur noch eine schmale Sichel gezeigt hatte, die mehr und mehr abgenommen hatte. Seitdem war kaum ein Tag vergangen, an dem Alruna nicht an diesen besonderen Tag gedacht oder ihre Mutter oder Großmutter mit Fragen gelöchert hatte. Um sie abzulenken, hatte man ihr jede Menge kleinere Aufgaben übertragen, aber die Ablenkung war nie von langer Dauer. Erst der Besuch des Händlers ließ Alruna tatsächlich für einen kurzen Moment das bevorstehende Ereignis vergessen, die Worte des Großvaters aber riefen es sofort wieder in ihr Gedächtnis zurück.
Zwei Tage später erwachte Alruna mitten in der Nacht von einem seltsamen Geräusch. Es hörte sich an wie ein Klingeln, welches durch das Dorf zu wandern schien und immer näher kam. Plötzlich war sie hellwach, als sich die Tür zu ihrer Kammer öffnete und die alte Runa vor ihr stand. Runa war eines Tages im Dorf aufgetaucht und wurde bald bekannt für ihre hochwirksame Kräutermedizin und so mancher, der sich schon an Hels Pforten glaubte, weilte durch Runas Hilfe noch ein paar Jahre länger auf der Welt. Aber sie pflegte nicht nur Umgang mit den Lebenden, und so war sie einerseits geachtet, aber gleichzeitig auch gefürchtet und man war darauf bedacht, es sich nicht mit ihr zu verderben. Ihr Haar war schlohweiß und hing ihr für gewöhnlich in langen Flechten vom Kopf herab. Ihr Gesicht war wettergegerbt und all die vielen Jahre, die ihr Leben nun schon andauerte, hatten dort ihre sichtbaren Spuren hinterlassen. Aber ihre wasserblauen Augen blitzten unternehmungslustig und strahlten so viel Energie aus, als würden sie zu einem jungen Mädchen gehören und auch ihr Mund hatte das Lachen nie verlernt. Doch heute wirkte Runa ziemlich ernst und strahlte eine Bestimmtheit aus, die keinen Zweifel daran ließ, dass etwas Bedeutendes im Gange war. Nun deutete sie Alruna mit einem kurzen Kopfnicken an, dass sie ihr folgen sollte. Das Mädchen wollte sich ein frisches Obergewand anziehen, aber Runa schüttelte den Kopf und trieb sie wortlos zur Eile an. Schweigend folgte das Mädchen ihr aus ihrer Kammer vor die Hütte, die sie zusammen mit ihrer Mutter bewohnte. Zu Alrunas Überraschung war diese aber nirgendwo zu sehen und so konnte sich das Mädchen nicht einmal von ihr verabschieden. Dafür wartete vor der Hütte eine Gruppe Mädchen, alle in ihren Hemdchen. Genau wie Alruna hatte man sie aus dem Bett geholt und ihnen keine Gelegenheit gegeben, sich anzukleiden, irgendetwas mitzunehmen oder sich gar zu verabschieden. Alle schienen aufgeregt zu sein, aber keine von ihnen sagte ein Wort, auch zu flüstern wagte keine; zu ernst ruhten die Augen von zwei weiteren Frauen auf ihnen, die ebenfalls bei der Gruppe standen. Alruna erkannte in ihnen Gefjon und Swawa, die beide, genau wie die alte Runa, ebenfalls Angehörige des Ältestenrates waren, zu dem auch Alrunas Großmutter gehörte und der bei bestimmten Fragen angehört wurde. Die alte Runa führte Alruna zu der Mädchengruppe und schon setzten sich alle in Bewegung. Schweigsam folgten die Mädchen den beiden Ältesten. Runa ging hinter der Gruppe und achtete darauf, dass niemand zurückblieb. Der schmale Sichelmond am samtschwarzen Himmel schien ihnen ein geheimnisvolles Lächeln zuzuwerfen, als sie aus dem Dorf hinausgingen und den heiligen Hain betraten. Immer tiefer und tiefer führten die Ältesten die Gruppe der jungen Mädchen. So manch eine sah sich furchtsam um und bohrte ihre Augen in die Dunkelheit, in der Hoffnung, dort irgendetwas zu erkennen. Doch nichts außer tiefer Schwärze bot sich ihren Augen dar.
Plötzlich blieben die vorderen Frauen stehen und die Mädchen taten es ihnen nach. Vor ihnen war ein Geflecht aus Weidenruten zu erkennen, welches wie ein Zaun ein Stück des Hains vom übrigen Wald abgrenzte. Viele der Weidenruten waren angewachsen und hatten Blätter ausgetrieben, sodass es bei Tageslicht wohl aussehen mochte wie eine grüne Wand. Ein paar Meter noch ging die Gruppe an dieser Wand entlang, bis sie zu einer Stelle kamen, an der sich eine Öffnung im Geflecht befand, gerade groß genug um eine einzelne Person hindurchzulassen. Durch diese Öffnung nun traten die Mädchen nacheinander in den umgrenzten Bezirk ein und befanden sich in einem Waldstück, in dem der Baumbestand nicht mehr so dicht war wie im übrigen Wald. Von irgendwo in der Nähe hörte man das Plätschern eines Baches. Ein kleines Feuer, über dem an einem Gestell ein Kessel hing, in dem es duftend brodelte, war entfacht worden und warf seinen Schein in die Runde. Rings um das Feuer hatte man Farnkraut aufgeschüttet und mit Schaffellen abgedeckt. Dorthin brachte man nun die Mädchen, die sich sofort auf den Fellen niederließen. Die alte Runa schöpfte nun aus dem Kessel einen wärmenden Trank und reichte ihn den Mädchen. Dann richtete sie das Wort an die Kinder: »Dies ist der Tag, auf den ihr schon so lange gewartet habt. Ihr habt das Haus eurer Kindheit verlassen und werdet nun den Weg zur Frau betreten. Dies ist ein Schritt ohne Wiederkehr. Wenn ihr nach eurer Prüfung wieder zurückkehrt zu euren Familien, wird nichts mehr so sein wie bisher. Nun ruht euch noch ein wenig aus und sammelt Kraft. Sobald die Sonne erwacht, beginnen eure Unterweisungen.«
Alruna hörte trotz ihrer Müdigkeit aufmerksam zu. Sie erinnerte sich an eine Geschichte, die ihr ihre Mutter einmal erzählt hatte, allerdings nur andeutungsweise. So war zu der Zeit ihrer Mutter eines der Mädchen nicht mehr aus dem Hain zurückgekehrt. Es ging das Gerücht um, sie sei von einem Bären zerrissen worden, andere sagten, sie habe die Prüfung nicht bestanden und die Götter hätten sie zu sich geholt. Die anderen Mädchen schienen ebenfalls Kenntnis von dieser Geschichte zu haben, denn die Angst war ihnen deutlich anzusehen, als Runa die Worte vom Schritt ohne Wiederkehr sprach. So war an Schlaf bei den meisten natürlich nicht zu denken und unruhig wälzten sie sich hin und her, bis auch sie schließlich die Müdigkeit übermannte und der Schlaf seinen Tribut forderte.
Alruna fand sich bald in einem Traum wieder, in dem sie hinter einem unbekannten Wild herzuhetzen schien, welches sie narrte und mal hier und mal dort auftauchte, sie aber niemals nah genug herankommen ließ. Bald meinte sie einem Hirsch hinterherzujagen, bald schien ihr der Verfolgte eine menschliche Gestalt zu haben. Völlig ermattet erwachte sie schließlich und sah den Platz in das blaue Licht des neuen Morgens getaucht. Um sie herum erwachten die anderen Mädchen ebenfalls. Nach einem kurzen Frühstück, welches aus einem warmen Kräutertee und duftendem Fladenbrot bestand, sammelten sich die Mädchen um Gefjon und Swawa, die die Gruppe in den Hain hinaus führten, wo sie Kräuter, Beeren und Wurzeln sammelten, aber auch lernten, kleine Fallen aufzustellen, in denen sie Kaninchen fingen. In den nächsten Wochen verwendeten Gefjon und Swawa während der morgendlichen Ausflüge viel Zeit darauf, den Mädchen so viel wie möglich über die verschiedenen essbaren Pflanzen, ihre schmackhafte Zubereitung und Haltbarmachung und den richtigen Umgang mit den heilkräftigen Kräutern beizubringen. Die Kinder lernten, zu welcher Tageszeit man welche Heilkräuter sammelte, welchen Teil der Pflanze man benutzte, wie man sie trocknete und wogegen man sie anwendete. Nachmittags übten sich die Mädchen im Herstellen von tönernen Gefäßen und geflochtenen Körben, spannen Wolle, Flachs oder woben feine und grobe Stoffe. Der morgendliche und auch nachmittägliche Teil des Unterrichts war mehr dem eher unbeliebten Pflichtprogramm zuzurechnen, da die Mädchen schon durch das Helfen im mütterlichen Haushalt über ein mehr oder weniger weitreichendes Grundwissen in diesen Dingen verfügten. Dafür war der Unterricht am Abend bei allen umso beliebter und wurde stets ungeduldig herbeigesehnt. Dann nämlich versammelten sich die Mädchen in einem Kreis um ihre Lehrerinnen, welche nun ihren gesamten Wissensschatz über die Künste der Verführung, der Partnersuche, Hochzeit, Schwangerschaft, Geburt, Verhütung und Kinderpflege an die jungen Mädchen weitergaben, die glucksend kichernd den Ausführungen von Gefjon und Swawa lauschten. Auch Runa beteiligte sich an diesen Abenden und weihte, verschwörerisch flüsternd, die Mädchen in die Künste des Liebeszaubers ein, wobei sie es verstand, immer wieder Geschichten mit einzustreuen, welche die Wirksamkeit dieser Zauber unterstreichen sollten und die die eher schüchternen unter den Mädchen schamhaft erröten ließen. Alruna waren diese Lektionen die liebsten, denn schon oft hatte sie ihre Mutter verwundert nach dem Verbleib ihres Vaters gefragt und von dieser nur dunkle Andeutungen erhalten, die sie aber niemals wirklich zufrieden stellten. Sie hatte aber das instinktive Gefühl, dass ihre Mutter noch nicht bereit war, ihr das Geheimnis zu enthüllen, welches ihren Vater umgab und dass sie sich das Recht auf eine klärende Antwort erst durch ihre Aufnahme in den Kreis der erwachsenen Frauen erwerben musste.
Der Mond nahm zu, erschien in seiner vollen Pracht und nahm wieder ab. Da eröffnete ihnen Runa eines Abends, dass sich die Zeit ihrer Ausbildung nun dem Ende zuneigen würde und am nächsten Tag die Phase der Prüfungen beginnen würde. An diesem Abend fand kein Unterricht mehr statt, stattdessen überreichte die alte Frau jedem der Mädchen ein neues, kurzes Gewand, welches aus Leder bestand und mit roten Zeichen verziert war, sowie einen Beutel aus einer Schweinsblase, gefüllt mit frischem Quellwasser. »Diese Kleidung werdet ihr morgen in aller Frühe anlegen, euren Wasservorrat nehmen und euch dann am Ausgang des umfriedeten Bezirks sammeln. Dort werden wir euch bereits erwarten. Alles Weitere erfahrt ihr dann morgen.«
Am nächsten Morgen machte sich die Gruppe erneut auf den Weg in den Hain hinaus, aber diesmal wurden keine Pflanzen gesammelt; stattdessen führten die alten Frauen jedes Mädchen auf einen eigenen Platz, fern von den anderen, irgendwo im Wald, hießen es sich dort in einem gezogenen Kreis niederzusetzen und wiesen es an, diesen Ort nicht zu verlassen, bis eine der Frauen käme, um das Kind abzuholen. Alruna sah den alten Frauen nach, wie sie mit den restlichen Mädchen, die noch keinen Platz angewiesen bekommen hatten, zwischen den Bäumen verschwanden. Sie war allein. Um sie herum malte die Sonne Kringel aus Licht auf den Boden, dicke Hummeln summten durch die Luft und hoch oben in den Ästen sangen Vögel ihr fröhliches Lied, von irgendwoher konnte man einen Specht klopfen hören. Eine friedliche und auch feierliche Stimmung lag in der Luft. Alruna machte es sich bequem und sah dem Treiben um sich herum zu. So intensiv hatte sie den Wald noch nie wahrgenommen. Ein kleiner Vogel flog an ihr vorbei, ließ sich direkt auf einem Ast nur eine Armlänge von ihr entfernt nieder und zwitscherte vergnügt vor sich hin. Ein berauschender Duft lag in der Luft, süß und gleichzeitig schwer, wie eine Sommerwiese voller Kräuter, auf die soeben ein Sommerregen mit seinen warmen, dicken und weichen Tropfen niedergegangen war. Der kleine Vogel sang und irgendwo aus den oberen Ästen einer Fichte erhielt er seine Antwort. Hin und her ging dieser gesungene Dialog und Alruna hörte fasziniert zu. Ein Kribbeln richtete ihre Aufmerksamkeit auf ihre linke Hand, mit der sie sich am Boden abstützte, und sie sah einen kleinen, roten Käfer mit schwarzen Punkten, der über dieses für ihn ungewohnte Hindernis krabbelte. Eine Spinne seilte sich von einem Ast über Alruna ab und geriet in ihr Blickfeld. Irritiert über diese unbemerkte Annährung direkt vor ihrem Gesicht, wich das Mädchen ein wenig zurück. Der kleine Vogel sah erschocken auf und flatterte davon, um sich kurz darauf auf einem anderen Ast, etwas weiter entfernt niederzulassen und erneut den Wechselgesang mit seinem Duettpartner hoch in den Bäumen fortzusetzen.
Eine schläfrige Stimmung übermannte das Kind und es legte sich bequem auf den weichen Waldboden, wo es schon bald in einen leichten Schlaf fiel.
Als Alruna erwachte, war die Dämmerung hereingebrochen. Der kleine Vogel war nicht mehr zu sehen oder zu hören, stattdessen erklang das heisere Krächzen von Krähen hoch über ihr. Mit einem Ruck setzte sie sich auf. Wo waren bloß die anderen? Holten die Frauen sie nicht ab, oder hatte man sie vergessen? Es wurde doch bald dunkel und nachts streiften allerhand Raubtiere durch den Wald. Immer wieder hatte man ihr als kleines Kind eingeschärft, den Wald nach Einbruch der Dunkelheit nicht alleine zu betreten, und nun saß sie hier, mitten im Hain, und weit und breit war keine Menschenseele zu bemerken. Alruna bekam Angst. Kurz kam ihr der Gedanke in den Sinn, einfach aufzustehen und alleine zu dem Waldstück zurückzugehen, in dem sie und die anderen Mädchen die letzten Wochen gewohnt hatten, aber dann verwarf sie den Gedanken. Zu eindringlich war die Anweisung der älteren Frauen gewesen, den ihr zugewiesenen Platz nicht zu verlassen, bis sie geholt werden würde. Alruna nahm einen Schluck aus ihrem Wasserbeutel und beschloss, so lange an dieser Stelle auszuharren, bis eine der alten Frauen auftauchen würde, um sie zu erlösen. Sie zog ihre Beine näher an sich, bedeckte sie so gut es möglich war mit dem Unterteil ihres Gewandes, da sie zu frieren begann, und starrte hinaus in das Dämmerlicht, das langsam einer undurchdringlichen Dunkelheit wich. Um sie he­rum geriet der Wald in Aufruhr, als eine Eule erwachte und ihren allabendlichen Streifzug begann. Fast lautlos glitt sie an Alruna vorbei, ein großes, majestätisches Tier mit orangeroten Augen und einem kräftigen Schnabel. Nur das panische Quieken einer Maus war zu hören, als die Eule sich auf ihre Beute stürzte, die sich unvorsichtigerweise gerade in dem Moment aus ihrem Bau gewagt hatte, als die Eule sie auch schon erspähte und mit ihren scharfen Krallen ergriff. Dann begann sie ihre Beute zu verspeisen, erhob sich erneut in die Lüfte und setzte ihren lautlosen Flug fort.
Plötzlich hörte Alruna ein Knacken im Unterholz, als ob sich jemand näherte. Erfreut wollte sie schon aufspringen und auf sich aufmerksam machen, da nahm sie noch einen weiteren Ton wahr, ein Schnaufen und Schnauben. Dies machte ihr eindeutig klar, dass sich nicht etwa die herbeigesehnten Frauen ihrem Lagerplatz näherten, sondern ein sehr großes Tier auf sie zukam. Starr vor Schreck erkannte sie einen großen Bären, der die Nase dicht am Boden hielt und ihn mit seinen kräftigen Klauen aufgrub. Plötzlich richtete sich der Bär zu seiner ganzen imposanten Größe auf, grub seine Krallen in die Rinde eines nahestehenden Baums und zerfetzte sie. Dann ließ er vom Baum ab und kam langsam auf Alruna zugewatschelt, die sich panisch ganz klein zusammengekauert hatte und ein Stoßgebet an die Götter schickte, sie mögen sie doch davor bewahren, diesem Bären zum Opfer zu fallen. Nun kamen ihr auch wieder die Geschichten in den Sinn, von Männern, die während des Holzmachens von wildgewordenen Bären angefallen worden waren, und auch die Erzählung ihrer Mutter über das Verschwinden eines Mädchens während der Zeit der Prüfungen fiel ihr wieder ein. Unfähig sich zu rühren, starrte Alruna nun den Bären an, der immer näher und näher kam. Kurz vor dem Kreis hielt er an und senkte wieder seine Nase auf den Erdboden. Warm blies er den Atem aus seinen Nasenlöchern, als er nun die Markierung des Kreises beschnüffelte. Dann hob er den Kopf und sah sie an. Das Mädchen blickte in die kleinen, braunen Augen des Bären und die Angst fiel plötzlich von ihr ab. Für einen Moment war es so, als würden die beiden eine Art stummen Gruß austauschen, dann drehte sich der Bär um und verschwand wieder im Wald. Alruna blieb mit einem überwältigenden Gefühl der Ruhe und Zuversicht zurück. Sie wusste nun, dass ihr nichts passieren würde und dass sie dort, wo sie sich befand, sicher war. Mit diesem Gefühl schlief sie erneut ein und erwachte erst, als die Sonne schon hoch am Himmel stand. Ihr knurrender Magen erinnerte sie daran, dass sie gestern Morgen die letzte Mahlzeit zu sich genommen hatte, doch sie hatte keine Nahrung bei sich, um das Hungergefühl zu stillen, und so blieb ihr nur ein langer Schluck aus dem Wasserbeutel. Auf einmal kam ihr wieder die nächtliche Begegnung mit dem Bären in den Sinn. Nun schien ihr das Ganze ein Traum gewesen zu sein, da der letzte Eindruck dieses Zusammentreffens der wortlose, kurze Dialog mit dem Bären war, der sie erkannt zu haben schien und ihr das Gefühl vermittelte, selbst ein Teil des Bären zu sein. Während sie noch über diesen seltsamen Traum nachgrübelte, fiel ihr Blick auf eine Stelle vor ihrem Schutzkreis und sie bemerkte in dem weichen Waldboden die tiefen Abdrücke von großen Pfoten. Also hatte sie nicht geträumt und die Begegnung hatte tatsächlich stattgefunden. Erneut durchströmte sie ein Gefühl von Glück, Vertrauen und Zuversicht. Sie hatte plötzlich die Gewissheit, dass sie noch eine weitere Nacht im Wald ausharren musste, aber diesmal machte ihr der Gedanke keine Angst. In sich versunken betrachtete sie die Umgebung. Der Wald schien von einem eigenartigen Leuchten erfüllt zu sein; ein Licht, welches alles durchdrang und auch sie selbst innerlich erhellte. Das Zwitschern der Vögel, dem sie schon gestern gelauscht hatte, schien heute eine andere Intensität zu haben. Es war von einer Eindringlichkeit, als wolle es allen Waldwesen mitteilen, dass tief in Alruna etwas erwachte, etwas Uraltes, Geheimnisvolles und zugleich seltsam Vertrautes, welches sie mit dem Wald und all seinen Wesen eins werden ließ, so als seien sie alle durch ein unsichtbares Band miteinander verknüpft wie die Mitglieder einer großen Familie.
Auf einmal stand, wie aus dem Boden gewachsen, ein Mann vor Alruna. Sie hatte ihn gar nicht kommen gehört und war über alle Maßen erschrocken, als sie ihn jetzt plötzlich wahrnahm. Er war jung und wirkte sehr kräftig. Obwohl er ein wildes Aussehen hatte, da er nur mit Wolfsfellen bekleidet war, wirkte er doch gleichzeitig als sei er von edler Abstammung. Er hatte ein ebenmäßig geformtes Gesicht, welches von langen, dunklen Haaren eingerahmt wurde. Seine braunen Augen funkelten unternehmungslustig und sein Bart war sorgfältig gestutzt. Eine tiefe Ruhe und unglaubliche Kraft ging von ihm aus, als er jetzt das Wort an Alruna richtete: »Nun meine Tochter, hat der Wald bereits zu dir gesprochen?« Bei der Anrede zuckte Alruna zusammen und die Gewissheit traf sie wie ein Schlag. Dieser Mann musste ihr Vater sein, der Mensch, über den Mutter immer nur in dunklen Andeutungen sprach und von dem sie so gut wie gar nichts wusste. Aber wie war das möglich, er schien nur wenig älter als sie selbst zu sein. Als könne er ihre Gedanken lesen, grinste der Mann über das ganze Gesicht: »Ich bin ein Teil des Waldes, und so, wie die Natur als Ganzes jedes Jahr wiedergeboren wird, werden auch meine Kräfte bei jedem Sonnenlauf erneuert. Aber vielleicht erscheint es dir einfacher, mir Glauben zu schenken, wenn ich mich einer angemesseneren Gestalt bediene.« Mit diesen Worten wandelte er sich vor Alrunas Augen in einen älteren Mann, der nun zur Generation ihrer Mutter zu gehören schien. Erstaunt hatte Alruna dieser Verwandlung zugesehen. Nichts erschien ihr daran unheimlich oder erschreckend und sie ließ nun einen erleichterten Seufzer hören, als der Mann den Kreis betrat und sie in seine Arme schloss. Wie lange schon hatte sie diesen Moment unbewusst herbeigesehnt. Immer, wenn sie die anderen Kinder mit ihren Vätern herumtoben sah, wurde ihr schmerzhaft bewusst, dass sie niemals diese Freude kennen lernen würde. Natürlich hatte sich ihr Großvater sehr um sie bemüht und versucht, ihr so gut es ging den Vater zu ersetzen, aber er konnte mit einem echten Vater nicht mithalten. Heidruna hatte nach der Begegnung im Wald niemals daran gedacht, sich mit einem anderen Mann zu vermählen, und so war Alruna eben ohne Vater aufgewachsen. Aber nun hatte sie endlich ihren Vater gefunden oder besser gesagt, er war zu ihr gekommen. »Komm mit mir mit, meine Tochter, ich werde dir etwas zeigen«, sprach er, doch Alruna schüttelte den Kopf, deutete auf den Schutzkreis und meinte: »Ich soll diesen Kreis nicht verlassen.« Lächelnd blickte er sie an: »Du wirst diesen Kreis nicht verlassen, meine Tochter, vertrau mir.« Und damit hob er sie hoch und trug sie in den Hain hinein. Verwundert wurde Alruna gewahr, dass sich um sie herum ein Kreis wie aus schimmerndem Mondlicht gebildet hatte, in dessen Zentrum sie sich stets befand. Tiefer und tiefer wurde sie in den Hain hineingetragen. Uralte, moosbedeckte Bäume wuchsen dort, deren Äste so weit nach oben reichten, dass man nur ahnen konnte, wo sie aufhörten. Plötzlich hielt ihr Vater inne. Sie hatten einen Platz erreicht, der von hohen, stehenden Steinen umrahmt wurde. Dort wurde sie vorsichtig im Gras abgesetzt. »Schließe deine Augen und trink.« Mit diesen Worten reichte er ihr einen Becher mit einer dunklen, süßlich riechenden Flüssigkeit. Alruna tat wie ihr geheißen. Trotz der Süße schmeckte sie auch ein wenig Bitterkeit aus diesem Trank, doch da sie diesem Fremden, der ihr Vater war, vertraute, trank sie alles aus. Als sie ihre Augen wieder öffnete, schien sich das Schimmern, welches noch immer von dem sie umgebenden Kreis ausging, auch auf einige nahestehende Pflanzen ausgebreitet zu haben. Mehrmals blinzelte das Mädchen mit den Augen, weil sie dachte, einer Sinnestäuschung zu unterliegen. »Nun, meine Tochter, was siehst du?«, fragte ihr Vater, der sie amüsiert beobachtet hatte. Das Mädchen war aufgesprungen. »Die Pflanzen dort, sie scheinen so eigenartig zu leuchten. Ich kenne die Pflanze, es ist das Wundkraut, aus dem man eine Salbe gegen das Reißen macht. Aber warum leuchtet sie so eigenartig?« – »Sie leuchtet immer so, aber nur wenige können das Leuchten erkennen. Alle heilkräftigen Dinge haben dieses Leuchten. Aber sag mir, was siehst du noch?« Alruna blickte sich um, sah an sich herab und bemerkte mit Erstaunen, dass dieses eigenartige Leuchten nun auch von ihren Händen auszugehen schien. Wieder war es so, als könne ihr Vater ihre Gedanken lesen. »Ja, auch deine Hände besitzen heilerische Kräfte.« Und damit führte er sie in den Steinkreis hinein an eine Stelle, an der sich im hohen Gras etwas zu bewegen schien. Als sie näherkamen, erkannte Alruna eine große Katze, die dort lag und sich unablässig ihre linke Vorderpfote leckte. Als die Katze die beiden sah, sprang sie auf und lief humpelnd ein paar Schritte fort, blieb dann aber sogleich stehen, als der Mann auf sie einsprach, und legte sich wieder hin. Alruna konnte äußerlich keine Verletzung feststellen, die sich mit dem Humpeln in Verbindung bringen ließ, und doch musste dieses Tier Schmerzen haben. Als sie genauer hinsah, bemerkte sie, dass an der Pfote der Katze eine Art dunkler Rauch zu sehen war. Ohne nachzudenken kniete das Mädchen neben dem verletzten Tier nieder und legte vorsichtig ihre Hand auf diese Stelle. Die Katze blieb ganz ruhig liegen und begann zu schnurren. Das Schimmern, das von den Händen des Mädchens ausging, mischte sich nun mit dem dunklen Rauch an der Pfote des Tieres und löste diesen auf, bis nur noch ein helles Leuchten übrig blieb. Die Katze sah Alruna mit ihren grünen Augen an, rieb den Kopf an ihrer Hand und leckte ihr mit ihrer rauen Zunge über die Finger. Als das Mädchen wieder aufsah, bemerkte sie, dass sich ein großer Bär neben ihren Vater gestellt hatte, während sie mit der Katze beschäftigt gewesen war. Alruna meinte in ihm den Bären zu erkennen, der letzte Nacht zu ihr an den Kreis gekommen war, und blickte ihren Vater fragend an. Dieser bestätigte ihre Vermutung und setzte erklärend hinzu: »Er hat dich nicht angerührt, weil er gespürt hat, dass du ein Teil des Waldes geworden bist. Alle aus eurem Dorf, die ihre Zeit der Prüfung im Wald verbringen, können diese Verbundenheit mit dem Wald und allem was in ihm lebt erfahren, aber einige wenige verschließen sich diesem Erlebnis und bleiben damit auch sich selbst für immer fremd. Dieser Bär hier hat zu dir allerdings eine ganz besondere Verbindung, wie ein Bruder zu seiner Schwester. Auch wenn dir diese Worte jetzt fremd und verwirrend vorkommen, weiß ich, dass du eines Tages verstehen wirst, was ich meine.« Mit diesen Worten überreichte er ihr ein Lederband, an dem ein kleiner, spitzer Zahn hing und fügte hinzu: »Dies ist ein Milchzahn des Bären. Ich möchte, dass du ihn immer bei dir trägst, als Erinnerung an deine Zeit der Prüfung. Solltest du jemals meine Hilfe benötigen, dann gehe einfach in den Wald hinaus und rufe nach mir. Ich werde dich hören. Aber jetzt wird es Zeit, dich zurück an deinen Platz zu bringen, denn die alte Runa ist schon auf dem Weg, dich zu holen.« Alruna wollte noch so viel fragen, doch ehe sie es sich versah, saß sie schon wieder auf dem Platz, an den sie vor einiger Zeit von den alten Frauen gebracht worden war und ihr Vater, die Katze, der Bär und der Steinkreis waren verschwunden. Tränen rannen über ihre Wangen, denn allzu kurz war die Zeit, die sie nach jahrelangem Sehnen mit ihrem Vater verbringen konnte. Fast schon glaubte sie nur geträumt zu haben, da bemerkte sie unter ihrem Hemd an einem Lederband den Zahn des Bären, den ihr ihr Vater überreicht hatte, und sie schloss ihre Hand darum. Im selben Augenblick durchströmte sie ein Gefühl des Friedens und der Zuversicht und erneut schossen ihr Tränen in die Augen, aber diesmal weinte sie vor Glück.
So fand Runa sie wenig später vor, als sie den Platz betrat. Alruna wischte sich die Tränen mit dem Handrücken vom Gesicht und blickte die alte Frau an. Auch von ihr schien dieser seltsame Schimmer auszugehen. »Ich sehe, du hast deine Kraft gefunden und eine Antwort auf deine Fragen. Nun bist du eine wahre Tochter des Waldes«, begrüßte Runa sie. Alruna erhob sich von ihrem Platz und trat aus dem Kreis auf die alte Frau zu. Wortlos umarmte sie sie. »Lass uns gehen, die anderen warten schon.« Auf dem Weg zurück zum Lager erzählte das Mädchen der alten Runa ihr Erlebnis, sie ließ nichts aus und zeigte ihr am Schluss auch den Bärenzahn, den sie von ihrem Vater erhalten hatte. »Eine kraftvolle Begegnung hattest du. Mächtig und voller Schönheit, so wie die Gabe, die du an dir entdeckt hast. Mächtig auch das Geschenk des Bären. Doch dein Weg wird nicht einfach sein. Viele Schmerzen wirst du durchleiden müssen, bevor du deine Bestimmung erkennst.« Runa war in einen leicht monotonen Singsang gefallen, als sie die letzten Worte sprach und ihre Augen schienen einen Punkt in weiter Ferne zu fixieren. Unterdessen waren die beiden am umzäunten Bezirk angekommen und traten durch den Eingang. Die anderen Mädchen saßen schon gemeinsam mit Gefjon und Swawa um ein Feuer und unterhielten sich. Als sie die jüngere und die ältere Frau bemerkten, blickten sie auf und die Unterhaltung verstummte. Freudig wollte Alruna auf sie zugehen und sie begrüßen, da stellte Runa sich ihr in den Weg: »Einen Moment noch, mein Kind. Bevor du zu deinen Freundinnen zurückkehren kannst, haben wir beide noch etwas zu erledigen.« Sie drehte ihr den Rücken zu und setzte sich in Bewegung, auf eine der Behausungen zu, die die alten Frauen bewohnten. Alruna folgte ihr und betrat das Dunkel einer Hütte. Als sich ihre Augen an das Dämmerlicht gewöhnt hatten, sah sie ein Bett und eine Truhe. Auch eine Feuerstelle befand sich in diesem fensterlosen Raum und an einem Gestell über der Feuerstelle hing ein kleiner, rußgeschwärzter Kessel. Runa deutete auf ein Fell am Boden und das Mädchen ließ sich dort nieder. Nun entnahm die alte Frau der Truhe einen kleinen, länglichen Gegenstand, der sich beim näheren Hinsehen als Flöte entpuppte, die aus einem Knochen hergestellt zu sein schien. Erneut wühlte Runa in der Truhe und brachte eine kleine, tönerne Flasche zum Vorschein, welche sie jetzt öffnete. Kurz roch sie am Inhalt, dann goss sie etwas davon in einen Becher und reichte ihn Alruna. Angewidert verzog diese das Gesicht, das Getränk roch für sie einfach nur eklig. Doch die alte Frau schien keinen Widerspruch zu dulden, zu entschlossen war ihre Miene und so leerte Alruna den Inhalt des Bechers mit einem Zug. Runa setzte sich ihr gegenüber und begann eine monotone, aber eingängige Melodie auf der Flöte zu spielen. Eine tiefe Schläfrigkeit erfasste Alruna und sie glitt langsam in das Reich der Träume hinüber. Sie befand sich wieder im Hain und Runa begleitete sie. Nach einiger Zeit gelangten sie an eine große Höhle, vor der ein Mann an einem Feuer saß und sie schon erwartet zu haben schien. Runa und der Mann begrüßten sich vertraut und mit einem Blick auf Alruna bemerkte die alte Frau: »Ich bringe dir hier eine der unseren.« Der Mann kam nun auf Alruna zu und sah ihr direkt in die Augen. Er wirkte seltsam vertraut auf Alruna, aber sie war sich sicher, ihn nie zuvor gesehen zu haben. Ihr wurde schwindelig und sie fragte sich, was für ein merkwürdiger Traum dies wohl war. Zu Runa gewandt entgegnete der Mann: »Sie ist eine von uns, aber sie trägt noch kein Zeichen des Bundes.« Alruna wurde zunehmend verwirrter. Was für ein Zeichen, und was für ein Bund, und war dies hier wirklich nur ein Traum? Noch während sie darüber nachdachte, änderte der Mann plötzlich seine Gestalt und vor sich sah sie einen großen Bären, so groß wie sie noch nie einen gesehen hatte. Langsam richtete der Bär sich auf und ging einen Schritt auf sie zu. Ängstlich wich Alruna zurück, drehte sich um und wollte davonlaufen, da stolperte sie über eine Wurzel und fiel der Länge nach hin, aufs Gesicht. Sie wollte sich gerade aufrappeln, da hörte sie ein Brummen und spürte einen stechenden Schmerz an ihrer linken Schulter. Reflexartig legte sie ihre Hand auf die Stelle, zog diese aber sofort zurück, als sie eine warme, klebrige Flüssigkeit spürte. Panisch sprang sie auf und wollte sich vor dem Bären in Sicherheit bringen, da erkannte sie, dass der Bär nirgendwo mehr zu sehen war und stattdessen wieder der Mann vor ihr stand. Sofort war Alrunas Angst verflogen, aber nun zog das Pochen der Wunde ihre Aufmerksamkeit auf sich. Von irgendwoher sah sie Runa herbeieilen, mit einem Bündel Kräuter in der Hand, die sie auf die Wunde legte, nicht ohne vorher noch eine Substanz auf die Wunde zu reiben. Das Brennen, welches durch die Salbe verursacht wurde, ließ das Mädchen aufstöhnen und auf einmal wurde sie gewahr, dass sie in Runas Hütte auf dem Boden lag. Diese kniete über ihr und versorgte die fünf tiefen, blutigen Striemen, die der Bär in Alrunas Schulter geschlagen hatte. »Keine Angst, er hat dich nicht ernsthaft verletzt. Du trägst nun das Zeichen des Bundes zwischen Mensch und Tier und die deinen werden dich immer daran erkennen.« Alruna wollte noch so viele Fragen stellen, aber die alte Frau, die ihren Gesichtsausdruck zu deuten wusste, winkte ab: »Später ist noch genügend Gelegenheit dazu. Einiges wird sich mit der Zeit von selber klären. Nun geh zurück zu den anderen und leg dich schlafen, morgen wird für euch alle ein langer Tag werden.«
Alruna suchte die Gruppe der Mädchen auf und obwohl die frische Wunde schmerzte, fiel sie bald in einen tiefen Schlaf. Im Traum erschien ihr der Bär und leckte sanft mit seiner Zunge die Stelle, an der sie der Prankenhieb getroffen hatte.
Als sie am nächsten Morgen erwachte, war der Schmerz verschwunden und nur noch die verletzte Haut zeugte von ihrer unwirklichen Begegnung mit dem Bärenmann. Als Alruna leicht über die Stelle strich, traf ihr Blick den eines der anderen Mädchen und kurz schob diese das Gewand auf ihrer linken Schulter zur Seite, sodass dort ebenfalls fünf Striemen sichtbar wurden. Für einen Augenblick grinsten sich die beiden an, dann traten auch schon Gefjon und Swawa zu ihnen und trieben die Mädchen zur Eile an, denn heute war endlich der langersehnte Tag gekommen, an dem sie in den Kreis der Frauen aufgenommen werden sollten.
Langsam machte sich Unruhe breit, denn nach und nach trafen einige erwachsene Frauen aus dem Dorf in dem umzäunten Waldstück ein, um das Fest vorzubereiten. Den Mädchen wurde ein Platz bei Runas Hütte zugewiesen, an dem sie zu warten hatten. Niemand schien sich um sie zu kümmern und so vertrieben sie sich die Zeit mit Spielen und Erzählen. Gegen Mittag brachte man ihnen etwas Fladenbrot und saure Milch und überließ sie dann weiterhin sich selbst. Viele hatten jedoch vor Aufregung keinen Hunger und betrachteten nur neugierig die Frauen, die sich nun zu einem Kreis in Sichtweite der Kinder zusammengefunden hatten. Eine erwartungsvolle Stimmung lag über dem Platz, als die Frauen nun, begleitet von rhythmischem Klatschen und Singen, zu tanzen begannen, sich rechtsherum im Kreis bewegten, auf die Mitte zu- und wieder zurückgingen. Das Klatschen und Singen steigerte sich immer mehr und die Spannung wuchs ins Unermessliche. Auf einmal lösten sich Gefjon und Swawa aus dem Frauenkreis und kamen auf die Mädchen zu. Sie winkten eines der Mädchen zu sich und bedeuteten ihr, mitzukommen. Die anderen blieben erwartungsvoll gespannt zurück. Von weitem sahen sie, wie ihre Gefährtin in den Kreis der Frauen geführt wurde, der sie regelrecht zu verschlucken schien. Dann ertönte wieder das Singen und Klatschen und plötzlich durchschnitt ein spitzer Schrei die Luft, in den weitere Frauen einfielen. Nun begannen die Frauen wieder zu tanzen und unter ihnen konnte man nun das junge Mädchen erkennen, welches mit roten Bändern geschmückt zuerst noch unbeholfen, dann von Schritt zu Schritt sicherer mittanzte. Die beiden Alten kamen erneut auf die Kinder zu und deuteten wieder auf ein Mädchen, welches ihnen in den Frauenkreis folgte. Ein Kind nach dem anderen wurde so zum Kreis der Frauen gebracht, bis die Reihe an Alruna war. Als sich der Kreis der Frauen hinter ihr schloss, bemerkte sie einen freien Platz in der Kreismitte. Dort kauerte Runa, in einer Hand einen kleinen Tiegel mit einer schwarzen Flüssigkeit und in der anderen einen spitzen Gegenstand, den Alruna aber nicht genau erkennen konnte. Heidruna begrüßte ihre Tochter mit einer kurzen Umarmung und drückte sie dann sanft nach unten, sodass sie auf dem Boden zu sitzen kam. Ihr Gewand wurde abgestreift und Runa begann nun, mit einem Dorn, der mit einem Wollfaden umwickelt und zuvor in die Flüssigkeit getaucht worden war, eine kleine Linie in Alrunas Haut einzustechen, die oberhalb ihres Bauchnabels begann und sich hinauf bis zu ihren Brüsten zog. Wieder und wieder stach die alte Frau den Dorn in die Haut und dort, wo der Dorn eingedrungen war, hinterließ er eine dunkle Spur. Das Klatschen und Singen um Alruna hatte sich in seiner Intensität gesteigert und als Runa die Linie beendet hatte, warf eine der Frauen ihren Kopf zurück und ließ einen durchdringenden Schrei hören, der von den anderen Frauen sofort aufgenommen wurde. Heidruna half ihrer Tochter auf die Beine und flocht ihr rote Bänder in die Haare, und auch andere Frauen kamen nun näher und umwanden Alrunas Beine und Arme mit roten Bändern. Dann nahmen sie sie zwischen sich in den Kreis und zeigten ihr die Tanzschritte. Vor und zurück wiegte der Kreis und rechtsherum und mit jedem Schritt sicherer tanzte Alruna mit ihnen. Nun war sie kein Mädchen mehr, sondern gehörte zu den Frauen. Sie hatte die Prüfungen bestanden und war eine Erwachsene geworden. Davon zeugten die Zeichen, die nun auf ewig ihren Körper zierten.
Als die Sonne zu sinken begann, brach die gesamte Frauengruppe auf und zog ins Dorf zurück, wo sie schon von den dort zurückgebliebenen Frauen, den Alten, Männern und Kindern erwartet wurde. Man hatte zu Ehren der jungen Frauen ein Festmahl bereitet und alle fanden sich auf dem Dorfplatz ein. Die Familien schlossen ihre Töchter in die Arme und überreichten ihnen Geschenke. Thorbald kam auf Alruna zu und hängte ihr die heißersehnte Kette mit den blauen Glasperlen um. Dazu gab es noch Ohrringe, Haarspangen, ein Armband, zwei neue Gewänder aus feinstem Leinen und einen wollenen Umhang, der auf der Brust von einer Fibel zusammengehalten wurde. Auch eine neue Spindel, ein Kamm, ein kleiner Dolch und ein Gürtel, an dem ein lederner Beutel hing, gehörten zu den Gaben. Beglückt nahm Alruna all diese Geschenke an und mischte sich dann in das bunte Treiben, welches bis spät in die Nacht hinein andauerte. Es wurde gesungen, getanzt, gegessen, getrunken, gespielt und gelacht und keiner war im Dorf, der es sich nicht gut gehen ließ. Später, sehr viel später dann, lag Alruna in ihrem Bett. Ihr letzter Gedanke galt in dieser Nacht ihrem Vater, den sie so gerne als Gast auf diesem Fest gesehen hätte und sie nahm sich vor, am nächsten Tag ihrer Mutter von der Begegnung mit ihm im Wald zu erzählen.
Als sie am nächsten Tag erwachte, eilte sie zur Kammer ihrer Mutter, doch diese war nicht dort. Daraufhin suchte Alruna in Haus und Hof, aber ihre Mutter und auch ihre Großmutter waren nirgendwo aufzufinden, dafür traf sie ihren Großvater, der mit ein paar Männern zusammensaß und in eine angeregte Diskussion verwickelt zu sein schien. Zögernd trat die junge Frau näher, bis Thorbald sie bemerkte, sich aus der Gruppe löste und auf sie zukam. »Suchst du deine Mutter und deine Großmutter? Die Frau des Schmiedes ließ heute Nacht nach ihnen schicken, sie sind wohl immer noch dort.« Alruna erinnerte sich, dass die Frau des Schmiedes ihr erstes Kind erwartete und kurz vor der Niederkunft stand. Sie überlegte kurz, ob sie ihre Mutter dort aufsuchen sollte, verwarf dann aber den Gedanken und beschloss, auf die Mutter zu warten. Also ging sie in ihre Kammer zurück und betrachtete die Geschenke, die sie gestern bekommen hatte, und strich immer wieder mit der Hand über den feinen Stoff der neuen Gewänder. Doch ihre Gedanken schweiften ständig ab und in ihr machte sich eine Unruhe breit, die mit dem zusammenhing, was ihr Großvater ihr gerade erzählt hatte. Alruna war noch nie bei einer Geburt dabei gewesen und es wurde bisher immer ein großes Geheimnis um diesen Vorgang gemacht. Aber nun, da sie in den Kreis der Frauen aufgenommen worden war, konnte ihr niemand mehr verwehren, eine Gebärende aufzusuchen und den Frauen, die dort Hebammendienste versahen, zur Hand zu gehen. Kurz entschlossen stand sie auf und machte sich auf den Weg zur Hütte des Schmiedes. Vor der Behausung ging der Schmied unruhig auf und ab, begleitet von seinem Schwiegervater, der versuchte, beruhigend auf ihn einzureden. Alruna nickte den beiden Männern kurz zu und ging dann in die Hütte. Aus der Schlafkammer drangen die Schreie der werdenden Mutter und man hörte hinter der Tür geschäftiges Treiben. Auf einmal öffnete sich diese, Irmingard trat heraus und erblickte ihre Enkelin. »Schnell, lauf und hol Runa, wir brauchen ihre Hilfe!« Alruna rannte los, sie kannte ja den Weg zur Hütte der alten Frau, die am Ende des Dorfes wohnte, dort wo weiter hinten das Hügelgräberfeld begann. Atemlos erreichte sie die Hütte und hämmerte wild an die Tür. Doch niemand schien zu Hause zu sein. Vorsichtig öffnete die junge Frau die Tür und trat ein, aber Runa war nirgendwo zu sehen und auch sonst schien nichts darauf hinzuweisen, dass sich die alte Frau vor Kurzem noch hier aufgehalten hatte. Die Hütte im Hain, schoss es Alruna durch den Kopf und schon machte sie auf dem Absatz kehrt und rannte auf den Wald zu. Sie hatte kaum den Waldrand passiert, da sah sie Runa schon auf sich zueilen. Die Alte hatte scheinbar ihre eigenen Wege, zu wissen, wann und wo sie dringend gebraucht wurde. »Komm, hilf mir tragen, Tochter des Waldes«, grinste die alte Frau Alruna an und drückte ihr ein Bündel in die Hand. Gemeinsam kamen sie im Haus des Schmieds an und betraten die Schlafkammer. Auf dem Bett lag die Hausherrin und schien große Schmerzen zu haben, immer wieder wurde sie in Krämpfen geschüttelt. »Sie hat Schwierigkeiten mit der Öffnung«, informierte Heidruna die Alte, »es geht schon die ganze Nacht so und langsam ist sie am Ende ihrer Kräfte. Auch die Kräuter konnten ihr nicht helfen.«
Mit einem prüfenden Blick auf die Gebärende trat Runa näher. Sie wühlte in dem Beutel, den Alruna noch immer in der Hand hielt und holte eine kleine Schale hervor, die sie ihr nun in die Hand drückte. »Los Alruna, hol mir etwas von der Glut aus dem Herdfeuer.« Als diese nun mit dem Gewünschten zurückkam, entnahm die Alte ihrem Beutel eine Handvoll Kräuter und warf sie auf die glühenden Holzstücke. Sofort machte sich süßlich riechender Rauch in dem Zimmer breit, der die Frauen zurückweichen ließ. Runa bedeutete Heidruna, die Gebärende aufzurichten. Dann hielt sie der erschöpften und verschwitzten Frau die rauchende Schale unter die Nase und befahl ihr, den Qualm einzuatmen. Leise begann die Alte nun zu singen und strich dabei immer wieder über den runden Bauch der werdenden Mutter. Der Gesang wurde lauter und auch die anderen beiden Frauen stimmten darin ein. Alruna spürte, wie sich ihrer eine eigenartige Stimmung zu bemächtigen begann, genau wie damals, als Runa in ihrer Hütte auf der Flöte geblasen hatte. Wieder und wieder strich Runa über den runden Bauch und immer eindringlicher wurde das merkwürdige Lied. Alruna, die die Szene von der Tür aus beobachtet hatte, spürte plötzlich einen durchdringenden Schmerz in ihrem Unterleib und drückte reflexartig die Hände gegen ihren Bauch. Eine erneute Serie von Krämpfen schüttelte den Körper der Gebärenden und auf einmal war der Kopf des Kindes zu sehen. Ein weiterer Krampf, und schon lag das Neugeborene in Irmingards Armen, die es mit feuchten Tüchern abwischte und mit den Worten »ein gesundes Mädchen« der erschöpften, aber glücklichen Mutter in die ausgestreckten Arme legte. Eine erneute Wehe lief durch den Körper der Mutter und die Nachgeburt wurde ausgestoßen. Irmingard durchtrennte die Nabelschnur und Runa beugte sich über die Nachgeburt, die sie eingehend betrachtete. »Wird stark werden, dein Mädchen. Groß und stark und dir viele Enkelkinder gebären«, murmelte sie, der jungen Mutter zugewandt. Heidruna wollte soeben nach draußen eilen, um dem Vater die freudige Nachricht von der Geburt einer gesunden Tochter zu überbringen, als ihr Blick auf ihre Tochter fiel, die immer noch die Hände auf ihren Unterleib presste und sehr blass aussah. »Kind, was ist mit dir?« – »Ich habe Schmerzen und mir geht es nicht gut.« Nun bemerkte auch Runa den Zustand Alrunas und trat näher. »Du stehst im Mond, geh nach Hause und schone dich. Deine Mutter kann dich begleiten, ihre Hilfe wird hier nicht mehr gebraucht.« Diese Worte ließen Alruna die Schmerzen vergessen. Sie stand zum ersten Mal im Mond und sie war im Kreis der Frauen aufgenommen worden. Nun war sie alt genug, Kinder zu bekommen und eine Familie zu gründen. Nicht, dass sie das jetzt schon wollte, aber allein die Gewissheit darum, dass es ab sofort möglich sein würde, ließ eine Ahnung in ihr wachsen. Es war so, als sei eine Tür aufgestoßen worden, durch die sie hindurchgetreten war und die sich sofort wieder hinter ihr schloss und den Weg zurück unmöglich machte. Langsam und nachdenklich ging sie zurück nach Hause, begleitet von ihrer Mutter, die sie mit einem Lächeln von der Seite musterte. Auch ihr war die Veränderung nicht entgangen, die die Worte Runas bei der jungen Frau bewirkt hatten.
Den ganzen Tag über blieb Alruna nun mit ihrer Mutter im Haus. Diese hatte ihr gezeigt, wie man aus Schafswolle kleine Einlagen herstellte, die das Blut auffangen sollten. Später stieß auch noch Irmingard zu den beiden Frauen und zusammen saßen sie alle in Alrunas Kammer. Auch andere Frauen kamen den restlichen Tag über vorbei, Nachbarinnen, Freundinnen von Alruna, die ebenfalls schon im Mond standen, weibliche Verwandte, alt und jung, und jede brachte Alruna etwas mit. Eine Gabe, eine Geschichte oder einen Ratschlag. Manche hielten sich länger auf, manche sahen nur kurz herein, um ihre Glückwünsche auszusprechen, und so herrschte ein Kommen und Gehen, welches auch Thorbald nicht verborgen blieb. Also wurde dieser ebenfalls von dem Ereignis in Kenntnis gesetzt und so kam auch er, um seiner Enkeltochter Glück für ihren neuen Lebensabschnitt zu wünschen. Dann sah er sie an und meinte: »Nun? Soll ich dir schon mal einen Ehemann aussuchen, wie es neuerdings Sitte bei einigen unserer Nachbarn zu sein scheint? Du könntest noch dieses Jahr heiraten und wärst bestimmte eine gute Ehefrau und Mutter.« Als er allerdings Alrunas erschrockenen Blick bemerkte, lachte er polternd los und auch Irmingard und ein paar von den älteren Frauen stimmten mit in sein Lachen ein: »Na keine Angst, ich hab nur Spaß gemacht. Solche Bräuche werden bei uns keinen Einzug halten, nicht solange ich in diesem Dorf der Obmann bin. Bei uns wird sich jede freie Frau ihren Mann selber wählen dürfen und jeder freie Mann sein Eheweib. Mit den römischen Sitten kann und werde ich mich nicht anfreunden.« Nun lachten auch die jüngeren Frauen, die vorher nicht genau einschätzen konnten, was sie von Thorbalds Vorschlag der baldigen Verheiratung seiner Enkeltochter zu halten hatten, denn auch sie wussten, dass es bei einigen Sippen jetzt so gehalten wurde, dass der älteste Mann des Haushaltes den Ehemann für ein heiratsfähiges Mädchen bestimmte. Das Mädchen selbst wurde nicht mehr nach ihrer Zustimmung gefragt. Irmingard schob ihren Mann liebevoll, aber bestimmt aus der Kammer, nicht ohne ihm noch einen zärtlichen Blick zuzuwerfen. Sie hatte ihre Entscheidung, diesen Mann zu ehelichen, niemals bereut. Er war ihr all die Jahre hindurch ein guter und verlässlicher Partner gewesen. Nun seufzte sie. Die Worte, die er vorhin im Spaß gesprochen hatte, ließen sie daran denken, wie wichtig es war, gerade für die Frauen, dass in diesen Zeiten die Männer weiterhin an den alten Sitten festhielten, die beiden, Mann und Frau, dieselben Rechte und dieselbe Achtung garantierten. Irmingard wusste, dass es für viele Männer schwer sein würde, dem neuen Einfluss zu widerstehen, der ihnen weitaus mehr Macht zugestehen würde, als sie sich jemals zu träumen gewagt hatten. Nachdenklich betrachtete sie ihre Enkeltochter. Sie würde es nicht leicht haben, in einer Zeit der Veränderungen Frau zu sein. Irmingard schickte ein Stoßgebet an die Götter, sie mögen für immer ihre schützenden Hände über Alruna halten und sie einen Mann ehelichen lassen, der die alten Traditionen ebenfalls in Ehren hielt. Sie verscheuchte die trüben Gedanken und lächelte ihrer Enkeltochter aufmunternd zu. Diese saß inmitten der anwesenden Frauen und schien die Aufmerksamkeit zu genießen, die ihr heute zuteil wurde. Später am Tage, als alle Gäste wieder nach Hause gegangen waren, wollte Alruna ihrer Mutter endlich von der Begegnung mit ihrem Vater erzählen, aber noch bevor sie dazu Gelegenheit hatte, schlief sie erschöpft von den Ereignissen des Tages ein.
Eine Woche war seitdem vergangen und in Haus und Hof waren allerhand Arbeiten zu erledigen gewesen. Immer noch waren die Tage warm, aber die Nächte wurden kühler und auch morgens brauchte die Sonne länger, um mit ihren Strahlen die Erde zu erwärmen. Alle Bewohner des Dorfes waren fleißig dabei, Vorräte für die dunkle, kalte Jahreszeit anzulegen, und so wurden die Heukammern gefüllt, die Feldfrüchte eingebracht und hier und dort wurde Vieh geschlachtet, was man nicht mehr durch den Winter zu bringen gedachte. Auch Fisch aus dem nahegelegenen Fluss hatte man in größerer Menge als üblich gefangen und ihn auf hölzernen Gestellen zum Trocknen aufgehängt. Alruna war mit ihrer Mutter in den Wald gegangen, um Brombeeren, Hagebutten, Himbeeren, Hollerbeeren und Pilze zu sammeln, die den Wintervorrat aufstocken sollten. Die Büsche am Waldrand waren schon ziemlich abgesucht, aber Heidruna kannte eine kleine Lichtung etwas tiefer im Wald, die eher selten von den anderen Frauen aufgesucht wurde, da diese sich nicht so weit in das Gehölz vorwagten. Schnell waren die Körbchen gefüllt und noch immer hingen die Büsche voller Früchte. Als die Sonne am höchsten stand, ließen sich die beiden Frauen im Gras nieder und nahmen eine kleine Mahlzeit ein, die aus frischgepflückten Beeren, Fladenbrot und frischem Quellwasser bestand. Hier endlich fand Alruna die Gelegenheit, ihrer Mutter zu erzählen, wie sie ihrem Vater begegnet war. Aufmerksam hörte die ältere der jüngeren Frau zu, ohne sie zu unterbrechen und ein Schatten der Sehnsucht huschte über ihr Gesicht, der Alruna endlich verstehen ließ, warum ihre Mutter niemals mehr daran gedacht hatte, sich einen anderen Mann zum Gemahl zu erwählen. Als sich Mutter und Tochter wieder erhoben, um ihre Arbeit fortzusetzen, hatte sich zwischen ihnen etwas verändert. Sie teilten nun ein Geheimnis miteinander, welches sie zu Schwestern machte und die Bäume um sie herum waren stumme Zeugen dieser neuen Verbundenheit. Den Rückweg zum Dorf legten beide schweigend zurück, jede in ihre eigenen Gedanken versunken, und doch schien dieses Schweigen sie mehr zu vereinen als zu trennen. Kurz vor dem Waldrand fiel Alruna auf, dass sie ihren kleinen Dolch verloren hatte. Dieser wurde ihr anlässlich ihrer Aufnahme in den Kreis der Frauen geschenkt und jede freie Frau trug ihn immer mit sich am Gürtel. Ihre Mutter bemerkte, dass Alruna deswegen beunruhigt war und bot ihr an, den Weg mit ihr zusammen zurückzugehen, aber diese winkte ab. »Geh ruhig schon vor, ich komme dann nach.« Kurzerhand drehte sie um und ging wieder in den Wald hinein. Langsam, die Augen fest auf den Pfad gerichtet, der sich auf dem nackten Waldboden abzeichnete, verfolgte sie nun ihre eigene Spur zurück bis zur Lichtung. Nach einigem Suchen hatte sie ihren Dolch gefunden. Er lag auf einem bemoosten Stein, so als ob ihn jemand sorgfältig dort hingelegt hätte. Mit einem Seufzer der Erleichterung band Alruna ihn wieder an ihrem Gürtel fest und wollte sich auf den Heimweg machen, als ihr plötzlich ein großer Bär den Weg versperrte. Offensichtlich kannten nicht nur Heidruna und sie diese Lichtung und schätzten die Waldfrüchte, die dort wuchsen, sondern auch das große Tier. Schwerfällig bewegte sich der Bär nun auf Alruna zu. Seine kleinen, dunklen Augen waren aufmerksam auf sie gerichtet und seine Nase nahm ihre Witterung auf. Die junge Frau blieb ganz ruhig stehen. Obwohl dieser Bär nicht derselbe war, der ihr damals zusammen mit ihrem Vater begegnet war, spürte sie keine Angst und ließ den Bären ruhig auf sich zukommen. Dieser schnaubte, als er jetzt direkt vor ihr stand, und Alruna spürte den warmen Atem des Tieres an ihrer Hand. Dann brummte der Bär, ging langsam an ihr vorbei zu den Büschen und begann genüsslich, die übrig gebliebenen Beeren zu verzehren. Die junge Frau drehte sich um und betrachtete den Bären, der ohne sich weiter um sie zu kümmern seine Mahlzeit einnahm. Die ganze Szene hatte etwas Unwirkliches und Runas Worte über das Zeichen eines Bundes zwischen Mensch und Tier fielen ihr wieder ein, an dem die ihren sie immer erkennen würden. Hatte der Bär sie deshalb nur kurz beschnuppert und nicht angerührt? Sie beschloss, am nächsten Tag die alte Frau aufzusuchen und sie danach zu fragen, aber jetzt wurde es höchste Zeit, nach Hause zu gehen, denn der Tag neigte sich seinem Ende zu.
Als Alruna dem Waldrand immer näherkam, bemerkte sie einen eigenartigen Brandgeruch, der in der Luft lag. Auch die seltsame Stille, die ihr vorher nicht aufgefallen war, beunruhigte sie. Sie trat aus dem Wald und sah das Dorf daliegen, aber es waren keine Stimmen zu hören. Das geschäftige Treiben, das Lachen der Kinder und das Stimmengewirr der Männer und Frauen, welches sonst wie ein Klangteppich über der Siedlung lag, waren verstummt. Besorgt lief die junge Frau nun die letzten Meter und prallte erschrocken zurück, als sie zwischen den Häusern am Dorfeingang stand. Der eigenartige Geruch war hier ganz deutlich und überall auf der Erde verstreut lagen Gerätschaften, Kleidungsstücke, Waffen und Lebensmittel. Einige Kleidungsbündel lagen vor den Häusern. Als Alruna näher kam, erkannte sie mit Entsetzen, dass dies Menschen waren, Bewohner des Dorfes, die man dort noch auf der Türschwelle erschlagen hatte. Panisch hetzte sie weiter durch das Dorf, auf das Haupthaus ihres Großvaters zu und überall bot sich ihr das gleiche Bild: Männer, Frauen und Kinder, alt und jung lagen erschlagen in ihrem Blut. Außer Atem erreichte sie endlich den heimatlichen Hof und auch dort bot sich ein grauenhaftes Bild. Die Häuser, die ihr Schutz und Geborgenheit geboten hatten, standen in Flammen. Das Vieh war aus den Ställen getrieben worden und der Hausrat lag verstreut auf der Erde. Hektisch lief Alruna durch das Dorf, suchte alles ab, doch niemand schien den Angriff des Feindes überlebt zu haben. Als sie das Unfassbare begriff, das vorgefallen war, stieß sie einen verzweifelten Schrei aus, drehte sich um und lief zurück in den Wald. Tiefer und tiefer hinein hetzte sie, nur fort von diesem Entsetzen, fort von diesem Grauen. Dornen zerkratzten ihre Beine, sie stolperte über Wurzeln und Äste und lief weiter. Tränen liefen über ihre Wangen, doch in ihrem Kopf war alles leer und ausgezehrt, nur irgendwo ganz hinten hämmerte es: »Tot, tot, tot.«
Sie war schon lange vom Weg abgekommen und kämpfte sich durch das Unterholz. Die Richtung war egal, nur weg von dem, was einst ihre Heimat gewesen war und wo die erschlagen lagen, die sie liebte. Als die Nacht hereinbrach, sank sie erschöpft zusammen und kam am Fuße eines großen Baumes zu liegen. In der Nähe des Baumes standen große, aufgerichtete Steine und bildeten einen Kreis, der dort seit Anbeginn der Zeit zu sein schien. Aus diesem Kreis löste sich nun ein Schatten, der die Umrisse eines hochgewachsenen Mannes annahm und sich auf Alruna zu bewegte. Liebevoll betrachtete er seine Tochter, nahm sie dann vorsichtig auf seine starken Arme, durchschritt mit ihr den Kreis und dann verschwanden beide in der Dunkelheit.

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Leseprobe: Als der Sensenmann ins Stolpern geriet

Ich bremste.
‚Ach du Schreck, wie sieht der denn aus‘, dachte ich. Rechts auf dem Gehweg in einiger Entfernung ging eine Gestalt, die mir eine Gänsehaut über den Rücken jagte. Es war frühmorgens und ich war mit dem Auto unterwegs zu einer geschäftlichen Besprechung. Die seltsame Figur ging in die gleiche Richtung, in die ich fuhr. Die Sonne blendete etwas, aber ich erkannte eine große Statur mit langem, schwarzem Mantel, der fast bis zum Boden reichte. Das Ganze war gekrönt mit einer seltsamen Mütze. Oder war es eine Kapuze, die den Kopf völlig verdeckte? ‚Komischer Typ. Und wie der geht‘, dachte ich, ‚eine Mischung aus abwechselndem Latschen und Schlurfen.‘
Bei dem Gedanken musste ich grinsen. ‚Der Tod auf Latschen.‘ Das sagt man doch so, wenn man einem unheimlichen, hageren Menschen begegnet.
Ich fuhr jetzt Schritttempo und beobachtete ihn, wie er da rechts im Schatten der Bäume vor mir ging. Er hatte große Ähnlichkeit mit dem Bild eines Sensenmannes, das ich irgendwo einmal gesehen hatte. Nur die Sense fehlte. Auch wenn ich ganz langsam fuhr, kam ich doch immer näher heran. Jetzt wirkte die Gestalt sogar ein wenig skurril. So, als sei sie nicht echt. Sie latschte nicht mehr, sondern glitt ganz unnatürlich steif dahin, ja sie schwebte fast. Jetzt war ich nur noch ein kleines Stückchen hinter dem ‚Tod‘. ‚Wie er wohl von vorne aussieht?‘ Mir grauste es ein wenig. Bestimmt hatte er einen Totenschädel, mit rotglühenden Augen. ‚Ob er überhaupt Augen hat?‘, dachte ich. Es kribbelte in meinem Bauch ganz fürchterlich vor Anspannung. So, als wäre mir schlecht, magentechnisch gesehen. Was wohl passierte, wenn ich den Gevatter Tod überholte?
‚Wie viele Namen gibt es für den Tod?‘, grübelte ich. ‚Der Ausdruck ,Gevatter Tod‘ ist doch auch merkwürdig, oder? Der Name enthält so etwas Freundschaftliches, Familiäres. Es ist doch mal wieder typisch für den Menschen, dass er das, was er am meisten fürchtet, mit Nettigkeiten umgibt. Diese Kniefälle und Verbeugungen vor dem Tod hat es wohl schon immer gegeben. Glauben manche, dadurch länger in der Warteschleife zu bleiben oder ganz davonzukommen?‘
Ich fing an zu lachen. Irgendwie war es lustig, den Tod zu überholen. Ziemlich paradox und sehr tiefsinnig.
Und dann war es soweit. Gleiche Höhe. Ich fuhr fast im Schneckentempo. Von der Seite sah der Tod nicht mehr so bedrohlich aus. Sein Kopf drehte sich langsam nach links, er schaute mich an.
Und?
Ich war verblüfft. Damit hatte ich nicht gerechnet. Es war ein Kindergesicht, das mich da anschaute. Die Augen leuchteten fröhlich, Schalk tanzte in seinem Blick und es zwinkerte mir zu. Die ganze Gestalt hatte sich verändert. Aus diesem Blickwinkel leuchtete sie im hellen Sonnenlicht. Nichts erinnerte mehr an den Tod, an diese dunkle Fantasiewolke. Der schwarze Mantel hatte sich in einen weichen, lila Poncho verwandelt und die dunkle Kapuze war in Wahrheit eine bunte Kappe. ‚Ja, hatte ich denn Tomaten auf den Augen gehabt?‘ Es war nichts als ein großes, schlaksiges Kind, das dort fröhlich lachend den Weg entlanghüpfte. Ein Kind mit einem gewissen Etwas.
Ein Gedanke in meinem Kopf formte sich: ‚Ein himmlisches Kind?‘
Mich erfasste eine stille Freude. Das Kind winkte mir zu. Ich winkte zurück und fuhr endgültig weiter. Ich ließ den Tod hinter mir und sah im Rückspiegel die Freude des Himmels darüber, dass ich endlich begriffen hatte.
Ich schaltete in den dritten Gang und fuhr beherzt und voller Frieden dem ewigen Leben entgegen. Und meinem Geschäftspartner.
Im tiefsten Inneren fühlte ich eigentlich immer schon, dass es den Tod gar nicht gibt. Leider hatte ich das zeitweise wohl vergessen und mir doch ab und zu Angst einjagen lassen. So konnten sich in meinem Leben einige Grenzerfahrungen entwickeln, die einem Menschen, der sich seiner liebevollen Unendlichkeit bewusst ist, nie geschehen würden. Darüber hinaus war ich nicht damit zufrieden, nur etwas zu ahnen oder zu glauben, ich wollte es wissen. Und ich wollte bestimmt nicht damit warten, bis ich tot war, nur um zu erfahren, dass ich nicht sterben kann. Irgendwann habe ich mich dafür entschieden, hier in diesem Leben herauszufinden, was es mit dem Tod auf sich hat und auch mit all den anderen Ungereimtheiten.
Mein Grundgedanke war dieser: Wir werden in diese Welt geboren und erleben allerhand Höhen und Tiefen. Da sind unglaublich liebevolle Gefühle, Zärtlichkeit, aber auch innere Kämpfe, Ängste und Abwehr. Da ist Schmerz und Lust und da ist ebenso allerhöchstes Glück. Dieses Leben ist so voll von Eindrücken, Erfahrungen, Wundern und Bewegung, dass es doch wohl der größte Unsinn wäre, wenn es irgendwann einfach so vorbei wäre. Zack, ohne Erkenntinsse, ohne Sinn und ohne Fortsetzung. So ein Tod würde aussagen, dass das Leben keinerlei Bedeutung hat. Aber was keine Bedeutung hat, kann nicht existieren.
Und? Es ist nicht zu übersehen, dass wir alle das pure Leben sind. Ob laut oder leise, lachend oder weinend, fröhlich oder miesepetrig. Wir alle leben, wachsen, streben und sind. Das Leben hat höchste Bedeutung, denn es ist in dieser Welt das Einzige von Bestand. Die Grenzen setzen wir uns selbst, aus Angst und Unwissenheit. Auch den Tod.
Jetzt ist der Augenblick gekommen, wo ich mit euch zusammen, meinen lieben Freunden, die Dunkelheit auflösen möchte, damit sich das Licht ausbreiten möge. Ich mache das auf meine Weise. Mit Liebe, Leichtigkeit und Freude.
Freude. Darf ich mich vorstellen? Ich heiße Joy und das bedeutet ja bekanntlich ‚Freude‘. Warum meine Eltern mich so genannt haben, weiß ich nicht. Sie hatten auf jeden Fall eine gute Idee und vielleicht auch so eine Ahnung, dass ihre Tochter eines Tages viel mit Freude zu tun haben würde. Hier noch ein paar Einzelheiten, damit du dir ein besseres Bild von mir machen kannst. Als Fünfundvierzigjährige müsste ich eigentlich jetzt erwachsen sein. Auf den ersten Blick bin ich es auch. Wenn man aber genauer hinschaut, erkennt man mein kindliches Gemüt, die Vertrauensseligkeit in dieses Leben und in jeden Menschen. Da ist keine Angst, nur reine Liebe.
„Du bist so süß, Mama, wenn du mit deinen großen, blauen Kinderaugen durch die Welt läufst und jeden anschaust, als könntest du auf den Grund seiner Seele blicken“, sagt Tom manchmal. Er ist der Ältere von meinen Zwillingen, ein gelassener Typ. Nils, der Zweitgeborene, ist der vorsichtige Zweifler in unserer Familie. Er möchte mich behüten und äußert sich hin und wieder besorgt: „Mama, strahl doch nicht immer jeden so an und schließ nicht mit jedem, der dir über den Weg läuft, Freundschaft. Irgendwann liegst du da mit durchgeschnittener Kehle, dann guckst du aber blöd.“ Ich lache dann meist über die Worte meiner zwanzigjährigen Zwillinge und nehme beide stürmisch in meine Arme. Ach, wie liebe ich diese beiden Jungs. Eine wunderbare Familie.
Was, sagst du? Da fehlt noch einer? Ja, den Vater der Kinder will ich natürlich nicht unterschlagen. Ein ganz wunderbarer Mann, ohne Einschränkung. Ein Vater, so liebevoll wie die beste Mutter. Er heißt Jan und wohnt ein paar Straßen weiter. Wir verstehen uns gut, obwohl wir ein getrenntes Ehepaar sind. Kein Rosenkrieg, sondern einfach liebevolle Akzeptanz des anderen. Warum wir uns getrennt haben? Tja. Der Witz ist, dass ich das heute auch nicht mehr so richtig weiß. Vor ein paar Jahren konnte ich nicht mehr mit ihm leben, glaubte ich. Die Liebe war zwar noch da, aber irgendwie zu einer Gewohnheit geworden. Im tiefsten Inneren wollte ich frei sein. Vielleicht spürte Jan das und fühlte sich nicht mehr geliebt. Jedenfalls kam eine andere Frau ins Spiel, die ihm das vermisste Gefühl der Liebe zurückgab. Jan zog aus.
Auch ich hatte nach einem Jahr wieder eine neue Partnerschaft, denn ich vermisste die Anerkennung und die Liebe eines anderen Menschens. Lange hielt diese Partnerschaft nicht, was mich im Nachhinein nicht wundert. Heute weiß ich, dass Liebe und Anerkennung nur in jedem selbst zu finden sind. Und hat man sie gefunden, kann man theoretisch mit jedem Partner glücklich sein.
Ich glaube, dass die Geschehnisse, mein Freiheitsdrang und Jans Suche nach dem vollkommenen Geliebtsein eine gute Chance gewesen wären, unsere Partnerschaft neu zu sortieren. Anders, inhaltlich wertvoller, freier und gelassener. Doch heute ist es wie es ist. Und ich fühle, dass es so sein soll. Alles ist gut.
Es hat sich alles neu geordnet. Da ist die neue Partnerschaft mit Max, Anfang fünfzig, groß, stark, liebevoll und sanft. Er lief mir eines Tages einfach so über den Weg und ist in meine Arme gestolpert. Seit zwei Jahren üben wir, miteinander glücklich zu sein. Meistens gelingt uns das auch.
Vor allem aber habe ich das gefunden, was ich die ganze Zeit gesucht habe. Andere Menschen benutzen vielleicht lieber einen anderen Ausdruck für dieses helle Licht, die Wärme und die allumfassende Liebe, die im Inneren eines jeden zu finden ist. Ich aber nenne es Gott.
Es hat eine Weile gedauert, bis ich es oder ihn Gott nennen konnte. Irgendwie hatte ich immer ein Problem mit dem Wort ‚Gott‘. In Gesprächen machte ich stets einen großen Bogen um diese vier Buchstaben und ich vermied auch Worte wie ‚Schöpfer‘ oder ‚Vater‘. Wenn ich dann über dieses wunderbare Licht sprach, die universelle Energie und meine innere Stimme, schauten mich meine Gesprächspartner manchmal etwas belämmert an. Und ehrlich gesagt fühlte ich mich auch so.
Ich beschloss erst vor Kurzem, in Gesprächen die Dinge, die mich berührten, endlich beim Namen zu nennen: Gott, Christus, Heiliger Geist.
Ich kann sie endlich aussprechen. Es tut auch gar nicht weh. Und es ist alles ganz anders als ich es je in Religionsunterricht, Schule und Kirche gelernt habe.
Ich habe Gott gefunden und gleichzeitig mich selbst. Es fühlt sich wunderbar an.
Wie genau es sich anfühlt, willst du wissen? Im Grunde ist es seine Stimme in mir, die in Form von Gefühlen zum Ausdruck kommt.
Glaubst du das nicht oder zweifelst du daran? Ja, das kann ich verstehen, mir ging es früher auch so, wenn andere mir so etwas erzählten. Ich dachte: ‚Was hört der? Seine innere Stimme? Die göttliche Stimme? Hat der einen Knall, oder was?‘ Ja, das dachte ich. Und heute? Ich kann sie auch endlich hören, klar und deutlich spricht sie zu mir. Sie hat die ganze Zeit gesprochen, nur waren quasi meine inneren Gehörgänge verstopft. Wer voller Ängste, Zweifel und Unsicherheit ist, der kann diese wundervolle Stimme in sich nicht hören, egal, wie laut sie ruft.
Ob Jan das gefunden hat, was er suchte, weiß ich nicht, aber er ist auf dem Weg, wie jeder von uns. Der Loslöseprozess von Jan war eine harte Zeit. Man möchte den Schmerz weghaben, ihn nicht fühlen. Meine innere Stimme sagte: ‚Joy, nimm diesen Schmerz an, es ist dein Schmerz. Schau ihn dir genau an, liebe dich mit diesem Schmerz und dann geh durch ihn hindurch und lass ihn los. Dann kann er sich auflösen.‘
Das hat funktioniert. Es hört sich leichter an, als es war, aber seitdem ich das Loslassen so praktiziert habe, trage ich das sichere Gefühl in mir, dass Jan immer ein Teil von mir bleiben wird. Endlich konnte ich alles akzeptieren und den Dingen ihren Lauf lassen.
Ich hörte weiterhin auf diese wundervolle Stimme in mir, lernte mich selbst und mein kindliches Gemüt besser kennen und lieben.
Da ist nicht nur dieses Urvertrauen zu jedem Fremden, gepaart mit brüderlicher Liebe, sondern auch die pure Lebensfreude. Sie muss einfach raus in diese Welt. Man sieht es sogar an meinem Kleidungsstil. Er ist fröhlich und bunt, wie es mir gefällt. Miniröcke sind meine Leidenschaft und dazu trage ich gerne farbenfrohe Strumpfhosen mit Blümchen und Ringeln. Manche Leute bleiben stehen und staunen über meine farbige Lebenslust, während ich lächelnd und strahlend an ihnen vorbeigehe. Manchmal bleibe ich auch stehen und rede, lache und verbinde mich mit Fremden, die oft schnell zu Freunden werden. Inzwischen habe ich meinen Traumberuf gefunden, indem ich in meinem Haus ein Seminarzentrum für Selbstfindung leite. Hier lernen die Menschen, auf ihre innere Stimme zu lauschen und eine liebevolle Denkweise zu erlangen, die sie auf dem Weg voranbringt. Jede Begegnung in dieser friedvollen Atmosphäre erfüllt mich mit Freude und Dankbarkeit. Die Liebe schwingt hier auf ihrer höchsten Ebene. Man fühlt es, sobald man das Haus betritt. An die absolute Lebensfreude wird hier erinnert und sie erwacht neu.
Wie du dir denken kannst, habe ich noch eine zweite Beschäftigung, die ich sehr liebe: das Schreiben. Schon als Jugendliche habe ich gern das aufgeschrieben, was mich bewegt. In gewisser Weise ist dies eine Form, Dinge zu verarbeiten, quasi eine Selbsttherapie. Das ehrliche Aufschreiben konfrontiert mich mit meinen innersten Gefühlen und bringt Klarheit in mein Leben. Dass inzwischen Bücher daraus entstanden sind, hätte ich mir früher nie träumen lassen. Oder doch?
Mein Name ist Joy. Er bedeutet Freude, Wonne. Ja, das ist heute mein Leben. Eine wahre Wonne.
Überall sause ich herum und verteile meine Freude. Ich strahle Leute an, halte ihre Hand, streichle sie und bringe sie zum Lächeln, zum Lachen und zum Lieben. Außerdem puste ich schrecklich gerne Seifenblasen und schaue ihrem Tanz zu. Ich lasse bunte Drachen steigen und kann keiner Schaukel aus dem Wege gehen. Ach, ich bin total begeisterungsfähig. Ein warmer Sommertag lässt mich genauso jubeln wie ein peitschender Herbststurm. Oft bin ich so erfüllt von meinen tobenden Gefühlen, dass ich alle Menschen umarme, die ich zu fassen bekomme. Ja, vielleicht halten mich einige Leute für seltsam, doch das denken Menschen immer von denen, die nicht mit dem Strom schwimmen. Beruhigend ist aber doch, dass jeder hin und wieder die vorgegebene Strömung verlässt, um mal etwas anderes auszuprobieren. Und genau das vereint uns dann wieder.
Ich kann einfach nicht die Meinung der Gesellschaft und der Medien teilen, wenn es um Sicherheitsmaßnahmen, Kontrollen und Schubladendenken geht. Eher fühle ich mich aufgerufen zu sagen, welche Denkweise wirklich förderlich für das Wachstum der Menschheit ist.
Der Schlüssel ist die Liebe, uneingeschränktes Vertrauen zueinander und anerkennende Freude. Unser eigenes Licht mit dem Licht eines jeden zu teilen und auszutauschen bringt uns das vollkommene Glück. Das ist die Wahrheit.
Viele haben schon die Wahrheit gesagt. Sie wurden belächelt, hinterfragt, verfolgt oder ans Kreuz geschlagen. Sie waren sich der weltlichen Urteile bewusst, dieser tiefen Ängste der Menschheit. Trotzdem ließen sie sich nicht davon abhalten zu sprechen, denn niemals drohte ihnen wirklich Gefahr.
Sie alle leben. Sie alle stehen unter dem Schutz der Liebe, auch wenn es für die Blinden und die Tauben nicht zu erkennen ist. Die Blinden und die Tauben sind jene, die diese Welt ausschließlich mit ihren körperlichen Augen und Ohren wahrnehmen und beurteilen. Es sind jene, die sich irrtümlich für Körper halten und nicht wissen, dass der Körper nur ein Mittel ist, das uns in Freude dienen soll.
Ziel dieses Buches ist, gemeinsam wieder sehen und hören zu lernen, zu erfassen, was die Wahrheit ist. So beschäftigen wir uns mit geistigen Lehren, wie der Macht der Gedanken, dem Gesetz der Anziehung und der inneren Stimme. Ich habe viel gelernt, doch habe ich auch noch viel zu lernen. Dies kann ich am besten auf diesem Wege, gemeinsam mit dir. Jedes Wort, das du liest und als Wahrheit erkennst, hilft mir, mich selbst zu erkennen.
Ich danke dir.
Es hat einige Zeit gebraucht, bis ich manches wirklich verstehen konnte. Woran liegt das? Wir alle haben gelernt, nur das zu glauben, was wir sehen oder hören können, also das, was unsere Sinnesorgane beweisen können. Unsere Köpfe wurden von klein auf mit Wissen vollgestopft, das uns in der inneren Welt nicht nützt, sondern blockiert. Der Verstand, der die Ratio und Analyse umfasst, der auf Beweisen und Dogmen beruht, begrenzt sich selbst und führt letztlich in eine Sackgasse. Die tiefe Weisheit des Herzens aber, die keine Unterschiede und Urteile kennt, die ihr Wissen aus der liebevollen Unendlichkeit schöpft, ist unser Weg in die Befreiung.
Die meisten Menschen glauben, dass sie nur auf äußere Umstände reagieren. Sie glauben, dass sie zuerst die Welt wahrnehmen und daraufhin Entscheidungen treffen oder handeln. Ist das wirklich wahr?
Was wäre, wenn?
Was wäre, wenn es sich genau umgekehrt verhielte? Wenn nicht das Sichtbare zuerst da wäre, sondern der Gedanke? Hört sich das nicht unglaublich an? Ja? Verständlich. Schließlich hat man uns von klein auf etwas völlig anderes beigebracht.
Eins verspreche ich dir hier! Wenn du den Mut hast, die üblichen Dinge loszulassen und dich für Neues zu öffnen, dann wirst du grenzenlose Möglichkeiten und ein fantastisches Leben finden. Dann wirst du das wirkliche Leben finden.
Nun bist du an dieser Stelle, gemeinsam mit mir. Du kannst dich entscheiden, ob du wie bisher dein Leben so weiterleben willst. Ob du ein Leben mit dieser Olala-Zufriedenheit, mit allen Begrenzungen, die du zulässt und mit diesem Grauschleier, der dich auf der Stelle treten lässt, führen willst. Willst du das? Ja? Dann lege das Buch jetzt an die Seite.
Wenn du aber das vollkommene Glück willst, jubelnde Freude und umfassende Liebe erleben möchtest, dann lies weiter. Du wirst die Wahrheit durch dich selbst erfahren und dich über alle Begrenzungen hinweg bewegen, um die Welt zu verändern. Du wirst einer von denen sein, die das Licht der Wahrheit weitertragen, so wie ich es tu.
Ich kann dir nicht beschreiben, wie glücklich das macht. Es ist ein so wunderbares Gefühl, wie es in dieser Welt mit nichts zu vergleichen ist.