Veröffentlicht am

Leseprobe: Für Elise – 15 Briefe

Für Elise

Es war vollkommen still geworden; die Wärme der Sonne hatte auch meinen Atem beruhigt. Ich stieg zwei Stufen empor und stand nun neben dem gigantischen Messingständer. Mein Blick schweifte durch den Kirchenraum. Nein, da war kein Mensch, ich war mit meiner Aufgabe allein. Langsam hob ich die Arme.
Und dann offenbarte sich mir die neue Welt. Genau in dem Augenblick, als meine kleinen, zehnjährigen Finger das bleiche Wachs der Kerze berührten, um auszuprobieren, ob sie anzuheben war, donnerte die Orgel los und meine unbedeutende, alte Kinderwelt ging unter.
Der Kirchenraum schrumpfte bei den ersten Tönen des gewaltigen Instruments zusammen; er schien die Kraft der Musik nicht in sich halten zu können und begann zu zittern. Mein Leben, eben noch in den Fingerspitzen konzentriert, war für einen kurzen Moment vollkommen aus mir verschwunden. Ich stand in einer einzigen Verkrampfung neben diesem lächerlich kleinen Kerzenständer und dachte, der Herr sei erschienen, um mich für mein frevelhaftes Vorhaben zu strafen. Aber es waren nur Töne, es war nur Musik, es war nur die Orgel. Und ich dachte, der Himmel sei geöffnet worden und habe eine seltsame und unaussprechliche Macht freigelassen, mich zu verzaubern. Meine Hände gruben sich in das Kerzenwachs, mein Herz schlug mir zu den Ohren heraus, meine Augen tränten. Der winzig gewordene Kirchenraum maßte sich tatsächlich an, gegen die Macht dieser Töne bestehen zu wollen; die Kirche erbebte. Ich stand mit tränenden Augen, die Finger in das Kerzenwachs gebohrt, und konnte mich nicht rühren. Der Staub im schräg einfallenden Sonnenlicht hatte nun die Musik zu seinem Rhythmus gefunden; er tanzte wild und ausgelassen, er sprang hin und her, er machte tollkühne Salti und verwegene Schrauben. Ein Blatt eines aufgeschlagenen Gesangbuchs bewegte sich als habe sich der Wind erhoben.
Und dann steigerte sich diese Welt noch.
Aus den Orgelpfeifen erschien ein ganzer Schwall von Tönen zur gleichen Zeit, eine Orgie am Rande der Disharmonie, ein nie gehörter Sekundenwahnsinn, eine einzige Zertrümmerung meines kleinen Seins. Ich stand entwurzelt und entgeistet, riss Augen und Mund auf, hörte diese Offenbarung, verstand nichts vom Sinn des Geschehens, hörte nur dieses Klingen und Singen und Getön und hatte alles andere vergessen. Und ich fühlte, wie sich etwas Namenloses, etwas unsagbar Fremdes aufmachte, meinen kleinen Geist zu überspülen. Und während die Orgel dröhnte und die ganze Welt erzittern machte, versank ich im Meer dieser unsagbar mächtigen Tonwelt. Ich wusste, dass ich sang, laut und aus voller Kehle sang, aber ich konnte mich nicht hören. Und wäre in dieser unwirklichen Zeit die außerhalb dieser Kirche existierende Welt mit urtümlichem Getöse in sich zusammengefallen, ich hätte nichts von dem vernommen. Ich war ein großes, neugeborenes, singendes Ohr geworden, das die Musik hörte, und nichts als die Musik.
Ich weiß nicht mehr zu sagen, wie lange dieser Garten Eden, dieses Schlaraffenland, dieses neugefundene Eldorado andauerte; lang genug, um mein Leben für die folgenden Jahrzehnte zu prägen.
Und dann – als hätte eine riesige Axt in dieses Leben aus Tönen hineingehackt, als hätte eine himmlische oder sonst eine Zensur beschlossen: „Genug! Er hat genug!“ – schwieg das riesige Instrument mitten in einem herrlichen Melodienfluss.
Einen Augenblick noch gespensterte mein schriller zehnjähriger Jungensopran durch die entseelte Luft, dann war Ruhe. Nach dieser eben erlebten Welt, nach diesem Rausch, nach diesem Fieber war die annähernd vollkommene Stille danach wie das Erleben der ersten zehn Höllenkreise. Der Staub im Sonnenlicht war zur Ruhe gekommen, das Gesangbuch gestorben, Blut rann über meine Finger.
Ich empfand mit meinen dünnen, scheuen, gerade erst geborenen Lebensgeistern eine Leere, die von dieser Welt nicht war. Schlagartig begann ich zu weinen, weniger über das plötzliche Fehlen der Musik; ich weinte, weil ich in einem noch unerforschten Winkel meiner Seele verstanden hatte, dass mir diese Welt gerade erst erschienen war und dass ich wahrscheinlich niemals, und sei ich auch ein Greis, das ganze, wunderbare Areal der Musik würde überschauen können. Im Grunde entdeckte ich in diesen Momenten meine Sterblichkeit, die Bedeutung der Zeit und des Todes.
Mit einem Ruck löste ich meine Finger aus dem bleichen Kerzenwachs; der Schmerz machte mich endgültig erwachsen. Und jetzt – eigentlich unerklärlich – überfiel mich die Angst und so schnell ich konnte, lief ich den Mittelgang herab, bemerkte gar nicht die Wärme der Sonnenstrahlen, hastete vorbei an Gesangbuch und Staub, öffnete schluchzend die Kirchentür, stürzte hinaus und stand weinend und mit schmerzenden und blutenden Fingern in der sanften Frühlingsluft. Die Sirene des Feuerwehr- oder Polizeiwagens war immer noch in der Ferne zu hören.

Veröffentlicht am

Leseprobe: Arbor

Arbor – der Weg des Waldes

Clara und Max standen mitten auf dem nicht mehr wiederzuerkennenden Zentralplatz von K., umgeben von hohen Bäumen und Sträuchern, mit Blumen ringsherum. Ein Bussard kreiste hoch über den beiden und kündete lautstark mit spitzem Schrei von seinen Jagdplänen.

Obwohl die Finger seiner linken Hand nicht mehr dieselbe perfekte Präzision hatten, die sie vor der Verholzung hatten, gelang es Max, die Saiten auf der richtigen Höhe und mit dem richtigen Druck zu treffen. Wie im Traum spielte er nur vier Töne, wieder nur A-E-F-E, diese mystische und doch liebliche Melodie, und ein magisches Gefühl ergriff ihn, als er spürte, dass sich seine kunstvollen, mit Verstand erzeugten Seelennoten mit den rauen, geistlosen Tönen des Raubvogels zu Musik verbanden, zu der Musik, zu derperfekten Musik.

 

Das morgendliche, inzwischen warme Licht der Herbstsonne schien durch die Bäume, und der am Horizont erblassende Mond kündete vom nun beginnenden Tag.

Lächelnd spielte er die kleine Melodie und genoss jeden seiner Geige entlockten Ton. Man mag dies durchaus als wunderlich oder kauzig ansehen, doch wenn man sich daran erinnert, zu welchem Ärger die zu Beginn geschilderte Bremsung des Busfahrers führte, die das muntere Mitklopfen des Telemannschen Stücks beendete, verwundert es kaum noch, dass er es als einen der schönsten Momente seines Lebens empfand, als der Vogel seinen nächsten Jagdpfiff zum genau passenden Zeitpunkt ausstieß, um seinen gespielten Takt zu halten. Die Poesie dieses Augenblicks war so überwältigend, dass sie auch auf Claras Lippen ein genussvolles Lächeln zauberte. Zwei Künstler, kindhaft verloren auf dem von der Natur zurückeroberten, einstmals den Menschen gehörenden Betonplatz, über ihnen nur der bezaubernde Himmel und ein fliegendes Gotteswesen, dessen Existenz die erzeugten Töne für Max erst zur Musik machte.