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Leseprobe: Fiona – Spinnen (Band 8)

Fiona – Spinnen

Ich hole mir einen zweiten Drink, den gleichen, und setze mich in der Nähe an einen hohen Bistrotisch. Von hier aus kann ich die beiden unauffällig beobachten.
Der Schlanke scheint recht jung zu sein, aber ranghöher. Er hat keine Damenbegleitung, und die paar Mädchen, die versuchen, daran etwas zu ändern, blitzen gnadenlos ab. Scheiße, hoffentlich ist er nicht schwul. Nach einigen Minuten bin ich mir sicher, dass er auf Frauen steht. Anscheinend ist nur nichts dabei, was sein Interesse erregt.
Einmal kreuzen sich unsere Blicke. Ich halte seinen kurz fest, dann wende ich mich ab. Er hat grüne Augen und er hat mich länger angesehen als jede andere Frau vorher.
Sehr gut.
Mein Gefühl sagt mir, dass ich dennoch abblitzen würde, wenn ich einfach auf ihn zugehe. Ich habe also ungefähr zwei Möglichkeiten:
Entweder ziehe ich mich aus, werfe mich nackt auf ihn und blase ihm einen.
Oder ich sorge dafür, dass er mich unbedingt kennenlernen will.
Letzteres gefällt mir besser. Nicht einmal hauptsächlich wegen der Nacktheit. Ihm öffentlich einen zu blasen, wäre nicht angenehm, aber auch nicht völlig neu für mich, wenn ich an manche Party denke, so vor fünfzehn Jahren, nachdem Phil gestorben war.
Mir gefällt aber vor allem die Idee, dass er mich kennenlernen will. Ich hasse es einfach, wenn nicht ich die Kontrolle habe, und wenn nicht das geschieht, was ich will. Und jetzt, wo ich nicht bloß eine Prinzessin, sondern sogar eine Königin bin, kann ich mir das ja wohl erlauben.
Ich muss bei diesem Gedanken grinsen, so bescheuert ist er eigentlich. Das ändert aber nichts daran, dass es psychologisch geschickt sein könnte, ihn neugierig zu machen.
Ich gleite von meinem Hocker, marschiere auf einen der jungen Männer mit Waffe zu und rempele ihn an. Er wendet sich kopfschüttelnd ab, doch so leicht entkommt er mir nicht.
„Hast du keine Augen im Kopf, du Arschloch?“, fahre ich ihn an.
Endlich habe ich seine Aufmerksamkeit. Er mustert mich vom Kopf bis Fuß.
„Was ist dein Problem, Kleines?“
„Du hast mich angerempelt! Oder sollte das eine dämliche Anmache sein?“
Auf seinem Gesicht erscheint ein breites Grinsen. „Sorry, du bist nicht mein Typ. Kannst also deine Titten einpacken.“
Okay, die linke hängt fast raus, aber das kommt vom Rempler, war nicht so beabsichtigt. Hat aber Vorteile.
„Sag mal, hast du dir heute vorgenommen, ein Mädchen in den Selbstmord zu treiben, oder was? Kannst du dich wenigstens mal entschuldigen?“
Wieder Kopfschütteln, dann: „Verpiss dich einfach, am besten ganz aus dem Lokal, okay? Sonst lasse ich dich hinauswerfen.“
„Du willst mich hinauswerfen lassen, du Zwerg? Dass ich nicht lache.“
Ich weiß nicht, was genau ihn triggert. Es sieht aber danach aus, als möchte er nicht Zwerg genannt werden. Groß ist er ja echt nicht. Jedenfalls packt er mich an den Schultern. Dann bricht er aufstöhnend zusammen, als mein Knie sehr zielgerichtet und wohldosiert seinen Schwanz und das Drumherum für einige Zeit zu einer Schmerzquelle macht.
Spätestens jetzt habe ich die Aufmerksamkeit für mich. Und seine Kollegen am Hals. Ich merke schnell, dass sie ausgebildete Nahkämpfer sind. Allerdings haben sie definitiv keine Erfahrung mit Kriegerinnen.
Oder doch? Drei von ihnen liegen verteilt auf dem Boden, als ich von einem Stromschlag getroffen werde. Im nächsten Augenblick nehme ich die Kabel wahr, die an meiner Seite hängen.
Taser.
Scheiße.
Das bringt mich ein wenig aus dem Takt. Schließlich wurde ich bislang eher selten mit einem Taser traktiert. Die Koordinationsfähigkeit und das Gleichgewicht leiden darunter, sodass ich mich auf dem Boden wiederfinde.
Die Stromstöße hören auf. Vermutlich wäre ein normaler Mensch jetzt für länger ruhiggestellt. Aber normal bin ich ja sowieso nicht. Für einen Moment halte ich still und erwecke bewusst den Anschein, zu keiner kontrollierten Bewegung mehr fähig zu sein, nur um dann blitzschnell die Fäden von mir zu reißen und aufzuspringen.
Die Waffen, die auf mich gerichtet sind, haben aber nichts mit Tasern zu tun. Sie verschicken Kugeln.
Ich atme tief durch und hebe die Hände. Aus den Augenwinkeln sehe ich, dass auch die beiden Männer und die Schwarzhaarige die Szene beobachten.
„Das reicht jetzt“, sagt einer von denen, die bewaffnet sind. „Du bist ja völlig durchgeknallt. Schmeißt sie raus!“
„Halt!“
Wir sehen alle den Schlanken an, der nun eine Hand hebt und mir zuwinkt „Sie soll herkommen. Und bringt mir ihre Tasche!“
Oh, hat er mich etwa beobachtet? Ein gutes Zeichen.
Der Mann, der gerade gesprochen hat, deutet mit der Waffe eine Bewegung an, während ein anderer die Tasche holt. Ich gehe auf die kleine Gruppe zu, die im Halbkreis um einen niedrigen Bistrotisch sitzt.
Der Schlanke sieht aus der Nähe ganz sympathisch aus. Er macht den Eindruck, als wäre er das Nachdenken gewohnt. Zugleich strahlt er eine Selbstsicherheit aus, die mächtige Leute oft haben. Ich kenne das gut. Oft gesehen, als ich noch CEO war. Selbst selten durchscheinen lassen, schon allein, weil ich als Frau mich anders verhalten wollte, gerade eben kein besserer Mann sein wollte. Aber wenn es nötig war, konnte ich es auch, so wirken.
Jetzt signalisiere ich Unabhängigkeit, Furchtlosigkeit, ein ganz klein wenig auch Trotz.
Der Schlanke nimmt meine Tasche und sieht sich den Inhalt an. Klar findet er das Schwert und zieht es staunend heraus. Er betrachtet den Griff, entblößt die Klinge und lässt sie durch die Luft sirren, beobachtet von den Gästen. Dann nickt er.
„Das ist keine alltägliche Waffe und eine ausgezeichnete Arbeit. Wo hast du sie geklaut?“
„Sie gehört mir.“ Habe ich das nicht vor wenigen Tagen auch schon gesagt? Ist es wirklich erst wenige Tage her?
„Tatsächlich?“
Ich nicke.
Er reicht mir das Schwert. Das ist mutig. Aber aus meinem Verhalten wird er wissen, ob ich die Wahrheit sage. Wenn ich das Schwert nur geklaut habe, kann ich wahrscheinlich nicht gut genug damit umgehen, um ihn zu verletzen. Und wenn es mir wirklich gehört, dann verwende ich es nicht gegen ihn.
Gar nicht so blöd, der Typ.
Ich umfasse den vertrauten Griff und lasse die Klinge einige Figuren in der Luft beschreiben. Wichtig ist mir vor allem, dass er sieht, wie der Griff an meine Hand angepasst ist. Dass das ganze Schwert für mich maßgeschneidert wurde. Und auch, dass ich damit umgehen kann.
„Du sagst die Wahrheit, das Schwert wurde sogar für dich geschmiedet.“
Ich nicke erneut. Er reicht mir die Scheide, ich schiebe die Klinge hinein und lege das Schwert in die Tasche.
„Was genau machst du hier eigentlich?“, fragt er. Dabei sitzt er immer noch genau so da wie zu Beginn der Prügelei. Die Beine übereinander geschlagen, die ausgebreiteten Arme liegen auf der gepolsterten Lehne der Rundbank.
„Ich suche einen Job.“
„Einen Job? Als was?“
Ich zucke die Achseln. „Bodyguard? Deine Jungs sind ja nicht besonders gut darin.“
Ich merke, dass seine Jungs das gar nicht gut finden. Auch die Miene des Mannes neben ihm verdüstert sich. Der Schlanke winkt grinsend ab.
„Okay, du kämpfst ziemlich gut. Und dass du nach dem Taser sofort wieder aufstehen konntest, das ist beeindruckend. Wie heißt du?“
„Fiona. Und du?“
„Ich bin Loiker Maruka, der finstere Kerl neben mir heißt Karui Masaka, seine Freundin Carli. Mein Großvater ist der Chef des Sicherheitsdienstes von Lomas.“
Ups. Und seine Leute habe ich gerade ein wenig … gedemütigt. Eigentlich sollte ich lernen, meine Klappe zu halten. Aber das wäre dann langweilig.
„Ich nehme an, ihr habt dann immer mal offene Stellen“, bemerke ich betont leichthin.
„Ja, haben wir. Aber keine, die zu deinen Fähigkeiten passt. Ich möchte, dass du mich begleitest.“
„Wohin?“, frage ich misstrauisch. In diesem Moment interessiert mich der Job mehr als er selbst, denn er könnte die Möglichkeit bieten, unauffällig diese Welt kennenzulernen und sogar nach Katharina zu suchen. Eine Nacht mit ihm hingegen ist eben nur eine Nacht.
„Das wirst du dann sehen. Oder hast du Angst?“
Ich überlege blitzschnell. Wenn ich ihn jetzt zurückweise, habe ich möglicherweise gar nichts, wenn ich mitgehe, im allerbesten Fall die Nacht mit ihm und den Job. Zumindest aber die Nacht mit ihm und einen wertvollen Kontakt. Im Grunde kann ich nur gewinnen, wenn ich zustimme.
„Ich habe vor niemandem Angst“, erwidere ich trotzig. Anscheinend mag er dieses Verhalten. Soll er haben.
„Gut. Karui, du kannst bezahlen. Deine Leute können hier bleiben und sich amüsieren. Im Moment brauche ich sie nicht.“
Der Dunkelblonde nickt, wirft mir einen wütenden Blick zu und geht zur Bar. Loiker erhebt sich. Er ist etwa so groß wie Askan war, nur deutlich schlanker. Seine Bewegungen verraten, dass er Sport treibt. Eigentlich sieht er ganz gut aus, auch wenn er ein wenig zu jung für mich ist. Wie alt mag er sein? Ich schätze den Altersunterschied auf zehn Jahre. Das ist nicht wirklich viel, aber zwischen dem Entwicklungsstand eines Zwanzigjährigen und einer Dreißigjährigen liegen normalerweise Welten. Von meinen ganz persönlichen Erfahrungen ganz zu schweigen.
Ich folge ihm und werfe dabei einen nachdenklichen Blick auf seine Leute. Sie wirken nicht wirklich begeistert. Wir werden eher keine Freunde.
Scheiß drauf.
Draußen warten wir auf Karui. Carli ist mit uns gekommen. Die Schwarzhaarige verrät nicht, was sie von der Sache hält. Sie bietet mir Zigaretten aus einem silberfarbenen Etui an.
Mir stockt der Atem. Während der ganzen Zeit im Mittelalter habe ich nicht geraucht, also geschätzt seit fast fünf Jahren. Mehr oder weniger. Zum ersten Mal sehe ich in diesem Universum überhaupt eine Zigarette.
„Rauchst du nicht?“, erkundigt sich Carli.
„Doch“, erwidere ich und nehme mir eine. Sie gibt mir Feuer.
Ich atme den Rauch tief ein. Loiker beobachtet mich amüsiert. Er scheint Nichtraucher zu sein, macht aber nicht den Eindruck, als würde es ihn stören, wenn in seiner Gegenwart geraucht wird.
Endlich kommt auch Karui und wir begeben uns zu den Bomos. Da bin ich ja mal gespannt, was das wird.

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Leseprobe: Alle Zeit mit ihr – Liebe und Erotik zwischen Frauen

Immer zu dritt

Alle Zeit mit ihr

Acht Jahre sind inzwischen vergangen und dennoch denkt Carola immer mal wieder an sie. Manchmal bedauert sie sogar, dass sie kein einziges Foto von ihr hat und auch im Internet keines findet und überlegt sich, ob sie in Mathildes Schrank nach einem suchen soll. Nach ganz oben hinten hat ihre Partnerin nämlich einen Karton verfrachtet mit Briefen aus ihrer Zeit mit Susanne. Auch wenn es Carola einerseits schwerfällt, Susanne mit hoher Wahrscheinlichkeit nie mehr zu sehen, ist sie andererseits froh darüber, dass sie gemeinsam mit Mathilde von Köln nach München gezogen ist, wo kaum eine Chance besteht, sich zufällig über den Weg zu laufen. Es wäre nämlich zu leicht für Su­sanne, sie erneut in Versuchung zu führen, obwohl oder weil sie mit Mathilde nun seit vierzehn Jahren zusammen ist.
Es war unglaublich. Noch heute sieht sie alles haargenau vor sich. Susanne liegt nackt auf dem Bett. Carola kniet über ihr. Ihre Zunge gräbt sich in Susannes blond gekräuseltes, dichtes Schamhaar. Sie saugt an ihr, knabbert sie an, bis sie kurz aufstöhnt und spürbar feuchter wird. Susannes Becken beginnt sich zu bewegen und Carola saugt sich an der prallen Klitoris fest. Mit zwei Fingern dringt sie gleichzeitig in sie ein, erst vorsichtig, dann immer fester und tiefer, bis sie spürt, dass es nicht mehr lange dauern kann, bis Susanne kommt. Kurz zuvor hört sie auf; ihre Zunge taucht in den Bauchnabel, spaziert durch die Tief­ebene des knurrenden Magens, erwandert den flachen Hügel ihrer rechten Brust, kriecht weiter über ihren Hals hinauf bis zu ihren geöffneten Lippen. Sie küsst sie, tief, lange und schmeckt sich selbst dabei. Sie leckt über ihre eigenen spröden, aufgesprungenen Lippen.
„Ich habe mir wohl den Mund fransig geredet in den ellenlangen Auseinandersetzungen mit Mathilde“, sagte sie zu Susanne, als diese sie auf den desolaten Zustand ihrer Lippen ansprach.
„Wie steht es zwischen dir und Mathilde?“
„Nicht gut natürlich, sonst wäre ich jetzt nicht hier“, hätte sie ihr antworten können. Doch Carola wollte nicht über ihre Beziehung reden. Mathilde sollte verschwinden von dieser dünnen Matratze. Carola betrachtete die aufgewühlte Frau neben ihr, konnte es einfach nicht fassen: Sie lag mit Mathildes Ex-Freundin im Bett und wollte sie erregen, sie bis an ihre Grenzen bringen, danach Abschied von ihr nehmen und ihr einen festen Platz einräumen in ihren erotischen Fantasien.
Sie denkt noch oft an Susanne, wenn sie sich selbst liebt, beispielsweise auch, wenn sie mit Mathilde schläft und es ihr schwerfällt, von deren Körper und von deren stets ähnlichen und oft zu sanften Berührungen erregt zu werden. Oder wenn sie einmal im Jahr Freundinnen in Köln besucht, durch die Straßen ihres ehemaligen Wohnviertels streift und an Susannes Wohnung vorbeiläuft. Jedes Mal vergewissert sie sich, ob sie noch dort wohnt und ist erleichtert, wenn sie ihren Nachnamen auf einem der Klingelschilder sieht. Eine bloße Freundschaft mit Susanne wäre für Carola nicht lebbar gewesen, die Fortsetzung der Affäre ebenso wenig, denn dann hätte sie Mathilde aufgeben müssen. Diese hätte es – verständlicherweise – nie ertragen, dass sie sich ausgerechnet bei ihrer Ex-Freundin das holen würde, was ihr bei ihr fehlt.
„Gib zu, auch du vermisst leidenschaftlichen Sex mit Mathilde“, wurde sie von Susanne gefragt, als sie gerade eine Pause machten.
„Leider ist das so.“
„Deshalb habe ich mich von ihr damals getrennt. Ich habe es nicht mehr ausgehalten …“
„Ich weiß das. Mathilde hat mir davon erzählt, auch davon, dass du am Ende eurer ansonsten sehr schönen Partnerschaft immer häufiger ausgerastet bist.“
„Kannst du mich verstehen?“
„Ja und nein. Mathilde hat viele positive Eigenschaften. Sex ist nicht das Wichtigste. Aber nun etwas anderes: Soll ich Mathilde beichten, dass ich sie mit dir betrogen haben?“
„Darüber möchte ich gerade nicht nachdenken. Es wäre reine Zeitverschwendung. Küss mich lieber!“
Sie erkundete die Innenseiten von Carolas Oberschenkeln, entdeckte Stellen, wo sie zusammenzuckte, Stellen, die Mathilde übersehen hatte. Sie schlüpfte mit ihren Fingern weich und tief in sie hinein, bis sie Carolas Fingernägel in den Schultern spürte, weil sie sich festkrallte, um nicht endgültig abzuheben.
Gerade erst zwei Wochen war Carola mit Mathilde liiert, als ihr Erzählen über die Ex begann; zuerst war sie schrecklich eifersüchtig, denn sie waren immer zu dritt. Ihre Vorgängerin schwebte über ihnen als Phantom, als Schattenfrau. Sie kannte sie bald auswendig, all die Geschichten aus Mathildes Zeit in der Wohngemeinschaft mit der Frau, der sie ihren ersten Orgasmus und ihr Coming-out zu verdanken hat. Seitdem Carola Mathildes Ex hautnah – und das im wahrsten Sinne des Wortes – erlebt hat, fällt es ihr noch leichter, sich Mathildes Vergangenheit vorzustellen: die vielen Abendessen mit gefüllten Avocados, sich auf der Matratze gegenüber im Schneidersitz sitzend, dazwischen als Tischersatz Mathildes Aktenkoffer, darauf eine weiße Tischdecke ausgebreitet. Für die Matratze hatte Mathilde später eine riesige Bettdecke gekauft, war irgendwann nach Schulschluss zu IKEA gehetzt, um diese Überraschung zu besorgen. Obwohl sie die Bettdecke Susanne geschenkt hatte, nahm Mathilde sie beim Auszug mit. Immer wieder redete Mathilde von ihrem Alltag mit Susanne. Gelegentlich brachte Mathilde sich nach der Arbeit etwas Tiefgefrorenes mit, weil sie sich vor dem ungespülten Geschirr und der verbröselten Arbeitsplatte in der Wohngemeinschaftsküche zu sehr ekelte, um dort kochen zu wollen. Sie schob sich irgendein Fertiggericht in die Backröhre, setzte sich mit der Zeitung ins Bett und hoffte, dass es still bliebe in der WG und dass auch Susanne möglichst spät nach Hause käme. Nach einem langen Tag als Lehrkraft in einer Ganztagsschule sehnte sie sich nach einigen Minuten Alleinsein, nach Zeit für sich, ohne Ansprüche und ohne Auseinandersetzungen. Sie brauchte Ruhe, während Susanne am liebsten jeden Abend mit ihr ins Kino gehen oder Leute treffen oder mit ihr Liebe machen wollte. Wenn Mathilde in ihre noch junge Beziehungsvergangenheit eintauchte, schwankte sie zwischen Liebe und Hass und schien noch immer stark an Susanne zu hängen, was sich Carola schmerzhaft eingestehen musste. Welche Rolle spielte sie am Beginn der neuen Partnerschaft? War sie diejenige, die Mathildes Wunden heilen sollte und gleichzeitig darunter litt, dass Mathilde nur halbherzig in sie verliebt war. Irgendwann begann sie, Susanne mit anderen Augen zu sehen. Vieles, was Mathilde an ihr auszusetzen hatte, traf auf sie selbst genauso zu, dass sie spürbar in Alltagssituationen begehrt werden wollte, beispielsweise, oder dass sie Spaß am Tanzen und mehrmals pro Woche Lust auf Sex hatte. Carola konnte daran nichts verwerflich finden und verstand Susanne und deren angeblich so widerliche Szenen immer besser. Die ständigen Demütigungen, das Betteln um etwas Sinnlichkeit, wie satt hatte auch Carola das alles bekommen. So satt, dass sie Mathildes Ex auf einer Lesbentanznacht ein ganz eindeutiges Angebot gemacht hatte. Aus Rache an Mathilde? Nein, sie begehrte Mathildes Ex, die sie kannte und doch nicht kannte, unter deren Bettdecke sie schlief und von der sie ein gehauchtes „Hi“ bekam, als sie sich zufällig auf einer Party begegneten. Da Mathilde das Ausgehen und besonders das Tanzen hasste, zog Carola manchmal alleine los. Wie bei fremdsprachigen Büchern musste es auch bei Susanne der Originaltext sein, also die unübersetzte Fassung. Mathildes Übersetzung genügte ihr nicht mehr. Als sie Susanne zufällig auf jener Tanznacht sah, fiel es ihr nicht schwer, Mathildes Mischung aus Faszination und Widerwillen zu begreifen. Susannes Tanzstil reizte sie, auch wie sie flirtete. Wenn sie lächelte, war sie fast unwiderstehlich. Als sie eine Tanzpause machte, schrie ihr Carola ins Ohr: „Weiß du, wer ich bin?“
„Natürlich weiß ich das! Du bist meine Nachfolgerin. Ich hatte mich damals gewundert, dass Mathilde so schnell eine neue Frau findet. Und dann noch eine so sexy Lady. Was willst du von mir?“
„Ich möchte mit dir über Mathilde reden …“
„Du bist ja süß. Nur R e d e n möchtest du mit mir. Na ja, warum eigentlich nicht. Auch zwei Körper können miteinander in ein sehr spannendes Gespräch kommen.“
„Du bist ja noch schlimmer als ich dachte!“
„Na und! Ich habe dich nicht gezwungen, mich anzusprechen. Steh um 3 Uhr an der Garderobe und dann fahren wir gemeinsam zu mir.“

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Leseprobe: Amra und Amir – Abschiebung in eine unbekannte Heimat

Amra und Amir

Als Nina ins Boot kletterte, war Amra schon da. Sie hatte geweint, das war nicht zu übersehen, und eine weinende Amra bedeutete Schlimmes. Nina hatte Amra seit dem Kindergarten nur äußerst selten weinen gesehen.
Als Nina das Bündel Elend, das sie da vor sich sah, in den Arm nehmen wollte, zuckte Amra zurück und hielt ihr einen Brief vor die Nase. Ausländerbehörde, las Nina. Was wollten die denn von Amra? War etwas mit ihrer Mutter? Amra und Ausländer, das passte in Ninas Kopf einfach nicht zusammen. Amra war immer schon da gewesen, so wie sie auch. Es konnte nur um ihre Mutter gehen.
Nina achtete nicht auf die kleinen Fische, die in Gruppen rund um das Boot schwammen, sah auch nicht den Frosch, der neugierig aus dem Schilf nach den beiden Mädchen spähte, die seine Ruhe störten. Sogar den fast zahmen Sperling, der die beiden hier häufig besuchen kam, um dann schnabelwetzend sein Futter einzufordern, das er gewöhnlich in Form von mitgebrachten Kekskrümeln bekam, verjagte Nina heute ungeduldig, indem sie mit dem Brief vor seinem Schnabel herumwedelte und ihn dabei fast von der Bootskante ins Wasser stieß. Die Naturidylle, die sie hier sonst genoss, machte sie heute nervös. „Was ist das?“, fragte sie, während sie den Brief ungeduldig aus dem Umschlag zerrte und sich so die Antwort selbst gab.
Schon seit sie Amras SMS während der Mathematikarbeit am Morgen gelesen hatte, spürte Nina einen Knoten im Bauch, der zunächst aber mehr aus Spannung und sogar ein wenig aus freudiger Erwartung bestanden hatte, was sie sich allerdings nicht eingestehen wollte. Amra und sie als Paar – vielleicht wäre das ja wirklich was?
Aber jetzt zog sich der Knoten zusammen, wurde härter und spie eine ungekannte Angst aus, die sich in ihrem ganzen Körper ausbreitete und jede Zelle erfasste. Jede freudige Erwartung, die da insgeheim gewesen sein mochte, zerplatzte mit einem lauten Knall, den allerdings außer Nina niemand hören konnte.
Das Schreiben bestand nur aus einem ganz kurzen Text, den sie zunächst gar nicht verstand, nicht verstehen wollte. Was hatte das denn mit Amra zu tun? Bestimmt war alles ein Irrtum. Sie las noch einmal, ihre Augen suchten nach dem Namen, fanden ihn und da stand wirklich Amras Name. Nina las noch einmal und sprang dann entsetzt auf. „Amra …“ Das Boot kam gefährlich ins Schwanken, und als Nina das Gleichgewicht verlor, packte Amra sie im letzten Moment geistesgegenwärtig am Hosenbund und zog sie neben sich auf die Sitzbank im Boot, die aus einem leicht vermoderten Brett bestand. Schon lange hatten sie sich vorgenommen, ein neues Brett anzubringen, es aber immer wieder vergessen. Es ächzte bedrohlich, als Nina nun mit Schwung darauf plumpste.

„Amra“, schrie Nina, „was soll das?! Du bist hier zu Hause, du bist meine Freundin, das können die doch nicht machen! – ?“ Ein leicht verunsichertes Fragezeichen tönte mit etwas Verspätung hinterher.
Wie hat sie das hingekriegt?, fragte sich Amra, die nicht mehr klar denken konnte und sich selbst dabei beobachtete, wie sie seltsame Dinge sah, hörte und dachte, die so gar nichts mit dem eigentlichen Problem zu tun hatten, das sie völlig aus der Bahn geworfen hatte. Nur mit Mühe konnte sie sich konzentrieren und sie erinnerte sich, warum sie beide heute hier im Boot saßen.
„Sehr geehrte Frau Amra Mekuli, Sie werden hiermit aufgefordert, Deutschland innerhalb eines Monats nach Erhalt dieses Schreibens zu verlassen und in Ihr Heimatland Kosovo zurückzukehren“, las Amra sich selbst und Nina laut vor.