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Leseprobe: Als der Sensenmann ins Stolpern geriet

Als der Sensenmann ins Stolpern geriet

Als Vierzehnjährige machte ich eine seltsame Erfahrung. Vorausgegangen war Folgendes: Ich war beim Rauchen erwischt worden.
Mein Vater ließ ein Donnerwetter vom Stapel, worauf ich völlig beleidigt seine Medikamentenbox plünderte und alle bunten Pillchen in mich hineinstopfte, die ich finden konnte. Einfach so. Ich weiß bis heute nicht, welcher Teufel mich in dem Moment geritten hatte, jedenfalls tat es mir wenige Minuten später schon leid. Vermutlich hatte es sich nur um harmlose Vitaminpräparate gehandelt, aber genau konnte man das ja nie wissen. Also beichtete ich meinem entsetzten Vater die spontane Handlung. Mein geplagter Vater schnappte mich sofort am Kragen und ließ mir im Krankenhaus den Magen auspumpen.
So weit, so gut.
Ich sollte eine Nacht zur Beobachtung im Krankenhaus bleiben. Schließlich wollte man auch meine psychische Verfassung im Auge behalten.
Niemand war sich sicher, ob meine Pillenaktion tatsächlich auf Selbstmordgedanken oder auf eine kindische Kurzschlussreaktion zurückzuführen war. Ich hatte meinem Vater eigentlich nur einen Schrecken einjagen wollen, damit er nicht noch mal so mit mir schimpfte. Das war alles.
Um mich mit der Holzhammermethode von weiteren Freitodversuchen abzuhalten, steckte man mich in das Zimmer einer Sterbenden. Die Krankenschwester erklärte kurz, dass die alte Frau wohl heute Nacht dahingehen würde.
„Dahin?“, fragte ich, „wohin dahin?“ „Na, ins Jenseits, du Dummerchen, wohin sonst. Da wärst du ja auch fast gelandet“, bekam ich die schnippische Antwort.
Das Jenseits, ich war mir nicht sicher, wie ich mir das vorstellen sollte. Ich war direkt etwas neugierig. Von einem Vorhang abgetrennt durfte ich dann dem schweren Röcheln und Stöhnen der alten Dame lauschen. Ich stand auf und warf einen Blick hinter den Vorhang. Die Sterbende richtete ihren Blick auf mich und lächelte leicht. Ich schloss den Vorhang, weil ich spürte, dass sie alleine bleiben wollte und ging wieder in mein Bett. Mit der Zeit atmete die Frau immer schwerer, schleppender und es hörte sich an, als koste es sie unendliche Mühe, Luft zu bekommen. Plötzlich war es still.
Jetzt war sie wohl dahingegangen.
Nach einigen Minuten des Gruselns, stand ich auf. Ich wollte wissen, wie eine Dahingegangene aussah. Als ich den Vorhang an die Seite schob, spürte ich einen warmen, streichelnden Lufthauch an mir vorbeigleiten, der mich lächeln ließ.
Ich schaute in das Bett der alten Frau und sah, dass sie weg war. Sie hatte nur ihre Hülle dagelassen.
Die Ansichten einiger Menschen über den Tod konnte ich nie teilen. Schon als Kind fand ich dieses Verhalten am Grab eines Verstorbenen sehr seltsam. Wenn meine Mutter mich mit zum Grab meiner Großeltern nahm, durfte ich nur leise sprechen und nicht herumhüpfen.
Wieso eigentlich?
Hatte Mama Angst, die Toten würden aufwachen, aus den Gräbern krabbeln und sich über den Lärm beschweren? Wusste sie denn nicht, dass Oma da gar nicht drin war? Es war doch bloß ihr Körper, mehr nicht. Wenn ich die Augen schloss, konnte ich Oma und Opa fühlen und mit ihnen sprechen. Sie sprachen auch zu Mama, aber sie hörte einfach nicht zu.
Vielleicht lag es daran, dass Mama immer ihre Augen offen hielt. „Mama, du musst die Augen schließen und die Ohren zusperren, dann kannst du sie sehen und hören und mit ihnen sprechen.“
Doch Mama hörte mir nicht zu. Sie zupfte und harkte voller Elan auf dem Grab herum. Zwischendurch schielte sie auch zu den Nachbargräbern und verglich die Dekorationen miteinander. Zum Schluss wurde der mickrige Sand vor dem Grab geharkt und in ein ansehnliches Zickzackmuster gebracht. Mama begab sich nun in eine betende Position, indem sie den Kopf senkte, die Hände faltete und einige Worte murmelte. Dann schaute sie hoch zum Himmel und sagte mit aller Deutlichkeit: „Bitte Gott, mach es Ihnen da oben so schön wie möglich.“
‚Da oben‘, dachte ich. ‚Wo oben? In der Luft, da, wo die Wolken sind oder zwischen den Flugzeugen? Da soll Gott sein? Oder noch weiter oben, irgendwo zwischen den Sternen? So ein Unsinn. Gott ist doch hier. Er ist in uns und wir sind in ihm. Das ist doch sonnenklar, oder?‘
Natürlich können die Menschen mit allen körperlosen Wesen kommunizieren, sie wissen es nur nicht. So laufen sie zum Friedhof, pflanzen Stiefmütterchen und starren das Grab an. Sie sind traurig und weinen. Ich denke, sie tun es aus einem Gefühl des Verlustes heraus und aus dem Bedürfnis, sich verbinden zu wollen.
Doch warum ausgerechnet dort, wo die Körper begraben werden? Da ist nichts mehr, absolut nichts. Wer sich verbinden will, der soll seine Trauer loslassen und nach innen gehen, denn dort findet er alles, was er sucht. Dann kann auch der Verlustschmerz gehen, weil man erkennt, dass nichts verloren wurde.
Oft sitzen die Hinterbliebenen zu Hause und schauen auf die Fotos, die auf der Kommode stehen und umgeben sie mit Kerzen und Blumen. Was dort steht, ist nichts anderes als ein Stück Papier, das von einem Rahmen umfasst wird. Wozu brauchen manche Menschen diese Erinnerungsstücke? Wissen sie denn nicht, dass sie sich nur an Bilder klammern, aber damit das Leben selbst und die Wahrheit verleugnen?
Ahnen sie denn nicht, dass sie damit die beglückende, liebevolle Kommunikation mit ihren Liebsten blockieren. Lasst eure Toten los, dann können sie wieder auferstehen und mit euch durchs ewige Leben tanzen. Sprecht mit ihnen, lacht mit ihnen und genießt eure Zärtlichkeit miteinander.
Das geht nicht?
Doch, das geht. Zärtlichkeit sind liebevollste Gedanken, die miteinander geteilt werden und das geht wunderbar ohne Körper. Du musst es nur einmal ausprobieren. Stell dir einfach jemanden vor, den du glaubst verloren zu haben. Denke intensiv an ihn, male ein inneres Bild von ihm. Das kannst du sehr gut, glaube mir. Du hast doch eine gesunde Vorstellungskraft. Nutze sie. Stell dir diesen Menschen als gesund, vital und fröhlich vor, ganz ohne Begrenzungen. So. Siehst du ihn? Sein Gesicht, seine Gestalt und seine Haltung? Ja? Siehst du auch das helle Licht, in das seine Gestalt getaucht ist?
Dann ist es gut.
Nun umarme ihn, küsse ihn, sag ihm, wie sehr du ihn liebst. Sag ihm all das, was du ihm schon immer anvertrauen wolltest. Frage ihn all das, was du fragen wolltest. Schau ihn an und streichle ihn mit deinen Gedanken. Er wird antworten und dir all seine Liebe geben. Er ist da. Er lebt wirklich.
Heute, nach vielen Erfahrungen und Begegnungen, bin ich zu der Überzeugung gekommen, dass es nur das eine wunderbare, ewige Leben gibt.

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Leseprobe: Du bist ein Juwel

Du bist ein Juwel

Glaubst du, du bist es wert, ein Leben der Fülle und Freude zu erleben? Bist du wirklich bereit, dich mit Mitgefühl, Feingefühl und Leidenschaft für dich einzusetzen? Oder anders formuliert: Liebst du dich?
Die an dich selbst gerichtete Frage: „Liebst du dich?“ ist wesentlicher als die Suche nach Annahme durch andere, die da lautet: „Mein Geliebter, liebst du mich?“, denn schließlich bist du die Hauptperson in deinem Leben und trägst die volle Verantwortung dafür, auf welche Weise es verläuft. Doch genau an diesem Punkt verweigert das Pferd oft das Hindernis, stimmt´s? So stark ist die Macht der Gewohnheit, Liebe und Lob durch andere zu erwarten. Ein Lieblingssatz von Frauen lautet: „Es ist einfach sooo schwer, mich zu lieben!“
Ist es nicht! Es ist nur ungewohnt! Ab dem Moment, in dem du den tiefen Wunsch empfindest, dich und dein Leben zu lieben, wirst du deine Reise nach Innen antreten. Dabei lernst du dich wirklich kennen, kommst an deine Grenzen, aber auch zu deiner wahren Natur, zu der Kraft, aus der du kommst und die du bereits bist.
Deswegen geht es nur um deine Entscheidung. Was willst du? Willst du erfahren, wie liebenswert du bist? Möchtest du ein Leben gestalten, von dem du begeistert bist? Kannst du deinen Ärger über deinen Körper loslassen und damit beginnen, ihn endlich anzunehmen und zu lieben, so wie er ist? Dann kommst du an der wichtigsten Person in deinem Leben nicht vorbei! Und das bist nun mal du! Du bist ein Juwel! Ach, das glaubst du nicht? Schließe doch mal kurz für einen Moment die Augen und vergegenwärtige dir das kleine Wunder, das du warst, als du geboren wurdest. Sei versichert, du warst entzückend, süß und absolut liebenswert – wie alle Babys. Nun, das bist du immer noch. Nur liegt es jetzt an dir, gut zu dir zu sein, dein Leben zu würdigen und dich um dich zu kümmern. Ab sofort geht es darum, dich zu sehen, dich anzunehmen und anzuerkennen.

Liebst du deinen Körper?

Liebst du deinen Körper oder kritisierst du ihn ständig? Unseren Körper zu lieben ist leichter gesagt als getan, denn wir leben nun mal in einer Welt, die den Vergleich sucht und so immer mehr Komplexe schürt. Mächtige Werbe- und Medienlobbys profitieren schamlos von unserer Bereitwilligkeit zu konkurrieren und zu kritisieren.
Frauen wertschätzen sich selbst oftmals deutlich weniger als mancher Mann ihnen unterstellen mag, denn in der Regel beäugen sie eher fleißig die Stellen ihres Körpers, die ihnen geeignet scheinen, sich gnadenlos abzuwerten. Selbst die schönsten Frauen werden bei diesem aussichtslosen Spiel vor dem Vergrößerungsspiegel immer fündig. Auch dann, wenn die Makel eingebildet sind! Deswegen verbringen sie wohl auch so viel Zeit im Badezimmer, denn die Salve der entsetzten Negativbewertungen scheint endlos: „Wo kommen denn nur all diese schrecklichen Falten her und diese elenden, frechen Pickel? Meine Haare sind eine Katastrophe und wo ist das Kraut, das gegen Cellulitis gewachsen ist? Ich hasse jedes Pfund an mir, meine Brust macht mir das Leben schwer und wie in aller Welt komme ich eigentlich zu dieser schrecklichen Naaaaaaase?“
Die beunruhigend hohe Zahl der immer gleichen Schönheits-OP-Einheitsgesichter spricht für sich. Man möge mir verzeihen, aber für meinen Geschmack sehen die gelifteten Damen mit ihren weit aufgerissenen Augen, tätowierten Brauen und aufgespritzten Fischmaullippen einfach alle gleichsam gruselig aus. Manch eine wird regelrecht süchtig nach dieser Art Operation, weil es immer neue ‚Baustellen‘ am Körper zu entdecken gibt. Das Selbstwertgefühl scheint am Botox oder Silikon zu kleben, nach dem Motto: „So, jetzt sehe ich so aus wie ihr mich haben wollt! Darf ich mich jetzt endlich rundherum wohl fühlen?“-„Du darfst!“, plärrt es aus der Flimmerkiste. Du darfst noch viel mehr! Du bist weit mehr als die Person, die dem Schlankheitswahn der Werbeindustrie entsprechen muss, um liebenswert zu sein! Doch viele Ladies scheinen taub für Wertschätzung zu sein und können oft nicht mit Komplimenten umgehen. Sie werden rot, schämen und verkrampfen sich, fast so, als hätte man ihnen einen schlechten Witz erzählt. Sie mögen ihren Körper meist selbst so wenig, dass sie auch mit einer aufrichtig gemeinten Wertschätzung überfordert sind.
Wie viele Tagebücher habe ich als junges Mädchen mit Selbstanklagen gefüllt wie: „Ich hasse meine Körper! Ich will endlich schlank und schön sein! Ich hasse, hasse, hasse mich!“
Ich fand meine Oberschenkel zu dick, weil sie kräftiger waren als andere und setzte mich herab, weil andere mit schlankeren Beinen mir normaler vorkamen als ich. Ich hatte große Angst vor der Frage: „Wie viel wiegst du?“, denn ich empfand mich als dick und schämte mich entsetzlich dafür. Wer nahm mich an die Hand und nahm mir diese eingebildete Scham? Niemand. Es wurde immer schlimmer, bis ich schließlich meinen gesamten Körper ablehnte und mich dafür hasste, dass ich nicht so aussah, wie ich es von mir erwartete.
Mir war damals nicht klar, dass meine massive Selbstablehnung nicht die gewünschte Veränderung brachte. Sie führte allerdings dazu, dass meine Figur immer mehr dem entsprach, was ich so sehr ablehnte. Der ständige Fokus auf meine Fettpölsterchen führte dazu, dass ich immer trauriger, frustrierter und dicker wurde. Aus Frust und wachsender Einsamkeit aß ich nicht weniger, sondern heimlich immer mehr und kreierte mir damit eine heftige Essstörung, unter der ich sechs lange Jahre lang furchtbar litt. Ich machte mich mit meinem strengen Blick auf die Waage selbst immer unglücklicher. Über meine buddhistische Ausübung gelang es mir zwar im Alter von 21 Jahren, diesem Teufelskreis ein Ende zu setzen, doch da waren die schönsten Jahre meiner Jugendzeit bereits vorbei.
Alles, was du in Gedanken an dir abwertest, verschlimmert die Situation nur. Deine Lebensfreude erlischt wie eine brennende Kerze, die du ausbläst. Ähnlich wie ich damals verhungern auch heute unzählige Frauen seelisch und körperlich vor dem gefüllten Kühlschrank. Mit deiner stetigen Selbstabwertung schaffst du ein negatives Zerrbild von dir, du machst dir das Leben schwer. Du blockierst deine natürliche Unbeschwertheit und Vitalität und machst dich in extremen Fällen an Leib und Seele krank, wie die wachsende Zahl von Zwangs- und Essstörungen belegt. Ich halte das Festhalten an dieser Form von Selbstverleumdung für die Krankheit unserer Zivilisation!

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Leseprobe: Eine Reise ins Licht

Eine Reise ins Licht

„Karma ist alles!“, sagte Indigor und verließ das Zimmer über den hinteren Korridor. Er hatte in der letzten Stunde so viel gehört, dass er ein Buch damit hätte füllen können. Als er das Haus verlassen hatte, war sein Rucksack gepackt für eine lange Reise, deren Ziel er nicht kannte. Er ging, ohne sich noch einmal umzudrehen. Indigor hatte das Gefühl, mit jedem Schritt, den er tat, ein Stück leichter zu werden. Er war auf dem richtigen Weg.
Die Straßen lagen im Dunkeln. Nur wenige Laternen ließen erahnen, wohin man seinen Fuß setzte. Ihm war es recht, so konnte er seinen Gedanken freien Lauf lassen. Nach einer Ewigkeit, die er selbst kaum wahrnahm, fiel sein Blick auf das Haus. Es lag auf einem Hügel, weit ab der Straße. Es sah dunkel und verlassen auf ihn herab und zog ihn magisch an. Hier wollte er seine Reise beginnen. Ein schlammiger Weg führte die Anhöhe hinauf und er musste immer wieder aufpassen, nicht auszurutschen. Regennasse Zweige schlugen ihm ins Gesicht und er wäre des Öfteren mehr als willig gewesen, wieder umzukehren. Wären da nicht die nagenden Fragen gewesen, worauf er nur Antwort bekommen würde, wenn er seine Reise fortsetzte. Antarros hatte gesagt: „Nur eine Reise in deine innersten und tiefsten Gefühle kann dir die Antwort geben.“
Endlich hatte er das Haus erreicht. Aus seinen Fensterhöhlen schaute es ihn an, als wollte es ihn fragen: ,,Bist du sicher, dass du zu mir willst?“ Er blieb einen Moment stehen und lauschte in die dunkle Nacht. Aber nur der Regen war zu hören, der beruhigend vor sich hinprasselte. Indigor rüttelte an der Tür. Sie schien ihm verschlossen. Aber als er seinen Druck verstärkte, sprang sie mit einem knarrenden Geräusch doch auf. Er zuckte zusammen …