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News: Peter Klohs liest auf der Lit. Ronsdorf

Peter Klohs

Die Literaturtage Ronsdorf haben inzwischen Tradition. Dieses Jahr finden sie vom 13. Oktober bis 03. November statt.

In diesem Rahmen hatten Miriam Schäfer und Peter Klohs unter dem Motto „Dunkel war´s“ eine gemeinsame Lesung. Kurz vor Halloween wurde es dabei in der Galerie im Ronsdorfer Carrée unheimlich. Beide Autoren haben es drauf, durch ihre Stimmen die Zuhörer in den Bann zu ziehen. Wer Peter Klohs schon mal erleben durfte, zum Beispiel in der Ronsdorfer Bücherstube, der weiß das.

Peter Klohs las eine Geschichte aus seinem persönlichen Duden.

Weitere Informationen, auch einen Bericht über die Lesung, gibt es hier.

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Leseprobe: Geschichten aus dem Duden

Geschichten aus dem Duden

Der Regionalexpress 4612 von Wuppertal-Oberbarmen nach Koblenz kroch über die Hohenzollernbrücke und schickte sich an, im Kölner Hauptbahnhof kurz Stand zu nehmen. Ich streifte den sich träge dahinwälzenden grauen Strom unter mir mit halbem Auge; Regen verwischte die Aussicht auf die große Stadt. Die am Fenster herabrinnenden Tropfen zersplitterten das Bild des gewaltigen Domes, er sah beinah aus wie von Feininger gemalt.
Ich fürchtete ernsthaft, der Herbst habe den Sommer bereits zur Seite geschoben und verteidige vehement mit spitzen Ellbogen seine einmal eingenommene Position; mich fröstelte.
Auch der Lokomotivführer schien vor Kälte zu zittern: Seine grüne Lok mit den fünf doppelstöckigen Waggons hielt mit einem solchen Ruck an, dass ich mich nur schwerlich auf den Beinen halten konnte.
Kaum hatte ich den Bahnsteig betreten, knisterte es aus einem Lautsprecher; eine gelangweilte Männerstimme versprach, dass wir auf Gleis 9 stehen würden und kündigte schier endlos Reisemöglichkeiten an, die mir fernlagen. Eine Dame mit Dackel an einer rosafarbenen Leine hastete an mir vorbei und stieß zwischen zwei eiligen Schritten ein hastiges „Wacker, Waldi“ aus.

Ich verließ das ungastliche Gebäude durch den Haupteingang. Der immer noch andauernde Regen verhinderte die Aufhellung meiner Laune, ich fühlte mich griesgrämig.
Von den zahlreichen Vor- und Überbauten der Häuser vor dem Regen geschützt, schlug ich den kürzesten Weg zu ‚Music Planet‘ ein.
Drei- oder viermal in jedem Jahr kam ich nach Köln, um im besagten Geschäft meine CD-Sammlung auf den neuesten Stand zu bringen. So leergefegt hatte ich die Straßen in Köln allerdings noch nie erlebt; kaum behinderte ein Auto mein Vorankommen, Lastwagen schienen ausgestorben. Ich wich Pfützen aus, übersprang kleine Regenbäche und verfluchte einen Fahrradfahrer, der mich mit wehendem Regencape über den Bürgersteig rasend fast erledigt hätte.
Zu etwa fünfundsiebzig Prozent durchnässt betrat ich das riesige Musikgeschäft, zückte meine Liste und begab mich in die gut sortierte Jazz-Abteilung.
Abercrombie, Beirach und Delano wurden sofort gefunden und im mitgeführten Leinenbeutel zwischengelagert, LaVerne und Saluzzi suchte ich etwas länger, eine von mir sehnlichst begehrte Scheibe James Carters gar ohne Erfolg.
Die Klassik-Abteilung zu durchstöbern bereitet mit bei jedem Music-Planet-Besuch ein großes Vergnügen. Manches Mal finde ich dort Kostbarkeiten, die ich gar nicht gesucht habe. Auf meiner Einkaufsliste standen zwar Grieg, Sibelius und Vaughan Williams, aber unverhofft entdeckte ich beim Durchwühlen der Regale eine sehr gute Aufnahme von Mahlers Siebter Symphonie.
Da stand ich, blickte kurz auf Georg Solti in der Hand, überlegte, ob ein Kauf der einzigen mir fehlenden Mahler-Symphonie wohl lohnen würde …

Das war der Moment, in dem ein Blitz in meine Welt einschlug; er änderte schlicht alles, wenig Bekanntes sollte mir bleiben.
Von der anderen Seite des CD-Regals sah mich eine Frau an. Der Blick war so intensiv, dass ich dachte, wir würden uns berühren. Ich starrte einige Sekunden zurück, dann musste ich meine Augen mit Macht wieder auf Herrn Solti in meiner Hand lenken– ansonsten hätte ich wohl zu schreien begonnen. Sofort sah ich wieder auf, eine CD anzubrüllen erschien mir ebenso unvorstellbar.
Ihre Augen blickten direkt in meine. Nasses, rötlichblondes Haar fiel nachlässig in ihre Stirn, die Zunge leckte kurz die Oberlippe, alles an ihr machte mich schwindeln. Diese Frau wirkte ausgesprochen stolz auf ihre Erscheinung, sie wusste um ihr Aussehen. Sie war nicht unbedingt hübsch zu nennen, auch das Wort ‚Schönheit‘ wäre fehl am Platze gewesen. Manche versuchen dieses Phänomen mit der Vokabel ‚Ausstrahlung‘ zu erklären, bei dieser Frau war es eindeutig mehr, eine Art Aura, vielleicht etwas anderes, unerklärbar, unbeschreiblich.
Ich fühlte lange Vergessenes, Vergrabenes, Verstecktes. Das Atmen fiel mir schwer, die Finger beider Hände verkrampften, einer meiner Fingernägel erzeugte ein kleines eisbergiges Geräusch auf der Folie jener CD. Wir standen und starrten.

Beide wollten wir etwas sagen, trauten uns aber nicht. Die Angst, die Magie der Situation durch unüberlegte Worte lächerlich zu färben war in diesem Augenblick größer als das Bedürfnis zu sprechen. Wir standen und starrten uns an, keiner traute sich, einen Anfang zu machen. Mit Händen hätte man die aufgeladene Luft greifen können; meine Unterarmhärchen richteten sich auf.
In zehn oder weniger Sekunden wetterleuchteten ganze Lebensläufe durch mein halb ohnmächtiges Gehirn: Erotische Fantasien geisterten an meinem inneren Auge vorbei, natürlich würden wir heiraten und sie würde mir Kinder schenken. Urlaubsbilder tauchten auf, burgenbauende Söhne am Strand, meine Hand in ihrer, ein Hut mit schwarzem Band bedeckte ihre Haarfülle, hob die Farbe derselben auf das Trefflichste hervor. Ich sah sie an etwas lehnen und auf mich warten, stieg aus einem Wagen und eilte auf sie zu, wir umarmten uns, liebten uns, die Kinder würden groß, heirateten Frauen, die ihrer Mutter ähnlich sahen und sterben würden wir zur gleichen Zeit.

Wir standen und starrten.
Ich weiß nicht mehr zu sagen, wie lange wir uns wort- und tatenlos ansahen, jede Zeitspanne zwischen einer Minute und zweitausend Jahren schien möglich.
Kleinigkeiten im Gesicht des Gegenübers wurden entdeckt: ein aberwitziger, kleiner Bogen in den Augenbrauen, Farbnuancen im Haar, eine kuriose Falte auf der Stirn. Ihr Gesichtsausdruck war erotisch, fordernd, ein klein wenig gelangweilt. Stolz mit einem winzigen Hauch von weiblicher Arroganz.
Noch bevor die Situation in alle Ewigkeiten gefror, brach mit lauter Vehemenz das Eis: Die Frau nieste.
Es war kein verstohlenes ‚Pschsch‘, sie hielt sich nicht die Nase zu, auch deckten ihre Hände das Gesicht nicht ab. Es war eine Explosion von einer Lautstärke, die die Kunden im Musikgeschäft zusammenzucken ließ; wer schon einmal Gelegenheit hatte, bei Music Planet einen Einkauf zu tätigen, der weiß was das heißt.
Nach dieser gewaltigen Eruption mussten wir beide lachen.
„Entschuldigung“, sagte sie dann, ihre Stimme getragen von der gleichen Aura wie ihre Erscheinung, „es kam so über mich.“
„Du wirst dich erkälten“, sagte ich. „Du bist ziemlich nass geworden.“
„Ach“, machte sie, „ist doch nur Wasser.“
„Ja“, sagte ich hochintelligent, „das stimmt.“
Sie ging um das trennende Hindernis herum und gesellte sich zu mir, der ich immer noch die CD mit der Mahler-Symphonie in der Hand hielt. „Gut“, sagte sie. „Sehr gut.“
„Du magst Mahler?“
„Ich liebe Mahler. Er hat ungeheuerliche Bilder komponiert.“
Wieder sahen wir uns an.
„Wie heißt du?“ Und wir nannten unsere Namen.
Ich packte Solti in den Leinenbeutel, nahm die neue Liebe an einer Hand und zog sie mit zur Kasse, die soeben gesammelten Werke zu bezahlen. Wie versengt, wie fehlende Elektrizität, wie Gegenwind im Vakuum brannte meine Haut, als ich ihre Hand losließ.

Kaum hatten wir das Gebäude verlassen, brachen Dämme ein, fegte ein Wirbelsturm über brachliegendes Land; wir klammerten uns aneinander, dass es beinah weh tat. Wir küssten uns und hielten uns fest. Passanten mussten um uns herumgehen, manche lachten, andere machten blöde Bemerkungen. Schwer atmend ließen wir dann voneinander.
„Wo wohnst du?“ fragte sie, und ich gab die betrübliche Auskunft, nicht in dieser Stadt zu Hause zu sein. „Und du?“
„Auch nicht hier“, sagte sie. „Nicht hier, schade.“
„Ja. Und was machen wir jetzt?“
Sie sah mich wieder so intensiv an, dass ich eine Gänsehaut bekam, dann ging ein Ruck durch ihre schlanke Gestalt. Sie nahm mich an einer Hand: „Komm. Ich zeige dir das Liebste, was ich auf der Welt habe.“