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Leseprobe: Paternoster – Vom Auf und Ab des Lebens

Paternoster

Vorwort des Herausgebers

Die Idee zu diesem Buch stammt zwar von mir, beflügelt wurde sie jedoch von anderen, von denen nämlich, deren Beiträge ich lesen, bestaunen und auswählen durfte. Monika Holstein war zu meiner Freude sofort bereit, ihre Geschichte „ Paternoster“ als Titel für das ganze Projekt freizugeben, ein Projekt, in dem Prosa versammelt ist, Geschichten, die teils direkt, teils indirekt vom  Paternosterfahren handeln, vom Auf und Ab des Lebens also, allesamt aus den Federn von Schriftstellern, deren „Sound“ ich ungeheuer schätze. – Da geht ein Traum in Erfüllung. Zunächst war erst einmal spannend, was jeder einzelne unter Auf oder Ab verstand, und tatsächlich erwies sich, dass der Ansatz kaum unterschiedlicher sein könnte. Mir ist das recht, sogar mehr als recht. Wie froh war ich, als alle meine Schriftstellerfreunde, die ich um einen Beitrag bat, ohne zu zögern zusagten; wie froh war ich erst recht, als auch Malte Roß mir zusagte, in seiner unvergleichlichen Art nicht nur ein Cover beizusteuern sondern darüber hinaus Bilder, die meine Idee von einer Anthologie zum Thema „Paternoster – Vom Auf und Ab des Lebens“ kongenial abrunden.
Allen, die beim Entstehen von „Paternoster“ mitgewirkt haben, danke ich auf das Herzlichste und hoffe, dass die Wirkung nachhaltig sein wird, sowohl bei den Lesern dieser schmucken Anthologie als auch beim Kinderhospiz Burgholz, dem der Erlös aus dem Verkauf zugutekommen wird.
Sämtliche Beiträge in diesem Band, also sowohl Graphiken als auch Texte, wurden von den Künstlern mit Freuden und honorarfrei zur Verfügung gestellt, übrigens mit einer Begeisterung, die mich enorm verblüfft hat. Nicht eine Geschichte, nicht ein Bild in diesem Buch möchte ich missen.
Ganz besonders gilt mein Dank deshalb meinem Verlag 3.0, der mir dieses Buch in meiner Eigenschaft als Herausgeber nicht nur zugetraut hat, sondern auch in kürzester Zeit seine Verwirklichung in jeder erdenklichen Weise unterstützte. Alles hat von Anfang an gestimmt.

Christian Oelemann

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Leseprobe: Freundschaftspiel

Freundschaftspiel

Beim Brötchenholen hatte Dieter Lange ein wenig warten müssen, weil sich sein Vorgänger eifrig mit der Krämerin unterhielt. Zunächst interessierte ihn das Gespräch nicht, dann aber hörte er doch zu, weil der Name Hans-Rudolph Müller fiel. Es ging um eine Frau, die mit dem ollen Querulanten einst liiert gewesen sei und jetzt bei Günthers zu Gast wäre, wer immer das auch sein mochte, Günthers.
Sie sei ungeheuer scharf darauf, diesen Schriftsteller kennen zu lernen, der immer bei Bergmanns absteige. Ob die Krämerin wisse, was für ein Typ der eigentlich sei. Man lese ja in den Zeitungen nicht gerade das Beste über ihn, aber das sage ja nichts aus, weil in den Zeitungen eh der größte Mumpitz abgedruckt werde.
Die Plaudernden hatten noch nicht bemerkt, dass ihnen der Mann, über den sie sich gerade unterhielten, Dieter Lange nämlich, zuhörte; um weitere Peinlichkeiten zu vermeiden, hüstelte Dieter nun. Der Mann, dessen Rücken er bereits seit Geraumem hatte bestaunen dürfen, drehte sich um. Lange erkannte ihn sofort; es war einer der Männer, die er auf dem Friedhof angesprochen hatte.
„Oh, ich halte ja den ganzen Verkehr auf!“, schalt er sich selbst und tat einen Seitenschritt, um den Platz vor der Verkaufstheke frei zu geben.
Dieter Lange bedankte sich, und sich gleichsam an den anderen Kunden als auch die Krämerin wendend, sagte er, indem er vom einen zur anderen schaute: „Ich wollte Sie nicht unterbrechen, ich hörte nur, dass von Rudi Müller die Rede war …“
„Und von einer seiner ehemaligen Geliebten!“, fiel ihm die Krämerin ins Wort. „Ich erzählte dem Herrn gerade: als die Dame – angeblich handelt es sich sogar um eine Gräfin, gestern davon erfuhr, dass Sie hier bei uns Urlaub machen, war sie ganz aus dem Häuschen!“
„Sie wohnt nämlich ein paar Tage bei uns in Welterode, also bei meiner Frau und bei mir nämlich auch!“, komplettierte der Vorkunde Langes Wissen ums Zeitgeschehen.
„Na, na“, der Schriftsteller vollführte eine Handbewegung, als dotze er einen Basketball. „Wegen mir muss niemand aus dem Häuschen!“, scherzte er, war sich aber nicht sicher, ob das auch so verstanden wurde, wie er Hendrix später gestand.
„Doch, doch, Herr Autor! Ich bestimmt nicht, aber wenn Sie wüssten, was für einen Narren die Gräfin an Ihren Büchern gefressen hat, bräuchten Sie jetzt gar nicht so machen (er dotzte jetzt denselben Basketball)! „Sagen Sie mal, möchten Sie nicht uns, also unserem Besuch, meiner Frau und mir natürlich auch, einen Besuch zum Abendessen abstatten, damit die Gräfin Gelegenheit hat, Sie persönlich kennen zu lernen?“
Dieter Lange wählte die falsche Argumentation, um sich herauszureden; vermutlich hatte die Erwähnung der Gräfin längst seine Neugierde geweckt. „Ich möchte Ihnen keinesfalls Umstände bereiten, Herr …“
„Günthers. Friedhelm Günthers. Dann bereiten Sie uns eben keine Umstände und kommen einfach so. Unser Gast, eine alte Freundin meiner Frau, hat alle Ihre Romane gelesen, sie ist, wie man heute sagt, ein Fan von Ihnen (er sprach’s Fenn aus). Wie wäre es mit morgen Abend, 8 Uhr?“
Der Großvater wandte sich jetzt allein an die Krämerin und erstand vier Brötchen gegen abgezähltes Bargeld.
„Aber vordrängeln wollte ich mich wirklich nicht!“, beteuerte er unnötigerweise.
„Man wird doch wohl einem bedeutenden Schriftsteller noch den Vortritt lassen dürfen!“, spöttelte Günthers, der am Ladenausgang gewartet hatte. „Na, was sagen Sie zu meinem Vorschlag? Kommen Sie?“
„Ich werde es mit meinem Enkel besprechen. Ich bin nicht allein in Golgenude. Ich urlaube hier mit meinem Enkel.“
„Was heißt denn hier besprechen? Bestimmen heutzutage schon die Enkel über ihre Großväter?“, musste sich Dieter Lange anhören. Er konnte sich nicht helfen, er fand diesen Günthers unsympathisch, doch behielt er das für sich. Immerhin wollte er Hendrix nicht gleich abschrecken. Eine bessere Gelegenheit, die alte Dame zu treffen, die Hans-Rudolph Müller gekannt hatte, würden sie nicht geboten bekommen. Auch Hendrix müsste das Langes Erachtens nach interessieren, wenn er es tatsächlich ernst meinte mit seiner Schreiberei!
Gemeinsam verließen Günthers und Lange den Laden.
„Einen Freund werde ich natürlich auch dazu bitten. Ich und Max, wir sind nämlich wie Pech und Schwefel.“
„Interessant!“, sagte Lange und überlegte kurz, welchem der beiden Freunde dabei wohl die Rolle des Pechs zustand. „Wo erreiche ich Sie, wenn wir tatsächlich kommen sollten? Kann ich Sie gegebenenfalls anrufen?“
Günthers förderte aus der Innentasche seiner Jägerjoppe eine Visitenkarte zutage und hielt sie Lange hin. Der nahm sie (dem Gesicht nach) erfreut entgegen und warf einen Blick darauf.
„Rechtsanwalt?“
„Aber im Ruhestand, Herr Autor. Sind Sie nicht eigentlich allmählich auch in dem Alter, in dem man aufhören darf?“
Der Großvater vermutete einen Scherz und lachte höflich.
„Natürlich!“, gab er zurück. „Dieter Lange, Schriftsteller im Ruhestand! Köstlich! Den merke ich mir! Ich muss jetzt übrigens dort lang!“
Endlich geschah, worauf Hendrix schon lange gewartet hatte. Sein Großvater griff zur Pfeife.
„Er hat mich dann noch bis zur Haustür begleitet. Seltsamer Mensch, Hendrix! Aber interessant! Und viel wichtiger: Wir lernen deine alte Dame kennen. Diese Günthers haben ihr das Gästezimmer gerichtet, und fürs Erste wohnt sie jetzt da.“
Hendrix schluckte das gerade abgebissene Brötchenstück unzerkaut hinunter.
„Okay“, sagte er, „aber die kennen uns doch gar nicht! Wieso sind wir jetzt da eingeladen? Die können doch gar nicht wissen, dass wir etwas wissen!“
Der Großvater zündete das Feuerzeug und führte die Flamme zum Pfeifenkopf. Qualm stieg auf. Sofort roch es nach Vanille.
„Na, weil … sie … weil die alte Dame meine Bücher schätzt. So einfach ist das. Und jetzt lass uns beide bitte überlegen, was wir heute unternehmen!“
„Wolltest du dir nicht die Buchhandlung Weinert anschauen?“, erkundigte sich Hendrix. Es sollte sich eher beiläufig anhören, doch ihm war klar, dass Dieter seinen Beweggrund durchschaute. Darum grinste er jetzt.
Sein Großvater nickte. „Richtig! Ob ich das heute oder morgen mache, ist zwar wurscht, aber das Wetter lädt eh nicht gerade ins Freibad ein. Wenn es dir recht ist, würde ich gern ein, zwei Stündchen lesen, und dann nehmen wir den Bus nach Nastetten, d’accord?“
Lesen war ein gutes Stichwort. Hendrix stand auf, zog „In der Aula“ aus dem Regal, schlug das Buch an geeigneter Stelle auf und reichte es seinem Großvater.
„Kannst du diese Schrift vielleicht entziffern?“
Dieter Lange lehnte die Pfeife gegen den Aschenbecher, nahm seine Brille ab und hielt sich das Buch dicht vor die Augen.
„Lustig, Junge! Hör dir das an: „Meiner liebsten Amelie mit den besten Wünschen für eine baldige Genesung – Dieter Lange.“
Hendrix stutzte.
„Soll das heißen, du selbst …“
„Ach Quatsch! Entweder hat sich jemand einen Scherz erlaubt, oder er heißt eben auch so. In der Bundesrepublik haben derzeit 762 Dieter Langes inklusive meiner Wenigkeit einen Telefonanschluss. Einer davon ging übrigens sogar mit mir zur Schule. Der ist später Priester am Niederrhein geworden. Ein ganz harter Bursche – niederrheinischer Taliban sage ich immer. Der wird es wohl gewiss nicht sein!“
Hendrix zeigte sich wenig beeindruckt, was jedoch vor allem an der Tatsache lag, dass er sich innerlich auf sein bevorstehendes Wiedersehen mit Sarah vorbereitete.
„Dieter?“
„Ja?“
„Ist man, wenn man einen Menschen liebt, automatisch mit ihm befreundet?“
Der Großvater griff zur Pfeife, die nicht mehr zog.
„Darüber muss ich erst nachdenken, Hendrix. Du stellst manchmal verblüffend knifflige Fragen!“
Lange entflammte das Feuerzeug, hielt es an den Pfeifenkopf und sog die Flamme unter Hervorbringung mehrerer P-Laute an.
„Umgekehrt gefragt wäre die Antwort leichter“, antwortete er jetzt. „Um jemanden wirklich als Freund zu empfinden, muss man ihn selbstredend lieben – auf eine gewisse Weise jedenfalls. Aber ich vermute, du zielst auf die Liebe zwischen Frauen und Männern ab, stimmt’s?“

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Leseprobe: Dumme Gedanken

Dumme Gedanken

„Marie?“ fragte ich, „Marie? Marie? Marie und wie weiter?“
Ist es Lodemeyer, ist es Habersack, ist es von Eynern, darauf war ich in diesem Moment gespannt wie auf nichts anderes. „Marie Josephs“, flüsterte die von mir nunmehr mit beiden Händen am Hals berührte Frau, die ihren Blick von mir abwandte und deutlich verlegen war. „Sie lachen hoffentlich nicht!“, so sie. „Warum sollte ich denn lachen, Marie, es ist doch nichts Komisches an Ihrem Namen, er gefällt mir sogar ausgesprochen! Aber ich bin zugegebenermaßen irritiert, ich habe nicht mit diesem Namen gerechnet“, so ich ehrlich. „Ich dachte, Sie heißen Lodemeyer oder von Eynern oder, Entschuldigung, Habersack!“ Die von mir am Hals Berührte brach nunmehr ein weiteres Mal in schallendes und wieder in jeder Hinsicht ansteckendes Gelächter aus, denn sie hatte zweifellos sofort begriffen, wie ich zu dieser meiner falschen Annahme hatte kommen können. Sie ist schnell im Kombinieren, dachte ich begeistert, und diesmal dauerte es noch länger, bis wir uns wieder beruhigten, bis sie sich ausgelacht hatte, und sie sagte, „wegen der Klingelschilder, das gibt es ja gar nicht!“

„Doch, das gibt es!“, widersprach ich, „ich habe gestern einen Spaziergang gemacht, der mich zufällig an Ihrem Hause vorbeiführte“, und ich dachte, nein, jetzt ist keine Unaufrichtigkeit am Platz und ich korrigierte mich, „ich habe einen Spaziergang zum Haus Ferdinand-Thun-Straße 2 gemacht, weil ich neugierig war, wie Sie heißen, so, jetzt ist es heraus!“

„Ja, die Namen!“, sagte sie, „ich wünschte, die Namen wären nicht so wichtig, ich habe immer gelitten unter meinem Namen, aber ich habe ihn nicht absichtlich verschwiegen, es ist mir einfach nicht in den Sinn gekommen, Ihnen meinen Namen zu nennen“, sagte Marie Josephs. „Warum haben Sie unter einem so klangvollen Namen gelitten?“, fragte ich neugierig, weil mir auf Anhieb kein Grund einfallen wollte, weshalb jemand lieber von Eynern oder Lodemeyer heißen könne als Josephs.