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Leseprobe: Isabellas Welt

Isabellas Welt

»Huch!«, quiekte Isabella Korngold so laut, dass mehrere Krähen, aber leider auch ihre Lieblingsamsel davonflogen. Sie legte Bleistift und Notenheft beiseite und blinzelte. »Die Vogelscheuchenmütze, oder wie oder was?«
Etwa zwei Meter über ihr baumelte in der beinahe kahlen Fichte etwas Buntes. Isabella stand auf, stellte sich auf die Zehenspitzen und schirmte ihre Augen gegen die gleißende Sonne ab. Dabei biss sie sich mit ihren leicht vorstehenden Schneidezähnen auf die Unterlippe. Das tat sie immer, wenn sie sich konzentrierte. Deshalb hatte sie bei ihrer Schwester Mareen den Spitznamen Kaninchen.
In der Nacht war ein Sturm mit Windstärke 10 über das Bergische Land gefegt und hatte Bäume entwurzelt, Dachziegel gelöst und Bauer Wagners Vogelscheuche, die wie durch ein Wunder stehen geblieben war, die Mütze vom Kopf geweht.
Eine Wolke schob sich vor die Sonne. Jetzt konnte man viel besser sehen.
»Ein schlapper Luftballon! Und es hängt was daran!«, murmelte Isabella. Sie sprach gern zu sich selbst – wie viele Menschen, die oft allein sind. »Eine Postkarte?« Isabella kletterte die Leiter des Hochstands hinab und sammelte so viele Kiefernzapfen auf, wie sie mit zwei Händen tragen konnte.
Freihändig stieg sie wieder hinauf – darin hatte sie bereits Übung.
Der alte Hochstand am Waldrand wurde nicht mehr benutzt, und vor ein paar Wochen hatte Isabella beschlossen: »Der gehört jetzt mir!« Seitdem war es ihr Lieblingsplatz. Herr Korngold hatte ihr geholfen, aus dem bereits etwas morschen Gestell ein gemütliches kleines Reich zu machen, mit Wänden aus Sperrholz und einer Plastikplane als Dach, die man mit wenigen Handgriffen abnehmen konnte.
Hier verbrachte Isabella ihre Nachmittage, wenn es das Wetter zuließ.
Sie zielte mit den Zapfen nach dem Ballonfetzen, traf aber nicht einmal annähernd.
»Schittischitt!«, schimpfte sie und streckte dem schlappen Luftballon ihre Zunge heraus.
In der Ferne glitzerte das Dach von Bauer Wagners Hof. Das brachte sie auf eine Idee. Heugabel! Sie konnte sich doch eine Heugabel ausleihen! Die wäre sicher lang genug, um das bunte Ding aus der Fichte zu angeln.

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Leseprobe: Freundschaftspiel

Freundschaftspiel

Die Geschichte, der Hendrix Witzl später den Titel Freundschaftspiel gab, hatte für Marie vier Stunden früher begonnen; mit einem Bimmeln der Ladentür nämlich. Hendrix erzählte sie seinem Großvater, als wäre sie seine eigene. Nach zögerlichem Beginn steigerte er sich in eine ihm selbst unbekannte Fabulierleidenschaft hinein.
Es war früher Samstagnachmittag, die Sonne brannte vom wolkenlosen Himmel herab; in der Fußgängerzone von Nastetten herrschte bereits kein Betrieb mehr und Marie freute sich schon darauf, bald den elterlichen Laden abschließen zu können.
Ihre Eltern führten eine kleine Buchhandlung, die seit der Eröffnung des Großfilialisten World of Books gleich schräg gegenüber kaum mehr etwas einbrachte; dementsprechend schlecht war auch die familiäre Stimmung, denn über kurz oder lang würde man die Buchhandlung aufgeben müssen. Maries Mutter, die sich bereits vorsorglich um eine neue Stelle kümmerte, verbrachte die Wochenenden auf EDV-Fortbildungsseminaren in der Nähe von Braunschweig; im November würde sie eine Prüfung ablegen, um dann eine Festanstellung bei Peek & Cloppenburg zu bekommen – in der Datenverarbeitung freilich, nicht im Verkauf. So jedenfalls lautete die Version für Marie und ihren Vater.
Der vertraute seiner Tochter jeden zweiten Samstag ab 13 Uhr den Laden an, da es in der letzten Stunde erfahrungsgemäß nicht mehr viel zu tun gab. Auf diese Weise konnte er sich von seinen Existenzsorgen wenigstens einen Nachmittag lang ablenken und seine geliebten Hannoveraner ansehen, wenn sie ein Heimspiel hatten. An diesem Samstag empfing Hannover 96 die Bayern aus München, es war ein Freundschaftsspiel zur Vorbereitung auf die neue Bundesligasaison. Selbst solche Details erwähnte Hendrix, obwohl er spürte, dass Dieter allmählich ungeduldig wurde.
„Marie saß hinter der Kasse und las die Witze im BuchReport, als die Schaufensterscheiben zu vibrieren begannen; direkt vor der Buchhandlung, also in der Fußgängerzone, hatte ein Kleinbus des Seniorenstifts Sankt Kunibert gehalten. Aus der Fahrerseite sprang ein junger Mann. Der Kleidung nach zu urteilen handelte es sich um einen Zivildienstleistenden. Ohne zuvor den Motor abgestellt zu haben, eilte er um das Auto herum zur Beifahrerseite, hievte einen Rollstuhl aus dem Laderaum und postierte ihn in geeigneter Weise so neben dem Kleinbus, dass er die alte Dame nur noch vom Beifahrersitz zu heben brauchte und hineingleiten lassen konnte.
Marie hatte die Szene eher beiläufig beobachtet, doch als nun die Ladenbimmel ertönte und der junge Mann den Rollstuhl samt Dame hereinschob, erhob sie sich vom Kassentresen und schritt auf die Kundschaft zu.
„Das muss sie sein. Was für ein Glück!“, erklärte die Dame ihrem Begleiter. „Den Rest mache ich schon! Kannst in Ruhe nach deiner Katze sehen. In einer halben Stunde erwarte ich dich hier wieder zurück!“
Sekunden später entfernte sich der Kleinbus, abermals vibrierten die Scheiben.
„Wann ist hier Ladenschluss?“, fragte die Dame mit leicht näselnder Stimme. Sie machte einen eleganten Eindruck in ihrem grauen Kleid.
„Genau genommen in drei Minuten“, antwortete Marie. „Aber es kommt nicht so darauf an. Was darf ich denn für Sie tun?“, fügte sie schnell hinzu, denn ihr Vater hatte sie beschworen, jeden Kunden wie ein rohes Ei zu behandeln.
„Wenn du mir zunächst vielleicht ein Glas Wasser bringen könntest …, ich verdurste nämlich und außerdem muss ich meine Pille schlucken.“
Marie war bereits auf dem Weg zur Kochnische, als die Dame ihr hinterherrief: „Am besten, du schließt jetzt schon mal ab. Ich möchte nämlich nicht gestört werden!“
„Als ich mit dem Wasser kam, bat mich die Dame, sie in die Kinderbuchecke zu schieben. Damit uns niemand durch die Fensterscheibe beobachten konnte. Ein bisschen unheimlich war mir das Ganze schon, kannste dir ja sicher denken. Aber so richtig gefährlich kam mir die Alte auch nicht vor, denn sie saß ja im Rollstuhl. Ich tat ihr also den Gefallen. Jetzt sollte ich mir einen Stuhl holen und mich ihr gegenüber setzen. Was will die nur, habe ich mich gefragt.“
„Du erzählst, als wärest du selbst dabei gewesen!“, sagte Dieter Lange.
„Wolltest du doch, oder nicht?“, gab Hendrix zurück.
„Also: Was wollte sie?“, versuchte Dieter Lange die Ausführungen seines Enkels zu forcieren.
„Du wirst mir vielleicht nicht glauben, aber pass auf: Sie erzählte Marie, dass sie an MS leide und schon seit sieben Jahren im Rollstuhl sitzt. Und dass ihre beiden Söhne in München leben und sie, seitdem sie im Sankt-Kunibert wohnt, noch nie besucht haben. Ihr früherer Ehemann schon gar nicht; der hat sie verstoßen, als sie noch gesund war. Mittlerweile ist er tot.“
Hendrix hatte bis zu dieser Stelle noch nicht Feuer gefangen. Nun folgte jedoch ein Detail, das ihn aufmerken ließ und das er dem Großvater mit gesteigerter Lautstärke präsentierte, weil er gegen einen ganz in der Nähe aufheulenden Moped-Motor ankämpfen musste, wie auch in Filmen die Hintergrundmusik oft lauter wird, wenn es zu einer entscheidenden Stelle kommt.
„Zwanzig Millionen hat der ihr angeblich hinterlassen. Muss man sich einmal vorstellen! Zwanzig Millionen. Aber sie hat nichts davon gekriegt. Nicht einen Cent. Ihre Söhne bezahlen das Altersheim und ein Taschengeld, sonst nichts. Weil sie irgendwann mal, als es ihr schon sehr schlecht ging, einen Vertrag unterschrieben hat, den sie gar nicht kapierte. Der sie voll über den Tisch zog. Du musst dir das mal vorstellen, zwanzig Millionen …“
„Aber dagegen kann man doch gerichtlich vorgehen!“, sagte der Großvater.
„Weiß ich nicht. Hat sie vielleicht ja auch versucht. Vielleicht war sie dazu schon zu schwach und zu krank, oder vielleicht hatte sie niemanden, der sie dabei unterstützte. Soll ich jetzt also weitererzählen oder nicht?“ Hendrix’ Stimme klang aufgebracht.
„Sicher, sicher!“ Der Großvater stopfte seine Pfeife. „Bin gespannt, worauf das jetzt überhaupt hinausläuft!“
Das Motorengeräusch erstarb urplötzlich, die friedliche Abendstimmung war wiederhergestellt. Vom „Goldener Hirsch“ wehte La Paloma herauf, aber leise genug, um nicht das Muhen der Milchbauerkühe zuzudecken.
Hendrix fuhr fort mit seinem Bericht.
„Auch Marie hatte sich die ganze Zeit gefragt, warum die Dame ihr das alles erzählte. Nun erfuhr sie es und sofort war sie von der Sache gefesselt, was sie durch die Art und Weise, in der sie mir davon erzählte, deutlich machte. Du hättest sehen müssen, wie sie dabei geguckt hat!“ Hendrix’ Wangen glühten jetzt regelrecht.
„Einen Menschen gibt es, den die alte Dame seit ihrer Jugend liebt. Den sie auch geheiratet hätte, wäre die Ehe nicht für ihn eine kleinbürgerlich-spießige Institution gewesen, die er verachtete. Und jetzt rate mal, von wem ich rede!“

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Leseprobe: Dumme Gedanken

Dumme Gedanken

Von den meisten Reisen, die ich mit von mir keinesfalls geliebten oder sogar sukzessive verhassten Personen unternommen habe, existieren heute Fotos, die ich selbst oder aber meine Gefährten geschossen haben, immer nur zu dem einen Zweck, Erinnerungen zu sichern, derer zu erinnern sich rückblickend in keiner Weise gelohnt hat, das weiß ich heute. Im Gegensatz dazu nun diese Aufnahmen, die mir nicht vorliegen. Sie wären mir die wichtigsten gewesen, die allerwichtigsten sogar. An einige der nun nicht vorliegenden Bilder konnte ich mich noch gut erinnern, denn der neu gekaufte, wegen Marie angeschaffte Fotoapparat hatte ein sogenanntes Display; auf diesem Display erscheinen die Aufnahmen, die man geschossen hat, noch etwa fünf Sekunden, damit man sich vergewissern kann, ob hinsichtlich der Qualität, sprich Bildausschnitt, Schärfe oder Helligkeit, alles zur Zufriedenheit des Schützen bestellt ist, oder ob Nachschussbedarf besteht. In meinem Fall hatte einige Male Nachschussbedarf bestanden, weniger der Schärfe oder Helligkeit wegen, sondern weil ich die Aufnahme um Sekunden zu früh oder zu spät ausgelöst hatte, und ich empfand diese Kontrollmöglichkeit als echten Fortschritt im Vergleich zu den Ergebnissen, die ich mit meinem alten Fotoapparat, einer Kodak Instamatic, erzielt hatte. Das könnte ich notfalls beweisen, Schränke voller Urlaubserinnerungsfotos habe ich in meiner Wohnung, aber ich öffne diese Schränke gar nicht, scheue vor diesen Schränken regelrecht zurück, damit ich sie nicht womöglich öffne aus Langeweile oder Selbstbestrafung. Habe ich während einer Reise beispielsweise mit Absicht überhaupt keine Fotos geschossen, weil mir schon während dieser Reise bereits klar war oder zumindest wurde, dass ich mich nicht an sie würde erinnern wollen, haben naturgemäß andere diese Fotos geschossen und mir später mehr oder weniger gegen meinen Willen zukommen lassen, in Erinnerung an, wie häufig auf der Rückseite zu lesen ist. Oft habe ich mich sogar dafür bedankt lächerlicherweise! Habe ich selbst ganz bewusst bei einer Reise nicht fotografiert, fotografierte stets ein anderer oder eine andere, und immer habe ich die Resultate dieses Fotografierens später entgegennehmen müssen, ohne dass ich um sie gebeten hätte, und immer habe ich mich bedanken müssen für diese Aufnahmen, die von denen, die sie gemacht hatten, meistens als reizend oder entzückend bezeichnet wurden; ich habe sie dann selbst auch als reizend oder entzückend bezeichnet und mich bedankt und meine Schränke damit gefüllt, ohne sie mir je wieder anzusehen. Das ist Tatsache. Im Grunde stehe ich der Fotografie immer dann ablehnend gegenüber, wenn sie nicht als Ausdruck künstlerischer Ambition, sondern als Erinnerungsvehikel dient, was immer der Fall war bei den Fotos, die ich oder meine Reisegefährten geschossen haben, allesamt sogenannte Schnappschüsse, die nichts anderes als verlogen und pervers waren, denn immer wurde unter dem Vorwand des Hintergrundes, sei es ein berühmter Berg oder der Eiffelturm oder ein Wasserfall, irgendein lachendes blödes Gesicht gezeigt auf diesen Bildern, und ich weiß noch gut, dass ich bei einer Reise der unglücklichste Mensch war und ausschließlich gelitten habe und nichts als Heimweh nach meinen eigenen vier Wänden gehabt habe. Nachher hielt ich allerdings zwanzig, dreißig Fotos in meinen Händen, auf denen ich lächle oder sogar lache, vor dem Eiffelturm oder einem berühmten Berg, und ich weiß nur zu gut, dass mir während der ganzen Reise nicht ein einziges Mal zum Lachen gewesen war oder zum Lächeln, aber das scherte sie nicht, die Schnappschießer. Im Gegenteil. Ist auf einem dieser Urlaubsserien einmal ein Foto dabei gewesen, auf dem nicht in der beschriebenen Weise gelacht oder gelächelt wurde, zerrissen sie es auf der Stelle und schenkten es mir nicht, weil sie glaubten, ich vergäße alles Gewesene, die Niederträchtigkeiten und Verheerungen, die die Reise mit sich gebracht hatte. Sie schenkten mir dafür Schränke voller Lächel- und Lachfotos. Das sind die verlogenen und perversen Erinnerungsvehikel, die ich ablehne und wie nichts auf der Welt hasse. Ich gehe aber doch tatsächlich her und nehme sie in Empfang und bedanke mich und entblöde mich nicht einmal, sie auch noch reizend und entzückend zu nennen, bevor ich sie in meine Schränke sperre auf nimmer Wiedersehen. Meine Aufnahmen, die jetzt nicht vorliegen, waren keine Lächel- oder Lachaufnahmen, das will ich betonen. Die Stunden, die ich mit Marie in Noordholland, am Meer, verbracht hatte, verliefen weitestgehend lächelfrei, meine Fotos hätten es bewiesen.
Gibt man eine Speicherkarte ab, so denke ich jetzt, liefert man sich aus auf Gedeih und Verderb, genauso wie man, als es noch nicht Speicherkarten und derlei Medien gab, einen Film einreichte und sich damit auf Gedeih und Verderb auslieferte, vorausgesetzt, die geschossenen Aufnahmen waren einem wichtig. Gibt man einen Film ab, kann man nicht ausschließen, dass man ihn aufgibt, wie seinen Urin beim Arzt; auf Ärzte trifft alles das zu, was auf andere Verkäufer und Moodymartler in der ganzen Welt auch zutrifft, auch der Arzt haftet nicht für eine verdorbene oder möglicherweise vertauschte Entgegennahme, und der Arzt konstatiert und diagnostiziert dann Krebs oder eine andere tödliche und in jedem Fall immer scheußliche Krankheit, mit der er dich vor den Kopf stößt, und sie schneiden dir alles heraus und du erlebst, überlebst diese Herausschneidungen mit knapper Not, und letztendlich hast du dich aufgegeben wie einen zu entwickelnden Film, der angeblich bereits belichtet gewesen sei, wie eine angeblich leere Speicherkarte, und dann stellt es sich womöglich heraus, dass es gar nicht dein Urin war, der analysiert worden war, sondern ein ganz anderer Urin. Dieses Glück hat man aber meistens nicht; meist stirbt man zuvor aufgrund seines abgegebenen Urins an den Herausschneidungen, die für einen menschlichen Körper ja immer die größte Zumutung sind, wie ich am eigenen Leibe erfahren habe. Das Glück, dass dir ein Arzt zugibt, er habe den falschen, also nicht deinen Urin untersucht und analysiert, hat man normalerweise nicht. Meistens sagen sie es einem nicht, dass sie den falschen Urin analysieren, oder sie sagen es, nachdem sie alles aus dir herausgeschnitten haben und du längst von ihnen vernichtet bist und an dieser Vernichtung stirbst, weil sie zu viel war für dich und weil dir das Wissen, dass es gar nicht dein Urin war, der zu deiner Vernichtung geführt hat, längst nichts mehr nützt und im Grunde gar nicht mehr hätte erwähnt werden müssen. Wer sagt denn überhaupt, dass diese Speicherkarte, die mir der arrogante Moodymartler mit dem Hinweis ausgefolgt hat, sie sei ohne Daten gewesen, also leer, überhaupt die meine war?
Gibst du eine Speicherkarte ab, begibst du dich in die gleiche tödliche Abhängigkeit und Unberechenbarkeit, denn du weißt ja nicht, was sie mit deiner Speicherkarte machen in ihren Rechnern. Es kann die dir wichtigste Speicherkarte sein, und du gibst sie ab und man sagt dir, sie sei leer, obwohl du das ausschließen musst, aber du kannst es nicht offiziell ausschließen, weil du es nicht beweisen kannst naturgemäß. Für mich waren die auf meinem abgegebenen Medium gespeicherten Daten die wichtigsten. Fast möchte ich behaupten, es ist leichter zu beweisen, dass der von dir abgegebene Urin nicht der von den Ärzten letztendlich analysierte ist, als eine Speicherkarte, die du abgibst und danach nichts mehr in der Hand hast; in ein Röhrchen pinkeln kannst du zur Not noch ein weiteres Mal, aber diese Aufnahmen von Marie, die ich während unserer gemeinsamen Ansmeerfahrt geschossen habe, sind einmalig und nicht zu wiederholen. Ich hätte in diesen Moodymart am Werth nicht hineingehen dürfen, hätte meiner Abneigung gegen diese Kette mit den unsäglichen Werbespots trauen sollen und nicht hineingehen, dann wäre mir meine Bestürzung erspart geblieben, denke ich heute. Jahrelang halten wir uns an Abmachungen, die wir mit uns selbst getroffen haben aus gutem Grund, und auf einmal ändern wir spontan unser bewährtes Verhalten und weichen spontan von den Abmachungen ab und richten auf der Stelle den schlimmsten Schaden an, suchen eine Filiale dieser Firma auf, die mit dem Slogan Ich bin doch nicht blöd wirbt und haben uns obendrein noch der Arroganz der Schädiger zu erwehren und sind naturgemäß bestürzt. Es ist deine eigene Schuld, sagte ich mir immer wieder, du hättest dich auf dein Gefühl verlassen sollen, das dich immer vor Mediamärkten, nicht nur dem am Werth, gewarnt hat, aber du bist doch spontan hineingegangen und hast einen digitalen Fotoapparat gekauft samt Speicherkarte, die du mit Daten gefüllt hast, indem du Marie fotografiert hast; diese Speicherkarte hast du mit all den kostbaren Aufnahmen leider im Moodymart abgegeben nach deiner Ansmeerfahrt, von wegen ich bin ja nicht blöd und du brauchst dich gar nicht zu wundern, dass du jetzt deine Marieaufnahmen nicht hast. Es ist deine eigene Schuld, immer wieder sage ich mir das, ohne dass es mich beruhigt, weil mir der Verlust der von mir diesmal mit Bedacht geschaffenen Erinnerungsvehikel geradezu Schmerzen verursacht. Du hättest die spontane Reise mit der geliebten Frau gar nicht erst antreten sollen oder zumindest nicht fotografieren sollen während dieser Spontanreise, dann wäre jetzt keine Bestürzung nötig, so denke ich wieder und wieder, mich meiner grundsätzlichen Abneigung gegen das Reisen und meiner grundsätzlichen Abneigung gegen das Fotografieren erinnernd. Vor allen Dingen hättest du deine Speicherkarte nicht ausgerechnet im Moodymart am Werth, in den du nie hast hineingehen wollen, abgeben und aufgeben sollen. Noch dazu, wo es sich bei diesen Erinnerungsvehikeln diesmal tatsächlich um einmalige Aufnahmen gehandelt hat, da auf allen Aufnahmen ein von mir geliebter Mensch zu sehen gewesen wäre, diese wunderbare Frau, die ich übrigens erst am Tag vor Antritt unserer Reise kennengelernt und zu dieser Spontanreise überredet hatte, einige Male sogar in kreatürlichem Zustand, also nackt; in jedem Falle immer schön und reizend, wie ich mich erinnere. Die Nacktaufnahmen habe ich mich zuerst gar nicht zu schießen getraut, um die Frau nicht vor den Kopf zu stoßen und sie nicht einzuschränken in ihrer spontanen Unbeschwertheit, die sie während der ganzen Reise an den Tag gelegt hat, nach und nach immer mehr; aber sie selbst hat mich dann darum ersucht, „drück doch mal ab“, hat sie gesagt und dabei dieses einmalige Marielächeln an den Tag gelegt. Sie selbst hatte mein Fotografieren, genauer ihr Fotografiertwerden, angeregt, und in diesem Moment war sie vollkommen nackt gewesen, hat aber nicht gelächelt. Später hat es mir nichts mehr ausgemacht, wie man sagt, und ich habe sie einige Male nackt aufgenommen, weil ja im Grunde nichts dabei ist, wie auch sie mir mehrere Male sagte, es sei doch nichts dabei!, warum denn eigentlich nicht? Auf all diesen Aufnahmen wäre die von mir am Tag vor meiner Reise erst kennengelernte und dann bald auf das heftigste geliebte Frau zu sehen gewesen, mitunter sogar lächelnd, was mir in diesem Falle aber nichts ausgemacht hätte, da es sich nicht um Vorwandsaufnahmen gehandelt hat wie vor einem berühmten Berg oder einem Wasserfall oder dem Eiffelturm, sondern um lebensverändernde, das muss betont werden. Zuerst wunderte ich mich naturgemäß, dachte, dass sie sich hier auszieht, noch dazu vor mir, einem Mann, den sie nicht einmal kennt, aber dann verstand ich, dass sie sich nach diesem Sich-ruhig-auch-mal-ausziehen-können wahrscheinlich schon lange gesehnt hatte, und es liefen an diesem Strand ja viele Menschen, Frauen vor allem, unbekleidet herum, schon als wir angekommen waren am Meer.
Wie sich denken lässt, wunderte ich mich und fragte mich zuerst, warum geniert sie sich nicht, und ich verstand, dass sie sich sehr wohl genierte, aber so viele Frauen und auch einige Männer liefen unbekleidet durch den Sand oder lagen auf Handtüchern, dass wir uns in unserer mitgebrachten jahrelangen, jahrzehntelangen, lebenslangen Zugeknöpftheit miteins geradezu lächerlich vorkamen und uns ebenfalls auszogen nebeneinander, auch wenn wir uns nicht kannten.