Leseprobe: Fiona – Götter (Die Kristallwelten-Saga 10)

Ein Traum. Es ist alles nur ein beschissener, verdammter Traum.
Durch meine geschlossenen Augen dringt das schummerige Tageslicht, weil der Vorhang zugezogen ist. Und aus der Ferne dringen Geräusche an meine Ohren. Eigentlich nur an mein rechtes, denn mein Kopf liegt auf dem anderen. Mein Ohr und mein Kopf liegen auf etwas Weichem.
Kissen. Es wird das Kissen sein.
Ich liege auf dem Bauch in einem Bett. In meinem Bett. Den Kopf nach rechts gedreht. Und wenn ich die Augen öffnen würde, müsste ich meine Hand sehen. Meine rechte Hand.
Ich befeuchte meine trockenen Lippen und öffne die Augen.
Meine rechte Hand liegt da, wie vermutet. Die Finger sind leicht gekrümmt. Ich versuche, sie zu bewegen, was einwandfrei klappt. Ein gutes Zeichen.
Kein gutes Zeichen ist, wie ich mich fühle. Wie ausgekotzt. Also wie nach dem Sterben und dem Regenerieren anschließend. Das passt nicht wirklich zu einem Traum.
Aber wo zum Teufel bin ich dann?
Und was ist überhaupt passiert, verdammt nochmal?
Ich hebe langsam den Kopf und sehe mich um. Tatsächlich liege ich in einem Bett, tatsächlich ist das Licht irgendwie gedämpft, tatsächlich dringen irgendwelche weit entfernten Geräusche an meine Ohren.
Aber das ist nicht mein Bett. Ich bin nicht in meinem Zimmer. Das ist weder mein Elternhaus noch Katharinas Anwesen. Eigentlich habe ich nicht die geringste Ahnung, ob es überhaupt ein Gebäude ist.
Die Wand, auf die ich blicke, ist goldbraun. Von einer Art Stoff bedeckt. Es sieht aus, als würde dieser leuchten. Nicht wie damals unter der Stadt, wo wir Goldie begegnet waren. Es ist ein hellerer Ton, mehr Gold als Braun.
Von hinten höre ich plötzlich etwas, wie Flügelschläge. Ich spüre die Luftbewegung. Das muss ein riesiger Vogel sein, ein Adler oder noch größer. Aber was …?
Die Flügelschläge verstummen, dafür erklingen Schritte.
Und eine weiche, männliche Stimme.
„Du bist wach?“
Ich fahre auf dem Bett liegend herum und starre entgeistert das Wesen an, das am Fußende steht und mich freundlich anlächelt, während es seine Flügel hinter dem Rücken zusammenlegt.

Ich beobachte den ankommenden Nomu. Seine Flügel sind gestreckt, er schwebt majestätisch auf mich zu. Im Hintergrund sehe ich das, was er Miko-Nomana nannte: die Residenz seines Mikos, des Gottes dieser Mikoman. Mir raucht der Kopf von den vielen Namen, die er genannt hat, bevor er vorhin davonflog, um eben mit jenem Miko darüber zu reden, was mit mir geschehen soll.
Er sieht gut aus, das steht fest. Mich überragt er um Köpfe, ich schätze ihn auf 220 cm. Die langen, schwatzen Haare fallen auf seine breiten Schultern, zumindest wenn er nicht gerade durch die Gegend fliegt. Und er hat unglaublich tief wirkende, hellgrüne Augen.
Ich sitze am Rand seiner Wohnung. Wohnung ist vielleicht nicht der richtige Begriff dafür. Aber so hat er es genannt. Meine Füße baumeln in der Luft, mehrere hundert Meter über dem Boden. Ich kann die Wohnungen der anderen Engel sehen. Wobei, sie heißen nicht Engel, sondern Mikonos. Aber sie sehen definitiv wie Engel aus.
Die Wohnungen sind wie Waben an den Wänden des Gebildes, in dem wir uns befinden, angebracht. Wie auch immer. Zur Innenseite hin haben sie keine Wand und es gibt keine Treppe nach unten. Wozu auch, alle Mikonos können fliegen.
Während ich auf Nomu gewartet habe, versuchte ich, die Waben zu zählen. Also die Wohnungen. Dabei musste ich mich konzentrieren, mich nicht von den vielen Mikonos ablenken zu lassen, die durch die Gegend flogen. Einige beobachteten mich, andere nicht.
Eine Wand der Mikoman, diesem Gebilde, in dem wir uns befinden und das eine Quaderform zu haben scheint, dürfte zehn Kilometer breit sein, vielleicht auch etwas mehr. Es gibt genau 100 Reihen an Wohnungen, und das auf, sagen wir mal, 10 Kilometer Breite, an jeder Wand. Eine Wabe ist 100 Meter breit, ziemlich genau, da ich von einer Wand zur anderen in der Wohnung von Nomu gegangen bin und meine Schritte gezählt habe.
In einer Reihe sind also 100 Wohnungen, oder mehr. Mal 100 Reihen, macht pro Wand 10.000 Wohnungen, in der gesamten Mikoman 40.000.
Ach du verdammte Scheiße! 40.000 Engel??
Ihr verdammten, verfluchten, verfickten Götter! Ich will ein Handbuch für diese Welt! Jetzt sofort!
Und ich will Katharina zurück! Auch sofort!
Da die Landebahn mit 100 Metern breit genug ist, bewege ich mich nicht, als Nomu in seine Wabe gleitet und landet. Erst weiter hinten gibt es Trennwände für die einzelnen Räume, beispielsweise für das Schlafzimmer, in dem ich vorhin aufgewacht bin.
„Hast du keine Angst, herunterzufallen?“, erkundigt sich Nomu.
„Nein.“
„Wieso nicht? Nomos haben Angst vor der Höhe.“
„Wer?“
„Nomos. Ungeflügelte, gewöhnliche Sterbliche, wie du.“
„Ich bin vielleicht ungeflügelt, aber ganz sicher keine gewöhnliche Sterbliche.“
„Du bist ungewöhnlich?“, fragt er und lächelt sanft.
„Ungewöhnlich und unsterblich.“
„Unsterblich?“ Statt zu lächeln, runzelt er nun die Stirn.
Seufzend erhebe ich mich und trete vor ihn. Dabei komme ich mir wie ein Zwerg vor. Bin ich ja auch, im Vergleich zu ihm.
„Was hat die Nachfrage ergeben?“
„Hm. Du verhältst dich auf jeden Fall seltsam.“
„Das ist bei mir der Normalzustand.“
„Und du hast keine Angst vor mir.“
„Sollte ich?“
„Ich könnte dich töten. Oder zwingen, mir zu Gefallen sein. Und danach töten.“
„Keine Ahnung.“
„Wie meinst du das?“
„Bisher war ich unsterblich und ob du überhaupt stärker bist als ich, steht auch noch nicht fest.“
„Wir können es ja ausprobieren.“ Seine Flügel spannen sich auf, dabei sehe ich, dass sie scharfe Kanten haben. Ziemlich scharfe. Gut zum Köpfen. „Oder erst später. Der Miko will dich sehen.“ Er fährt seine Flügel wieder ein. „Eigentlich weiß ich gar nicht, ob ich möchte, dass du mir zu Gefallen bist.“ Er lacht kurz auf.
Scheint einen seltsamen Humor zu haben. Irgendwie mag ich ihn trotzdem. Oder gerade deswegen.
„Du kannst ja noch darüber nachdenken, und ich überlege mir bis dahin eine freundliche Formulierung für mein Nein. Wie kommen wir zum Miko? Oder soll ich alleine dorthin?“
„Ich bringe dich hin“, erwidert er knapp. Scheint ihm nicht zu gefallen, was ich gesagt habe.
Scheiß drauf.
Als er sich vorbeugt und seine Arme unter meine Kniekehlen und Schultern schiebt, versteife ich mich reflexartig. Es kostet mich viel Überwindung, mich nicht zu wehren, doch ich schätze, das wäre der falsche Zeitpunkt.
Also konzentriere ich mich lieber darauf, so viel wie möglich zu beobachten. Sehr unwahrscheinlich, dass es tatsächlich noch ein Handbuch gibt.
Nomu entfaltet seine Flügel, dann tritt er aus seiner Wohnungswabe und gleitet geschmeidig durch die Luft. Seine großen Flügel bewegen sich nur leicht.
Ich beobachte seine Wohnung. Eine riesige Öffnung von vielen. Von hunderten. Tausenden. In was für eine Scheiße bin ich nur schon wieder geraten? Zum Kotzen, echt.
Ich betrachte jetzt das Gebilde, auf das wir zufliegen. Es ist eine Art Rondell und nur wenige Kilometer breit. Die Grundform wohl auch rechteckig oder sogar quadratisch, also eigentlich kein Rondell. Ich schätze die Entfernung von den Waben auf etwa drei Kilometer.
Spannend ist die Wendeltreppe, die von der Mitte des Gebildes nach unten führt. Und nun sehe ich auch, dass sie durch den Boden weiter nach unten geht. Viel weiter, wenn mich nicht alles täuscht.
Fuck! Gibt es da etwa noch mehr von den Mikonos? Und ihren Waben?
„Wohin führt die Treppe?“, erkundige ich mich. „Das hier vor uns ist ja …“
„Die Miko-Nomana, die Residenz des Mikos dieser Mikoman. Da unten wohnen die Nomos.“
„Die Ungeflügelten?“
„Ja.“ Endlich lacht er wieder.
„Ist es da auch so groß wie hier? Das sind ja mindestens 40.000.“
„48.000. Der Nomoman, in dem die Nomos wohnen, ist viel größer. Du weißt gar nichts über diese Welt?“
„Doch, aber ich will nur testen, ob du es auch weißt.“
„Ich könnte dich fallen lassen“, sagt er nach einem Moment. „Wenn du wirklich unsterblich bist, müsste es dir ja egal sein.“
„Ist es auch.“
„Dann findest du es bestimmt schade, dass ich es nicht tue, weil der Miko dann warten müsste, was wir nicht wollen.“
„Auf jeden Fall.“
Er sagt jetzt nichts mehr, und das ist auch gut so, denn ich hätte wahrscheinlich sowieso Probleme, auch nur einen einzigen vernünftigen Satz zustande zu bringen. Wir fliegen jetzt über die Miko-Nomana. Wenn es 48.000 Wohnungswaben gibt, dann ist eine Wand etwa 12 Kilometer lang. Und dann hat diese Miko-Nomana eine Seitenlänge von 6 Kilometern.
Fuck!
Von oben sieht es aus, als wären es Lustgärten. Nur die Farbe stimmt nicht ganz. Es gibt Wasser, das ist weiß, und es gibt auch Pflanzen, in unterschiedlichen Größen und Formen, aber alle leuchten goldfarben. Alle. Weißes Wasser und goldene Pflanzen.
Das ist ja noch krasser als die Welt über uns!
Und Lustgärten, die aus einem japanischen Liebesfilm sein könnten! Pavillons, verschlungene Wege, Sitzbänke, Brunnen, Wasserläufe – alles da. Nur eben weißes Wasser und goldfarbene Pflanzen.
Ich schließe kurz die Augen, was von Nomu prompt falsch interpretiert wird.
„Ist dir schlecht?“
„Nein.“
Nach einem kleinen Schlenker fliegt er auf einen größeren Pavillon zu. Er ist rund, das Dach läuft in einer Spitze nach oben. Irgendwie sehr kitschig.
Wir landen auf dem Weg vor dem Pavillon, von dem eine Treppe nach oben führt, und er setzt mich ab. Eigentlich hat es sich nicht schlecht angefühlt, von ihm gehalten zu werden. Er riecht gut und ich konnte seine Kraft fühlen. Hoffentlich werde ich nicht gezwungen sein, ihm wehzutun oder ihn gar zu töten. Das würde mir nicht gefallen.
„Ist der Miko im Pavillon?“
Er nickt.
Ich mustere die Treppe, dann gehe ich die paar Stufen hoch. Das Material erinnert mich an Holz, aber müsste es dann nicht goldfarben sein. Ach, egal jetzt. Es gibt Wichtigeres.
Im Pavillon steht eine riesige Ausgabe einer goldenen Pflanze, in einem Kübel, mittendrin. Um den Kübel herum eine gepolsterte Sitzbank. Nur die Stelle, wo die Stufen hochkommen, ist sie nicht. Logisch, müssten ja sonst darüber klettern. Wer will das schon? Bestimmt nicht, wenn man ein Miko ist. Was das auch immer bedeutet.
Der Miko sitzt gegenüber dem Eingang, ich sehe ihn erst, als ich um den Kübel herum gehe. Er ist noch etwas größer als Nomu, aber nicht ganz so schön. Er wirkt älter, obwohl er keine grauen Haare hat, sondern goldfarbene. Und er müsste vielleicht Sport oder eine Diät machen. Wobei, ist das in dieser Welt wichtig?
Zu seinen Füßen, auf dem Boden, drei Grazien. Okay, vielleicht keine Grazien. Auf jeden Fall drei Menschen, also Ungeflügelte, also Nomos. Sie wirken eingeschüchtert und ich weiß grad nicht, ob wegen mir oder wegen des Mikos. Sie tragen nur kurze Röcke, vielleicht auch was darunter, aber sonst jedenfalls nichts.
Nomu bleibt in einiger Entfernung vor ihm stehen und verschränkt die Hände hinter dem Rücken. So standen auch die Bodyguards vom Krogman in der Gegend herum. Hat dieser Kerl etwa 48.000 Bodyguards?
Er beobachtet mich. Seine Augen sind hellbraun und verleihen ihm einen wachsamen Eindruck.
„Sie sieht aus wie alle Ungeflügelten“, sagt er schließlich an Nomu gewandt. „Warum hast du sie hergebracht?“
„Urteilst du nach dem Äußeren?“, erkundige ich mich. „Ein großer Fehler, den schon viele vor dir begangen haben!“
Sein Blick schwenkt zu mir. Ob verärgert oder amüsiert, kann ich nicht eindeutig erkennen.
„Kein Nomos würde es wagen, so mit einem Miko zu sprechen.“
„Ich bin ja auch keiner.“
„Was bist du dann? Eine Garana? Dafür siehst du viel zu gepflegt aus. Ein Zoman? Oder vielleicht das Experiment eines Mikos, und dein Herr sucht dich schon verzweifelt.“ Er lacht auf und Nomu lacht mit. Allerdings wohl eher, weil er muss, nicht weil er es lustig findet. „Also, was bist du? Ist dein Platz hier, bei diesen?“ Er deutet auf die Grazien, die das wohl nicht so gut finden. Sie wirken noch nervöser als sowieso schon.
„Ich schätze mal, eher nicht. Okay, hör zu, ich habe nicht die geringste Ahnung, wieso ich hier bin. Wahrscheinlich ein schlechter Scherz. Ich habe auch keine Ahnung, wer oder was du bist. Ich will nur meine Freunde suchen und dann gehen wir wieder.“
„Gehen? Wohin denn?“
Ich mache eine ausladende Bewegung mit den Arme. „Keine Ahnung. Weiter, in die nächste Welt.“
„In die nächste Welt? Willst du behaupten, du kommst aus einer anderen Welt?“
Das klingt, als wüssten sie davon, dass es andere Welten gibt. Seltsam.
„Ja, das tue ich.“
„Und wieso bist du hier?“
„Das wüsste ich auch gern.“
Der Miko starrt mich an. Ich frage mich, worüber er nachdenkt. Mein Gefühl sagt, dass er mir nicht glaubt. Dafür spricht auch, dass er sich schließlich abwendet und zu Nomu sagt, ohne ihn anzusehen: „Schaff sie fort.“
Na toll.
Ich beobachte den hübschen Engel, der mit einem bedauernden Gesichtsausdruck auf mich zukommt. Hinter seinem nackten Oberkörper kommen die Flügel hervor, er greift nach mir.
Mit der offenen Hand schlage ich dorthin, wo bei gewöhnlichen Menschen der Solarplexus ist. Das stoppt ihn.
„Worauf wartest du noch?“, fragt der Miko, er schaut nicht einmal hoch dabei, denn seine Aufmerksamkeit gilt einer der Grazien, die größer und vollbusiger ist als die anderen beiden.
„Sie ist ungewöhnlich stark“, erwidert Nomu überrascht.
„Das war noch gar nichts“, erwidere ich. „Ich wollte dich nicht verletzen. Geh mal bitte ein paar Schritte zurück, ich möchte dir nicht die Flügel stutzen müssen, wenn du versuchst, mir den Kopf abzuschneiden.“
Er schüttelt den seinen, dann packt er blitzschnell meine Schultern und hebt mich hoch. Ich trete mit beiden Füßen gegen seine Brust, das lässt ihn zurückfliegen und ich falle auf die Füße.
Der Miko reißt den Kopf hoch und starrt den Mikono an.
Ich würde am liebsten meine Schultern massieren, der Engel hat einen verflucht harten Griff. Aber ich halte mich zurück. Sie sollen nicht auf falschen Gedanken kommen.
„Sie ist auf keinen Fall ein Nomos“, sagt Nomu, während er sich langsam erhebt. „Nicht einmal die stärksten Goranas haben so viel Kraft!“
Wenn ich nur herausfinden könnte, was das schon wieder für Wesen sind. Na ja, wahrscheinlich werde ich es herausfinden. Ich werde diese Welt ganz sicher nicht verlassen, bevor ich Katharina und die anderen gefunden habe.
„Das ist noch längst nicht alles, was ich kann“, sage ich, einer Eingebung folgend. Auch wenn ich bezweifle, es hier mit echten Engeln oder gar einem echten Gott zu tun zu haben, so spricht Einiges dafür, dass sie Magie kennen.
Ich strecke meine rechte Hand mit der Handfläche nach oben vor und lasse eine kleine Flamme züngeln. Das reicht, um die Grazien in Panik davon kriechen zu lassen. Nomu und der Miko bleiben auch nicht unbeeindruckt.
„Soll er mich immer noch fortschaffen?“
„Nein.“ Der Miko gibt den Grazien ein Handzeichen, woraufhin diese sich erheben und mit gesenkten Häuptern davoneilen. Dann berührt er die Sitzbank rechts von sich. „Setz dich.“
Ich zögere nur kurz, dann lasse ich die Flamme verschwinden und gehorche. Nomu stellt sich wieder vor dem Miko auf, wie vorhin schon mit vor der Brust verschränkten Armen und in einigem Abstand. Seine Miene verrät nicht, was er über mich denkt.
Ich schlage das rechte Bein über das linke und lasse die rechte Hand locker vom Knie hängen. Die andere Hand lege ich auf den rechten Unterarm. Auf diese Weise sitze ich, scheinbar entspannt, dem Miko zugewandt und kann sehr schnell mit der linken Hand agieren. Falls nötig. Vielleicht ja nicht. Ich hoffe es.
„Du sagst also, du kommst aus einer anderen Welt?“, setzt der Miko unsere kurz unterbrochene Unterhaltung fort. Ob er mir glaubt, wage ich nicht zu sagen, aber zumindest bin ich für ihn keine gewöhnliche Ungeflügelte mehr, das steht fest.
„Ich sage es nicht nur, es ist auch so“, erwidere ich.
„Und wieso bist du hier?“
„Wie ich schon sagte, habe ich keine Ahnung.“
„Aber du musst ja irgendwie hergekommen sein.“
„Genau, irgendwie. Hilf mir, meine Freunde zu finden, dann gehen wir wieder und lassen euch in Ruhe. So schwer kann das ja nicht sein.“
„Meinst du?“, fragt er lächelnd. „Wieso glaubst du das?“
„Diese Welt wirkt nicht sehr groß …“
Ich ahne Schlimmes. Sein Blick sagt mir, dass ich mich da wohl irre. Und zwar gewaltig.
„Nun, es ist wahr, eine Mikoman ist nicht so groß. Hier leben neben mir 48.000 Mikonos und 1,2 Milliarden Nomos. Allerdings gibt es 150.000 Mikoman.“
Ach du verdammte Scheiße!!! Das wären ja etwa 180.000 Milliarden Menschen! Von den Millionen von Engeln ganz zu schweigen!
„Und dann habe ich noch gar nicht die Goranas, Garanas und die Zomans in den Taranam erwähnt“, fährt der Miko unbarmherzig fort.
Er beobachtet mich mit einem leichten Lächeln. Mein Gesichtsausdruck dürfte eindeutig sein. Demnach ist diese Welt größer als die Welt der Skegs. Oder die Spinnenwelt. Oder die Mittelalterwelt.
Wie zum Teufel soll ich hier Katharina und die anderen finden?!
„Ich mache dir einen Vorschlag“, sagt der Miko. „Ich bringe dich zum Sukumo. Wenn du wirklich aus einer anderen Welt kommst, fällt das sowieso in seine Zuständigkeit.“
„Wer ist der Sukumo?“
„Der Miko aller Mikos, immer für die Dauer einer Mikonomon.“
Das klingt schon mal nicht ganz so schlecht. Nur schlecht. Vielleicht aber auch nicht. Einer, der der Miko von 150.000 Mikos ist, kann mir vielleicht wirklich helfen.
Wenn er das will.
Aber ich kann sehr überzeugend sein.
Also nicke ich langsam.

Ich hasse die Götter nicht. Hass kann gar nicht so schlimm sein wie das, was ich den Göttern wünsche. Dafür gibt es überhaupt keinen Ausdruck. Noch nicht, jedenfalls. Mir wird schon was dafür einfallen.
Ich drücke die Stirn gegen die Knie, und es ist mir egal, was Nomu denkt. Ob er überhaupt was denkt. Sein Herr ist gegangen, um sich umzuziehen, bevor wir aufbrechen. Wird wohl ein längerer Flug als von der Wohnungswabe hierher.
„Geht es dir gut?“, erkundigt sich Nomu. „Oder ist dir dein eigenes Feuer zu heiß?“
Ich hebe den Kopf und starre ihn an.
„War ein Scherz“, sagt er. „Mikonos können das. Scherze machen.“
„Toll. Ganz toll.“
Vor weiteren peinlichen Scherzen bewahrt ihn die Rückkehr seines Herren. Er trägt jetzt eine weite Hose und beachtliche Muskeln. Keine Frage, er sieht mit seinen fast zweieinhalb Metern, den goldfarbenen Haaren und den breiten Schultern beeindruckend aus. Daran ändert auch der leichte Bauchansatz nichts.
„Wir fliegen los“, sagt er.
„Schön. Wie lange werden wir denn unterwegs sein?“
„Du hast Glück, Feuermädchen.“ Wie bitte? So hat mich ja noch niemand genannt! „Im schlimmsten Fall hätten wir einen halben Mikonomon fliegen müssen. Theoretisch.“
„Wie lange ist das?“, erkundige ich mich, nachdem ich meine Sprache wiedergefunden habe.
Feuermädchen? Echt jetzt? Immer wenn du denkst, nichts kann dich mehr überraschen, kommt irgendeine Scheiße, mit der du in deinem schlimmsten Albtraum nicht gerechnet hättest.
Feuermädchen?!
„Hm. Wie erkläre ich dir das denn? Das ist die Zeit, bis 75.000 Mikoman an dieser Stelle, wo wir gerade sind, vorbeigefahren sind.“
„Aber wir bewegen uns doch gar nicht!“
„Noch nicht. So, wir fliegen los. Nomu, du nimmst sie.“
Ich erhebe mich, als der schwarzhaarige Engel zu mir tritt. Und weiche ihm aus, denn er will mich genauso tragen wie vorhin.
„Ich bin kein kleines Kind. Und auch nicht deine Braut.“
„Meine was?“
„Dir zu Gefallen.“
„Und wie willst du dann mitfliegen?“
„Auf deinem Rücken.“
Er überlegt kurz, dann zuckt er die Achseln und dreht sich um. Seine Flügel entfalten sich und ich packe seine Schultern, um mich hochzuziehen. Die Arme lege ich um seinen Hals.
„Halt dich gut fest, ohne mich zu erwürgen.“
„Ich gebe mir Mühe.“
Das lässt er unkommentiert und erhebt sich in die Luft, seinem Herrn folgend, der schon fort ist.
Ich bin sehr froh, dass ich früher selbst fliegen konnte und es dadurch gewohnt bin, alles aus der Vogelperspektive zu sehen. Sonst würde mir jetzt wohl schwindlig werden, vor allem als wir die Miko-Nomana hinter uns lassen und zum Sturzflug übergehen.
Der Anblick der Wohnungswaben, die garantiert anders heißen, mich aber einfach daran erinnern, ist nicht mehr neu, dennoch atemberaubend. Zumal Nomu jetzt viel schneller fliegt als vorhin. Einen Sturzflug gab es auf dem Flug zu seinem Miko auch nicht. Aber dieser hat es anscheinend eilig.
Wir fliegen auf die Treppe in der Mitte zu. Die goldene Säule in der Mitte, um die sich die Stufen winden, ist vielleicht von einem Meter Durchmesser. Die Stufen selbst grob geschätzt zehn Meter breit. Sie sind weiß, wie das Wasser. Dadurch bilden sie einen heftigen Gegensatz zu der Säule.
Noch heftiger wird es aber unter uns. Vorhin habe ich noch gerätselt, wo sich denn die 1,2 Milliarden Menschen verstecken. Garantiert nicht in den Wohnungen der Mikonos. So viel Platz wäre da gar nicht.
Und nun sehe ich es. Die Mikoman ist zweigeteilt. Der Boden des oberen Bereichs, der anscheinend dem Miko und den Mikonos vorbehalten ist, befindet sich, grob geschätzt, knapp 500 Meter unter der Miko-Nomana, der Residenz des Mikos. Und übrigens auch unter der untersten Reihe der Wohnungswaben. Hier gibt es verschiedene Gebäude, Gärten und Einrichtungen, die für mich aussehen wie Arenen. Würde ja zu Engeln passen.
In der Mitte allerdings ist ein riesiges Loch, durch das sich die Treppe schlängelt.
Genau auf dieses Loch halten wir zu, und ich kann jetzt schon erkennen, dass die Welt darunter ein wenig anders aussieht.
„Heilige Scheiße!“, entfährt es mir unwillkürlich, als wir durch das Loch tauchen und weiter nach unten fliegen.
„Wie bitte?“
„Nichts. Ist das … ist das die Welt der Nomos?“
„Ja.“
Wir fliegen jetzt von der Treppe weg, aber immer noch steil abwärts. Ich verrenke mir fast den Hals, um zu sehen, wo die Treppe hinführt. Hier geht es auf jeden Fall viel tiefer als oben. Ich schätze, etwa zehn bis elf Kilometer. Dort endet dann die Treppe im Kreuzpunkt von zwei Wegen, die etwa 40 Meter breit sind und schnurgerade von ihr wegführen. Rechts und links befinden sich Gebäude, die bis nach oben reichen – also etwa zehn bis elf Kilometer hoch.
Auf den ersten Blick sieht es so aus, als wären es vier Gebäude, in jedem Quadranten, die durch die vier Wege gebildet werden, eins. Doch dann erkenne ich, dass von den Wegen weitere Wege in rechtem Winkel abgehen und in die Gebäude hineinzuführen scheinen. Im Vorbeifliegen kann ich dann sehen, dass sie eigentlich mehrere Gebäude voneinander trennen und dass von diesen Wegen Treppen nach oben führen, und zwar genauso hoch, wie die Gebäude sind. Auf jeder Etage gibt es zwischen den Gebäude außerdem Gangways, augenscheinlich über die volle Tiefe.
Das bedeutet, in jedem Quadraten stehen auf einer Länge und Tiefe von etwa sechs Kilometern, wenn ich vorhin richtig gerechnet habe, fast elf Kilometer hohe Gebäude.
Dass darin 1,2 Milliarden Menschen leben, ist dann tatsächlich möglich. Aber, verflucht nochmal, ist die Käfighaltung von Hühnern die genetisch verankerte Rache der Erdlinge für die Haltung in dieser Welt gewesen, oder wie jetzt?
„Alles in Ordnung?“, erkundigt sich Nomu, dem meine Erregung nicht entgehen dürfte.
„Nicht wirklich. Und so sieht es in jeder Mikoman aus?“
„Ja. Außerdem wirst du es gleich sehen.“
Er deutet nach vorne. Wir fliegen wenige Meter über dem Boden, inzwischen habe ich auch erkannt, dass die vier Wege gar keine vier Wege sind. Sie sind eher so was wie Flaniermeilen mit Buden, Bänken, Tischen, und vielen Menschen. Einige schauen hoch und machen die anderen auf uns aufmerksam.
Auf mich, eigentlich. Es scheint ungewöhnlich zu sein, dass jemand, der scheinbar einer von ihnen ist, auf dem Rücken eines Mikonos mitfliegt.
Doch eigentlich will mich Nomu auf etwas Anderes aufmerksam machen. Nämlich auf das Tor, das vor uns liegt. Es ist so breit wie der Weg … die Flaniermeile …oder was das auch immer ist und sich auf der anderen Seite des Tores fortsetzt.
„Das ist die nächste Mikoman“, sagt er.
Über dem Tor steht 7331.
„Wir befinden uns in der Mikoman 7331?“
„Ja.“
„Von 150.000?! Und die anderen sind alle vor uns?!“
„Und hinter uns“, erwidert er, sichtlich amüsiert. „Alle Mikoman sind miteinander verbunden. Theoretisch könnten wir einmal herumfliegen und am anderen Tor unserer Mikoman ankommen.“
„Wieso theoretisch?“
„Du hast recht, nicht nur theoretisch. Ich wollte sagen, dass wir irgendwann wegen der Lücke warten müssten. Die Lücke ist aber viel schneller, sie braucht nur eine Mikomano für die Umrundung.“ Wir fliegen jetzt durch das Tor. Dabei passiert nichts Besonderes, wir fliegen einfach weiter und auf die Treppe der nächsten Mikoman zu. Das ist echt krass. „Wegen der Lücke müssen wir natürlich nicht warten, aber sobald wir an den Taranam ankommen, würden wir die Verbindung zu den anderen Mikoman für eine Mikomano verlieren.“
Mir schwirrt der Kopf und ich versuche mir gerade vorzustellen, wie diese Welt von außen betrachtet aussehen könnte.
Aber es gelingt mir nicht. Mir fehlen eindeutig noch Informationen. Ich weiß nur, dass irrsinnig viele Mikoman, die anscheinend die Form von Würfeln mit der Kantenlänge 12 Kilometer haben, miteinander irgendwie verbunden sind. Aber nicht immer.
„Was genau bedeutet Mikomano?“, frage ich nach.
„So viel Zeit vergeht zwischen zweimal anfahren.“
„Aha. Und … was kann man alles in dieser Zeit machen? Reicht das für ein Leben?“
Nomu lacht auf. „Fürs Sterben vielleicht.“
Das hilft mir nicht wirklich. Immerhin scheint es sich dabei um keine sehr lange Zeit zu handeln.
„Kurz bevor du aufgewacht bist, sind wir gefahren. Und es ist bald wieder so weit.“
Das ist in der Tat nicht sehr lange. Wie lange mag ich schon wach sein? Einige Stunden, aber wohl kaum mehr als vier oder fünf. Also entspricht eine Mikomano fünf oder sechs Stunden, schätze ich. Kommt natürlich darauf an, wie lange es noch tatsächlich dauert, bis die Mikoman anfahren.
„Fahren alle Mikoman gleichzeitig?“
„Nein, das geht nicht.“
„Wieso denn nicht?“
Nomu dreht den Kopf nach hinten, fast wie eine Eule, und sieht mich verwundert an. „Kannst du dir das nicht denken?“
„Nein, woher denn?“
„Kannst du dir keine Kette vorstellen?“
„Das war jetzt nicht sehr hilfreich!“
Er lacht auf und sagt nichts mehr. Was wirklich nicht sehr hilfreich ist. Welchen verfluchten Grund könnte es denn haben, dass nicht alle Mikoman gleichzeitig fahren? Bin ich zu doof, um das zu verstehen, oder steckt irgendein besonderes Geheimnis dahinter?
Da ich nicht dahinterkomme, lenke ich mich ab, indem ich versuche, unsere Geschwindigkeit zu schätzen. Wir brauchen etwas mehr als zwei Minuten für die Durchquerung einer Mikoman, das kriege ich relativ leicht durch Mitzählen heraus. Da eine Mikoman 12 Kilometer lang ist, beträgt unsere Geschwindigkeit etwa 360 km/h.
Wow! Schneller als mein Kombi, den Katharina so gehasst hat!
Das erklärt auch den ziemlich lauten Wind um meine Ohren.
Nach etwa fünfzehn Mikoman spüre oder höre ich, wie der Würfel sich in Bewegung setzt. So ganz sicher bin ich mir nicht, so tief ist der dabei entstehende Ton. Den Menschen ist es nicht anzumerken. Entweder erfolgt der Start wirklich sehr sanft oder sie haben sich so daran gewöhnt, dass sie nicht mehr aus dem Gleichgewicht geraten. Oder beides.
„Wir fahren“, bemerkt Nomu.
„Ich weiß.“
„Woher?“, fragt er überrascht.
„Ich kann es hören. Ist das so ungewöhnlich?“
„Ja, allerdings. Nomos hören das nicht.“
„Ich bin ja auch kein Nomos, kriegst du das in deinen Schädel?“
„Du siehst aber aus wie einer.“
„Das mag ja sein. Ich verrate dir ein Geheimnis: Ich wurde in meinem Leben schon verdammt oft wegen meines Aussehens unterschätzt.“
„Du bist ja auch ein Feuermädchen“, erwidert er lachend.
Ich denke kurz darüber nach, meine Zähne in seinen Hals zu schlagen. Wie sein Blut wohl schmeckt? Meine Zähne hätten ja keinen weiten Weg. Ich entscheide mich dagegen, wahrscheinlich kann er gar nicht anders. Bei dem Miko hätte ich weniger Bedenken, aber der fliegt vor uns, für mich unerreichbar fern.
Scheiße, dass ich nicht mehr fliegen kann.
Da ich dafür keine Flügel und Physik gebraucht hatte, war ich sehr viel schneller als diese Geflügelten hier. Die einzige Grenze war eigentlich nur die Temperatur.
Nach etwa einer halben Stunde hört das tiefe Brummen auf. Sehr weit können die Mikoman nicht gekommen sein, sie waren nicht schnell.
Auch wenn ich mit keiner verständlichen Antwort rechne, erkundige ich mich bei meinem Taxi, welche Strecke wir, das heißt die Mikoman, gefahren sind.
„Genau die Länge einer Mikoman“, antwortet er.
Eine unerwartet hilfreiche Antwort, auch wenn sie mich überrascht. Wieso fahren sie 12 Kilometer? Mit einer Geschwindigkeit von 24 km/h? Hä?
Dann wird es mir plötzlich klar. Natürlich, wenn die Würfel wie an einer Kette zusammenhängen, müssen sie um die Kurve fahren. Und wenn eine Mikoman die Richtung ändert, kann die nachfolgende erst fahren, wenn die davor den Platz vollständig freigegeben hat.
Das meinte Nomu vorhin mit der Lücke!
Offensichtlich gibt es nur eine Lücke, die herumwandert. Das bedeutet, die Mikoman ändern mehrmals die Richtung. Mindestens viermal.
Aber wieso dauert es sechs Stunden vom Anfahren bis Anfahren, wenn eine Fahrt nur eine halbe Stunde dauert? Das ergibt nur dann Sinn, wenn es mehr als vier Ecken gibt.
Welche scheißverfluchte Form hat das Ding denn?
Ich werde in meinen Gedanken durch unsere Ankunft unterbrochen.

Mikoman 7391.
Wir erregen einiges Aufsehen, als wir an der Treppe entlang nach oben fliegen und schließlich auf der Miko-Nomana landen. Sofort sind zwei Mikonos da, die den Miko mit einer Verbeugung begrüßen und ihn bitten, ihnen zu folgen. Nur flüchtige Blicke streifen mich, trotzdem spüre ich ihre Verwunderung.
„Kommt wohl nicht häufig vor, dass ihr einen Nomos mitbringt?“, erkundige ich mich bei Nomu, während wir gemeinsam dem Miko folgen, der den Mikonos folgt.
„Nie“, erwidert der schwarzhaarige Geflügelte.
War ja klar, dass ich in keiner Welt lange unauffällig bleiben kann. Ich? Das geht einfach nicht. Unauffällig konnte ich schon damals nicht, auf der Erde, als ich einfach nur die rebellische Tochter eines Firmenbosses war.
Warum hätte sich daran etwas ändern sollen?
Weil es dann vielleicht einfacher wäre, Katharina und die anderen zu finden?, erwidert die Andere.
Das glaubst du ja wohl selbst nicht. In dieser Welt? Hier wäre ein scheißverfluchtes Handbuch noch viel nötiger als in den anderen bisher!
Auch wieder wahr.
Da es selten vorkommt, dass die Andere mir recht gibt, bin ich etwas überrascht.
Noch überraschter bin ich, als ich dem Sukumo gegenüber stehe, der zugleich Miko 7391 ist. Er und Miko 7331 begrüßen sich mit einer Umarmung, was sehr seltsam aussieht, denn unterschiedlicher könnten sie kaum sein. Der hünenhafte Miko, der mich hergeführt hat, wirkt fast wie eine etwas … vergoldete Version von John Wayne.
Der Sukumo hingegen könnte glatt als Dorian Gray durchgehen. Er ist sogar noch etwas größer als 7331, aber schlank, fast dünn. Alles an ihm ist irgendwie weiß. Okay, die Augen sind nicht weiß, sie sind grau, ähnlich wie meine. Aber die glatt gestriegelten, nackenlangen Haare sind weiß. Richtig weiß. Nicht grau. Weiß. Seine Hose, sein Hemd, seine Schuhe, auch weiß. Selbst seine Haut ist weiß.
Nach der Begrüßung durch den Miko mustert er mich.
„Leg dich nicht mit ihr an, es könnte heiß werden“, sagt 7331 lachend. „Ich nenne sie Feuermädchen!“
7391 zieht eine Augenbraue hoch.
„Ich nehme an, sie ist kein Nomos?“
„Bin ich nicht“, sage ich, denn ich hasse es, wenn in meiner Gegenwart in der dritten Person über mich gesprochen wird Ich gehe auf die beiden zu, obwohl Nomu versucht, mich aufzuhalten. Ich reiße mich los, was den Sukumo auch die andere Augenbraue hochziehen lässt.
Die Mikonos, die uns hierher geführt haben, halten plötzlich Schwerter in den Händen und diese auf mich gerichtet. Ich überlege kurz, ob ich meinem neuen Namen Ehre machen soll, doch dann entscheide ich mich für Deeskalation.
„Der da“, deute ich auf 7331, „sagte, dass Besucher aus anderen Welten in deine Zuständigkeit fallen.“
„Du kommst aus einer anderen Welt?“
„Das habe ich gemeint, ja.“ Oh Fiona, deeskaliere doch einfach weiter. „Und irgendwo sind auch meine Freunde. Je eher ich sie mit eurer Hilfe finde, desto schneller bin ich wieder weg.“
„Ich verstehe“, erwidert der Weiße. „Kommt mit.“
Damit dreht er sich um und betritt ein Gebäude. Es könnte so was wie ein Palast sein. Mit großen Türflügeln und auch innen überaus großzügig dimensioniert. Klar, wenn die hier drin auch fliegen wollen, brauchen sie Platz.
Er führt uns zu einem Brunnen in der Mitte und setzt sich auf eine Bank, die vollständig um den Brunnen geht. Dann lädt er uns mit einer Handbewegung ein, es ihm gleichzutun. Ich setze mich links von ihm, an seiner anderen Seite 7331, die Mikonos bleiben alle stehen.
Der Sukumo nimmt einen Kelch vom Brunnenwand, auf dem noch weitere stehen, schöpft damit Wasser und reicht ihn mir. Auch der andere Miko bekommt einen, schließlich gönnt er sich selbst auch einen. Die Mikonos müssen wohl durstig bleiben.
„Aus welcher Welt kommst du?“
Hm. „Du kennst sie vermutlich nicht. Ist eine lange und komplizierte Geschichte.“
„Ich verstehe.“ Er nippt an seinem Kelch. Ich probiere daraufhin auch vom Wasser, das überraschenderweise wie Wasser schmeckt. Gutes, sauberes Quellwasser. Okay …
„Kannst du mir sagen, warum wir ein Interesse daran haben sollten, dass du uns möglichst schnell verlässt, vorausgesetzt, du sagst überhaupt die Wahrheit?“
Hm. Diese Wendung gefällt mir gar nicht. Sie klingt nach Stress. Nach viel Stress.
„Nun, welches Interesse solltet ihr daran haben, mich lange hier zu behalten?“
In seinem Gesicht regt sich kein Muskel. Falls er so was überhaupt hat. „Um mehr über deine Welt herauszufinden.“
„Es gibt sie eh nicht mehr, ist also völlig uninteressant.“
„Es gibt sie nicht mehr?“ Er zieht eine Augenbraue hoch. „Wieso nicht?“
„Eine lange und komplizierte Geschichte.“
„Wir haben Zeit.“
Ich atme tief durch. „Hör zu, ich mag das nicht. Sag einfach, was du für deine Hilfe verlangst.“
„Wie kommst du darauf, dass du etwas zu bieten hast, was für mich von Interesse sein könnte?“
„Weil wir hier sitzen und du mit mir redest. Mir ist nur nicht klar, für was du mich hältst.“
Er nimmt wieder einen Schluck aus seinem Kelch, dabei mustert er mich. Der andere Miko beobachtet uns beide genauso regungslos wie die Mikonos.
Ich hasse das.
„Wie seid ihr euch begegnet?“, fragt der weiße Miko jetzt seinen Kollegen, ohne ihn anzusehen.
„Nomu hat sie gefunden.“
„Sie war einfach da, neben der Treppe“, sagt Nomu. „Sie lag dort bewusstlos.“
Ich starre ihn an. Darüber haben wir noch gar nicht gesprochen. Aber das ist typisch für den Humor der Götter, dass sie mich neben einer Treppe abgeladen haben.
„Einfach da?“, wiederholt der Sukumo fragend.
„Ja.“
Sein Blick geht wieder zu mir. „Wie bis du in unsere Welt gelangt?“
Ich zucke die Achseln. „Ich habe nicht die geringste Ahnung. War ja bewusstlos.“
„Du könntest dich aber daran erinnern, was davor geschehen ist.“
„Ja. Ich werde es euch aber nicht erzählen. Echt, ich habe darauf keine Lust, was hier gerade abläuft. Redet Klartext mit mir. Wollt ihr mir helfen? Und wenn ja, was verlangt ihr dafür?“
„Also gut. Möglicherweise kannst du für uns den 5. Taranam erkunden. Wenn du dich dazu bereit erklärst, lasse ich nach deinen Freunden suchen.“
Hm. Was ist los?
„Ich bin überrascht. Es hat doch sicherlich einen Grund, warum ihr das nicht selbst macht.“
„Hat es“, nickt er.
„Eine lange und komplizierte Geschichte?“
Endlich zeigt er die Andeutung eines Lächelns. „Es heißt, dass niemand, der dort war, je zurückgekehrt ist. Inzwischen hat es niemand mehr versucht, schon seit sehr langer Zeit.“
„Meinst du mit niemand auch Mikos?“
Er nickt wieder.
„Aber ich soll mich dort umsehen?“
Er nickt wieder.
„Aha.“
„Du kommst aus einer anderen Welt und verfügst offenbar über Kräfte, die in dieser Welt sonst niemand hat“, erklärt er ruhig.
Das klingt gar nicht mal so blöd.
„Das allein reicht aber nicht unbedingt. Und ich glaube, es gibt noch einen Grund.“
„Gibt es. Der Legende nach, von der niemand weiß, ob sie überhaupt stimmt, wurden alle, die dorthin gegangen sind, von einem feuerspeienden Ungeheuer getötet.“
Oha!
„Und jetzt denkst du, nur weil ich ein bisschen mit Feuer spielen kann, wären meine Überlebenschancen da höher als deine?“
„Was denkst du?“
Ich hasse diese dämlichen Gegenfragen!
„Kann schon sein“, erwidere ich nach einer kurzen Pause. „Bevor ich mich entscheide, würde ich gerne mehr über diese Welt erfahren.“
„In Ordnung.“ Und nickt wieder.
„Jetzt?“
„Gerne. Was möchtest du wissen?“
„Alles. Zum Beispiel, wie die Bahn der Mikoman verläuft.“
„In Ordnung. Ich denke, du weißt inzwischen, dass jede Mikoman irgendwann wieder dort ankommt, wo sie losgefahren ist. Die dafür benötigte Zeit nennen wir Mikonomon. Jeder Sukumo wird für diese Zeit ernannt.“
„Ich würde gerne ein Gefühl dafür haben, wie lange das ist“, unterbreche ich ihn.
„Selbstverständlich. Das ist ungefähr die Zeit, die von der Geburt eines Nomos bis zum Erwachsenwerden vergeht. Genau genommen, ist es etwas weniger.“
Hm. Ich schätze, das sind dann etwa 18 Jahre, vielleicht auch 17.
Fuck!
„Fahren die Mikoman im Kreis?“
„Nein. Das ginge auch nicht, da alle Mikoman wie Würfel aussehen. Deswegen gibt es eine Lücke, immer dort, wo eine Mikoman die Richtung ändert. Das passiert zwölfmal. Es gibt sechs lange Seiten, fünf kürzeste und eine etwas längere.“
Hä? Was ist das für ein seltsames Gebilde?
„Die fünf kurzen Seiten führen nach unten und eine längere führt nach oben“, fährt der Sukumo fort.
„Okay. Und wie lang sind diese Seiten? Zum Beispiel die kürzesten? Wie viele Mikoman passen da rein?“
„Drei.“ Also 36 Kilometer.
„Und in die, die nach oben führt?“
„Elf.“
Also 132 Kilometer. Und irgendwas stimmt da nicht. Wenn fünf Seiten nach unten führen, müssten sie 180 Kilometer lang sein. Wie zum Teufel machen die das?
Der Sukumo scheint meine Verwirrung zu ahnen, denn er sagt lächelnd: „Bedenke, dass es nach unten fünf kurze Seiten gibt. Diese können nicht hintereinander kommen.“
„Heißt das, an jeder kurzen Seite ändern die Mikoman ihre Fahrtrichtung und fahren praktisch wieder zurück? Also drei kurze Seiten auf der Außenseite der Welt und zwei weitere auf der Innenseite?“
„Genau.“
„Das hieße aber, dass nicht alle langen Seite gleich lang sind.“
„Auch das ist richtig. Die oberste und unterste Seiten, Kanäle, wie wir sie nennen, sind länger als die vier inneren.“
Ich rechne schnell nach. Das passt zu den zwölf Ecken, aber etwas stimmt immer noch nicht.
„Eine kurze Seite ist so lang wie drei Mikoman? Das heißt ja, dass es zwischen den langen Kanälen eine Lücke in der Höhe einer Mikoman sein muss!“
„Du hast recht“, sagt Sukumo. „Die Geometrie unserer Welt ist in der Schule ein wichtiges Fach. Ich bin erstaunt, wie schnell du sie begreifst.“
„So ganz begriffen habe ich es noch nicht. Was ist mit den Lücken?“
„Das sind die fünf Taranam.“
Ich schließe die Augen und versuche, mir dieses seltsame Gebilde vorzustellen. Von der Seite betrachtet dürfte das wie eine Art aufgewickelte Kette sein. Eine Kette mit Zwischenraum.
„Die von den inneren kurzen Seiten wegführenden … Taranam?“
„Ja, Taranam.“
„Zwei der Taranam müssen dann aber aus der Welt heraus führen, da sie nicht auf beiden Seiten vom Kanal begrenzt sind.“
„Du hast recht, dennoch sind sie begrenzt. Da ist eine Wand, die wir nicht überwinden können. Sie ist unzerstörbar.“
„Gibt es in dieser Wand irgendwo eine Tür?“
„Eine Tür? Meinst du eine Tür in eine andere Welt?“
„Ich weiß es nicht“, murmele ich. „Ist nur eine Vermutung.“
„Du lügst“, stellt der Sukumo ruhig fest.
„Okay, ich weiß es wirklich nicht. Aber ich vermute, dass da eine Tür sein muss, durch die meine Freunde gekommen sind.“
„Aus einer anderen Welt?“
„Nein. Durch diese Tür gelangt man, wenn sie da ist, in einem Turm, der die Welten miteinander verbindet. Aber ich weiß nicht, ob die Bewohner einer dieser Welten ihn überhaupt betreten darf.“
Wieder eine Lüge, aber diesmal bin ich wohl überzeugender. Ich habe jedenfalls überhaupt keine Lust, die Auslöserin einer Weltenvölkerwanderung zu werden. Ist schon schlimm genug, dass wir inzwischen drei in diesem Universum Geborene mit uns schleppen. Wer weiß, was das noch für Auswirkungen haben wird.
„Ich verstehe. Wenn du recht hast, müssen wir deine Freunde also in einem von zwei Taranam suchen. In welchen beiden?“
Hä? Testet er mich etwa? Dann wird mir klar, dass er einen guten Grund dafür hat. Und auch für mich ist es wichtig zu wissen, zu erfahren, ob ich verstanden habe, wie diese Welt aufgebaut ist.
„Im zweiten und vierten“, sage ich also nach einem Moment und hoffe, nicht wütend zu klingen.
„Das ist richtig.“
Mir kommt flüchtig der Gedanke, dass womöglich diese Welt sogar zwei Türen hat. Aber das ist schlecht für meine Laune, also verscheuche ich ihn ganz schnell wieder.
„Du hast mir noch nicht gesagt, wie lang ein langer Kanal ist.“
Der Sukumo lächelt. „So lang wie ein Taranam.“ Nach einer kurzen Pause, in der er sich an meinem Gesichtsausdruck erfreut, fügt er hinzu: „Etwa 25.000 Mikoman.“
Fuck! Fuck! Und eigentlich hätte ich es mir selbst ausrechnen können! Wenn es insgesamt 150.000 Mikoman gibt und 5 Taranam, dann gibt es ja sechs lange Kanäle, was er auch gesagt hat. Die kurzen sind ja vernachlässigbar.
Das heißt, jeder lange Kanal ist etwa 300.000 Kilometer lang! Genau wie eine Wurzel in der liebessüchtigen Welt, in der wir Sarah gefunden haben.
Fuck!
Ich glaube, ich hasse die Götter doch. Vielleicht gibt es nichts Schlimmeres als Hass.
„Welcher … welcher Taranam ist unter uns?“, erkundige ich mich.
„Der erste.“
Fuck! Und tausendmal Fuck!
„Dann dauert es Jahre, bis wir im 5. Taranam ankommen!“
„Jahre?“
„Bis ein Nomos ein halber Erwachsener ist!“
„Du meinst eine halbe Mikonomon? Nein, denn der erste und der fünfte Taranam sind miteinander verbunden. Durch eine Treppe, die sich zwischen den beiden inneren kurzen Kanälen und dem aufwärts führenden Kanal befindet.“
Ich atme tief durch. Wirklich besser macht es die Sache trotzdem nicht, denn auch dann muss ich mindestens 300.000 Kilometer schaffen, plus die Strecke bis zum nächsten kurzen Kanal.
So ein gottverdammter Fuck!
Ich mustere den Kelch in meiner Hand und wundere mich, dass ich ihn noch nicht gegen die nächstbeste Wand geschleudert habe. Anscheinend habe ich mich weiterentwickelt. Wenigstens etwas.
Dann fällt mir etwas ein.
„Was ist denn in den Taranam eigentlich?“
Sukumo zögert. Ein ganz schlechtes Zeichen. Ein extrem schlechtes Zeichen.
„Du wirst es sehen“, sagt er schließlich. „Zuerst solltest du Flügel bekommen.“

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Ich renne zu Katharina und drehe sie auf den Rücken. Es ist dunkel, trotzdem kann ich erahnen, dass sie eine Schusswunde im Bauch hat.
Fuck! Verdammte Scheiße!Nein, nein, nein! Du stirbst mir jetzt nicht in letzter Sekunde noch weg! Verdammt nochmal, du stirbst nicht! Hast du das kapiert?!“
Sie bewegt ihre rechte Hand. „Es tut mir leid … Ich ...“
Von draußen kommen schon wieder Schüsse. Garoan zuckt zusammen.
Fuck!
Ich packe beide und ziehe sie tiefer ins Haus, hinter der Treppe in Deckung. Heftig keuchend lasse ich mich auch fallen und versuche einige Sekunden lang nur, nicht zu ersticken.