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Leseprobe: Fiona – Sterben (Band 6)

SPOILER-ALARM!

„Heute beginnt der Countdown.“
Ich starre Julie an. Habe ich was verpasst?
„Was für ein Countdown?“
„Noch 365 Tage bis zu deinem 30. Geburtstag!“
„Aha. Hört sich an, als wäre das was Gefährliches.“
„Nein, eigentlich ist das völlig normal“, erwidert Julie fröhlich. „Außerdem bist du heute ja erst 29 geworden. Kannst also noch ein ganzes Jahr lang dich darüber freuen, nicht über dein Alter lügen zu müssen.“
„Sprichst du aus Erfahrung?“ Oh, Fiona, das war böse! Aber Julie hat ein sonniges Gemüt, sie lacht nur. Ich mache ihr einen Cocktail, etwas Süßes, Solero, für den Fall, dass sie insgeheim doch sauer ist; dann kümmere ich mich um die anderen Gäste.
Wobei, nötig wäre das nicht. Der Star meiner Geburtstagsparty sorgt schon dafür, dass alle beschäftigt sind und sich gut amüsieren. Töchterchen ist begeistert davon, dass sie laufen und ansatzweise sprechen kann, und zeigt das allen. Sowohl ihre Freude als auch ihre Fähigkeiten. Sonst schafft sie es damit, den Tag meiner Eltern zu füllen, heute haben diese mal Urlaub.
James ging vorhin mit Danny und einer Kinderschar los, die Gegend unsicher zu machen. Für mich bleiben also nur meine Eltern, nachdem auch Julie eine neue Beschäftigung gefunden hat. Ich mixe mir einen Caipi und gehe in den Garten, wo meine Mutter es sich in einer Gartenliege bequem gemacht hat, während mein Vater Sandras Sandkasten inspiziert.
Ich setze mich neben meiner Mutter auf einen Stuhl und erkundige mich: „Was genau macht er da eigentlich? Hat er Angst, das könnte Treibsand sein, der Sandra verschlingt?“
Meine Mutter wirft mir einen amüsierten Blick zu. „Ich glaube, er sucht nach Hinterlassenschaften von Katzen. Die Viecher vermehren sich in letzter Zeit ziemlich.“
„Hier nicht, hier herrscht Danny.“
„Du bist grausam.“
„Ich bin nicht grausam, das Leben ist es. Ich kann auch nichts dafür, dass Katzen und Danny nicht kompatibel sind. Ich glaube, das nennt sich Verhaltensbiologie.“
„Wirst du auf deine alten Tage darwinistisch?“
Ich starre sie entgeistert an. „Ich? Darwin? Wenn überhaupt, dann interessiert mich der Darwin Award. Da habe ich eine ganz lange Vorschlagsliste. Aber Darwinismus?“
„Das klang vorher aber ganz, als wenn du an natürliche Auslese glauben würdest.“
„Klar, ein natürlicher Engel.“
„Ach ja.“ Meine Mutter lehnt sich zurück und nippt an ihrem Drink. „Nach all den Jahren habe ich mich immer noch nicht daran gewöhnen können, dass du … Ich weiß nicht einmal, wie ich es nennen soll. Statthalter, Krieger, Vampire … Das ist so unwirklich.“
„Mama, schau nach oben. Was siehst du da?“
„Den Himmel.“
„Was noch?“
„Die Sonne.“
„Was noch?“
„Keine Ahnung. Worauf willst du hinaus?“
„Du akzeptierst ohne Probleme, dass es da den Himmel gibt, die Sonne, weißt nicht einmal genau, was das ist, akzeptierst, was du darüber in der Schule gelernt hast, dass da so ein Feuerball ist, in dem es unvorstellbar heiß ist, dass es Sterne gibt, du akzeptierst, dass du niemals zu den Sternen reisen wirst, weil Einstein was dagegen hat, all das bereitet dir keine Probleme. Ich sorge hier für ein bisschen Gleichgewicht und daran kannst du dich nicht gewöhnen?“
„Du solltest in die Politik gehen“, bemerkt mein Vater, der die Inspektion des Sandkastens beendet hat und neben uns steht. „Apropos, ich hole mir was zu trinken, möchtet ihr auch was?“
Meine Mutter hält ihm ihr Glas hin. Ich mustere die traurigen Reste meines Caipi, dann nicke ich.
„Ich habe mich auch daran gewöhnt, dass es einen Gott gibt, dass Jesus für uns gestorben ist, dass in jedem noch so kleinen Kaff eine Kirche steht. Das war keine Gefahr, es ist eigentlich so weit entfernt vom täglichen Leben wie die Sonne und die Sterne. Aber du, mit all deinen Fähigkeiten, du bist Teil unseres Alltags.“
„Ich achte schon darauf, dass ihr möglichst wenig davon mitbekommt.“
„Möglichst, genau.“
Ich denke an die Ereignisse vor einem Jahr und seufze. „Okay, klappt nicht immer. Vielleicht ist es ja auch ganz gut, wenn du nicht alles erfährst, was ich so erlebe.“
„Das glaube ich allerdings auch.“ Sie wendet den Blick von mir ab, denn ihre Schwester kommt auf uns zu. Ich schließe die Augen und höre nur halb zu, wie die beiden sich über irgendeine Nachbarin meiner Tante aufregen. Eigentlich regt sich nur meine Tante auf, meine Mutter nimmt es eher locker. Ich glaube, die letzten Jahre mit mir haben sie ziemlich abgehärtet, was aufregende Ereignisse angeht.
Plötzlich passiert etwas. Mit aufgerissenen Augen setze ich mich auf und starre nach vorne.
„Fiona? Was ist los?“ Meine Mutter klingt panisch.
Ich versuche herauszufinden, was mich so aufgeschreckt hat. Es war wie eine Erschütterung, aber sie kam nicht vom Boden, nicht wie ein Erdbeben. Ich habe sie gefühlt. Was zum Teufel war das?
Ich wende mich meiner Mutter und ihrer Schwester zu und lächele etwas verkrampft. „Ich glaube, ich bin eingedöst und habe etwas geträumt.“
Ich sehe meiner Mutter deutlich an, dass sie mir nicht glaubt, aber wegen meiner Tante lieber nicht nachbohrt. Zum Glück kommt jetzt auch mein Vater mit den Drinks.
Ich lehne mich wieder zurück und nippe an meinem Caipi. Den hat mein Vater zubereitet und er kann das verdammt gut. Ich schenke ihm ein dankbares Lächeln, während mein Unterbewusstsein verzweifelt versucht, sich zu erinnern, wie die Erschütterung sich angefühlt hat. Da anscheinend niemand außer mir sie wahrgenommen hat, war es auf jeden Fall etwas, was mit meinem Kriegerdasein zu tun hat. Ich werde heute Abend mal die anderen fragen, ob sie auch was gemerkt haben. Und dann war da noch etwas anderes, was ich gar nicht einordnen kann. Wie eine Art Schrei …

„Nicholas!“, rufe ich erfreut.
„Wir haben ihn einfach gezwungen, mitzukommen“, erklärt meine Mutter und schiebt den alten Mann durch die Tür. „Ich dachte, bei diesem eher privaten Teil kann er als quasi Familienmitglied ruhig mal dabei sein.“
„So sehe ich das auch“, erwidere ich und umarme Nicholas. „Kommt rein, ihr seid die Ersten.“
„Schon wieder?“, bemerkt mein Vater.
Noch bevor ich antworten kann, spüre ich, wie sich jemand der Tür nähert und öffne sie. Das Triumvirat ist da: Michael, Nilsson und John. Wie schön wäre es, wenn Katharina auch dabei wäre. Und Elaine.
Ich muss mich zwingen, mir nichts von meinen düsteren Gedanken anmerken zu lassen und begrüße die drei überschwänglich. Michael mustert mich von Kopf bis Fuß.
„Hast du das heute Nachmittag auch getragen?“
„Nein, der Hausanzug ist nur euch vorbehalten. Heute Nachmittag trug ich High Heels, eine schwarze Strumpfhose, Minirock und eine halb transparente Bluse. Und natürlich einen nicht transparenten BH.“
„Danke! So genau wollte ich das gar nicht wissen.“
„Du hast die Farbe des Schlüpfers vergessen“, bemerkt John. „Oder hast du gar keinen getragen?“
Meine Mutter verschluckt sich, ich verpasse John einen angedeuteten Tritt und begleite meine Mutter in die Küche, um ihr dort mit einem Glas Wasser das Leben zu retten.
Kurz darauf klingelt es schon wieder und danach sind wir mit Ben und Jack komplett. Hat irgendwie was Vertrautes. Findet Töchterchen auch und knutscht sie der Reihe nach ab.
Ich hole die Torte, die etwas kleiner ist als die heute Nachmittag für die Verwandtschaft. James kümmert sich derweil um den Wein. Mein Vater verzichtet diesmal auf eine Rede, wofür ich ihm ausgesprochen dankbar bin. Seit ich vorhin an Katharina denken musste, ist meine Stimmung sturzflugartig in den Keller gefallen.
Irgendwann landet Sandra wieder bei mir. Ich schnuppere an ihren Windeln, aber es besteht kein Handlungsbedarf.
„Du machst das inzwischen richtig routiniert“, stellt Nilsson fest.
„Was?“
„Wie du an Sandras Windeln geschnuppert hast.“
„Haha.“
„Hast du schlechte Laune?“
„Nein.“
Sandra verputzt den Rest meines Tortenstücks und greift dann blitzschnell nach dem Weinglas. Ihre Geschwindigkeit ist unglaublich. Ich schaffe es gerade so, ihr das Weinglas mit sanfter Gewalt zu entwinden, was lautstarken Protest bei ihr auslöst. Erst als James ihr in einem Weinglas roten Traubensaft reicht, werden meine Ohren erlöst. Ich beobachte sie beim Trinken und streichele ihren Kopf. Sie wird eine verdammt starke Persönlichkeit werden.
Wenn sie es erlebt, schießt es mir plötzlich durchs Hirn.
Vor Schreck lasse ich sie fast fallen. Was war das denn schon wieder? Als ich hochblicke, merke ich, wie Michael mich beobachtet. Er sieht ziemlich nachdenklich aus.
So nachdenklich, dass er mir später hilft, einige Sachen in die Küche zu tragen und dann leise sagt: „Was ist denn mit dir los?“
„Keine Ahnung, was du meinst.“ Ich räume die Sachen in die Spülmaschine. Michael reicht mir Gläser an, dabei berühren sich unsere Hände. Verdammt. Ich habe mich schon bewusst unsexy angezogen, den schwarzen Hausanzug und die Füße nackt, trotzdem spüre ich, wie es beinah knistert.
„Vorhin hat dich etwas erschreckt. Und als wir kamen, hätte ich dich am liebsten auf den Arm genommen und getröstet.“
„Idiot.“
„Das meine ich ernst. Du hast ausgesehen, als würdest du gleich anfangen zu weinen.“
„Ich habe Geburtstag, da werde ich immer sentimental.“
„Und du willst es mir nicht erzählen?“
Ich schließe die Tür des Geschirrspülers und lehne mich dagegen. „Michael, ich habe heute Nachmittag was gespürt. Einfach so. Als wäre da … Ich weiß nicht, was es war. Eine Art Erschütterung, aber sie war nicht physisch. Hast du auch was gemerkt?“
Er schüttelt den Kopf.
„Können Krieger verrückt werden?“
„Theoretisch schon, aber nicht du.“
„Was soll das denn schon wieder bedeuten?“
„Du bist doch keine gewöhnliche Kriegerin.“
„Ach? Wieso nicht?“
„Fiona, willst du mich verarschen? Du hast einen Krumana-Dämon getötet. Und auch wenn du dich weigerst, uns zu erzählen, wie du das geschafft hast, steht eines doch fest: Keiner von uns hätte das geschafft. Krumana-Dämonen verhalten sich zu Kriegern wie Kryptonit zu Superman.“
„Sehr witzig.“
„Also, was hat dich fast weinen lassen?“
Der Kerl lässt wohl nicht locker.
„Ich habe nur einen kurzen Moment daran gedacht, dass auch Katharina … mit euch … Egal.“
Michael mustert mich, dann wischt er die eine dämliche Träne ab, die es gewagt hat, sich aus dem Augenwinkel zu schleichen.
„Sie ist übrigens wieder in der Stadt.“
„Schön für sie“, erwidere ich und gehe zurück zu den anderen.

Es ist heiß. Das spüre ich selbst durch die geschlossenen Fenster. Da ich nicht schon mit durchschwitzten Sachen losfahren will, gehe ich nackt hinunter zum Frühstücken. James hat heute frei und den Tisch schon gedeckt. Sandra sitzt auf seinem Schoß und malt mit Marmelade irgendwas auf seine Stirn.
„Ihr dürft gleich baden gehen“, teile ich ihnen mit.
„Macht ja nix. Vielleicht gehen wir rüber zu deinen Eltern und in den Pool.“
„Bei der Hitze eine gute Idee. Achte darauf, dass sie nicht zu lange in der Sonne ist.“
James mustert mich. „Ist nicht mein erstes Kind.“
„Entschuldige“, murmele ich. Verdammte Scheiße.
„Schon gut. Alles in Ordnung bei dir?“
Ich nicke. Warum sollte nicht alles in Ordnung bei mir sein? Wir haben bald Mitte August, der Sommer war schön und ist es noch, heute Morgen hatten wir ausgiebigen und vor allem ungestörten Sex, auch wenn das bedeutete, dass James schon das Badezimmer unten renovieren durfte, also ist doch alles in bester Ordnung.
So rein theoretisch.
„Vielleicht solltest du heute auch mal frei nehmen“, schlägt James vor.
„Geht nicht, ich habe einen wichtigen Termin.“
„Dann mach früh Feierabend.“
„Das könnte ich machen.“ Ich nippe am heißen Kaffee und überlege, was ich essen soll. Eigentlich ist mir gar nicht nach Essen. Genau genommen ist mir irgendwie sogar schlecht. Ich werde doch nicht schon wieder schwanger sein?
Ich beschließe, dass ich auf der Heimfahrt einen Test besorgen werde.
Kann es sein? Ich überlege, ob wir zu der infrage kommenden Zeit überhaupt Sex hatten. Mir gelingt es aber nicht, die infrage kommende Zeit genau genug zu bestimmen, also höre ich mit dem Nachdenken auf..
Dann frühstücke ich heute eben nicht.
Als ich mich erhebe, um nach oben zu gehen und mich anzuziehen, fragt James: „Willst du heute nichts essen?“
„Kein Hunger.“
Ich stehe lange vor dem Kleiderschrank. Schließlich entscheide ich mich für ein luftiges, helles Sommerkleid mit Spaghettiträgern, das bis zu den Knien reicht und nach einem transparenten BH verlangt, weißes Höschen und flache Sandalen. So sieht zwar kein Engel aus, aber eine Fiona, die ungewohnterweise wegen der Hitze leidet, die schon.
James zieht eine Augenbraue etwa zwei Millimeter hoch, sagt aber nichts weiter. Er kriegt einen Kuss auf den Mund, Sandra tausende überallhin, dann fahre ich mit meinem Auto ins Büro.
In unser neues Büro. Ich werde wohl noch eine Weile brauchen, mich daran zu gewöhnen, dass wir umgezogen sind. Aus dem alten Wolkenkratzer mitten zwischen anderen Bürogebäuden von Versicherungen, Banken und Anwaltskanzleien auf einen Campus, der nur uns gehört. Den Mittelpunkt bildet ein vollkommen gläsernes Gebäude für die Verwaltung, in dem mein Büro die oberste Etage einnimmt. Trotz meiner Gegenwehr, aber letztlich musste ich mich den Argumenten der Architekten, Monicas und meiner Mitarbeiter geschlagen geben. Die Chefin eines Unternehmens, die den Wert dieses Unternehmens in fünf Jahren mehr als verzehnfacht hat, muss einfach einen repräsentativen Sitz haben. Nicht für die eigenen Leute, sondern für die Partner. Für die Autoren, für die Boygroups, für die Filmproduzenten, für die Regierungen, für alle, mit denen wir Geschäfte machen.
Ich wünschte, ich hätte mich von meinem Vater nicht überreden lassen, die Firma zu übernehmen.
Den Wagen stelle ich direkt neben dem riesigen Haupteingang ab und spaziere auf den Empfang zu. Claire lächelt mir entgegen.
„Hi Fiona. So sommerlich angezogen heute.“
Ich deute nach draußen. „Ist ja auch Sommer.“
„Das stimmt. Man sieht dich trotzdem selten in so einem Kleid.“
„Ich sollte das ändern.“
Claire nickt. „Steht dir gut.“
Monica runzelt die Stirn, als sie mich aus dem ebenfalls gläsernen Aufzug steigen sieht. „Du siehst so luftig aus.“
„Hallo? Erst Claire und jetzt du? Es ist Sommer!“
„Wir haben eine Klimaanlage. Außerdem siehst du halt ungewohnt aus. Kaffee?“
„Ja, stark und schwarz.“
Monica runzelt erneut die Stirn, sagt aber dieses Mal nichts. Ich gehe ins Büro, das nur nach draußen gläsern ist. Mein Laptop ist bereits eingeschaltet. Ich entsperre den Bildschirm und lese die neuen Mails.
Monica stellt den Kaffee auf den Tisch und bemerkt: „Irgendwie siehst du scheiße aus. Bist du krank?“
Ich starre sie an. Sie kann ja nicht wissen, dass es völlig ausgeschlossen ist, dass ich krank bin. Nicht einmal durch eine Schwangerschaft. Aber was zum Teufel ist dann los? Ich fühle mich tatsächlich schlecht. Nicht einmal, als ich mit Sandra schwanger war, habe ich mich so gefühlt.
Es kommt urplötzlich. Ich schaffe es gerade so eben bis zur Toilette, bevor ich loskotze. Da ich schon lange nichts mehr gegessen habe, ist es vor allem grünlicher Schleim, den ich von mir gebe, und ich merke, dass Panik langsam in mir aufsteigt.
Ich. Bin. Eine. Kriegerin. Ich kann nicht krank werden.
Dann ist Monica da und hilft mir, mich aufzurichten. Sie packt mich am Kinn und blickt mir tief in die Augen.
„Du solltest zum Arzt gehen“, sagt sie dann.
„Mir fehlt nichts.“
„Hallo? Du hast grad nur durch einen Raketenstart verhindern können, dass du ins Büro kotzt!“
„Trotzdem …“
Ich gehe zurück ins Büro. Monica bringt mir ein Glas Wasser, das ich brav trinke.
„Soll ich nicht lieber den Arzt anrufen?“
„Welchen Arzt?“, erwidere ich.
Monica stutzt. Wahrscheinlich wird ihr gerade klar, dass ich gar keinen Hausarzt habe. Und dass sie mich noch nie krank erlebt hat.
„Ich suche dir einen“, sagt sie schließlich.
„Lieb von dir, aber es geht schon wieder.“
„Ganz sicher?“
Ich nicke. „Wann habe ich den Termin?“
„In einer halben Stunde. Soll ich ihn ab…“
„… vorbereiten“, unterbreche ich sie und schaffe es sogar, ein Lächeln auf mein Gesicht zu zaubern.
„Na gut. Ich bin nicht einverstanden, aber du bist die Chefin.“
Ich blicke ihr lächelnd hinterher, dann klingelt mein Handy. Unbekannte Rufnummer.
„Ja?“
„Hallo Fiona.“
Ich erstarre. Niemals wäre mir, nicht einmal in meinen schlimmsten Albträumen, die Idee gekommen, ich würde diese Stimme jemals aus einem Telefon hören.
„Zanda …“
„Wie schön, du hast mich erkannt.“
„Was willst du?“, flüstere ich.
„Du kommst wohl gerne direkt zur Sache? Das liebe ich so an dir. Nun, kannst du dich erinnern, dass ich dir etwas versprochen habe?“
„Zanda, ich habe dir doch gesagt, dass ich sie nicht getötet habe!“
„Ich weiß, was ich gesehen habe“, erwidert er und plötzlich ist seine Stimme kalt. Sehr kalt. „Und ich will, dass du auch erfährst, wie es sich anfühlt, jemanden zu verlieren, den man mehr liebt als alles andere auf der Welt. Heute ist Zahltag.“
Aufgelegt.
Ich starre das Handy an. „Heute ist Zahltag“ … Heute? Jetzt!
Ich wähle hektisch die Nummer von James.
„Hallo, mein Schatz“, meldet er sich, und er klingt fröhlich.
„Seid ihr schon bei meinen Eltern?“
„Nein, während ich mich angezogen habe, hat Sandra die Kaffeemaschine einer gründlichen Ansicht unterzogen. Ich musste erst der Küche eine Grundreinigung zuteil werden lassen. Und als wir dann los wollten, kam der Techniker.“
„Was für ein Techniker?!“
„Wegen des Internetanschlusses. Er sagte, du hättest einen neuen Tarif bestellt und …“
„Ich habe gar nichts bestellt“, flüstere ich und spüre, wie mir kalt wird. Sehr kalt. „Wo ist er jetzt?“
„Unten, im Keller. Hör zu, mein Schatz, er will grad was von mir, ich ruf dich gleich wieder an.“
„Nein, warte, nicht, geh nicht …!“ Zu spät, er hat bereits aufgelegt.
Verdammt! Wenn ich die Polizei anrufe, ist sie niemals rechtzeitig da. Wenn ich selber fahre, genauso wenig. Und wenn ich nicht ganz schnell etwas unternehme, dann …
Ich atme tief durch. Es gibt nur eine Möglichkeit, und im Moment kann und will ich nicht über die Konsequenzen nachdenken.
Ich gehe zum Fenster.

Meine Hand.
Ich bewege einen Finger. Dann einen anderen. Es ist wirklich meine Hand, und sie funktioniert noch.
Doch wo bin ich überhaupt?
Ich liege auf etwas Weichem. Es könnte sogar ein Bett sein. Unter meinem Kopf wahrscheinlich ein Kissen. Es ist warm. Langsam kommt mein Körpergefühl wieder. Ich spüre, dass eine Decke auf mir liegt. Ich selbst liege auf dem Bauch, den Kopf nach links gedreht, sodass meine rechte Wange das Kissen berührt. Es ist meine linke Hand, die ich sehe. Jetzt nehme ich auch den rechten Arm wahr, er liegt leicht verdreht rechts von mir auf dem Bett und unter der Decke.
Ich drehe mich auf die Seite und richte mich halb auf. Es ist dunkel, nur schemenhaft erkenne ich einige Umrisse. Meine erste Vermutung, ich könnte in einem Krankenhaus oder in einer Klinik sein, bestätigt sich nicht. Ein großes Schlafzimmer, sehr luxuriös eingerichtet, mit schweren, massiven Holzmöbeln.
Hier war ich schon mal.
Ich schlage die Decke zurück, stehe auf und gehe zum Fenster, das von der Decke fast bis zum Boden reicht. Dabei wird mir bewusst, dass ich nackt bin.
Rechts vom Fenster befindet sich der Schalter für den Rollladen. Ich betätige ihn kurz, gerade so lange, dass die Lamellen sich drehen und etwas vom Tageslicht reinlassen. Draußen ist es blendend hell, die Augustsonne scheint weit oben zu stehen.
Aber welcher Tag ist heute überhaupt?
Und wieso bin ich hier?
Ich gehe zum riesigen Kleiderschrank. Vermutlich passt mir alles, was sich darin befindet. So ist es auch. Ich streife ein langes T-Shirt über und ziehe einen Schlüpfer an. Dann verlasse ich das Schlafzimmer.
Es ist dasselbe wie vor einem Jahr.
Ich gehe nach rechts den breiten, hellen Gang entlang, bis zur Mitte, dorthin, wo sich die großzügige Treppe mit den ausladenden Stufen befindet. Ich muss nur eine Etage tiefer, um ins immer wieder faszinierende Erdgeschoss zu gelangen.
Ein Geräusch, das ich schon oben gehört habe, wird immer deutlicher. Tischtennis. Jemand spielt Tischtennis, und zwar ziemlich gut. Die Ballwechsel sind schnell, die Bälle hart und schnell geschlagen. Gegen wen mag Katharina da spielen?
Dann wird mir klar, dass Katharina gar nicht spielt. Es sind zwei junge Mädchen in ärmellosen Shirts und kurzen Hosen, barfuß. Das Mädchen mit dem Rücken zu mir dürfte Helena sein, das andere Mädchen, mit blondem Pferdeschwanz, kenne ich nicht.
Als es mich entdeckt, lässt es den Schläger sinken und deutet mit einer Kopfbewegung in meine Richtung. Helena legt ihren Schläger weg und kommt auf mich zu.
„Fiona! Du bist aufgewacht!“
„Ja … Vielleicht.“ Ich fasse an meine Schläfe. „Das alles kommt mir wie ein Traum vor. Wieso bin ich hier? Und wo ist Katharina?“
Helena mustert mich kurz, dann dirigiert sie mich zu einer Sitzgruppe mit Rattanmöbeln. Sanft drückt sie mich auf einen der Stühle und legt meine Füße hoch. In der Zwischenzeit holt die Blondine ein Glas mit Zitronenwasser. Helena nimmt es und drückt es mir in die Hand.
„Trink das, du bist vermutlich ganz ausgetrocknet.“
Ich nippe daran. Es tut wirklich gut. Aber wieso bin ich ganz ausgetrocknet? Was ist überhaupt passiert?
„Was … was ist heute für ein Tag?“
„Samstag. 15. August.“
Ich schließe die Augen. Irgendwas stimmt hier nicht. Grad war es doch noch Mittwoch. Warum bin ich hier? Und wie bin ich hierher gekommen?
„Wie bin ich hierher gekommen?“
Helena kaut auf ihrer Unterlippe herum, bevor sie antwortet: „Mama hat dich geholt.“
„Sie hat mich geholt? Von wo?“
„Aus dem Krankenhaus.“
Ich runzele die Stirn. Ich war im Krankenhaus? Warum? Und wieso erinnere ich mich überhaupt nicht daran, dass ich im Krankenhaus war? Und wie kommt Katharina, ausgerechnet Katharina, eigentlich dazu, mich aus einem Krankenhaus zu holen? Zu sich?
Irgendwas stimmt hier ganz und gar nicht.
„Erinnerst du dich denn gar nicht, was passiert ist?“, fragt Helena leise. Sie hockt immer noch neben mir. Die Blondine steht hinter ihr und beobachtet mich.
„Nein. Wer ist das?“
Helena schaut kurz nach hinten. „Das ist Jody, meine Freundin.“
„Hi Jody.“
„Hi“, erwidert sie. Ihre Stimme klingt angenehm. Kräftig und warm. Freundin? Was für eine Freundin?
„Und Kay?“
Wieder kaut sie auf ihrer Unterlippe herum. Hat sie das bei mir abgeschaut? „Meine Eltern haben sich vor einigen Wochen getrennt. Mein Vater ist ausgezogen.“
Wie? Was? Wieso weiß ich davon nichts?!
„Sie haben sich getrennt?“
Helena nickt. Ihre Augen glänzen verdächtig. Dann ist Katharina ja nicht mehr mit ihrem Mann zusammen und … Mir fällt James ein und ich richte mich auf. Mir wird kalt. Sehr kalt.
„Was … Ich … Ich erinnere mich jetzt, dass ich im Büro war. Und dann war da ein Anruf. Ist Katharina bei James?“
Helena schüttelt langsam den Kopf und flüstert: „James ist tot.“
„Tot? Was ist mit meiner Tochter?“
„Sie ist auch tot. Sie …“ Helena schluckt hörbar, bevor sie fortfährt: „Du bist hingeflogen, aber es war schon zu spät. Das Haus ist explodiert und bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Du bist zusammengebrochen. Deine Eltern waren auch da. Dann wurdest du in das Krankenhaus gebracht und mit Beruhigungsmitteln vollgespritzt. Es tut mir leid.“
Ich starre sie an.
„Ich konnte sie nicht retten?“
„Niemand hätte das gekonnt. Das Haus ist explodiert, bevor du da warst. Die Explosion war so stark, dass alles, was sich im Haus befand, verglüht ist.“
Ich wende den Blick ab und starre nach draußen. Das war vor drei Tagen.
„Mama hat es im Internet gehört, wenige Minuten nach der Explosion. Sie ist sofort losgefahren und ist dem Krankenwagen begegnet, der dich abgeholt hat. Sie fuhr hinterher. In der Nacht hat sie dich rausgeholt und hergebracht. Seitdem hast du durchgeschlafen.“ Sie atmet tief durch. „Bis heute Mittag war sie die ganze Zeit bei dir, aber dann musste sie weg. Ein Termin, den sie schon verschoben hatte und nicht noch einmal verschieben konnte. Aber sie ist bald wieder hier.“
„Warum hat sie das getan?“
„Sie war der Meinung, dass es nicht gut wäre, wenn sie dich im Krankenhaus dabehalten. Nicht für das Krankenhaus und nicht für dich.“
Ich nicke langsam. „Ja, das stimmt.“ Ich ziehe meine Beine an und beginne zu schaukeln. „Was ist mit meinen Eltern?“
„Das weiß ich nicht. Vielleicht hat Mama ihnen Bescheid gesagt.“
Ja, vielleicht. Ich starre wieder nach draußen. Es ist ein wirklich schöner Sommertag. Ich kann den Pool sehen. Eigentlich müssten wir jetzt am Pool sein, bei meinen Eltern. James, Sandra, Danny und ich. Unsere kleine Familie. An einem herrlichen Sommertag, an einem Wochenende, die kleine Sandra bei Oma und Opa. Wie so oft schon.
Aber wir sind es nicht. Sie sind nirgendwo. Nur noch ich bin.
Plötzlich weiß ich, was ich zu tun habe. Ich springe auf und gehe auf die Treppe zu. Doch dann stellt sich mir Helena in den Weg.
„Wo willst du hin?“
„Ich werde Zanda töten“, erwidere ich ruhig.
„Mama wusste, dass du das sagen würdest. Sie hat gesagt, wir sollen es verhindern.“ Jetzt steht auch Jody zwischen der Treppe und mir.
Ich starre die beiden an, versuche, an ihnen vorbei zu kommen, aber sie sind schnell. Beide sind schnell. Jody ist keine Kriegerin, das würde ich spüren, aber sie ist auch kein gewöhnlicher Mensch.
„Lasst mich vorbei. Ich will euch nicht wehtun.“
„Das geht nicht. Wenn du vorbei willst, musst du uns wehtun. Aber das solltest du nicht tun. Ich meine, ich kann verstehen, dass du das tun willst. Aber du solltest es nicht jetzt, nicht in diesem Zustand tun.“
„Was redest du da? Ich werde Zanda töten. Jetzt.“
Ich mache einen Schritt vorwärts und das Nächste, was ich wieder bewusst wahrnehme, ist, dass ich auf dem Boden kauere und die beiden Mädchen mich in den Armen halten. Ich spüre, dass mein Gesicht nass ist. Mein Atem geht rasselnd, ich schnappe förmlich nach Luft.
Mir wird klar, dass ich einen Blackout hatte, dass ich zusammengebrochen bin. Die Wucht des Schmerzes, als mir mit völliger Klarheit bewusst wurde, was geschehen ist, hat mich von den Füßen gerissen. Wortwörtlich.
Ich sehe Helena und Jody an, die mich festhalten. Sie haben auch geweint, das sehe ich an ihren Gesichtern, während ich verzweifelt um Luft kämpfe.
Es dauert noch eine ganze Weile, bis ich nicht mehr das Gefühl habe, gleich ersticken zu müssen. Jody springt auf und holt mir mein Wasser. Ich trinke das Glas gierig leer.
„Wie … wie lange war ich weg?“
„Weiß nicht. Vielleicht zehn Minuten. Wir haben ganz schön Angst bekommen.“
„Es tut mir leid.“ Ich senke den Blick. „Es ist alles meine Schuld.“
„Was ist deine Schuld? Ich verstehe nicht.“
Ich sehe Helena an. „Alles ist meine Schuld. Dass Sandra tot ist, und James, und Danny. Sie sind alle meinetwegen gestorben. Es ist meine Schuld.“
„Das ist doch nicht deine Schuld!“
„Doch.“ Ich schließe die Augen. „Weil ich Anne Maries Avancen nicht zurückgewiesen habe. Weil ich zugelassen habe, dass sie sich an mich klammert. Deswegen sind wir noch einmal zurückgegangen, deswegen haben wir die Kette geholt, deswegen sind wir den Vampiren begegnet, deswegen ist Anne Marie gestorben.“ Ich öffne die Augen wieder und starre Helena an.
„Und was hat das mit … mit dem Tod von …“
„Zanda hat sich gerächt. Er glaubt, dass ich Anne Marie getötet habe. Dabei hätte ich alles getan, um sie zu beschützen. Aber ich habe versagt. Sie ist tot und nun auch Sandra. Und James.“
Helena will was sagen, doch dann schließt sie den Mund wieder. Hinter ihr erklingen Schritte und dann kommt Katharina um die Treppe herum und bleibt wie angewurzelt stehen.
Sie trägt einen eleganten Sommeranzug und sieht unglaublich schön aus. Nur die dunkle Sonnenbrille stört dabei etwas. Als sie diese jetzt abnimmt, sehe ich die rot geränderten Augen.
Ich glaube, sie hat mehr geweint als ich.

Ich beobachte Katharina. Sie sitzt mir gegenüber in einem der Rattanstühle, quer, die Beine lässig über die Lehne gelegt. Sie ist barfuß und trägt eine weiße Leinenhose, dazu passend die Bluse. Ihre Fußnägel sind rot lackiert. Die Jacke hat sie ausgezogen und über die Rückenlehne eines anderen Stuhls gehängt.
Ich sitze wieder, wo ich vorhin schon saß, und umarme die angezogenen Beine. Und konzentriere mich darauf, nicht zu schaukeln.
Auf dem Tisch vor mir steht ein Glas, diesmal mit Caipi darin. Helena hat ihn gemacht, bevor sie mit Jody nach draußen ging. Sie liegen jetzt in der Sonne, oben ohne.
Ich angele mir das Glas vom Tisch, ohne meine Beine loszulassen. Katharina sieht zu mir herüber. Sie hat auch ein Glas, der Farbe nach zu urteilen ist Whisky darin. Pur.
„Was ist geschehen?“, erkundige ich mich.
Katharinas sonst hellblaue Augen verdunkeln sich, nur für einen kurzen Augenblick. Dann nimmt sie einen Schluck von ihrem Drink und antwortet: „Ich war im Büro und las E-Mails, als in den Nachrichten die Explosion erwähnt wurde. Sie waren schnell, kaum mehr als fünf Minuten waren vergangen. Ich wusste sofort, welches Haus gemeint ist. Ich setzte mich ins Auto und fuhr los. Kurz bevor ich dort war, kam mir ein Krankenwagen entgegen. Ich spürte darin deine Anwesenheit und auch, dass du nicht bei Sinnen warst. Also wendete ich und fuhr hinterher. Im Krankenhaus haben sie versucht, dich ruhigzustellen und haben dafür so viel Barbiturate genommen, dass es für einen Elefanten gereicht hätte.“
„Barbiturate?“
Sie zuckt die Achseln. „Ich glaube, sie haben es erst mit anderen Mitteln versucht, damit hatten sie aber überhaupt keinen Erfolg. Sie konnten ja nicht wissen, dass dein Kriegerkörper das Zeug praktisch sofort wieder abbaut, vor allem, wenn er mit Adrenalin geflutet ist. Jedenfalls, irgendwann haben sie es geschafft, dich zu beruhigen. Wenn ich es mir so überlege, ist es fast ein Wunder, dass niemand zu Schaden gekommen ist.“
„Vielleicht habe ich einen Schutzmechanismus eingebaut.“
„Mag sein. Mir war klar, dass du nicht im Krankenhaus bleiben kannst. Erstens hätten sie dich eh nicht behandeln können und zweitens durften die nicht merken, dass du kein gewöhnlicher Mensch bist. Deine Resistenz gegen Beruhigungsmittel haben sie hoffentlich auf das Adrenalin geschoben.“
„Und was hast du getan?“
„Gewartet, bis alles ruhig war. Es war schon lange dunkel draußen. Dann habe ich dich geholt.“
„Mich geholt? Du hast mich rausgetragen?“
Sie schüttelt den Kopf. „Das war mein erster Plan, aber es wäre zu auffällig gewesen. Zum Glück warst du bereit mitzugehen.“
„Ich war wach?“
„Nun, inzwischen glaube ich das nicht mehr, da du dich offensichtlich überhaupt an nichts davon erinnern kannst. Aber ja, du hattest die Augen offen und hast brav getan, was ich dir gesagt habe. Wir sind hierher gefahren, ich habe dich ins Zimmer gebracht, dich ausgezogen und du hattest den Kopf noch nicht auf dem Kopfkissen und warst schon am Schlafen. Bis vorhin. Und das lag ganz sicher nicht an den Barbituraten.“
„Nein, ganz sicher nicht. Weiß denn jemand außer euch, dass ich hier bin?“
Sie schüttelt erneut den Kopf und nimmt einen Schluck von ihrem Drink. „Ich habe mit deinem Handy eine SMS an deine Mutter geschickt, gestern, als mir klar wurde, dass es länger dauern könnte, dass du in Sicherheit bist und dich meldest.“
Ich halte mein Glas zwischen den Knien und drücke die Stirn dagegen. Die Kälte tut gut.
„Ich … ich kann das nicht.“
„Was?“
„Meine Mutter anrufen. Nicht jetzt.“
„Dann ruf sie später an. Ist jetzt auch egal.“
„Eigentlich nicht. Ich rufe sie vielleicht wirklich später an. Oder morgen.“ Ich hebe den Kopf und starre Katharina an. „Ich sollte gehen.“
„Wohin? Und warum?“
Ihre hellblauen Augen mustern mich mit einem undefinierbaren Ausdruck. Dann wird mir klar, dass ich Angst sehe. Sie hat Angst, dass ich eine Antwort auf ihre Fragen habe.
Habe ich auch. Zumindest auf die erste. Bei der zweiten bin ich mir nicht so sicher.
„Ihr habt euch getrennt?“
Sie braucht einen Moment, um meinen plötzlichen Themenwechsel zu verdauen. Dann nickt sie. „Ja, schon vor einigen Wochen. Oder Monaten. Wir … wir haben uns entliebt. Und haben eingesehen, dass es keinen Sinn hat, krampfhaft die heile Familie spielen zu wollen. Und dass es besser ist, wir trennen uns, solange es noch friedlich geht. Kay ist nach London gezogen, hat dort eine schöne Wohnung, die ich bezahle. Auch seinen Lebensunterhalt, zumindest bis er es selbst kann.“
„Hat er einen Job?“
„Er macht eine Detektei auf. Nach London wollte er sowieso schon immer.“
Den Zusammenhang verstehe ich zwar nicht, aber es spielt auch keine Rolle, glaube ich.
„Bei seinen Fähigkeiten und Kontakten ist eine Detektei wahrscheinlich genau das Richtige.“
„Ich denke auch. Wie gesagt, wir sind noch Freunde. Mehr nicht.“
„Ist schon irgendwie seltsam, oder? Ich meine, das Schicksal ist ein so richtig fieser Hund. Du trennst dich von deinem Mann und ich kurz darauf …“ Auch, wollte ich noch sagen, aber das klappt nicht mehr. Ich merke noch, wie Katharina mit übermenschlicher Geschwindigkeit zu mir springt und das Glas mit dem Caipi auffängt, dann habe ich wohl den nächsten Aussetzer.
Als ich wieder einen halbwegs klaren Gedanken fassen kann, kniet Katharina neben mir und hält meinen Kopf an sich gedrückt. Ich befreie mich und versuche, die Tränen abzuwischen, was bei der Menge schier aussichtslos zu sein scheint. Katharina reicht mir ein Taschentuch, damit habe ich mehr Erfolg.
Ich schnäuze mich, dann knülle ich das Taschentuch zusammen und sage schniefend: „Wie soll das funktionieren? Ich meine, vor drei Tagen ist mein Mann gestorben. Wir … wir sind beide frei, aber das geht doch nicht.“
Katharina sieht mich ernst an. „Fiona, ich habe nicht aufgehört, dich zu lieben. Und du kannst mir glauben, ich habe so ziemlich alles versucht, um dich zu vergessen. Vier Jahre lang. Meine Ehe ist nicht zuletzt auch daran kaputt gegangen. Ich war schließlich vor einem Jahr so weit, dass ich gesagt habe, es ist mir egal. Und dann fiel mir das mit Michael ein und ich war froh, doch noch eine Ausrede zu haben. Es hat nur überhaupt nichts gebracht. Ich habe mich nicht von Kay getrennt, um für dich frei zu sein. Wie hätte ich auch ahnen können, was geschehen wird? Und du kannst mir auch glauben, ich würde alles tun, um es wieder ungeschehen zu machen. Aber das kann ich nicht, egal wie viel Macht ich habe.“ Sie atmet tief durch. „Mir ist klar, wie du dich fühlst und erwarte auch gar nicht, dass du etwas tust, was du gar nicht willst. Das verstehe ich, sehr gut sogar. Ich möchte nur, dass du weißt, dass ich dich liebe und dass ich warten kann. Tage, Wochen, Monate, Jahre. Das ist mir egal. Ich werde solange warten, wie es eben dauert.“
Was für eine perverse Situation. Da kniet sie neben mir, die Frau, nach der ich mich vier Jahre lang so verzehrt habe, und jetzt, wo ich sie haben könnte, ist es vollkommen unmöglich.
Warum eigentlich?
Weil vor drei Tagen erst James gestorben ist. Und Sandra. Und du so voller Schmerz bist, dass du dich gar nicht auf eine neue Beziehung einlassen kannst. Nicht jetzt.
Ich sehe Katharina an. Sie erwidert meinen Blick. Ihre Augen glänzen und langsam läuft eine Träne aus dem Außenwinkel ihres linken Auges. Sie rinnt an ihrer Wange hinab, an den Lippen vorbei, verharrt kurz an ihrem Kinn und fällt dann wie in Zeitlupe hinunter.
Ihre Lippen erzittern kaum merklich.
Sie hat sehr schöne Lippen. Sie erinnern ein wenig an die Lippen von Brigitte Bardot. Vielleicht nicht ganz so voll. Mir fällt ein, was sie mit diesen Lippen alles anstellen kann. Wie ihre Berührung sich anfühlt …
Fiona! Denk an James!
Ich denke an ihn. James war durch und durch pragmatisch. Würde er wollen, dass ich mich in Selbstmitleid zerfleische?
Es geht nicht um Selbstmitleid!
Wirklich nicht? Um was geht es dann? Wer sollte denn ernsthaft was dagegen haben?
Die Leute …
Die Leute? Das sagst du, Fiona Flame, der es sonst völlig am Arsch vorbei geht, was die Leute denken? Weißt du, was ich glaube?
Was denn?
Du hast einfach nur Angst. Vier Jahre lang hast du dir nichts sehnlicher gewünscht. Du hast es dir vorgestellt, immer wieder, wie es sein würde, sie wieder zu küssen, sie wieder in den Armen zu halten. Du hast es dir so sehr gewünscht und vorgestellt, dass du Angst davor hast, du könntest schon wieder enttäuscht werden.
Ja, kann schon sein, dass ich Angst habe. Ist sie denn unberechtigt? Was, wenn sie die Nächste ist?
Dann solltest du erst recht nicht warten.
Katharina legt den Kopf schief. „Was ist passiert?“
Ich schließe die Augen. Ich werde es bereuen. Und wie ich es bereuen werde.
Aber es ist mir scheißegal.
Ich werfe mich ihr so heftig an den Hals, dass ich vom Stuhl falle und sie umschmeiße. Wir landen beide auf dem Boden, sie unter mir. Ich presse den Mund auf ihre Lippen und suche ihre Zunge, die mir bereitwillig entgegen kommt.
Schließlich löse ich mich keuchend von ihr und spüre ihre Hände auf meinem Po.
„Wir sollten nach oben gehen. Trägst du mich hoch?“
„Ja, ich trage dich hoch“, erwidert sie halb lachend und halb weinend und richtet sich auf. Ich schlinge die Beine um ihre Hüften und verschränke die Hände hinter ihrem Nacken. Die Lippen auf meinen Mund gepresst, tastet sie sich die Stufen hoch, in das Zimmer, in dem ich vorhin aufgewacht bin.

Die süße Schwere, die so typisch ist nach einem heftigen Orgasmus, legt sich langsam auf uns. Katharinas Kopf liegt auf meinem linken Arm, ihr rechter Arm auf meinem Bauch und ihre rechte Hand locker zwischen meinen Oberschenkeln.
„Bereust du es?“, fragt sie plötzlich.
Ich drehe ihr meinen Kopf zu. Sie erwidert meinen Blick fragend.
Bereue ich es? Es ist erst wenige Stunden her, dass sie mir gestanden hat, wie sehr sie mich liebt, wenige Stunden, dass ich mich gegen jede Vernunft für sie entschieden habe. Gestern Nachmittag haben wir uns leidenschaftlich geliebt, gestern Abend haben wir uns leidenschaftlich geliebt und heute Morgen, jetzt gerade. Dazwischen haben wir gegessen, zwei Filme angesehen und geschlafen.
Ich verneine kopfschüttelnd.
„Musstest du so lange darüber nachdenken?“
„Nein. Nicht darüber. Oder besser gesagt, nicht nachdenken. Ich habe mich erinnert, wie ich mich gefühlt habe, seitdem du mich hochgetragen hast. Aber da war keine einzige Sekunde des Bedauerns. Ich liebe dich.“
Für einen Moment wird sie ganz starr. Dann dreht sie sich auf die Seite und vergräbt ihr Gesicht in meiner Halsbeuge. Innerhalb von Sekunden wird meine Schulter nass. Ich küsse ihre Schläfe und streichele ihren Rücken, ohne etwas zu sagen. Es sind einfach keine Worte nötig.
Schließlich hebt sie den Kopf und sieht mich an. Ihr Gesicht ist von einem Tränenschleier bedeckt. Irgendwie schon fast lustig, wie wir die Rollen getauscht haben.
„Entschuldige“, sagt sie schniefend.
„Wofür?“
„Na ja …“ Sie berührt meinen Hals. „Ich habe dich nass gemacht.“
„Das stimmt allerdings.“
„Was?“ Sie scheint sich schon wieder nicht entscheiden zu können, ob sie lachen oder weinen soll. „Du wirst nass, wenn ich weine?“
„Am Hals auf jeden Fall.“
Sie legt eine Hand zwischen meine Schenkel und ihre Augen weiten sich. „Das ist ja unglaublich!“
„Ich glaube, das kommt nicht von deinem Weinen“, murmele ich.
„Sondern?“
„Ist das jetzt wichtig?“
Sie schüttelt den Kopf. „Nicht wirklich. Ich schätze, ich muss jetzt was dafür tun, dass du wieder trocken wirst. Wenn ich dich schon so nass mache …“
Das sehe ich genauso. Ganz schafft sie es zwar nicht, aber irgendwann entschwinde ich aus dieser Welt und kehre erst viel später und nur zögerlich wieder. Katharina liegt mit erhobenem Kopf auf mir und beobachtet mich.
„Was hast du gesehen?“
„Eigentlich nichts Besonderes. Dein Gesicht war völlig entspannt. Du hast irgendwann sogar gelächelt.“
„Das müssen wir im Kalender rot markieren!“
„Okay. Ich schreibe nachher rein: ‚Hat nach supergeilem Orgasmus selig gelächelt.’“
„Wehe!“
Sie grinst und wird plötzlich ernst. „Fiona, du musst jetzt wirklich deine Eltern anrufen.“
Ich ziehe eine Schnute. „Musst du den Moment kaputt machen?“
„Der Moment ist schon vorbei.“
Das stimmt auch wieder. Seufzend strecke ich mich nach dem Handy, das auf dem Nachttisch liegt. Auf die nächsten Minuten freue ich mich nicht einmal ansatzweise.
Die Stimme meiner Mutter klingt schwach, als sie sich meldet: „Ja …?“
„Hallo, Mama. Ich bin es.“
„Oh Gott sei dank! Wir haben uns solche Sorgen gemacht! Und als diese SMS kam, haben wir gedacht, du wärst entführt worden!“
„Von wem sollte ich entführt worden sein?“
„Was weiß ich! Du warst doch gar nicht du selbst! Die Ärzte haben gesagt, sie hätten so was noch nie erlebt. Sie haben so viel Schlafmittel in dich reinpumpen müssen, dass sie schon Angst hatten. Aber es ging nicht anders.“
„Mein Körper betrachtet das Zeug als Gift und baut es sofort wieder ab. Mir geht es gut. Na ja, den Umständen entsprechend.“
„Aber wo um Himmels willen bist du überhaupt?“
„Bei Katharina.“
„Bei Katharina?“
Ich seufze und suche Katharinas Blick. Sie lächelt mich aufmunternd an.
„Hör zu, Mama, Katharina wusste, dass es nicht gut für mich im Krankenhaus ist und hat mich rausgeholt. Eigentlich war es nicht geplant, euch nicht Bescheid zu geben, aber ich habe einfach ein paar Tage geschlafen. Auch ohne das Zeug. Deswegen hat sie euch irgendwann die SMS geschickt, damit ihr wenigstens ein Lebenszeichen von mir habt.“
„Das verstehe ich nicht. Wieso hat sie dich nicht zu uns gebracht?“
„Weil ich dort zu nah am Geschehen gewesen wäre, Mama. In jeder Hinsicht.“
„Es ist so furchtbar“, sagt sie schniefend. „Niemand weiß, was passiert ist, zumindest will uns niemand was sagen. Nicht einmal Ben oder Jack. Ich habe sogar versucht, diesen Vampir zu erreichen, aber er ist unauffindbar.“
„Mama, ich glaube, sie wissen wirklich nichts. Woher auch. Und ich möchte nicht am Telefon darüber reden.“
„Aber wie dann? Sollen wir zu euch kommen?“
Ich denke kurz nach, dann erwidere ich: „Nein. Wir kommen zu euch.“
„Wann?“
„Heute. In zwei, drei Stunden.“
„In Ordnung. Wir … wir sind so entsetzt.“
„Das bin ich auch, Mama“, sage ich leise. „Bis nachher.“
Ich beende die Verbindung und starre Katharina an. „Ich habe dich gar nicht gefragt, ob du überhaupt mitkommen …“
„Natürlich.“
Ich liebe sie dafür, wie sie alles in dieses eine Wort legt. Alles, was unsere Beziehung ausmacht. Was ich schon einmal gespürt habe, als sie in der Verborgenen Welt bedingungslos zu mir gehalten hat, selbst als ich dort bleiben wollte und sie genau wusste, was das mit ihrem physischen Körper macht. Da ist nicht der Hauch eines Zweifels.
Ich atme tief durch. „Wir sollten duschen und uns dann auf den Weg machen. Das wird hart.“
Sie sagt nichts, aber das braucht sie auch nicht. Ihr Gesichtsausdruck ist deutlich genug.

„Was soll ich anziehen?“
„Nun ja. Das ist eine wirklich schwierige Frage.“ Katharina öffnet die Türen des riesigen Kleiderschranks. „Sieht so aus, als hättest du jede Menge Auswahl.“
„Ziehst du mich an?“
Sie mustert mich und ich beiße unwillkürlich auf meine Unterlippe. Grinsend schüttelt sie den Kopf, dann beginnt sie, verschiedene Kleidungsstücke aus dem Schrank zu räumen. Ihr nackter Körper glänzt, ihre noch nassen Haare schmiegen sich an die Konturen ihres Kopfes an. Am liebsten würde ich weinen.
Da kommt es mir ganz recht, dass Katharina offensichtlich unter geistiger Verwirrung leidet.
„Was willst du mit zwei Slips? Und zwei Blusen? Und…?“
„Soll ich denn nackt gehen?“
„Ähm …“
Sie lacht auf. „Ich deute das mal als Zeichen der Verwirrung, nicht als Zustimmung. Jedenfalls dürften deine Sachen auch mir passen.“
„Nicht alles.“
Sie hält einen Sport-BH hoch. „Der schon. Dann werde ich dich wenigstens nicht so verwirren.“
„Dafür reicht es nicht, dir den Busen abzuquetschen.“
Sie sagt nichts mehr, sondern beginnt tatsächlich, mich anzuziehen. Scheiße, fühlt sich das blöd an! Sie geht vor mir in die Hocke, hebt erst ein Bein hoch und zieht den Schlüpfer über den Fuß, dann das andere. Danach geht es weiter mit meinem BH, einer schwarzen Bluse und schwarzer Leinenhose. Und schließlich bekomme ich noch Slipper auf die Füße gezogen.
„Fertig“, sagt sie und erhebt sich. „Jetzt bist du dran.“
Schweigend mache ich mich an die Arbeit. Sie erfordert ernsthafte Konzentration, spätestens als ich den Schlüpfer hochziehe und dabei für einen Moment ihre nackte, absolut glatt rasierte Muschi vor Augen und Nase habe. Ich schlucke, dann mache ich weiter. Dabei sehe ich, dass sie unverschämt grinst. Klar, sie hat ja dasselbe schon hinter sich. Nach ein paar Sekunden ist sie auch eingekleidet.
Ich gebe ihr einen Kuss auf den Mund, dann hole ich mein Handy und sehe sie fragend an.
Sie erwidert den Blick nachdenklich.
„Was?“
Statt einer Antwort geht sie zu einem anderen Schrank und holt mehrere Taschentücher hervor, die sie einsteckt.
„Gehen wir“, sagt sie dann.
Mir wird plötzlich bewusst, was mir bevorsteht, und ich würde am liebsten wieder umdrehen, ins Bett gehen, die Decke über den Kopf ziehen und ein paar Wochen schlafen.
Unten treffen wir Helena und Jody an. Sie sind im Pool und knutschen herum. Anscheinend haben sie weniger Hemmungen als wir. Sie sind ja auch deutlich jünger.
Fiona!
Schon gut. Ist doch so.
Ich winke den beiden zu, nachdem Katharina ihnen erklärt hat, wohin wir wollen und dass es spät werden kann.
„Wir kommen zurecht“, erwidert Helena. „Und viel Kraft!“
„Danke.“
Wir gehen in die riesige unterirdische Garage.
„Hast du einen besonderen Wunsch?“
„M3, Cabrio.“
Sie starrt mich an, schließlich nickt sie. „Das kam ja spontan. Wenn du BMW liebst, wieso fährst du dann so einen ollen Kombi?“
„Oller Kombi? So viel langsamer ist der gar nicht!“
„Sieht aber scheiße aus.“ Sie deutet auf ein weißes Cabrio. „Willst du fahren?“
Statt einer Antwort springe ich auf den Fahrersitz. Katharina steigt etwas lässiger auf der anderen Seite ein.
„Wo ist der Schlüssel?“
„Versuch es doch mit dem Knopf da.“
„Trotzdem muss der Schlüssel doch im Auto sein!“
Katharina öffnet das Handschuhfach und holt den Schlüssel hervor. „Zufrieden?“
Ich nicke und starte den Motor. Es ist eine Ewigkeit her, dass ich zuletzt einen BMW fuhr. Ich muss an meinen 3er denken, den ich damals geschrottet hatte, als der Motorradkiller hinter mir her war. Ganz so heiß wie dieser hier war der zwar nicht, aber auch nicht gerade eine lahme Krücke.
Ich fahre den Wagen zivilisiert nach draußen und gebe erst Gas, als wir auf der langen Geraden sind, die zum Tor führt. Die fünf Kilometer haben wir in wenig mehr als einer Minute geschafft. Dann muss ich allerdings abbremsen, denn das Tor öffnet sich erst, als wir davor stehen.
„Geht das nicht auch etwas komfortabler?“, erkundige ich mich, während ich den Wagen in die Schleuse fahre.
„Ich habe viele Feinde.“
Ein schlagendes Argument.
Draußen gebe ich wieder Gas. Ich fahre die Strecke nicht zum ersten Mal und weiß, wo die Blitzer stehen. Ich will Jacks Protektion nicht überstrapazieren, außerdem erwarten sie mich nicht in einem weißen Cabrio.
Dann biegen wir auf die King Valley ein. Die ersten fünf Grundstücke ziehen an uns vorbei und ich kann bereits die offene Einfahrt meiner Eltern sehen. Daneben die 13, wo wir gewohnt haben. Diese Einfahrt ist mit einem rotweißen Plastikstreifen abgesperrt.
Ich fahre langsamer, bis neben den Plastikstreifen, und starre geradeaus. In diesem Moment weiß ich nicht, ob ich den Anblick ertragen kann.
Aus dem Augenwinkel sehe ich, dass Katharina mich beobachtet. „Wir können auch später wiederkommen“, sagt sie leise.
Ich schüttele den Kopf und beiße auf meine Unterlippe. Dann sehe ich sie an. An ihr vorbei erkenne ich unscharf die Reste vom Haus, soweit sie von dieser Position aus überhaupt zu sehen sind.
Die ersten Tränen sind draußen.
Schließlich wende ich mich ab und steige aus. Wie in Trance gehe ich um das Auto herum, klettere über die Absperrung und betrete das Grundstück.
Das ausgebrannte Wrack vom Jaguar steht an seinem gewohnten Platz. Nur das Haus ist nicht mehr wirklich da. Ein paar Grundmauern stehen noch, der Rest ist weg. Einfach weg. Und da sind Spuren. Spuren der Feuerwehr, der Polizei und wahrscheinlich auch atomisierte Spuren von James. Und Sandra. Und Danny. Der Rasen zertrampelt, verkohlt.
Ich erinnere mich wieder. Mein Flug vom Büro hierher hat nicht lange gedauert, ich wusste ja, wo ich hin musste. Schon von oben sah ich das Feuer und mir war klar, dass niemand darin am Leben sein konnte. Die Explosion hatte das Haus förmlich weggesprengt und in einem normalen Viertel, wo die Nachbarhäuser viel näher zusammen stehen, hätten diese auch Schaden genommen. Selbst so sind einige Scheiben zersplittert, bei meinen Eltern, und vermutlich auch auf der anderen Seite. Meine Mutter hatte das gesagt, als sie kurz nach mir angekommen waren, vollkommen entsetzt. Sie sagte, dass sie einen Knall gehört haben, dann die zerberstenden Scheiben und dass sie zuerst an ein Attentat gedacht haben.
Es war ja auch ein Attentat.
Katharina tritt neben mich und reicht mir stumm ein Taschentuch. Ich wische mein Gesicht ab und frage mich unwillkürlich, für wie lange die Tränenvorräte wohl reichen werden.
Und ich bin erstaunt über mich. Ich bin trotz der Tränen sehr ruhig. Viel zu ruhig.
Dann höre ich die Schritte und blicke zur Einfahrt. Meine Eltern stehen da, unschlüssig. Als ich nicht reagiere, kommen sie schließlich langsam näher. Ich starre meine Mutter an, dann nehme ich sie schweigend in die Arme. Ich spüre, wie ihre Versteifung sich löst und ansatzlos in heftiges Weinen übergeht.
Verdammte Scheiße.
Ich habe keine Ahnung, wie lange wir so da stehen, beide weinend. Sie ist es, die irgendwann den Kopf hebt und mich ansieht. Katharina reicht uns Taschentücher. Meine Mutter wischt erst mein Gesicht ab, dann ihr eigenes und schnäuzt sich anschließend.
„Wir sollten jetzt vielleicht hineingehen“, schlägt mein Vater vor.
„Das ist eine gute Idee“, sagt Katharina schnell.
Ich zwinge mich, keinen letzten Blick auf die Überreste des Hauses zu werfen und gehe voran. Während meine Eltern mir folgen, springt Katharina in den Wagen und fährt ihn auf den Hof. Mein Vater mustert ihn kurz, sagt aber nichts.
Der Tisch auf der Terrasse ist gedeckt. Von dort kommt uns Nicholas entgegen. Ich umarme ihn stumm, er sagt ebenfalls nichts. Was sollte er auch sagen?
„Wo ist eigentlich meine Mutter?“, erkundige ich mich, weil mir plötzlich bewusst wird, dass sie nicht mit uns gekommen ist.
„Sie kommt gleich nach“, erwidert mein Vater. „Setzt euch schon mal. Möchtet ihr was trinken?“
Katharina wirft mir einen Blick zu, dann nimmt sie Platz. Ich setze mich neben ihr. Die Anspannung, die mein Vater plötzlich ausstrahlt, gefällt mir nicht, aber ich kann die Situation nicht so richtig einordnen. Meine Intuition sagt mir, dass keine Gefahr vorhanden ist. Aber etwas stimmt trotzdem nicht.
„Da Fiona noch nachdenkt, gebe ich meine Bestellung ab. Ich hätte gern einen Whisky.“
„Pur? On the rocks? Als Cocktail?“
„Oh, wenn du es schon anbietest: Ich nehme einen Scotch Sour.“
„Kein Problem. Du, Fiona?“
Ich starre Katharina an, dann wende ich mich meinem Vater zu. „Äh … Ach so, trinken. Ich nehme einen Wodka Martini.“
„Soll ich mich darum kümmern?“, erkundigt sich Nicholas.
Ich sehe meinem Vater an, dass er verneinen will, aber bevor er das tun kann, kommt meine Mutter, von wo auch immer. Sie nickt.
„Was trinkst du, Barbara?“
„Oh, trinken ist eine gute Idee. Ich nehme einen Rotwein.“
„Und Sie, Mr. Carter?“
„Ich nehme auch einen Sour. Danke, Nicholas.“
Die beiden setzen sich und in der entstehenden Stille wäre das Pupsen einer Fliege wie eine Explosion. Zumindest für kurze Zeit, denn kurz darauf beginnt Nicholas mit der Zubereitung der Drinks und unterbricht damit die Todesstille.
Meine Mutter rückt ihr Besteck zurecht, obwohl es perfekt ausgerichtet war. Sie ist nervös. Sie hat etwas getan, wovon sie weiß, dass ich nicht begeistert wäre, wenn ich wüsste, was sie getan hat.
„Ich höre“, sage ich.
„Was denn, Kind?“
Für einen kurzen, aber äußerst intensiven Moment habe ich das extreme Bedürfnis, einfach loszuschreien. Ich schaffe es kaum, mich zu beherrschen. Aber ich schaffe es.
„Mama, ich möchte jetzt sofort wissen, warum ihr so nervös seid. Und komm mir bitte nicht mit irgendwelchen Ausreden. Ich bin nicht blöd.“
Ihre Augen flattern kurz. Sie wirft ihrem Mann einen Blick zu, dann antwortet sie: „Ich habe Jack angerufen. Und Nilsson. Sie kommen zum Abendessen hierher.“
„Zum Abendessen? Es ist doch gerade mal Mittag!“
„Sie sind unterwegs. Aber Ben könnte …“
„Halt, stopp! Was soll überhaupt diese Heimlichtuerei?“
„Ich … ich dachte, dass es dir vielleicht nicht gefallen wird.“
Ich atme tief durch. „Damit hast du recht, aber hast du geglaubt, ich schlage dir den Kopf ab?“
„Fiona!“ Katharina und mein Vater sind absolut synchron. Ich fange an zu lachen und kann kaum aufhören. Erst als Nicholas mit den Drinks kommt habe ich mich einigermaßen wieder beruhigt.
„Entschuldigt bitte“, sage ich keuchend den vorwurfsvoll Dreinblickenden. „Das war einfach zu komisch, wie Katharina und Papa spontan völlig zeitgleich meinen Namen gerufen haben. Ich habe doch nur gefragt, ob Mama das geglaubt hat. Denn ihr wart so nervös, dass ich glauben muss, ihr traut mir die allergrößten Schweinereien zu.“
„Nun, das vielleicht nicht“, erwidert meine Mutter. „Aber du musst zugeben, die letzten Tage waren ziemlich seltsam.“
Ich werde augenblicklich ernst. „Ja, das ist wahr. Also gut, reden wir nicht mehr darüber. Das heißt, werden die beiden dem Rest der Truppe Bescheid geben?“
Meine Mutter nickt.
„Na schön.“ Ich nehme den Wodka Martini und stelle fest, dass Nicholas keine Olive hineingetan hat. Dafür ist das Glas und nur das Glas schön kalt. Woher kann er das?
Egal.
„Ich verzichte heute mal auf den Trinkspruch“, fahre ich fort und trinke die Hälfte des Glases leer.
Der Moment der Wahrheit rückt immer näher. Ich sehe Katharina an. Wir haben gar nicht darüber gesprochen, wie wir uns verhalten wollen. Doch für mich steht sowieso fest, dass ich keine Versteckspielchen spielen werde. Und wenn sie das nicht verkraftet, dann …
Ich atme mal wieder tief durch.
„Kind, was ist los? Ist dir schlecht?“
„Nein. Das heißt, irgendwie schon, aber dagegen hilft nicht einmal frische Luft.“ Wie erwartet, reiße ich mit dem Witz niemanden vom Hocker. „Ich vermute mal, ihr hättet jetzt gerne ein paar Erklärungen.“
„Das wäre angebracht“, bestätigt mein Vater.
Ich trinke schnell den Rest meines Drinks auch noch, bevor ich anfange.
„Ich erhielt am Mittwoch, kaum dass ich um Büro war, einen Anruf von Graf Zanda. Er teilte mir mit, dass Zahltag sei.“
„Zahltag? Was für ein Zahltag?“
Ich halte kurz inne. Katharina weiß ja auch nicht, was der wahre Grund für Zandas heftige Reaktion ist. Vielleicht sollte ich mir meine Worte gut überlegen. Andererseits, es ist so was von scheißegal. Es ist lange vorbei. In jeder Hinsicht.
Mit geschlossenen Augen fahre ich fort: „Als vor ungefähr drei Jahren Emily auf der Suche nach dem Spiegel zu uns kam und ich, durch verschiedene Umstände, die hier auszuführen zu lange dauern würde, die Gastfreundschaft der Vampire genießen durfte, lernte ich Anne Marie kennen. Sie war die Nichte von Graf Zanda, Katharina hat sie kennengelernt. Ich … ich wurde ihre Blutsklavin, weil sie sich in mich verliebt hat.“
„Oh, das erklärt einiges“, bemerkt Katharina. „Und du?“
Ich schüttele den Kopf. „Ich hätte mich nicht in sie verlieben können.“
Katharina braucht nur Sekundenbruchteile, um zu verstehen, das sehe ich an ihrem Gesichtsausdruck.
„Na ja, sie war ja schließlich eine Frau, nehme ich mal an“, sagt mein Vater.
„Das … das war nicht der Grund. Ich habe durchaus Sex mit ihr gehabt, als Blutsklavin war ich dazu verpflichtet. Außerdem wäre es für mich unangenehm geworden, wenn ich mich geweigert hätte.“
„Das glaube ich nicht“, erwidert Katharina leise. Sie hat es wirklich verstanden.
„Du hattest Sex mit einer Frau? Das ist ja mal was Neues.“
„Nicht wirklich“, entfährt es mir.
Mein Vater zieht die Augenbrauen hoch, meine Mutter starrt mich entgeistert an.
„Das war nicht das erste Mal? Ich habe dich noch nie mit einer Frau gesehen. Nur mit sehr vielen Männern. Vor James …“
Ich schlucke und werde direkt abgelenkt durch meine Mutter: „Oh mein Gott“, flüstert sie.
„Werde ich jetzt enterbt?“, erkundige ich mich, sie ansehend.
Sie schüttelt den Kopf. „Nein, nein, ich habe nur an was denken müssen. Tut mir leid. Ich bin aufgeklärt genug und habe nichts gegen Homosexuelle.“
„Ich bin nicht lesbisch“, entgegne ich stirnrunzelnd. „Ich … Ach, verdammt, darüber wollte ich gerade gar nicht reden.“ Tief Luft holen, ich weiß nicht zum wievielten Male heute. „Okay, also, Zanda ließ mich zu sich holen und hat mir, bei einem hervorragenden Glas Whisky, klar gemacht, dass er seine Nichte, deren Eltern schon lange tot sind, über alles liebt. Und dass er mich, sollte ihr was zustoßen, bis ans Ende der Welt jagen würde.“
„Ist ihr denn was zugestoßen?“, fragt mein Vater.
Ich nicke langsam. „Letztes Jahr, als James und Jack in der Vampirstadt gefangen gehalten wurden, hat uns Anne Marie geholfen. Sie entschied sich dabei, dass sie mit uns kommen will. Die anderen sind schon vorgegangen, aber sie wollte noch einmal zurück, um etwas zu holen.“
In die entstehende Pause hinein erkundigt sich Katharina: „Was war es denn?“
„Eine Kette. Die einzige verbliebene Erinnerung an ihre Mutter.“ Ich schlucke, denn ich habe das Gefühl, gleich ersticken zu müssen. „Auf dem Rückweg sind wir zwei Vampiren begegnet. Viele waren an jenem Tag gestorben, von den Zauberern getötet. Dementsprechend nervös und bewaffnet waren sie. Mit Armbrust und Spezialpfeilen. Die Pfeile enthielten mit Visz gefüllte Explosivgeschosse. Damit kriegt man sogar Krieger klein. Ich wusste das nicht, und als sie auf mich schossen und ich auswich, traf einer der Pfeile Anne Marie mitten ins Herz.“
„Oh mein Gott!“, entfährt es meiner Mutter.
„Aber du hast sie doch nicht getötet?“, stellt mein Vater fest.
„Aber Zanda glaubt das. Nachdem ich die beiden Vampire erledigt habe, kniete ich neben Anne Marie. So fand Zanda uns. Und bevor ich es aufklären konnte, stieß er mir einen Dolch ins Herz. Zum Glück kamen dann einige von uns, sonst säße ich vielleicht nicht hier.“ Und James würde noch leben. Und Sandra auch. Ich spüre, wie dieser Gedanke mir die Luft abschnürt.
Katharina legt eine Hand auf meinen Unterarm und sieht mich durchdringend an. Das hilft, ich kann kräftig durchatmen.
„Jetzt verstehe ich, was mit Zahltag gemeint war. Und du hattest keine Chance, rechtzeitig zu kommen.“
„Ich habe James sofort angerufen. Er sagte, es wäre ein Techniker da, wegen des Anschlusses. Und dass ich ihn bestellt hätte. Da wusste ich, was los war. Ich wollte ihn warnen, aber der Techniker hatte grad nach ihm gerufen und James legte auf, ohne meine Rufe zu hören.“
„Scheiße“, sagt Katharina.
Ja, Scheiße. Die Tränen brechen sich Bahn wie Lava aus einem Vulkan. Katharina zieht mich an sich und wie durch Watte höre ich, wie sie weitererzählt. Dass sie hinter uns hergefahren ist und mich aus dem Krankenhaus holte. Sie erklärt, warum und wieso. Wie ich tagelang geschlafen habe und sie schließlich die SMS geschickt hat.
Danach wird es still. Meine Tränen sind versiegt, vorläufig zumindest. Ich lehne den Kopf gegen Katharinas Schulter. Sie umarmt mich, ihre Hand ruht auf meiner Hüfte. Ich kann mir nicht vorstellen, dass meine Eltern das nicht sehen und verstehen.
„Ich verstehe trotzdem nicht, warum du so schnell zur Stelle warst“, sagt schließlich mein Vater.
„Ich habe die Nachricht im Internet gehört“, erklärt Katharina.
„Den Teil verstehe ich und das habe ich mir so ähnlich gedacht. Aber welchen Grund gibt es dafür, dass du dich sofort ins Auto setzt und losfährst?“
Ich hebe den Kopf und sehe meinen Vater an. „Weil sie mich liebt.“
Die Augen meiner Mutter weiten sich entsetzt, sie hat es also nicht erkannt. Mein Vater wirkt nicht überrascht, nur unangenehm berührt.
„Und du?“
„Ich liebe sie auch.“
„Verstehe.“ Mein Vater nimmt einen großen Schluck von seinem Drink.
„Wie … Seit wann?“
„Seit vier Jahren.“
„Ihr habt seit vier Jahren ein Verhältnis?“, fragt meine Mutter entgeistert.
„Nein. Es ist kompliziert.“
„Aber seit gestern?“ Mein Vater überrascht mich.
„Es ist kompliziert“, wiederhole ich. „Wir … haben uns ineinander verliebt, als wir damals die Cuculus gejagt haben. Uns war beiden klar, dass … dass es nicht geht. Sie war verheiratet, ich war es.“
„Sie war?“, fragt mein Vater.
„Kay und ich haben uns vor ein paar Wochen getrennt. Er lebt jetzt in London.“
„Oh“, sagt er nur.
„Verstehe ich das richtig? Ihr habt vier Jahre lang die Finger voneinander gelassen und jetzt, drei Tage, nachdem James tot ist, entdeckt ihr eure Liebe füreinander wieder?“
Oh, oh, das wird unangenehm. Meine Mutter ist wütend und empört. Sehr wütend.
„Nein, so war das nicht“, erwidere ich und spüre, dass auch ich wütend werde. „Ich sagte doch, es ist kompliziert. Ich habe James geliebt! Und auch Katharina! Und das hat mir die schlimmsten vier Jahre meines Lebens beschert! Es ist unfair, mir jetzt vorzuwerfen, ich hätte kaum abwarten können, dass James aus dem Weg ist!“
„Das habe ich nicht gesagt“, flüstert meine Mutter.
„Ach nein, wirklich nicht? Und was sollte deine Frage dann? Ich antworte für dich: genau das! Genau das hast du vorhin gedacht! Verdammt noch mal! Glaubst du wirklich, dass ich so bin? Vor vier Tagen stand ich vor diesem lichterloh brennenden scheißverdammten Haus und wusste, dass da drin Sandra und James nur wenige Sekunden vorher gestorben sind! Wie kannst du auch nur denken, ich hätte da nichts Besseres zu tun, als mich in eine Beziehung zu stürzen? Ich habe James geliebt, verstehst du das? Hast du auch nur die geringste Ahnung, wie weh das tut? Und ja, ich liebe auch Katharina! Ich kann es selbst nicht erklären, was da passiert, wie so was überhaupt möglich ist! Diesen fast unerträglichen Schmerz und gleichzeitig diese irrsinnige Liebe zu spüren! Gleichzeitig! Es zerreißt mich, verdammte Scheiße!“
Ich merke, dass ich stehe und dass sowohl Katharina als auch mein Vater vergeblich versuchen, mich zu beruhigen. Doch dafür ist es bereits zu spät. Ich habe das Gefühl, von innen heraus zerrissen zu werden und breche zusammen. Es ist kein Blackout, wie schon ein paar Mal in den letzten Tagen. Diese Gnade wird mir diesmal nicht gewährt. Ich erlebe den Schmerz bei vollem Bewusstsein, jede Sekunde davon. Mein Körper gehorcht mir nicht mehr, er schreit den Schmerz nur noch hinaus, während Katharina mich mit übermenschlicher Kraft festhält und mit mir auf den Boden sinkt.

Ich sehe schon wieder meine Hand. Und dieses Mal ist es die andere, ich liege ja auch auf der linken Seite. Schlagartig bin ich hellwach. Der Rollladen ist oben, nur der Vorhang dämpft das Licht. Doch das Zimmer stimmt nicht. Es ist mein Zimmer, das Zimmer, in dem ich aufgewachsen bin. Was zum Teufel ist passiert? Habe ich alles nur geträumt?
Ich setze mich auf und sehe mich um. Dann entdecke ich die Leinenhosen, die Slipper. Jetzt spüre ich auch, dass ich nackt bin. Mit einem Blick nach rechts sehe ich, dass ich allein im Bett bin. Aber geträumt habe ich es nicht, so viel steht fest. Und von irgendwoher höre ich gedämpfte Stimmen.
Ich gehe ins Bad und setze mich aufs Klo, um zu pinkeln. Dabei versuche ich verzweifelt, mich zu erinnern, was geschehen ist. Ich habe meine Mutter angeschrien, ich bin regelrecht ausgerastet. Katharina hat mich festgehalten und dann lagen wir auf dem Boden. Ich kann mich an diesen wahnsinnigen Schmerz erinnern, an meine unmenschlichen Schreie.
Aber was geschah danach?
Langsam machen mir diese ständigen Blackouts Angst. Ist das vielleicht normal, wenn jemand einen solchen Verlust erlebt hat wie ich? Oder ist bei mir einfach alles intensiver, also auch meine Gefühle, weil ich eine Kriegerin bin? Eine Kriegerin mit besonderen Fähigkeiten?
Seufzend erhebe ich mich, betätige die Spülung, wasche mir bewusst nicht die Hände, weil ich dann in den Spiegel blicken müsste, und gehe zurück in mein Zimmer. Im Kleiderschrank finde ich alte Sachen von mir, sauber und gebügelt. Diese Marotte von meiner Mutter, die ich anfangs so schrecklich fand, ist durchaus praktisch. Nicht zum ersten Mal.
Ich ziehe eine hellgraue Schlabberhose und ein dunkles T-Shirt an, dann gehe ich aus dem Zimmer. Die Stimmen werden lauter, sie kommen von unten. Ich stutze. Deutlich höre ich Jack, dann meinen Vater. Wollten sie nicht am Abend erst kommen?
Ich gehe die Treppe nach unten und wende mich nach rechts, wo die Küche und der Eingang zum großen Wohnzimmer liegen. Verteilt auf die Couch und Sessel sitzen Michael, Nilsson, John mit Katharina, eine zweite Gruppe bilden Ben, Jack und mein Vater. Nicholas und meine Mutter sind auf der Terrasse, sie decken den Tisch. Sie decken ihn zum Frühstück.
Was zur Hölle …?
Katharina erblickt mich als Erste. Sie springt auf, kommt zu mir und gibt mir einen Kuss auf den Mund. Ihre Zunge schiebt sich kurz und neckisch zwischen meine Lippen, dann löst sie sich wieder von mir.
„Guten Morgen“, sagt sie lächelnd. „Ausgeschlafen?“
„Guten Morgen?“, wiederhole ich. „Wie lange habe ich denn geschlafen?“
„Einen Nachmittag und die Nacht durch.“
„Ach du Scheiße!“
„Hast du ein Meeting?“
Ich schüttele den Kopf, dann muss ich doch grinsen. Wahrscheinlich etwas schief und gequält, aber immerhin ein Grinsen. Katharina scheint zufrieden zu sein, denn sie zieht mich zu einem Sessel, setzt sich hinein und zwingt mich mit sanfter Gewalt auf ihren Schoß.
Ich begrüße die anderen mit einem Handzeichen. Sie grüßen zurück und mustern mich mehr oder weniger unverhohlen neugierig, betroffen, entsetzt, nachdenklich.
„Möchtest du einen Kaffee?“, erkundigt sich mein Vater.
Ich nicke, und nachdem mein Vater gegangen ist, lehne ich mich zurück. Katharina legt ihre Arme um mich. Es tut gut, ihren Körper zu spüren. Sie trägt fast das Gleiche wie ich, nur das T-Shirt ist heller. Weniger angenehm sind die Blicke der anderen, die ich ebenfalls deutlich spüre. Bis auf Ben sind alle entweder entgeistert oder, zumindest einer, eifersüchtig. Michael wird genau wissen, dass spätestens ab jetzt er nicht mehr an mich herankommen wird. Und ich glaube, Nilsson hat was geahnt. Immerhin wusste er ja, dass Katharina und ich mal was miteinander hatten.
Ich bringe meinen Mund ganz nahe an Katharinas rechtes Ohr heran und flüstere: „Wie geht es meiner Mutter?“
„Eine gute Frage. Als ich mit dir hoch gegangen war gestern, um dich ins Bett zu bringen, und noch eine Weile bei dir lag, bis du eingeschlafen bist, haben deine Eltern sich wohl lange unterhalten. Danach hatte deine Mutter ziemlich verweinte Augen. Aber heute wirkt sie einigermaßen ruhig. Ich denke, sie hat viel nachgedacht.“
„Ich weiß nicht, wie ich mich verhalten soll!“ Ich vergrabe mein Gesicht in den Händen und denke ernsthaft darüber nach, wieder hoch zu gehen und weiterzuschlafen.
„Sie kommt“, sagt Katharina leise.
Ich reiße den Kopf hoch und starre meine Mutter an, die auf uns zukommt. Sie trägt einen leichten Sommeranzug und Sandalen. Außerdem dezentes Make-up, was möglicherweise ihren Augen geschuldet ist.
Sie bleibt vor uns stehen, etwa einen Meter entfernt, und sagt: „Es tut mir leid, Fiona.“
Oh, oh! Sie nennt mich beim Namen, das ist normalerweise kein gutes Zeichen. Aber vielleicht liegt das auch nur an ihrer Anspannung, weil sie genauso unsicher ist wie ich.
Und jetzt?
Ich erinnere mich daran, wie ich sie angeschrien habe. Dass sie sich entschuldigt, muss sie eine unheimliche Überwindung kosten. Und wenn sie das kann, kann ich das auch.
Ich springe auf und nehme sie in die Arme. Nach einem kurzen Moment entspannt sie sich und erwidert die Umarmung mit aller Kraft.
Wir stehen eine ganze Weile da, bis plötzlich mein Vater in meinem Blickfeld auftaucht und eine Kaffeetasse hochhält.
Ich löse mich vorsichtig aus der Umarmung und räuspere mich. Meine Mutter nimmt mein Gesicht zwischen die Hände, sieht mich durchdringend an, dann gibt sie mir einen sanften, sehr mütterlichen Kuss auf den Mund und geht wieder nach draußen.
Scheiße, was war das denn?
„Der Kaffee wird kalt“, sagt mein pragmatischer Vater.
Ich nehme mit einem gemurmelten „Danke“ die Tasse in die Hände und setze mich wieder auf Katharina. Sie lächelt mich an und flüstert: „Danke.“
Kurz darauf kommt Nicholas rein und bittet zu Tisch. Bei der Gelegenheit erhasche ich einen Blick auf eine Standuhr. Kurz vor zehn. Und das an einem Montagmorgen.
Ich sitze zwischen Katharina und Ben. Die schwule Ecke, schießt es mir durch den Kopf. Gegenüber die drei Kriegerkollegen, neben ihnen meine Mutter und mein Vater.
„Gibt es schon einen Termin für die Beerdigung?“, erkundige ich mich.
„Noch nicht, da du nicht auffindbar warst“, erwidert mein Vater. „Ich werde nach dem Frühstück einen Termin organisieren.“
„Ist gut. Ich nehme an, es werden einige Leute kommen.“
„Ja, die Highfooter haben sich bereits angekündigt, auch von unserer Seite viele. Und einige Kollegen.“
„Und wir auch, wenn wir dürfen“, bemerkt Jack.
„Natürlich. Ich würde mich freuen.“
Es wird ein heißer Tag. Bereits jetzt ist es sehr warm. Die Holzdielen unter meinen nackten Füßen arbeiten. Ich mustere das Wasser im Pool zwischen Michael und Nilsson hindurch, während ich an einem Marmeladenbrötchen herumkaue.
Dann bin ich froh, als das Frühstück ohne besondere Peinlichkeiten und Blackouts von mir vorbei ist. Mein Vater geht ins Haus, vermutlich will er die Beerdigung organisieren. Ich werfe einen Blick auf Katharina, die ihn nachdenklich erwidert.
Plötzlich steht meine Mutter hinter uns und legt den linken Arm um meine Schulter und den rechten Arm um Katharinas Schulter, beugt sich zwischen uns vor und sagt: „Ich glaube zu verstehen, wie Fiona sich fühlt, was sie meint, wenn sie davon spricht, innerlich zerrissen zu werden. Und wenn eure Liebe ihr hilft, das irgendwie durchzustehen, dann akzeptiere ich das. Aber eins muss euch klar sein: Wenn du, Katharina, meiner Tochter wehtust, wirst du mich als Muttertier kennenlernen. Das meine ich sehr ernst. Ich habe ein Kind verloren und weiß, wie sich das anfühlt. Diese Erfahrung möchte ich nicht noch einmal durchmachen. Ist das klar?“
„Okaaay“, sagt Katharina, aber sie lächelt ansatzweise. „Hört sich an, als hätten wir gemeinsame Interessen.“
„Sehr gut. Möchtet ihr noch einen Kaffee?“
Wir möchten. Dann starre ich meiner Mutter mit offenem Mund hinterher.
„Ich glaube, ich mag deine Mutter“, stellt Katharina fest.
„Ähm … Und ich glaube, ich kenne sie noch gar nicht“, erwidere ich, immer noch durcheinander.
„Das kommt vor.“
Wir werden von meinem Vater unterbrochen, der uns mitteilt, dass die Beerdigung um halb eins am Freitag stattfinden wird. Die Zusammenkunft danach findet hier statt.
Ich seufze: „Wieso ist es nicht schon Samstag?“

„Wie sehe ich aus?“
Ich drehe mich um und mustere Katharina, die in der Badezimmertür steht. Die leicht gewellten Haare fallen sanft auf die Schultern, sie trägt einen schwarzen matten Anzug mit weißer Bluse unter dem Blazer, dazu schwarze Lackschuhe mit höchstens sechs Zentimeter Absatz, schwarze, halterlose Strümpfe und einen ebenfalls schwarzen Tanga.
„Süß. Besonders der Tanga.“
Sie runzelt die Stirn. „Den siehst du doch gar nicht!“
„Aber ich weiß, dass du den anhast“, erwidere ich grinsend, froh über die Ablenkung von meinen düsteren Gedanken.
„Und außerdem bin ich nicht süß.“
„Doch, jetzt schon. Eigentlich viel zu süß für eine Beerdigung.“
„Soll ich mich umziehen?“
Ich verneine kopfschüttelnd.
„Na gut. In zehn Minuten müssen wir los.“
„Bin gleich fertig.“
Ich wende mich wieder meinem Spiegelbild zu. Es ist brav und tut, was es soll. Ich betrachte mich. Wasserfeste Wimperntusche, leicht glänzender Lippenstift, die wilden Haare wild wie immer. James würde es gefallen. Seufzend gehe ich ins Schlafzimmer und ziehe mich an. Katharina hat eher konventionelle Sachen für mich rausgelegt. Schwarzes Rockkostüm über schwarzer Unterwäsche, Bluse und Strumpfhose ebenfalls schwarz. Genauso die Schuhe, mit etwas höheren Absätzen wie ihre eigenen, passend zum Rock.
Als ich fertig bin, korrigiert Katharina den Blazer an der linken Schulter, dann nickt sie zufrieden.
„So kannst du gehen.“
„Ja, James würde es gefallen.“
„Ich weiß, ich habe ja mitbekommen, was er gut fand. Deswegen habe ich diese Sachen ausgesucht.“
„Meinst du, er wird da sein?“
„Ich weiß es nicht, mein Schatz. Du müsstest es doch eigentlich spüren.“
„Ich spüre gar nichts, das ist es ja.“
„Er wird sich vom Schock erholen müssen. Das kam ja ziemlich plötzlich und heftig. Und es ist nicht so einfach, sich in der Verborgenen Welt zurechtzufinden, wenn man erst einmal ein paar Jahre in der Gefrorenen Welt gelebt hat.“
Das stimmt natürlich auch. Ich gebe ihr einen Kuss und hake mich bei ihr unter.
„Also gut, lass uns fahren, bevor ich es mir anders überlege.“
„Das geht nicht, du bist die Hauptperson.“
Ich will schon protestieren, aber dann wird mir bewusst, dass sie recht hat. Um James und Sandra geht es nicht, sie sind nicht da. Und selbst wenn ihre Seelen dabei sein sollten, was ich nicht glaube, denn das würde ich merken, so wissen die anderen nichts davon. Die meisten jedenfalls.
Helena und Jody warten schon. Sie sind ebenfalls in Schwarz, allerdings lässiger mit Jeans und Blusen. Da wir zu viert unterwegs sind, nehmen wir einen größeren Wagen und kein Cabrio. Jody darf ihn sich aussuchen, sie entscheidet sich für einen A8.
Diesmal fährt Katharina. Während wir auf die Schleuse zugleiten, hole ich mein Handy hervor und schicke meiner Mutter eine SMS, dass wir unterwegs sind.
Wir treffen gleichzeitig auf dem Parkplatz vor dem Friedhof ein. Einige sind schon da und stehen vor der Kapelle herum. Ich begrüße sie und stelle Katharina und die Mädchen vor, dann gehen wir hinein.
Rechts und links vom Altar stehen zwei geschlossene Särge. Von Ben weiß ich, dass sich darin das befindet, was vermutlich von James und Sandra übriggeblieben ist. Trotz DNA-Analyse war das nicht ganz eindeutig zuzuordnen.
Ich bleibe kurz vor dem Altar stehen und betrachte das Kreuz. Irgendwie kann ich gut nachvollziehen, dass in solchen Momenten viele Menschen gläubig werden. Oder ihren Glauben verlieren. Je nachdem. Auch ich hätte jetzt sehr gerne etwas, woran ich mich festhalten kann. Aber da ist einfach nichts. Ich bin nur froh, dass sie ziemlich sicher nicht gelitten haben. Ich bin oft genug gestorben, um zu wissen, dass sie nicht die Zeit dafür hatten, auch nur zu merken, was geschehen ist.
Später dann, in der Verborgenen Welt, das ist was Anderes.
Mit tränenverschleiertem Blick setze ich mich rechts in die vorderste Reihe und Katharina setzt sich daneben. Helena und Jody nehmen hinter uns Platz.
Wenig später kommen Eleonor und die Geschwister von James. Ich begrüße sie. Eleonor sieht mich lange an, dann nickt sie langsam, bevor sie sich auf der anderen Seite neben mich setzt.
Michael, Nilsson und John sind die Letzten, die hereinkommen. Unwillkürlich muss ich daran denken, was die Leute wohl sagen würden, wenn sie wüssten, dass ein Vampir an der Zeremonie teilnimmt.
Die Zeremonie selbst blende ich aus. Da ich weiß, dass nichts von dem stimmt, was der Priester erzählt, interessiert es mich auch nicht. Erst als mich Katharina heimlich anstupst, werde ich aufmerksam.
Ich sehe sie fragend an. Dabei wird mir bewusst, dass alle Leute in der Kirche irgendwie mich anstarren.
Katharina antwortet, allerdings ohne dabei den Mund zu bewegen: „Der Priester hat dich gefragt, ob du ein paar Worte sagen willst.“
Da es nicht das erste Mal ist, dass ich Gedanken höre, gelingt es mir einigermaßen, nichts von meiner Überraschung zu verraten.
Ich wende mich an den Priester, der offenbar auf eine Antwort von mir wartet. Dann nicke ich und erhebe mich.
Ich stelle mich zwischen die Särge, nicht an den Rednerpult. Da ich mich nicht vorbereitet habe, brauche ich auch keine Ablage. Und das freie Reden vor vielen Leuten bin ich sowieso gewohnt. Vor sehr vielen Leuten. Unwillkürlich muss ich daran denken, wie ich vor nicht ganz zwei Jahren zum ersten Mal vor Zehntausenden stand, ganz zu schweigen von den Millionen, die es später im Fernsehen gesehen haben. Damals kündigte ich ein Rockkonzert an, ein wesentlich erfreulicherer Anlass meiner Rede. Und außerdem werde ich heute ganz sicher nicht singen.
Ich lasse meinen Blick schweifen. Links sitzt die Familie von James. Nadine, Margret, Kevin, Edgar, Peter und James‘ Mutter, die mir aufmunternd zulächelt. Auf der anderen Seite meine Eltern, Mamas beide Schwestern, Papas Schwester und Bruder. Weiter hinten sitzt auch Monica, daneben Luke Koolman. Sogar Elaine ist da.
Ich hole tief Luft. „Die meisten von euch werden es ungewohnt finden, dass ich so wenig rede.“ Ich warte, bis das verhaltene Lachen verklungen ist. „Aber ich musste halt immer für James mitreden.“ Pause. „Nein, ein Mann vieler Worte war er nicht, der großen aber schon. Obwohl er durchaus reden konnte. Ich möchte nicht wissen, wie viele Leute nur darum neue Häuser gekauft haben, weil James sie ihnen verkauft hat. Er war auch keiner, der die Gefahr gefürchtet hat. Die meisten hier werden wissen, dass er zehn Jahre lang als Agent gearbeitet hat. Er hat mich auch in meiner bis vorletzten Mittwoch schwärzesten Stunde unterstützt, vor sechs Jahren. Und wie wenig er die Gefahr gefürchtet hat, das sieht man auch daran, dass er mich geheiratet hat.“ Ich warte wieder, bis das Lachen verstummt. „Ich weiß nicht, ob es etwas zu bedeuten hat, aber in der ersten Augusthälfte passieren die Katastrophen in Intervallen von drei Tagen. Am 6. August Hiroshima, am 9. August Nagasaki und am 12. August King Valley. Und ja, das ist schwarzer Humor. Tiefschwarzer Humor. Genau die Art, die auch James so geliebt hat. Er konnte die bösesten Pointen bringen, ohne auch nur einen einzigen Muskel in seinem Gesicht zu verziehen. Ich meine, das fiel ihm ja auch nicht schwer, seine Gesichtsmuskeln waren völlig unterentwickelt. Aber …“ Ich mache eine kleine Pause, bis sich alle wieder beruhigt haben. „Aber ich habe mit der Zeit gelernt, ihn zu verstehen, immer ganz genau zu wissen, was er denkt, was er fühlt. Das bleibt normalerweise nicht aus, wenn man das Leben zusammen verbringt, wenn man sich so liebt, wie wir uns geliebt haben.“ Ich mache wieder eine Pause, diesmal, um mich selbst zu beruhigen und ein paar vorwitzige Tränen abzuwischen. „Es waren Kleinigkeiten, die ihn verraten haben, insbesondere die Augen.“ Ich sehe, wie Eleonor nickt. „Dass er keine Gefühle zeigte, hieß nicht, dass er keine hatte. Im Gegenteil, er hatte sogar sehr tiefe. Auf ihn traf das Sprichwort vom stillen Wasser sehr zu.“ Ich halte inne und muss mir eingestehen, dass ich an meiner Grenze bin. „Ich … ich könnte noch so viel über James erzählen. Und über Sandra. Aber es geht nicht, tut mir leid. James, ich werde dich nie vergessen.“
Katharina springt auf und hilft mir, wieder zur Sitzbank zu gelangen. Dann vergrabe ich das Gesicht in beiden Händen und bin dankbar, als mein Weinen in Orgelmusik untergeht.
Irgendwann ist endlich diese Messe auch vorbei und die Särge werden auf kleine, elektrische Wagen geladen, die fast lautlos ihre Last zur letzten Ruhestätte transportieren. Ich gehe zusammen mit Eleonor vorneweg, auf meine ausdrückliche Bitte hin begleitet mich auch Katharina, was einige fragende und sogar missbilligende Blicke auslöst. Eleonor allerdings scheint damit kein Problem zu haben, denn sie hakt sich bei mir unter und sagt leise: „Sie wird dich beschützen.“
Ich blicke sie erstaunt an, aber mehr kommt von ihr nicht. Sie lächelt nur. Ich sehe zu Katharina auf der anderen Seite und ihr Gesichtsausdruck verrät, dass sie es auch gehört hat.
Es ist ein langer Weg bis zur Grabstelle, insbesondere bei unserem Tempo. Ich hänge düsteren Gedanken nach, die sich vor allem um Zanda drehen. Zwischendurch scanne ich die Umgebung nach James ab, doch er ist definitiv nicht da. Ich spüre, wie mein Bauch sich verkrampft.
Am Grab lässt der Priester noch einige Bibelstellen los, dann werden die Särge hinuntergelassen. Zuerst James, dann direkt darüber Sandra. Meine Mutter drückt mir eine rote und eine weiße Rose in die Hand, die ich pflichtschuldig auf die Särge fallenlasse.
Während die Friedhofsangestellten, angeleitet von Martin Cartwright, das Grab zuschütten, lassen James‘ Familie und ich die Beileidsbekundungen über uns ergehen. Als Michael ankommt, halte ich kurz die Luft an, weil ich an Eleonors Hellsichtigkeit denken muss. Während ich Michael umarme, flüstere ich ihm ins Ohr: „Nicht erschrecken, meine Schwiegermutter wird dich erkennen.“
So ist er zum Glück vorbereitet und lächelt sanft, als Eleonors Gesichtszüge kurz entgleisen. Dann wirft sie mir einen Blick zu und ich schenke ihr ein angedeutetes Lächeln. Das scheint sie wieder zu beruhigen, Gott sei … Wem auch immer.
Nachdem die Prozedur endlich vorbei ist, gehen wir langsam zurück zu den Autos. Der Plan ist, in einem geschlossenen Konvoi nach King Valley zu fahren, zumindest diejenigen, die dabei sein werden. Das gilt für die meisten, lediglich die Kollegen und Monica wollen nicht mit. Was ich irgendwie sogar verstehen kann.
Margret schließt sich ihrer Großmutter und mir an und hakt sich bei uns unter.
„Tan… Fiona, darf ich bei Euch mitfahren?“
„Nur weil du dich korrigiert hast. Aber du musst die Rückbank mit Helena und Jody teilen.“
„Einverstanden. Fahren wir mit dem schnellen Kombi?“
„Nein, wir sind mit einem A8 da. Der ist auch schnell. Was auf dieser Fahrt aber keine Rolle spielt.“
„Na gut. Übrigens fand ich deine Rede sehr schön.“
„Danke.“
Auf dem Parkplatz verabschiede ich mich von Monica und James‘ ehemaligen Kollegen. Dann steigen wir in unsere Autos. Meine Eltern und Nicholas fahren vorne, direkt hinter ihnen wir.
Ich beobachte Margret im Rückspiegel. Sie sitzt hinten links, weil Jody und Helena sich nicht zur Trennung überreden ließen. Ich sehe Margret an, dass sie versteht, warum, aber auch, dass sie über Katharina und mich nachdenkt.
Der Platz vor dem Haus meiner Eltern füllt sich mit Autos. Einige möchten sich die Überreste von James‘ Haus ansehen. Katharina übernimmt es, sie zu führen und zu erklären, was überhaupt erklärt werden kann.
Im Haus hat inzwischen eine Cateringfirma das Buffet aufgebaut und sorgt auch für die Getränke. Mein Vater heißt kurz alle willkommen und teilt mit, dass das Buffet eröffnet ist.
Mittlerweile ist es schon fast drei Uhr.
Ich gehe zum Rauchen in den Garten. Bin damit gerade fertig, als Katharina auftaucht und sich zu mir gesellt. Ich begrüße sie mit einem innigen Kuss.
„Was macht ihr da?“
Ich fahre herum. Kevin steht auf der Terrasse und starrt uns ungläubig an.
„Wir haben uns geküsst“, erwidere ich.
„Ihr habt euch geküsst wie Mann und Frau!“
„Oder wie zwei Frauen, die sich lieben.“
„Seid ihr etwa lesbisch? Und James? Hat er davon gewusst?“
Ob James das gewusst hat? Das ist eine gute Frage. Ich bin mir nicht sicher, ob er wirklich so ahnungslos war, wie er immer tat.
„Es gab nichts, wovon er hätte wissen müssen“, antworte ich, immer noch einigermaßen ruhig, obwohl ich ahne, dass da gerade ein schweres Gewitter aufzieht. Kevin ist jetzt vierzehn, alt genug, um zu verstehen, was er gesehen hat, aber vermutlich viel zu jung, um es wirklich zu verstehen.
Katharina berührt meinen Arm. „Vielleicht sollte ich gehen.“
„Dann gehe ich mit!“
Sie seufzt. „Okay. Wie möchtest du, dass ich mich verhalte?“
„Weise mich nicht ab.“ Ich spüre, wie die Tränen in meine Augen schießen. „Ich ertrage alles, aber das nicht.“
„Ist gut“, flüstert sie und nimmt mich in die Arme. „Ist gut. Ich weise dich nicht ab und ich lasse dich nicht allein.“
„Danke …“
In der Zwischenzeit hat Kevin Verstärkung geholt. Das scheint ihm ja echt nahe zu gehen. Jedenfalls taucht er plötzlich mit Margret und Nadine auf, Eleonor, Edgar und Peter dahinter. Und alle anderen beobachten uns, meine entgeisterte Mutter eingeschlossen.
„Ich verstehe das nicht“, sagt Nadine. „Wir haben James doch gerade eben beerdigt.“
Ich mustere sie und dann Margret. Sie reagiert sofort: „Jetzt verstehe ich, dass Jody und Helena am Knutschen waren. Aber ich verstehe auch nicht, wie ihr so … so gefühllos sein könnt! Das ist die Beerdigungsfeier deines Mannes!“
Ich atme tief durch. „Was wird das denn? Eine Abrechnung? Urteilt ihr immer nach dem ersten Anschein? Wie kommt ihr überhaupt auf die Idee, James würde sich über irgendetwas aufregen, was hier passiert?“
„Wie kannst du es wagen?“, flüstert Nadine. „James würde niemals etwas Derartiges gutheißen! Er war durch und durch anständig und …“
„Halt! Stopp! Bevor du irgendetwas sagst, was du später bereuen würdest! Und erzähl mir bitte nicht, was James gut oder nicht gut fand! Ich glaube, du hast ihn gar nicht gekannt! Ich habe in den sechs Jahren eine Menge mit ihm zusammen erlebt und ich weiß, was er nicht gut fand und was ihn nicht gestört hat. Was glaubst du überhaupt, was ein Geheimagent macht?“
Nadine wendet sich an ihre Mutter: „Warum sagst du eigentlich nichts dazu? Es geht um James!“
„James ist tot“, erwidert Eleonor leise. „Und er hat Fiona geliebt, das wissen wir doch alle. Und ich weiß genau, dass Fiona ihn geliebt hat. Ich kenne die Hintergründe nicht für das, was wir gerade gesehen haben, aber ich weiß, dass es uns nicht zusteht, darüber zu urteilen. Ich bin mir sicher, dass Fiona niemals etwas tun würde, was James wehtun könnte.“
Mir fallen plötzlich einige Dinge ein, die ich getan habe und die James wehgetan haben, aber das behalte ich lieber für mich. Außerdem war es ja gegenseitig … Boah, Fiona, du fängst doch jetzt keine Abrechnung mit einem Toten an?!
„Danke“, sage ich. Meine Stimme zittert. Kommt auch nicht oft vor.
„Ich glaube das einfach nicht, Oma!“, ruft Margret. „Wie kannst du nur so was sagen?“
„Weil ich meinen Sohn geliebt habe. Und weil ich gesehen habe, wie er Fiona angeschaut hat. Und weil ich Fionas Seele gesehen habe.“
„Oh nein, nicht das schon wieder“, stöhnt Edgar.
Während ich mich darauf einstelle, dass es in diesem und heftigerem Ton weitergeht, drängelt sich plötzlich mein Vater in unserer Richtung durch und stellt sich vor mich.
„Ich glaube nicht, was ich hier gerade erlebe“, sagt er ruhig, aber sehr bestimmt. „Wir sind alle, und ich betone: alle, hier, weil wir von James und von Sandra Abschied nehmen möchten. Ich werde nicht dulden, dass dieser Anlass durch irgendwelche Vorwürfe und Vorhaltungen gegen wen auch immer in den Dreck gezogen wird. Und ich kann euch auch noch sagen, dass ich ein wenig den Hintergrund kenne und mir sehr, sehr sicher bin, dass James Fiona ganz sicher keine Vorwürfe machen würde. James war nicht nur mein Schwiegersohn, er war auch mein Freund, mit dem ich viel geredet habe, und ich bin mir absolut sicher, dass er sich genauso vor Fiona stellen würde. Also, bitte, beruhigt euch alle.“
Ich bewundere meinen Vater. Er schafft es tatsächlich, dass Margret sich umdreht und zum Buffet geht. Nach kurzem Zögern folgen Nadine und Kevin ihrem Beispiel.
Mein Vater wirft uns einen kurzen Blick zu, dann geht er wieder ins Haus. Er ist wütend, das sehe ich ihm an, aber er hat sich gut im Griff.
Eleonor kommt zu uns. „Bitte entschuldigt das Verhalten meiner Tochter“, sagt sie. „Der Schmerz macht sie ungerecht.“
„Ich … ich kann es ja verstehen“, erwidere ich und wische meine Tränen mit einem Taschentuch, das Katharina mir reicht, ab. „Es ist selbst für mich schwer zu begreifen, was da geschieht. Und die anderen sehen ja nicht, was du siehst.“
„Das stimmt. Ich kann auch sehen, dass Katharina kein gewöhnlicher Mensch ist, genauso wenig wie dieser … Michael heißt er, glaube ich.“
„Ich bin auch kein gewöhnlicher Mensch.“
„Das weiß ich, denn ich habe in deine Seele schauen dürfen“, sagt Eleonor lächelnd.
„Wann?“, erkundigt sich Katharina stirnrunzelnd.
„Als wir bei Nadine zu ihrem Geburtstag eingeladen waren. Bei der Gelegenheit wurde Sandra gezeugt.“
„So genau wollte ich es gar nicht wissen“, murmelt Katharina, aber sie lächelt.
Eleonor legt eine Hand auf meinen Arm. „Ich glaube, ich gehe jetzt wieder zu meinen Lieben und beruhige sie ein wenig.“
„Danke.“
Ich blicke ihr hinterher, dann lehne ich mich seufzend gegen Katharina. Sie legt ihre Arme um mich.
„Es wäre vielleicht klüger gewesen, unsere Beziehung nicht so offen zu zeigen“, sagt sie ruhig.
Ich drehe meinen Kopf, bis ich ihr in die Augen sehen kann, und erwidere: „Vielleicht wäre es klüger gewesen, aber trotzdem falsch. Ich würde durchdrehen ohne dich.“
„Ich wäre ja trotzdem da.“
„Nein, wärst du nicht.“
Sie mustert mich nachdenklich. „Mein Schatz, du hast gesehen, wie es auch mich umgehauen hat. Ich … ich liebe dich und jede Sekunde, die du nicht in meinem Blickfeld bist, fühlt sich leer und trostlos an. Ich kann mir also vorstellen, wie du dich fühlst. Ein wenig jedenfalls. Aber die meisten da drin können das nicht. Nicht einmal Michael oder Nilsson werden das können.“
„Ich weiß“, sage ich leise. „Aber auch du kennst es, dich verstellen und verstecken zu müssen …“
„Oh ja.“
„Ich kenne das erst seit vier Jahren, seitdem ich weiß, dass ich eine Kriegerin bin. Und es macht mich wahnsinnig. Ich bin es nicht gewohnt, nicht einfach zu sagen, was ich denke und fühle. Es macht mich wahnsinnig, wirklich wahnsinnig. Ich will das einfach nicht mehr. Wenigstens nicht in Bezug auf uns. Ich kann das auch gar nicht, selbst wenn ich wollte. Ich würde mich mit jedem Blick, jeder Geste verraten. Mein Körper würde mir gar nicht gehorchen.“
„Du bist heute ja ganz schön melodramatisch.“
„Hey, mich gibt es nur als Komplettpaket.“
„Zum Glück.“ Sie küsst mich, sanft und lange. Ich bin mir sicher, dass wir beobachtet werden, aber es ist mir egal. Jetzt erst recht.
Wir werden von meiner Mutter unterbrochen. „Wollt ihr nicht reinkommen? Wir wollen auf James trinken.“
Ich nicke. Wir gehen hinter ihr her. Nicholas gibt uns Gläser mit Champagner. Ich werfe einen Blick in die Runde. Margret, Kevin und Nadine wenden sich ab.
Mein Vater hebt das Glas. „Ich trinke auf James Flame, den besten James, den es je gab!“
Woher kennt er den Spruch? Meinen Spruch?
„Auf den besten James!“ erwidere ich und halte mein Glas auch hoch. Die anderen folgen meinem Beispiel, einige nur zögerlich, aber schließlich sind alle Gläser oben.
Die nächsten Stunden gehen quälend langsam vorüber. Vor allem die Delfors üben sich darin, mir aus dem Weg zu gehen. Meine Mutter hingegen ist demonstrativ oft bei uns, redet mit Katharina, berührt uns beide gleichzeitig. Auch Eleonor setzt sich zwischendurch zu uns und wir unterhalten uns über neutrale Themen, die nichts mit Krieg oder Tod zu tun haben.
Viel später stehen wir an der Bar und mixen uns Cocktails, als Ben sich zu uns gesellt.
„Hi, mein Lieblingspolizist. Möchtest du einen Drink?“
„Ja, meine Lieblingskriegerin. Ich nehme einen hundsgewöhnlichen Caipi.“
Lächelnd greife ich nach dem Cachaça und einem Glas.
„Die Luft ist heute zum Schneiden hier“, bemerkt Ben.
„Ach, wie kommst du darauf?“
„Ist so eine Vorahnung.“
„Vorahnung? Also wird die Luft zum Schneiden werden sein?“ Katharina grinst den Lieutenant an, als der beleidigt dreinschaut. „Und, was denkst du?“
„Über euch?“ Er zuckt die Achseln. „Ganz ehrlich, viel zu viel Aufstand. Klar, irgendwo verständlich. Und nicht alle wissen, wie Fiona gelitten hat.“
„Du weißt es?“ Katharina zieht beide Augenbrauen hoch.
„Ich habe den ein oder anderen Weinkrampf abgefangen deswegen, ja.“
„Oh.“ Katharinas Blick verschleiert sich. „Das wusste ich nicht.“
„Es wundert mich nicht, dass Fiona andere Dinge für wichtiger hielt, dir zu erzählen.“
„Hey, Leute“, mische ich mich ein. „Ist gut jetzt. Es ist vorbei. Katharina hat auch gelitten, das ist ausgleichende Gerechtigkeit.“
„Oh.“ Das wird heute noch ihr Lieblingsspruch. Und der Caipi ist fertig. Ich reiche ihn Ben.
„Hört zu, irgendwie überstehen wir alle diesen Tag und diesen Abend. Und danach sehen wir uns wahrscheinlich nie wieder, die Delfors und ich.“
„Heißen sie so? Nicht Flame?“
„Hallo, du Genie? Nadine heißt mit Mädchennamen natürlich Flame, aber als sie Edgar geheiratet hat, nahm sie seinen Namen an.“
„Ja. Klingt logisch.“
Ich betrachte die Delfors, die wieder mal auf einem Haufen hocken. Wahrscheinlich bin ich ihr Dauerthema. Unwillkürlich fällt mir das Wochenende in Highfoot ein und die herzliche Atmosphäre damals. Die Erinnerung geht wie ein Stich durch mein Herz.
„Fiona?“
Ich sehe Katharina an. „Was?“
„Du weinst. Merkst du das gar nicht?“
Ich fasse an mein Gesicht und meine Hand wird nass. Nein, das habe ich gar nicht gemerkt. Ob ich mir Sorgen machen muss? Die Blackouts, jetzt das, das ist schon seltsam.
„Ich … ich habe mich nur erinnert.“
„Woran?“
Ich deute auf Nadine. „Als wir damals zu ihrem Geburtstag da waren, das war alles so herzlich gewesen. Ich fühlte mich richtig zu Hause. Es … es … Ach Scheiße, ist alles einfach nur Scheiße!“
Katharina starrt mich entgeistert an. Aber nicht nur sie. Eigentlich alle. Ich würde mich auch entgeistert anstarren, wenn ich könnte. So starre ich entgeistert die Stelle an, wo das Glas zerschellt ist, das ich soeben noch in der Hand gehalten hatte. Ich kann mich daran erinnern, dass mein Arm ausgeholt und dann das Glas gegen die Wand geschleudert hat, aber ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich ihm diesen Befehl gegeben hätte.
„Was war das denn?“, erkundigt sich Katharina.
„Mir war grad danach!“ Ich starre meine Mutter an, die zu uns kommt und vermutlich dasselbe fragen will. „Du brauchst gar nicht erst zu fragen! Mir war danach und fertig!“
„Ist schon gut, Kind. Du brauchst deswegen nicht gleich ausfallend zu werden. Jemand fegt das zusammen und alles ist wieder gut.“
„Nichts ist wieder gut!“, erwidere ich, viel lauter als ich eigentlich wollte. „Verstehst du? Nichts, aber auch absolut gar nichts ist gut! Wie könnte denn alles gut sein? Glaubst du, ich merke das nicht, wie fast alle mich anstarren? Was fast alle denken? Fiona, die Schlampe! Ich bin doch nicht völlig bescheuert, verdammt noch mal! Und ja, wenn ihr Schlampe so definiert, dann bin ich eben eine! Ist mir doch egal! Wahrscheinlich war ich nie etwas anderes!“
Ich beuge mich keuchend über die Theke und presse mein Gesicht gegen das harte Holz. Vielleicht sollte ich einfach mit dem Kopf dagegen schlagen, solange bis entweder mein Kopf oder die Theke zertrümmert ist.
Ich spüre zwei Arme, die sich um mich legen und richte mich auf. Katharina. Und ich sehe Michael, Nilsson und John herannahen. Die anderen sind immer noch nur entgeistert.
„Lass mich los!“, will ich schreien, doch statt der Wörter kommt nur ein wilder Schrei aus meiner Kehle, und dann lässt mich der Schmerz förmlich zusammenklappen. Am Rande bekomme ich mit, wie Katharina mich zu Boden gleiten lässt, ohne mich loszulassen, dann verschwindet alles in einem dichten, blutroten Nebel.

Rechte Hand. Ich bewege die Finger.
Déjà-vu.
Auch ohne mich aufzurichten, erkenne ich, dass ich in meinem alten Bett in meinem alten Zimmer bei meinen Eltern liege. Allein. Nackt.
Déjà-vu eben.
Ich setze mich auf und sehe mich um. Es dürfte wieder ein Morgen sein. Hoffentlich Samstagmorgen. Ich drücke die Stirn gegen die Knie und fahre mit den Händen durch die Haare.
Oh Mann.
Ich versuche, meine Erinnerungen zu ordnen. Deutlich höre ich meinen eigenen Schrei und spüre ich Katharinas Umarmung, als ich auf dem Boden liegend von einem Weinkrampf nach dem anderen geschüttelt werde. Danach verblassen die Erinnerungen sehr schnell.
Aus Erfahrung weiß ich, dass sie mich irgendwann hochgetragen und ausgezogen hat. Sowohl ihre als auch meine Sachen hängen über den Stühlen. Vermutlich hat sie sich wieder was Bequemes angezogen.
Seufzend gehe ich ins Bad, diesmal weiche ich meinem Spiegelbild allerdings nicht aus. Es sieht scheiße aus, ich also vermutlich auch.
Echt klasse.
Als ich mich vom Spiegel abwende, scheint mein Spiegelbild die Zunge rauszustrecken, doch als ich blitzschnell wieder in den Spiegel sehe, benimmt es sich wieder ganz normal. Soweit es bei mir überhaupt Normalität gibt.
Nach dem Pinkeln ziehe ich einen Schlüpfer und ein langes T-Shirt an und gehe langsam nach unten. Es ist alles genauso wie vor fünf Tagen, nur dass die Zusammensetzung der Stimmenwolke eine etwas andere ist.
In der Tür zum Salon bleibe ich stehen und lehne mich gegen den Rahmen.
Auf der Terrasse wird der Frühstückstisch gedeckt, hauptsächlich von meiner Mutter und Nadine. Margret sitzt in einem Gartenstuhl und sonnt sich, Kevin unweit davon entfernt im Schatten und spielt Nintendo. Mein Vater, Edgar und Peter spielen Karten und trinken Bier. Helena und Jody sind im Pool.
Katharina unterhält sich mit Eleonor. Als Eleonor mich erblickt, wird Katharina aufmerksam, springt auf und kommt zu mir. Sie trägt einen hellgrauen Hausanzug, sonst anscheinend nichts. Sie riecht frisch und gut. Ihre Lippen fühlen sich weich an, als sie zärtlich meinen Mund berühren.
„Ausgeschlafen?“
„Ja“, erwidere ich. „Bitte sag mir, dass wir erst Samstag haben.“
„Haben wir“, sagt sie lächelnd.
„Drol sei Dank!“
Katharina lacht schallend auf und zieht damit die Aufmerksamkeit aller auf uns. Ich winke nach draußen, ohne jemanden Bestimmten anzusehen. Meine Mutter und Margret kommen rein.
„Kind, wie fühlst du dich?“
„Bis zu dem Moment, als du mich Kind genannt hast, ging es mir ganz gut.“
Meine Mutter sieht mich irritiert an, aber Katharina und Margret grinsen.
„Möchtest du einen Kaffee?“, fragt meine Mutter schließlich.
Ich nicke und sie zieht davon. Ich blicke Margret an.
„Ich möchte mich entschuldigen für mein Verhalten gestern“, sagt sie. „Weder steht es mir zu, über dich zu urteilen, noch weiß ich, welche Gründe du hast. Und aus unseren Gesprächen habe ich den Eindruck, dass du ganz sicher keine Schlampe bist, sondern eine feinfühlige, intelligente Frau. Deswegen bitte ich dich hiermit um Entschuldigung.“
Ich räuspere mich. „Das … das nehme ich natürlich sehr gerne an, Margret.“
„Super!“ Sie lächelt mich an. „Darf ich dich umarmen, ohne dass Katharina eifersüchtig wird?“
Die hat es faustdick hinter den Ohren! Das muss an der Familie liegen.
„Natürlich“, erwidere ich.
Nach der Umarmung nimmt Katharina mich an der Hand und zieht mich zu der Couch, auf der Eleonor sitzt.
„Guten Morgen, meine Liebe“, sagt diese.
„Guten Morgen. Habe ich wirklich nur eine Nacht geschlafen?“
„Oh, die anderen denken noch nach. Aber Margret ist ein besonderes Kind mit ihren eigenen Ansichten zu vielen Themen.“
„Das scheint mir auch so.“ Ich setze mich neben ihr und Katharina neben mir.
„Katharina hat mir vertraulich einige Dinge über euch erzählt. Ich habe ihr versprochen, dass ich mit niemandem darüber reden werde, außer mit deinen Eltern. Und mit Michael. Der nicht nur kein Mensch, sondern sogar ein Vampir ist. Ich habe zwar gewusst, dass er anders ist, aber mit einem Vampir habe ich nicht gerechnet.“
„Aber du bist nicht fortgelaufen“, stelle ich fest.
„In meinem Alter macht man das nicht mehr so“, antwortet sie mit einem angedeuteten Lächeln. „Mit der Zeit lernt auch der alte Mensch, dass es keinen Sinn hat, vor der Erfahrung davonzulaufen.“
„Das hast du schön gesagt. Dann habe ich ja noch bisschen was zu lernen.“
„Das glaube ich nicht, denn du hast die Weisheit der alten Seele in dir. Diese leitet dich ganz gut durch das Leben, wie es mir scheint. Und außerdem hast du Katharina an deiner Seite.“
Ich werfe einen schnellen Blick auf die Erwähnte, unsicher, ob sie ihr Geheimnis auch verraten hat. Aber der letzte Satz klingt ganz danach.
„Ich … Es tut mir leid, wie ich mich gestern aufgeführt habe.“
„Das braucht dir nicht leidzutun, meine Liebe.“ Sie nimmt meine Hände. „Du hast unter einem unglaublichen Druck gestanden. Und dieser Schmerz. Einige Reaktionen, die du erleben musstest, waren nicht schön. Und auch jemand wie du kommt an die Grenzen. Aber das ist nichts, wofür du dich entschuldigen musst.“
Ich nicke langsam und atme tief durch. „Ja, vielleicht hast du recht. Ich glaube, ich brauche jetzt …“
„Einen Kaffee!“, ergänzt Katharina und deutet auf meine Mutter, die genug Kaffee für eine ganze Armee mitbringt. Ich nehme eine Tasse, dann gehe ich auf die Suche nach Zigaretten. Mit meiner Beute gehe ich nach draußen und setze mich neben dem Pool in einen Rattanstuhl. Jody und Helena sehen mich kurz an, dann spielen sie weiter.
Das Frühstück verläuft ohne Aussetzer und andere Peinlichkeiten. Nadine und Kevin benehmen sich freundlich, aber reserviert mir und Katharina gegenüber, im Gegensatz zu Margret, die sich sogar neben Katharina setzt und sich intensiv mit der über Arbeitschancen in Marketingabteilungen unterhält. Katharina macht ihr klar, dass sie die besten Chancen mit einem schnell absolvierten Studium hat, in dem sie die handwerklichen Grundlagen lernt und bietet ihr an, sich bei ihr zu melden, wenn sie in diese Richtung gehen möchte.
Danach ist Abschied angesagt. Nadine lässt sich sogar zu einer kurzen Umarmung hinreißen, Kevin winkt uns nur kurz zu und setzt sich schnell ins Auto. Margret verabschiedet sich herzlich von allen und bekommt von Katharina noch eine Visitenkarte mit ihrer privaten Handynummer.
Nach der obligatorischen Umarmung legt Eleonor die Hände auf Katharinas Arme und sagt ernst: „Ich hoffe für euch und auch für uns, dass ihr dieses schreckliche Verbrechen aufklären werdet. Nicht, weil ich Rache für meinen Sohn will, was ich natürlich auch will, aber man soll sich ja besser nicht von Rache leiten lassen, sondern weil mein Gefühl mir sagt, dass schwere Zeiten auf uns zukommen.“
Noch eine, die das sagt. Es beruhigt mich nicht, im Gegenteil, denn schließlich spüre ich es ja auch.
Katharina nickt. „Wir werden uns darum kümmern, ebenfalls nicht, um uns zu rächen.“
„Gut.“ Eleonor streichelt mein Gesicht, dann setzt sie sich zu Peter ins Auto und gemeinsam fahren sie vom Grundstück.
„Puh“, sagt meine Mutter. „Das war ja aufregend.“
„Wolltest du nicht peinlich sagen?“, erkundige ich mich.
„Wieso peinlich? Weil selbst du Nerven hast und deine Gefühle auch mal zeigst?“
„Äh …“
Katharina nimmt mich schnell in die Arme und sagt lachend: „Nimm es einfach an, mein Schatz. Deine Mutter hat recht, auch wenn du sehr emotional agierst, zeigst du selten deine wahren Gefühle. Wir lieben dich so, wie du bist.“
„Aha. Dann ist ja gut. Können wir jetzt wieder reingehen?“
Ich gehe vor. Das ist ja furchtbar. Meine Gefühle gehen nur mich was an. Okay, vielleicht auch Katharina. Und überhaupt. Wieso sagen die das ständig? Wie kommen sie auch nur auf die Idee, ich würde meine Gefühle nicht zeigen?
Mir fällt ein, was James dazu gesagt hat, als wir unseren großen Streit hatten. Er, der große Meister im Verbergen von Gefühlen, ausgerechnet er, wies mich darauf hin, dass ich das ebenfalls gut könnte.
Und außerdem, Katharina? Hat nicht sie mich vier Jahre lang hingehalten und dabei voll ihre masochistischen Gelüste ausgelebt?
Wie kommen diese Leute dazu, mir zu sagen, ich soll mal meine wahren Gefühle zeigen?
Hallo?
Ich bleibe neben dem Pool stehen und Katharina legt von hinten die Arme um mich.
„Hab dich! Wo wolltest du denn hin? Kann es sein, dass du ein wenig sauer bist?“
„Ja!“
„Mein armer Schatz, alle hacken ständig auf dir herum. Aber, und das meine ich jetzt mal ernst, vielleicht hat es was zu bedeuten, wenn mehrere Leute dir ab und zu sagen, dass du deine wahren Gefühle ganz gut verbergen kannst.“
Ich sehe sie an und renke mir dabei fast das Genick aus. „Ich kann doch mit meinen Gefühlen machen, was ich will?“
„Das schon. Nur solltest du dich dann halt nicht über die Reaktionen wundern.“
„Ich bin im Moment eben etwas dünnhäutig“, sage ich seufzend.
„Weiß ich doch. Aber gerade du musst ein bisschen aufpassen, und im Moment übernehme ich das für dich.“
„Wieso?“, erkundigt sich meine Mutter, denn meine Eltern sind auch auf die Terrasse gekommen.
„Weil sie sehr mächtig ist, viel mächtiger als andere Krieger.“
„Katharina!“
„Was denn? Deine Eltern sollten das wissen.“
„Was sollten wir wissen?“, fragt meine Mutter verwundert. „Wir wissen, dass sie unsterblich ist, schnell, stark. So wie Nilsson, John oder eben dieser Vampir.“
Ist lustig, wie Michael alle etwas irritiert. Ich weiß ja, dass meine Mutter ihn inzwischen sogar mag, aber sich nicht so richtig an seine Daseinsform gewöhnt hat.
„Fiona kann weit mehr als andere Krieger“, bemerkt Katharina, dabei hält sie mich nach wie vor fest. Unbemerkt von den anderen schiebt sie eine Hand mitsamt T-Shirt langsam unter meinen Schlüpfer. Dieses Biest!
Ich flüstere ihr ins Ohr: „Wenn du so weiter machst und ich auslaufe, sehen es alle, denn dann läuft es an meinen Beinen hinunter.“ Und stecke ihr die Zunge ins Ohr.
Das wirkt, sie zieht die Hand wieder aus meinem Schlüpfer.
„Was genau bedeutet weit mehr?“, hakt mein Vater nach.
„Das würde mich auch interessieren“, sagt Helena, die es sich auf einer Liege gemütlich gemacht hat und uns aufmerksam zuhört. Vielleicht hat sie auch das mit der Hand mitbekommen. Eh egal.
„Willst du es nicht zeigen?“
Ich mustere Katharina, dann löse ich mich aus ihrer Umarmung und beschließe, selbst sie zu schocken. Denn auch sie weiß nicht alles. Dass ich fliegen kann, ist ja schön und gut, aber das kann ich nicht, weil die Erde kaum Dichte hätte, sondern weil ich die Illusion manipulieren kann. Und das eröffnet noch ganz andere Möglichkeiten, wie ich mit der Zeit rausgefunden habe.
Ich stelle mich ganz an den Rand des Beckens und strecke einen Arm aus. Fast genau darunter bildet sich im Wasser ein Wirbel, der immer stärker wird, bis schließlich das Wasser nach oben steigt. Wie eine Schlange aus Wasser wächst es nach oben, umfließt meine Hand und windet sich spiralförmig an meinem Unterarm entlang, bis zum Ellbogen, und fließt von dort wieder zurück in das Becken.
„Cool!“, entfährt es Jody.
Katharinas Reaktion fällt etwas verhaltener aus: „Okaaaay … Damit schaffst du es, sogar mich zu überraschen.“
Ich schenke ihr ein Lächeln. „Ich weiß.“
Dann betrachte ich meine Eltern, die mich beide mit offenem Mund anstarren.
„Wie geht das denn?“, fragt schließlich mein Vater.
„Nun, die Illusion ist Realität und Realität ist Illusion. Und wer das wirklich weiß, und ich musste das lernen, der kann die Illusion und damit die Realität beeinflussen. So funktioniert jede Art von Magie. Ich muss noch viel lernen, aber das, was ich bereits kann, ist gut für ‚Ohs‘ und ‚Ahs‘.“
„Willst du nicht verraten, dass du auch fliegen kannst?“
„Fliegen?“, echot meine Mutter.
„Ja. Hast du dich gar nicht gefragt, wieso ich so schnell da war und das auch noch ohne Auto?“
„Hm“, macht mein Vater.
„Der Gedanke ging mir mal durch den Kopf, aber ich habe ihn nicht weiter verfolgt.“
„Nach dem Telefonat mit Zanda war mir, ehrlich gesagt, alles egal, deswegen bin ich einfach aus dem Bürofenster gesprungen und hierher geflogen.“
„Das ist noch viel cooler als die Wasserschlange“, stellt Jody fest. „Wie lange weißt du das denn schon?“
„Ich habe es entdeckt, als Sorned mich aus der dreißigsten Etage geworfen hat. Er hatte angekündigt, mich danach endgültig zu töten und das hätte ich nicht verhindern können, wenn ich als Fettfleck unten herumgelegen hätte. Die Kraft der Verzweiflung half mir, die Illusion so stark zu beherrschen, dass ich ungefähr einen halben Meter über den Pflastersteinen zum Stehen kam. Beziehungsweise zum Schweben.“
„Oh“, sagt meine Mutter nur.
„Das klingt nach einem sehr eindrücklichen Erlebnis“, bemerkt mein Vater. „Aber was genau meinst du mit endgültig töten?“
„Es gibt eine Möglichkeit, jedes Wesen endgültig und unwiderruflich aus diesem Universum zu entfernen. Da hilft dann auch keine Unsterblichkeit mehr. Ich werde nicht verraten, wie das geht, euch würde dieses Wissen sowieso nichts bringen.“
„Und du hast dann den Spieß umgedreht?“ Mein Vater ist gefährlich. Er nutzt seinen Verstand gerne und effizient, das ist mir öfter aufgefallen, seitdem ich ihn nicht mehr hasse.
„Ja, ich habe Sorned ein für alle Mal entfernt.“
Ich betrachte die Wasserschlange, dann lasse ich sie wieder in das Becken gleiten.
„Okay, mehr Zaubertricks gibt es vielleicht später. Und ja, Katharinas Sorge ist nicht unberechtigt. Aber du beschützt mich und die anderen ja, oder?“ Ich gebe ihr einen Kuss auf den staunenden Mund.
„Ich versuche es.“
„Nicht versuchen. Tue es oder lass es.“
„Das ich werde“, erwidert sie grinsend.
„Bestens! Und was machen wir jetzt mit dem angebrochenen Tag?“
„Bleibt doch einfach noch bis morgen hier“, schlägt meine Mutter vor. „Natürlich nur, wenn das nicht zu viel für dich ist, Kind.“
„Es geht schon. Oder auch nicht. Aber das hängt nicht davon ab, ob ich hier bin oder bei Katharina.“
„Gut. Übrigens, hast du dir schon Gedanken gemacht, wo du wohnen wirst? Dein Zimmer hier ist ja noch da.“
„Mama.“ Ich nehme ihre Hände und sehe ihr tief in die Augen. „Mama, das ist wirklich lieb von euch. Aber wenn Katharina es erlaubt, werde ich bei ihr wohnen.“
„Blöde Frage!“, kommt es von hinten.
„Aber es ist so weit weg!“
„Ist es nicht. Natürlich weiter weg als nebenan, aber keinesfalls aus der Welt. Und ihr kennt den Weg.“
„Ja, kennen wir.“ Sie seufzt. „Ich schätze mal, das ist vielleicht ganz gut so, wenn sie immer da ist, um auf dich aufzupassen.“ Sie legt den Zeigefinger auf meinen Mund. „Lass deiner alten Mutter ihre Marotten.“ Ich denke an den vollen Kleiderschrank oben und nicke. „Okay, also ich werde mich jetzt ein wenig hinlegen, die Nacht war kurz.“
„Ich gehe mit“, erklärt mein Vater.
Helena und Jody erklären wie aus einem Mund, dass sie nicht müde sind und sich sonnen wollen. Und dabei einen Film gucken. Nicholas erklärt sich bereit, den Fernseher auf der Terrasse aufzubauen.
Ich sehe Katharina an. „Gehen wir auch ins Bett? So für ein paar Stunden?“
„Klar. Meine Nacht war auch kurz.“
„Na, dann bis später“, sagt mein Vater und zieht Mama mit sich.
Ich winke den Mädchen zu, dann gehe ich mit Katharina nach oben. Dass sie schlafen wird, bezweifle ich allerdings.

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Leseprobe: Fiona – Leben (Band 5)

„Ich wurde hingerichtet.
Ich weiß, was Sie jetzt denken. Das ist bestimmt irgendwie metaphorisch gemeint. Hingerichtet, sonst wäre sie ja tot. Und dann könnte sie mir das jetzt nicht erzählen. Und an lebende Toten und so, da glaube ich nicht dran.
Aber so ist das nicht. Ich wurde hingerichtet. Zwei Schüsse von hinten in den Kopf.
Also, aufgeklärte, moderne Menschen glauben ja, das Gehirn ist der Sitz des Bewusstseins, und wenn das Gehirn zerstört wird, ist es vorbei. Dann gibt es dieses Bewusstsein einfach nicht mehr. Wenn wir als Embryo heranwachsen, wird es langsam hell, und wenn wir sterben, wird es wieder dunkel. Für immer. Manchmal geht es langsam, manchmal ganz schnell. Zum Beispiel wenn Ihnen von hinten zwei Kugeln in den Kopf geschossen werden.
Wenn Sie also zu den Menschen gehören, die rational, aufgeklärt und modern sind, werden Sie mir vermutlich nicht glauben. Ich erzähle es Ihnen trotzdem. Sie können hinterher ja entscheiden, wie Sie damit umgehen wollen.
Also, ich wurde hingerichtet. Es war wirklich eine Hinrichtung. Ich geriet in Gefangenschaft, wurde schuldig gesprochen, einer terroristischen Vereinigung anzugehören, Attentate geplant zu haben, und dann an Ort und Stelle mit zwei Kugeln hingerichtet. Das mit den Attentaten stimmte sogar. Aber die wussten nicht, was ich wirklich wollte und dass sie mir sogar dabei helfen, meine Pläne auszuführen. Wie hätten sie es auch wissen sollen? Sie waren zwar weder modern noch aufgeklärt, das sind diese Art von Diktaturen nie, aber sie konnten sich trotzdem nicht vorstellen, dass ich so eine Hinrichtung überleben würde. Sie glauben zwar an Himmel und Hölle und so, an eine dualistische Welt, aber die Realität übersteigt ihre Vorstellungskraft bei Weitem.
Doch zurück zu der Hinrichtung. Meine Hände waren am Rücken gefesselt, mit einem Seil oder so. Kann sein, dass es ein Abschleppseil war, ich weiß es nicht so ganz genau. Während der Verhandlung musste ich knien und die ganze Zeit zum Tribunal schauen. So nannten sie es jedenfalls. In Wirklichkeit war es Lynchjustiz, aber das ist egal. Es spielt keine Rolle, denn jedes Gericht in jedem Staat hält sich für legitimiert und ist es doch nicht. Ich bin legitimiert, denn ich wurde von Gott dazu berechtigt. Doch das ist eine andere Geschichte, und Sie denken jetzt sowieso, ich bin eine Irre, völlig durchgeknallt und größenwahnsinnig.
Tatsache ist allerdings, dass ich hier vor Ihnen sitze, obwohl ich hingerichtet wurde. Das sollte Ihnen möglicherweise zu denken geben.
Nun, ich kniete also da auf dem harten Boden, was nach einer Weile sogar schmerzhaft wurde, aber Schmerzen bin ich ja gewohnt. Es gehört zu meinem Job, dass es ab und zu schmerzhaft wird. Ziemlich schmerzhaft sogar, denn nicht immer geht es so schnell und einfach zu wie meine Hinrichtung in diesem Fall.
Ich beobachtete den Richter und die beiden Soldaten rechts und links von ihm. Rings um uns herum waren noch andere, Soldaten, oder besser gesagt, Rebellen, die sich für Soldaten hielten. Nicht einmal Uniformen hatten sie, viele trugen Sandalen. Nicht wirklich die geeignete Kleidung zum Kämpfen, aber es waren ja auch Amateure. Verblendete Idioten, um ganz genau zu sein. Sie spielen Krieg und irgendwann begannen sie, das Töten zu genießen. Zuzuschauen, wie bei den Kopfschüssen Augen, Nase und Gehirn der Hingerichteten durch die Gegend spritzen, das ist für sie schöner geworden als ihr Sperma zu verspritzen. Make war not love. Ganz schön pervers. Ich meine, ich töte auch. Es macht mir wenig aus, allerdings weiß ich, dass der Körper eines Menschen nicht den Menschen ausmacht, und ich weiß auch, dass das Töten nicht mehr ist als das Verschrotten eines Autos. Sonst wäre ich ja nicht hier, trotz meiner Hinrichtung.
Hinter mir gestikulierten aufgeregt einige Männer, vielleicht darüber, wer mich erschießen darf. Ich habe keine Ahnung. Ich weiß noch, dass ich mir die krumme Nase des Richters anschaute, als der erste Schuss fiel. Die Kugel drang von oben ein, hier hinten, können Sie bei sich spüren, oberhalb der Einbuchtung. Die Anatomen haben auch einen Namen dafür, fällt mir grad nicht ein. Egal. Etwas oberhalb der Augen also, und der Schütze konnte oder wollte nicht vernünftig zielen.
Es war ein ganz eigenartiges Gefühl. Erst einmal ein ziemlich heftiger Schlag, der meinen Oberkörper nach vorne riss. Ich fiel nicht ganz um, schon allein wegen meiner Körperlage. Mein Oberkörper federte gegen meine Oberschenkel. In meinem Kopf fühlte es sich an wie … Ich weiß nicht genau, wie ich es beschreiben soll. Es tat nicht weh. Das Gehirn an sich fühlt ja keinen Schmerz. Es war mehr so eine Art Ziehen. Dauerte nicht lange, nicht einmal eine Sekunde, weil meine Aufmerksamkeit auf etwas anderes gelenkt wurde.
Wie gesagt, der Schütze hatte schief geschossen, warum auch immer. Die Kugel verließ meinen Kopf durch das linke Auge, mit dem ich natürlich nichts mehr sehen konnte. Obwohl, ist schon interessant. In so einem Moment hat man ja ein ganz anderes Zeitgefühl. Für die anderen sind es Sekundenbruchteile, aber ich konnte deutlich und wie in Zeitlupe spüren, dass die Kugel mein Auge von innen traf. Ganz kurz, wie ein Aufblitzen, konnte ich die Kugel sogar sehen. Irgendwie unheimlich, wenn ich mir das so überlege.
Ich hing da also auf meinen Oberschenkeln, starrte mit dem verbliebenen Auge auf den Boden und sah nebenbei die Reste meines anderen Auges zusammen mit Blut und einer hellen, rosafarbenen Flüssigkeit auf den Boden tropfen.
Dann wurde mir klar, die rosafarbene Flüssigkeit war ein Teil meines Gehirns. Ich hatte es ja schon gesehen, ich meine, außerhalb meines Kopfes. Neu war für mich das alles ja nicht.
Ich dachte noch, wie schön es ist, dass es dieses Mal so schnell geht. Ich meine, ich habe es mir selbst ausgesucht. Den Job so allgemein, und ich wusste vermutlich, dass es auch bedeutet, dass es physisch sehr anspruchsvoll wird. Deswegen regenerieren wir uns immer wieder. Aber das Sterben, das ist wie bei allen Menschen. Und manche Arten zu sterben sind … sehr unschön. Kopfschüsse sind im Vergleich richtig angenehm. Wohlgemerkt, im Vergleich und für Leute wie mich, die überhaupt die Möglichkeit haben, diesen Vergleich anzustellen. Sie beispielsweise werden diese Möglichkeit nicht haben, wenn Sie gleich sterben. Deswegen erzähle ich Ihnen das so genau, damit Sie wissen, was auf Sie zukommt.
Die zweite Kugel kam seitlich. Wahrscheinlich habe ich meinen Kopf gedreht, darum. Jedenfalls spürte ich noch, wie sie irgendwo neben dem Ohr in meinen Kopf eindrang. Sie zerfetzte mein rechtes Auge, sodass ich jetzt blind war. Ich glaube, es ging auch ganz schnell. Ich spürte noch, wie noch mehr von meinem Gehirn auf den Boden floss, dann wurde es plötzlich dunkel. Vermutlich als die kritische Masse meines Gehirns zerstört war.
Mein Körper war damit deaktiviert. Vorübergehend. Ich habe mich dann notdürftig gesäubert, aber in meinen Haaren klebt noch Blut und Reste von dem, was es sonst noch so in meinem Kopf gibt. Sehen Sie?
Mein Ich war natürlich noch da. Ich habe mittlerweile sehr viel Übung darin, die Zeit zu überbrücken, bis mein Körper sich regeneriert hat. Sie haben ihn zu den anderen Leichen geschafft. Als ich zu mir kam, lag ich auf den Überresten eines etwa dreijährigen Mädchens und eines Mannes, der wahrscheinlich sein Vater gewesen ist. Hätte ich zu dem Zeitpunkt auch nur den geringsten Zweifel gehabt, ob ich meinen Plan noch ausführen wollte, wäre dieser Zweifel bei diesem Anblick sofort geflüchtet.
Allerdings hatte ich keinen Zweifel. Ist nicht meine Art. Wissen Sie, mein Motto ist auch, dass ich bereit sein muss, zu Ende zu bringen, was ich beginne. Wofür hätte ich sonst auch all das auf mich genommen? Als Leiche gelangte ich in Ihr Haus, und auch wenn das nur Plan B war, für den Fall, dass ich erwischt werde, hat er doch ganz gut funktioniert.
Und das bedeutet, dass jetzt Sie hingerichtet werden.“
Die Pupillen des Mannes auf der anderen Seite des Tisches weiten sich kaum merklich. Bevor er aufspringen kann, drücke ich ab und beobachte, wie die Kugel durch die Stirn in seinen Kopf eindringt.

„Michael?“ In der Stille reicht dieses Wort schon geflüstert, um einen Widerhall zu erzeugen. Untermalt vom Quietschen der Tür müsste es meine Ankunft unüberhörbar verkünden. Dennoch gibt es keine Reaktion.
Aber ich spüre, dass er da ist.
Ich durchquere den großen Raum, den man mit viel gutem Willen Wohnzimmer nennen könnte, und gehe zur Tür, die in den Nachbarraum führt. Darin befindet sich unter anderem das Bett.
Darauf Michael, zusammen mit einem Buch. Er sieht hoch und mustert mich schweigend.
„Hi“, sage ich leise.
„Hi.“ Er lässt seinen Blick über meinen Körper gleiten, dann wieder hoch zu meinen Augen. „Welch ein hoher Besuch! Was verschafft mir diese unerwartete Ehre?“
Das frage ich mich auch gerade. Was habe ich eigentlich erwartet? Noch ist es nicht zu spät, ich sollte mich einfach umdrehen und wieder gehen. Es wäre das Klügste.
Und damit ausgeschlossen.
„Ich komme gerade aus dem Irak.“
„Wie schön für dich. Hast du dort Urlaub gemacht? Als Frau? Mutig.“
„Idiot. Ich habe jemanden hingerichtet. Und ich weiß jetzt, wie sich Kopfschüsse anfühlen.“
Er zieht eine Augenbraue hoch. Die rechte. „Hast du jemanden hingerichtet oder wurdest du hingerichtet?“
„Beides.“
„Also Abenteuerurlaub.“
„Michael …“
„Ja? Ich bin hier.“ Er legt das Buch weg und setzt sich auf. „Was genau willst du von mir?“
Eigentlich weiß ich es immer noch nicht. Ich sollte nicht hier sein. Die Geschichte im Irak ist eine Sache, die meisten Menschen würden kein Verständnis dafür haben, doch das kann mir egal sein. Aber wieso bin ich hierhergekommen, statt nach Hause zu fahren?
„Hallo? Fiona?“
Ich zucke zusammen. „Ich … Tut mir leid. War in Gedanken. Um ehrlich zu sein, versuche ich herauszufinden, warum ich hier bin.“
„Wieso, bist du nicht selbst hergekommen?“
„Doch, schon. Aber ich habe noch gar nicht darüber nachgedacht, wieso.“
„Wie geht das denn? Du musst doch irgendwann die Entscheidung getroffen haben, dieses Ziel als Koordinaten in dein internes Navi einzugeben.“
„Was?“
Er deutet auf seine Stirn. „Gehirn. Gedächtnis. Gefühle. Manchmal auch Gedanken.“
Ich muss lachen. „Du bist doof. Michael, erinnerst du dich, was ich dir gesagt habe, nachdem du mich geküsst hast?“
„Wie könnte ich das je vergessen?“, erwidert er. „Du bläst mir keinen, wir schlafen nicht miteinander und es wiederholt sich nicht.“
Ich senke den Blick. „Das … das war gelogen.“
„Was?“
„Ich meine, damals meinte ich das wirklich. Aber … ich meine, ich habe dir erlaubt, mich zu küssen. Das erlaube ich nicht jedem.“
„Ach?“
Langsam gehe ich näher. Er zieht die Knie an und legt die Unterarme um seine Beine, mit einer Hand das andere Handgelenk umfassend. Weder eine Einladung noch eine Zurückweisung. Ich bleibe unschlüssig stehen.
„Was genau möchtest du von mir?“
„Dich küssen. Dir einen blasen. Mit dir schlafen.“
„Warum so plötzlich? Ich habe nämlich keine Lust, einfach nur als Ventil zu dienen, weil du dich mies fühlst nach so einem Job.“
„Ich fühle mich nicht mies! Das Arschloch hat es verdient.“
„Ich denke, wir richten nicht?“
„Wir treffen Entscheidungen, und wenn wir der Meinung sind, jemand stört das Gleichgewicht, dann töten wir ihn. Das weißt du auch.“
„Ja, weiß ich“, nickt er. „Mir sind deine Kriterien nur nicht ganz klar.“
„Darüber wollte ich nicht mit dir reden. Jedenfalls hat es nichts damit zu tun, dass ich hier bin. Zumindest nicht direkt. Ich hatte viel Zeit zum Nachdenken auf dem Flug.“
„Zeit zum Nachdenken ist gut. Aber es fällt dir immer noch schwer, mir den Grund für deinen Sinneswandel mitzuteilen?“
Ich setze mich seufzend am Bettende auf den Rand. „Es ist … es ist kein Sinneswandel. Ich weiß, dass du in mich verliebt bist und …“
„Bin ich das?“
Ich sehe ihn direkt an. „Bist du. Willst du es leugnen?“
Er schüttelt den Kopf.
„Michael, ich weiß nicht, ob ich in dich verliebt bin. Aber ich begehre dich. Deswegen durftest du mich küssen. Etwas an dir bringt mich an den Rand des Wahnsinns. Ich habe mich dagegen gewehrt, doch jetzt will ich es nicht mehr.“
Michael starrt mich schweigend an. Sein Blick gleitet von meinen Augen nach unten, auf meine Brüste. Viel zu sehen gibt es von ihnen nicht, unter dem schwarzen Pullover trage ich einen Sport-BH. Ich fasse den Pullover am Kragen und ziehe ihn langsam aus. Dann den BH. Michael starrt immer noch auf meine Brüste. Er sieht mich nicht zum ersten Mal nackt, aber zum ersten Mal mit der Aussicht, mehr als den Anblick zu bekommen.
Mit den Füßen streife ich die Stiefel ab, knöpfe dann die Jeans auf und streife sie ebenfalls ab. Bis auf das hellblaue Höschen bin ich nackt. Nach einer kurzen Pause ziehe ich den Slip auch aus.
Als Michael sich immer noch nicht rührt, steige ich auf das Bett und stelle mich mit gespreizten Beinen so vor ihm hin, dass er meine Muschi vor den Augen hat. Er hebt langsam den Kopf und schaut zu mir hoch.
„Du meinst das ernst?“
Ich nicke, dann lege ich beide Hände auf seinen Kopf und drücke sein Gesicht zwischen meine Beine. Ich spüre, wie er den Mund öffnet und seine Zunge zwischen meine Lippen schiebt. Ich schließe die Augen.
Nach einiger Zeit, in der er mich genau erkundet hat, umfasst er mit den Händen meine Pobacken und zieht mich runter. Ich setze mich kniend auf meine Fersen und betrachte ihn. Er küsst mich, erst sanft, dann immer fordernder, packt dabei mit beiden Händen meine Brüste. Ich schließe wieder die Augen und ertaste die Knöpfe seines Hemdes, öffne sie und schiebe dann das Hemd nach hinten. Dazu muss er mich loslassen und als er die Hände wieder frei hat, legt er eine auf meinen Oberschenkel, die andere zwischen meine Beine. Ich stöhne auf.
Ich lasse meine Fingerspitzen wie Krallen über seine muskulöse Brust gleiten. Der Kuss soll bloß nie aufhören! Als dann seine Finger in mich eindringen, öffne ich seine Hose und greife hinein, bis ich sein hartes Glied umfassen und herausziehen kann. Nur ganz flüchtig schießt mir der Gedanke durch den Kopf, wieso ein Vampir einen Steifen haben kann.
Ich löse meinen Mund von seinen Lippen. „Fick. Mich.“
Er lehnt sich zurück, ich ziehe ihm Hose und Unterhose aus. Sein mächtiger Brustkorb wölbt sich unbewegt hervor. Ich rutsche auf den Knien nach vorne, bis ich mit dem Unterleib über seinem Glied bin und es in mich einführen kann. Es gleitet vollkommen mühelos in meine nasse Muschi. Ich beuge mich vor, um ihn weiter zu küssen. Seine Hände umklammern meinen Po.
Wir sind beide völlig überdreht und kommen schon nach kurzer Zeit. Ich presse meinen Unterleib gegen seinen und bewege ihn kreisend. Er zuckt wild, fast schmeißt er mich runter. Ich schlinge die Arme um seinen Hals und drücke schreiend das Gesicht gegen seine Schulter.
Viel später, ich weiß nicht einmal, ob Minuten oder Stunden vergangen sind, hebe ich den Kopf und sehe ihn an.
Er grinst. „Das war ja fast eine Vergewaltigung.“
„Deine Gegenwehr war kaum zu bemerken.“
„Es ging so schnell, ich hatte gar keine Gelegenheit dazu.“
Damit bringt er mich zum Lachen. „Idiot. Einen so harten Schwanz wie deinen habe ich schon lange nicht mehr erlebt.“
„Ja, und er scheint so bleiben zu wollen.“
Ich bewege meinen Unterleib kreisend. „Hat er etwa noch nicht genug?“
„Genug? Das war doch erst die Vorspeise!“
Er meint es ernst. Sehr ernst.

Michael reicht mir meine Zigaretten, dann geht er zum zugemüllten Schreibtisch und befördert nach einiger Suche zwei Gläser und eine halbvolle Whiskyflasche ans Kerzenlicht. Ich setze mich auf und inhaliere den Rauch tief ein, während er die Gläser ordentlich füllt. Darüber, ob diese Gläser jemals gespült worden sind, mache ich mir lieber keine Gedanken.
Ein Glas gibt er mir, das andere führt er sich an die Lippen und nimmt einen großen Schluck. Ich nippe vorsichtig an meinem Glas. Es schmeckt einigermaßen.
„Wie geht es Sandra?“, erkundigt er sich.
Dieses Arschloch! „Ganz gut. Seit wann interessierst du dich für meine Tochter?“
„Ich finde die Vorstellung süß, dass du eine Tochter hast.“
„Michael, du solltest aufhören, irgendetwas im Zusammenhang mit mir süß zu finden.“
„Ups. Empfindliche Stelle getroffen?“
„Ich? Getroffen? Eher andersherum.“ Ich zaubere das süßeste Lächeln auf mein Gesicht, dessen ich fähig bin. Michaels Miene verdüstert sich.
„Erinnere mich nicht daran“, knurrt er.
„Dann hör auf, von meiner Tochter und von süß zu labern, okay?“
„Wollte nur nett sein …“
„Wozu? Ich bin nicht hier, damit du nett bist. Nett ist langweilig. Ich hasse alles, was mit nett zu tun hat.“
„Stimmt, du bist eher ein Tier.“
„Das sagt der Richtige!“ Ich proste ihm zu und nehme diesmal auch einen großen Schluck.
Er setzt sich neben mich. Ich betrachte seine ausgestreckten Beine neben meinen ausgestreckten Beinen. Seine sind behaart und muskulös. Meine nur muskulös. Und deutlich dünner.
„Du hast schöne Beine“, bemerkt Michael grinsend.
„Danke. Du auch. Zumindest für einen Mann.“
„Das ist mal wieder typisch für dich. Immer direkt eine Einschränkung.“
„Nicht immer!“, protestiere ich.
„Gut, du hast recht, nicht immer. Aber warum überhaupt?“
Ich zucke die Achseln. „Bin eben so. Gefällt es dir etwa nicht, wie ich bin?“
Er mustert mich von der Seite. „Was ist das denn für eine Frage? Willst du jetzt hören, dass du geil aussiehst? Oder geht es um deinen Intellekt?“
„Ach Michael.“ Ich seufze. „Ich weiß, wie ich aussehe und wie ich auf Männer wirke. Vor James habe ich die halbe Stadt gefickt, und auf der Schule gab es kaum einen, der nicht mit mir vögeln wollte.“
„Eingebildet bist du aber nicht, oder?“
„Weil ich mir dessen bewusst bin? Komm schon. Ich war nicht die Schulkönigin, habe mich nie, na ja, fast nie, zurechtgemacht. Und wahrscheinlich waren gerade deswegen alle scharf darauf, mit mir in die Kiste zu hüpfen.“
„Jetzt mal ernsthaft, ist das eine Theorie?“
Ich grinse. „Keine Theorie. Habe es mehrmals getestet.“
„In der Schule?“
„Da auch. Das Klo zu den Sportumkleiden war ein guter Ort. Und David, der mich entjungfert hat …“
„Auf dem Klo?“
„Nein! Hältst du mich für so unromantisch?“
„Also gut, wo hat er dich entjungfert?“
„In meinem Bett, im Haus meiner Eltern. Ich war 15. Ich rief ihn an und sagte ihm, dass ich Hilfe bräuchte, in Mathe. Das war ein sicherer Hinweis für ihn.“
„Wieso?“
„Wir waren die Klassenbesten in Mathe.“
„Oh. Und er kam?“
„Oh ja! Mehr als einmal.“
„Das meinte ich grad nicht …“
„Ist mir klar. Wir waren zwei Monate zusammen, bis er meinte, ein anderes Mädchen knutschen zu müssen, auf dem Schulhof, während die halbe Schule zuschaute, weil er Freistunde hatte, wir aber nicht. Es war echt lustig.“
„Klingt nach Drama.“
„Hey, er war meine erste Liebe! Selbst mein Vater mochte ihn.“
„Hast du ihn verprügelt?“
„Nein“, erwidere ich gepresst. „Aber ich habe ihn ignoriert danach. Na ja, und irgendwann begriff ich, was die Blicke der Jungs zu bedeuten haben. Um ehrlich zu sein, hatte ich mir bis dahin darüber keine Gedanken gemacht. Es gab einige Mädchen in meinem Alter, die Schulköniginnen spielten und natürlich stets hofiert wurden. Ich konnte mit ihnen nichts anfangen und lief nicht aufgetakelt rum.“
„Also eine Außenseiterin?“
Ich schüttele den Kopf. „Seltsamerweise nicht. Ich war schon beliebt. Ich fürchte, die hielten mich alle für süß.“
„Süß?“
Ich nicke. „Ich habe nie was für Allüren übriggehabt, sagte aber, was ich dachte. Es war auch selbstverständlich für mich, dass ich anderen half, wenn es nötig war. Meine Noten waren zwar mittelmäßig, weil ich nie für Tests lernte, aber ich machte mündlich mit. Reden kann ich ja. Ich begriff die Sachen, ich wollte nur nichts auswendig lernen. Lernen fand ich doof. Aber ich konnte alles erklären.“
„Ich glaube, ich verstehe“, sagt Michael nachdenklich. „Du warst einerseits der Kumpeltyp, andererseits aber natürlich süß.“
Ich starre ihn von der Seite an. „Ja, vielleicht. – Warum erzähle ich dir das alles eigentlich?“
„Dir war wohl danach.“
„Ja, irgendwie schon. Vielleicht ist es mir wichtig, dass du mich verstehst. Ich möchte nicht, dass du mich für durchgeknallt hältst.“
„Du bist durchgeknallt, da kannst du mir erzählen, was du willst. Die Menschen können froh sein, dass du auf der richtigen Seite stehst. Du hast vor nichts Angst und wenn du dir etwas in den Kopf setzt, dann tust du es einfach. Als Kriminelle wärst du richtig gefährlich.“
„Ich bin gefährlich.“
„Ja, für meine Unschuld“, knurrt er.
Ich mustere seine schwindende Unschuld. „In der Tat. Es ist schon erstaunlich, dass du als Vampir überhaupt einen Steifen kriegst, aber auch noch einen so harten?“
„Du wirst lachen, wenn ich Hunger habe, kriege ich ihn nicht hoch. Vampire sind sehr abhängig von ihrem Futter, was den Blutdruck angeht.“
Ich kriege einen Lachkrampf und habe Mühe, mich zu beruhigen. Er wartet geduldig, bis ich wieder ansprechbar bin. Dann zieht er mich auf seinen Schoß, dabei dringt er wie von selbst in mich ein. Seine kalten Augen mustern mich.
„Danach musst du gehen.“
„Ich weiß.“
„Gut.“
Später, als ich wieder meinen Verstand eingesammelt habe, frage ich ihn, wo die Toilette sei.
„Toilette?“
„Äh … ja?“
„Hier gibt es keine.“
„Wie meinst du das? Wie kann es hier keine Toilette geben?!“
„Ich brauche keine. Was musst du denn?“
„Pissen, und zwar tierisch!“
„Dann geh doch nach draußen und piss gegen die Wand. Interessiert doch niemanden. Kommt auch niemand vorbei.“
„Hm.“ Aber es hilft nichts. Ich strecke erst den Kopf in den Gang raus und schaue mich um, bevor ich nackt ein paar Schritte weg gehe und mich neben der Wand hinhocke. Es riecht streng, kein Wunder, die Blase ist voll wie sonst was.
Erleichtert gehe ich wieder rein und ziehe mich an.
„Hat dich jemand gesehen?“, erkundigt sich Michael, blöde grinsend.
„Ich habe Eintrittsgeld kassiert.“
„Cool. Aber die Hälfte gehört mir.“
„Du kannst mich mal.“
„Schon wieder?“
Ich zeige ihm, wie schön meine Mittelfinger sind. Doch statt auf diese, starrt er auf meine noch nackten Brüste. Grinsend ziehe ich den BH und den Pullover an.
„Schon wieder?“, frage ich ihn lächelnd.
„Du bist ganz schön rachsüchtig.“
„So bin ich eben.“ Ich gehe um das Bett herum und bleibe neben ihm stehen. Er sitzt nackt am Kopfende und mustert mich fragend. Sein Blick ist eindeutig. Nach kurzem Zögern winke ich ab und gehe. Ich blicke nicht zurück und er sagt nichts.
Ich nehme den Weg, den ich auch gekommen bin, nämlich durch die Disco. Das bedeutet zwar Kletterpartie, aber mein Auto steht eh auf dem Parkplatz. Die Geheimtür, die nur Eingeweihte kennen, befindet sich in einem kleinen Raum, der alibimäßig als Abstellkammer dient. Bevor ich die Tür öffne, lausche ich kurz. Bis auf die dumpf dröhnende Musik ist nichts zu hören. Ich eile an den Toiletten vorbei. Die Musik wird lauter, schließlich befinde ich mich mittendrin.
Die unterirdische Disco kokettiert mit ihren Grotten und Felswänden, die andererseits für eine miserable Akustik sorgen. Bei der Lautstärke spielt das allerdings für die zugedröhnten Gäste keine Rolle. Ich überlege kurz, eine zu rauchen und etwas zu trinken, entscheide mich aber schließlich dagegen.
Dass es ein Fehler war, überhaupt darüber nachzudenken und dadurch länger als unbedingt nötig in der Disco zu bleiben, wird mir klar, als ich Punky mit zwei anderen Vampiren entdecke. Sie schneiden mir den Weg zum einzigen Ausgang nach oben ab. Die beiden entschlossen dreinschauenden Vampirsöldner bleiben in einiger Entfernung stehen, während Punky grinsend auf mich zukommt.
„Hallo Fiona, das ist aber eine Überraschung, dich hier zu sehen. Hast du etwa Sehnsucht nach dem Herrn?“
Ich mustere ihn kurz, dann will ich an ihm vorbei. Er macht einen Schritt zur Seite, sodass er mir erneut den Weg versperrt. Und als er den Mund öffnet, vermutlich um weiter zu quasseln, trete ich blitzschnell und mit aller Kraft gegen seinen Brustkorb. Er hebt regelrecht ab und fliegt davon – wohin, darauf achte ich nicht mehr, denn seine beiden Begleiter erfordern meine ganze Aufmerksamkeit.
Den, der näher steht, erwische ich mit zwei Halbkreistritten, die ihn aus meinem Blickfeld befördern. Schnell wende ich mich dem Dritten zu, allerdings nicht schnell genug. Seine Faust explodiert mitten in meinem Gesicht. Ich spüre, dass ich durch die Gegend fliege, Menschen zur Seite stoße und dann sehr unsanft auf dem harten Boden lande.
Nach einigen Sekunden der Benommenheit drücke ich mich mit einer Hand hoch, mit der anderen Hand berühre ich meine Lippen. Blut. Doch bevor ich wütend aufspringen kann, werde ich an den Haaren gepackt, hochgerissen und mein rechter Arm wird auf den Rücken gedreht. Zum Protestieren habe ich keine Zeit, denn Punky kommt von vorne auf mich zugeschossen. Ich empfange ihn mit einem Tritt zwischen die Beine und lasse einen zweiten in sein Gesicht folgen, als er sich nach vorne krümmt. Einigermaßen zeitgleich hole ich mit der freien Hand aus und schlage sie an meinem Kopf vorbei in das Gesicht des Vampirs, der mich von hinten festhält. Er taumelt, lässt aber meinen verdrehten Arm nicht los. Ich drehe mich jetzt schwungvoll nach rechts, packe dabei mit der rechten Hand seinen rechten Arm. Das zwingt ihn in eine gebückte Haltung, so kann ich mit dem Ellbogen des freien Arms gegen sein Genick schlagen. Endlich lässt er los und geht in die Knie.
Dafür habe ich den dritten Vampir wieder am Hals. Sein Gesicht ist blutverschmiert, ansonsten sieht er aber ziemlich fit aus. Nicht fit genug für mich. Ich brauche nur ein paar Sekunden, um seine Deckung zu zertrümmern und ihm die Nase. Dann erwische ich einen seiner Arme und breche ihn am Ellbogen. Sein Geheul geht im Aufschrei der Menge unter.
Diesmal vertrödel ich nicht unnötig Zeit. Niemand hält mich auf, als ich auf den Ausgang zulaufe. Mein Auto steht noch da, wo ich es abgestellt hatte, was keineswegs selbstverständlich ist.
Ich betrachte mein Gesicht im Rückspiegel. Das Blut aus meiner Nase hat sich um den Mund herum verteilt, ich sehe aus, als hätte ich einen Menschen leergetrunken. Für solche Fälle habe ich zum Glück immer Reinigungstücher dabei.
Ich fahre nach Hause.

Zu Hause ist niemand, also laufe ich hinüber ins Nachbarhaus. Nicholas öffnet und begrüßt mich erfreut. Ich umarme ihn, dann gehe ich in den Salon, dort finde ich meine Eltern mit Sandra auf dem Schoß meiner Mutter. Die Augen der Kleinen leuchten auf, als sie mich erblicken. Lachend nehme ich sie an mich und begrüße sie innig, bevor auch meine Eltern was von mir abbekommen.
„Danny?“
„Den hat James mitgenommen“, antwortet mein Vater. „Möchtest du was trinken? Oder essen?“
„Einen Kaffee könnte ich vertragen. Aber erst nach der Fütterung des Raubtiers.“ Ich setze mich neben meiner Mutter auf die Couch, schiebe Pullover und BH hoch und betrachte lächelnd meine Tochter beim Trinken.
„Sie ist so süß“, sagt meine Mutter und sieht Sandra verliebt an.
„Meins!“
„Schon gut, schon gut. Ich bin glücklich, wenn ich mich ab und zu um sie kümmern darf.“
„Mal sehen, ob du das in 15 Jahren immer noch so denkst“, erwidere ich.
„Ganz sicher.“
„Und wenn sie wird wie ich?“
„Dann erst recht.“
Zack. Sowohl meine Frage als auch die Antwort darauf treffen mich unvorbereitet. Sandra starrt mich erschrocken an, ich habe Mühe, sie zu beruhigen und zu animieren weiterzutrinken. Wenigstens kann ich dabei auch selbst die Beherrschung wiedererlangen.
Natürlich ist es meiner Mutter nicht entgangen, was sie ausgelöst hat. Sie ist aber feinfühlig genug, nicht weiter darauf einzugehen.
Wir schweigen, bis mein Vater mit dem Kaffee kommt. Und danach schweigen wir auch, ich mit Tochter auf der Couch und umrahmt von meinen Eltern. Ein ganz, ganz seltsames Gefühl.
Erst als Sandra fertig ist und ich meine Kleidung wieder gerichtet habe, reicht mir mein Vater den Kaffee, den ich gierig trinke. Mir fällt plötzlich der Whisky ein, aber nun ist es zu spät.
„War deine Reise erfolgreich?“, erkundigt sich mein Vater.
„Oh ja, das war sie.“
„Du warst aber nicht auf Geschäftsreise.“ Keine Frage, sondern eine Feststellung.
„Wie man es nimmt.“ Meine Tochter steht auf meinen Beinen und lacht mich an. Ich bin erst einmal damit beschäftigt, in einen Lachwettstreit mit ihr zu treten. Danach fahre ich fort. „Ich war im Irak.“
„Im Irak?“, wiederholt meine Mutter. „Was hast du denn da gemacht?“
„Eine Störung des Gleichgewichts beseitigt.“
Mein Vater versteht schneller, aber dann gefriert auch der Gesichtsausdruck meiner Mutter. „Aber … ist das nicht gefährlich?“
„Ich wurde hingerichtet mit zwei Kopfschüssen“, erwidere ich in einer Tonlage, als würde ich über Kuchenessen sprechen, denn Sandra untersucht gerade meine Stirn und den Haaransatz. Letzteres ist etwas schmerzhaft. „Junge Dame! Das sind meine Haare! – Dadurch kam ich an … mein Zielobjekt dran. Er wird sich von den Kopfschüssen nicht erholen.“
„Du hast … du hast …“
„Barbara!“, unterbricht sie mein Vater freundlich, aber nachdrücklich.
„Schon gut. Ich war nur … bin … etwas geschockt.“
„Man muss sich erst daran gewöhnen, dass unsere Tochter als Racheengel unterwegs ist und Menschen im Auftrag Gottes tötet“, bemerkt mein Vater.
„Mit Rache hat das nichts zu tun“, entgegne ich, Sandra sanft davon überzeugend, dass es wirklich, wirklich meine Haare sind. „Und auch nicht im Auftrag Gottes. Gott ist es scheißegal, was wir hier so treiben.“
„Red doch nicht so über Gott“, sagt meine Mutter entsetzt.
„Warum denn nicht? Es ist die Wahrheit. Gott hat seine Hausmeistergilde, die sind für Ordnung zuständig. Und der hiesige Hausmeister hat unter anderem mich auserkoren.“
„Wenn das die Menschen erfahren würden, dann brächen sofort alle Religionen zusammen und Frieden kehrte ein.“
Ich starre meinen Vater entgeistert an. „Wieso sollten sie das glauben? Sie glauben ja nicht einmal viel leichter zu verdauende Sachen, zum Beispiel die einfache Tatsache, dass jeder Mensch selbst denken darf.“
„Das ist zynisch“, stellt meine Mutter fest.
„Ach was. Ich und zynisch?“ Ich setze Sandra auf meinen Schoß, so kommt sie nicht an meine Haare dran. Komisch, wie weh das tun kann, wenn so ein Kind an den Haaren zerrt. Einer Fortsetzung der lästigen Diskussion entgehe ich zum Glück, Danny und, mit etwas Verspätung, James stürmen das Wohnzimmer. Ich bringe Sandra vor Danny in Sicherheit und kriege dafür die Zungenküsse ab. Zum Ausgleich auch den Kuss von James. Einen Kuss. Einen zweiten bekommt Sandra.
„Bleibt ihr zum Abendessen?“, erkundigt sich mein Vater.
„Nein, heute nicht. Vielleicht morgen?“, schlage ich vor, bevor mein geliebter Ehemann reagieren kann.
„In Ordnung, morgen bei uns. Gegen acht?“
Wir einigen uns auf acht Uhr, dann gehen wir rüber in unser Heim. Während James ein kleines Abendessen zubereitet, bade ich Sandra und bringe sie danach ins Bett.
Ich ziehe mich aus, stopfe alles in die Schmutzwäsche und streife ein T-Shirt über. James zieht kurz eine Augenbraue hoch, als er das sieht, enthält sich aber eines Kommentars.
Beim Abendessen schweigen wir uns an. Ab und zu mustert James mich und sieht fast so aus, als wollte er was sagen. Aber nur fast. Ich setze mich danach auf die Couch und mache den Fernseher an. James kommt einige Minuten später mit einer Flasche Wein nach, öffnet sie routiniert, schenkt in zwei Gläser ein und reicht mir eins, während er sich neben mich setzt.
„Wie war dein Auftrag?“
„Es war kein Auftrag. Ich habe selbst entschieden, den Kerl zu töten.“
„Dann: Wie war deine Entscheidung?“
Ich betrachte ihn nachdenklich. Da sitze ich im kurzen T-Shirt, die nackten Beine angewinkelt hochgezogen, und der Kerl sitzt völlig ungerührt neben mir.
„Blutig“, erwidere ich knapp.
„Also wie üblich.“
„Jaaames …“
„Auf jeden Fall.“ Damit bringt er mich zum Lachen, und das weiß er auch genau. Ich proste ihm zu und trinke mein Glas leer. „Das ist Rotwein aus Frankreich!“, ruft er entgeistert.
„Jetzt nicht mehr. Jetzt ist er Rotwein auf dem Weg in meinen Bauch. Hier, schau.“ Ich ziehe mein T-Shirt bis zum Kinn hoch und zeige mit dem Finger, wo der Wein hinunterläuft. Seine Reaktion würde jeder Steinstatue Ehre machen.
„James, was ist los?“
„Im Moment nichts.“
„Ja, das sehe ich auch. Aber was ist der Grund?“
„Lass uns fernsehen.“
„James!“ Ich springe wütend auf und stelle mich zwischen ihn und den Fernseher. „Das ist nicht dein Ernst? Kannst du dich überhaupt noch daran erinnern, wann wir das letzte Mal miteinander geschlafen haben?“
„Ist eine Weile her. Schatz, meinst du, ich kriege einen hoch, wenn du mich so anschnauzt?“
„Dann sag mir wenigstens, warum du keinen hochkriegst!“
„Ich weiß es nicht. Postnatale Depression.“
„Was? Das kriegen die Frauen!“
„Ich habe es für dich übernommen.“
„Okay, du bist also nicht gewillt, dich ernsthaft darüber zu unterhalten?“
„Nicht weniger als du.“
„Wie? Was?“
„Du findest, das, was du tust, kann man als ernsthafte Absicht bezeichnen?“
„Das ist ja wohl die Höhe! Ich habe dich ganz normal gefragt, was los ist! Erst als du daraufhin fernsehen wolltest, wurde ich laut!“
„Warum eigentlich?“
Ich bekomme Schnappatmung und habe Schwierigkeiten, überhaupt die passenden Worte zu finden. „Das fragst du noch? Verdammt nochmal, Sandra ist 8 Monate alt, und seit 8 Monaten hatten wir keinen Sex mehr!“
„Du warst ja auch entweder mit ihr beschäftigt oder in göttlicher Mission unterwegs.“
Ich starre ihn völlig entgeistert an. „Was?“
„Schatz, diese Diskussion ist müßig.“
„Was? Äh … Bin ich im falschen Film, oder was? Du hast mir nicht grad ernsthaft vorgeworfen, dass ich mich um unsere Tochter kümmere?“
„Das war kein Vorwurf, lediglich eine Feststellung. Und außerdem solltest du vielleicht …“
„Sag mal, spinnst du jetzt völlig?!“, brülle ich los.
„… nicht so rumschreien, du weckst das Kind.“ Womit er recht hat.
Ich atme ein paarmal tief durch, dann gehe ich nach oben und nehme Sandra auf den Arm. Sie weint ziemlich heftig und ich brauche lange, um sie wieder zu beruhigen.
Nachdem ich Sandra abgelegt und zugedeckt habe, gehe ich langsam zur Treppe. Göttliche Mission? Was fällt dem Kerl eigentlich ein?
Der Kerl steht an der Bar und trinkt etwas, vermutlich Whisky. Er sieht mich nachdenklich an, als ich ins Wohnzimmer komme.
„Sie schläft.“
James nickt.
Ich gehe zu ihm. „Hör zu, es tut mir leid, dass ich grad so ausgeflippt bin.“
Erneutes Nicken. „Ich war wohl nicht sehr … kooperativ.“
„Ach was. Du wolltest halt fernsehen.“
Ein Grinsen. Tatsächlich! Ein. Grinsen!
Ich lege die Hände auf seine breite Brust. „James, ich liebe dich. Ich … Verdammt, in göttlicher Mission?“
Grinsen wird breiter. Unglaublich.
„Tut mir leid, ich wollte dich damit nicht verletzen.“
„Es geht um das Gleichgewicht.“
„Ja, ich weiß. Ich hoffe, ich störe dein Gleichgewicht nicht, sonst wird mein Leben doch recht kurz.“
„James? Wenn du glaubst, …“
„Das war ein Scherz.“
Ich atme tief durch. „Kannst du die bitte ankündigen, deine Scherze? Du bringst nämlich mein psychisches Gleichgewicht durcheinander. Dafür gibt es nicht den Tod, aber … Und außerdem, wenn schon Mission, dann Fiona Mission.“
„Oje.“
„Ich hör schon auf damit. Gehen wir ins Bett?“
Das dritte Nicken. Unfassbar.
Während James das Badezimmer oben nimmt, gehe ich in das untere. Beim Zähneputzen mustere ich mein Gesicht. Es ist immer noch das Gesicht einer 27jährigen Mutter, trotzdem hat sich etwas verändert. Die Augen. Es ist eine alte Frau, die mich aus diesen Augen anstarrt.
An diesem Abend schlafen James und ich das erste Mal nach acht Monaten wieder miteinander.

Pünktlich wie die Geldeintreiber stehen wir bei meinen Eltern auf der Matte. Die ganze Meute. Und nachdem die Tür aufgegangen ist, schießt Danny an Nicholas vorbei. Wir finden ihn vor meiner Mutter sitzend wieder, genüsslich die Reste der Reste kauend.
„Ich verstehe echt nicht, wieso er noch nicht rollen kann“, bemerke ich grinsend.
„Danny arbeitet hart, da kann nichts ansetzen“, erklärt meine Mutter. „Gib mir mal das Kind.“
„Hier. Aber gib ihm keinen Kaffee.“ Ich gehe an die Hausbar und schenke James und mir Whisky ein.
„Wieso darf sie heute keinen Kaffee haben?“, erkundigt sich meine Mutter.
„Wie, was?“
„Dass ich das mal erlebe, ich habe es geschafft, dich reinzulegen!“
„Gar nicht wahr“, murmele ich. „Ich wollte dir nur eine Freude machen …“
Klugerweise geht meine Mutter darauf nicht weiter ein, sondern bittet uns zu Tisch. Sandra behält sie, was dem Töchterchen offensichtlich gefällt. Schon erstaunlich, wie genau sie schon mit ihren acht Monaten erkennt, wo es die größten Kuchenstücke gibt. Und Pommes.
Nach dem Essen gehe ich nach draußen, um zu rauchen. Während meine Mutter sich um Sandra kümmert, unterhalten sich die Männer über Politik. Ich muss innerlich schmunzeln, wie wenig das Bild der Realität entspricht. Durch meine Arbeit als CEO und als Kriegerin ist es nicht unwahrscheinlich, dass ich mehr darüber weiß, was in dieser Stadt passiert, als die beiden. Aber sie sind halt alte Männer und brauchen das.
Ich werde allerdings hellhörig, als ich einen mir unbekannten Namen höre. Mein Vater erzählt von einem Präsidentschaftskandidaten, der wie aus dem Nichts aufgetaucht sei. Wieso weiß ich nichts davon? Wie kann jemand für das Amt des Präsidenten kandidieren und ich kenne nicht einmal seinen Namen?
Ich drücke die Zigarette aus und gehe rein.
„Ich habe James gerade von Frost erzählt“, sagt mein Vater.
„Ich habe es gehört. Und wieso weiß ich nichts über den?“
„Vielleicht will er nicht als Ungleichgewicht gelten“, sagt James grinsend.
„Blödmann. Wann hast du das erste Mal von dem gehört, Papa?“
„Das ist gar nicht so lange her. Beim Tennis erzählte mir ein befreundeter Journalist von ihm, da war es ziemlich neu.“
„Hm. Da bin ich ein paar Tage im Irak und schon haben wir einen neuen Kandidaten? Findet ihr das normal?“
„Es ist durchaus seltsam“, gibt James zu. „Was weiß man denn über ihn?“
„Er heißt Deal B. Frost“, antwortet mein Vater.
„Das ist alles?“
„Im Wesentlichen. Morgen soll es eine große Pressekonferenz geben, dann will er sich vorstellen.“
„Hm. Sehr ungewöhnlich.“
„Da gebe ich dir recht“, sagt mein Vater. „Aber es könnte sich auch einfach nur um sehr gutes Marketing handeln.“
„Die Aufmerksamkeit dürfte er sich gesichert haben, ja.“
Ich mache eine Notiz in meinem Handy, dass ich mir diesen Frost mal anschaue. Ich kann es förmlich riechen, da stimmt etwas nicht. Ob es eine Sache für Krieger ist, das muss sich allerdings erst noch zeigen.
Ich friere.

Ich frage mich zum tausendsten Mal, warum ich das alles eigentlich tue, während ich von meinem Sitzplatz auf dem Gehweg neben dem kleinen Café in Downhill den Logan-Tower betrachte. Es ist Spätnachmittag. Feierabend. Die Leute aus dem Tower gehen alle nach Hause oder ins Fitness-Center oder ins Kino, vielleicht auch erst shoppen, oder zum Chinesen essen … Und ich sitze hier und starre das Gebäude an.
Ich führe langsam die Tasse mit dem Cappuccino an den Mund und nippe am Schaum. Mit der Zunge wische ich ihn dann von meiner Oberlippe.
Der Tower wird bewacht. Mich interessiert in erster Linie das zweistöckige Penthouse ganz oben, das von Frost bewohnt wird. Unauffällig komme ich durch das Gebäude da nicht rein, so viel habe ich schon herausgefunden. Selbst von hier unten ist zu erkennen, dass das Penthouse nach innen versetzt gebaut wurde, und das Geländer, das um das Dach herum verläuft, lässt vermuten, dass da eine Terrasse ist.
Vernünftig wäre es, einfach nach einem Termin bei Frost zu fragen.
Aber erstens hasse ich vernünftige Lösungen, und zweitens sagt mir mein Gefühl, dass ich Frost keine Gelegenheit geben sollte, sich auf meinen Besuch vorzubereiten.
Ich zünde mir eine Zigarette an. Es ist frühlingshaft kühl, vor allem hier in der Straßenschlucht. Aber drinnen herrscht Rauchverbot, ganz abgesehen von der fehlenden Aussicht. Und da ich hier draußen eh auch von den Autoabgasen vergiftet werde, stört sich niemand daran, dass ich rauche.
Alle Gebäude um den Tower herum sind niedriger. Aber eins davon hört nur zwei Etagen unterhalb der Terrasse des Penthouses auf. Für mich kein Problem. Allerdings sollte ich warten, bis es dunkel geworden ist. Frost ist noch bis Mitternacht auf der Pressekonferenz. Was nicht heißt, dass sein Penthouse unbewacht ist.

Ich fahre nach Hause und mache Abendessen. Danach hole ich Sandra und Danny ab und komme gleichzeitig mit James an der Haustür an. Fast dunkel. Beim Abendessen erzähle ich James, was ich vorhabe.
Er mustert mich nachdenklich.
„Was denn?“
„Nichts. Eigentlich nichts. Ich hatte die Frage auf der Zunge, warum du das machst, aber mir fiel dann ein, dass deine Intuition immer recht behält. Also sag ich lieber nichts.“
„Ich wüsste eh keine gute Antwort. Ich weiß nur, dass ich ein beschissenes Gefühl habe, wenn ich an diesen Kerl denke. Alles an dem ist seltsam, und ich verstehe nicht, wieso das niemand merkt.“
„Was sollte denn wer tun? Ich meine, du tust doch was. Und vielleicht sind auch andere aktiv, werden das aber wohl kaum öffentlich tun.“
„Deine ehemaligen Kollegen? Ja, gut möglich.“ Ich betrachte lächelnd Sandra, die das Essen von ihrem Teller entfernt hat. Überallhin. Außer in ihren Mund. Eigentlich bin ich doof, ihr überhaupt etwas zu geben, nachdem sie den ganzen Tag bei meinen Eltern verbracht hat. Sie kann einfach keinen Hunger haben, mindestens bis morgen Abend.
„Du siehst müde aus“, stellt James fest.
„Ich bin auch müde. Was gar nicht sein dürfte.“
„Die Müdigkeit hat nichts mit deinem Körper zu tun.“ Der oberschlaue James. Ich schenke auch ihm ein Lächeln.
„Ist mir auch klar, mein Lieber. Vielleicht passiert das irgendwann, wenn man ständig tötet.“
„Oh. Hast du so viel getötet?“
„Zu viel. Zumindest habe ich manchmal das Gefühl. Dabei sind es keine, die es nicht herausgefordert hätten. Na ja, Jammern auf hohem Niveau.“
„Willst du kein Engel mehr sein?“ James grinst.
„Ich? Engel?“ Ich zeige ihm, wie ich ein Engel sein will. Allerdings erst, nachdem wir Sandra gebadet und ins Bett gebracht haben.

Danach geht James an seinen Computer, ich arbeiten. Passend angezogen fahre ich wieder nach Downhill und parke den Wagen in einer dunklen Seitenstraße. In dem Haus neben dem Tower befinden sich Luxusappartements. Ich drücke wahllos mehrere Klingeln und habe Glück, denn der Summer ertönt. Nach kurzem Überlegen nehme ich die Treppe statt des Aufzugs. Keuchend komme ich oben an. 30 Stockwerke merke selbst ich mit meiner Kondition.
Vom Dach aus erkunde ich die Umgebung und die Möglichkeiten, auf die Terrasse des Penthouses zu gelangen. Springen ist eine echte Alternative. Es sind etwa zehn Höhenmeter, für mich kein Problem, für normale Menschen ohne Hilfsmittel unüberwindbar.
Ich ziehe Handschuhe an, denn es ist nicht nötig, dass Ben mich wegen Einbruchs verhaften muss. Kurz denke ich darüber nach, wie wahrscheinlich eine Kameraüberwachung der Terrasse sein dürfte. Sehr wahrscheinlich. Also streife ich die Kapuze über und ziehe sie tief ins Gesicht.
Die Terrasse ist mit glatten Fliesen ausgelegt, das Penthouse völlig dunkel. Niemand da. Oder gut getarnt. Ich gehe einmal ganz herum, finde die hochwertigen Terrassenmöbel aus Teakholz, aber keine Möglichkeit, ohne Gewaltanwendung nach drinnen zu gelangen.
Ich denke nach. Genaugenommen gibt es keinen rationalen Grund für das, was ich hier tue. Ich sollte einfach wieder nach Hause fahren. Politik zu machen ist weder verboten noch strafbar, leider. Jedenfalls aus der Perspektive des Gleichgewichts habe ich keine Veranlassung, mich mit Frost zu befassen. Dennoch, da ist dieses bohrende Gefühl irgendwo tief im Bauch, tief in den Eingeweiden, das mir keine Ruhe lässt.
Etwas stimmt nicht.
Es ist nicht so offensichtlich wie katzenjagende Mäuse, aber ich spüre es trotzdem deutlich. Ich beschließe, meine recht rudimentären magischen Fähigkeiten einzusetzen, um die Tür zerstörungsfrei zu öffnen. Zumindest will ich es versuchen. Wenn es nicht klappt, wäre dies halt das Zeichen dafür, dass ich wieder nach Hause fahren kann.
Dann wird mir klar, wieso es keine Überwachungskameras gibt, wieso kein Alarm losging – und wieso mein Bauch sich so eindrücklich gemeldet hat.
Das Wesen ist plötzlich da. Das ist erschreckend, denn selbst wenn ich beschäftigt und abgelenkt bin, so bekomme ich dennoch mittlerweile ziemlich gut mit, was um mich herum geschieht. Doch dieses in einen dunklen Umhang gehüllte Wesen schafft es, mich zu überraschen. Genau wie der Dämon damals vor Nasnats Haus.
Als das Wesen sich nähert, erkenne ich, dass es nicht derselbe Dämon ist. Er ist kleiner und wirkt dennoch bedrohlicher. Eine beängstigend starke Aura umgibt ihn.
„Womit bezahlt Frost einen Dämon?“, erkundige ich mich, gleichzeitig meine Hände zu Fäusten spannend.
„Die falsche Frage“, erwidert er mit einer derart tiefen Stimme, dass ich Mühe habe, die einzelnen Wörter zu verstehen.
„Was ist denn die richtige?“
„Du darfst sie aus der Antwort erraten.“ Und die kommt sofort. Schraubstockartig schließen sich seine Finger, oder was auch immer er dahat, um meinen Hals und heben mich mühelos in die Höhe. Ich packe seinen Unterarm und stelle erschrocken fest, dass er sich wie aus Stahl anfühlt. Sein harter Griff lässt mein Genick knacken. Ich sollte ziemlich schnell etwas tun, was mich aus dieser äußerst misslichen Lage befreit.
Ich trete fest dorthin, wo Menschen und ähnliche Wesen empfindliche Stellen zu haben pflegen. Dieses hier zuckt sogar zusammen und drückt dann noch fester zu. Ich brauche ganz dringend eine sehr gute Lösung.
Ich ziehe beide Beine hoch und stemme sie gegen seinen Brustkorb. Nicht einmal ein Flusspferd könnte davon unbeeindruckt bleiben, ich bin schließlich eine Kriegerin. Tatsächlich schaffe ich es, seinen Arm länger werden zu lassen.
Doch die Freude währt nicht lange, denn plötzlich fährt er herum und schleudert mich gegen die gepanzerte Glaswand des Penthouses. Die Begegnung ist laut und ziemlich schmerzhaft. Wenn alle Knochen heil geblieben sind, dann habe ich riesiges Glück gehabt.
Der Dämon gönnt mir nicht einmal so viel Zeit, dass ich herausfinden kann, ob ich überhaupt noch lebe, und reißt mich wieder am Hals in die Höhe.
„Verabschiede dich“, sagt er.
„Fick dich!“, presse ich zwischen seinen Klauen hervor. „Ich bin eine Kriegerin, ich komme wieder!“
„Nicht, wenn ich dich endgültig töte“, erwidert das Ding und ich höre so was wie Belustigung aus dem tiefen Brummen heraus.
„Du hältst dich wohl für Gott …“
„Kleines Mädchen, wie ahnungslos du doch eigentlich bist.“
Ich mag keine Beleidigungen. Und als kleines Mädchen bezeichnet zu werden, ist so ziemlich die schlimmste Beleidigung, die man mir antun kann. Wutentbrannt beginne ich ihn zu schlagen und zu treten und zu kratzen, doch genauso könnte ich irgendeine Statue schlagen und treten und kratzen.
Bis ihn ein Tornado von der Seite einfach umweht. Und mich mit. Ich lande hart und schlage mit dem Kopf gegen die Fliesen, was ziemlich schmerzhaft ist. Ich schmecke Blut und finde, dass es einfach keinen Sinn hat.
Ich schließe die Augen.
Genieße die Stille, die nicht lange währt. Schritte nähern sich. Der Dämon kommt also, um sein Werk zu vollenden. Was ihn auch umgeweht haben mag, so mächtig, wie der Dämon ist, wird niemand, den ich kenne, mit ihm fertig.
„Fiona!“
Ich reiße die Augen auf und starre die Frau an, die sich über mich beugt.
„Katharina!“
Sie atmet laut aus und lässt sich neben mich sinken. „Jetzt bin ich ganz schön erleichtert.“
„Katharina?“
„Du hast ganz schön Glück gehabt, dass ich im richtigen Moment ankam.“
Ich sehe sie an. Sie ist es wirklich. Katharina. Die Frau, die ich mehr liebe als alles andere auf der Welt. Sie sitzt neben mir, ganz nah, und eigentlich doch unerreichbar weit weg.
„Wieso … wieso bist du überhaupt hier?“
„Und du?“
Eine gute Frage. Ich setze mich langsam auf, eine ziemlich schmerzhafte Angelegenheit. Vielleicht sind doch einige Knochen gebrochen. Ich habe immer noch den Geschmack von Salz und Eisen im Mund.
„Ich wollte mir Frost ansehen.“
Katharina nickt. „Ich auch.“
„Du auch? Warum?“
Sie schaut mich an, wie ich sonst jemanden anschaue, mit dem ich Mitleid habe aufgrund seiner eingeschränkten geistigen Fähigkeiten. „Weil ich ihn bewundere. Und ich glaube, du hast eine Gehirnerschütterung. Kann das sein?“
Ich betaste meinen malträtierten Kopf und stelle dabei fest, dass in meinem Gesicht jede Menge Blut verteilt ist. „Nein, glaube ich nicht. Es hat zwar ordentlich gekracht, aber ich kann noch geradeaus denken.“
„Geradeaus denken?“ Katharina lacht. „Du hast immer noch eine manchmal herrlich schräge Ausdrucksweise.“
„Die stirbt zuletzt. – Mal ehrlich, warum wolltest du dir Frost anschauen?“
„Ich will es immer noch, Schätzchen. Vermutlich aus demselben Grund wie du. Da taucht ein Präsidentschaftskandidat aus heiterem Himmel auf und tut so, als wäre das völlig normal. Soweit ich mitbekommen habe, stellt er das als Marketinggag dar.“
„Du warst auf der Pressekonferenz?“
„Die läuft noch. Ich habe meine Leute da, die mich informieren.“
„Ach ja, ich vergaß.“ Ich erhebe mich stöhnend.
„Wo willst du hin?“, erkundigt sich Katharina und steht ebenfalls auf.
„Keine Ahnung. Irgendwohin. Sag mal, kanntest du den Typen eigentlich?“
Ihr Gesichtsausdruck verdüstert sich. „Oh ja. Das war Sorned, ein Krumana-Dämon.“
„Was für ein Hasta Mañana?“
„Krumana. Weder Hasta Mañana noch Cro-Magnon, obwohl Letzteres eher passen würde. Krumana war ein mächtiger Zauberer, der vor ungefähr 12.000 Jahren gelebt und gewirkt hat. Er erschuf eine ganze Armee von sehr starken Kampfdämonen, die Krumana-Dämonen. Die meisten von ihnen existieren nicht mehr. Sorned ist einer von ihnen. Und er kann unangenehm werden.“
„Das hast du nett ausgedrückt. Meine Tritte haben ihn weniger beeindruckt als mich Mückenstiche!“
„Wie ich schon sagte, sehr starke Kampfdämonen.“
„Woher kennst du ihn überhaupt?“
Katharinas Mundwinkel zuckt. Ein verräterisches Zeichen.
„Ein Geheimnis?“
Sie winkt ab. „Wir hatten mal … eine Beziehung.“
„Was?“ Ich starre sie entgeistert an. „Du? Mit? Diesem? Ding?“
„Lange her“, sagt sie seufzend. „Außerdem kann er auch nett sein. Manchmal zumindest. Und auch nicht zu allen.“
„Wo ist er eigentlich?“
„Fort. Als er mich erkannt hat, ist er abgehauen. Zum Glück, denn ich weiß nicht, ob ich mit ihm fertiggeworden wäre.“
„Okay. Katharina, es hat sich eine Menge geändert. Ich weiß jetzt viel mehr, was es bedeutet, eine Kriegerin zu sein. Ich bin inzwischen oft gestorben und ich mache Dinge, die ich mir früher nicht einmal in meinen wildesten Träumen hätte vorstellen können. Dieser Dämon hat mich geschockt, denn er holte mich zurück auf den Boden der Tatsachen. Ich habe ernsthaft geglaubt, dass ich mächtig genug bin, zumindest chancengleich mit anderen, magischen Wesen zu sein.“
„Bist du ja auch.“
„Klar. Ich habe das grad bloß geträumt.“
„Sorned ist absolut kein Maßstab. Er wurde geschaffen, um zu vernichten.“
„Und Krieger wurden geschaffen, um das Gleichgewicht zu bewahren. Bisschen schwierig, wenn die Waage so sehr in die andere Richtung kippt.“
„Oh Lady, so kenne ich dich ja gar nicht.“
„Wie schon gesagt, es hat sich eine Menge geändert. Mich interessiert jetzt vor allem, wie wir diesen Wahnsinnigen stoppen können.“
„Ich habe das ja auch schon einmal geschafft. Gut, ich hatte dabei Hilfe von einer Hexe. Aber ich habe es geschafft. Er ist also nicht unbesiegbar.“
„Was hast du mit ihm gemacht?“
„Wir haben ihn eingesperrt. Verbannt. In das Gefängnis des Vergessens.“
„Davon habe ich schon mal gehört“, bemerke ich. „Also schön. Du hast Sorned irgendwann mal sozusagen eingesperrt. Anscheinend hatte das Schloss dieses Gefängnisses aber ein Verfallsdatum.“
Ein angedeutetes Grinsen schleicht sich auf Katharinas Gesicht. „Deine Art, deinen Zynismus in die unmöglichsten Vergleiche zu packen, ist einfach herrlich. So wie es aussieht, hat ihn jemand befreit. Möglicherweise dient er diesem Jemand als Gegenleistung, was bedeutet, dieser Frost ist mehr als eigenartig.“
„Das ist er auf jeden Fall. Hast du eine Idee, wer es gewesen sein könnte?“
Sie schüttelt den Kopf. „Leider nein. Normalerweise würde ich jetzt Nasnat fragen, aber …“
„… aber den habe ich sozusagen aus der Stadt vertrieben“, ergänze ich verkniffen.
„So ungefähr.“
„Also, was jetzt?“
„Jetzt fragen wir halt jemand anderen.“
„Wen?“
„Das ist eine Überraschung. Fahren wir mit einem Auto oder mit beiden?“
„Mit beiden“, antworte ich nach kurzem Zögern. „Ich fahre dir hinterher.“
„In Ordnung. Wo stehst du?“
„Irgendwo da unten. Und du?“
„Ich auch“, erwidert sie mit einem leicht verkniffenen Lächeln. „Dann geh einfach vor, okay?“
Ich nicke. Es wird eh Zeit, hier zu verschwinden. Ich laufe los und springe mühelos nach unten, ohne mir etwas zu brechen. Flüchtig schießt mir der Gedanke durch den Kopf, dass es irgendwie schon auch Spaß macht, egal wie viel Scheiße dabei passiert.
Und ich bin mit Katharina zusammen.

Das Objekt meiner Begierde nutzt eine Parklücke, in die ihr Auto eigentlich gar nicht reinpassen dürfte. Aber Katharina schafft es wider die Natur, ihr Auto in diese Lücke zu manövrieren. Ich suche mir derweil grummelnd eine andere Parkgelegenheit und laufe die 50 Meter zurück zu ihr, nachdem ich im Auto halbwegs mein Gesicht wieder gesellschaftsfähig gemacht habe.
Sie wartet grinsend gegen ihren Ferrari gelehnt.
„Ein sehr unauffälliges Auto in dieser Gegend“, bemerke ich.
„Definitiv. Komm.“
„Wohin?“
Statt einer Antwort nimmt sie mich an der Hand, was meine Knie schlagartig weich werden lässt. Sehr weich. Ich erinnere mich daran, was diese Hand so alles mit mir anstellen kann. Verdammt, wieso bleibt sie dabei so unnahbar? Erinnert sie sich an gar nichts?
Zum Glück werde ich durch die Ereignisse abgelenkt. Katharina führt mich in eine Bar, über deren Eingangstür der Name “Cat´s Meow“ prangt. Entführt sie mich jetzt in eine Lesbenbar??
Meine Enttäuschung hält sich in Grenzen, nachdem mir klar wird, dass es ein ganz normaler Pub ist. Mehr oder weniger normal. Es muss schließlich einen Grund dafür geben, warum Katharina mich ausgerechnet hierher geführt hat. Und irgendwann werde ich ihn auch erfahren. Vielleicht.
Katharina steuert zielgerichtet auf die Theke zu und schwingt sich auf einen der wenigen Hocker. Ich auf einen direkt daneben.
Dann mustere ich die Leute. Rechts von uns zwei Männer, denen ich nicht im Dunkeln begegnen wollen würde, wäre ich eine ganz normale Mutter mit kleinem Kind. Und der Rest der Gäste wirkt auch nicht vertrauenserweckender.
Am normalsten scheint mir noch die Barfrau zu sein.
„Was wollt ihr trinken?“, erkundigt sie sich.
„Hi Elaine“, sagt Katharina grinsend. „Ich liebe dich auch, aber das weißt du ja.“
Hä? Ich mustere die Braunhaarige, die ihre Augen verdreht. Katharina scheint Geheimnisse zu haben, von denen ich nicht sicher weiß, ob ich sie kennen möchte.
„So ganz sicher war ich mir dessen nicht“, erwidert Elaine. Eigentlich ist sie ziemlich hübsch, stelle ich fest. „Tut wenigstens so, als wolltet ihr was trinken.“
„Klar. Ich nehme einen Scotch.“
„Martini. Pur.“ Ich schenke der jungen Frau ein Lächeln. Sie mustert mich kurz, dann geht sie.
Ich beuge mich rüber zu Katharina. „Was wollen wir hier?“
„Das ist meine Schwester“, erklärt Katharina. „Sie kann uns vielleicht helfen.“
Es dauert einen Moment, bis ich schalte. „Deine Schwester? Aber … ich meine …“
„Meine Halbschwester, um genau zu sein. Selber Vater, unterschiedliche Mütter.“
„Oh.“ Das muss ich erst einmal verdauen. „Du hast Geschwister?“
„Auf jeden Fall eine Schwester, ja. Mein Vater war vermutlich nicht sparsam mit seinem Samen.“
Ich suche mit dem Blick Elaine. Sie unterhält sich mit einem Gast, scheint aber etwas zu spüren und schaut in meine Richtung. Sie deutet ein Lächeln an. Mit Katharina hat sie überhaupt keine Ähnlichkeit, dennoch spüre ich dieselbe Macht in ihr.
Ich wende mich wieder ab.
„Und wieso kann sie uns vielleicht helfen?“, erkundige ich mich.
„Na ja, wer weiß immer alles, abgesehen vom Postboten?“
„Friseure.“
„Stimmt, die auch.“ Sie lacht. „Und wer noch?“
„Priester!“
„Gut, sehr gut. Du machst es also spannend, liebe Fiona.“ Musste sie das jetzt sagen? Liebe Fiona? Wie hört sich das denn an? So nennt vielleicht eine Lehrerin die etwas minderbemittelte Schülerin. Verdammt!
„Fiona?“
„Ich … nicht so wichtig. Also schön, eine Frau, die eine Bar führt, noch dazu eine Art Hexe, oder meinetwegen ein Dämon, weiß auch ziemlich viel. Vielleicht sogar alles.“
Katharina mustert mich nachdenklich. Dann erwidert sie: „Genau. Elaine weiß alles. Was sie nicht weiß, weiß niemand.“
„Klingt doch super. Als Kriegerin kann ich dann die Liquidation von Frost beschließen.“
„Du willst ihn liquidieren? Warum?“
„Wie, warum? Sein Penthouse wird von einem Dingsbumskampfdämon bewacht.“
„Krumana-Dämon. Diese Tatsache allein stellt ja wohl kaum eine Störung des Gleichgewichts dar.“
„Aber die Idee dahinter mit hoher Wahrscheinlichkeit.“
„Mehr als eine Vermutung ist das aber nicht. Reicht dir das wirklich für eine solche Entscheidung?“
„Ich weiß es nicht.“ Elaine bringt uns die Getränke. Ich nehme mein Glas und spiele damit herum. Sie bleibt bei uns stehen. „Ihr wollt zu mir?“
„Überrascht dich das?“, erkundigt sich Katharina.
Elaine zuckt die Achseln. „So oft schaust du hier ja nicht vorbei.“
„Alle 10 Jahre, das ist nicht selten!“
Jetzt lacht sie, die Schwester. „Also gut, kommt, setzen wir uns da rüber, da haben wir etwas mehr Ruhe.“
Ich nehme mein Glas und folge den Schwestern in eine halbwegs stille Ecke mit Eckbank. Katharina setzt sich genau in die Ecke und schaut mich provozierend an. Ich beschließe, dass sie sich noch an alles erinnert und setze mich neben sie.
Elaine mustert mich neugierig. „Was läuft da zwischen euch?“
„Nichts. Wir sind befreundet, jagen böse Vampire, Werwölfe und Außerirdische gemeinsam und jetzt einen Dingsbumsdämon.“
„Krumana-Dämon“, sagt Katharina hilfsbereit.
„Meinetwegen. Das ist alles. Oder, Katharina?“
Ich halte den Atem an. Es ist, als hätte plötzlich jemand die Zeit angehalten. Langsam wende ich den Kopf Katharina zu, die meinen Blick düster erwidert. Dann nickt sie langsam. „Ja, das ist alles.“
„Zumindest beim Lügen seid ihr ein Team“, stellt Elaine grinsend fest. „Cheers!“
Ich nippe an meinem Martini. Hoffentlich ist sie einfach nur als Katharinas Schwester so mit deren Mimik vertraut, dass sie die Lüge sofort durchschaut. Ich möchte nicht, dass alle uns das sofort ansehen.
„Du könntest jeden Lügen-Detektor ersetzen, nicht wahr?“, bemerkt Katharina lächelnd. „Doch wir sind wegen einer anderen Fähigkeit von dir hier.“
„Ich habe keine Fähigkeiten“, erwidert Elaine.
„Nicht? Schwesterherz, ich liebe dich auch.“
„Ach, ist das so?“ Elaine beugt sich vor. „Katharina, ich betreibe hier eine Bar, weil ich meine Ruhe haben will.“
„Ach, ist das so? Ich kann mich noch erinnern, was du getan hast, als du wirklich deine Ruhe haben wolltest.“
Elaine kaut auf ihrer Unterlippe herum. „Also schön, vielleicht erfahre ich Manches. Aber ich halte mich aus allem raus. Ich habe viel zu viele sterben sehen.“
„Das geht nicht nur dir so. Fiona ist eine Kriegerin.“
„Ja, das spüre ich.“
„Und sie ist die mächtigste Kriegerin, der ich je begegnet bin.“
Elaine mustert mich nachdenklich. „Ja, das kann sein.“
„Vielleicht werden wir ihre Fähigkeiten brauchen, damit wir nicht noch viel mehr Wesen sterben sehen als jemals zuvor.“
Elaine und ich starren sie an. „Gibt es etwas, was ich wissen sollte?“, erkundige ich mich.
„Nichts Konkretes. Nennt es Intuition. So vieles, was sich verändert hat. Der Krumana-Dämon ist nur eine Sache von vielen. Er dürfte nicht hier sein. Elaine, wenn du etwas weißt, solltest du es uns sagen.“
Elaine lehnt sich zurück. Ihre Hand spielt mit ihrem Glas. Dann schüttelt sie den Kopf. „Nein, mir ist nichts bekannt. Aber ich gebe dir recht, etwas liegt möglicherweise in der Luft. Und das Auftauchen eines Krumana-Dämons ist definitiv ein schlechtes Zeichen. Alles, was in letzter Zeit ungewöhnlich war, ist eine Werwolf-Gruppe, die immer stärker wird.“
„Werwolf-Gruppe?“, wiederhole ich.
Elaine lächelt. „Nazis.“
„Oh. Die sind fast so schlimm wie echte Werwölfe.“
„Schlimmer. Werwölfe handeln intuitiv, fast instinktiv. Nazis sind einfach nur böse.“
„Böse? Ein Dämon sagt, Nazis sind böse? Entschuldige, ich will nicht darauf anspielen, dass du ein Dämon bist, das weiß ich besser. Aber hast du nicht ganz andere Dinge gesehen als Nazis, die man böse nennen könnte? Falls es so was wie Gut und Böse gäbe?“
„Wenig von dem, was ich gesehen habe, kann es mit den Nazis aufnehmen“, erwidert Elaine. „Ich habe die gesamte Nazizeit erlebt, ich ging nach dem Ersten Weltkrieg nach Deutschland, der Liebe wegen. Ich habe erlebt, wie eine Familie an dieser Last kaputtging. Und ich habe gesehen, wie Geschwister sich gegenseitig töteten, indem sie sich verrieten. Natürlich sind nicht die Nazis selbst böse, es sind Menschen wie wir alle. Ihre Gefühle werden dunkel und lassen sie Dinge machen, die böse sind. Sehr böse. Und ja, ich weiß, es gibt keinen Gott und der Teufel ist nur ein armer Irrer, der glaubt, den Statthalter ärgern zu müssen. Aber auch diese Scheißwelt, in der wir verkörperlicht leben, ist ein Teil der Welt, mit allem, was dazu gehört. Und glaub mir, Moral ist keine Erfindung der Gefrorenen Welt. Ganz im Gegenteil.“
„Wow“, sagt Katharina nur.
„Ich weiß von alldem noch nicht wirklich viel“, sage ich langsam. „Und Moral ist mir sogar sehr wichtig …“
„Wie wahr“, stellt Katharina fest.
„… aber glaubst du wirklich, die Nazis haben noch die Macht, die Welt erneut in Dunkelheit zu stürzen?“
„Oh ja“, erwidert Elaine düster. „Doch du hast wohl recht, das ist nichts, was eine Kriegerin richten muss.“
„Kommt darauf an.“ Ich lehne mich gegen die Wand hinter mir und trinke mein Glas leer. „Doch im Moment interessiert mich tatsächlich ein Dingsbumsdämon mehr. Ja, ich weiß, Krumana-Dämon.“
Katharina applaudiert.
„Das verstehe ich.“ Elaine nickt. „Aber da kann ich euch nicht helfen.“
„Schade. Sagst du uns Bescheid, wenn du was hörst?“
„Klar.“
„Gut. Ich könnte Ben wegen der Werwölfe ansprechen. Er ist Lieutenant bei der Polizei. Ich vertraue ihm.“
„Eine gute Idee. Wenn du willst, kannst du ihn zu mir schicken. Allein. Ich habe mich daran gewöhnt, nicht auf der Flucht zu sein.“
„Sicher. Er weiß übrigens, was ich bin. Wir … wir hatten einige gemeinsame Erlebnisse.“
„Ach?“ Katharina schaut mich fragend an.
„Erzähle ich dir bei Gelegenheit. Was schulde ich dir für die Drinks, Elaine?“
„Nichts. Geht aufs Haus.“
„Danke. Bleibst du noch, Katharina?“
Sie nickt. „Das heißt, nur wenn Elaine nicht zu beschäftigt ist. Willst du den Dämon suchen?“
„Ja, aber nicht heute. Oder meinst du, es ist so dringend?“
Katharina schüttelt den Kopf. „Heute würden wir ihn eh nicht mehr finden. Und du brauchst vermutlich etwas Pflege.“
„Vor allem seelische“, erwidere ich finster.
„Gut. Treffen wir uns morgen, um Mitternacht? Wir könnten ein paar Orte abklappern, wo sich ein Dämon aufhalten könnte.“
„Okay. Holst du mich ab?“
Sie lächelt ansatzweise. „Sicher. Bis morgen, Fiona.“
Ich winke ihnen zu. Im Auto verliere ich die Beherrschung und heule mich aus. Es kostet mich mehr als ein Papiertuch, bis ich wieder halbwegs wie ein Mensch aussehe.
Diese verfluchten Gefühle. Wie ich sie hasse!

James’ Augen sind offen. Ich schenke ihm ein Lächeln. Das Pochen in meiner Muschi lässt nach. Ich lasse mich auf seine Brust sinken und vergrabe das Gesicht in seiner Halsbeuge.
„Das macht doch sicher mehr Spaß, als nächtelang einen Dämon zu suchen“, bemerkt James träge.
„Du Idiot!“, erwidere ich lachend. „Natürlich macht es mehr Spaß! Und es gibt ein Erfolgserlebnis!“
Seine Hand fährt durch meine Haare. „Warum ist euch dieser Dämon so wichtig?“
„Schon allein die Tatsache, dass er in unserer Welt rumstreift, macht ihn verdächtig. Er wurde vor 10.000 Jahren von einem Zauberer erschaffen, um zu zerstören.“
„Und wenn ihr ihn findet? Er scheint ziemlich stark zu sein.“
„Katharina hat ihn schon einmal stillgelegt.“
„Stillgelegt.“ Ich höre James schmunzeln. „Hast du nicht erzählt, sie hatte Hilfe von einer Hexe?“
„Und was bin ich?“
„Ach so. Das wusste ich nicht. Erklärt aber so Manches.“
„Mein Lieber, herzlichen Glückwunsch. Du hast dich soeben von einem Idioten zu einem Arschloch befördert.“
„Wusstest du denn gar nicht, dass ich so karrieregeil bin?“
„Ich habe es befürchtet …“
Sein leises Lachen weht durch meine Haare. „Ich glaube, es ist mir fast lieber, wenn du im Irak religiöse Fanatiker killst.“
„Hast du auch dieses Gefühl, dass irgendwas passieren wird?“
James erstarrt. Nur kurz. Ich richte mich auf und sehe ihn fragend an.
„Du auch?“, erkundigt er sich.
Ich nicke. „Und nicht nur ich.“
In dieser Nacht schlafe ich unruhig, ohne mich an meine Träume zu erinnern. Am nächsten Morgen nimmt James Sandra mit, er hat nur zwei Besichtigungstermine. Nachdem sie aus dem Haus sind, ziehe ich mich an, bringe Danny zu meinen Eltern und fahre ins Büro.
Alle wirken nervös. Oder bin nur ich es und meine Wahrnehmung verzerrt? Ich weiß es nicht, aber ich spüre deutlich meine Unruhe und meine Schwierigkeit, mich zu konzentrieren. Als ich zwischendurch Kaffee hole, sagt Monica, wie furchtbar es sei.
„Was denn?“, erkundige ich mich.
„Das mit den beiden Polizisten. Sie wurden tot aufgefunden. Erschossen, im eigenen Wagen.“
„Oh, das wusste ich gar nicht. Haben sie die Täter schon?“
„Nein, und offiziell auch keine Spur. Wirst du nicht bei Ben nachfragen? Was ist das für eine Welt, in der schon Polizisten einfach abgeknallt werden?“
„Eine böse“, erwidere ich und gehe in mein Büro. Meine Unruhe hat neue Nahrung erhalten. Vor zwei Tagen hatte ich Ben von den Werwölfen erzählt und er versprach, dem nachzugehen. Ich kann und will mir nicht vorstellen, dass es einen Zusammenhang zwischen der Nazigruppe und den toten Polizisten gibt.
Ich erschaudere unwillkürlich.
Ich lenke mich mit Arbeit ab. Zwischendurch schweifen meine Gedanken zu den letzten Nächten ab, in denen ich gemeinsam mit Katharina auf der Suche nach dem Krumana-Dämon durch die Stadt gestreift bin. Natürlich ohne Erfolg.
Außer, dass ich jedes Mal danach das Höschen wechseln musste.
Verdammte Scheiße.
Die Erinnerung an den Duft von Katharina wird wieder lebendig. Ihre Nähe machte mich beinahe wahnsinnig. Noch mehr als die Tatsache, dass sie mit keiner einzigen Silbe darüber sprach. Nicht der Hauch einer Andeutung. Sie kann es doch nicht vergessen haben!
Missmutig blicke ich auf den Monitor meines Laptops, als ein leiser Ton die Ankunft einer neuen Mail ankündigt.
Dann erstarre ich.
Lange dauert meine Erstarrung nicht. Hektisch hole ich mein Handy hervor und wähle die Nummer von James.
„Hi Schatz“, meldet er sich.
„Wo seid ihr? Ist Sandra bei dir?“
„Ja, ich habe sie auf dem Arm. Willst du sie sprechen?“
„Wo seid ihr?“
„Auf einer Besichtigung. Wieso?“
„Ich werde gleich Ben bitten, euch von der Polizei abholen und nach Hause fahren zu lassen. Dazu brauche ich die Adresse.“
Ich notiere mir Straße und Hausnummer. Eine halbe Stunde von zu Hause, bei normaler Fahrweise. Und ganz weit weg vom Büro. Ich kaue auf meiner Unterlippe herum.
„Fiona! Was ist los?“
Ich schrecke zusammen. „Sorry … Ich habe grad eine Mail bekommen. Der Tod der Polizisten sei erst der Anfang, und ich solle gut auf meine Tochter aufpassen.“
„Tod der Polizisten?“
„Vor ein paar Stunden wurden zwei Polizisten tot in ihrem Wagen gefunden, erschossen.“
„Und was hat das mit uns zu tun?“
„Ich habe keine Ahnung!“ Ich atme tief durch. „Erinnerst du dich, was für ein Scheißgefühl wir beide hatten?“
„Ja“, erwidert er. Und nach einer kurzen Pause: „Wir warten hier.“
„Okay. Bis gleich.“ Ich beende die Verbindung und wähle Ben.
„Hi Fiona“, meldet er sich.
„Schick bitte ein oder zwei Wagen in die Newsway 23, bitte. Dort warten Sandra und James. Lass sie nach Hause begleiten.“
Ben zögert nur kurz, dann höre ich ihn im Hintergrund Anweisungen geben. Das ist das Gute an der Zusammenarbeit mit ihm. Er versteht schnell und weiß genau, was Priorität hat.
„Und jetzt die Langversion“, sagt er.
Ich erzähle ihm von der Mail.
„Mist. Du hältst sie offenbar für echt.“
„Ja. Eine Intuition. Du weißt, was das heißt?“
„Oh ja“, erwidert er düster. „Blut. Schmerz. Tote. Verletzte.“
Ich lache kurz auf. „Ach, Ben, du bist so herrlich pragmatisch.“
„Ich bin Polizist.“
„Eben. Ach, egal.“
„Fiona, es ist schon lange her, dass ernsthaft was passiert ist. Wird ja mal wieder Zeit.“
„Eigentlich nicht. Aber es kommt was auf uns zu. Ich habe ein ganz mieses Gefühl. Und es hat irgendwie was mit diesem Frost zu tun.“
„Wie kommst du denn darauf?“
Ich schildere ihm meine Erlebnisse auf der Terrasse vom Penthouse. Als ich Katharinas Namen erwähne, hält er den Atem an. Im Gegensatz zu ihr erinnert er sich offensichtlich.
Noch mehr Scheiße.
„Was … was ist danach passiert?“, erkundigt er sich.
„Ich kenne jetzt Katharinas Schwester.“
„Schwester?“
„Selber Vater, andere Mutter.“
„Oh. Und sonst?“
„Nichts sonst. Wir haben den Dämon nicht gefunden.“
„Fiona, du kannst einen echt nerven. Was ist noch passiert? Du weißt genau, was ich meine!“
„Ja, weiß ich. Aber es war nichts. Katharina tut so, als wäre nichts passiert.“
„Und du hast es nicht angesprochen?“
„Nein!“ Ich atme tief durch. „Sorry, Ben. Meine Nerven sind grad nicht die besten.“
„Klar, verstehe ich. Hör zu, wenn da übernatürliche Wesen im Spiel sind, weiß ich nicht, wie gut wir Sandra und James beschützen können.“
„Ist mir klar. Ich werde gleich Katharina anrufen und mit ihr zusammen diese Werwölfe anschauen.“
„Hm.“
„Meinst du nicht? Ist zumindest verdächtig, oder? Erst gebe ich dir den Tipp, dann werden zwei deiner Leute getötet und ich bekomme so eine Mail. Glaubst du an Zufälle?“
„Nein, das klingt nicht wie Zufall. Gut, sagst du Bescheid, wenn ihr was rausfindet?“
„Auf jeden Fall. Bis später, Ben.“
„Bis später.“
Ich denke kurz nach, dann schnappe ich mir Handy und Jacke und gehe aus dem Büro. Monica schaut mich fragend an.
„Ich muss weg.“
„Und die Termine?“
„Absagen. Am besten alle diese Woche.“
Sie zieht ihre rechte Augenbraue hoch. „Soll ich das Notfallteam aktivieren?“
Ich zögere, aber schließlich nicke ich. „Ja, besser ist es. Über Handy bin ich erreichbar. Aber eigentlich sollte das Team in der Lage sein, eigene Entscheidungen zu treffen.“
„Es gibt Dinge, die nur du entscheiden kannst.“
„Ja, ich weiß, deswegen bin ich erreichbar.“
„Fiona, ich hoffe, deiner Tochter passiert nichts.“
„Das hoffe ich auch.“ Ich umarme sie kurz, dann gehe ich in die Tiefgarage. Aufzug würde zu lange dauern, außerdem brauche ich Bewegung. Ich springe von Treppenabsatz zu Treppenabsatz, außer, als mir in der Mitte zwei Mädels aus der Buchhaltung entgegenkommen. Sie würden sich vermutlich sehr über meine sportlichen Fähigkeiten wundern. Ich lächele sie an, und kaum haben sie das Treppenhaus verlassen, gebe ich wieder Gas.
Im Auto wähle ich die Nummer von Katharina, während ich auf die Straße fahre und dabei für Beinahherzinfarkte sorge.
„Hi Fiona“, meldet sie sich.
„Wir haben jemanden verärgert.“
„Hä?“
Ich gebe ihr ein paar Stichworte. Sie hört schweigend zu. Als ich fertig bin, atmet sie hörbar durch.
„Wir sollten uns diese Werwolfgruppe doch mal ansehen“, sagt sie schließlich.
„Yap! Ich bin schon unterwegs. Wo soll ich dich abholen?“
„Im Büro. Weißt du, wo?“
Was für eine Frage. Natürlich weiß ich es. Stand schließlich oft genug vor dem Wolkenkratzer, in dem auch ihre Konzernverwaltung untergebracht ist.
„Central Place 3?“
„Genau. Ich warte unten.“
„Weißt du eigentlich, wo wir hinmüssen?“
„Ich frage Elaine.“
„Bis gleich.“
Ich brauche keine 10 Minuten bis zum Central Place, dennoch steht Katharina schon unten. Sie ist genauso wenig passend angezogen wie ich, aber meine Ungeduld verbietet es, dass wir uns umziehen. Zumindest tragen wir beide keine High Heels. Obwohl, hohe Absätze könnten gut als Waffen benutzt werden. Hat Katharina schließlich schon mal vorgeführt.
Sie lächelt mich an. „Wald.“
Ich mache vermutlich kein besonders intelligentes Gesicht, denn sie lacht kurz auf. „Die Werwölfe sind im Wald.“
„Ja, klar. Geht es etwas genauer?“
„Irgendwo in Small Hills. Elaine hat mir den Weg beschrieben. Sie haben logischerweise keine offizielle Adresse.“
„Logischerweise.“ Wie witzig. Ich fahre also erst einmal nach Osten. Eine halbe Stunde später verlassen wir New Village und kurven eine enge Serpentinenstrecke hinauf. Als eine Gabelung kommt, fahren wir rechts, was dem Fahrwerk nicht so guttut. Und unseren Hintern auch nicht. Katharina verzieht das Gesicht. „Du solltest dir einen Geländewagen anschaffen“, stellt sie fest.
„Hey, ich habe noch nie einen gebraucht bisher. Ich heiße nicht Katharina, um zu jeder Gelegenheit den passenden Wagen in der Garage zu haben.“
Sie grinst mich an. „Kann es sein, dass du sauer bist?“
„Ich? Nö.“
Für einen kurzen Moment habe ich Hoffnung, doch dann ist auch dieser Moment einfach vorbei. Vielleicht ist das auch ganz gut so, denn der enge Waldweg, auf dem wir uns mittlerweile befinden, erfordert meine ganze Aufmerksamkeit. Nicht zuletzt deshalb, weil wir uns wohl dem Lager der Werwölfe nähern und uns nicht zu früh bemerkbar machen sollten.
Zu früh?
Katharina kann Gedanken lesen. „Wir sollten zu Fuß weitergehen.“
Ich nicke und fahre den Wagen in die Büsche. Katharina trägt ein schwarzes Hosenkostüm und Stiefel, ich Jeans, Stiefeletten und ein Hemd, lässig über die Hose fallend. Nur bedingt die richtige Kleidung für eine Wanderung.
„Woher weiß eigentlich Elaine so genau, wo dieses Lager ist?“, erkundige ich mich, während wir durch das Wechselspiel zwischen Schatten und Sonnenlicht, das zwischen den Baumkronen auf den moosbedeckten Waldboden fällt, eilen.
Katharina zuckt die Achseln. „Keine Ahnung. Vielleicht hat sie mal mit einem der Typen gevögelt.“ Und auf meinen erstaunten Blick hin fügt sie hinzu: „Sie ist keine Asketin.“
„Und warum sollte sie mit einem der Typen vögeln?“
„Weil er vielleicht in die Bar gekommen ist, ein paar Bier getrunken und sie angebaggert hat, ohne dass sie wusste, wer er ist?“
Ja, das könnte so gewesen sein. Ich spare mir eine Antwort.
Zumal wir das Lager erreichen. Was man so Lager nennt. Auf einer Lichtung parken zwei Geländewagen, unter den Bäumen stehen Zelte in Tarnfarben. Zwischen ihnen brennt ein Lagerfeuer, darüber hängt ein Kessel. Mich würde es nicht einmal wundern, wenn darin ein Mensch kochen würde – oder zumindest Teile von ihm.
Fiona?
Wir robben im Schutz des Gestrüpps heran. Das war’s für unsere Geschäftskleidung. In einem der Zelte ist Bewegung zu erahnen. Viel scheint nicht los zu sein. Vielleicht Mittagspause?
„Hast du dich eigentlich mal gefragt, wieso du in der Firma angemailt wurdest?“, erkundigt sich Katharina.
„Klar. Was glaubst du, warum ich so hektisch reagiert habe? Wer auch immer dahinter steckt, weiß eine Menge.“
„Allerdings. Ben vertraust du?“
„Ja!“ Ich starre sie empört an. Sie grinst. „Schon gut, ich wollte ihm nicht nahetreten. Aber jemand muss gute Kontakte zur Polizei haben.“
„Frost.“
„Kann sein. Mich interessiert eher, wer hinter Frost steckt.“
„Lass es uns herausfinden!“ Ich springe auf und marschiere auf das Lager zu.
„Fiona!“, ruft Katharina unterdrückt. Da ich nicht reagiere, rennt sie hinter mir her. Sie sieht wütend aus. „Bist du durchgeknallt?“
„Immer.“
Die Wut macht auf ihrem Gesicht einem Grinsen Platz. „Echt, du bist völlig bescheuert.“
„Gibs zu, das liebst du an mir.“
„Das stimmt.“
Wir erreichen das Lagerfeuer und bleiben stehen. Aus einem der Zelte treten zwei junge Männer und mustern uns neugierig.
„Hi“, sage ich fröhlich. „Seid ihr Pfadfinder?“
Das bringt sie zum Lachen. Kann ich gut, Leute zum Lachen bringen. Zumindest für kurze Zeit. Meistens weinen sie am Ende.
„Okay, war nur ein Scherz. Frost schickt uns.“
Schlagartig werden sie ernst. „Wer?“
„Frost. Wisst ihr doch.“
„Schon mal was von subtilen Fragen gehört?“ Katharina beugt sich zu mir herüber und flüstert es in mein Ohr.
„Keine Ahnung, wer das ist“, sagt einer der jungen Männer. Er trägt einen tarnfarbenen Kampfanzug. „Was genau wollt ihr überhaupt?“
„Kannst du dir das nicht denken?“, erwidere ich keck und gehe forsch auf ihn zu. Er zieht plötzlich eine Pistole und richtet sie auf mich. Sein Kumpel macht dasselbe mit Katharina. Dabei rufen sie nach den anderen. Wir stehen auf einmal sechs jungen Männern gegenüber, die alle einen tarnfarbenen Kampfanzug tragen. Sie sind uniformiert.
„Ich liebe deine subtile Art“, bemerkt Katharina.
„Meine was?“ Und an den ersten jungen Mann gewandt: „Ist das alles? Nur sechs Leute? Da fühle ich mich direkt unterfordert!“
Er grinst. „Wir sind nur die Wache. Also, wer seid ihr und was genau wollt ihr?“
„Mein Name ist Fiona Flame.“ Ich registriere, wie sie sich plötzlich alle anspannen. „Wir wollten mit eurem Chef sprechen.“
„Der ist nicht da“, erwidert mein Gesprächspartner, sichtlich nervös. „Und er wird nicht mit euch sprechen wollen. Ihr solltet jetzt besser gehen.“
„Warum denn? Ich bin schrecklich neugierig. Was treibt ihr hier eigentlich so?“
Er hebt die Pistole höher, bis die Mündung auf meinen Kopf zeigt. „Ich weiß, wer und was du bist. Wenn ich dir das Gehirn wegpuste, bist du zumindest lange genug außer Gefecht gesetzt, dass wir dich unschädlich machen können.“
„Ihr könnt mich nicht unschädlich machen.“
„Oh doch.“ Er zieht einen Dolch. „Damit können wir dich ein für alle Mal aus diesem Universum entfernen.“
„Visz“, sagt Katharina. „Wie kommt ihr denn daran?“
„Das wüsstest du wohl gerne. Du siehst nervös aus. Wie heißt du eigentlich, Blondie?“
Katharinas Gesichtsausdruck verändert sich nicht. Jedenfalls kaum. Wahrscheinlich merkt es niemand außer mir. „Nomén.“
Spannend, dass sie diesen Namen nutzt. Doch die Reaktion der sechs Männer beweist, dass sie damit richtigliegt. Ich erkenne die Bewegung des Zeigefingers am Abzug der Pistole, die auf meinen Kopf gerichtet ist und werfe mich zur Seite. Die Kugel verfehlt mich, genau wie die nachfolgenden. Dann bin ich schon bei dem jungen Mann angekommen und trete ihm die Waffe aus der Hand. Die andere Hand mit dem Dolch stößt in meine Richtung. Ich wehre sie mit dem Unterarm ab, gleichzeitig eine Halbdrehung vollführend. Mein Ellbogen trifft auf die Nase und zertrümmert sie.
Ich verschaffe mir hastig einen Überblick. Katharina ist auch nicht untätig geblieben und bricht gerade einen Arm. Die vier anderen Männer teilen sich auf. Einer von ihnen ist mir schon ganz nahe. Viel zu nahe.
Ich schaffe es nicht ganz, seinem Schlag auszuweichen und verliere den Halt. Zum Glück setzt mich der Schlag, dessen Wucht mich überrascht, nicht außer Gefecht, und ich rolle mich auf dem moosbedeckten Boden ab. Dadurch entgehe ich seinen Fußtritten und kann schließlich meinen eigenen Fuß zwischen seinen Beinen platzieren. Das lässt ihn zusammenknicken.
Bleibt noch der dritte Kerl. Dieser scheint zu der Einsicht gelangt zu sein, dass sie uns unterschätzt haben und wählt die Flucht. Als ich aufspringe, dreht er sich um und feuert in meine Richtung. Ob er eine eigene Waffe hat oder die von dem ersten Kerl aufgesammelt hat, weiß ich nicht und ist mir auch egal, während ich der Kugel aus dem Weg hechte. Im Flug sehe ich, dass Katharina weniger Glück hat und getroffen zusammenbricht. Ich rolle mich ab und nutze den Schwung, wieder auf die Füße zu kommen, und laufe auf den Schützen zu, der Katharina getroffen hat. Er sieht mich kommen, dreht sich um und folgt seinem fliehenden Kumpel in den Wald hinein.
Ich überlege nicht lange und renne zu Katharina, die stöhnend auf dem Boden liegt. Die Kugel hat sie in der Leiste getroffen. Sie wird sich bald erholt haben, aber es dürfte höllisch wehtun.
„Hat dir niemand gesagt, dass man Kugeln ausweichen kann?“, erkundige ich mich. Dann reiße ich ihre Bluse auf. Beim Anblick ihres nackten Bauchs muss ich schlucken, denn ich sehe plötzlich ihren ganzen Körper nackt vor mir. Was noch schlimmer ist, ich spüre ihn auch. Ihre Antwort holt mich ins Jetzt zurück.
„Du bist ein dämliches Arschloch.“
„Da hast du recht“, erwidere ich. „Ich sollte die Kugel rausholen.“
„Tue das!“
Ich sehe sie an. Es muss wirklich wehtun, ihr Gesicht ist tränenüberströmt. Ich werfe einen Blick auf die anderen Möchtegernnazis, aber die sind vorläufig inaktiv. Lange werden sie nicht in diesem Zustand bleiben, ich sollte mich daher beeilen. Und eins steht fest: Diese Kerle sind genauso wenig gewöhnliche Menschen wie wir.
„Tut mir leid“, murmele ich, bevor ich mit den Zeigefingern die Wunde aufspreize. Katharina stöhnt auf. „Mach weiter!“, befiehlt sie, als ich zögere. Ich nicke und schiebe einen Zeigefinger in das Loch. Dank meines Engelsjobs bin ich nicht besonders empfindlich, aber dennoch würde ich meinen Finger viel lieber an einer ganz anderen Stelle bei Katharina reinschieben. Ich atme tief durch.
Endlich finde ich die Scheißkugel. Vorsichtig ziehe ich sie mit einem Finger nach oben. Dass dies die Schmerzen nicht lindert, höre ich deutlich. Ich spare mir eine weitere Entschuldigung, stattdessen beeile ich mich lieber. Schließlich kann ich die Kugel mit Daumen und Zeigefinger rausholen und halte sie hoch.
„Schön“, sagt Katharina gepresst. „Dann können wir ja jetzt weitermachen!“
Ich nicke und helfe ihr, sich aufzusetzen. Unsere Gesichter berühren sich dabei. Verflucht. Zum ersten Mal in meinem Leben werde ich nass zwischen den Beinen, während ich mich mitten in einer Kampfhandlung befinde. Das kann so nicht weitergehen.
„Wir müssen herausfinden, was die in Wirklichkeit sind“, sagt Katharina. „Jedenfalls keine Menschen, zumindest keine gewöhnlichen.“
„Das ist wohl wahr.“
Als ich aufstehe, um einen der vorhin noch inaktiven Kerle zu fragen, stelle ich fest, dass sie verschwunden sind. Die Geländewagen stehen noch da, nur unsere Freunde sind weg. Wir waren so vertieft in die Operation, dass sie sich unbemerkt davonstehlen konnten. So wie es aussieht, in den Wald.
„Ups“, sage ich.
„Na dann. Weit können sie ja nicht sein.“
„Ich glaube eher, die wollen mit uns spielen.“
„Das glaube ich auch. Spielen wir mit?“
Ich betrachte sie fragend. „Was macht die Wunde?“
„So gut wie verheilt. Du hast Talent als Ärztin.“
„Die armen Patienten! Also gut, teilen wir uns eben auf.“
Ich halte mich links. Mindestens zwei von denen haben eine Schusswaffe, wahrscheinlich aber alle. Außerdem haben sie übermenschliche Kräfte. Alleine hätten sie weder gegen Katharina noch gegen mich eine Chance, aber gemeinsam sind sie stark.
Ich konzentriere mich auf meine Sinne. Sehen, hören – und spüren. Meine Fähigkeit, die Grenzen der Gefrorenen Welt durchzudringen, kommt mir immer mehr zugute. Auch wenn es noch sehr rudimentär und weit von dem entfernt ist, was ein Zauberer kann, hilft es mir jetzt sehr. Ich erkenne Lebewesen in meiner Nähe an ihrem Energieflimmern. Wie bunte Wolken sehe ich sie, so ähnlich, wie durch Infrarotbrillen.
Sie haben sich verteilt und verharren hinter Bäumen. Hoffentlich verfügen sie nicht ebenfalls über erweiterte Wahrnehmung, denn sonst ist es nichts mit Überraschung. Aber ich glaube, nicht einmal Katharina kann Energiespuren so deutlich sehen wie ich.
Geduckt, immer in Deckung vom Gestrüpp, laufe ich in einem weiten Kreis um die uns auflauernden Jungs herum. Mit etwas Glück gelingt es mir, sie von hinten der Reihe nach unschädlich zu machen. Oder wenigstens einige.
Zumindest sieht es ganz danach aus, dass sie nichts von ihrem bevorstehenden Unheil ahnen und demnach ihre Fähigkeiten doch sehr eingeschränkt sind. Ich nehme mir denjenigen zuerst vor, der am weitesten außen lauert. Dabei kommt mir mein eigener Atem unglaublich laut vor. Aber anscheinend sind diese Werwölfchen auch noch schwerhörig. Ich kann den ersten schon mit bloßem Auge sehen, nur ein umgestürzter Baumstamm trennt mich von ihm. Er steht an einen Baum gepresst, in der rechten Hand eine Pistole haltend, mit der Mündung nach oben. Er starrt angespannt in die Richtung, in der er mich eher vermutet als hinter sich.
Wie in einem schlechten Film trete ich auf einen Zweig, der zwar nicht knackt, aber dennoch ein Geräusch macht. Ich verharre sofort regungslos. Leider ist meine Beute nicht schwerhörig genug. Dass in dem Moment, als er sich nach mir umdreht, irgendwo ein Schuss erklingt, rettet mich allerdings. Für einen Sekundenbruchteil oder so ist er abgelenkt, und das reicht mir auch schon. Ich bin bei ihm, bevor er seine Pistole auf mich richten könnte und danach kann er es nicht mehr. Ich werfe mich mit aller Kraft gegen ihn und erst der Baumstamm stoppt uns. Der Kerl stöhnt unterdrückt auf. Wahrscheinlich raubt ihm mein Ellbogen im Magen den Atem. Ich gehe kein Risiko ein, mit einem Schlag von unten gegen sein Kinn breche ich ihm das Genick.
Jetzt habe ich auch eine Pistole. Das ist doch schon mal was. Ich sehe mich nach den anderen um. Sie rennen wie aufgescheuchte Hühner durch den Wald. Geduckt, mit der Pistole im Anschlag, begebe ich mich in Deckung. Zwei von den verbleibenden fünf Jungs sind in der Nähe. Ich entscheide mich für den, den ich besser im Blickfeld habe, und lege auf ihn an. Der Schuss sitzt, was für die Pistole spricht.
Dann höre ich etwas von der Seite und fahre herum. Das rettet mich, aber dennoch werde ich getroffen. Wie ein Hammerschlag erwischt es mich an der rechten Schulter. Meine Waffe fliegt im hohen Bogen davon und ich lande auf dem Boden.
Das darf Katharina nicht erfahren. Es ist doch so einfach, einer Kugel auszuweichen.
Während aus der Entfernung Schmerzensschreie zu hören sind, die ich nicht Katharina zuordne, bleibt der Werwolf, der mich erwischt hat, neben mir stehen und richtet seine Pistole auf meinen Kopf.
Stöhnend richte ich mich auf einen Ellbogen gestützt auf.
„Keine Hektik“, sagt der Kerl grinsend. „Das ging ja ziemlich leicht. Vielleicht bist du doch nicht so gut, wie man sich erzählt.“
„Was erzählt man sich denn so?“, erkundige ich mich und zwinge mich, nicht in die Mündung zu starren.
„Dass du sehr, sehr gefährlich bist. Aber das sehe ich anders.“
„Ach ja?“ Ich schlage mit der linken Hand seine Pistolenhand weg und die Waffe fliegt davon. Durch den Schmerz bin ich zu langsam, der Kerl schafft es, hinter seiner Pistole herzuhechten. Immerhin gelingt es mir aber, mich auf ihn zu werfen, bevor er seine Waffe krallen kann. Ich packe sein Handgelenk mit der einen Hand, mit der anderen seinen Kopf. Er ist deutlich größer und muskulöser als ich, aber ich verfüge über Engelskräfte. Er ist dennoch fast so stark wie ich.
Der Geruch seines Blutes steigt in meine Nase. Er scheint nicht verletzt zu sein, dennoch kann ich sein Blut deutlich riechen. Dann wird mir klar, dass ich im Eifer des Gefechts mein Gesicht an seinen Hals gedrückt habe. Ich zögere nur kurz, dann schlage ich die Zähne in sein Fleisch, reiße die Schlagader auf und sauge gierig sein Blut. Obwohl ich genauso überrascht bin wie er, lasse ich trotz seiner heftigen Gegenwehr nicht locker.
Sein warmes Blut strömt in meinen Mund, ich habe Mühe, schnell genug zu schlucken. Bald lassen seine Bemühungen, mich loszuwerden, nach und sein Körper beginnt zu erschlaffen. Ich höre mit dem Trinken erst auf, als er sich gar nicht mehr bewegt.
Ich hebe keuchend den Kopf und sehe Katharina, die nicht weit entfernt steht und uns schweigend beobachtet.
„Bist du schon lange da?“, erkundige ich mich.
Sie schüttelt den Kopf. „Was ist passiert? Ich hatte bisher nicht das Gefühl, dass du dich in einen Vampir verwandelt hast.“
„War mir auch nicht bewusst“, erwidere ich. Das warme Blut ist auf meinem Gesicht verteilt und tropft auf den Kopf des toten Nazis hinunter. „Ich … Was ist mit den anderen?“
„So wie es aussieht, sind alle tot“, antwortet Katharina ungerührt.
Ich atme tief durch, dann setze ich mich auf. „Ich hatte plötzlich den Geruch seines Blutes in der Nase, da habe ich einfach zugebissen.“
„Ja, du hast eine gewisse Blutaffinität. Du hast damals auch mein Blut getrunken, erinnerst du dich?“ Und sie erinnert sich doch! Ich nicke und erwidere: „Aber nur ein paar Tropfen.“
Katharina lächelt. „Sonst hätte ich auch protestiert. Wie auch immer, wir wissen nicht mehr als vorher, und da sie tot sind, können wir sie ja auch schlecht fragen.“
„Apropos tot … was ist das für eine Geschichte mit dem Visz-Dolch?“ Ich erhebe mich langsam.
„Der Dolch … den sollten wir uns holen. Komm.“ Ich folge ihr, als sie losmarschiert. Dabei erzählt sie: „Normalerweise bedeutet der Tod die Vernichtung der materiellen Existenz und Freisetzung der Seele. Die Seele verbleibt im Universum, also in der Verborgenen Welt. Na ja, es gibt ja eigentlich keinen echten Unterschied zwischen der Verborgenen Welt und der Gefrorenen Welt, wie du inzwischen ja weißt. Normalerweise. Also, ich habe keine Ahnung, wo Visz eigentlich herkommt, aber man sagt, es sei göttlicher Stoff und nicht aus dem Universum. Frag mich nicht, was das bedeutet. Aber wenn man einen Visz-Dolch dreimal schnell hintereinander im Herzen eines Wesens – oder was dem Herzen entspricht – umdreht, dann wird die Seele dieses Wesens aus dem Universum unwiderruflich gelöscht.“
„Oh. Shutdown für immer? Böse.“
„Ja. Zum Glück ist es nicht ganz einfach, an einen Visz-Dolch ranzukommen. Und dreimal drehen in etwa einer Sekunde schafft auch nicht jeder.“
„Hm. War es das, was der Krumana-Dämon meinte?“
„Möglicherweise.“ Wir finden den Werwolf, der vorhin den Dolch bei sich hatte. Er hat ihn immer noch. Katharina betrachtet ihn nachdenklich. „Dieses Ding ist in der uns bekannten Welt unzerstörbar. Hier, nimm ihn.“
„Ich?“
„Ja. Ich habe zu Hause schon einen.“
Ich nehme den Dolch. Es ist ja nicht zum ersten Mal, dass ich einen in der Hand halte. Ich erinnere mich sogar noch an den Geschmack der Klinge. Ein komisches Gefühl, etwas zu berühren, was nicht aus dieser Welt stammt. Göttliches Material? Was zum Teufel ist damit gemeint?
Ich stecke den Dolch in den Hosenbund.
„Spieß dich nicht auf“, bemerkt Katharina grinsend.
„Nicht mit einem Dolch“, erwidere ich. „Komm, wir schauen uns mal um. Wir wissen immer noch nicht, wer die sind und was das mit der Mail zu tun hat.“
Katharina nickt. Wir durchsuchen die Zelte und die Autos, finden aber nichts, was uns irgendwie weiterbringen könnte. Da die Gefahr besteht, dass der Rest der Truppe wiederkommt, verlassen wir das Lager. Unbemerkt gelangen wir zum Auto und schließlich nach Skyline zurück. Von unterwegs ruft Katharina Elaine an, erzählt ihr in Stichworten, was geschehen ist und bittet sie, sich umzuhören, was das für eine Organisation ist.
„Sie ist unbegeistert“, sagt sie, nachdem sie aufgelegt hat.
„Ich auch. Das bedeutet nämlich, dass meine Familie in Gefahr ist. Und mir gefällt der Gedanke nicht, dass irgendwelche übermenschlichen Wesen hinter ihnen her sind.“
„Sie sollten sich verstecken.“
Sie hat recht. Ich wähle die Nummer von James.
„Hi Schatz“, meldet er sich.
„Hi. Katharina ist bei mir auf Lautsprecher. Wo seid ihr?“
„Zu Hause, bewacht von einer Armee.“
„Ich fürchte, diese Armee kann nichts gegen die Bedrohung ausrichten. Wir hatten gerade eine kleine Auseinandersetzung mit ein paar Kerlen, von denen wir nicht wissen, wer und was sie sind. Aber es war echte Arbeit, mit ihnen fertigzuwerden.“
James schweigt. Er weiß genau, was mein letzter Satz bedeutet.
„Schatz, ihr müsst euch verstecken.“
„Verstecken?“
Ich werfe einen gequälten Blick auf Katharina, die die Augen verdreht. „Ja. Du bist nicht unsterblich. Und Sandra auch nicht.“
„Bist du sicher? Aber egal, sie kann ja in ein Versteck gebracht werden. Ich bin es gewohnt, in gefährlichen Situationen handlungsfähig zu bleiben.“
„Du warst es gewohnt!“, erwidere ich scharf.
„Wie bitte?“
Das kann ja heiter werden. Katharina legt mir eine Hand auf den Arm. „Hi James, Katharina hier. Deine Holde wird mich wahrscheinlich gleich verprügeln, aber ich verstehe dich. Daher schlage ich vor, dass du und die Armee Sandra und deine Schwiegereltern zu mir fahrt. Mein Anwesen ist magisch geschützt, da sind sie sicher. Wir fahren jetzt auch dorthin und treffen uns dort. Dann überlegen wir gemeinsam, wie du dich beteiligen kannst. Möglicherweise sind deine alten Kontakte hilfreich. Einverstanden?“
„In Ordnung. Aber sag deinen magischen Kräften, dass sie nicht versuchen sollen, mich dort festzuhalten.“
„Keine Sorge, das ist nicht meine Art. Bis gleich.“
Ich starre Katharina an, bis sie ins Lenkrad greift und uns wieder auf Kurs bringt.
„Was war das denn?“
„Ich habe einen Ehekrach abgewendet. Gern geschehen.“
Ich starre wieder nach vorne und bemühe mich, nicht auszurasten.
„Fiona, was ist dein Problem? Wir haben grad mal keine Zeit für psychotische Anfälle.“
„Psychotische Anfälle?!“
„Yap! Also, sei so lieb, und fahr uns zu mir. Adresse kennst du ja. Hier läuft irgendeine Schweinerei, und zwar eine große, also lass uns jetzt bitte darauf konzentrieren.“
Sie hat leider recht. Wenn ich zusammenfasse, was wir haben, kommt wirklich was Großes dabei raus. Eine Werwolf-Gruppe, die keine ist, aber über mindestens einen Visz-Dolch verfügt … verfügte und außerdem übermenschliche Fähigkeiten besitzt. Die Größe der Gruppe kennen wir nicht. Sie wissen weiterhin, wer und was ich bin, wo ich arbeite und wohl auch, wo ich wohne. Und wir haben noch einen Krumana-Dämon, anscheinend eine wahrhaft höllische Vernichtungsmaschine, wie es sie seit 10.000 Jahren nicht mehr geben dürfte. Zu guter Letzt haben wir einen quasi vom Himmel gefallenen Politiker, der Präsident dieses Landes werden will. Mal eben so.
Doch, das könnte was Großes sein.
Mal eben so, ohne dass ich oder auch Katharina im Vorfeld was davon mitbekommen hätten. Und das macht mir echte Sorgen.
„Ich sehe, du bist wieder da“, stellt Katharina fest.
„Yeah.“
Wir kommen vor meiner Familie an, aber nur kurz. Ich bin gerade fertig mit dem Begrüßen von Kay und Helena, als der Konvoi sich anmeldet. Gott sei Dank. Oder wem auch immer. Katharina bedankt sich höflich bei den Polizisten, bittet sie gleichzeitig aber, nicht auf das Anwesen zu kommen.
Einige Minuten später hält der BMW meines Vaters vor dem Haus, mit James am Steuer. Als Erstes springt Danny raus und kommt auf mich zugerast. Sandra ist auf dem Arm meiner Mutter, beide sehen erschrocken aus. Ich nehme sie gemeinsam in die Arme.
„Was ist bloß los? Wer will uns was antun?“, fragt meine Mutter.
„Das wüsste ich auch gerne. Jedenfalls sind es Leute, die unangenehm werden können.“
Mein Vater mustert meine Kleidung. „Du hattest bereits Kontakt mit ihnen?“
„Vermutlich mit denen.“ Ich betrachte James, der sich nähert. Sein Gesichtsausdruck schwankt zwischen „Ich bin noch sauer!“ und „Geht es dir gut, Schatz?“. Allerdings sieht man ihm das nur an, wenn man ihn so gut kennt wie ich. Für alle anderen ist sein Gesicht einfach nur ausdruckslos.
Ich küsse ihn und flüstere in sein Ohr: „Es tut mir leid.“
Er nickt kaum merklich. „Deine Eltern machen sich Sorgen. Was sollen wir ihnen erzählen?“
„Alles, was wir nicht wissen“, flüstere ich zurück.
Er grinst. Katharina lädt uns ein, auf die Terrasse zu gehen. Mein Vater, der Luxus gewohnt ist, wirkt beeindruckt, als wir durch das riesige Haus nach hinten gehen. Dort hat Helena schon einen Tisch gedeckt und es gibt erst einmal was zu trinken. Ich nehme Sandra zu mir und gehe mit ihr an den Pool. Natürlich will sie mit dem Wasser spielen. Ich halte sie an der Hose darüber, so kann sie im Freiflug mit den Händen das Wasser aufwirbeln.
Ich spüre plötzlich die Nähe meiner Mutter.
„Du siehst mitgenommen aus, Kind.“
„Katharina und ich hatten einen Kampf mit sechs Männern, die keine Menschen waren.“
„Und, sind sie … sind sie …?“
„Tot? Ja.“ Ich betrachte das Loch in meiner Jeansjacke. „Ich … einen von denen habe ich wie ein Vampir leergesaugt, und ich habe keine Ahnung, warum ich das getan habe.“
„Vielleicht … Du bist ja ständig mit diesen … diesen Wesen zusammen. Vielleicht verändert dich das.“
Hm. Eine naive Vorstellung. Aber könnte ich das guten Gewissens verneinen? Eigentlich nicht. Ich habe viel zu wenig Ahnung davon, wie dieses Universum wirklich tickt. Andererseits weiß ich aber inzwischen, dass die Sicht der Menschen darauf weit entfernt ist von der Realität.
„Ein blutsaugender Engel“, murmele ich amüsiert.
„Müsstest du als Engel nicht Flügel haben?“, erkundigt sich meine Mutter.
„Nur in diesem komischen Märchenbuch. Und auf Bildern, die irgendwelche Maler im Delirium gemalt haben. Echte Engel sind blond und leicht reizbar.“
„Oh, du bist leicht reizbar? Bisher habe ich dich eigentlich nur mit Nerven wie Drahtseilen erlebt.“
Mich? Mit wem verwechselt sie mich da gerade? „Mama, es tut mir leid, dass ihr meinetwegen solche Umstände habt. Aber ihr wohnt in einem Luxusgefängnis.“
Meine Mutter betrachtet das Gebäude, soweit es von hier aus überhaupt erkennbar ist. „Ja, das stimmt wohl. Und die drei wohnen hier ganz allein?“
„Ähm … jaaaa …“
„Fiona, sag die Wahrheit!“
„Es gibt hilfreiche … na ja … Also, ihr werdet sie nie zu sehen bekommen.“
Sie erschaudert. „Du hast recht, ich will es gar nicht wissen!“
Wir werden abgelenkt, weil Helena zu uns kommt und fragt, ob sie Sandra halten darf. Ich nicke und gebe ihr die Kleine. Helena spaziert mit ihr strahlend davon. Ich erhebe mich langsam.
„Kind!“, sagt meine Mutter erschrocken. „Ich habe dich noch nie so erlebt! Hast du Schmerzen?“
„Nein, keine Schmerzen. Die Wunden verheilen bei mir sehr schnell. Ich denke nur nach. Ich muss an damals denken, aber diesmal sind es nicht Gangster, die euch bedrohen, sondern viel schlimmere Gegner. Ich mache mir einfach Sorgen um euch.“
„Ich denke, hier sind wir sicher?“
„Seid ihr auch.“ Ich werfe einen Blick auf Katharina. „Sie … Ihr vertraue ich absolut.“
„Obwohl sie ein Dämon ist?“
„Ja. Und außerdem, was bedeutet das schon? Dämon ist ein Begriff aus der menschlichen Mythologie. Katharina ist ein Wesen, das genau wie ich nicht an die Grenzen des Menschseins gebunden ist. Alles andere ist willkürliche Moral.“
„Damit fertigst du die jahrtausendealte Tradition der Philosophie in einem Satz ab“, sagt meine Mutter lächelnd.
„Ach, das weiß ich nicht. Heißt Philosophie nicht so viel wie Liebe zur Weisheit? Und der Weise hat kein Problem damit, zu den Alten zu sagen: ‚Fuck you, ihr habt euch eben geirrt!‘ Wenn wir heute etwas besser wissen, ist das keine Sünde, man wird nicht mehr auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Zumindest in dieser Gegend nicht.“
„Das ist auch gut so.“
„Eben. Komm, wir gehen zu den anderen.“
Katharina telefoniert, James und Kay sitzen nebeneinander, beide haben eine Flasche Bier in der Hand. Ich gleite auf den Schoß von James, was Kay ein dickes Grinsen in das Gesicht zaubert.
„Soll ich dir eine Limo holen, Fiona?“
„Kay, willst du ewig leben? Ich will einen Martini!“
„Sag ich doch.“ Kay springt auf und geht zur Bar. Ich mustere meinen lieben Ehemann. „Willst du nicht lieber doch hierbleiben? Ihr versteht euch doch sehr gut, oder?“
„Kay und ich werden ein paar alte Kontakte abklappern“, sagt James ungerührt.
„Verräter!“, rufe ich Kay zu. James steckt seinen Zeigefinger durch das Loch in der Jeansjacke. „Hör zu, Schatz, ich weiß, dass ich nach so einem Treffer nicht mehr einfach so aufstehen würde wie du. Dementsprechend vorsichtig agiere ich. Aber ich habe eine zweijährige intensive Ausbildung gehabt. Ich habe gelernt zu überleben, auch unter schwierigen Umständen. Und meine Gegner waren auch nicht immer menschlich …“
„Wolltest du mir davon nicht mal erzählen?“
„Irgendwann mal. Lenk nicht ab.“ James lächelt endlich.
„Also gut. Ich sehe ein, dass du keinen Babysitter brauchst und den starken Mann markieren kannst … Aua! Was soll das?“ Ich starre ihn empört an. Hat er mich echt gekniffen? In die Seite? Bloß weil ich gesagt habe, dass er den starken Mann markiert?
„Mein Schatz, das war die Rache des kleinen Mannes. Fahr bitte fort mit deinen interessanten Ausführungen.“
Kay bringt mir den Martini, das lenkt mich ab von meiner Empörung. Ich nippe am Glas. Das Zeug ist gut.
„Also gut. Aber das sagte ich schon. Ihr seid beide so was wie Supermänner. Geht klar. Fakt bleibt, ihr seid beide nicht unsterblich. Und es gibt keinen Grund, dass ihr unnötige Risiken eingeht.“
„Es sind keine unnötigen Risiken“, entgegnet Kay. „Wir haben andere Informationsquellen als du und Katharina. Warum sollten wir sie nicht auch anzapfen?“
„Das könnt ihr auch von hier aus!“
„Nur bedingt. Ihr bleibt ja auch nicht hier. Oder willst du behaupten, für euch ist es da draußen völlig gefahrlos? Was machen wir, wenn ihr getötet werdet?“
Ich sehe mich um. Meine Eltern beobachten den Disput angespannt. Vermutlich ist es für sie vollkommen neu, mich in einer solchen Situation zu erleben.
„Stimmt, du hast recht, Kay.“ Ich ziehe den Dolch hervor. „Aber um uns zu töten, brauchst du so was. Und davon gibt es nicht allzu viele.“
„Was ist das?“
„Eine Waffe“, antwortet Katharina. Sie kommt aus dem Haus, in das sie zum Telefonieren gegangen ist, nachdem wir zu diskutieren begonnen haben. „Das Material ist unzerstörbar, schneidet sogar einen Diamanten problemlos. Strenggenommen existiert es auf der Erde nicht. Und wie Fiona sagte, äußerst selten.“
„Nichts ist härter als Diamant“, stellt mein Vater fest.
„Unter irdischen Bedingungen in der Gefrorenen Welt stimmt das durchaus“, stimme ich zu. Dann schneide ich mit einer lockeren Bewegung den Stiel meines Glases ab. Klirrend fällt er auf die Fliesen und zerspringt in mehrere Teile.
„Ups. Sorry, Kay.“
Er winkt ab.
„Wie auch immer … Ihr tut sowieso, was ihr wollt.“
„Lass sie“, sagt Katharina. „Elaine hat inzwischen was für uns. Vielleicht. Wir werden sie treffen, sie tat geheimnisvoll.“
„Wer ist Elaine?“, erkundigt sich meine Mutter.
„Meine Schwester. Sie hat eine Bar in Downhill und kennt eine Menge Leute. Aller Art. Sie hat uns auch von den Werwölfen erzählt, aber wir haben alle nicht geahnt, dass der Tipp so heiß ist. Ich hatte sie gebeten, die Ohren offenzuhalten und anscheinend hat sie jetzt was für uns. Ich schlage also vor, die Jungs bemühen ihre Kontakte und wir unsere. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass daraus Synergien erwachsen.“
„Synergien … Mein Schatz, das ist keine Vorstandssitzung.“
Katharina tritt zu ihrem grinsenden Mann und legt ihm beide Arme um den Hals. „Wirklich nicht?“
Ich wende hastig den Blick ab, als seine Hände an ihrem Rücken entlang nach unten gleiten. Kann nur hoffen, dass James meine Reaktion völlig falsch interpretiert, was nicht unwahrscheinlich ist, da ihm eine wichtige Information fehlt.
„Dann ist ja alles klar und wir sollten aufbrechen“, sage ich. „Oder ist noch etwas unklar?“
„Nein. Aber ich werde mir etwas Bequemeres anziehen. Und du?“
Ich gleite von James auf den Boden. „Habe meinen Kleiderschrank leider zu Hause vergessen.“
„Kein Problem, hier gibt es genug Kleiderschränke. Wir finden sicher was Passendes für dich. Komm mit.“ Ich folge der lachenden Katharina in den Schatten des Hauses, über die Treppen in den zweiten Stock. Katharina führt mich in ein riesiges Zimmer.
„Das ist eins unserer Gästezimmer. Die Sachen in den Schränken entsprechen deiner Größe. Such dir einfach was aus.“
Ich starre sie fassungslos an. „Ihr habt Gästezimmer für unterschiedliche Konfektionsgrößen?“
„So ist es.“
„Das … das ist mehr als nur dekadent!“
„Genau, das ist praktisch. Wir treffen uns unten. Wenn du willst, kannst du auch duschen.“
Eine nette Art zu sagen, dass ich stinke. Aber sie hat recht. Ich stinke wirklich. Nach Schweiß und Blut. Daher springe ich schnell unter die Dusche und suche danach in ein Badetuch gewickelt nach passender Kleidung. Die Auswahl ist riesig. Schließlich entscheide ich mich für bequeme Jeans, feste Schuhe, ein T-Shirt und einen Pullover. Den Dolch stecke ich wieder in den Gürtel. Ganz ungefährlich ist das nicht, aber ich möchte ihn dabeihaben.
Als ich auf der Terrasse ankomme, reicht mir Katharina eine Scheide. Auf meinen fragenden Gesichtsausdruck hin erklärt sie, dass mein Visz-Dolch da genau reinpasst. Es wäre Wahnsinn, wenn ich mit der offenen Klinge so rumlaufe. Während ich den Dolch in die Scheide schiebe, erhasche ich ein leichtes Grinsen auf dem Gesicht meines Vaters.
Alle haben sich wohl gegen mich verschworen.
Danach verabschieden wir uns von den anderen. Katharina und ich fahren mit meinem Wagen los, um Elaine zu treffen. James und Kay gehen ihre eigenen Wege. Zum Abschied küsse ich James innig.
„Wir sehen uns wieder“, sagt er grinsend.
„Hoffentlich.“
Auf der Fahrt zünde ich mir eine Zigarette an.
„Wie alt ist eigentlich Helena“, erkundige ich mich dann.
„Im Herbst wird sie 15. Wieso?“
„Sie interessiert sich sehr für Sandra.“
„Hey! Sie ist noch zu jung!“
„Wofür?“
„Kinder. Und so.“
Ich werfe einen Blick auf Katharina und muss lachen. „Sie ist eine junge Frau.“
„Sie ist ein Kind!“
„Aber nicht mehr lange.“
„Sie bekommt es noch früh genug mit dieser Scheiße zu tun“, knurrt Katharina.
„Bist du sicher, dass sie es nicht bereits hat? Sie lebt doch nicht isoliert.“
„Das ist wahr. Erst kürzlich wollte sie vom Internat auf eine normale Schule. Um mit normalen Leuten zu tun zu haben, wie sie sagt.“
„Da hast du es.“
„Normale Leute reduzierst du auf Sex?“
„Nein. Aber Sex ist normal für Leute.“
„Bist du dir dessen ganz sicher?“ Katharina zieht beide Augenbrauen hoch. „Ich habe da andere Erfahrungen gemacht.“
„Jetzt bist du zynisch. Aber nur ein bisschen.“
„Sagt mir die Richtige! Aber ich gebe zu, Sandra ist ausgesprochen süß. Habt ihr gut hingekriegt.“
Autsch. Oder meint sie das ehrlich? Ich sehe sie an. Ja, sie meint es ehrlich. Warum würde ich dann am liebsten um mich schlagen? Und blöderweise kennt mich Katharina auch noch gut genug, um meine Verfassung zu durchschauen.
„Tut mir leid“, sagt sie leise.
„Mir auch“, erwidere ich.
Den Rest der Fahrt verbringen wir schweigend.