Veröffentlicht am Schreib einen Kommentar

Leseprobe: Gefährliche Rochade

Essen, 10.03.1989


Seit dem Ende des Studiums bemühte sich Ingo gemeinsam mit Bruno Führing, einem Kumpel aus der Schulzeit, um den Aufbau einer kleinen Personalberatungsgesellschaft:
,Virgam Progressum, Personalmanagement Ingo Fellbach & Bruno Führing‘; die Firmenbezeichnung hatten sie schnell gefunden.
Und sie waren sich einig, dass ,Virgam Progressum‘ als Firmierung ein Knaller war.
Damit war es aber auch schon fast zu Ende mit der Einigkeit. Bruno, studierter Pädagoge, war ein ausgeflippter Typ, für den eine hedonistische Lebensweise nicht nur auf einer Einstellung beruhte, sondern eine Lebensphilosophie darstellte. Die Firma wollte er im Wesentlichen dazu nutzen, mit haarsträubenden Honoraren schnellstmöglich und mit wenig Arbeit viel Geld zu scheffeln. Als die beiden sich zusammensetzten, um ihre Geschäftsstrategie abzustimmen, war es für Bruno sofort sonnenklar, dass Gewinnmaximierung das oberste Ziel zu sein hatte.
Spätestens zu diesem Zeitpunkt hätte Ingo, das hatte er im Nachhinein oft gedacht, eigentlich Abstand nehmen sollen. Er selbst war viel idealistischer unterwegs. Sein Traum bestand darin, anderen mit kreativen Ideen und Vorgehensweisen zu helfen und dabei selbst genug zu verdienen, um ein selbstbestimmtes Leben führen zu können. Keinesfalls wollte er in einer, wie er es nannte, Knochenmühle seinen Job fristen, wo Dutzende von Emporkömmlingen ihm sagen würden, was er zu tun und zu lassen hat.
Jetzt saß er in seiner Wohnung vor einem Haufen unbezahlter Rechnungen. Langsam wurde es eng. Auch das Geld, das er von den Alphas hatte, war nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Was insbesondere fehlte war eine echte Perspektive, der Durchbruch, um sich am Markt einen Namen machen und mittelfristig etwas Solides aufbauen zu können.
Wie so oft bei solchen Gelegenheiten versuchte er, sich durch Musik abzulenken. Seine selbst zusammengestellte Mischung mit Bowie-Titeln wie ,Changes‘, ,Station to Station‘, ,Life on Mars‘ und ,Ashes to Ashes‘ lief, während er in der aktuellen Ausgabe des Spiegel blätterte.
Kurz blieb er an dem Artikel ‚Spion am Bildschirm‘ hängen, in dem es um Hackerspionage für den KGB ging. Eigentlich ein Thema, das ihn interessierte. Aber jetzt konnte er sich nicht konzentrieren, weder auf die Musik, noch auf den Artikel.
Seine Sorgen wegen der Firma waren einfach zu groß und er konnte sich nicht von ihnen lösen. Also wählte er die Nummer von Pia. Nach dem dritten Klingeln hörte er ihre vertraute Stimme: „Hallo, wer stört mich?“
„Hallo mein Schatz, ich hoffe doch sehr, dass ich dich nicht störe, sondern du mich vermisst.“
„Wie könnte ich anders. Ich schmachte förmlich“, gluckste sie.
„Ich hab eine Hammeridee. Was hältst du davon, wenn ich dich heute Abend zum Fischessen einlade?“
„Ach, warst du angeln?“
„Quatsch, in den Walsumer Hof. In Duisburg. Warst du da schon mal?“
„Nein.“
„Super, der Inhaber, Matthes, ist ein toller Kerl. Schwer in Ordnung. Der Fisch ist perfekt. Die Atmosphäre spitze. Ist Pauls und mein Lieblingsrestaurant. Paul nehmen wir auch mit, aber nur bis nach dem Essen.“
„Wenn es sein muss“, lachte sie. „Klar nehmen wir den auch mit. Will dich ihm ja nicht wegnehmen.“
„Super. Ich fahre sofort los und sammle Paul ein.“
Vorbei an der Dinslakener Trabrennbahn fuhren sie in Richtung Walsum. Nach einer Weile sahen sie auf der rechten Seite die Rheinfähre Orsoy, dann ging es noch einmal kurz links herum und Ingo parkte seinen Wagen gegenüber vom Walsumer Hof.
„Das muss man aber kennen“, meinte Pia. „Zufällig fährt man hier doch nicht entlang.“
„Stimmt“, antwortete Paul, „trotzdem ist die Bude immer voll. Gleich wirst du wissen warum.“
Das ließ sich schon erahnen, als sie auf den Eingang zugingen. Matthes, der Inhaber, kam auf sie zu. Fröhlich lächelnd, Fischerhemd und Jeans, über einer Schulter ein Geschirrtuch hängend, rief er ihnen freundlich „Moin“ entgegen.
„Ihr auch mal wieder in meiner bescheidenen Hütte? Und heute in so hübscher Begleitung.“
An Pia gewandt ergänzte er: „Du musst wissen, das sind zwei Banausen. Meine kulinarischen Köstlichkeiten sind bei den beiden Perlen vor die Säue geworfen. Ich hoffe, du magst Fisch. Hab da so einiges auf der Karte, was unbedingt weg muss. Aber jetzt kommt erst mal rein.“
Er führte sie in das voll besetzte Lokal. Dunkles Holz, eine einfache Einrichtung, Fischernetze an den Decken und andere Utensilien von der Seefahrt empfingen sie.
„Ist mal wieder voll heute. Gott sei Dank. Ihr seid ja nicht scheu, wie ich mich erinnere. Kommt, ich setze euch irgendwo mit ran.“
Er ging an einen großen Tisch, an dem noch Stühle frei waren. „Darf ich die mit bei euch ransetzen? Die Jungs sind zwar unhöflich und pöbeln ständig, aber wenn es, wie sonst immer, Schwierigkeiten gibt, braucht ihr mir nur Bescheid zu sagen.“
Matthes‘ Art schien bekannt zu sein und natürlich hatte niemand etwas dagegen, dass sie sich dazusetzten. „So, hier habt ihr erst einmal etwas zu lesen.“ Er reichte ihnen eine große Speisekarte.
„Ehrlich gesagt würde ich davon nichts nehmen. Hab heute was Besonderes im Angebot. Wels, halb gegrillt und halb geräuchert. Dazu en Pänneken Scheiben und mein Salätchen. Echt ein Traum.“
„Laber nicht. Das nehmen wir“, sagte Ingo. „Schatz, wenn du nicht nimmst, was er empfiehlt, ist er den ganzen Abend brummig. Aber meistens sind seine Empfehlungen auch echt gut.“
Nach Getränken wurde erst gar nicht gefragt. Wenn man nicht ausdrücklich etwas anderes bestellte, gab es Köpi, das Pils der Duisburger Brauerei. Und natürlich im 0,5-l-Glas. Alles andere hätte nur als Reagenzgläschen gegolten und wäre irgendwie unangemessen gewesen.
Pia gefiel es hier sehr. Sie beobachtete, dass diese Begrüßung auch keine Ausnahme für Ingo und Paul darstellte. Matthes begrüßte und verabschiedete jeden persönlich an der Tür, immer mit launigen Sprüchen versehen. Ein echtes Original, fand sie.
Nach wenigen Minuten brachte eine Kellnerin Brot und einen großen Topf mit Shrimps. „Der ist vom Haus. Unser Chef meint, ihr seht hungrig aus und ihr solltet vorab schon etwas zum Naschen bekommen.“
Das Essen genossen sie in lustiger Unterhaltung mit den Tischnachbarn. Die Stimmung war vergnügt und ausgelassen.
Nach und nach leerte sich das Lokal. Da Matthes ihnen angeboten hatte, sich ruhig Zeit zu lassen, saßen die drei noch bei Getränken zusammen und plauderten.