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Leseprobe: Venus – Bericht über eine Wandlung

Venus – Bericht über eine Wandlung

Ach, wissen Sie, bei dieser Verlobungsfeier war ich knallvoll. Sie fand in einem dieser mittelprächtigen Räume in einer angesehenen, aber oberspießigen Restauration in meiner Heimatstadt statt. Alle erreichbaren Verwandten sowie die besten Freunde und Bekannten – diejenigen der Eltern und natürlich auch selbige des Verlobungspaares – waren eingeladen worden und anwesend.
Nach der zugegebenerweise delikaten Steinpilzcremesuppe hatte ich bereits vier große Gläser Pilsener Bier geleert, drei doppelte Korn heimlich an der Bar geordert (an der kam man auf dem Weg zur Toilette vorbei) und genauso heimlich mit deftigen Schlucken getrunken, sowie einen erfolgreichen Versuch gestartet, einem achtzehn Jahre alten Single Malt Scotch Whisky Geschmack abzuringen. Einigermaßen angeschlagen ließ ich mich draufgängerisch auf die Gäste los.
Während des zerkochten Wildschweinbratens wuchs meine Laune in ungeahnte Höhen. Drei weitere geleerte Biergläser sowie ein hochprozentiger schwedischer Vodka griffen mir unterstützend unter die kaum noch zu beherrschenden Arme. Ich rülpste laut und sehr unanständig. Das Volk schwieg pikiert, versuchte weiterhin diesen zähen Braten weichzukauen und nahm hin und wieder einen winzigen Schluck aus den bereitstehenden Sektgläsern. Meine Gabel fiel auf die Auslegeware. Gabriel grinste.
„Das Wildschwein“, dozierte ich, „auch porcus wandalii, ist gemeinhin – von sogenannten Köchen zubereitet – als äußerst schmackhaft bekannt. Ergo behaupte ich, dass dieser Mampf hier …“, dabei gab ich meinem Teller einen heftigen Schupps, so dass er über die gesamte Länge des Tisches trudelte und dabei hin und wieder Kleinigkeiten seines Inhaltes an die Umgebung abgab, „unter keinen Umständen ein Wildschwein genannt zu werden verdient. Das schmeckt wie ein ausgelutschter Pariser, und jener eignet sich bekanntlich nur unzureichend als wohlschmeckende Speise. Ober! Was haben Sie denn noch so auf Lager? Dies hier“, und ich fuchtelte über alle erreichbaren Teller, „ist ungenießbar.“
„Aber mein Herr!“, plusterte sich ein befrackter Bediensteter der Restauration indigniert auf, „das ist ein Wildschweinbraten à la maison.“
„Wer auch immer dieser Herr Maison gewesen sein mag“, fuhr ich wenig beeindruckt fort, „von Wildbret hat er keine Ahnung gehabt. Überprüfen Sie flugs Ihre Quellen, Mann. Vielleicht war dieser Herr Maison bei der Erfindung dieses geschmacklosen Breis besoffen. Versuchen Sie es in Zukunft doch mit à la casa.“ Und ich setzte mich beifallssicher.
Gabriel kicherte und auch Tante Hedwig gluckste verräterisch hinter vorgehaltener Hand. Na, immerhin. Nur meine Braut stocherte immer noch in diesem Fraß herum und nuschelte: „P., du bist betrunken.“
„Irgendetwas ist mit meiner Brille nicht in Ordnung“, sagte ich und nahm umständlich die Sehhilfe von der Nase, „ich sehe dich zweimal.“
Cornelia stand auf und verabschiedete sich für ein Viertelstündchen Richtung Toilette. Derweil wurde das Dessert gebracht. „Ah“, äußerte ich Begeisterung, „gefüllte Aprikosenhälften in Weincreme, lecker sieht’s aus.“
Daraufhin empfahl ich dem anwesenden Teil der Menschheit den Verzehr der Aprikosenhälften, die Weincreme jedoch verdunsten zu lassen. An der Bar genehmigte ich mir noch einen doppelten Vodka – und das war genau das eine Glas zu viel. Aus meiner haushohen guten Laune wurde sehr schnell eine Bruchlandung.
Cornelia war wieder aufgetaucht und genau in dem Moment, da Tante Hedwig sagte: „Was für ein schönes Paar“, rülpste ich sehr unanständig, lächelte nach Kräften und fiel um.
Etwas mehr als zwei Stunden später erwachte ich mit einem Brummschädel groß wie ein Rathaus. Freundliche Hände mussten mich in einen Nebenraum des Feinschmeckerlokals getragen und fachmännisch dortselbst gebettet haben. Selbst eine Wolldecke wärmte mich. Die Feier war auf jeden Fall noch nicht beendet, wie ich hörte; es wurde erzählt und kreischend gelacht. Langsam und unbeholfen strampelte ich die schützende Decke weg und schlich mich zur Verbindungstür, die mich von den Feiernden trennte.
Mein Vater erzählte gerade die Geschichte seines Großvaters, der in Spanien als Torero Karriere machen wollte, jedoch an seiner Trunksucht scheiterte. Er konnte eines Tages nach Genuss von zweieinhalb Flaschen Hierbas nicht mehr unterscheiden, wer von den beiden Stieren, die er sah, nun echt und welcher nur eine Trunkenheitsspiegelung war. Er irrte sich und ging ein, auch in die Familienchronik. Großes Gewieher der Zuhörenden.
Danach brachte meine Mutter die inzwischen berühmte Geschichte an, in der ihre Mutter, zum ersten Mal in einem Flugzeug reisend, der freundlichen Stewardess ihren Mantel mit den Worten überreicht habe: „Hängen Sie ihn mal raus, zum Lüften.“
Ja, selbst Cornelia hielt sich nicht zurück und erzählte, wie ihre eigene Mutter, nachdem Tante Klara berichtet hatte, ihr Mann, also Onkel Harald, sei im Hotel gestolpert und auf sein empfindlichstes Teil gefallen, gefragt habe, ob denn die Nase gebrochen gewesen wäre.
Es war ein Kichern und ein Lachen und ein Gibbeln und ein Prusten. Ich stand unerkannt keinen Dutzend Meter von ihnen entfernt. Die anderen amüsierten sich, und ich, wenigstens fünfzig Prozent Anlass zur Feier, fehlte; schlimmer noch, niemand schien mich zu vermissen. Mir kam es vor, als sei die Freude so groß, eben weil ich nicht dabei war. Sollen sie doch ihren Spaß haben, dachte ich trotzig, sollen sie sich totlachen.
Ich ging zurück zur Liege und ließ mich langsam darauf nieder. Als hätte die waagerechte Haltung mit der inneren Schwerkraft eine wenn auch geheime Übereinkunft geschlossen, liefen mir plötzlich Tränen über das Gesicht. Ich weinte wohl eine halbe Stunde lang, mit unbewegtem Gesicht, ohne Geräusch.
Als irgendjemand mich holen wollte, weil die Restauration schließen musste, weinte ich nicht mehr und war längst eingeschlafen.
Nach diesen Ereignissen (alle Ereignisse sind ja nur Unorte und Unzeiten, wie ich inzwischen gelernt habe) war Cornelia eine ganze Weile nicht besonders gut auf mich zu sprechen. Ich tat nichts, um diesen Zustand zu ändern. Ich fühlte mich bemüßigt, in meinem Beruf Fuß zu fassen, wie man sagt.
Nein, ich wollte nicht in irgendein Büro zurückkehren, Auftragseingänge bearbeiten oder Rechnungen abheften und tagein, tagaus immer denselben Bürofrauentratsch hören; das war nichts für mich.
Ich fuhr gerne Lastwagen, auch wenn es sich nur um einen Siebenein-halbtonner handelte, ein Lastwägelchen, wie ich hin und wieder von richtigen Truckern hörte, den ich jedoch nach kurzer Eingewöhnungszeit genauso sicher manövrierte wie meinen kleinen Escort. Ich hatte mich bei einer Bahnspedititon beworben und war sofort angenommen worden. Die mit der Bahn angekommenen Waren fuhr ich mit diesem LKW zu den Adressaten in der näheren Umgebung. Die zu befördernden Güter reichten von einem Karton mit drei Vogelspinnen über Luxus-Stereo-Anlagen bis hin zu drei Knäueln Stacheldraht oder einem halben Dutzend Liegestühlen. Auch Abgasfilter, Dichtungsrohre, gigantische Schraubenschlüssel, Gitterpaletten voller Stromkabel und alle Arten von Feuerwerkskörpern beförderte ich mit der Zeit; Öfen, Spirituosen, einige Dinge, die verrucht klingende Namen besaßen und deren Sinn mir nicht erkenntlich war, Kreissägen, Unmengen von Schuhen, Textilien in hunderttausend Variationen.
Meistens teilte ich mir die Fahrten so ein, dass ich die Haushalte morgens belieferte, da ich wohl wusste, dass die wild bestellenden Hausfrauen dann allein waren, da ihre Ehemänner arbeiteten. Nachmittags belieferte ich dann die Fabriken.
Auch wenn eindeutige Angebote von Seiten der Weiblichkeit vorerst ausblieben (was mich seltsamerweise nur kurz irritierte), bemerkte ich nicht ohne eine gewisse Genugtuung (und innerer Spannung) einen langsamen Anstieg des mir zugedachten Trinkgeldes, sodass ich mir gelegentlich eine Flasche meines geliebten Single Malt Scotch Whiskys zulegen konnte.
Ich war zweiundzwanzig Jahre alt und wohnte noch immer bei meinen Eltern, ohne je ein eigenes Zimmer besessen zu haben. Versuchen Sie ruhig, sich die Auswirkungen dieser Situation vorzustellen.
Sie möchten mehr über meine Kindheit erfahren? Später vielleicht.

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Leseprobe: Venus – Bericht über eine Wandlung

Venus – Bericht über eine Wandlung

Ach, wissen Sie: Eigentlich ist das Wort Flitterwochen albern. Mich überläuft es kalt, wenn ich es höre. Außerdem traf es auf uns auch nicht zu, denn unsere Hochzeitsreise dauerte exakt zehn Tage, von Wochen also keine Rede.
Hatten Sie schon einmal die Gelegenheit, diese Gegend zu besuchen, das sogenannte Rheingau? Nun, der Wein dort ist – wie soll ich es anders nennen? – sehr süffig. Ich vertiefte mich deshalb in die eine oder andere Flasche. Auch ist die am Rhein entlangführende Eisenbahnstrecke eine häufig befahrene, wenn ich es recht bedenke, die meistbefahrene in Europa. So blühte meine alte Liebe für diese bequeme Art der Fortbewegung leicht wieder auf. Ich stand – sooft ich auch nur eine halbe Stunde die Gelegenheit hatte – an eben jener Bahnstrecke und schaute den vorbeieilenden Zügen nach.
Manches Mal verband ich beide Freuden miteinander, trank hurtig eine Flasche Riesling, um dann trunkselig den Intercitys hinterher zu winken. Cornelia saß derweil im Garten unserer Unterkunft und las über das grausame und harte Schicksal der Gräfin X oder der Arztgattin Y aus zu Recht so genannten Groschenromanen.
Doch auch gemeinsam unternahmen wir nicht wenig. Der Frankfurter Zoo bedankte sich für unseren Besuch, die Großstädte der direkten Umgebung – Koblenz, Mainz und Wiesbaden – wurden aufgesucht, die Schönheiten und herben Lieblichkeiten des Taunus wandernderweise verinnerlicht, eine Fahrt nach Luxemburg durchgeführt (allein um dort preisgünstigen Tabak zu erstehen), eine weinbrandherstellende Fabrikation besichtigt. Nicht nur an diesem Tage war ich einigermaßen vom Alkohol angeschlagen; langsam begann mir dieser leichte Rauschzustand zu gefallen und Spaß zu machen. Das Leben, das an mir vorbeirauschte, war so ein gänzlich anderes, ein leichter zu ertragendes, ein angenehmeres. Allerdings achtete ich damals noch darauf, den Konsum des Hochprozentigen nicht zu übertreiben. Aggression, möglicherweise körperliche Gewalt, wäre die Folge gewesen, ich bin recht sicher, was dies betrifft.
Aber so – in diesem angesäuselten Zustand – war meine Stimmung oft gut, ich scherzte gar in Maßen, ich ertappte mich dreimal beim Lachen. Manchmal schien es mir, als würde meine innerliche Decke langsam abgenutzt, als bildeten sich dünne Stellen, durch die man möglicherweise bald würde hindurchsehen können.
Natürlich gab ich auf dieser Hochzeitsreise nicht zu, dass ich Cornelia gar nicht liebte, sparte mir auch den Hinweis auf, dass es ihr mit mir womöglich genauso erging. Cornelia wollte nur das ihr selbst gegebene Versprechen (den heirate ich und sonst keinen) einhalten, obwohl es ja streng besehen schon eingetreten war. Aber mehr noch, wie sie einmal ohne Scham (und voller Stolz) zugab, als verkünde sie eine hingebungsvolle Aufgabe, nämlich aus mir einen ordentlichen Menschen machen zu wollen. Ich hoffe ernsthaft, dass ihr dies nicht gelungen ist.
Im Vorfeld unserer Hochzeit hatten wir zahlreiche Wohnungen und auch ein oder zwei Häuser, die zum Einzug bereitstanden, angesehen. Cornelia entschied uns für eine Wohnung am Rande des Ruhrgebietes, in einem Stadtteil von Essen, nahe am Rand von Niederberg, nicht weit entfernt vom Bergischen Land, und zwar wollte sie dort wohnen, weil die Miete fast lächerlich gering war. Natürlich auch, weil man mit der Wohnung herrlich angeben konnte. Wenn Bekannte fragten: „Und wie viele Zimmer habt ihr?“, konnte man ganz cool und auf eine Art, als sei die genannte Zahl das zum Leben absolut notwenige Minimum, „Sechs“ antworten, und allein dies verschaffte ihr wahrscheinlich mehr Befriedigung als meine gesammelten Anstrengungen innerhalb dieser … hm … Ehe. Über diese Tatsache vergaß sie auch gern, dass die Wohnung trotz der Anzahl der Räume nicht mehr als fünfundachtzig Quadratmeter maß. Erschwerend kam des Weiteren hinzu, dass die Höhe der Räume infolge der steinalten Eichenbalken unter der Decke für einen etwas überdurchschnittlich großen Mann wie mich sehr hinderlich war, ein Recken und Strecken verbot sich allein wegen der sofort einsetzenden Schmerzen: Immerhin ist uralte Eiche härter als ein Menschenkopf. Auch der Umstand, dass von den sieben vorhandenen Fenstern keines nach Süden wies, trug für mich nicht zum Beliebtheitsgrad dieser Wohnung bei. Aber einen Vorteil gab es dann doch: Ich hatte ein eigenes Zimmer!

 

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