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Leseprobe: Die Macht des Vampirgens

Die Macht des Vampirgens

Ich hielt in der einen Hand meine silbernen Stilettos und ließ sie hin und her schwingen und in der anderen hielt ich die Hand meiner Mutter (oder besser gesagt: Sie umklammerte meine Hand wie eine Ertrinkende einen Strohhalm). Der weiche und weiße Sand rieselte durch meine Zehen und ich genoss es. Links neben mir lief Rakesh, er ließ den Blick kaum von mir, links neben ihm ging Judy, die den Blick kaum von ihm wenden konnte. Diese Szene musste von Weitem einfach zu köstlich aussehen. Ich unterdrückte ein Schmunzeln und kurz darauf einen Aufschrei und beließ es beim Verziehen meines Gesichts, denn meine Mutter hatte gerade, da der entschiedene Teil des Strandes nun in Sicht kam, ihre Fingernägel in meine Haut gebohrt. Klar war ich ein Vampir, doch ich war erst wenige Monate alt und außerdem hieß das nicht, dass meine Haut jetzt hart wie Stein war, trotzdem musste meine Mutter echt fest zugedrückt haben, dass es mir so sehr weh tat, dass mir fast die Tränen in die Augen traten. Ich lockerte ein wenig ihren Griff und atmete tief ein, doch kurz darauf schloss sich ihre Hand wieder wie ein Schraubstock um meine, wenigstens diesmal ohne den Einsatz ihrer Fingernägel, ich seufzte tief. Doch als ich sah, wie wunderschön der Strand innerhalb weniger Stunden dekoriert worden war, musste ich lächeln. Genau das hatte ich meiner Mutter schon ewig gewünscht, nur dieses Mal war es auch der richtige Mann, mit dem sie hoffentlich (ich war überzeugt davon) bis zu ihrem Lebensende glücklich sein würde. Und bei diesem Gedanken überkam mich ein sicheres Gefühl, ich hatte plötzlich nicht mehr ein ganz so schlechtes Gewissen, weil ich für eine unbestimmte Zeit gehen würde; denn unsere Familie, die einst in Stücke gerissen worden war, schien sich nun neu zu ordnen. Bei dem Gedanken, dass meine Mutter nun wieder einen Mann hatte, den sie liebte (und er liebte sie definitiv genauso sehr, ich würde sogar sagen, er vergötterte sie fast) und bei dem sie sich ausheulen konnte, wenn wieder mal etwas nicht so lief wie sie es sich vorgestellt hatte. Und auch bei dem Gedanken an Maddie machte ich mir nun nicht mehr so große Sorgen, ich hatte sie unendlich lieb und sie war sehr wichtig in meinem Leben und auch sie brauchte mich. Doch jetzt hatte sie Robert, der bei ihr die Vaterrolle übernahm, jemand, den sie brauchte. Sie hatte ihn unheimlich gern, genauso wie er sie. Also würden sie mich weniger brauchen. Meine Mom drückte nun wieder ganz fest meine Hand und brachte mich wieder in die Realität zurück. Auch Rakesh sah mich mit seinem schiefen Lächeln von der Seite an. Ich wusste, dass er wusste, dass ich gerade in Gedanken geschwelgt hatte, alleine schon an meinem dämlichen Grinsen, welches ich immer auf den Lippen hatte, wenn ich über etwas Positives nachdachte. Ich lächelte zurück, er kannte mich mittlerweile halt einfach zu gut, und genau das gefiel mir. Er kannte mich nur zu gut, und war immer noch hier, also war das doch Beweis genug, dass er mich sehr gern haben musste, oder?
Als ich wieder einen Schritt nach vorne trat, weil wir nun fast unser Ziel erreicht hatten, wurde ich abrupt wieder zurückgerissen, ich stolperte rückwärts und Rakesh fing mich lachend auf. Ich blickte fragend meine Mutter an, was der Grund gewesen war für meinen Beinahesturz. Sie stand da wie versteinert, ihre Hand immer noch wie ein Schraubstock um meine. Es schien, als ob eine unsichtbare Mauer sie nicht durchlassen würde. Ich holte tief Luft und versuchte es auf dieselbe Weise wie ich meine Mutter fast immer dazu brachte, wieder normal zu reagieren und ihre Nerven herunterzufahren: Ich machte ihr etwas schmackhaft. Ich grinste bei dem Gedanken und gab einen Bewunderungslaut von mir: „Wow, wie wunderschön alles aussieht, die absolute Traumhochzeit, ich beneide dich so, Mom, an deiner Stelle würde ich so schnell wie möglich …“ Doch bevor ich zu Ende reden konnte, begann meine Mutter schon wie ein Honigkuchenpferd zu grinsen und riss mich nun nach vorne (Musste alles immer so ruckartig sein? Noch kann ich nicht hellsehen …) und stürzte fast schon wieder, doch diesmal hielt ich mich ohne Rakeshs Hilfe auf den Beinen. Ich drehte mich zu ihm um und bemerkte gerade noch, wie er mich anerkennend ansah. Ich schaffte es gerade noch, ihm zuzuzwinkern, dann wurde ich schon weiter nach vorne gezogen: „Nun komm endlich, Alexis, sonst komme ich noch zu meiner eigenen Hochzeit zu spät“, sagte sie voller Schwung und drängte mich. Da hatte ich ja mal wieder gute Arbeit geleistet, sagte ich zu mir und klopfte mir innerlich auf die Schulter.
Vor uns tauchten Reihen von Stühlen auf mit rosanen und blauen Schleifen. Am Ende der Reihe stand ein mit Blüten verzierter, aus weißen Ästen bestehender Pavillon. Der Pfarrer stand schon darunter und winkte uns zu. Langsam füllten sich die Stuhlreihen mit Gästen. Wir machten einen weiten Bogen drum herum, damit niemand uns sah. Mom stellte sich unter eine Palmengruppe, unter der sie nachher hervortreten würde. Mein Grandpa kam uns mit Maddie entgegen, die ein orange-rotes Kleid trug. Er küsste Mom und mich auf beide Wangen und klopfte Rakesh auf die Schulter: „Passen Sie gut auf meine Enkelin auf. Und seien Sie ja gut zu ihr.“ Dabei zwinkerte er ihm zu. Rakesh lächelte, sagte aber völlig ernst: „Selbstverständlich, Sir, das verspreche ich Ihnen.“ Mein Grandpa klopfte ihm nochmals auf die Schulter: „So ist´s recht, Junge, so ist´s recht.“ Dann wandte er sich an Mom und nahm sie in den Arm: „Ach, meine Kleine, ich bin so froh, dass du endlich den Richtigen gefunden hast und glücklich bist.“ Meine Mom nahm ihn in den Arm und drückte ihn ganz fest: „Danke, Dad“, erwiderte sie glücklich. Es versetzte mir einen kleinen Stich, als ich sah, wie Grandpa sie zum Altar führte, und ich hoffte, dass Robert das einst bei mir auch machen würde, das wäre wenigstens ein kleiner Trost. Ich wischte es weg und setzte mich mit Rakesh in die erste Reihe. Die Brautjungfern, unter anderem Moms Schwestern Judy und Sally – ich mochte Sally nicht, sie nervte und ihre Tochter Bevenie war die reinste Hölle von einem Mädchen – und zwei Freundinnen von Mom, Annabelle und Valerie, standen schon neben dem Pavillon auf einer kleinen Anhöhe. Sie hatten alle ein aprikotfarbenes Kleid an und waren in Begleitung eines Mannes, Judy von ihrem und Moms Bruder Anthony, mein Onkel sah wirklich gut aus, meine Tante Sally in Begleitung ihres Mannes Norbert, Valerie mit einem Freund von Norbert und Annabelle mit Roberts Bruder, die beiden schienen wirklich perfekt zueinanderzupassen. Robert stand schon am Altar und wartete nervös. Dann kam Mom – sie sah wunderschön aus – den Gang entlang mit meinem Grandpa am Arm, alle Köpfe fuhren zu ihr herum und Robert lächelte verliebt. Meine Mom kam am Altar an und lächelte bis über beide Ohren, ich hatte sie lange nicht mehr so glücklich gesehen. Der Pfarrer fing eine Rede an, doch ich hörte kaum zu, ich schaute die beiden nur an und fragte mich, ob Rakesh und ich auch eines Tages da oben stehen würden.
Als meine Mutter dann sagte: „Ja, ich will“, war ich genauso happy wie sie, irgendwie gab mir dieser Akt ein bisschen Hoffnung auf Normalität. Ich lächelte und applaudierte genauso wie die anderen, als der Pfarrer verkündete, dass Robert die Braut nun küssen dürfe. Rob beugte sich vor und küsste meine Mutter lang und innig, was wir alle mit heftigem Klatschen begleiteten. Ich merkte, wie Rakesh mich aufmerksam anschaute, ich lächelte ihn an. Ich sah ein Funkeln in seinen Augen und glaubte, dass er auch daran dachte, dass dies vielleicht auch eines Tag uns passieren könnte und das machte mich gleich noch fröhlicher. Alle Gäste fingen an, sich zu erheben, und die Caterer kamen, um die Stühle wegzustellen. Die Band ging auf die Bühne und das Fest begann. Alle begaben sich nun zur Tafel, jeder konnte sich setzen, wohin er wollte. Mein einziges Ziel war nur, dass Rakesh neben mir saß und meine Tante Sally, ihr Mann Norbert und deren Tochter Bevenie so weit wie möglich von mir weg saßen. Als sich alle gesetzt hatten, begannen die Reden. Die Brautjungfern meiner Mutter trugen ein Gedicht vor, welches ich nicht wiederholen werde, da es sehr schmutzig, jedoch auch sehr witzig war, also um es genau zu sagen: Den Kindern aus der Familie mussten die Ohren zugehalten werden, doch die Restlichen lachten alle. Mein Opa trug nur wenige Worte bei, wie noch einige andere. Dann standen nur noch Roberts und meine Rede aus, ich ließ ihm den Vortritt: „Also gut … ähm ja. Rachel“, er sah sie liebevoll an und sprach nur zu ihr: „Als wir uns damals in diesem Café kennenlernten, war es sofort um mich geschehen, ich wusste, ich muss dich haben, auch wenn ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht mal wusste, ob du überhaupt noch frei warst. Auf jeden Fall habe ich mich sofort in dich verliebt.“ Ich sah zu Rakesh und wusste direkt, was Robert meinte: „Ich habe nie an Liebe auf den ersten Blick oder Seelenverwandtschaft geglaubt, aber seit ich dich kenne, halte ich nichts mehr für unmöglich. So, also … um nicht alle zu langweilen, wollte ich dir nur sagen, dass ich dich über alles liebe und niemals wieder verlassen werde. Deswegen danke ich deinen Eltern, dass es dich gibt. Und zu guter Letzt bist nicht nur du in mein Leben getreten, sondern auch Madlen und Alexis, und ich werde mir die größte Mühe geben, euch ein guter Vater zu sein. Danke.“ Er lächelte in die Runde und setzte sich nun, alle applaudierten. Dann erhob ich mich und räusperte mich, ich hatte nichts einstudiert, ich wollte alles aus meinem Herzen heraus sprechen lassen: „Mom, du weißt, ich bin glücklich, wenn du glücklich bist und im Moment geht es mir wirklich gut. Ich möchte nur sagen, dass ich unheimlich froh bin und es dir so gewünscht habe, dass du so jemanden wie Robert an deiner Seite hast, und wie man sieht, hat sich der Wunsch erfüllt. Nun ja, ich wünsche euch alles Gute und Glück in eurer Ehe und ich möchte Robert danken. Denn jeder hier weiß, wie es meiner Mom ergangen ist in den letzten Jahren und jetzt seht nur, wie sie strahlt und das haben wir nur einem einzigen Menschen hier zu verdanken. Und zwar dir, Robert, du hast ihr die Lebensfreude wiedergegeben, die sie verloren hatte. Du bist der Mensch, der ihr ein neues Leben geschenkt hat. Und wenn ich jetzt ausziehen würde, wüsste ich sie in guten Händen. Dafür und dafür, dass du so ein toller Mensch und ja auch Vater bist, möchte ich dir danken. Also: Cheers und ein Hoch auf Robert und meine Mom, dass sie eine lange Zeit zusammen haben! Und jetzt wird gegessen!“ Alle erhoben die Gläser und riefen: „Ein Hoch auf Rachel und Robert, cheers!“ Dann erklang ein lautes Klirren von Gläsern und ich setzte mich, Moms und Roberts Blicke begegneten mir und beide formten ihre Münder zu einem Danke, ich lächelte sie als Antwort einfach nur an. „Das hast du toll gesagt“, flüsterte Rakesh neben mir, zog mich zu sich heran und küsste mich: „Ich bin stolz auf dich.“ Dann ließ ich von ihm ab, weil ich einen Mordshunger hatte.

 

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Leseprobe: Das Vampirgen

Die Realität ist ab und zu
auch mal schöner als der Traum.

Das Vampirgen

Der Raum lag im hinteren Teil des Hauses. Er war im Erdgeschoss und man gelangte durchs Wohnzimmer und den Flur hin. Das Zimmer war zwar nicht sehr groß, doch es war eines der schönsten, fand ich. Außerdem konnte man von da aus in unseren Garten gelangen, weswegen sie sich dieses Zimmer in erster Linie ausgesucht hatte. Der Raum war quadratisch und schön hell durch die weißen Möbel, den weißen Schrank, das weiße Bett und die weiße Kommode aus feinstem Eschenholz. Die Wände waren blassblau gestrichen, mit hellblauen Vorhängen, Bettbezug plus Kissen und hellblauem Teppich. Aber am schönsten war der alte Sekretär unseres verstorbenen Großvaters. Er war einst dunkel gewesen, doch er ist neu – und weiß – lackiert worden. Er ist wunderschön, er hat verschnörkelte Schriften und Muster an seinen Rändern und ich könnte ihn Stunde um Stunde anstarren und mit den Fingern drüberstreichen. Doch meine Mutter ließ mich nicht, sondern holte zwei riesige, runde Kartons unter ihrem Bett hervor. Sie waren schneeweiß und mit einer hellen Schleife zusammengebunden.
„Wenn du das siehst“, sagte sie mit einem Leuchten in den Augen, „wirst du ausrasten, du wirst Judy so dankbar sein. Sie und ihre Helferinnen sind einfach so begabt“, sagte sie schwärmerisch.
„Ich würde dich so gerne als Erste in deinem Kleid sehen, aber das geht ja nicht“, murmelte sie mehr zu sich selbst.
„Wieso denn nicht?“, fragte ich etwas verwirrt, wer sollte mich denn sonst als Erste darin sehen.
„Ach Alexis, du musst doch jetzt sofort zu Elain aufbrechen, es ist schon dunkel, du musst dich beeilen. Ein Glück, dass sie nicht so weit weg wohnt. Übermorgen ist doch schon der Ball, hast du das etwa vergessen? Du darfst keine Zeit verlieren“, und mit diesen Worten drückte sie mir die beiden Schachteln in die Hand, die erstaunlich schwer waren, und schob mich aus dem Zimmer. Sie folgte mir in den Flur.
„Ich habe mit ihrer Mutter schon geredet, sie wird da sein und dir die Tür öffnen. Nun geh schon!“
Völlig überrumpelt ging ich durch die Haustür, die sie mir aufhielt:
„Viel Glück“, sagte sie noch, bevor sie die Tür hinter mir schloss. Was war denn bloß in sie gefahren? Verwirrt machte ich mich auf den Weg, auf die andere Straßenseite. Ich ging die dunkle Straße entlang, noch zwei Häuser, dann würde ich da sein, und was sollte ich bitte sagen.
„Hey Elain, weißt du meine Mutter und meine Tante, du weißt ja, sie ist Modedesignerin, die haben uns einfach Kleider für den Ball gemacht. Ach ja, und deine Mutter wusste auch davon, meine Mutter hat mich jetzt einfach, ich weiß, es ist so gut wie Nacht, zu dir geschickt. Falls du wissen willst, wie ich reinkam, das war deine Mom, ach ja, hier hast du dein Kleid. Jetzt ist alles wieder gut, hab ich recht?“
Mal ehrlich, wie stellten unsere Mütter sich das vor? Ich schenke ihr ein Kleid und alles ist wieder Friede, Freude, Eierkuchen, oder wie? Klar, sie haben bis hierhin geplant, den Rest soll ich wohl selbst erfinden. Na supi, gehen den halben Weg, und wenn es ernst wird, verdrücken sie sich. Meine Gedankenblase platzte, da ich jetzt direkt vor der Haustür der Dowsens stand, na toll, und jetzt? Weiter kam ich nicht, weil sich schon die Tür öffnete und ich in das Licht gezogen wurde und alles, woran ich gerade denken konnte, war, mit diesen zwei sperrigen Kartons das Gleichgewicht zu halten, sonst war’s das mit dem tollen Plan. Das freundliche und runde Gesicht von Elains Mutter blickte mich an. Ich kannte sie schon, seit ich ein kleines Mädchen war und hatte mich in ihrer Gegenwart immer wohlgefühlt. Loren Dowsen lächelte mich freundlich und aufgeregt an, ihr Blick erinnerte mich an Elain und ich bemerkte, wie sehr ich Elain vermisste.
„Da bist du ja endlich, Alexis! Elain ist auf ihrem Zimmer, sie weiß nicht, dass du da bist. Ich hoffe mal, dass sie dir wenigstens zuhören wird.“
Dann nickte sie die Treppe rauf und lächelte mir aufmunternd zu. Langsam und unsicher ging ich die Treppe hinauf, ich schwankte ab und zu unter dem Gewicht der Kartons. Als ich oben angekommen war, blieb ich einen Moment vor Elains Zimmertür stehen und atmete tief ein. Dann löste ich eine Hand von den Kartons und klopfte vorsichtig an ihre Tür. Ein gedämpftes, aber nettes „Herein“ war zu hören, ich zögerte einen Moment, öffnete dann die Tür, mein Hals war trocken und wie zugeschnürt. Als ich eintrat, flutete den Flur helles und warmes Licht. Ich blickte Elain an, sie saß auf ihrem Bett, ein Buch in der Hand, sie sah mich überrascht an. Und bevor ich den Mut wieder verlieren würde, schloss ich die Tür, stellte die Kartons beiseite und fing an zu reden.
„Hey Elain, bitte verzeih mir, es tut mir so leid … ich … ich hab gesehen, wie glücklich du mit Scott bist, und es tut mir schrecklich leid, wie ich zu dir war … Ich weiß auch nicht, was in mich gefahren ist. Es war einfach so überraschend … Du fehlst mir so, bitte verzeih mir.“
Mir kamen die Tränen, als ich endete. Elain sagte erst mal nichts, sie sah mich nur an. Doch dann stand sie auf und umarmte mich ganz fest. Vor Überraschung musste ich auflachen. Sie sah mich an.
„Du hast mir doch auch schrecklich gefehlt“, sagte sie. In ihren Augenwinkeln glänzte es auch und sie wischte die Tränen fort.
„Nicht weinen“, sagte ich.
„Es tut mir so leid, ich war dir doch schon am gleichen Tag nicht mehr böse … ich bin so froh, dass du hier bist“, schluchzte sie. Und wir umarmten uns abermals. Dann löste sie sich von meinem Hals und zeigte auf die Kartons.
„Was ist das?“ Ich lächelte.
„Scott hat dich ja schon gefragt, ob du auf den Ball gehst, … oder?“ Sie nickte traurig.
„Ja, aber ich habe kein Kleid, und meine Mutter sagte energisch, sie würde mir keins kaufen und ich habe kein Geld mehr. Und ihm absagen konnte ich trotzdem noch nicht, wirst du hingehen?“ Ich lächelte sie an.
„Du weißt ganz genau, dass ich nur hingehe, wenn du mitkommst, also schließe die Augen.“ Sie sah mich verwirrt an, tat es aber trotzdem. Ich öffnete den oberen Karton, im Deckel stand mit einer schön geschwungenen Schrift Elain.
„Du kannst sie wieder öffnen“, sagte ich, „und jetzt öffne diesen Karton.“ Sie öffnete den Karton mit ihrem Namen. Als Erstes kamen nur weißes Papier und Tüll zum Vorschein, doch dann hob sie etwas Blaues heraus. Es war ein Traum in blauer Seide. Elain machte große Augen.
„F-Für mich?“, fragte sie ungläubig. Ich nickte, dann machte ich den zweiten Karton auf und staunte nicht schlecht und abermals zeigte sich, dass meine Tante die beste Modedesignerin überhaupt war.
Ich holte den wunderschönen, kräftigen Stoff hervor, der Stoff an sich war schon ein Traum, ich wusste nicht, wie er hieß, doch er war wunderbar weich, edel, schön und anmutig. Einfach atemberaubend. Mir entfuhr ein leiser Bewunderungslaut. Ich zog es heraus, es war schulterfrei und wunderschön lang, doch nicht zu lang, sodass man noch meine Füße sehen konnte. Nachdem ich das Kleid bestaunt hatte, erregte ein weiteres Stück Stoff in dem Karton meine Aufmerksamkeit. Als ich es herauszog, sah ich, dass es sogar zwei Teile waren, nämlich pechschwarze, halb durchsichtige, aus einem leichten Stoff genähte Ärmel, die am oberen Ende einen goldenen Rand hatten. Ungläubig schaute ich alles an und sah erst auf, als Elain begeistert rief:
„Alexis, schau mal!“ Während ich dabei war, meine neuen Sachen zu bestaunen, hatte Elain keine Sekunde gezögert und ihr Kleid schon angezogen. Ich starrte sie mit offenem Mund an, es passte wunderbar zu ihr. Auch ihr kräftiges, himmelblaues Kleid hatte keine Ärmel, es war perfekt angepasst rund um ihre Brust und hatte eine schmale, aber nicht zu enge Taille, was ihre Rundungen prima zur Geltung brachte; alles endete in einem weiten, nach außen ausgestellten Rock, das Einzige, womit ich es vergleichen könnte, wäre Cinderella. Ich klatschte begeistert in die Hände.
„Wow!“, rief ich, „genial.“ Sie strahlte mich an und zog mich auf die Füße.
„Na los, jetzt bist du dran.“ Ich nickte und griff nach dem Kleid. Ich zog mich bis auf die Unterwäsche aus und zog das Kleid an, meine hellen Schultern strahlten und sie hoben sich schön von dem roten Stoff ab. Das Kleid lag bis zur Taille eng an, jedoch nicht drückend, sondern wie eine zweite Haut, es fühlte sich himmlisch an. Das Kleid ging in einen etwas weiteren, luftigeren Rock über, auch der tüllartige Unterrock war schön weich. Das letzte Stück von meinen langen Beinen lugte hervor, ganz anders als bei Elain. Bei ihr ging das Kleid fast bis auf den Boden. Ich schob meine Arme in die Ärmel und zog sie nach oben bis kurz unter die Achsel, sie passten perfekt zu dem Kleid. Lachend drehte ich mich im Kreis, das Kleid schwebte um meine Beine und auch die Ärmel kitzelten leicht auf der Haut. Ich blickte in den Spiegel und lächelte mich an, es war traumhaft. Überschwänglich drehte ich mich um und sah in Elains Gesicht, auch sie lächelte. Dann umarmten wir uns fröhlich und kicherten. Und irgendwie fühlten wir uns gerade wie Prinzessinnen.

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Leseprobe: Fiona – Wiederkehrer

Fiona – Wiederkehrer (Band 4)

„Hier steigen wir aus“, sagt Schneewittchen.
Ich sehe mich um. Wir befinden uns mitten im Wald, auf einem Weg, der diesen Namen kaum verdient. Vor uns eine Schranke, wobei nicht diese den Grund, dass wir nicht weiterfahren können, darstellt, sondern das dichte Gestrüpp, das den Weg dahinter zuwuchert.
Wie eine Szene aus einem billigen Horrorfilm.
„Wie weit ist es noch?“, erkundige ich mich beim Aussteigen.
„Etwa eine Stunde Fußweg.“
„Eine Stunde?!“
„Meine Stiefmutter lebt etwas außerhalb.“
„Etwas ist gut! Lebt sie allein?“
„Nein, mit meinem Vater.“ Schneewittchen schwingt sich elegant über die Schranke. Sie trägt jetzt kein Kleid, sondern bequeme Wanderschuhe, Jeans und einen Pullover. Nachdem sie die kleinen Monster zur Arbeit gefahren hatte, zog sie sich um und wir machten uns auf den Weg.
Fiona und ich tragen eh noch unsere Kampfmontur. Fiona springt über die Schranke, ohne sie zu berühren, dann blickt sie mich auffordernd an. Ich atme tief durch. Habe ich das nötig? Ich, eine zweifache Mutter, Psychologin und kurz vor der Promotion?
Dann sehe ich ihr unverschämtes Grinsen und weiß, dass ich überhaupt keine Wahl habe.
Ich schaffe es. Aber das ist auch schon das Beste, was ich darüber sagen kann. Ich bin nur froh, dass ich mich dabei nicht selbst sehen kann. Das Springen funktioniert sogar ganz gut, aber beim Aufkommen verfängt sich einer meiner Füße in irgendeiner Schlingpflanze. Oder in meinem anderen Fuß. So ganz sicher bin ich mir da nicht.
Doch Fiona fängt mich auf, bevor ich ganz und gar unelegant auf der Schnauze lande.
„Wohin so eilig, junge Dame?“, erkundigt sie sich grinsend und hält mich viel länger fest, als es eigentlich nötig wäre.
„Ich dachte, ich hätte da zwei Ameisen gesehen, die ein Eichhörnchen weggetragen haben, und wollte es mir genauer ansehen.“
„Aha.“ Das Grinsen wird breiter. „Wenn du mit den Füßen nur so halb so geschickt wärst wie mit dem Mund, dann müsste ich dich nicht ständig auffangen.“
„Jetzt übertreib nicht so. Und lass mich bitte los.“
Sie nickt und tut mir den Gefallen. Ich richte mich auf und meine Kleidung, dann sehe ich Schneewittchen an, die uns lächelnd beobachtet.
„Ihr zwei seid herrlich“, sagt sie. „Kommt, gehen wir.“
Der Weg ist beschwerlich. Freundlich ausgedrückt. Schneewittchen scheint ihre Familie nicht sehr oft zu besuchen. Aber wenigstens kennt sie noch den Weg.
Irgendwann, auf einer etwas weniger zugewucherten Strecke, legt Fiona plötzlich eine Hand auf meine Schulter und berührt mit ihrem Mund fast mein Ohr. Bevor ich protestieren kann, flüstert sie: „Sehr still hier, findest du nicht?“
Jetzt fällt es mir auch auf. Kein Vogelgesang, kein Summen, kein gar nichts.
„Du hast recht“, flüstere ich zurück. „Was bedeutet das?“
„Wir nähern uns dem Schloss der bösen Königin. Hast du denn nie deinen Kindern Märchen vorgelesen?“
„Ich bin Psychologin, solche Märchen wollte ich meinen Kindern nicht antun!“
„Aha. Du bist also nicht nur ein Hausmütterchen, sondern auch noch eine Glucke. Echt klasse.“
„Wieso bin ich eine Glucke, wenn ich meine Kinder vor seelischen Schäden bewahren will?“
„Indem du ihnen ausgerechnet die wichtigsten Märchen vorenthältst? Wahrscheinlich hast du auch Rotkäppchen zensiert, stimmts?“
„Rotkäppchen ist eine Horrorgeschichte“, antworte ich düster.
„Und was machst du, wenn plötzlich ein Wolf vor dir auftaucht? Immerhin sind wir im Märchenwald, meine Liebe!“
Ich sehe sie unsicher an.
„Was denkst du denn, wo Schneewittchens Stiefmutter, die böse Königin, wohnt?“
„Dann schmeiße ich ihn in den nächsten Brunnen“, sage ich und reiße mich los. „Oder du beißt ihn.“
„So, so, dafür bin ich also gut genug.“ Aber sie grinst dabei. Ihr sonniges Gemüt hätte ich auch gern.
Ich eile hinter Schneewittchen her, die nichts von unserer Diskussion mitzubekommen haben scheint. Dabei beobachte ich die Umgebung aufmerksam. Weiß der Teufel, wie ernst Fiona es mit dem Wolf gemeint hat, aber ich befürchte, in dieser Gegend ist alles möglich.
Wobei die Vorstellung, dass Schneewittchen und Rotkäppchen gemeinsam auf einem Ball tanzen könnten, irgendwie auch witzig ist.
Das bringt mich auf einen Gedanken.
Als ich endlich Schneewittchen keuchend einhole, spreche ich sie darauf an. „Hey, Schneewittchen, bist du schon mal Rotkäppchen begegnet?“
„Natürlich“, erwidert sie, ohne langsamer zu werden.
„Wieso ist das natürlich?“
„Wieso sollte ich ihr nicht begegnen?“
„Weil ihr unterschiedliche Märchen seid!“
Jetzt bleibt sie stehen und sieht mich an. Ich meine, Mitleid in ihren Augen zu erkennen.
„Wo kommst du eigentlich her? Weißt du denn gar nichts?“
Jetzt fängt sie auch schon damit an.
„Was soll ich denn wissen?“
Sie wirft Fiona, die hinter mir steht, einen verzweifelten Blick zu. Dann wendet sie sich kopfschüttelnd ab und geht weiter. Ich drehe mich zu Fiona um.
„Was war das denn?“
„Ich schätze, sie sieht dich als hoffnungslosen Fall an. Willst du nicht weitergehen?“
Hoffnungslos, ja, das trifft es. Diese blöde Kuh. Ich drehe mich um und renne hinter Schneewittchen her. Den ganzen Rest des Weges sage ich kein Wort mehr.
Erst als wir das Labyrinth erreichen, entfährt mir ein „Wow!“.
„Der Irrgarten des Schreckens“, sagt Schneewittchen. „Wer sich hier nicht auskennt, kommt niemals lebendig heraus.“
„Und du kennst dich hier aus?“
Wieder dieser mitleidige Blick. „Ich bin hier aufgewachsen. Folgt mir und verliert mich nicht, denn sonst seid ihr verloren.“
Wenigstens hat sie Humor. Andererseits … wer weiß, was sich alles in diesem Irrgarten versteckt? Ich werfe einen Blick auf Fiona, dann nehme ich kurzentschlossen ihre Hand. Sie sieht mich erstaunt an, sagt aber nichts. Kurz blitzen ihre Vampirzähne auf, die sonst kaum zu sehen sind.
Der Boden des Labyrinths ist grasbewachsen, die grauen Steinwände von Moos bedeckt. Das Ganze wirkt ziemlich gespenstisch. Vor allem, weil ab und zu ein gellender Schrei ertönt. Ich zucke jedes Mal zusammen, dann drückt Fiona meine Hand. Ich bin mir nur nicht so sicher, ob sie damit mich trösten will oder sich selbst. Ich hoffe auf Ersteres.
Irgendwann, nach einer Ewigkeit, so kommt es zumindest mir vor, erreichen wir das Ende des Labyrinths. Oder zumindest ein Ende.
Vor uns liegt das Schloß der bösen Königin. Und der Ort, an dem Schneewittchen ihre Kindheit verbrachte.
Da musste sie ja depressiv werden.
„Ziemlich düster“, stellt Fiona fest.
„Allerdings“, sagt Schneewittchen und nickt. „Kommt.“
„Werden wir eigentlich auch den Jäger treffen?“, erkundige ich mich, während wir hinter ihr auf ein großes, goldfarbenes Tor zueilen.
„Der Jäger ist doch tot. Meine Stiefmutter hat ihm das Herz herausgerissen, weil er mich hat laufenlassen.“
„Hier können Leute sterben?“
„Wenn die Geschichte das verlangt, dann schon.“
„Und wo sind sie dann? Ich meine, die können doch nicht einfach so aus dem Universum verschwinden. Oder etwa doch?“
„Natürlich nicht“, erwidert Schneewittchen.
Wir kommen am Tor an und sie tritt mehrmals dagegen, bis die Flügel sich öffnen. Sie scheinen sehr schwer zu sein. Sind sie etwa aus Gold? Beim Eintreten berühre ich sie. Sie fühlen sich an wie Gold.
Ach du Scheiße!
Die Dekadenz setzt sich innen fort. Eine riesige Halle, deren Decke von goldglänzenden Säulen gestützt wird, eine breite, sanft geschwungene Treppe nach oben, die Stufen, so wie es aussieht, aus Marmor, übergroße Gemälden, die alle nur eine Frau zeigen, und die heißt nicht Schneewittchen, oppulente Möbel, vermutlich alle handgearbeitet … ein echtes Märchenschloss.
„Da kommt meine Mutter“, sagt Schneewittchen und deutet nach oben.
Die Frau, die von der Galerie auf uns herabblickt, passt gut ins Ambiente. Sie trägt ein schwarzes, glänzendes Kleid mit hohem Kragen, die vermutlich sehr langen Haare zu einem Dutt hochgesteckt. Sie ist durchaus schön, auf ihre ganz eigene Art. Auf jeden Fall anders als die eher jugendlich wirkende Schneewittchen. Die böse Königin versprüht die Aura einer reifen, erfahrenen Frau.
„Schneewittchen! Wen hast du mir ins Haus gebracht?“
„Zwei Freunde“, erwidert die Angesprochene.
„Zwei Freunde?“ Die Königin schreitet nun die Treppe hinab. Ja, sie schreitet. Ich verstehe etwas davon, elegant zu gehen, zu schweben. Ich habe das lange geübt, außerdem habe ich getanzt, Kampfsport getrieben – ich beherrsche meinen Körper. Oder zumindest habe ich ihn mal beherrscht. Aber das, was die Königin uns da vorführt, das kann ich ganz sicher nicht.
Wow.
„Treibst du es denn jetzt schon mit Zwillingen?“, erkundigt sich die böse Königin, nachdem sie unten angekommen ist und uns ausgiebig gemustert hat.
„Wie bitte?“ Ich starre sie entgeistert an. Verflucht, in was für ein Sündenpfuhl bin ich da eigentlich geraten? Denken die denn hier alle ständig nur an Sex? Dann fällt mir ein, was ich im Studium über Märchen gelernt habe und beschließe, dass das noch untertrieben war. Aber wahr.
„Wie ich schon sagte, es sind Freunde“, sagt Schneewittchen mit blitzenden Augen. „Für den Spaß hatte ich mal die Zwerge und den Prinzen, aber die hast du mir ja erfolgreich abspenstig gemacht!“
„Abspenstig? Ich?“ Die Königin schwebt an uns vorbei auf eine Tür zu, die, wie ich gleich darauf sehe, in den Salon führt. Oder in einen? Das Schloss ist groß genug, um Dutzende von Salons zu haben. Und während die Königin auf eine durchaus modern aussehende Bar zuschwebt, fährt sie fort: „Das, meine Liebe, hast du ganz allein geschafft.“
„Ach nein, und wer hat dem Prinzen erzählt, dass er allein nicht in der Lage ist, mich zu befriedigen?“
Oh Scheiße! Ich kriege einen Hustenanfall, sodass Fiona mir auf den Rücken klopft. Auch sie wirkt etwas indigniert.
Die beiden Streithähne beachten uns gar nicht.
„Ach, komm schon, meine Liebe, schon eine zarte Andeutung meinerseits hat ausgereicht und er wusste, was los ist. Das bedeutet, er hat es bereits geahnt. Trinkst du das Übliche?“
„Ja. Geahnt und gewusst ist aber keineswegs dasselbe! Ohne dich wäre er nicht fortgeritten und hätte nicht meine heißgeliebten Zwerge mitgenommen!“
„Oh. Ja, das hat er tatsächlich.“ Die Königin macht einen Wodka-Martini fertig und reicht ihn Schneewittchen.
„Sie hat nur gerührt“, flüstere ich Fiona ins Ohr.
„Na und? Vielleicht mag Schneewittchen das so.“
„Geschüttelt schmeckt es aber besser.“
Fiona starrt mich kurz an, dann konzentrieren wir uns wieder auf die beiden. Irgendwie ist das ganz großes Kino.
„Aber dafür hat er dir die Gopfs dagelassen.“
„Gopfs!“, schnaubt Schneewittchen verächtlich. „Ja, die sind nicht schlecht, das stimmt schon. Sie haben auf jeden Fall größere Schwänze als die Zwerge. Aber Größe ist bekanntlich ja nicht alles.“
„Bist du etwa unzufrieden?“
„Unbefriedigt trifft es besser. Und es ist alles deine Schuld!“
In der Zwischenzeit hat die Königin sich selbst auch einen Drink fertiggemacht, allerdings habe ich keine Ahnung, was es ist. Irgendwas mit Rum drin. Sie leckt den Cocktaillöffel ab, dann blickt sie uns an.
„Trinkt ihr auch etwas?“, erkundigt sie sich. „Entschuldigt, ich vergesse jedes Benehmen, aber ihr bringt mich durcheinander. Ich weiß immer noch nicht, wer und vor allem was ihr seid.“
„Fiona“, sagt Fiona.
„Fiona“, sage ich.
Die Königin hebt eine Augenbraue. Die rechte.
„Seid ihr nun Zwillinge oder Klone?“
„So ganz sicher wissen wir es auch nicht“, erwidert Fiona. „Das heißt, Zwillinge sind wir ganz gewiss nicht. Ich nehme eine Bloody Mary.“
„Haha“, entfährt es mir.
Fiona sieht mich strafend an und der Königin läuft auch die zweite Augenbraue hoch. Schneewittchen kichert.
Alles perfekt. Aber so was von.
„Sie ist eine Vampirin, aber nur die eine“, erklärt Schneewittchen, nachdem sich alle mehr oder weniger beruhigt haben.
„Ich verstehe“, sagt die vielleicht gar nicht so böse Königin. „Dann bekommst du natürlich eine echte Bloody Mary, mit echtem Blut statt Tomatensaft.“
„Menschenblut?“, frage ich entgeistert.
„Natürlich, alles andere wäre unangemessen.“ Als ich sehe, dass sie eine Flasche aus einem der vielen verspiegelten Schränke holt, in der sich eine rote Flüssgkeit befindet, kommen mir Zweifel an der Angemessenheit in diesem Hause. Das sieht mir doch sehr nach Tomatensaft aus, aber nicht nach Blut.
Sie reicht den Drink an Fiona und blickt mich dabei an. „Und du? Was möchtest du trinken?“
Ich kann nicht sofort antworten, denn ich habe den Duft des Cocktails in der Nase, und mir wird klar, dass die Königin es sehr ernst gemeint hat. In der Flasche ist definitiv Blut!
Fiona nippt daran und macht ein seliges Gesicht.
Und ich habe an ihrer Seite und seelenruhig geschlafen letzte Nacht! Unwillkürlich fasse ich an meinen Hals.
„Ich habe dich nicht gebissen!“, sagt Fiona. Sie wirkt beleidigt.
Die Königin hebt die Hände. „Oh, welche Spannung! Nun, ich halte mich aus solchen Dingen heraus. Was möchtest du trinken, Fiona 2?“
„Ich bin Fiona 1, die da ist die 2. Und ich nehme einen Caipi.“
„Oh, Verzeihung, die Dame.“ Die Königin scheint sich ja prächtig zu amüsieren. Fiona 2 und meine Wenigkeit nicht so sehr. Und Schneewittchen schwankt allem Anschein nach zwischen Lachen und Weinen. Muss ja echt hart sein, das mit dem Prinzen und den Zwergen … Mir wird plötzlich klar, wie doppeldeutig das ist und werde rot.
„Was ist mit dir? Ist dir warm?“ Fiona berührt meine Schulter und ich zucke zusammen.
„Nein, ich … Ich glaube, ihr habt mich angesteckt und ich denke auch schon so schweinisch wie ihr.“
„Aha“, sagt Fiona nur, vergisst aber ihre Hand auf meiner Schulter, was sowohl Schneewittchen als auch ihre böse Stiefmutter bemerken, jedoch unkommentiert lassen.
Was für ein Glück.
Die Königin hebt ihr Glas und sagt: „Nun, da ihr hier seid und alle ein Glas mit etwas drin habt, hebe ich meins und sage: Cheers!“
So unkompliziert kann das Leben also sein.
Zumindest wenn man eine böse Königin mit einem riesengroßen Schloss im Märchenland ist. Das heißt, wenn es wenigstens das Märchenland wäre.
„Und nun erzählt, um was geht es eigentlich? Meine liebe Stieftochter besucht mich äußerst selten und niemals ohne triftigen Grund.“
„Auch das hat einen guten Grund!“, erwidert die liebe Stieftochter heftig.
„Ja, selbstverständlich.“ Die böse Königin sieht uns lächelnd an. „Nun?“
Und Fiona sieht mich an. Ich blicke zurück und wundere mich. „Was? Wieso ich?“
„Du hast studiert, du kannst besser reden.“
„Ich glaub das einfach nicht!“ Ich ziehe am Strohhalm und nehme einen großen Schluck vom wirklich guten Caipi. Vielleicht sollte ich gar nicht darüber nachdenken, was da drin ist. Ich meine, wo sollen die hier Rohrohrzucker hernehmen? Oder Limetten? Dann atme ich tief durch. „Also schön. Wir brauchen dringend einen sprechenden Spiegel.“

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