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Leseprobe: Fiona – Sterben

Fiona – Sterben

Es hat etwas Vertrautes, das gemeinsame Frühstück auf Gey, dabei der Blick auf die schwarze Wand, Ryemas klare, kräftige Stimme. Ein Ritual, das ein Gefühl von Sicherheit vermittelt. Mag es nur eine Illusion sein, wie eh alles in diesem Universum, dennoch hat es eine beruhigende, festigende Wirkung.
Der Blick auf Sarah dagegen verstört, denn die sonst so muntere Ex-Königin hat verweinte Augen und ist ungewohnt still. Ich bin gespannt, was genau los ist, mehr als „Senaa wurde überfallen!“ haben wir bisher nicht aus ihr herausbekommen.
„Ich hoffe, ihr konntet ein wenig durchatmen“, sagt Ryema. „Zumindest ich fand die Reise zwischen den Welten anstrengend, aber vielleicht auch nur, weil ich sie nicht gewohnt bin.“
„Das ist tatsächlich auch eine Sache der Routine“, bestätigt Thomas. „Da es Sarah nicht so gut geht, hat sie mich gebeten, euch zu erklären, was los ist. – Von Tad Aretan haben wir euch ja erzählt. Wir haben selbst eine Zeitlang da gelebt, nachdem wir Engelkind begegnet waren. Sarah zusammen mit Senaa. Vor ein paar Stunden erhielt Sarah von Senaa eine Gedankennachricht. Sie war nicht zusammenhängend, aber die damit verbundenen Gefühle und Bilder deuten darauf hin, dass sich Senaa in großer Gefahr befindet. Bei den Bildern war eines dabei, das den Schwarzen Riesen zeigte. So wie es aussieht, haben die Noispeds Tad Aretan überfallen. Wir wissen nicht genau, wann es passiert ist und wie es derzeit dort aussieht. Ich konnte Sarah nur mit Mühe davon abhalten, einfach loszustürmen. Ich denke aber, dass wir einen Plan brauchen.“
„Der Plan ist einfach“, erwidert Sarah.
„Stimmt“, sage ich „Wir gehen hin.“
Thomas stöhnt auf. „Fällst du mir in den Rücken?“
„Möchtest du das? Nein, wir stürmen trotzdem nicht los, sondern stellen eine kleine Eingreiftruppe auf. Sie muss klein sein, damit wir schnell agieren können und nicht so leicht gefunden werden. Auf jeden Fall dabei haben möchte ich Katharina, Emily, Ryema, Oela und natürlich Sarah, Thomas und Elaine.“
„Und Roek“, sagt Ryema.
„Und ich!“, ruft Halpha.
„Du willst doch bloß Rache“, erwidere ich.
„Das stimmt. Du nicht?“ Bumm. Treffer. „Davon abgesehen habe ich eine Kampfausbildung. Ich kann mit Waffen umgehen und ich kann auch Nahkampf.“
„Und ich will auch mit“, meldet sich auch Nidea zu Wort.
Helena und Jody heben nur noch stumm die Hände.
Ich blicke mich um. „Sonst noch jemand? Vielleicht noch eine Schulklasse?“
Katharina legt ihre Hand auf meinen Unterarm. „Ab welchem Alter hättest du in ähnlicher Situation freiwillig verzichtet?“
„Gar nicht, aber …“
Die andere Hand legt sich auf meinen Mund. „Schätzchen, ich kann dir versichern, dass Helena auf jeden Fall in der Lage ist, bei so einer Mission mitzuspielen. Das weiß ich auf jeden Fall. Bei den anderen drei kann ich es nicht aus eigener Beurteilung sagen, aber ich glaube, Helena würde protestieren, wenn sie der Meinung wäre, für Jody wäre es zu gefährlich. Was Halpha und Nidea angeht, das überlasse ich Ryema und Oela.“
„Sie können mit“, sagt Oela ruhig.
„Aber euch ist schon klar, dass wir im schlimmsten Fall auf die Ur-Wesen und eine Armee aus Halbvampiren treffen können?“
„Und meinst du, hier ist es wirklich sicherer?“, erwidert Katharina. „Natürlich droht hier in diesem Moment keine Gefahr, aber uns allen ist doch klar, dass das nichts zu bedeuten hat. Augle ist zerstört, Dargk ist tot und nun ist möglicherweise auch Tad Aretan verloren. Das nächste Ziel könnte der Kernel sein und damit die achtzehn Planeten. Wir sollten also mit so vielen Leuten wie möglich dahin, aber nicht mit mehr, als unbedingt nötig. Das bedeutet, wir brauchen alle Leute, die in der Lage sind, mit einem Halbvampir fertig zu werden. Ganz ehrlich, was Leute wie Garoan und Co. betrifft, da muss wahrscheinlich selbst ich passen. Gegen die bist du unser einziger Trumpf, Schätzchen.“
„Oder Tansan.“
„Tansan ist aber kein Krieger, er ist ein Zauberer.“
„Nasnat hat doch auch mitgekämpft.“
„Eine Armee von Vampiren ist etwas anderes als eine Armee, die von den Ur-Wesen angeführt wird. Wir können Tansan natürlich fragen. Wo ist er überhaupt?“
Seun deutet auf den Kernel. „Ich denke, er sollte hier bleiben. Da er keine Kampfausbildung hat, müssten ständig Leute bei ihm sein, die ihn notfalls beschützen. Renroc und ich werden von hier aus koordinieren und Verstärkung schicken, falls es sich als notwendig erweisen sollte. Ich denke übrigens, dass die Mädchen euch helfen können. Sie sind keine gewöhnlichen Teenager. Auch die Leibgardistinnen hatten in diesem Alter schon echte Aufgaben und genau wie jene haben Nidea und Halpha als Kinder mit der Ausbildung angefangen.“
Ich muss irgendwie gerade an Kindersoldaten denken, behalte das aber lieber für mich. Zumal auch ich noch ein Kind war, als ich mit dem Kampfsport begonnen hatte. Weder Nidea noch Halpha machen auf mich den Eindruck, als wären sie zu irgendetwas gezwungen worden.
Trotzdem ist das irgendwie eine Scheißwelt. Ob es wirklich schade um dieses Universum wäre?
Ich beschließe, dass ich unrecht habe und wende mich an Thomas: „Du und Sarah, ihr habt einige Zeit auf Tad Aretan gelebt und kennt euch vermutlich gut aus dort. Ich schlage vor, wir gehen in zwei Gruppen, eine wird von dir und eine von Sarah geführt. Wirst du es schaffen, Sarah?“
Sie nickt stumm. Ironischerweise vermisse ich ihre Stimme.
„Gut. Wir nehmen also Waffen mit. Seun, du hast gesagt, du würdest uns im Notfall Verstärkung schicken. Wie lange braucht es, bis diese hier in Bereitschaft stehen könnte?“
„Etwa eine Stunde.“
„Dann sollten wir in einer Stunde aufbrechen. Fragen, Einwände?“
„Eine Frage habe ich“, meldet sich Roek. „Wieso hast du das Kommando?“
„Weil sie die Auserwählte ist, mein Schatz“, antwortet Ryema für mich. „Außerdem ist es ihre Art.“
Bevor ich antworten kann, liegt Katharinas Hand wieder auf meinem Mund.
Später kommt Ryema zu uns und sagt leise: „Roek ist manchmal etwas hitzköpfig. Der Beginn unserer Beziehung bestand darin, dass ich ihn verprügelt habe. Na ja, wir haben uns eigentlich gegenseitig krankenhausreif geschlagen. Bringe ihn trotzdem nicht um, bitte. Ich liebe ihn.“
„Es ist meine Art?“
Sie lacht auf. „Ist es doch, aber das ist nicht schlimm. Roek hat sich daran gewöhnt, dass ich sage, wo es langgeht, er wird sich auch an dich gewöhnen. Und er ist ein guter Soldat.“
Ich mag keine Soldaten, aber das behalte ich lieber für mich. Außerdem brauchen wir gerade jetzt durchaus Soldaten. Vielleicht sollte Roek die Mission leiten? Andererseits, ich habe alle Rambo-Filme gesehen, ich kann das auch. Wäre ja gelacht.
Also nicke ich brav.

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Leseprobe: Fiona – Wiederkehrer

Fiona – Wiederkehrer (Band 4)

Ich kann eine Menge wegstecken. Meine Kinder wurden von Vampiren entführt, ein schwuler Vampir erzählt mir, dass ich gar nicht die bin, für die ich mich seit 35 Jahren halte, ein anderer Vampir spricht nicht nur wie ein berühmter Yedi, sondern sieht auch noch aus, als hätten der und Kermit gemendelt, wir sind gerade stundenlang durch eine Gruft gekrabbelt, um irgendwann diese dämliche, magische Tür zu finden, und jetzt stehen wir einem buckeligen Kerl mit Fackel gegenüber.
Ich kann wirklich eine Menge wegstecken. Aber irgendwann werde ich anfangen zu schreien.
Definiv.
Nun gut, vielleicht besser nicht jetzt.
Ich blicke mich um. Es sieht aus wie ein Hotel. Das vermutlich bereits bessere Zeiten gesehen hat, so vor dem Ersten Weltkrieg. Aber unsichtbare magische Türen sind vermutlich nicht so gut fürs Geschäft. Die Wände sind grau, ob geplant oder vor Dreck, vermag ich im Licht der Fackel des Buckeligen nicht zu sagen, aber die Perser, die sie an einigen Stellen bedecken, sind auf jeden Fall teuer und sauber. Dekadenz längst vergangener Tage.
Der Fackelträger dreht sich stumm um und geht. Wir anderen wechseln einen Blick, dann eilen wir ihm hinterher. Im Moment ist er unser einziger Verbindungsmann zu den Katakomben. Diese habe ich mir zwar anders vorgestellt aufgrund der Erzählungen des Professors, aber vielleicht ist das Hotel wirklich so groß wie die Stadt darüber. Und warum sollten Vampire nicht in Hotelzimmern leben?
Der buckelige fackeltragende Rezeptionist bleibt schließlich vor einer Zimmertür stehen und öffnet sie mit theatralischer Geste. Ich trete neben ihn und werfe einen Blick in den Raum.
Ein Hotelzimmer wie aus dem letzten Jahrtausend, auf jeden Fall älter als der Erste Weltkrieg. Ziemlich spartanisch ausgestattet, aber immerhin gibt es ein Bett, einen Stuhl, einen Tisch.
Und eine Badewanne. Voll mit dampfendem Wasser.
„Was soll das denn?“
„Du musst baden, damit die Geschichte weitergehen kann“, erklärt der Fackelträger.
„Was?“ Ich werfe den anderen einen hilfeheischenden Blick zu.
„Was passiert dann?“, erkundigt sich Michael sofort.
„Die Geschichte geht dann weiter.“
„Und wenn ich nicht bade?“
„Dann geht sie nicht weiter.“
„Öhm … also gut, aber ihr bleibt alle draußen!“
„Schade“, sagt Alfredo.
Ich ignoriere es. Er kann sich ja Michael an den Hals werfen, der würde sich sogar darüber freuen.
Also betrete ich das Hotelzimmer und schlage die Tür zu. Dann blicke ich mich um. Eigentlich bin ich größere Badezimmer gewohnt, aber gut, hier geht es um Wichtigeres. Die Wände sind ebenfalls grau und aus Stein. Licht kommt von einer Kerze, die auf dem Tisch steht.
Ich trete zur Wanne und prüfe das Wasser. Es ist angenehm warm und duftet nach Tannen. Wenigstens etwas.
Meine Kleidung lege ich sorgfältig auf dem Stuhl ab, dann steige ich in die Wanne und lasse mich bis zum Hals im Wasser versinken. Es tut irgendwie gut. Ich merke jetzt doch, dass ich verprügelt wurde, wie schon lange nicht mehr. Und auch wenn es eine Vampirin war, also mit übermenschlichen Kräften, es kratzt dennoch an der Ehre.
„Nicht erschrecken.“
Warum sagen die das immer, obwohl sie genau wissen, dass sie das genaue Gegenteil damit erreichen?
Ich kriege erst fast einen Herzinfarkt, dann rutsche ich aus, als ich aus der Wanne springen will und schlucke auch noch Wasser. Hustend und prustend komme ich wieder hoch und beschließe, erst einmal doch im Wasser zu bleiben.
„Ich sagte doch, nicht erschrecken.“ Eine helle, klare Stimme. Sie gehört zu einer Frau, so viel steht fest.
Ich verrenke mir fast den Hals, um sie zu sehen. Sie steht hinter der Wanne und ich wüsste zu gerne, wo sie auf einmal herkommt. Da gibt es auf keinen Fall eine Versteckmöglichkeit.
Als sie dann in mein Blickfeld kommt, wünsche ich mir, einfach nur ohnmächtig zu werden.
„Du?!“
Sie nickt, zieht den Stuhl heran und setzt sich neben der Wanne, nah genug, um eine Hand ins Wasser hängen zu lassen.
„Ich muss gestehen, ich war auch ziemlich überrascht, als ich dich das erste Mal gesehen habe.“
„Wo … wo war das? Ich meine, wer zum Teufel bist du überhaupt?“
„Mein Name ist Fiona. Das müsstest du aber eigentlich wissen.“
Sie lächelt und ich frage mich, ob ich wirklich so dämlich aussehe, wenn ich nur am Lächeln bin, um möglichst freundlich meine Zähne zu zeigen.
„Okay. Mal ganz langsam. Du siehst aus wie ich, aber wie vor etwa zehn Jahren.“
Sie schüttelt den Kopf. „Mit dem Alter hat das nichts zu tun.“
„Womit dann?“ Ich mustere sie. Die Haare trägt sie kurz und ziemlich wirr, so wie ich früher, viel früher, bevor ich Ben geheiratet habe. Davon abgesehen sieht sie aus wie ich, vielleicht etwas dünner. Ihre Stimme klingt wie meine, wenn ich sie von einer Aufzeichnung höre. Eigentlich ganz angenehm. Dieselben grauen Augen, die schmale Nase, die Lippen, die Zähne … die Zähne … nein, die Zähne sind nicht genau gleich. Ich habe nicht so lange Eckzähne.
Sie lächelt wieder, als sie merkt, dass ich es entdeckt habe.
„Das ist auch ein Unterschied zwischen uns beiden, meine Liebe.“
„Hast du … hast du etwas mit den Vampiren zu tun, die meine Kinder entführt haben??“
„Ich bin ihre Chefin. Keine Sorge, deinen Kindern geht es gut, und das bleibt auch so, wenn du vernünftig bist.“
Das fällt mir gerade ziemlich schwer, am liebsten würde ich ihr an die Gurgel springen. Aber es gibt mehrere gute Gründe, das nicht zu tun.
Erstens weiß ich nicht, was dann mit meinen Kindern geschieht.
Zweitens weiß ich nicht, was dann mit mir geschieht.
Und drittens weiß ich nicht, was dann mit ihr und dadurch mit mir geschieht.
„Wer bist du eigentlich und was genau willst du von mir?“
Sie kaut auf der Unterlippe herum. Genau wie ich, wenn ich intensiv nachdenke. Hm. Sie ist ja ich. Irgendwie. Also, fast. Oder doch ganz.
Verdammt, ist das verwirrend.
„Das ist kompliziert“, sagt sie schließlich. „Vermutlich weißt du, dass du eigentlich in einer Illusion gefangen bist.“
„Vermutlich wissen das alle außer mir“, erwidere ich.
Sie lacht. Oder ich lache. Wie auch immer. Fiona 2 lacht. Lache ich auch immer so? Muss wohl so sein. Sieht ganz nett aus. Kein Wunder, dass die Jungs früher so scharf auf mich waren … ähm …
Scheiß drauf.
Fiona beobachtet mich. „Es ist schon lustig, als würde ich mir selbst zusehen. Da ich dich kenne wie sonst niemand, kann ich mir vorstellen, worüber du gerade nachgedacht hast.“
„Kannst du nicht.“
„Kann ich doch. Du hast herausgefunden, wie süß du eigentlich aussiehst.“
Das entspricht zwar nicht hundertprozentig der Wahrheit, hat aber was mit ihr zu tun.
Fiona 2 erhebt sich und geht um die Wanne herum, bis sie hinter mir steht. Sie beugt sich über mich und lässt ihre Hände an meinem Körper entlang unter Wasser gleiten. Ihre Lippen streichen über meine Wange zum Ohr hinauf und sie flüstert: „Lass uns Spaß haben, bevor es wieder ernst wird.“
Was zum Teufel …?!
„Hallo? Du bist erstens eine Frau und zweitens ich!“
„Genau, das macht es so aufregend. Eine Art Selbstbefriedigung.“
„Du meinst das nicht ernst, oder?“
„Doch, sehr ernst“, flüstert sie und lässt eine Hand noch tiefer gleiten. Ich presse die Oberschenkel zusammen.
Sie macht einen Schmollmund. „Jetzt komm schon. Ich weiß, dass es dir gefallen würde, denn mir gefällt es auch.“
Das macht mir allerdings etwas Sorge.
„Ich habe noch nie mit einer Frau … und habe auch nicht vor …“
„Du hast keine Ahnung, was dir entgeht“, flüstert sie, dabei berühren ihre Lippen meinen Mund. „Denk daran, ich kenne dich wirklich sehr gut und weiß ganz genau, was du brauchst. Niemand sonst kann dir einen solchen Orgasmus geben wie ich. Niemand.“
Ich packe ihre Hand, die sich zwischen meine Beine drängen will, und schiebe diese und ihr Gesicht weg.
„Es gibt Erfahrungen, auf die ich lieber verzichte.“
„Bedauerlich. Sehr bedauerlich.“ Sie richtet sich auf und geht wieder zum Stuhl. „Du bist völlig verweichlicht von der Zivilisation. All die Wildheit, die Ungezähmtheit, die dich mal ausgemacht hat, die existiert nur noch in mir.“
„Aha.“
„Also schön, kommen wir zum Geschäftlichen.“ Ihre Stimme ist jetzt völlig anders. Kalt und hart. Kann ich das auch? Haben meine Kinder mich auch schon so erlebt?
Scheiß … Nein, das ist mir nicht egal. Ganz und gar nicht.
Ich blicke Fiona 2 an. „Gut, kommen wir zum Geschäftlichen.“

 

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Leseprobe: Fiona – Leben

Fiona – Leben

Déjà-vu.
Blauer Himmel. Weiches Gras. Stille, bis auf Vogelgezwitscher.
Das hatte ich doch schon mal. Damals bin ich vor den Schmerzen hierher geflohen.
Und jetzt auch!
Ich setze mich abrupt auf und sehe mich um. Ich liege auf einer Wiese, die übersät ist mit Wildblumen, soweit ich sie einsehen kann. Gesäumt von einem Wald, dessen Dunkel mich anzustarren scheint.
Ich atme tief durch, denn ich erinnere mich jetzt an den Anlass, warum ich hier bin. Nach Stunden des vergeblichen Kampfes, meinen Körper zu verlassen und den Schmerzen zu entkommen, habe ich es endlich geschafft.
Garoan muss sehr mächtig sein. Immer wieder wurde ich in meinen Körper zurückgerissen, bis ich vor Verzweiflung nur noch gebrüllt habe. Vor Verzweiflung und vor Schmerz. Die sieben Schergen des Zauberers verstanden ihr Handwerk sehr gut und wussten genau, wie sie mir fast unerträgliche Schmerzen zufügen konnten, ohne dass ich ohnmächtig wurde.
Als ich die Augen schließe, sehe ich ihre grinsenden Gesichter vor mir und spüre im nächsten Moment den säuregetränkten Stab, der in meinen Armstumpf geschoben wird. Aufschreiend reiße ich die Augen wieder auf. Ich bin blitzschnell schweißgebadet.
Also Wiese. Und bloß nicht einschlafen. Verdammte Scheiße, was ist das denn für ein Zauberer?
Ich erhebe mich langsam. Dabei fällt mir der Spiegel ein. Und Emily. Ich glaube nicht, dass ich verraten werde, wo sich der Zugang zu Augle befindet. Sicher, die Schmerzen, die Garoan als unvergessliches Erlebnis bezeichnet hat, sind tatsächlich noch schlimmer als die aus meiner Erinnerung an die Cuculus. Aber hier, in der Verborgenen Welt, spüre ich sie nicht. Nachdem ich es erst einmal hierhergeschafft habe, bin ich sicher.
Ich schreite langsam über die Wiese. Unter meinen nackten Sohlen spüre ich das weiche Gras und die kitzelnde Berührung von Pusteblumen. In meiner Nähe ein ganzes Feld von Kamillenblüten, deren Duft mich wohlig umhüllt. Es hat was paradiesisch Anmutendes. Zumindest solange ich den Waldrand nicht genauer betrachte. Ich spüre deutlich, dass sich dort etwas verbirgt und auf mich wartet. Mir ist allerdings ein Rätsel, wieso es nicht aus dem Wald herauskommt.
Kann mir nur recht sein.
Plötzlich erinnere ich mich an die Elfe. Daran, wie sie mir beigebracht hat, welche Macht auch ich besitze. In der Verborgenen Welt. Und da die Gefrorene Welt Teil der Verborgenen Welt ist …
Und ich bin ja hier. Bewusst. Weil ich es will. Weil ich es kann.
Ich wende mich dem Wald zu und gehe bis zum Rand der Wiese. Je näher ich komme, umso deutlicher kann ich erkennen, dass zwischen Wiese und Wald eine Grenze verläuft. Sie klingt dunkel.
Klingt? Ich stutze, dann wird mir klar, dass ich die Grenze tatsächlich hören kann. Es ist ein dumpfes, dunkles Geräusch, wie ich es noch nie gehört habe. Dennoch weiß ich, wie gefährlich die Grenze ist und dass ich sie besser nicht berühren sollte.
Ich bleibe so vor ihr stehen, dass meine Zehenspitzen nur wenige Millimeter von dem undurchdringlich dunkelgewordenen Waldrand entfernt sind.
So viel trennt mich also von der Macht des Zauberers. Inmitten seiner grässlichen, schmerzerfüllten Dunkelheit, seines abgrundtiefen Hasses, habe ich mir meine Wiese erschaffen, auf der ich sicher vor ihm bin.
„So sieht es aus, Garoan“, flüstere ich. „Auch deine Macht ist begrenzt.“
Andererseits, auf Dauer könnte es hier ziemlich langweilig werden. Besonders groß ist die Wiese außerdem auch nicht. Vielleicht ist die Absperrung durch den Wald, die sie umgibt, an einer Stelle durchlässig. Ich schlendere an der Grenze entlang und beobachte aufmerksam den Wald. Dabei höre ich ständig das dumpfe, dunkle Geräusch. Auch dann noch, als ich die Wiese einmal umrundet habe, ohne eine Fluchtmöglichkeit entdeckt zu haben. Seufzend trete ich ein paar Schritte zurück.
Was könnte ich mit meiner neugewonnenen Freizeit denn anfangen? Mir fällt wieder ein, wie viel Mühe ich damit hatte, aus meinem Körper zu entkommen. Die Tatsache aber, dass ich es überhaupt geschafft habe, beweist eindeutig, in welchem Maße ich bereits die Grenzen der Gefrorenen Welt überwunden habe. Und das bedeutet, die Illusionen blenden mich nicht mehr.
Es bedeutet aber auch, ich kann die Illusionen verändern.
So wie ich damals mir Kleider an den Leib zaubern konnte.
Ich strecke versuchsweise eine Hand aus und wünsche mir einen Apfel. Doch anscheinend ist dieser Wunsch zu verwegen, oder vielleicht sind Äpfel zensiert im Paradies. Jedenfalls passiert nichts.
Das ärgert mich und fordert mich zugleich heraus. Ich will kein Paradies, in dem Äpfel zensiert werden, bloß weil Gott seine zwei Menschlein nicht im Griff hatte! Außerdem wäre ich dann Eva, und diesen Gedanken finde ich absolut schrecklich. Eva, das Weibchen! Die brave, liebe Frau, die alles tat, was Adam ihr sagte.
Ich nicht!
Ich strecke erneut die Hand aus und will einen Apfel darin haben.
Sofort!
Und es klappt! Erst spüre ich den Apfel nur, aber dann, nach Sekundenbruchteilen, sehe ich ihn auch. Schön rund und rot, könnte glatt von Schneewittchens Stiefmutter sein.
Geht doch.
Ich beiße herzhaft in den Apfel hinein und überlege kauend, wie ich meine neuen Fähigkeiten sinnvoll einsetzen könnte. Eine Hängematte wäre nicht schlecht. Und da sie nicht im Nichts herumhängen kann, brauche ich mindestens zwei Bäume. Apfelbäume am besten.
Ich starre die Stelle an, an der ich gerne den ersten Apfelbaum hätte, und schon beginnt er, sich zu materialisieren. Erst ist er noch sehr durchsichtig, so, als würde ihn Scottie grad zu mir beamen, aber allmählich verdichtet er sich und wird fest. Schließlich habe ich meinen ersten selbstgezauberten Baum vor mir stehen.
Sogar Äpfel trägt er, jede Menge sogar.
Coole Sache.
Der zweite Baum geht wesentlich schneller. Und die Hängematte bedarf nur noch eines Fingerschnippens.
Schade, dass das nur in der Verborgenen Welt so funktioniert.
Ich lege mich in die Hängematte, esse meinen Apfel und starre den blauen Himmel an. Langweilig ist es immer noch. Vielleicht sollte ich Gott spielen und Adam und Eva erschaffen. Sie dürfen nur nicht übertrieben keusch sein. Es könnte ein ganz interessantes Experiment sein zu beobachten, wie Menschen sich in so einem überschaubaren Ökosystem wie meiner kleinen Wiese entwickeln. Ich sollte das echt mal tun.
Aber wie erschafft man Menschen? Nach meinem Ebenbild?
Oh Gott, nein!
Ich betrachte meine nackten Füße. Irgendwie traue ich mich nicht, wirklich Menschen zu erschaffen. Bäume, Hängematte, okay, die können keinen Schaden anrichten. Aber alles, was ein Gehirn besitzt, kann potentiell seine eigene Welt zerstören. Und das wäre hier fatal.
Aber eine Schlange auch.
Trotzdem ist eine da.
Verdammt!
Ich starre die Schlange an, die sich zischelnd neben der Hängematte aufrichtet. Unmöglich, dass sich bloß aus meinen Gedanken eine Schlange materialisiert hat. Außerdem, ich habe an Menschen gedacht, nicht an Schlangen!
Wo kommt sie aber dann her? War es das mit dem sicheren Paradies?
Die Schlange beobachtet mich, wirkt aber sonst ganz friedlich. Sie will definitiv etwas von mir, bloß was? Ob ich ihr das Sprechen beibringen kann?
„Nicht nötig, das kann ich schon.“
Vor Schreck falle ich auf der anderen Seite aus der Hängematte und springe auf.
„Was zum Teufel …?“
„Es tut mir leid, ich wollte dich nicht erschrecken.“
„Du hast es aber geschafft! Habe ich dich erschaffen?“
„Nicht ganz.“
„Nicht ganz? Was meinst du damit?“
„Das kann ich dir nicht sagen.“
Oh mein Gott! Schon wieder ein Déjà-vu! Eine Schlange, die in Rätseln spricht!
„Was willst du dann?“
„Ich soll dir eine Botschaft überbringen. Das habe ich hiermit getan und meine Aufgabe ist erledigt.“ Bevor ich den Mund auch nur öffnen kann, ist die Schlange schon wieder verschwunden. Ich schließe den Mund wieder, denn die öffnende Bewegung konnte ich nicht mehr stoppen.
Eine Botschaft? Von wem? Von Garoan?
Überhaupt, woher könnte der von meiner Begegnung mit der Schlange wissen? Da waren ja nur Katharina, Michael und Nilsson dabei … Wie vom Blitz werde ich von der Erkenntnis getroffen: Natürlich, nur sie waren dabei! Und weil sie nicht in der Lage sind, auf die Wiese zu gelangen, da ich diese ja gegen Eindringlinge geschützt habe, schickten sie die Schlange, eine Erinnerung, die bereits in mir ist.
Das heißt, sie wissen, dass ich in der Verborgenen Welt bin.
Und das wiederum bedeutet, dass sie meinen Körper haben.
Die Botschaft lautet, ich kann wieder in meinen Körper zurückkehren. Klar, deswegen die Schlange! Auch die hat mir damals ja gesagt, dass ich in meinen Körper zurückkehren sollte.
Voll logisch!
Ich werfe einen Blick auf die Hängematte. Ich werde später zurückkommen und weiter üben. Zaubern ist geil.

 

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