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Leseprobe: Fiona – Sterben (Band 6)

SPOILER-ALARM!

„Heute beginnt der Countdown.“
Ich starre Julie an. Habe ich was verpasst?
„Was für ein Countdown?“
„Noch 365 Tage bis zu deinem 30. Geburtstag!“
„Aha. Hört sich an, als wäre das was Gefährliches.“
„Nein, eigentlich ist das völlig normal“, erwidert Julie fröhlich. „Außerdem bist du heute ja erst 29 geworden. Kannst also noch ein ganzes Jahr lang dich darüber freuen, nicht über dein Alter lügen zu müssen.“
„Sprichst du aus Erfahrung?“ Oh, Fiona, das war böse! Aber Julie hat ein sonniges Gemüt, sie lacht nur. Ich mache ihr einen Cocktail, etwas Süßes, Solero, für den Fall, dass sie insgeheim doch sauer ist; dann kümmere ich mich um die anderen Gäste.
Wobei, nötig wäre das nicht. Der Star meiner Geburtstagsparty sorgt schon dafür, dass alle beschäftigt sind und sich gut amüsieren. Töchterchen ist begeistert davon, dass sie laufen und ansatzweise sprechen kann, und zeigt das allen. Sowohl ihre Freude als auch ihre Fähigkeiten. Sonst schafft sie es damit, den Tag meiner Eltern zu füllen, heute haben diese mal Urlaub.
James ging vorhin mit Danny und einer Kinderschar los, die Gegend unsicher zu machen. Für mich bleiben also nur meine Eltern, nachdem auch Julie eine neue Beschäftigung gefunden hat. Ich mixe mir einen Caipi und gehe in den Garten, wo meine Mutter es sich in einer Gartenliege bequem gemacht hat, während mein Vater Sandras Sandkasten inspiziert.
Ich setze mich neben meiner Mutter auf einen Stuhl und erkundige mich: „Was genau macht er da eigentlich? Hat er Angst, das könnte Treibsand sein, der Sandra verschlingt?“
Meine Mutter wirft mir einen amüsierten Blick zu. „Ich glaube, er sucht nach Hinterlassenschaften von Katzen. Die Viecher vermehren sich in letzter Zeit ziemlich.“
„Hier nicht, hier herrscht Danny.“
„Du bist grausam.“
„Ich bin nicht grausam, das Leben ist es. Ich kann auch nichts dafür, dass Katzen und Danny nicht kompatibel sind. Ich glaube, das nennt sich Verhaltensbiologie.“
„Wirst du auf deine alten Tage darwinistisch?“
Ich starre sie entgeistert an. „Ich? Darwin? Wenn überhaupt, dann interessiert mich der Darwin Award. Da habe ich eine ganz lange Vorschlagsliste. Aber Darwinismus?“
„Das klang vorher aber ganz, als wenn du an natürliche Auslese glauben würdest.“
„Klar, ein natürlicher Engel.“
„Ach ja.“ Meine Mutter lehnt sich zurück und nippt an ihrem Drink. „Nach all den Jahren habe ich mich immer noch nicht daran gewöhnen können, dass du … Ich weiß nicht einmal, wie ich es nennen soll. Statthalter, Krieger, Vampire … Das ist so unwirklich.“
„Mama, schau nach oben. Was siehst du da?“
„Den Himmel.“
„Was noch?“
„Die Sonne.“
„Was noch?“
„Keine Ahnung. Worauf willst du hinaus?“
„Du akzeptierst ohne Probleme, dass es da den Himmel gibt, die Sonne, weißt nicht einmal genau, was das ist, akzeptierst, was du darüber in der Schule gelernt hast, dass da so ein Feuerball ist, in dem es unvorstellbar heiß ist, dass es Sterne gibt, du akzeptierst, dass du niemals zu den Sternen reisen wirst, weil Einstein was dagegen hat, all das bereitet dir keine Probleme. Ich sorge hier für ein bisschen Gleichgewicht und daran kannst du dich nicht gewöhnen?“
„Du solltest in die Politik gehen“, bemerkt mein Vater, der die Inspektion des Sandkastens beendet hat und neben uns steht. „Apropos, ich hole mir was zu trinken, möchtet ihr auch was?“
Meine Mutter hält ihm ihr Glas hin. Ich mustere die traurigen Reste meines Caipi, dann nicke ich.
„Ich habe mich auch daran gewöhnt, dass es einen Gott gibt, dass Jesus für uns gestorben ist, dass in jedem noch so kleinen Kaff eine Kirche steht. Das war keine Gefahr, es ist eigentlich so weit entfernt vom täglichen Leben wie die Sonne und die Sterne. Aber du, mit all deinen Fähigkeiten, du bist Teil unseres Alltags.“
„Ich achte schon darauf, dass ihr möglichst wenig davon mitbekommt.“
„Möglichst, genau.“
Ich denke an die Ereignisse vor einem Jahr und seufze. „Okay, klappt nicht immer. Vielleicht ist es ja auch ganz gut, wenn du nicht alles erfährst, was ich so erlebe.“
„Das glaube ich allerdings auch.“ Sie wendet den Blick von mir ab, denn ihre Schwester kommt auf uns zu. Ich schließe die Augen und höre nur halb zu, wie die beiden sich über irgendeine Nachbarin meiner Tante aufregen. Eigentlich regt sich nur meine Tante auf, meine Mutter nimmt es eher locker. Ich glaube, die letzten Jahre mit mir haben sie ziemlich abgehärtet, was aufregende Ereignisse angeht.
Plötzlich passiert etwas. Mit aufgerissenen Augen setze ich mich auf und starre nach vorne.
„Fiona? Was ist los?“ Meine Mutter klingt panisch.
Ich versuche herauszufinden, was mich so aufgeschreckt hat. Es war wie eine Erschütterung, aber sie kam nicht vom Boden, nicht wie ein Erdbeben. Ich habe sie gefühlt. Was zum Teufel war das?
Ich wende mich meiner Mutter und ihrer Schwester zu und lächele etwas verkrampft. „Ich glaube, ich bin eingedöst und habe etwas geträumt.“
Ich sehe meiner Mutter deutlich an, dass sie mir nicht glaubt, aber wegen meiner Tante lieber nicht nachbohrt. Zum Glück kommt jetzt auch mein Vater mit den Drinks.
Ich lehne mich wieder zurück und nippe an meinem Caipi. Den hat mein Vater zubereitet und er kann das verdammt gut. Ich schenke ihm ein dankbares Lächeln, während mein Unterbewusstsein verzweifelt versucht, sich zu erinnern, wie die Erschütterung sich angefühlt hat. Da anscheinend niemand außer mir sie wahrgenommen hat, war es auf jeden Fall etwas, was mit meinem Kriegerdasein zu tun hat. Ich werde heute Abend mal die anderen fragen, ob sie auch was gemerkt haben. Und dann war da noch etwas anderes, was ich gar nicht einordnen kann. Wie eine Art Schrei …

„Nicholas!“, rufe ich erfreut.
„Wir haben ihn einfach gezwungen, mitzukommen“, erklärt meine Mutter und schiebt den alten Mann durch die Tür. „Ich dachte, bei diesem eher privaten Teil kann er als quasi Familienmitglied ruhig mal dabei sein.“
„So sehe ich das auch“, erwidere ich und umarme Nicholas. „Kommt rein, ihr seid die Ersten.“
„Schon wieder?“, bemerkt mein Vater.
Noch bevor ich antworten kann, spüre ich, wie sich jemand der Tür nähert und öffne sie. Das Triumvirat ist da: Michael, Nilsson und John. Wie schön wäre es, wenn Katharina auch dabei wäre. Und Elaine.
Ich muss mich zwingen, mir nichts von meinen düsteren Gedanken anmerken zu lassen und begrüße die drei überschwänglich. Michael mustert mich von Kopf bis Fuß.
„Hast du das heute Nachmittag auch getragen?“
„Nein, der Hausanzug ist nur euch vorbehalten. Heute Nachmittag trug ich High Heels, eine schwarze Strumpfhose, Minirock und eine halb transparente Bluse. Und natürlich einen nicht transparenten BH.“
„Danke! So genau wollte ich das gar nicht wissen.“
„Du hast die Farbe des Schlüpfers vergessen“, bemerkt John. „Oder hast du gar keinen getragen?“
Meine Mutter verschluckt sich, ich verpasse John einen angedeuteten Tritt und begleite meine Mutter in die Küche, um ihr dort mit einem Glas Wasser das Leben zu retten.
Kurz darauf klingelt es schon wieder und danach sind wir mit Ben und Jack komplett. Hat irgendwie was Vertrautes. Findet Töchterchen auch und knutscht sie der Reihe nach ab.
Ich hole die Torte, die etwas kleiner ist als die heute Nachmittag für die Verwandtschaft. James kümmert sich derweil um den Wein. Mein Vater verzichtet diesmal auf eine Rede, wofür ich ihm ausgesprochen dankbar bin. Seit ich vorhin an Katharina denken musste, ist meine Stimmung sturzflugartig in den Keller gefallen.
Irgendwann landet Sandra wieder bei mir. Ich schnuppere an ihren Windeln, aber es besteht kein Handlungsbedarf.
„Du machst das inzwischen richtig routiniert“, stellt Nilsson fest.
„Was?“
„Wie du an Sandras Windeln geschnuppert hast.“
„Haha.“
„Hast du schlechte Laune?“
„Nein.“
Sandra verputzt den Rest meines Tortenstücks und greift dann blitzschnell nach dem Weinglas. Ihre Geschwindigkeit ist unglaublich. Ich schaffe es gerade so, ihr das Weinglas mit sanfter Gewalt zu entwinden, was lautstarken Protest bei ihr auslöst. Erst als James ihr in einem Weinglas roten Traubensaft reicht, werden meine Ohren erlöst. Ich beobachte sie beim Trinken und streichele ihren Kopf. Sie wird eine verdammt starke Persönlichkeit werden.
Wenn sie es erlebt, schießt es mir plötzlich durchs Hirn.
Vor Schreck lasse ich sie fast fallen. Was war das denn schon wieder? Als ich hochblicke, merke ich, wie Michael mich beobachtet. Er sieht ziemlich nachdenklich aus.
So nachdenklich, dass er mir später hilft, einige Sachen in die Küche zu tragen und dann leise sagt: „Was ist denn mit dir los?“
„Keine Ahnung, was du meinst.“ Ich räume die Sachen in die Spülmaschine. Michael reicht mir Gläser an, dabei berühren sich unsere Hände. Verdammt. Ich habe mich schon bewusst unsexy angezogen, den schwarzen Hausanzug und die Füße nackt, trotzdem spüre ich, wie es beinah knistert.
„Vorhin hat dich etwas erschreckt. Und als wir kamen, hätte ich dich am liebsten auf den Arm genommen und getröstet.“
„Idiot.“
„Das meine ich ernst. Du hast ausgesehen, als würdest du gleich anfangen zu weinen.“
„Ich habe Geburtstag, da werde ich immer sentimental.“
„Und du willst es mir nicht erzählen?“
Ich schließe die Tür des Geschirrspülers und lehne mich dagegen. „Michael, ich habe heute Nachmittag was gespürt. Einfach so. Als wäre da … Ich weiß nicht, was es war. Eine Art Erschütterung, aber sie war nicht physisch. Hast du auch was gemerkt?“
Er schüttelt den Kopf.
„Können Krieger verrückt werden?“
„Theoretisch schon, aber nicht du.“
„Was soll das denn schon wieder bedeuten?“
„Du bist doch keine gewöhnliche Kriegerin.“
„Ach? Wieso nicht?“
„Fiona, willst du mich verarschen? Du hast einen Krumana-Dämon getötet. Und auch wenn du dich weigerst, uns zu erzählen, wie du das geschafft hast, steht eines doch fest: Keiner von uns hätte das geschafft. Krumana-Dämonen verhalten sich zu Kriegern wie Kryptonit zu Superman.“
„Sehr witzig.“
„Also, was hat dich fast weinen lassen?“
Der Kerl lässt wohl nicht locker.
„Ich habe nur einen kurzen Moment daran gedacht, dass auch Katharina … mit euch … Egal.“
Michael mustert mich, dann wischt er die eine dämliche Träne ab, die es gewagt hat, sich aus dem Augenwinkel zu schleichen.
„Sie ist übrigens wieder in der Stadt.“
„Schön für sie“, erwidere ich und gehe zurück zu den anderen.

Es ist heiß. Das spüre ich selbst durch die geschlossenen Fenster. Da ich nicht schon mit durchschwitzten Sachen losfahren will, gehe ich nackt hinunter zum Frühstücken. James hat heute frei und den Tisch schon gedeckt. Sandra sitzt auf seinem Schoß und malt mit Marmelade irgendwas auf seine Stirn.
„Ihr dürft gleich baden gehen“, teile ich ihnen mit.
„Macht ja nix. Vielleicht gehen wir rüber zu deinen Eltern und in den Pool.“
„Bei der Hitze eine gute Idee. Achte darauf, dass sie nicht zu lange in der Sonne ist.“
James mustert mich. „Ist nicht mein erstes Kind.“
„Entschuldige“, murmele ich. Verdammte Scheiße.
„Schon gut. Alles in Ordnung bei dir?“
Ich nicke. Warum sollte nicht alles in Ordnung bei mir sein? Wir haben bald Mitte August, der Sommer war schön und ist es noch, heute Morgen hatten wir ausgiebigen und vor allem ungestörten Sex, auch wenn das bedeutete, dass James schon das Badezimmer unten renovieren durfte, also ist doch alles in bester Ordnung.
So rein theoretisch.
„Vielleicht solltest du heute auch mal frei nehmen“, schlägt James vor.
„Geht nicht, ich habe einen wichtigen Termin.“
„Dann mach früh Feierabend.“
„Das könnte ich machen.“ Ich nippe am heißen Kaffee und überlege, was ich essen soll. Eigentlich ist mir gar nicht nach Essen. Genau genommen ist mir irgendwie sogar schlecht. Ich werde doch nicht schon wieder schwanger sein?
Ich beschließe, dass ich auf der Heimfahrt einen Test besorgen werde.
Kann es sein? Ich überlege, ob wir zu der infrage kommenden Zeit überhaupt Sex hatten. Mir gelingt es aber nicht, die infrage kommende Zeit genau genug zu bestimmen, also höre ich mit dem Nachdenken auf..
Dann frühstücke ich heute eben nicht.
Als ich mich erhebe, um nach oben zu gehen und mich anzuziehen, fragt James: „Willst du heute nichts essen?“
„Kein Hunger.“
Ich stehe lange vor dem Kleiderschrank. Schließlich entscheide ich mich für ein luftiges, helles Sommerkleid mit Spaghettiträgern, das bis zu den Knien reicht und nach einem transparenten BH verlangt, weißes Höschen und flache Sandalen. So sieht zwar kein Engel aus, aber eine Fiona, die ungewohnterweise wegen der Hitze leidet, die schon.
James zieht eine Augenbraue etwa zwei Millimeter hoch, sagt aber nichts weiter. Er kriegt einen Kuss auf den Mund, Sandra tausende überallhin, dann fahre ich mit meinem Auto ins Büro.
In unser neues Büro. Ich werde wohl noch eine Weile brauchen, mich daran zu gewöhnen, dass wir umgezogen sind. Aus dem alten Wolkenkratzer mitten zwischen anderen Bürogebäuden von Versicherungen, Banken und Anwaltskanzleien auf einen Campus, der nur uns gehört. Den Mittelpunkt bildet ein vollkommen gläsernes Gebäude für die Verwaltung, in dem mein Büro die oberste Etage einnimmt. Trotz meiner Gegenwehr, aber letztlich musste ich mich den Argumenten der Architekten, Monicas und meiner Mitarbeiter geschlagen geben. Die Chefin eines Unternehmens, die den Wert dieses Unternehmens in fünf Jahren mehr als verzehnfacht hat, muss einfach einen repräsentativen Sitz haben. Nicht für die eigenen Leute, sondern für die Partner. Für die Autoren, für die Boygroups, für die Filmproduzenten, für die Regierungen, für alle, mit denen wir Geschäfte machen.
Ich wünschte, ich hätte mich von meinem Vater nicht überreden lassen, die Firma zu übernehmen.
Den Wagen stelle ich direkt neben dem riesigen Haupteingang ab und spaziere auf den Empfang zu. Claire lächelt mir entgegen.
„Hi Fiona. So sommerlich angezogen heute.“
Ich deute nach draußen. „Ist ja auch Sommer.“
„Das stimmt. Man sieht dich trotzdem selten in so einem Kleid.“
„Ich sollte das ändern.“
Claire nickt. „Steht dir gut.“
Monica runzelt die Stirn, als sie mich aus dem ebenfalls gläsernen Aufzug steigen sieht. „Du siehst so luftig aus.“
„Hallo? Erst Claire und jetzt du? Es ist Sommer!“
„Wir haben eine Klimaanlage. Außerdem siehst du halt ungewohnt aus. Kaffee?“
„Ja, stark und schwarz.“
Monica runzelt erneut die Stirn, sagt aber dieses Mal nichts. Ich gehe ins Büro, das nur nach draußen gläsern ist. Mein Laptop ist bereits eingeschaltet. Ich entsperre den Bildschirm und lese die neuen Mails.
Monica stellt den Kaffee auf den Tisch und bemerkt: „Irgendwie siehst du scheiße aus. Bist du krank?“
Ich starre sie an. Sie kann ja nicht wissen, dass es völlig ausgeschlossen ist, dass ich krank bin. Nicht einmal durch eine Schwangerschaft. Aber was zum Teufel ist dann los? Ich fühle mich tatsächlich schlecht. Nicht einmal, als ich mit Sandra schwanger war, habe ich mich so gefühlt.
Es kommt urplötzlich. Ich schaffe es gerade so eben bis zur Toilette, bevor ich loskotze. Da ich schon lange nichts mehr gegessen habe, ist es vor allem grünlicher Schleim, den ich von mir gebe, und ich merke, dass Panik langsam in mir aufsteigt.
Ich. Bin. Eine. Kriegerin. Ich kann nicht krank werden.
Dann ist Monica da und hilft mir, mich aufzurichten. Sie packt mich am Kinn und blickt mir tief in die Augen.
„Du solltest zum Arzt gehen“, sagt sie dann.
„Mir fehlt nichts.“
„Hallo? Du hast grad nur durch einen Raketenstart verhindern können, dass du ins Büro kotzt!“
„Trotzdem …“
Ich gehe zurück ins Büro. Monica bringt mir ein Glas Wasser, das ich brav trinke.
„Soll ich nicht lieber den Arzt anrufen?“
„Welchen Arzt?“, erwidere ich.
Monica stutzt. Wahrscheinlich wird ihr gerade klar, dass ich gar keinen Hausarzt habe. Und dass sie mich noch nie krank erlebt hat.
„Ich suche dir einen“, sagt sie schließlich.
„Lieb von dir, aber es geht schon wieder.“
„Ganz sicher?“
Ich nicke. „Wann habe ich den Termin?“
„In einer halben Stunde. Soll ich ihn ab…“
„… vorbereiten“, unterbreche ich sie und schaffe es sogar, ein Lächeln auf mein Gesicht zu zaubern.
„Na gut. Ich bin nicht einverstanden, aber du bist die Chefin.“
Ich blicke ihr lächelnd hinterher, dann klingelt mein Handy. Unbekannte Rufnummer.
„Ja?“
„Hallo Fiona.“
Ich erstarre. Niemals wäre mir, nicht einmal in meinen schlimmsten Albträumen, die Idee gekommen, ich würde diese Stimme jemals aus einem Telefon hören.
„Zanda …“
„Wie schön, du hast mich erkannt.“
„Was willst du?“, flüstere ich.
„Du kommst wohl gerne direkt zur Sache? Das liebe ich so an dir. Nun, kannst du dich erinnern, dass ich dir etwas versprochen habe?“
„Zanda, ich habe dir doch gesagt, dass ich sie nicht getötet habe!“
„Ich weiß, was ich gesehen habe“, erwidert er und plötzlich ist seine Stimme kalt. Sehr kalt. „Und ich will, dass du auch erfährst, wie es sich anfühlt, jemanden zu verlieren, den man mehr liebt als alles andere auf der Welt. Heute ist Zahltag.“
Aufgelegt.
Ich starre das Handy an. „Heute ist Zahltag“ … Heute? Jetzt!
Ich wähle hektisch die Nummer von James.
„Hallo, mein Schatz“, meldet er sich, und er klingt fröhlich.
„Seid ihr schon bei meinen Eltern?“
„Nein, während ich mich angezogen habe, hat Sandra die Kaffeemaschine einer gründlichen Ansicht unterzogen. Ich musste erst der Küche eine Grundreinigung zuteil werden lassen. Und als wir dann los wollten, kam der Techniker.“
„Was für ein Techniker?!“
„Wegen des Internetanschlusses. Er sagte, du hättest einen neuen Tarif bestellt und …“
„Ich habe gar nichts bestellt“, flüstere ich und spüre, wie mir kalt wird. Sehr kalt. „Wo ist er jetzt?“
„Unten, im Keller. Hör zu, mein Schatz, er will grad was von mir, ich ruf dich gleich wieder an.“
„Nein, warte, nicht, geh nicht …!“ Zu spät, er hat bereits aufgelegt.
Verdammt! Wenn ich die Polizei anrufe, ist sie niemals rechtzeitig da. Wenn ich selber fahre, genauso wenig. Und wenn ich nicht ganz schnell etwas unternehme, dann …
Ich atme tief durch. Es gibt nur eine Möglichkeit, und im Moment kann und will ich nicht über die Konsequenzen nachdenken.
Ich gehe zum Fenster.

Meine Hand.
Ich bewege einen Finger. Dann einen anderen. Es ist wirklich meine Hand, und sie funktioniert noch.
Doch wo bin ich überhaupt?
Ich liege auf etwas Weichem. Es könnte sogar ein Bett sein. Unter meinem Kopf wahrscheinlich ein Kissen. Es ist warm. Langsam kommt mein Körpergefühl wieder. Ich spüre, dass eine Decke auf mir liegt. Ich selbst liege auf dem Bauch, den Kopf nach links gedreht, sodass meine rechte Wange das Kissen berührt. Es ist meine linke Hand, die ich sehe. Jetzt nehme ich auch den rechten Arm wahr, er liegt leicht verdreht rechts von mir auf dem Bett und unter der Decke.
Ich drehe mich auf die Seite und richte mich halb auf. Es ist dunkel, nur schemenhaft erkenne ich einige Umrisse. Meine erste Vermutung, ich könnte in einem Krankenhaus oder in einer Klinik sein, bestätigt sich nicht. Ein großes Schlafzimmer, sehr luxuriös eingerichtet, mit schweren, massiven Holzmöbeln.
Hier war ich schon mal.
Ich schlage die Decke zurück, stehe auf und gehe zum Fenster, das von der Decke fast bis zum Boden reicht. Dabei wird mir bewusst, dass ich nackt bin.
Rechts vom Fenster befindet sich der Schalter für den Rollladen. Ich betätige ihn kurz, gerade so lange, dass die Lamellen sich drehen und etwas vom Tageslicht reinlassen. Draußen ist es blendend hell, die Augustsonne scheint weit oben zu stehen.
Aber welcher Tag ist heute überhaupt?
Und wieso bin ich hier?
Ich gehe zum riesigen Kleiderschrank. Vermutlich passt mir alles, was sich darin befindet. So ist es auch. Ich streife ein langes T-Shirt über und ziehe einen Schlüpfer an. Dann verlasse ich das Schlafzimmer.
Es ist dasselbe wie vor einem Jahr.
Ich gehe nach rechts den breiten, hellen Gang entlang, bis zur Mitte, dorthin, wo sich die großzügige Treppe mit den ausladenden Stufen befindet. Ich muss nur eine Etage tiefer, um ins immer wieder faszinierende Erdgeschoss zu gelangen.
Ein Geräusch, das ich schon oben gehört habe, wird immer deutlicher. Tischtennis. Jemand spielt Tischtennis, und zwar ziemlich gut. Die Ballwechsel sind schnell, die Bälle hart und schnell geschlagen. Gegen wen mag Katharina da spielen?
Dann wird mir klar, dass Katharina gar nicht spielt. Es sind zwei junge Mädchen in ärmellosen Shirts und kurzen Hosen, barfuß. Das Mädchen mit dem Rücken zu mir dürfte Helena sein, das andere Mädchen, mit blondem Pferdeschwanz, kenne ich nicht.
Als es mich entdeckt, lässt es den Schläger sinken und deutet mit einer Kopfbewegung in meine Richtung. Helena legt ihren Schläger weg und kommt auf mich zu.
„Fiona! Du bist aufgewacht!“
„Ja … Vielleicht.“ Ich fasse an meine Schläfe. „Das alles kommt mir wie ein Traum vor. Wieso bin ich hier? Und wo ist Katharina?“
Helena mustert mich kurz, dann dirigiert sie mich zu einer Sitzgruppe mit Rattanmöbeln. Sanft drückt sie mich auf einen der Stühle und legt meine Füße hoch. In der Zwischenzeit holt die Blondine ein Glas mit Zitronenwasser. Helena nimmt es und drückt es mir in die Hand.
„Trink das, du bist vermutlich ganz ausgetrocknet.“
Ich nippe daran. Es tut wirklich gut. Aber wieso bin ich ganz ausgetrocknet? Was ist überhaupt passiert?
„Was … was ist heute für ein Tag?“
„Samstag. 15. August.“
Ich schließe die Augen. Irgendwas stimmt hier nicht. Grad war es doch noch Mittwoch. Warum bin ich hier? Und wie bin ich hierher gekommen?
„Wie bin ich hierher gekommen?“
Helena kaut auf ihrer Unterlippe herum, bevor sie antwortet: „Mama hat dich geholt.“
„Sie hat mich geholt? Von wo?“
„Aus dem Krankenhaus.“
Ich runzele die Stirn. Ich war im Krankenhaus? Warum? Und wieso erinnere ich mich überhaupt nicht daran, dass ich im Krankenhaus war? Und wie kommt Katharina, ausgerechnet Katharina, eigentlich dazu, mich aus einem Krankenhaus zu holen? Zu sich?
Irgendwas stimmt hier ganz und gar nicht.
„Erinnerst du dich denn gar nicht, was passiert ist?“, fragt Helena leise. Sie hockt immer noch neben mir. Die Blondine steht hinter ihr und beobachtet mich.
„Nein. Wer ist das?“
Helena schaut kurz nach hinten. „Das ist Jody, meine Freundin.“
„Hi Jody.“
„Hi“, erwidert sie. Ihre Stimme klingt angenehm. Kräftig und warm. Freundin? Was für eine Freundin?
„Und Kay?“
Wieder kaut sie auf ihrer Unterlippe herum. Hat sie das bei mir abgeschaut? „Meine Eltern haben sich vor einigen Wochen getrennt. Mein Vater ist ausgezogen.“
Wie? Was? Wieso weiß ich davon nichts?!
„Sie haben sich getrennt?“
Helena nickt. Ihre Augen glänzen verdächtig. Dann ist Katharina ja nicht mehr mit ihrem Mann zusammen und … Mir fällt James ein und ich richte mich auf. Mir wird kalt. Sehr kalt.
„Was … Ich … Ich erinnere mich jetzt, dass ich im Büro war. Und dann war da ein Anruf. Ist Katharina bei James?“
Helena schüttelt langsam den Kopf und flüstert: „James ist tot.“
„Tot? Was ist mit meiner Tochter?“
„Sie ist auch tot. Sie …“ Helena schluckt hörbar, bevor sie fortfährt: „Du bist hingeflogen, aber es war schon zu spät. Das Haus ist explodiert und bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Du bist zusammengebrochen. Deine Eltern waren auch da. Dann wurdest du in das Krankenhaus gebracht und mit Beruhigungsmitteln vollgespritzt. Es tut mir leid.“
Ich starre sie an.
„Ich konnte sie nicht retten?“
„Niemand hätte das gekonnt. Das Haus ist explodiert, bevor du da warst. Die Explosion war so stark, dass alles, was sich im Haus befand, verglüht ist.“
Ich wende den Blick ab und starre nach draußen. Das war vor drei Tagen.
„Mama hat es im Internet gehört, wenige Minuten nach der Explosion. Sie ist sofort losgefahren und ist dem Krankenwagen begegnet, der dich abgeholt hat. Sie fuhr hinterher. In der Nacht hat sie dich rausgeholt und hergebracht. Seitdem hast du durchgeschlafen.“ Sie atmet tief durch. „Bis heute Mittag war sie die ganze Zeit bei dir, aber dann musste sie weg. Ein Termin, den sie schon verschoben hatte und nicht noch einmal verschieben konnte. Aber sie ist bald wieder hier.“
„Warum hat sie das getan?“
„Sie war der Meinung, dass es nicht gut wäre, wenn sie dich im Krankenhaus dabehalten. Nicht für das Krankenhaus und nicht für dich.“
Ich nicke langsam. „Ja, das stimmt.“ Ich ziehe meine Beine an und beginne zu schaukeln. „Was ist mit meinen Eltern?“
„Das weiß ich nicht. Vielleicht hat Mama ihnen Bescheid gesagt.“
Ja, vielleicht. Ich starre wieder nach draußen. Es ist ein wirklich schöner Sommertag. Ich kann den Pool sehen. Eigentlich müssten wir jetzt am Pool sein, bei meinen Eltern. James, Sandra, Danny und ich. Unsere kleine Familie. An einem herrlichen Sommertag, an einem Wochenende, die kleine Sandra bei Oma und Opa. Wie so oft schon.
Aber wir sind es nicht. Sie sind nirgendwo. Nur noch ich bin.
Plötzlich weiß ich, was ich zu tun habe. Ich springe auf und gehe auf die Treppe zu. Doch dann stellt sich mir Helena in den Weg.
„Wo willst du hin?“
„Ich werde Zanda töten“, erwidere ich ruhig.
„Mama wusste, dass du das sagen würdest. Sie hat gesagt, wir sollen es verhindern.“ Jetzt steht auch Jody zwischen der Treppe und mir.
Ich starre die beiden an, versuche, an ihnen vorbei zu kommen, aber sie sind schnell. Beide sind schnell. Jody ist keine Kriegerin, das würde ich spüren, aber sie ist auch kein gewöhnlicher Mensch.
„Lasst mich vorbei. Ich will euch nicht wehtun.“
„Das geht nicht. Wenn du vorbei willst, musst du uns wehtun. Aber das solltest du nicht tun. Ich meine, ich kann verstehen, dass du das tun willst. Aber du solltest es nicht jetzt, nicht in diesem Zustand tun.“
„Was redest du da? Ich werde Zanda töten. Jetzt.“
Ich mache einen Schritt vorwärts und das Nächste, was ich wieder bewusst wahrnehme, ist, dass ich auf dem Boden kauere und die beiden Mädchen mich in den Armen halten. Ich spüre, dass mein Gesicht nass ist. Mein Atem geht rasselnd, ich schnappe förmlich nach Luft.
Mir wird klar, dass ich einen Blackout hatte, dass ich zusammengebrochen bin. Die Wucht des Schmerzes, als mir mit völliger Klarheit bewusst wurde, was geschehen ist, hat mich von den Füßen gerissen. Wortwörtlich.
Ich sehe Helena und Jody an, die mich festhalten. Sie haben auch geweint, das sehe ich an ihren Gesichtern, während ich verzweifelt um Luft kämpfe.
Es dauert noch eine ganze Weile, bis ich nicht mehr das Gefühl habe, gleich ersticken zu müssen. Jody springt auf und holt mir mein Wasser. Ich trinke das Glas gierig leer.
„Wie … wie lange war ich weg?“
„Weiß nicht. Vielleicht zehn Minuten. Wir haben ganz schön Angst bekommen.“
„Es tut mir leid.“ Ich senke den Blick. „Es ist alles meine Schuld.“
„Was ist deine Schuld? Ich verstehe nicht.“
Ich sehe Helena an. „Alles ist meine Schuld. Dass Sandra tot ist, und James, und Danny. Sie sind alle meinetwegen gestorben. Es ist meine Schuld.“
„Das ist doch nicht deine Schuld!“
„Doch.“ Ich schließe die Augen. „Weil ich Anne Maries Avancen nicht zurückgewiesen habe. Weil ich zugelassen habe, dass sie sich an mich klammert. Deswegen sind wir noch einmal zurückgegangen, deswegen haben wir die Kette geholt, deswegen sind wir den Vampiren begegnet, deswegen ist Anne Marie gestorben.“ Ich öffne die Augen wieder und starre Helena an.
„Und was hat das mit … mit dem Tod von …“
„Zanda hat sich gerächt. Er glaubt, dass ich Anne Marie getötet habe. Dabei hätte ich alles getan, um sie zu beschützen. Aber ich habe versagt. Sie ist tot und nun auch Sandra. Und James.“
Helena will was sagen, doch dann schließt sie den Mund wieder. Hinter ihr erklingen Schritte und dann kommt Katharina um die Treppe herum und bleibt wie angewurzelt stehen.
Sie trägt einen eleganten Sommeranzug und sieht unglaublich schön aus. Nur die dunkle Sonnenbrille stört dabei etwas. Als sie diese jetzt abnimmt, sehe ich die rot geränderten Augen.
Ich glaube, sie hat mehr geweint als ich.

Ich beobachte Katharina. Sie sitzt mir gegenüber in einem der Rattanstühle, quer, die Beine lässig über die Lehne gelegt. Sie ist barfuß und trägt eine weiße Leinenhose, dazu passend die Bluse. Ihre Fußnägel sind rot lackiert. Die Jacke hat sie ausgezogen und über die Rückenlehne eines anderen Stuhls gehängt.
Ich sitze wieder, wo ich vorhin schon saß, und umarme die angezogenen Beine. Und konzentriere mich darauf, nicht zu schaukeln.
Auf dem Tisch vor mir steht ein Glas, diesmal mit Caipi darin. Helena hat ihn gemacht, bevor sie mit Jody nach draußen ging. Sie liegen jetzt in der Sonne, oben ohne.
Ich angele mir das Glas vom Tisch, ohne meine Beine loszulassen. Katharina sieht zu mir herüber. Sie hat auch ein Glas, der Farbe nach zu urteilen ist Whisky darin. Pur.
„Was ist geschehen?“, erkundige ich mich.
Katharinas sonst hellblaue Augen verdunkeln sich, nur für einen kurzen Augenblick. Dann nimmt sie einen Schluck von ihrem Drink und antwortet: „Ich war im Büro und las E-Mails, als in den Nachrichten die Explosion erwähnt wurde. Sie waren schnell, kaum mehr als fünf Minuten waren vergangen. Ich wusste sofort, welches Haus gemeint ist. Ich setzte mich ins Auto und fuhr los. Kurz bevor ich dort war, kam mir ein Krankenwagen entgegen. Ich spürte darin deine Anwesenheit und auch, dass du nicht bei Sinnen warst. Also wendete ich und fuhr hinterher. Im Krankenhaus haben sie versucht, dich ruhigzustellen und haben dafür so viel Barbiturate genommen, dass es für einen Elefanten gereicht hätte.“
„Barbiturate?“
Sie zuckt die Achseln. „Ich glaube, sie haben es erst mit anderen Mitteln versucht, damit hatten sie aber überhaupt keinen Erfolg. Sie konnten ja nicht wissen, dass dein Kriegerkörper das Zeug praktisch sofort wieder abbaut, vor allem, wenn er mit Adrenalin geflutet ist. Jedenfalls, irgendwann haben sie es geschafft, dich zu beruhigen. Wenn ich es mir so überlege, ist es fast ein Wunder, dass niemand zu Schaden gekommen ist.“
„Vielleicht habe ich einen Schutzmechanismus eingebaut.“
„Mag sein. Mir war klar, dass du nicht im Krankenhaus bleiben kannst. Erstens hätten sie dich eh nicht behandeln können und zweitens durften die nicht merken, dass du kein gewöhnlicher Mensch bist. Deine Resistenz gegen Beruhigungsmittel haben sie hoffentlich auf das Adrenalin geschoben.“
„Und was hast du getan?“
„Gewartet, bis alles ruhig war. Es war schon lange dunkel draußen. Dann habe ich dich geholt.“
„Mich geholt? Du hast mich rausgetragen?“
Sie schüttelt den Kopf. „Das war mein erster Plan, aber es wäre zu auffällig gewesen. Zum Glück warst du bereit mitzugehen.“
„Ich war wach?“
„Nun, inzwischen glaube ich das nicht mehr, da du dich offensichtlich überhaupt an nichts davon erinnern kannst. Aber ja, du hattest die Augen offen und hast brav getan, was ich dir gesagt habe. Wir sind hierher gefahren, ich habe dich ins Zimmer gebracht, dich ausgezogen und du hattest den Kopf noch nicht auf dem Kopfkissen und warst schon am Schlafen. Bis vorhin. Und das lag ganz sicher nicht an den Barbituraten.“
„Nein, ganz sicher nicht. Weiß denn jemand außer euch, dass ich hier bin?“
Sie schüttelt erneut den Kopf und nimmt einen Schluck von ihrem Drink. „Ich habe mit deinem Handy eine SMS an deine Mutter geschickt, gestern, als mir klar wurde, dass es länger dauern könnte, dass du in Sicherheit bist und dich meldest.“
Ich halte mein Glas zwischen den Knien und drücke die Stirn dagegen. Die Kälte tut gut.
„Ich … ich kann das nicht.“
„Was?“
„Meine Mutter anrufen. Nicht jetzt.“
„Dann ruf sie später an. Ist jetzt auch egal.“
„Eigentlich nicht. Ich rufe sie vielleicht wirklich später an. Oder morgen.“ Ich hebe den Kopf und starre Katharina an. „Ich sollte gehen.“
„Wohin? Und warum?“
Ihre hellblauen Augen mustern mich mit einem undefinierbaren Ausdruck. Dann wird mir klar, dass ich Angst sehe. Sie hat Angst, dass ich eine Antwort auf ihre Fragen habe.
Habe ich auch. Zumindest auf die erste. Bei der zweiten bin ich mir nicht so sicher.
„Ihr habt euch getrennt?“
Sie braucht einen Moment, um meinen plötzlichen Themenwechsel zu verdauen. Dann nickt sie. „Ja, schon vor einigen Wochen. Oder Monaten. Wir … wir haben uns entliebt. Und haben eingesehen, dass es keinen Sinn hat, krampfhaft die heile Familie spielen zu wollen. Und dass es besser ist, wir trennen uns, solange es noch friedlich geht. Kay ist nach London gezogen, hat dort eine schöne Wohnung, die ich bezahle. Auch seinen Lebensunterhalt, zumindest bis er es selbst kann.“
„Hat er einen Job?“
„Er macht eine Detektei auf. Nach London wollte er sowieso schon immer.“
Den Zusammenhang verstehe ich zwar nicht, aber es spielt auch keine Rolle, glaube ich.
„Bei seinen Fähigkeiten und Kontakten ist eine Detektei wahrscheinlich genau das Richtige.“
„Ich denke auch. Wie gesagt, wir sind noch Freunde. Mehr nicht.“
„Ist schon irgendwie seltsam, oder? Ich meine, das Schicksal ist ein so richtig fieser Hund. Du trennst dich von deinem Mann und ich kurz darauf …“ Auch, wollte ich noch sagen, aber das klappt nicht mehr. Ich merke noch, wie Katharina mit übermenschlicher Geschwindigkeit zu mir springt und das Glas mit dem Caipi auffängt, dann habe ich wohl den nächsten Aussetzer.
Als ich wieder einen halbwegs klaren Gedanken fassen kann, kniet Katharina neben mir und hält meinen Kopf an sich gedrückt. Ich befreie mich und versuche, die Tränen abzuwischen, was bei der Menge schier aussichtslos zu sein scheint. Katharina reicht mir ein Taschentuch, damit habe ich mehr Erfolg.
Ich schnäuze mich, dann knülle ich das Taschentuch zusammen und sage schniefend: „Wie soll das funktionieren? Ich meine, vor drei Tagen ist mein Mann gestorben. Wir … wir sind beide frei, aber das geht doch nicht.“
Katharina sieht mich ernst an. „Fiona, ich habe nicht aufgehört, dich zu lieben. Und du kannst mir glauben, ich habe so ziemlich alles versucht, um dich zu vergessen. Vier Jahre lang. Meine Ehe ist nicht zuletzt auch daran kaputt gegangen. Ich war schließlich vor einem Jahr so weit, dass ich gesagt habe, es ist mir egal. Und dann fiel mir das mit Michael ein und ich war froh, doch noch eine Ausrede zu haben. Es hat nur überhaupt nichts gebracht. Ich habe mich nicht von Kay getrennt, um für dich frei zu sein. Wie hätte ich auch ahnen können, was geschehen wird? Und du kannst mir auch glauben, ich würde alles tun, um es wieder ungeschehen zu machen. Aber das kann ich nicht, egal wie viel Macht ich habe.“ Sie atmet tief durch. „Mir ist klar, wie du dich fühlst und erwarte auch gar nicht, dass du etwas tust, was du gar nicht willst. Das verstehe ich, sehr gut sogar. Ich möchte nur, dass du weißt, dass ich dich liebe und dass ich warten kann. Tage, Wochen, Monate, Jahre. Das ist mir egal. Ich werde solange warten, wie es eben dauert.“
Was für eine perverse Situation. Da kniet sie neben mir, die Frau, nach der ich mich vier Jahre lang so verzehrt habe, und jetzt, wo ich sie haben könnte, ist es vollkommen unmöglich.
Warum eigentlich?
Weil vor drei Tagen erst James gestorben ist. Und Sandra. Und du so voller Schmerz bist, dass du dich gar nicht auf eine neue Beziehung einlassen kannst. Nicht jetzt.
Ich sehe Katharina an. Sie erwidert meinen Blick. Ihre Augen glänzen und langsam läuft eine Träne aus dem Außenwinkel ihres linken Auges. Sie rinnt an ihrer Wange hinab, an den Lippen vorbei, verharrt kurz an ihrem Kinn und fällt dann wie in Zeitlupe hinunter.
Ihre Lippen erzittern kaum merklich.
Sie hat sehr schöne Lippen. Sie erinnern ein wenig an die Lippen von Brigitte Bardot. Vielleicht nicht ganz so voll. Mir fällt ein, was sie mit diesen Lippen alles anstellen kann. Wie ihre Berührung sich anfühlt …
Fiona! Denk an James!
Ich denke an ihn. James war durch und durch pragmatisch. Würde er wollen, dass ich mich in Selbstmitleid zerfleische?
Es geht nicht um Selbstmitleid!
Wirklich nicht? Um was geht es dann? Wer sollte denn ernsthaft was dagegen haben?
Die Leute …
Die Leute? Das sagst du, Fiona Flame, der es sonst völlig am Arsch vorbei geht, was die Leute denken? Weißt du, was ich glaube?
Was denn?
Du hast einfach nur Angst. Vier Jahre lang hast du dir nichts sehnlicher gewünscht. Du hast es dir vorgestellt, immer wieder, wie es sein würde, sie wieder zu küssen, sie wieder in den Armen zu halten. Du hast es dir so sehr gewünscht und vorgestellt, dass du Angst davor hast, du könntest schon wieder enttäuscht werden.
Ja, kann schon sein, dass ich Angst habe. Ist sie denn unberechtigt? Was, wenn sie die Nächste ist?
Dann solltest du erst recht nicht warten.
Katharina legt den Kopf schief. „Was ist passiert?“
Ich schließe die Augen. Ich werde es bereuen. Und wie ich es bereuen werde.
Aber es ist mir scheißegal.
Ich werfe mich ihr so heftig an den Hals, dass ich vom Stuhl falle und sie umschmeiße. Wir landen beide auf dem Boden, sie unter mir. Ich presse den Mund auf ihre Lippen und suche ihre Zunge, die mir bereitwillig entgegen kommt.
Schließlich löse ich mich keuchend von ihr und spüre ihre Hände auf meinem Po.
„Wir sollten nach oben gehen. Trägst du mich hoch?“
„Ja, ich trage dich hoch“, erwidert sie halb lachend und halb weinend und richtet sich auf. Ich schlinge die Beine um ihre Hüften und verschränke die Hände hinter ihrem Nacken. Die Lippen auf meinen Mund gepresst, tastet sie sich die Stufen hoch, in das Zimmer, in dem ich vorhin aufgewacht bin.

Die süße Schwere, die so typisch ist nach einem heftigen Orgasmus, legt sich langsam auf uns. Katharinas Kopf liegt auf meinem linken Arm, ihr rechter Arm auf meinem Bauch und ihre rechte Hand locker zwischen meinen Oberschenkeln.
„Bereust du es?“, fragt sie plötzlich.
Ich drehe ihr meinen Kopf zu. Sie erwidert meinen Blick fragend.
Bereue ich es? Es ist erst wenige Stunden her, dass sie mir gestanden hat, wie sehr sie mich liebt, wenige Stunden, dass ich mich gegen jede Vernunft für sie entschieden habe. Gestern Nachmittag haben wir uns leidenschaftlich geliebt, gestern Abend haben wir uns leidenschaftlich geliebt und heute Morgen, jetzt gerade. Dazwischen haben wir gegessen, zwei Filme angesehen und geschlafen.
Ich verneine kopfschüttelnd.
„Musstest du so lange darüber nachdenken?“
„Nein. Nicht darüber. Oder besser gesagt, nicht nachdenken. Ich habe mich erinnert, wie ich mich gefühlt habe, seitdem du mich hochgetragen hast. Aber da war keine einzige Sekunde des Bedauerns. Ich liebe dich.“
Für einen Moment wird sie ganz starr. Dann dreht sie sich auf die Seite und vergräbt ihr Gesicht in meiner Halsbeuge. Innerhalb von Sekunden wird meine Schulter nass. Ich küsse ihre Schläfe und streichele ihren Rücken, ohne etwas zu sagen. Es sind einfach keine Worte nötig.
Schließlich hebt sie den Kopf und sieht mich an. Ihr Gesicht ist von einem Tränenschleier bedeckt. Irgendwie schon fast lustig, wie wir die Rollen getauscht haben.
„Entschuldige“, sagt sie schniefend.
„Wofür?“
„Na ja …“ Sie berührt meinen Hals. „Ich habe dich nass gemacht.“
„Das stimmt allerdings.“
„Was?“ Sie scheint sich schon wieder nicht entscheiden zu können, ob sie lachen oder weinen soll. „Du wirst nass, wenn ich weine?“
„Am Hals auf jeden Fall.“
Sie legt eine Hand zwischen meine Schenkel und ihre Augen weiten sich. „Das ist ja unglaublich!“
„Ich glaube, das kommt nicht von deinem Weinen“, murmele ich.
„Sondern?“
„Ist das jetzt wichtig?“
Sie schüttelt den Kopf. „Nicht wirklich. Ich schätze, ich muss jetzt was dafür tun, dass du wieder trocken wirst. Wenn ich dich schon so nass mache …“
Das sehe ich genauso. Ganz schafft sie es zwar nicht, aber irgendwann entschwinde ich aus dieser Welt und kehre erst viel später und nur zögerlich wieder. Katharina liegt mit erhobenem Kopf auf mir und beobachtet mich.
„Was hast du gesehen?“
„Eigentlich nichts Besonderes. Dein Gesicht war völlig entspannt. Du hast irgendwann sogar gelächelt.“
„Das müssen wir im Kalender rot markieren!“
„Okay. Ich schreibe nachher rein: ‚Hat nach supergeilem Orgasmus selig gelächelt.’“
„Wehe!“
Sie grinst und wird plötzlich ernst. „Fiona, du musst jetzt wirklich deine Eltern anrufen.“
Ich ziehe eine Schnute. „Musst du den Moment kaputt machen?“
„Der Moment ist schon vorbei.“
Das stimmt auch wieder. Seufzend strecke ich mich nach dem Handy, das auf dem Nachttisch liegt. Auf die nächsten Minuten freue ich mich nicht einmal ansatzweise.
Die Stimme meiner Mutter klingt schwach, als sie sich meldet: „Ja …?“
„Hallo, Mama. Ich bin es.“
„Oh Gott sei dank! Wir haben uns solche Sorgen gemacht! Und als diese SMS kam, haben wir gedacht, du wärst entführt worden!“
„Von wem sollte ich entführt worden sein?“
„Was weiß ich! Du warst doch gar nicht du selbst! Die Ärzte haben gesagt, sie hätten so was noch nie erlebt. Sie haben so viel Schlafmittel in dich reinpumpen müssen, dass sie schon Angst hatten. Aber es ging nicht anders.“
„Mein Körper betrachtet das Zeug als Gift und baut es sofort wieder ab. Mir geht es gut. Na ja, den Umständen entsprechend.“
„Aber wo um Himmels willen bist du überhaupt?“
„Bei Katharina.“
„Bei Katharina?“
Ich seufze und suche Katharinas Blick. Sie lächelt mich aufmunternd an.
„Hör zu, Mama, Katharina wusste, dass es nicht gut für mich im Krankenhaus ist und hat mich rausgeholt. Eigentlich war es nicht geplant, euch nicht Bescheid zu geben, aber ich habe einfach ein paar Tage geschlafen. Auch ohne das Zeug. Deswegen hat sie euch irgendwann die SMS geschickt, damit ihr wenigstens ein Lebenszeichen von mir habt.“
„Das verstehe ich nicht. Wieso hat sie dich nicht zu uns gebracht?“
„Weil ich dort zu nah am Geschehen gewesen wäre, Mama. In jeder Hinsicht.“
„Es ist so furchtbar“, sagt sie schniefend. „Niemand weiß, was passiert ist, zumindest will uns niemand was sagen. Nicht einmal Ben oder Jack. Ich habe sogar versucht, diesen Vampir zu erreichen, aber er ist unauffindbar.“
„Mama, ich glaube, sie wissen wirklich nichts. Woher auch. Und ich möchte nicht am Telefon darüber reden.“
„Aber wie dann? Sollen wir zu euch kommen?“
Ich denke kurz nach, dann erwidere ich: „Nein. Wir kommen zu euch.“
„Wann?“
„Heute. In zwei, drei Stunden.“
„In Ordnung. Wir … wir sind so entsetzt.“
„Das bin ich auch, Mama“, sage ich leise. „Bis nachher.“
Ich beende die Verbindung und starre Katharina an. „Ich habe dich gar nicht gefragt, ob du überhaupt mitkommen …“
„Natürlich.“
Ich liebe sie dafür, wie sie alles in dieses eine Wort legt. Alles, was unsere Beziehung ausmacht. Was ich schon einmal gespürt habe, als sie in der Verborgenen Welt bedingungslos zu mir gehalten hat, selbst als ich dort bleiben wollte und sie genau wusste, was das mit ihrem physischen Körper macht. Da ist nicht der Hauch eines Zweifels.
Ich atme tief durch. „Wir sollten duschen und uns dann auf den Weg machen. Das wird hart.“
Sie sagt nichts, aber das braucht sie auch nicht. Ihr Gesichtsausdruck ist deutlich genug.

„Was soll ich anziehen?“
„Nun ja. Das ist eine wirklich schwierige Frage.“ Katharina öffnet die Türen des riesigen Kleiderschranks. „Sieht so aus, als hättest du jede Menge Auswahl.“
„Ziehst du mich an?“
Sie mustert mich und ich beiße unwillkürlich auf meine Unterlippe. Grinsend schüttelt sie den Kopf, dann beginnt sie, verschiedene Kleidungsstücke aus dem Schrank zu räumen. Ihr nackter Körper glänzt, ihre noch nassen Haare schmiegen sich an die Konturen ihres Kopfes an. Am liebsten würde ich weinen.
Da kommt es mir ganz recht, dass Katharina offensichtlich unter geistiger Verwirrung leidet.
„Was willst du mit zwei Slips? Und zwei Blusen? Und…?“
„Soll ich denn nackt gehen?“
„Ähm …“
Sie lacht auf. „Ich deute das mal als Zeichen der Verwirrung, nicht als Zustimmung. Jedenfalls dürften deine Sachen auch mir passen.“
„Nicht alles.“
Sie hält einen Sport-BH hoch. „Der schon. Dann werde ich dich wenigstens nicht so verwirren.“
„Dafür reicht es nicht, dir den Busen abzuquetschen.“
Sie sagt nichts mehr, sondern beginnt tatsächlich, mich anzuziehen. Scheiße, fühlt sich das blöd an! Sie geht vor mir in die Hocke, hebt erst ein Bein hoch und zieht den Schlüpfer über den Fuß, dann das andere. Danach geht es weiter mit meinem BH, einer schwarzen Bluse und schwarzer Leinenhose. Und schließlich bekomme ich noch Slipper auf die Füße gezogen.
„Fertig“, sagt sie und erhebt sich. „Jetzt bist du dran.“
Schweigend mache ich mich an die Arbeit. Sie erfordert ernsthafte Konzentration, spätestens als ich den Schlüpfer hochziehe und dabei für einen Moment ihre nackte, absolut glatt rasierte Muschi vor Augen und Nase habe. Ich schlucke, dann mache ich weiter. Dabei sehe ich, dass sie unverschämt grinst. Klar, sie hat ja dasselbe schon hinter sich. Nach ein paar Sekunden ist sie auch eingekleidet.
Ich gebe ihr einen Kuss auf den Mund, dann hole ich mein Handy und sehe sie fragend an.
Sie erwidert den Blick nachdenklich.
„Was?“
Statt einer Antwort geht sie zu einem anderen Schrank und holt mehrere Taschentücher hervor, die sie einsteckt.
„Gehen wir“, sagt sie dann.
Mir wird plötzlich bewusst, was mir bevorsteht, und ich würde am liebsten wieder umdrehen, ins Bett gehen, die Decke über den Kopf ziehen und ein paar Wochen schlafen.
Unten treffen wir Helena und Jody an. Sie sind im Pool und knutschen herum. Anscheinend haben sie weniger Hemmungen als wir. Sie sind ja auch deutlich jünger.
Fiona!
Schon gut. Ist doch so.
Ich winke den beiden zu, nachdem Katharina ihnen erklärt hat, wohin wir wollen und dass es spät werden kann.
„Wir kommen zurecht“, erwidert Helena. „Und viel Kraft!“
„Danke.“
Wir gehen in die riesige unterirdische Garage.
„Hast du einen besonderen Wunsch?“
„M3, Cabrio.“
Sie starrt mich an, schließlich nickt sie. „Das kam ja spontan. Wenn du BMW liebst, wieso fährst du dann so einen ollen Kombi?“
„Oller Kombi? So viel langsamer ist der gar nicht!“
„Sieht aber scheiße aus.“ Sie deutet auf ein weißes Cabrio. „Willst du fahren?“
Statt einer Antwort springe ich auf den Fahrersitz. Katharina steigt etwas lässiger auf der anderen Seite ein.
„Wo ist der Schlüssel?“
„Versuch es doch mit dem Knopf da.“
„Trotzdem muss der Schlüssel doch im Auto sein!“
Katharina öffnet das Handschuhfach und holt den Schlüssel hervor. „Zufrieden?“
Ich nicke und starte den Motor. Es ist eine Ewigkeit her, dass ich zuletzt einen BMW fuhr. Ich muss an meinen 3er denken, den ich damals geschrottet hatte, als der Motorradkiller hinter mir her war. Ganz so heiß wie dieser hier war der zwar nicht, aber auch nicht gerade eine lahme Krücke.
Ich fahre den Wagen zivilisiert nach draußen und gebe erst Gas, als wir auf der langen Geraden sind, die zum Tor führt. Die fünf Kilometer haben wir in wenig mehr als einer Minute geschafft. Dann muss ich allerdings abbremsen, denn das Tor öffnet sich erst, als wir davor stehen.
„Geht das nicht auch etwas komfortabler?“, erkundige ich mich, während ich den Wagen in die Schleuse fahre.
„Ich habe viele Feinde.“
Ein schlagendes Argument.
Draußen gebe ich wieder Gas. Ich fahre die Strecke nicht zum ersten Mal und weiß, wo die Blitzer stehen. Ich will Jacks Protektion nicht überstrapazieren, außerdem erwarten sie mich nicht in einem weißen Cabrio.
Dann biegen wir auf die King Valley ein. Die ersten fünf Grundstücke ziehen an uns vorbei und ich kann bereits die offene Einfahrt meiner Eltern sehen. Daneben die 13, wo wir gewohnt haben. Diese Einfahrt ist mit einem rotweißen Plastikstreifen abgesperrt.
Ich fahre langsamer, bis neben den Plastikstreifen, und starre geradeaus. In diesem Moment weiß ich nicht, ob ich den Anblick ertragen kann.
Aus dem Augenwinkel sehe ich, dass Katharina mich beobachtet. „Wir können auch später wiederkommen“, sagt sie leise.
Ich schüttele den Kopf und beiße auf meine Unterlippe. Dann sehe ich sie an. An ihr vorbei erkenne ich unscharf die Reste vom Haus, soweit sie von dieser Position aus überhaupt zu sehen sind.
Die ersten Tränen sind draußen.
Schließlich wende ich mich ab und steige aus. Wie in Trance gehe ich um das Auto herum, klettere über die Absperrung und betrete das Grundstück.
Das ausgebrannte Wrack vom Jaguar steht an seinem gewohnten Platz. Nur das Haus ist nicht mehr wirklich da. Ein paar Grundmauern stehen noch, der Rest ist weg. Einfach weg. Und da sind Spuren. Spuren der Feuerwehr, der Polizei und wahrscheinlich auch atomisierte Spuren von James. Und Sandra. Und Danny. Der Rasen zertrampelt, verkohlt.
Ich erinnere mich wieder. Mein Flug vom Büro hierher hat nicht lange gedauert, ich wusste ja, wo ich hin musste. Schon von oben sah ich das Feuer und mir war klar, dass niemand darin am Leben sein konnte. Die Explosion hatte das Haus förmlich weggesprengt und in einem normalen Viertel, wo die Nachbarhäuser viel näher zusammen stehen, hätten diese auch Schaden genommen. Selbst so sind einige Scheiben zersplittert, bei meinen Eltern, und vermutlich auch auf der anderen Seite. Meine Mutter hatte das gesagt, als sie kurz nach mir angekommen waren, vollkommen entsetzt. Sie sagte, dass sie einen Knall gehört haben, dann die zerberstenden Scheiben und dass sie zuerst an ein Attentat gedacht haben.
Es war ja auch ein Attentat.
Katharina tritt neben mich und reicht mir stumm ein Taschentuch. Ich wische mein Gesicht ab und frage mich unwillkürlich, für wie lange die Tränenvorräte wohl reichen werden.
Und ich bin erstaunt über mich. Ich bin trotz der Tränen sehr ruhig. Viel zu ruhig.
Dann höre ich die Schritte und blicke zur Einfahrt. Meine Eltern stehen da, unschlüssig. Als ich nicht reagiere, kommen sie schließlich langsam näher. Ich starre meine Mutter an, dann nehme ich sie schweigend in die Arme. Ich spüre, wie ihre Versteifung sich löst und ansatzlos in heftiges Weinen übergeht.
Verdammte Scheiße.
Ich habe keine Ahnung, wie lange wir so da stehen, beide weinend. Sie ist es, die irgendwann den Kopf hebt und mich ansieht. Katharina reicht uns Taschentücher. Meine Mutter wischt erst mein Gesicht ab, dann ihr eigenes und schnäuzt sich anschließend.
„Wir sollten jetzt vielleicht hineingehen“, schlägt mein Vater vor.
„Das ist eine gute Idee“, sagt Katharina schnell.
Ich zwinge mich, keinen letzten Blick auf die Überreste des Hauses zu werfen und gehe voran. Während meine Eltern mir folgen, springt Katharina in den Wagen und fährt ihn auf den Hof. Mein Vater mustert ihn kurz, sagt aber nichts.
Der Tisch auf der Terrasse ist gedeckt. Von dort kommt uns Nicholas entgegen. Ich umarme ihn stumm, er sagt ebenfalls nichts. Was sollte er auch sagen?
„Wo ist eigentlich meine Mutter?“, erkundige ich mich, weil mir plötzlich bewusst wird, dass sie nicht mit uns gekommen ist.
„Sie kommt gleich nach“, erwidert mein Vater. „Setzt euch schon mal. Möchtet ihr was trinken?“
Katharina wirft mir einen Blick zu, dann nimmt sie Platz. Ich setze mich neben ihr. Die Anspannung, die mein Vater plötzlich ausstrahlt, gefällt mir nicht, aber ich kann die Situation nicht so richtig einordnen. Meine Intuition sagt mir, dass keine Gefahr vorhanden ist. Aber etwas stimmt trotzdem nicht.
„Da Fiona noch nachdenkt, gebe ich meine Bestellung ab. Ich hätte gern einen Whisky.“
„Pur? On the rocks? Als Cocktail?“
„Oh, wenn du es schon anbietest: Ich nehme einen Scotch Sour.“
„Kein Problem. Du, Fiona?“
Ich starre Katharina an, dann wende ich mich meinem Vater zu. „Äh … Ach so, trinken. Ich nehme einen Wodka Martini.“
„Soll ich mich darum kümmern?“, erkundigt sich Nicholas.
Ich sehe meinem Vater an, dass er verneinen will, aber bevor er das tun kann, kommt meine Mutter, von wo auch immer. Sie nickt.
„Was trinkst du, Barbara?“
„Oh, trinken ist eine gute Idee. Ich nehme einen Rotwein.“
„Und Sie, Mr. Carter?“
„Ich nehme auch einen Sour. Danke, Nicholas.“
Die beiden setzen sich und in der entstehenden Stille wäre das Pupsen einer Fliege wie eine Explosion. Zumindest für kurze Zeit, denn kurz darauf beginnt Nicholas mit der Zubereitung der Drinks und unterbricht damit die Todesstille.
Meine Mutter rückt ihr Besteck zurecht, obwohl es perfekt ausgerichtet war. Sie ist nervös. Sie hat etwas getan, wovon sie weiß, dass ich nicht begeistert wäre, wenn ich wüsste, was sie getan hat.
„Ich höre“, sage ich.
„Was denn, Kind?“
Für einen kurzen, aber äußerst intensiven Moment habe ich das extreme Bedürfnis, einfach loszuschreien. Ich schaffe es kaum, mich zu beherrschen. Aber ich schaffe es.
„Mama, ich möchte jetzt sofort wissen, warum ihr so nervös seid. Und komm mir bitte nicht mit irgendwelchen Ausreden. Ich bin nicht blöd.“
Ihre Augen flattern kurz. Sie wirft ihrem Mann einen Blick zu, dann antwortet sie: „Ich habe Jack angerufen. Und Nilsson. Sie kommen zum Abendessen hierher.“
„Zum Abendessen? Es ist doch gerade mal Mittag!“
„Sie sind unterwegs. Aber Ben könnte …“
„Halt, stopp! Was soll überhaupt diese Heimlichtuerei?“
„Ich … ich dachte, dass es dir vielleicht nicht gefallen wird.“
Ich atme tief durch. „Damit hast du recht, aber hast du geglaubt, ich schlage dir den Kopf ab?“
„Fiona!“ Katharina und mein Vater sind absolut synchron. Ich fange an zu lachen und kann kaum aufhören. Erst als Nicholas mit den Drinks kommt habe ich mich einigermaßen wieder beruhigt.
„Entschuldigt bitte“, sage ich keuchend den vorwurfsvoll Dreinblickenden. „Das war einfach zu komisch, wie Katharina und Papa spontan völlig zeitgleich meinen Namen gerufen haben. Ich habe doch nur gefragt, ob Mama das geglaubt hat. Denn ihr wart so nervös, dass ich glauben muss, ihr traut mir die allergrößten Schweinereien zu.“
„Nun, das vielleicht nicht“, erwidert meine Mutter. „Aber du musst zugeben, die letzten Tage waren ziemlich seltsam.“
Ich werde augenblicklich ernst. „Ja, das ist wahr. Also gut, reden wir nicht mehr darüber. Das heißt, werden die beiden dem Rest der Truppe Bescheid geben?“
Meine Mutter nickt.
„Na schön.“ Ich nehme den Wodka Martini und stelle fest, dass Nicholas keine Olive hineingetan hat. Dafür ist das Glas und nur das Glas schön kalt. Woher kann er das?
Egal.
„Ich verzichte heute mal auf den Trinkspruch“, fahre ich fort und trinke die Hälfte des Glases leer.
Der Moment der Wahrheit rückt immer näher. Ich sehe Katharina an. Wir haben gar nicht darüber gesprochen, wie wir uns verhalten wollen. Doch für mich steht sowieso fest, dass ich keine Versteckspielchen spielen werde. Und wenn sie das nicht verkraftet, dann …
Ich atme mal wieder tief durch.
„Kind, was ist los? Ist dir schlecht?“
„Nein. Das heißt, irgendwie schon, aber dagegen hilft nicht einmal frische Luft.“ Wie erwartet, reiße ich mit dem Witz niemanden vom Hocker. „Ich vermute mal, ihr hättet jetzt gerne ein paar Erklärungen.“
„Das wäre angebracht“, bestätigt mein Vater.
Ich trinke schnell den Rest meines Drinks auch noch, bevor ich anfange.
„Ich erhielt am Mittwoch, kaum dass ich um Büro war, einen Anruf von Graf Zanda. Er teilte mir mit, dass Zahltag sei.“
„Zahltag? Was für ein Zahltag?“
Ich halte kurz inne. Katharina weiß ja auch nicht, was der wahre Grund für Zandas heftige Reaktion ist. Vielleicht sollte ich mir meine Worte gut überlegen. Andererseits, es ist so was von scheißegal. Es ist lange vorbei. In jeder Hinsicht.
Mit geschlossenen Augen fahre ich fort: „Als vor ungefähr drei Jahren Emily auf der Suche nach dem Spiegel zu uns kam und ich, durch verschiedene Umstände, die hier auszuführen zu lange dauern würde, die Gastfreundschaft der Vampire genießen durfte, lernte ich Anne Marie kennen. Sie war die Nichte von Graf Zanda, Katharina hat sie kennengelernt. Ich … ich wurde ihre Blutsklavin, weil sie sich in mich verliebt hat.“
„Oh, das erklärt einiges“, bemerkt Katharina. „Und du?“
Ich schüttele den Kopf. „Ich hätte mich nicht in sie verlieben können.“
Katharina braucht nur Sekundenbruchteile, um zu verstehen, das sehe ich an ihrem Gesichtsausdruck.
„Na ja, sie war ja schließlich eine Frau, nehme ich mal an“, sagt mein Vater.
„Das … das war nicht der Grund. Ich habe durchaus Sex mit ihr gehabt, als Blutsklavin war ich dazu verpflichtet. Außerdem wäre es für mich unangenehm geworden, wenn ich mich geweigert hätte.“
„Das glaube ich nicht“, erwidert Katharina leise. Sie hat es wirklich verstanden.
„Du hattest Sex mit einer Frau? Das ist ja mal was Neues.“
„Nicht wirklich“, entfährt es mir.
Mein Vater zieht die Augenbrauen hoch, meine Mutter starrt mich entgeistert an.
„Das war nicht das erste Mal? Ich habe dich noch nie mit einer Frau gesehen. Nur mit sehr vielen Männern. Vor James …“
Ich schlucke und werde direkt abgelenkt durch meine Mutter: „Oh mein Gott“, flüstert sie.
„Werde ich jetzt enterbt?“, erkundige ich mich, sie ansehend.
Sie schüttelt den Kopf. „Nein, nein, ich habe nur an was denken müssen. Tut mir leid. Ich bin aufgeklärt genug und habe nichts gegen Homosexuelle.“
„Ich bin nicht lesbisch“, entgegne ich stirnrunzelnd. „Ich … Ach, verdammt, darüber wollte ich gerade gar nicht reden.“ Tief Luft holen, ich weiß nicht zum wievielten Male heute. „Okay, also, Zanda ließ mich zu sich holen und hat mir, bei einem hervorragenden Glas Whisky, klar gemacht, dass er seine Nichte, deren Eltern schon lange tot sind, über alles liebt. Und dass er mich, sollte ihr was zustoßen, bis ans Ende der Welt jagen würde.“
„Ist ihr denn was zugestoßen?“, fragt mein Vater.
Ich nicke langsam. „Letztes Jahr, als James und Jack in der Vampirstadt gefangen gehalten wurden, hat uns Anne Marie geholfen. Sie entschied sich dabei, dass sie mit uns kommen will. Die anderen sind schon vorgegangen, aber sie wollte noch einmal zurück, um etwas zu holen.“
In die entstehende Pause hinein erkundigt sich Katharina: „Was war es denn?“
„Eine Kette. Die einzige verbliebene Erinnerung an ihre Mutter.“ Ich schlucke, denn ich habe das Gefühl, gleich ersticken zu müssen. „Auf dem Rückweg sind wir zwei Vampiren begegnet. Viele waren an jenem Tag gestorben, von den Zauberern getötet. Dementsprechend nervös und bewaffnet waren sie. Mit Armbrust und Spezialpfeilen. Die Pfeile enthielten mit Visz gefüllte Explosivgeschosse. Damit kriegt man sogar Krieger klein. Ich wusste das nicht, und als sie auf mich schossen und ich auswich, traf einer der Pfeile Anne Marie mitten ins Herz.“
„Oh mein Gott!“, entfährt es meiner Mutter.
„Aber du hast sie doch nicht getötet?“, stellt mein Vater fest.
„Aber Zanda glaubt das. Nachdem ich die beiden Vampire erledigt habe, kniete ich neben Anne Marie. So fand Zanda uns. Und bevor ich es aufklären konnte, stieß er mir einen Dolch ins Herz. Zum Glück kamen dann einige von uns, sonst säße ich vielleicht nicht hier.“ Und James würde noch leben. Und Sandra auch. Ich spüre, wie dieser Gedanke mir die Luft abschnürt.
Katharina legt eine Hand auf meinen Unterarm und sieht mich durchdringend an. Das hilft, ich kann kräftig durchatmen.
„Jetzt verstehe ich, was mit Zahltag gemeint war. Und du hattest keine Chance, rechtzeitig zu kommen.“
„Ich habe James sofort angerufen. Er sagte, es wäre ein Techniker da, wegen des Anschlusses. Und dass ich ihn bestellt hätte. Da wusste ich, was los war. Ich wollte ihn warnen, aber der Techniker hatte grad nach ihm gerufen und James legte auf, ohne meine Rufe zu hören.“
„Scheiße“, sagt Katharina.
Ja, Scheiße. Die Tränen brechen sich Bahn wie Lava aus einem Vulkan. Katharina zieht mich an sich und wie durch Watte höre ich, wie sie weitererzählt. Dass sie hinter uns hergefahren ist und mich aus dem Krankenhaus holte. Sie erklärt, warum und wieso. Wie ich tagelang geschlafen habe und sie schließlich die SMS geschickt hat.
Danach wird es still. Meine Tränen sind versiegt, vorläufig zumindest. Ich lehne den Kopf gegen Katharinas Schulter. Sie umarmt mich, ihre Hand ruht auf meiner Hüfte. Ich kann mir nicht vorstellen, dass meine Eltern das nicht sehen und verstehen.
„Ich verstehe trotzdem nicht, warum du so schnell zur Stelle warst“, sagt schließlich mein Vater.
„Ich habe die Nachricht im Internet gehört“, erklärt Katharina.
„Den Teil verstehe ich und das habe ich mir so ähnlich gedacht. Aber welchen Grund gibt es dafür, dass du dich sofort ins Auto setzt und losfährst?“
Ich hebe den Kopf und sehe meinen Vater an. „Weil sie mich liebt.“
Die Augen meiner Mutter weiten sich entsetzt, sie hat es also nicht erkannt. Mein Vater wirkt nicht überrascht, nur unangenehm berührt.
„Und du?“
„Ich liebe sie auch.“
„Verstehe.“ Mein Vater nimmt einen großen Schluck von seinem Drink.
„Wie … Seit wann?“
„Seit vier Jahren.“
„Ihr habt seit vier Jahren ein Verhältnis?“, fragt meine Mutter entgeistert.
„Nein. Es ist kompliziert.“
„Aber seit gestern?“ Mein Vater überrascht mich.
„Es ist kompliziert“, wiederhole ich. „Wir … haben uns ineinander verliebt, als wir damals die Cuculus gejagt haben. Uns war beiden klar, dass … dass es nicht geht. Sie war verheiratet, ich war es.“
„Sie war?“, fragt mein Vater.
„Kay und ich haben uns vor ein paar Wochen getrennt. Er lebt jetzt in London.“
„Oh“, sagt er nur.
„Verstehe ich das richtig? Ihr habt vier Jahre lang die Finger voneinander gelassen und jetzt, drei Tage, nachdem James tot ist, entdeckt ihr eure Liebe füreinander wieder?“
Oh, oh, das wird unangenehm. Meine Mutter ist wütend und empört. Sehr wütend.
„Nein, so war das nicht“, erwidere ich und spüre, dass auch ich wütend werde. „Ich sagte doch, es ist kompliziert. Ich habe James geliebt! Und auch Katharina! Und das hat mir die schlimmsten vier Jahre meines Lebens beschert! Es ist unfair, mir jetzt vorzuwerfen, ich hätte kaum abwarten können, dass James aus dem Weg ist!“
„Das habe ich nicht gesagt“, flüstert meine Mutter.
„Ach nein, wirklich nicht? Und was sollte deine Frage dann? Ich antworte für dich: genau das! Genau das hast du vorhin gedacht! Verdammt noch mal! Glaubst du wirklich, dass ich so bin? Vor vier Tagen stand ich vor diesem lichterloh brennenden scheißverdammten Haus und wusste, dass da drin Sandra und James nur wenige Sekunden vorher gestorben sind! Wie kannst du auch nur denken, ich hätte da nichts Besseres zu tun, als mich in eine Beziehung zu stürzen? Ich habe James geliebt, verstehst du das? Hast du auch nur die geringste Ahnung, wie weh das tut? Und ja, ich liebe auch Katharina! Ich kann es selbst nicht erklären, was da passiert, wie so was überhaupt möglich ist! Diesen fast unerträglichen Schmerz und gleichzeitig diese irrsinnige Liebe zu spüren! Gleichzeitig! Es zerreißt mich, verdammte Scheiße!“
Ich merke, dass ich stehe und dass sowohl Katharina als auch mein Vater vergeblich versuchen, mich zu beruhigen. Doch dafür ist es bereits zu spät. Ich habe das Gefühl, von innen heraus zerrissen zu werden und breche zusammen. Es ist kein Blackout, wie schon ein paar Mal in den letzten Tagen. Diese Gnade wird mir diesmal nicht gewährt. Ich erlebe den Schmerz bei vollem Bewusstsein, jede Sekunde davon. Mein Körper gehorcht mir nicht mehr, er schreit den Schmerz nur noch hinaus, während Katharina mich mit übermenschlicher Kraft festhält und mit mir auf den Boden sinkt.

Ich sehe schon wieder meine Hand. Und dieses Mal ist es die andere, ich liege ja auch auf der linken Seite. Schlagartig bin ich hellwach. Der Rollladen ist oben, nur der Vorhang dämpft das Licht. Doch das Zimmer stimmt nicht. Es ist mein Zimmer, das Zimmer, in dem ich aufgewachsen bin. Was zum Teufel ist passiert? Habe ich alles nur geträumt?
Ich setze mich auf und sehe mich um. Dann entdecke ich die Leinenhosen, die Slipper. Jetzt spüre ich auch, dass ich nackt bin. Mit einem Blick nach rechts sehe ich, dass ich allein im Bett bin. Aber geträumt habe ich es nicht, so viel steht fest. Und von irgendwoher höre ich gedämpfte Stimmen.
Ich gehe ins Bad und setze mich aufs Klo, um zu pinkeln. Dabei versuche ich verzweifelt, mich zu erinnern, was geschehen ist. Ich habe meine Mutter angeschrien, ich bin regelrecht ausgerastet. Katharina hat mich festgehalten und dann lagen wir auf dem Boden. Ich kann mich an diesen wahnsinnigen Schmerz erinnern, an meine unmenschlichen Schreie.
Aber was geschah danach?
Langsam machen mir diese ständigen Blackouts Angst. Ist das vielleicht normal, wenn jemand einen solchen Verlust erlebt hat wie ich? Oder ist bei mir einfach alles intensiver, also auch meine Gefühle, weil ich eine Kriegerin bin? Eine Kriegerin mit besonderen Fähigkeiten?
Seufzend erhebe ich mich, betätige die Spülung, wasche mir bewusst nicht die Hände, weil ich dann in den Spiegel blicken müsste, und gehe zurück in mein Zimmer. Im Kleiderschrank finde ich alte Sachen von mir, sauber und gebügelt. Diese Marotte von meiner Mutter, die ich anfangs so schrecklich fand, ist durchaus praktisch. Nicht zum ersten Mal.
Ich ziehe eine hellgraue Schlabberhose und ein dunkles T-Shirt an, dann gehe ich aus dem Zimmer. Die Stimmen werden lauter, sie kommen von unten. Ich stutze. Deutlich höre ich Jack, dann meinen Vater. Wollten sie nicht am Abend erst kommen?
Ich gehe die Treppe nach unten und wende mich nach rechts, wo die Küche und der Eingang zum großen Wohnzimmer liegen. Verteilt auf die Couch und Sessel sitzen Michael, Nilsson, John mit Katharina, eine zweite Gruppe bilden Ben, Jack und mein Vater. Nicholas und meine Mutter sind auf der Terrasse, sie decken den Tisch. Sie decken ihn zum Frühstück.
Was zur Hölle …?
Katharina erblickt mich als Erste. Sie springt auf, kommt zu mir und gibt mir einen Kuss auf den Mund. Ihre Zunge schiebt sich kurz und neckisch zwischen meine Lippen, dann löst sie sich wieder von mir.
„Guten Morgen“, sagt sie lächelnd. „Ausgeschlafen?“
„Guten Morgen?“, wiederhole ich. „Wie lange habe ich denn geschlafen?“
„Einen Nachmittag und die Nacht durch.“
„Ach du Scheiße!“
„Hast du ein Meeting?“
Ich schüttele den Kopf, dann muss ich doch grinsen. Wahrscheinlich etwas schief und gequält, aber immerhin ein Grinsen. Katharina scheint zufrieden zu sein, denn sie zieht mich zu einem Sessel, setzt sich hinein und zwingt mich mit sanfter Gewalt auf ihren Schoß.
Ich begrüße die anderen mit einem Handzeichen. Sie grüßen zurück und mustern mich mehr oder weniger unverhohlen neugierig, betroffen, entsetzt, nachdenklich.
„Möchtest du einen Kaffee?“, erkundigt sich mein Vater.
Ich nicke, und nachdem mein Vater gegangen ist, lehne ich mich zurück. Katharina legt ihre Arme um mich. Es tut gut, ihren Körper zu spüren. Sie trägt fast das Gleiche wie ich, nur das T-Shirt ist heller. Weniger angenehm sind die Blicke der anderen, die ich ebenfalls deutlich spüre. Bis auf Ben sind alle entweder entgeistert oder, zumindest einer, eifersüchtig. Michael wird genau wissen, dass spätestens ab jetzt er nicht mehr an mich herankommen wird. Und ich glaube, Nilsson hat was geahnt. Immerhin wusste er ja, dass Katharina und ich mal was miteinander hatten.
Ich bringe meinen Mund ganz nahe an Katharinas rechtes Ohr heran und flüstere: „Wie geht es meiner Mutter?“
„Eine gute Frage. Als ich mit dir hoch gegangen war gestern, um dich ins Bett zu bringen, und noch eine Weile bei dir lag, bis du eingeschlafen bist, haben deine Eltern sich wohl lange unterhalten. Danach hatte deine Mutter ziemlich verweinte Augen. Aber heute wirkt sie einigermaßen ruhig. Ich denke, sie hat viel nachgedacht.“
„Ich weiß nicht, wie ich mich verhalten soll!“ Ich vergrabe mein Gesicht in den Händen und denke ernsthaft darüber nach, wieder hoch zu gehen und weiterzuschlafen.
„Sie kommt“, sagt Katharina leise.
Ich reiße den Kopf hoch und starre meine Mutter an, die auf uns zukommt. Sie trägt einen leichten Sommeranzug und Sandalen. Außerdem dezentes Make-up, was möglicherweise ihren Augen geschuldet ist.
Sie bleibt vor uns stehen, etwa einen Meter entfernt, und sagt: „Es tut mir leid, Fiona.“
Oh, oh! Sie nennt mich beim Namen, das ist normalerweise kein gutes Zeichen. Aber vielleicht liegt das auch nur an ihrer Anspannung, weil sie genauso unsicher ist wie ich.
Und jetzt?
Ich erinnere mich daran, wie ich sie angeschrien habe. Dass sie sich entschuldigt, muss sie eine unheimliche Überwindung kosten. Und wenn sie das kann, kann ich das auch.
Ich springe auf und nehme sie in die Arme. Nach einem kurzen Moment entspannt sie sich und erwidert die Umarmung mit aller Kraft.
Wir stehen eine ganze Weile da, bis plötzlich mein Vater in meinem Blickfeld auftaucht und eine Kaffeetasse hochhält.
Ich löse mich vorsichtig aus der Umarmung und räuspere mich. Meine Mutter nimmt mein Gesicht zwischen die Hände, sieht mich durchdringend an, dann gibt sie mir einen sanften, sehr mütterlichen Kuss auf den Mund und geht wieder nach draußen.
Scheiße, was war das denn?
„Der Kaffee wird kalt“, sagt mein pragmatischer Vater.
Ich nehme mit einem gemurmelten „Danke“ die Tasse in die Hände und setze mich wieder auf Katharina. Sie lächelt mich an und flüstert: „Danke.“
Kurz darauf kommt Nicholas rein und bittet zu Tisch. Bei der Gelegenheit erhasche ich einen Blick auf eine Standuhr. Kurz vor zehn. Und das an einem Montagmorgen.
Ich sitze zwischen Katharina und Ben. Die schwule Ecke, schießt es mir durch den Kopf. Gegenüber die drei Kriegerkollegen, neben ihnen meine Mutter und mein Vater.
„Gibt es schon einen Termin für die Beerdigung?“, erkundige ich mich.
„Noch nicht, da du nicht auffindbar warst“, erwidert mein Vater. „Ich werde nach dem Frühstück einen Termin organisieren.“
„Ist gut. Ich nehme an, es werden einige Leute kommen.“
„Ja, die Highfooter haben sich bereits angekündigt, auch von unserer Seite viele. Und einige Kollegen.“
„Und wir auch, wenn wir dürfen“, bemerkt Jack.
„Natürlich. Ich würde mich freuen.“
Es wird ein heißer Tag. Bereits jetzt ist es sehr warm. Die Holzdielen unter meinen nackten Füßen arbeiten. Ich mustere das Wasser im Pool zwischen Michael und Nilsson hindurch, während ich an einem Marmeladenbrötchen herumkaue.
Dann bin ich froh, als das Frühstück ohne besondere Peinlichkeiten und Blackouts von mir vorbei ist. Mein Vater geht ins Haus, vermutlich will er die Beerdigung organisieren. Ich werfe einen Blick auf Katharina, die ihn nachdenklich erwidert.
Plötzlich steht meine Mutter hinter uns und legt den linken Arm um meine Schulter und den rechten Arm um Katharinas Schulter, beugt sich zwischen uns vor und sagt: „Ich glaube zu verstehen, wie Fiona sich fühlt, was sie meint, wenn sie davon spricht, innerlich zerrissen zu werden. Und wenn eure Liebe ihr hilft, das irgendwie durchzustehen, dann akzeptiere ich das. Aber eins muss euch klar sein: Wenn du, Katharina, meiner Tochter wehtust, wirst du mich als Muttertier kennenlernen. Das meine ich sehr ernst. Ich habe ein Kind verloren und weiß, wie sich das anfühlt. Diese Erfahrung möchte ich nicht noch einmal durchmachen. Ist das klar?“
„Okaaay“, sagt Katharina, aber sie lächelt ansatzweise. „Hört sich an, als hätten wir gemeinsame Interessen.“
„Sehr gut. Möchtet ihr noch einen Kaffee?“
Wir möchten. Dann starre ich meiner Mutter mit offenem Mund hinterher.
„Ich glaube, ich mag deine Mutter“, stellt Katharina fest.
„Ähm … Und ich glaube, ich kenne sie noch gar nicht“, erwidere ich, immer noch durcheinander.
„Das kommt vor.“
Wir werden von meinem Vater unterbrochen, der uns mitteilt, dass die Beerdigung um halb eins am Freitag stattfinden wird. Die Zusammenkunft danach findet hier statt.
Ich seufze: „Wieso ist es nicht schon Samstag?“

„Wie sehe ich aus?“
Ich drehe mich um und mustere Katharina, die in der Badezimmertür steht. Die leicht gewellten Haare fallen sanft auf die Schultern, sie trägt einen schwarzen matten Anzug mit weißer Bluse unter dem Blazer, dazu schwarze Lackschuhe mit höchstens sechs Zentimeter Absatz, schwarze, halterlose Strümpfe und einen ebenfalls schwarzen Tanga.
„Süß. Besonders der Tanga.“
Sie runzelt die Stirn. „Den siehst du doch gar nicht!“
„Aber ich weiß, dass du den anhast“, erwidere ich grinsend, froh über die Ablenkung von meinen düsteren Gedanken.
„Und außerdem bin ich nicht süß.“
„Doch, jetzt schon. Eigentlich viel zu süß für eine Beerdigung.“
„Soll ich mich umziehen?“
Ich verneine kopfschüttelnd.
„Na gut. In zehn Minuten müssen wir los.“
„Bin gleich fertig.“
Ich wende mich wieder meinem Spiegelbild zu. Es ist brav und tut, was es soll. Ich betrachte mich. Wasserfeste Wimperntusche, leicht glänzender Lippenstift, die wilden Haare wild wie immer. James würde es gefallen. Seufzend gehe ich ins Schlafzimmer und ziehe mich an. Katharina hat eher konventionelle Sachen für mich rausgelegt. Schwarzes Rockkostüm über schwarzer Unterwäsche, Bluse und Strumpfhose ebenfalls schwarz. Genauso die Schuhe, mit etwas höheren Absätzen wie ihre eigenen, passend zum Rock.
Als ich fertig bin, korrigiert Katharina den Blazer an der linken Schulter, dann nickt sie zufrieden.
„So kannst du gehen.“
„Ja, James würde es gefallen.“
„Ich weiß, ich habe ja mitbekommen, was er gut fand. Deswegen habe ich diese Sachen ausgesucht.“
„Meinst du, er wird da sein?“
„Ich weiß es nicht, mein Schatz. Du müsstest es doch eigentlich spüren.“
„Ich spüre gar nichts, das ist es ja.“
„Er wird sich vom Schock erholen müssen. Das kam ja ziemlich plötzlich und heftig. Und es ist nicht so einfach, sich in der Verborgenen Welt zurechtzufinden, wenn man erst einmal ein paar Jahre in der Gefrorenen Welt gelebt hat.“
Das stimmt natürlich auch. Ich gebe ihr einen Kuss und hake mich bei ihr unter.
„Also gut, lass uns fahren, bevor ich es mir anders überlege.“
„Das geht nicht, du bist die Hauptperson.“
Ich will schon protestieren, aber dann wird mir bewusst, dass sie recht hat. Um James und Sandra geht es nicht, sie sind nicht da. Und selbst wenn ihre Seelen dabei sein sollten, was ich nicht glaube, denn das würde ich merken, so wissen die anderen nichts davon. Die meisten jedenfalls.
Helena und Jody warten schon. Sie sind ebenfalls in Schwarz, allerdings lässiger mit Jeans und Blusen. Da wir zu viert unterwegs sind, nehmen wir einen größeren Wagen und kein Cabrio. Jody darf ihn sich aussuchen, sie entscheidet sich für einen A8.
Diesmal fährt Katharina. Während wir auf die Schleuse zugleiten, hole ich mein Handy hervor und schicke meiner Mutter eine SMS, dass wir unterwegs sind.
Wir treffen gleichzeitig auf dem Parkplatz vor dem Friedhof ein. Einige sind schon da und stehen vor der Kapelle herum. Ich begrüße sie und stelle Katharina und die Mädchen vor, dann gehen wir hinein.
Rechts und links vom Altar stehen zwei geschlossene Särge. Von Ben weiß ich, dass sich darin das befindet, was vermutlich von James und Sandra übriggeblieben ist. Trotz DNA-Analyse war das nicht ganz eindeutig zuzuordnen.
Ich bleibe kurz vor dem Altar stehen und betrachte das Kreuz. Irgendwie kann ich gut nachvollziehen, dass in solchen Momenten viele Menschen gläubig werden. Oder ihren Glauben verlieren. Je nachdem. Auch ich hätte jetzt sehr gerne etwas, woran ich mich festhalten kann. Aber da ist einfach nichts. Ich bin nur froh, dass sie ziemlich sicher nicht gelitten haben. Ich bin oft genug gestorben, um zu wissen, dass sie nicht die Zeit dafür hatten, auch nur zu merken, was geschehen ist.
Später dann, in der Verborgenen Welt, das ist was Anderes.
Mit tränenverschleiertem Blick setze ich mich rechts in die vorderste Reihe und Katharina setzt sich daneben. Helena und Jody nehmen hinter uns Platz.
Wenig später kommen Eleonor und die Geschwister von James. Ich begrüße sie. Eleonor sieht mich lange an, dann nickt sie langsam, bevor sie sich auf der anderen Seite neben mich setzt.
Michael, Nilsson und John sind die Letzten, die hereinkommen. Unwillkürlich muss ich daran denken, was die Leute wohl sagen würden, wenn sie wüssten, dass ein Vampir an der Zeremonie teilnimmt.
Die Zeremonie selbst blende ich aus. Da ich weiß, dass nichts von dem stimmt, was der Priester erzählt, interessiert es mich auch nicht. Erst als mich Katharina heimlich anstupst, werde ich aufmerksam.
Ich sehe sie fragend an. Dabei wird mir bewusst, dass alle Leute in der Kirche irgendwie mich anstarren.
Katharina antwortet, allerdings ohne dabei den Mund zu bewegen: „Der Priester hat dich gefragt, ob du ein paar Worte sagen willst.“
Da es nicht das erste Mal ist, dass ich Gedanken höre, gelingt es mir einigermaßen, nichts von meiner Überraschung zu verraten.
Ich wende mich an den Priester, der offenbar auf eine Antwort von mir wartet. Dann nicke ich und erhebe mich.
Ich stelle mich zwischen die Särge, nicht an den Rednerpult. Da ich mich nicht vorbereitet habe, brauche ich auch keine Ablage. Und das freie Reden vor vielen Leuten bin ich sowieso gewohnt. Vor sehr vielen Leuten. Unwillkürlich muss ich daran denken, wie ich vor nicht ganz zwei Jahren zum ersten Mal vor Zehntausenden stand, ganz zu schweigen von den Millionen, die es später im Fernsehen gesehen haben. Damals kündigte ich ein Rockkonzert an, ein wesentlich erfreulicherer Anlass meiner Rede. Und außerdem werde ich heute ganz sicher nicht singen.
Ich lasse meinen Blick schweifen. Links sitzt die Familie von James. Nadine, Margret, Kevin, Edgar, Peter und James‘ Mutter, die mir aufmunternd zulächelt. Auf der anderen Seite meine Eltern, Mamas beide Schwestern, Papas Schwester und Bruder. Weiter hinten sitzt auch Monica, daneben Luke Koolman. Sogar Elaine ist da.
Ich hole tief Luft. „Die meisten von euch werden es ungewohnt finden, dass ich so wenig rede.“ Ich warte, bis das verhaltene Lachen verklungen ist. „Aber ich musste halt immer für James mitreden.“ Pause. „Nein, ein Mann vieler Worte war er nicht, der großen aber schon. Obwohl er durchaus reden konnte. Ich möchte nicht wissen, wie viele Leute nur darum neue Häuser gekauft haben, weil James sie ihnen verkauft hat. Er war auch keiner, der die Gefahr gefürchtet hat. Die meisten hier werden wissen, dass er zehn Jahre lang als Agent gearbeitet hat. Er hat mich auch in meiner bis vorletzten Mittwoch schwärzesten Stunde unterstützt, vor sechs Jahren. Und wie wenig er die Gefahr gefürchtet hat, das sieht man auch daran, dass er mich geheiratet hat.“ Ich warte wieder, bis das Lachen verstummt. „Ich weiß nicht, ob es etwas zu bedeuten hat, aber in der ersten Augusthälfte passieren die Katastrophen in Intervallen von drei Tagen. Am 6. August Hiroshima, am 9. August Nagasaki und am 12. August King Valley. Und ja, das ist schwarzer Humor. Tiefschwarzer Humor. Genau die Art, die auch James so geliebt hat. Er konnte die bösesten Pointen bringen, ohne auch nur einen einzigen Muskel in seinem Gesicht zu verziehen. Ich meine, das fiel ihm ja auch nicht schwer, seine Gesichtsmuskeln waren völlig unterentwickelt. Aber …“ Ich mache eine kleine Pause, bis sich alle wieder beruhigt haben. „Aber ich habe mit der Zeit gelernt, ihn zu verstehen, immer ganz genau zu wissen, was er denkt, was er fühlt. Das bleibt normalerweise nicht aus, wenn man das Leben zusammen verbringt, wenn man sich so liebt, wie wir uns geliebt haben.“ Ich mache wieder eine Pause, diesmal, um mich selbst zu beruhigen und ein paar vorwitzige Tränen abzuwischen. „Es waren Kleinigkeiten, die ihn verraten haben, insbesondere die Augen.“ Ich sehe, wie Eleonor nickt. „Dass er keine Gefühle zeigte, hieß nicht, dass er keine hatte. Im Gegenteil, er hatte sogar sehr tiefe. Auf ihn traf das Sprichwort vom stillen Wasser sehr zu.“ Ich halte inne und muss mir eingestehen, dass ich an meiner Grenze bin. „Ich … ich könnte noch so viel über James erzählen. Und über Sandra. Aber es geht nicht, tut mir leid. James, ich werde dich nie vergessen.“
Katharina springt auf und hilft mir, wieder zur Sitzbank zu gelangen. Dann vergrabe ich das Gesicht in beiden Händen und bin dankbar, als mein Weinen in Orgelmusik untergeht.
Irgendwann ist endlich diese Messe auch vorbei und die Särge werden auf kleine, elektrische Wagen geladen, die fast lautlos ihre Last zur letzten Ruhestätte transportieren. Ich gehe zusammen mit Eleonor vorneweg, auf meine ausdrückliche Bitte hin begleitet mich auch Katharina, was einige fragende und sogar missbilligende Blicke auslöst. Eleonor allerdings scheint damit kein Problem zu haben, denn sie hakt sich bei mir unter und sagt leise: „Sie wird dich beschützen.“
Ich blicke sie erstaunt an, aber mehr kommt von ihr nicht. Sie lächelt nur. Ich sehe zu Katharina auf der anderen Seite und ihr Gesichtsausdruck verrät, dass sie es auch gehört hat.
Es ist ein langer Weg bis zur Grabstelle, insbesondere bei unserem Tempo. Ich hänge düsteren Gedanken nach, die sich vor allem um Zanda drehen. Zwischendurch scanne ich die Umgebung nach James ab, doch er ist definitiv nicht da. Ich spüre, wie mein Bauch sich verkrampft.
Am Grab lässt der Priester noch einige Bibelstellen los, dann werden die Särge hinuntergelassen. Zuerst James, dann direkt darüber Sandra. Meine Mutter drückt mir eine rote und eine weiße Rose in die Hand, die ich pflichtschuldig auf die Särge fallenlasse.
Während die Friedhofsangestellten, angeleitet von Martin Cartwright, das Grab zuschütten, lassen James‘ Familie und ich die Beileidsbekundungen über uns ergehen. Als Michael ankommt, halte ich kurz die Luft an, weil ich an Eleonors Hellsichtigkeit denken muss. Während ich Michael umarme, flüstere ich ihm ins Ohr: „Nicht erschrecken, meine Schwiegermutter wird dich erkennen.“
So ist er zum Glück vorbereitet und lächelt sanft, als Eleonors Gesichtszüge kurz entgleisen. Dann wirft sie mir einen Blick zu und ich schenke ihr ein angedeutetes Lächeln. Das scheint sie wieder zu beruhigen, Gott sei … Wem auch immer.
Nachdem die Prozedur endlich vorbei ist, gehen wir langsam zurück zu den Autos. Der Plan ist, in einem geschlossenen Konvoi nach King Valley zu fahren, zumindest diejenigen, die dabei sein werden. Das gilt für die meisten, lediglich die Kollegen und Monica wollen nicht mit. Was ich irgendwie sogar verstehen kann.
Margret schließt sich ihrer Großmutter und mir an und hakt sich bei uns unter.
„Tan… Fiona, darf ich bei Euch mitfahren?“
„Nur weil du dich korrigiert hast. Aber du musst die Rückbank mit Helena und Jody teilen.“
„Einverstanden. Fahren wir mit dem schnellen Kombi?“
„Nein, wir sind mit einem A8 da. Der ist auch schnell. Was auf dieser Fahrt aber keine Rolle spielt.“
„Na gut. Übrigens fand ich deine Rede sehr schön.“
„Danke.“
Auf dem Parkplatz verabschiede ich mich von Monica und James‘ ehemaligen Kollegen. Dann steigen wir in unsere Autos. Meine Eltern und Nicholas fahren vorne, direkt hinter ihnen wir.
Ich beobachte Margret im Rückspiegel. Sie sitzt hinten links, weil Jody und Helena sich nicht zur Trennung überreden ließen. Ich sehe Margret an, dass sie versteht, warum, aber auch, dass sie über Katharina und mich nachdenkt.
Der Platz vor dem Haus meiner Eltern füllt sich mit Autos. Einige möchten sich die Überreste von James‘ Haus ansehen. Katharina übernimmt es, sie zu führen und zu erklären, was überhaupt erklärt werden kann.
Im Haus hat inzwischen eine Cateringfirma das Buffet aufgebaut und sorgt auch für die Getränke. Mein Vater heißt kurz alle willkommen und teilt mit, dass das Buffet eröffnet ist.
Mittlerweile ist es schon fast drei Uhr.
Ich gehe zum Rauchen in den Garten. Bin damit gerade fertig, als Katharina auftaucht und sich zu mir gesellt. Ich begrüße sie mit einem innigen Kuss.
„Was macht ihr da?“
Ich fahre herum. Kevin steht auf der Terrasse und starrt uns ungläubig an.
„Wir haben uns geküsst“, erwidere ich.
„Ihr habt euch geküsst wie Mann und Frau!“
„Oder wie zwei Frauen, die sich lieben.“
„Seid ihr etwa lesbisch? Und James? Hat er davon gewusst?“
Ob James das gewusst hat? Das ist eine gute Frage. Ich bin mir nicht sicher, ob er wirklich so ahnungslos war, wie er immer tat.
„Es gab nichts, wovon er hätte wissen müssen“, antworte ich, immer noch einigermaßen ruhig, obwohl ich ahne, dass da gerade ein schweres Gewitter aufzieht. Kevin ist jetzt vierzehn, alt genug, um zu verstehen, was er gesehen hat, aber vermutlich viel zu jung, um es wirklich zu verstehen.
Katharina berührt meinen Arm. „Vielleicht sollte ich gehen.“
„Dann gehe ich mit!“
Sie seufzt. „Okay. Wie möchtest du, dass ich mich verhalte?“
„Weise mich nicht ab.“ Ich spüre, wie die Tränen in meine Augen schießen. „Ich ertrage alles, aber das nicht.“
„Ist gut“, flüstert sie und nimmt mich in die Arme. „Ist gut. Ich weise dich nicht ab und ich lasse dich nicht allein.“
„Danke …“
In der Zwischenzeit hat Kevin Verstärkung geholt. Das scheint ihm ja echt nahe zu gehen. Jedenfalls taucht er plötzlich mit Margret und Nadine auf, Eleonor, Edgar und Peter dahinter. Und alle anderen beobachten uns, meine entgeisterte Mutter eingeschlossen.
„Ich verstehe das nicht“, sagt Nadine. „Wir haben James doch gerade eben beerdigt.“
Ich mustere sie und dann Margret. Sie reagiert sofort: „Jetzt verstehe ich, dass Jody und Helena am Knutschen waren. Aber ich verstehe auch nicht, wie ihr so … so gefühllos sein könnt! Das ist die Beerdigungsfeier deines Mannes!“
Ich atme tief durch. „Was wird das denn? Eine Abrechnung? Urteilt ihr immer nach dem ersten Anschein? Wie kommt ihr überhaupt auf die Idee, James würde sich über irgendetwas aufregen, was hier passiert?“
„Wie kannst du es wagen?“, flüstert Nadine. „James würde niemals etwas Derartiges gutheißen! Er war durch und durch anständig und …“
„Halt! Stopp! Bevor du irgendetwas sagst, was du später bereuen würdest! Und erzähl mir bitte nicht, was James gut oder nicht gut fand! Ich glaube, du hast ihn gar nicht gekannt! Ich habe in den sechs Jahren eine Menge mit ihm zusammen erlebt und ich weiß, was er nicht gut fand und was ihn nicht gestört hat. Was glaubst du überhaupt, was ein Geheimagent macht?“
Nadine wendet sich an ihre Mutter: „Warum sagst du eigentlich nichts dazu? Es geht um James!“
„James ist tot“, erwidert Eleonor leise. „Und er hat Fiona geliebt, das wissen wir doch alle. Und ich weiß genau, dass Fiona ihn geliebt hat. Ich kenne die Hintergründe nicht für das, was wir gerade gesehen haben, aber ich weiß, dass es uns nicht zusteht, darüber zu urteilen. Ich bin mir sicher, dass Fiona niemals etwas tun würde, was James wehtun könnte.“
Mir fallen plötzlich einige Dinge ein, die ich getan habe und die James wehgetan haben, aber das behalte ich lieber für mich. Außerdem war es ja gegenseitig … Boah, Fiona, du fängst doch jetzt keine Abrechnung mit einem Toten an?!
„Danke“, sage ich. Meine Stimme zittert. Kommt auch nicht oft vor.
„Ich glaube das einfach nicht, Oma!“, ruft Margret. „Wie kannst du nur so was sagen?“
„Weil ich meinen Sohn geliebt habe. Und weil ich gesehen habe, wie er Fiona angeschaut hat. Und weil ich Fionas Seele gesehen habe.“
„Oh nein, nicht das schon wieder“, stöhnt Edgar.
Während ich mich darauf einstelle, dass es in diesem und heftigerem Ton weitergeht, drängelt sich plötzlich mein Vater in unserer Richtung durch und stellt sich vor mich.
„Ich glaube nicht, was ich hier gerade erlebe“, sagt er ruhig, aber sehr bestimmt. „Wir sind alle, und ich betone: alle, hier, weil wir von James und von Sandra Abschied nehmen möchten. Ich werde nicht dulden, dass dieser Anlass durch irgendwelche Vorwürfe und Vorhaltungen gegen wen auch immer in den Dreck gezogen wird. Und ich kann euch auch noch sagen, dass ich ein wenig den Hintergrund kenne und mir sehr, sehr sicher bin, dass James Fiona ganz sicher keine Vorwürfe machen würde. James war nicht nur mein Schwiegersohn, er war auch mein Freund, mit dem ich viel geredet habe, und ich bin mir absolut sicher, dass er sich genauso vor Fiona stellen würde. Also, bitte, beruhigt euch alle.“
Ich bewundere meinen Vater. Er schafft es tatsächlich, dass Margret sich umdreht und zum Buffet geht. Nach kurzem Zögern folgen Nadine und Kevin ihrem Beispiel.
Mein Vater wirft uns einen kurzen Blick zu, dann geht er wieder ins Haus. Er ist wütend, das sehe ich ihm an, aber er hat sich gut im Griff.
Eleonor kommt zu uns. „Bitte entschuldigt das Verhalten meiner Tochter“, sagt sie. „Der Schmerz macht sie ungerecht.“
„Ich … ich kann es ja verstehen“, erwidere ich und wische meine Tränen mit einem Taschentuch, das Katharina mir reicht, ab. „Es ist selbst für mich schwer zu begreifen, was da geschieht. Und die anderen sehen ja nicht, was du siehst.“
„Das stimmt. Ich kann auch sehen, dass Katharina kein gewöhnlicher Mensch ist, genauso wenig wie dieser … Michael heißt er, glaube ich.“
„Ich bin auch kein gewöhnlicher Mensch.“
„Das weiß ich, denn ich habe in deine Seele schauen dürfen“, sagt Eleonor lächelnd.
„Wann?“, erkundigt sich Katharina stirnrunzelnd.
„Als wir bei Nadine zu ihrem Geburtstag eingeladen waren. Bei der Gelegenheit wurde Sandra gezeugt.“
„So genau wollte ich es gar nicht wissen“, murmelt Katharina, aber sie lächelt.
Eleonor legt eine Hand auf meinen Arm. „Ich glaube, ich gehe jetzt wieder zu meinen Lieben und beruhige sie ein wenig.“
„Danke.“
Ich blicke ihr hinterher, dann lehne ich mich seufzend gegen Katharina. Sie legt ihre Arme um mich.
„Es wäre vielleicht klüger gewesen, unsere Beziehung nicht so offen zu zeigen“, sagt sie ruhig.
Ich drehe meinen Kopf, bis ich ihr in die Augen sehen kann, und erwidere: „Vielleicht wäre es klüger gewesen, aber trotzdem falsch. Ich würde durchdrehen ohne dich.“
„Ich wäre ja trotzdem da.“
„Nein, wärst du nicht.“
Sie mustert mich nachdenklich. „Mein Schatz, du hast gesehen, wie es auch mich umgehauen hat. Ich … ich liebe dich und jede Sekunde, die du nicht in meinem Blickfeld bist, fühlt sich leer und trostlos an. Ich kann mir also vorstellen, wie du dich fühlst. Ein wenig jedenfalls. Aber die meisten da drin können das nicht. Nicht einmal Michael oder Nilsson werden das können.“
„Ich weiß“, sage ich leise. „Aber auch du kennst es, dich verstellen und verstecken zu müssen …“
„Oh ja.“
„Ich kenne das erst seit vier Jahren, seitdem ich weiß, dass ich eine Kriegerin bin. Und es macht mich wahnsinnig. Ich bin es nicht gewohnt, nicht einfach zu sagen, was ich denke und fühle. Es macht mich wahnsinnig, wirklich wahnsinnig. Ich will das einfach nicht mehr. Wenigstens nicht in Bezug auf uns. Ich kann das auch gar nicht, selbst wenn ich wollte. Ich würde mich mit jedem Blick, jeder Geste verraten. Mein Körper würde mir gar nicht gehorchen.“
„Du bist heute ja ganz schön melodramatisch.“
„Hey, mich gibt es nur als Komplettpaket.“
„Zum Glück.“ Sie küsst mich, sanft und lange. Ich bin mir sicher, dass wir beobachtet werden, aber es ist mir egal. Jetzt erst recht.
Wir werden von meiner Mutter unterbrochen. „Wollt ihr nicht reinkommen? Wir wollen auf James trinken.“
Ich nicke. Wir gehen hinter ihr her. Nicholas gibt uns Gläser mit Champagner. Ich werfe einen Blick in die Runde. Margret, Kevin und Nadine wenden sich ab.
Mein Vater hebt das Glas. „Ich trinke auf James Flame, den besten James, den es je gab!“
Woher kennt er den Spruch? Meinen Spruch?
„Auf den besten James!“ erwidere ich und halte mein Glas auch hoch. Die anderen folgen meinem Beispiel, einige nur zögerlich, aber schließlich sind alle Gläser oben.
Die nächsten Stunden gehen quälend langsam vorüber. Vor allem die Delfors üben sich darin, mir aus dem Weg zu gehen. Meine Mutter hingegen ist demonstrativ oft bei uns, redet mit Katharina, berührt uns beide gleichzeitig. Auch Eleonor setzt sich zwischendurch zu uns und wir unterhalten uns über neutrale Themen, die nichts mit Krieg oder Tod zu tun haben.
Viel später stehen wir an der Bar und mixen uns Cocktails, als Ben sich zu uns gesellt.
„Hi, mein Lieblingspolizist. Möchtest du einen Drink?“
„Ja, meine Lieblingskriegerin. Ich nehme einen hundsgewöhnlichen Caipi.“
Lächelnd greife ich nach dem Cachaça und einem Glas.
„Die Luft ist heute zum Schneiden hier“, bemerkt Ben.
„Ach, wie kommst du darauf?“
„Ist so eine Vorahnung.“
„Vorahnung? Also wird die Luft zum Schneiden werden sein?“ Katharina grinst den Lieutenant an, als der beleidigt dreinschaut. „Und, was denkst du?“
„Über euch?“ Er zuckt die Achseln. „Ganz ehrlich, viel zu viel Aufstand. Klar, irgendwo verständlich. Und nicht alle wissen, wie Fiona gelitten hat.“
„Du weißt es?“ Katharina zieht beide Augenbrauen hoch.
„Ich habe den ein oder anderen Weinkrampf abgefangen deswegen, ja.“
„Oh.“ Katharinas Blick verschleiert sich. „Das wusste ich nicht.“
„Es wundert mich nicht, dass Fiona andere Dinge für wichtiger hielt, dir zu erzählen.“
„Hey, Leute“, mische ich mich ein. „Ist gut jetzt. Es ist vorbei. Katharina hat auch gelitten, das ist ausgleichende Gerechtigkeit.“
„Oh.“ Das wird heute noch ihr Lieblingsspruch. Und der Caipi ist fertig. Ich reiche ihn Ben.
„Hört zu, irgendwie überstehen wir alle diesen Tag und diesen Abend. Und danach sehen wir uns wahrscheinlich nie wieder, die Delfors und ich.“
„Heißen sie so? Nicht Flame?“
„Hallo, du Genie? Nadine heißt mit Mädchennamen natürlich Flame, aber als sie Edgar geheiratet hat, nahm sie seinen Namen an.“
„Ja. Klingt logisch.“
Ich betrachte die Delfors, die wieder mal auf einem Haufen hocken. Wahrscheinlich bin ich ihr Dauerthema. Unwillkürlich fällt mir das Wochenende in Highfoot ein und die herzliche Atmosphäre damals. Die Erinnerung geht wie ein Stich durch mein Herz.
„Fiona?“
Ich sehe Katharina an. „Was?“
„Du weinst. Merkst du das gar nicht?“
Ich fasse an mein Gesicht und meine Hand wird nass. Nein, das habe ich gar nicht gemerkt. Ob ich mir Sorgen machen muss? Die Blackouts, jetzt das, das ist schon seltsam.
„Ich … ich habe mich nur erinnert.“
„Woran?“
Ich deute auf Nadine. „Als wir damals zu ihrem Geburtstag da waren, das war alles so herzlich gewesen. Ich fühlte mich richtig zu Hause. Es … es … Ach Scheiße, ist alles einfach nur Scheiße!“
Katharina starrt mich entgeistert an. Aber nicht nur sie. Eigentlich alle. Ich würde mich auch entgeistert anstarren, wenn ich könnte. So starre ich entgeistert die Stelle an, wo das Glas zerschellt ist, das ich soeben noch in der Hand gehalten hatte. Ich kann mich daran erinnern, dass mein Arm ausgeholt und dann das Glas gegen die Wand geschleudert hat, aber ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich ihm diesen Befehl gegeben hätte.
„Was war das denn?“, erkundigt sich Katharina.
„Mir war grad danach!“ Ich starre meine Mutter an, die zu uns kommt und vermutlich dasselbe fragen will. „Du brauchst gar nicht erst zu fragen! Mir war danach und fertig!“
„Ist schon gut, Kind. Du brauchst deswegen nicht gleich ausfallend zu werden. Jemand fegt das zusammen und alles ist wieder gut.“
„Nichts ist wieder gut!“, erwidere ich, viel lauter als ich eigentlich wollte. „Verstehst du? Nichts, aber auch absolut gar nichts ist gut! Wie könnte denn alles gut sein? Glaubst du, ich merke das nicht, wie fast alle mich anstarren? Was fast alle denken? Fiona, die Schlampe! Ich bin doch nicht völlig bescheuert, verdammt noch mal! Und ja, wenn ihr Schlampe so definiert, dann bin ich eben eine! Ist mir doch egal! Wahrscheinlich war ich nie etwas anderes!“
Ich beuge mich keuchend über die Theke und presse mein Gesicht gegen das harte Holz. Vielleicht sollte ich einfach mit dem Kopf dagegen schlagen, solange bis entweder mein Kopf oder die Theke zertrümmert ist.
Ich spüre zwei Arme, die sich um mich legen und richte mich auf. Katharina. Und ich sehe Michael, Nilsson und John herannahen. Die anderen sind immer noch nur entgeistert.
„Lass mich los!“, will ich schreien, doch statt der Wörter kommt nur ein wilder Schrei aus meiner Kehle, und dann lässt mich der Schmerz förmlich zusammenklappen. Am Rande bekomme ich mit, wie Katharina mich zu Boden gleiten lässt, ohne mich loszulassen, dann verschwindet alles in einem dichten, blutroten Nebel.

Rechte Hand. Ich bewege die Finger.
Déjà-vu.
Auch ohne mich aufzurichten, erkenne ich, dass ich in meinem alten Bett in meinem alten Zimmer bei meinen Eltern liege. Allein. Nackt.
Déjà-vu eben.
Ich setze mich auf und sehe mich um. Es dürfte wieder ein Morgen sein. Hoffentlich Samstagmorgen. Ich drücke die Stirn gegen die Knie und fahre mit den Händen durch die Haare.
Oh Mann.
Ich versuche, meine Erinnerungen zu ordnen. Deutlich höre ich meinen eigenen Schrei und spüre ich Katharinas Umarmung, als ich auf dem Boden liegend von einem Weinkrampf nach dem anderen geschüttelt werde. Danach verblassen die Erinnerungen sehr schnell.
Aus Erfahrung weiß ich, dass sie mich irgendwann hochgetragen und ausgezogen hat. Sowohl ihre als auch meine Sachen hängen über den Stühlen. Vermutlich hat sie sich wieder was Bequemes angezogen.
Seufzend gehe ich ins Bad, diesmal weiche ich meinem Spiegelbild allerdings nicht aus. Es sieht scheiße aus, ich also vermutlich auch.
Echt klasse.
Als ich mich vom Spiegel abwende, scheint mein Spiegelbild die Zunge rauszustrecken, doch als ich blitzschnell wieder in den Spiegel sehe, benimmt es sich wieder ganz normal. Soweit es bei mir überhaupt Normalität gibt.
Nach dem Pinkeln ziehe ich einen Schlüpfer und ein langes T-Shirt an und gehe langsam nach unten. Es ist alles genauso wie vor fünf Tagen, nur dass die Zusammensetzung der Stimmenwolke eine etwas andere ist.
In der Tür zum Salon bleibe ich stehen und lehne mich gegen den Rahmen.
Auf der Terrasse wird der Frühstückstisch gedeckt, hauptsächlich von meiner Mutter und Nadine. Margret sitzt in einem Gartenstuhl und sonnt sich, Kevin unweit davon entfernt im Schatten und spielt Nintendo. Mein Vater, Edgar und Peter spielen Karten und trinken Bier. Helena und Jody sind im Pool.
Katharina unterhält sich mit Eleonor. Als Eleonor mich erblickt, wird Katharina aufmerksam, springt auf und kommt zu mir. Sie trägt einen hellgrauen Hausanzug, sonst anscheinend nichts. Sie riecht frisch und gut. Ihre Lippen fühlen sich weich an, als sie zärtlich meinen Mund berühren.
„Ausgeschlafen?“
„Ja“, erwidere ich. „Bitte sag mir, dass wir erst Samstag haben.“
„Haben wir“, sagt sie lächelnd.
„Drol sei Dank!“
Katharina lacht schallend auf und zieht damit die Aufmerksamkeit aller auf uns. Ich winke nach draußen, ohne jemanden Bestimmten anzusehen. Meine Mutter und Margret kommen rein.
„Kind, wie fühlst du dich?“
„Bis zu dem Moment, als du mich Kind genannt hast, ging es mir ganz gut.“
Meine Mutter sieht mich irritiert an, aber Katharina und Margret grinsen.
„Möchtest du einen Kaffee?“, fragt meine Mutter schließlich.
Ich nicke und sie zieht davon. Ich blicke Margret an.
„Ich möchte mich entschuldigen für mein Verhalten gestern“, sagt sie. „Weder steht es mir zu, über dich zu urteilen, noch weiß ich, welche Gründe du hast. Und aus unseren Gesprächen habe ich den Eindruck, dass du ganz sicher keine Schlampe bist, sondern eine feinfühlige, intelligente Frau. Deswegen bitte ich dich hiermit um Entschuldigung.“
Ich räuspere mich. „Das … das nehme ich natürlich sehr gerne an, Margret.“
„Super!“ Sie lächelt mich an. „Darf ich dich umarmen, ohne dass Katharina eifersüchtig wird?“
Die hat es faustdick hinter den Ohren! Das muss an der Familie liegen.
„Natürlich“, erwidere ich.
Nach der Umarmung nimmt Katharina mich an der Hand und zieht mich zu der Couch, auf der Eleonor sitzt.
„Guten Morgen, meine Liebe“, sagt diese.
„Guten Morgen. Habe ich wirklich nur eine Nacht geschlafen?“
„Oh, die anderen denken noch nach. Aber Margret ist ein besonderes Kind mit ihren eigenen Ansichten zu vielen Themen.“
„Das scheint mir auch so.“ Ich setze mich neben ihr und Katharina neben mir.
„Katharina hat mir vertraulich einige Dinge über euch erzählt. Ich habe ihr versprochen, dass ich mit niemandem darüber reden werde, außer mit deinen Eltern. Und mit Michael. Der nicht nur kein Mensch, sondern sogar ein Vampir ist. Ich habe zwar gewusst, dass er anders ist, aber mit einem Vampir habe ich nicht gerechnet.“
„Aber du bist nicht fortgelaufen“, stelle ich fest.
„In meinem Alter macht man das nicht mehr so“, antwortet sie mit einem angedeuteten Lächeln. „Mit der Zeit lernt auch der alte Mensch, dass es keinen Sinn hat, vor der Erfahrung davonzulaufen.“
„Das hast du schön gesagt. Dann habe ich ja noch bisschen was zu lernen.“
„Das glaube ich nicht, denn du hast die Weisheit der alten Seele in dir. Diese leitet dich ganz gut durch das Leben, wie es mir scheint. Und außerdem hast du Katharina an deiner Seite.“
Ich werfe einen schnellen Blick auf die Erwähnte, unsicher, ob sie ihr Geheimnis auch verraten hat. Aber der letzte Satz klingt ganz danach.
„Ich … Es tut mir leid, wie ich mich gestern aufgeführt habe.“
„Das braucht dir nicht leidzutun, meine Liebe.“ Sie nimmt meine Hände. „Du hast unter einem unglaublichen Druck gestanden. Und dieser Schmerz. Einige Reaktionen, die du erleben musstest, waren nicht schön. Und auch jemand wie du kommt an die Grenzen. Aber das ist nichts, wofür du dich entschuldigen musst.“
Ich nicke langsam und atme tief durch. „Ja, vielleicht hast du recht. Ich glaube, ich brauche jetzt …“
„Einen Kaffee!“, ergänzt Katharina und deutet auf meine Mutter, die genug Kaffee für eine ganze Armee mitbringt. Ich nehme eine Tasse, dann gehe ich auf die Suche nach Zigaretten. Mit meiner Beute gehe ich nach draußen und setze mich neben dem Pool in einen Rattanstuhl. Jody und Helena sehen mich kurz an, dann spielen sie weiter.
Das Frühstück verläuft ohne Aussetzer und andere Peinlichkeiten. Nadine und Kevin benehmen sich freundlich, aber reserviert mir und Katharina gegenüber, im Gegensatz zu Margret, die sich sogar neben Katharina setzt und sich intensiv mit der über Arbeitschancen in Marketingabteilungen unterhält. Katharina macht ihr klar, dass sie die besten Chancen mit einem schnell absolvierten Studium hat, in dem sie die handwerklichen Grundlagen lernt und bietet ihr an, sich bei ihr zu melden, wenn sie in diese Richtung gehen möchte.
Danach ist Abschied angesagt. Nadine lässt sich sogar zu einer kurzen Umarmung hinreißen, Kevin winkt uns nur kurz zu und setzt sich schnell ins Auto. Margret verabschiedet sich herzlich von allen und bekommt von Katharina noch eine Visitenkarte mit ihrer privaten Handynummer.
Nach der obligatorischen Umarmung legt Eleonor die Hände auf Katharinas Arme und sagt ernst: „Ich hoffe für euch und auch für uns, dass ihr dieses schreckliche Verbrechen aufklären werdet. Nicht, weil ich Rache für meinen Sohn will, was ich natürlich auch will, aber man soll sich ja besser nicht von Rache leiten lassen, sondern weil mein Gefühl mir sagt, dass schwere Zeiten auf uns zukommen.“
Noch eine, die das sagt. Es beruhigt mich nicht, im Gegenteil, denn schließlich spüre ich es ja auch.
Katharina nickt. „Wir werden uns darum kümmern, ebenfalls nicht, um uns zu rächen.“
„Gut.“ Eleonor streichelt mein Gesicht, dann setzt sie sich zu Peter ins Auto und gemeinsam fahren sie vom Grundstück.
„Puh“, sagt meine Mutter. „Das war ja aufregend.“
„Wolltest du nicht peinlich sagen?“, erkundige ich mich.
„Wieso peinlich? Weil selbst du Nerven hast und deine Gefühle auch mal zeigst?“
„Äh …“
Katharina nimmt mich schnell in die Arme und sagt lachend: „Nimm es einfach an, mein Schatz. Deine Mutter hat recht, auch wenn du sehr emotional agierst, zeigst du selten deine wahren Gefühle. Wir lieben dich so, wie du bist.“
„Aha. Dann ist ja gut. Können wir jetzt wieder reingehen?“
Ich gehe vor. Das ist ja furchtbar. Meine Gefühle gehen nur mich was an. Okay, vielleicht auch Katharina. Und überhaupt. Wieso sagen die das ständig? Wie kommen sie auch nur auf die Idee, ich würde meine Gefühle nicht zeigen?
Mir fällt ein, was James dazu gesagt hat, als wir unseren großen Streit hatten. Er, der große Meister im Verbergen von Gefühlen, ausgerechnet er, wies mich darauf hin, dass ich das ebenfalls gut könnte.
Und außerdem, Katharina? Hat nicht sie mich vier Jahre lang hingehalten und dabei voll ihre masochistischen Gelüste ausgelebt?
Wie kommen diese Leute dazu, mir zu sagen, ich soll mal meine wahren Gefühle zeigen?
Hallo?
Ich bleibe neben dem Pool stehen und Katharina legt von hinten die Arme um mich.
„Hab dich! Wo wolltest du denn hin? Kann es sein, dass du ein wenig sauer bist?“
„Ja!“
„Mein armer Schatz, alle hacken ständig auf dir herum. Aber, und das meine ich jetzt mal ernst, vielleicht hat es was zu bedeuten, wenn mehrere Leute dir ab und zu sagen, dass du deine wahren Gefühle ganz gut verbergen kannst.“
Ich sehe sie an und renke mir dabei fast das Genick aus. „Ich kann doch mit meinen Gefühlen machen, was ich will?“
„Das schon. Nur solltest du dich dann halt nicht über die Reaktionen wundern.“
„Ich bin im Moment eben etwas dünnhäutig“, sage ich seufzend.
„Weiß ich doch. Aber gerade du musst ein bisschen aufpassen, und im Moment übernehme ich das für dich.“
„Wieso?“, erkundigt sich meine Mutter, denn meine Eltern sind auch auf die Terrasse gekommen.
„Weil sie sehr mächtig ist, viel mächtiger als andere Krieger.“
„Katharina!“
„Was denn? Deine Eltern sollten das wissen.“
„Was sollten wir wissen?“, fragt meine Mutter verwundert. „Wir wissen, dass sie unsterblich ist, schnell, stark. So wie Nilsson, John oder eben dieser Vampir.“
Ist lustig, wie Michael alle etwas irritiert. Ich weiß ja, dass meine Mutter ihn inzwischen sogar mag, aber sich nicht so richtig an seine Daseinsform gewöhnt hat.
„Fiona kann weit mehr als andere Krieger“, bemerkt Katharina, dabei hält sie mich nach wie vor fest. Unbemerkt von den anderen schiebt sie eine Hand mitsamt T-Shirt langsam unter meinen Schlüpfer. Dieses Biest!
Ich flüstere ihr ins Ohr: „Wenn du so weiter machst und ich auslaufe, sehen es alle, denn dann läuft es an meinen Beinen hinunter.“ Und stecke ihr die Zunge ins Ohr.
Das wirkt, sie zieht die Hand wieder aus meinem Schlüpfer.
„Was genau bedeutet weit mehr?“, hakt mein Vater nach.
„Das würde mich auch interessieren“, sagt Helena, die es sich auf einer Liege gemütlich gemacht hat und uns aufmerksam zuhört. Vielleicht hat sie auch das mit der Hand mitbekommen. Eh egal.
„Willst du es nicht zeigen?“
Ich mustere Katharina, dann löse ich mich aus ihrer Umarmung und beschließe, selbst sie zu schocken. Denn auch sie weiß nicht alles. Dass ich fliegen kann, ist ja schön und gut, aber das kann ich nicht, weil die Erde kaum Dichte hätte, sondern weil ich die Illusion manipulieren kann. Und das eröffnet noch ganz andere Möglichkeiten, wie ich mit der Zeit rausgefunden habe.
Ich stelle mich ganz an den Rand des Beckens und strecke einen Arm aus. Fast genau darunter bildet sich im Wasser ein Wirbel, der immer stärker wird, bis schließlich das Wasser nach oben steigt. Wie eine Schlange aus Wasser wächst es nach oben, umfließt meine Hand und windet sich spiralförmig an meinem Unterarm entlang, bis zum Ellbogen, und fließt von dort wieder zurück in das Becken.
„Cool!“, entfährt es Jody.
Katharinas Reaktion fällt etwas verhaltener aus: „Okaaaay … Damit schaffst du es, sogar mich zu überraschen.“
Ich schenke ihr ein Lächeln. „Ich weiß.“
Dann betrachte ich meine Eltern, die mich beide mit offenem Mund anstarren.
„Wie geht das denn?“, fragt schließlich mein Vater.
„Nun, die Illusion ist Realität und Realität ist Illusion. Und wer das wirklich weiß, und ich musste das lernen, der kann die Illusion und damit die Realität beeinflussen. So funktioniert jede Art von Magie. Ich muss noch viel lernen, aber das, was ich bereits kann, ist gut für ‚Ohs‘ und ‚Ahs‘.“
„Willst du nicht verraten, dass du auch fliegen kannst?“
„Fliegen?“, echot meine Mutter.
„Ja. Hast du dich gar nicht gefragt, wieso ich so schnell da war und das auch noch ohne Auto?“
„Hm“, macht mein Vater.
„Der Gedanke ging mir mal durch den Kopf, aber ich habe ihn nicht weiter verfolgt.“
„Nach dem Telefonat mit Zanda war mir, ehrlich gesagt, alles egal, deswegen bin ich einfach aus dem Bürofenster gesprungen und hierher geflogen.“
„Das ist noch viel cooler als die Wasserschlange“, stellt Jody fest. „Wie lange weißt du das denn schon?“
„Ich habe es entdeckt, als Sorned mich aus der dreißigsten Etage geworfen hat. Er hatte angekündigt, mich danach endgültig zu töten und das hätte ich nicht verhindern können, wenn ich als Fettfleck unten herumgelegen hätte. Die Kraft der Verzweiflung half mir, die Illusion so stark zu beherrschen, dass ich ungefähr einen halben Meter über den Pflastersteinen zum Stehen kam. Beziehungsweise zum Schweben.“
„Oh“, sagt meine Mutter nur.
„Das klingt nach einem sehr eindrücklichen Erlebnis“, bemerkt mein Vater. „Aber was genau meinst du mit endgültig töten?“
„Es gibt eine Möglichkeit, jedes Wesen endgültig und unwiderruflich aus diesem Universum zu entfernen. Da hilft dann auch keine Unsterblichkeit mehr. Ich werde nicht verraten, wie das geht, euch würde dieses Wissen sowieso nichts bringen.“
„Und du hast dann den Spieß umgedreht?“ Mein Vater ist gefährlich. Er nutzt seinen Verstand gerne und effizient, das ist mir öfter aufgefallen, seitdem ich ihn nicht mehr hasse.
„Ja, ich habe Sorned ein für alle Mal entfernt.“
Ich betrachte die Wasserschlange, dann lasse ich sie wieder in das Becken gleiten.
„Okay, mehr Zaubertricks gibt es vielleicht später. Und ja, Katharinas Sorge ist nicht unberechtigt. Aber du beschützt mich und die anderen ja, oder?“ Ich gebe ihr einen Kuss auf den staunenden Mund.
„Ich versuche es.“
„Nicht versuchen. Tue es oder lass es.“
„Das ich werde“, erwidert sie grinsend.
„Bestens! Und was machen wir jetzt mit dem angebrochenen Tag?“
„Bleibt doch einfach noch bis morgen hier“, schlägt meine Mutter vor. „Natürlich nur, wenn das nicht zu viel für dich ist, Kind.“
„Es geht schon. Oder auch nicht. Aber das hängt nicht davon ab, ob ich hier bin oder bei Katharina.“
„Gut. Übrigens, hast du dir schon Gedanken gemacht, wo du wohnen wirst? Dein Zimmer hier ist ja noch da.“
„Mama.“ Ich nehme ihre Hände und sehe ihr tief in die Augen. „Mama, das ist wirklich lieb von euch. Aber wenn Katharina es erlaubt, werde ich bei ihr wohnen.“
„Blöde Frage!“, kommt es von hinten.
„Aber es ist so weit weg!“
„Ist es nicht. Natürlich weiter weg als nebenan, aber keinesfalls aus der Welt. Und ihr kennt den Weg.“
„Ja, kennen wir.“ Sie seufzt. „Ich schätze mal, das ist vielleicht ganz gut so, wenn sie immer da ist, um auf dich aufzupassen.“ Sie legt den Zeigefinger auf meinen Mund. „Lass deiner alten Mutter ihre Marotten.“ Ich denke an den vollen Kleiderschrank oben und nicke. „Okay, also ich werde mich jetzt ein wenig hinlegen, die Nacht war kurz.“
„Ich gehe mit“, erklärt mein Vater.
Helena und Jody erklären wie aus einem Mund, dass sie nicht müde sind und sich sonnen wollen. Und dabei einen Film gucken. Nicholas erklärt sich bereit, den Fernseher auf der Terrasse aufzubauen.
Ich sehe Katharina an. „Gehen wir auch ins Bett? So für ein paar Stunden?“
„Klar. Meine Nacht war auch kurz.“
„Na, dann bis später“, sagt mein Vater und zieht Mama mit sich.
Ich winke den Mädchen zu, dann gehe ich mit Katharina nach oben. Dass sie schlafen wird, bezweifle ich allerdings.

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Leseprobe: Fiona – Gefühle (Band 3)

Was zum Teufel tue ich hier überhaupt? Zu Hause warten James und Danny, und ich stehe hier vor einer Bank herum. Ein paar Meter weiter kotzt sich ein Polizist aus.
Die Sonne scheint, ein herrlicher Spätfrühlingstag.
„Was ist mit euch los?“, erkundige ich mich.
„Komm mit rein, dann weißt du es“, erwidert Ben ungewohnt kurz angebunden.
Ich folge ihm in die Bank. Die Fenster sind abgedunkelt, drinnen Scheinwerfer aufgestellt. Spurensicherer und Ärzte sind schon da. Für die Ärzte gibt es nicht so viel zu tun, für die Spurensicherer umso mehr. Und weil sie schon mal da sind, helfen ihnen die Ärzte. Zu helfen gibt es für sie eine Menge.
Überempfindlichkeit gehört nicht zu meinem Wesen, im Gegenteil. In der kurzen Zeit meines bisherigen Wirkens als Kriegerin hatte ich sehr häufig Gelegenheit, ziemlich unappetitliche Dinge zu sehen. Aber der Anblick, der sich mir hier bietet, lässt meinen Magen rotieren. Zwar nur kurz, aber es reicht, dass Ben die Augenbrauen hochzieht.
„Alles in Ordnung, Fiona?“
Ich nicke. „Geht schon wieder. Ich war nur nicht darauf vorbereitet.“
„Niemand von uns war darauf vorbereitet.“
„Ich weiß.“
Die Bank wurde überfallen, das ist eindeutig. Ob auch Geld mitgenommen wurde, ist mir noch nicht bekannt. Aber wie es aussieht, hat niemand von den Kunden und Mitarbeitern überlebt. Sie wurden nicht erschossen, sie wurden auch nicht erstochen, nicht einmal erschlagen. Sie wurden zerfetzt. Einige von ihnen sehen aus, als wären sie teilweise aufgegessen worden. Auf dem Boden liegen Körperteile herum, die Bissspuren aufweisen.
Überall ist Blut.
Auch an der Wand gegenüber den Kassen. Dort hat jemand mit Blut hingeschrieben: Snow White was here.
„Schneewittchen?“ Ich starre Ben fragend an. Er zuckt nur die Schultern.
„Na schön. Hier waren also ein paar Irre am Werk. Und du meinst, das ist ein Fall für mich?“
„Siehst du das anders?“
Ich seufze. „Ben, nicht alle Irren sind übermenschlich. Ich kenne Typen, die sind ziemlich menschlich und würden trotzdem so was veranstalten.“
„Schließt du denn aus, dass es … nichtmenschliche Wesen waren?“
Ich schüttle den Kopf. „Nein. Aber die wenigsten von denen rauben eine Bank aus. Ist Geld mitgenommen worden?“
„Ja, sogar jede Menge. Etwa eine halbe Million.“
„Das wiederum wirkt menschlich.“ Ich schaue mich erneut um. Etwas gefällt mir nicht. Und das ist nicht nur die Mitteilung an der Wand. „Ich weiß nicht, Ben. Irgendwas passt nicht. Aber ich kann dir nicht sagen, was es ist. Vielleicht hast du recht, und das waren tatsächlich keine Menschen.“
„Vielleicht findet die Spurensicherung Hinweise. Ich halte dich auf dem Laufenden.“
„Ja, das ist auf jeden Fall eine gute Idee. Mann, Mann. So was habe ich noch nie gesehen. Das muss doch aufgefallen sein. Die Schreie. Hat niemand die Polizei gerufen?“
„Doch, wir wurden alarmiert von einem Zeugen. Ein Mann, der von draußen alles beobachtet hat.“
„Und?“
Ben zeigt auf etwas in der Nähe der Tür. Es ist wohl mal ein Mann gewesen. Er wurde mit seinem eigenen Dickdarm erwürgt. „Seine Handynummer stimmt überein.“
„Hm. Ich revidiere meine Ansicht immer mehr. Was hat er denn gesagt?“
„Das war nicht ganz eindeutig. Jedenfalls etwas in der Art, dass sie sie auffressen. Klang wohl ziemlich panisch. Und dann brach plötzlich die Verbindung ab. Die Zentrale hat sofort mehrere Wagen hierhingeschickt, aber als sie eintrafen, fanden sie nur noch das vor.“
Ich habe genug gesehen und gehört. Vorne rausgehen mag ich trotzdem nicht, inzwischen ist auch das Fernsehen da. Schon schlimm genug, dass die Reporter gesehen haben, wie ich mit Ben hier hineingegangen bin. Ich nehme den Hinterausgang und atme tief durch. Bestialisch, der Gestank. Meine Hände zittern, als ich mir eine Zigarette anzünde. Allmählich werde ich ruhiger.
Ben kommt nach draußen und bleibt neben mir stehen, die Hände in den Hosentaschen.
„So möchte ich nicht sterben“, sagt er leise.
Ich werfe ihm einen Seitenblick zu. „Ich bin schon schlimmer gestorben.“
„Schlimmer als das?“
Ich nicke. „Ja.“
Wir schweigen eine Weile vor uns hin, bis meine Zigarette aufgeraucht ist. Ich trete sie aus und wende mich dann Ben zu. „Lass es mich wissen, wenn ihr eine Spur gefunden habt.“
„Du hast keine Idee, wer Schneewittchen sein könnte?“
„Mir ist niemand aus der Szene bekannt, der sich so nennt oder der so ein Massaker anrichten würde. Schon mal gar nicht bei einem Banküberfall.“
Ein tiefer Seufzer entfährt Ben. Dann schlägt er unvermittelt gegen die Tür. Ich betrachte seine Hand.
„Geht schon“, meint er. „Aber das musste raus.“
„Klar.“
„Was ist mit dir? Macht dich das nicht wütend?“
„Doch, sicher. Aber vielleicht stumpfe ich ab.“
„Du? Niemals!“
Jetzt muss ich doch lächeln. „Lieb von dir, Ben. Ich fahre mal nach Hause. Hast du keine Lust, eine Mini-Pressekonferenz zu geben?“
Er braucht nur drei Sekunden, um zu verstehen. Dann nickt er grinsend.
Und ich kann unbemerkt in meinen Wagen einsteigen und wegfahren.

Zu Hause ist niemand. Da der Jaguar schon dasteht, sind die beiden wohl laufen. Ich ziehe mich aus und gehe in die Wanne. Das heiße Wasser entspannt meine verkrampften Muskeln. Mit geschlossenen Augen döse ich weg, bis sie nach Hause kommen.
Als ich die Augen öffne, steht James in der Tür, Danny sitzt neben mir. Beide sehen mich irritiert an.
„Hallo, mein Schatz“, sage ich.
„Was ist los?“ Das liebe ich so an ihm. Immer direkt zur Sache kommen, und du kannst einfach kein Geheimnis vor ihm haben. Nicht nach fast drei Jahren Ehe. Er kennt mich in- und auswendig, fast besser als ich mich selbst.
„Schneewittchen.“
„Hm? War das jetzt eine Anrede?“
„Nein“, erwidere ich kopfschüttelnd. „Sie hatte Hunger. Und hat eine Bank mit einem Schnellimbiss und die Menschen mit Hamburgern verwechselt.“
„Ich verstehe kein Wort.“
Ich schließe wieder die Augen. „Ben rief mich an, ob ich nicht zu ihm kommen wolle. Er möchte mir was zeigen. Eine Bank, sie wurde überfallen. Die Menschen darin … auseinandergerissen, zerfetzt, angefressen. Überall Blut. Und mit Blut an die Wand geschrieben: Snow White was here.“
„Shit.“
„Du sagst es, mein Schatz.“
Er kommt zu mir, hockt sich hin und legt eine Hand ins Wasser. Sie berührt ganz leicht meine Brüste. „Eine Ahnung?“
„Eine ganz düstere.“
„Aber nichts Konkretes?“
„Nichts Konkretes. James, ich bin nicht leicht zu schocken, aber das war hart.“
„Wie haben es die anderen verkraftet?“
„Schlecht.“ Er fragt nicht nach, wie schlecht. Ist ihm sowieso klar. Er kennt mich, und er hat genug Fantasie, sich die Szenerie auszumalen.
„Was für dich?“
„Möglicherweise. Auch gewöhnliche Menschen können so was.“
„In einer Bank? Am helllichten Tag?“
Er stellt immer die unbequemen Fragen, die ich mir stellen müsste. Auch dieses Mal.
„Eher selten.“ Ich sehe ihn an. „Aber warum sollten andere Wesen so was tun? Eine Bank ausrauben, eine halbe Million und ein paar Innereien mitgehen lassen?“
„Sag du es mir!“
„Mir fällt kein Grund ein, der mir gefallen würde.“
„Und ein Grund, der dir nicht gefällt?“
„Dämonen. Aber Dämonen rauben keine Bank aus. Sie brauchen kein Geld.“
„Was ist mit Katharina?“
„Was soll mit ihr sein? Sie hat es nicht nötig, Banken auszurauben!“
„Das stimmt. Sie kauft sie höchstens. Aber sie hat eine Affinität zu Geld. Und ist ein Dämon.“
„Sie frisst keine Menschen.“
„Ich habe ja auch nicht gesagt, dass sie es war. Ich wollte dich lediglich darauf hinweisen, dass es Dämonen gibt, die sich mit Geld abgeben.“
„Ja.“ Ich steige aus der Badewanne.
„Oh je, du hast ja wirklich schlechte Laune.“
Seufzend bleibe ich stehen, dann lasse ich mich von ihm trocken rubbeln. Dass ich dabei an einer Stelle nur noch nasser werde, ist ein eindeutig gewollter Nebeneffekt.

Ich gehe in die Hocke. Hinter dem Gestrüpp bin ich unsichtbar, aber selbst sehe ich alles. Es regnet wie aus einer Gießkanne. Meine Sachen sind völlig durchnässt und kleben unangenehm auf der Haut. Am liebsten würde ich mich nackt ausziehen, aber kalte Windböen halten mich davon ab. Ich drücke den Rücken gegen den Baumstamm hinter mir und lege die Arme um die Beine. Ich zittere, es ist plötzlich kalt. Das Wasser dringt durch die Kleidung, alles an mir ist nass.
Wo bin ich?
Um mich herum Gestrüpp. Ein Baum. Grauer Himmel, aus dem es Bindfäden regnet. Geräusche. Ich wende den Kopf nach rechts und versuche durch die Sträucher hindurch zu erkennen, wo sie herkommen. Da ist ein Weg, schlängelt sich durch den Wald. Eine Prozession kommt, eine Beerdigung. Vorne gehen die Sargträger mit dem Sarg. Dutzende von Schwarzgekleideten.
Etwas ist seltsam. Ich krieche unter dem Gestrüpp auf den Weg zu, um besser sehen zu können. Kinder. Es sind Kinder. Alles nur Kinder, gekleidet wie Erwachsene. Selbst die Sargträger sind Kinder.
Es ist gespenstisch. Bis auf den Regen ist nichts zu hören. Die Gesichter der geschätzt 80 Kinder, die dem Sarg folgen, sind regungslos, wie Masken. Nirgendwo ein Regenschirm, eine Kapuze. Die in Anzüge und Kleider gekleideten Kindern sind genauso nass wie ich.
Ich warte, bis die Prozession vorbeigezogen ist, dann krieche ich auf den Weg. Aufgerichtet folge ich den Kindern. Es fühlt sich an, als würde ich durch einen See waten, so dicht ist inzwischen der Regen. Wenn ich den Mund aufmache, ertrinke ich. Am Wegesrand stehen Laternen, deren Licht sich im Wasser zerstreut.
Die Prozession erreicht ihr Ziel, die Kinder stellen sich um ein ausgehobenes Grab herum auf. Die Sargträger lassen den Sarg hinunter in das Loch, während die anderen Kinder einen seltsamen Singsang anstimmen, wie Kinder im Vorschulalter oft singen. Das Bild ist verrückt: Sie geben sich wie Erwachsene und dann dieser Gesang. Ich erschaudere, während ich die Kinder aus einem Versteck heraus beobachte. Der Regen ist mein Versteck.
Nachdem das Grab zugeschaufelt ist, löst sich die Gruppe auf und die Kinder zerstreuen sich in allen Richtungen. Schließlich bin ich allein. Allein mit den Toten. Ich warte noch ein paar Minuten, bevor ich zum Grab laufe. Für mich wäre es zu klein, aber warum sollten ausgerechnet Tote erwachsen sein in dieser Kinderwelt?
Wer bin ich und was tue ich hier??
Die erste Frage bleibt offen, die zweite beantworte ich mir selbst, indem ich damit beginne, das Grab wieder auszuheben. Mit bloßen Händen ist das eine mühselige und dreckige Arbeit, vor allem, da sich die Erde durch den Regen in einen Sumpf verwandelt. Dennoch habe ich irgendwann endlich den Sarg freigelegt. Ich lege mich auf den Bauch und versuche, den Deckel hochzuziehen. Auf dem nassen Holz rutschen meine Finger immer wieder ab, meine Fingerspitzen bluten schon. Doch schließlich schaffe ich es, den Deckel mit beiden Händen so festzuhalten, dass ich ihn anheben und dann von unten packen kann. Ich ziehe ihn heraus und werfe ihn achtlos zur Seite.
Im Sarg liegt ein Kind, doch es ist zu dunkel, als dass ich viel erkennen könnte. Ich suche meine Taschen ab nach etwas, womit ich Licht machen könnte. Aber selbst wenn ich etwas bei mir gehabt hätte, wäre es inzwischen durch den Regen unbrauchbar geworden. Ich lege mich also erneut in den Schlamm und ziehe stöhnend und ächzend den Sarg aus dem Grab. Jetzt kann ich das Kind besser erkennen.
Ein zehnjähriges Mädchen, die Hände ordentlich auf dem Bauch gefaltet, die Augen verschlossen. Sie sind grau. Das weiß ich sehr genau, denn ich starre entgeistert auf mich selbst.

Graue Augen, die ins Nichts starren. Die Augen einer Toten? Ich trete so weit zurück, dass ich meinen Körper im Spiegel sehen kann. Ist das wirklich eine 26-Jährige?
Bin ich das wirklich?
Mir ist kalt. Als ich die Arme um mich lege, fällt mir auf, dass ich mich umarme. Was ist los mit mir? Wie kann ein Traum mich derart verwirren? Was bedeutet er?
Mir ist klar, dass er eine Botschaft ist. Ich habe als Kriegerin oft genug mit Dingen zu tun, die sich in kein rationales Weltbild pressen lassen, mich eingeschlossen. Aber dieser Traum ist etwas sehr Persönliches. Der Anblick meines Kind-Ichs hat etwas sehr Tiefes berührt, und ich kann nicht einordnen, was das für Gefühle sind, die mich fast in einen Zombie verwandeln. Und das Letzte, was ich jetzt sehen will, ist die Visage des Psychoterroristen. Er weiß eh schon viel zu viel über mich. Ich glaube, er weiß mehr als ich.
Ich lasse die Arme sinken, bis sie einigermaßen locker an den Seiten herunterhängen. Schlanke, sehnige Gestalt, flacher, muskulöser Bauch, kleine, runde Brüste. Kurze Haare. Gefährlich sehe ich wirklich nicht aus. Wer mich nicht kennt, hält mich für ein schüchternes, unsicheres Mädchen. Zumindest wer nicht genau hinschaut, denn ich stehe aufrecht.
Viel wichtiger ist jedoch, dass ich sehr deutlich auch das kleine Mädchen im Spiegel sehe.
Ich trete wieder näher an den Spiegel heran und betrachte mein Gesicht. Die unauffällig vollen Lippen, die fast immer angedeutet diesen zynischen Zug haben. Die gerade, schmale Nase. Und die grauen Augen. Sie sind kalt – ja, fast leblos.
„Wer bist du?“, flüstere ich.
In einem Anfall von Trotz beschließe ich, dass mich der Traum kreuzweise kann und verlasse empört das Badezimmer. James ist gerade fertig mit dem Tischdecken, als ich nackt auftauche. Er mustert mich eindringlich. Ich kenne diesen Blick und mag ihn grad nicht. Er scheint es zu merken, denn die obligatorische Frage kommt nicht. Stattdessen reicht er mir stumm meinen Kaffee.
„Schatz.“ Er mustert mich noch eindringlicher. Wenn ich nackt „Schatz“ sage, scheint das was Bedrohliches zu haben. „Schatz?“
„Ja.“
„Was Ja?“
„Was du auch immer fragst.“
„Wie kommst du darauf, dass ich was fragen will?“
„Weil du ‚Schatz‘ gesagt hast. Mit einem Punkt. Kein Fragezeichen, kein gedehntes ‚Schaaaaatz‘, sondern kurz und knackig ‚Schatz‘. Das bedeutet, du willst mir eine Frage stellen, und von der Antwort hängt mein Leben ab. Also habe ich schon mal vorsorglich Ja gesagt.“
Ich starre ihn mit offenem Mund an.
„Wie lautet denn nun die Frage?“
„Äh … habe ich vergessen.“
„Glück gehabt. Möchtest du frühstücken, mein Schatz?“
Ich nicke stumm und setze mich. Er grinst. „Das kommt nicht oft vor, dass man dich sprachlos kriegt.“
„Das stimmt. – Meinst du, ich sollte zum Psychoterroristen?“
„Was willst du da?“
„Na ja, vielleicht kann er mir den Traum erklären.“
„Wieso sollte dir ein Psychotherapeut den Traum erklären können?“
„Er hat das gelernt.“
James verschüttet vor Lachen seinen eigenen Kaffee. „Scheiße!“ Dann blickt er mich fassungslos an. „Das glaubst du aber nicht ernsthaft, oder?“
„Wieso nicht? Er hat wirklich was drauf.“
„Das glaube ich dir ja. Aber ein Trauma zu behandeln ist was ganz anderes, als einen Traum zu erklären.“
„Freud hat auch …“
„Freud! Lass den mal schön aus dem Spiel. Kannst ja deinen Psychoterroristen fragen, was er von dem hält.“
„Nicht viel. – Und wie finde ich jetzt heraus, was mir der Traum sagen will?“
„Hm. Bist du sicher, dass es ein Traum war?“
„Fast. Also, eigentlich ziemlich sicher. Die Stimmung, das Körpergefühl … sehr untypisch für eine Außerkörperlichkeit. Und die Begegnung mit dem Kind … eigentlich nur in einem Traum möglich.“
Mir fällt ein, dass ich frühstücken könnte und nehme ein Brötchen. Als ich hineinbeißen will, nimmt James es mir aus der Hand, schneidet es auf und schmiert Marmelade auf beide Hälften. Dann bekomme ich es zusammengelegt wieder.
„Danke … was symbolisiert ein Kind, das eigentlich mein junges Ich ist und in einem Sarg liegt? Dass ich bald sterben werde?“
„Na, dann brauchst du dir ja keine Sorgen zu machen. Darin hast du nun wirklich viel Übung.“
„Du …!“ Ich atme laut aus. „Ja. Und ich bin erwachsen.“
„Eben. Kannst ja tagsüber darüber nachdenken oder nächste Nacht das Kind fragen. Ich muss jetzt los, habe in einer Viertelstunde eine Besichtigung.“
„Soll ich heute Danny nehmen?“
„Das wäre super.“ Er gießt den Kaffee hinunter und gibt mir einen Kuss. „Bis heute Abend. Und vergiss nicht, dich anzuziehen, bevor du zur Arbeit fährst.“
Manchmal hasse ich ihn. Fast. Wenigstens ein bisschen. Wie kann ein Mensch nur so zynisch sein? Mich ausgenommen!?

Mit 10 war ich ein Einzelkind. Nachdenklich betrachte ich meine Mutter, während ich lustlos im Essen herumstochere. James unterhält sich angeregt mit meinem Vater, aber ich weiß genau, dass er mitkriegt, wie ich drauf bin. Deswegen unterhält er sich so angeregt mit meinem Vater. Aber er schafft es nicht, auch meine Mutter abzulenken. Sie beobachtet mich eine Weile, ehe sie mich anspricht.
„Was ist los, mein Schatz?“
„Nichts.“ Wir alle wissen, dass das gelogen ist.
„Erzählst du mir, welches Nichts dich so beschäftigt?“
„Du bist fast so zynisch wie ich, Mama.“
„Ja, ich habe viel von dir gelernt.“
Ich grinse. „Echt? Die schlimmen Sachen auch?“ Ich atme tief durch. „Ich habe blöd geträumt, das ist alles.“
„Mein Kind, hast du so wenig Vertrauen zu mir?“
Was soll ich dazu sagen? Mütter sind lästig. Meiner Mutter kann ich nichts vormachen, sie kennt mich viel zu gut. Sie spielt oft und erfolgreich die Gattin des reichen Ex-Unternehmers und Entrepreneurs, aber sie kriegt einfach alles mit. Fast alles.
Ich stehe auf und gehe nach draußen. Es regnet leicht, daher bleibe ich unter dem Terrassendach stehen und zünde mir eine Zigarette an. Meine Mutter legt von hinten ihre Arme um mich.
„In letzter Zeit wirkst du oft traurig“, sagt sie plötzlich.
„Traurig?“
„Ja. Nicht immer. Aber ab und zu.“
„Oft oder ab und zu?“
„Mir kommt es oft vor, aber wahrscheinlich ist es gar nicht so oft, wie ich mir einbilde. – Gibt es Probleme mit James?“
„Mit James?“ Ich schüttle den Kopf. Nein, mit James habe ich keine Probleme. Ich liebe ihn. Mein Problem heißt Katharina. Aber das weiß niemand außer ihr. Ich lehne den Kopf zurück, bis unsere Wangen sich berühren. „Mama, ich weiß es nicht. Ich meine, was mich so traurig macht. Mit James ist alles in Ordnung. Ich liebe ihn.“
„Wann werde ich Großmutter?“
„Was?!“ Ich richte mich auf und starre sie entgeistert an.
„Warum erschreckt dich dieser Gedanke so? Du bist eine junge Frau, und du wärst eine wunderbare Mutter.“
„Ich?“ Als Mutter kann ich mich nun wirklich nicht vorstellen. Kind stillen, wickeln, baden … ich??? „Mama, ich glaube nicht, dass ich eine gute Mutter wäre.“
„Doch, das wärst du. Ich habe gesehen, wie du mit Kindern umgehst. Kinder lieben dich.“
„Weil ich auch ein Kind bin!“
„Du bist doch kein Kind mehr!“
Ich ziehe an meiner Zigarette. „In meinem Traum schon. Ich fand mich als Zehnjährige in einem Sarg liegend.“
„Oh. – Jetzt verstehe ich. Aber es war nur ein Traum. Ein böser Traum.“
„Ja, ein böser Traum … wie auch immer. Ich sollte vielleicht erst einmal erwachsen werden, bevor ich ein Kind bekomme.“
„Dann würde die Menschheit aussterben, wenn das Bedingung wäre.“ Meine Mutter kichert. „Es ist gar nicht so gut, ganz erwachsen zu werden.“
„Du überrascht mich, Mama.“
„Wirklich?“
„Nein.“
„Ich habe mich schon fragen wollen, ob du mich wirklich so schlecht kennst.“
Ich zwinge ein Lächeln auf mein Gesicht. „Mama, im Moment kenne ich nicht einmal mich selbst.“ Seufzend nehme ich einen letzten Zug von der Zigarette, bevor ich sie ausdrücke. „Vor allem verstehe ich nicht, dass ein Traum mich so … depressiv macht.“
„Gegen Depressionen gibt es gute Mittel.“
„Wie den Psychoterroristen?“
„Wieso nennst du ihn eigentlich immer so? Das ist abwertend, und das hat er nicht verdient.“
„Weil er wie ein Terrorist in mein Innerstes eingedrungen ist und dort alles durcheinandergebracht hat.“
„Vielleicht hat er auch nur aufgeräumt.“
„Ja, natürlich. – Nein, Mama, das geht schon. Ich bin bestimmt nicht selbstmordgefährdet. Wüsste sowieso nicht, wie ich das anstellen sollte.“
„Zum Glück …“ Sie schweigt erschrocken. „Tut mir leid, verzeih mir. So war es nicht gemeint.“
Ich nehme sie in die Arme. „Ich weiß, Mama. Ist schon gut. Ist lieb gemeint, dass du versuchst, mir zu helfen, aber ich muss mit diesem Ding, das sich mein Leben nennt, selbst fertig werden. Irgendwie. Und ich schaffe das schon. Trotzdem, danke.“
Sie streichelt mir mein Gesicht, dann gehen wir wieder hinein. Die Männer sehen uns erwartungsvoll an, aber sie werden enttäuscht. Von uns erfahren sie nichts. Außerdem hätten wir sowieso keine Gelegenheit etwas zu erzählen, denn mein Handy meldet sich lautstark. Auf dem Display steht der Name von Jack. Mein Herz verkrampft sich.
„Hallo Jack.“
„Fiona … tut mir leid, dich zu stören.“
„Hat Schneewittchen wieder zugeschlagen?“
„Ja, wahrscheinlich.“
„Scheiße. Hast du Ben schon Bescheid gesagt?“
Er zögert. „Das geht nicht“, sagt er schließlich. Dann räuspert er sich. „Sie haben ihn entführt.“
„Wen?“ Ich kapiere mal wieder nichts. „Wer hat wen entführt?“
„So wie es aussieht, hat Schneewittchen Ben entführt.“
„Was!? Jack, wo bist du?“
„In Bens Wohnung. Kannst du herkommen?“
„Ja, natürlich. Bin gleich da.“ Ich lege auf und starre James an.
„Habe ich das richtig verstanden, dass Ben entführt wurde?“, fragt er. Ich nicke. „Verdammt. Heftig. Wesen, die Polizisten persönlich angreifen, sind entweder sehr dumm oder sehr gefährlich.“
„Oder beides. Schatz, ich muss hin.“
„Ich weiß.“
Ich gebe ihm einen Kuss, verabschiede mich von meinen Eltern und laufe rüber zu unserem Haus. Kurzerhand nehme ich den Jaguar, weil ich ihn sowieso wegsetzen müsste. Vor dem Haus, in dem Ben wohnt, sehe ich schon von Weitem den üblichen Auflauf. Allerdings ist die Presse noch nicht da, also hat mich Jack ziemlich schnell, nachdem die Entführung Bens entdeckt wurde, angerufen. Ich parke neben einem Krankenwagen, und als ich aussteige, nimmt mich ein junger Polizist in Empfang.
„Der Chief möchte, dass ich Sie zu ihm bringe“, sagt er ohne jede Begrüßung. „Ich finde das unverantwortlich.“
„Wieso?“, frage ich, unwillkürlich schmunzelnd.
„Es sieht nicht schön aus in der Wohnung des Lieutenants.“
„Wieso?“ Mein Herz verkrampft sich. „Ich denke, er wurde entführt?“
„Er schon. Sein … Freund nicht.“ Mehr scheint der Polizist nicht sagen zu wollen. In der Zwischenzeit haben wir das Haus betreten und gehen zu Fuß in die zweite Etage. Ich habe dabei mehrere Déjà-vus. Bleiche Polizisten, die aussehen, als würden sie gleich kotzen. Dank der Andeutungen des jungen Polizisten ahne ich allerdings, was der Auslöser für die allgemeinen Übelkeitsanfälle sein könnte.
Jack erwartet mich vor der Wohnung. Es ist eine dieser Luxuswohnungen in einem Luxusgebäude in einer Luxusgegend. Wo waren die Luxuswachleute des privaten Schutzdienstes? Und wieso kann sich Ben das eigentlich leisten? Zumindest die letztere Frage kann ich mir selbst beantworten: Weil er zurückgezogen lebt und kaum Geld für irgendwas ausgibt, was nicht unbedingt nötig ist.
Ich nehme Jack kurz in die Arme. Dann deute ich auf die Wohnungstür. „Da drinnen muss es ja schlimm aussehen.“
„Ja. Du warst in der Bank?“
Ich nicke.
„Dann wird es für dich nichts Überraschendes in der Wohnung geben. Wusstest du, dass Ben mit einem Mann zusammengelebt hat?“
„Du?“
„Ja. Aber er machte es nie öffentlich.“
„Nun, ich habe es geahnt. Aber wir haben nie über sein Privatleben gesprochen.“
Jack mustert mich mit einem undefinierbaren Ausdruck. Schließlich öffnet er die Tür und geht vor. Bestialischer Gestank schlägt mir entgegen. Die Quelle liegt auf dem Boden zwischen Badezimmer und Küche. Es war mal ein Mann, das kann ich erkennen.
Ich schlucke. „Komisch, dass Menschen kein Problem haben, ein Huhn aus dem Supermarkt anzupacken, aber bei diesem Anblick loskotzen.“
„Du findest das komisch?“
„Nicht wirklich.“ Während ich an den Resten des Mannes, und es sind wirklich nur Reste, vorbeigehe, denke ich daran, dass es eben einen Unterschied macht, ob man ein Huhn als Huhn erkennen kann oder nicht. Nicht ohne Grund werden die Hühner meistens in Einzelteilen und mariniert oder paniert angeboten, um bloß keine Assoziationen zu wecken. Niemand wäre von einem Menschenschnitzel schockiert, wenn er den ursprünglichen Menschen nicht mehr erkennen könnte und auch nicht wüsste, dass es Menschenfleisch ist, was da grad in der Pfanne bruzzelt.
Der Freund von Ben ist als Mensch erkennbar, auch wenn sein Kopf entkernt wurde.
„Was ist passiert?“, erkundige ich mich. Ich stehe nun mit Jack im Wohnzimmer. Es sieht wild aus. Und als ich erkenne, dass eins der Beweisstücke, das neben dem Sessel liegt, ein Teil von einem Fuß ist, halte ich kurz den Atem an, sonst würde selbst mir schlecht werden.
„Soweit wir rausgefunden haben, sind sie durch das Fenster gekommen. Es gab wohl einen kurzen Kampf. Dann haben sie den Freund – er hieß George Wilson – ausgeweidet, vermutlich, als er noch lebte. Und sind wieder durch das Fenster gegangen.“
„Durch das Fenster? Wir sind im zweiten Stock.“
„Das scheint sie nicht gestört zu haben“, erwidert Jack trocken.
Ich trete zum Fenster, bleibe aber in einiger Entfernung stehen, um die Spurensicherung nicht zu stören. Die Scheiben liegen vor dem Fenster, in Tausenden von Scherben. Sie sind nicht durch das Fenster gekommen, sie sind durch das Fenster gesprungen. Bloß wer?
„Gibt es Zeugen? Irgendwelche Hinweise, mit wem oder was wir es zu tun haben?“
Jack schüttelt den Kopf. „Das Ganze hat vielleicht zehn Minuten gedauert, wenn überhaupt. Mehrere Bewohner haben was gehört, es hat ja auch ordentlich gerumst. Bei uns gingen zwei Notrufe ein. Als wir eintrafen, war es schon vorbei. Als unsere Leute die Tür aufbrachen, hat George noch gezuckt.“
„Wie bitte? Er hat doch kein Gehirn mehr!“
Jack zuckt die Achseln. „Anscheinend hatten sie es ihm erst kurz zuvor entfernt. Sein Körper bewegte sich jedenfalls noch.“
Ich erschaudere. Erinnerungen kommen plötzlich hoch. Erinnerungen, die ich gut verschlossen wähnte. Dann merke ich nur noch, dass Jack mich auffängt.
„Fiona? Fiona, was ist los?“
Ich klammere mich an Jack fest und warte darauf, dass die Welt um mich herum sich beruhigt. Das Ganze dauert sicher nicht länger als ein paar Sekunden, aber das reicht, um Jack einen panischen Ausdruck auf sein Gesicht zu zaubern.
„Fiona??“
Ich atme ein paarmal tief durch und richte mich langsam auf. „Sorry … ich … ich habe mich an etwas Unangenehmes erinnert.“
Jack mustert mich, dann nimmt er meinen Arm und zieht mich fort, fort von den neugierigen Blicken seiner Leute, in das Bad, und er schließt die Tür.
„Fiona, das ist das erste Mal, dass ich eine solche Reaktion bei dir erlebe“, sagt er dann langsam.
„Puuh …“ Ich setze mich auf den Wannenrand und fische meine Zigaretten hervor. „Du auch?“ Und als er den Kopf schüttelt, zünde ich mir eine an. „Das Bild vom zuckenden Kerl … ließ die Frage in mir hochkommen, ob und wie er sich dabei fühlte … und das wiederum in mir mit Urgewalt die Erinnerung daran erwachen, wie sich so was anfühlt.“
„Was anfühlt?“
„Seinen Körper in Stücken zu verlieren.“ Ich ziehe an der Zigarette und bin wieder halbwegs bei mir. „Du weißt doch, wer ich bin.“
„Ja. Aber wir haben uns noch nie über Details unterhalten. Ich wusste zum Beispiel nicht, dass du auch schon …“
„Ausgeweidet wurde? Nun, es lief etwas anders. Aber am Ende konnte ich die einzelnen Teile meines Körpers auf dem Boden zerstreut rumliegen sehen, bevor ich endlich das Bewusstsein verlor. – Wie auch immer. Ich habe nicht mit diesem Flashback gerechnet.“
„Vielleicht sollte jemand anderes den Fall übernehmen? Schon allein, weil du persönlich befangen bist.“
„Willst du bei Gott anrufen? – Nein, so läuft das nicht, Jack. Du wirst mit mir vorliebnehmen müssen. Wir sind keine Behörde, bei uns gibt es keinen Notruf, keinen Dienstplan, keine Zuständigkeiten. Ich bin Fiona und zufällig in dieser Wohnung, zufällig in diesem Bad und sitze nur zufällig auf dieser Wanne und rauche zufällig diese scheißverdammte Zigarette!“
„Schon gut, ich habe verstanden.“
„Tut mir leid.“ Ich drücke die Zigarette aus und erhebe mich. „Ich will mir die Spuren draußen ansehen.“
Allerdings nicht die in der Wohnung. Um die kümmern sich schon die Fachleute, die das besser können als ich. Ich gehe vorsichtig nahe an das Fenster heran, während unter meinen Sohlen Glas knirscht. Unter dem Fenster ein größerer Gemüsegarten. Pech für die Hobbygärtner, aber gut für mich, denn zwischen den Tomaten und der Paprika ist sehr gut zu erkennen, wo die Angreifer herkamen.
„Sie scheinen von da unten hier hochgesprungen zu sein“, bemerke ich. „Hm.“
„Hochklettern kommt nicht infrage?“
„Dann hätten sie die Scheibe eingeschlagen, und dann lägen die Scherben ganz anders.“
„Das stimmt“, gibt Jack zu. „Aber wer springt mal eben in ein Wohnung im zweiten Stock durch ein geschlossenes Fenster?“
„Sehr gute Frage.“ Ich schaue mich draußen um. Niemand zu sehen. Bevor Jack reagieren kann, springe ich durch das Fenster und lande im Gemüsebeet. Da ich mich dabei darum bemühe, nicht die Spuren der Entführer zu zerstören, müssen weitere Tomaten dran glauben. Das ist blöd, denn der sich verteilende Saft erschwert etwas die Spurenlese. Während ich mich über die Spuren der Entführer beuge, denke ich flüchtig darüber nach, ob Tomatensaft gut aus Baumwolle rausgeht. Wir werden sehen.
Ich konzentriere mich auf das Riechen. Meinem Anderssein verdanke ich unter anderem wesentlich höher auflösende Sinneswahrnehmungen als normale Menschen. Was normal auch immer sein mag. Neben dem brutal intensiven Geruch der zerstörten Tomaten rieche ich als erstes Angst. Todesangst. Ich rieche Bens Angst.
Und dann ist da ein vertrauter Geruch, nur viel, viel intensiver. Der Geruch von Dämonen. Er ist sehr spezifisch, für geübte Nasen wie meine gut erkennbar. Auch Katharina hat diesen Geruch, allerdings nur dezent. Hier jedoch, in diesem Gemüsegarten, waren Vollblutdämonen unterwegs. Damit ist jeder Zweifel ausgeräumt – es waren keine Menschen. Wie konnte ich das auch nur annehmen? Dieser Geruch hätte mir auffallen müssen in der Bank, wäre er auch ohne den allgegenwärtigen Gestank toter Seelen. Fiona! Ich korrigiere, nicht die Seelen stanken, sondern ihr brutaler Tod.
In der Zwischenzeit sind Jack und zwei Polizisten auch da. Jack sieht mich vorwurfsvoll an, spart sich aber jede Bemerkung bezüglich meiner Stunteinlage.
„Hast du was rausgefunden?“
Ich mustere kurz die beiden Polizisten und deren mitleidigen Gesichtsausdruck, dann wende ich mich Jack zu. „Ja.“ Statt einer weiteren Erklärung folge ich der gut sichtbaren und noch besser riechbaren Spur. Ziemlich eindeutig verließen die Entführer das Grundstück auf demselben Wege, auf dem sie gekommen waren. Der riesengroße Gemeinschaftsgarten des Mietshauses grenzt an einen öffentlichen Erholungspark, durch einen mindestens zwei Meter hohen Maschendrahtzahn davon abgetrennt.
„Auf der anderen Seite geht es weiter“, stellt Jack lakonisch fest.
Ich betrachte den Park. Etwas weiter südlich fließt die Labe, spätestens darin würde ich die Spur verlieren. Außerdem sind in dem Park zu viele Leute unterwegs.
„Manchmal liebe ich deinen Humor, Jack. Hast du hier noch was zu tun?“
„Alle wären froh, wenn ich sie hier nicht bei der Arbeit stören würde. Kann ich dir von unserem hervorragenden Kaffee in der Zentrale anbieten?“
„Sandras Kaffee? Jederzeit.“
Wir fahren in die Polizeizentrale, getrennt. Im Vorzimmer des Polizeichefs werde ich überschwänglich von Sandra begrüßt. Erstaunt stelle ich fest, dass ich Jack überholt habe. Ich lümmle mich in den Chefsessel und lege die Beine auf die Lehne. Dabei fallen mir die roten Tomatensaftflecken auf. Sie sehen wie Blutflecken aus.
Jack und Sandra kommen gleichzeitig, sie mit dem Kaffee. Nachdem sie wieder draußen ist, halte ich fragend meine Zigarettenschachtel hoch. Jack nickt. Ich zünde mir eine Zigarette an und betrachte ihn neugierig.
„Ich habe ein paar Leute angesetzt, Bens letzte Fälle anzuschauen. Oder findest du es nicht seltsam, dass er entführt wurde?“
„Ich finde im Moment alles seltsam“, erwidere ich melancholisch.
„Fiona? Alles in Ordnung?“
„Bestimmt“, versichere ich und nehme einen tiefen Zug. „Jack, ich habe noch nie davon gehört, dass Vollblutdämonen sich mitten am Tag einen Menschen holen. Auf diese Weise nicht einmal nachts. Und noch ungewöhnlicher ist dieser Banküberfall.“
„Er ist jedenfalls Thema Nummer eins in den Medien. Aber nicht mehr lange. Schwuler Polizist wird entführt, sein Freund ausgeweidet, und das mitten am helllichten Tag in einer bewachten Luxuswohnanlage.“
„Klingt nach einem Schundroman.“
„Leider.“
Ich grinse leicht. „Es müssten vier oder fünf Dämonen sein, ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass sie völlig unbemerkt durch die Gegend laufen.“
„Ich auch nicht, deswegen lasse ich jeden Polizisten der Stadt alles auseinandernehmen, was irgendwie auffällig ist.“
„Du warst ja richtig fleißig.“
Jack seufzt, dann setzt er sich an seinen Schreibtisch. Nachdenklich mustert er mich. „Du hast dich verändert.“
„Ich esse keine Menschen.“
Er lacht. „Das wollte ich damit auch nicht behaupten. Ich schätze, du wirst mir den Grund nicht erzählen.“
„Warum ich keine Menschen esse? Oh, das ist einfach. Sie schmecken mir nicht.“
„Ich sollte dir die Zigaretten wegnehmen, sie tun dir offensichtlich nicht gut.“
„Versuchs doch!“ Ich grinse. „Du und James, ihr seid euch sehr ähnlich.“
„Und das heißt konkret?“
„Ihr bringt mich beide gezielt zum Lachen, wenn ich scheiße drauf bin.“
„Ach, das meinst du.“
„Und ihr werdet alt.“ Zack. Das konnte ich mir nicht verkneifen. Für einen Moment bin ich unsicher, ob ich nicht zu weit gegangen bin. Mit James kann ich das machen, das weiß ich. Aber Jack kenne ich nicht so gut. Doch dann entspannen sich seine Gesichtszüge und er stellt fest: „Du bist respektlos. Aber auf eine charmante Weise.“
„Autsch.“
„Ich wünschte, ich hätte eine Tochter wie dich.“ Und zack. Er ist ein guter Sparringspartner.
„Jetzt sind wir wohl quitt und können ernsthaft arbeiten“, erwidere ich. Er grinst.
Mein Handy macht Höllenkrach. Wer zum Teufel hat „Race with the Devil“ als Klingelton eingestellt?
„Was ist das?“, fragt Jack entgeistert.
„Mein Motto: Race with the Devil.“ Ich muss grinsen, während ich den Anruf annehme. „Hallo, mein Schatz.“
„Hi. Störe ich?“
„Du? Niemals!“
„Ich werde dich gegebenenfalls daran erinnern. Wo bist du?“
„Bei Jack im Büro.“
„Grüß ihn von mir. Gehe ich recht in der Annahme, dass du nicht in der nächsten halben Stunde nach Hause kommst?“
„Ich könnte auf die Idee kommen, Einsteins Relativitätstheorie zu widerlegen, dann doch.“
„Schatz, hübsche Blondinen haben keine Ahnung von Physik, also zerstöre bitte nicht mein Weltbild.“
„Du bist ansatzweise zynisch.“
„Zum Glück nur ansatzweise. – Und, wie sieht es aus?“
„Beschissen. Sie sprangen mal eben im zweiten Stock durch das Fenster, fraßen Bens Spielkameraden halb auf und sprangen wieder aus dem Fenster. Dabei nahmen sie Ben mit. Ob als Proviant oder aus weniger niederen Gründen, lässt sich derzeit nicht sagen.“
„Nenn du mich noch einmal zynisch.“
„Wusstest du eigentlich, dass er schwul ist?“
„Gewusst nicht, aber ich hatte so eine Vermutung. Nur ist das nichts, was man einfach mal so fragt.“
„Ja, das ist wahr. Manchmal erschreckt mich meine eigene Naivität. – Bist du eigentlich noch bei meinen Eltern?“
„Wir sind.“
„Klasse. Frag bitte meine Mutter, wie man Tomatensaftflecken aus Jeans entfernt.“
„Wie bitte?“
„Tomatensaftflecken. Jeans. Entfernen.“ Ich sehe Jack strafend an, der sich vor Lachen verschluckt.
„Warum fragst du sie nicht selbst?“, fragt James säuerlich und reicht mich weiter.
„Mama?“
„Mein Kind, James hat erzählt, was passiert ist. Ich habe davon ja auch im Fernsehen was gesehen, das ist ja schrecklich.“
„Im Fernsehen wurde berichtet, dass ich Tomatensaftflecken auf der Hose habe?“
„Was?“
Ich zünde mir mit einer Hand eine neue Zigarette an, und Jack sieht sich ungerührt an, wie ich mich abmühe. „Wie kriege ich Tomatensaftflecken aus Jeans?“
„Ich verstehe nicht …“
Ich schließe die Augen und zähle langsam rückwärts. „Was ist mit euch los? Ich will einfach nur wissen, wie ich Tomatensaftflecken aus Jeans rauskriege. Das kann doch nicht so schwer zu verstehen sein.“
Jack liegt halb auf dem Boden.
„Mit Kernseife. Einweichen, dann normal waschen.“
„Na, endlich eine vernünftige Antwort.“
„Aber … ich dachte, du bist bei der Polizei wegen … wegen dieser schrecklichen Sache.“ Arme Mama.
„Bin ich auch. Ich habe ein Tomatenbeet gekillt, und die Tomaten haben sich fieserweise an meiner Hose gerächt.“
„Tut mir leid, mein Kind, du hast grad eine Laune, die kann ich einfach nicht ertragen. Ciao.“ Und schon habe ich wieder James dran. Ich kann hören, dass er das Lachen nur mit Mühe unterdrückt. „Du machst deine Mutter unglücklich.“
„Tut mir leid.“ Glatt gelogen, und alle, die mich kennen, wissen das auch. „Also, wenn du nachher nach Hause gehst, schau bitte nach, ob wir Kernseife haben, sonst bringe ich welche mit.“
„Ja, Chefin.“
„Arschloch.“ Ich lege wütend auf. Und rufe ihn wieder an. „Tut mir leid. Diesmal wirklich.“
Jetzt zählt er rückwärts. Dann fragt er ruhig: „Was ist passiert?“
„Ich habe Tomaten gekillt. – Ich … ich hatte einen Blackout in der Wohnung von Ben. Scheiße … davon war keine Rede, dass mein Körper zwar heilt, aber meine Seele nicht.“
„Vielleicht ist das die Aufgabe. Zu wachsen.“
„Was?“
„Ist das nicht so? Ist das nicht etwas, woran deine Seele wachsen kann?“
„Hm.“ Ich betrachte Jack, der jetzt sehr ernst an seinem Schreibtisch sitzt. „Ja, vielleicht. Jedenfalls wurde dadurch meine vorher schon nicht rosige Laune nicht besser.“
„Verständlich. Und was habt ihr jetzt vor?“
„Wir versuchen, in Bens Fällen einen Hinweis zu finden, wieso ausgerechnet er entführt wurde. Und wieso er überhaupt entführt wurde.“
„Viel Erfolg. Ich glaube nicht, dass ihr da was finden werdet.“
„Ich auch nicht“, erwidere ich müde. „Aber ich habe im Moment keine bessere Idee.“
„Hast du Katharina schon gefragt?“
Ich erstarre für den Bruchteil eines Moments. So kurz nur, dass es nicht einmal für eine Teilchenkollision reichen würde. Danach höre ich mich antworten: „Nein. Ich glaube nicht, dass sie da helfen kann.“
„O. K. Wahrscheinlich hast du recht damit. – Na gut, ich halte euch nicht länger auf. Schatz …“
„Ja?“
„Versprich mir, dass du dich meldest, wenn es dir wieder so dreckig geht. Ich spüre deinen Schmerz.“
Oh Mist. Ich schließe die Augen und halte den Atem an. Dann nicke ich. Doofkopf, er kann dich doch nicht sehen. „Ja, das werde ich. Ich liebe dich.“ Und lege schnell auf. Oh Mann, was für ein Tag.
Jack mustert mich, ich mustere ihn. Dann zünde ich meine nächste Zigarette an. Heute werde ich bestimmt meinen eigenen Rekord brechen. Vielleicht sollte ich mit dem Rauchen aufhören. Andererseits – es entspannt, und ich werde ganz sicher nicht an den Folgen sterben. Zumindest nicht auf Dauer.
„Fiona … ich habe ein Problem mit der Vorstellung, dass sich Dämonen einfach so in dieser Stadt verstecken können. Sie müssen doch auffallen.“
Wenn er wüsste. „Jack, hast du eine Ahnung, wie viele Dämonen oder ähnliche nicht ganz menschliche Wesen in Skyline leben?“
„Nein. Bislang ist mir keine Statistik dazu untergekommen. Wie viele sind es denn?“
„Was schätzt du?“
„Ich wollte nicht schätzen, aber wenn du schon so fragst, sind es vermutlich mehr, als ich zuerst geschätzt hätte. 1000?“
„Ich rede von Skyline, nicht von einem kleinen Dorf. Genaue Zahlen habe ich natürlich auch nicht, aber etwa eine halbe Million dürfte realistisch sein.“
Die Zahl lässt seine Gesichtszüge entgleisen. „Eine. Halbe. Million?“
„Plusminus, ja. Viele von denen leben in den Katakomben, die ja größer sind als die Stadt. Aber selbst überirdisch dürften es an die 200.000 sein. Die Wenigsten von ihnen fallen auf, viele sind Mischlinge, entstanden aus Affären oder längeren Beziehungen zwischen Menschen und … äh … eben Nichtmenschen.“
„Kennst du … Nichtmenschen?“
Ich nicke.
„Und das meinst du ernst, dass sich Menschen mit Nichtmenschen paaren?“
„Das kommt durchaus oft vor. Jack, vergiss alles, was du aus blöden Filmen über Dämonen, Vampire und sonstige Gruselgestalten weißt. Manche, wie wir ja auch heute wieder gesehen haben, können sehr unangenehm werden, aber das ist keine typisch nichtmenschliche Eigenschaft.“
„Eher im Gegenteil.“
„Du sagst es. – Verdammt, wer raucht immer meine Zigaretten auf?“ Ich werde es nie erfahren, denn Sandra steckt ihren Kopf durch die Tür. „Chef, da ist eine Polizistin, sie meint, sie hat vielleicht eine wichtige Information zu Ben.“
„Dann soll sie reinkommen.“
Sie ist noch jung, etwa in meinem Alter, und sehr unsicher. Sie tritt von einem Bein auf das andere, während ich sie mustere. Jack bietet ihr einen Stuhl an. Sie setzt sich vorsichtig.
„Wie ist Ihr Name?“, erkundigt sich Jack.
„Marlen.“
„O. K., Marlen. Sie wissen etwas, was Ben helfen könnte?“
„Nun … ich bin mir nicht ganz sicher … aber ich dachte, falls es doch wichtig ist und ich erzähle es nicht …“
„Das ist ein guter Gedanke. Erzählen Sie es uns?“
Marlen wirft mir einen scheuen Blick zu, als ich mir die nächste Zigarette anzünde. Mir ist bewusst, dass über mich wahre Legenden erzählt werden, und auch wenn ich kein Unschuldslamm bin, ist das Meiste wahrscheinlich maßlos übertrieben. Und nun sitzt diese Legende beim Chief, raucht in aller Seelenruhe eine Zigarette und sieht auch noch völlig harmlos aus. Mit Tomatensaftflecken auf den Jeans.
„Also, das war so … heute Morgen kam jemand. Eine Frau, in Begleitung eines Mannes. Dieser Mann, er fiel mir auf, weil er so unsicher ging. Nicht wie ein Betrunkener oder so, eher wie ein kleines Kind, das noch nicht gelernt hat, sicher zu gehen. Und er trug einen langen Mantel.“
„Bei dem Wetter?“, frage ich.
„Ja, das fand ich auch seltsam. Die Frau war normal gekleidet. Na ja, vielleicht ein bisschen zu … freizügig. Aus der Nähe konnte ich schon ziemlich tief in ihr Dekolleté schauen. Und sie tat alles dafür, dass ich da hinschaue.“
„War sie lesbisch?“
„Das … das glaube ich nicht. Es wirkte sehr aufgesetzt.“
„O. K. Und was geschah dann?“
„Sie wollte wissen, wo sie einen David findet.“
„David wer?“
„Das hat sie nicht gesagt, Sir. Sie hatte nur den Vornamen und fand es sehr seltsam, dass wir ihr nicht sagen konnten – und auch nicht sagen wollten – wo sie ihn finden könnte.“
„Wirklich seltsam. Aber wieso glauben Sie, dass das was mit der Entführung zu tun hat?“
„Nun, Sir, als sie gemerkt hat, dass sie nichts erreicht, obwohl ihr schon fast eine Brust aus dem Kleid gerutscht ist – und meine Kollegen sich plötzlich ziemlich kindisch benahmen –, da hat sie ihre Taktik geändert und fragte, ob sie jemanden sprechen könnte, der hier was zu sagen hat. Ich wollte ihr grad erklären, dass sie erst einmal mir erzählen müsste, um was es überhaupt geht, da verließ Mr Norris das Haus, um heimzugehen. Sie fragte dann, wer das sei und ging dann. Das war sehr seltsam, wie sie es plötzlich eilig hatte, aber ich konnte ja nicht wissen, was passieren würde.“ Sie bricht in Tränen aus und Jack hat Mühe, sie zu beruhigen. Schließlich reiche ich ihr eine Zigarette und gebe ihr Feuer. Das hilft. Das hilft immer. Sie wischt sich die Tränen ab und schnieft.
Nachdem sie weg ist, sieht Jack mich an. „Schneewittchen“, nicke ich. „Endlich eine Spur. Wir brauchen dringend das Phantombild.“
„Sie lässt es ja jetzt anfertigen. Was hältst du von ihrem Begleiter?“
Ich zucke die Achseln. „Ein Dämon. Spannend finde ich die Frau. Einerseits kannte sie sich mit unseren Gepflogenheiten aus, aber so richtig auch wieder nicht.“
„Das ist wahr. Glaubt, dass wir ihr helfen können und wollen, einen David zu finden. Welchen von den zigtausend?“
„Das bedeutet, sie lebt nicht in der Zivilisation. Damit wird ihre Vorgehensweise zumindest teilweise verständlich. Und es macht sie und ihren Begleiter gefährlich. Genauer gesagt, ihre Begleiter. Im Garten waren definitiv die Spuren von mehr als zwei Dämonen.“
„Wie viele?“
„Vielleicht 4. Oder mehr. Genau konnte ich das nicht erkennen, dazu waren die Spuren zu durcheinander.“
Jack lässt sich seufzend in einem der Sessel nieder. „Jetzt nehme ich auch eine Zigarette.“
Wir sitzen schweigend da und rauchen.

Falls Nasnat vor meiner Ankunft schlechte Laune hatte, wird sie durch meinen Anblick auch nicht besser. Da ich das allerdings schon gewohnt bin, lasse ich mich dadurch nicht verunsichern. Trotzdem wäre es sicherlich interessant zu erleben, wie Nasnat sich verhält, wenn er gute Laune hat. Falls er dazu überhaupt fähig ist. So allmählich habe ich da meine Zweifel.
„Was willst du?“, bellt er, nachdem ich mich an ihm vorbeigedrängelt habe.
„Zu dir.“
„Du bist bei mir. Kannst also wieder gehen.“
„Und mit dir reden!“
„Das kostet aber extra.“
„Das gehörte mal zum Basistarif.“
„Du bist eine harte Verhandlungspartnerin. Na schön. Willst du einen Tee?“
„Klar.“
Wir setzen uns in die Küche. An die unsichtbare Bedienung habe ich mich schnell gewöhnt, jetzt fällt sie gar nicht mehr auf. Ich denke auch daran, mich nicht zu bedanken. Nasnat hatte mir mal erklärt, dass ich genauso gut zu der Wand „Danke“ sagen könnte.
„Fang an zu reden.“
Ich mustere den kleinen Nasnat. Wenigstens sind wir auf Augenhöhe. „Du warst auch schon mal freundlicher. Nicht viel freundlicher, aber so eine kleine Nuance, da bin ich mir ganz sicher.“
„Ich bin kein Psychoonkel.“
„Das ist wohl wahr.“ Zum Glück habe ich nichts im Mund und kann mich auch nicht verschlucken. „O. K., dann komme ich direkt zur Sache.“
„Ich bitte darum.“
„Kennst du Schneewittchen?“
„Natürlich. Ich habe sie immer besucht, wenn die Zwerge in dem Berg waren.“
„Oh. Warum hast du sie denn besucht?“
Nasnat betrachtet mich mitleidig. „Meine Verehrteste, dein Mann tut mir leid. Läuft er schon über?“
Ich schlage mir auf die Stirn. „Jetzt verstehe ich! Du hast einen Witz gemacht! – Entschuldige, es ist mir völlig entgangen.“
„Wie gesagt, dein Mann tut mir leid. Was ist mit Schneewittchen? Schon wieder schwanger?“
Ich umfasse die Teetasse mit beiden Händen, beuge mich über den Tisch und starre Nasnat in die Augen. „Sie und ihre Zwerge haben erst eine Bank überfallen, alle Menschen dort zerfetzt und teilweise aufgefressen. Dann haben sie heute meinen Freund Lieutenant Ben Norris zu Hause überfallen, entführt und vorher seinen Freund ausgeweidet und teilweise aufgegessen.“
„Hm. So psychopathisch habe ich sie nie erlebt, da kann ich jetzt nichts dazu sagen. – Von der Bank habe ich gehört, das mit dem Polizisten ist neu für mich. Bist du sicher, dass es nicht bloß besonders durchgeknallte, menschliche Idioten sind?“
„Bin ich. Ich konnte sie riechen.“
Nasnat nickt langsam. „Das ist schade. Durchgeknallte menschliche Idioten, die so was machen, sind mir deutlich lieber als durchgeknallte Dämonen.“
„Mir auch, Nasnat. Ich habe gehofft, du kannst mir helfen.“
„Das würde ich gerne. Ich fürchte nur, dass ich in diesem Fall weniger weiß als du.“
„Das geht gar nicht.“
„Dann wissen wir beide nichts.“
„Schade.“
Nasnat nippt an seinem Tee und beobachtet mich aus den Augenwinkeln. „Er ist ein guter Freund?“
„Ja. Er war dabei, als das mit … mit meinem Onkel geschah. Gefühlt der einzige Polizist, der auf meiner Seite stand.“
„Ich verstehe. Es tut mir leid. Vielleicht bringt es was, intensiv darüber nachzudenken, wo sich solche Dämonen verstecken könnten. Denn eins ist offensichtlich: Sie halten sich noch nicht lange in der Zivilisation auf.“
„Den Verdacht habe ich auch. Aber kannst du das ein wenig konkretisieren?“
Er zuckt die Achseln. „Sie werden sich ja wohl kaum ein Appartement gemietet haben.“
„Bleiben bloß eine Million Möglichkeiten“, erwidere ich. „Aber du hast recht, mit ihren Essgewohnheiten würden sie auffallen. Und wahrscheinlich auch mit ihren sonstigen Gewohnheiten. Jedenfalls, der Tee war mal wieder sehr gut.“
„Daran wird sich auch niemals etwas ändern. Eher geht die Welt unter.“
Er begleitet mich zur Tür hinaus. Wir verabschieden uns nicht, das tun wir nie. Denn dann müsste er ja zugeben, dass er sich über den Besuch gefreut hat.
Draußen stelle ich erstaunt fest, dass es schon dunkel geworden ist. Mein Wagen, vielmehr der von James, steht unversehrt dort, wo ich ihn abgestellt habe. In dieser Gegend eigentlich gar nicht so selbstverständlich, allerdings scheint es, als würden das Haus und die nähere Umgebung von Leuten, die der Idee des Eigentums ablehnend gegenüberstehen, gemieden. Für den Rest der Gegend gilt das vermutlich eher nicht.
Nach einem Blick auf die Tür zum geheimnisvollen Haus von Nasnat drehe ich mich um und will zu meinem Auto gehen. In der Drehbewegung nehme ich etwas wahr, was den inneren Roten Alarm auslöst, bevor ich bewusst wahrgenommen habe, dass etwas Großes und Dunkles auf mich zukommt. Zukommt? Zurast! Und zwar so schnell, dass ich trotz meiner übermenschlichen Reflexe keine Chance habe, den Angriff abzuwehren. Etwas Handartiges umschließt meinen Hals, eine andere Hand packt meine kurzen Haare, zusammen heben sie mich hoch und drücken mich gegen die Hauswand. In meinem Blickfeld erscheint das Gesicht meiner Albträume.
Leuchtend blaue Augen mustern mich neugierig, Zähne, die selbst einem weißen Hai zur Ehre gereichen würden, blitzen hinter den sich öffnenden Lippen auf, als das Etwas zu mir spricht: „Du wirst Nasnat rausrufen.“
„Warum klopfst du nicht bei ihm an, wie es sich gehört?“, erkundige ich mich.
Er schlägt meinen Kopf mit einer lässigen Bewegung gegen die äußerst harte Hauswand. „Dein Humor ist berüchtigt. Man sagt, dass man dir die Augen rausreißen kann und du machst noch Witze über innere Welten.“
„Anscheinend habe ich mir einen guten Ruf erarbeitet …“ Das zweite Mal, als mein Kopf gegen die Hauswand klopft, tut es schon richtig weh. Wahrscheinlich habe ich eine Platzwunde. Die Situation wird ungemütlich.
„Was hältst du davon, wenn du mich loslässt, bevor wir uns weiter unterhalten?“
„Nichts. Du bist eine Kriegerin. Mit Kriegern mache ich für gewöhnlich kurzen Prozess. Dass du noch am Leben bist, hat einzig damit zu tun, dass ich dich brauche.“
„Um bei Nasnat reinzukommen, ja, das habe ich verstanden.“
„Du bist ja intelligent“, grinst das dunkle Wesen. Dunkel, weil es vollständig in Schwarz gekleidet ist wie ein Nachtmahr. „Du hast also die Wahl …“
Mir gefällt diese Fortsetzung nicht. Ich packe seine Pranken, um mir mehr Bewegungsfreiheit zu verschaffen. Er merkt, dass wir kräftemäßig ausgeglichen sind, denn plötzlich schleudert er mich herum und lässt mich los, sodass ich gegen ein Auto fliege und dessen Dach halb eindrücke, bevor ich ziemlich unsanft auf der Straße lande. Die Begegnung mit der Dachkante, die meinen Unterleib etwas in Mitleidenschaft zieht, raubt mir vorübergehend den Atem, sodass ich noch auf der Straße liege, als mein neuer Feind in meinem Blickfeld auftaucht.
„Wie stehst du jetzt zu meinem Vorschlag?“, erkundigt er sich.
Statt einer Antwort rolle ich mich von ihm weg, in der Hoffnung, schnell genug aufstehen zu können, aber das ist in meinem Zustand illusorisch. Die Pranken haben mich wieder, heben mich hoch und ich trete meinen nächsten Flug an. Er endet in Glasscherben, und ich finde mich zwischen Büchern wieder. Mir fehlt allerdings die Zeit herauszufinden, in welchem Genre ich gelandet bin. Einerseits merke ich, dass ich diverse Glassplitter in mir habe und teilweise kräftig blute, andererseits sehe ich auch meinen neuen Feind auf den Buchladen zukommen.
Während er in das Schaufenster einsteigt, drehe ich mich auf den Bauch und packe das dickste Buch in meiner Reichweite. Und als das dunkle Wesen neben mir stehen bleibt, um sein sadistisches Spiel fortzusetzen, richte ich mich halb auf und schlage mit der offenen Seite des Hardcoverbuchs in sein Gesicht. Das tut weh, selbst einem Dämon, denn das Buch ist wirklich dick und hart. Ich werfe einen Blick auf den Titel: die Bibel. Wie praktisch.
Er taumelt zurück, ich richte mich ganz auf. Mich auf Lorbeeren auszuruhen wäre jetzt fatal. Ich versetze ihm einen linken Haken gegen die Wange, die ich soeben noch mit dem Buch malträtiert hatte. Er taumelt noch weiter zurück, aus dem Schaufenster ins Ladengeschäft, wo er das ein oder andere dekorative Element seines Daseinszwecks beraubt. Ich taumele hinterher, denn anders kann man das vermutlich nicht bezeichnen, was ich vollführe. Zumindest bin ich schneller beim Taumeln als der Dämon, denn er fängt sich von mir den nächsten Treffer ein. Und gleich noch einen. Langsam laufe ich mich warm und erinnere mich wieder, was ich so alles gelernt habe. Mehrere Beinkombinationen später liegt er auf dem Boden, und ich, wohlwissend, dass er ein Dämon ist und nicht verhätschelt werden will, springe beidbeinig auf seinen Kopf. Das sorgt erst einmal für Ruhe.
Ich bin sauer. Zu den Tomatensaftflecken kommen auch noch Blutflecken. Und nicht nur auf den Jeans. Mein Gesicht fühlt sich an wie ein Schnitzel nach dem Flachklopfen. Als ich es berühre, sind hinterher meine Hände rot, soweit ich es im schummrigen Alarmlicht beurteilen kann.
Die Polizei dürfte auch bald da sein.
Und das gefällt mir im Moment nicht wirklich. Wie erkläre ich denen, dass ich mich mit einem Dämon geprügelt habe und ihn dann mit der Bibel ruhigstellte? Wobei, es passt schon, irgendwie.
Der Dämon bewegt seinen Kopf. Sicherheitshalber springe ich auf seinen Bauch, damit er auf keine dummen Ideen kommt. Es wirkt.
„Was willst du eigentlich von mir?“, erkundige ich mich.
„Von dir nichts …“, erwidert er stöhnend. „Ich will Nasnat.“
„Warum?“
„Das geht dich nichts an.“
Ich entdecke meine sadistische Ader, er einen weiteren Schmerzpunkt in der Gegend seines Bauchs. Aber seine Meinung ändert sich dadurch nicht. Ich beschließe angesichts des Zeitmangels, dass ich damit leben kann.
„Die Polizei ist gleich da …“, erzählt er mir dann, leicht gepresst.
„Ich weiß.“
„Was willst du denen sagen? Und willst du riskieren, dass ich einige von deinen Freunden töte?“
„Du weißt verdächtig viel über mich“, knurre ich.
„Du bist berühmt.“
„Ach?“
„Das war dir nicht bewusst?“ Er lacht leise. „Du bist naiv, Fiona. Sehr naiv. Liebenswert naiv. Und du solltest mich gehen lassen, das wäre die beste Lösung für uns.“
Soll ich wirklich zugeben, dass ich das auch so sehe? Einerseits bin ich sauer auf ihn, andererseits habe ich es ihm mit Zinseszins heimgezahlt. Und das Blaulicht kann man schon sehen. Schlechtgelaunt trete ich zur Seite und beobachte ihn dabei, wie er leicht gekrümmt, aber dennoch flink durch das Schaufenster den Buchladen verlässt und dann die Hauswand hochklettert. Ach ja, da ist eine Feuerleiter.
Ich warte kurz, dann folge ich ihm.
Weit komme ich nicht. Unter mir hält ein Wagen, Türen klappen und ein Lichtkegel erfasst mich.
„Halt! Kommen Sie runter! Wir schießen sonst!“
Ich tue so, als würde ich vor Schreck erstarren.
„Los, runterkommen!“
Ich setze mich langsam abwärts in Bewegung. Noch bevor ich unten ankomme, werde ich von Händen gepackt, runtergerissen und gegen die Wand gedrückt. Zwei Hände tasten mich flink ab, dann werden meine Arme nach hinten gedreht und die Hände auf dem Rücken gefesselt. Meine erste Verhaftung, na toll.
Wenn ich gehofft habe, ich würde erkannt werden, so wird diese Hoffnung enttäuscht. Selbst als ich mich umdrehe und sie mir ins Gesicht leuchten, merken sie nicht, wer ich bin. Ich beschließe, dass es vielleicht gar nicht so schlecht ist, wenn ich hier erst einmal wegkomme, daher lasse ich mich widerstandslos in den Streifenwagen bugsieren, nachdem mir meine Rechte vorgelesen wurden. Kaum sitze ich, kommen schon die nächsten Streifenwagen und ein Sonderkommando. Der Leiter des SEK kann allerdings nur noch feststellen, dass es nichts zu tun gibt. Er leuchtet mich kurz an, dann fahren wir los.
Ich lehne den Kopf zurück und schließe die Augen. Trotzdem merke ich, dass ich von dem Beifahrer beobachtet werde.
„Was war da los?“, fragt er plötzlich.
„Hast du eine Zigarette?“
„Nein“, erwidert er mürrisch und dreht sich wieder nach vorne.
Manchmal muss man einen Ort mehrmals besuchen, ehe man begreift, wie wichtig er ist. Zumindest schießt mir dieser Gedanke durch den Kopf, als wir am Präsidium halten. Ich werde nicht besonders sanft aus dem Wagen geholt und Richtung Hintereingang bewegt. Dennoch landen wir am Empfang.
Und hier starrt mich Marlen völlig entgeistert an.
„Was … wieso … was macht ihr da?“, stottert sie meine Begleiter an.
„Wir bringen eine Verdächtige, die wir verhaftet haben. Was ist denn mit dir los?“
„Eine Verdächtige? Himmel, wisst ihr eigentlich, wen ihr da verhaftet habt?“
„Bis jetzt haben wir ihre Personalien nicht aufgenommen“, erklärt der Beifahrer beleidigt. „Marlen, was ist los?“
„Was los ist? Ihr Idioten, ihr habt Fiona Flame verhaftet!“
Die Wirkung ist gewaltig. Fast so, als hätte sie ihnen erklärt, dass ich die Präsidententochter bin. Ich mustere die beiden, dann Marlen.
„Ich muss pinkeln. Begleitet mich jemand, oder nimmt mir jemand die Handschellen ab?“
Einer der beiden Jungs, die mich verhaftet haben, beeilt sich, mich von den viel zu engen Handschellen zu befreien. Ich reibe meine geröteten Handgelenke.
Marlen zeigt mir, wo die Toilette ist. Sie blicken mir alle stumm hinterher, bis ich die Tür hinter mir zuziehe. Die Toilette ist sauber. Ich verschanze mich in einer der Kabinen und lasse meinen Tränen freien Lauf.
Anschließend bemühe ich mich vor dem Spiegel, meinem Gesicht wieder ein halbwegs menschliches Aussehen zu geben. Dazu muss ich eine Menge Splitter entfernen, was zu diversen Nachblutungen führt. Und etwas schmerzhaft ist die Prozedur auch noch, was wiederum zu weiteren Tränen führt. Irgendwann bin ich fertig, wasche mein Gesicht, so gut es geht, und trockne es mit den Papiertüchern ab. Endlich erkenne ich mich selbst im Spiegel wieder.
Nachdem ich Marlen davon überzeugt habe, dass es keinen Grund gibt, Jack aus dem Bett oder aus was auch immer zu klingeln und es viel besser wäre, mich einfach wieder zu meinem Wagen zu fahren, bieten sich meine neuen Freunde an, den Chauffeurdienst zu übernehmen. Da sage ich natürlich nicht Nein.
Und so sitze ich wieder auf meinem angestammten Platz. Nur habe ich diesmal wenigstens die Hände frei.
„Hey, Freunde, habt ihr eine Zigarette? Oder ist das Rauchen hier verboten?“
„Beides“, erklärt der Beifahrer und hält seine Schachtel an das Gitter. Sogar Feuer gibt er mir, und er fährt die Seitenscheibe hinten hinunter. Ich kann das nicht.
„Eines würde mich interessieren“, sagt der Beifahrer. Sein Kollege ist möglicherweise stumm. Obwohl, so weit ich weiß, dürfte er dann keine Streife fahren. Also überlässt er wohl einfach nur das Reden seinem Kollegen, der das mit sichtlicher Begeisterung tut.
„So glücklich möchte ich auch mal sein.“
„Wie bitte?“
„Dass mich nur Eines interessiert.“
Jetzt lachen sie endlich, und zwar beide.
„Nein, ernsthaft. Wieso lässt sich jemand wie Fiona von uns festnehmen?“
„Wieso habt ihr mich nicht erkannt?“
„Es war dunkel und dein Gesicht … na ja … nicht gut zu erkennen.“
Ich denke an die vielen Glassplitter und nicke. „Ich war auch nicht ganz bei mir. Beim Kampf habe ich ein paar Treffer abbekommen.“
„Ja, das stimmt. Sollen wir dich nicht lieber ins Krankenhaus fahren?“
„Auf keinen Fall!“ Ich hasse Krankenhäuser, außerdem müssen sie nicht mitkriegen, dass meine Wunden schon alle verheilt sind. „Mir geht es gut, mein Mann wird mich hegen und pflegen.“
Das befriedigt sie nicht wirklich, aber sie lassen sich überzeugen, keine Planänderung vorzunehmen.
„Gegen wen hast du überhaupt gekämpft? Wir haben niemanden mehr gesehen.“
„Er ist auf das Dach entkommen“, erwidere ich. „Ich wollte grad zu meinem Auto, als er über mich herfiel.“
„Ist eine gefährliche Gegend hier. Aber dass ausgerechnet Fiona sich von so einem Typen …“
„Das war kein Straßenräuber.“ Ein schwacher Versuch, meine Ehre zu retten. „Die fliehen selten auf Hausdächer.“
„Das stimmt. Der Jaguar?“
„Ja.“ Ich verabschiede mich mehr oder weniger herzlich und steige aus. Um den Buchladen herum wird noch spurengesichert, aber der Auflauf hält sich in Grenzen. Nicht einmal die Presse ist da. Sie wissen ja auch nicht, dass Fiona beteiligt war. Ziel erreicht.
Ich beuge mich zum Beifahrer hinunter. „Hätte ich beinah vergessen. Es ist einiges kaputt gegangen, und wenn mal die Versicherung nicht dafür aufkommen will, sorgt bitte dafür, dass ich davon erfahre. O. K.?“
„Geht klar“, sagt der Fahrer lächelnd.
„Huch! Du kannst sprechen?“
Er lächelt immer noch, sagt aber nichts mehr. Vielleicht habe ich mir das auch nur eingebildet. Nach einem Gute-Nacht-Gruß fahren sie davon. Ich steige in den Jaguar ein und fahre ebenfalls davon.
Zwei Dinge werden mir schnell und schmerzlich bewusst. Erstens ist mein Handy im Arsch. Und zweitens, viel schlimmer, habe ich weder Zigaretten noch ein Feuerzeug. Beides scheint auch nicht zur Notfallausrüstung des Wagens zu gehören. Ich muss wohl ein ernsthaftes Wörtchen mit meinem geliebten Ehemann reden.
Zum Glück gibt es noch Tankstellen auf meiner Strecke, auch solche, die Tag und Nacht geöffnet haben. Als ich schon im Laden bin, fällt mir auf, dass ich überhaupt kein Geld dabei habe. Ich denke einen Moment nach, dann gehe ich zurück zum Auto. Nach kurzer Suche finde ich das Versteck des 20-Dollar-Scheins, der für solche und ähnliche Notfälle dort deponiert ist, und betrete wieder den Laden. Der Tankwart grinst dämlich.
„Marlboro und Feuerzeug!“
Da ich heute eh schon verhaftet wurde, pfeife ich auf Verkehrsregeln und öffne die Packung, während ich mit den Knien den Wagen lenke. Anschließend werfe ich alles auf den Beifahrersitz, damit das Handy nicht zu allein ist und fahre nach Hause. Für heute reicht es mir, echt.
Danny meldet mich an, und nachdem James die Haustür geöffnet hat, leckt er mir auch noch das Gesicht ab, bis ich ihn lachend wegschiebe. Dann trete ich vor James, der mich nachdenklich mustert.
„Ist das alles Tomatensaft oder auch Blut dabei?“
„Blut ist auch dabei.“
„Deins?“
„Auch.“
„Aha.“ Für einen Moment verspüre ich große Lust, ihm eine Ohrfeige zu verpassen. „Und dein Telefon?“
„Liegt auf dem Beifahrersitz, bereit, beerdigt zu werden!“
„Oh …“ Er atmet tief durch. „Tut mir leid, Fiona. Ich war ziemlich sauer und auf 180, weil du dich nicht mehr gemeldet hast.“
„Ich … ich war verhindert. Und als ich endlich dazu kam, musste ich feststellen, dass mein Handy hinüber ist. Ich hätte von dem Präsidium aus aber anrufen können. Mir tut es auch leid.“
Jetzt grinst er. „Gut. Es tut uns beiden leid, was hältst du von einem Friedenskuss?“
„Jede Menge!“ Ich springe in seine starken Arme und küsse ihn wild. Seine Hände umklammern meinen Po, während er den Kuss genauso wild erwidert.
Als wir uns schließlich atemlos voneinander lösen, erkundigt er sich: „Und wo kommt das Blut denn nun her?“
„Das ist eine lange Geschichte.“ Da Danny mittlerweile jeden Busch einzeln markiert hat, gehen wir rein. „Ich war noch bei dem Zauberer in der Hoffnung, er wüsste was über Schneewittchen, aber das war eine Fehlanzeige. Und als ich das Haus verließ, fiel ein Dämon über mich her, den ich überhaupt nicht kannte. Er wollte mich sozusagen als Türöffner benutzen. Nach etwas gegenseitigem Gemetzel habe ich ihn beruhigt, aber da kam schon die Polizei. Und was hätte ich denen erzählen sollen, warum mich so ein Ding in das Schaufenster des Buchladens geschmissen hat? Also ließ ich ihn laufen und tat so, als wollte ich ihn verfolgen. Leider wurde das ein wenig fehlinterpretiert und ich wurde verhaftet.“
„Du wurdest verhaftet??“
„Ja.“
„Aber jeder Polizist in Skyline kennt dich doch!“
„Sie haben mich im Dunkeln und blutbedeckt nicht erkannt.“
„Und warum hast du dich nicht zu erkennen gegeben?“
„Eine gute Frage. Weiß ich auch nicht. Wahrscheinlich war ich noch benommen vom Kampf. Der Dämon hatte einen ganz ordentlichen Schlag.“
„Na schön. Du solltest dich ausziehen und baden. Ich weiche die Sachen schon mal ein, vielleicht kriegen wir die Flecken noch raus. Und wir haben tatsächlich Kernseife da.“ Er grinst stolz.
„Super.“ Ich ziehe die Bluse und die Jeans aus, der Schuhe hatte ich mich ja schon beim Reinkommen entledigt. Während er die Sachen in den Keller mitnimmt, marschiere ich Richtung Badezimmer, gefolgt von Danny. Wieso hält er eigentlich mich für beschützenswerter als Herrchen?
Ich ziehe beim Gehen den Schlüpfer auch noch aus und lasse ihn einfach fallen. Dann bleibe ich stehen und drehe mich um. Danny starrt mich an, vor ihm liegt das Höschen. Jetzt weiß ich auch, warum er mir gefolgt ist.
„Vergiss es!“, erkläre ich ihm, aber er scheint mir nicht zu glauben. Ich lasse mich langsam auf alle viere runter, bis ich mit ihm auf Augenhöhe bin. „Vergiss. Es.“
Er fährt mir mit der Zunge durch das Gesicht und setzt sich hin.
„Auf keinen Fall!“, bekräftige ich mein Verbot, dann packe ich den Schlüpfer mit den Zähnen und richte mich auf. Danny wedelt mit dem Schwanz. Männer sind doch alle gleich.
Den Schlüpfer sichere ich im Bad und lasse Wasser in die Wanne laufen. Dann kommt die schwierigste Entscheidung des Tages: Welchen Badezusatz soll ich nehmen? Bis ich mich für Wildrose entschieden und eine ordentliche Portion in das Wasser geschüttet habe, ist auch James da. Er beobachtet mich, als ich mich in die Wanne gleiten lasse und setzt sich dann auf den Wannenrand.
„Und jetzt?“, fragt er.
„Jetzt bade ich.“
„Das ist doch schon mal was. Was ist der Stand wegen Ben?“
Eine gute Frage. Ich wünschte, es gäbe eine eindeutige Antwort darauf. „Ich weiß es nicht. Wenn ich daran denke, dass es ihm in diesem Moment vielleicht richtig dreckig geht … es gibt so viele Puzzlestückchen, die aber scheinbar gar nicht zusammenpassen.“ Seufzend nehme ich seine Hand und halte sie mir an den Mund. „Das Blöde ist … da fällt mir ein, das weißt du ja noch gar nicht!“
„Wahrscheinlich nicht.“
Er bringt mich mal wieder zum Lachen. Zwar nur zu einem kurzen und leisen Lachen, aber bereits das löst die Verkrampfung in meinem Bauch – wenigstens ein bisschen.
„Schneewittchen war im Präsidium.“
„Och! Und, habt ihr sie wenigstens verhaftet?“
„Du bist manchmal ein echter Idiot, habe ich dir das schon gesagt, mein Schatz? Nein, natürlich nicht, wir waren nicht da. Das war vor der Entführung, wahrscheinlich sogar direkt davor.“ Ich erzähle James, was ich weiß und auch, was ich nur vermute. Er hört mir aufmerksam zu.
„Sie sucht also jemanden“, fasst er anschließend zusammen. „Und dafür riskiert sie eine Menge, was sie vermutlich auch weiß.“
Ich nicke. „Wenn es wenigstens ein vollständiger Name wäre. David gibt es in Skyline vermutlich noch mehr als James.“
„Na!“
„Du bist eine Ausnahme. Und überhaupt, wieso sitzt du eigentlich draußen? Komm in die Wanne!“ Ich ziehe an seinem Arm, und da er nicht sonderlich stabil sitzt, ist er ziemlich schnell im Wasser. Danny bellt, fast könnte man meinen, er findet das lustig. So wie ich. James setzt sich auf und starrt mich an.
„Entschuldige, Schatz“, sage ich, muss aber dabei fürchterlich lachen. Das scheint ansteckend zu sein, denn schließlich stimmt er mit ein und beginnt sich auszuziehen. Als er sich an das gegenüberliegende Ende der Wanne drückt, drehe ich mich um und setze mich auf seine Beine, so dass ich ihn mit meinem Rücken spüre. Seine Hände lege ich über Kreuz auf meine Brüste.
„So ist es doch viel gemütlicher.“
„Ich weiß nicht, ob ich das als gemütlich bezeichnen würde“, erwidert James, „aber es ist in Ordnung so.“
„Was ist daran nicht gemütlich?“
„Vielleicht findest du es nicht gemütlich, wenn du abhebst.“
„Jetzt übertreib mal nicht so. Und außerdem, es gibt Wege und Lösungen.“
„Das ist wohl wahr.“
„Schatz … ich habe dir noch gar nicht erzählt, wie mein Besuch bei Nasnat verlaufen ist.“
„Du hast gesagt, er wäre frustrierend gewesen.“
Ich muss grinsen, denn ich hatte etwas anderes gesagt und James kennt mich gut genug, um es auf das Wesentliche zu reduzieren. „Ja, das stimmt schon. Aber er sagte auch, dass ich mal darüber nachdenken sollte, wo sich so ein Dämon mit Gefolge wohl verstecken könnte. Darüber habe ich auch nachgedacht, und wenn er nicht in den Katakomben lebt, was ich nicht glaube, dann kommt nicht viel infrage.“
„Warum nicht in den Katakomben?“
„Nenn es Intuition. Es passt einfach nicht. Viel zu auffällig, auch wenn es da unten jede Menge auffällige Typen gibt. Aber ich glaube, jemand wie Schneewittchen wäre bekannt. Und dann wüsste Nasnat davon. Außerdem benimmt sie sich, als wäre sie in unserer Welt nicht heimisch.“
„Gut, verstehe ich. Wo dann?“
„Ich könnte mir z. B. gut vorstellen, dass sie sich in einem verlassenen Haus einquartiert hat. Zwar könnte sie mit dem Geld auch eins kaufen oder mieten, aber das halte ich, zumindest so schnell, nicht für wahrscheinlich. Scheint auch nicht ihre Art zu sein.“
„Wieso nicht?“
„Weil sie sich einfach nimmt, was sie haben will.“
„So wie du?“
„So wie ich?“
„Tust du das etwa nicht?“
Hm. „Doch.“
„Na siehst du. Aber kommen wir zurück zu Schneewittchen. Also verlassene Häuser?“
„Oder gar Villen. Die möglichst abseits stehen, sodass es nicht auffällt, wenn plötzlich Dämonen darin wüten. So arg viele dürfte es davon nicht geben. Aber wie finden?“
„Da wüsste ich was.“
Ich verrenke mir den Hals, um ihn anzustarren. Natürlich! Wie blöd bin ich denn? Ich sitze direkt auf der Quelle. James ahnt meine Gedanken, denn er grinst. „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen?“
„Arbeit geht nur mit Vergnügen“, erwidere ich, und ich spüre, dass er es eigentlich genauso sieht. Ich erhebe mich leicht, bis ich die Füße aufstellen kann, dann umfasse ich sein Glied und lasse es hinten langsam eindringen. Im Wasser fühlt sich das ganz anders an als auf dem Trockenen. Sein Schwanz pulsiert in mir, seine Hände lassen mich pulsieren. Mit einer Hand streichelt er abwechselnd meine Brüste, die andere kümmert sich um meinen Kitzler. Erst sanft, dann immer energischer kreisend. Als ich meinen – ziemlich lauten – Höhepunkt habe, kommt er in mir auch.
Mit geschlossenen Augen lausche ich unseren Atemzügen, die ganz langsam auf normale Frequenz zurückgehen. Als James aus mir herausflutscht, erhebe ich mich seufzend.
„Was nimmst du?“
„Was du nimmst.“
Nass und nackt gehe ich in das Wohnzimmer. Zum Glück liegen die Fenster auf der Gartenseite, obwohl es mich nur bedingt stören würde, wenn man mich von der Straße her sehen könnte.
Ich bereite zwei Whisky on the Rocks zu, was keine besondere Herausforderung darstellt, und dann ist auch James schon da. Er stellt sich dicht hinter mich und nimmt sein Glas.
„Von nur Vergnügen war aber nicht die Rede!“, sage ich lachend.
„Ich bin arbeitsbereit.“
„Ja, das merke ich. Cheers!“
Wir schaffen es dann aber doch noch ohne weitere Unterbrechung an den Laptop von James, um uns in proDB einzuloggen. Als Makler hat James einen ganz anderen Zugriff auf die Datenbank als gewöhnliche Sterbliche. Das ist jetzt ausgesprochen hilfreich.
Nach zwei Stunden haben wir insgesamt 5 Häuser ausgesucht, die in die engere Wahl kommen und die ich mir morgen anschauen will. Kurz denke ich darüber nach, sofort loszuziehen, denn jede Minute kann für Ben eine Minute zu viel sein. Letztlich überzeugt mich James´ Argument, dass ich wenigstens ein paar Stunden Erholung vom Kampf gegen den Dämon brauche, bevor ich gegen andere, womöglich viel gefährlichere Dämonen losziehe.
Als ich dann aufstehe und mich leise anziehe, hat die Morgendämmerung bereits eingesetzt. Ich fühle mich einigermaßen frisch, obwohl die Nacht unruhig war. Träume, an die ich mich nicht erinnern möchte, und die dennoch in meinen Erinnerungen rumspuken. Ich betrachte James, der tief und fest schläft. Danny liegt neben ihm, als wenn er mir sagen wollte, ich könne ruhig losziehen, er wird James beschützen, und wisse auch, dass er jetzt nicht mit kann.
Kluger Hund.
Diesmal nehme ich wieder meinen eigenen Wagen. Mein erstes Ziel liegt außerhalb der Stadt, mitten im Wald. Eigentlich ideal geeignet für Schneewittchen. Die Straßen sind noch ziemlich leer, ich komme gut voran. Schon bald habe ich das Gefühl, aus der Zivilisation herauszufahren. Wem die Villa, der ich einen Besuch abstatten will, auch immer gehört hat, er liebte die Einsamkeit und wollte darin nicht gestört werden. Ein schmaler, asphaltierter Weg schlängelt sich durch den Wald, und laut der Beschreibung, die James mir ausgedruckt hat, geht der Zufahrtsweg von diesem ab.
Ich verpasse ihn beinah.
Ab hier geht es zu Fuß weiter, nachdem ich den Wagen zwischen zwei Bäumen geparkt habe. Zum Glück ist der Boden trocken, bei Regen könnte ich Schwierigkeiten haben, wieder auf den befestigten Weg zu fahren.
Es sind einige hundert Meter bis zum Zaun um das Anwesen, denn von der Größe her ist es eins. Der Zaun ist dicht bewachsen und dadurch undurchsichtig, und auch hoch genug, dass nicht einmal Menschen, die größer sind als ich, darüber hinwegschauen können. Gerade darum nähere ich mich ihm so leise wie möglich und kampfbereit. Meine Intuition steht auf Alarm, ich spüre, dass die Villa nicht leer ist, wie sie eigentlich sein sollte. Zugleich spüre ich aber auch, dass es hier keine übernatürlichen Wesen gibt.
Da es von vornherein klar war, dass ich nicht immer die vorgegebenen Wege nutzen werde, trage ich nicht nur bequeme, sondern auch stabile Kleidung, in Tarnfarbe. Zumindest im Dunkeln. Ich klettere am Zaun hoch und betrachte die andere Seite. Nichts Aufregendes zu sehen, ein verwilderter, zugewucherter Garten. Ich schwinge mich rüber und lande im weichen Moos.
Irgendwo bellen Hunde.
Irgendwo bellen Hunde?
Ich atme tief durch. So was mag ich gar nicht. Ich will Hunden nicht wehtun, so wie ich eigentlich auch Menschen nicht wehtun will. Aber Letztere haben für gewöhnlich mehr Entscheidungsfreiheit und wenn sie mich angreifen, ist meine Hemmung, mich zu wehren, niedriger als bei Hunden. Irgendwie pervers.
Es bringt nichts, die Zeit mit Rumgrübeln zu verbringen. Aufmerksam marschiere ich Richtung Villa los. Das geht keineswegs in einer geraden Linie, derart zugewuchert ist der Garten. Und außerdem wird das Hundegebell immer lauter. Allerdings nähere ich mich den Hunden, nicht sie sich mir.
Und dann sehe ich sie. Etwa zwei Dutzend Hunde aller Größen und aller Rassen toben über den Rasen. Offenbar ist der Garten nur am Zaun entlang so verwildert, um den Eindruck zu erwecken, die Villa wäre unbewohnt. Um sie herum hingegen sieht alles gepflegt aus, wenngleich von einem Ziergarten keine Rede sein kann. Bei so vielen Hunden würde der auch nicht lange halten.
Jedenfalls ist es sehr unwahrscheinlich, dass ich hier Ben und irgendwelche Dämonen finden werde. Rückzug könnte eine sinnvolle Alternative sein.
Leises Knurren.
Mist.
Ich drehe mich langsam um und starre den Rottweiler an, der zähnefletschend vor mir steht. Das Gebell verstummt, und ich brauche mich gar nicht erst umzuschauen, um zu wissen, dass die anderen Hunde auch näher kommen. Beeindruckend, wie sie zusammenarbeiten. Das muss ihnen jemand beigebracht haben.
Ich blicke mich suchend um. Selbst wenn ich bereit wäre, die Hunde zu töten, es sind zu viele und am Ende würden sie mich zerfetzen. Ausnahmsweise könnte Flucht die bessere Alternative sein. Die Chancen stehen gar nicht so schlecht, dass ich es bis zum nächsten Baum schaffe und hochspringen kann, bevor sich die Zähne eines Hundes irgendwo in meinen Körper bohren.
„Sie sollten sich nicht bewegen.“
Ich wende den Kopf langsam dem Sprecher zu. Er steht schräg hinter mir, die Arme vor der Brust verschränkt. Seine Augen mustern mich durchdringend.
„Ich will hier nicht übernachten.“
„Das hätten Sie sich überlegen sollen, bevor Sie hier eingebrochen sind. Das hier ist Privatbesitz.“
„Aber nicht Ihrer!“
„Wer sagt das?“
„Mein Mann ist Immobilienmakler. In der Datenbank ist dieses Grundstück als unbewohnt hinterlegt.“
Er lacht kurz, bitter. „Ach ja, diese schlauen Datenbanken. Ich habe das Grundstück gekauft, aber es nirgendwo eintragen lassen. Es war völlig verwahrlost.“
„Und Sie haben sich Mühe gegeben, dass es von außen immer noch so wirkt.“
„Ja, das hält Neugierige ab. Meistens. Was wollen Sie überhaupt hier?“
„Ich suche jemanden.“
„Auf einem vermeintlich leeren Grundstück?“
„Genau. – Hören Sie, ich habe weder die Zeit noch Lust zu diesem Spielchen. Ich konnte nicht wissen, dass hier jemand wohnt. Und ich will weder Ihnen noch den Hunden was antun, aber ich werde nicht länger hier rumstehen.“
„Ohne meine Erlaubnis sollten Sie sich aber nicht bewegen. Es sind viele Hunde und alle haben noch ihre Zähne.“
Ich betrachte die Hunde. Einige unter ihnen wirken selbst mit Zähnen nicht besonders furchterregend, aber andere haben ein ähnliches Kaliber wie der unablässig leise knurrende Rottweiler.
„Sehe ich so gefährlich aus?“
„Eigentlich nicht. Aber Sie sind bis hierher unbemerkt vorgedrungen, und das macht Sie durchaus gefährlich.“ Ja, eine voll logische Antwort.
„Prima. Und was haben Sie genau vor? Die Polizei rufen? Oder mich hier stehen lassen, bis ich vor Schwäche umfalle?“
„Hm. Interessante Ideen. Kann es sein, dass Sie einen leichten Hang zum Sadismus haben?“
Ich sehe ihn an. Er ist Ende Vierzig oder knapp über Fünfzig. Also wie James. Graue Haare, grauer, gepflegter und gestutzter Bart. Legere, bequeme Kleidung: Pullover, abgewetzte Jeans, Wanderschuhe. Wache Augen. Tief eingebrannte Furchen im Gesicht. Eigentlich ganz sympathisch.
„Na schön, ich habe keine Zeit für Spielchen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich entweder über die Bäume wegkomme oder mit den Hunden fertig werde. Es wäre aber für alle besser, Sie riefen die Hunde einfach zurück.“
„Meinen Sie, die hören auf mich?“, fragt er amüsiert. Der Mistkerl scheint mich einfach nur für mein Eindringen bestrafen zu wollen. Ich schließe kurz die Augen, um nicht auf böse Gedanken zu kommen. Obwohl, es geht eher darum, sie wieder zu verscheuchen.
„Da bin ich mir sogar sehr sicher. Ich habe auch einen Hund und erkenne es, wenn Hunde auf jede Mimik reagieren. Außerdem hat jemand diesen Hunden beigebracht, als ein Team zu agieren. Sie sind der Boss.“
„Vielleicht stimmt das sogar.“ Er mustert mich jetzt genauer. „Irgendwie kommen Sie mir bekannt vor.“
„Sie pfeifen die Hunde zurück, und ich stelle mich vor.“
Er denkt darüber nach. Dann seufzt er und dreht sich um. Sofort wenden sich die Hunde von mir ab und setzen ihr ausgelassenes Spiel fort. Bis auf den Rottweiler. Er knurrt zwar nicht mehr, aber er bleibt mir auf den Fersen. Ich bleibe testweise stehen, er stoppt sofort auch.
„Er wird Sie nicht aus den Augen lassen, solange Sie auf dem Grundstück sind“, erklärt der Mann, ohne sich umzudrehen.
„Ein guter Gastgeber.“
Er lacht wieder kurz. „Ihr Humor ist bewundernswert. Die meisten Menschen, und insbesondere Frauen, so ungern ich das sage, in einer vergleichbaren Situation verlieren den Humor oder werden sogar panisch.“ Während er spricht, biegen wir um die Ecke und gelangen auf eine geflieste Terrasse mit einem Tisch und einem Stuhl. Aber der Geheimnisvolle ist auf Besuch eingerichtet, denn aus einer kleinen Laube holt er einen zweiten Stuhl. „Kaffee?“
Ich schwanke kurz. Einerseits müsste ich weiter, andererseits bin ich inzwischen sehr neugierig geworden, und man kann nie wissen, wofür so eine Begegnung gut ist. Also nicke ich.
„Setzen Sie sich bitte. Ronin wird Ihnen Gesellschaft leisten.“
Ronin? Ich betrachte den Hund neugierig. Er sitzt in etwa zwei Meter Entfernung von mir und starrt ins Nichts. Wobei dieser Eindruck garantiert nur täuscht. Als ich testweise eine Hand hebe, habe ich seinen Blick blitzschnell an mir kleben. Ich winke ihm zu. „Braver Hund.“
Der Geheimnisvolle kommt gleich darauf mit zwei Tassen Kaffee zurück. Er setzt sich mir gegenüber. „Ich glaube, Sie sind Schwarztrinkerin.“
„Meistens.“ Ich nehme einen Schluck von dem heißen Kaffee.
„Also, wie heißen Sie, unbekannte Schöne?“
„Das ist unhöflich.“
„Das stimmt, aber immerhin sind Sie hier eingedrungen, das verändert die Dinge etwas.“
„Auch wieder wahr.“ Ich seufze. „Mein Name ist Fiona Flame.“
„Fiona Flame“, wiederholt er leise. „Ja, ich kenne Sie. Eine Zeit lang sah man Sie überall, im Fernsehen, in den Zeitungen, wohin man schaute, sah man Sie. Es hieß, Sie wären gefährlich für das Böse. Was also wollen Sie hier?“
„Das Böse finden. Es ernährt sich von Menschenfleisch.“
Seine Augen weiten sich leicht. „Ah, ich habe davon gelesen. Und Sie suchen jetzt die unbewohnten Häuser ab, die abseits liegen?“
Er ist intelligent, keine Frage.
„Und Sie? Was ist mit Ihnen?“
„Über mich werden Sie außer in älteren Telefonbüchern vermutlich nichts finden“, erwidert er lächelnd. „Mein Name ist David Conrad.“
„David?“
„Ja, ein durchaus nicht seltener Vorname hierzulande“, erwidert er schmunzelnd.
„Ja, das habe ich mitbekommen“, murmele ich. Und füge lauter hinzu: „Und wieso sind Sie ausgestiegen?“
„Bin ich das?“
Ich werfe einen Seitenblick auf Ronin. „Ja.“
„Macht Ronin Sie nervös?“
Ich schüttle den Kopf und lange in meine Hosentasche. Sofort spannt sich der Körper des Hundes an. Ich hole meine Zigaretten und ein Feuerzeug hervor. „Darf ich?“ Als David nickt, halte ich ihm die Schachtel auch hin, aber er schüttelt den Kopf. Also zünde ich nur mir selbst eine Zigarette an und halte sie mit der linken Hand.
„Sie wollten mir was über sich erzählen, David.“
„Das ist Ihre Interpretation“, erwidert er ernst.
„Wie alles.“ Ich mustere ihn intensiv, aber nervös macht ihn das nicht. „Also gut, Sie wollen es mir nicht erzählen. Sie könnten aber wenigstens dem Hund erlauben, sich zu entspannen.“
„Glauben Sie, dass ich das kann? Es ist Ihre Anwesenheit, die ihn angespannt macht.“
„Aber nur, weil er Ihre Angst spürt.“
„Ich habe keine Angst!“
„Sie haben gerade das Gegenteil bewiesen“, stelle ich fest und nehme einen tiefen Zug.
„Rauchen ist ungesund.“
„Und jetzt lenken Sie auch noch ab. Und ja, ich weiß.“ Ich sehe den Hund an, der David anstarrt. Ein Wink von dem und er stürzt sich auf mich.
„Ich habe keine Angst, aber ich frage mich, wonach genau Sie suchen.“
„Hm.“ Ich lege den Kopf in den Nacken und betrachte den leicht grauen Himmel. „Ein guter Freund von mir wurde entführt, und ich würde ihn gerne in einem Stück finden.“
„Und dann sitzen Sie hier … ah, jetzt verstehe ich! Sie vertrauen wohl niemandem?“
Ich muss lächeln. Er ist wirklich intelligent. „Das ist keine Frage des Vertrauens. – Wollen Sie Ronin nicht doch erlauben, sich zu entspannen? Ich möchte ihn streicheln.“
„Er wird sich nicht streicheln lassen.“ David macht eine angedeutete Bewegung, und Ronin geht zu ihm hin. Nachdem er seine Kopfmassage bekommen hat, setzt er sich so hin, dass er mich wieder im Blickfeld hat.
Ich halte ihm meine rechte Hand entgegen.
David beobachtet uns neugierig.
Ronin mustert die Hand, dann sucht er meinen Blick. Danach mustert er wieder die Hand. Ich warte ab. Nach einigen Minuten erhebt er sich, kommt näher und schnuppert an meinen Fingern. Ich lasse ihn gewähren, auch als seine Nase an meinem Handgelenk ankommt. Dabei schaue ich ihn nicht direkt an, um ihn nicht zu verunsichern. Schließlich setzt er sich hin und lässt es zu, dass ich sanft seinen Kopf berühre und streichele.
„Alle Achtung“, sagt David. „Das hat noch niemand geschafft.“
„Er merkt, dass ich keine Angst vor ihm habe, aber auch, dass ich ihm nichts Böses will. Und er spürt vermutlich auch …“
„Was denn?“
„Nichts“, erwidere ich. „Erzählen Sie was über sich. Wieso leben Sie hier mit einem Hunderudel?“
„Ein Geheimnis? Faszinierend.“ Er lehnt sich zurück und legt seine Hände aneinander, mit den Fingerspitzen Kinn und Lippen berührend. „Im Grunde ist es keine große Geschichte. Ich war 20 Jahre lang Kinderarzt mit eigener Praxis. Und eines Tages hatte ich es satt. Ich hatte es satt, die vielen Kinder, die geschlagen und missbraucht wurden, die verwahrlost wurden, die gezwungen wurden, Abbilder ihrer Eltern zu werden, deren verlorene Wünsche zu erfüllen. Kinder, die vergewaltigt und schwanger wurden. Kinder, die angeblich die Treppe runtergefallen sind. Irgendwann wünschte ich mir, eine Pistole nehmen zu können und diese Eltern einfach zu erschießen. Und die Onkel und Tanten. Die Polizisten, die dann noch einmal auf der Seele der Kinder herumtrampelten. Die unfähigen Idioten von den Jugendämtern. Und irgendwann beschloss ich, dass ich einfach gehen sollte, bevor es ein Blutbad gibt.“
Er schaut mir in die Augen. „Habe ich Sie erschreckt?“
Meine Hand liegt auf dem Kopf von Ronin. Ich verneine kopfschüttelnd.
„Sie haben Tränen in den Augen, Fiona. Wen beweinen Sie?“
„Alle.“
Er nickt langsam. „Danke, dass Sie das sagen. Haben Sie Kinder?“ Und als ich verneine: „Werden Sie welche haben?“
„Keine Ahnung …“
„Ich glaube, dass ja. Sie werden eine gute Mutter sein. Ich weiß, Sie denken jetzt, wie kann der das wissen, er kennt mich ja erst seit ein paar Minuten. Nun, das stimmt. Aber ich sehe, wie Sie mit den Hunden umgehen. Und ich sehe, welches Vertrauen Ronin Ihnen entgegenbringt. Das reicht mir.“
Ich wische meine Tränen ab und nehme einen Zug von der Zigarette, bevor ich sie ausdrücke. „Ich sollte jetzt gehen.“
„Das finde ich bedauerlich, aber ich kann verstehen, dass Sie Ihre Suche fortsetzen wollen.“
Er bringt mich zum Gartentor, begleitet von den Hunden und vor allem Ronin. Ich halte ihm die Hand hin, die er nimmt. Sein Griff ist fest, seine Hand rau. Dann wende ich mich Ronin zu, der sich vor mich setzt. Lächelnd gehe ich vor ihm in die Hocke und streichele seinen Kopf.
„Langsam werden Sie mir unheimlich.“ Ich genieße Davids Verblüffung mit einem Lächeln.
Das nächste Haus befindet sich in einer Gegend, die schon mal bessere Zeiten erlebt hat. Es ist nicht ansatzweise so abgelegen wie das von David, und schon als ich es erblicke, weiß ich, dass ich hier nichts finden werde. Dennoch mache ich einen Rundgang auf dem Grundstück und durch das Haus.
Es ist kurz vor Zehn, als ich in der Nähe von dem dritten Haus den Wagen abstelle. Der Himmel bleibt bewölkt. Die Villa, die ich von außen betrachte, hat bis vor wenigen Monaten einer alten, einsamen Millionärin gehört, die ihr Geld mit Öl gemacht hatte. Genauer, ihr Mann war mal vor vielen, vielen Jahren einer der Drei Ölbarone gewesen. Er starb vor 30 Jahren und hinterließ Norma J. Elko ein nicht unbeträchtliches Vermögen. Vor einem halben Jahr etwa fand ihr Butler sie tot im Bett, als er ihr das Frühstück servieren wollte. Mit 96 war sie sanft entschlummert. Gar kein übler Tod. Und was unangenehme Tode angeht, da kenne ich mich aus.
Ich stehe auf einem Waldparkplatz, von dem aus die hohe Mauer und die Einfahrt zu sehen sind, und rauche eine Zigarette. Hohe Mauer, moderne Überwachungsanlage, das Ganze noch sehr gut erhalten … keine guten Voraussetzungen für mich. Durchaus möglich, dass von den sich streitenden Erben so viel Geld in die Anlage gepumpt wurde, dass die Polizei in zwei Minuten da ist, wenn nicht sogar ein privater Wachdienst.
Alternativ ist Schneewittchen hinter dieser Mauer. Und dann wäre der Wachdienst wahrscheinlich die angenehmere Variante.
Hilft aber alles nichts.
Ich mache die Zigarette aus und lasse den Wagen zurück. Man kann wunderbar joggen, ohne die Mauer aus den Augen zu verlieren. An das Grundstück grenzt Waldgebiet, durch das zwar kein Weg führt, aber das stört mich ja nicht. Dafür kann ich mich unbeobachtet wähnen, sofern keine unsichtbaren Kameras mich längst entdeckt haben. Die Straße ist nicht mehr zu sehen und auch kein Mensch. Eine gute Gelegenheit, einen Blick zu riskieren.
Ich springe so weit hoch, dass ich die Mauerkrone zu fassen kriege und mich hochziehen kann. Sicher könnte ich problemlos über die Mauer springen, aber wer weiß, was auf der anderen Seite lauert.
Noch mehr Wald.
Ich blicke nach rechts, ich blicke nach links. Keine Kameras. Ich schwinge mich über die Mauer und lande auf dem weichen Boden. Ich verharre regungslos und lausche mit angehaltenem Atem.
Kann es wirklich sein, dass das Grundstück so schlecht gesichert ist? Fällt mir schwer, das zu glauben. Wahrscheinlich stehe ich gleich einem weißen Tiger oder so was gegenüber.
Ich ziehe meine Pistole aus dem Hosenbund unter dem Pullover hervor. Die hatte ich David gar nicht erst gezeigt, weil es keine Notwendigkeit gab. Er wird sich auch so gedacht haben, dass ich nicht unbewaffnet bin.
Der Wald wirkt gepflegt, allerdings sieht man ihm an, dass er keine Besitzerin mehr hat. Aber verlassen ist er trotzdem nicht. Und es sind nicht nur Eichhörnchen, Kaninchen und Füchse, die in ihm wohnen, nicht nur Krähen und Elster.
Ich werde beobachtet.
Mein Magen verkrampft sich kurz, als mir bewusst wird, dass ich mein Ziel gefunden habe.
Ich entsichere die Pistole, während ich mich umschaue. Es ist nichts Verdächtiges zu sehen, dennoch sträuben sich meine Nackenhaare. Sicheres Zeichen dafür, dass sich etwas in meiner Nähe befindet, das ich eigentlich gar nicht in meiner Nähe haben möchte.
Dann geht es rasend schnell.
Für die Pistole viel zu schnell, wobei diese mir gegen solche Gegner sowieso nichts nützen würde, was mir schnell klar wird. Ich weiß nicht, womit ich es zu tun habe. Sie bewegen sich unglaublich schnell, sind klein und haben große Zähne in großen Mäulern, die aus runden Köpfen herausragen. Der erste kommt von hinten und versetzt mir einen heftige Stoß. Ich fliege der Pistole hinterher und lande im Gras. Meine Reflexe sorgen dafür, dass ich mich umdrehe. So landet die Axt im Boden statt in meinem Rücken. Dem Wesen, das die Axt umklammert, verpasse ich einen Fußtritt ins Gesicht. Die Genugtuung, dass es nun an ihm ist, meterweit durch die Luft zu fliegen, kann ich dennoch nicht auskosten, denn die nächste Axt steuert meinen Körper an. Ich rolle seitwärts, bis ich gegen etwas Hartes stoße. Einen Baumstamm. Mit einem Fuß wehre ich den Arm ab, die Axt kracht dicht hinter meinem Kopf in den Boden. Mit dem anderen Fuß treffe ich die Zähne des Wesens, das grunzend zurücktaumelt.
Ich packe die Axt und springe auf.
Der dritte Gegner. Er steht hinter dem Baum, der Stiel seiner Axt presst meinen Hals gegen den Baumstamm. Die Kraft, die das kleine Wesen besitzt, ist atemberaubend. Wortwörtlich.
Das zweite Ding, dem ich grad die Axt abgenommen habe, versucht, sie sich zurückzuholen. Röchelnd lasse ich seine Axt los, von seinem eigenen Schwung getragen, purzelt er davon. Meine Hoffnung, dadurch Zeit genug zu gewinnen, mich um den Würger zu kümmern, erfüllt sich allerdings nicht, denn der Erste ist wieder auf den Beinen und visiert mit seiner Waffe meinen Kopf an. Ich empfange ihn hoch in der Luft mit einem wenig eleganten Fußtritt. Aber er erfüllt seinen Zweck, das Ding landet ebenfalls wenig elegant im Gras, seine Axt neben meinem Kopf im Baum.
Na ja, fast neben meinem Kopf. Rasender Schmerz schießt durch mein Ohr, das ich wahrscheinlich grad verloren haben. Und auch wenn ich weiß, dass es bald nachwachsen wird, der Luftmangel und der Schmerz zusammen machen mich verwundbar. Bevor ich reagieren kann, krallt sich der waffenlose Gnom in meinen Körper, was an sich schon mehr als unangenehm ist. Richtig schmerzhaft wird es allerdings, als er aus derselben Bewegung heraus seine Zähne in meinen Kopf schlägt.
Vor Schmerz rasend, zugleich blind, weil Blut aus meinem Kopf strömt und augenblicklich mein Blickfeld vernebelt, packe ich die Haare des Wesens und reiße seinen Kopf zurück. Zumindest versuche ich es, denn seine Zähne stecken fest in meinem Schädel. Und auch wenn das Gehirn selbst keinen Schmerz empfindet, sieht das bei der Kopfhaut schon anders aus. Hinzu kommen seine Krallen, die auch in meinem Körper wüten.
Mir wird klar, dass ich diesen Kampf verloren habe. Zwar weiß ich, dass das noch nichts über die Schlacht aussagt, trotzdem steigt schiere Verzweiflung in mir hoch. Verzweiflung und Wut über meine unglaubliche Naivität.
Ich lasse den Kopf des Dämons los und schlage die Fäuste von beiden Seiten gegen seine Ohren. Das hilft etwas, sein Griff lockert sich. Nach dem zweiten Schlag lässt er mich los und springt mit einem Rückwärtssalto weg.
Allerdings, das wird mir zu spät klar, nur, um den Weg für die Axt des ersten Dämons freizumachen.