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Leseprobe: Das Vampirgen

Die Realität ist ab und zu
auch mal schöner als der Traum.

Das Vampirgen

Der Raum lag im hinteren Teil des Hauses. Er war im Erdgeschoss und man gelangte durchs Wohnzimmer und den Flur hin. Das Zimmer war zwar nicht sehr groß, doch es war eines der schönsten, fand ich. Außerdem konnte man von da aus in unseren Garten gelangen, weswegen sie sich dieses Zimmer in erster Linie ausgesucht hatte. Der Raum war quadratisch und schön hell durch die weißen Möbel, den weißen Schrank, das weiße Bett und die weiße Kommode aus feinstem Eschenholz. Die Wände waren blassblau gestrichen, mit hellblauen Vorhängen, Bettbezug plus Kissen und hellblauem Teppich. Aber am schönsten war der alte Sekretär unseres verstorbenen Großvaters. Er war einst dunkel gewesen, doch er ist neu – und weiß – lackiert worden. Er ist wunderschön, er hat verschnörkelte Schriften und Muster an seinen Rändern und ich könnte ihn Stunde um Stunde anstarren und mit den Fingern drüberstreichen. Doch meine Mutter ließ mich nicht, sondern holte zwei riesige, runde Kartons unter ihrem Bett hervor. Sie waren schneeweiß und mit einer hellen Schleife zusammengebunden.
„Wenn du das siehst“, sagte sie mit einem Leuchten in den Augen, „wirst du ausrasten, du wirst Judy so dankbar sein. Sie und ihre Helferinnen sind einfach so begabt“, sagte sie schwärmerisch.
„Ich würde dich so gerne als Erste in deinem Kleid sehen, aber das geht ja nicht“, murmelte sie mehr zu sich selbst.
„Wieso denn nicht?“, fragte ich etwas verwirrt, wer sollte mich denn sonst als Erste darin sehen.
„Ach Alexis, du musst doch jetzt sofort zu Elain aufbrechen, es ist schon dunkel, du musst dich beeilen. Ein Glück, dass sie nicht so weit weg wohnt. Übermorgen ist doch schon der Ball, hast du das etwa vergessen? Du darfst keine Zeit verlieren“, und mit diesen Worten drückte sie mir die beiden Schachteln in die Hand, die erstaunlich schwer waren, und schob mich aus dem Zimmer. Sie folgte mir in den Flur.
„Ich habe mit ihrer Mutter schon geredet, sie wird da sein und dir die Tür öffnen. Nun geh schon!“
Völlig überrumpelt ging ich durch die Haustür, die sie mir aufhielt:
„Viel Glück“, sagte sie noch, bevor sie die Tür hinter mir schloss. Was war denn bloß in sie gefahren? Verwirrt machte ich mich auf den Weg, auf die andere Straßenseite. Ich ging die dunkle Straße entlang, noch zwei Häuser, dann würde ich da sein, und was sollte ich bitte sagen.
„Hey Elain, weißt du meine Mutter und meine Tante, du weißt ja, sie ist Modedesignerin, die haben uns einfach Kleider für den Ball gemacht. Ach ja, und deine Mutter wusste auch davon, meine Mutter hat mich jetzt einfach, ich weiß, es ist so gut wie Nacht, zu dir geschickt. Falls du wissen willst, wie ich reinkam, das war deine Mom, ach ja, hier hast du dein Kleid. Jetzt ist alles wieder gut, hab ich recht?“
Mal ehrlich, wie stellten unsere Mütter sich das vor? Ich schenke ihr ein Kleid und alles ist wieder Friede, Freude, Eierkuchen, oder wie? Klar, sie haben bis hierhin geplant, den Rest soll ich wohl selbst erfinden. Na supi, gehen den halben Weg, und wenn es ernst wird, verdrücken sie sich. Meine Gedankenblase platzte, da ich jetzt direkt vor der Haustür der Dowsens stand, na toll, und jetzt? Weiter kam ich nicht, weil sich schon die Tür öffnete und ich in das Licht gezogen wurde und alles, woran ich gerade denken konnte, war, mit diesen zwei sperrigen Kartons das Gleichgewicht zu halten, sonst war’s das mit dem tollen Plan. Das freundliche und runde Gesicht von Elains Mutter blickte mich an. Ich kannte sie schon, seit ich ein kleines Mädchen war und hatte mich in ihrer Gegenwart immer wohlgefühlt. Loren Dowsen lächelte mich freundlich und aufgeregt an, ihr Blick erinnerte mich an Elain und ich bemerkte, wie sehr ich Elain vermisste.
„Da bist du ja endlich, Alexis! Elain ist auf ihrem Zimmer, sie weiß nicht, dass du da bist. Ich hoffe mal, dass sie dir wenigstens zuhören wird.“
Dann nickte sie die Treppe rauf und lächelte mir aufmunternd zu. Langsam und unsicher ging ich die Treppe hinauf, ich schwankte ab und zu unter dem Gewicht der Kartons. Als ich oben angekommen war, blieb ich einen Moment vor Elains Zimmertür stehen und atmete tief ein. Dann löste ich eine Hand von den Kartons und klopfte vorsichtig an ihre Tür. Ein gedämpftes, aber nettes „Herein“ war zu hören, ich zögerte einen Moment, öffnete dann die Tür, mein Hals war trocken und wie zugeschnürt. Als ich eintrat, flutete den Flur helles und warmes Licht. Ich blickte Elain an, sie saß auf ihrem Bett, ein Buch in der Hand, sie sah mich überrascht an. Und bevor ich den Mut wieder verlieren würde, schloss ich die Tür, stellte die Kartons beiseite und fing an zu reden.
„Hey Elain, bitte verzeih mir, es tut mir so leid … ich … ich hab gesehen, wie glücklich du mit Scott bist, und es tut mir schrecklich leid, wie ich zu dir war … Ich weiß auch nicht, was in mich gefahren ist. Es war einfach so überraschend … Du fehlst mir so, bitte verzeih mir.“
Mir kamen die Tränen, als ich endete. Elain sagte erst mal nichts, sie sah mich nur an. Doch dann stand sie auf und umarmte mich ganz fest. Vor Überraschung musste ich auflachen. Sie sah mich an.
„Du hast mir doch auch schrecklich gefehlt“, sagte sie. In ihren Augenwinkeln glänzte es auch und sie wischte die Tränen fort.
„Nicht weinen“, sagte ich.
„Es tut mir so leid, ich war dir doch schon am gleichen Tag nicht mehr böse … ich bin so froh, dass du hier bist“, schluchzte sie. Und wir umarmten uns abermals. Dann löste sie sich von meinem Hals und zeigte auf die Kartons.
„Was ist das?“ Ich lächelte.
„Scott hat dich ja schon gefragt, ob du auf den Ball gehst, … oder?“ Sie nickte traurig.
„Ja, aber ich habe kein Kleid, und meine Mutter sagte energisch, sie würde mir keins kaufen und ich habe kein Geld mehr. Und ihm absagen konnte ich trotzdem noch nicht, wirst du hingehen?“ Ich lächelte sie an.
„Du weißt ganz genau, dass ich nur hingehe, wenn du mitkommst, also schließe die Augen.“ Sie sah mich verwirrt an, tat es aber trotzdem. Ich öffnete den oberen Karton, im Deckel stand mit einer schön geschwungenen Schrift Elain.
„Du kannst sie wieder öffnen“, sagte ich, „und jetzt öffne diesen Karton.“ Sie öffnete den Karton mit ihrem Namen. Als Erstes kamen nur weißes Papier und Tüll zum Vorschein, doch dann hob sie etwas Blaues heraus. Es war ein Traum in blauer Seide. Elain machte große Augen.
„F-Für mich?“, fragte sie ungläubig. Ich nickte, dann machte ich den zweiten Karton auf und staunte nicht schlecht und abermals zeigte sich, dass meine Tante die beste Modedesignerin überhaupt war.
Ich holte den wunderschönen, kräftigen Stoff hervor, der Stoff an sich war schon ein Traum, ich wusste nicht, wie er hieß, doch er war wunderbar weich, edel, schön und anmutig. Einfach atemberaubend. Mir entfuhr ein leiser Bewunderungslaut. Ich zog es heraus, es war schulterfrei und wunderschön lang, doch nicht zu lang, sodass man noch meine Füße sehen konnte. Nachdem ich das Kleid bestaunt hatte, erregte ein weiteres Stück Stoff in dem Karton meine Aufmerksamkeit. Als ich es herauszog, sah ich, dass es sogar zwei Teile waren, nämlich pechschwarze, halb durchsichtige, aus einem leichten Stoff genähte Ärmel, die am oberen Ende einen goldenen Rand hatten. Ungläubig schaute ich alles an und sah erst auf, als Elain begeistert rief:
„Alexis, schau mal!“ Während ich dabei war, meine neuen Sachen zu bestaunen, hatte Elain keine Sekunde gezögert und ihr Kleid schon angezogen. Ich starrte sie mit offenem Mund an, es passte wunderbar zu ihr. Auch ihr kräftiges, himmelblaues Kleid hatte keine Ärmel, es war perfekt angepasst rund um ihre Brust und hatte eine schmale, aber nicht zu enge Taille, was ihre Rundungen prima zur Geltung brachte; alles endete in einem weiten, nach außen ausgestellten Rock, das Einzige, womit ich es vergleichen könnte, wäre Cinderella. Ich klatschte begeistert in die Hände.
„Wow!“, rief ich, „genial.“ Sie strahlte mich an und zog mich auf die Füße.
„Na los, jetzt bist du dran.“ Ich nickte und griff nach dem Kleid. Ich zog mich bis auf die Unterwäsche aus und zog das Kleid an, meine hellen Schultern strahlten und sie hoben sich schön von dem roten Stoff ab. Das Kleid lag bis zur Taille eng an, jedoch nicht drückend, sondern wie eine zweite Haut, es fühlte sich himmlisch an. Das Kleid ging in einen etwas weiteren, luftigeren Rock über, auch der tüllartige Unterrock war schön weich. Das letzte Stück von meinen langen Beinen lugte hervor, ganz anders als bei Elain. Bei ihr ging das Kleid fast bis auf den Boden. Ich schob meine Arme in die Ärmel und zog sie nach oben bis kurz unter die Achsel, sie passten perfekt zu dem Kleid. Lachend drehte ich mich im Kreis, das Kleid schwebte um meine Beine und auch die Ärmel kitzelten leicht auf der Haut. Ich blickte in den Spiegel und lächelte mich an, es war traumhaft. Überschwänglich drehte ich mich um und sah in Elains Gesicht, auch sie lächelte. Dann umarmten wir uns fröhlich und kicherten. Und irgendwie fühlten wir uns gerade wie Prinzessinnen.

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Leseprobe: Fiona – Wiederkehrer

Fiona – Wiederkehrer (Band 4)

„Hier steigen wir aus“, sagt Schneewittchen.
Ich sehe mich um. Wir befinden uns mitten im Wald, auf einem Weg, der diesen Namen kaum verdient. Vor uns eine Schranke, wobei nicht diese den Grund, dass wir nicht weiterfahren können, darstellt, sondern das dichte Gestrüpp, das den Weg dahinter zuwuchert.
Wie eine Szene aus einem billigen Horrorfilm.
„Wie weit ist es noch?“, erkundige ich mich beim Aussteigen.
„Etwa eine Stunde Fußweg.“
„Eine Stunde?!“
„Meine Stiefmutter lebt etwas außerhalb.“
„Etwas ist gut! Lebt sie allein?“
„Nein, mit meinem Vater.“ Schneewittchen schwingt sich elegant über die Schranke. Sie trägt jetzt kein Kleid, sondern bequeme Wanderschuhe, Jeans und einen Pullover. Nachdem sie die kleinen Monster zur Arbeit gefahren hatte, zog sie sich um und wir machten uns auf den Weg.
Fiona und ich tragen eh noch unsere Kampfmontur. Fiona springt über die Schranke, ohne sie zu berühren, dann blickt sie mich auffordernd an. Ich atme tief durch. Habe ich das nötig? Ich, eine zweifache Mutter, Psychologin und kurz vor der Promotion?
Dann sehe ich ihr unverschämtes Grinsen und weiß, dass ich überhaupt keine Wahl habe.
Ich schaffe es. Aber das ist auch schon das Beste, was ich darüber sagen kann. Ich bin nur froh, dass ich mich dabei nicht selbst sehen kann. Das Springen funktioniert sogar ganz gut, aber beim Aufkommen verfängt sich einer meiner Füße in irgendeiner Schlingpflanze. Oder in meinem anderen Fuß. So ganz sicher bin ich mir da nicht.
Doch Fiona fängt mich auf, bevor ich ganz und gar unelegant auf der Schnauze lande.
„Wohin so eilig, junge Dame?“, erkundigt sie sich grinsend und hält mich viel länger fest, als es eigentlich nötig wäre.
„Ich dachte, ich hätte da zwei Ameisen gesehen, die ein Eichhörnchen weggetragen haben, und wollte es mir genauer ansehen.“
„Aha.“ Das Grinsen wird breiter. „Wenn du mit den Füßen nur so halb so geschickt wärst wie mit dem Mund, dann müsste ich dich nicht ständig auffangen.“
„Jetzt übertreib nicht so. Und lass mich bitte los.“
Sie nickt und tut mir den Gefallen. Ich richte mich auf und meine Kleidung, dann sehe ich Schneewittchen an, die uns lächelnd beobachtet.
„Ihr zwei seid herrlich“, sagt sie. „Kommt, gehen wir.“
Der Weg ist beschwerlich. Freundlich ausgedrückt. Schneewittchen scheint ihre Familie nicht sehr oft zu besuchen. Aber wenigstens kennt sie noch den Weg.
Irgendwann, auf einer etwas weniger zugewucherten Strecke, legt Fiona plötzlich eine Hand auf meine Schulter und berührt mit ihrem Mund fast mein Ohr. Bevor ich protestieren kann, flüstert sie: „Sehr still hier, findest du nicht?“
Jetzt fällt es mir auch auf. Kein Vogelgesang, kein Summen, kein gar nichts.
„Du hast recht“, flüstere ich zurück. „Was bedeutet das?“
„Wir nähern uns dem Schloss der bösen Königin. Hast du denn nie deinen Kindern Märchen vorgelesen?“
„Ich bin Psychologin, solche Märchen wollte ich meinen Kindern nicht antun!“
„Aha. Du bist also nicht nur ein Hausmütterchen, sondern auch noch eine Glucke. Echt klasse.“
„Wieso bin ich eine Glucke, wenn ich meine Kinder vor seelischen Schäden bewahren will?“
„Indem du ihnen ausgerechnet die wichtigsten Märchen vorenthältst? Wahrscheinlich hast du auch Rotkäppchen zensiert, stimmts?“
„Rotkäppchen ist eine Horrorgeschichte“, antworte ich düster.
„Und was machst du, wenn plötzlich ein Wolf vor dir auftaucht? Immerhin sind wir im Märchenwald, meine Liebe!“
Ich sehe sie unsicher an.
„Was denkst du denn, wo Schneewittchens Stiefmutter, die böse Königin, wohnt?“
„Dann schmeiße ich ihn in den nächsten Brunnen“, sage ich und reiße mich los. „Oder du beißt ihn.“
„So, so, dafür bin ich also gut genug.“ Aber sie grinst dabei. Ihr sonniges Gemüt hätte ich auch gern.
Ich eile hinter Schneewittchen her, die nichts von unserer Diskussion mitzubekommen haben scheint. Dabei beobachte ich die Umgebung aufmerksam. Weiß der Teufel, wie ernst Fiona es mit dem Wolf gemeint hat, aber ich befürchte, in dieser Gegend ist alles möglich.
Wobei die Vorstellung, dass Schneewittchen und Rotkäppchen gemeinsam auf einem Ball tanzen könnten, irgendwie auch witzig ist.
Das bringt mich auf einen Gedanken.
Als ich endlich Schneewittchen keuchend einhole, spreche ich sie darauf an. „Hey, Schneewittchen, bist du schon mal Rotkäppchen begegnet?“
„Natürlich“, erwidert sie, ohne langsamer zu werden.
„Wieso ist das natürlich?“
„Wieso sollte ich ihr nicht begegnen?“
„Weil ihr unterschiedliche Märchen seid!“
Jetzt bleibt sie stehen und sieht mich an. Ich meine, Mitleid in ihren Augen zu erkennen.
„Wo kommst du eigentlich her? Weißt du denn gar nichts?“
Jetzt fängt sie auch schon damit an.
„Was soll ich denn wissen?“
Sie wirft Fiona, die hinter mir steht, einen verzweifelten Blick zu. Dann wendet sie sich kopfschüttelnd ab und geht weiter. Ich drehe mich zu Fiona um.
„Was war das denn?“
„Ich schätze, sie sieht dich als hoffnungslosen Fall an. Willst du nicht weitergehen?“
Hoffnungslos, ja, das trifft es. Diese blöde Kuh. Ich drehe mich um und renne hinter Schneewittchen her. Den ganzen Rest des Weges sage ich kein Wort mehr.
Erst als wir das Labyrinth erreichen, entfährt mir ein „Wow!“.
„Der Irrgarten des Schreckens“, sagt Schneewittchen. „Wer sich hier nicht auskennt, kommt niemals lebendig heraus.“
„Und du kennst dich hier aus?“
Wieder dieser mitleidige Blick. „Ich bin hier aufgewachsen. Folgt mir und verliert mich nicht, denn sonst seid ihr verloren.“
Wenigstens hat sie Humor. Andererseits … wer weiß, was sich alles in diesem Irrgarten versteckt? Ich werfe einen Blick auf Fiona, dann nehme ich kurzentschlossen ihre Hand. Sie sieht mich erstaunt an, sagt aber nichts. Kurz blitzen ihre Vampirzähne auf, die sonst kaum zu sehen sind.
Der Boden des Labyrinths ist grasbewachsen, die grauen Steinwände von Moos bedeckt. Das Ganze wirkt ziemlich gespenstisch. Vor allem, weil ab und zu ein gellender Schrei ertönt. Ich zucke jedes Mal zusammen, dann drückt Fiona meine Hand. Ich bin mir nur nicht so sicher, ob sie damit mich trösten will oder sich selbst. Ich hoffe auf Ersteres.
Irgendwann, nach einer Ewigkeit, so kommt es zumindest mir vor, erreichen wir das Ende des Labyrinths. Oder zumindest ein Ende.
Vor uns liegt das Schloß der bösen Königin. Und der Ort, an dem Schneewittchen ihre Kindheit verbrachte.
Da musste sie ja depressiv werden.
„Ziemlich düster“, stellt Fiona fest.
„Allerdings“, sagt Schneewittchen und nickt. „Kommt.“
„Werden wir eigentlich auch den Jäger treffen?“, erkundige ich mich, während wir hinter ihr auf ein großes, goldfarbenes Tor zueilen.
„Der Jäger ist doch tot. Meine Stiefmutter hat ihm das Herz herausgerissen, weil er mich hat laufenlassen.“
„Hier können Leute sterben?“
„Wenn die Geschichte das verlangt, dann schon.“
„Und wo sind sie dann? Ich meine, die können doch nicht einfach so aus dem Universum verschwinden. Oder etwa doch?“
„Natürlich nicht“, erwidert Schneewittchen.
Wir kommen am Tor an und sie tritt mehrmals dagegen, bis die Flügel sich öffnen. Sie scheinen sehr schwer zu sein. Sind sie etwa aus Gold? Beim Eintreten berühre ich sie. Sie fühlen sich an wie Gold.
Ach du Scheiße!
Die Dekadenz setzt sich innen fort. Eine riesige Halle, deren Decke von goldglänzenden Säulen gestützt wird, eine breite, sanft geschwungene Treppe nach oben, die Stufen, so wie es aussieht, aus Marmor, übergroße Gemälden, die alle nur eine Frau zeigen, und die heißt nicht Schneewittchen, oppulente Möbel, vermutlich alle handgearbeitet … ein echtes Märchenschloss.
„Da kommt meine Mutter“, sagt Schneewittchen und deutet nach oben.
Die Frau, die von der Galerie auf uns herabblickt, passt gut ins Ambiente. Sie trägt ein schwarzes, glänzendes Kleid mit hohem Kragen, die vermutlich sehr langen Haare zu einem Dutt hochgesteckt. Sie ist durchaus schön, auf ihre ganz eigene Art. Auf jeden Fall anders als die eher jugendlich wirkende Schneewittchen. Die böse Königin versprüht die Aura einer reifen, erfahrenen Frau.
„Schneewittchen! Wen hast du mir ins Haus gebracht?“
„Zwei Freunde“, erwidert die Angesprochene.
„Zwei Freunde?“ Die Königin schreitet nun die Treppe hinab. Ja, sie schreitet. Ich verstehe etwas davon, elegant zu gehen, zu schweben. Ich habe das lange geübt, außerdem habe ich getanzt, Kampfsport getrieben – ich beherrsche meinen Körper. Oder zumindest habe ich ihn mal beherrscht. Aber das, was die Königin uns da vorführt, das kann ich ganz sicher nicht.
Wow.
„Treibst du es denn jetzt schon mit Zwillingen?“, erkundigt sich die böse Königin, nachdem sie unten angekommen ist und uns ausgiebig gemustert hat.
„Wie bitte?“ Ich starre sie entgeistert an. Verflucht, in was für ein Sündenpfuhl bin ich da eigentlich geraten? Denken die denn hier alle ständig nur an Sex? Dann fällt mir ein, was ich im Studium über Märchen gelernt habe und beschließe, dass das noch untertrieben war. Aber wahr.
„Wie ich schon sagte, es sind Freunde“, sagt Schneewittchen mit blitzenden Augen. „Für den Spaß hatte ich mal die Zwerge und den Prinzen, aber die hast du mir ja erfolgreich abspenstig gemacht!“
„Abspenstig? Ich?“ Die Königin schwebt an uns vorbei auf eine Tür zu, die, wie ich gleich darauf sehe, in den Salon führt. Oder in einen? Das Schloss ist groß genug, um Dutzende von Salons zu haben. Und während die Königin auf eine durchaus modern aussehende Bar zuschwebt, fährt sie fort: „Das, meine Liebe, hast du ganz allein geschafft.“
„Ach nein, und wer hat dem Prinzen erzählt, dass er allein nicht in der Lage ist, mich zu befriedigen?“
Oh Scheiße! Ich kriege einen Hustenanfall, sodass Fiona mir auf den Rücken klopft. Auch sie wirkt etwas indigniert.
Die beiden Streithähne beachten uns gar nicht.
„Ach, komm schon, meine Liebe, schon eine zarte Andeutung meinerseits hat ausgereicht und er wusste, was los ist. Das bedeutet, er hat es bereits geahnt. Trinkst du das Übliche?“
„Ja. Geahnt und gewusst ist aber keineswegs dasselbe! Ohne dich wäre er nicht fortgeritten und hätte nicht meine heißgeliebten Zwerge mitgenommen!“
„Oh. Ja, das hat er tatsächlich.“ Die Königin macht einen Wodka-Martini fertig und reicht ihn Schneewittchen.
„Sie hat nur gerührt“, flüstere ich Fiona ins Ohr.
„Na und? Vielleicht mag Schneewittchen das so.“
„Geschüttelt schmeckt es aber besser.“
Fiona starrt mich kurz an, dann konzentrieren wir uns wieder auf die beiden. Irgendwie ist das ganz großes Kino.
„Aber dafür hat er dir die Gopfs dagelassen.“
„Gopfs!“, schnaubt Schneewittchen verächtlich. „Ja, die sind nicht schlecht, das stimmt schon. Sie haben auf jeden Fall größere Schwänze als die Zwerge. Aber Größe ist bekanntlich ja nicht alles.“
„Bist du etwa unzufrieden?“
„Unbefriedigt trifft es besser. Und es ist alles deine Schuld!“
In der Zwischenzeit hat die Königin sich selbst auch einen Drink fertiggemacht, allerdings habe ich keine Ahnung, was es ist. Irgendwas mit Rum drin. Sie leckt den Cocktaillöffel ab, dann blickt sie uns an.
„Trinkt ihr auch etwas?“, erkundigt sie sich. „Entschuldigt, ich vergesse jedes Benehmen, aber ihr bringt mich durcheinander. Ich weiß immer noch nicht, wer und vor allem was ihr seid.“
„Fiona“, sagt Fiona.
„Fiona“, sage ich.
Die Königin hebt eine Augenbraue. Die rechte.
„Seid ihr nun Zwillinge oder Klone?“
„So ganz sicher wissen wir es auch nicht“, erwidert Fiona. „Das heißt, Zwillinge sind wir ganz gewiss nicht. Ich nehme eine Bloody Mary.“
„Haha“, entfährt es mir.
Fiona sieht mich strafend an und der Königin läuft auch die zweite Augenbraue hoch. Schneewittchen kichert.
Alles perfekt. Aber so was von.
„Sie ist eine Vampirin, aber nur die eine“, erklärt Schneewittchen, nachdem sich alle mehr oder weniger beruhigt haben.
„Ich verstehe“, sagt die vielleicht gar nicht so böse Königin. „Dann bekommst du natürlich eine echte Bloody Mary, mit echtem Blut statt Tomatensaft.“
„Menschenblut?“, frage ich entgeistert.
„Natürlich, alles andere wäre unangemessen.“ Als ich sehe, dass sie eine Flasche aus einem der vielen verspiegelten Schränke holt, in der sich eine rote Flüssgkeit befindet, kommen mir Zweifel an der Angemessenheit in diesem Hause. Das sieht mir doch sehr nach Tomatensaft aus, aber nicht nach Blut.
Sie reicht den Drink an Fiona und blickt mich dabei an. „Und du? Was möchtest du trinken?“
Ich kann nicht sofort antworten, denn ich habe den Duft des Cocktails in der Nase, und mir wird klar, dass die Königin es sehr ernst gemeint hat. In der Flasche ist definitiv Blut!
Fiona nippt daran und macht ein seliges Gesicht.
Und ich habe an ihrer Seite und seelenruhig geschlafen letzte Nacht! Unwillkürlich fasse ich an meinen Hals.
„Ich habe dich nicht gebissen!“, sagt Fiona. Sie wirkt beleidigt.
Die Königin hebt die Hände. „Oh, welche Spannung! Nun, ich halte mich aus solchen Dingen heraus. Was möchtest du trinken, Fiona 2?“
„Ich bin Fiona 1, die da ist die 2. Und ich nehme einen Caipi.“
„Oh, Verzeihung, die Dame.“ Die Königin scheint sich ja prächtig zu amüsieren. Fiona 2 und meine Wenigkeit nicht so sehr. Und Schneewittchen schwankt allem Anschein nach zwischen Lachen und Weinen. Muss ja echt hart sein, das mit dem Prinzen und den Zwergen … Mir wird plötzlich klar, wie doppeldeutig das ist und werde rot.
„Was ist mit dir? Ist dir warm?“ Fiona berührt meine Schulter und ich zucke zusammen.
„Nein, ich … Ich glaube, ihr habt mich angesteckt und ich denke auch schon so schweinisch wie ihr.“
„Aha“, sagt Fiona nur, vergisst aber ihre Hand auf meiner Schulter, was sowohl Schneewittchen als auch ihre böse Stiefmutter bemerken, jedoch unkommentiert lassen.
Was für ein Glück.
Die Königin hebt ihr Glas und sagt: „Nun, da ihr hier seid und alle ein Glas mit etwas drin habt, hebe ich meins und sage: Cheers!“
So unkompliziert kann das Leben also sein.
Zumindest wenn man eine böse Königin mit einem riesengroßen Schloss im Märchenland ist. Das heißt, wenn es wenigstens das Märchenland wäre.
„Und nun erzählt, um was geht es eigentlich? Meine liebe Stieftochter besucht mich äußerst selten und niemals ohne triftigen Grund.“
„Auch das hat einen guten Grund!“, erwidert die liebe Stieftochter heftig.
„Ja, selbstverständlich.“ Die böse Königin sieht uns lächelnd an. „Nun?“
Und Fiona sieht mich an. Ich blicke zurück und wundere mich. „Was? Wieso ich?“
„Du hast studiert, du kannst besser reden.“
„Ich glaub das einfach nicht!“ Ich ziehe am Strohhalm und nehme einen großen Schluck vom wirklich guten Caipi. Vielleicht sollte ich gar nicht darüber nachdenken, was da drin ist. Ich meine, wo sollen die hier Rohrohrzucker hernehmen? Oder Limetten? Dann atme ich tief durch. „Also schön. Wir brauchen dringend einen sprechenden Spiegel.“

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Leseprobe: Fiona – Leben

Fiona – Leben (Band 5)

„Michael?“ In der Stille reicht dieses Wort schon geflüstert, um einen Widerhall zu erzeugen. Untermalt vom Quietschen der Tür müsste es meine Ankunft unüberhörbar verkünden. Dennoch gibt es keine Reaktion.
Aber ich spüre, dass er da ist.
Ich durchquere den großen Raum, den man mit viel gutem Willen Wohnzimmer nennen könnte, und gehe zur Tür, die in den Nachbarraum führt. Darin befindet sich unter anderem das Bett.
Darauf Michael, zusammen mit einem Buch. Er sieht hoch und mustert mich schweigend.
„Hi“, sage ich leise.
„Hi.“ Er lässt seinen Blick über meinen Körper gleiten, dann wieder hoch zu meinen Augen. „Welch ein hoher Besuch! Was verschafft mir diese unerwartete Ehre?“
Das frage ich mich auch gerade. Was habe ich eigentlich erwartet? Noch ist es nicht zu spät, ich sollte mich einfach umdrehen und wieder gehen. Es wäre das Klügste.
Und damit ausgeschlossen.
„Ich komme gerade aus dem Irak.“
„Wie schön für dich. Hast du dort Urlaub gemacht? Als Frau? Mutig.“
„Idiot. Ich habe jemanden hingerichtet. Und ich weiß jetzt, wie sich Kopfschüsse anfühlen.“
Er zieht eine Augenbraue hoch. Die rechte. „Hast du jemanden hingerichtet oder wurdest du hingerichtet?“
„Beides.“
„Also Abenteuerurlaub.“
„Michael …“
„Ja? Ich bin hier.“ Er legt das Buch weg und setzt sich auf. „Was genau willst du von mir?“
Eigentlich weiß ich es immer noch nicht. Ich sollte nicht hier sein. Die Geschichte im Irak ist eine Sache, die meisten Menschen würden kein Verständnis dafür haben, doch das kann mir egal sein. Aber wieso bin ich hierhergekommen, statt nach Hause zu fahren?
„Hallo? Fiona?“
Ich zucke zusammen. „Ich … Tut mir leid. War in Gedanken. Um ehrlich zu sein, versuche ich herauszufinden, warum ich hier bin.“
„Wieso, bist du nicht selbst hergekommen?“
„Doch, schon. Aber ich habe noch gar nicht darüber nachgedacht, wieso.“
„Wie geht das denn? Du musst doch irgendwann die Entscheidung getroffen haben, dieses Ziel als Koordinaten in dein internes Navi einzugeben.“
„Was?“
Er deutet auf seine Stirn. „Gehirn. Gedächtnis. Gefühle. Manchmal auch Gedanken.“
Ich muss lachen. „Du bist doof. Michael, erinnerst du dich, was ich dir gesagt habe, nachdem du mich geküsst hast?“
„Wie könnte ich das je vergessen?“, erwidert er. „Du bläst mir keinen, wir schlafen nicht miteinander und es wiederholt sich nicht.“
Ich senke den Blick. „Das … das war gelogen.“
„Was?“
„Ich meine, damals meinte ich das wirklich. Aber … ich meine, ich habe dir erlaubt, mich zu küssen. Das erlaube ich nicht jedem.“
„Ach?“
Langsam gehe ich näher. Er zieht die Knie an und legt die Unterarme um seine Beine, mit einer Hand das andere Handgelenk umfassend. Weder eine Einladung noch eine Zurückweisung. Ich bleibe unschlüssig stehen.
„Was genau möchtest du von mir?“
„Dich küssen. Dir einen blasen. Mit dir schlafen.“
„Warum so plötzlich? Ich habe nämlich keine Lust, einfach nur als Ventil zu dienen, weil du dich mies fühlst nach so einem Job.“
„Ich fühle mich nicht mies! Das Arschloch hat es verdient.“
„Ich denke, wir richten nicht?“
„Wir treffen Entscheidungen, und wenn wir der Meinung sind, jemand stört das Gleichgewicht, dann töten wir ihn. Das weißt du auch.“
„Ja, weiß ich“, nickt er. „Mir sind deine Kriterien nur nicht ganz klar.“
„Darüber wollte ich nicht mit dir reden. Jedenfalls hat es nichts damit zu tun, dass ich hier bin. Zumindest nicht direkt. Ich hatte viel Zeit zum Nachdenken auf dem Flug.“
„Zeit zum Nachdenken ist gut. Aber es fällt dir immer noch schwer, mir den Grund für deinen Sinneswandel mitzuteilen?“
Ich setze mich seufzend am Bettende auf den Rand. „Es ist … es ist kein Sinneswandel. Ich weiß, dass du in mich verliebt bist und …“
„Bin ich das?“
Ich sehe ihn direkt an. „Bist du. Willst du es leugnen?“
Er schüttelt den Kopf.
„Michael, ich weiß nicht, ob ich in dich verliebt bin. Aber ich begehre dich. Deswegen durftest du mich küssen. Etwas an dir bringt mich an den Rand des Wahnsinns. Ich habe mich dagegen gewehrt, doch jetzt will ich es nicht mehr.“
Michael starrt mich schweigend an. Sein Blick gleitet von meinen Augen nach unten, auf meine Brüste. Viel zu sehen gibt es von ihnen nicht, unter dem schwarzen Pullover trage ich einen Sport-BH. Ich fasse den Pullover am Kragen und ziehe ihn langsam aus. Dann den BH. Michael starrt immer noch auf meine Brüste. Er sieht mich nicht zum ersten Mal nackt, aber zum ersten Mal mit der Aussicht, mehr als den Anblick zu bekommen.