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Leseprobe: Die Frucht des Ölbaums – Der Ketzer

Der Ketzer

Nach einer Weile leichten Dämmerschlafes schreckt Olivier durch die unruhig gewordenen Pferde hoch. Er befürchtet einen Bären oder ein Rudel Wölfe und teilt dies den beiden Wachposten Aimeric de Clermont-sur-Lauquet und Raimond de Séguier am Feuer mit. Mit seiner Armbrust tritt er, gefolgt von den beiden, nach draußen und sieht tatsächlich die Gestalt näher kommen, die er schon den ganzen Tag über bemerkt hatte.
„Ein Bär!“, schreit er warnend und will gerade die gespannte Sehne schnellen lassen, als er, ob der Bewegungen der Silhouette, unsicher wird und den beiden Rittern hinter ihm Zeichen gibt, abzuwarten. Er ruft den geheimnisvollen Verfolger an: „Wer seid Ihr! – Gebt Euch zu erkennen!“
Die dunkle Gestalt verharrt einen Moment. Er vernimmt das Schnauben eines Pferdes. Dann trägt der Wind eine Antwort zu ihnen herüber: „Ich bin Chabert de Barbaira! – Darf ich mich Euch anschließen? – Ich bin hungrig und müde – und mein Ross ist erschöpft!“
Erleichtert lässt Olivier die Armbrust sinken. Aimeric geht dem einsamen Reisenden mit einem brennenden Holzscheit entgegen, hilft ihm beim Absteigen vom Pferd und geleitet ihn in ihren Schlupfwinkel. Beim Eintreten erkennt der Ritter den Baron de Termes und ruft noch außer Atem, aber lachend, aus:
„Ah – Ihr schon wieder? – Ihr seid wohl mein Schicksal, das ich nicht loswerden kann?“
„Ich laufe Euch nicht nach“, kontert Olivier.
Chabert de Barbaira blickt ihn verdutzt an. Dann lacht er herzlich auf, was die anderen schlafenden Ritter in ihrem Unterschlupf jedoch kaum stört.
„Seid Ihr nie um eine Antwort verlegen? Immer, wenn ich Euch begegne, sprecht Ihr Worte, die schärfer sind als meine Klinge!“, stellt der Baron de Barbaira schmunzelnd fest, während er das Schwert ablegt und seine Schlafdecke neben Olivier ausrollt.
„Verzeiht“, stammelt Olivier unsicher, „es war nicht meine Absicht … “
„Es ist schon in Ordnung“, unterbricht ihn Barbaira mit einem Klopfen auf die Schulter, „Ihr lasst Euch nicht ins Bockshorn jagen. Das befähigt Euch, eine Truppe zu befehligen. – Ihr könnt Verantwortung tragen und Männer zum Sieg führen. Nicht jeder Adlige ist dazu geschaffen.“
Olivier schweigt. Ihm erscheint der Gedanke absurd, eines Tages eine richtige Truppe bewaffneter Männer unter sich zu haben. Er – ein Baron ohne Besitz. Gedankenvoll stochert er im Feuer herum, auf dem noch ein Rest würziger Gerstenbrei blubbert. Der Duft steigt ihm in die Nase. Er legt zwei kleine, helle maurische Brotfladen aus Barcelona auf die Glut und lässt sie von beiden Seiten anrösten. Dabei fühlt er den abschätzenden Blick des Ritters auf sich ruhen, der nun, neben ihm ausgestreckt mit hinter dem Kopf verschränkten Armen an seinen Sattel gelehnt, daliegt. Irgendwie irritiert ihn das Schweigen des Barons de Barbaira. Er gibt geflissentlich ein paar Löffel würzigen Gerstenbrei auf eines der Brote, wie er es bei den Bogomilen gesehen hat und reicht es ihm. Dankbar nimmt Chabert de Barbaira den dampfenden Brotfladen aus seinen Händen.
„Warum habt Ihr Euch nicht früher zu erkennen gegeben und seid uns stattdessen wie ein Raubtier gefolgt?“, will Olivier nun doch noch wissen.
Der Ritter kaut still, schließlich rechtfertigt er sich: „Ich wusste nicht, ob ich bei Euch willkommen bin. – Wir waren Gegner in Perpignan. Ihr habt mich besiegt …“
Der strahlenden Sonne entgegen reitet der kleine Trupp am Morgen über eine glitzernde Schneedecke. Nach der anstrengenden und gefährlichen Überquerung des Passes, während der sie immer wieder darauf achten mussten, dass ihre beschlagenen Rösser nicht ausgleiten, tauchen sie wieder ein in die dichten Schwarzkiefern- und Fichtenwälder der Pyrenäen, die in tieferen, wärmeren Lagen von winterkahlen Eichen und Buchen durchsetzt sind. Immer häufiger werden die baumfreien Weideflächen, auf denen im Sommer die Ziegen und Schafe der Bauern grasen. Noch ein Tag und sie erreichen Serrallonga.
Die ganze Zeit über weicht Chabert de Barbaira Olivier, dem es leicht fällt, Freundschaften zu schließen, nicht von der Seite. Chabert hat lange nicht mehr so viel gelacht, wie mit dem um Jahre jüngeren Baron de Termes. Und umgekehrt zieht der Baron de Barbaira sowohl mit seiner Sichtweise über Gott und die Welt, seinem geheimnisvollen und rebellischen Wesen als auch seiner Wohlgestalt Olivier magisch an. Genau so stellte er sich schon als Kind den Helden Roland vor, wenn er am Kaminfeuer den Erzählungen der Troubadoure lauschte.
Chabert ist noch ihr Gast auf Serrallonga, als sie die Botschaft des Grafen von Foix erreicht, dass dieser vor Mirepoix läge.
„Constance wird vergeblich auf mich warten müssen“, eröffnet Olivier beim abendlichen Mahl seiner Mutter, die ihm daraufhin einen äußerst unzufriedenen Blick zuwirft.
„Ich wollte dir Kräuter und Salz aus Ampurias für deine Schwester Raymonde mitgeben“, sagt Ermessende nur, um ihm vor dem Gast und den anwesenden Rittern und Gesinde keine Blöße zu geben. Der Baron de Barbaira hat dennoch verstanden und lässt seine spöttisch glitzernden Augen zu Olivier hinüberschweifen.
„Dies heißt ja nicht, dass ich sie nie mehr besuchen werde“, lenkt dieser ein, „schließlich möchte ich meine Schwester auch gerne wiedersehen. – Nur im Moment gibt es Wichtigeres: Raymond-Roger de Foix braucht uns. – Gleich bei Sonnenaufgang werden wir aufbrechen. Wünscht uns den Sieg, Mutter. Letztendlich kommt es den Damen Okzitaniens zugute, wenn wir die Kreuzfahrer aus dem Land vertreiben. Kräuter von den Bergwiesen der Pyrenäen und Salz aus unserem Meer werden, bei dem unter unserer Herrschaft wieder aufblühenden Handel bis in die hintersten Winkel unseres Landes, bald für jedermann zu erstehen sein.“
Ermessende fühlt sich von ihrem Sohn geringschätzig behandelt. Er habe unter den Rebellen seine Erziehung vergessen und jegliche Achtung vor Frauen, ist ihre Befürchtung und sie will ihn nach dem Essen unter vier Augen auf seinen mangelnden Respekt, den er ihr angedeihen ließ, hinweisen. Dies ist ihr jedoch nicht möglich, da sein neuer Kampfgefährte wie sein Schatten an ihm haftet und die beiden bis in die Nacht trinkend und politisierend am Kaminfeuer beisammen sitzen.
„Dieser Chabert gefällt mir nicht“, sagt sie zu ihrem Gemahl neben ihr im Bett. „Er ist zwar mit Olivier verwandt, aber ich mag es nicht, wenn er mit ihm zusammen ist. Er hat etwas Wildes und Unbeherrschbares an sich und ich fürchte, das färbt auf meinen Sohn ab, wenn er weiter seinem Einfluss ausgesetzt ist.“
„Ihr Frauen“, gähnt Bernard-Hugues und dreht sich zur Seite, „seht immerfort Gefahr über euerer Familie schweben und wollt die Kontrolle behalten. Olivier ist erwachsen und hat einen durchaus lobenswerten und festen Charakter. Hör auf, dir Sorgen zu machen, wo keine sind, und lass ihn seinen Weg alleine finden.“
„Dennoch“, wendet Ermessende ein, „Olivier ist verändert, seit ich ihn das letzte Mal gesehen habe … “
„Schlaf jetzt, meine Blume“, unterbricht sie ihr Gemahl, wie allezeit galant. „Ich bin müde.“
Kurz nachdem die Faidits unter dem Grafen Raymond-Roger de Foix die Stadt Mirepoix zurückerobert haben, stirbt der alte Graf. Sein Sohn Roger-Bernard III., der schon an der Seite Raymonds VII. anno 1217 in Toulouse einzog, tritt in seine Fußstapfen. Sie gewinnen Cabaret wieder und der Baron Peire-Roger de Cabaret, der damals nach dem Fall von Termes die Übergabe seines Castrums mit Montfort verhandelte, nimmt seine Burg wieder in Besitz.
Aufgezehrt von den ständigen Unruhen im Land, beruft der päpstliche Legat schließlich im Juli des Jahres 1223 ein Konzil nach Sens, von dem man eine endgültige Beilegung des Kampfes erwartet. Da König Philippe Auguste dem beizuwohnen wünscht, wird es nach Paris verlegt. Obschon er rasendes Fieber hat, begibt sich der Regent Frankreichs auf die Reise dorthin. Er stirbt jedoch, vor Erfüllung seiner Mission, noch unterwegs bei Meudon.
Noch am Tage seiner Krönung verspricht Louis VIII., trotz seiner schwachen Gesundheit einen Kreuzzug zu unternehmen. Schon sein verstorbener Vater war zu seinen Lebzeiten gegen dieses Ansinnen, da er befürchtete, dass sein Sohn frühzeitig sterben und das Königreich in den Händen einer Frau und eines Kindes bleiben würde. Papst Honorius drängt den neuen König jedoch heftig, und im Februar Anno 1224 nimmt Louis von Amaury de Montfort die bedingte Abtretung aller seiner Rechte im Languedoc entgegen.
Die Lage bringt neue unerwartete Gefahren für die Adligen Okzitaniens mit sich, die schon berechtigte Hoffnung hatten, den Kampf endgültig für sich entscheiden zu können. Schließlich hatte sich Amaury de Montfort bereits im Monat zuvor infolge seiner Geldnot gezwungen gesehen, alles, was er noch an Festungen besaß, auszuliefern und mit einem Teil des Erlöses seine Besatzungen auszulöhnen. In diesem Januar unterzeichnete er in Carcassonne einen Waffenstillstand für zwei Monate mit den Grafen von Toulouse und Foix, welche die Résistance leiten. Die Durchsetzung dieser Vereinbarung für die Städte, Burgen und alle Ländereien Amaurys, außer Carcassonne, Minerve und Penne-d’Agenais, zeigt, dass der Oberbefehlshaber des Kreuzzugsheeres nicht mehr in der Lage ist, die von ihm und seinem Vater einst eroberten Gebiete zu halten. Der Sohn Simon de Montforts veräußerte nacheinander alle seine Besitztümer: Am vierzehnten Januar gab er der Abtei von Fontfroide die Weiderechte der Minerver und am darauffolgenden Tag dem Bischof von Béziers die Burg de Cazouls. Als letzten Akt entschloss er sich, das Castèl Termes abzusondern und übertrug es dem Erzbischof von Narbonne. Noch am gleichen Tag verließ Amaury für alle Zeit das Land, dessen Fluch er und sein Vater gewesen, und Vicomte Raymond de Trencavel zieht alsbald in Carcassonne ein.
Doch die Okzitanen hatten zu früh gejubelt. Denn nun, Ende Februar, sieht sich Raymond de Toulouse statt des entmutigten Amaury de Montfort einem anderen Gegner gegenüber, der über alle Machtmittel verfügt und der seine Kampfeslust kaum zügeln kann, um die Schlappe wettzumachen, die er fünf Jahre zuvor vor den Mauern von Toulouse erlitten hatte.
König Louis stellt an den Papst die üblichen Bedingungen wie Absolution und Geld. Aber er verlangt auch, dass die Besitzungen Raymonds, seiner Verbündeten und all derer, die sich dem Kreuzzuge widersetzen, ihm als Lohn zufallen sollen. Graf Raymond macht verzweifelte Anstrengungen, den drohenden Sturm zu beschwören. Selbst König Henry III. von England verwendet sich für ihn beim Papst, was Raymond Mut gibt, durch eine Gesandtschaft, deren Freigiebigkeit auf die Beamten der Kurie einen sehr günstigen Eindruck macht, seinen Gehorsam in Rom zum Ausdruck bringen zu lassen.
Der Papst gibt daraufhin König Louis die erwarteten Zusagen nicht. Gleichzeitig erhält Arnaud-Amaury, Erzbischof von Narbonne, Weisung, sich mit den andern Prälaten in Verbindung zu setzen, um Graf Raymond de Toulouse zu veranlassen, annehmbare Bedingungen zu stellen. Graf Raymond wird als guter Katholik anerkannt und die Bedingungen werden festgesetzt. Raymond, nur mit knapper Not entkommen, macht keine Schwierigkeiten. Zu Pfingsten, am zweiten Juni 1224, treffen er und seine Hauptvasallen mit Erzbischof Arnaud-Amaury und den abgesandten Bischöfen in Montpellier zusammen. Hier willigt er darin ein, in all seinen Besitzungen den katholischen Glauben zu achten und aufrecht zu erhalten; alle von der Kirche bezeichneten Ketzer zu vertreiben, ihre Güter zu konfiszieren und ihre Person zu bestrafen; Frieden zu halten und die von der Kirche als „räuberische Söldnerbanden“ bezeichneten Faidits zu entlassen; den Kirchen alle Rechte und Privilegien wieder einzuräumen und für die Verluste der Kirche und zur Entschädigung des Grafen Amaury de Montfort zwanzigtausend Sous zu zahlen.
Im Gegenzug veranlasst der Papst den Grafen Amaury, auf seine Ansprüche zu verzichten und allen dieselben bestätigenden Dokumente auszuliefern. Diese Bedingungen werden vom Grafen Raymond, Grafen von Foix und Vicomte von Béziers unterzeichnet.
Graf Amaury de Montfort richtet einen letzten verzweifelten Appell an die Bischöfe, in dem er sie beschwört, die Früchte des errungenen Sieges nicht wegzuwerfen. Selbst der König von Frankreich interveniert und lässt verlauten, er sei entschlossen, die Sache zu seiner eigenen zu machen. Sie jetzt aufzugeben sei ein Ärgernis. Trotzdem nehmen die Bischöfe die Eide Graf Raymonds de Toulouse und seiner Vasallen entgegen.

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Leseprobe: Die Frucht des Ölbaums – Der Ketzer

Der Ketzer

Oktober 1210

„Raymond! Wie soll das weitergehen? Seit zwei Tagen ist der Wasservorrat zu Ende. Es gibt nur noch Wein“, zetert Ermessende und streichelt ihre beiden Kleinsten, die wimmernd in ihren Wiegen liegen. Ihre Gesichtchen sind blass und Ermessende sorgt sich um ihr Leben. Auch die beiden größeren Kinder, ihre zwölfjährige Tochter Raymonde und der zehnjährige Olivier, sind die letzten Tage merkwürdig still geworden. „Die Ziegen geben keine Milch mehr, denn den Wein wollen sie nicht trinken“, klagt die Castèlanin weiter. Wir haben noch ein paar Äpfel, aus denen sich Saft pressen lässt, aber die werden auch nicht lange reichen.

Der Baron Raymond de Termes sitzt auf der Bettkante bei seiner Gemahlin und starrt mit abwesendem Blick auf seine Füße. Er wirkt kleiner als sonst, seine stolze Haltung ist verschwunden und seine hellen Augen sind dunkel gerändert. Tiefe Falten ziehen sich quer über seine Stirn, die er in all den Jahren jedem Gegner geboten
hatte. Ohne von Ermessendes Empörung ergriffen zu werden, antwortet er ihr matt: „Ich hätte nie gedacht, dass diese Kreuzfahrer die Belagerung gegen unsere starke Festung so lange halten würden. Schließlich muss auch diesem verfluchten Simon de Montfort und seinen Söldnern langsam die Verpflegung knapp werden.“

„Wieso sollte sie?“, schreit Ermessende ihren Gatten nervös an. Ihre dunklen Augen funkeln in ihrem ebenmäßigen Gesicht, das von einer unbestritten grazilen Schönheit ist, dass die Sterne am Nachthimmel bei ihrem Anblick erblassen müssten, wenn sie sie aus der Nähe sehen könnten; wie einst ein Troubadour über sie bei den noch vor zwei Jahren häufig stattfindenden rauschenden Festen auf Termes gesungen hat. Diese Zeiten scheinen gleichwohl lange vorüber.

„Die Kreuzritter können sich doch frei bewegen und unsere Ländereien plündern, wie es ihnen beliebt!“ Am liebsten würde sie Raymond schütteln, um ihn aus dieser an ihm ungewohnt gleichgültigen Fassung zu bringen, die sie zur Weißglut treibt. Wie kann er nur so ruhig bleiben?

Zögernd erhebt der Baron sein Gesicht und ergreift die Hand seiner Gemahlin, die, vor Wut und Verzweiflung zitternd, Falten in den seidenen Stoff ihres Kleides knüllt.

„Du vergisst, Ermessende, dass unsere Untertanen aus dem Dorf unter unserem Castèl alle zu uns herauf gekommen sind und sicherlich nichts Brauchbares für die Kreuzfahrertruppen zurückgelassen haben. Nachschub kann sich Montfort nur aus den weiter entfernten Ortschaften holen und die werden nicht gerade auf ihn gewartet
haben. Sein Ruf ist ihm nach den Massakern, die er und seine brutalen Truppen im Auftrag von Papst Innozenz III. hier im Languedoc unter unserem Volk angerichtet haben, schon lange voraus geeilt. Und da im Zweifelsfalle sogar papsttreue Katholiken gemeuchelt werden, nur um unseren katharischen Christenglauben auszumerzen,
hat sich jeder, der konnte, in den Bergen versteckt.“

„Dennoch Raymond, wie du siehst, ist Montfort noch da. Und jetzt sind wir es, die zwar nicht verhungern werden, aber verdursten!“ Zornig wendet die junge Frau ihrem Gemahl den Rücken zu und kämmt sich mit fahrigen Strichen ihr langes, schwarzes Haar.

„Noch ist es nicht so weit, Ermessende.“

„Und was soll ich den Kleinen geben? Etwa Wein?“ Über ihre Schulter wirft sie Raymond einen vorwurfsvollen Blick zu.

„Sicherlich ist unter den vielen Frauen hier auf der Burg noch eine, die als Amme geeignet ist. Und irgendwann muss es auch wieder regnen“, antwortet der Baron gelassen.

Mit diesen Worten steht Raymond auf, zieht sich sein Kettenhemd über und gürtet sich sein Schwert um. Dann legt er; kurz innehaltend; dem dreijährigen Bernard und der kleinen Blanche die Hände auf die Köpfchen und geht zur Tür hinaus.

Ermessende ist außer sich, denn sie fühlt sich mit ihren Sorgen nicht mehr verstanden. Bisher hatte ihr Gatte ihre Einwände jederzeit ernst genommen und sie als seine Gemahlin mit dem gleichen Respekt behandelt wie seinen Bruder Benoît, der als vorbildlicher Katharer und gelehrter Bonhomme von den Gläubigen sogar noch höher geachtet wird, als der herrschende Baron selbst. Doch in den letzten Tagen ist ihr Gemahl für sie unerreichbar geworden. Trotzige Tränen quellen aus ihren Augen und benetzen ihre durstigen Lippen. Unwillkürlich leckt sie danach.

Raymond tritt aus dem Donjon nach draußen in den sonnigen Morgen. Schon so früh am Tag ist die Luft staubig und warm, obwohl der beginnende Herbst die Trockenheit der vergangenen Wochen mildern müsste. Der Baron lässt seinen Blick nachdenklich über das erwachende Treiben der Menschen innerhalb dieses ersten
Befestigungsringes seines Castèls schweifen. Die sonst offene, weite Hoffläche ist jetzt vom Bergfried bis zur gegenüberliegenden Burgkapelle mit provisorischen Holzbauten und Zelten übersät, die sich die geflohenen Dorfbewohner als notdürftige Unterkünfte aufgebaut haben. Schließlich entdeckt er von weitem die zarte Silhouette und den blonden Haarschopf seines zehnjährigen Sohnes Olivier, der wartend an der Mauer nahe dem Hofausgang lehnt. Raymond geht auf ihn zu und freut sich über das Lächeln des Kindes, als sich ihre Augen treffen. Olivier bückt sich, um einen kleinen glänzenden Helm, der zwischen seinen Füßen steht, aufzuheben. Der Dorfschmied hat diesen ritterlichen Kopfschutz für den jungen Baron angefertigt und ihm zum Geschenk gemacht, als er mit den übrigen Bewohnern des Dorfes die Festung für die zu erwartende Belagerung vorbereitet hat.

„Bònjorn, mon paire! Darf ich Euch begleiten?“

„Gerne, mein Sohn. Zwei Augenpaare erkennen mehr als eins. Wollen wir einmal sehen, ob wir beide die Kreuzfahrer heute verjagen können! Aber setz deinen Helm auf, denn manchmal treffen die Geschosse dieser Schweinehunde auch“, scherzt Raymond, um seine Sorge vor dem Kind zu verhehlen, wobei er dem Jungen mit seiner kräftigen Hand streichelnd über den Kopf fährt.

Vater und Sohn, jeder dem anderen ein Spiegelbild aus einer fernen Zeit, schlendern einträchtig hinunter durch den Zwinger, der zwischen der äußeren und inneren Festungsmauer ringförmig die eigentliche Burg umschließt. An der südöstlichen Ecke liegt das einzige größere Gebäude außerhalb des Donjons auf dem Gipfel. Ein
großzügiger Mannschaftsraum ist darin untergebracht, aus welchem dem Baron und Olivier das Gelächter der Ritter und Wächter entgegen schallt. Mit lästerlichen Bemerkungen machen sie sich über die Kreuzfahrer lustig, die sich die ganze Nacht ungewohnt ruhig verhalten haben. Ein paar Ritter liegen auf ihren Schlaflagern
und ruhen sich von der Nachtwache aus, andere sitzen an einem großen Tisch nahe dem Eingang und stärken sich mit Brot, gesalzenem Speck, Käse und Wein. Als sie den Baron bemerken, stehen sie zum Gruß auf und laden ihn und seinen Sohn ein, an ihrer Tafel Platz zu nehmen. Raymond schiebt seinen Sohn auf die Bank zwischen
sich und einen stattlichen Ritter, der schon, seit Olivier denken kann, immer wieder seinen Dienst auf dem Castèl verrichtet. Lehnsherr und Vasall begrüßen sich herzlich und ohne die sonst übliche respektvolle Anrede.

„Na, Guillem, was macht der Nachwuchs?“

„Raymond, wie soll das gehen? Wenn ich immer bei Euch Dienst tue, kann ich keinen bei meinem Weib leisten“, kontert der Ritter schelmisch und reicht dem Baron einen Becher mit Wein.

Neckend entgegnet Raymond: „Ich glaube fast, du übst dich schon in den Regeln der gottergebenen Katharergeistlichen und vernachlässigst deine Ehepflichten bewusst. Du hast doch nicht etwa die Absicht, hier bei mir deinen Dienst aufzukündigen und als Bonhomme predigend durch die Lande zu ziehen? Das werde ich nicht zulassen, dass mein bester Ritter die Waffen ablegt!“

Rundum ertönt daraufhin spöttisches Lachen der Männer. Einer stülpt Guillem im Vorrübergehen eine weite Kapuze aus dunkler Wolle über den Kopf, um ihm das Aussehen eines vollkommenen Katharers, eines Bonhomme, zu geben, was das Gelächter der anderen noch anheizt.

Ein mächtiger Schlag lässt die Männer plötzlich erschreckt aufhorchen und ihr lustiges Lachen verstummt und erstarrt in ihren Gesichtern zu einer routiniert besonnenen Maske. Ein weiterer Schlag folgt in kurzem Abstand und erschüttert das Gemäuer.

„Es geht wieder los!“, ruft jemand und um Olivier herum ist plötzlich hektisches Treiben. Die Mahlzeit ist augenblicklich beendet. Rüstungen werden angelegt. Jeder ergreift seine Armbrust und eilt nach draußen. Die sich zur Ruhe niedergelegt haben, springen auf und ziehen sich ihre schützenden Kettenhemden wieder über die
müden Glieder. Knappen eilen mit gefüllten Pfeilköchern durch den Saal. Manche hört man auf das flache Dach des Mannschaftsgebäudes steigen und eine dort postierte Ballista und ein kleines Steinkatapult bedienen.

„Komm, Olivier!“ Der Baron hat die Hand des Knaben gepackt. „Hier wird es zu gefährlich für dich. Ich bringe dich zu deiner Mutter.“

Unzufrieden, aber widerspruchslos folgt Olivier seinem Vater. Sie eilen auf den sicheren, höher liegenden, inneren Befestigungsring zu. Befehle werden gebrüllt. Der Feind überschüttet die Burg mit einem Steinhagel. Manche der riesigen Gesteinsbrocken schaffen es bis über die äußere Mauer und schlagen krachend auf den felsigen
Boden des Zwingers. Den Donjon jedoch konnten die Kreuzfahrer in den vergangenen Wochen mit ihren Geschossen noch nicht erreichen. Er liegt für die Angreifer viel zu hoch. Olivier hat von seinem Vater während ihrer gemeinsamen Rundgänge in den Feuerpausen gelernt, dass die Belagerer ihnen selbst mit den mächtigsten Steinschleudern, den Mangonneaux, nichts anhaben können, da sich ihr schweres Kriegsgerät durch die steilen Abhänge rund um Termes nicht vorteilhaft positionieren lässt. Die Täler liegen auch zu tief, um von dort aus wirkungsvoll Schaden anzurichten. So bleibt den Truppen Simon de Montforts nur die Möglichkeit, die äußeren Mauern vom Turnierplatz aus, auf halber Höhe ihres Berges, immer wieder unter Beschuss zu nehmen und damit die Burgbewohner nervlich aufzureiben und von der Außenwelt abzuschneiden.

Wenige Stunden später ist wieder Ruhe eingekehrt. Olivier stiehlt sich aus der fürsorglichen Obhut seiner Mutter, die bei diesen dröhnenden Angriffen, welche meist auch mit feurigen Geschossen ausgeführt werden, immer wie Espenlaub zittert und ihn und seine Geschwister dann krampfhaft umklammert und macht sich auf die Suche nach seinem Vater.