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Leseprobe: Fiona – Reloaded

Fiona – Reloaded

Mohk sieht aus wie immer. Die Haare strubbelig, die Augen wachsam. Asman steht schon bereit für mich. Vor Mohk liegen einige Bücher.
„Wie hast du geschlafen, Ringträgerin?“
„Soll ich dich in eine Kröte verwandeln? Wieso nennst du mich Ringträgerin?“
„Könntest du das denn?“, erkundigt sich Mohk amüsiert.
„Wenn ich mich anstrenge, bestimmt!“
„Nun denn. Das würde mich interessieren, ob du das schaffst. Ich fürchte nur, sich anzustrengen ist nicht genug.“
„Aha. Du wolltest mir ja erzählen, was Magie ist, vielleicht weiß ich danach, was ich tun muss, damit du quakend durch die Welt hüpfst!“
„Genau. Oder auch nicht. Ich fürchte, das Wissen aus den alten Büchern ist zwar interessant, aber keine Anleitung.“
„Warum sitze ich dann hier?“
„Um Asman zu trinken. Außerdem kann es ja sein, dass du etwas mit dem anfangen kannst, was für mich kaum Sinn ergibt.“
„Dann erzähl mal.“
„Am Anfang war Elixa …“
„Mohk!“
„Wirklich! Elixa spielt eine wichtige Rolle dabei, was nicht verwunderlich ist.“
„Wieso nicht?“
„Weil es ja immerhin darum geht, dass mit Magie Dinge möglich sind, die eigentlich nicht möglich sind. Sand kann sich eigentlich nicht zur Menschengestalt formen und kämpfen. Richtig?“
„Richtig.“
„Magie bedeutet also, Dinge geschehen zu lassen, die eigentlich den uns bekannten Naturgesetzen widersprechen. Und da die Naturgesetze von Elixa festgelegt wurden, ist es naheliegend, dass sie diese auch aufheben kann.“
„Ist gut. Verstehe ich. Und wie macht sie das?“
Mohk zuckt die Achseln. „Wie soll ein Mensch Elixa verstehen können? Ich habe aber verschiedene Legenden gefunden dazu, die zwar unterschiedlich sind, aber einen gemeinsamen Teil haben. Ich denke, der Rest ist Ausschmückung durch den jeweiligen Chronisten. Interessant könnte der gemeinsame Teil sein, denn hier kommen wieder die Zeitmacher ins Spiel.“
„Die scheinen irgendwie wichtig zu sein.“
„Das sind sie auf jeden Fall“, sagt Mohk und nickt. „Denk allein an die Helldunkelwechsel, an die Nums, an die Zeit.“
„Du glaubst daran, dass das passiert, weil die Steine hin und hertragen?“, frage ich entgeistert.
„Du nicht? Welche Erklärung hast du denn für die Gongschläge? Die überall gleich laut sind.“
„Gar keine. Aber das mit den Zeitmachern …“
„Immerhin stammen die Zauberer von den Zeitmachern ab. Vielleicht auch du. Was starrst du mich so an? Der Gedanke ist doch naheliegend, oder?“
Er hat recht, denn wenn ich auch Magie kann, und davon scheinen die Zauberer auszugehen, dann wäre auch ich eine Nachfahre der Zeitmacher, sofern die ganzen Geschichten überhaupt wahr sind. Tatsache ist jedenfalls, dass es keinem Naturgesetz zu entsprechen scheint, dass Tee innerhalb von Augenblicke fertig ist, nachdem er in eine Tasse gefüllt wurde – als Pulver. Von unsichtbaren Palästen ganz zu schweigen. Oder von riesigen Muonen. Doch, der Gedanke, dass ich etwas mit den Zeitmachern zu tun haben könnte, ist sehr naheliegend.
„Also gut, und was hat nun Elixa damit zu tun? Oder wie?“
„Der Legende nach hat Elixa, als sie die Welt aus einem Samenkorn entstehen ließ, eine Handvoll Blütenstaub genommen und in die wachsende Welt hinein gepustet. Der Blütenstaub hat sich dann verteilt, allerdings ganz fein, denn eine Handvoll für eine ganze Welt ist ja nicht viel. Doch es gab einige Menschen, welche den Blütenstaub aufgenommen haben. Aus ihnen wurden die Zeitmacher. Und sie geben den Blütenstaub auch an ihre Nachkommen weiter. Dieser Blütenstaub ist es, der Zauberern ihre Kräfte verleiht.“
„Ich trage Blütenstaub in mir?“, frage ich entgeistert.
„Möglicherweise.“ Mohk nickt belustigt. „Es ist die Legende dazu. Wenn ich ehrlich bin, ist diese Erklärung genauso wahrscheinlich wie jede andere, die wir gar nicht kennen.“
„Vielleicht wissen wir einfach nur viel zu wenig über die Welt und verstehen darum vieles nicht.“
„Das mag sein. Wie dem auch sei, die Zauberer können Dinge auf eine Art und Weise verändern, wie andere Menschen es nicht können. Nimm Eisen. Eisen wird in den Minen abgebaut und in der Hitze zu Schwertern oder Scharnieren geformt. Der Schmied braucht das Feuer und seine Körperkraft dazu. Ein Zauberer nur seinen Willen.“
„Ein Zauberer kann Schwerter schmieden? Einfach so?“
„Das war nur eine Metapher. Aber im Grundsatz ist das so mit der Zauberei. Denk an die Sandmenschen. Zauberer können mit der Kraft ihrer Gedanken dem Sand befehlen, etwas zu tun, was er sonst nicht tut. Oder sie öffnen Türe, ohne sie zu berühren.“
„Sie öffnen Türen?“
Mohk nickt erneut. „Es gibt unzählige Berichte von früher darüber, dass Zauberer Gegenstände mit der Kraft ihres Geistes bewegen können. Und eine Tür zu öffnen ist doch auch nichts anderes, als sie zu bewegen.“
„Das ist wahr.“ Ich sehe die Tür zu seinem Arbeitszimmer an, die ich hinter mir geschlossen habe, als ich hereinkam. Eigentlich sollte ich sie doch auch öffnen können. Aber wie geht das? Was muss ich tun, damit Dinge sich bewegen, wenn ich das will?
„Du musst dich mehr anstrengen“, sagt Mohk, und ich höre, dass er grinst.
Ich ignoriere seine Unverschämtheit und denke nach. Den Ring muss ich doch auch nicht so anstarren. Und meine Kräfte habe ich sofort gehabt, nachdem ich den Ring über den Finger gestreift hatte. Bevor ich in der Dunkelheit sehe, muss ich nicht erst darüber nachdenken, dass ich in der Dunkelheit sehen will. Ich tue es einfach.
Tür, öffne dich einfach.
Tür? Wieso öffnest du dich nicht?
Hm. Das ist natürlich Blödsinn. Ich tue es ja nicht selbst, sondern befehle der Tür, etwas zu tun. Kann ja so nicht klappen. Ich muss etwas tun, nämlich die Tür öffnen. Aber eben nicht mit den Händen, sondern mit meinem Willen.
Jetzt ist die Tür geschlossen, aber ich will, dass sie offen ist. Ich will nicht, dass sie sich öffnet. Ich will, dass sie offen ist.
Ich will, dass sie offen ist.
Ohne dass die Klinke sich bewegt, schwingt die Tür knarrend auf.
Oh!
Ich sehe Mohk an, dessen völlig entgeisterter Gesichtsausdruck verrät, dass er damit nicht gerechnet hat.
„Du solltest mich lieber nicht mehr ärgern“, stelle ich dann lächelnd fest.
„Wie … wie hast du das denn gemacht?“
„Ich trage wohl wirklich Blütenstaub in mir“, erwidere ich. „Du hast mir jedenfalls sehr geholfen. Warte mal, vielleicht war es ja nur ein Zufall.“ Ich mache eine Bewegung mit der Hand, als wollte ich die Tür schließen, und sie fällt mit einem Knall zu. „Gut, dass ist dann wohl kein Zufall mehr. Ich bin begeistert. Mohk, bitte erzähle niemandem davon. Versprichst du mir das?“
Er nickt stumm.
„Gut. Ich suche dann meine Leute und wir werden aufbrechen.“
„Ich wünsche euch viel Erfolg. Ich glaube, deine magischen Kräfte, die du gerade entdeckt hast, werden dir hilfreich beim Überleben sein.“
„Das glaube ich allerdings auch.“
Ich umarme Mohk kurz, dann gehe ich auf die Tür. Und weil es Spaß macht, öffne ich sie mit Willenskraft. Zum Glück stehen in diesem Teil des Schlosses nicht vor jeder Tür Wachen, nur vor dem königlichen Arbeitszimmer, wenn dort jemand drin ist. Wie beispielsweise jetzt. Aber sie sehen nicht in meine Richtung, also schließe ich die Tür wieder mit Willenskraft.
Die Tür, die mich zu Askan führt, brauche ich auch nicht zu berühren, aber das liegt daran, dass die Wachen sie mir öffnen und hinter mir auch zumachen.
Askan unterhält sich mit Bato und Gaskama.
„Du bist ja noch da“, sagt Gaskama.
„Nicht mehr lange. Ich wollte mich nur verabschieden.“
Askan sieht mich seltsam an.
„Ich habe mit Mohk gerade die Zauberei geübt.“
„Die Zauberei geübt?“, wiederholt Askan. „Ich habe dich noch nie zaubern sehen.“
„Das liegt daran, dass ich gar nicht wusste, was ich alles kann.“
„Was kannst du denn?“
Ich blicke kurz zur Tür und beschließe, sie in Ruhe zu lassen. Eine sich von selbst öffnende und schließende Tür würde die Wachen nur unnötig aufregen. Also suche ich etwas Anderes. So ein Weinkelch, vor allem, wenn noch Wein drin ist, auf den ich plötzlich Durst habe, ist sehr gut geeignet, finde ich. Ich strecke also meine Hand aus und muss mich beeilen, die Finger um den Stiel zu schließen, bevor der Kelch noch nach unten fällt, so schnell ist er da. Ich glaube, ich sollte das Zaubern wirklich üben.
Ich trinke den Wein, während die anderen mich fassungslos anstarren.
„Ich finde diese Zauberei inzwischen ganz hilfreich“, erkläre ich dann.
„Ja, du wirst nicht mehr verdursten“, stellt Gaskama fest.
„Ach, bist du lustig. So, und jetzt verabschiede ich mich wirklich. Sobald ich den Kopf von Barka habe, komme ich zu euch.“
„Köpfe ihn aus der Ferne. Jetzt kannst du es ja.“ Ich sehe Askan an, dann stelle ich mich auf die Fußspitzen, packe seinen Kopf und küsse ihn wild. Gaskama und Bato bekommen nur eine Umarmung.

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Leseprobe: Fiona – Reloaded

Fiona – Reloaded

„Was ist das?“
„Das ist eine Blume.“
„Wie heißt sie?“
„Blume.“
„Nur Blume?“
„Nein, nicht nur Blume, aber ich weiß nicht, wie sie sonst noch heißt. Siana, weißt du es?“
„Das ist eine Blaublüte“, antwortet Siana, vor Lachen halb erstickt.
„Die Blume heißt Blaublüte“, teile ich Kian mit.
„Hab ich gehört.“ Er wirft die Blume weg und rennt zu der nächsten am Wegesrand. Wenn es so weitergeht, kommen wir erst lange nach dem Dunkelgong wieder im Schloss an. Wie bringe ich den Kleinen dazu, etwas schneller zu gehen, ohne seinen Wissensdurst zu stören?
„Wie heißt diese?“
Er hält mir eine gelbliche Blume mit weißen Blättern hin. Müsste Kamille sein.
„Papa weiß das bestimmt. Wollen wir ihn fragen?“ Papa ist zwar grad in einer Sitzung, aber diese findet im Schloss statt. Also ist Papa im Schloss, und das dürfte Kian noch bewusst sein.
„Später. Da sind noch mehr!“ Er drückt mir die Kamille in die Hand und rennt wieder zum Wegesrand.
„Verflucht“, murmele ich und löse damit den nächsten Lacherstickungsanfall bei Siana aus. „Wir nehmen in Zukunft nur noch die Kutsche.“
„Gute Idee“, meint Siana.
Zum Glück ist Kian doch ein kleines Kind, allzu lange hält sein Interesse an den Blumen nicht vor. Ich schlage ihm vor, ihn auf die Schulter zu nehmen, was er sehr gut findet. Allerdings leiden meine Haare etwas darunter, denn er findet den Pferdeschwanz ausgesprochen gut geeignet, um mich zu lenken. Etwas doof komme ich mir schon vor, als ich seine Richtungsangaben befolge und wie eine Betrunkene über den Weg wanke.
Doch die Num war bereits lang und er wird allmählich müde. Das führt dazu, dass wir schneller als befürchtet im Schloss ankommen, mit einem auf meinem Kopf eingeschlafenen Sohn, den ich an seinen Beinen festhalte.
„Soll ich ihn ins Bett bringen?“, erkundigt sich Siana grinsend.
„Ja, bitte.“ Ich überreiche ihr den Kleinen vorsichtig.
„Ich fand es übrigens auch diesmal sehr schön, wie du das machst und dass du das machst.“
„Was genau meinst du, Siana?“
„Dein ‚Markttreffen mit Kyo‘. Die Menschen finden das sehr gut, so was gibt es sonst nirgendwo. Mich haben schon so viele Menschen darauf angesprochen, dass alle ganz begeistert sind. Und heute habe ich wieder beobachtet, wie du das machst. Du nimmst dir für alle Zeit, bist ganz geduldig und das, was du sagst, damit können die Leute wenigstens was anfangen.“
„Äh … Danke, Siana.“
Sie lächelt mir zu, dann geht sie mit Kian auf dem Arm die Treppe hoch und ich in den Königssaal, in dem sich Askan aufhält, wenn er nicht gerade eine Sitzung hat oder unterwegs ist. Sein Arbeitszimmer, sagt er immer. Es ist zwar so groß, dass darin die halbe Stadt unterkommen könnte, aber es ist halt sein Arbeitszimmer. Und meins auch, obwohl ich eigentlich lieber mit den Menschen unmittelbaren Kontakt habe. Deswegen hatte ich schon vor einiger Zeit mein „Markttreffen mit Kyo“ eingeführt. Immer wenn Markt ist, bin ich auch da, in einem eigenen Zelt. Alle dürfen hinkommen und mir ihr Anliegen erzählen. Es sind überwiegend die Frauen, die diese Möglichkeit nutzen. Ob sie nur erzählen, wie es ihnen geht, oder ob sie ein Problem haben, das sie alleine nicht lösen können, ich höre ihnen zu. Tee und Asman stehen bereit. Oft sitzen wir auch in kleinen Gruppen da und hören uns gegenseitig zu. Manche sind öfter da, andere sehe ich zum ersten Mal. Und manchmal, wie heute eben auch, ist Kian dabei. Er ist nicht viel älter als das Markttreffen. Sechs Numoas. Wie die Zeit vergeht!
Bis auf die Wachen vor der Tür ist niemand da. Ich mache den beiden Asman, dann setze ich mich an meinen Tisch und lese die Berichte durch, die ich mir regelmäßig anfertigen lasse. Darin ist alles erfasst, was irgendwie wichtig sein könnte. Unsere Finanzen, der Bestand an Tieren, Verbrechen, die verübt wurden, Geburten, Todesfälle. Und Sonstiges, was irgendjemandem irgendwie aufgefallen ist. Anfangs gab es viel Gebrumme, weil es ist viel Arbeit, doch inzwischen haben die Leute gemerkt, dass es eine gute Sache ist, und ich muss nicht mehr hinterherrennen.
Heute ist nichts wirklich Besonderes dabei, dennoch habe ich das Gefühl, etwas wäre anders. Ich gehe die Berichte noch einmal durch, ohne etwas zu finden. Doch das Gefühl bleibt, daher beschließe ich, dass es Zeit wird für unser Treffen. Ich drehe dreimal den Ring, dadurch weiß Nuoka, dass wir uns zur üblichen Zeit am üblichen Ort treffen werden. Wäre es dringend, würde ich ein zweites Mal am Ring drehen, wieder dreimal. So haben wir es vereinbart.
Askans Sitzung dauert heute lange, als er hereinkommt, sieht er müde aus. Ich sehe ihn fragend an.
„Nichts Besonderes“, erklärt er. „Aber irgendwie viel Unruhe.“
„Hm. Das Gefühl habe ich auch, ohne einen Grund dafür ausmachen zu können. Ich habe Nuoka Bescheid gegeben.“
„Ob ein Elf mehr weiß?“
Ich zucke die Achseln. „Sie bekommen andere Sachen mit als wir.“
Askan mustert mich. Ich trage ein schlichtes Kleid und Stiefeln, wie üblicherweise, wenn ich auf dem Markt war.
„Wie war das Treffen?“
„Gut“, erwidere ich lächelnd. „Gut, wie immer.“
„Das scheint dir wirklich Spaß zu machen.“ Er kommt näher und ich stehe auf. Er zieht mich an sich. „Womit habe ich alter König eigentlich jemanden wie dich verdient?“
„Das habe ich auch noch nicht herausgefunden. Irgendeinen Grund wird es schon geben.“
„Da ist wieder dein Wildkatzenhumor, Wildkatze. Hast du Hunger? Ich habe beschlossen, der Staat kann für heute Staat sein, wie er will.“
„Gute Idee. Wir können im Garten etwas essen.“
Gelegentlich treffen wir uns mit Gaskama und anderen im Garten und essen dort, wenn wir früh genug die Arbeit beenden. Wie heute. Oft sind Shaka und Mauka dabei, manchmal auch Huna mit einigen anderen Damen. Das sind Gelegenheiten, bei denen Askan und ich aufpassen müssen, uns nicht zu verraten. Von den Elfen weiß außer uns beiden niemand, nicht einmal Gaskama.
Es war schon schwer genug, Askan diese Neuigkeit beizubringen. Zu meiner Überraschung hat er davor noch nie von den Elfen gehört. Von den Wölfen, die Grenzen bewachen, wusste er hingegen, hielt sie aber für eine Legende, zumal es Wölfe nicht nur in Grenzgebieten gibt.
Heute taucht irgendwann auch Siana mit Kian auf. Der Kleine war nicht bereit, einzuschlafen, nachdem er uns draußen gehört hat. Ich nehme ihn auf den Schoß, nachdem er alle anderen begrüßt hat, am längsten natürlich seinen Vater.
Es wird eine lustige, entspannte Runde, dennoch kann ich die Unruhe nicht ganz vergessen. Ab und zu mustert mich Askan nachdenklich, bis ich ihm zuzwinkere und Kian gebe. Danach ist er beschäftigt.
Kurz vor dem Dunkelgong gehen wir hoch. Siana nimmt Kian mit sich, er schläft bei ihr, seitdem ich ihm nicht mehr die Brust gebe. Anfangs fand er das ungewohnt, aber inzwischen besteht er sogar darauf. Er liebt Siana heiß und innig.
„Schlaft gut“, sagt er, nachdem er seinem Vater und mir einen Kuss gegeben hat.“
„Du auch, mein Schatz“, erwidere ich lachend und gebe ihm schnell auch einen Kuss, etwas, was er nicht immer mag. Heute ist er gnädig gestimmt, er fährt zwar mit dem Ärmel über die Stirn, sagt aber nichts.
„Er wird mal ein großer Frauenheld“, bemerkt Askan, während wir in unsere Gemächer gehen.
„Wie sein Vater, nehme ich an.“
„Ja, auf jeden Fall. Und wenn er eine Frau findet wie der, kann er sich glücklich schätzen.“
„Schleime hier nicht herum, König Askan!“
Er legt von hinten die Arme um mich. „Ich meine das ernst. Du bist eine außergewöhnlich ungewöhnliche Frau. Wie viele kennst du zum Beispiel, die sich in der Dunkelzeit mit einem Elfen treffen?“
„Ich glaube, da bin ich wirklich die Einzige. Das wird also schwierig für Kian.“
„Er wird an der Stelle tatsächlich Abstriche machen müssen.“ Seine Hände gleiten an meinem Bauch entlang nach oben und umfassen durch das Kleid meine Brüste. Ich drehe den Kopf nach oben, um ihn zu küssen.
Wir lieben uns lange und behutsam. Als Askan schließlich einschläft, zwinge ich mich, wach zu bleiben. Lange muss ich nicht warten, bis ich seine gleichmäßigen Atemzüge höre.
Ich klettere aus dem Bett und ziehe die Sachen an, die für diesen Zweck bereit liegen. Im Grunde handelt es sich dabei um einen groben Reitanzug, denn der Weg ist umständlich. Damit es kein Gerede gibt, verlasse ich das Schloss so, dass die Wachen mich nicht sehen. Das ist nur möglich, weil ich einerseits im Dunkeln sehen kann und andererseits über mehr Körperkraft verfüge als viele Männer und als bevor ich den Ring fand.
Askan liegt auf dem Rücken. Ich beuge mich über ihn und küsse ihn so sanft, dass er nicht wach wird. Dann binde ich meine Haare hoch zu einem Pferdeschwanz und klettere aus dem Fenster. Die Wand bietet gute Möglichkeiten, zumindest für mich, um auf das Dach zu gelangen. Hier ist es völlig dunkel, die Wachen können mich auf keinen Fall sehen.
An einer Seite verläuft die Mauer so nah am Schloss, dass ich hinüberspringen kann. Nun muss ich aufpassen, denn die Wachen drehen regelmäßig ihre Runden und haben ihre Fackeln dabei, es ist also nicht mehr ganz dunkel. Da ich aber ihre Zeiten kenne, erreiche ich unbemerkt das Tor und klettere nach unten. Jetzt kommt eine schwierige Stelle. Die Brücke ist beleuchtet mit Fackeln, ich muss mich also unter ihr lang hangeln, dazu muss ich erst einmal von der Mauer unter die Brücke gelangen. Das ist letztlich nicht allzu schwer, allerdings gefährlich, denn ich darf dabei die Wasseroberfläche nicht berühren, sonst verliere ich den entsprechenden Körperteil unter Umständen. Bin ich erst einmal unter der Brücke, kann ich entlang der Querbalken auf die andere Seite klettern. Etwas anstrengend ist es natürlich, denn ich hänge dabei unter der Brücke.
Sobald ich die andere Seite erreicht habe, kann ich mich im Schatten in den Wald begeben. Ab hier wird es ein gemütlicher Spaziergang.
Der eigentliche Treffpunkt ist eine Höhle, die ich bei einem richtigen Spaziergang mal zufällig entdeckt hatte. Es gibt eine Stelle, an der sich natürliche Vertiefungen gebildet haben, die auch zum Sitzen geeignet sind. Sie sind weit genug drin, dass kein Lichtschein nach außen dringt, denn wenn der Elf kommt, beginnt der Ring unweigerlich zu leuchten, was auch nötig ist, damit er sich zurückverwandeln kann. Die Sprache der Wölfe ist mir nicht wirklich verständlich.
Nuoka ist schon da, als ich eintreffe, sodass der Ring zu leuchten beginnt, noch bevor ich unseren eigentlichen Treffpunkt erreiche.
Nach der Begrüßung setzt er sich auf den Felsvorsprung, auf dem er immer sitzt.
„Gibt es einen bestimmten Grund für deinen Ruf?“, fragt er.
„Ich weiß es nicht. Irgendwie habe ich ein komisches Gefühl und wollte dich fragen, ob du etwas gehört hast.“
Er sieht besorgt aus. „Nichts Genaues. Aber es gibt Unruhe, es gibt Gerüchte. Und dass du auch etwas spürst, das lässt mich denken, dass es nicht nur Gerüchte sind.“
„Eigenartig. Was sind das für Gerüchte?“
„Schwer zu sagen. Teilweise widersprüchlich. Aber es sieht so aus, als würde sich eine Allianz bilden. Und es scheint dabei auch um dich zu gehen, doch das ist nichts, was dich freuen sollte.“
„Das hast du ja sehr diplomatisch formuliert, Nuoka.“
„Nun, Genaueres weiß ich leider auch nicht. Nur die Unruhe. Alle Elfen spüren sie, und das ist schlecht. Elfen können nicht die Zukunft sehen, aber sie sind sehr feinfühlig und bemerken es, wenn die Menschen sich vorbereiten. Wenn sie sich auf das Kämpfen vorbereiten.“
„Redest du von Krieg?“
„So deutlich können wir es nicht sehen. Aber es könnte auch Krieg bedeuten. Sicher ist das aber nicht.“
„Hm. Es würde mich nicht wirklich wundern. Da ist Isaka, da ist Orusa. Zumindest die beiden sind uns nicht wirklich freundlich gestimmt, seit der Sache mit dem Attentäter sowieso nicht. Ich glaube zwar nicht, dass sie wissen, wer ihn getötet hat, aber ich denke, sie sehen einen Zusammenhang mit Marbutan.“
„Davon sollten wir ausgehen“, sagt Nuoka nickend.
„Hast du schon mal einen Krieg erlebt, Nuoka?“
„Ja.“
„Scheint nichts zu sein, worüber du gerne sprichst.“
„Nein.“
„Wie verhalten sich Elfen bei einem Krieg?“
„Üblicherweise neutral.“
„Ist es üblich, dass Elfen sich mit einer Königin treffen?“
„Nein“, erwidert er zögernd.
„Würdet ihr Marbutan helfen, wenn wir angegriffen würden?“
„Ich müsste mit den anderen darüber sprechen.“
„Du hast gesagt, ihr müsst mir, der Ringträgerin, gehorchen.“
„Das ist richtig.“
„Und wenn ich euch befehlen würde, auf Marbutans Seite mitzukämpfen?“
„Dann würden wir das tun.“
„Aber eigentlich wäre es euch egal, für welches Land ihr kämpfen würdet?“
„Nein.“
„Nein?“
„Wir sehen die Unterschiede zwischen einem Land wie Marbutan und einem Land wie Isaka und helfen lieber einem Land wie Marbutan. Auch bevor es dich gab.“
„Ich verstehe. Nun, ich werde versuchen, über dem offiziellen Weg herauszufinden, was unsere Unruhe auslöst. Ich denke, ich werde dich relativ bald schon wieder rufen. Doch für heute soll das genügen.“
„Ich werde den anderen berichten und sie bitten, aufmerksam zu sein.“
„Ist gut.“
Wir verabschieden uns, dann kehre ich auf demselben Weg ins Schloss zurück, auf dem ich es verlassen habe. Askan schläft tief und fest, als ich mich nackt neben ihn lege, ihn sanft küsse und bald danach auch einschlafe.

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Leseprobe: Die Legende von Sarah und Thomas – Die Prinzessin, die ihre Eltern tötete

Die Legende von Sarah und Thomas (Band 1)

An den nächsten Tagen musste auch Sarah arbeiten. Sie verhielt sich unauffällig, obwohl sie ahnte, dass es keine Rolle spielte, was sie tat. Sie wurden beobachtet, das stand fest.
Am zweiten Abend wurde Hanvanda geholt. Zum Nachtdienst. In dieser Nacht schlief Sarah nicht. Es dämmerte bereits, als Hanvanda zurückgebracht wurde. Weinend und zitternd drückte sie sich gegen Sarah, die sie mit aller Kraft festhielt. Dabei konnte Sarah Blut, Schweiß und Sperma riechen. Hanvanda erzählte nichts über die Nacht und Sarah fragte auch nicht danach.
Am nächsten Tag ging Hanvanda nicht arbeiten. Sarah deckte sie zu, bevor sie den Gefangenensalon verließ. Hanvanda lag neben Thomas auf dem Boden und schlief endlich.
Sie arbeiteten an diesem Tag auf dem Dach des Hauptgebäudes. Es wurde wenig gesprochen. Obwohl ein Teil von Sarah, den sie spöttisch königlichen Stolz genannt hatte, dagegen protestierte, solch gewöhnliche Arbeit zu verrichten, ließ sie sich nichts von ihren Gefühlen und Gedanken anmerken. Sie arbeitete schnell und präzise, wie sie es vom Kämpfen gewohnt war. Dadurch konnte sie unauffällig ihre Umgebung beobachten.
Das Haus entstand auf einer gerodeten Fläche. Nicht weit davon entfernt stand das Piratenschiff zwischen den Bäumen. Einige bewaffnete Piraten beaufsichtigten die Bauarbeiten. Die Gefangenen konnten sich frei bewegen. Wenn sie gewollt hätten, wäre es für sie ein Leichtes gewesen, zu fliehen. Doch sie wussten genau, das wäre nicht nur ihr eigenes Todesurteil, sondern auch das einiger ihrer Mitgefangenen.
Es war nur ein kurzer Moment der Unaufmerksamkeit, doch die Auswirkung war dafür umso verheerender. Doon und einer der Nomaden schleppten Holz für das Dach nach oben. Sie achteten nicht auf Sarah, die in gebückter Haltung rückwärtsging, einen schweren Balken in seine endgültige Position zerrend. Als sie über den Holzstapel stolperte, den Doon und der Nomade gerade abgelegt hatten, verlor sie ihr Gleichgewicht und fiel nach unten. Davor konnte ihre Körperbeherrschung sie nicht bewahren, aber zumindest vor schweren Verletzungen. Sie blieb einige Sekunden im Gras liegen und versuchte zu atmen. Zunächst bereitete es ihr erhebliche Probleme, sodass sie in leichte Panik geriet. Sie schloss die Augen und zählte langsam bis fünf, den Atem bewusst anhaltend. Danach konnte sie langsam die Luft in ihre Lungen strömen lassen, die vorhin so gewaltsam herausgepresst worden war. Sie atmete tief durch.
Dann waren Doon und der Nomade neben ihr und halfen ihr aufzustehen. Sie starrte Doon an.
„Verdammte Scheiße!“, brüllte sie los. „Seid ihr denn völlig hirnbefreit? Wolltet ihr mich umbringen?!“
„Es war ein Versehen“, erwiderte Doon kleinlaut.
„Ein Versehen? Wie kann man versehentlich was in den Weg stellen?“
„Es war unachtsam von uns, entschuldige.“
Sarah holte tief Luft. Das Gefühl dabei war fast schon wie ein Orgasmus. „Schon gut, vergiss es. Das werde ich nämlich auch tun. Verschwindet!“
Wenig später trat ein Pirat zum Haus und rief: „Hey Blauhaar!“
Alle Augenpaare richteten sich oben auf Sarah. „Oh, oh“, sagte Koteau. Sarah zuckte die Achseln und ging zum Dachrand.
„Ja?“
„Komm, der Chef will dich sprechen!“
„Warum?“
„Keine Ahnung. Und jetzt komm, sonst hole ich dich!“ Er hob andeutungsweise seine Waffe.
Sarah seufzte und sprang hinunter. Sie rollte sich diesmal geschickt ab und kam elegant auf die Füße. Der Pirat grinste, dann zeigte er auf das Raumschiff.
Es war deutlich luxuriöser eingerichtet als das Wächterschiff und auch als das Nomadenschiff. Sarah wunderte sich darüber keineswegs; sie liebte Annehmlichkeit auch, ohne sie zu sehr zu vermissen. Sie folgte ihrem Bewacher in einen Raum, der ein Salon aus ihrer Heimat hätte sein können.
Zwei Menschen warteten hier auf sie: der großgewachsene, braunhaarige Piratenkapitän und eine Frau, die sie sofort als die Hexe erkannte. Sie spürte ihre Anwesenheit mit einer fast schon schmerzhaften Intensität.
Sarah blieb in der Tür stehen.
Der Piratenkapitän blickte hoch und musterte sie. Dann winkte er sie heran. „Komm rein! Was möchtest du trinken?“
Sarah gehorchte und ging bis zum Rand einer eleganten Sitzgruppe, wo sie erneut stehen blieb.
„Vodka-Martini.“
„Ah, gute Wahl. Geschüttelt oder gerührt?“
„Ist mir egal.“ Sarah musterte die Frau. Sie war schlank, hatte rückenlanges, schwarzes Haar und ein fein geschnittenes, schönes Gesicht. Nicht mehr ganz jung, aber immer noch mehr als attraktiv, gepaart mit einer Reife, die sie deutlich älter wirken ließ als der erste Blick.
Der Kapitän reichte ihr ein Glas. „Geschüttelt, denn das ist besser. Ich heiße übrigens Zalo.“
„Ich weiß“, erwiderte Sarah. „Ich habe dich schon mal gehört.“
„Ach ja, in der Höhle. Übrigens, eure Idee war gut – aber nicht gut genug.“
Sarah musterte ihn eindringlich. Er war einen Kopf größer als sie und verdammt gut aussehend. Braune, kurze Haare, graue Augen, muskulöser Körper. Unter anderen Umständen hätte sie ihn sogar scharf gefunden.
„Vorsicht“, sagte er grinsend, „du kriegst Ärger mit Onanda, wenn du mich so ansiehst!“
Sarah blickte zu der Hexe. Sie saß auf einem Sofa, die langen Beine lässig übereinandergeschlagen. Sie trug ein Kleid mit einem Seitenschlitz, der den Blick auf eines ihrer bestrumpften Beine freigab.
„Du bist stark, junge Hexe“, sagte sie mit dunkler, weicher Stimme. „Wie heißt du?“
„Sarah.“
„Sarah. Ein schöner Name. Du kommst von der Erde?“
Sarah nickte.
„Du bist jung, aber deine Kräfte sind bereits gut zu spüren. Bei wem hast du gelernt?“
„Ich habe es mir selbst beigebracht“, erwiderte Sarah. „Meine Großmutter hat mir ein wenig erzählt, aber sie wollte wohl nicht, dass ich meine Kräfte nutze.“
„Sie wird ihre Gründe gehabt haben.“ Onanda erhob sich und ging um Sarah herum. „Du gefällst mir. Und Zalo gefällst du auch. Darum werde ich dich ausbilden und dir helfen, deine wahren Kräfte zu erkennen.“
„Du machst was?“, fragte Sarah vollkommen verwirrt.
„Wir erwecken die alte und mächtige Hexe in dir zum Leben!“, rief Onanda. „Es wäre eine Schande, dies nicht zu tun.“
„Aha. Und wenn ich nicht will?“
„Das wäre dumm. Sehr, sehr dumm.“ Onanda musterte sie lächelnd. „Und ich glaube nicht, dass du dumm bist.“
„Da sind wir uns wohl einig.“ Sarah beobachtete die Hexe aus den Augenwinkeln heraus. So konnte sie auch ihre wahre Gestalt erkennen, hütete sich aber davor, das zu erwähnen. „Und meine Freunde? Was wird aus ihnen?“
„Was soll schon werden?“ Zalo zuckte die Achseln. „Wir brauchen sie, um die Siedlung zu bauen und sie zu betreiben.“
„Sie wären auf ewig eure Gefangenen?“
„Nun, es wäre nicht klug, sie gehen und überall rumerzählen zu lassen, was sie hier aufgebaut haben“, sagte Zalo lächelnd. „Aber das soll nicht dein Problem sein. Du wärst natürlich frei – als unsere Gefährtin. Zu dritt könnte uns niemand mehr besiegen. Erst recht nicht, sobald du mit deiner Ausbildung fertig bist.“
„Warum wollt ihr das überhaupt tun?“
„Weil du diese Chance verdienst“, antwortete Onanda.
„Chance? Als Piratenbraut?“
„Vorsicht, junge Dame. Als Erstes wirst du Respekt lernen müssen. Ein wenig Demut steht jeder Hexe gut.“
Sarah sah die alte Hexe jetzt direkt an. „Ich bin eine Königin. Die rechtmäßige Königin von Untes. Leute wie ihr würden in meinem Königreich aufgehängt oder gevierteilt werden. Mit Banditen schließe ich keinen Pakt!“
Zalos Gesichtszüge entgleisten. Die Hexe hatte sich besser im Griff, von ihrem Gesicht verschwand lediglich das arrogante Lächeln, das Sarah sowieso aufgeregt hatte. Sie trat vor Sarah und starrte sie durchdringend an.
„Du solltest dir das gut überlegen. Könige sind für uns nur besonders willkommene Beute. Davon abgesehen benimmst du dich nicht wie eine Königin, höchstens wie eine verwöhnte Prinzessin.“
Sarah ballte ihre rechte Hand zu einer Faust. Mit der linken führte sie das Glas an ihren Mund und trank es leer. Dann reichte sie es der Hexe. „Vielen Dank für den Drink. Kann ich jetzt wieder an meine Arbeit?“
Onanda nickte. „Sicher.“ Dann schlug sie zu. Sehr schnell und sehr präzise. Mit links. Sarah landete auf dem Bauch und brauchte einige Sekunden, um sich zu sammeln. Ihr Mund füllte sich mit Blut. Langsam richtete sie sich auf.
„Kann ich jetzt gehen?“
Onanda nickte. „Ja, verschwinde.“
Sarah ging zurück auf das Dach. Sie bemühte sich, ihre Wut zu beherrschen. Solange Thomas verletzt dalag, konnte sie sich keinen unnötigen Ärger leisten. Ihr Gefühl sagte ihr jedoch, dass es dafür bereits zu spät war.