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Leseprobe: Die Legende von Sarah und Thomas – Die Prinzessin, die ihre Eltern tötete

Die Legende von Sarah und Thomas (Band 1)

An den nächsten Tagen musste auch Sarah arbeiten. Sie verhielt sich unauffällig, obwohl sie ahnte, dass es keine Rolle spielte, was sie tat. Sie wurden beobachtet, das stand fest.
Am zweiten Abend wurde Hanvanda geholt. Zum Nachtdienst. In dieser Nacht schlief Sarah nicht. Es dämmerte bereits, als Hanvanda zurückgebracht wurde. Weinend und zitternd drückte sie sich gegen Sarah, die sie mit aller Kraft festhielt. Dabei konnte Sarah Blut, Schweiß und Sperma riechen. Hanvanda erzählte nichts über die Nacht und Sarah fragte auch nicht danach.
Am nächsten Tag ging Hanvanda nicht arbeiten. Sarah deckte sie zu, bevor sie den Gefangenensalon verließ. Hanvanda lag neben Thomas auf dem Boden und schlief endlich.
Sie arbeiteten an diesem Tag auf dem Dach des Hauptgebäudes. Es wurde wenig gesprochen. Obwohl ein Teil von Sarah, den sie spöttisch königlichen Stolz genannt hatte, dagegen protestierte, solch gewöhnliche Arbeit zu verrichten, ließ sie sich nichts von ihren Gefühlen und Gedanken anmerken. Sie arbeitete schnell und präzise, wie sie es vom Kämpfen gewohnt war. Dadurch konnte sie unauffällig ihre Umgebung beobachten.
Das Haus entstand auf einer gerodeten Fläche. Nicht weit davon entfernt stand das Piratenschiff zwischen den Bäumen. Einige bewaffnete Piraten beaufsichtigten die Bauarbeiten. Die Gefangenen konnten sich frei bewegen. Wenn sie gewollt hätten, wäre es für sie ein Leichtes gewesen, zu fliehen. Doch sie wussten genau, das wäre nicht nur ihr eigenes Todesurteil, sondern auch das einiger ihrer Mitgefangenen.
Es war nur ein kurzer Moment der Unaufmerksamkeit, doch die Auswirkung war dafür umso verheerender. Doon und einer der Nomaden schleppten Holz für das Dach nach oben. Sie achteten nicht auf Sarah, die in gebückter Haltung rückwärtsging, einen schweren Balken in seine endgültige Position zerrend. Als sie über den Holzstapel stolperte, den Doon und der Nomade gerade abgelegt hatten, verlor sie ihr Gleichgewicht und fiel nach unten. Davor konnte ihre Körperbeherrschung sie nicht bewahren, aber zumindest vor schweren Verletzungen. Sie blieb einige Sekunden im Gras liegen und versuchte zu atmen. Zunächst bereitete es ihr erhebliche Probleme, sodass sie in leichte Panik geriet. Sie schloss die Augen und zählte langsam bis fünf, den Atem bewusst anhaltend. Danach konnte sie langsam die Luft in ihre Lungen strömen lassen, die vorhin so gewaltsam herausgepresst worden war. Sie atmete tief durch.
Dann waren Doon und der Nomade neben ihr und halfen ihr aufzustehen. Sie starrte Doon an.
„Verdammte Scheiße!“, brüllte sie los. „Seid ihr denn völlig hirnbefreit? Wolltet ihr mich umbringen?!“
„Es war ein Versehen“, erwiderte Doon kleinlaut.
„Ein Versehen? Wie kann man versehentlich was in den Weg stellen?“
„Es war unachtsam von uns, entschuldige.“
Sarah holte tief Luft. Das Gefühl dabei war fast schon wie ein Orgasmus. „Schon gut, vergiss es. Das werde ich nämlich auch tun. Verschwindet!“
Wenig später trat ein Pirat zum Haus und rief: „Hey Blauhaar!“
Alle Augenpaare richteten sich oben auf Sarah. „Oh, oh“, sagte Koteau. Sarah zuckte die Achseln und ging zum Dachrand.
„Ja?“
„Komm, der Chef will dich sprechen!“
„Warum?“
„Keine Ahnung. Und jetzt komm, sonst hole ich dich!“ Er hob andeutungsweise seine Waffe.
Sarah seufzte und sprang hinunter. Sie rollte sich diesmal geschickt ab und kam elegant auf die Füße. Der Pirat grinste, dann zeigte er auf das Raumschiff.
Es war deutlich luxuriöser eingerichtet als das Wächterschiff und auch als das Nomadenschiff. Sarah wunderte sich darüber keineswegs; sie liebte Annehmlichkeit auch, ohne sie zu sehr zu vermissen. Sie folgte ihrem Bewacher in einen Raum, der ein Salon aus ihrer Heimat hätte sein können.
Zwei Menschen warteten hier auf sie: der großgewachsene, braunhaarige Piratenkapitän und eine Frau, die sie sofort als die Hexe erkannte. Sie spürte ihre Anwesenheit mit einer fast schon schmerzhaften Intensität.
Sarah blieb in der Tür stehen.
Der Piratenkapitän blickte hoch und musterte sie. Dann winkte er sie heran. „Komm rein! Was möchtest du trinken?“
Sarah gehorchte und ging bis zum Rand einer eleganten Sitzgruppe, wo sie erneut stehen blieb.
„Vodka-Martini.“
„Ah, gute Wahl. Geschüttelt oder gerührt?“
„Ist mir egal.“ Sarah musterte die Frau. Sie war schlank, hatte rückenlanges, schwarzes Haar und ein fein geschnittenes, schönes Gesicht. Nicht mehr ganz jung, aber immer noch mehr als attraktiv, gepaart mit einer Reife, die sie deutlich älter wirken ließ als der erste Blick.
Der Kapitän reichte ihr ein Glas. „Geschüttelt, denn das ist besser. Ich heiße übrigens Zalo.“
„Ich weiß“, erwiderte Sarah. „Ich habe dich schon mal gehört.“
„Ach ja, in der Höhle. Übrigens, eure Idee war gut – aber nicht gut genug.“
Sarah musterte ihn eindringlich. Er war einen Kopf größer als sie und verdammt gut aussehend. Braune, kurze Haare, graue Augen, muskulöser Körper. Unter anderen Umständen hätte sie ihn sogar scharf gefunden.
„Vorsicht“, sagte er grinsend, „du kriegst Ärger mit Onanda, wenn du mich so ansiehst!“
Sarah blickte zu der Hexe. Sie saß auf einem Sofa, die langen Beine lässig übereinandergeschlagen. Sie trug ein Kleid mit einem Seitenschlitz, der den Blick auf eines ihrer bestrumpften Beine freigab.
„Du bist stark, junge Hexe“, sagte sie mit dunkler, weicher Stimme. „Wie heißt du?“
„Sarah.“
„Sarah. Ein schöner Name. Du kommst von der Erde?“
Sarah nickte.
„Du bist jung, aber deine Kräfte sind bereits gut zu spüren. Bei wem hast du gelernt?“
„Ich habe es mir selbst beigebracht“, erwiderte Sarah. „Meine Großmutter hat mir ein wenig erzählt, aber sie wollte wohl nicht, dass ich meine Kräfte nutze.“
„Sie wird ihre Gründe gehabt haben.“ Onanda erhob sich und ging um Sarah herum. „Du gefällst mir. Und Zalo gefällst du auch. Darum werde ich dich ausbilden und dir helfen, deine wahren Kräfte zu erkennen.“
„Du machst was?“, fragte Sarah vollkommen verwirrt.
„Wir erwecken die alte und mächtige Hexe in dir zum Leben!“, rief Onanda. „Es wäre eine Schande, dies nicht zu tun.“
„Aha. Und wenn ich nicht will?“
„Das wäre dumm. Sehr, sehr dumm.“ Onanda musterte sie lächelnd. „Und ich glaube nicht, dass du dumm bist.“
„Da sind wir uns wohl einig.“ Sarah beobachtete die Hexe aus den Augenwinkeln heraus. So konnte sie auch ihre wahre Gestalt erkennen, hütete sich aber davor, das zu erwähnen. „Und meine Freunde? Was wird aus ihnen?“
„Was soll schon werden?“ Zalo zuckte die Achseln. „Wir brauchen sie, um die Siedlung zu bauen und sie zu betreiben.“
„Sie wären auf ewig eure Gefangenen?“
„Nun, es wäre nicht klug, sie gehen und überall rumerzählen zu lassen, was sie hier aufgebaut haben“, sagte Zalo lächelnd. „Aber das soll nicht dein Problem sein. Du wärst natürlich frei – als unsere Gefährtin. Zu dritt könnte uns niemand mehr besiegen. Erst recht nicht, sobald du mit deiner Ausbildung fertig bist.“
„Warum wollt ihr das überhaupt tun?“
„Weil du diese Chance verdienst“, antwortete Onanda.
„Chance? Als Piratenbraut?“
„Vorsicht, junge Dame. Als Erstes wirst du Respekt lernen müssen. Ein wenig Demut steht jeder Hexe gut.“
Sarah sah die alte Hexe jetzt direkt an. „Ich bin eine Königin. Die rechtmäßige Königin von Untes. Leute wie ihr würden in meinem Königreich aufgehängt oder gevierteilt werden. Mit Banditen schließe ich keinen Pakt!“
Zalos Gesichtszüge entgleisten. Die Hexe hatte sich besser im Griff, von ihrem Gesicht verschwand lediglich das arrogante Lächeln, das Sarah sowieso aufgeregt hatte. Sie trat vor Sarah und starrte sie durchdringend an.
„Du solltest dir das gut überlegen. Könige sind für uns nur besonders willkommene Beute. Davon abgesehen benimmst du dich nicht wie eine Königin, höchstens wie eine verwöhnte Prinzessin.“
Sarah ballte ihre rechte Hand zu einer Faust. Mit der linken führte sie das Glas an ihren Mund und trank es leer. Dann reichte sie es der Hexe. „Vielen Dank für den Drink. Kann ich jetzt wieder an meine Arbeit?“
Onanda nickte. „Sicher.“ Dann schlug sie zu. Sehr schnell und sehr präzise. Mit links. Sarah landete auf dem Bauch und brauchte einige Sekunden, um sich zu sammeln. Ihr Mund füllte sich mit Blut. Langsam richtete sie sich auf.
„Kann ich jetzt gehen?“
Onanda nickte. „Ja, verschwinde.“
Sarah ging zurück auf das Dach. Sie bemühte sich, ihre Wut zu beherrschen. Solange Thomas verletzt dalag, konnte sie sich keinen unnötigen Ärger leisten. Ihr Gefühl sagte ihr jedoch, dass es dafür bereits zu spät war.

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Leseprobe: Fiona – Sterben

Fiona – Sterben

Es hat etwas Vertrautes, das gemeinsame Frühstück auf Gey, dabei der Blick auf die schwarze Wand, Ryemas klare, kräftige Stimme. Ein Ritual, das ein Gefühl von Sicherheit vermittelt. Mag es nur eine Illusion sein, wie eh alles in diesem Universum, dennoch hat es eine beruhigende, festigende Wirkung.
Der Blick auf Sarah dagegen verstört, denn die sonst so muntere Ex-Königin hat verweinte Augen und ist ungewohnt still. Ich bin gespannt, was genau los ist, mehr als „Senaa wurde überfallen!“ haben wir bisher nicht aus ihr herausbekommen.
„Ich hoffe, ihr konntet ein wenig durchatmen“, sagt Ryema. „Zumindest ich fand die Reise zwischen den Welten anstrengend, aber vielleicht auch nur, weil ich sie nicht gewohnt bin.“
„Das ist tatsächlich auch eine Sache der Routine“, bestätigt Thomas. „Da es Sarah nicht so gut geht, hat sie mich gebeten, euch zu erklären, was los ist. – Von Tad Aretan haben wir euch ja erzählt. Wir haben selbst eine Zeitlang da gelebt, nachdem wir Engelkind begegnet waren. Sarah zusammen mit Senaa. Vor ein paar Stunden erhielt Sarah von Senaa eine Gedankennachricht. Sie war nicht zusammenhängend, aber die damit verbundenen Gefühle und Bilder deuten darauf hin, dass sich Senaa in großer Gefahr befindet. Bei den Bildern war eines dabei, das den Schwarzen Riesen zeigte. So wie es aussieht, haben die Noispeds Tad Aretan überfallen. Wir wissen nicht genau, wann es passiert ist und wie es derzeit dort aussieht. Ich konnte Sarah nur mit Mühe davon abhalten, einfach loszustürmen. Ich denke aber, dass wir einen Plan brauchen.“
„Der Plan ist einfach“, erwidert Sarah.
„Stimmt“, sage ich „Wir gehen hin.“
Thomas stöhnt auf. „Fällst du mir in den Rücken?“
„Möchtest du das? Nein, wir stürmen trotzdem nicht los, sondern stellen eine kleine Eingreiftruppe auf. Sie muss klein sein, damit wir schnell agieren können und nicht so leicht gefunden werden. Auf jeden Fall dabei haben möchte ich Katharina, Emily, Ryema, Oela und natürlich Sarah, Thomas und Elaine.“
„Und Roek“, sagt Ryema.
„Und ich!“, ruft Halpha.
„Du willst doch bloß Rache“, erwidere ich.
„Das stimmt. Du nicht?“ Bumm. Treffer. „Davon abgesehen habe ich eine Kampfausbildung. Ich kann mit Waffen umgehen und ich kann auch Nahkampf.“
„Und ich will auch mit“, meldet sich auch Nidea zu Wort.
Helena und Jody heben nur noch stumm die Hände.
Ich blicke mich um. „Sonst noch jemand? Vielleicht noch eine Schulklasse?“
Katharina legt ihre Hand auf meinen Unterarm. „Ab welchem Alter hättest du in ähnlicher Situation freiwillig verzichtet?“
„Gar nicht, aber …“
Die andere Hand legt sich auf meinen Mund. „Schätzchen, ich kann dir versichern, dass Helena auf jeden Fall in der Lage ist, bei so einer Mission mitzuspielen. Das weiß ich auf jeden Fall. Bei den anderen drei kann ich es nicht aus eigener Beurteilung sagen, aber ich glaube, Helena würde protestieren, wenn sie der Meinung wäre, für Jody wäre es zu gefährlich. Was Halpha und Nidea angeht, das überlasse ich Ryema und Oela.“
„Sie können mit“, sagt Oela ruhig.
„Aber euch ist schon klar, dass wir im schlimmsten Fall auf die Ur-Wesen und eine Armee aus Halbvampiren treffen können?“
„Und meinst du, hier ist es wirklich sicherer?“, erwidert Katharina. „Natürlich droht hier in diesem Moment keine Gefahr, aber uns allen ist doch klar, dass das nichts zu bedeuten hat. Augle ist zerstört, Dargk ist tot und nun ist möglicherweise auch Tad Aretan verloren. Das nächste Ziel könnte der Kernel sein und damit die achtzehn Planeten. Wir sollten also mit so vielen Leuten wie möglich dahin, aber nicht mit mehr, als unbedingt nötig. Das bedeutet, wir brauchen alle Leute, die in der Lage sind, mit einem Halbvampir fertig zu werden. Ganz ehrlich, was Leute wie Garoan und Co. betrifft, da muss wahrscheinlich selbst ich passen. Gegen die bist du unser einziger Trumpf, Schätzchen.“
„Oder Tansan.“
„Tansan ist aber kein Krieger, er ist ein Zauberer.“
„Nasnat hat doch auch mitgekämpft.“
„Eine Armee von Vampiren ist etwas anderes als eine Armee, die von den Ur-Wesen angeführt wird. Wir können Tansan natürlich fragen. Wo ist er überhaupt?“
Seun deutet auf den Kernel. „Ich denke, er sollte hier bleiben. Da er keine Kampfausbildung hat, müssten ständig Leute bei ihm sein, die ihn notfalls beschützen. Renroc und ich werden von hier aus koordinieren und Verstärkung schicken, falls es sich als notwendig erweisen sollte. Ich denke übrigens, dass die Mädchen euch helfen können. Sie sind keine gewöhnlichen Teenager. Auch die Leibgardistinnen hatten in diesem Alter schon echte Aufgaben und genau wie jene haben Nidea und Halpha als Kinder mit der Ausbildung angefangen.“
Ich muss irgendwie gerade an Kindersoldaten denken, behalte das aber lieber für mich. Zumal auch ich noch ein Kind war, als ich mit dem Kampfsport begonnen hatte. Weder Nidea noch Halpha machen auf mich den Eindruck, als wären sie zu irgendetwas gezwungen worden.
Trotzdem ist das irgendwie eine Scheißwelt. Ob es wirklich schade um dieses Universum wäre?
Ich beschließe, dass ich unrecht habe und wende mich an Thomas: „Du und Sarah, ihr habt einige Zeit auf Tad Aretan gelebt und kennt euch vermutlich gut aus dort. Ich schlage vor, wir gehen in zwei Gruppen, eine wird von dir und eine von Sarah geführt. Wirst du es schaffen, Sarah?“
Sie nickt stumm. Ironischerweise vermisse ich ihre Stimme.
„Gut. Wir nehmen also Waffen mit. Seun, du hast gesagt, du würdest uns im Notfall Verstärkung schicken. Wie lange braucht es, bis diese hier in Bereitschaft stehen könnte?“
„Etwa eine Stunde.“
„Dann sollten wir in einer Stunde aufbrechen. Fragen, Einwände?“
„Eine Frage habe ich“, meldet sich Roek. „Wieso hast du das Kommando?“
„Weil sie die Auserwählte ist, mein Schatz“, antwortet Ryema für mich. „Außerdem ist es ihre Art.“
Bevor ich antworten kann, liegt Katharinas Hand wieder auf meinem Mund.
Später kommt Ryema zu uns und sagt leise: „Roek ist manchmal etwas hitzköpfig. Der Beginn unserer Beziehung bestand darin, dass ich ihn verprügelt habe. Na ja, wir haben uns eigentlich gegenseitig krankenhausreif geschlagen. Bringe ihn trotzdem nicht um, bitte. Ich liebe ihn.“
„Es ist meine Art?“
Sie lacht auf. „Ist es doch, aber das ist nicht schlimm. Roek hat sich daran gewöhnt, dass ich sage, wo es langgeht, er wird sich auch an dich gewöhnen. Und er ist ein guter Soldat.“
Ich mag keine Soldaten, aber das behalte ich lieber für mich. Außerdem brauchen wir gerade jetzt durchaus Soldaten. Vielleicht sollte Roek die Mission leiten? Andererseits, ich habe alle Rambo-Filme gesehen, ich kann das auch. Wäre ja gelacht.
Also nicke ich brav.

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Leseprobe: Fiona – Leben

Fiona – Leben

Déjà-vu.
Blauer Himmel. Weiches Gras. Stille, bis auf Vogelgezwitscher.
Das hatte ich doch schon mal. Damals bin ich vor den Schmerzen hierher geflohen.
Und jetzt auch!
Ich setze mich abrupt auf und sehe mich um. Ich liege auf einer Wiese, die übersät ist mit Wildblumen, soweit ich sie einsehen kann. Gesäumt von einem Wald, dessen Dunkel mich anzustarren scheint.
Ich atme tief durch, denn ich erinnere mich jetzt an den Anlass, warum ich hier bin. Nach Stunden des vergeblichen Kampfes, meinen Körper zu verlassen und den Schmerzen zu entkommen, habe ich es endlich geschafft.
Garoan muss sehr mächtig sein. Immer wieder wurde ich in meinen Körper zurückgerissen, bis ich vor Verzweiflung nur noch gebrüllt habe. Vor Verzweiflung und vor Schmerz. Die sieben Schergen des Zauberers verstanden ihr Handwerk sehr gut und wussten genau, wie sie mir fast unerträgliche Schmerzen zufügen konnten, ohne dass ich ohnmächtig wurde.
Als ich die Augen schließe, sehe ich ihre grinsenden Gesichter vor mir und spüre im nächsten Moment den säuregetränkten Stab, der in meinen Armstumpf geschoben wird. Aufschreiend reiße ich die Augen wieder auf. Ich bin blitzschnell schweißgebadet.
Also Wiese. Und bloß nicht einschlafen. Verdammte Scheiße, was ist das denn für ein Zauberer?
Ich erhebe mich langsam. Dabei fällt mir der Spiegel ein. Und Emily. Ich glaube nicht, dass ich verraten werde, wo sich der Zugang zu Augle befindet. Sicher, die Schmerzen, die Garoan als unvergessliches Erlebnis bezeichnet hat, sind tatsächlich noch schlimmer als die aus meiner Erinnerung an die Cuculus. Aber hier, in der Verborgenen Welt, spüre ich sie nicht. Nachdem ich es erst einmal hierhergeschafft habe, bin ich sicher.
Ich schreite langsam über die Wiese. Unter meinen nackten Sohlen spüre ich das weiche Gras und die kitzelnde Berührung von Pusteblumen. In meiner Nähe ein ganzes Feld von Kamillenblüten, deren Duft mich wohlig umhüllt. Es hat was paradiesisch Anmutendes. Zumindest solange ich den Waldrand nicht genauer betrachte. Ich spüre deutlich, dass sich dort etwas verbirgt und auf mich wartet. Mir ist allerdings ein Rätsel, wieso es nicht aus dem Wald herauskommt.
Kann mir nur recht sein.
Plötzlich erinnere ich mich an die Elfe. Daran, wie sie mir beigebracht hat, welche Macht auch ich besitze. In der Verborgenen Welt. Und da die Gefrorene Welt Teil der Verborgenen Welt ist …
Und ich bin ja hier. Bewusst. Weil ich es will. Weil ich es kann.
Ich wende mich dem Wald zu und gehe bis zum Rand der Wiese. Je näher ich komme, umso deutlicher kann ich erkennen, dass zwischen Wiese und Wald eine Grenze verläuft. Sie klingt dunkel.
Klingt? Ich stutze, dann wird mir klar, dass ich die Grenze tatsächlich hören kann. Es ist ein dumpfes, dunkles Geräusch, wie ich es noch nie gehört habe. Dennoch weiß ich, wie gefährlich die Grenze ist und dass ich sie besser nicht berühren sollte.
Ich bleibe so vor ihr stehen, dass meine Zehenspitzen nur wenige Millimeter von dem undurchdringlich dunkelgewordenen Waldrand entfernt sind.
So viel trennt mich also von der Macht des Zauberers. Inmitten seiner grässlichen, schmerzerfüllten Dunkelheit, seines abgrundtiefen Hasses, habe ich mir meine Wiese erschaffen, auf der ich sicher vor ihm bin.
„So sieht es aus, Garoan“, flüstere ich. „Auch deine Macht ist begrenzt.“
Andererseits, auf Dauer könnte es hier ziemlich langweilig werden. Besonders groß ist die Wiese außerdem auch nicht. Vielleicht ist die Absperrung durch den Wald, die sie umgibt, an einer Stelle durchlässig. Ich schlendere an der Grenze entlang und beobachte aufmerksam den Wald. Dabei höre ich ständig das dumpfe, dunkle Geräusch. Auch dann noch, als ich die Wiese einmal umrundet habe, ohne eine Fluchtmöglichkeit entdeckt zu haben. Seufzend trete ich ein paar Schritte zurück.
Was könnte ich mit meiner neugewonnenen Freizeit denn anfangen? Mir fällt wieder ein, wie viel Mühe ich damit hatte, aus meinem Körper zu entkommen. Die Tatsache aber, dass ich es überhaupt geschafft habe, beweist eindeutig, in welchem Maße ich bereits die Grenzen der Gefrorenen Welt überwunden habe. Und das bedeutet, die Illusionen blenden mich nicht mehr.
Es bedeutet aber auch, ich kann die Illusionen verändern.
So wie ich damals mir Kleider an den Leib zaubern konnte.
Ich strecke versuchsweise eine Hand aus und wünsche mir einen Apfel. Doch anscheinend ist dieser Wunsch zu verwegen, oder vielleicht sind Äpfel zensiert im Paradies. Jedenfalls passiert nichts.
Das ärgert mich und fordert mich zugleich heraus. Ich will kein Paradies, in dem Äpfel zensiert werden, bloß weil Gott seine zwei Menschlein nicht im Griff hatte! Außerdem wäre ich dann Eva, und diesen Gedanken finde ich absolut schrecklich. Eva, das Weibchen! Die brave, liebe Frau, die alles tat, was Adam ihr sagte.
Ich nicht!
Ich strecke erneut die Hand aus und will einen Apfel darin haben.
Sofort!
Und es klappt! Erst spüre ich den Apfel nur, aber dann, nach Sekundenbruchteilen, sehe ich ihn auch. Schön rund und rot, könnte glatt von Schneewittchens Stiefmutter sein.
Geht doch.
Ich beiße herzhaft in den Apfel hinein und überlege kauend, wie ich meine neuen Fähigkeiten sinnvoll einsetzen könnte. Eine Hängematte wäre nicht schlecht. Und da sie nicht im Nichts herumhängen kann, brauche ich mindestens zwei Bäume. Apfelbäume am besten.
Ich starre die Stelle an, an der ich gerne den ersten Apfelbaum hätte, und schon beginnt er, sich zu materialisieren. Erst ist er noch sehr durchsichtig, so, als würde ihn Scottie grad zu mir beamen, aber allmählich verdichtet er sich und wird fest. Schließlich habe ich meinen ersten selbstgezauberten Baum vor mir stehen.
Sogar Äpfel trägt er, jede Menge sogar.
Coole Sache.
Der zweite Baum geht wesentlich schneller. Und die Hängematte bedarf nur noch eines Fingerschnippens.
Schade, dass das nur in der Verborgenen Welt so funktioniert.
Ich lege mich in die Hängematte, esse meinen Apfel und starre den blauen Himmel an. Langweilig ist es immer noch. Vielleicht sollte ich Gott spielen und Adam und Eva erschaffen. Sie dürfen nur nicht übertrieben keusch sein. Es könnte ein ganz interessantes Experiment sein zu beobachten, wie Menschen sich in so einem überschaubaren Ökosystem wie meiner kleinen Wiese entwickeln. Ich sollte das echt mal tun.
Aber wie erschafft man Menschen? Nach meinem Ebenbild?
Oh Gott, nein!
Ich betrachte meine nackten Füße. Irgendwie traue ich mich nicht, wirklich Menschen zu erschaffen. Bäume, Hängematte, okay, die können keinen Schaden anrichten. Aber alles, was ein Gehirn besitzt, kann potentiell seine eigene Welt zerstören. Und das wäre hier fatal.
Aber eine Schlange auch.
Trotzdem ist eine da.
Verdammt!
Ich starre die Schlange an, die sich zischelnd neben der Hängematte aufrichtet. Unmöglich, dass sich bloß aus meinen Gedanken eine Schlange materialisiert hat. Außerdem, ich habe an Menschen gedacht, nicht an Schlangen!
Wo kommt sie aber dann her? War es das mit dem sicheren Paradies?
Die Schlange beobachtet mich, wirkt aber sonst ganz friedlich. Sie will definitiv etwas von mir, bloß was? Ob ich ihr das Sprechen beibringen kann?
„Nicht nötig, das kann ich schon.“
Vor Schreck falle ich auf der anderen Seite aus der Hängematte und springe auf.
„Was zum Teufel …?“
„Es tut mir leid, ich wollte dich nicht erschrecken.“
„Du hast es aber geschafft! Habe ich dich erschaffen?“
„Nicht ganz.“
„Nicht ganz? Was meinst du damit?“
„Das kann ich dir nicht sagen.“
Oh mein Gott! Schon wieder ein Déjà-vu! Eine Schlange, die in Rätseln spricht!
„Was willst du dann?“
„Ich soll dir eine Botschaft überbringen. Das habe ich hiermit getan und meine Aufgabe ist erledigt.“ Bevor ich den Mund auch nur öffnen kann, ist die Schlange schon wieder verschwunden. Ich schließe den Mund wieder, denn die öffnende Bewegung konnte ich nicht mehr stoppen.
Eine Botschaft? Von wem? Von Garoan?
Überhaupt, woher könnte der von meiner Begegnung mit der Schlange wissen? Da waren ja nur Katharina, Michael und Nilsson dabei … Wie vom Blitz werde ich von der Erkenntnis getroffen: Natürlich, nur sie waren dabei! Und weil sie nicht in der Lage sind, auf die Wiese zu gelangen, da ich diese ja gegen Eindringlinge geschützt habe, schickten sie die Schlange, eine Erinnerung, die bereits in mir ist.
Das heißt, sie wissen, dass ich in der Verborgenen Welt bin.
Und das wiederum bedeutet, dass sie meinen Körper haben.
Die Botschaft lautet, ich kann wieder in meinen Körper zurückkehren. Klar, deswegen die Schlange! Auch die hat mir damals ja gesagt, dass ich in meinen Körper zurückkehren sollte.
Voll logisch!
Ich werfe einen Blick auf die Hängematte. Ich werde später zurückkommen und weiter üben. Zaubern ist geil.

 

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