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Leseprobe: Sehnsucht die mich trägt

Sehnsucht die mich trägt

Alles war fremd. Ich betrat zum ersten Mal die Zweizimmerwohnung meiner Großeltern und war anfangs sehr begeistert. Ein kleiner Flur, eine Küche, ein Wohnzimmer und ein Schlafzimmer. Sehr befremdlich für mich war das Badezimmer. Mit einem richtigen WC. Unendlich oft drückte ich auf die Spültaste. Was es hier alles zu entdecken gab! Von diesem Moment an schlief ich jede Nacht zwischen Oma und Opa voller Glück und Zufriedenheit. Ich hielt mich die ganze Nacht an ihren Händen fest vor lauter Angst, sie könnten heimlich nachts wieder verschwinden.
Gleich in den ersten Tagen besuchten wir meine liebe Tante Elisabeth, zu der Oma ausgereist war. Sie bewohnte ein riesengroßes Eigenheim. Zusammen mit ihren Eltern Sofia und Martin , ihrem sehr lieben Ehemann Robert und ihren beiden Söhnen Volker und Franz. Die Jungs waren im gleichen Alter wie mein Bruder und ich. Vom ersten Augenblick fühlte ich mich in diesem wunderschönen Haus sehr wohl. Alle waren nett und schenkten mir Beachtung. Onkel Martin nannte mich immer „moi allerschenschtie“ – meine Allerschönste. Das fand ich so lieb, wenn er dies zu mir sagte. In diesem Haus begann ich zu träumen.
Voller Sehnsucht schmiedete ich Pläne für die Zukunft. Solch ein Haus wünschte ich mir, zwei Kinder, genau solche Vorhänge und Teppiche. Ich wollte eines Tages alles so haben, wie es bei der lieben Tante war. Alles perfekt und das Beste – ein Schrank, in hellbraun, in dem oben links immer Knabberzeug war. Welch eine Freude. Auf dem Boden im Wohnzimmer war so viel Platz, dass wir Kinder mit dem Onkel Robert toben konnten. Das waren außergewöhnlich schöne Momente.
Das erste Mal, dass ich mich selber laut lachen hörte in diesem Deutschland. Täglich ging ich zu dem Haus meiner Tante und meines Onkels, um es zu bewundern. Vor dem Haus gab es eine sehr steile Abfahrt zur Garage mit einem Grünstreifen. Manchmal wartete ich ewig, bis einer von den beiden dort hinunterfuhr, denn ich wollte unbedingt mit hinunter sausen. Wenn keiner kam, zog ich meine Schuhe aus, um den Rasen unter meinen Füßen zu spüren. Wie gerne war ich in Rumänien barfuß gelaufen. Ich verspürte eine große Sehnsucht nach diesem Laufgefühl.
Eine Möglichkeit barfuß zu laufen, suchte ich genauso vergebens wie Kirschbäume und Spielwiesen am neuen Wohnort. Hoffentlich durfte ich bald in die neue Schule. So mein Verlangen. Was tut man hier als Kind eigentlich den ganzen Tag? Viele Tage verbrachte ich ausschließlich mit Erwachsenen. Ich bestaunte die großen Supermärkte, die Fußgängerzonen, die Auslagen – einfach alles. Draußen zum Spielen war ich selten und wenn, dann mit Volker. Es gab ja innen so viel Interessantes. Farbfernsehen, das kannte ich nicht und ein Telefon mit Wählscheibe hatte ich zuvor noch nie gesehen. Wenn wir aus Rumänien einen Anruf tätigten, fuhren wir nach Arad und warteten in einem Institut auf eine Verbindung. Das dauerte manchmal eine Ewigkeit. Hier ging alles ganz fix. Hörer abheben und wählen. Ich konnte gar nicht mehr aufhören, mit der Wählscheibe zu spielen.
Endlich kam der Tag an dem ich zur hiesigen Schule durfte. Einen großen Schulhof gab es dort und das Gebäude selbst sah so steril aus. Mal abwarten, dachte ich mir. Ich hatte das Gefühl, dass keiner mich wahrgenommen hatte. Man brachte mich zur Klassenlehrerin, die mich mit zu ihren restlichen Zweitklässlern nahm. Ich betrat den riesigen Klassensaal mit unendlich vielen Kindern und wäre am liebsten davongelaufen. Ich hatte ziemliche Bauchschmerzen.
So fremd, verloren und so gar nicht geborgen. Ich sah in viele erstaunte Gesichter. So, wer bist denn du? Und wo kommst du her? Ich hatte mich doch so gefreut auf die Schule und nun wollte ich am liebsten weglaufen. Die Lehrerin bat mich zu erzählen, wo ich herkomme und wie mein Name wäre. Mir stockte vor Aufregung der Atem, ich bekam keinen Ton heraus. Alle starrten mich an, bis ich letztendlich losplapperte. In der 1. Pause bat die Lehrerin die Kinder, sich um mich zu kümmern und mit mir zu spielen. Das taten sie auch – wenn auch mit etwas Zurückhaltung. Schließlich war ich für sie so „anders“.
Ich bemühte mich täglich, dem Unterricht zu folgen und lernte fleißig. Das wurde auch anerkannt.
Jede freie Minute erinnerte ich mich an meine Schule und an Frau Gerda K. und an ihre Sommersprossen und den Figurenstempel auf ihrem Pult. So gerne wäre ich bei ihr im Unterricht bei den Zweitklässlern gesessen, gleich in der Reihe neben den Drittklässlern. Ich bekam „Sehnsucht“ – Sehnsucht nach meiner Lehrerin, ihren Gewohnheiten und ihrem freundlichen Wesen. Keiner war wie sie. Ob sie meinen Platz schon neu besetzt hat? Ob die anderen Kinder mich wohl vermissten? Hätte ich ihnen doch eine Adresse gegeben, dann hätten sie mir schreiben können.
Auf den Gedanken, dass ich ihnen schreiben konnte, kam ich nicht. Regelmäßig schrieb ich meiner Freundin Renate und meiner Cousine Monika, vom allerersten Tag an. Ich vermisste sie unendlich. Wieso nur konnte ich sie nicht wiedersehen?
Wieso nur waren sie 1200 km weit entfernt von mir? Ich weinte nur, wenn ich alleine war, um keinen traurig zu machen. Insbesondere nicht meine Großeltern, die mir täglich die Kraft gaben, um mich hier zurechtzufinden. Ich sollte es mal besser haben, so ihre Worte. Ein besseres Leben wollten sie uns ermöglichen, aus tiefster Liebe. Wieso ich denn kein gutes Leben hatte – in Rumänien – verstand ich nicht. Warum konnten nicht alle einfach wieder nach Hause gehen, wir zurück in unser Haus, zu den Tieren, den Menschen, den Freunden und sonntags in die Kirche?
In meine Kirche, in der ich alles in- und auswendig blind beschreiben konnte? Warum konnte dieses Leben jetzt sich nicht einfach als Traum zu erkennen geben, aus dem man erwachen konnte, und wieder zu Hause in seinem Bett lag? In dem Bett mit vielen versteckten Kaugummispuren, die keiner sah?
Ich verspürte großen Appetit nach geräuchertem Schinken und der Salami. Ich hatte tiefes Verlangen nach einem Schluck Wasser aus unserem Brunnen und nach den lieben Menschen, die ich kannte und vermisste.

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Leseprobe: Hölle und Freiheit

Mit Klaus, bei dem ich meine Sachen unterbringen und auch vorübergehend wohnen konnte, hat sich dann etwas entwickelt und wir sind am 10.10.1995 zusammengekommen. Wir haben uns sehr gut verstanden und haben viel zusammen unternommen. Eines Tages habe ich seine Kinder kennengelernt, das war schon recht komisch für mich. Er hatte zwei Mädchen, eine Cristina und eine Nicole. Bei der Kleinen hatte ich gleich einen Stein im Brett gehabt, die Große hat mich erst auf die Probe gestellt, um zu sehen, wie weit sie mit mir gehen kann.

So wie sie es ihrem Vater gesagt haben, finden sie mich total nett und so konnte der neuen Beziehung nichts mehr im Wege stehen. Wenn ich das meinem Sohn erzählte, würde der wohl auch so denken. Mein Sohn kam dann auch am Wochenende zu Klaus nach Hause und war erst ziemlich still, ist aber dann aufgetaut und hat sich mit Klaus gut verstanden. An diesem Wochenende haben wir viel mit meinem Sohn zusammen unternommen und es war sehr schön. Sonntagabend musste er wieder zurück nach Merzen und es gab wieder Tränen. Es fiel mit immer noch sehr schwer, loszulassen. Zwei Wochen später bin ich wieder zu meinem Sohn gefahren, er war irgendwie ganz anders. Als ich in seinem Zimmer war sah ich, dass er alles verschenkt hatte, was er selbst geschenkt bekommen hatte und das machte mich richtig traurig. Wir haben dann darüber gesprochen, es konnte doch nicht sein, dass ich mir das Geld vom Mund abgespart hatte und dann komme ich auf Besuch und alles ist weg? Der Erzieher war genauso sprachlos wie ich. Er fragte dann meinen Sohn, warum er das gemacht hatte, doch es kam keine Antwort und wir haben das Thema dann sein gelassen.

In Merzen versuchten sie meinen Sohn zu kaufen, indem sie ihm Geld gaben, damit er nicht erzählte, was da abläuft. Er erzählte mir aber doch, was da in der Freizeit so ablief und dass die anderen Jungs am Klauen waren.

Ich habe das dann dem Erzieher erzählt und der wollte sich darum kümmern. Der Erzieher war eigentlich davon begeistert, wie sich mein Sohn eingelebt hatte. Doch er war nicht zufrieden damit, wie ich aussah. Ich wusste selbst, dass ich zu der Zeit nicht gut aussah und sagte ihm, dass wenn man so viel Stress hat wie ich, man das eben gleich im Gesicht sehen kann. Und diese Zeit war echt hart für mich, aber ich versprach ihm, es würde wieder besser werden. Gegen Abend fuhr ich wieder nach Veldhausen zu Klaus Er sah, dass ich wieder geweint hatte und nahm mich in die Arme. Da war alles wieder gut und wir hatten Spaß wie am ersten Tag. Am nächsten Tag sind wir dann zu meinen Eltern gefahren. Sie waren echt überrascht, sonst meldete ich mich immer an, wenn ich auf Besuch kommen wollte. Ich hatte nie damit gerechnet, dass meine Eltern so viel mit dem Mann reden würden, den ich mit nach Hause gebracht hatte. Meine Stimmung war damals: Ich denke mal, das mit uns wird für immer halten.

Am Montag musste ich zum Frauenarzt, weil ich Probleme hatte. Ich schilderte dem Arzt, was ich für Schmerzen hatte und er untersuchte mich, konnte aber zu dem Zeitpunkt nichts finden. Wir vereinbarten, dass ich zwei Wochen später zu einer erneuten Untersuchung kommen sollte.

Am 28.10., das war ein Samstag, sind Klaus und ich zu meinem Sohn gefahren, der ein Fußballspiel hatte. Als wir ankamen hat er uns gleich gesehen und sich sehr gefreut, dass wir da waren. Ich habe richtig mitgefiebert während die gespielt haben und dann stand das Ergebnis fest: Die Kleinen haben den 5. Platz gemacht. Ich fand es nicht schlecht und echt lustig, wie mein Sohn sich so geschlagen hat in dem Spiel. Dann war unsere Zeit auch schon wieder um, sie ist so schnell vergangen, aber es war schön, meinem Sohn zuzuschauen beim Spiel.

Am Tag danach sind wir wieder los und sind nach Lingen gefahren und haben eine Schwester von mir besucht. Sie hat sich sehr gefreut und, klar, wir hatten uns viel zu erzählen. Gegen Abend sind wir dann wieder nach Hause gefahren. Es war eigentlich wie jeden Abend, wir haben es uns gemütlich gemacht und ferngesehen.

Am nächsten Tag ist Klaus nach Nordhorn gefahren, weil er dort noch ein paar Sachen zu regeln hatte. Ich hätte es ja gern gehabt, dass er mit mir zum Tätowierstudio gefahren wäre, aber ich wollte auch nicht drängeln, dass er mitfährt. Also habe ich meine Freundin gefragt, ob sie Zeit und Lust hätte, mit mir dorthin zu fahren. „Ja, klar“, sagte sie, „machen wir.“ Und wir sind dann losgefahren. Dort angekommen hatte ich ein wenig Angst, weil es mein erstes Tattoo werden sollte. Tanja sagte, dass es nicht weh tut und ich habe mir dann eine Rose ausgesucht, die mir auf die linke Seite meines Brustkorbs tätowiert wurde. Meine Freundin hat mir die Hand gehalten, weil es nämlich doch ganz schön weh tat, weil an der Stelle ja nicht viel Haut ist. Dann war das Tattoo fertig und sah super aus. Tanja fand das auch und sagte: „Was wird Klaus dazu sagen?“ „Ja, weiß ich nicht. Ist doch mein Körper und ich finde es gut.“ Da Klaus noch nicht wieder zu Hause war, habe ich mit Tanja noch einen Kaffee getrunken und sie hat mir Tipps gegeben, wie ich mit dem Tattoo umgehen sollte.

Als Tanja ging war Klaus immer noch nicht zu Hause und ich hatte so eine Langeweile. Ich bin Duschen gegangen und danach habe ich ein wenig Gitarre gespielt und ABBA gehört und Klaus war immer noch nicht nach Hause gekommen. Als er dann kam und ich ihn fragte, wo er so lange gewesen sei, hatte er erst eine Ausrede, aber dann erzählte er mir, dass er bei einer Freundin beim Kaffee gewesen sei. Klar war ich sauer und konnte es nicht verstehen, dass er da immer wieder hinfährt. Ich lebte immer mit der Angst, dass ich kein Glück in einer Beziehung haben kann und ihn wieder verlieren würde. Er meinte aber, da es nur eine frühere Bekannte von ihm sei, müsse ich mir keine Sorgen machen. Er sagte dann, sie hätte ihm so viel geholfen, als er sich scheiden ließ und dass sie sich eben zum Kaffeetrinken getroffen hätten. Ich weiß nicht, ob das alles so stimmte, aber ich traute ihm.

Das Zusammenleben mit Klaus war auch nicht immer einfach und so habe ich dann beschlossen, mir eine Wohnung zu suchen.

Wie es das Glück so wollte, war zum Ersten des nächsten Monats eine Wohnung gegenüber der von Klaus frei. Ich habe sie mir angesehen und dann auch gemietet. Ich brauchte das Alleinleben wohl, mir ging es damit gut und ich konnte mich so richtig schön zurückziehen.

Dann holte ich meinen Sohn wieder für ein Wochenende und wir hatte viel Spaß. Auf dem Nachhauseweg wollten wir noch bei Uli, einem früheren Bekannten aus Freren, der nun auch nach Neuenhaus gezogen war, vorbeifahren und ihn besuchen, aber er war nicht da. Wir sind dann nach Hause und Klaus war auch nicht da, er war wohl mit seinen Kindern unterwegs. Ich habe Essen gekocht und wir haben gegessen, danach habe ich mich mit meinem Sohn vor den Fernseher gesetzt und wir haben uns Asterix angesehen. Dann kam Klaus mit seinen Kindern und fragte, ob wir morgen mit zu seinem Vater fahren wollten, um dort Kaffee zu trinken. „O.k.“, sagte ich. „Machen wir.“ Wir sind dann also mit den ganzen Kindern zu Klauss Vater und erst war es ganz nett, aber dann konnte ich schon sehen, dass der Vater voll die Unterschiede gemacht hat und mein Sohn hat es auch gemerkt.

Der Anfang vom Wochenende war sehr schön gewesen, bis zum Besuch bei Klauss Vater. Von da an war es anders. Klaus musste seine Mädchen um 18 Uhr bei seiner Noch-Frau abgeben, nicht dass es da Ärger gäbe. Danach sind wir auch mit meinem Sohn nach Hause gefahren, da noch ein paar Sachen zu packen waren, bevor ich meinen Sohn wieder zurückbringen musste nach Merzen. Ich fuhr dann allein mit ihm dorthin und lieferte ihn ab und bin dann um 21 Uhr wieder nach Hause gekommen und war total müde. Dann hat Klaus mit mir rumgekibbelt und ich wurde wieder wach und wir hatten Spaß, doch aus Spaß wurde Ernst.

Wir haben uns gestritten und es ging ganz gut zur Sache und er sagte, ich hätte ihn angespuckt und ich habe versucht mich zu entschuldigen, aber er wollte die Entschuldigung nicht annehmen. Klaus hat kein Wort mehr mit mir geredet, das tat mir mehr weh, als sonst irgendwas, das ging ganz tief in mich rein. Aber ich hatte ihn nicht angespuckt und würde so was auch nie machen, einfach jemanden anspucken. Ich wollte über so viele Dinge mit ihm reden, auch wenn es schwer fällt, aber es hat eine ganze Zeit angehalten, dass er nicht mit mir gesprochen hat. Damals schrieb ich in mein Tagebuch: „Klaus, ich bin so doll in Dich verliebt und würde fast alles für Dich machen und werde immer zu Dir stehen. Das ist die Beziehung, die ich mir immer gewünscht habe und ich möchte Dich nicht verlieren.“

Eines Tages fing Klaus an zu trinken und ich dachte, was ist passiert, wir hatten uns doch gerade erst wieder vertragen. Ich wollte gerne wissen, warum es nicht so ist in unserer Beziehung, wie wir das in meiner Wohnung besprochen hatten.

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Leseprobe: Die Frucht des Ölbaums – Der Ketzer

Bis nach oben in die Kemenate schallt das fröhliche Stimmengewirr der Hochzeitsgäste. Die kehlige Stimme eines Troubadours, der den „Canzon von der schönen Lilie“ angestimmt hat, untermalt die festliche Szenerie, die zuweilen schon recht ausgelassen wird. Olivier lehnt lässig mit verschränkten Armen am Türpfosten und betrachtet seine Schwester Raymonde, die geduldig die zupfenden Handgriffe der Zofen über sich ergehen lässt.
„Nun sag’ schon, Brüderchen: Wie sehe ich aus?“ Raymonde reckt stolz ihr Kinn in die Höhe und posiert in tänzerischer Haltung. Eine lange kastanienbraune Haarsträhne löst sich aus ihrer hochgesteckten Frisur und fällt in sanften Wellen über ihr Dekolletee.
„Steh’ doch still!“, rügt Ermessende ihre Tochter. Wendig schlüpft die Baronin trotz ihres vorstehenden Bauches zwischen Zofen, Stoffbahnen, spielenden Kindern und Raymonde herum, um kleine Blüten auf deren Kleid zu nähen. „Blanche, bitte geh’ mit Guillem in der Ecke spielen. Ich brauche mehr Platz, um deine Schwester für ihre Vermählung zu schmücken“, stöhnt die Burgherrin nervös und schnappt den zweijährigen Knaben, um ihn weiter weg wieder abzusetzen, während seine Mutter, Dame Alazais de Roquefort, zeternd versucht, die Frisur der Braut wieder in Ordnung zu bringen.
Olivier lacht laut auf und seine Stimme überschlägt sich, als er antwortet: „Mein angehender Schwager Guilhem-Jourdain wird alle Hände voll damit zu tun haben, dich heute Abend wieder zu entkleiden!“
„Oh mein Gott, Brüderchen! Sprich bitte kein Wort, wenn du mich zum Altar führst. Du zerstörst mir mit deiner schrillen Stimme die ganze Zeremonie“, stöhnt Raymonde. „Und bitte – sing heute nicht! Sonst laufen mir die Gäste davon!“
„Das ist aber bedauerlich“, beschwert sich der Junker gespielt. „Ich habe allein zu diesem Anlass einen Canzon für dich gedichtet und wollte die einmalige Gelegenheit nutzen, mich mit den anderen Troubadouren zu messen.“ Olivier hebt mit übertriebener Gestik zum Gesang an. Es gelingt ihm ein sonorer männlicher Basston, den er jedoch nicht halten kann, ohne dass ihm seine Jungenstimme wieder einen Streich spielt. Von hinten legt sich eine kräftige Hand auf Oliviers Mund und erstickt den schrägen Laut.
„Einen wunderschönen Morgen wünsche ich den Damen“, ertönt der Bariton des Mannes, dem die Hand gehört. Er lässt den verdutzten Junker los und geht an ihm vorbei auf Raymonde zu. Der Edelmann deutet eine Verbeugung an:
„Die Kammer ist geschmückt mit den Schönsten aller Blumen und ich kann mich nicht entscheiden, welche ich am liebsten pflücken würde, meine Gemahlin Ermessende oder ihre Tochter Raymonde!“
Die Frauen kichern. Verschmitzt lächelnd streichelt die Baronin ihre dralle Leibesmitte, wobei sie es nicht lassen kann, den freundlichen Eindringling wieder hinauszukomplimentieren:
„Bernard-Hugues de Serrallonga, du störst hier nur! Geh’ zu den Männern. Oder besser noch: Achte darauf, dass der Bräutigam deiner Stieftochter nicht verloren geht!“
„Euer Wunsch sei mir Befehl, Ihr edlen Damen! Aber gebt mir zuerst den wohlverdienten Lohn für meine Mühe“, schäkert der Baron und drückt seiner Gemahlin einen Kuss auf die Wange und einen auf den Bauch. Ermessende schimpft verlegen über seine kratzenden Barthaare.
Im Hinausgehen stupst er seinem Stiefsohn freundschaftlich mit der Faust ans Kinn: „Prächtig siehst du aus, junger Mann. Du bist heute als Brautführer ein würdiger Stellvertreter deines Vaters. Ich freue mich schon darauf, mit dir nächste Woche am Hof von Barcelona angeben zu können.“
Olivier lächelt und gibt seinem Stiefvater einen angedeuteten Fausthieb zurück an die Schulter.
„Du hast aber vergessen, das Schwert des Barons von Termes anzulegen“, bemerkt Bernard-Hugues.
„Ich werde es gleich holen, Pairin“, antwortet der Junker beifällig.
„Das Haus wird leer, Ermessende. Raymonde heiratet heute und zieht auf das Castèl ihres Ehegemahls und dein Sohn geht an den königlichen Hof, um seine Ausbildung zum Ritter zu vollenden. Es wird Zeit, dass wir für Nachwuchs sorgen. Ansonsten sind wir beide hier auf Serrallonga bald alleine“, scherzt der Baron an seine Gattin gewendet, worauf ein Nadelkissen Richtung Tür fliegt, dem Baron und Bursche gerade noch ausweichen können. Unter schallendem Gelächter machen sich die beiden davon.
Der Saal ist gefüllt von den Adligen der Umgebung. Nicht alle haben der Trauungszeremonie in der Kirche beigewohnt. So auch nicht Benoît, der trotz seiner ablehnenden Haltung gegenüber der Ehe und somit ungezügelter Geschlechtlichkeit – nach seinen Worten „legalisierter Hurerei“ – in Begleitung seines neu in die Gemeinschaft der Vollkommenen aufgenommenen Mitbruders Bertrand Marty, aus dem Razès angereist ist. Olivier begrüßt die beiden Bonshommes respektvoll mit dem Melioramentum. Strahlend schließt ihn Benoît danach in die Arme, was den Junker verdutzt, da er im Kindesalter solche Herzlichkeit nie von seinem Onkel erfahren hat.
„Groß bist du geworden und im Aussehen deinem Vater ähnlich. Du hast seine hellen Augen und Haare – und ich hoffe auch seinen Mut“, sagt Benoît bewundernd zu seinem Neffen, der ihm in gleicher Augenhöhe gegenüber steht.
„In ein paar Tagen werde ich mit Bernard-Hugues an den Hof von Nuno Sancho nach Barcelona gehen.“
„Ich weiß. Ich bin auch gekommen, um dich noch einmal wiederzusehen. Fast drei Jahre sind seit dem letzten Mal vergangen und wer weiß, was in den nächsten Jahren mit uns geschehen wird.“
„Werdet Ihr nach den Feierlichkeiten ins Razès zurückkehren? – Man munkelt, dass ein Heer von hunderttausend neuen Kreuzfahrern nach Ostern in Okzitanien eintreffen wird“, fragt Olivier besorgt.
„Vorläufig werde ich bei deiner Mutter bleiben und die Erziehung deines Bruders Bernard und deiner Schwester Blanche übernehmen. Schließlich wird Ermessende bald niederkommen, da kann ihr etwas Beistand nicht schaden.“
„Raymond de Toulouse flieht vor den Pilgertruppen mit seiner Familie bereits ins Exil nach England“, mischt sich ein Tischnachbar der Bonshommes in das Gespräch ein. „Er hat alle seine Besitzungen dem päpstlichen Legaten übergeben.“
„Das klingt recht hoffnungslos“, kommentiert ein anderer, „wenn Raymond, so völlig besitzlos, auf die Gastfreundschaft der Engländer vertraut.“
Benoît, der sich inzwischen an der Tafel niedergelassen hat, packt still sein Speisegeschirr aus, das er, in ein sauberes, weißes Cambriktischtuch gehüllt, immer bei sich trägt. Um jede Verunreinigung seiner Nahrung mit Tierischem zu verhindern, darf es niemand sonst berühren und er selbst wird es nach der Mahlzeit wieder neunmal unter fließendem Wasser spülen.
Mit Handzeichen bittet er Olivier, neben ihm Platz zu nehmen und fügt zu den politischen Bemerkungen der Ritter hinzu:
„Sehr wahrscheinlich wird unsere Braut bald wieder von ihrem Guilhem-Jourdain allein gelassen werden und vielleicht ist es auch nicht ratsam, wenn sie schon jetzt auf seine Burg Saint-Félix, so nahe vor Toulouse, zieht. Die Region ist nicht sicher, wenn die Kreuzfahrer kommen. Und sie werden in Scharen kommen, dessen seid Euch gewiss.“
Auf das Gespräch aufmerksam geworden, wendet sich Bernard-Hugues, der am Ende des Tisches steht, ihnen zu: „Was wisst Ihr Neues?“
„Nichts, was hier nicht schon in aller Munde ist. Ich kann es nur bestätigen. Denn seit König Phillippe Auguste von Frankreich seine Mannen nicht mehr für seine Scharmützel mit England benötigt und deshalb das Verbot, den Kreuzzug in Frankreich zu predigen, aufgehoben wurde, droht eine Flutwelle an kampfhungrigen Pilgern auf uns zuzurollen. Außerdem hat Innozenz ja jetzt seinen Willen bekommen … “
„Du musst den Grafen von Toulouse aus dem Land jagen, das er in Besitz hat, es den Sektierern entreißen und es guten Katholiken geben, die unter deiner glücklichen Herrschaft treu dem Herrn dienen können.’ So schrieb einst der Papst an den König von Frankreich“, greift ein Barde theatralisch das Thema auf, wobei er die Worte Innozenz’ ins Lächerliche zieht. Mit singender Stimme erzählt er weiter: „Da der König zögert, ruft die Kirche selbst zum Kreuzzug auf: ‚Erhebt Euch, Soldaten Christi! Erhebt Euch, christliche Fürsten: Die Tränen der Kirche suchen dringend den Weg zu Eurem Herzen. Erhebt Euch und fällt das Urteil! Gürtet Euer Schwert. Wacht über die Einheit des Königtums und der Kirche, bekräftigt von Moses und Petrus, von den Vätern beider Testamente. Kommt Ihr zu Hilfe. Vernichtet durch Gewalt und Schwert diese Häretiker, die viel gefährlicher sind als die Sarazenen!’“
Der Baron de Serrallonga reicht dem Troubadour ein Glas Wein und lässt ein weiteres für sich eingießen, während er zu den ihn umgebenden Hochzeitsgästen spricht:
„Lasst uns heute nicht allzu viel über Politik reden. Was gehen uns diese Fanatiker an, die sogar ihre Kinder in den Kreuzzug nach Jerusalem schicken und nichts dagegen unternehmen, wenn die wehrlosen Kleinen von Geschäftemachern aus den eigenen Reihen geschändet und in die Sklaverei verkauft werden. – Vergessen wollen wir alle traurigen Geschehnisse. Hebt mit mir Euer Glas und lasst meine Stieftochter und ihren Gemahl hochleben!“
Unter fröhlichem Getöse erheben sich alle im Saal von ihren Sitzen und prosten dem jungen Paar zu. Ermessende beugt sich zu Raymonde hinüber und flüstert ihr lächelnd ins Ohr:
„Ich wünsche dir von ganzem Herzen, dass du und dein Guilhem-Jourdain genauso glücklich werdet wie ich und mein Bernard-Hugues.“ Sie streicht über die Wange ihrer ältesten Tochter und drückt ihr einen Kuss darauf. „Wann immer du Sorgen haben solltest, scheue dich nicht, mich zu rufen.“
„Danke Mama“, antwortet ihr Raymonde strahlend und wendet sich wieder ihrem Gatten zu, der gerade Olivier mit erhobenem Kelch grüßt. Mit der noch freien Hand umfasst Guilhem-Jourdain die schmalen Schultern seiner jungen Frau und küsst sie aus einer überschwänglichen Laune heraus vor aller Augen auf den Mund. Die Gäste im Saal johlen und klatschen. Raymonde treibt es die Schamröte ins Gesicht und sie senkt verlegen den Blick. Zufrieden lässt Ermessende ihren Blick auf dem Paar ruhen.
Es war richtig, denkt sie bei sich, darauf zu achten, dass meine Tochter nicht ebenso früh heiratet, wie ich es musste. Und auch, dass ich bei der Wahl des Ehegatten dafür Sorge trug, einen jungen Mann zu nehmen, wenn er auch nicht so wohlhabend ist. Guilhem-Jourdain ist ein stattlicher Ritter – zwar mit einer kleinen Baronie, aber von gutem Hause mit entsprechender Bildung, katharischer Gesinnung und dennoch gleicher Lebenslust wie Raymonde.
Die Tür zur Kammer seines Onkels steht offen. Olivier tritt ein, lässt seinen Blick kurz durch den leeren Raum schweifen und will sich gerade wieder zum Gehen umwenden, als seine Augen an einem aufgeschlagenen Manuskript auf dem Pult neben der Fensternische hängen bleiben. Er streicht vorsichtig über die Seiten. „Die ‚Interrogatio Johannis’ – das Evangelienbuch der Bonshommes“, flüstert er ehrfürchtig und betrachtet die liebevoll gestalteten Seiten mit den Ornamenten und bunt bebilderten Initialbuchstaben, die ihn schon als kleiner Junge fasziniert haben. Er vertieft sich in den lateinischen Text und beginnt zu lesen:
„Und er, der Satan, dachte sich aus, den Menschen zu seinen Diensten zu erschaffen, und er nahm Lehm und machte den Menschen, ihm selbst ähnlich. Und er befahl dem Engel des zweiten Himmels, in den Körper aus Lehm zu gehen; und er nahm ein Stück davon und machte einen anderen Körper in der Gestalt der Frau und befahl dem Engel des ersten Himmels, in ihn zu gehen. Die Engel weinten sehr, als sie auf sich, diese sterbliche Hülle in unterschiedlichen Formen, sahen. Und er befahl ihnen, den fleischlichen Akt in diesen Lehmkörpern zu begehen. Sie wussten aber nicht, wie man sündigt. Darauf verfuhr der Urheber der Sünde so mit seiner List: Er pflanzte ein Paradies, setzte die Menschen hinein und befahl ihnen, nichts davon zu essen. Der Teufel betrat den Garten, baute Schilfrohr inmitten des Paradieses an. Er machte aus seinem Auswurf die Schlange und befahl ihr, im Schilf zu bleiben. So verbarg der Teufel die Arglist seines Betruges, damit sie seine Täuschung nicht sahen. Und er näherte sich ihnen mit den Worten: esst alle Früchte, die sich im Paradies finden, aber esst nicht die Frucht der Verderbnis. Darauf ging der gerissene Teufel in die böse Schlange und täuschte den Engel, der in der Gestalt einer Frau war, und verbreitete über ihrem Kopf die Begierde der Sünde: und die Begierde Evas war wie eine heiße Glut.’ “ Hier hält Olivier nachdenklich inne und sagt dann laut zu sich selbst: „Wenn dem so ist, sind Ehe und Liebe zwischen Mann und Frau weder gut noch eine Freude und erst recht nicht erstrebenswert. Warum sich dann vermählen?“
„Um Nachkommen zu zeugen“, spricht sein Onkel Benoît ihn von hinten an. Der Junker zuckt überrascht zusammen. Ins Grübeln versunken, hat er nicht bemerkt, dass der Vollkommene die Kammer betreten hatte.
„Wozu? – Um neue Körper zu schaffen, in denen der Teufel Engel einsperrt, die von da an unglücklich dieses menschliche Leben fristen müssen?“, entgegnet Olivier empört.
„Es soll nicht bedeuten, dass ich Verbindungen zwischen Mann und Frau gut heiße. Als dein Onkel muss ich es befürworten, dass du irgendwann heiratest und einen Sohn zeugst, um unsere Linie fortzuführen. Als dein Bonhomme weise ich dich darauf hin, dass die Ehe nur zur Empfängnis von Kindern gestattet ist. – Es muss nicht unbedingt sein, dass ein neuer Engel in einem Körper gefangen wird. Es gibt genügend Seelen, die wiedergeboren werden müssen, um über ein Leben als Bonhomme zurück zu unserem Guten Gott in die Seligkeit zu gelangen. Dazu ist eine Ehe unter gläubigen Katharern die beste Grundlage. Aber vergiss nicht“, Benoît hebt mahnend den Zeigefinger „die Verbindung des Fleisches, die Vereinigung von Mann und Frau, ist lediglich eine geschlechtliche Gemeinschaft. Der eheliche Geschlechtsverkehr ist eine größere Sünde als der außereheliche, da er in diesem Lebensbund häufiger und für gewöhnlich ohne jedes Schamgefühl vollzogen wird. Die einzige geheiligte Ehe ist die Vereinigung der Seele mit Gott.“
„Wenn die Frau sich so leicht vom Teufel verführen lässt, ist sie dann ein Übel, das man meiden muss?“, fragt Olivier jetzt nachdenklich.
„Nein, den Unterschied zwischen Mann und Frau hat der Satan geschaffen und er darf darum in der Kirche der Reinen nicht gelten“, versucht der Bonhomme klarzustellen. „Beide sind gleichwertige Engelseelen.“
Von Bonhomme und Junker unbeachtet steht seit einigen Minuten Oliviers kleiner Bruder Bernard in der Tür zur Kammer ihres Onkels und wartet auf die Erlaubnis, eintreten zu dürfen.
„Komm nur herein“, fordert Benoît ihn auf.
Selbstsicher begrüßt der Knabe seinen Onkel mit dem Melioramentum.
„Nun, Bernard, üben wir beide das Schreiben der Lettern weiter?“ Aufmunternd winkt der Bonhomme seinen Neffen zum Pult, an dem der Siebenjährige zögernd Platz nimmt. Mit großen fragenden Augen fixiert er den Katharerdiakon und bittet schließlich, eine Frage stellen zu dürfen.
„Was brennt dir auf der Seele, mein Kleiner?“
„Mama trägt doch nun ein kleines Geschwisterchen in ihrem Bauch“, plappert Bernard sofort los. „Wie kann der Geist eines toten Menschen durch ihren Mund zum Mund dieses Kindes kommen?“
„Ein Geist kann über jeden beliebigen Teil des Körpers in eine Frau eindringen und zum Ungeborenen in ihrem Bauch gelangen“, belehrt Benoît seinen kleinen Neffen mit einem belustigten Augenzwinkern über dessen Altklugheit zu Olivier.
„Warum sprechen dann die Kinder nicht sofort nach der Geburt, wenn sie doch eine alte Seele haben?“, will Bernard jetzt noch wissen.
„Gott ist unergründlich“, gibt der Bonhomme wie selbstverständlich zur Antwort. „Womöglich wäre das Leben hier auf Erden keine Buße für unseren Abfall von Ihm, wenn es uns so leicht gemacht würde.“
„Bevor ich morgen abreise, habe auch ich noch eine Frage an Euch, mein Onkel“, bemerkt der Junker.
„Hast du mich deshalb aufgesucht – so sprich.“
„Wenn ich am königlichen Hof in Barcelona bin, muss ich jeden Sonntag die katholische Messe besuchen. Ich verachte aber wie Ihr das Kreuz – genau wie ein Mann den Baum verabscheuen würde, an dem sein Vater gehängt wurde. Was soll ich tun? – Ich muss doch ein Kreuzzeichen schlagen, um nicht als gläubiger Katharer aufzufallen? Was kann ich tun, ohne unseren Guten Gott zu betrügen?“ bittet Olivier den Katharerdiakon, nach dessen Ausführungen über das Erdendasein in Buße inzwischen ernsthaft beunruhigt, um Rat.
Benoît lächelt und sagt: „Sorge dich nicht wegen solcher Äußerlichkeiten. Wir Bonshommes tun stattdessen so, als würden wir unsere Nasen, Bärte und Ohren berühren, und sprechen dabei leise zu uns: ‚Aysi es le front et aysi es la barba et aysi la una aurelha et aysi l’autra. – Hier ist vorn und hier ist der Bart und hier das eine Ohr und hier das andere.’ “
Sichtlich erleichtert, dankt der Junker seinem Onkel und will sich gerade zum Gehen umwenden, als Benoît ihn aufhält:
„Warte noch – auch ich habe eine Frage an dich, bevor du von uns gehst und ich dich erst wiedersehe, wenn du ein Mann bist.“ Der Bonhomme geht auf seinen Neffen zu, fasst ihn mit beiden Händen bei den Schultern und sieht ihm tief in die Augen. „Bei unserem letzten Zusammensein vor drei Jahren hatte ich das Gefühl, dass du meine Gegenwart meidest.“
Ertappt senkt Olivier den Blick.
„Sag’ mir warum – und belüge mich nicht“, fordert Benoît freundlich. Als sein Neffe weiterhin zögert, drängt er:
„Nichts soll unser Verhältnis trüben. Lass uns im Frieden voneinander scheiden. Du bist der älteste Sohn meines Bruders, das Haupt unserer Familie. Darum liebe ich dich besonders und möchte nicht, dass etwas Unausgesprochenes zwischen uns steht. Warum vertraust du mir nicht mehr? Habe ich etwas getan, das dich verletzt?“
Der Junker grübelt eine Weile und sucht unsicher in seinem Herzen nach diesem schmerzlichen Gefühl, das ihn jahrelang quälte und das er fast vergessen hatte. Plötzlich sitzt der Kloß wieder in seinem Hals und er versucht sein Ungemach in Worte zu fassen. Stockend gibt er zu: „Ich konnte nicht begreifen, warum nicht Ihr statt meines Vaters, auf der Burg geblieben seid.“
Sein Onkel blickt ihn betroffen an. „Dieses Unverständnis hätte ich von dir nicht erwartet, Olivier. – Ich hoffe, die Zeit hat deinen Verstand reifen lassen, so dass du heute weißt, dass dein Vater keine andere Wahl hatte!“
Olivier nickt geflissentlich und senkt wieder den Blick, was der Bonhomme als Reue auffasst.
„So gehe denn in Frieden“, spricht er und legt ihm huldvoll die Hände auf. Demütig verabschiedet sich der junge Baron mit dem Melioramentum und beeilt sich, das Zimmer zu verlassen, darauf bedacht, sich diesen neu entfachten Schmerz nicht anmerken zu lassen. Er fühlt sich gemaßregelt und unverstanden. Der Zweifel am rechten Handeln seines Vaters bleibt, aber er versteckt ihn, begräbt ihn tief in seinem Herzen, um nicht weiter gerügt zu werden.
Es ist ein Aufbruch in ein neues Leben. Zum Abschied ist die ganze Familie am nächsten Morgen im Hof der Burg Serrallonga versammelt. Olivier umarmt seine Schwester Raymonde, die vorläufig doch noch bleibt, da sich die politische Lage im nördlichen Languedoc in den letzten Tagen weiter zugespitzt hat und überdies ihre Mutter sie bat, ihr bei der Niederkunft beizustehen. Guilhem-Jourdain de Saint-Félix lässt seine junge Ehefrau indes ungerne zurück, aber er reist heute gemeinsam mit seinem Schwager und dessen Stiefvater Bernard-Hugues zunächst an den Hof von Aragon, um sich mit anderen okzitanischen Adligen zu treffen und das weitere Verhalten gegen den erneuten Einfall der Kreuzfahrertruppen zu beratschlagen. Während Olivier seine Ausbildung zum Ritter vollenden wird und vor lauter Erwartungsfreude ein rotes, heißes Gesicht hat, weinen Ermessende und Raymonde zwischen Stolz und Wehmut schwankend, da sie den Sohn und Bruder nun lange Jahre nicht mehr sehen werden. Die vierjährige Blanche will auf der roten Stute ihres großen Bruders sitzen und der Junker hebt sie leichthändig hoch in den Sattel. Seinem Bruder Bernard, der zu ihm eilt, gibt er den Auftrag, in Zukunft gut auf seine kleine Schwester zu achten, da er jetzt an seiner Stelle das neue Oberhaupt wäre. Die Pferde scharren unruhig mit den Hufen. Die kleine, quirlige Blanche bekommt von ihrem großen Bruder einen dicken Kuss und nimmt auch von ihrem Stiefvater herzlich Abschied. Ermessende drückt das Gesicht ihres ältesten Sohnes, um dessen Mund bereits ein zarter heller Flaum sprießt, an ihre tränennasse Wange und küsst ihn auf die Stirn. Schließlich wendet sich Olivier um und besteigt sein Pferd. Sein Stiefvater und sein Schwager lenken ihre Rosse schon zum Tor, als Benoît in den Hof tritt, auf seinen Neffen zugeht und sein Streitross am Steigbügel festhält.
„Ich wünsche dir, dass du ein ebenso edler und heldenmütiger Ritter wie dein Vater wirst. – Beherzige seine letzten Worte an dich, mit denen er dir sein Schwert übergab“, spricht er und kann seine Rührung dabei nicht verstecken. Olivier reicht ihm die Hand und erwidert freundlich: „Ich weiß: Paratge, Mesura und Lerguesa. Friede sei mit Euch, Onkel – und bittet Gott, dass er mich zu einem Guten Christen mache.“
Noch einmal winkt er seiner Mutter und seinen Geschwistern zu, dann trabt er den anderen nachdenklich hinterher, sein Packpferd im Schlepptau.