Veröffentlicht am Schreib einen Kommentar

Leseprobe: Liebe und andere Unwägbarkeiten des Lebens

Leslie (2006)

Leise rieselt der Schnee.
In Dannys Bauch rumort es. Ich kann es deutlich hören, während ich mit dem Kopf auf ihm liege. Ist aber auch kein Wunder. Nach einem ganzen Tag bei meinen Eltern, und das am ersten Weihnachtstag, das verkraftet auch ein Hundemagen nicht mal einfach so.
Ich liebe unseren kuscheligen Teppich im Wohnzimmer. In der Dunkelheit draußen tanzen dicke Schneeflocken, aber ich liege nackt im warmen Zimmer, der Hund schlafend unter mir, und es geht mir irgendwie gut.
Irgendwie schon. Nach den Ereignissen der letzten Wochen gar nicht so selbstverständlich. Ich lasse den Tag Revue passieren. Die Gespräche mit meiner Mutter. Den langen Spaziergang mit allen, den Hund, der übermütig durch die Gegend tollte, die Sonne, die sich im Schnee spiegelte. Erst nach Einbruch der Dunkelheit, kurz bevor wir nach Hause kamen, hatte es angefangen zu schneien. So heftig, dass wir schon nach den wenigen Metern zwischen den beiden Häusern weiß vor Schnee waren.
„Schatz“, sage ich.
„Ja?“, fragt James von hinten.
„Was machst du?“
„Ich lese.“
„Aha.“
„Wieso fragst du?“
„Ach, nur so.“
Ich höre ihn seufzen, gleich darauf legt er sich hinter mich. Sein kräftiger Arm zieht mich an seinen nackten Körper.
„Manchmal bist du typisch Frau“, sagt er und knabbert an meinem linken Ohr.
„Was macht mich so typisch?“
„Eine typische Frau sagt niemals und unter gar keinen Umständen, was sie wirklich will und meint.“
„Wusste gar nicht, dass du solche Vorurteile hast.“
„Das ist kein Vorurteil, sondern das Ergebnis empirischer Langzeitforschung.“
Damit bringt er mich zum Lachen. „Ach, Schatz, kannst du denn damit leben, dass ich eine Frau bin?“
„Da es Weihnachten ist, werde ich das tun.“
„Ein tolles Geschenk“, flüstere ich. „Ich weiß gar nicht, wie ich mich revanchieren könnte.“
„Oh, ich wüsste schon was …“
„Schon wieder?“ Ich drehe den Kopf so, dass ich ihn ansehen kann. Sein Gesicht ist direkt über mir.
„Ausgrechnet du fragst das?“
„Ja. Bin grad so schön entspannt.“
„Das kommt wirklich nicht oft vor.“ Er küsst meinen Mund. „Wir müssen nichts. Das ist okay.“
„Vielleicht nachher.“
Da wird dann doch nichts daraus. Wir beschließen irgendwann gemeinsam, dass wir schlafen gehen. Eine wohltuende Schläfrigkeit hat uns fest im Griff. Wir schaffen es gerade noch, Danny in den Garten und wieder rein zu lassen, dann taumeln wir nach oben und fallen ins Bett. Ich schlafe ein, noch bevor ich richtig im Bett liege …
… und schrecke dann hoch.
Es ist dunkel.
Ich habe nicht die geringste Ahnung, wie viel Zeit vergangen ist. Eine Minute? Eine Stunde?
Und was hat mich überhaupt geweckt?
Hinter mir höre ich ein Stöhnen. Erschrocken fahre ich herum und starre James an. Er liegt auf dem Rücken und das vom Schnee reflektierte Mondlicht lässt die Tränen auf seinem Gesicht glänzen.
„James! Was ist los? Hast du Schmerzen?“
Er schüttelt den Kopf, während ich ihn abtaste. „Ich … ich habe geträumt. Von Leslie. Sie hat gesagt, sie musste sterben, weil ich nicht aufgepasst habe.“
„Das ist nicht wahr, und das weißt du auch.“
James setzt sich auf. „Und wenn sie das wirklich glaubt? Du hast gesagt, Norman ist auch noch in seinem alten Dasein gefangen. Vielleicht irrt Leslie irgendwo in der Gefrorenen Welt herum und kann sich nicht lösen!“
„Das ist möglich“, erwidere ich leise. „Sie starb unerwartet und brutal, dann kommt das schon mal vor.“
„Na siehst du. Vielleicht bin ich ihr im Traum begegnet. Oder es war eine Botschaft von ihr.“
Ich mustere ihn und kaue dabei auf meiner Unterlippe herum. Sehr bedenklich, dass er darauf überhaupt nicht reagiert.
„James, ich …“
„Bitte, Fiona, einen solchen Schmerz kann man nicht mit Worten bekämpfen.“
Das weiß ich. Aber das macht es nicht besser. Ich setze mich auf und seufze.
„Fiona?“
Ich blicke ihn an. „Hör zu, James, ich weiß, was du willst. Aber du bist ein Mensch. Für Menschen ist das gefährlich. Ihr habt keinen Körper, der auf Rückkehr programmiert ist.“
„Heißt das, ich muss sterben, um sie wiederzusehen?“
Ich nicke. „Du kennst das. Mehr als fünf Minuten darf es nicht dauern.“
„Du wirst mich zurückholen.“
„Das ist Wahnsinn. Ich muss mitgehen, du hast ohne mich nicht die geringste Chance, sie zu finden. Ich kenne mich in der Verborgenen Welt aus und weiß, wie sie funktioniert.“
„Kannst du mich zurückbringen?“
„Es ist gefährlich.“
„Ja oder nein?“
„Wahrscheinlich ja. Aber es gibt keine Garantie. Warum? Warum ausgerechnet jetzt, nach so vielen Jahren?“
„Weil du meine Frau bist und nicht meine Tochter.“
Oh Scheiße. Was habe ich angerichtet?
Oder war die Zeit einfach nur reif dafür? Immerhin hatte ich ihm genau das vorgeworfen.
„Das ist nicht fair.“
„Ist das so? Auch ich habe meinen Schmerz.“
Ich atme tief durch und nicke. „Ist gut, James. Ich werde dich zu Leslie führen. Zumindest werde ich es versuchen. Es hängt nicht nur von mir ab, ob es gelingt, sondern auch von dir. Um so tief in die Verborgene Welt vorzudringen, muss dein Körper deaktiviert werden. Ich … ich …“
„Ich nehme die Wanne“, sagt James. „Sei bereit, wenn ich komme.“
„Und wie soll ich dich reanimieren? Diesen Kerl konnte ich auch nicht zurückholen!“
„Weil er nicht wollte“, erwidert James ruhig. „Aber ich will. Ich will leben. Weil ich dich liebe.“
Verdammt. Er hat es schon wieder geschafft. Wie soll ich mich auf so einen Wahnsinn vorbereiten, wenn ich vor Tränen nicht einmal mehr meine Nasenspitze erkennen kann?
Zum Glück ist er so vernünftig und tröstet mich erst, bevor er seinen Tod einleitet. Nachdem ich wieder halbwegs zu Fiona zurückmutiert bin, gehen wir gemeinsam ins große Bad im Erdgeschoss.
„Soll ich mir was Bestimmtes anziehen? Oder eine Waffe mitnehmen?“
„James“, erwidere ich leise, „was glaubst du, wo der Spruch, das letzte Hemd habe keine Taschen, herkommt?“
„Ich werde nackt drüben ankommen?“
„Abgesehen davon, dass es nichts mit Drüben zu tun hat, ja, du wirst nackt sein, nachdem du deinen physischen Körper verlassen hast. Und du wirst keine Zeit haben für den Kulturschock, den alle haben, wenn sie das erste Mal tot sind.“
„Gut zu wissen!“
„Ja, absolut nützliche Info. Oh Mann …“
James nimmt mein Gesicht zwischen die Hände. „Mein Schatz, ich liebe dich. Du wirst dafür sorgen müssen, dass ich lange genug unter Wasser bleibe.“
„Du willst, dass ich dich umbringe?“
„Ja. Meine Reflexe würden es verhindern.“
„Du musst nur unter Wasser tief durchatmen.“
„Wenn ich dann auftauche, würde ich nicht sterben. Ich habe das trainieren müssen.“
Ach ja, er war ja mal Geheimagent.
„Halt mich unter Wasser, nachdem ich durchgeatmet habe. Okay?“
Ich nicke und sage lieber nichts.
James lässt Wasser in die Wanne einlaufen. Unterdessen betrachte ich ihn. Ich kann mir grad überhaupt nicht vorstellen, seinen Kopf gleich unter Wasser zu drücken, auch gegen seinen Willen. Ich war schon so oft tot, dass ich vergessen habe, dass der Tod für manche … für die meisten Menschen etwas Endgültiges ist. Normalerweise.
Aber ich weiß auch ganz genau, dass ich ihn nicht davon abhalten kann. Und es ist mir wesentlich lieber, er macht es zusammen mit mir als ohne mein Wissen und ohne meine Hilfe.
„Es ist so weit“, sagt er und stellt das Wasser ab.
Ich nicke erneut.
„Wie … wie finden wir uns?“
„Ich werde dich finden“, erwidere ich und meine Stimme hört sich ungewohnt rauh an. „Ich muss ja auch nicht mehr sterben, um in die Verborgene Welt zu gelangen.“
„Sehr praktisch.“
„Bloß nicht neidisch werden! Ich musste oft und oft genug schmerzvoll sterben, um diese Fähigkeit zu erlangen.“
„Sorry. Nun denn, auf geht’s!“
James steigt in die Wanne und legt sich auf den Rücken. Nur sein Gesicht schaut aus dem Wasser. Ich gebe ihm schnell einen Kuss, bevor er ganz untertaucht.
Seine Augen sind weit geöffnet und starren mich an. Dann schließt er sie kurz und atmet tief durch.

Veröffentlicht am Schreib einen Kommentar

Leseprobe: Gefährliche Rochade

Essen, 10.03.1989


Seit dem Ende des Studiums bemühte sich Ingo gemeinsam mit Bruno Führing, einem Kumpel aus der Schulzeit, um den Aufbau einer kleinen Personalberatungsgesellschaft:
,Virgam Progressum, Personalmanagement Ingo Fellbach & Bruno Führing‘; die Firmenbezeichnung hatten sie schnell gefunden.
Und sie waren sich einig, dass ,Virgam Progressum‘ als Firmierung ein Knaller war.
Damit war es aber auch schon fast zu Ende mit der Einigkeit. Bruno, studierter Pädagoge, war ein ausgeflippter Typ, für den eine hedonistische Lebensweise nicht nur auf einer Einstellung beruhte, sondern eine Lebensphilosophie darstellte. Die Firma wollte er im Wesentlichen dazu nutzen, mit haarsträubenden Honoraren schnellstmöglich und mit wenig Arbeit viel Geld zu scheffeln. Als die beiden sich zusammensetzten, um ihre Geschäftsstrategie abzustimmen, war es für Bruno sofort sonnenklar, dass Gewinnmaximierung das oberste Ziel zu sein hatte.
Spätestens zu diesem Zeitpunkt hätte Ingo, das hatte er im Nachhinein oft gedacht, eigentlich Abstand nehmen sollen. Er selbst war viel idealistischer unterwegs. Sein Traum bestand darin, anderen mit kreativen Ideen und Vorgehensweisen zu helfen und dabei selbst genug zu verdienen, um ein selbstbestimmtes Leben führen zu können. Keinesfalls wollte er in einer, wie er es nannte, Knochenmühle seinen Job fristen, wo Dutzende von Emporkömmlingen ihm sagen würden, was er zu tun und zu lassen hat.
Jetzt saß er in seiner Wohnung vor einem Haufen unbezahlter Rechnungen. Langsam wurde es eng. Auch das Geld, das er von den Alphas hatte, war nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Was insbesondere fehlte war eine echte Perspektive, der Durchbruch, um sich am Markt einen Namen machen und mittelfristig etwas Solides aufbauen zu können.
Wie so oft bei solchen Gelegenheiten versuchte er, sich durch Musik abzulenken. Seine selbst zusammengestellte Mischung mit Bowie-Titeln wie ,Changes‘, ,Station to Station‘, ,Life on Mars‘ und ,Ashes to Ashes‘ lief, während er in der aktuellen Ausgabe des Spiegel blätterte.
Kurz blieb er an dem Artikel ‚Spion am Bildschirm‘ hängen, in dem es um Hackerspionage für den KGB ging. Eigentlich ein Thema, das ihn interessierte. Aber jetzt konnte er sich nicht konzentrieren, weder auf die Musik, noch auf den Artikel.
Seine Sorgen wegen der Firma waren einfach zu groß und er konnte sich nicht von ihnen lösen. Also wählte er die Nummer von Pia. Nach dem dritten Klingeln hörte er ihre vertraute Stimme: „Hallo, wer stört mich?“
„Hallo mein Schatz, ich hoffe doch sehr, dass ich dich nicht störe, sondern du mich vermisst.“
„Wie könnte ich anders. Ich schmachte förmlich“, gluckste sie.
„Ich hab eine Hammeridee. Was hältst du davon, wenn ich dich heute Abend zum Fischessen einlade?“
„Ach, warst du angeln?“
„Quatsch, in den Walsumer Hof. In Duisburg. Warst du da schon mal?“
„Nein.“
„Super, der Inhaber, Matthes, ist ein toller Kerl. Schwer in Ordnung. Der Fisch ist perfekt. Die Atmosphäre spitze. Ist Pauls und mein Lieblingsrestaurant. Paul nehmen wir auch mit, aber nur bis nach dem Essen.“
„Wenn es sein muss“, lachte sie. „Klar nehmen wir den auch mit. Will dich ihm ja nicht wegnehmen.“
„Super. Ich fahre sofort los und sammle Paul ein.“
Vorbei an der Dinslakener Trabrennbahn fuhren sie in Richtung Walsum. Nach einer Weile sahen sie auf der rechten Seite die Rheinfähre Orsoy, dann ging es noch einmal kurz links herum und Ingo parkte seinen Wagen gegenüber vom Walsumer Hof.
„Das muss man aber kennen“, meinte Pia. „Zufällig fährt man hier doch nicht entlang.“
„Stimmt“, antwortete Paul, „trotzdem ist die Bude immer voll. Gleich wirst du wissen warum.“
Das ließ sich schon erahnen, als sie auf den Eingang zugingen. Matthes, der Inhaber, kam auf sie zu. Fröhlich lächelnd, Fischerhemd und Jeans, über einer Schulter ein Geschirrtuch hängend, rief er ihnen freundlich „Moin“ entgegen.
„Ihr auch mal wieder in meiner bescheidenen Hütte? Und heute in so hübscher Begleitung.“
An Pia gewandt ergänzte er: „Du musst wissen, das sind zwei Banausen. Meine kulinarischen Köstlichkeiten sind bei den beiden Perlen vor die Säue geworfen. Ich hoffe, du magst Fisch. Hab da so einiges auf der Karte, was unbedingt weg muss. Aber jetzt kommt erst mal rein.“
Er führte sie in das voll besetzte Lokal. Dunkles Holz, eine einfache Einrichtung, Fischernetze an den Decken und andere Utensilien von der Seefahrt empfingen sie.
„Ist mal wieder voll heute. Gott sei Dank. Ihr seid ja nicht scheu, wie ich mich erinnere. Kommt, ich setze euch irgendwo mit ran.“
Er ging an einen großen Tisch, an dem noch Stühle frei waren. „Darf ich die mit bei euch ransetzen? Die Jungs sind zwar unhöflich und pöbeln ständig, aber wenn es, wie sonst immer, Schwierigkeiten gibt, braucht ihr mir nur Bescheid zu sagen.“
Matthes‘ Art schien bekannt zu sein und natürlich hatte niemand etwas dagegen, dass sie sich dazusetzten. „So, hier habt ihr erst einmal etwas zu lesen.“ Er reichte ihnen eine große Speisekarte.
„Ehrlich gesagt würde ich davon nichts nehmen. Hab heute was Besonderes im Angebot. Wels, halb gegrillt und halb geräuchert. Dazu en Pänneken Scheiben und mein Salätchen. Echt ein Traum.“
„Laber nicht. Das nehmen wir“, sagte Ingo. „Schatz, wenn du nicht nimmst, was er empfiehlt, ist er den ganzen Abend brummig. Aber meistens sind seine Empfehlungen auch echt gut.“
Nach Getränken wurde erst gar nicht gefragt. Wenn man nicht ausdrücklich etwas anderes bestellte, gab es Köpi, das Pils der Duisburger Brauerei. Und natürlich im 0,5-l-Glas. Alles andere hätte nur als Reagenzgläschen gegolten und wäre irgendwie unangemessen gewesen.
Pia gefiel es hier sehr. Sie beobachtete, dass diese Begrüßung auch keine Ausnahme für Ingo und Paul darstellte. Matthes begrüßte und verabschiedete jeden persönlich an der Tür, immer mit launigen Sprüchen versehen. Ein echtes Original, fand sie.
Nach wenigen Minuten brachte eine Kellnerin Brot und einen großen Topf mit Shrimps. „Der ist vom Haus. Unser Chef meint, ihr seht hungrig aus und ihr solltet vorab schon etwas zum Naschen bekommen.“
Das Essen genossen sie in lustiger Unterhaltung mit den Tischnachbarn. Die Stimmung war vergnügt und ausgelassen.
Nach und nach leerte sich das Lokal. Da Matthes ihnen angeboten hatte, sich ruhig Zeit zu lassen, saßen die drei noch bei Getränken zusammen und plauderten.

Veröffentlicht am Schreib einen Kommentar

Leseprobe: Als der Sensenmann ins Stolpern geriet

Die Wahrheit.
Seit zweitausend Jahren ist sie auf dem Weg und sie ist nicht aufzuhalten. Also öffne dich doch einmal für Neues und fühle hinein. Beschäftige dich mit diesen Lehren und gib ihnen eine Chance. „Okay, ich gebe ihnen eine Chance“, antwortest du jetzt vielleicht, „aber diese Welt soll nur ein Traum sein? Sie fühlt sich so real an. Dies hier ist doch wirklich, oder?“
Mmmh, natürlich kommt es dir so vor, als erlebtest du diese Welt hier tatsächlich. Doch wenn du in deinem Bett liegst und schläfst, dann träumst du doch auch oft etwas. Du träumst und hältst es in dem Moment für real, oder nicht?
Wenn ich dir nun im Traum auf die Schultern tippen würde und dir sagte, es sei nicht wirklich, sondern nur ein Traum, würdest du mir dann glauben?
Nein. Und warum nicht? Weil du den Traum für die Wirklichkeit hieltest. Du würdest mich als Außenstehenden, quasi deinen persönlichen Wecker, nicht erkennen und mich in deinen Traum hineinbasteln. Genauso, wie du während des Träumens den Traum für real hältst, genauso hältst du dein Leben hier auf Erden für real. Und genauso, wie du morgens nach dem Erwachen über den Traum lachst, wirst du einfach nur froh sein, wenn die Illusion dieser Welt endet und du zur Wirklichkeit erwachst.
So, und nun schließt sich der Kreis.
Den Tod gibt es nicht. Wie kann er auch real sein, wenn diese Welt nicht real ist? Wenn dies alles ein Traum ist, dann ist der Tod ein Teil des Traumes. Genau so verhält es sich auch mit der Geburt. Auch sie ist nur ein Teil des Traumes. Sie ist der Anfang eines neuen Traums, wie der Tod das Ende dieses einen Traums darstellt. Bevor der Mensch zur Wirklichkeit erwacht, scheint er viele Träume zu haben. Immer wieder, solange, wie es eben dauert, bis er aufwacht.
Als ich das erste Mal diese Zusammenhänge begriff, kam große Freude in mir auf. ‚Denn wenn alles nur ein Traum ist‘, dachte ich, ‚muss ich nicht mehr alles so ernst nehmen und mich verrückt machen. Meine Probleme sind dann nicht wirklich Probleme, sondern dienen einzig dem Zweck, mich weiterzuentwickeln, innerlich zu wachsen und mich zu befreien.‘
Wer das bei sich selbst erkennt, der sieht es auch bei seinen Mitmenschen. Angewohnheiten wie Mitleid zu haben, das eigene Helfersyndrom auszubauen und die Welt zu retten, werden endlich aufgegeben.
Was bleibt, ist warme, zärtliche Nächstenliebe.
Natürlich kann ich für meine Brüder da sein und ihnen helfen, der Dunkelheit zu entrinnen. Meine Freundin, die voller Verzweiflung und Furcht ist, kann ich liebevoll im Arm halten und ihr von dem wundervollen Licht erzählen, das in ihr wohnt. In der Gegenwart meiner Eltern rede ich so selbstverständlich vom ewigen Leben und der strahlenden Wirklichkeit, die uns erwartet, dass sie ihre Gedanken an den Tod immer mehr fallen lassen. Meine Kollegin, die bisher allem ablehnend gegenüberstand, was mit positivem Denken zu tun hatte, erzählt mir ihre Probleme und ich höre einfach nur zu. Während sie spricht und ich in meinen inneren Frieden hineinfühle, sie gedanklich in meinen Armen halte, wird sie immer ruhiger und kann eine klare Entscheidung treffen.
Und so ist es mit vielen Menschen, denen ich begegne.
Sie lassen sich mehr und mehr auf den Frieden ein, den ich ausstrahle. Die Menschen spiegeln mir ihre Dankbarkeit und Freude zurück. Ein gegenseitiger Austausch von beglückender Energie, genannt Liebe, beginnt. Und das erst zeigt mir, wer wir sind. Das lässt mich unsere Einheit erkennen.
Ich denke manchmal an die Fackelläufer bei der Olympiade. So ähnlich und doch anders ist es mit unserem inneren Licht, unserer göttlichen Erkenntnis. Einige erkennen den Ursprung ihres Seins und entzünden ihr Licht an der ewigen Flamme der Liebe Gottes. Nun wird das Licht weitergetragen und jeder, der in Berührung mit diesen heiligen Fackeln kommt, entzündet sein eigenes Licht daran. Ihn erfasst eine große Freude und das Verlangen, die Erkenntnis der ewigen Liebe weiterzugeben.
Und genau so dehnt sich die Wahrheit aus. Genau so erfasst dieses heilige Licht die Welt und lässt alle Dunkelheit vergehen. Wenn dieses Licht auch das letzte Fragment unserer Einheit erreicht hat, erwachen wir aus diesem Traum.
So so, denkst du nun. Alles ist nur ein Traum. Alles, was in den Nachrichten berichtet wird, ist nur ein Traum. Das Zugunglück, der Vulkanausbruch, der Krieg, die Überschwemmung, der Mord und die Massenkarambolage.
Ja. Es ist ein Traum. Von der universellen Ebene aus betrachtet ist es ein Traum. Das Problem hierbei ist nur, dass sich die wenigsten Menschen der wirklichen Ebene bewusst sind und sich sehr wohl an diesen äußeren Umständen beteiligt fühlen. Und wenn sie nicht nur Zuschauer, sondern persönlich betroffen sind, ist es noch schwieriger, das Ganze als Traum zu erfassen.
Der Backenzahn schmerzt einfach höllisch, die Fünf in Mathe steht rot angestrichen unter der Klassenarbeit und ist nicht zu übersehen. Das Auto hat eine Panne und wir stehen hier am Straßenrand und warten auf den Abschleppdienst. Die Stromrechnung lag heute im Briefkasten und enthält die Aufforderung, eine satte Nachzahlung zu leisten. Der Ehemann hat gebeichtet, er sei fremdgegangen und der Orthopäde hat gesagt, die Hüfte müsse erneuert werden, weil sie in einem desolaten Zustand sei.
Alles ein Traum?
Wenn ich nachts schlafe, träume ich auch die Gefühle, die den Traum begleiten. Ich habe dann Angst. Ich fühle dann Schmerz. Ob Traurigkeit, Verzweiflung oder körperliche Einschränkungen. Es ist alles so, als sei es real und ich merke erst, dass ich geträumt habe, wenn ich aufgewacht bin.
Das gerade jetzt erinnert mich an den Besuch meines Großvaters vor langer Zeit.
Opa war gekommen.
Mein kleines Mädchenherz hüpfte vor Freude. Er beugte sich zu mir herunter und nahm mich auf seine starken Arme. Wie groß er war, wie beschützend. An seine breite Brust geschmiegt kaute ich schon an der mitgebrachten Schokolade. Opa roch so gut. Ein herrlicher Duft war es, nach Rasierwasser und Zigarre. Vor allem der Zigarrengeruch war typisch. Das war mein Opa, niemand anders roch so gut wie er. Er streichelte meinen Kopf und fragte: „Na, meine kleine Prinzessin, wie geht es dir?“ Dabei schaute er mich liebevoll an und hörte meinem Geplapper aufmerksam zu. Zwischendurch lachte er. Die Fältchen um seine Augen tanzten hin und her und die Augen blitzten vergnügt.
Alle gingen ins Wohnzimmer, um miteinander Kaffee zu trinken. Opa setzte sich und nahm mich auf seinen Schoß. Und wir spielten das Spiel: Hoppe, hoppe, Reiter …
Mama sagte: „Vater, lass doch diesen Unsinn hier bei Tisch!“
Aber wir spielten. Und ich hüpfte hoch und höher, sah das fröhliche Lachen Opas und lachte mit. Mein Opa, wie sehr ich ihn liebte. Das waren meine Gedanken. Wilder und wilder ging es, und als der Reiter „plumps“ machte, durchzuckte es mich im ganzen Körper und ich wachte auf.
Ich lag in meinem Bett, schaute mich um und registrierte jetzt erst, dass alles ein Traum gewesen war. Ich sah den Wecker, der gleich klingeln würde. Ich würde gleich meine Kinder wecken, ihnen Frühstück machen und dann selbst zur Arbeit fahren. Und Opa? Opa war schon seit über dreißig Jahren nicht mehr unter uns.
Oder doch? Ich schnupperte.
Da war es. Ein unverwechselbarer Geruch lag in der Luft. Zigarre, ganz eindeutig Zigarrenduft.
Ich lächelte.
Es ist ganz wichtig zu erkennen, dass die äußeren Dinge einfach ein Produkt unserer geistigen Aktivität sind. Die Ursache liegt immer in den Gedanken und die Wirkung ist dann außen zu sehen. Wir Menschen verhalten uns, als sei es genau umgekehrt. Wir reagieren auf die Dinge da draußen und versuchen sie dort, wo wir sie sehen, zu verändern. Das kann doch gar nicht klappen.
Stell dir mal vor, du sitzt im Kino. Deine Gedanken sind die Filmspule im Projektionsraum. Die Welt, die du siehst, ist das Geschehen auf der Leinwand. Bevor du das Kino betreten hast, hast du beschlossen zu vergessen, dass es nur ein Film ist. Damit du mehr Genuss hast und stärkere Gefühle spüren kannst, hast du dich darauf eingelassen, diesen Film als real anzusehen und dich selbst als einen Teil davon.
Nun siehst du vielleicht einen „Film“, in dem „action“ in blutrünstigsten Farben gezeigt wird. Er handelt von Elend, Mord, Verfolgung und fürchterlicher Angst. Im tiefsten Inneren weißt du, dass der Film vermutlich ein Happy End hat und du dich nicht wirklich sorgen musst. Du weißt, dass der Film auch mit grausigem Ende nichts bewirken kann, weil es ja nur ein Film ist.
Doch du bist so gefangen in diesem Film, du hast dich den Illusionen so hingegeben, dass du in diesem Moment wirklich Angst hast. Du gruselst dich und erzitterst vor der Grausamkeit dieser Welt und nimmst nicht mehr wahr, dass du nur in einem Kino sitzt und auf eine Leinwand schaust. Den anderen Kinobesuchern ergeht es genauso. Sie zittern vor Angst, klagen und lassen ihrer Ablehnung freien Lauf. Du bleibst wie erstarrt sitzen und erträgst all das Leid. Vielleicht schaust du weg oder hältst dir die Ohren zu. Die ganz Mutigen rennen zur Leinwand und versuchen mit aller Kraft die Personen, die Dinge und Situationen anders zu arrangieren, zu bekämpfen oder sie zu überreden, anders zu handeln. Genauso verhalten sich die Menschen in dieser Welt. Entweder versuchen sie durchzuhalten oder sie schauen weg.
Die Mutigen werden zu Menschen, die die Leinwand bekämpfen. Sie klagen die Zustände an und organisieren sich gegen andere Organisationen. Sie kämpfen gegen Krebs, gegen Aids, gegen den Hunger, gegen Korruption und Terror. Sie bemängeln Politiker, Wirtschaftsbosse, den Fortschritt oder die Medizin. Sie sind zu einem Instrument des Urteilens geworden.
Das ist ein bisschen wie bei Don Quichote, der gegen die Windmühlen kämpft, findest du nicht?
Dieses Verhalten ist nicht nur sinnlos, es fördert sogar die negativen und unliebsamen Erscheinungen. So entsteht durch Ablehnung, Widerstand und Aufmerksamkeit mehr und mehr scheinbares Leid auf der Leinwand, ein Teufelskreis, aus dem die Welt und die Kinobesucher kaum noch herausfinden.
Wie wäre es denn, mal etwas völlig anderes zu tun? Wenn dir der Film nicht gefällt, den du in deinem persönlichen Kino siehst, dann steh einfach auf, geh in den Projektionsraum und lege einen neuen Film ein. Das kannst du jederzeit. Von jetzt auf gleich.
Nimm einen schönen, liebevollen Film, der bunt und fröhlich ist. Einen Film, der alle verbindet und niemanden ausschließt. Das ist wirklich Mut, denn am Anfang wirst du belächelt werden. Manche Leute werden über dich den Kopf schütteln und deine Denkweise und dein Handeln kritisieren. Doch du wirst wissen, dass es der richtige Weg ist und das allein reicht aus, die Zweifelnden und Zauderer ins Licht zu holen. Sie werden alle kommen. Das ist sicher.
Und so hüpfe ich als Joy mit einer beglückenden Filmspule durch dieses Leben und nehme das bewusst wahr, was sie auf die Leinwand projiziert. Ich liebe mich und alle Menschen, bin offen und empfangsbereit für alles Gute in der Welt. Meine Mitmenschen umgeben mich mit Wärme und Vertrauen, sodass ich die Einheit spüren kann. Ich sehe nur die Liebe und sonst nichts.
Das Leben ist herrlich und diesen Traum empfinde ich inzwischen als glücklichen Traum. Wir sind nur einen Schritt von dem Erwachen in die Wirklichkeit entfernt und können jetzt ruhig und gelassen warten, bis alle so weit sind. Niemand muss sich anstrengen und niemand muss überzeugt werden. Es geht von ganz allein, weil wir eins sind und die liebevollen, heilsamen Gedanken sich in jedem ausdehnen werden. Wir gehen gemeinsam.
Ich bin voller Freude über uns.
Nun ja, wie du weißt, gab es bei mir auch andere Zeiten. Für die einen Menschen führt das Erleben von tiefem Leid in den vermeintlichen Tod, für andere führt der gleiche Umstand auf den Weg ins Licht, den sie vorher nicht kannten. Der Unterschied zwischen beiden Wegen liegt in der inneren Haltung des Einzelnen gegenüber seinem Zustand.
Ja, ich gebe zu, dass ich um Haaresbreite in die falsche Richtung gelaufen bin. Doch dazu später.
Die innere Haltung kann zum Beispiel bei zwei Menschen, die genau die gleiche Krankheit haben, zwei völlig unterschiedliche Wirkungen haben.
Während einer Reha-Maßnahme vor einigen Jahren lernte ich zwei Frauen kennen, mit denen ich mich anfreundete. Im Dreierpack unternahmen wir gemeinsam Ausflüge, gingen schwimmen oder machten einen Stadtbummel. Margarete und Birgit hatten die gleiche Erkrankung, Brustkrebs.
Beiden wurde gesagt, dass sie gute Chancen zur Heilung hätten. Für Margarete war die Diagnose Krebs ein Drama. Sie erzählte es in ihrem Freundes- und Familienkreis und machte es selbst überall zum Gesprächsthema Nummer eins. Wie wir erfuhren, beschäftigte sie sich intensiv im Internet mit den Heilungschancen dieser Erkrankung und ließ sich von den Niederlagen anderer ängstigen. Zu guter Letzt gründete sie eine Selbsthilfegruppe, in der die Krankheit Krebs besonders thematisiert wurde. Margarete ernährte sich absolut kontrolliert, begrenzt und eingeschränkt.
Sie gönnte sich null Spaß beim Essen und gestand sich auch sonst keinerlei Freuden mehr zu. Sie hatte sich völlig ihrem Leid hingegeben.
Birgit dagegen war ganz anders. Sie verdrehte oft genervt die Augen, wenn Margarete wieder ihre Leidensnummer zum Besten gab. Birgit hörte ich weder stöhnen noch mit ihrem Schicksal hadern.
Sie war offen, kommunikativ, lachte viel und flirtete mit den männlichen Kurgästen. Sie gönnte sich Wellnessmassagen, riesige Eisbecher mit Sahne und verwöhnte sich selbst mit allem, was ihr Freude bereitete. Während dieser Zeit trafen wir auf Rosi, die im Heilungszentrum eine Yogagruppe leitete. Rosi sah die Art und Weise, wie Margarete und Birgit mit ihren Erkrankungen umgingen und sprach uns an: „Meine lieben Mädels. Ich verrate euch mal ein Geheimnis und es ist eure Sache, was ihr daraus macht. Jede Krankheit ist nichts weiter als eine Wirkung von eigenen, falschen Überzeugungen und den daraus entstandenen, schlechten Gefühlen. Wer gesund werden will, muss seine innere Einstellung zum Leben und zu sich selbst ändern. Ganz einfach.“
Birgit hatte aufmerksam zugehört, genau wie ich. Nachdenklich lauschten wir dem Nachhall dieser Worte.
Margarete fing spöttisch an zu lachen: „Ja, wer´s glaubt, wird selig. Ganz einfach, sagst du? Ich finde es nicht gerade nett von dir, einem schwerkranken Menschen so etwas ins Gesicht zu sagen. Damit drückst du ja aus, dass jeder Kranke selbst an seiner Krankheit schuld ist.“
„Schuld hat niemand“, erklärte Rosi, „denn Schuld gibt es nicht. Aber, dass sich jeder seine Krankheit selbst erschafft, ja, das stimmt. Vor allem die Konzentration auf eine Sache erhält ihre Existenz und verstärkt sie. Wer eine Krankheit hat und dagegen ankämpft, sich dagegen wehrt oder sie ablehnt, der bekommt sie nur um so schlimmer.“
An Margarete gewandt sagte Rosi eindringlich: „Nimm den Krebs an, erkenne ihn als selbsterschaffen an, fühle gelassen hinein und lass ihn dann in Liebe frei. Dann kann er gehen.“
Margarete wurde nun richtig zornig und funkelte wütend mit ihren Augen: „Wie kannst du so etwas sagen? Du hast doch gar keine Ahnung, wie es sich anfühlt, wenn man die Diagnose Brustkrebs bekommt.“
Rosi blieb ruhig und sagte leise: „Doch, ich habe Ahnung. Ich hatte selbst im letzten Stadium Brustkrebs und alle Ärzte hatten mich aufgegeben. Meine Tochter schenkte mir ein Buch, das sich mit der Macht der Gedanken beschäftigte. Dieses Buch hat mich gerettet und mein komplettes Wissen auf links gedreht. Ich las es, nein, ich verschlang es geradezu und endlich verstand ich die Zusammenhänge. Ich wurde gesund. Heute gebe ich Kurse in Entspannungtechniken, in positivem Denken und leite Seminare, die die Macht der Gedanken erklären.“
Margarete nahm die Worte von Rosi nicht an und ging ihr fortan aus dem Weg. Birgit und ich trafen uns weiterhin noch einige Male mit Rosi und wir blieben auch nach der Kur noch in freundschaftlicher Verbindung. Monate später berichtete mir Birgit von ihrem Heilungserfolg. Sie ist heute gesund und lebt ein Leben voller Freude und Hingabe. So wie ich.
Was aus Margarete geworden ist, weiß ich nicht. Sie hat den Kontakt zu uns beiden schon lange abgebrochen.