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Leseprobe: Fiona – Beginn 2.0 (Band 1)

Fiona - Beginn 2.0

Wein. Rot wie Blut. Nein, nicht wie Blut, Blut ist dicker. Meins jedenfalls, wenn ich mal wieder eins auf die Nase kriege. Immer seltener. Im Dojo sowieso nicht mehr.
Mann. Wieso denke ich eigentlich über Blut nach? Kann ich nicht einfach mal in Ruhe ein Glas Wein trinken? Bloß weil mein Vater einen blöden Spruch losgelassen hat, als ich die Flasche und ein Glas geholt habe?
Ich atme tief durch und sehe mich um. Andere sind in dem Alter schon längst ausgezogen, ich hocke mit 23 noch in meinem Kinderzimmer. Und lasse mich von meinem Vater anmachen.
Echt klasse.
Ich trinke das Glas leer und denke wieder an das Blut. Wie das wohl aussieht, wenn man sich die Pulsadern aufschneidet? Spritzt das Blut dann richtig, bis zur Decke? Oder ist das nur in blöden Filmen so? Sollte ich mal ausprobieren, vielleicht würde das sogar meinen Vater erschüttern.
Oder auch nicht. Ist sowieso ein bescheuerter Gedanke. Selbstmord, nur damit mein Vater mal merkt, dass er eine Tochter hat?
Haha.
Ich mache das zweite Glas voll, stelle die Flasche neben dem Bett ab und zünde mir eine Zigarette an. Dann lasse ich „Supergirl“ laufen. Draußen knallt die Sonne, doch durch die heruntergelassenen Jalousien kommt sie nicht. Das Glas balanciere ich auf meinen Unterschenkeln, dort, wo sie sich kreuzen. Dabei entdecke ich einen Fleck auf den Jeans, in Kniehöhe. Hm. Blut? Sperma? Gewöhnlicher Straßendreck?
Okay, wie war das nochmal mit dem Blut, wenn ich mir die Pulsadern aufschneide? Überhaupt, wie muss ich schneiden? Nicht quer, wie oft gezeigt, damit mache ich mir höchstens die Arme kaputt. So blöd muss man erst einmal sein. Schön längs.
Ich mustere mein rechtes Handgelenk, dabei fällt Asche auf die Bettdecke. Ist das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen? Jedenfalls kann ich die Ader erkennen. Preisfrage: Vene oder Arterie? Und was muss ich überhaupt aufschneiden?
Vene wäre unlogisch, aber sicher auch möglich. Dauert dann vielleicht nur länger, bis man tot ist. Ein Mensch hat etwa fünf Liter Blut, wie viel muss er verlieren, bis das Bewusstsein sich verabschiedet?
Ich schicke Supergirl in die Wiederholung. Keine Ahnung, warum ich das Lied so liebe. Es war schon schwer genug, die CD zu bekommen. In Deutschland war das Lied ein Hit, irgendwann mal, in Newope aber unbekannt. Auf irgendeiner Party spielten sie es, der Junge, der die Party schmiss, war ein paar Monate in Deutschland gewesen und brachte Supergirl von dort mit.
„Supergirls just fly.“
Genau. Zum Beispiel als Engel.
Ich hebe das Weinglas und versuche, darin mein Spiegelbild zu erkennen. Das ist gar nicht so einfach, denn durch die Jalousie kommen nur wenige Sonnenstrahlen. Schließlich gelingt es mir, ihre grauen Augen einzufangen. Dass sie grau sind, sehe ich nicht, aber das weiß ich natürlich, obwohl ich es meistens vermeide, sie im Spiegel anzusehen. Zumindest in letzter Zeit.
„Hör zu“, erkläre ich dem Mädchen im Weinglas, „nur Versager denken über Selbstmord nach. Gewinner machen es einfach.“
„Oder sie lassen es, das ist noch besser“, erwidert das Mädchen.
„Klugscheißer.“
Aber natürlich hat sie recht. Und da ich nicht schon längst aufgesprungen bin und ein Messer geholt habe, will ich es nicht wirklich. Es ist einfach nur meine beschissene Stimmung, wie immer, wenn ich eine dieser dämlichen Diskussionen mit meinem Vater hatte. Wegen nichts. Ist doch meine Sache, wie viel ich trinke? Wenn er wüsste, wie oft ich besoffen von Partys nach Hause komme, wenn ich überhaupt nach Hause komme, würde er wahrscheinlich ganz ausflippen.
Geht ihn sowieso nichts an. Bin erwachsen. Allerdings würde er, nicht ganz zu unrecht, darauf hinweisen, dass ich ja ausziehen kann, wenn ich nicht will, dass er mir seine Meinung zu meinem Verhalten mitteilt.
Ich halte die Kleine im Weinglas wieder hoch, um sie zu fragen, ob sie denn wüsste, wieso ich nicht schon längst ausgezogen bin, woraufhin sie mir vermutlich mitteilen würde, dass es nur wegen Norman ist, als ich höre, wie jemand die Treppe hochgerannt kommt, dann reißt mein Vater die Tür auf und stürmt herein.
„Norman … Norman ist tot!“
Ich starre ihn an. Dann schießt mir der idiotische Gedanke durch den Kopf, dass ich ja nun ausziehen kann.
Aber hat er echt gesagt, Norman wäre tot?
„Norman? Mein Bruder? Tot?“ Ich mache wohl keinen sehr intelligenten Eindruck, allerdings bezweifle ich, dass mein Vater das überhaupt registriert.
„Unten sind zwei Polizisten und eine Psychologin! Er … er wurde überfahren!“
Mir wird bewusst, dass ich immer noch im Schneidersitz auf meinem Bett throne und ihn anstarre. Ich stelle das Glas ab und werfe die Reste der Zigarette in den Aschenbecher, dann springe ich auf und stürme an ihm vorbei nach draußen. Er folgt mir wohl, aber ich nehme die Treppe mit zwei Sprüngen. Als er endlich auch ankommt, stehe ich bereits neben meiner Mutter, die auf der cremefarbenen Couch sitzt und ins Nichts starrt.
„Was ist passiert?“, frage ich.
Niemand bestimmten von drei anderen Personen, die da sind. Nein, vier, ich sehe auch Nicholas, dem das Entsetzen ins Gesicht geschrieben steht.
Die beiden Männer haben keine Uniform an. Einer ist älter, der andere weniger alt. Fast schon jung. Sie erinnern mich an die beiden … Wie hießen sie nochmal? Ach ja, Stone und Heller. Ulkig, dass ich jetzt gerade an diese uralte Serie denken muss.
„Sie sind?“, erkundigt sich Stone. Gut, die Nase ist nicht ganz so prägnant.
„Fiona Carter. Norman ist mein Bruder.“
„Ich bin Lieutenant Jack Siever. Ihr Bruder wurde bei einem Autounfall getötet. Mein Beileid. Es tut mir leid.“ Er mustert mich forschend. Vielleicht befürchtet er, dass ich ohnmächtig zusammenbreche. Oder dass ich ausflippe. Keine Ahnung, wie mein Gesichtsausdruck gerade ist. Ich spüre mein Gesicht nicht.
„Autounfall?“, wiederhole ich.
„Er wurde überfahren. Wir wissen nicht genau, was passiert ist. Der einzige Zeuge ist sein Freund, aber der hat einen Schock und ist im Krankenhaus.“
„Savage?“
Stone … Siever nickt.
„Ist er auch verletzt?“
„Körperlich fehlt ihm nichts. Miss Carter, das hier ist Carola Schmid. Sie ist Psychologin.“
„Ist sonst nicht immer ein Priester mit dabei?“, frage ich abwesend.
„Das kommt darauf an, wer gerade verfügbar ist“, antwortet die Psychologin. Sie sieht irgendwie sehr jung aus für eine Psychologin. Oder meine Wahrnehmung ist völlig gestört, was denkbar wäre.
Norman ist tot?
Mir fällt was ein. „In den Filmen sind es immer uniformierte Polizisten, die so eine Nachricht überbringen. Sie sind doch bestimmt nicht von der Verkehrspolizei?“
Siever schüttelt den Kopf. „Mordkommission. Wir können nicht ganz ausschließen, dass es mit Absicht war. Daher übernehmen wir den Fall. Das bedeutet nicht, dass Norman ermordet wurde. Aber die Möglichkeit besteht.“
„Ermordet? Von wem?“ Fiona, du warst auch schon mal intelligenter.
„Von dem Fahrer oder der Fahrerin des Wagens. Den ersten Auswertungen nach war es ein Geländewagen.“
„Ich will ihn sehen“, sagt meine Mutter plötzlich. „Ich will ihn sehen!“
„Das ist keine gute Idee“, erwidert die Psychologin. „Mrs Carter, Norman wurde mit hoher Geschwindigkeit von einem Geländewagen angefahren. Er … er sieht nicht so aus, wie Sie ihn kennen. Sie sollten ihn so in Erinnerung behalten, wie er …“ Sie unterbricht sich selbst, aber es ist eh klar, was sie meint. Mir jedenfalls.
Meiner Mutter nicht. Oder es ist ihr egal. „Ich will ihn sehen.“
Carola und die Polizisten sehen meinen Vater um Hilfe bittend an, doch der sagt: „Sie haben es gehört. Sie will ihn sehen.“
„Ich fahre euch. Ihr seid nicht in der Verfassung.“
„Bist du es?“, fragt mich mein Vater. „Warum?“
„Willst du echt auch jetzt noch mit mir streiten? Ich habe Norman geliebt, das weißt du auch, verdammt nochmal! Ich ziehe meine Schuhe an und dann fahre ich euch!“
Ich sehe flüchtig die entgeisterten Gesichtsausdrücke von den Polizisten, als ich nach oben renne, um meine Schuhe zu holen. In diesem Moment denke ich ganz sicher nicht an Selbstmord, an Mord schon eher.
Dieses verdammte Arschloch!

Leslie nimmt mich stumm in die Arme, dann zieht sie mich ins Haus.
„Mein Vater arbeitet noch“, sagt sie. „Wir sind also ungestört.“
Ich nicke. Bin froh, dass James nicht da ist, im Moment wäre sein Anblick vielleicht zu viel. Wir gehen in die Küche und sie macht uns Kaffee. Dann setzt sie sich mir gegenüber und sieht mich fragend an.
Ich halte den heißen Becher mit beiden Händen fest.
„Wie geht es deinen Eltern?“
„Beschissen natürlich.“ Ich atme tief durch. „Meine Mutter hatte einen Nervenzusammenbruch und Carola hat sie mit Beruhigungsmitteln vollgepumpt. Jetzt schläft sie, mein Vater ist bei ihr. War eine blöde Idee, ins Krankenhaus zu fahren. Hast du eine Ahnung, wie ein Dreizehnjähriger aussieht, nachdem ein Jeep über ihn hergefahren ist? Wohl mehrmals, sagen die von der Spurensicherung.“
„Also Mord?“ Leslie schüttelt den Kopf. „Nein, ich habe keine Ahnung und bin ganz froh darüber.“
„Das kannst du auch sein. Oh Mann. Man denkt, der menschliche Körper ist was Besonderes, aber …“
„Fiona“, sagt Leslie sanft. „Fiona, sollen wir gemeinsam die Küche vollkotzen?“
Ich starre sie an, dann schüttele ich den Kopf. „Nein. Sorry.“
„Schon okay, Schätzchen. Was willst du tun?“
„Ich fahre nachher ins Krankenhaus, zu Savage.“
„Der arme Kerl“, murmelt Leslie.
Ich mustere sie. Sie trägt ein schwarzes T-Shirt und kurze Hosen. Mit ihren schulterlangen, dunkelbraunen Haaren und den braunen Augen wirkt sie irgendwie exotisch. Sie kommt wohl eher nach ihrer Mutter als nach James. Zumindest den Bildern nach zu urteilen, ich habe sie ja nicht kennengelernt.
„Soll ich mitkommen?“
„Nein, lieber nicht. Dich kennt er ja nur flüchtig.“
„Was willst du bei ihm? Ihn trösten?“
„Keine Ahnung. Vielleicht freut er sich.“
„Kann sein.“ Leslie glaubt mir nicht. Zumindest nicht, dass ich nur deswegen zu Savage will. Sie hat ja recht, aber wenn ich das zugebe, versucht sie, es mir auszureden. Und das wiederum könnte sie nicht, also wozu unnötigen Stress erzeugen? Ich weiß ja selbst, dass ich bescheuert bin, weil ich daran denke.
„Vielleicht sollten wir heute Abend irgendwohin ausgehen“, schlägt sie vor und beobachtet mich aufmerksam.
Verdammt. Sie kennt mich viel zu gut, was für eine beste Freundin ja nicht weiter erstaunlich ist.
„Mal sehen, wie ich mich fühle, wenn ich bei Sava war“, erwidere ich. „Das ist irgendwie ganz unwirklich. Ich meine, wer rechnet schon damit, dass der dreizehnjährige Bruder stirbt? Er war doch noch ein Kind.“
„Es ist grausam. Wer es auch immer getan hat, verdient seine Strafe.Ich bin sicher, die Polizei wird ihn finden und er kommt für sehr lange Zeit ins Gefängnis.“
„Meinst du? Die Polizisten wirkten nicht so auf mich, als hätten sie viel Hoffnung.“
„Die haben heute viele Möglichkeiten, das Auto zu finden. Frag mal meinen Vater. Auch wenn er schon lange weg ist, wird er es dir erklären können.“
„Er war beim Geheimdienst, nicht bei der Polizei.“
„Das bedeutet nur, dass er die technischen Möglichkeiten kannte, über die die Polizei heute verfügt“, sagt sie und grinst leicht.
„Mag schon sein. Angenommen, sie finden ihn. Und dann? Dass es Mord war, wie sollen sie das beweisen? Er kommt dann wegen fahrlässiger Tötung oder so was für zwei Jahre in den Knast. Das wars.“
„Erstens ist das gar nicht sicher. Und selbst wenn, was willst du tun? Ihn selbst richten?“
Scheiße. Sie weiß wirklich, worüber ich nachdenke. Aber ich kann ihr schlecht erzählen, dass meine Mutter mich beauftragt hat, als wir auf dem Heimweg waren und kurz bevor sie ganz weggetreten war, ihn zu finden und zu töten.
„Wer tut so was?“, hat sie gefragt. Weder mein Vater noch ich konnten etwas dazu sagen. Wie denn auch? „Finde ihn, Fiona. Finde ihn und töte ihn.“
Ich sah meinen Vater an, doch der blieb stumm. Keine Ahnung, was er gedacht hat. Und ich weiß nicht, ob meine Mutter sich überhaupt daran erinnern wird, wenn sie aufwacht. Sie stand unter Drogen, als sie es gesagt hat.
Aber ich habe gespürt, welche Wut, welcher Hass da aus ihr gesprochen hat. Und dieselbe Wut, denselben Hass spüre ich in mir auch.
Das macht mir Angst, denn das sorgt dafür, dass ihr Auftrag zu meinem Auftrag wird. Da ist eine Stimme in mir, die es ständig wiederholt: „Finde ihn. Töte ihn.“ Immer und immer wieder.
Und es ist meine Stimme.
Scheiße.
„Du bist verrückt, Fiona“, sagt Leslie. „Versprich mir, dass du dich aus der Polizeiarbeit heraushältst! Ein paar Straßenjungs zu verprügeln ist was ganz anderes als so was!“
„Leslie? Ich habe nichts gesagt.“
„Genau das macht mir Sorgen. Du würdest heftig protestieren, wenn ich unrecht hätte.“
„Lass mich bitte diesen Scheißtag irgendwie überstehen, okay?“
„Möchtest du hier schlafen?“
„Ich möchte gar nicht schlafen. Das heißt, ich möchte schon, aber ich kann nicht. Wenn ich die Augen zumache, sehe ich wahrscheinlich Norman vor mir. Und das ist kein schöner Anblick, das kannst du mir glauben!“
„Das glaube ich dir ja. Du könntest trotzdem hier bleiben und wir bleiben zusammen wach. Was hältst du davon?“
Ich muss unwillkürlich lächeln. Sie ist schon ein klasse Mädchen, die beste Freundin, die man sich vorstellen kann. Jemanden wie mich so lange zu ertragen, ist nicht leicht. Ich hätte nicht gedacht, dass unsere Freundschaft die Schulzeit überdauert. Klar, wir sehen uns seltener, sie studiert Wirtschaftswissenschaft, ich arbeite als Trainee bei meinem Vater.
Seit vier Jahren schon, wie mir gerade bewusst wird. Langsam sollte ich über eine Berufswahl nachdenken. Wie wäre es mit Geheimdienst?
„Leslie, ich bin dir echt dankbar und weiß, dass du es ernst meinst. Aber ich muss raus. Ich werde zu Sava fahren und dann wohl in den Dojo. Wenn sonst nichts geht, schlage ich solange auf einen Sandsack ein, bis entweder der oder meine Fäuste kaputt sind.“
„Deine Fäuste? Niemals.“
„Jetzt hör auf, ich bin auch nur ein Mensch. Ein schwaches, kleines Mädchen.“
„Ein Mensch, okay, kann ich gelten lassen. Aber schwache, kleine Mädchen tragen keinen schwarzen Gurt und zerschlagen keine dicken Bretter mit dem kleinen Finger.“
„Hey, das kann ich auch nicht.“
„Aber fast. Ich war dabei, du erinnerst dich vielleicht, als du vor sechs Jahren die drei Jungs krankenhausreif geschlagen hast, als sie Jeremy angegangen haben.“
„Krankenhausreif ist etwas übertrieben.“
„Einen von ihnen auf jeden Fall.“
„Okay, er hatte einen gebrochenen Arm. Und ja, ich mache seit zwölf Jahren Kampfsport.“
„Entschuldige mal, du machst nicht seit zwölf Jahren Kampfsport, du lebst seit zwölf Jahren Kampfsport. Wie viele Stunden in der Woche?“
„Zwanzig bis dreißig, je nachdem, wie ich Zeit und Lust habe.“
„Du könntest Weltmeisterin sein, wenn du endlich an Wettkämpfen teilnehmen würdest.“
Vielleicht. Der Meister ist auch überzeugt davon. Es mag sein. Aber ich hasse es. Ich hasse es, im Rampenlicht zu stehen. Dank meines Vaters lebe ich lieber im Verborgenen. Schon schlimm genug, dass ich früher immer mal mit zu irgendwelchen Veranstaltungen musste. Norman, Mama und ich. Die perfekte Familie zum Vorzeigen. Der hübsche Norman und die blonde, sportliche Tochter. Nach ein paar bösen Eskalationen, nicht ganz ungewollt von mir verursacht, durfte ich dann zu Hause bleiben. Der Alkohol und ich, gemeinsam sind wir unschlagbar.
„Will ich aber nicht“, erwidere ich.
„Warum nicht?“ Als wenn sie es nicht wüsste. Als wenn sie nicht von dem Krieg wüsste, der zwischen meinem Vater und mir tobt. Verstehen kann sie es nicht, sie hat den tollsten Vater der Welt. Er ist immer für sie da und macht alles für sie. Trotzdem ist sie nicht verwöhnt. Keine Ahnung, wie er das hinkriegt.
Der tolle James. Wenn du wüsstest, Leslie.
„Darf ich bei dir duschen? Danach fahre ich ins Krankenhaus.“
Leslie nickt. „Klar. Willst du frische Sachen von mir haben?“
„Nur Unterwäsche. Eigentlich reicht auch ein Höschen.“
„Mit oder ohne Stoff?“
„Haha. Ich fahre ins Krankenhaus, nicht in die Disco.“
Grinsend begleitet sie mich nach oben in ihr Zimmer und gibt mir einen halbwegs normalen Schlüpfer. Sie ist größer als ich und weiblicher gebaut, aber an der Hüfte sind wir uns ähnlich.
Wir umarmen uns, dann verziehe ich mich ins Bad. Zum Duschen und zum Heulen.

Ich starre auf die Leute, ohne sie zu sehen. Es ist heiß und ich bin viel zu dick angezogen. Aber eigentlich ist mir das egal. Ich muss immerzu an Savas ausdrucksloses Gesicht denken, wie er da liegt in seinem Bett und ins Nichts starrt.
Ich lasse den Blick sinken und betrachte die Tasse mit Cappuccino. Durch die Sonnenbrille sieht der Schaum grünlich aus, aber natürlich ist der Cappuccino gut wie immer. Ich überlege, ob ich die Sonnenbrille absetzen sollte. Aber dann sehen die Leute meine verweinten Augen, und das will ich nicht.
Norman ist tot. Auch wenn das, was da in der Pathologie lag, kaum noch als Norman zu erkennen gewesen ist. Alles, was von einem Menschen übrig bleibt, ein Klumpen Fleisch und Knochen. Zumindest wenn ein Geländewagen über ihn mehr als einmal hergefahren ist. Mir fallen die totgefahrenen Katzen ein, die man manchmal auf der Straße sieht.
Die sehen genauso aus. Logisch. Ich weiß es ja. Muskeln, Knochen, Sehnen. Blut. Bei ausreichendem Druck platzt die Haut auf und alles schießt nach draußen. Zum Beispiel das Gehirn, wenn dir ein Zweitonner über den Kopf fährt.
Verdammte Scheiße, warum habe ich nicht verhindert, dass meine Mutter ins Krankenhaus fährt?
Ich nehme den Zucker, reiße das Papier an der vorgesehen Stelle auf und schütte alles in den Cappuccino. Dann beobachte ich, wie der Zucker langsam im Schaum versinkt. Schließlich nehme ich den Löffel und beginne zu rühren.
„Haben Sie keine Angst, dass die Tasse irgendwann durchgescheuert ist?“
„Was?“
Ich starre den Mann an, der mich vom Nebentisch aus angesprochen hat. Anfangsvierziger, mit dunkelblonden Haaren und braunen Augen. T-Shirt, Jeans, Sportschuhe. Freundliches Gesicht. Hat alles nichts zu bedeuten, ich habe Dreißigjährige mit Babyface erlebt, die auf Fesselspiele standen.
Was will er von mir?
Er deutet auf die Tasse. „Sie rühren den Cappuccino seit etwa zehn Minuten. Der Zucker dürfte schon längst aufgespalten sein in seine atomaren Bestandteile.“
„Die da wären?“
„Kohlenstoff, Wasserstoff, Sauerstoff“, erwidert er schmunzelnd. „Im Wesentlichen.“
„Kommt mir bekannt vor.“ Ich nehme den Löffel heraus und lecke ihn ab. „Tut mir leid, ich war in Gedanken.“
„Offensichtlich. Müssen traurige Gedanken gewesen sein.“
„Wieso?“
„Ein paar Tränen haben sich unter der Sonnenbrille hervorgewagt.“
Ich fasse an mein Gesicht. Meine Fingerspitzen werden feucht.
Scheiße. Hatte ich einen Aussetzer? Zum ersten Mal in meinem Leben?
Na ja, der Anlass wäre ja gegeben.
„Sorry.“
„Kein Problem. Von mir aus dürfen Sie weinen. Oder Sie erzählen mir, was Sie so traurig macht.“
Ich denke nach. Irgendwie erinnert er mich an Phil, und das kotzt mich an. Das Letzte, was ich jetzt brauche, ist eine Affäre. Mit wem auch immer. Schon mal keine wie damals mit Phil.
Scheiße. Mein neues Lieblingswort.
„Mein Bruder ist heute gestorben“, sage ich achselzuckend.
Er starrt mich entgeistert an.
„Ich sollte wohl am Boden zerstört sein?“
„Jeder Mensch trauert anders. Bei Ihnen habe ich das Gefühl, Sie haben es noch gar nicht richtig begriffen. Hat man Sie angerufen?“
Ich verneine kopfschüttelnd und nippe an meinem Cappuccino.
„Ich war vorhin mit meinen Eltern in der Pathologie, weil meine Mutter ihn unbedingt sehen wollte. Er wurde von einem Geländewagen überfahren. Und vorhin habe ich seinen Freund besucht, der Zeuge gewesen ist. Und wenn ich eine Maschinenpistole hätte, würde ich alle auf der Straße erschießen.“ Ich sehe ihn an. „Habe ich Sie geschockt?“
„Ein wenig. Aber ich komme damit klar. Allerdings weiß ich nicht, was ich mit Ihnen machen soll.“
„Keine Sorge, ich habe keine Maschinenpistole.“
Er schmunzelt. „Das ist auch nicht das, was mir Sorgen macht.“
„Ich werde mich auch nicht umbringen. Ich muss nur irgendwie diesen beschissenen Tag überstehen.“
„Ich fürchte, ein Tag wird da nicht ausreichen.“
„Wahrscheinlich nicht.“ Ich trinke den Rest von meinem Cappuccino und beginne, den Schaum auszulöffeln. „Hören Sie, es tut mir leid. Wäre nicht das mit meinem Bruder, würde ich mich sogar zu Ihnen setzen und wir könnten was unternehmen. Aber mir ist nicht danach.“
Er zieht beide Augenbrauen hoch. „Ich wollte nicht den Eindruck erwecken, als hätte ich Sie angesprochen, um …“
„Ist mir schon klar. Weinende Blondinen mit Sonnenbrille, die sich mit Cappuccino totrühren, üben eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf jeden normalen Mann aus.“
„Aha. Das wusste ich noch gar nicht. Aber wo wir schon dabei sind: Sie kommen mir bekannt vor.“
„Sie mir nicht.“
„Autsch.“
Ich atme tief durch, dann nehme ich die Sonnenbrille ab.
„Sorry. Ehrlich. Ich werde so oft angemacht, dass ich manchmal reflexartig reagiere.“
„Das kann ich mir vorstellen. Verraten Sie mir, woher ich Sie kenne?“
„Aus der Klatschpresse? Ich habe früher gelegentlich halbnackt auf Tischen getanzt, bei Empfängen.“
„Ach ja. Fiona Carter?“
Ich nicke.
„Es tut mir leid mit Ihrem Bruder. Ich würde mich freuen, wenn Sie mir versprechen, dass Sie wirklich keine Maschinenpistole haben und auch nicht vorhaben, sich selbst etwas anzutun. Ich bin Polizist und müsste sonst etwas unternehmen.“
Ich schließe kurz die Augen. Scheiße. Noch eine Ähnlichkeit mit Phil.
„Ich verspreche es.“
Er starrt mich an, dann nickt er.
„In Ordnung. Meine Frau und die Kinder warten in irgendeinem Spielzeugladen in der Nähe auf mich. Fast würde ich lieber hierbleiben. Aber das käme wohl nicht so gut.“
Ich muss unwillkürlich lachen. Er winkt mir zu, nachdem er Geld auf den Tisch gelegt hat, und schlendert davon.
Ich bleibe noch ein paar Minuten sitzen, dann bezahle ich auch und fahre nach Hause.

Mein Vater sitzt im Wohnzimmer und liest Zeitung. Was er um diese Zeit sonst nie macht. Nicholas kann ich auch hören, er scheint in der Küche zu sein. Wollen die den Anschein von Normalität erwecken oder ist das nur, weil sie nicht wissen, was sie tun sollen? Ich spüre den Schmerz ja auch, aber ich habe nicht vor, mich von ihm überwältigen zu lassen.
Da ich keine Lust auf ein Gespräch habe, gehe ich möglichst leise auf die Treppe zu.
Aber es ist zu spät.
„Fiona!“, ruft mein Vater.
Ich bleibe stehen und denke kurz nach. Schließlich gehe ich ins Wohnzimmer und zur Bar. Nach einem fragenden Blick schenke ich in zwei Gläser Whisky ein, reiche eins meinem Vater und setze mich ihm gegenüber in einen der cremefarbenen Sessel.
„Also gut, bringen wir es hinter uns“, sage ich dann betont ruhig. In mir sieht es anders aus, aber das braucht er nicht zu wissen.
„Was?“
„Was immer du mir sagen willst.“
Er starrt mich an. Schließlich nimmt er einen Schluck von seinem Drink und bemerkt: „Was deine Mutter im Auto gesagt hat …“
„Du meinst den Auftrag?“
„Es gibt keinen Auftrag! Sie stand unter Schock und wird sich wahrscheinlich nicht einmal daran erinnern, wenn sie aufwacht.“
„Das weiß ich auch. Sie war vollgepumpt mit irgendwelchen Mitteln. Trotzdem werde ich den Auftrag ausführen.“
„Das wirst du nicht tun! Es ist Wahnsinn! Selbst wenn du überhaupt in der Lage dazu wärst, würde ich es nicht zulassen!“
„Ach ja? Was willst du tun? Mich in mein Zimmer sperren? Deine erwachsene Tochter?“
„Wie eine Erwachsene benimmst du dich eher nicht.“
Dazu sage ich lieber nichts. Stattdessen trinke ich mein Glas leer und fülle nach.
„Du trinkst zu viel“, sagt mein Vater.
Ich fahre herum. „Na und? Meine Sache. Sonst ist es dir ja auch egal, was ich mache. Was kümmert dich also, wie viel ich trinke?“
„Ich bin dein Vater. Egal, wie alt du bist. Glaubst du ernsthaft, ich bekomme nicht mit, was du treibst?“
„Was treibe ich denn?“
„Soll ich dir das wirklich erzählen? Dass du kaum ohne Zigarette anzutreffen bist? Wie oft du betrunken nach Hause kommst? Dass du ständig mit anderen Männern unterwegs bist? Auch mit deinen Kollegen? Glaubst du, ich weiß das nicht?“
Ich zucke die Achseln. „Wenn schon …“
„Genau, wenn schon. Deine Standardantwort. Dir ist anscheinend alles egal. Deine Zukunft, vor allem.“
„Es ist ja auch meine Zukunft, ich kann damit machen, was ich will. Als wenn sie dich interessieren würde!“
„Natürlich interessiert sie mich. Du bist ja meine Tochter.“
„Ach ja, da war was. Ich habe ja eine Tochter. Ups. Wie hieß sie nochmal?“
„Fiona!“
Ich atme tief durch. „Tut mir leid. Hör zu. Ich bin erwachsen. Und auch wenn du es nicht glaubst, ich habe Norman geliebt. Irgendein Schwein hat ihn umgebracht, wie es aussieht, sogar absichtlich. Also werde ich dieses Schwein finden.“
„Und dann? Was willst du dann tun? Zur Mörderin werden und für lange Zeit ins Gefängnis gehen?“
„Lass das mal meine Sorge sein“, erwidere ich, trinke mein Glas leer und gehe. Entgegen meiner ursprünglichen Absicht nicht nach oben in mein Zimmer, sondern nach draußen, steige in meinen Wagen ein und fahre los.
Irgendwohin.


Dunkelheit hat sich auf die Stadt gesenkt, als ich vor dem Dojo halte. Da drin ist noch Licht, aber kaum was los. Paar Leute an der Bar. Und natürlich Mary, die mich erstaunt aus ihren katzengrünen Augen ansieht, als ich hereinkomme.
„Was machst du denn hier? Willst ja wohl nicht um diese Zeit trainieren, oder?“
Ich setze mich an die Bar und schüttele den Kopf. „Habe es zu Hause nicht mehr ausgehalten.“
„Wieder Streit mit dem Papa?“, fragt sie, während sie Gläser wegräumt. Sie weiß, dass mein Verhältnis mit meinem Erzeuger nicht so schön ist, wie es sein könnte und dürfte.
„Das auch. Mein Bruder ist heute bei einem Unfall gestorben.“
Sie starrt mich entgeistert an. Dann sagt sie „Oh, verdammt!“ und kommt hinter der Theke hervor, um mich in die Arme zu nehmen. „Das tut mir leid. Ich … ich weiß gar nicht, was ich sagen soll!“
Ich bemerke, dass die anderen Gäste aufmerksam geworden sind, aber eigentlich möchte ich das alles nicht. Ich hasse es. Mary darf mich umarmen, wir haben uns im Laufe der Jahre oft und über alle möglichen Themen unterhalten. Aber selbst ihre Umarmung ist mir fast zu viel.
„Schon gut, Mary. Danke. Mach mir bitte einen Drink. Egal was. Hauptsache, mit Whisky drin.“
Sie mustert mich kurz, dann nickt sie. Während sie mir nachher das Glas hinstellt, bemerkt sie: „Das hilft aber nicht auf Dauer, weißt du ja, oder?“
„Klar.“ Ich nehme einen Schluck. „Andererseits ein guter Freund.“
„Ein guter?“ Sie zuckt die Achseln. „Ich habe in einer Stunde Feierabend. Willst du auf mich warten?“
Ich schaue mich um. Trainieren kann ich eh nicht, habe meine Sachen zu Hause vergessen. Außerdem ist es schon spät. Im Dojo sind nur noch zwei Leute. Den Meister sehe ich nicht. Ich frage mich, wieso ich eigentlich hierher gefahren bin.
„Ja, klar“, antworte ich schließlich. Ich setze mich an einen Ecktisch und starre mein Glas an, bis Mary mir einige Magazine hinlegt. Ich blättere in ihnen herum, ohne auch nur im Geringsten zu wissen, was ich da sehe. Bin froh, als die Stunde endlich herum ist. Ich helfe Mary beim Einräumen. Abschließen wird der Meister, der als Letzter noch da ist. Er sieht mich nur kurz an, doch dieser Blick ist mehr wert als alles andere bisher heute. Fast. Oder doch, eigentlich schon.
Ach, Scheiße.
Wir nehmen mein Auto.
„Wollen wir uns was Ruhiges suchen?“, fragt Mary.
Ich sehe sie an. „Ganz sicher nicht. Wenn ich was Ruhiges bräuchte, könnte ich nach Hause und mich einschließen.“
„Auch gut. ‚Skyline‘?“
„’Skyline‘ ist gut“, antworte ich.
Die Bar hat mehrere Vorteile. Erstens ist sie in der Nähe. Zweitens gibt es dort laute Musik, wer will, kann auch tanzen. Drittens gibt es dort Kleinigkeiten zum Essen. Und viertens kann man dort Kerle aufreißen. Wenn frau will. Und ich habe das Gefühl, dass ich heute alles will, was mich ablenkt: Sex, Alkohol, laute Musik.
Wir setzen uns an die Bar. Ich bestelle ein Sandwich und Gin Tonic, Mary kein Bloody Mary, obwohl ich es ihr vorschlage. Sie lächelt nur müde. Wahrscheinlich hat sie das schon tausendmal gehört. Sie nimmt einen Caipi.
Ich sehe mich um. Die Tanzfläche rechts ist mäßig besucht, aber es sind auch nicht alle Tische besetzt. Und das an einem Freitag, kurz vor Mitternacht.
„Was machen die alle?“, frage ich laut.
„Wer?“
„Na ja, halt alle. Wieso ist hier um diese Zeit so wenig los?“
Mary zuckt die Achseln. „Für einen Freitag ist es okay. Samstags kriegt man keinen Platz.“
„Na gut. Was genau machen wir hier eigentlich?“
„Wir trinken. Essen. Tanzen?“
„Ich eher nicht. Mir ist nicht danach.“
„Wonach ist dir denn?“
„Laute Musik, Alkohol und Sex. In dieser Reihenfolge.“
„Oh, okay. Laute Musik haben wir, Alkohol auch. Mit Sex kann ich allerdings nicht dienen.“
„Kein Problem. Ich finde hier auf jeden Fall jemanden.“
Mary trinkt von ihrem Caipi, dabei wirft sie einen Blick in die Runde. „Mich würde interessieren, wer überhaupt infrage käme für dich.“
„Jeder mit einem funktionierenden Schwanz.“
„Na, das wirst du ja wohl nicht fragen, oder?“, erkundigt sie sich grinsend.
„Warum nicht?“ Ich schaue mich um und deute auf einen Kerl an der Bar. Er sitzt allein da, seitdem wir gekommen sind. „Der sieht ganz interessant aus. Hast du noch nie jemanden abgeschleppt?“
„Nicht oft. Und du?“
„Ziemlich oft.“
„Und was sagst du dann?“
„Die Wahrheit. Dass ich jemanden für eine Nacht suche und sie die Chance auf den Sex ihres Lebens haben.“
Mary lacht auf. „Und das funktioniert?“
„Erstaunlich oft.“ Ich nehme einen großen Schluck von meinem Gin Tonic, dann beobachte ich die Kellnerin, die mein Sandwich bringt. Käse, Zwiebeln, Salami. In einem Ofen warmgemacht. Nichts Besonderes.
Erinnert mich an mein Leben.
Scheiße.
„Und wenn du es heute mal anders machen würdest?“, fragt Mary, nachdem ich in mein Sandwich gebissen habe.
„Hast du einen besseren Spruch auf Lager?“, erkundige ich mich, nachdem ich heruntergeschluckt habe.
„Ich meinte eigentlich, niemanden aufzureißen.“
„Selbstbefriedigung ist langweilig.“
Mary wird rot und beugt sich kopfschüttelnd über ihren Caipi.
„Manchmal nicht zu vermeiden, aber was Echtes ist mir lieber“, fahre ich fort. Das ist meine Rache für ihren Vorschlag.
„Schon gut, ich habe verstanden.“
„Hör zu, tut mir leid. Ich glaube, heute sollte niemand meine Worte auf die Goldschale legen.“
„Okay. Ist ja allzu verständlich. Möchtest du darüber reden?“
Ich starre sie an. Möchte ich das? Besser wäre es, glaube ich. Aber will ich es auch?
„Entschuldige, ich wollte dir nicht zu nahe treten, Fiona.“
„Das ist es nicht. Mary, ich bin dir echt dankbar, dass du mit mir hergekommen bist. Und ich bin mir sehr sicher, dass ich darüber reden sollte. Aber ich kann nicht.“
Sie nickt langsam. „Verstehe ich. Du möchtest lieber Sex haben. Da muss ich passen.“
Jetzt hat sie es geschafft, ich habe ein Lächeln auf meinem Gesicht.
„Ich stehe nicht so auf Mädchen, aber danke für das Angebot. Weißt du was? Wenn ich das Zeug hier aufgegessen habe, tanzen wir. Und danach sehen wir weiter. Einverstanden?“
Sie nickt. Und ich habe Zeit gewonnen. Aber ich weiß jetzt schon, dass ich den Typen an der Bar ficken werde. Unsere Blicke begegnen sich.
Er lächelt fragend.


Ich glaube, er heißt Joe. Schwach erinnere ich mich daran, dass er das gesagt hat. Irgendwann zwischen dem letzten Schluck Sekt und dem zweiten Sex. Joe Irgendwas. Und dass er frisch geschieden ist. Komisch, dass ich mich daran erinnere.
Draußen ist es hell. Wie spät mag es wohl sein?
Ich stehe auf und wanke ins Bad. Scheißalkohol. Den Sekt hätte ich weglassen sollen. Oder den Sex. Nein, dann lieber den Sekt. Oh Mann.
Entgegen meiner sonstigen Angewohnheit schaue ich mir die Blondine im Spiegel an. Sie sieht furchtbar aus. Ringe um die Augen, die Haare total wirr, mehr noch als sonst. Sie könnten eine Wäsche vertragen. Die Lippen rissig.
Im Mund habe ich immer noch den Geschmack von Joes Sperma. Ätzend. Beim Sex macht es mich an, aber ich hasse es, wenn es so lange nachschmeckt. Gibt es hier nichts zu trinken?
Ich finde eine Minibar und hole nach kurzem Nachdenken eine Flasche Bier heraus. Bier auf Sperma, nicht die ideale Kombination, aber besser als Cola. Das süße Zeug mag ich eh nicht. Seltsamerweise mochte ich es nie, schon als Kind hatte ich eine Abneigung dagegen, im Gegensatz zu Norman.
Norman.
Scheiße.
„Was ist los?“
Ich blicke zum Bett. Joe stützt sich auf seinen Händen ab, den Oberkörper halb aufgerichtet. Er sieht schon geil aus. Sein 37-jähriger Körper ist gut in Form. Ich werde mich garantiert nicht in ihn verlieben, schon allein, weil ich mich niemals wieder verlieben werde. Aber Sex ist okay.
Allerdings nicht jetzt, nachdem ich an Norman denken musste.
„Ich muss gehen.“
„So früh? Warum bleibst du nicht noch?“
Ich setze mich auf den Bettrand und starre ihn an. „Hör zu, Joe, es hat nichts mit dir zu tun.“
„Aha. Weißt du, dieser Spruch ist echt zum Kotzen. Mit wem denn dann?“
Am liebsten würde ich ihm Zähne ausschlagen. Aber er kann ja nicht wissen, warum ich so reagiere. Er kann auch nicht wissen, dass ich so gut wie nie zum Frühstück bleibe, selbst wenn nicht der plötzlich auftauchende Gedanke an den Tod meines Bruders meine Muschi trockenlegt.
„Vergiss es“, erwidere ich und suche meine Sachen zusammen. „Vergiss es einfach.“
Er beobachtet mich. Ich stelle mich insgeheim darauf ein, dass er etwas versucht, was mich zwingen würde, ihm Schmerzen zuzufügen. Aber zu unserem Glück lässt er es sein. Irgendwie erleichtert mich das. Auch wenn ich mich niemals in ihn verlieben werde, wir hatten dreimal Sex miteinander und ich bin jedes Mal gekommen. Solche Männer sind echt selten.
Trotzdem werfe ich keinen Blick zurück, als ich durch die Zimmertür gehe. Für irgendwelche Beziehungsdramen fehlt mir der Nerv. Er tut mir ja ein bisschen leid, aber er hat seinen Spaß gehabt. Wie ich auch.
Scheiße. Verdammte Scheiße!
Als ich mich ins Auto setze, fällt mir seltsamerweise sein voller Name ein: Joe Montena. Freelancer, geschieden und wohnt wegen eines Jobs im Hotel.
Armes Schwein. Wir haben uns anscheinend gefunden, ohne uns zu suchen.
Ich lasse im CD-Player „Supergirl“ laufen.
„Supergirls just fly.“
Ja, ist klar. Ihr habt ja alle keine Ahnung.
Bevor ich losfahre, zünde ich mir noch eine Zigarette an. In den Hosentaschen sind zwar keine mehr, aber ich finde noch eine ungeöffnete Packung im Handschuhfach. Meine eiserne Reserve. Muss die nachher wieder auffüllen.


Es ist kurz nach halb neun, als ich auf dem Parkplatz des Krankenhauses halte, in dem Savage liegt. Wenig erstaunt nehme ich am Empfang zur Kenntnis, dass ich zu früh bin, die Besuchszeit beginne erst um neun. Auf meine Frage hin erklärt mir die freundliche Dame aber den Weg zur Cafeteria und dass ich dort auch frühstücken kann.
Dass das Frühstück aus gekühlten Automatensandwiches besteht, vergaß sie zu erwähnen. Ist mir eigentlich egal. Hauptsache, etwas zu essen. Einen Kaffee nehme ich auch dazu, obwohl ich es wahrscheinlich bereuen werde. Aber vielleicht hilft er trotzdem. Oder ich werde gerade wegen des Geschmacks wach. Kann auch passieren.
Ich setze mich in eine Ecke, packe mein Sandwich aus und beginne zu essen. Geschmack und Qualität gehen, für ein eingepacktes Sandwich ist es sogar erstaunlich gut. Mit dem Kaffee habe ich nur insofern Glück, dass ich von dem beschissenen Geschmack tatsächlich wach werde. Mir wird sogar fast schlecht. Ob es wirklich am Kaffee liegt oder an den Nachwirkungen der Nacht, ist eine andere Frage.
Auf dem Weg nach oben zu Savage begegne ich im Aufzug dem Lieutenant. Er mustert mich nachdenklich.
„Sie sehen aus, als könnten Sie Schlaf gebrauchen“, bemerkt er dann.
„Ich habe geschlafen“, erwidere ich mürrisch. „Wollen Sie auch zu Savage?“
Er schüttelt den Kopf. „Bin privat hier.“
„Na dann.“ Ich muss vor ihm aussteigen, spüre aber seinen Blick im Rücken. Irgendwie ist er mir nicht geheuer, weiß aber nicht, was mich stört. Vielleicht sein durchdringender Blick.
Savage ist nicht allein. Carola, die Psychologin, ist auch da. Sie begrüßt mich lächelnd.
„Sie sind früh auf, Fiona.“
„Sie auch, Carola.“
„Haben Sie überhaupt geschlafen?“
Ich nicke. Die Details lasse ich lieber weg, außerdem stimmt es. Zwischendurch und zum Schluss. War nicht viel, okay, aber ich habe geschlafen.
Savage hat die Augen geschlossen, aber ich habe das Gefühl, er hört uns zu. Ich setze mich auf einen Stuhl in der Ecke, zwischen Wand und Fenster. Savage hat ein Einzelzimmer, dafür hat mein Vater gesorgt. Seine Mutter könnte das nicht bezahlen, Daddy ist schon vor Jahren unbekannt verzogen.
Carola steht am Kopfendes seines Bettes und schreibt etwas in ein Büchlein.
„Ich habe mal gehört, Psychologen dürfen gar keine Spritze setzen“, bemerke ich.
Sie blickt hoch und mustert mich. „Das ist unterschiedlich geregelt in den verschiedenen Ländern. In Newope dürfen das auch Psychologen, zumindest mit entsprechenden Zusatzkursen. Davon abgesehen bin ich Psychologin und Psychiaterin, und Ärzte dürfen das überall.“
„Aha. Wieder was gelernt.“
„Wie geht es Ihrer Mutter?“
„Gut, glaube ich. Ich meine, den Umständen entsprechend. Ich war letzte Nacht nicht zu Hause. Aber ich glaube schon. Mein Vater wird auf jeden Fall dafür sorgen.“
„Da ist viel Spannung zwischen Ihnen und Ihrem Vater.“
„Ja.“
Sie nickt und vertieft sich wieder in ihrem Büchlein.
Mir fällt etwas ein und ich gehe, sage ihr aber beim Rausgehen, dass ich gleich wiederkomme. Eigentlich ist das für Savage, denn ich hoffe, dass sie bis dahin fort ist. Sie hat auch so einen seltsam durchdringenden Blick wie der Lieutenant. Ich hasse das, wenn die Leute versuchen, meine Gedanken zu erraten.
Ich gehe in die Bücherei und stöbere herum. So genau weiß ich nicht, was ich suche. Irgendetwas, womit ich Savage erreichen könnte. Aber womit erreicht man einen Dreizehnjährigen, der gestern mitansehen musste, wie sein bester Freund von einem Geländewagen plattgewalzt wurde?
Ich verharre kurz bei den Märchenbüchern. Als Kind habe ich sie gerne gelesen, bis ich vier war. Als ich in die Schule kam, fand ich die Bücher für Erwachsene spannender. Als meine Mutter allerdings Nabokov bei mir fand, gab es Ärger. Damals habe ich nicht verstanden, wieso eigentlich. Ich fand es sehr interessant, wie der Erzähler seine Beziehung zu der Zwölfjährigen beschreibt. Und was ein Orgasmus ist, wusste ich als Sechsjährige nicht. Jedenfalls durfte ich danach nur noch gefiltert lesen: Jedes Buch, das ich aus dem heimischen Buchregal holte, musste ich meiner Mutter vorlegen. Hemingway war teilweise erlaubt, Nabokov aus erwähnten Gründen nicht, Raymond Chandler wieder doch. Okay, Nabokov und Chandler haben nicht viel miteinander gemeinsam. Ich fand beide sehr düster, was mich nicht unbedingt abgeschreckt hat.
Jetzt, mit 23, werde ich einen Teufel tun und Savage „Lolita“ bringen. Der depressive Privatdetektiv wäre schon eher was für ihn, aber nicht jetzt, nicht in dieser Situation.
Schließlich entscheide ich mich für ein Buch mit Bildern von Engeln. Keine Ahnung, ob das nicht zu zynisch ist. Ich glaube schon, aber im Vorwort heißt es, dass dieses Buch Trost spenden soll, wenn man einen Verlust erlitten hat. Und irgendwie mag ich Engel. Sie können fliegen, genau wie Supergirl.
Carola ist tatsächlich fort, als ich wieder ins Krankenzimmer komme. Savage sieht mich regungslos an. Immerhin, er scheint wach zu sein.
Ich halte das Buch hoch. „Habe dir was besorgt.“
„Was ist das?“
„Ein Buch. Über Engel.“
„Bist du auch ein Engel?“
„Ich? Ganz bestimmt nicht. Du weißt doch, wer ich bin?“
Er nickt.
Ich lege das Buch auf sein Nachtschränkchen und setze mich neben dem Bett auf einen Stuhl.
„Wie geht es dir, Sava?“
Sein Blick wandert durch den Raum, ohne dass der Kopf sich bewegt. Schließlich kommt er in meinem Gesicht zur Ruhe.
„Baby, join me in death“, sagt er dann.
„Wie, was?“
„Das ist aus einem Lied. Kannst du es mir besorgen?“
Ich denke fieberhaft nach. Es kommt mir bekannt vor, und als es mir endlich einfällt, dass das fast der Titel ist, bin ich mir gar nicht sicher, ob dieses Lied gerade jetzt das Richtige für ihn sein könnte.
„Es ist … ein ziemlich trauriges Lied.“
„Ich weiß. Besorgst du es mir?“
Ich atme tief durch. Am liebsten würde ich Nein sagen, aber ich will etwas von ihm. Und dazu muss ich mir sein Vertrauen erarbeiten.
„In Ordnung“, antworte ich schließlich.
„Wann?“
„Gleich. Wenn wir fertig sind, gehe ich und besorge es.“
„Wir sind fertig“, sagt er und schließt die Augen.
Ich starre ihn entgeistert an. Was war das denn? Schließlich atme ich erneut tief durch. Ich werde nicht mit einem traumatisierten Kind diskutieren.
Und was bist du?
Ich ignoriere die innere Stimme diesmal, verlasse das Krankenhaus, steige in mein Auto und fahre in die Stadt, um die scheißverdammte CD und einen CD-Player zu besorgen.

Samstagvormittag und das Einkaufszentrum ist voll. War eine bescheuerte Idee, hierher zu kommen. Auf der Infotafel suche ich mir das nächstbeste Geschäft aus, das CDs verkauft. Und die Geräte zum Anhören. Aber ich habe Pech. HIM ist einfach zu exotisch hierzulande. Ich denke kurz darüber nach, wieso ich nur so exotische Sachen höre. Andererseits stimmt das auch wieder nicht, vieles von dem, was es in dem Laden gibt, kenne ich durchaus.
Ich frage nach, ob sie denn wüssten, wo ich speziellere Musik bekommen kann. Sicherheitshalber nehme ich von hier einen CD-Player mit.
Sie empfehlen mir einen Laden eine Etage tiefer. Jene ist etwas düster, was damit zu tun hat, dass man sich hier auf Gothic spezialisiert hat. Das ist schon mal vielversprechend, so was wie HIM sollten sie ja dann haben.
Haben sie auch. Aber nur das Album, keine Single. „Razorblade Romance“. Echt toll. Als ich die CD in der Hand halte, denke ich noch einmal darüber nach, ob ich das wirklich tun soll. Kann dies das Richtige für einen Jungen wie Sava sein? Jetzt?
Schließlich nehme ich sie, beschließe aber, sie mir zuerst anzuhören. Nach meiner Flucht aus dem Einkaufszentrum fahre ich nach Hause und gelange unbemerkt in mein Zimmer. Für alle Fälle drehe ich den Schlüssel um, bevor ich die CD einlege und mich mit untergeschlagenen Beinen auf das Bett setze, um die CD mit Kopfhörern anzuhören.
Sie macht mich aggressiv, allerdings gehört dazu in der momentanen Situation nicht viel. Mich umbringen? Nicht wegen dieser Musik. Generell finde ich den Gedanken schon faszinierend, allerdings schreckt mich die Endgültigkeit ab. Ich würde schon gerne wissen, wie sich das Sterben anfühlt. Und was danach kommt. Wenn überhaupt. Zu blöd, dass man es nicht mal unverbindlich ausprobieren kann. Okay, so wie in „Flatliners“, aber eine sichere Methode ist das ja auch nicht gerade.
Wie auch immer, ich glaube eher nicht, dass die Lieder die Gefahr eines Suizids bei Sava erhöhen. Ich persönlich würde eher weglaufen wollen, bei einigen zumindest.
„Join me“ finde ich aber gar nicht so übel. Nicht wegen des Todeswunsches. Aber mich kotzt auch alles an. Fast alles. Vieles jedenfalls. Diese Stimmung wird gut eingefangen.
Ich ziehe mich aus und dusche. Dabei lasse ich meinen Mund mit Wasser volllaufen und hoffe, endlich diesen beschissenen Spermageschmack loszuwerden. Unglaublich, wie hartnäckig er ist. Das ist doch nicht normal.
Ich ziehe kurze Jeans an, Stiefeletten und ein bauchfreies Top mit Spaghettiträgern. Weniger für Savage, aber ich habe nicht vor, den Abend zu Hause zu verbringen und nochmal nach Hause kommen will ich auch nicht.
Beim Gehen habe ich weniger Glück als vorhin. Mein Vater kommt gerade aus der Küche und hat zwei Tassen bei sich.
„Deine Mutter ist wach“, sagt er mit einem missbilligenden Blick auf meine Kleidung.
Ich bleibe unschlüssig stehen. Die CD halte ich so, dass er den Titel nicht erkennen kann.
„Willst du sie nicht wenigstens begrüßen?“
Seufzend gehe ich an ihm vorbei in das Wohnzimmer. Meine Mutter sitzt auf der cremefarbenen Couch mit hochgelegten Beinen und zugedeckt. Sie sieht aus, als hätte sie sehr viel geweint, aber ihr Blick ist klar.
Ich beuge mich über sie, um sie zu umarmen.
„Willst du weg?“, fragt sie dann.
„Ja.“
„Bleib doch lieber hier.“
„Mama, ich kann nicht.“
„Und warum nicht?“, mischt sich mein Vater ein. „Überhaupt, wie läufst du herum? Gestern ist dein Bruder gestorben und du siehst aus wie eine …“
„Jason!“ Meine Mutter starrt ihn entsetzt an, das lässt ihn verstummen.
Und mir reicht es schon wieder.
„Bis irgendwann mal“, sage ich und laufe nach draußen.
Zum Kotzen!


Im Krankenzimmer von Sava hat sich nichts verändert. Außer dass keine Sonne mehr reinknallt, aber es ist ja auch mittags. Dafür ist es draußen verdammt heiß. Hier drin nicht. Hier läuft ja auch die Klimaanlage. Es ist fast so kalt wie in der Leichenhalle, in der wir Norman gesehen haben.
Ich atme tief durch.
Savage öffnet die Augen und beobachtet mich. Ich gehe um das Bett herum und setze mich zwischen ihm und dem Fenster auf einen Stuhl. Der Blick des Jungen irritiert mich etwas. Aber vielleicht sind nur meine Nerven zu angespannt, was kein Wunder wäre.
„Hast du es?“, fragt Sava.
Ich nicke und halte die Stofftasche hoch, in die ich alles gepackt habe. Dann hole ich den CD-Player und die CD heraus, lege die CD ein und reiche das Gerät Sava. Er nimmt es, legt es sich auf die Brust und den Kopfhörer auf den Kopf. Er stellt die Musik so laut, dass auch ich sie gut hören kann.
Ich betrachte ihn eine Weile, bevor ich aufstehe und zum Fenster spaziere. Von hier aus kann ich den Park einsehen, dahinter den Parkplatz. An einigen Stellen scheint die Luft zu vibrieren, so heiß ist es.
„SEV-09-6.“
Ich erstarre. Mir ist sofort klar, was das bedeutet. Da er mit niemandem außer mir geredet hat, bin ich außer Savage die Einzige, die jetzt das Kennzeichen kennt. Und mir ist auch klar, dass er will, dass es so bleibt.
Warum?
Ich drehe mich langsam um und sehe ihn an. Seine Augen sind geschlossen, die Hände liegen auf dem Bauch. Vielleicht habe ich es mir nur eingebildet? Doch dann öffnet er die Augen und erwidert kurz meinen Blick.
Wie in Trance verlasse ich ihn und gehe nach unten, steige in mein Auto ein und fahre los. Keine Ahnung, wohin ich fahren soll. Nur weg. Irgendwohin.
Irgendwann bin ich an der Küste, hinter dem Hafen. Links geht es hoch zu Old Town, zu King Valley, nach Hause. Rechts das Meer. Die Strände sind voll.
Ich parke und bleibe kurz im heißen Auto sitzen. Warum zum Teufel bin ich hergefahren? Ich betrachte im Rückspiegel das Haus, in dem ich vor Jahren schon mal war. Ich könnte aussteigen und klingeln, und wenn er aufmacht, würde er mich sicher einladen. Doch will ich das? Nach Phils Tod hatte ich mir geschworen, mich niemals wieder zu verlieben. Und das weiß er, ich habe mit offenen Karten gespielt. Es war eine Nacht, mehr nicht.
Schließlich steige ich aus, weil es im Auto unerträglich wird, aber ich gehe nicht zum Haus. Ich spaziere weiter in die Richtung, in die ich gefahren bin, bis ich an unserem Lieblingscafé bin. Am Zaun zögere ich kurz. Hier waren wir oft mit Norman, als Familie, oder nur er und ich. Sie werden mich sofort erkennen.
Nein, das kann ich jetzt nicht.
Ich gehe zurück zum Auto, steige ein und fahre nach Hause.


James ist im Garten. Er trägt auch kurze Jeans, dem Wetter angepasst. Und der Tatsache, dass er Gartenpflege betreibt. Als er sich aufrichtet, starre ich unwillkürlich seinen muskulösen Bauch an, bis er sich sein T-Shirt überstreift.
„Leslie ist nicht da“, sagt er dabei und wirkt amüsiert.
„Egal, ich will zu dir.“
„Zu mir?“, erwidert er und zieht eine Augenbraue hoch. Na ja, für mich sieht es so aus, als hätte sie sich bewegt. Ein bisschen zumindest.
„Du hast doch noch Kontakte zum Geheimdienst, oder?“
„Habe ich das?“
„Hast du nicht?“
„Vielleicht. Warum?“
Ich atme tief durch. Was zum Teufel mache ich hier eigentlich? Doch dann fällt mir wieder ein, wie das, was von Norman übrig geblieben ist, ausgesehen hat.
„Ich brauche den Halter dieses Wagens.“ Dabei gebe ich ihm den Zettel, auf den ich das Kennzeichen geschrieben habe, das mir Savage genannt hat.
Er nimmt ihn und mustert mich. Schließlich dreht er sich wortlos um. Ich beobachte ihn, als er ins Haus geht. So gern würde ich glauben, dass er kein Arschloch ist. So wie ich keine Lolita. Ihm sieht man sein Alter nicht an, aber ich kenne es natürlich. Obwohl es sieben Jahre her ist, dass wir ein einziges Mal Sex miteinander hatten, erinnere ich mich verdammt gut an jedes Detail von ihm. Wer von uns war nachher wohl mehr erschrocken? Er oder ich? Danach habe ich ihn heimlich beobachtet, wollte wissen, ob er uns alle verarscht und in Wirklichkeit auf junge Mädchen steht. Aber entweder ist er der beste Schauspieler der Welt oder er will normalerweise wirklich nichts von Sechzehnjährigen.
Und wenn ich ganz ehrlich bin, ging es ja von mir aus. Allerdings weiß ich bis heute nicht, welcher Teufel mich damals geritten hat. Die Tatsache allein, dass er gut aussieht, kann es nicht gewesen sein. Ich hatte sicher keinen sexuellen Notstand und ich hätte so gut wie jeden Mann haben können.
Scheiße.
Als er zurückkommt, reicht er mir den zusammengefalteten Zettel.
„Du gehst damit zur Polizei?“
Ich nicke.
Er sieht nicht so aus, als würde er mir glauben. Für einen Moment befürchte ich, er will mir den Zettel wieder abnehmen. Das könnte lustig werden. Er sieht immer noch fit aus und als Geheimagent dürfte er Nahkampf gelernt haben. Kann sein, dass er mir den Zettel wegnehmen könnte.
Vielleicht.
„Also gut, ich vertraue dir. Enttäusche mich nicht, okay?“
„Okay“, erwidere ich.
„Und noch was.“
„Ja?“ Will er mich küssen? Sex? Ich weiß nicht, ob ich widerstehen könnte.
„Das war das letzte Mal. Und das meine ich ernst.“
„Okay“, wiederhole ich. „Und danke.“
„Ah, dieses Wort kennst du? Du erstaunst mich.“
Arschloch. Ich hätte dich fast gemocht. Aber natürlich sage ich das nicht. Erstens stimmt es nicht und zweitens könnte er doch noch auf die Idee kommen, mir den Zettel wieder abnehmen zu wollen. Und ich will wirklich nicht austesten, ob der Vater meiner besten Freundin besser Nahkampf kann als ich.
„Ich mich manchmal auch“, erwidere ich, dann drehe ich mich um und gehe schnell, bevor etwas passiert, was ich bereuen würde.
Ich spüre seinen Blick auf mir. Es wäre vielleicht besser gewesen, mich umzuziehen. Die Jeans sind verdammt kurz, ich weiß. Gut, um einen Kerl in der Disco aufzureißen, aber schlecht, wenn James mich so anstarrt.
Vor dem Haus bleibe ich stehen und atme tief durch. Warum macht es mir so viel aus, dass er mich so ansieht? Er ist mir egal. Nein, egal nicht, schließlich ist er Leslies Vater. Er ist okay. Zu blöd, dass mir klar ist, wieso er mich so ansieht. Nur mich.
Scheiße. Ich wünschte, es wäre mir wirklich egal.

Ich starre den Zettel an. Charles Brodwich heißt der Besitzer des Geländewagens, mit dem Norman getötet wurde. Der Name sagt mir gar nichts, aber das ist kein Wunder. Skyline ist eine Millionenmetropole, ich kann nicht alle Einwohner kennen. Klar, zufällig hätte ich ihn kennen können.
Ich hebe den Blick und schaue auf das Meer hinaus. Die Bäume an der Mauer entlang, die den Parkplatz vom Ufer abgrenzt, spenden etwas Schatten. Die grantige Kante schneidet in meine Oberschenkel, wie mir plötzlich bewusst wird, also stelle ich die Füße auf die Mauer und stütze das Kinn auf die Knie. Meine Beine sind nass vor Schweiß und jetzt auch mein Top.
Und nun, du Schlaukopf? Fährst du zu dem Kerl hin und fragst ihn, ob er deinen Bruder totgefahren hat? Und wenn er Ja sagt? Schlägst ihn dann tot?
Das könnte ich, erwidere ich mir mürrisch.
Vielleicht. Du hast ja keine Ahnung, wer oder was er ist. Möglicherweise kann er auch Karate. Oder ist bewaffnet. Oder …
Halt die Klappe!
Ich blicke mich um. Nachdem ich von James den Namen bekommen habe, bin ich wieder zurück an die Küste gefahren und habe mir einen schattigen Parkplatz gesucht. Was gar nicht so einfach war, halb Skyline ist hier. Kein Wunder. Samstag, Nachmittag und heiß. Die Eisdielen sind überfüllt, die Strände auch. Auf dem mit Gras bewachsenen Küstenstreifen zu meinen Füßen liegt niemand. Zu steil und außerdem für Badende gesperrt.
Oh Mann. Gestern klang das noch so einfach. Finde ihn. Töte ihn.
Gefunden habe ich ihn ja. Fast. Er steht im Telefonbuch, also kenne ich auch seine Adresse. Er wohnt in South Village. Nicht gerade der beste Bezirk. Das ist auch so eine Sache. Will ich wirklich dorthin? Egal, wie gut ich kämpfen kann, die Jungs dort sind eine eigene Liga. Nicht selten mit Schusswaffen im Hosenbund.
Aber er hat Norman getötet. Mit Absicht. Dessen bin ich mir inzwischen ganz sicher. Er ist mehrmals über ihn hergefahren. Das war kein Unfall. Und auch das Verhalten von Savage ist zumindest eigenartig. Dass er unter Schock steht, ist das Eine. Dass er mir das Kennzeichen gibt, das Andere. Ich habe seinem Blick angesehen: Töte ihn. Da war der Befehl wieder.
Scheiße.
Okay, denk nach. Was hast du zu verlieren?
Die Freiheit? Oder das Leben?
Mal ehrlich, findest du dieses Leben wirklich so toll?
Es gibt auch schöne Momente!
Und ich unterhalte mich in Gedanken schon wieder mit mir, als wären da zwei Fionas in mir. Eine vernünftige und eine wilde. Wobei ich mir gerade nicht sicher bin, wer welche ist.
Ich lege mich mit dem Rücken in Längsrichtung auf die Mauer und zünde mir eine Zigarette an. Zwischen den Blättern hindurch erkenne ich den gleißend blauen Himmel. Und den weißen Kondensstreifen eines Flugzeugs. Er fliegt hoch, ist weder jetzt gestartet noch im Landeanflug. Aber es gibt ja auch in anderen Städten Flughäfen, nicht nur in Skyline.
Okay, jetzt mal zurück zu meinem Problem. Ich habe ein Kennzeichen, einen Namen und eine Adresse. Der Mann, dem das alles gehört, hat möglicherweise meinen Bruder getötet, und wenn, dann vermutlich mit Absicht. Ich weiß nicht, ob er das war. Er könnte sein Auto ja auch verliehen haben.
Nehmen wir einmal an, ich finde irgendwie heraus, dass er es tatsächlich war.
Was zum Teufel mache ich dann? Bin ich tatsächlich in der Lage, ihn zu töten? Gesetzt den Fall, ich kann es, so rein technisch gesehen. Er könnte schließlich ein Gangster sein. Bei seiner Wohngegend nicht ausgeschlossen. Oder irgend so ein Schlägertyp. Okay, dann werde ich mit ihm fertig. Im Nahkampf nehme ich es mit den meisten Männern auf, das weiß ich aus Erfahrung. Ich bin schnell und treffe sehr genau.
Und ich weiß, wie man einen Menschen mit den bloßen Händen töten kann. Aber ich bin keine Mörderin. Ich habe noch nie einen Menschen getötet. Verletzt, okay, aber nur, um jemanden oder mich zu beschützen.
Er hat Norman getötet.
Ist zweimal über ihn drüber gefahren.
Er. Hat. Meinen. Bruder. Getötet.
„Was machen Sie da?“
Ich zucke zusammen, dann starre ich den Polizisten an, der neben der Mauer steht und mich beobachtet.
„Ich … ich rauche.“
„Was?“
„Eine Zigarette?“
„Geben Sie mal her!“
Ich reiche ihm den Rest meiner Kippe. Er riecht daran, dann gibt er sie mir zurück.
„Okay. Ich möchte Sie bitten, von der Mauer runterzukommen.“
Ich denke kurz darüber nach, ihn zu fragen, was er dagegen hat, dass ich die Mauer bewache, aber schließlich entscheide ich mich dagegen. Im Moment möchte ich bei der Polizei lieber nicht unangenehm auffallen.
Also nicke ich, setze mich auf und springe auf den Boden.
„Was haben Sie da überhaupt gemacht?“ Er klingt freundlicher als gerade eben noch.
„Keine Ahnung. Habe es zu Hause nicht ausgehalten.“
„Streit mit dem Freund?“
Ich verneine kopfschüttelnd. „Mit meinem Vater. Außerdem wurde mein Bruder gestern getötet.“
„Das tut mir leid“, sagt er nach einer kurzen Pause. „Dieser Junge, der vom Geländewagen …?“
Ich nicke langsam.
„Eine traurige Sache. Mein herzliches Beileid.“
„Danke.“
„Sie sollten nicht hier alleine sein. Es gibt doch bestimmt jemanden, zu dem Sie gehen können.“
„Keine Ahnung. Vielleicht. Aber jetzt bin ich lieber allein. Oder ist das verboten?“
Er schüttelt den Kopf. „Natürlich nicht. Ich dachte nur, dass es vielleicht besser wäre. Aber es ist Ihre Sache, natürlich.“
„Danke. Ich fahre dann mal.“
Zum Glück fragt er nicht, wohin. Besser so, sonst müsste ich ihn anlügen. Er würde mich wohl kaum gehen lassen, wenn ich ihm sage, dass ich jemanden töten will. Unabhängig davon, dass ich mir dessen gerade gar nicht so sicher bin. Aber auch das möchte ich ihm nicht sagen. Niemandem eigentlich. Nicht einmal mir.
Ach, verdammte Scheiße.
Ich steige in mein Auto ein, drücke im Aschenbecher die kümmerlichen Reste der Zigarette aus, zünde eine neue an und fahre los, alles streng überwacht vom Polizisten. Warum eigentlich? Denkt er ernsthaft, ich wollte mich von den Klippen stürzen? Zwei Meter? Oder wie? Oder ins Wasser gehen? Oder mit einem Kopfsprung von der Mauer ins Meer springen? Ich meine, die zwei Meter schafft ja sogar ein Kleinkind problemlos.
Nur, wohin jetzt?
Erst einmal fahre ich Richtung South Village und halte auf dem Parkplatz vor einer Bar. Eigentlich ist die Bar auf der gegenüberliegenden Straßenseite, und der Asphalt ist heiß. Die Luft darüber flimmert.
In der Bar läuft die Klimaanlage, es ist fast kalt. Aber nur fast.
Ich setze mich auf einen Barhocker und mustere den Barkeeper, einen jungen, rotblonden Kerl, der interessiert zurückmustert. Mir wird bewusst, dass ich suboptimal angezogen bin für diese Gegend. Hier bin ich keine Rebellin, sondern eine Nutte in diesem Aufzug.
Scheiß drauf, ist jetzt auch egal.
„Zu heiß zum Arbeiten?“, fragt der Rotblonde grinsend.
„Sind wir irgendwie verwandt?“
„Nein, ich glaube nicht. Wieso?“ Er wirkt erstaunt.
„Warum quatscht du mich dann blöd an? Gib mir einen Scotch und lass mich in Ruhe, okay?“
Für einen Augenblick sieht er aus, als würde er gleich etwas ganz Anderes tun. Die wenigen Gäste der Bar amüsieren sich anscheinend bestens. Schließlich grinst der Rotblonde wieder, diesmal etwas gezwungen.
Und er gibt mir meinen Drink, ohne ein weiteres Wort.
Ich trinke das Glas in einem Zug leer und schiebe es ihm hin. Wortlos füllt er es nach und schiebt es vor mich. Diesmal warte ich mit dem Trinken.
Von hier aus würde ich keine fünf Minuten zu Brodwich brauchen. Und ich hasse es, wenn ich so unentschlossen bin. Obwohl, unentschlossen bin ich gar nicht. Ich habe nur Angst. Vor was eigentlich?
Davor, selber getötet zu werden? Klar, wenn er meinen Bruder ermordet hat, dürfte er kein Problem damit haben, mich auch zu beseitigen. Dass er niemand ist, der viel nachdenkt, ist offensichtlich. Würde Savage nicht so hartnäckig schweigen, hätte die Polizei ihn schon längst geholt. Natürlich nur, wenn er auf sie wartete. Was nicht sicher ist. Kann sein, dass er schon abgehauen ist. Dann mache ich mir völlig überflüssigerweise Gedanken.
Oder er ist wirklich ein Vollidiot ohne Skrupel. In dem Fall sollte ich wirklich Angst haben. Solche Leute sind gefährlich. Sie denken nicht darüber nach, welche Folgen ihr Handeln hat, weil es ihnen vollkommen egal ist. Ich muss das wissen, solche Anwandlungen habe ich auch.
Wenn er auf mich losginge, könnte ich mich dagegen wehren? Frei von jeder Skrupel? Nicht die Schläge abbremsen wie beim Training, sondern alles voll durchziehen?
Ich trinke mein Glas leer und schiebe es wieder in Richtung des Rotblonden.
„Bist du sicher?“, fragt er.
„Ich glaube das einfach nicht. Wenn wir nicht miteinander verwandt sind, kannst du nicht mein Vater sein. Oder habe ich gerade Halluzinationen?“
Einige in der Nähe grinsen, aber er findet es nicht witzig.
„Hör zu, geh lieber, bevor ich meine Geduld verliere. Hast du überhaupt Geld?“
Ich krame in meiner Hosentasche und lege einen Haufen zerknüllter Geldscheine auf die Theke.
„Reicht das?“ Es sind, grob geschätzt, dreihundert Newoper Dollar.
Er nimmt einen Zehner, legt stattdessen das Wechselgeld hin und sagt: „Jetzt hau ab.“
Die Gäste beobachten mich neugierig. Ich sollte ihm die Zähne ausschlagen, und kurz denke ich sogar ernsthaft darüber nach. Doch dann siegt die vernünftige Fiona.
Erstens hast du noch nie jemanden verprügelt, der dich nicht angegriffen hat. Bloß weil er blöd ist, kannst du ihn nicht schlagen. Dann müsstest du ja fast jeden Menschen durchprügeln.
Zweitens könntest ja mal an jemanden geraten, der besser ist als du.
Na ja, das ist aber nicht sehr wahrscheinlich, und das weißt du auch.
Ja ja, du eingebildete Idiotin. Okay, und drittens ruft jemand die Polizei und das war es mit deinem Rachefeldzug.
Okay, das ist ein Argument.
Ich nehme mein Geld und stopfe es wieder in meine Hosentasche. Nach einem Ich-könnte-dich-töten-aber-du-hast-nochmal-Glück-gehabt-Blick auf den Jungen verlasse ich die Bar und bleibe draußen stehen.
Und jetzt?
Ich spüre, dass ich jetzt wütend bin. Irgendjemand muss leiden. Wer ist dafür besser geeignet als Brodwich? Niemand.
Ich lasse mein Auto stehen und gehe zu Fuß. Nach Möglichkeit im Schatten.
Die Adresse, die ich gefunden habe, ist ein mehrstöckiges Wohnhaus mit einem Blumengeschäft im Erdgeschoss. Passt ja echt gut, hier werde ich Blumen für seinen Grab bestellen.
Die Tür ist nicht ganz zu, ich betrete den muffigen Hausflur. Einen Aufzug gibt es, aber ich nehme lieber die Treppe. Außerdem muss ich eh nur eine Etage höher.
Hier gibt es vier Wohnungen, an einer steht Brodwich. Kein Vorname. Irgendwie hingekritzelt, das spricht für meine Nicht-sehr-intelligent-Theorie.
Ich atme tief durch, dann drücke ich die Klingel und trete sicherheitshalber auch noch ein paarmal gegen die Tür.
Danach passiert – erst einmal gar nichts.
Verdammt!
Ich wiederhole die Prozedur. Nach ein paar Sekunden wird die Tür nebenan aufgerissen und eine Frau, grob geschätzt Ende 50, starrt mich aufgebracht an.
„Was soll das?!“
„Ist er da?“
Sie mustert mich von Kopf bis Fuß. „Was willst du denn von ihm? Sonst bestellt er doch seine Nutten auch nicht tagsüber her.“
Schon wieder werde ich für eine Hure gehalten. Das sollte mir zu denken geben. Es kann doch unmöglich nur an der Kleidung liegen, zumal ich mir nicht vorstellen kann, dass Nutten in solche Stiefeletten herumlaufen. Okay, die ziemlich kurzen Jeans und das Top passen vielleicht. Trotzdem, aus der Zeit mit Greg weiß ich, dass ich keine typische Arbeitskleidung einer Prostituierten trage.
„Ich will nur mit ihm sprechen“, erwidere ich. „Bin keine Hure.“
„Ja, klar. Dann versuchs mal im ‚Derek‘, um die Zeit ist er oft da.“ Und knallt die Tür zu.
Na toll. Und jetzt?
Ich gehe nach draußen und setze mich auf die Bordsteinkante. Dann wird mir bewusst, wie das aussieht, und ich stehe wieder auf. Nach kurzem Zögern gehe ich einfach los. Da ich von links gekommen bin, gehe ich nach rechts.
Wenn ich „Derek“, vermutlich eine Kneipe, innerhalb der nächsten Viertelstunde finde, dann gehe ich hinein. Was ich dann mache, weiß ich zwar noch nicht, aber das sehe ich ja dann.
Und wenn ich es nicht finde, gehe ich zurück zum Auto, fahre nach Hause, schnappe mir meinen besten Freund Johnny und betrinke mich, egal, was mein Vater davon hält.
Und gebe der Polizei das Kennzeichen.
Vielleicht auch andersherum. Obwohl, vielleicht komme ich ins Gefängnis, für das Vorenthalten von Informationen. Ich sollte mich zuerst besaufen und dann …
„Derek“.
Ist tatsächlich eine Kneipe.
Aus den gekippten Fenstern dringt der typische Lärm. Voll scheint es nicht zu sein, aber es sind schon einige Leute drin.
Ich blicke mich um. In der Hitze niemand auf der Straße, von einer dämlichen Blondine mal abgesehen.
Es sieht nicht sehr einladend aus. Ob ich gleich da liegen werde, verprügelt oder gar totgeschlagen? Oder nackt und vergewaltigt?
Puh.
Ich atme tief durch, dann betrete ich die Höhle des Löwen.
Drinnen ist es angenehm kühl. Sieht sauber aus, aber es stinkt nach Alkohol und Tabak. Hauptsächlich nach Zigaretten, aber auch Zigarrengestank ist dabei.
Ich zähle schnell die Leute. Neun, einschließlich des vierschrötigen Barkeepers. Alle sehen irgendwie gefährlich aus. Nicht wie diese jugendlichen Gangmitglieder, mit denen ich herumhing, als ich mit Greg zusammen war. Schon die wären unangenehm. Aber diese Kerle hier sind es gewohnt, dass es auch mal Tote gibt.
Ich bin wahnsinnig, aber so richtig.
Alle Augen richten sich auf mich, während ich zur Bar gehe. Vermutlich passe ich hier hinein wie ein Eisbär in eine Bar auf Hawaii. Oder so ähnlich. Wie komme ich grad auf einen so bescheuerten Vergleich?
Ich rutsche auf einen Hocker, neben einem rotblonden Kerl, der mich aus braunen Augen amüsiert ansieht. Seine muskulösen Unterarme sind tätowiert.
„Hast du dich verirrt?“, erkundigt er sich.
„Wenn ich mir dich so ansehe, dann ja“, erwidert jemand, den ich nicht kenne, mit meiner Stimme. Hey, hallo? Bist du wahnsinnig? Lebensmüde?
Der Rotblonde lacht nur. „Verpiss dich besser, Baby. Noch habe ich gute Laune.“
„Erst will ich Charles Brodwich sprechen. Ist er hier?“
Jetzt wird er schlagartig ernst. Nicht nur er, alle anderen auch.
„Was willst du von ihm?“
Ein anderer ruft einem riesigen Glatzkopf zu: „Hey, hast du echt eine Nutte hierher bestellt?“
Ich starre den Kerl an, der Brodwich zu sein scheint. Heute hat sich wohl alles gegen mich verschworen. Er ist groß, durchtrainiert, glatzköpfig, gepierct, trägt ein Body-Shirt und eine Armeehose. Wenn ich gegen seine Bauchmuskeln schlage, breche ich mir die Finger. Dabei kann ich dicke Bretter und Steine zertrümmern, aber das kann er wahrscheinlich auch. Mit der Stirn.
Verdammte Scheiße.
Er steht auf und kommt zu mir, bleibt neben mir stehen, fast auf Tuchfühlung. Riecht gut, nach irgendeinem sportlichen Duschzeug. Unter anderen Umständen, auf einer Party, würde er vielleicht sogar mir gehören, nach dem fünften Glas Whisky.
Nochmal Scheiße. Er hat vielleicht meinen Bruder umgebracht.
„Hast du meinen Bruder getötet?“
Seine Augenbrauen laufen nach oben. „Wen?“
„Meinen Bruder. Norman Carter.“
„Du spinnst wohl. Verpiss dich hier!“ Und um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, packt er mich an den Oberarmen und hievt mich vom Hocker, dann stellt er mich auf die Füße und gibt mir einen Stoß Richtung Tür.
Ich fange mich und fahre herum. Spüre förmlich, wie irgendwo eine Sicherung durchbrennt, tief in mir. Die vernünftige Fiona will etwas sagen, aber sie wird von derjenigen, die jetzt das Sagen hat und die mir völlig fremd ist, gnadenlos in eine dunkle Ecke verbannt.
„Du bist ja immer noch da“, sagt Brodwich grinsend.
Dann vergeht ihm das Grinsen. Ich springe aus dem Stand hoch, drehe mich um die eigene Achse und treffe mit dem Absatz seine Nase. Die Wucht schleudert ihn gegen die Theke, er rudert wild mit den Armen und fällt dann um, mehrere Hocker mit sich reißend.
Meine Absicht, mich auf ihn zu stürzen, um die Wahrheit aus ihm herauszuprügeln, wird vom Rotblonden durchkreuzt. Er packt mich am rechten Oberarm und zieht mich zurück. Allerdings nur bis zu dem Zeitpunkt, als meine linke Faust seine Nase trifft. Und um sicherzugehen, jage ich ihm noch das Knie in die Weichteile. Aufjaulend krümmt er sich nach vorne, aus seiner Nase spritzt Blut.
Damit habe ich wohl jeden in der Kneipe gegen mich aufgebracht, jedenfalls erheben sich die anderen sechs ziemlich hastig und der Wirt hält plötzlich einen Stock in der Hand. Vielleicht einen Baseballschläger, keine Ahnung, mir fehlt die Zeit, das Ding genauer anzuschauen, denn ich sehe mich sechs entschlossen dreinblickenden Jungs gegenüber, die ihre eh kaum vorhandene Hemmung, eine Frau zu schlagen, gerade ganz abgelegt haben.
Der Rotblonde ist außer Gefecht, Brodwich noch nicht wieder einsatzfähig und auch kaum in der Lage, wegzurennen.
Na dann.
Von rechts kommen zwei, von links vier Jungs. Zum Glück für mich nicht besonders koordiniert, sonst hätte ich vermutlich nicht einmal die klitzekleine Chance, die ich mir hastig ausrechne.
Ich wende mich schnell nach rechts, weil sie damit nicht rechnen. Ein etwas kleinerer Typ in Jeans und T-Shirt, extrem muskulös. Er darf mich nicht in die Finger kriegen, und mein Tritt in seine Eier verhindert es, mit voller Kraft, ungebremst, was bei meiner Technik nach über zehn Jahren Kampfsport jeden Kerl für Stunden außer Gefecht setzen würde.
Ihn auch. Er schafft es nicht einmal, einen Laut von sich zu geben. Er verfärbt sich unglaublich schnell, wird erst weiß, dann blau, bevor er stumm auf die Knie und dann nach vorne fällt.
Noch sechs, mit dem Wirt. Nicht einmal die Hälfte geschafft. Das wird hart.
Der andere von rechts ist drahtig, wie Dick und Doof. Und er ist doof. Aber nicht doof genug. Jedenfalls scheint er zu kapieren, dass ich nicht einfach nur Glück habe, sondern gelernt habe, zu kämpfen.
Er packt den nächstbesten Stuhl und wirft ihn nach mir. Zwar kann ich ihm ausweichen, aber das lenkt mich ab, dadurch schafft es einer von der anderen Seite, mir einen Stoß zu verpassen, der mich geradewegs in die Arme von Doof treibt.
Er dreht mich um und legt seinen Arm um meinen Hals. Sein Unterarm drückt gegen meine Kehle und schnürt mir die Luft ab.
„Das reicht jetzt aber“, keucht er.
Ich starre den Kerl an, der mich in seine Arme gestoßen hat. Er ist jung, höchstens in meinem Alter. Narben in seinem Gesicht zeugen davon, dass er schon Straßenkämpfe ausgefochten hat. Und ich vermute, seine Gegner sind nicht mehr alle am Leben, wenn er so aussieht. Das waren Kämpfe, bei denen es um mehr als nur ein Mädchen ging.
Mit einem Springmesser in der rechten Hand kommt er auf mich zu. Ich halte den Unterarm von Doof fest, ohne ihn wegziehen zu können. Der Kerl ist überraschend kräftig.
Und er ist überrascht. Als ich nämlich meinen rechten Fuß hochschnellen lasse, an meinem Kopf vorbei gegen seine Lippen. Er stöhnt auf, lässt mich los und torkelt zurück.
Der mit dem Messer ist auch überrascht. Wenigstens kurz. Sehr kurz, eigentlich. Doch mir reicht es. Ich habe gelernt, gegen Bewaffnete vorzugehen. Mit der linken Handkante blocke ich seinen Unterarm, der danach gebrochen zu sein scheint, das Knie jage ich zwischen seine Beine und mit der Stirn nehme ich seine Nase in Empfang.
Gelernt ist gelernt.
Fünf. Oder vier, je nachdem, in welchem Zustand sich Doof befindet. Um den kann ich mich jetzt aber nicht kümmern, denn nun kommt sogar der Wirt hinter der Theke hervor, mit seinem Baseballschläger oder was auch immer. Und da sind noch drei andere von vorne, die sich bisher zurückgehalten haben, um dem mit dem Messer nicht in die Quere zu kommen.
Jetzt lassen sie dem Wirt den Vortritt, der seine Keule in meine Richtung schwingt. Ich weiche mehrmals aus, bis ich gegen einen Tisch stoße. Jetzt erwischt mich die Keule. Zum Glück streift sie mich am Kinn nur, sonst hätte ich danach keine Zähne mehr. Aber selbst so tut es höllisch weh und treibt mir die Tränen in die Augen.
Mehr instinktiv als gewollt wehre ich den nächsten Schlag ab, indem ich mich nach vorne, dem Kerl entgegen, werfe. Damit rechnet er anscheinend nicht.
Mit der linken Hand halte ich seinen Schlagarm fest. Das sind nur Sekunden, er ist eigentlich viel zu kräftig für mich, aber mir reichen die Sekunden. Die rechte Hand lege ich auf seinen Nacken, dann wieder, wie bereits bewährt, mein Knie zwischen seine Beine. Als er sich vorbeugt, reiße ich das Knie erneut hoch, während ich seinen Kopf mit aller Kraft nach unten drücke. Knie, Nase, Zähne haben eine unheilvolle Begegnung.
Mein Knie tut danach zwar weh, aber im Vergleich zum Wirt geht es mir richtig gut. Er sieht beschissen aus, soweit ich es erkennen kann. Wenn ich es richtig gehört habe, sind mehrere Zähne gebrochen. Die Nase vielleicht auch.
Drei. Aber die sind jetzt richtig wütend. Auch Doof ist wieder einsatzbereit, wie ich mit einem Blick nach hinten feststelle. Sieht zwar aus wie ein Zombie, weil sein Mund und Kinn blutverschmiert sind, aber er dürfte von Adrenalin geflutet sein.
Wie ich auch.
Jetzt kann ich nur auf meine Schnelligkeit und die exakten Treffer hoffen. Mehr als einen Versuch habe ich bei keinem.
Zuerst nehme ich mir Doof vor, damit ich den Rücken frei habe. Wieder die Drehung um die eigene Achse, diesmal ohne Sprung. Absatz gegen Lippen, das tut so richtig schön weh. Sein Kopf fliegt in den Nacken, gefolgt vom Rest des Körpers, der mehrere Stühle und einen Tisch unter sich begräbt.
Allerdings warte ich es nicht ab, bis es so weit ist.
Drei. Von vorne.
Sie sind unsicher geworden, ich sehe es an ihren Augen. Ich habe etwas geschafft, womit sie nicht gerechnet haben. Ich ja auch nicht. Sechs von ihnen sind mehr oder weniger kampfunfähig.
Zwei jüngere Männer, etwa in meinem Alter. Einer stämmig, aber nicht dick, Anfang 40, schätze ich. Er ist in der Mitte.
„Okay, überlasst sie mir“, sagt er und leckt sich die Lippen. Mit der Hand greift er nach hinten. Möglich, dass er eine Pistole hat, und ich sollte nicht abwarten, bis er sie nach vorne geholt hat. Und wenn es nur ein Messer ist, sollte ich trotzdem nicht warten.
Ich setze mich in Bewegung, bevor er zu Ende gesprochen hat. Während ich auf ihn zuspringe, packe ich etwas, was ich erwischen kann. Einen Stuhl, den ich nach ihm werfe. Er rudert mit einem Arm, dadurch sehen die beiden Jungs sich gezwungen, in Deckung zu gehen. Und der Ältere kann sich nicht auf seine andere Hand konzentrieren, was er auch immer darin hat.
Ich nutze den Schwung vom Stuhlwerfen, um hochzuspringen und mich zu drehen. Ich muss genau treffen, wenn ich ihn nicht beim ersten Mal ausschalte, könnte es verdammt eng werden.
Mit der linken Ferse treffe ich seine Schläfe. Da ich mich nach links gedreht habe, steckt dahinter die Wucht einer fast vollständigen Drehung. Er hebt regelrecht ab und landet auf einem Tisch, der dieser unerwarteten Belastung nicht standhält und zusammenkracht.
Er hat tatsächlich eine Pistole.
Die beiden Jungs sehen sie auch, doch sie haben schlechtere Reflexe als ich. Ich springe gegen denjenigen, der näher dran ist, das linke Knie angezogen. Mit den Fingern kralle ich mich in seine Haare, das Knie trifft seine Nase. Wir fallen beide um, ich auf ihn.
Mein Knie tut höllisch weh.
Noch einer.
Ich erhebe mich und starre ihn an. Er starrt mich an, dann die Pistole. Um an sie zu kommen, müsste er an mir vorbei. Und davor scheint er Angst zu haben.
Ich warte nicht ab, bis er sich entscheidet. Da ich nicht weiß, ob er nicht eine Nahkampfausbildung hat, gehe ich kein Risiko ein. Ich täusche einen Seitwärtskick an, als er seinen linken Arm hebt, um zu blocken, drehe ich mich nach links und treffe mit den Handknöcheln seine ungeschützte rechte Gesichtshälfte. Ich kann das Krachen hören, dann sehe ich Blut aus seinem Mund spritzen. Wahrscheinlich hat er sich die Zunge abgebissen.
Null.
Ich wende mich Brodwich zu. Er ist gerade dabei, sich an der Theke hochzuziehen. Seine Nase sieht gebrochen aus, sein Gesicht ist voll mit Blut.
Ich nehme Anlauf. Er sieht mich kommen, ist aber in seinem Zustand zu langsam. Mit dem Ellbogen voran springe ich gegen seine Brust. Erstaunlicherweise scheinen die Rippen zu halten, obwohl er die Theke im Rücken hat. Allerdings berührt er diese schon, bevor ich ihn treffe, das verhindert wohl die Rippenbrüche.
Aber auch so setzt der Treffer ihn außer Gefecht, denn atmen kann er auf keinen Fall mehr. Er rutscht auf den Boden und schnappt verzweifelt nach Luft.
Ich hocke mich auf ihn und hole mit der rechten Faust aus. Eigentlich will ich ihm das Nasenbein zertrümmern. Und dann den Kehlkopf. Das sollte ihn töten.
Aber ich kann nicht.
Ich starre keuchend in seine aufgerissenen Augen.
Ich bin keine Mörderin.
Ich kann keinen wehrlosen Menschen töten.
Vor Wut schreiend packe ich mit beiden Händen sein linkes Handgelenk und reiße den Arm hoch, während mein rechtes Knie seinen Ellbogen unten hält. Das Krachen der Knochen geht in seinem Gebrüll unter.
Mit dem anderen Arm mache ich dasselbe, dann erhebe ich mich schwerfällig.
Erst jetzt wird mir bewusst, dass ich aus der Nase blute. Irgendwann im Kampf muss ich mir einen Treffer eingehandelt haben, ohne es zu merken. Meine Knie und das Kinn, wo mich der Baseballschläger erwischt hat, tun höllisch weh.
Die Ersten rühren sich bereits wieder.
Ich fahre herum und renne nach draußen. Ohne nachzudenken, wende ich mich nach links und laufe durch, bis ich an meinem Auto ankomme. Immer noch ohne Zutun des Verstandes werfe ich mich hinters Steuer, starte den Motor und fahre mit quietschenden Reifen los.
Das Nächste, was ich bewusst wahrnehme, sind die Vögel, die über dem Meer kreisen.
Wo bin ich?
Ich blicke mich um. Ich stehe auf einem einsamen, kleinen Parkplatz an der Küste. Da es hier keinen Strand in der Nähe gibt, auch keinen Weg am Wasser entlang, verirren sich nur selten Leute hierher. Zumal es kaum Hinweisschilder gibt. Hier existierte mal ein kleines Café, aber das ist schon lange her.
Ich starre meine Hände an, die das Lenkrad umklammern. Die Knöchel sind wund.
Was habe ich getan?
Und vor allem, wie habe ich das geschafft? Neun Männer, die es gewohnt sind, echte Kämpfe auszutragen. Ich hätte zwei, drei von ihnen dank meiner Kampfsporterfahrung schaffen können, aber neun? Wie ist das möglich?
Ich lasse das Lenkrad los und suche etwas, um mich zu säubern. Im Handschuhfach finde ich Papiertücher. Als ich sie raushole, merke ich, wie meine Hände zittern.
Nachdem ich ein paarmal tief durchgeatmet habe, steige ich aus dem Auto und gehe ans Wasser. Die zerklüfteten Steine sind glitschig, mehrmals falle ich fast auf die Schnauze. Doch schließlich erreiche ich mein Ziel und wasche meine Hände und das Gesicht, so gut es geht. Am Auto trockne ich mich mit den Tüchern ab.
Dann starre ich auf das Meer hinaus und versuche zu kapieren, was eigentlich geschehen ist.
Ich weiß, dass ich sehr gut im Kampfsport bin. Ich trainiere ja auch seit zwölf Jahren intensiv. Einmal, wirklich nur einmal, habe ich selbst den Meister geschlagen.
Aber neun Männer? Neun solche Männer, die nicht übermäßig skrupelbehaftet sind und kein Problem damit haben, eine Frau zu schlagen, wenn sie nicht spurt? Die mit Sicherheit schon etliche Kämpfe ausgetragen haben, auf der Straße, nicht im Ring?
Wie kann das sein?
Oh Mann.
Ich versuche, mich an den Ablauf des Kampfes zu erinnern. Die Männer haben mich zu keinem Zeitpunkt gleichzeitig angegriffen, aber das wäre auch nicht gegangen. Einerseits hätten sie sich gegenseitig behindert, andererseits stand einiges an Mobiliar im Weg herum. Und ich hatte verdammtes Glück, dass der Baseballschläger mich nicht richtig erwischt hat. Ich hätte sonst einige Zähne weniger.
Das alles ändert nichts daran, dass ich bescheuert bin. Und anscheinend einfach nur unglaubliches Glück hatte.
Ja, es war Glück, mehr nicht.
Ich steige wieder in mein Auto und fahre zum Abtanzen.

Ich fahre herum und meine Hand schlägt gegen etwas. Dann setzt die Erinnerung ein und ich verharre mitten in der Bewegung.
Keine Panik, Fiona. Du liegst zu Hause im Bett, nachdem du ziemlich besoffen, verschwitzt und müde mitten in der Nacht nach Hause gekommen bist.
Habe ich mich wenigstens ausgezogen?
Ich betaste meinen Körper. Er ist nackt. Auch die Füße, nicht einmal die Stiefel habe ich vergessen. Sehr gut. Du bist doch noch zu etwas zu gebrauchen.
Ich setze mich vorsichtig auf und öffne blinzelnd die Augen. Draußen scheint es gleißend hell zu sein, so viel kann ich erkennen.
Ich krabbele zum Fussende und dort aus dem Bett. Die Versuchung, auf allen vieren ins Bad zu kriechen, ist verflucht groß. Aber es sieht lächerlich aus. Und es ist egal, ob mich dabei jemand sieht, ich weiß es. Das genügt. Also erhebe ich mich und wanke zur Toilette.
Wenn ich Glück habe, ist heute Sonntag, wenn nicht, dann habe ich den Sonntag durchgepennt und es ist bereits Montag. Aber eigentlich ist es so scheißegal.
Mein Kopf ist irgendwie ziemlich schwer, ich lege die Stirn in die Hände.
Ich habe ihm die Arme gebrochen. Und ich hatte ernsthaft vor, ihn zu töten. Verdammt, was ist bloß mit mir los? Ich bin doch keine Mörderin!
Ich hebe den Kopf und betrachte meine Hände, mit denen ich ihn totschlagen wollte, zumindest laut Plan.
Komisch. Sie sehen irgendwie komisch aus, diese Hände. Glatte Haut, feingliedrig, einigermaßen sauber, die Nägel mal nicht abgekaut. Eigentlich ganz okay.
Und das genau ist das Problem.
Gestern Abend waren nach der Schlägerei die Knöchel völlig zerschunden, blutig, wund. Davon ist nichts mehr zu sehen. Nichts. Nada.
Hä?
Ich taste in meinem Gesicht nach den Wunden. Mindestens am Kinn müsste eine Platzwunde sein.
Nada.
Ich springe auf und starre mein Spiegelbild an. Über das Gesicht kann man geteilter Meinung sein, viele halten es für hübsch, aber im Moment interessiert mich nur eines: Es sieht mehr oder weniger genauso aus wie gestern Morgen. Vor der Schlägerei.
Das kann doch nicht sein! Eine solche Wunde verheilt doch nicht einfach über Nacht! Ich weiß ja, dass ich gutes Heilfleisch habe, aber hallo?
Ich gehe ins Zimmer und setze mich auf die Bettkante. Was ist hier eigentlich los? In 48 Stunden hat sich mein Leben völlig verändert. Mein Bruder ist tot, ich hatte vor, einen Menschen zu töten, habe eine unglaubliche Prügelei und meine daraus resultierenden Verletzungen heilen über Nacht.
Äh?
Okay, vielleicht habe ich auch nur alles geträumt und wenn ich zum Frühstücken nach unten gehe, sitzt Norman bereits da.
Ja, das sollte ich tun.
Ich ziehe ein hellgraues T-Shirt und weiße Shorts an und rase nach unten.
Der Lieutenant und der eine Polizist sind da. Ben oder so.
Norman ist nicht zu sehen. Klar, er liegt ja im Leichenschauhaus. Oder das, was von ihm übrig ist.
Die beiden Polizisten mustern mich neugierig. Sie sitzen auf der Couch und haben sich wohl mit meinen Eltern unterhalten. Auch diese mustern mich. Meine Mutter unsicher, mein Vater wütend.
„Hätte nicht gedacht, dass du so früh aufstehst“, bemerkt er.
„Wie spät ist es denn? Und welcher Tag?“
Er schnaubt. „Wieso überrascht mich diese Frage nicht?“
„Sonntag, elf Uhr“, sagt der Lieutenant. „War wohl eine harte Nacht.“
„Ich habe zu viel getrunken und noch mehr getanzt“, erwidere ich und lasse mich stöhnend auf die Couch sinken, ohne meinen Vater anzusehen. „Was ist überhaupt los? Wieso kreuzt die Polizei an einem Sonntag vormittags hier auf?“
„Wegen dir“, knurrt mein Vater.
„Wegen mir?“ Ich suche mit dem Blick Nicholas. Er versteht mich ohne Worte: „Ich bringe Ihnen einen Kaffee, Fiona.“
„Es gab gestern Abend eine Schlägerei in einer Kneipe“, sagt der Lieutenant. „Unter anderem war darin eine junge, blonde Frau verwickelt, die ihnen auffallend ähnlich sah. Zeugen zufolge hat sie einen Mann beschuldigt, ihren Bruder getötet zu haben. Anschließend brach sie ihm beide Arme. Es heißt, sie hätte unglaublich gut gekämpft. Sie machen doch seit zehn Jahren sehr intensiv Kampfsport, oder?“
„Seit zwölf“, korrigiere ich ihn. „Und?“
„Waren Sie in eine Schlägerei verwickelt gestern?“
„Sehe ich so aus?“
Er schüttelt den Kopf. „Ich hätte bis vorhin darauf gewettet, dass Sie es waren. Sowohl die Beschreibung als auch das mit dem Bruder passt. Allerdings wurde die Frau bei der Schlägerei verletzt, unter anderem am Kinn.“
„Aha. Nun, ich habe keine Verletzung am Kinn.“ Weil es verheilt ist und ich habe keine Ahnung, wie das möglich ist. Scheiße!
„So sieht es tatsächlich aus. Schminken Sie sich?“
„Ab und zu, wenn es das Protokoll verlangt.“
„Das Protokoll?“ Er zieht beide Augenbrauen hoch.
„Ich habe mich zu den Abschlussbällen geschminkt und ich schminke mich, wenn ich an den Messeständen von CSE stehe. Ich bin Trainee bei meinem Vater und war ein Jahr in der Marketingabteilung.“
„Ich verstehe.“ Er beobachtet Nicholas, der mir jetzt meinen Kaffee bringt und sich dann dezent zurückzieht. „Nun, ich muss mich für die Störung entschuldigen.“
„Ist schon gut“, sagt mein Vater und steht ebenfalls auf. Meine Mutter auch. Ich bleibe demonstrativ sitzen und trinke meinen Kaffee.
Vor der Treppe nach oben bleibt der Lieutenant stehen und dreht sich zu mir um. „Was ich vergessen habe, auch wenn es Sie ja eigentlich nicht interessieren dürfte: Für den Mord an ihrem Bruder hat Brodwich ein Alibi. Einen schönen Sonntag noch, Miss Carter.“
Ich nicke nur.
Nachdem die beiden weg sind, kommt meine Mutter wieder und setzt sich neben mich.
Ich sehe sie an. „Was?“
„Warst du das?“
„Hast du nicht zugehört? Das Supergirl wurde verprügelt und hatte eine blutige Visage. Sehe ich aus, als hätte ich eine Prügelei gehabt?“
Sie schüttelt stumm den Kopf, dann erhebt sie sich seufzend. „Kind, es ist für uns alle schwer. Ich möchte nicht noch ein Kind verlieren.“
Ich starre ihr hinterher, während sie nach draußen auf die Terrasse geht. Es fühlt sich beschissen an, dass ich sie angelogen habe. Aber ich kann ihr die Wahrheit auf keinen Fall sagen.

Ausnahmsweise sitze ich mal mit am Mittagstisch, aber niemand hat wirklich Hunger. Am begehrtesten ist noch der Rotwein, irgendein Südamerikaner. Schmeckt gar nicht schlecht, alles andere wäre im Hause meines Vaters sehr seltsam.
Bis zum Nachtisch schaffen wir es, ohne dass es Ärger gibt.
Als ich mir allerdings zum dritten Mal das Glas fülle, meint mein Vater, einschreiten zu müssen: „Meinst du nicht, du hast genug?“
Ich starre ihn an. „Meinst du nicht, ich würde es lassen, wenn ich das meinen würde?“
„Du hast doch bestimmt gestern auch ohne Sinn und Verstand getrunken.“
„Bestimmt“, erwidere ich und nehme einen Schluck. „Du hast doch gehört, ich bin nicht das Supergirl.“
„Ja, aber es hätte zu dir gepasst.“
„Echt? So gut kennst du mich? Woher eigentlich? Du merkst doch sonst überhaupt nicht, dass es mich gibt. Wieso glaubst du dann, du wüsstest irgendetwas über mich?“
Für einen Moment scheint alles einzufrieren. Dann lässt mein Vater den Kaffeelöffel wieder sinken, mit dem er seinen Kaffee vermutlich umrühren wollte. Will er mich etwa schlagen? Er weiß doch, dass ich mich wehren würde und das auch kann. Die Zeiten, in denen ich mich von ihm schlagen ließ, sind lange vorbei.
Er mustert eine Weile den Kaffee, bis er schließlich den Blick hebt und mich ansieht. „Du bist meine Tochter. Ich kenne dich, besser, als du es gerne hättest. Und ich weiß, wie sehr auch dich der Tod von Norman mitnimmt, daher tue ich mal so, als hättest du nichts gesagt.“
„Wie gütig von dir. Und mir reicht es.“ Ich werfe meine Kuchengabel hin und erhebe mich geräuschvoll.
„Kind …“, sagt meine Mutter.
„Ja, was?“
„Wo willst du hin?“
„Keine Ahnung. Nach draußen.“
Erst einmal gehe ich jedoch nach oben und tausche die Shorts gegen 3/4-Jeans und Sportschuhe. Und kurz darauf stehe ich auf dem Nachbargrundstück vor der Haustür und läute Sturm. Bis Leslie die Tür aufreißt.
„Was soll das denn?“
„Kommst du mit?“
„Wohin?“
„Spazieren. Zur Promenade. Eis essen.“
Sie starrt mich kurz an, dann nickt sie. „Ich ziehe mir nur eben Schuhe an.“
Sie streift sich flache Sandalen über, steckt ihren Schlüsselbund und etwas Geld ein, dann zieht sie die Tür hinter sich zu. Sie trägt wadenlange Jeans und ein Hemd, das sie anscheinend von James geklaut hat, es reicht ihr bis zu den Oberschenkeln.
Eine Weile gehen wir schweigend nebeneinander her. Erst als wir auf den Waldweg einbiegen, der nach unten zur Küste führt, bricht sie unser Schweigen.
„Was ist los? Wieder Krach mit deinem Vater?“
„Das auch.“
„Das auch? Ist das denn noch steigerungsfähig?“
„Anscheinend ja.“ Ich atme tief durch. „Vorhin waren die beiden Polizisten da, der Lieutenant und der junge Kerl.“
„Aha. Was wollten sie denn?“
„Sie dachten, ich hätte mich gestern in einer Kneipe mit neun Männern geprügelt. Und einem von ihnen beide Arme gebrochen.“
„Mit neun Männern? Ist das nicht etwas übertrieben? Ich meine, ich weiß ja, was du drauf hast, habe es ja selbst erlebt. Aber neun Männer? Okay, und das glauben sie nicht mehr?“
„Supergirl hat ein paar Schrammen abgekriegt, unter anderem hier.“ Ich tippe auf die Stelle am Kinn.
„Und weil du nichts … Woher weißt du, an welcher Stelle?“
„Weil ich es war.“
Leslie bleibt stehen und starrt mich fassungslos an. „Du? Aber warum?“
„Der Mann mit den gebrochenen Armen … Ihm gehört das Auto, mit dem Norman getötet wurde.“
„Was?! Warte mal, wieso glaubten die, dass da eine Verletzung …?“
„Der Barmann hat mich dort mit einem Baseballschläger erwischt.“
„Jetzt mal langsam. Aber da ist nichts!“
„Eben, Leslie, eben! Als ich heute aufgewacht bin, waren alle Schrammen spurlos weg! Wie geht so was?!“
„Willst du mich verarschen?“
„Nein! Verdammte Scheiße!“ Ich packe meine Haare, dann sehe ich sie wieder an. „Ich habe schon gedacht, ich habe alles geträumt, dann komme ich runter und da sitzen die beiden. Ich … ich weiß einfach nicht, was ich denken soll.“
Leslie überlegt kurz, dann nimmt sie meinen Arm. „Wir gehen erst einmal weiter und essen ein Eis, okay?“
Ich nicke schweigend.
An der Küste ist es natürlich jetzt schon voll. Nach einer halben Stunde finden wir trotzdem einen freien Tisch in einer kleinen Eisdiele etwas weiter hinten. Leslie bestellt sich einen Milchkaffee und einen Erdbeerbecher, ich nehme Cappuccino und Spaghettieis.
Erst als wir unser Eis haben, redet Leslie wieder. „Also gut, du hast neun Männer verprügelt? Wie geht das? Waren das irgendwelche Schwächlinge, Buchhalter, oder wie?“
„Straßenjungs, kampferprobt“, erwidere ich düster. „Brodwich ist ein Riese mit Glatze und Tattoos, wie aus einem Film. Ein bisschen wie Vin Diesel, nur größer.“
„Du weißt aber schon, wie sich das anhört?“
„Klar weiß ich das. Ich … ich weiß auch nicht, was da passiert ist. Ich war schon nahe dran, wieder nach Hause zu fahren, als ich zufällig die Kneipe gefunden habe. Die haben mich für eine Nutte gehalten, weil ich so knappe Jeans anhatte.“
„Wo dein halber Arsch raushängt?“
„Genau, du Arsch.“
Sie grinst. „Vielleicht bist du ja Supergirl, weißt es nur nicht.“
„Das würde erklären, warum ich mich oft so fühle, als käme ich von einem anderen Planeten.“
„Siehst du, es gibt für alles eine Erklärung.“
Ich erwidere nichts, sondern beobachte an ihr vorbei das Meer. Da sind Segelboote unterwegs, weiter weg ein Kreuzfahrtschiff und vorne auf dem Strand Menschen wie Sardinen in der Büchse.
„Hallo, Schätzchen!“ Leslie fuchtelt mit den Händen vor meinem Gesicht herum. „Ich will von dir wissen, ob du eine vernünftige, rationale Erklärung hast!“
„Hab ich nicht“, erwidere ich kopfschüttelnd und esse wieder von meinem Eis. „Wie denn? Hör zu, natürlich habe ich gelernt, gleichzeitig mit mehreren Gegnern zu kämpfen. Das gehört zur Prüfung. Ich weiß, was ich kann, und ich habe definitiv nicht damit gerechnet, dass ich auch nur die geringste Chance gegen die habe.“
„Warum bist du dann nicht weggerannt, verdammt nochmal? Du hättest sterben können!“
„Keine Ahnung.“ Ich zucke die Schultern. „Vielleicht deswegen.“
„Soll das ein Witz sein? Oder muss ich die Polizei rufen, zu deinem Schutz?“
„Nein, nicht nötig. Du siehst ja, nicht einmal das kriege ich hin.“
„Idiot!“
„Ja, danke. – Hör zu, das mit den neun Kerlen kann man ja noch irgendwie mit Adrenalin, Lebensgefahr und so erklären. Irgendwie. Aber das mit den Verletzungen?“
„Wie schlimm waren sie denn? Vielleicht sahen sie nur wild aus.“
„Meine Knie waren blutig, mein Ellbogen auch, eine Platzwunde am Kinn. Und jetzt sind alle, wirklich alle Wunden spurlos weg.“
„Hm. Eigenartig. Ich würde an deiner Stelle mal Ahnenforschung betreiben.“
„Ahnenforschung? Hä?“
„Ich denke, du hast eine Hexe unter deinen Vorfahren. Eine andere Erklärung gibt es eben nicht.“
„Du bist echt bescheuert.“ Ich starre in ihr grinsendes Gesicht, dann schüttele ich den Kopf. „Das ist ernst.“
„Weiß ich ja. Aber ich habe echt absolut keine Erklärung. Ich kann ja mal vorsichtig an der Uni rumhören, kenne ein paar Medizinstudis.“
„Das wäre gut. Danke.“
Sie nickt. „Ich sehe ja, dass du völlig durch den Wind bist. Und das kann ich nachvollziehen. Keine Ahnung, was für Panik ich schieben würde, wenn mir so was passieren würde. Ich meine, vielleicht ist es eine Art Gendefekt.“
„Gendefekt? Hast du sie noch alle?“
„Denk mal nach, Schätzchen. Du hast doch auch Biologie gehabt.“
„Klar, wir waren ja in derselben Klasse.“
„Eben.“
„Worauf willst du hinaus?“
„Was passiert denn bei der Wundheilung? Das ist doch reinste Genetik, irgendwie.“
„Na ja …“
„Hat das nichts mit der Reparatur defekter Genabschnitte zu tun?“
„Ich glaube, du wirfst da etwas durcheinander, meine Liebe. Unabhängig davon könnte es trotzdem gentechnisch bedingt sein, da gebe ich dir recht, wenn ich so darüber nachdenke. Die Mechanismen bei Wundheilung habe ich nicht mehr parat, aber Veranlagung spielt mit rein. Und Wunden haben bei mir immer schnell geheilt. Aber nicht soo schnell.“
„Vielleicht haben die Schläge was ausgelöst bei dir. So wie man manchmal den Fernseher schlägt, wenn das Bild verwackelt ist.“
„Du bist heute echt unmöglich“, erwidere ich, nachdem ich meine Sprache wiedergefunden habe. „Klar, ein Schlag mit dem Baseballschläger wirbelt meine Gene so durcheinander, dass … Hey, vielleicht hätte ich mich richtig treffen lassen sollen, dann wäre in meinem Kopf bestimmt alles zurechtgerückt worden!“
„Ja, genau. Wenn du Hilfe brauchst dabei …“
„Ich sehe schon, dir darf ich auch nie wieder den Rücken zudrehen.“
Sie lacht auf und ich muss mitlachen. Das ist einfach zu bescheuert, da kann kein Mensch ernst bleiben. Mir ist schon klar, dass sie genau das erreichen wollte. Aber verdammt, niemand ist zynischer als ich. Dachte ich jedenfalls.
Wir essen schweigend unser Eis zu Ende, dabei denke ich darüber nach, ob es wirklich etwas mit meiner Genetik zu tun haben könnte. Jedenfalls wäre das eine wahrscheinlichere Erklärung als das mit der Hexe. Hexen und Magie, all diesen Quatsch gibt es nicht, seltsame Gendefekte schon. Ich meine, ich bin ja eh ziemlich seltsam, warum sollten dann meine Gene normal sein? Wenn schon, denn schon.
Ich beschließe, dass meine Gene genauso bescheuert sind wie ich und seltsame Sachen machen.
Fall gelöst.

Ich muss unbedingt mit Savage reden. Selbst wenn er mir das richtige Kennzeichen genannt hat, Brodwich saß anscheinend nicht am Steuer. Und ich glaube irgendwie nicht, dass Savage das nicht gewusst hat. Es mag ja sein, dass ich keinem Unschuldslamm die Arme gebrochen habe, doch das macht es nicht besser.
Ich springe aus dem Bett und laufe Richtung Bad. Dabei fällt mein Blick unwillkürlich auf die Zimmertür und ich muss daran denken, wie Norman früher immer völlig unerwartet hereingestürmt ist.
Ich bleibe stehen und schließe die Augen.
Verdammte Scheiße.
Es war ihm völlig egal, ob ich vielleicht gerade nackt aus dem Bad kam oder möglicherweise Besuch hatte. Okay, wenn ich Besuch hatte, schloss ich die Tür ab.
Meistens jedenfalls.
Als er acht wurde, erklärte ich ihm, dass er bitte anklopfen möge. Er hat genickt und weitergemacht wie vorher. Ich hatte ein halbes Jahr gebraucht, um ihn umzugewöhnen! Vor allem, dass es nicht reicht, anzuklopfen, er müsste auch darauf warten, dass ich „Herein!“ rufe.
Und plötzlich wurde er älter, kam in die Pubertät. Von da an achtete ich wirklich peinlich genau darauf, die Tür abzuschließen, wenn ich Besuch hatte. Trotzdem überraschte er mich an einem Sonntag beim Masturbieren. Keine Ahnung, für wen das peinlicher war. Ich zog blitzschnell die Decke über mich, aber sein Gesichtsausdruck verriet, dass seine Fantasie mit ihm durchging.
Mit mir nicht, dafür rastete ich aus.
Ich spüre, wie mir schlecht wird, und schaffe es gerade eben zum Waschbecken.
Danach dusche ich und ziehe mich an. Ich will zu Savage, also in ein Krankenhaus. Was ziehe ich an? Nach den Erfahrungen am Samstag habe ich genug davon, wie ein Flittchen auszusehen. Ich entscheide mich für eine kurzärmelige Bluse, einen knielangen, hellblauen Jeansrock und Stiefeletten.
Sieht okay aus. Hübsch, aber nicht aufreizend.
Bist ja auch ein hübsches Mädchen, sagt die Andere in mir.
Halt den Mund. Das ist ja wohl nicht mein Verdienst.
Trotzdem kein Grund, dich zu schämen.
Ich lasse das mal so stehen und gehe nach unten. Mein Vater ist schon weg, zur Arbeit, wie ich von Nicholas erfahre. Ich starre ihn an. Die Frage, wieso er arbeitet, wenn am Freitag erst sein Sohn getötet wurde, kann ich gerade noch zurückhalten. Ich muss es wirklich nicht an Nicholas auslassen, er kann nichts dafür.
Meine Mutter sitzt auf der Terrasse bei einer Tasse Tee. Nach kurzem Zögern lege ich von hinten die Arme um sie. Sie greift nach meinen Unterarmen.
„Wohin gehst du?“
„Zu Savage.“
Ihr Blick, als sie mich ansieht, verrät mir, dass sie nicht begeistert ist, doch sie sagt nichts dazu. Ich gebe ihr einen Kuss auf die Wange, dann beeile ich mich, wegzukommen. Ich fürchte, sonst ersticken zu müssen. Oder wieder zu kotzen. Oder beides.
Scheiße.
Im Krankenhaus droht mir dann ein Herzstillstand, als ich das Zimmer von Savage leer vorfinde. Das heißt, sein Bett ist abgezogen, seine Sachen weg. Er ist also auch weg.
Ich renne zur Stationsschwester, die mich erschrocken anstarrt.
„Was ist mit Savage?“, frage ich panisch.
„Er ist nach Hause“, erwidert sie und kümmert sich wieder um irgendwelche Papiere, mit denen sie bereits vorher beschäftigt war, bevor ich sie auch in Panik versetzt habe.
„Wie, nach Hause? Wieso denn?“
Jetzt blickt sie wieder hoch und mich streng an.
„Er wurde von seiner Mutter abgeholt. Ist das ein Problem?“
„Natürlich ist das ein Problem! Sein Freund wurde vor seinen Augen getötet!“
„Ja, schon klar. Aber er ist nicht krank. Also haben wir ihn entlassen.“
„Er ist nicht krank?“
„Jedenfalls nicht physisch. Und um das Andere muss sich die Therapeutin kümmern.“
„Aha.“
„Miss Carter, wo ist das Problem? Das hier ist ein Krankenhaus, hier werden Menschen mit körperlichen Leiden behandelt. Und wir brauchen das Bett.“
„Vielleicht hat er ja irgendwelche Spätfolgen und …“
„Miss Carter! Körperlich fehlt ihm nichts!“
Ich atme tief durch, dann nicke ich. „Ja, in Ordnung. Sorry.“
Ihre Gesichtszüge werden weicher. „Ich weiß ja, was Sie durchmachen. So ein Verlust ist sehr tragisch. Aber wir machen nur unsere Arbeit.“
„Klar. Wie gesagt, sorry. Ich hatte mich erschrocken.“
„Ist schon okay.“
Wie in Trance gehe ich zu meinem Auto und steige ein. Was jetzt? Wo er wohnt, weiß ich ja. Aber ich kann nicht mit ihm reden, während seine Mutter dabei ist. Normalerweise würde sie wohl um diese Zeit arbeiten, doch sie wird sich für ihn freigenommen haben. Kann ich ja nachvollziehen. Trotzdem ist das nicht gut für mich.
Schließlich beschließe ich, dass ich trotzdem hinfahre. Irgendwas wird sich schon ergeben. Hoffe ich jedenfalls.
Die beiden wohnen in einem Mietshaus mit sechs Wohnungen. Nicht die beste Gegend, aber auch nicht die schlechteste. Mittelstand, aber nicht der gehobene. Die meisten Autos, die hier parken, haben Technik verbaut, die der BMW meines Vaters vor zehn Jahren schon hatte. Aber sie sind sauber und gepflegt, genau wie die Häuser und Gärten.
Hier möchte ich niemals leben. Nicht wegen des fehlenden Luxus, den würde ich wahrscheinlich nicht einmal vermissen. Aber der hier vorherrschende Mief ließe mich früher oder später Amok laufen. Zu Hause habe ich den Vorteil, dass ich allem aus dem Weg gehen kann. Hier könnte ich das nicht. Dann lieber im Ghetto. Wäre bestimmt nicht angenehm, aber ich kenne es aus meiner Zeit mit Greg. Vieles war scheiße, aber ich konnte wenigstens sagen, was ich dachte.
Ist das eine Art Naturromantik?, erkundigt sich die Andere in mir.
Höchstens Sozialromantik. Klar, ich bin ja das verwöhnte Mädchen aus reichem Hause und so was von naiv. Niemand würde mir glauben, dass ich das kenne und es so meine.
Stimmt.
Ach, halt doch die Fresse. Fick dich.
Fängt eigentlich Schizophrenie so an? Dass ich zu mir selbst sage, ich soll mich ficken?
Vielleicht sollte ich mir einen Dildo besorgen. Nur für den Fall, dass es schlimmer wird.
Seufzend steige ich aus und gehe zur Haustür. Mrs Norton öffnet mir die Wohnungstür und nimmt mich in die Arme, als sie mich sieht. Ich lasse es über mich ergehen, ich weiß ja, dass sie es ehrlich meint. Wir haben uns nicht oft gesehen, aber ich habe Norman einige Male gebracht oder abgeholt.
„Das tut mir so leid!“, sagt sie danach schniefend.
„Mir auch“, erwidere ich. „Ich … ich wollte eigentlich zu Savage.“
„Er ist nicht da.“
„Nicht da?“ Ich spüre, wie der nächste Herzstillstand droht.
„Er wollte auf den Spielplatz, wohin er auch mit Norman immer gegangen ist. Gefiel mir nicht, aber er fing an zu weinen, also ließ ich ihn gehen. Es ist nur paar Minuten von hier entfernt. Sag mal, willst du nicht reinkommen? Auf einen Tee?“
„Das ist wirklich sehr lieb, Mrs Norton. Danke. Ich werde Savage suchen.“
„In Ordnung. Einfach nach rechts gehen, du kannst es nicht verfehlen.“
Vor dem Haus zünde ich mir erst einmal eine Zigarette an, bevor ich zum Spielplatz spaziere. Ich kann Savage auf einer Bank sitzen sehen und beobachte ihn während des Rauchens.
Er sitzt nur da und hört Musik. Mit dem CD-Player, den ich ihm geschenkt habe.
Er blickt nicht einmal hoch, als ich mich neben ihn setze. Ich lehne mich zurück und rauche mit geschlossenen Augen zu Ende. Dann erhebe ich mich wieder, gehe zum Mülleimer mit integriertem Aschenbecher, sicheres Zeichen für Mittelschicht, am Rand des Spielplatzes, entsorge die Kippe und kehre zurück Savage.
Diesmal beobachtet er mich.
„Hi“, begrüße ich ihn.
„Hi“, erwidert er. „Hast du ihn gefunden?“
„Ja. Aber er saß nicht am Steuer, oder?“
Savage schüttelt den Kopf.
„Wer saß am Steuer, Savage?“
„Ist das wichtig? Komm, ich will dir was zeigen.“
Er springt auf und geht mit einer Geschwindigkeit los, als wollte er heute noch bis … keine Ahnung, wohin. Bis ans Ende der Welt. Ich habe trotz meiner langen Beine Mühe, ihm zu folgen.
„Hey, langsam! Wo willst du hin?“
„Zum Baumhaus.“
„Baumhaus?“ Ich bleibe stehen, daraufhin er auch. „Was für einem Baumhaus?“
„Unserem Versteck. Du wirst es sehen. Kommst du?“
„Ja, aber renn nicht so.“ Er geht tatsächlich langsamer weiter, so dass ich mir eine weitere Zigarette anzünden kann. Ob ich weniger rauchen sollte? Ist ja auch eine Art des Selbstmords, nur eben auf Raten. Und möglicherweise sehr unangenehm.
Wir gehen an einem Park entlang bis etwas über die Mitte hinaus, dann schlägt sich Savage plötzlich zwischen die Bäume. Wenn es einen regulären Weg zum Baumhaus gibt, dann will er ihn mir nicht zeigen, und ich verfluche meine Idee, einen Rock anzuziehen. Die verdammten Dornen haben es auf meine Schienenbeine abgesehen, das merke ich sehr schnell. Mit etwas Konzentration gelingt es mir aber dann, ihnen aus dem Weg zu gehen. Doch bis dahin habe ich mir einige blutige Schrammen eingehandelt.
Ob die bis morgen spurlos verschwunden sein werden?
Endlich bleibt Savage vor einem Baum stehen und zeigt stumm nach oben. Ich muss zweimal hinsehen, bis ich das Baumhaus erkenne, so gut ist es versteckt. Farblich perfekt an die Äste und den Laub angepasst, sieht man ihn nur, wenn man weiß, dass es da ist.
„Wie kommen wir da hinauf?“, erkundige ich mich.
„Kannst du nicht auf einen Baum klettern?“
„Doch“, erwidere ich stinkig. Savage weiß, dass ich Kampfsport mache. Irgendwas hat er und das lässt er im Moment an mir aus. Ich habe viel Verständnis für ihn wegen dem, was er erlebt hat, trotzdem bin ich sauer.
Ich greife nach einem Ast, um mich hochzuziehen, als mir bewusst wird, dass ich einen Rock trage. Ich lasse die Hand wieder sinken und sehe Savage an: „Du gehst vor!“
„Schade“, sagt er grinsend, dann klettert er schnell und geschickt nach oben.
Ich folge ihm schweigend. Meine Kleidung ist nicht ganz die Richtige, um Jane zu spielen, aber ich gelange ins Baumhaus, ohne mich zu blamieren.
Es ist, nicht unüblich für so ein Baumhaus, klein und spartanisch eingerichtet. Eine alte Matratze, ein Regal, mehr gibt es nicht. Überall liegen Hefte herum. Superman-Comics – und Pornos.
Wenn ich erwartet habe, dass Savage Letztere hektisch einsammelt, werde ich enttäuscht. Er fegt zwar alles beiseite, aber nicht so, dass ich nicht sehe, was es ist. Im Gegenteil, er sortiert alles auf einem Stapel und ganz oben liegt ein Porno. Eine junge Dame mit beängstigend aufgeblasen wirkenden Titten schiebt sich einen noch beängstigender wirkenden Dildo rein und grinst dabei, als würde sie mit einer Pistole gezwungen, Spaß zu simulieren.
Was zur Hölle soll daran erregend sein? Ich bin ja nun echt nicht prüde und bestimmt kein Fan von klassischem Sex in Missionarsstellung und im Dunkeln, aber das wirkt auf mich einfach nur abstoßend. Unabhängig davon, dass ich nicht so auf Sex mit Frauen stehe. Ich wäre aber auch nicht erregt, wenn da ein Mann mit Riesenschwanz sich einen Riesendildo in den Arsch schieben würde, von daher …
„Gefällt es dir?“, fragt Savage.
Ich reiße mich von dem Anblick der Monstertitten los und starre ihn entgeistert an.
„Das da? Nein, ganz sicher nicht!“
„Ich finde das gar nicht so schlecht, aber Norman stand auf diesen Riesentitten.“
„Aha.“ Das ist ein Thema, das ich gar nicht vertiefen möchte. „Sava, warum hast du mich hierher geführt?“
„Hier sind wir ungestört.“
Er sitzt im Schneidersitz mir gegenüber. Ich sitze eigentlich auch gerne so, aber nicht einem Dreizehnjährigen gegenüber, wenn ich einen Rock trage. Einem Dreizehnjährigen, dessen Blicke mich ziemlich irritieren. Hallo? Er ist traumatisiert!
Also sitze ich auf meinen Fersen, den Rock so weit nach vorne gezogen, wie es nur geht. Und ich bereue es, keinen BH angezogen zu haben. Die Scheißbluse lässt sich nicht bis oben zuknöpfen, außerdem schwitze ich in dieser Hitze, dadurch klebt der Stoff an meinen Brüsten.
Ich beschließe, das Ganze abzukürzen: „Sava, ich will von dir nur wissen, was …“
„Lass uns ficken“, unterbricht er mich.
„Wie bitte?!“
„Lass uns Spaß haben.“ Dabei streckt er die rechte Hand nach mir aus. Ich greife blitzschnell nach seinem Handgelenk.
„Was soll das denn? Savage, ich weiß ja, dass du Schlimmes erlebt hast und ich bin gerne bereit, dir zu helfen, das zu überwinden, aber ganz bestimmt nicht so, okay?“
„Die anderen haben sich auch nicht so geziert“, sagt er mit einem lauernden Blick.
Hä?
„Was für andere?“, erkundige ich mich, während ich spüre, wie mir kalter Schweiß am Rücken hinunterläuft. Irgendwas ist hier nicht in Ordnung. So verhält sich kein traumatisierter Junge, das weiß ich auch, ohne Psychologie studiert zu haben.
„Die anderen Mädchen.“
„Hier waren andere Mädchen?“
„Nicht hier. Wir durften sie nicht mitnehmen.“
„Nicht mitnehmen …“ Ich unterbreche mich selbst. Der verarscht mich doch. Aber warum? „Sava, das ist ein verdammt schlechter Scherz.“
„Kein Scherz“, erwidert er kopfschüttelnd. „Niemand darf davon wissen. Versprichst du mir das? Es ist unser Geheimnis. Normans, meins und jetzt auch deins. Okay?“
„Ich nehme an, du redest nicht von dem Baumhaus?“
„Nein, ich rede von Sex.“
„Von Sex? Aha. Ihr habt es hier miteinander getrieben? Ich meine … Entschuldige den Ausdruck, okay? Ihr seid bisschen jung, aber klar, ich will ja auch nicht spießig sein und …“
„Nicht miteinander und nicht hier.“
„Mit wem denn sonst?“
„Mit Mädchen. Fiona, ich liebe dich.“
Hä? Was ist jetzt los?
„Savage, bitte. Ich weiß ja, dass Jungs in deinem Alter …“
„Norman hat gesagt, du schläfst mit jedem Jungen, der das will.“
Ich starre ihn entsetzt an. „Das glaube ich nicht!“
„Dass er das gesagt hat? Doch. Stimmt das etwa nicht?“
„Natürlich nicht!“
„Was muss ich dann tun, damit du es mit mir machst?“
„Ich werde auf keinen Fall Sex mit dir haben, okay? Erstens bist du viel zu jung. Zweitens bist du der beste Freund von meinem gerade eben verstorbenen Bruder. Und drittens …“ Ich unterbreche mich. Diese beiden Gründe reichen völlig aus.
Dachte ich.
„Die Mädchen waren noch viel jünger.“
„Jünger als ich?“
„Jünger als wir.“
Die Gedanken rasen durch meinen Kopf. Ich bin fest davon überzeugt, dass er mich verarscht, dass das ein schlechter, ein sehr, sehr schlechter Scherz ist, aber warum? Wie kommt er dazu, mit so was Scherze zu machen? Wie kommt ein Dreizehnjähriger überhaupt auf solche Gedanken? Das kann doch alles nicht wahr sein!
„Sava, kann es sein, dass dir gar nicht klar ist, was das bedeutet? Wenn die Mädchen viel jünger gewesen wären, wären sie Kinder gewesen. Ich meine, eine Dreizehnjährige, okay, in meiner Klasse waren ein oder zwei Mädchen, höchstens, die mit dreizehn ihr erstes Mal hatten, aber die sahen auch älter aus. Das kommt immer mal vor. Und ich bin bestimmt keine, die das verurteilt, ich bin ja echt keine Nonne und so, aber noch jüngere? Ich selbst hatte ja sogar mit dreizehn noch kein Bedürfnis, Sex mit einem Jungen zu haben, davor schon mal gar nicht.“
„Aber du hast dich selbst befriedigt.“
„Das geht dich absolut nichts an“, erwidere ich kühl.
„Also ja“, sagt er lächelnd.
„Das ist kein Thema für ein Gespräch zwischen uns, okay? Also, du hast doch nur einen Scherz gemacht, oder?“
Statt einer Antwort greift er hinter sich, zieht schließlich ein Pornoheft aus dem Stapel, schüttelt es, bis ein Bild herausfällt, und hält es mir hin.
Okay, bisher war ich nur nahe dran an einem Herzstillstand, gleich zweimal heute, aber jetzt habe ich wirklich das Gefühl, gleich ohnmächtig zu werden.
Das Bild zeigt Norman. Und ein Mädchen, das tatsächlich viel jünger ist als er.
Ich werfe das Bild weg, als würde es glühen und meine Finger verbrennen.
„Wer hat das Bild gemacht?“, flüstere ich. „Du?“
Er schüttelt den Kopf. „Es gibt viele Bilder. Und Videos. Norman und ich haben Geld dafür bekommen.“ Er hält den CD-Player hoch. „Den habe ich mal gekauft. Aber der andere, den du mir mitgebracht hast, der ist auch gut. Wenn dieser hier mal kaputtgeht …“
„Savage!“
Er verstummt und sieht mich fragend an.
Das kann doch nicht wahr sein! Er versteht wirklich nicht, warum ich entsetzt bin? Was das bedeutet? Bis vorhin hielt ich alles für einen sehr dummen, sehr schlechten Scherz, aber das Bild ist eindeutig. Und es sieht echt aus. Selbst wenn es nicht echt wäre, wäre schon allein die Idee widerwärtig.
Ich zwinge mich, nicht zu weinen. Nicht. Nein. Jedenfalls nicht jetzt, nicht vor Savage. Dafür versuche ich, rasend schnell darüber nachzudenken, wie ich mich verhalten soll. Wie verhalte ich mich meinen Eltern gegenüber, jetzt, mit diesem Wissen? Wie kann ich jetzt noch so tun, als wäre ich am Boden zerstört vor Trauer über Normans Tod? Ja, am Boden zerstört bin ich ja, jetzt noch mehr als vorher, aber ich spüre gerade Wut, nicht Trauer. Wenn Norman wirklich das getan hat, dann … dann … dann war er ein Monster.
Ein. Monster.
Aber es kann nicht wahr sein. Das kann einfach nicht wahr sein. Norman war kein Monster.
Mein Bruder war kein Monster. Ich habe ihn geliebt. Er war witzig, charmant, konnte jeden um die Finger wickeln.
Dann fällt mir sein Blick ein, als er mich beim Masturbieren erwischt hat. Damals hat er mich irritiert, doch jetzt … verstehe ich ihn. Norman war nicht erschrocken.
Er kannte den Anblick.
Ich schließe die Augen und kann doch nicht verhindern, dass die Tränen kommen.
„Du brauchst nicht zu weinen“, sagt Savage zärtlich und legt eine Hand auf meine Wange.
Aufschreiend stoße ich sie weg. „Fass mich nicht an!“
„Was hast du denn?“, fragt er verwirrt.
Ich glaube das einfach nicht. Der versteht es wirklich nicht. Was muss mit ihm passiert sein, dass ihm überhaupt nicht klar ist, was er getan hat? Was sie getan haben, er und mein Bruder?
„Ihr … ihr habt es mit Kindern getan …“
„Ja, das stimmt. Manchmal war es nicht so schön, aber …“
„Nein!“, schreie ich ihn an. „Ich will das nicht hören!“
„Okay“, sagt er achselzuckend.
Dann nimmt er das Bild und betrachtet es. Ich nehme es ihm wütend weg und will es zerreißen, da fällt mir etwas ein.
„Du hast gesagt, es gibt auch Videos?“
„Ja.“
„Die kann man kaufen?“
Er nickt und mustert das Bild, das ich zwischen den Händen halte. Nach kurzem Zögern mache ich Schnipsel daraus und werfe diese auf die Matratze.
„Wo?“
Savage beginnt, die Schnipsel einzusammeln.
„Wo?!“
Er zuckt zusammen und schaut hoch. „Ich weiß nur von so einer Videothek. Da ist einer, der heißt Stanley. Stanley Mime. Wenn man nach Schwimmanzügen fragt und dem Jungen mit dem Zauberstab, dann … dann kann man die Videos kaufen.“
Ich atme tief durch. Ich muss unbedingt herausfinden, ob Savage nicht doch alles zusammenfantasiert. Dieses Bild ist schrecklich, aber es könnte trotzdem eine Fälschung sein. Schon das wäre furchtbar, aber damit könnte ich noch irgendwie umgehen.
Ich muss die Wahrheit herausfinden!
„Wie heißt die Videothek?“
„StarV.“
„Okay. Savage, ich werde da jetzt hinfahren. Und ich verspreche dir, wenn du mich angelogen hast, dann wirst du es bereuen.“ Ich hasse es, einem Kind so zu drohen, allerdings bin ich mir nicht ganz sicher, ob ich wirklich einem Kind gegenüber sitze.
Sein Blick gehört jedenfalls nicht einem Kind.
„Es ist alles wahr“, sagt er schließlich. „Wenn du herausgefunden hast, dass alles wahr ist, schläfst du dann mit mir?“
Darauf kann ich nicht antworten. Wenn ich jetzt den Mund aufmache, kotze ich. Mit zusammengepressten Lippen klettere ich nach unten und laufe bis zum Auto.
Und dann ist es mir egal, ob mich jemand sieht und was er denkt. Ich kann nicht mehr. Heftig keuchend und würgend entleere ich das Bisschen, was sich noch in meinem Magen befindet, neben dem linken Vorderreifen, steige dann, mehr oder weniger blind, in mein Auto und suche tastend nach den Papiertüchern, um meinen Mund abzuwischen. Und meine Bluse. Und den Rock. Einfach alles.
Dann drücke ich meine Stirn gegen das Lenkrad und heule einfach los.

Ich hätte mich vielleicht umziehen sollen. Auch wenn meine Kleidung sauber aussieht, ich weiß, dass ich darauf gekotzt habe. Außerdem bin ich mir nicht sicher, ob eine Dreiundzwanzigjährige in knielangem Jeansrock und Bluse glaubwürdig wirkt als Interessentin für Kinderpornos.
Andererseits, weiß ich denn, wie Leute aussehen, die sich für so einen Scheiß interessieren? Ich meine, Norman und Savage haben sich anscheinend dafür interessiert. Obwohl sie selbst noch Kinder waren. Was zum Teufel muss schiefgelaufen sein, damit ein Junge wie Norman so was macht? Er hat doch alles gehabt … Nein, nicht alles.
Ich atme tief durch, dann zünde ich mir eine Zigarette an. Der Videoladen befindet sich schräg gegenüber. Montags um ein Uhr ist wohl nicht viel los da drin. Die Tür steht sperrangelweit offen, bei der Hitze kein Wunder.
Will ich das? Will ich es wirklich wissen? Vor allem, will ich das sehen?
Ich will nicht, aber ich muss! Ein Foto ist eine Sache, aber das reicht mir als Beweis nicht. Ich will Norman sehen, vor allem will ich sein Gesicht sehen.
Ich will, ich muss wissen, ob er Opfer oder Täter war.
Wahrscheinlich beides. Wie soll ein Kind in seinem Alter einsehen können, was er da anderen Kindern antut?
Konnte ich das vor zehn Jahren?
Ich versuche mich zu erinnern, wie ich damals getickt habe. Eigentlich konnte ich es. Ich wusste ja auch genau, was ich tat, als ich mit elf auf meinen Klassenkameraden losging, der ständig an meinen Haaren gezogen hatte und der schuld daran war, dass ich sie mir abgeschnitten habe. Ich verprügelte ihn und durfte dann vor dem Büro des Direktors auf meine Mutter warten.
Aber ich wusste genau, was ich tat. Und ich bereute es keine Sekunde. Ich hatte das Arschloch ja vorgewarnt, mehrmals. Bloß weil ich ein Mädchen bin, muss ich nicht alles mit mir machen lassen. Das habe ich noch nie eingesehen.
Das Mädchen auf dem Foto mit Norman hatte keine Wahl. Und hat vielleicht keine Chance mehr auf ein normales Leben.
So eine verdammte Scheiße.
Ich drücke die Zigarette aus und prüfe mein Gesicht im Spiegel, schließlich kann ich nicht verheult da rein und nach dem Jungen mit dem Zauberstab fragen. Die lachen mich aus.
Ich sehe aber verheult aus, also setze ich eine Sonnenbrille auf. Damit geht es.
Auf der Straße, in gleißendem Sonnenlicht, ist die Brille eine Wohltat, aber drinnen sehe ich damit kaum was. Muss trotzdem sein. Nach einiger Zeit habe ich mich jedoch daran gewöhnt und kann alles erkennen, was wichtig ist.
Es sind zwei Kunden drin, ein junger Mann mit aschblonden Haaren und ein älterer, beleibt und in durchgeschwitztem Hemd. Außerdem ein Angestellter, jung, mit dunkelbraunen Haaren, sportlich schlank. Ich schätze ihn auf etwa 30. Er trägt ein Hemd, hellblaue Jeans, von ähnlicher Farbe wie mein Rock, und Turnschuhe. Seine Augen sind grau, soweit ich es erkennen kann, als ich zu ihm gehe. Auf seinem Namensschild steht: Stanley. Habe ich einfach nur Glück oder gibt es hier sonst keinen?
„Hi“, sagt er.
„Hi. Habt ihr Schwimmanzüge?“
Er starrt mich erstaunt an. Also sehe ich eher nicht wie typische Kundschaft für dieses spezielle Produkt aus. Doch dann nickt er.
„Eine besondere Vorliebe?“
Na, er kommt ja schnell zum Wesentlichen.
„Der Junge mit dem Zauberstab“, würge ich hervor. Ich muss aufpassen, nicht schon wieder zu kotzen. Das wäre nicht gut hier. Irgendwie gar nicht gut. Eher ganz schlecht.
Während Stanley hinter einer Tür verschwindet, übe ich mich in Tiefenatmung, um den Krampf aus meinen Halsmuskeln zu kriegen. Es gelingt mir leidlich, sodass ich nur noch latenten Brechreiz habe, als er zurückkommt.
In der Hand hält er eine undurchsichtige Einkaufstüte aus Plastik, die er mir reicht.
„200“, sagt er leise.
„Wie viel?“
„Qualität kostet halt“, erwidert er achselzuckend.
Ich taste meine Rocktaschen ab. Verflucht. Normalerweise habe ich in jeder Hosentasche diverse Geldscheine, eine dämliche, aber auch nützliche Macke von mir. Doch diesen Rock trage ich einfach zu selten.
Aber ich habe Glück, ich finde ein Knäuel Scheine und lege es vor ihm auf die Theke. Er zählt 200 ND ab, den Rest gibt er mir zurück. Ich stopfe ihn achtlos in die Gesäßtasche und gehe, ohne mich zu verabschieden.
Bloß raus hier!
Nachdem Einsteigen lege ich die Tasche vorsichtig auf den Beifahrersitz, als könnte der Inhalt explodieren. Wenn ich jetzt angehalten und damit erwischt werde … Nun, dann könnte ich es erklären und der komische Lieutenant würde mir glauben. Hoffe ich.
Aber ich werde nicht erwischt.
Zu Hause gelange ich unbemerkt auf mein Zimmer und schließe sorgfältig ab. Dann schiebe ich die Kassette in den Rekorder, setze mich ans Fußende von meinem Bett und starte den Film mit der Fernbedienung.
Und ganz, ganz langsam, mit jeder Sekunde immer mehr, bricht meine Welt zusammen.

Ich starre die Kassette an. Da liegt sie nun. Irgendwann konnte ich nicht mehr und bin ins Bad gerannt, um den Kopf in die Kloschüssel zu stecken. Ich hätte nicht gedacht, dass man so viel und so lange kotzen kann, wenn man gar nichts im Magen hat.
Dann zog ich alles aus, schmiss die Sachen in die Schmutzwäsche und nahm frische Kleidung. Diesmal dachte ich praktischer: T-Shirt, Jeans, Sportschuhe. Wer weiß, was heute noch alles geschieht. Mich würde definitiv nichts mehr wundern.
Was mache ich mit der Kassette? Meinen Eltern zeigen? Hallo? Das bringt meine Mutter um und mein Vater mich. Eigentlich gibt es nur eine vernünftige Entscheidung: Ich fahre damit zur Polizei, beichte ihnen alles und halte mich zukünftig aus Sachen raus, von denen ich keine Ahnung habe.
Den Teil mit „Ich fahre damit zur Polizei“ sollte ich auf jeden Fall machen. Was danach passiert, sehen wir dann noch. Allerdings habe ich das dumpfe Gefühl, dass ich mit diesem Thema nicht gut umgehen kann, schon gar nicht, wenn Norman da mitmacht.
Und er macht mit. Das steht fest. Nein, er machte mit. Jetzt nicht mehr. Jetzt macht er gar nichts. Jetzt muss kein Mädchen mehr wegen ihm leiden.
Mein Gott, wenn ich daran denke, dass einige von denen noch nicht einmal in die Schule …! Ich halte die Hände vor den Mund und zwinge mich, nicht daran zu denken. Keine Ahnung, ob ich noch mehr kotzen könnte, aber ich will es nicht ausprobieren. Es reicht schon, dass die Tränen wieder aus den Augen schießen. Meine Augen brennen, schon lange.
Polizei. Ich muss zur Polizei.
Ich nehme die Kassette, packe sie wieder in die Plastiktasche und gehe zur Tür. Dort lausche ich erst, denn jetzt möchte ich niemandem begegnen. Ich habe Glück und gelange unbemerkt zu meinem Wagen.
Während ich darauf warte, dass hinter mir das Tor sich wieder schließt, schaue ich nach rechts. King Valley ist leer, eigentlich wie immer. Weiter hinten ist die Kurve zu sehen, hinter welcher der Wald beginnt und wo es nach unten zur Küstenpromenade geht, wenn man mit dem Auto fahren will.
Und zwei Motorradfahrer, die am Straßenrand stehen und sich unterhalten.
Sonst nur die Zäune und Einfahrten zu den Villen der Oberen Zehntausend von Skyline. Direkt neben unserem Haus zur rechten Hand das deutlich kleinere, in dem Leslie mit ihrem Vater lebt. Wie ein ehemaliger Geheimagent sich hier ein Grundstück leisten kann, ist mir ein Rätsel. Aber es hat den Vorteil, auf diese Weise an Leslie als beste Freundin gekommen zu sein. Dass sie auch noch in dieselbe Klasse ging wie ich, war ein nettes Extra.
Ich seufze und fahre los.
Die Motorradfahrer auch.
Hm.
Ich beobachte sie im Innenspiegel und werde nervös. Doch dann biegen sie anscheinend ab, jedenfalls sehe ich sie nicht mehr. Ich muss unwillkürlich lachen. Anscheinend werde ich allmählich hysterisch. Solche Sachen tun mir nicht gut. Das ist aber auch kein Wunder.
Ich nehme die Highway nach Westen. Das Polizeipräsidium, in dem auch der Lieutenant sein Büro hat, liegt in Center Village, an der Grenze zu Downhill. Also ziemlich mitten in der Stadt, im Gegensatz zu Old Town, dessen Herzstück King Valley bildet, dem Viertel der Reichen.
Du wohnst ja auch da, meldet sich mal wieder die Andere.
Bin ja auch nicht gefragt worden.
Du könntest ausziehen, angeblich bist du doch erwachsen.
Während ich noch über eine erwachsene Antwort nachdenke, erblicke ich wieder die Motorradfahrer. Sie sind ziemlich nahe hinter mir, es befinden sich gerade mal zwei Autos zwischen uns.
Verfluchte Scheiße, was soll das? Das ist doch kein Zufall!
Ich fahre auf dem mittleren Fahrstreifen und überhole gerade einen LKW. Rechts vorne ist die Ausfahrt ins Zentrum zu sehen, eine Ausfahrt zu früh. Vielleicht sollte ich sie trotzdem nehmen?
Während ich noch darüber nachdenke und dabei den LKW hinter mir lasse, sehe ich im Innenspiegel die Motorräder aufholen. Die in schwarze Lederanzüge gekleideten Fahrer halten Pistolen in den Händen.
Was zur Hölle …?!
Dann reagiere ich nur noch. Vermutlich der Teil in mir, der durch den Kampfsport daran gewöhnt ist, blitzschnelle Entscheidungen zu treffen und umzusetzen, reißt das Steuer nach rechts. Der BMW schießt über den rechten Fahrstreifen auf die Abbiegespur vor den LKW, den ich gerade erst überholt habe.
Die Motorradfahrer folgen mir, doch nur einer schafft es wirklich. Der andere erwischt die Abtrennung zwischen Abbiegespur und rechtem Fahrstreifen und verliert die Kontrolle über sein Gefährt. Entsetzt beobachte ich, wie er gegen die Absperrung auf der rechten Seite kracht, einen Abflug macht und nach einer längeren Rutsch- und Rollphase schließlich zum Liegen kommt.
Bis der LKW mit quietschenden Reifen über ihn …
Ich wende meinen Blick ab. Meine Fantasie reicht völlig aus, mir vorzustellen, was die blockierten Reifen mit ihm anstellen, ich muss das nicht auch noch sehen.
Zumal ich immer noch einen Motorradfahrer im Nacken habe. Fast wörtlich. Vielleicht hat er nicht einmal gemerkt, was mit seinem Kollegen passiert ist. Jedenfalls ist er dicht hinter meinem Wagen, die Waffe auf mich gerichtet.
Ich reiße erneut das Steuer herum, gleichzeitig höre ich Scheiben zerbersten. Hinten und links. Anscheinend hat er genau in diesem Augenblick abgedrückt und die Kugel verfehlt mich haarscharf.
Ich habe keine Zeit, darüber nachzudenken, ich bin nur noch im Überlebensmodus. Vor mir eine belebte, breite Straße, die zu der Einkaufsmeile führt. Ausgeschlossen, dass er die Jagd fortsetzt, hier gibt es viel zu viele Zeugen!
Und ich irre mich, wie ich schon bald erkenne.
Er ist mit dem Motorrad viel schneller als ich, bevor er also nah genug ist, um wieder schießen zu können, biege ich nach rechts ab.
Und schreie entsetzt auf, denn direkt vor mir befindet sich eine Baustelle. Ich trete mit aller Kraft auf die Bremse, doch trotzdem fliege ich geradezu auf eine Planierraupe zu. Lenkrad nach rechts, denn links ist ein riesiger LKW. Das ABS arbeitet brav und schüttelt den Wagen und mich kräftig durch. Fast reicht es auch.
Aber nur fast.
Mit der linken Seite treffe ich die Planierraupe, die sich davon relativ unbeeindruckt zeigt, im Gegensatz zum BMW. Aber danach steht das Auto endlich.
Ich brauche einige Sekunden, um mich zu sammeln. Dann blicke ich mich um. Der Motorradfahrer fährt auch nicht mehr, und mit diesem Motorrad garantiert nie wieder. Anscheinend hat er es geschafft, rechtzeitig abzusteigen und rappelt sich gerade auf.
Scheiße, haben die einen Terminator geschickt? Ich komme mir gerade wie Sarah Connor vor.
In panischer Angst klettere ich über die Mittelkonsole und stoße die Beifahrertür auf. Sie klemmt ein wenig, doch sie lässt sich wenigstens öffnen. Auf allen vieren krieche ich aus dem Auto, dann erhebe ich mich und laufe los. Anfangs etwas wackelig, nach einigen Schritten wird es besser.
Ich biege nach links in eine Passage ein, komme an einer Buchhandlung und einer Pizzeria vorbei. Kurz denke ich darüber nach, in einen der beiden Läden zu rennen, doch dann sehe ich den Killer hinter mir und laufe weiter.
Auf der anderen Seite das sonnendurchflutete Zentrum. Voll mit Menschen. Und hinter mir der Killer, mit dem Motorradhelm auf dem Kopf und der Pistole in den Händen.
„Mama, die drehen einen Film!“, schreit ein kleiner Junge begeistert.
Wie er auf diese Idee kommt, ist mir ein Rätsel. Wahrscheinlich ist das eine glaubwürdigere Erklärung für ihn als dass die Szene echt ist. Für mich bedeutet es, dass ich um mein Leben kämpfen muss. Also ständig in Bewegung bleiben. Der da hinter mir darf gar nicht auf die Idee kommen, zu schießen. Entweder trifft er mich oder Unschuldige oder beides.
Links das Korners Megastore, ein riesiges Kaufhaus mit mehreren Etagen. Ich renne durch die geöffnete Tür und dann geduckt weiter. Am Geschrei hinter mir erkenne ich, dass der Killer nicht daran denkt, aufzugeben.
Ich komme an Haushaltswaren vorbei und lasse ein großes Küchenmesser mitgehen. Eine lächerliche Waffe gegen eine Pistole, aber besser als nichts. Und die Schusswaffen sind zu weit entfernt, außerdem gesichert.
Ich denke kurz an Korner, dem ich schon mal auf einem Empfang begegnet bin. Seine Vorfahren waren Einwanderer aus Deutschland, vor vielen Generationen. Die meisten wollten in die USA, aber nicht alle. Einer von denen, die nicht in die USA wollten, war ein Urgroßvater von Korner. Oder so ähnlich.
Seltsam, dass ich jetzt daran denken muss, während ich durch das Kaufhaus hetze, immer schön geduckt. Dann zur Treppe. Nach unten oder nach oben?
Ich entscheide mich für nach oben, denn da sind die Toiletten. Vielleicht schaffe ich es, schnell genug aus dem Fenster zu klettern und den Killer so abzuhängen, der durch seinen Helm und seinen Lederanzug gehandicapt ist.
Aber Pech gehabt.
Die Toilettenfenster sind vergittert, selbst in der ersten Etage.
Als die Tür aufgestoßen wird, fahre ich herum. Und starre ihn an. Mit der linken Hand halte ich den Messergriff, der mir fast entgleitet, weil ich schwitze wie in der Sauna. Mein T-Shirt klebt an meinem Oberkörper und zwischen den Brüsten. Über meinem Kopf das vergitterte Fenster, in meinem Rücken die geflieste Wand, links die Waschbecken und rechts die Kabinen.
Und vor mir der Mann, der mich aus diesem Leben befördern wird.
Die Pistole ist auf meine Stirn gerichtet, im herunter geklappten, schwarzen Visier kann ich mich sehen. Mein angstverzerrtes Gesicht, die Brüste unter dem nassen T-Shirt …
Warum schießt er nicht?
Dann wird mir klar, dass er meine Brüste anstarrt, die genauso gut zu sehen sind, als wäre ich nackt.
Als Zweites wird mir klar, dass ich vielleicht überleben werde. Vielleicht. Die Chance ist äußerst klein, aber größer als mit einem Loch in der Stirn. Mit viel, viel Glück verliere ich nur ein Auge.
Der schlanke, hochgewachsene Kerl steht so nah vor mir, dass die Pistolenmündung fast meine Stirn berührt. Jedenfalls kommt es mir so vor. Sein Brustkorb hebt und senkt sich schnell. Er stinkt nach Schweiß und Leder.
Ich stoße mit dem Messer von unten ansatzlos zu, gleichzeitig bewege ich mich nach rechts. Ein unmögliches Unterfangen, niemand ist schneller als eine Kugel. Aber besser, als untätig zu sterben, ist es auf jeden Fall.
Ich spüre, wie die Klinge in den Körper vor mir gleitet. Und ich höre den Schuss, unerträglich laut. Dann wird mein linker Arm nach hinten gerissen, der Rest meines Körpers mit. Mein Kopf prall gegen die harte Wand, dadurch wird es schwarz vor meinen Augen.
Doch ich bleibe bei Bewusstsein. Spüre, wie ich nach unten rutsche. Höre, wie etwas hart auf den Boden knallt. Mein Messer? Oder die Pistole?
Dann kann ich wieder sehen.
Der Killer steht vor mir, aber nicht mehr so nah, wie gerade noch. Ich sitze mit ausgestreckten Beinen auf dem Boden und habe keine Ahnung, wie es um mich steht.
Um ihn jedoch steht es schlecht, das ist sicher. Der Griff des Haushaltsmessers mit der 30 cm-Klinge ragt aus seinem Solarplexus, er hält ihn fest und versucht, das Messer herauszuziehen. Dazu fehlt ihm eindeutig die Kraft, und während ich mich erstaunt frage, wie ich es überhaupt geschafft habe, die Klinge so tief in ihn hineinzujagen, fällt er langsam erst auf die Knie, dann nach vorne auf die Seite.
Er atmet röchelnd, aus seinem geöffneten Mund kommen blutige Blasen. Die Augen sind geöffnet, aber ich bezweifle, dass er mich sieht, obwohl er in meine Richtung starrt. Es wirkt eher so, als würde er seinen Schöpfer sehen. Oder den Todesengel. Oder was man halt so sieht, während man stirbt.
Schließlich hört er einfach auf zu atmen.
Ich wende den Blick langsam von ihm ab und sehe an mir hinunter. Mein T-Shirt ist immer noch nass und an der linken Seite blutig. Aber da ist kein Loch. Also lasse ich den Blick weiter schweifen, bis ich die Schusswunde in meinem linken Oberarm erkenne.
So unglaublich es eigentlich auch ist, ich war schnell genug, dass er nur meinen Arm getroffen hat, selbst aber zur Hölle gefahren ist.
Ich sollte Angst vor mir haben. Neun Männer verprügeln. Okay, eigentlich unmöglich, aber irgendwie erklärbar. Wunden über Nacht verheilt. Unmöglich und nicht wirklich erklärbar. Zwei Killer ausgeschaltet und selbst nur eine Schusswunde im Arm.
Absolut ausgeschlossen.
Dann werde ich wohl endlich ohnmächtig.

Ich kann es immer noch nicht glauben. Aber der Schmerz holt mich in die Realität zurück.
„Aua!“
„Nicht zappeln“, sagt der Arzt. „Ich sagte ja, es wäre besser, ins Krankenhaus zu fahren.“
Ich denke daran, was er sagen würde, wenn meine Verletzung morgen oder vielleicht auch erst übermorgen verschwunden wäre und erwidere: „Nein! Will ich nicht!“
Er zuckt die Achseln und macht mit der Behandlung weiter. Ob er stinkig ist und deswegen absichtlich so arbeitet, dass es wehtut? Als Arzt?
Ich schließe die Augen und versuche, ihn und den Schmerz zu ignorieren. Das funktioniert erstaunlich gut, aber dafür kommt die Erinnerung wieder.
Ich war wohl nicht sehr lang weggetreten. Der Killer lag noch genauso da wie vorher. Allerdings gab es eine weitere Mitspielerin. Sie stand in der Tür einer Kabine und starrte mich an.
Ich setzte mich langsam auf und hielt die rechte Hand auf die Wunde.
„Könnten … könnten Sie jemandem Bescheid geben?“ Meine Stimme klang ziemlich schwach, wie von weit weg. Sie nickte und rannte nach draußen, dabei schrie sie laut. Warum eigentlich?
Kurz darauf kamen zwei Polizisten hereingestürmt. Wahrscheinlich waren sie bereits vorher alarmiert wurden, wegen des Unfalls und der Verfolgungsjagd danach. Später bestätigten sie das auch, aber jetzt sichern sie erst einmal die Toilette. Bis zum Beweis des Gegenteils gelte ich auch als Verdächtige, aber den Beweis kriegen sie schnell durch den Bericht einiger Zeugen, die sich in der Tür drängen.
Als ich dann meinen Namen nenne, kriegen die Polizisten große Augen.
„Die Schwester von dem Jungen?“, fragt einer von ihnen.
Ich nicke und öffne die Augen, als eine mir bekannte Stimme meinen Namen nennt.
Der Lieutenant steht draußen und beobachtet, wie ich verarztet werde.
„Sie sollte ins Krankenhaus“, teilt ihm der Notarzt mit.
„Und?“
„Sie weigert sich.“
„Warum?“, fragt der Lieutenant mich.
„Ich hasse Krankenhäuser“, erwidere ich mürrisch.
„Aha. Sie haben es ja gehört, Doc. Wie schlimm ist die Verletzung überhaupt?“
„Sie hat Glück gehabt, in jeder Hinsicht.“
„Dann ist es ja gut.“ Er sieht mich an. „Übrigens, das stimmt wirklich. Sie haben den Polizisten erzählt, der Killer hätte gezögert. Wollen Sie wissen, warum?“
„Ich bin mir nicht ganz sicher“, erwidere ich.
„Ob Sie es wissen wollen?“
„Ja.“
„Okay.“
Als er sich abwendet, rufe ich hinterher: „Hey! Jetzt erzählen Sie doch!“
Grinsend dreht er sich wieder um. „Das war ein Berufskiller, der sich Sergio Valencia nannte. Niemand weiß, ob das sein richtiger Name ist. Er gehörte der mittleren Liga an.“
„Immerhin“, bemerke ich. Es lenkt mich von der Metzgerarbeit des Arztes ab.
„Ja, immerhin, dafür waren Sie jemandem wichtig genug. Nun, Valencia hatte eine Schwäche: Frauen. Er war berüchtigt dafür, seine Opfer zu quälen, wenn sie weiblich waren.“
„Er hat meine Brüste angestarrt …“
„Wundert mich nicht“, nickt der Lieutenant und der Arzt grinst.
Was zum …? Ich blicke an mir hinunter. Natürlich trocknet so schnell kein T-Shirt. Ich spüre, dass ich rot werde.
„Keine Sorge, wir haben schon ganz andere Sachen gesehen“, sagt der Arzt.
„Ganz andere Sachen als nackte Titten?“
„Ja, auch. Oder solche, die beim Obduzieren an den Seiten hängen, nach dem Schnitt …“
„Wollen Sie, dass ich Sie vollkotze? Lieutenant, darf er das überhaupt? Ich wurde gerade durch die Gegend gehetzt und fast von einem Berufskiller erschossen!“
„Das ist wohl wahr“, sagt der Lieutenant und nickt wieder. „Allerdings haben Sie denselben Killer mit einem haushaltsüblichen Tranchiermesser erstochen und sich nicht wie ein typisches Opfer verhalten.“
„Ich hatte nichts zu verlieren. Und ich mag nicht einfach darauf warten, geschlachtet zu werden. Ich wehre mich, wenn mir jemand was will.“
„Davon habe ich gehört.“
„Von wem?“
„Unwichtig. Bleiben wir doch lieber bei Ihnen. Mich würde es interessieren, warum die überhaupt hinter Ihnen her waren. Hat es was mit dieser Schlägerei zu tun?“
„Woher soll ich das denn wissen?“
Er starrt mich durchdringend an. „Miss Carter, ich bescheinige Ihnen, dass Sie wirklich eine sehr ungewöhnliche und auch mutige junge Frau sind. In gewisser Hinsicht bewundere ich Ihre Nerven. Aber ich möchte Sie ungern verhaften müssen. Mein Gefühl sagt mir, dass Sie uns etwas verschweigen, was auf Dauer ungesund für Sie enden könnte.“
Ich starre zurück. War ich nicht sowieso auf dem Weg zu ihm, als mir das mit den beiden Killern dazwischen kam? Ich wollte doch der Polizei alles beichten, glaube ich. Oder jedenfalls alles, was wichtig ist.
Also atme ich tief durch und nicke.
„Also schön. Sobald dieser Metzger hier fertig ist, zeige ich Ihnen etwas.“
„Und das hat mit dieser Geschichte zu tun?“
„Es erklärt alles“, erwidere ich leise.
„Dann ist ja gut. Doc, sie kann wirklich nicht ins Krankenhaus.“
„Bin ja gleich fertig“, erwidert dieser wütend.
Das stimmt. Er legt gerade den Verband an. Als er dann endlich von mir ablässt, lüfte ich mein T-Shirt, damit es nicht mehr so an den Brüsten klebt, und bewege versuchsweise den linken Arm. Geht ganz gut.
„Noch wirkt das Schmerzmittel“, bemerkt der Arzt.
„Kriege ich noch was davon?“
„Im Krankenhaus.“
Arschloch! Aber ich spreche es lieber nicht aus. Stumm klettere ich aus dem Rettungswagen und will losgehen, zu meinem Auto, als ich die Menschenmenge hinter der Absperrung erblicke. Vor allem Journalisten und Fernsehreporter.
Ach du Scheiße.
„Was wollen die alle?“, frage ich entgeistert.
„Miss Carter, Sie wurden von zwei Berufskillern auf Motorrädern verfolgt. Einer von denen wurde von einem LKW geplättet, einen anderen haben Sie mit einem haushaltsüblichen Tranchiermesser gekillt. Sie sind die Tochter des bekannten Jason Carter. Ihr Bruder wurde von einigen Tagen getötet. Und jetzt fragen Sie mich ernsthaft, was die alle hier wollen?“
„Schon gut“, erwidere ich mürrisch. „Können Sie mich zu meinem Wagen fahren?“
„Warum? Er ist eh nur noch Schrott.“
„Darin befindet sich der Grund, warum die hinter mir her waren.“
„Na schön“, sagt er seufzend.
Er muss sich selbst mit dem Auto den Weg freikämpfen. Erst mit Hilfe einiger Uniformierten gelingt es. An der Unfallstelle sieht es besser aus. Hier gibt es nur wenige Fotografen. Ein Polizist hebt den Absperrband an, sodass wir bis zum Auto fahren können. Ich springe raus und suche die Kassette. Sie ist mitsamt Plastiktüte unter den Beifahrersitz gerutscht.
Nachdem ich wieder eingestiegen bin, mustert der Lieutenant die Tasche.
„Was ist da drin?“
„Eine Videokassette. Haben Sie ein Abspielgerät?“
„Im Büro“, erwidert er mit hochgezogenen Augenbrauen. „Und was ist auf der Kassette?“
„Das würde ich Ihnen lieber zeigen. Dann glauben Sie mir sofort.“
„Na schön. Hier gibt es für mich eh nichts zu tun.“
Ich nicke nur. Während der Fahrt, die ich auf dem Beifahrersitze verbringe, halte ich mit einer Hand die auf meinem Schoß liegende Tüte fest und kaue auf den Nägeln der anderen herum. Bis ich mich dabei ertappe. Das ist doch gar nicht meine Art?! Die ganze Geschichte zehrt wohl gewaltig an meinen Nerven, verdammt.
„Schmecken sie?“, erkundigt sich die Lieutenant.
„Nein. Und sonst mache ich das auch nicht.“
„Klar. Die Ereignisse bringen wohl neue Verhaltensweisen hervor.“
Ich starre ihn an, er grinst. Irgendwie gefällt er mir, trotz seiner knurrigen Art. Nach einem Moment grinse ich zurück.
Er parkt direkt vor dem großen, imposanten Gebäude. Eine breite Treppe führt hinein, mehrere Aufzüge nach oben zu den Abteilungen. Unterwegs grüßt der Lieutenant einige Uniformierte. Ich werde begutachtet. Trotz allem werden die wenigsten mein Gesicht kennen und im Moment sehe ich wohl ziemlich wild aus.
Aber ich trage keine Handschellen, das wird einige irritieren.
Das Morddezernat hat ein eigenes Großraumbüro, und es ist verdammt laut. Schlimmer als in den Filmen. Aber vielleicht kommt es mir auch nur so vor, denn meine Nerven sind ziemlich angespannt.
Der Lieutenant winkt Heller, der Ben heißt, zu, und einer Frau. Gemeinsam gehen wir in das Büro des Lieutenants mit einer Glasfront zum Großraumbüro hin.
Als Erstes macht er die Front blickdicht, zur Verwirrung der beiden anderen.
„Detective Ben Norris kennen Sie ja bereits. Und das ist Sergeant Laura Holler. Die beiden werden sich ab sofort um Sie kümmern.“
„Was ist passiert?“, erkundigt sich Ben Norris. Seine grau-blauen Augen mustern mich neugierig.
„Zwei Berufskiller, einer davon Sergio Valencia, haben versucht, sie zu töten.“
„Oh“, sagt die Frau. Mit ihren schulterlangen, rot-braunen Haaren würde sie attraktiv sein, wenn sich nicht die Erfahrung der Jahre in ihr Gesicht eingegraben hätte. Ich schätze sie auf Anfang 40, obwohl sie älter aussieht. „Sie sind entkommen?“
„Nope!“ Jack Siever setzt sich hinter seinen Schreibtisch. „Einer wurde von einem 40-Tonner platt gebügelt, den anderen hat Fiona mit einem haushaltsüblichen Tranchiermesser getötet.“
„Wie bitte?!“ Die beiden Detectives starren mich an.
„Yep!“ Der Lieutenant hat es anscheinend heute mit Slang. Auch gut. „Während er seine Pistole auf ihre Stirn gerichtet hielt. Er hat zwar noch geschossen, aber nur ihren Arm erwischt.“
„Okay. Ich denke, wir sollten das mit den neun Jungs bei ‚Derek‘ neu überdenken“, sagt Ben.
Der Lieutenant winkt ab. „Ist erst einmal egal. Eh nicht schade um die.“
„So dürfen wir aber nicht einmal denken“, sagt Laura Holler.
„Wie?“
„Na, wie du gerade …“
„Ich habe keine Ahnung, was du meinst.“
Laura schüttelt den Kopf und setzt sich dann grinsend.
„Okay, Fiona behauptet, die Videokassette da erklärt alles, was bisher geschehen ist.“
„Tut sie auch“, erwidere ich. Inzwischen habe ich das Abspielgerät entdeckt und schiebe die Kassette in den Schlitz.
Nach wenigen Sekunden beginnt der Film.
Nach grob geschätzt zehn Sekunden wird den drei Polizisten klar, was sie sehen und hören.
Nach etwa einer Minute ergreift Ben die Fernbedienung und hält die Wiedergabe an.
Dann starren sie mich an.
„Ihr Bruder?“, fragt schließlich Siever entsetzt.
Ich nicke und kann nur mit Mühe meine Magensäfte dort halten, wo sie hingehören. „Savage behauptet, er und Norman hätten Geld dafür bekommen. Die anderen Kinder … nicht.“
„Das tut mir leid“, murmelt Ben. „Ganz aufrichtig.“
„Danke. Ich … ich weiß einfach nicht, was ich tun soll! Ich kann das doch nicht meinen Eltern erzählen!“
Die drei sehen mich hilflos an, dann sagt wieder Ben: „Ich denke, sie werden es erfahren. Möglichst nicht aus den Zeitungen. Wenn … wenn Sie möchten, übernehme ich das.“
Ich sinke auf den letzten freien Stuhl und begrabe das Gesicht in den Händen. „Ich muss das selbst machen.“ Meine eigene Stimme klingt dumpf. „Ich muss nur vorher das irgendwie begreifen. Das sind Kinder …“
„Ihr Bruder auch“, sagt der Lieutenant leise.
„Er war alt genug, um das freiwillig und für Geld zu machen!“
„Wieso hat Savage Ihnen das eigentlich erzählt?“, erkundigt sich Laura.
„Als Beweis, dass er alt genug ist, mich zu ficken.“
„Oh“, sagt sie nur.
„Wenn es der Wagen von Brodwich war, hängt er irgendwie mit drin“, bemerkt Ben nach einer Weile. „Und dann ist er mit zwei gebrochenen Armen bisher ziemlich billig davongekommen. Ja, Laura, ich weiß, ist mir aber egal.“
Sie winkt ab. „Mir auch, inzwischen. Fiona, woher haben Sie das Video?“
„Savage hat mir erzählt, wie man drankommt. Das ist doch eine Spur, oder? Wir sollten hinfahren und dann …“
„Wir?“, wiederholt Laura.
„Ich weiß, wo es ist und …“
„Es gibt doch bestimmt eine Adresse?“
„Ja, sicher. Aber …“
„Fiona, Sie sind keine Polizistin.“ Es macht ihr wohl Spaß, mich ständig zu unterbrechen.
„Hören Sie, Laura, ohne mich wüssten Sie nicht einmal, um was es hier geht!“, erwidere ich wütend.
„Wir hätten es herausgefunden. Ohne die Mitarbeit von Savage auch, nur später. Fiona, ich verstehe ja, dass Sie sich so engagieren, aber Sie haben ja selbst gespürt, wie gefährlich es ist.“
„Ja, vor allem für Berufskiller!“
Siever und Ben grinsen, Laura schaut ihren Chef hilfeheischend an. Aber dieser ist nicht auf ihrer Seite.
„Fiona wird jetzt im Visier der Bande sein, also müssen wir sie eh beschützen.“
„Genau“, sage ich.
„Jetzt mal langsam, junge Dame. Sie werden Beraterin des PDs. Ihr Alter und die Umstände sind zwar etwas ungewöhnlich, aber das scheint mir die beste Lösung zu sein.“
„Bekomme ich eine Waffe?“
„Nein!“, antworten alle wie aus einem Mund.
„Ist ja schon gut“, murmele ich. Was haben die denn?
„Also gut, Sie begleiten die beiden und zeigen ihnen als Erstes, wo Sie das Video bekommen haben“, sagt Siever, nachdem sie sich beruhigt haben.
„Hm“, erwidere ich.
„Nicht einverstanden?“
„Ich überlege nur. Als ich aus dem Haus kam, warteten die beiden auf mich. Woher wussten die, dass ich das Video habe?“
„Hm“, sagt jetzt Siever. „Eine berechtigte Frage. Hätte von uns kommen müssen.“
„Ich bin die Beraterin, oder?“
„Nicht abheben, junge Dame.“ Ist das jetzt sein neuer Lieblingsausdruck für mich? Furchtbar. „Nehmen wir einmal an, Sie wären das bei ‚Derek‘ gewesen und die bösen Menschen hätten Sie erkannt. Dann könnte es sein, dass Sie beobachtet wurden.“
„Scheiße!“, erwidere ich.
„Was ist?“
„Dann wissen sie auch, dass ich die Info von Savage habe!“
„Das ist nicht gut“, bemerkt Ben. „Wissen Sie, wo er ist?“
„Ich weiß, wo ich ihn zuletzt gesehen habe.“
„Fahrt hin!“, befiehlt Siever. „Ich gebe eine Suchmeldung für Savage raus.“
Während wir mit dem Aufzug nach unten fahre, bemerke ich: „Ich saß noch nie am Steuer eines Polizeiwagen, erst recht nicht mit Blaulicht.“
„Daran wird sich auch nichts ändern“, erwidert Ben amüsiert.
„Aber ich weiß, wohin wir müssen!“
„Ich kann auch nach Anweisung fahren.“
Ich schweige mürrisch, bis wir im Auto sitzen. Das ist doch bescheuert. Ich habe doch bewiesen, dass ich kein kleines Kind bin, und dass ich auch in gefährlichen Situation nicht die Nerven verliere. Ob die schon mal einen Berufskiller erledigt haben, während der ihnen seine Pistole auf die Stirn gedrückt hat?
Du hast nur Glück gehabt und benimmst dich außerdem jetzt gerade durchaus kindisch, stellt die Andere fest.
Trotzdem gebe ich dem Polizisten schlecht gelaunt die Richtungsanweisungen. Meine schlechte Laune verschwindet erst, als wir Savage sehen.
Stattdessen kriege ich den nächsten Heulkrampf.

Es könnte so ein schöner Tag sein. Zwar ist es immer noch heiß, aber ein leichter Wind geht durch die Bäume. Außerdem ist es Montag, der Strand wird also nicht so voll sein wie am Wochenende. Gut, eigentlich müsste ich ja auch arbeiten.
Stattdessen hocke ich im Wagen von Ben Norris und versuche das Bild loszuwerden. Das Bild von Savage, wie er hin und her baumelt. Er sieht aus, als hätte er keinen schnellen Tod gehabt. Seine Zunge quillt aus dem geöffneten Mund, die Augen sind offen und seltsam verdreht. Seine Hände hängen neben dem Körper herunter und sind blutig, als hätte er versucht, die Schlinge zu lockern.
Sie haben ihn einfach hochgezogen und zugesehen, wie er erstickt ist. Ich habe keine Ahnung, wie lange das dauert, aber ich möchte nicht so sterben. Dann lieber eine Kugel in die Stirn.
Um mich herum wimmelt es inzwischen von Menschen. Polizisten, Rettungsärzte, CSI und andere. Ich weiß es nicht. Und es ist mir so egal.
Einige schauen kurz nach mir, aber sie lassen mich in Ruhe. Inzwischen dürfte sich herumgesprochen haben, wer ich bin und was heute passiert ist. Die Killer. Savage. Und was auch immer.
Scheiße. Verdammte Scheiße.
Im Auto kommen die Geräusche nur gedämpft an. Oder es liegt an mir, könnte auch sein.
Ich begrabe das Gesicht in den Händen und weine mal wieder. Bringt bloß überhaupt nichts.
Vor drei Tagen dachte ich noch über Selbstmord nach, nicht einmal wirklich ernsthaft, aber ein bisschen schon, jetzt sterben um mich herum die Menschen. Das ist unglaublich. Bis auf Phil habe ich davor keine tote Menschen gesehen, glaube ich, jetzt innerhalb weniger Tage gleich vier. Normans Reste, die beiden Killer, jetzt Savage.
Was mache ich nur?
Ich reiße den Kopf hoch und starre durch einen Tränenschleier Ben an, als er die Tür öffnet.
„Wie geht es dir?“, fragt er.
„Erwartest du ernsthaft eine Antwort darauf?“
„Nein. Wir fahren dich gleich nach Hause.“
„Auf keinen Fall! Wir müssen diese Schweine schnappen!“
„Fiona, willst du auch … Sorry. Es ist gefährlich.“
„Meinst du, zu Hause bin ich sicherer als bei euch?“
„Du bekommst einen Streifenwagen vor die Tür gestellt.“
„Nein! Wir haben besprochen, dass ich als Beraterin dabei sein darf!“
„Das war, bevor wir Savage fanden.“
„Und was ändert das? Wir wussten auch vorher schon, dass sie gefährlich sind und vor nichts zurückschrecken. Hör zu, Ben, ich muss jetzt etwas tun, sonst drehe ich durch! Wenn ich zu Hause rumhocke, tue ich garantiert etwas Unüberlegtes!“
„Wenn du mit Suizid drohst …“
„Tue ich nicht!“, unterbreche ich ihn, denn mir wird klar, dass ich ungeschickt war. „Ich nehme denen doch nicht die Arbeit ab!“
Er grinst leicht. „Okay, du hast selbst jetzt noch deinen Humor, das werte ich als gutes Zeichen.“
„Sind wir uns dann einig? Ich bin weiterhin dabei?“
Er nickt. „Aber ich will, dass du mir versprichst, das zu tun, was wir dir sagen. Keine voreiligen Aktionen. Und du sagst uns Bescheid, wenn du lieber nach Hause gehen möchtest.“
„Okay. Ich verspreche es.“
„Na schön. Wir sind hier gleich fertig, dann fahren wir zu diesem Videoladen. Lauf nicht weg.“
„Haha.“ Ich blicke ihm hinterher, als er wieder im Wald verschwindet. Ein bisschen, wirklich nur ein bisschen, geht es mir besser. Und ich überlege, wann wir eigentlich zu der vertraulichen Anrede gewechselt sind. Ich glaube, das war in dem Moment, als ich beim Anblick des hängenden Jungen zusammengebrochen bin.
Durch die nach wie vor geöffnete Tür schaut jemand rein.
„Alles okay? Ich bin Arzt und man hat mich gebeten, nach Ihnen zu schauen.“
„Mir geht es gut“, erwidere ich und weiß genau, wie unglaubwürdig das klingen muss. Ich sitze im Fond des Wagens, die Hände gefaltet auf meinen Oberschenkeln, den Rücken krumm, das Gesicht tränenverschmiert … Ich würde mir jedenfalls kein Wort glauben.
„Der Detective meinte, dass Sie das sagen würden, und ich Ihnen nichts aufzwingen soll. Aber falls Sie Schmerzen haben …“
Ich betaste meinen linken Arm. Ein wenig tut es schon weh. Heilungsschmerz? Was würde er wohl als Arzt zu dem Phänomen sagen? Ich beschließe, dass ich es lieber für mich behalte.
„Ein bisschen …“
„Okay, ich gebe Ihnen ein paar Tabletten. Bitte ausreichend dazu trinken. Das Zeug ist stark, nicht wie das aus der Apotheke, also nicht zu viel nehmen. Höchstens eine alle vier Stunden.“
Er reicht mir ein Tütchen. Ich nehme es entgegen, schiebe es in die Hosentasche und bedanke mich artig. Er lächelt mich aufmunternd an und entfernt sich dann.
Ich lehne den Kopf zurück.
Ach du Scheiße …

Es ist vielleicht vier Stunden her, dass ich fast an derselben Stelle geparkt und den Videoladen beobachtet habe.
Ich glaube das einfach nicht. Kann das sein? Wirklich nur vier Stunden? Ich rechne nach, aber es stimmt.
Das ist ja unglaublich. Vielleicht sind es ja auch fünf Stunden, aber selbst dann …
„Wie sieht er aus?“, erkundigt sich Laura.
„Etwa einen halben Kopf größer als ich, dunkelbraune Haare, sehr kurz, graue Augen. Schlank, sportlich. Etwa 30. Er trägt ein graues Hemd, hellblaue Jeans und Turnschuhe.“
Die beiden starren mich an.
„Was?“
„Du wärst eine Traumzeugin“, sagt Ben.
„Ich habe ein gutes Gedächtnis und pflege meine Umgebung zu beobachten.“
„Es ist sehr ungewöhnlich, eine so präzise Beschreibung zu bekommen. Umso besser für uns. Du wartest hier, wie besprochen und versprochen.“
Ich schenke Ben ein kurzes und etwas gezwungenes Lächeln, während sie aussteigen. Dann sehe ich zu, wie sie die Straße überqueren und „StarV“ durch die offene Tür betreten. Das wird anscheinend eine ziemlich langweilige Beratertätigkeit, wenn ich immer nur alles aus dem Auto heraus beobachte.
Da ansonsten nichts passiert, betrachte ich meine Umgebung. Viel gibt es ja nicht zu sehen. Was soll auch schon an einem Montag spätnachmittags bitteschön los sein? Es fahren Autos durch die Gegend, Menschen gehen irgendwohin, die Fenster in den Häusern sind überwiegend zu, die Rollos unten. Die Luft flimmert. Ist doch heißer, als ich dachte. Jedenfalls hier, wo alles asphaltiert ist.
Dann kommt Stanley Mime durch die Tür. Allein und ziemlich hektisch. Er blickt sich kurz um, dann rennt er auf mich zu. Gut, nicht wirklich auf mich, er kann ja nicht sehen, dass in dem Wagen jemand sitzt, weil die hinteren Scheiben getönt sind.
Kurz darauf erscheint auch Ben in der Tür. Er wirkt gehetzt. Von Laura keine Spur.
Ich beschließe, dass mein Versprechen nicht für außergewöhnliche Situationen gilt und stoße die Tür auf. Das bringt Stanley, der eigentlich hinter dem Wagen herlaufen wollte, aus dem Takt. Seine Augen weiten sich, als ich aus dem Auto springe und er mich erkennt.
„Willst du nicht lieber warten?“, erkundige ich mich.
„Hau ab, Kleine!“, erwidert er und rennt weiter.
Das heißt, er würde ja gerne. Aber er nannte mich soeben Kleine. Das kann ich so was von nicht ausstehen. Ganz abgesehen davon, dass ich ihn sowieso nicht entkommen lassen will.
Aber er hat mich Kleine genannt, das Arschloch!
Ich springe ihn von der Seite an, mit der rechten Schulter voran. Dieser Teil von mir ist gerade schmerzfrei. Seine rechte Brust daraufhin nicht mehr. Er dreht sich um die eigene Achse, dann prallt er stolpernd gegen den Wagen, der hinter unserem parkt.
Bevor er sich aufrappeln kann, ist Ben da und legt ihm Handschellen an, ihn wenig zimperlich behandelnd.
„Du solltest doch im Auto bleiben!“, fährt er mich wütend an.
„Ach ja? Wolltest du ihm in der Hitze hinterher laufen? Übrigens, habe ich gerne gemacht.“
„Danke. – Stanley Mime, ich nehme Sie fest wegen des Handels mit Kinderpornografie. Sie haben das Recht zu schweigen. Alles, was Sie sagen, kann gegen Sie verwendet werden.“
„Fickt euch!“, erwidert der Videothekar hasserfüllt.
„Wir beide? Uns?“, hake ich neugierig nach und ernte von beiden böse Blicke. „Wo ist eigentlich Laura?“
„Er hat sie mit einem dicken Aktenordner niedergeschlagen“, antwortet Ben. „Kannst du mal nach ihr schauen?“
„Aber sicher doch!“ Ich laufe über die Straße und fühle mich bereits viel besser. Das könnte ja doch noch ganz interessant werden. Wenn er sich beruhigt hat, wird auch Ben einsehen, dass ich alles richtig gemacht habe. Einer wie Stanley ist nun echt keine Herausforderung für die laut ihres Meisters zweitbeste Kampfsportlerin des Landes.
Laura steht bereits, als ich ankomme, aber etwas wackelig. Sie sieht mich erstaunt an.
„Wo ist Mime?“
„Wir haben ihn“, teile ich ihr mit.
„Ihr?“
„Ich habe nur dafür gesorgt, dass Ben ihm die Handschellen anlegen konnte. Soll ich einen Arzt rufen?“
Sie schüttelt den Kopf, dann verzieht sie das Gesicht. Auf ihrer Schläfe ist eine dünne Blutspur zu sehen.
„Wäre vielleicht besser. Wenn du eine Gehirnerschütterung hast …“
„Fiona, willst ausgerechnet du mir was von Ärzten erzählen?“
„Ist ein Argument“, erwidere ich grinsend. „Darf ich dir wenigstens meinen Arm leihen?“
Ich sehe ihr an, dass sie erst auch das ablehnen will, sich dann aber eines Besseren besinnt. Gemeinsam gehen wir zurück zum Auto. Mime sitzt inzwischen auf dem Rücksitz, Ben steht dagegen gelehnt und hat seine Sonnenbrille aufgesetzt.
„Wo bleibt ihr denn?“, fragt er.
„Fick dich doch“, erwidert Laura.
„Komisch, alle wollen das“, bemerke ich. „Dafür muss es doch einen Grund geben.“
„Dir scheint es wieder besser zu gehen“, meint Ben und mustert mich. Wegen der Sonnenbrille kann ich nicht eindeutig erkennen, wie ernst er es meint. Er holt eine Zigarettenschachtel hervor und bietet mir was an. Ich nehme dankbar an, Laura lehnt ab und setzt sich ins Auto. Nach hinten. Der arme Stanley.
Wir rauchen eine Weile schweigend, bis Ben schließlich sagt: „Ich weiß durchaus zu schätzen, dass du uns helfen willst. Und ich habe eine Ahnung, dass du ein Karatewunderkind zu sein scheinst. Aber wenn dir was passiert, bringt Jack mich um. Und dich auch.“
„Ja, voll logisch.“
Er grinst leicht. „Du bist durchgeknallt, weißt du das?“
„Ich höre es nicht zum ersten Mal.“
„Dachte ich mir.“
„Hör zu, Ben, damit kann ich umgehen. Alles, was irgendwie mit Nahkampf zu tun hat, kann ich gut. Wir waren mal auf Klassenfahrt, etwa vor sechs Jahren, da haben drei Idioten einen Mitschüler von mir bedroht. Er hätte keine Chance gegen die gehabt, also bin ich dazwischen gegangen.“
„Was ist passiert?“, erkundigt er sich neugierig.
„Sie haben überlebt, mussten aber unterschiedlich lange im Krankenhaus bleiben.“
„Das klingt verdächtig nach Rambo.“
„Nö“, erwidere ich. „Es klingt verdächtig danach, dass ich es nicht leiden kann, wenn Schwächere oder vermeintlich Schwächere angegangen werden. Ich habe auch meinen Bruder beschützt, wenn es sein musste. Zumindest früher, als er noch mit mir unterwegs war. Als Kind habe ich mal ursprünglich Ballett gemacht, fünf Jahre lang. Mit Karate habe ich angefangen, als ich gemerkt habe, wie mit kleinen, zierlichen Mädchen umgegangen wird. Ich wollte das nicht, also habe ich gelernt, wie ich mich dagegen wehren kann. Und ich habe gelernt, dass ich nicht zu lange warten darf, bis ich reagiere. Meine Stärke ist meine Schnelligkeit. Und ich ziehe voll durch. Viele Kampfsportler haben damit ein Problem, im Ernstfall nicht abzubremsen. Ich nicht.“
„Das glaube ich dir sofort.“
„Dann hast du ja Glück“, sage ich grinsend.
„Aber neun Männer?“
„Das war ich nicht.“
Er mustert mich kurz, dann zuckt er die Achseln. Wir wissen beide, dass ich lüge, aber wir wissen beide nicht, wie ich das geschafft habe. Immerhin, eine Gemeinsamkeit.
Er wirft seine Kippe weg und deutet stumm auf das Auto. Wir steigen beide ein, ich diesmal vorne. Ich werfe einen Blick auf Stanley, aber er scheint noch zu leben. Wenn Laura was mit ihm getan hat, dann hat sie es unauffällig erledigt.
Ich lehne den Kopf gegen die Kopfstütze und schließe die Augen. Meine Wunde tut weh und ich denke darüber nach, eine Tablette zu nehmen. Aber vielleicht ist es ja Heilschmerz.
Mal sehen, wie es morgen ist.

Obwohl ich damit gerechnet habe, bin ich fassungslos. Ich sitze im Bett und starre meine Beine an. Ich finde sie ein bisschen zu dünn, obwohl sie vermutlich den Männern gefallen. Doch im Moment versetzt mich in eine kurze Schockstarre, dass sie so glatt sind.
Die Schrammen von den Dornen sind weg! Spurlos weg!
Ich betaste meinen linken Oberarm und erspüre die Wunde durch den Verband. Sie scheint nicht vollständig verheilt zu sein, aber zumindest verursacht die Berührung nicht den geringsten Schmerz.
Ich springe auf und laufe ins Bad. Dort mache ich den Verband vorsichtig ab, lege ihn aufs Klo und wasche die Wunde.
Ich bin keine Ärztin, aber ich glaube, eine Schusswunde darf frühestens nach zwei, drei Wochen so aussehen. Nicht nach nicht mal einem Tag.
Was zum Teufel ist hier nur los?
Ich ziehe das T-Shirt aus, das ich als Nachthemd nutze, und dusche. Danach geht es mir zwar nicht besser, aber ich stinke wenigstens nicht mehr. Nach dem Abtrocknen lege ich den Verband wieder an. Das bleibt besser mein Geheimnis, dass ich noch unnormaler bin, als sowieso schon alle denken. Vor meinem geistigen Auge sehe ich Bilder, wie gefangengenommene Aliens untersucht und aufgeschnitten werden.
Dann atme ich tief durch. Wenn nicht bereits das Militär, dann würde aber ganz bestimmt die Pharmaindustrie vor nichts zurückschrecken, um herauszufinden, wieso Verletzungen bei mir grob geschätzt zehnmal schneller verheilen als bei anderen Menschen.
Ich ziehe kurze, hellblaue Jeans an, aber keine Pomanschette. Schon züchtig bis zu den Oberschenkeln reichend. Und keine Stiefeletten, sondern Söckchen und Sportschuhe. Dazu ein weißes Cross Over Tanktop. Es lenkt die Blicke auf mich, aber eigentlich kann niemand behaupten, es wäre aufreizend. Nicht bei diesem Wetter. Alle Mädchen und junge Frauen in meinem Alter laufen so herum, für mehr Kleidung ist es einfach zu heiß.
Diesmal habe ich kein Glück. Mein Vater ist noch da. Zusammen mit meiner Mutter sitzt er am Esstisch.
„Fiona!“, ruft er, als ich mich hinausschleichen will. „Komm mal bitte!“
Ich schließe kurz die Augen, dann gehorche ich. Aber ich setze mich nicht, sondern bleibe ihm gegenüber stehen, die Hände auf eine Stuhllehne gelegt.
„Ja?“
Er mustert mich, dann hebt er den Blick. „Die Beerdigung ist am Donnerstag, um drei Uhr nachmittags.“
„In der größten Hitze?“
„Ging nicht anders. Wir hätten sonst eine Woche warten müssen.“
„Na gut. War es das?“
„Wo willst du hin? Arbeiten wohl kaum, oder?“
Ich betrachte meine Mutter, die neben ihm sitzt und eine Orange schält. Schon die ganze Zeit. Sehr akkurat. Ich glaube, sie weiß gar nicht, dass sie das tut.
„Nein“, antworte ich schließlich. „Ich arbeite mit der Polizei zusammen, um Normans Mörder zu fassen.“
„Aha. Und was ist mit deinem Arm passiert?“
„Das ist eine Schusswunde“, möchte ich am liebsten sagen. Und eigentlich sollte ich das auch, er wird es sonst aus der Zeitung erfahren. Aber nicht, während ich dabei bin. Ich bin noch nicht so weit, ihnen zu erzählen, was ich über Norman herausgefunden habe.
Dass er ein Monster war.
Ich begreife es ja selbst noch nicht.
Mein Bruder? Der süße Norman?
Ja, der süße Norman. Auf dem Video wurde mir deutlich, wie gut er tatsächlich aussah. Bereits mit 13 dürften ihm die Mädchen nachgelaufen sein. Warum hat er sich nicht mit denen vergnügt, die es freiwillig getan hätten? Selbst das wäre besser gewesen!
„Habe mich verletzt“, antworte ich schließlich. „Nichts Schlimmes.“
„Ja, genauso sieht es aus.“
Ich beende das dämliche Gespräch, indem ich einfach gehe. Eigentlich würde ich mich von meiner Mutter gerne verabschieden, aber dann müsste ich in die Nähe meines Vaters. Was nicht infrage kommt.
Da ich kein Auto habe, werde ich abgeholt. Von Laura und Ben zusammen.
„Was ist los?“, erkundigt sich Ben, nachdem ich mich nach hinten gesetzt habe.
„Nichts. Wieso?“
„Weil du aussiehst, als würdest du gleich heulen.“
„Es ist nichts“, erwidere ich und starre aus dem Seitenfenster. „Hat Stanley schon was gesagt?“
„Wir haben ihn noch gar nicht befragt. Soll ruhig ein wenig schmoren.“
„Okay. Darf ich bei der Befragung dabei sein? Als Beraterin?“
„Wen willst du denn beraten? Ihn oder uns?“ Die beiden grinsen sich an.
Haha.
„Ihn, damit er das Richtige sagt. Darf ich ihm dabei ein paar Zähne ausschlagen? Beratend natürlich, nur beratend.“
„Oha, ganz schön aggressiv heute, unser Schätzlein“, bemerkt Laura.
„Ich hatte vorhin ein Gespräch mit meinem Vater“, entfährt es mir. Scheiße. Ich sollte den Mund halten. Aber nun ist es zu spät.
„Euer Verhältnis ist nicht besonders gut“, bemerkt Ben nach einem Blick in den Innenspiegel. „Das ist mir schon beim ersten Mal aufgefallen.“
Eigentlich ist es ja egal, ob sie es wissen oder nicht. Ist eh kein Geheimnis, von meiner Seite aus. Mein Vater hätte lieber die heile Familie, weil sich das besser macht, aber dann soll er halt was dafür tun.
„Nein, ist es nicht. Ich bin als Erstgeborene kein Junge, damit kommt er nicht klar.“
„Dabei benimmst du dich wie einer“, sagt Laura.
„Danke!“
„Stimmt das etwa nicht? Du bist ein hübsches Mädchen, aber du hast auch viel Jungenhaftes. Vor allem bewegst du dich wie ein Junge.“
„Das stimmt nicht. Meine Art, mich zu bewegen, hängt mit dem Sport zusammen. Jungs, die so trainieren, bewegen sich anders. Und ich weiß, dass ich immer noch das Tänzelnde drin habe, vom Ballett. Aber ich bewege mich nicht wie andere Mädchen in meinem Alter, die von der Diät dünn sind, aber keine Muskeln haben. Das ist ein Riesenunterschied, okay?“
„Oh, sind wir an der Stelle empfindlich?“
„Ja, sind wir. Ich habe Ben gestern schon gesagt, warum ich mit dem Kampfsport angefangen habe. Mal abgesehen von dem konkreten Anlass, aber das hat nur den Denkprozess in mir ausgelöst. Ich will keine Emanze sein, aber ich hasse es echt, wenn ich nicht für voll genommen werde. Und als blondes, zierliches Mädchen passiert mir das ständig. Ich könnte dann jedes Mal ausrasten.“
„Sieht man dir gar nicht an“, bemerkt Ben.
„Nein, ich kann mich nach außen ganz gut beherrschen. Meistens. Auf der Schule bin ich ein paarmal ausgerastet, danach wussten sie Bescheid und haben es akzeptiert. Ich meine, ich helfe gerne. Und ich bin lieber nett als böse, aber ich kann auch sehr, sehr böse sein.“
„Habe ich gemerkt, als du Stanley gestoppt hast.“
„Das war sehr zurückhaltend.“
„Trotzdem, dein Gesichtsausdruck war eindeutig. Egal. Was war denn der konkrete Anlass?“
„Wie bitte?“
„Du hast vorhin was von einem konkreten Anlass gesagt.“
„Ach, das. Ich hatte damals lange Haare und der Idiot hinter mir hat ständig daran gezupft. Tagelang. Ich habe ihn mehrfach gewarnt, dass ich ihn zusammenschlage, aber er hat nur gelacht. Irgendwann, mitten in der Geschichtsstunde, bin ich dann aufgesprungen, habe mich auf ihn geworfen und ihm die Nase gebrochen.“
„Oh, oh.“
„Ja, das gab ein Riesentheater. Meine Mutter durfte auch kommen. Ich sollte mich dann auch noch entschuldigen, aber da habe ich mich geweigert. Hat ja auch keinen interessiert, warum ich das getan habe. Mädchen dürfen sich nun einmal nicht so verhalten. Schon mal gar nicht so hübsche Mädchen mit so schönen langen Haaren. Hat ernsthaft eine Lehrerin gesagt.“
„Die lebt noch?“
„Ja, leider. Okay, das war jetzt doof. Sorry. Aber ich habe dann am nächsten Morgen mit einer Nagelschere meine Haare abgeschnitten. Meine Mutter ist fast ohnmächtig geworden, als sie mich danach sah. Seitdem habe ich diese Frisur. Und ich habe ihr gesagt, als ich beim Friseur saß, dass sie mich beim Ballett abmelden soll, ich will Karate lernen. Nach einigen Diskussionen hat sie zugestimmt, zumal ich ihr gesagt habe, dass ich da lernen würde, mich zu beherrschen.“
„Das ist ja auch wirklich so beim Kampfsport“, sagt Ben.
„Ich weiß. Klappt einigermaßen. Ich habe euch das auch nur erzählt, weil Laura vorhin meinte, ich würde mich wie ein Junge benehmen. Als Junge bräuchte ich mich gar nicht so zu verhalten.“
„Klingt nach Vorurteilen.“
„Klingt nach Erfahrung. Ich weiß nicht. Hast du andere Erfahrungen gemacht?“
„Ich bin ja nicht zierlich und blond.“
„Haha. Ernsthaft jetzt.“
„Ja und nein. Ich glaube, Rothaarige werden anders eingeschätzt.“
„Und das ist jetzt kein Vorurteil, oder wie?“
Sie dreht sich grinsend zu mir um. „Touché. Okay, an Vorurteilen ist ja meist auch was dran. Und sei doch ehrlich: Wir sind ganz unterschiedliche Typen, unterschiedliche Beuteschemata.“
„Ich bin gar keine Beute“, murmele ich. „Aber ich weiß, was du meinst. Schon klar.“
„Um auf deine Frage zurückzukommen: Ja, ich habe auch meine Erfahrungen gemacht, und die waren keineswegs nur schön. Gerade bei der Polizei spielt es eine Rolle, dass ich kein Mann bin. Ich will mich aber gar nicht beschweren.“
Und ich bin echt froh, dass wir jetzt ankommen. Solche Gespräche machen mich aggressiv, und meine Grundstimmung war eh schon schlecht. Es ist ja nicht so, dass ich es nicht gelernt hätte, aus meinem Aussehen auch mal Profit zu ziehen. Gezwungenermaßen. Deswegen finde ich es trotzdem nicht gut, dass Jungs es besser haben. Wie sehr das stimmt, das durfte ich ja ständig an Norman sehen.
Trotzdem ist er tot, nicht ich.
Ben veranlasst von seinem Schreibtisch aus, dass Mime in einen der Verhörräume gebracht wird. Laura erklärt mir in der Zwischenzeit einige grundsätzliche Dinge, zum Beispiel, dass ich möglichst nur zuhören sollte. Eigentlich nur zuhören sollte.
„Am besten bleibst du erst einmal nebenan und beobachtest nur“, meint Ben.
„Was soll ich beobachten?“
„Wie wir das machen.“
Ich zucke die Achseln. „Okay. Hauptsache, wir kriegen raus, wie wir an die Hintermänner drankommen.“
„Kriegen wir. Früher oder später.“
Ich verzichte lieber darauf, zu erzählen, was ich von später halte. Sie werden es sich eh denken können. Und wenn nicht, ist es auch egal.
Stanley Mime wirkt etwas nervös, als er hereingeführt wird. Sein Blick flattert zwischen den beiden Polizisten hin und her, die vor ihm sitzen. Hauptsächlich stellt Ben die Fragen und notiert sich die nichtssagenden Antworten von dem Kerl. Zumindest tut er so.
Natürlich streitet Stanley alles ab. Ich würde lügen, als Ben bemerkt, dass es eine Zeugin gibt. Überhaupt, wer ich denn sei? Außerdem wäre es eine Falle gewesen, jemand hätte ihm was untergejubelt.
Nach einer Stunde sagt Laura, dass sie einen Kaffee braucht und kommt dann zu mir.
„Lange hält er nicht mehr durch“, sagt sie dabei.
„Echt jetzt? Warst du bei einem anderen Verhör als ich?“
„Nein, aber ich habe so was schon öfter gemacht“, erwidert sie lächelnd. „Er ist nervös. Klar, er hat wohl auch Angst vor denen, die hinter der Sache stecken und ihn töten würden, wenn er redet.“
„Warum lassen wir ihn nicht laufen und beschatten ihn?“
„Vielleicht machen wir das“, sagt sie achselzuckend. „Aber das wäre mit Aufwand verbunden, außerdem mit dem Risiko, dass er entkommt. Ich glaube, ihn kriegen wir auch so zum Reden.“
„Aha. Darf ich mit ihm reden?“
„Meinetwegen darfst du mich ablösen, aber ob du Fragen stellen darfst, entscheidet Ben. Nimm Kaffee mit.“
„Guter Bulle, schlechter Bulle?“
„Du guckst zu viele Krimis. Nein, für Ben.“
Ich finde den Kaffeeautomaten um die Ecke und ziehe drei Kaffees, die ich in den Verhörraum balanciere. Die drei Pappbecher stelle ich erst auf dem Tisch ab, dann setze ich mich und verteile die Becher.
Ben beobachtet mich fragend.
„Wolltest du keinen Kaffee?“, erkundige ich mich.
„Doch. Aber ich dachte, Laura bringt ihn.“
„Falsch gedacht.“ Ich mustere Stanley, der mich wütend anstarrt. „Hi. Ich wusste nicht, wie viel Zucker du in deinen Kaffee tust, deswegen habe ich drei Portionen reingetan.“
„Ich mag es süß.“
„Wie die süßen kleinen Mädchen?“
„Ich habe keine Ahnung, wovon du redest. Was macht sie überhaupt hier? Und wo bleibt mein Anwalt?“
„Er steckt im Stau fest. Aber du brauchst ihn gar nicht, um uns zu erzählen, wer dir die Videos geliefert hat.“
„Es gibt einen Lieferdienst, wie ihn alle Videoclubs haben.“
„Dass ich nicht die Filme meine, die ihr offiziell vermietet, weißt du ja.“
„Nein, weiß ich nicht. Aber das habe ich schon gefühlt hundertmal gesagt.“
„Du tust mir jetzt schon leid“, bemerke ich, bevor Ben die Schleife von vorne beginnen kann.
„Wieso?“
„Ich denke, du wirst nicht sitzen können. Wenn du Glück hast. Vielleicht hängen sie dich ja auch auf.“
„Fiona, was soll das?“
Ich wende mich an Ben. „Ist das nicht so? Was geschieht denn im Gefängnis mit Kinderschändern?“
„Ich bin kein Kinderschänder!“, schreit Stanley.
„Aber du vertreibst die Videos, in denen Kinder vergewaltigt werden! Glaubst du, das interessiert die im Knast, ob du mitmachst?“
„Ihr müsst mich beschützen, das ist eure Pflicht! Und überhaupt, wer ist die eigentlich?“
„Sie ist Beraterin. Wir arbeiten mit ihr zusammen.“
„Mit der?“ Stanley wirft mir einen verächtlichen Blick zu. „Müsste sie nicht in der Schule sein?“
Er hat Glück, er benutzt nicht das Wort. Er sagt nicht „Kleine“ oder etwas Ähnliches, sonst fiele es mir deutlich schwerer, mich zu beherrschen. Aber im Prinzip sagt er es doch.
Ich atme tief durch. „Ben, darf ich alleine mit ihm reden?“
„Nein!“
„Schade. Glück für dich, Stanley Mime. Weißt du, was ich glaube? Ich glaube, du weißt ganz genau, dass dich niemand beschützen kann, wenn deine Mithäftlinge herausfinden, dass du ein beschissener Pädo bist. Das glaube ich. Dann hast du ausgeschissen, aber so was von.“
Ben starrt mich entgeistert an, dann erhebt er sich. „Kommst du bitte mit, Fiona?“
Ich gehorche. Draußen fährt er mich an: „Was soll das? Und wo hast du diesen Scheiß her?“
„Stimmt das etwa nicht?“
„Das mag in Brasilien oder Mexiko so sein, aber nicht bei uns.“
„Und meinst du, das Arschloch weiß das?“
„Wahrscheinlich nicht. Du wusstest es ja auch nicht.“
„Haha. Wollen wir nun einen Namen von ihm hören oder nicht?“
„Doch. Aber nicht mit solchen Methoden.“
„Warum nicht?“
„Weil Polizisten in diesem Land nicht so arbeiten.“
„Kein Problem. Ich bin ja keine Polizistin. Ich berate euch, dass ihr das so machen sollt und stelle mich freiwillig zur Verfügung.“
Laura, die uns aus der Tür zum Nebenraum zuhört, sagt plötzlich: „Ich finde die Idee gar nicht so schlecht. Und auch wenn bei uns vielleicht Pädos nicht aufgehängt oder in Stücke geschnitten werden, kann ihnen das Leben zur Hölle gemacht werden, wenn die anderen rauskriegen, warum sie im Knast sind.“
„So arbeiten wir aber nicht, Laura.“
„Ja, du hast recht, normalerweise nicht. Aber Fiona ist keine Polizistin.“
„Darum dürfte sie gar nicht da drin sein. Aber meinetwegen, macht doch, was ihr wollt.“
Ich starre ihn erstaunt an, dann werfe ich einen fragenden Blick auf Laura. Diese zuckt grinsend die Achseln, und mir wird klar, dass Ben in Wirklichkeit auch weiß, dass die nicht hundertprozentig legale Methode schneller und damit besser ist. Und weil es ihm nicht in erster Linie darum geht, Stanley ins Gefängnis zu bringen, sondern an die Verantwortlichen heranzukommen, tut er nur so, als wäre er der Gute.
Also doch böser Bulle.
Kann mir nur recht sein.
„Warum hast du mich eigentlich herausgerufen?“, erkundige ich mich.
„Um ihn zu verunsichern. Er hofft darauf, dass ich dich zurechtstutze. Wenn wir wieder reingehen und du machst weiter, ist er bald weichgekocht.“
„Ich muss wohl meine Meinung über dich revidieren, Ben“, stelle ich fest.
„Tue das ruhig. Aber später. Komm.“ Er hält mir die Tür auf, wir gehen hinein, zu Stanley, der mich grinsend ansieht.
„Na, weißt du jetzt Bescheid?“
„Oh ja, weiß ich. Weißt du, mein Onkel ist bei der Polizei, der hat mir Sachen erzählt, dagegen war ich ja noch zurückhaltend. Ich bin ein nettes Mädchen, deswegen drücke ich mich nicht so aus wie mein Onkel.“
Stanley schnaubt. „Du? Nettes Mädchen?“
„Irgendwie schon. Ich habe dir zum Beispiel nichts gebrochen, als ich dich aufgehalten habe. Hätte kein Problem damit gehabt. Ben hier kann das bestätigen.“
„Oh ja“, sagt Ben.
Stanley wird unsicher, das sehe ich an seinem Blick. Es überrascht ihn, dass Ben mich plötzlich unterstützt. Damit hat er nicht gerechnet, schätze ich.
„Was wird das hier eigentlich?“, fragt er schließlich.
„Es hat sich nichts geändert“, erwidere ich. „Wir wollen von dir wissen, wie du an die Videos kommst. Und sag nichts vom Lieferdienst, wir wissen alle, dass du weißt, was wir meinen. Okay?“
„Selbst wenn es so wäre, warum sollte ich überhaupt mit euch zusammenarbeiten?“
Ich werfe einen hastigen Blick auf Ben, doch der ignoriert das und mustert Stanley mit einem gelangweilten Gesichtsausdruck. Dann nippt er an seinem Kaffee.
„Dafür gibt es mehrere Gründe“, sage ich schließlich, da anscheinend ich das Gespräch weiter führen darf. Oder sogar soll. „Der wichtigste ist, dass wir dann dafür sorgen werden, dass du den Knast überlebst. In einem Stück. Hilfst du uns, helfen wir dir. Ist das ein guter Grund oder nicht?“
Ich nehme aus dem Augenwinkel wahr, wie Ben mich ansieht, aber nun ignoriere ich ihn.
„Und wie wollt ihr das schaffen? Komme ich in das Kronzeugenprogramm?“
„Jetzt mal nicht übertreiben“, erwidert Ben. „Ich glaube nicht, dass du genug für einen Kronzeugen weißt.“
„Wenn ich euch den Namen von jemandem liefere, der weiß, wie die Drahtzieher sind, was ist dann?“
„Vielleicht wird es dann was mit uns“, sagt Ben. „Wir überprüfen das, wenn du die Wahrheit sagst, dann stehen deine Chancen gut.“
„Es kann aber auch sein, dass ich trotzdem in den Knast komme?“
„Sieh das mal so“, bemerke ich und beuge mich vor, wie die es in Filmen auch immer machen, wenn sie etwas Bedeutendes sagen wollen. „Kooperierst du nicht, kommst du auf jeden Fall in den Knast. Ohne Vaseline wird es hart. Wenn du mit uns kooperierst, hast du eine Chance, dein Arschloch nicht in Zukunft mit einem Stopfen zumachen zu müssen, damit die Scheiße nicht direkt herausfällt.“
„Fiona!“ Ben starrt mich entgeistert an, und ich glaube, diesmal ist es echt.
„Was denn? Gibt es das auch nur in Brasilien?“
Er schüttelt den Kopf, dann mustert er Stanley. „Fiona hat, trotz des etwas plakativen Vergleichs, tatsächlich recht. Leute wie du stehen in der Hierarchie ganz, ganz weit unten. Weißt du was? Du kommst jetzt zurück in deine Zelle und darfst dir bis morgen überlegen, ob du mit uns zusammenarbeitest oder nicht. Haben wir morgen um zehn Uhr noch keinen Namen von dir bekommen, ist der Zug abgefahren. Komm, Fiona, wir gehen.“
Er packt seine Tasse, erhebt sich und steuert auf die Tür zu. Ich werfe einen Blick auf Stanley, der mich wie versteinert anstarrt, dann zucke ich die Achseln und folge Ben.
„Wartet!“
Bens Hand liegt bereits auf der Klinke. Er dreht sich mit einem fragenden Gesichtsausdruck um.
„Okay, ich bin dabei!“ Stanley leckt sich die Lippen. „Scheiße, ich glaube, ihr seid wirklich so verrückt, und ich weiß, was die mit mir machen würden.“
„Eine weise Entscheidung“, nickt Ben und kehrt zurück an den Tisch. „Na, dann erzähl mal. Und denk daran, du hast nur diese eine Chance.“
„Schon gut.“ Stanley beobachtet mich, als ich ebenfalls zu meinem Platz zurückgehe. „Er heißt Malcolm. Gerry Malcolm. Er bringt die Videos, aber er ist nicht bloß ein Kurier. Aus dem, was er gesagt hat, denke ich, dass er weiß, wer weiter oben ist.“
„Das denkst du?“
Er nickt und leckt sich erneut die Lippen. Lügt er jetzt, oder was? Ich krame in meinem Gedächtnis, was ich über Verhaltenspsychologie gelernt habe. Viel war es ja nicht, aber ich habe ja auch nicht studiert. Wenn ich nicht völlig daneben liege, dann ist das eine Beschwichtigungsgeste.
Der Kerl hat Schiss ohne Ende.
Okay, das ist nachvollziehbar.
„Also gut, wir überprüfen ihn. Gerry Malcolm? Wenn er etwas weiß, was uns weiterbringt, lege ich ein gutes Wort beim Captain für dich ein. Wenn du allerdings uns anlügst, dann wird es düster. Sehr düster.“
„Ich sage die Wahrheit“, erwidert Stanley.
„Okay. Wir werden sehen. Komm, Fiona, wir gehen jetzt tatsächlich.“
Draußen wendet er sich mir zu. „Laura und ich fahren zu diesem Kerl, du …“
„Und ich fahre mit!“
„Du fährst nicht mit!“
„Doch! Wieso willst du es mir verbieten?“
„Weil es gefährlich werden könnte?“
„Und wenn er euch wegläuft? Wer soll ihn dann stoppen?“
„Fiona, das ist kein Spiel. Stanley aufzuhalten war … Na ja, er ist ungefährlich, eigentlich. Dieser Malcolm scheint aber ein anderes Kaliber zu sein.“
„Oh, ich bin auch ein anderes Kaliber. Hör zu, ich fahre mit und bleibe im Auto. Was soll da schon passieren?“
„Du bleibst wirklich im Auto? Egal, was passiert?“
„Natürlich steige ich aus, wenn ein LKW euren Wagen rammen will!“
„Aber nur dann?“
„Nur dann!“
„Also gut, dann komm meinetwegen mit“, sagt er und wendet sich kopfschüttelnd ab.
Laura ist nicht begeistert, aber anscheinend hat sie verstanden, dass es keinen Sinn hat, mich von etwas abbringen zu wollen, was ich mir in den Kopf gesetzt habe. Stimmt ja auch. Eine der wenigen Eigenschaften, die ich von meinem Vater geerbt habe und für die ich ausnahmsweise sogar dankbar bin, obwohl es etwas von meinem Vater ist. Kann ja nicht alles nur schlecht sein.
Also sitze ich hinter Laura und beobachte die Gegend, durch die wir fahren. Sie weckt Erinnerungen, an Greg, dem ich verdanke, dass ich meine größte – meine große – Liebe Phil kennengelernt habe. Weil er so ein Arschloch war. Toller Sex, zumindest für ein paar Wochen. Hoffentlich hat er immer noch Schmerzen beim Pissen.
Ich beschließe, lieber nicht länger daran denken zu wollen. Es würde keinen guten Eindruck machen, wenn ich anfinge zu heulen, und beim Gedanken an Phil könnte das passieren. Selbst jetzt noch, nach fast vier Jahren.
Verdammte Scheiße.
„Alles okay?“, erkundigt sich Ben, und mir fällt auf, dass er mich anscheinend schon eine Weile im Rückspiegel beobachtet.
„Schau auf die Straße!“
„Ich habe zwei Augen. Und du Tränen in deinen.“
Ich fahre mit den Händen über meine Augen. Er hat recht. Echt klasse. Ich markiere hier die harte Göre und heule. Ja, so macht man das. Glaubwürdig ohne Ende.
„Habe mich nur an etwas erinnert“, erwidere ich schließlich. „Ist privat. Sehr privat.“
„Okay, kein Problem. Wir sind gleich da.“
Ben parkt den Wagen am Straßenrand, fast vor dem Haus. Ich kann am Haus vorbei in eine Gasse hineinsehen, allerdings ist ein Gittertor davor, etwas höher als ich.
„Du parkst nicht vorschriftsmäßig“, teile ich Ben mit, da sich das Haus links von uns befindet.
„Möchtest du wieder nach Hause?“, erkundigt er sich, während er aussteigt und dabei seine Waffe kurz prüft.
„Meinetwegen kannst du ja parken, wie du willst. Aber was sage ich dem Polizisten, der das nicht gut findet?“
„Zeige ihm das Blaulicht. Im Handschuhfach.“
„Gut zu wissen.“
„Nur für den Notfall, klar?“
„Ja, ja.“
Ich beobachte die beiden, wie sie das Haus betreten, dann lehne ich mich zurück. Es ist schon wieder so heiß. Ich liebe den Sommer ja, ich liebe die Sonne, ich liebe es auch, wenn es warm ist, aber das ist selbst mir schon fast zu viel des Guten.
Dann fällt mein Blick auf die nackten Schienenbeine. Wie frisch gewachsen. Ich begreife das einfach nicht. Ich habe ja keine Medizin studiert, aber Biologie fand ich immer interessant und auch in Genetik gut zugehört. Wie kann das sein? Ich könnte mir natürlich schon vorstellen, dass es eine Krankheit gibt, bei der die Zellteilung viel, viel schneller abläuft als normal. Aber müsste ich dann nicht schon aussehen, als wäre ich 100? Mindestens?
Ich werde aus meinen düsteren Gedanken gerissen, als ich Bewegung sehe. Auf der Feuertreppe an der Seite vom Haus, in das Laura und Ben gegangen sind. Dort, wo das Gittertor ist. Ein Kerl in Jeans und Muskelshirt klettert aus dem Fenster und dann verdammt schnell nach unten. Er scheint ziemlich muskulös zu sein, hat rote, kurzgeschorene Haare. Und eine Pistole im Hosenbund.
Fiona, bleib einfach sitzen und überlass das den beiden. Er ist bewaffnet und sieht aus wie van Damme.
Wen interessiert van Damme?
Ich springe aus dem Auto und über das Gittertor. Der Kerl, der Gerry Malcolm sein müsste, und ich kommen gleichzeitig auf dem Boden an. Er starrt mich kurz an, dann wendet er sich ab und rennt von mir weg. Vor mir? Oder nur vor den beiden anderen? Eigentlich spielt das eine große Rolle, dennoch beschließe ich, dass es mich in diesem Moment nicht interessiert.
Und folge ihm. Von oben höre ich Ben schreien, kann ihn aber nur schlecht verstehen. Irgendetwas mit „Verdammt“ und „Fiona“ und „Verflucht“. Er soll deutlicher reden, wenn er was von mir will.
Am Ende der Gasse klettert van Damme alias Gerry Malcolm auf eine Mauer und springt auf der anderen Seite hinunter. Ich folge ihm kurzentschlossen und finde mich in einem Garten wieder. Was es hier so alles gibt. Der Garten ist klein und an der Terrassentür, die zum Glück geschlossen ist, klebt ein wütender Hund. Schäferhund.
Ich sehe zu, dass ich weiterkomme, zumal auch Malcolm nicht auf mich wartet. Oder doch, aber dann sehe ich es nicht. Wäre nicht optimal, geht mir kurz durch den Kopf. Andererseits, ich habe neuerdings Glück, außerdem, wer weiß, vielleicht heilen auch sonst tödliche Wunden bei mir inzwischen?
Hör auf zu träumen, Fiona.
Wir überqueren noch einige Gärten, nicht alle sind unbenutzt, doch niemand kommt dazu, etwas zu tun, so schnell sind wir wieder fort. Ich höre hinter mir ein Kleinkind weinen, das tut mir echt leid, aber im Moment kann ich darauf keine Rücksicht nehmen.
Dann kommt der Augenblick, dass ich nicht in einem Garten lande, nachdem ich über ein Mäuerchen springe, sondern auf dem Hof vor einer langen Garagenreihe.
Und mich Malcolm gegenüber sehe.
Ups.
Seine Pistole ist auf mich gerichtet.
Ich reagiere instinktiv, das ist vermutlich auch gut so. Wenn auch nur einer von uns die Gelegenheit zum Nachdenken hätte, wäre das fatal.
Für mich, vor allem.
Aber er rechnet ganz sicher nicht mit dem, was ich tue. Ich ja auch nicht.
Mit einer Hand schlage ich die Pistole zur Seite, so heftig, dass sie davon fliegt, mit dem Ellbogen voran springe ich dann gegen den riesigen Kerl. Ich treffe ihn so wuchtvoll am unteren Ende des Brustbeins, dass er auf den Rücken fliegt und ich fast auf ihn. Kann mich gerade noch so abfangen und nutze den eigenen Schwung, um in einem Halbkreis zur Pistole zu stolpern, sie hochzureißen, herumzufahren und auf Malcolm zu richten.
Er liegt immer noch auf dem Boden und starrt mich an. Sein Gesicht ist schmerzverzerrt. Das allerdings wundert mich nicht, ich weiß aus eigener Erfahrung allzu gut, wie schmerzhaft so ein Treffer gegen das Brustbein sein kann.
„So“, sage ich. Keine Ahnung, wieso. Ich glaube, das wirkt einschüchternd. Vielleicht. Hoffentlich. Eine junge Blondine mit einer Pistole in der Hand wirkt vielleicht ohne „So“ nicht einschüchternd genug. So genau weiß ich es aber nicht.
Malcolm beginnt, sich aufzurichten.
„Hey, hey! Bleib mal schön auf dem Boden!“
Er hält inne, dann grinst er. „Die Pistole ist ja nicht einmal entsichert.“
„Echt nicht?“ Für einen Moment werde ich unsicher, aber dann fällt mir ein, dass er die Pistole schon auf mich gerichtet hatte. Gesichert? Wohl kaum.
Ich ziele neben ihn und drücke ab.
Der Knall ist fast unerträglich laut hier, zwischen den Mauern. Ich höre kaum den Querschläger, der dann irgendetwas trifft. Irgendetwas aus Glas.
Scheiße.
Niemand schreit, das ist schon mal gut.
Malcolm wird aber sehr bleich.
„Hör zu“, sage ich. „Du hast recht, ich kenne mich mit Pistolen nicht so gut aus. Aber ich kann abdrücken, wie du gesehen hast. Und ich bin heute irgendwie nervös. Meine Finger zucken seit dem Aufwachen. Also, wenn du aufstehst, schieße ich auf dich. Wo dich das trifft, weiß ich nicht, aber zielen würde ich auf deine Eier. Klar?“
Er nickt und schwitzt. Also brauche ich die Pistole nicht nachzuladen. Das ist auch gut so. Eine Halbautomatik oder Automatik oder wie das auch immer heißt. Verdammt, ich brauche unbedingt Schießunterricht, wenn mein Leben so weitergeht.
„Okay. Für wen arbeitest du?“
„Was?“
„Für wen du arbeitest! Und denk an meinen nervösen Finger, verdammt!“ Ich schwitze auch, außerdem weiß ich, dass Ben und Laura bald hier sein werden. Dann nehmen sie mir die Pistole weg. Was vielleicht auch besser ist, aber ich will trotzdem einen Namen von diesem Arschloch. Also richte ich die Waffe jetzt zwischen seine Beine. „Noch einmal frage ich nicht!“
„Du bist wahnsinnig! Keine Polizistin darf …“
„Ich bin keine Polizistin.“ Und drücke erneut ab, sicherheitshalber aber nicht zwischen seine Beine zielend, weil ein Querschläger ihn treffen könnte. Ganz abwesend ist mein Verstand also doch nicht. Aber richtig da auch nicht. Ist wohl im Auto geblieben.
Er schreit auf. „Bist du wahnsinnig?!“
„Du wiederholst dich. Name?“
„Rollo! Jay King Rollo!“
Im nächsten Augenblick werden wir erlöst, weil Ben über die Mauer ankommt und fast gleichzeitig Laura mit dem Auto. Die nicht über die Mauer.
Ich atme tief durch und lasse die Pistole sinken. Ben nimmt sie mir vorsichtig ab.
„Bist du bescheuert?“, fragt er dann.
„Danke, mir geht es gut.“
„Das bezweifle ich. Welchen Teil von ‚Bleib im Auto!‘ hast du eigentlich nicht verstanden?“
„Jay King Rollo.“
„Was?“
„So heißt sein Boss. Kennst du den?“
Ben wechselt einen Blick mit Laura, die gerade den mit Handschellen gefesselten Rothaarigen ins Auto bugsiert.
„Also ja.“
„Ja, der Name ist bekannt“, knurrt Ben. „Ob der Kerl dir die Wahrheit gesagt hat, wissen wir …“
„Hat er.“
„Was?“
„Er hat mir die Wahrheit gesagt!“, wiederhole ich. „Er hatte eine Scheißangst, weil er gemerkt hat, dass ich mit der Pistole nicht umgehen kann. Freundlicherweise hatte er sie aber vorher entsichert, weil ich habe keine Ahnung, wie das geht. Zeigst du es mir?“
„Nein!“
„Und wieso nicht?“
„Weil du keine Waffe in die Hände nehmen sollst!“
„Ben! Ich finde es sowieso heraus, wenn ich will.“
„Ich denke darüber nach“, sagt er mürrisch. „Jetzt steig ins Auto, wir bringen den Kerl zur Staatspension.“
Grinsend steige ich vorne ein, da es wieder Lauras Aufgabe ist, sich um den Gefangenen zu kümmern. Dieser sieht ziemlich wütend aus, was ich ja irgendwie auch verstehen kann. Ich wäre bestimmt auch ziemlich wütend, so als gefährlicher Gangster, wenn mich so eine Kleine nicht nur überwältigt, sondern mir auch noch eine wichtige Information entlockt hätte.
Vielleicht sollte ich mal darüber nachdenken, mir wirklich eine Pistole zuzulegen. Aus meiner Zeit mit Greg weiß ich, dass Gangs und überhaupt diesen harten Jungs sehr nachtragend sein können.
Und das, was ich mit Brodwich und seinen Freunden gemacht habe, werden sie nicht ungesühnt lassen wollen. Zu welchen Mitteln meine neuen Feinde zu greifen bereit sind, haben sie ja bereits demonstriert. Mein einziger echter Vorteil dürfte meine neue Unverletzlichkeit sein. Auf sie verlassen sollte ich mich allerdings nicht.
Scheiße, Scheiße. In was habe ich mich da bloß hineingeritten?

Nachdem wir Gerry Malcolm abgeliefert haben, steigen wir wieder ins Auto. Diesmal muss ich hinten sitzen. Eigentlich finde ich das nicht einmal schlimm, denn so kann ich in Ruhe nachdenken. So langsam scheint mir, dass es eine gute Idee ist, das gelegentlich zu praktizieren.
„Wir machen einen Ausflug in die Natur“, bemerkt Ben beim Anfahren.
„In die Natur? Wo wohnt denn dieser komische Kerl, von dem Malcolm gesprochen hat? In der Wildnis?“
„Auf einem Campingplatz.“
„Auf einem Campingplatz? Hä?“
„Rollo ist ein Unikat“, erklärt Ben grinsend. „Er ist bekannt, ein Paradiesvogel, und mit Sicherheit im Drogengeschäft. Aber ehrlich gesagt, kann ich es mir nicht vorstellen, dass er was mit Kinderpornos macht, dazu ist er viel zu sehr auf zwar junge, aber vollbusige Frauen fixiert. Wirst du gleich sehen.“
„Na, wenigstens falle ich nicht in sein Beuteschema“, bemerke ich und provoziere damit einen Lacher von beiden.
„Oh, du bist jung und gutaussehend, sei dir da nicht so sicher“, sagt dann Laura.
„Na toll. Was denn nun?“
„Wir sind ja bei dir“, erwidert Ben, immer noch grinsend. „Wir passen auf dich auf.“
„Das ist sehr lieb von euch. Habt ihr den Eindruck, dass ich Aufpasser benötige?“
Sie gehen beide darauf nicht ein. Ist vielleicht auch besser so. Ich lehne mich zurück und betrachte mich. Die Jeans sind kurz, aber nicht von der Art, von der Leslie meinte, dass mein Arsch raushängt. Sie sind bei diesem Wetter wirklich normal, ich sehe aus dem Auto heraus Dutzende von Mädchen in solchen Jeans herumlaufen. Auch die Schuhe sind nicht ungewöhnlich. Habe ja nicht ohne Grund auf meine geliebten Stiefeletten verzichtet. Das Top dürfte auch unkritisch sein, es ist so geschnitten, dass niemand in meinen Ausschnitt sehen kann, nicht einmal, wenn ich mich vorbeuge. Okay, man sieht, dass ich Brüste habe. Soll ich sie mir abquetschen wegen irgendwelcher Idioten?
Definitiv nicht.
„Du bist ja so still geworden“, bemerkt Ben, dem wahrscheinlich nicht entgangen ist, wie ich mich selbst begutachtet habe.
„Ich muss ja Angst haben, alles wird gegen mich verwendet, was ich sage.“
„Nur wenn du böse Sachen machst.“
„Willst du, dass ich einen Lachflash bekomme?“
„Wieso?“
„Willst du ernsthaft behaupten, die SLPD verhaftet nur Leute, die böse Sachen tun? Und vor allem, dass die verhaftet werden? So naiv bin ich dann doch nicht, okay?“
„Oder du siehst zu viele Krimis, die unseren Ruf in den Dreck ziehen“, erwidert Laura, und sie klingt wütend.
„Okay. Du behauptest also, die Polizei ist nicht korrupt und beschützt die Guten und sperrt die Bösen ein. Ja oder nein?“
Laura wirft einen Blick auf mich, sagt aber nichts.
„Danke, das genügt.“
Erneut senkt sich Schweigen über uns. Echt, das ist ein schlechter Witz. Auch wenn ich mich nicht mit Politik und dem ganzen Scheiß beschäftige, weiß ich trotzdem einiges. Wozu habe ich Verwandte bei der Polizei? Und über meinen Vater höre ich auch entsprechende Geschichten. Mit Geld kann man alles kaufen, sogar Moral.
Wir verlassen die Zivilisation. Zumindest ein bisschen. Links sehe ich sogar die Wälder der Small Hills. Und die Villen der Neureichen aus Newvill. Was bin ich froh, nicht hier zu wohnen. Schon Old Town ist schlimm, aber da leben wenigstens jene, die schon lange viel Geld haben und es nicht für nötig halten, nach außen hin zu protzen. Wie mein Vater.
Der Campingplatz liegt am Fuß der Wälder, etwas außerhalb und mehr oder weniger an der Grenze zwischen South Village und Small Hills. Das dürfte auch Absicht sein und die Hauptkundschaft aus Wandervereinen bestehen.
Ben parkt den Wagen brav dort, wo alle ihren Wagen abstellen, wenn sie keinen Wohnwagen und Ähnliches haben, nämlich auf dem Parkplatz vor der Haupteinfahrt. Die Schranke steht offen, ein Schild informiert darüber, dass sie um zehn Uhr abends geschlossen und um sechs Uhr morgens wieder geöffnet wird. Es gibt eine Kameraüberwachung und einen gelangweilten Pförtner, der gar nicht von seinem Magazin hochblickt, als wir sein Häuschen passieren.
„Ist es normal, dass wir einfach so herein können?“, erkundige ich mich.
„Zu Fuß? Natürlich. Ist ja kein Gefängnis. Und das Restaurant hier ist berühmt, da kommen Leute aus der ganzen Stadt her.“ Ben schüttelt den Kopf, vermutlich über meine Unwissenheit.
„Aha. Und dieser … Wie heißt er nochmal?“
„Jay King Rollo.“
„Wer denkt sich eigentlich so einen bescheuerten Namen aus?“
„Jay King Rollo.“
„Ich habe verstanden, dass er so heißt! Mann!“
„Du hast gefragt, wer sich so einen bescheuerten Namen ausdenkt“, erwidert Ben grinsend.
„Er hat sich selbst diesen Namen gegeben?“
„Yep!“
„Und wie heißt er wirklich?“
„Das weiß keiner.“
„Wie, das weiß keiner?“
„Es gibt Gerüchte, aber keins davon hat sich als wahr erwiesen. Warum ist dir das so wichtig?“ Laura mustert mich fragend.
„Eigentlich ist es mir egal“, antworte ich. Ich sollte lieber den Mund halten. Eigentlich weiß ich das schon lange, mein vorlautes Mundwerk hat mich oft in unangenehme oder peinliche Situationen gebracht. Dieses Wissen bringt bloß nichts, wenn es mal wieder so weit ist, vergesse ich es wieder. Ich müsste mir den Mund schon zunähen, damit sich was ändert.
Wir erreichen das Restaurant mit dem bescheidenen Namen „Best Choice“. Ich schließe den Mund wieder, bevor ich etwas sage, was überflüssig ist. Und beschließe, dass ich trotz aller Vorbehalte irgendwann mal hier essen werde. Vielleicht ist es ja wirklich gut, wenn es so berühmt ist.
Jay King Rollo residiert neben dem Restaurant in einem riesigen Wohnmobil. Eigentlich ist es ein Wohnbus. Teurer als manch eine Luxuswohnung. Jedenfalls wird er nicht oft bewegt, so wie er zugebaut ist mit Vorzelten. Auf diese Weise dürfte die nutzbare Fläche an die 200 qm sein. Auf einem Campingplatz ist das nicht schlecht.
„Okaaay …“, bemerke ich. „Als ihr Campingplatz sagtet, dachte ich natürlich nicht an so ein Schloss.“
„Immer diese Vorurteile“, erwidert Ben.
Kopfschüttelnd geht Laura vor und betritt das Vorzelt. Wir folgen ihr. Und endlich bekomme ich Jay King Rollo zu sehen.
Er sieht aus wie Marlon Brando. Nur doppelt. Relativ groß, aber kein Riese, doch durch die schiere Masse wirkt er trotzdem groß. Seltsamerweise sieht das gar nicht mal schlecht aus. Seine Leberwerte werden nicht die besten sein, sein Kardiologe wird sich auch nicht freuen, und trotzdem hat er etwas Einladendes. Wie ein riesiger Teddybär. Seine braunen Haare sind kurz, und er hat graue Augen, wie ich.
Seine Kleidung passt auch zu Brando. Und der Jahreszeit: Bermuda-Shorts, Hawaii-Hemd und Flip-Flops.
Er sitzt in einer Sonnenliege, raucht einen Zigarillo und lässt sich von einer braunhaarigen Schönheit die Kopfhaut massieren. Sie ist vollbusig, was dank ihres Tops mit Spaghettiträgern sehr gut zu erkennen ist. Die gelben Shorts dazu lassen mich beinahe aufschreien vor Entsetzen.
Eine zweite Frau, mit hellbraunen Haaren, noch kleiner als die in gelben Shorts, die schon kleiner ist als ich, hockt vor Rollos Füßen und bearbeitet seine Nägel. Er hat schöne, gepflegte Füße, bei einem Mann wie ihm sicher keine Selbstverständlichkeit. Auch sie hat große Brüste, aber ihre sind eindeutig nicht von Natur aus so groß. Sie trägt nur einen Bikini-Oberteil zu ihren Shorts, die wenigstens keine augenverletzende Farbe haben, denn sie sind einfach nur weiß. Dafür dient der Oberteil nur als Alibi, er verdeckt kaum mehr als die Brustwarzen.
Ich sehe Laura und Ben an, dass auch sie erschüttert sind.
Jay King Rollo mustert kurz Ben, dann Laura und schließlich mich. Genauer gesagt, mich scannt er. Warum Laura nicht? Okay, sie ist nicht mehr jung, aber hässlich ist sie ja nun nicht.
„Sie hat schon fast die richtige Kleidung“, bemerkt Jay King und deutet auf mich. „Die Schuhe und die Hose kannst du ausziehen, Liane zeigt dir, wo du dich etwas schminken kannst.“
Liane ist die mit den gelben Shorts, denn sie richtet sich auf und geht auf den Wohnwagen zu.
„Gratuliere“, bemerke ich. „So schnell hat es noch niemand geschafft, bei mir auf der Liste der Männer zu landen, die ich garantiert niemals vom sinkenden Titanic retten würde. Das ist schon fast bewundernswert.“
Er lacht auf, während meine neuen Freunde mich etwas fassungslos ansehen.
„Schade. Und ich habe mich schon darauf gefreut, dich auf meinen Schoß einzuladen.“
„Eher würde ich mich auf einen Besenstiel setzen.“
Während er wieder auflacht und seine Gefährtinnen pflichtschuldig so tun, als hätten sie meine Antwort verstanden, hat Ben seine Fassung wiedergefunden.
„Das reicht jetzt“, sagt er. „Wir sind von der SLPD.“
„Ihr könnt das sicherlich beweisen?“
Ben hält seine Marke hoch. Jay King sieht fragend Laura an, woraufhin diese ihre Marke auch zeigt.
„Ich habe keine“, bemerke ich. „Und meinen Besenstiel habe ich auch zu Hause vergessen. Darf ich trotzdem bleiben?“
„Du gefällst mir, du darfst bleiben.“ Er zeigt mit seinem Zigarillo auf mich. „Rauchst du?“
„Ja, aber nicht so ein Zeug, nur Zigaretten.“
„Habe ich bis vorgestern auch, inzwischen nur noch Zigarillos. Probier mal, Zigaretten sind für Kinder.“
„Ich bin ja auch noch jung genug dafür“, erwidere ich, ohne nachzudenken.
„Jedenfalls hast du auf alles eine Antwort, scheint mir.“ Er lacht immer noch oder schon wieder, so genau kann ich das nicht erkennen. „Ich sag dir, du würdest eine Zigarette nie wieder auch nur anschauen, wenn du mal das hier probieren würdest.“ Er hält mir seinen Zigarillo hin.
Ich verziehe das Gesicht. „Lass mal. Ich will weder deinen Zigarillo noch deinen Schwanz. War das endlich deutlich genug?“
„Fiona!“ Laura und Ben starren mich entgeistert an.
„Was denn?“
„Geh lieber nach draußen und reg dich ab“, sagt Ben. „Los, geh jetzt!“
Nach kurzem Nachdenken gehorche ich und höre Jay Kings Lachen im Rücken. Am liebsten würde ich zu ihm laufen und ihm seinen dämlichen Zigarillo sonstwohin stopfen. Aber genau das will er ja: mich provozieren.
Verdammte Scheiße!
Ich bleibe vor dem Zelt stehen und zünde mir eine Zigarette an. Meine Hände zittern leicht. Das ist ja unglaublich, wie mich so ein Arschloch aufregen kann. Warum eigentlich? Warum hat so ein Mistkerl so eine Macht über mich?
Ich könnte kotzen.
Nach einigen Minuten kommen Laura und Ben heraus und gehen zurück zum Auto. Ich folge ihnen in einem kleinen Abstand.
„Warum nehmen wir ihn nicht mit?“, erkundige ich mich, als wir einsteigen.
„Weil du es vermasselt hast“, antwortet Laura wütend.
„Ich?“
„Warum kannst du nicht einfach den Mund halten?“
„Hallo? Er hat angefangen!“
„Und du hast reagiert, wie ein kleines Kind.“
„Bin ich jetzt auch noch schuld, oder was? Er hat mich provoziert und ich war dämlich genug, darauf einzugehen. Ja, okay. Aber das ist ganz sicher kein Grund, ihn nicht zu verhaften!“
„Ist es auch nicht“, sagt Ben. „Laura, lass sie in Ruhe. Was Jay King angeht, wir haben nichts gegen ihn in der Hand.“
„Wie bitte?!“
„Was glaubst du, was jeder halbwegs begabte Anwalt mit uns macht, wenn wir ihm erzählen, dass Malcolm den Namen genannt hast, nachdem du, die nicht einmal eine Waffe anfassen darf, eine Pistole auf ihn gerichtet und sogar geschossen hast? Wir können froh sein, wenn wir keine Anzeige kriegen.“
„Ihr könnt ja nichts dafür.“
„Doch, wir hätten besser auf dich aufpassen müssen.“
„Wie denn? Mich mit Handschellen ans Lenkrad fesseln?“
„Oh, da bringst du uns auf eine gute Idee“, erwidert Laura lachend.
„Fickt euch“, sage ich wütend.
„Hey, so was will ich nicht nochmal hören, klar?“ Ben sieht wütend aus. „So kannst du mit deinen Kumpeln reden, aber nicht mit uns.“
„Sorry.“ Ich schweige eine Weile, aber schließlich halte ich es nicht mehr aus. „Wie geht es denn überhaupt weiter?“
„Wir reden mit Jack. Danach sehen wir weiter.“
Ich nicke seufzend. Viel lieber würde ich herumschreien und etwas kaputt machen, aber im Moment sollte ich mich wohl besser zurückhalten, glaube ich. Mir wird gerade bewusst, auf welchem schmalen Grat ich herumwandere. Ich habe mehr als einen Grund geliefert, mich festzunehmen. Schon allein die Prügelei in der Kneipe würde für eine Verurteilung reichen, fürchte ich. Ich sollte den Bogen vielleicht nicht überspannen.

Jack sieht unbegeistert aus, als wir in sein Büro kommen.
„Was ist denn los?“, erkundigt sich Ben, während wir uns hinsetzen.
„Fiona ist raus.“
„Wie, ich bin raus? Wo?“
„Aus den Ermittlungen. Anweisung von ganz oben. Als der Polizeichef erfahren hat, dass und wie du dabei bist, hat er gesagt, wir sollen dich nach Hause schicken, das wäre nichts für kleine Mädchen.“
„Dieser Chauviarsch!“, entfährt es mir.
Die drei starren mich an.
„Ist doch wahr! Ich bin kein kleines Mädchen! Ich rede mal mit ihm und bin gleich zurück!“
Ich stürme nach draußen und höre noch, wie mir Jack nachruft, wo zum Teufel ich hinwolle, aber das interessiert mich gerade nicht. Dazu bin ich viel zu geladen.
Kleines Mädchen?! Ich?!
Auch wenn ich eine Ahnung habe, warum der Polizeipräsident mich aus dem Spiel nehmen will, bin ich nicht damit einverstanden. Und das wird er auch einsehen.
Ich fahre mit dem Aufzug nach oben und betrete dann das Allerheiligste der Skyliner Polizei. Dunkle, holzgetäfelte Wände mit Bildern der Männer, die die Stadtgeschicke bestimmt haben in den letzten Jahrhunderten. Nationalflagge.
Und eine erstaunt wirkende Sekretärin.
„Ist er da?“ Ich deute auf die schwere Tür, hinter sich das Büro von Steve Connor verbirgt.
„Ja, aber …“
Als ich auf die Tür zustürme, springt sie auf und versucht, mich aufzuhalten, natürlich völlig erfolglos. Um eine wütende Fiona aufzuhalten, müsste sie ihr perfektes Styling riskieren.
Steve sitzt hinter seinem dunkelbraunen Schreibtisch aus Mahagoni und blickt stirnrunzelnd hoch, als die Tür mit Karacho aufgeht.
Ich bleibe erst vor dem Tisch stehen, mit einer empörten Sekretärin neben mir.
„Es tut mir leid, Mr Connor, aber …“
Der Polizeichef winkt ab. „Schon gut, Sandra. Ich glaube, das ist ihre Art, wenn sie wütend ist. Bringen Sie uns bitte Kaffee.“
Sandra starrt ihn ungläubig an. Dann mich. Sie hat braune Augen. Wie ein Reh, so groß. Ob sie ihm schon mal einen geblasen hat? Ihr Mund ist ja hübsch, aber das ist ja nicht alles.
Pfui, Fiona.
„Kaffee?“, fragt sie endlich.
Steve Connor nickt. „Oder, Fiona?“
Ich atme tief durch. „Ja. Schwarz. Ohne Zucker.“
„Für mich wie immer. Und, Sandra, bevor Sie sich zu sehr wundern: Das ist Fiona Carter, meine Nichte. Genauer gesagt, ihre Mutter ist eine Cousine von mir.“
„Oh“, sagt Sandra. „Warum haben Sie es nicht gesagt?“
„Ich glaube, sie ist etwas wütend im Augenblick.“
„Etwas?!“
Sandra zieht die Augenbrauen hoch.
„Ihr Bruder wurde letzte Woche getötet, und inzwischen ist ein Mordfall daraus geworden. Ich will nicht, dass sie unnötig in Gefahr gerät.“
„Von dem Fall habe ich gehört“, erwidert Sandra. „Haben nicht zwei Profikiller versucht, Sie zu … töten?“
„Doch. Aber sie sind tot, ich nicht. Hast du auch davon gehört, so rein zufällig?“ Ich sehe meinen Onkel provozierend an.
Er lächelt ansatzweise. „Bringen Sie uns den Kaffee, Sandra.“ Und als diese kopfschüttelnd hinausgeht, wendet er sich an mich: „Setz dich.“
„Warum? Was ich zu sagen habe …“
„Setz dich.“
Hm. Vielleicht sollte ich ihn nicht unnötig ärgern, schließlich will ich was von ihm. Also setze ich mich und schlage die Beine übereinander.
„So ist es besser. Fiona, ich weiß, dass du ein willensstarkes Mädchen …“
„Nichts für kleine Mädchen?“, unterbreche ich ihn.
„Nun, im Vergleich zu erfahrenen Detectives bist du das, oder?“ Er lächelt süffisant.
„Hallo? Kann es sein, dass ich ziemlich viel zu den bisherigen Ergebnissen beigetragen habe, so rein zufällig?“
„Du hattest sehr viel Glück.“ Er blickt zur Tür, als Sandra mit dem Kaffee kommt. „Auch bei der Verfolgungsjagd durch die Killer. Das hätte auch ganz anders ausgehen können.“
„Hat es aber nicht. Und das war kein Zufall. Ich bin nämlich kein kleines Mädchen, das alles mit sich machen lässt.“
„Du bist auf jeden Fall eins, das sehr freizügig herumläuft.“
„Es ist heiß.“
„Trotzdem. Keine einzige Polizistin läuft so herum. Das wirft ein schlechtes Licht auf die Polizei, wenn man dich so in Begleitung der Detectives sieht.“
„Okay, ich kann mich ja anders anziehen.“
„Du hast keine Ausbildung …“
„Ich bin ja auch nur eine Beraterin, habe nicht einmal eine Waffe. Und Fakt ist ja wohl, dass ich der Polizei wichtige Erkenntnisse liefern konnte. Ganz abgesehen davon, dass ich sonst Polizeischutz bekommen müsste. Hast du so viele Leute übrig?“
Er mustert mich, dann lächelt er. „Du bist wie dein Vater.“
„Wie bitte?!“
„Ich weiß, dass ihr euch nicht so gut versteht. Trotzdem, dein Vater würde genauso argumentieren. Das Reden hast du von ihm, glaube mir.“
„Mag sein. Habe ich deswegen etwa unrecht?“
„Nein, hast du nicht. Kannst du denn wenigstens meine Argumente verstehen?“
Ich atme tief durch und nippe am Kaffee. Er ist gut.
„Ja, kann ich.“
„Gut. Du ziehst dir andere Sachen an? Lange Hose, vernünftiges Schuhwerk, Bluse? Und einen BH?“
„Und Schlüpfer auch.“
Er zieht die Augenbrauen hoch.
„War ein Scherz!“
„Unangebracht. Also gut, wir probieren es. Aber ich werde Jack Siever sagen, wie meine Bedingungen lauten. Wenn du dich nicht daran hältst, bist du raus. Und zwar endgültig. Ist das angekommen?“
Ich nicke langsam.
„Also schön. Ich muss jetzt arbeiten.“
Wir stehen beide auf, er begleitet mich zur Tür. Dabei kann ich endlich seinen hellgrauen Anzug von Boss bewundern. Und seine makellos glänzenden Schuhe. Er ist nur unwesentlich größer als mein Vater, aber neben ihm komme ich mir noch viel kleiner vor.
Als er die Hand auf die Klinke legt, sage ich leise: „Onkel Steve …“
„Ja?“
„Hast du schon meine Mutter angerufen?“
Jetzt atmet er tief durch. „Nein, bisher noch nicht. Ich hole das jetzt gleich nach.“
„Danke …“
Unten starren mich Laura, Jack und Ben fassungslos an.
„Ich bin doch noch dabei!“, verkünde ich, obwohl ich weiß, dass sie es wissen.
„Der Polizeichef hat persönlich angerufen und mir das mitgeteilt“, erklärt Jack, nach wie vor fassungslos. „Was hast du getan?“
„Mit ihm geredet.“
„Geredet?“
„Geredet. Ich weiß ja nicht, was ihr denkt, aber er ist mein Onkel, okay?“
„Dein Onkel?“
„Meine Mutter ist seine Cousine.“
Ich sehe, wie alle drei aufatmen. Was haben die eigentlich gedacht, was ich tue? Ihn verprügeln? Ihm einen blasen? Haben Polizisten grundsätzlich so eine schmutzige Fantasie? Oder tue ich ihnen unrecht und sie haben gar nichts konkret gedacht, sondern einfach nur befürchtet, dass ich etwas tun könnte, was ich später bereue? Und sie auch?
Egal.
„Hör zu, Fiona“, sagt Jack. „Du sollst dich ja eh umziehen. Aber es gibt im Moment nichts zu tun. Wir werden versuchen, etwas aus Malcolm herauszubekommen, was wir auch verwerten dürfen, aber es ist besser, wenn du nicht dabei bist. Ich glaube, den Grund brauche ich dir nicht zu erklären.“
„Nein“, erwidere ich missmutig.
„Wir lassen dich nach Hause fahren und eine Streife bleibt die ganze Zeit vor eurem Haus. Sobald wir etwas wissen, sagen wir dir Bescheid.“
„Versprochen?“
„Versprochen. Und umgekehrt?“
„Wie meinst du das?“
„Das weißt du ganz genau.“
„Ja, versprochen. Ich werde brav sein.“
„Gut.“
Ich warte noch auf die Polizisten, die mich nach Hause fahren sollen, dann verabschiede ich mich. Irgendwie ist das ein seltsames Gefühl. Vielleicht sollte ich mich bei der Polizei bewerben. Mein Vater würde zwar einen Anfall kriegen, aber das ist mir so egal.
Na ja, wahrscheinlich ist Polizeiarbeit nur selten so aufregend. Obwohl, wenn ich dabei bin …
Im Polizeiwagen sitze ich hinten und lehne den Kopf zurück, schließe die Augen.
Wenn mir das vor einer Woche jemand gesagt hätte …


Ich hasse Beerdigungen. Es gibt nur einen Vorteil: Ich kann etwas Langärmeliges anziehen, ohne dass es auffällt. Also brauche ich keinen Verband zu tragen. Die Schusswunde ist ja schon längst verheilt, aber das muss niemand wissen.
Bis auf meine Bluse ist alles schwarz, die Bluse dunkelgrau. Bundfaltenhose, Lackschuhe. Ich erkenne mich kaum wieder, und das, obwohl ich in den letzten vier Jahren durchaus auch mal elegant angezogen war. Vor allem während der Zeit in der Marketingabteilung. Auf Messen, auf wichtigen Meetings … Dort eher, um die Männerblicke auf mich zu lenken. Sex sells, selbst bei Software. Und bei Meetings mit Kunden sowieso. Okay, dass es gelegentlich danach noch zu echtem Sex kam, gehörte nicht zu der Geschäftstätigkeit, und die anderen brachten so viel persönlichen Einsatz, glaube ich, auch nicht. Aber ich als Tochter des Chefs musste ja mehr tun. Nun gut, eigentlich war mir das Geschäft scheißegal. Es ist nur erstaunlich, wie oft Chefeinkäufer irgendwelcher Banken und anderer wichtiger Kunden tatsächlich so gut aussahen wie in Filmen. Obwohl, eigentlich ist das nicht erstaunlich. Es gibt ja Statistiken darüber, dass gutaussehende, hochgewachsene Männer die besten Karrierechancen haben. Keine Statistiken gibt es darüber, dass sie meinem Beuteschema entsprachen. Zumindest in der Zeit nach Phil.
Was die Statistiken ebenfalls nicht erfassen, ist die Tatsache, dass sie beim Sex auch nicht besser sind als andere. Es gibt den Hochleistungssportler, womit ich keine Probleme habe, den Schmuser, den Unterwürfigen, den Idioten – und den Traummann. Letzterem bin ich irgendwie bloß noch nie begegnet.
Ich betrachte mich im Spiegel und unternehme einen letzten Versuch, meine Haare davon abzuhalten, mir vor die Augen zu fallen. Hoffnungslos. Okay, abschneiden wäre noch möglich, aber das will ich nicht.
Dann eben so. Es reicht, wenn ich vom Hals abwärts elegant aussehe.
Meine Eltern warten schon unten auf mich. Sie sind dem Anlass entsprechend gekleidet, also schwarz. Wie ich ja auch. Außerdem weint meine Mutter jetzt schon. Demzufolge ist mein Vater hauptsächlich damit beschäftigt, sie zu halten, daher biete ich an, dass ich fahre. Nicholas sitzt auf dem Beifahrersitz.
Bis zum Friedhof ist es eine relativ lange Fahrt, die wir schweigend hinter uns bringen. Nur das leise Schluchzen meiner Mutter ist zu hören. Ab und zu blicke ich in den Rückspiegel und beobachte die Zivilstreife. Der Streifenwagen wurde schon am Mittwochmorgen gegen den unauffälligeren zivilen Wagen ersetzt, weil Anwohner sich beschwert hatten. Da der Anschlag auf mich dank der Medien bekannt war, fiel es mir nicht schwer, die Anwesenheit der Polizisten zu erklären. Und als mein Vater mich fragte, warum überhaupt ich ermordet werden sollte, zuckte ich nur mit den Achseln und sagte, dass die Polizei noch ermittelt. Er könnte ja Steve fragen.
Ich würde auch gerne heulen. Aber aus anderen Gründen als meine Mutter. Wie bringe ich ihnen bei, dass Norman nicht der nette Junge war, für den sie ihn halten? Für den auch ich ihn gehalten habe. Wie man das halt so macht mit zehn Jahre jüngeren Brüdern. Hätte ich ihn nicht in dem Video gesehen, würde ich garantiert niemandem ein Wort glauben, der mir erzählen würde, dass er Kinder vergewaltigt hat.
Dennoch hat er es getan. Und ich kann das weder meinen Eltern noch Nicholas erzählen.
Verdammte Scheiße!
„Vorsicht!“, ruft Nicholas.
Ich weiche einem parkenden Auto aus und werfe einen Blick durch den Innenspiegel auf meinen Vater, der den Blick kopfschüttelnd erwidert.
Aber er sagt nichts.
Danach erreichen wir ohne weitere Zwischenfälle den Friedhof.
Hier sind schon viele Leute da. Verwandte. Klassenkameraden. Leslie und James. Steve Connor und seine Leute, meine neuen Freunde: Jack, Laura und Ben. Jack nickt mir nur kurz zu, er und die beiden Detectives halten sich zurück, auch als Steve zu uns tritt und stumm meine Mutter umarmt.
Ich weiß gar nicht, ob er angerufen hat. Aber im Grunde genommen ist es völlig egal.
Während der Trauerfeier sitze ich neben meiner Mutter ganz außen. Daneben mein Vater, dann die Geschwister meiner Eltern. Und die Großeltern, soweit noch unter den Lebenden verweilend. Vielleicht sitzen auch die anderen da, aber dann sehe ich sie nicht.
Ist natürlich ein seltsames Gefühl. Ich sitze in einer Kirche wegen eines Toten, dessen hübsch gemachten Überreste in einem offenen Sarg liegen. Hier waren schon sehr viele Tote, überhaupt, auf einem Friedhof sind meist einige Tote vorhanden.
Als mein Vater ein paar Worte über Norman sagt, kann ich mich nicht mehr beherrschen und weine auch. Vor allem, weil ich weiß, dass kaum etwas von dem stimmt, was mein Vater über Norman behauptet. Aber das wissen die natürlich nicht. Nur Steve und die Polizisten könnten ahnen, warum ich tatsächlich weine.
Ich hasse dich, Norman. Ich hasse dich, weil du mich zwingst, eine Entscheidung zu treffen. Ich hasse dich, weil ich irgendwann diejenige sein werde, die meinen Eltern erzählen muss, wie du wirklich warst.
Ich zwinge mich, mit dem Weinen aufzuhören. Leslie reicht mir von hinten ein Taschentuch, mit dem ich mein Gesicht abtrockne.
Der Pfarrer tritt vor mich und fragt mich leise, ob ich auch etwas sagen möchte. Für einen kurzen Moment überrasche ich mich dabei, dass ich am liebsten Ja antworten, aufspringen und allen erzählen möchte, dass Norman kleine Kinder vergewaltigt und dafür Geld bekommen hat, dass er getötet wurde, weil er zu gierig wurde und dass wegen ihm nun auch Savage tot ist, der übrigens auch nicht besser war.
Doch dann schüttele ich nur den Kopf.
Irgendwann ist auch diese Scheiße vorbei. Dann geht es zur Grabstelle, gibt es noch eine Runde Heulerei, ein paar warme Worte, bis endlich der Sarg unter der Erde verschwindet.
Jetzt noch die unendlich lange Reihe an Menschen, die meinen, mir ins Ohr heulen zu müssen, überleben.
Und das alles bei einer Hitze, die anscheinend direkt aus den Tropen zu uns gekommen ist. In der Kirche war es ja noch angenehm, aber hier draußen ist es selbst im Schatten der Bäume kaum zu ertragen.
Mein Vater hält meine Mutter fest, die offensichtlich Schwierigkeiten hat, sich auf den Beinen zu halten. In diesem Moment bewundere ich ihn. Ich weiß, dass er selber unglaubliche Schmerzen hat, dass es ihn sehr, sehr viel Kraft kostet, nicht zusammenzubrechen. Ohne die Routine als CEO würde er das nicht durchstehen.
Obwohl, ist das wirklich bewundernswert?
Dann denke ich daran, was ich gerade mache. Eigentlich dasselbe, nur aus anderen Gründen.
Ja, irgendwie ist es bewundernswert und zugleich idiotisch. Warum? Warum reißen wir uns so zusammen, warum schreien wir nicht einfach alles hinaus?
Warum? Warum? Warum?
Als ich mich weinend abwende, nimmt mein Vater mich am Arm und zieht mich an seine freie Seite. Nach kurzem Zögern drücke ich mich an ihn, presse das Gesicht gegen seine Schulter und lasse meinen Tränen freien Lauf.
Ich bin vor meinem Vater zu Hause und ziehe mich um. Stretch-Jeans, die knapp über den Knöcheln enden, ein dunkelgraues T-Shirt und Sandalen. Danach gehe ich nach unten in die Küche, wo ich Nicholas und meine Mutter vorfinde. Nicholas trägt seinen gewohnten grauen Anzug, meine Mutter ein schwarzes, aber luftiges Kleid. Sie sitzt an der Theke in der Mitte und trinkt einen Kaffee. Ich setze mich ihr gegenüber auf einer der Hocker und lasse mir von Nicholas einen Cappuccino machen.
„Wie war dein Arbeitstag?“, fragt meine Mutter nach einer Weile.
„Beschissen.“
„Warum bist du nicht zu Hause geblieben? Den einen Tag hättest du dir auch sparen können.“
„Ja, wäre besser gewesen.“ Ich zucke die Achseln. „Eigentlich ist es ja egal, wo ich mich beschissen fühle.“
Meine Mutter sieht mich an. Ihre grünen Augen wirken verschleiert.
„Vielleicht solltest du eine Psychotherapie machen?“
„Ich? Psychotherapie? Ich glaube, ich würde jeden Psychoterroristen wahnsinnig machen. Nein, danke.“
Sie sieht aus, als wollte sie etwas sagen, wahrscheinlich zum Psychoterroristen, aber dann überlegt sie es sich anders und schweigt.
Ist mir recht.
Es ist Freitagnachmittag, halb sechs, und ich hocke hier zu Hause mit meiner Mutter. Eigentlich unglaublich. Und es ist genau eine Woche her, dass mein Vater in mein Zimmer gestürmt kam. Eine Woche und etwa zwei Stunden. Wieso war ich eigentlich letzte Woche schon so früh zu Hause? Ach ja, eigentlich hatte ich was vorgehabt.
Heute habe ich nichts vor, dabei müsste ich hier dringend raus. Aber wohin nur? In die Disco? Auf eine Party? Sicher nicht. Vielleicht könnte ich mal wieder trainieren gehen. Da war ich schon ziemlich lange nicht mehr, vor allem wenn man bedenkt, dass ich sonst jeden Tag da bin. Außer sonntags, aber selbst das hängt davon ab, ob ich Streit mit meinem Vater habe und mich abreagieren muss.
Irgendwie fehlt mir im Moment die Kraft und die Motivation, auch nur aufzustehen.
„Stört es dich, wenn ich rauche?“ erkundige ich mich.
Meine Mutter schüttelt den Kopf. Beim Rauchen betrachte ich sie. Dieses Jahr wird sie 45. Immer noch eine schöne Frau, aber die Traurigkeit lässt sie zehn Jahre älter aussehen. Ihre schulterlangen, dunkelblonden Haare sind von grauen Strähnen durchsetzt, und ich bin mir sehr sicher, dass es vor einer Woche viel weniger waren.
Ein Wunder ist es aber nicht. Ich mag gar nicht darüber nachdenken, was es für eine Mutter bedeuten muss, wenn ihr Kind vor ihr stirbt. Und ich möchte das auch nie erfahren. Dann lieber keine Kinder bekommen.
Ich kann hören, wie mein Vater ankommt, den Wagen vor dem Hauseingang abstellt und dann hereinkommt. Er hat seine übliche Arbeitskleidung an, nur das Jackett hat er sich bereits ausgezogen.
„Darf ich dein Auto haben?“, frage ich nach der Begrüßung.
„Wann holst du dir ein neues?“
Ich zucke die Achseln. „Noch keine Zeit gehabt. Ja oder nein?“
„Wir wollen nachher noch weg. Nimm ein Taxi.“
„Okay.“ War ja klar. Vielleicht wollen sie wirklich weg, aber das ist nicht sicher. Er will nur nicht, dass ich mit dem 7-er durch die Gegend fahre. Nachdem ich meinen Wagen geschrottet habe, schon mal gar nicht.
Mein Vater holt sich ein Bier aus dem Kühlschrank und bemerkt dabei: „Ich habe mit Steve gesprochen. Er hat erzählt, dass du dich an den Ermittlungsarbeiten beteiligst, als Beraterin.“
„An welchen Ermittlungsarbeiten?“, fragt meine Mutter.
„Das wüsste ich auch gern“, fügt mein Vater hinzu.
Scheiße.
„Wir suchen den … den Fahrer des Wagens, mit dem Norman getötet wurde.“
„Du?“
„Ja, ich! Was erstaunt dich daran so?“
„Du hast dich bisher nicht durch besonders hohes soziales Engagement ausgezeichnet.“
„Wie bitte?“ Ich starre meinen Vater an, selbst meine Mutter wirkt irritiert. „Was weißt du schon, wofür ich mich engagiere?“
„Wenn du dich überhaupt für irgendetwas außer Fiona interessierst, hast du das bisher gut verheimlicht.“
Ich glaube das einfach nicht! Er weiß nichts von mir, hat sich nie dafür interessiert, was ich tue, was ich denke, was ich fühle, war nie dabei, wenn in der Schule was anstand, nicht einmal bei der Aufführung vor sechs Jahren, als ich für Jenny einsprang, weil sie sich zwei Wochen vor ihrem Auftritt das Bein gebrochen hat, und jetzt haut er so was heraus. Gestern habe ich ja für einen Augenblick gedacht, zwischen uns hätte sich etwas geändert, als er mich im Arm hielt, während ich so heulen musste, aber da habe ich mich wohl geirrt. Da war er vermutlich einfach nur in einem emotionalen Ausnahmezustand, aber inzwischen hat er sich wieder gefangen.
„Nun, da du so gut über mich Bescheid weißt, brauche ich ja nichts weiter zu sagen“, bemerke ich und erhebe mich. Meine Stimme zittert. Jetzt bloß nicht weinen!
„Wo willst du hin?“
„Keine Ahnung. Ich muss mich mal um Fiona kümmern.“ Bevor er noch etwas sagen kann, renne ich nach draußen. Nach kurzem Nachdenken nicht nach oben, sondern aus dem Haus, vom Grundstück, nach nebenan, und läute Sturm, wie vor wenigen Tagen schon mal.
Leslie scheint nicht da zu sein, denn in der Tür steht James. Sein Gesichtsausdruck verheißt nichts Gutes. Ihn finster zu nennen, wäre noch sehr untertrieben.
Ich sollte weglaufen. Das kann ich gerade so gut.
„Was willst du?“, fragt er, scheinbar ruhig. Doch da ist ein Unterton, der sollte mir eigentlich Angst machen.
„Ist Leslie … da?“
„Als wenn du es nicht besser wüsstest.“
Wieso durchschaut er mich so leicht?
„Okay, du hast recht, ich wollte zu dir.“
„Dein Gedächtnis war auch schon mal besser.“
„Ich … ich wollte dich nicht um einen Gefallen bitten.“
„Nicht?“ Er zieht eine Augenbraue hoch. Kaum sichtbar, aber ich bemerke es trotzdem. „Und was willst du dann?“
Ich kaue auf meiner Unterlippe herum und starre ihn unsicher an. Vor allem, weil ich es selbst nicht so genau weiß, warum ich hier bin. Wieso tue ich mir das an? Was könnte er mir schon geben, das ich jetzt brauche?
„Hast du die Sprache verloren? Kommt bei dir nicht oft vor.“
„Äh … Ja, das stimmt. Ich … Es war eine blöde Idee, entschuldige. Tut mir leid. Ich wollte dich nicht stören.“
Ich habe mich bereits umgedreht, als er sagt: „Warte.“
Ich verharre.
„Was ist los?“
Ich wende mich wieder ihm zu und spüre die ersten Tränen auf meinen Wangen.
„Jemand wollte mich umbringen.“
„Warum?“
„Weil … weil ich herausgefunden habe, warum mein Bruder getötet wurde.“
„Du bist nicht zu der Polizei gegangen mit dem Kennzeichen.“
Ich schüttele den Kopf. Die Tränen werden immer mehr.
„Es tut mir leid. Ich hätte es tun sollen. Jetzt ist auch Savage tot. Und … Verdammt, mein Bruder hat Kinderpornos gedreht! Freiwillig! Er hat Kinder vergewaltigt!“
James´ Augen weiten sich, dann nimmt er meinen Arm und zieht mich ins Haus. Wir gehen in die Küche, er drückt mich sanft auf einen Stuhl, dann bringt er mir ein Glas Wasser.
„Weiß die Polizei davon?“
Ich nicke. „Sie wissen alles, was ich weiß. James, es tut mir wirklich leid, dass ich nicht auf dich gehört habe. Er … er stand vor mir, mit der Pistole, ich dachte nur, das war es, ein verdammt kurzes Leben …“ Ich sehe ihn keuchend an.
James erwidert meinen Blick. Für einen Moment sieht es so aus, als wollte er was sagen, doch dann erhebt er sich, kommt zu mir und hockt sich neben mir hin. Damit sind wir ungefähr auf Augenhöhe. Er nimmt mein Gesicht zwischen die Hände und küsst mich sanft. Auf den Mund.
Ich habe Angst, wenn ich mich bewege, löst sich dieser Moment auf wie eine Seifenblase und James geht wieder weg.
„Fiona, warum bist du zu mir gekommen?“, fragt er, ohne mein Gesicht loszulassen.
„Ich … ich weiß einfach nicht, zu wem ich gehen könnte. Und weil ich dachte … dachte, dass du vielleicht mich … nicht hasst.“
„Warum sollte ich dich hassen?“
„Die meisten tun das“, erwidere ich leise. „Niemand würde es sagen, viele wissen es nicht einmal.“
„Weißt du es?“
Ich starre ihn an.
„Okay, vergiss diese Frage. Du hast meine Frage, warum du zu mir gekommen bist, nicht wirklich beantwortet, oder?“
„Das … das war nicht gelogen.“
„Nein, aber nicht die eigentliche Antwort.“
Das ist wahr. Wieso durchschaut er mich wie sonst niemand?
Ich beuge mich vor und küsse ihn. Nicht so sanft wie er mich. Genau genommen nicht einmal ansatzweise so sanft. Nach einem Augenblick erwidert er den Kuss.
„Ich brauche dich“, sage ich schließlich, ohne ihn loszulassen.
„Jetzt? Und in sieben Jahren wieder?“
Am liebsten würde ich aufspringen und weglaufen. Noch weiter weg. Aber er hat recht. Bin ich nur deswegen hier? Oder gibt es noch einen anderen Grund?
Gibt es.
„Nein. Ich … Damals war ich fast noch ein Kind. Ich meine, nicht wirklich, natürlich nicht. Ich habe so was sonst nicht gemacht.“
„Du hattest sonst keinen Sex? Fällt mir schwer, das zu glauben.“
„Natürlich hatte ich Sex!“ Ich muss lachen. „Aber meistens hat es mir nichts bedeutet. Es wäre mir auch egal gewesen, wenn jemand Nein gesagt hätte. Ich meine, auch das ist natürlich vorgekommen. Aber bei dir wäre es mir nicht egal.“
„Warum nicht?“
„Was willst du denn jetzt hören?“
„Die Wahrheit.“
Das ist doch pervers. Da sitze ich bei James in der Küche auf einem Stuhl, total verheult, hatte gerade wieder einen Streit mit meinem Vater, vielleicht kommt Leslie gleich rein, er hockt neben mir, sein Gesicht so nah vor meinem, dass ich nur seine Augen sehe, meine Arme liegen auf seinen Schultern, seine rechte Hand auf meinem Oberschenkel, die linke auf meinem Nacken. Und er will, dass ich die Wahrheit sage. Ist die denn nicht offensichtlich?
„Ich liebe dich“, sage ich schließlich leise.
Ich glaube das einfach nicht. Wollte ich das wirklich sagen? Habe ich das überhaupt schon mal jemandem gesagt? Kann mich gerade nicht erinnern. Vielleicht zu David, als ich noch daran geglaubt habe.
Er wirkt überrascht, als hätte er nicht damit gerechnet, dass ich das wirklich sage. Kein Wunder, auch ich bin ja überrascht. Wieso habe ich das gesagt? Ist es die Verzweiflung wegen meinem Vater oder ist es wahr? Wie könnte ich ihn überhaupt lieben? Er ist so alt wie mein Vater, seine Tochter meine beste Freundin, mit der ich zusammen in die Schule gegangen bin, und wir hatten vor sieben Jahren Sex miteinander, genau einmal.
Weil ich es wollte.
Aber liebe ich ihn?
Gesagt habe ich es zumindest.
Er starrt in meine Augen, als würde er herausfinden wollen, ob ich das ernst meine. Schließlich nickt er und zieht mein Gesicht heran, um mich zu küssen.

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Leseprobe: Fiona – Sterben (Band 6)

SPOILER-ALARM!

„Heute beginnt der Countdown.“
Ich starre Julie an. Habe ich was verpasst?
„Was für ein Countdown?“
„Noch 365 Tage bis zu deinem 30. Geburtstag!“
„Aha. Hört sich an, als wäre das was Gefährliches.“
„Nein, eigentlich ist das völlig normal“, erwidert Julie fröhlich. „Außerdem bist du heute ja erst 29 geworden. Kannst also noch ein ganzes Jahr lang dich darüber freuen, nicht über dein Alter lügen zu müssen.“
„Sprichst du aus Erfahrung?“ Oh, Fiona, das war böse! Aber Julie hat ein sonniges Gemüt, sie lacht nur. Ich mache ihr einen Cocktail, etwas Süßes, Solero, für den Fall, dass sie insgeheim doch sauer ist; dann kümmere ich mich um die anderen Gäste.
Wobei, nötig wäre das nicht. Der Star meiner Geburtstagsparty sorgt schon dafür, dass alle beschäftigt sind und sich gut amüsieren. Töchterchen ist begeistert davon, dass sie laufen und ansatzweise sprechen kann, und zeigt das allen. Sowohl ihre Freude als auch ihre Fähigkeiten. Sonst schafft sie es damit, den Tag meiner Eltern zu füllen, heute haben diese mal Urlaub.
James ging vorhin mit Danny und einer Kinderschar los, die Gegend unsicher zu machen. Für mich bleiben also nur meine Eltern, nachdem auch Julie eine neue Beschäftigung gefunden hat. Ich mixe mir einen Caipi und gehe in den Garten, wo meine Mutter es sich in einer Gartenliege bequem gemacht hat, während mein Vater Sandras Sandkasten inspiziert.
Ich setze mich neben meiner Mutter auf einen Stuhl und erkundige mich: „Was genau macht er da eigentlich? Hat er Angst, das könnte Treibsand sein, der Sandra verschlingt?“
Meine Mutter wirft mir einen amüsierten Blick zu. „Ich glaube, er sucht nach Hinterlassenschaften von Katzen. Die Viecher vermehren sich in letzter Zeit ziemlich.“
„Hier nicht, hier herrscht Danny.“
„Du bist grausam.“
„Ich bin nicht grausam, das Leben ist es. Ich kann auch nichts dafür, dass Katzen und Danny nicht kompatibel sind. Ich glaube, das nennt sich Verhaltensbiologie.“
„Wirst du auf deine alten Tage darwinistisch?“
Ich starre sie entgeistert an. „Ich? Darwin? Wenn überhaupt, dann interessiert mich der Darwin Award. Da habe ich eine ganz lange Vorschlagsliste. Aber Darwinismus?“
„Das klang vorher aber ganz, als wenn du an natürliche Auslese glauben würdest.“
„Klar, ein natürlicher Engel.“
„Ach ja.“ Meine Mutter lehnt sich zurück und nippt an ihrem Drink. „Nach all den Jahren habe ich mich immer noch nicht daran gewöhnen können, dass du … Ich weiß nicht einmal, wie ich es nennen soll. Statthalter, Krieger, Vampire … Das ist so unwirklich.“
„Mama, schau nach oben. Was siehst du da?“
„Den Himmel.“
„Was noch?“
„Die Sonne.“
„Was noch?“
„Keine Ahnung. Worauf willst du hinaus?“
„Du akzeptierst ohne Probleme, dass es da den Himmel gibt, die Sonne, weißt nicht einmal genau, was das ist, akzeptierst, was du darüber in der Schule gelernt hast, dass da so ein Feuerball ist, in dem es unvorstellbar heiß ist, dass es Sterne gibt, du akzeptierst, dass du niemals zu den Sternen reisen wirst, weil Einstein was dagegen hat, all das bereitet dir keine Probleme. Ich sorge hier für ein bisschen Gleichgewicht und daran kannst du dich nicht gewöhnen?“
„Du solltest in die Politik gehen“, bemerkt mein Vater, der die Inspektion des Sandkastens beendet hat und neben uns steht. „Apropos, ich hole mir was zu trinken, möchtet ihr auch was?“
Meine Mutter hält ihm ihr Glas hin. Ich mustere die traurigen Reste meines Caipi, dann nicke ich.
„Ich habe mich auch daran gewöhnt, dass es einen Gott gibt, dass Jesus für uns gestorben ist, dass in jedem noch so kleinen Kaff eine Kirche steht. Das war keine Gefahr, es ist eigentlich so weit entfernt vom täglichen Leben wie die Sonne und die Sterne. Aber du, mit all deinen Fähigkeiten, du bist Teil unseres Alltags.“
„Ich achte schon darauf, dass ihr möglichst wenig davon mitbekommt.“
„Möglichst, genau.“
Ich denke an die Ereignisse vor einem Jahr und seufze. „Okay, klappt nicht immer. Vielleicht ist es ja auch ganz gut, wenn du nicht alles erfährst, was ich so erlebe.“
„Das glaube ich allerdings auch.“ Sie wendet den Blick von mir ab, denn ihre Schwester kommt auf uns zu. Ich schließe die Augen und höre nur halb zu, wie die beiden sich über irgendeine Nachbarin meiner Tante aufregen. Eigentlich regt sich nur meine Tante auf, meine Mutter nimmt es eher locker. Ich glaube, die letzten Jahre mit mir haben sie ziemlich abgehärtet, was aufregende Ereignisse angeht.
Plötzlich passiert etwas. Mit aufgerissenen Augen setze ich mich auf und starre nach vorne.
„Fiona? Was ist los?“ Meine Mutter klingt panisch.
Ich versuche herauszufinden, was mich so aufgeschreckt hat. Es war wie eine Erschütterung, aber sie kam nicht vom Boden, nicht wie ein Erdbeben. Ich habe sie gefühlt. Was zum Teufel war das?
Ich wende mich meiner Mutter und ihrer Schwester zu und lächele etwas verkrampft. „Ich glaube, ich bin eingedöst und habe etwas geträumt.“
Ich sehe meiner Mutter deutlich an, dass sie mir nicht glaubt, aber wegen meiner Tante lieber nicht nachbohrt. Zum Glück kommt jetzt auch mein Vater mit den Drinks.
Ich lehne mich wieder zurück und nippe an meinem Caipi. Den hat mein Vater zubereitet und er kann das verdammt gut. Ich schenke ihm ein dankbares Lächeln, während mein Unterbewusstsein verzweifelt versucht, sich zu erinnern, wie die Erschütterung sich angefühlt hat. Da anscheinend niemand außer mir sie wahrgenommen hat, war es auf jeden Fall etwas, was mit meinem Kriegerdasein zu tun hat. Ich werde heute Abend mal die anderen fragen, ob sie auch was gemerkt haben. Und dann war da noch etwas anderes, was ich gar nicht einordnen kann. Wie eine Art Schrei …

„Nicholas!“, rufe ich erfreut.
„Wir haben ihn einfach gezwungen, mitzukommen“, erklärt meine Mutter und schiebt den alten Mann durch die Tür. „Ich dachte, bei diesem eher privaten Teil kann er als quasi Familienmitglied ruhig mal dabei sein.“
„So sehe ich das auch“, erwidere ich und umarme Nicholas. „Kommt rein, ihr seid die Ersten.“
„Schon wieder?“, bemerkt mein Vater.
Noch bevor ich antworten kann, spüre ich, wie sich jemand der Tür nähert und öffne sie. Das Triumvirat ist da: Michael, Nilsson und John. Wie schön wäre es, wenn Katharina auch dabei wäre. Und Elaine.
Ich muss mich zwingen, mir nichts von meinen düsteren Gedanken anmerken zu lassen und begrüße die drei überschwänglich. Michael mustert mich von Kopf bis Fuß.
„Hast du das heute Nachmittag auch getragen?“
„Nein, der Hausanzug ist nur euch vorbehalten. Heute Nachmittag trug ich High Heels, eine schwarze Strumpfhose, Minirock und eine halb transparente Bluse. Und natürlich einen nicht transparenten BH.“
„Danke! So genau wollte ich das gar nicht wissen.“
„Du hast die Farbe des Schlüpfers vergessen“, bemerkt John. „Oder hast du gar keinen getragen?“
Meine Mutter verschluckt sich, ich verpasse John einen angedeuteten Tritt und begleite meine Mutter in die Küche, um ihr dort mit einem Glas Wasser das Leben zu retten.
Kurz darauf klingelt es schon wieder und danach sind wir mit Ben und Jack komplett. Hat irgendwie was Vertrautes. Findet Töchterchen auch und knutscht sie der Reihe nach ab.
Ich hole die Torte, die etwas kleiner ist als die heute Nachmittag für die Verwandtschaft. James kümmert sich derweil um den Wein. Mein Vater verzichtet diesmal auf eine Rede, wofür ich ihm ausgesprochen dankbar bin. Seit ich vorhin an Katharina denken musste, ist meine Stimmung sturzflugartig in den Keller gefallen.
Irgendwann landet Sandra wieder bei mir. Ich schnuppere an ihren Windeln, aber es besteht kein Handlungsbedarf.
„Du machst das inzwischen richtig routiniert“, stellt Nilsson fest.
„Was?“
„Wie du an Sandras Windeln geschnuppert hast.“
„Haha.“
„Hast du schlechte Laune?“
„Nein.“
Sandra verputzt den Rest meines Tortenstücks und greift dann blitzschnell nach dem Weinglas. Ihre Geschwindigkeit ist unglaublich. Ich schaffe es gerade so, ihr das Weinglas mit sanfter Gewalt zu entwinden, was lautstarken Protest bei ihr auslöst. Erst als James ihr in einem Weinglas roten Traubensaft reicht, werden meine Ohren erlöst. Ich beobachte sie beim Trinken und streichele ihren Kopf. Sie wird eine verdammt starke Persönlichkeit werden.
Wenn sie es erlebt, schießt es mir plötzlich durchs Hirn.
Vor Schreck lasse ich sie fast fallen. Was war das denn schon wieder? Als ich hochblicke, merke ich, wie Michael mich beobachtet. Er sieht ziemlich nachdenklich aus.
So nachdenklich, dass er mir später hilft, einige Sachen in die Küche zu tragen und dann leise sagt: „Was ist denn mit dir los?“
„Keine Ahnung, was du meinst.“ Ich räume die Sachen in die Spülmaschine. Michael reicht mir Gläser an, dabei berühren sich unsere Hände. Verdammt. Ich habe mich schon bewusst unsexy angezogen, den schwarzen Hausanzug und die Füße nackt, trotzdem spüre ich, wie es beinah knistert.
„Vorhin hat dich etwas erschreckt. Und als wir kamen, hätte ich dich am liebsten auf den Arm genommen und getröstet.“
„Idiot.“
„Das meine ich ernst. Du hast ausgesehen, als würdest du gleich anfangen zu weinen.“
„Ich habe Geburtstag, da werde ich immer sentimental.“
„Und du willst es mir nicht erzählen?“
Ich schließe die Tür des Geschirrspülers und lehne mich dagegen. „Michael, ich habe heute Nachmittag was gespürt. Einfach so. Als wäre da … Ich weiß nicht, was es war. Eine Art Erschütterung, aber sie war nicht physisch. Hast du auch was gemerkt?“
Er schüttelt den Kopf.
„Können Krieger verrückt werden?“
„Theoretisch schon, aber nicht du.“
„Was soll das denn schon wieder bedeuten?“
„Du bist doch keine gewöhnliche Kriegerin.“
„Ach? Wieso nicht?“
„Fiona, willst du mich verarschen? Du hast einen Krumana-Dämon getötet. Und auch wenn du dich weigerst, uns zu erzählen, wie du das geschafft hast, steht eines doch fest: Keiner von uns hätte das geschafft. Krumana-Dämonen verhalten sich zu Kriegern wie Kryptonit zu Superman.“
„Sehr witzig.“
„Also, was hat dich fast weinen lassen?“
Der Kerl lässt wohl nicht locker.
„Ich habe nur einen kurzen Moment daran gedacht, dass auch Katharina … mit euch … Egal.“
Michael mustert mich, dann wischt er die eine dämliche Träne ab, die es gewagt hat, sich aus dem Augenwinkel zu schleichen.
„Sie ist übrigens wieder in der Stadt.“
„Schön für sie“, erwidere ich und gehe zurück zu den anderen.

Es ist heiß. Das spüre ich selbst durch die geschlossenen Fenster. Da ich nicht schon mit durchschwitzten Sachen losfahren will, gehe ich nackt hinunter zum Frühstücken. James hat heute frei und den Tisch schon gedeckt. Sandra sitzt auf seinem Schoß und malt mit Marmelade irgendwas auf seine Stirn.
„Ihr dürft gleich baden gehen“, teile ich ihnen mit.
„Macht ja nix. Vielleicht gehen wir rüber zu deinen Eltern und in den Pool.“
„Bei der Hitze eine gute Idee. Achte darauf, dass sie nicht zu lange in der Sonne ist.“
James mustert mich. „Ist nicht mein erstes Kind.“
„Entschuldige“, murmele ich. Verdammte Scheiße.
„Schon gut. Alles in Ordnung bei dir?“
Ich nicke. Warum sollte nicht alles in Ordnung bei mir sein? Wir haben bald Mitte August, der Sommer war schön und ist es noch, heute Morgen hatten wir ausgiebigen und vor allem ungestörten Sex, auch wenn das bedeutete, dass James schon das Badezimmer unten renovieren durfte, also ist doch alles in bester Ordnung.
So rein theoretisch.
„Vielleicht solltest du heute auch mal frei nehmen“, schlägt James vor.
„Geht nicht, ich habe einen wichtigen Termin.“
„Dann mach früh Feierabend.“
„Das könnte ich machen.“ Ich nippe am heißen Kaffee und überlege, was ich essen soll. Eigentlich ist mir gar nicht nach Essen. Genau genommen ist mir irgendwie sogar schlecht. Ich werde doch nicht schon wieder schwanger sein?
Ich beschließe, dass ich auf der Heimfahrt einen Test besorgen werde.
Kann es sein? Ich überlege, ob wir zu der infrage kommenden Zeit überhaupt Sex hatten. Mir gelingt es aber nicht, die infrage kommende Zeit genau genug zu bestimmen, also höre ich mit dem Nachdenken auf..
Dann frühstücke ich heute eben nicht.
Als ich mich erhebe, um nach oben zu gehen und mich anzuziehen, fragt James: „Willst du heute nichts essen?“
„Kein Hunger.“
Ich stehe lange vor dem Kleiderschrank. Schließlich entscheide ich mich für ein luftiges, helles Sommerkleid mit Spaghettiträgern, das bis zu den Knien reicht und nach einem transparenten BH verlangt, weißes Höschen und flache Sandalen. So sieht zwar kein Engel aus, aber eine Fiona, die ungewohnterweise wegen der Hitze leidet, die schon.
James zieht eine Augenbraue etwa zwei Millimeter hoch, sagt aber nichts weiter. Er kriegt einen Kuss auf den Mund, Sandra tausende überallhin, dann fahre ich mit meinem Auto ins Büro.
In unser neues Büro. Ich werde wohl noch eine Weile brauchen, mich daran zu gewöhnen, dass wir umgezogen sind. Aus dem alten Wolkenkratzer mitten zwischen anderen Bürogebäuden von Versicherungen, Banken und Anwaltskanzleien auf einen Campus, der nur uns gehört. Den Mittelpunkt bildet ein vollkommen gläsernes Gebäude für die Verwaltung, in dem mein Büro die oberste Etage einnimmt. Trotz meiner Gegenwehr, aber letztlich musste ich mich den Argumenten der Architekten, Monicas und meiner Mitarbeiter geschlagen geben. Die Chefin eines Unternehmens, die den Wert dieses Unternehmens in fünf Jahren mehr als verzehnfacht hat, muss einfach einen repräsentativen Sitz haben. Nicht für die eigenen Leute, sondern für die Partner. Für die Autoren, für die Boygroups, für die Filmproduzenten, für die Regierungen, für alle, mit denen wir Geschäfte machen.
Ich wünschte, ich hätte mich von meinem Vater nicht überreden lassen, die Firma zu übernehmen.
Den Wagen stelle ich direkt neben dem riesigen Haupteingang ab und spaziere auf den Empfang zu. Claire lächelt mir entgegen.
„Hi Fiona. So sommerlich angezogen heute.“
Ich deute nach draußen. „Ist ja auch Sommer.“
„Das stimmt. Man sieht dich trotzdem selten in so einem Kleid.“
„Ich sollte das ändern.“
Claire nickt. „Steht dir gut.“
Monica runzelt die Stirn, als sie mich aus dem ebenfalls gläsernen Aufzug steigen sieht. „Du siehst so luftig aus.“
„Hallo? Erst Claire und jetzt du? Es ist Sommer!“
„Wir haben eine Klimaanlage. Außerdem siehst du halt ungewohnt aus. Kaffee?“
„Ja, stark und schwarz.“
Monica runzelt erneut die Stirn, sagt aber dieses Mal nichts. Ich gehe ins Büro, das nur nach draußen gläsern ist. Mein Laptop ist bereits eingeschaltet. Ich entsperre den Bildschirm und lese die neuen Mails.
Monica stellt den Kaffee auf den Tisch und bemerkt: „Irgendwie siehst du scheiße aus. Bist du krank?“
Ich starre sie an. Sie kann ja nicht wissen, dass es völlig ausgeschlossen ist, dass ich krank bin. Nicht einmal durch eine Schwangerschaft. Aber was zum Teufel ist dann los? Ich fühle mich tatsächlich schlecht. Nicht einmal, als ich mit Sandra schwanger war, habe ich mich so gefühlt.
Es kommt urplötzlich. Ich schaffe es gerade so eben bis zur Toilette, bevor ich loskotze. Da ich schon lange nichts mehr gegessen habe, ist es vor allem grünlicher Schleim, den ich von mir gebe, und ich merke, dass Panik langsam in mir aufsteigt.
Ich. Bin. Eine. Kriegerin. Ich kann nicht krank werden.
Dann ist Monica da und hilft mir, mich aufzurichten. Sie packt mich am Kinn und blickt mir tief in die Augen.
„Du solltest zum Arzt gehen“, sagt sie dann.
„Mir fehlt nichts.“
„Hallo? Du hast grad nur durch einen Raketenstart verhindern können, dass du ins Büro kotzt!“
„Trotzdem …“
Ich gehe zurück ins Büro. Monica bringt mir ein Glas Wasser, das ich brav trinke.
„Soll ich nicht lieber den Arzt anrufen?“
„Welchen Arzt?“, erwidere ich.
Monica stutzt. Wahrscheinlich wird ihr gerade klar, dass ich gar keinen Hausarzt habe. Und dass sie mich noch nie krank erlebt hat.
„Ich suche dir einen“, sagt sie schließlich.
„Lieb von dir, aber es geht schon wieder.“
„Ganz sicher?“
Ich nicke. „Wann habe ich den Termin?“
„In einer halben Stunde. Soll ich ihn ab…“
„… vorbereiten“, unterbreche ich sie und schaffe es sogar, ein Lächeln auf mein Gesicht zu zaubern.
„Na gut. Ich bin nicht einverstanden, aber du bist die Chefin.“
Ich blicke ihr lächelnd hinterher, dann klingelt mein Handy. Unbekannte Rufnummer.
„Ja?“
„Hallo Fiona.“
Ich erstarre. Niemals wäre mir, nicht einmal in meinen schlimmsten Albträumen, die Idee gekommen, ich würde diese Stimme jemals aus einem Telefon hören.
„Zanda …“
„Wie schön, du hast mich erkannt.“
„Was willst du?“, flüstere ich.
„Du kommst wohl gerne direkt zur Sache? Das liebe ich so an dir. Nun, kannst du dich erinnern, dass ich dir etwas versprochen habe?“
„Zanda, ich habe dir doch gesagt, dass ich sie nicht getötet habe!“
„Ich weiß, was ich gesehen habe“, erwidert er und plötzlich ist seine Stimme kalt. Sehr kalt. „Und ich will, dass du auch erfährst, wie es sich anfühlt, jemanden zu verlieren, den man mehr liebt als alles andere auf der Welt. Heute ist Zahltag.“
Aufgelegt.
Ich starre das Handy an. „Heute ist Zahltag“ … Heute? Jetzt!
Ich wähle hektisch die Nummer von James.
„Hallo, mein Schatz“, meldet er sich, und er klingt fröhlich.
„Seid ihr schon bei meinen Eltern?“
„Nein, während ich mich angezogen habe, hat Sandra die Kaffeemaschine einer gründlichen Ansicht unterzogen. Ich musste erst der Küche eine Grundreinigung zuteil werden lassen. Und als wir dann los wollten, kam der Techniker.“
„Was für ein Techniker?!“
„Wegen des Internetanschlusses. Er sagte, du hättest einen neuen Tarif bestellt und …“
„Ich habe gar nichts bestellt“, flüstere ich und spüre, wie mir kalt wird. Sehr kalt. „Wo ist er jetzt?“
„Unten, im Keller. Hör zu, mein Schatz, er will grad was von mir, ich ruf dich gleich wieder an.“
„Nein, warte, nicht, geh nicht …!“ Zu spät, er hat bereits aufgelegt.
Verdammt! Wenn ich die Polizei anrufe, ist sie niemals rechtzeitig da. Wenn ich selber fahre, genauso wenig. Und wenn ich nicht ganz schnell etwas unternehme, dann …
Ich atme tief durch. Es gibt nur eine Möglichkeit, und im Moment kann und will ich nicht über die Konsequenzen nachdenken.
Ich gehe zum Fenster.

Meine Hand.
Ich bewege einen Finger. Dann einen anderen. Es ist wirklich meine Hand, und sie funktioniert noch.
Doch wo bin ich überhaupt?
Ich liege auf etwas Weichem. Es könnte sogar ein Bett sein. Unter meinem Kopf wahrscheinlich ein Kissen. Es ist warm. Langsam kommt mein Körpergefühl wieder. Ich spüre, dass eine Decke auf mir liegt. Ich selbst liege auf dem Bauch, den Kopf nach links gedreht, sodass meine rechte Wange das Kissen berührt. Es ist meine linke Hand, die ich sehe. Jetzt nehme ich auch den rechten Arm wahr, er liegt leicht verdreht rechts von mir auf dem Bett und unter der Decke.
Ich drehe mich auf die Seite und richte mich halb auf. Es ist dunkel, nur schemenhaft erkenne ich einige Umrisse. Meine erste Vermutung, ich könnte in einem Krankenhaus oder in einer Klinik sein, bestätigt sich nicht. Ein großes Schlafzimmer, sehr luxuriös eingerichtet, mit schweren, massiven Holzmöbeln.
Hier war ich schon mal.
Ich schlage die Decke zurück, stehe auf und gehe zum Fenster, das von der Decke fast bis zum Boden reicht. Dabei wird mir bewusst, dass ich nackt bin.
Rechts vom Fenster befindet sich der Schalter für den Rollladen. Ich betätige ihn kurz, gerade so lange, dass die Lamellen sich drehen und etwas vom Tageslicht reinlassen. Draußen ist es blendend hell, die Augustsonne scheint weit oben zu stehen.
Aber welcher Tag ist heute überhaupt?
Und wieso bin ich hier?
Ich gehe zum riesigen Kleiderschrank. Vermutlich passt mir alles, was sich darin befindet. So ist es auch. Ich streife ein langes T-Shirt über und ziehe einen Schlüpfer an. Dann verlasse ich das Schlafzimmer.
Es ist dasselbe wie vor einem Jahr.
Ich gehe nach rechts den breiten, hellen Gang entlang, bis zur Mitte, dorthin, wo sich die großzügige Treppe mit den ausladenden Stufen befindet. Ich muss nur eine Etage tiefer, um ins immer wieder faszinierende Erdgeschoss zu gelangen.
Ein Geräusch, das ich schon oben gehört habe, wird immer deutlicher. Tischtennis. Jemand spielt Tischtennis, und zwar ziemlich gut. Die Ballwechsel sind schnell, die Bälle hart und schnell geschlagen. Gegen wen mag Katharina da spielen?
Dann wird mir klar, dass Katharina gar nicht spielt. Es sind zwei junge Mädchen in ärmellosen Shirts und kurzen Hosen, barfuß. Das Mädchen mit dem Rücken zu mir dürfte Helena sein, das andere Mädchen, mit blondem Pferdeschwanz, kenne ich nicht.
Als es mich entdeckt, lässt es den Schläger sinken und deutet mit einer Kopfbewegung in meine Richtung. Helena legt ihren Schläger weg und kommt auf mich zu.
„Fiona! Du bist aufgewacht!“
„Ja … Vielleicht.“ Ich fasse an meine Schläfe. „Das alles kommt mir wie ein Traum vor. Wieso bin ich hier? Und wo ist Katharina?“
Helena mustert mich kurz, dann dirigiert sie mich zu einer Sitzgruppe mit Rattanmöbeln. Sanft drückt sie mich auf einen der Stühle und legt meine Füße hoch. In der Zwischenzeit holt die Blondine ein Glas mit Zitronenwasser. Helena nimmt es und drückt es mir in die Hand.
„Trink das, du bist vermutlich ganz ausgetrocknet.“
Ich nippe daran. Es tut wirklich gut. Aber wieso bin ich ganz ausgetrocknet? Was ist überhaupt passiert?
„Was … was ist heute für ein Tag?“
„Samstag. 15. August.“
Ich schließe die Augen. Irgendwas stimmt hier nicht. Grad war es doch noch Mittwoch. Warum bin ich hier? Und wie bin ich hierher gekommen?
„Wie bin ich hierher gekommen?“
Helena kaut auf ihrer Unterlippe herum, bevor sie antwortet: „Mama hat dich geholt.“
„Sie hat mich geholt? Von wo?“
„Aus dem Krankenhaus.“
Ich runzele die Stirn. Ich war im Krankenhaus? Warum? Und wieso erinnere ich mich überhaupt nicht daran, dass ich im Krankenhaus war? Und wie kommt Katharina, ausgerechnet Katharina, eigentlich dazu, mich aus einem Krankenhaus zu holen? Zu sich?
Irgendwas stimmt hier ganz und gar nicht.
„Erinnerst du dich denn gar nicht, was passiert ist?“, fragt Helena leise. Sie hockt immer noch neben mir. Die Blondine steht hinter ihr und beobachtet mich.
„Nein. Wer ist das?“
Helena schaut kurz nach hinten. „Das ist Jody, meine Freundin.“
„Hi Jody.“
„Hi“, erwidert sie. Ihre Stimme klingt angenehm. Kräftig und warm. Freundin? Was für eine Freundin?
„Und Kay?“
Wieder kaut sie auf ihrer Unterlippe herum. Hat sie das bei mir abgeschaut? „Meine Eltern haben sich vor einigen Wochen getrennt. Mein Vater ist ausgezogen.“
Wie? Was? Wieso weiß ich davon nichts?!
„Sie haben sich getrennt?“
Helena nickt. Ihre Augen glänzen verdächtig. Dann ist Katharina ja nicht mehr mit ihrem Mann zusammen und … Mir fällt James ein und ich richte mich auf. Mir wird kalt. Sehr kalt.
„Was … Ich … Ich erinnere mich jetzt, dass ich im Büro war. Und dann war da ein Anruf. Ist Katharina bei James?“
Helena schüttelt langsam den Kopf und flüstert: „James ist tot.“
„Tot? Was ist mit meiner Tochter?“
„Sie ist auch tot. Sie …“ Helena schluckt hörbar, bevor sie fortfährt: „Du bist hingeflogen, aber es war schon zu spät. Das Haus ist explodiert und bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Du bist zusammengebrochen. Deine Eltern waren auch da. Dann wurdest du in das Krankenhaus gebracht und mit Beruhigungsmitteln vollgespritzt. Es tut mir leid.“
Ich starre sie an.
„Ich konnte sie nicht retten?“
„Niemand hätte das gekonnt. Das Haus ist explodiert, bevor du da warst. Die Explosion war so stark, dass alles, was sich im Haus befand, verglüht ist.“
Ich wende den Blick ab und starre nach draußen. Das war vor drei Tagen.
„Mama hat es im Internet gehört, wenige Minuten nach der Explosion. Sie ist sofort losgefahren und ist dem Krankenwagen begegnet, der dich abgeholt hat. Sie fuhr hinterher. In der Nacht hat sie dich rausgeholt und hergebracht. Seitdem hast du durchgeschlafen.“ Sie atmet tief durch. „Bis heute Mittag war sie die ganze Zeit bei dir, aber dann musste sie weg. Ein Termin, den sie schon verschoben hatte und nicht noch einmal verschieben konnte. Aber sie ist bald wieder hier.“
„Warum hat sie das getan?“
„Sie war der Meinung, dass es nicht gut wäre, wenn sie dich im Krankenhaus dabehalten. Nicht für das Krankenhaus und nicht für dich.“
Ich nicke langsam. „Ja, das stimmt.“ Ich ziehe meine Beine an und beginne zu schaukeln. „Was ist mit meinen Eltern?“
„Das weiß ich nicht. Vielleicht hat Mama ihnen Bescheid gesagt.“
Ja, vielleicht. Ich starre wieder nach draußen. Es ist ein wirklich schöner Sommertag. Ich kann den Pool sehen. Eigentlich müssten wir jetzt am Pool sein, bei meinen Eltern. James, Sandra, Danny und ich. Unsere kleine Familie. An einem herrlichen Sommertag, an einem Wochenende, die kleine Sandra bei Oma und Opa. Wie so oft schon.
Aber wir sind es nicht. Sie sind nirgendwo. Nur noch ich bin.
Plötzlich weiß ich, was ich zu tun habe. Ich springe auf und gehe auf die Treppe zu. Doch dann stellt sich mir Helena in den Weg.
„Wo willst du hin?“
„Ich werde Zanda töten“, erwidere ich ruhig.
„Mama wusste, dass du das sagen würdest. Sie hat gesagt, wir sollen es verhindern.“ Jetzt steht auch Jody zwischen der Treppe und mir.
Ich starre die beiden an, versuche, an ihnen vorbei zu kommen, aber sie sind schnell. Beide sind schnell. Jody ist keine Kriegerin, das würde ich spüren, aber sie ist auch kein gewöhnlicher Mensch.
„Lasst mich vorbei. Ich will euch nicht wehtun.“
„Das geht nicht. Wenn du vorbei willst, musst du uns wehtun. Aber das solltest du nicht tun. Ich meine, ich kann verstehen, dass du das tun willst. Aber du solltest es nicht jetzt, nicht in diesem Zustand tun.“
„Was redest du da? Ich werde Zanda töten. Jetzt.“
Ich mache einen Schritt vorwärts und das Nächste, was ich wieder bewusst wahrnehme, ist, dass ich auf dem Boden kauere und die beiden Mädchen mich in den Armen halten. Ich spüre, dass mein Gesicht nass ist. Mein Atem geht rasselnd, ich schnappe förmlich nach Luft.
Mir wird klar, dass ich einen Blackout hatte, dass ich zusammengebrochen bin. Die Wucht des Schmerzes, als mir mit völliger Klarheit bewusst wurde, was geschehen ist, hat mich von den Füßen gerissen. Wortwörtlich.
Ich sehe Helena und Jody an, die mich festhalten. Sie haben auch geweint, das sehe ich an ihren Gesichtern, während ich verzweifelt um Luft kämpfe.
Es dauert noch eine ganze Weile, bis ich nicht mehr das Gefühl habe, gleich ersticken zu müssen. Jody springt auf und holt mir mein Wasser. Ich trinke das Glas gierig leer.
„Wie … wie lange war ich weg?“
„Weiß nicht. Vielleicht zehn Minuten. Wir haben ganz schön Angst bekommen.“
„Es tut mir leid.“ Ich senke den Blick. „Es ist alles meine Schuld.“
„Was ist deine Schuld? Ich verstehe nicht.“
Ich sehe Helena an. „Alles ist meine Schuld. Dass Sandra tot ist, und James, und Danny. Sie sind alle meinetwegen gestorben. Es ist meine Schuld.“
„Das ist doch nicht deine Schuld!“
„Doch.“ Ich schließe die Augen. „Weil ich Anne Maries Avancen nicht zurückgewiesen habe. Weil ich zugelassen habe, dass sie sich an mich klammert. Deswegen sind wir noch einmal zurückgegangen, deswegen haben wir die Kette geholt, deswegen sind wir den Vampiren begegnet, deswegen ist Anne Marie gestorben.“ Ich öffne die Augen wieder und starre Helena an.
„Und was hat das mit … mit dem Tod von …“
„Zanda hat sich gerächt. Er glaubt, dass ich Anne Marie getötet habe. Dabei hätte ich alles getan, um sie zu beschützen. Aber ich habe versagt. Sie ist tot und nun auch Sandra. Und James.“
Helena will was sagen, doch dann schließt sie den Mund wieder. Hinter ihr erklingen Schritte und dann kommt Katharina um die Treppe herum und bleibt wie angewurzelt stehen.
Sie trägt einen eleganten Sommeranzug und sieht unglaublich schön aus. Nur die dunkle Sonnenbrille stört dabei etwas. Als sie diese jetzt abnimmt, sehe ich die rot geränderten Augen.
Ich glaube, sie hat mehr geweint als ich.

Ich beobachte Katharina. Sie sitzt mir gegenüber in einem der Rattanstühle, quer, die Beine lässig über die Lehne gelegt. Sie ist barfuß und trägt eine weiße Leinenhose, dazu passend die Bluse. Ihre Fußnägel sind rot lackiert. Die Jacke hat sie ausgezogen und über die Rückenlehne eines anderen Stuhls gehängt.
Ich sitze wieder, wo ich vorhin schon saß, und umarme die angezogenen Beine. Und konzentriere mich darauf, nicht zu schaukeln.
Auf dem Tisch vor mir steht ein Glas, diesmal mit Caipi darin. Helena hat ihn gemacht, bevor sie mit Jody nach draußen ging. Sie liegen jetzt in der Sonne, oben ohne.
Ich angele mir das Glas vom Tisch, ohne meine Beine loszulassen. Katharina sieht zu mir herüber. Sie hat auch ein Glas, der Farbe nach zu urteilen ist Whisky darin. Pur.
„Was ist geschehen?“, erkundige ich mich.
Katharinas sonst hellblaue Augen verdunkeln sich, nur für einen kurzen Augenblick. Dann nimmt sie einen Schluck von ihrem Drink und antwortet: „Ich war im Büro und las E-Mails, als in den Nachrichten die Explosion erwähnt wurde. Sie waren schnell, kaum mehr als fünf Minuten waren vergangen. Ich wusste sofort, welches Haus gemeint ist. Ich setzte mich ins Auto und fuhr los. Kurz bevor ich dort war, kam mir ein Krankenwagen entgegen. Ich spürte darin deine Anwesenheit und auch, dass du nicht bei Sinnen warst. Also wendete ich und fuhr hinterher. Im Krankenhaus haben sie versucht, dich ruhigzustellen und haben dafür so viel Barbiturate genommen, dass es für einen Elefanten gereicht hätte.“
„Barbiturate?“
Sie zuckt die Achseln. „Ich glaube, sie haben es erst mit anderen Mitteln versucht, damit hatten sie aber überhaupt keinen Erfolg. Sie konnten ja nicht wissen, dass dein Kriegerkörper das Zeug praktisch sofort wieder abbaut, vor allem, wenn er mit Adrenalin geflutet ist. Jedenfalls, irgendwann haben sie es geschafft, dich zu beruhigen. Wenn ich es mir so überlege, ist es fast ein Wunder, dass niemand zu Schaden gekommen ist.“
„Vielleicht habe ich einen Schutzmechanismus eingebaut.“
„Mag sein. Mir war klar, dass du nicht im Krankenhaus bleiben kannst. Erstens hätten sie dich eh nicht behandeln können und zweitens durften die nicht merken, dass du kein gewöhnlicher Mensch bist. Deine Resistenz gegen Beruhigungsmittel haben sie hoffentlich auf das Adrenalin geschoben.“
„Und was hast du getan?“
„Gewartet, bis alles ruhig war. Es war schon lange dunkel draußen. Dann habe ich dich geholt.“
„Mich geholt? Du hast mich rausgetragen?“
Sie schüttelt den Kopf. „Das war mein erster Plan, aber es wäre zu auffällig gewesen. Zum Glück warst du bereit mitzugehen.“
„Ich war wach?“
„Nun, inzwischen glaube ich das nicht mehr, da du dich offensichtlich überhaupt an nichts davon erinnern kannst. Aber ja, du hattest die Augen offen und hast brav getan, was ich dir gesagt habe. Wir sind hierher gefahren, ich habe dich ins Zimmer gebracht, dich ausgezogen und du hattest den Kopf noch nicht auf dem Kopfkissen und warst schon am Schlafen. Bis vorhin. Und das lag ganz sicher nicht an den Barbituraten.“
„Nein, ganz sicher nicht. Weiß denn jemand außer euch, dass ich hier bin?“
Sie schüttelt erneut den Kopf und nimmt einen Schluck von ihrem Drink. „Ich habe mit deinem Handy eine SMS an deine Mutter geschickt, gestern, als mir klar wurde, dass es länger dauern könnte, dass du in Sicherheit bist und dich meldest.“
Ich halte mein Glas zwischen den Knien und drücke die Stirn dagegen. Die Kälte tut gut.
„Ich … ich kann das nicht.“
„Was?“
„Meine Mutter anrufen. Nicht jetzt.“
„Dann ruf sie später an. Ist jetzt auch egal.“
„Eigentlich nicht. Ich rufe sie vielleicht wirklich später an. Oder morgen.“ Ich hebe den Kopf und starre Katharina an. „Ich sollte gehen.“
„Wohin? Und warum?“
Ihre hellblauen Augen mustern mich mit einem undefinierbaren Ausdruck. Dann wird mir klar, dass ich Angst sehe. Sie hat Angst, dass ich eine Antwort auf ihre Fragen habe.
Habe ich auch. Zumindest auf die erste. Bei der zweiten bin ich mir nicht so sicher.
„Ihr habt euch getrennt?“
Sie braucht einen Moment, um meinen plötzlichen Themenwechsel zu verdauen. Dann nickt sie. „Ja, schon vor einigen Wochen. Oder Monaten. Wir … wir haben uns entliebt. Und haben eingesehen, dass es keinen Sinn hat, krampfhaft die heile Familie spielen zu wollen. Und dass es besser ist, wir trennen uns, solange es noch friedlich geht. Kay ist nach London gezogen, hat dort eine schöne Wohnung, die ich bezahle. Auch seinen Lebensunterhalt, zumindest bis er es selbst kann.“
„Hat er einen Job?“
„Er macht eine Detektei auf. Nach London wollte er sowieso schon immer.“
Den Zusammenhang verstehe ich zwar nicht, aber es spielt auch keine Rolle, glaube ich.
„Bei seinen Fähigkeiten und Kontakten ist eine Detektei wahrscheinlich genau das Richtige.“
„Ich denke auch. Wie gesagt, wir sind noch Freunde. Mehr nicht.“
„Ist schon irgendwie seltsam, oder? Ich meine, das Schicksal ist ein so richtig fieser Hund. Du trennst dich von deinem Mann und ich kurz darauf …“ Auch, wollte ich noch sagen, aber das klappt nicht mehr. Ich merke noch, wie Katharina mit übermenschlicher Geschwindigkeit zu mir springt und das Glas mit dem Caipi auffängt, dann habe ich wohl den nächsten Aussetzer.
Als ich wieder einen halbwegs klaren Gedanken fassen kann, kniet Katharina neben mir und hält meinen Kopf an sich gedrückt. Ich befreie mich und versuche, die Tränen abzuwischen, was bei der Menge schier aussichtslos zu sein scheint. Katharina reicht mir ein Taschentuch, damit habe ich mehr Erfolg.
Ich schnäuze mich, dann knülle ich das Taschentuch zusammen und sage schniefend: „Wie soll das funktionieren? Ich meine, vor drei Tagen ist mein Mann gestorben. Wir … wir sind beide frei, aber das geht doch nicht.“
Katharina sieht mich ernst an. „Fiona, ich habe nicht aufgehört, dich zu lieben. Und du kannst mir glauben, ich habe so ziemlich alles versucht, um dich zu vergessen. Vier Jahre lang. Meine Ehe ist nicht zuletzt auch daran kaputt gegangen. Ich war schließlich vor einem Jahr so weit, dass ich gesagt habe, es ist mir egal. Und dann fiel mir das mit Michael ein und ich war froh, doch noch eine Ausrede zu haben. Es hat nur überhaupt nichts gebracht. Ich habe mich nicht von Kay getrennt, um für dich frei zu sein. Wie hätte ich auch ahnen können, was geschehen wird? Und du kannst mir auch glauben, ich würde alles tun, um es wieder ungeschehen zu machen. Aber das kann ich nicht, egal wie viel Macht ich habe.“ Sie atmet tief durch. „Mir ist klar, wie du dich fühlst und erwarte auch gar nicht, dass du etwas tust, was du gar nicht willst. Das verstehe ich, sehr gut sogar. Ich möchte nur, dass du weißt, dass ich dich liebe und dass ich warten kann. Tage, Wochen, Monate, Jahre. Das ist mir egal. Ich werde solange warten, wie es eben dauert.“
Was für eine perverse Situation. Da kniet sie neben mir, die Frau, nach der ich mich vier Jahre lang so verzehrt habe, und jetzt, wo ich sie haben könnte, ist es vollkommen unmöglich.
Warum eigentlich?
Weil vor drei Tagen erst James gestorben ist. Und Sandra. Und du so voller Schmerz bist, dass du dich gar nicht auf eine neue Beziehung einlassen kannst. Nicht jetzt.
Ich sehe Katharina an. Sie erwidert meinen Blick. Ihre Augen glänzen und langsam läuft eine Träne aus dem Außenwinkel ihres linken Auges. Sie rinnt an ihrer Wange hinab, an den Lippen vorbei, verharrt kurz an ihrem Kinn und fällt dann wie in Zeitlupe hinunter.
Ihre Lippen erzittern kaum merklich.
Sie hat sehr schöne Lippen. Sie erinnern ein wenig an die Lippen von Brigitte Bardot. Vielleicht nicht ganz so voll. Mir fällt ein, was sie mit diesen Lippen alles anstellen kann. Wie ihre Berührung sich anfühlt …
Fiona! Denk an James!
Ich denke an ihn. James war durch und durch pragmatisch. Würde er wollen, dass ich mich in Selbstmitleid zerfleische?
Es geht nicht um Selbstmitleid!
Wirklich nicht? Um was geht es dann? Wer sollte denn ernsthaft was dagegen haben?
Die Leute …
Die Leute? Das sagst du, Fiona Flame, der es sonst völlig am Arsch vorbei geht, was die Leute denken? Weißt du, was ich glaube?
Was denn?
Du hast einfach nur Angst. Vier Jahre lang hast du dir nichts sehnlicher gewünscht. Du hast es dir vorgestellt, immer wieder, wie es sein würde, sie wieder zu küssen, sie wieder in den Armen zu halten. Du hast es dir so sehr gewünscht und vorgestellt, dass du Angst davor hast, du könntest schon wieder enttäuscht werden.
Ja, kann schon sein, dass ich Angst habe. Ist sie denn unberechtigt? Was, wenn sie die Nächste ist?
Dann solltest du erst recht nicht warten.
Katharina legt den Kopf schief. „Was ist passiert?“
Ich schließe die Augen. Ich werde es bereuen. Und wie ich es bereuen werde.
Aber es ist mir scheißegal.
Ich werfe mich ihr so heftig an den Hals, dass ich vom Stuhl falle und sie umschmeiße. Wir landen beide auf dem Boden, sie unter mir. Ich presse den Mund auf ihre Lippen und suche ihre Zunge, die mir bereitwillig entgegen kommt.
Schließlich löse ich mich keuchend von ihr und spüre ihre Hände auf meinem Po.
„Wir sollten nach oben gehen. Trägst du mich hoch?“
„Ja, ich trage dich hoch“, erwidert sie halb lachend und halb weinend und richtet sich auf. Ich schlinge die Beine um ihre Hüften und verschränke die Hände hinter ihrem Nacken. Die Lippen auf meinen Mund gepresst, tastet sie sich die Stufen hoch, in das Zimmer, in dem ich vorhin aufgewacht bin.

Die süße Schwere, die so typisch ist nach einem heftigen Orgasmus, legt sich langsam auf uns. Katharinas Kopf liegt auf meinem linken Arm, ihr rechter Arm auf meinem Bauch und ihre rechte Hand locker zwischen meinen Oberschenkeln.
„Bereust du es?“, fragt sie plötzlich.
Ich drehe ihr meinen Kopf zu. Sie erwidert meinen Blick fragend.
Bereue ich es? Es ist erst wenige Stunden her, dass sie mir gestanden hat, wie sehr sie mich liebt, wenige Stunden, dass ich mich gegen jede Vernunft für sie entschieden habe. Gestern Nachmittag haben wir uns leidenschaftlich geliebt, gestern Abend haben wir uns leidenschaftlich geliebt und heute Morgen, jetzt gerade. Dazwischen haben wir gegessen, zwei Filme angesehen und geschlafen.
Ich verneine kopfschüttelnd.
„Musstest du so lange darüber nachdenken?“
„Nein. Nicht darüber. Oder besser gesagt, nicht nachdenken. Ich habe mich erinnert, wie ich mich gefühlt habe, seitdem du mich hochgetragen hast. Aber da war keine einzige Sekunde des Bedauerns. Ich liebe dich.“
Für einen Moment wird sie ganz starr. Dann dreht sie sich auf die Seite und vergräbt ihr Gesicht in meiner Halsbeuge. Innerhalb von Sekunden wird meine Schulter nass. Ich küsse ihre Schläfe und streichele ihren Rücken, ohne etwas zu sagen. Es sind einfach keine Worte nötig.
Schließlich hebt sie den Kopf und sieht mich an. Ihr Gesicht ist von einem Tränenschleier bedeckt. Irgendwie schon fast lustig, wie wir die Rollen getauscht haben.
„Entschuldige“, sagt sie schniefend.
„Wofür?“
„Na ja …“ Sie berührt meinen Hals. „Ich habe dich nass gemacht.“
„Das stimmt allerdings.“
„Was?“ Sie scheint sich schon wieder nicht entscheiden zu können, ob sie lachen oder weinen soll. „Du wirst nass, wenn ich weine?“
„Am Hals auf jeden Fall.“
Sie legt eine Hand zwischen meine Schenkel und ihre Augen weiten sich. „Das ist ja unglaublich!“
„Ich glaube, das kommt nicht von deinem Weinen“, murmele ich.
„Sondern?“
„Ist das jetzt wichtig?“
Sie schüttelt den Kopf. „Nicht wirklich. Ich schätze, ich muss jetzt was dafür tun, dass du wieder trocken wirst. Wenn ich dich schon so nass mache …“
Das sehe ich genauso. Ganz schafft sie es zwar nicht, aber irgendwann entschwinde ich aus dieser Welt und kehre erst viel später und nur zögerlich wieder. Katharina liegt mit erhobenem Kopf auf mir und beobachtet mich.
„Was hast du gesehen?“
„Eigentlich nichts Besonderes. Dein Gesicht war völlig entspannt. Du hast irgendwann sogar gelächelt.“
„Das müssen wir im Kalender rot markieren!“
„Okay. Ich schreibe nachher rein: ‚Hat nach supergeilem Orgasmus selig gelächelt.’“
„Wehe!“
Sie grinst und wird plötzlich ernst. „Fiona, du musst jetzt wirklich deine Eltern anrufen.“
Ich ziehe eine Schnute. „Musst du den Moment kaputt machen?“
„Der Moment ist schon vorbei.“
Das stimmt auch wieder. Seufzend strecke ich mich nach dem Handy, das auf dem Nachttisch liegt. Auf die nächsten Minuten freue ich mich nicht einmal ansatzweise.
Die Stimme meiner Mutter klingt schwach, als sie sich meldet: „Ja …?“
„Hallo, Mama. Ich bin es.“
„Oh Gott sei dank! Wir haben uns solche Sorgen gemacht! Und als diese SMS kam, haben wir gedacht, du wärst entführt worden!“
„Von wem sollte ich entführt worden sein?“
„Was weiß ich! Du warst doch gar nicht du selbst! Die Ärzte haben gesagt, sie hätten so was noch nie erlebt. Sie haben so viel Schlafmittel in dich reinpumpen müssen, dass sie schon Angst hatten. Aber es ging nicht anders.“
„Mein Körper betrachtet das Zeug als Gift und baut es sofort wieder ab. Mir geht es gut. Na ja, den Umständen entsprechend.“
„Aber wo um Himmels willen bist du überhaupt?“
„Bei Katharina.“
„Bei Katharina?“
Ich seufze und suche Katharinas Blick. Sie lächelt mich aufmunternd an.
„Hör zu, Mama, Katharina wusste, dass es nicht gut für mich im Krankenhaus ist und hat mich rausgeholt. Eigentlich war es nicht geplant, euch nicht Bescheid zu geben, aber ich habe einfach ein paar Tage geschlafen. Auch ohne das Zeug. Deswegen hat sie euch irgendwann die SMS geschickt, damit ihr wenigstens ein Lebenszeichen von mir habt.“
„Das verstehe ich nicht. Wieso hat sie dich nicht zu uns gebracht?“
„Weil ich dort zu nah am Geschehen gewesen wäre, Mama. In jeder Hinsicht.“
„Es ist so furchtbar“, sagt sie schniefend. „Niemand weiß, was passiert ist, zumindest will uns niemand was sagen. Nicht einmal Ben oder Jack. Ich habe sogar versucht, diesen Vampir zu erreichen, aber er ist unauffindbar.“
„Mama, ich glaube, sie wissen wirklich nichts. Woher auch. Und ich möchte nicht am Telefon darüber reden.“
„Aber wie dann? Sollen wir zu euch kommen?“
Ich denke kurz nach, dann erwidere ich: „Nein. Wir kommen zu euch.“
„Wann?“
„Heute. In zwei, drei Stunden.“
„In Ordnung. Wir … wir sind so entsetzt.“
„Das bin ich auch, Mama“, sage ich leise. „Bis nachher.“
Ich beende die Verbindung und starre Katharina an. „Ich habe dich gar nicht gefragt, ob du überhaupt mitkommen …“
„Natürlich.“
Ich liebe sie dafür, wie sie alles in dieses eine Wort legt. Alles, was unsere Beziehung ausmacht. Was ich schon einmal gespürt habe, als sie in der Verborgenen Welt bedingungslos zu mir gehalten hat, selbst als ich dort bleiben wollte und sie genau wusste, was das mit ihrem physischen Körper macht. Da ist nicht der Hauch eines Zweifels.
Ich atme tief durch. „Wir sollten duschen und uns dann auf den Weg machen. Das wird hart.“
Sie sagt nichts, aber das braucht sie auch nicht. Ihr Gesichtsausdruck ist deutlich genug.

„Was soll ich anziehen?“
„Nun ja. Das ist eine wirklich schwierige Frage.“ Katharina öffnet die Türen des riesigen Kleiderschranks. „Sieht so aus, als hättest du jede Menge Auswahl.“
„Ziehst du mich an?“
Sie mustert mich und ich beiße unwillkürlich auf meine Unterlippe. Grinsend schüttelt sie den Kopf, dann beginnt sie, verschiedene Kleidungsstücke aus dem Schrank zu räumen. Ihr nackter Körper glänzt, ihre noch nassen Haare schmiegen sich an die Konturen ihres Kopfes an. Am liebsten würde ich weinen.
Da kommt es mir ganz recht, dass Katharina offensichtlich unter geistiger Verwirrung leidet.
„Was willst du mit zwei Slips? Und zwei Blusen? Und…?“
„Soll ich denn nackt gehen?“
„Ähm …“
Sie lacht auf. „Ich deute das mal als Zeichen der Verwirrung, nicht als Zustimmung. Jedenfalls dürften deine Sachen auch mir passen.“
„Nicht alles.“
Sie hält einen Sport-BH hoch. „Der schon. Dann werde ich dich wenigstens nicht so verwirren.“
„Dafür reicht es nicht, dir den Busen abzuquetschen.“
Sie sagt nichts mehr, sondern beginnt tatsächlich, mich anzuziehen. Scheiße, fühlt sich das blöd an! Sie geht vor mir in die Hocke, hebt erst ein Bein hoch und zieht den Schlüpfer über den Fuß, dann das andere. Danach geht es weiter mit meinem BH, einer schwarzen Bluse und schwarzer Leinenhose. Und schließlich bekomme ich noch Slipper auf die Füße gezogen.
„Fertig“, sagt sie und erhebt sich. „Jetzt bist du dran.“
Schweigend mache ich mich an die Arbeit. Sie erfordert ernsthafte Konzentration, spätestens als ich den Schlüpfer hochziehe und dabei für einen Moment ihre nackte, absolut glatt rasierte Muschi vor Augen und Nase habe. Ich schlucke, dann mache ich weiter. Dabei sehe ich, dass sie unverschämt grinst. Klar, sie hat ja dasselbe schon hinter sich. Nach ein paar Sekunden ist sie auch eingekleidet.
Ich gebe ihr einen Kuss auf den Mund, dann hole ich mein Handy und sehe sie fragend an.
Sie erwidert den Blick nachdenklich.
„Was?“
Statt einer Antwort geht sie zu einem anderen Schrank und holt mehrere Taschentücher hervor, die sie einsteckt.
„Gehen wir“, sagt sie dann.
Mir wird plötzlich bewusst, was mir bevorsteht, und ich würde am liebsten wieder umdrehen, ins Bett gehen, die Decke über den Kopf ziehen und ein paar Wochen schlafen.
Unten treffen wir Helena und Jody an. Sie sind im Pool und knutschen herum. Anscheinend haben sie weniger Hemmungen als wir. Sie sind ja auch deutlich jünger.
Fiona!
Schon gut. Ist doch so.
Ich winke den beiden zu, nachdem Katharina ihnen erklärt hat, wohin wir wollen und dass es spät werden kann.
„Wir kommen zurecht“, erwidert Helena. „Und viel Kraft!“
„Danke.“
Wir gehen in die riesige unterirdische Garage.
„Hast du einen besonderen Wunsch?“
„M3, Cabrio.“
Sie starrt mich an, schließlich nickt sie. „Das kam ja spontan. Wenn du BMW liebst, wieso fährst du dann so einen ollen Kombi?“
„Oller Kombi? So viel langsamer ist der gar nicht!“
„Sieht aber scheiße aus.“ Sie deutet auf ein weißes Cabrio. „Willst du fahren?“
Statt einer Antwort springe ich auf den Fahrersitz. Katharina steigt etwas lässiger auf der anderen Seite ein.
„Wo ist der Schlüssel?“
„Versuch es doch mit dem Knopf da.“
„Trotzdem muss der Schlüssel doch im Auto sein!“
Katharina öffnet das Handschuhfach und holt den Schlüssel hervor. „Zufrieden?“
Ich nicke und starte den Motor. Es ist eine Ewigkeit her, dass ich zuletzt einen BMW fuhr. Ich muss an meinen 3er denken, den ich damals geschrottet hatte, als der Motorradkiller hinter mir her war. Ganz so heiß wie dieser hier war der zwar nicht, aber auch nicht gerade eine lahme Krücke.
Ich fahre den Wagen zivilisiert nach draußen und gebe erst Gas, als wir auf der langen Geraden sind, die zum Tor führt. Die fünf Kilometer haben wir in wenig mehr als einer Minute geschafft. Dann muss ich allerdings abbremsen, denn das Tor öffnet sich erst, als wir davor stehen.
„Geht das nicht auch etwas komfortabler?“, erkundige ich mich, während ich den Wagen in die Schleuse fahre.
„Ich habe viele Feinde.“
Ein schlagendes Argument.
Draußen gebe ich wieder Gas. Ich fahre die Strecke nicht zum ersten Mal und weiß, wo die Blitzer stehen. Ich will Jacks Protektion nicht überstrapazieren, außerdem erwarten sie mich nicht in einem weißen Cabrio.
Dann biegen wir auf die King Valley ein. Die ersten fünf Grundstücke ziehen an uns vorbei und ich kann bereits die offene Einfahrt meiner Eltern sehen. Daneben die 13, wo wir gewohnt haben. Diese Einfahrt ist mit einem rotweißen Plastikstreifen abgesperrt.
Ich fahre langsamer, bis neben den Plastikstreifen, und starre geradeaus. In diesem Moment weiß ich nicht, ob ich den Anblick ertragen kann.
Aus dem Augenwinkel sehe ich, dass Katharina mich beobachtet. „Wir können auch später wiederkommen“, sagt sie leise.
Ich schüttele den Kopf und beiße auf meine Unterlippe. Dann sehe ich sie an. An ihr vorbei erkenne ich unscharf die Reste vom Haus, soweit sie von dieser Position aus überhaupt zu sehen sind.
Die ersten Tränen sind draußen.
Schließlich wende ich mich ab und steige aus. Wie in Trance gehe ich um das Auto herum, klettere über die Absperrung und betrete das Grundstück.
Das ausgebrannte Wrack vom Jaguar steht an seinem gewohnten Platz. Nur das Haus ist nicht mehr wirklich da. Ein paar Grundmauern stehen noch, der Rest ist weg. Einfach weg. Und da sind Spuren. Spuren der Feuerwehr, der Polizei und wahrscheinlich auch atomisierte Spuren von James. Und Sandra. Und Danny. Der Rasen zertrampelt, verkohlt.
Ich erinnere mich wieder. Mein Flug vom Büro hierher hat nicht lange gedauert, ich wusste ja, wo ich hin musste. Schon von oben sah ich das Feuer und mir war klar, dass niemand darin am Leben sein konnte. Die Explosion hatte das Haus förmlich weggesprengt und in einem normalen Viertel, wo die Nachbarhäuser viel näher zusammen stehen, hätten diese auch Schaden genommen. Selbst so sind einige Scheiben zersplittert, bei meinen Eltern, und vermutlich auch auf der anderen Seite. Meine Mutter hatte das gesagt, als sie kurz nach mir angekommen waren, vollkommen entsetzt. Sie sagte, dass sie einen Knall gehört haben, dann die zerberstenden Scheiben und dass sie zuerst an ein Attentat gedacht haben.
Es war ja auch ein Attentat.
Katharina tritt neben mich und reicht mir stumm ein Taschentuch. Ich wische mein Gesicht ab und frage mich unwillkürlich, für wie lange die Tränenvorräte wohl reichen werden.
Und ich bin erstaunt über mich. Ich bin trotz der Tränen sehr ruhig. Viel zu ruhig.
Dann höre ich die Schritte und blicke zur Einfahrt. Meine Eltern stehen da, unschlüssig. Als ich nicht reagiere, kommen sie schließlich langsam näher. Ich starre meine Mutter an, dann nehme ich sie schweigend in die Arme. Ich spüre, wie ihre Versteifung sich löst und ansatzlos in heftiges Weinen übergeht.
Verdammte Scheiße.
Ich habe keine Ahnung, wie lange wir so da stehen, beide weinend. Sie ist es, die irgendwann den Kopf hebt und mich ansieht. Katharina reicht uns Taschentücher. Meine Mutter wischt erst mein Gesicht ab, dann ihr eigenes und schnäuzt sich anschließend.
„Wir sollten jetzt vielleicht hineingehen“, schlägt mein Vater vor.
„Das ist eine gute Idee“, sagt Katharina schnell.
Ich zwinge mich, keinen letzten Blick auf die Überreste des Hauses zu werfen und gehe voran. Während meine Eltern mir folgen, springt Katharina in den Wagen und fährt ihn auf den Hof. Mein Vater mustert ihn kurz, sagt aber nichts.
Der Tisch auf der Terrasse ist gedeckt. Von dort kommt uns Nicholas entgegen. Ich umarme ihn stumm, er sagt ebenfalls nichts. Was sollte er auch sagen?
„Wo ist eigentlich meine Mutter?“, erkundige ich mich, weil mir plötzlich bewusst wird, dass sie nicht mit uns gekommen ist.
„Sie kommt gleich nach“, erwidert mein Vater. „Setzt euch schon mal. Möchtet ihr was trinken?“
Katharina wirft mir einen Blick zu, dann nimmt sie Platz. Ich setze mich neben ihr. Die Anspannung, die mein Vater plötzlich ausstrahlt, gefällt mir nicht, aber ich kann die Situation nicht so richtig einordnen. Meine Intuition sagt mir, dass keine Gefahr vorhanden ist. Aber etwas stimmt trotzdem nicht.
„Da Fiona noch nachdenkt, gebe ich meine Bestellung ab. Ich hätte gern einen Whisky.“
„Pur? On the rocks? Als Cocktail?“
„Oh, wenn du es schon anbietest: Ich nehme einen Scotch Sour.“
„Kein Problem. Du, Fiona?“
Ich starre Katharina an, dann wende ich mich meinem Vater zu. „Äh … Ach so, trinken. Ich nehme einen Wodka Martini.“
„Soll ich mich darum kümmern?“, erkundigt sich Nicholas.
Ich sehe meinem Vater an, dass er verneinen will, aber bevor er das tun kann, kommt meine Mutter, von wo auch immer. Sie nickt.
„Was trinkst du, Barbara?“
„Oh, trinken ist eine gute Idee. Ich nehme einen Rotwein.“
„Und Sie, Mr. Carter?“
„Ich nehme auch einen Sour. Danke, Nicholas.“
Die beiden setzen sich und in der entstehenden Stille wäre das Pupsen einer Fliege wie eine Explosion. Zumindest für kurze Zeit, denn kurz darauf beginnt Nicholas mit der Zubereitung der Drinks und unterbricht damit die Todesstille.
Meine Mutter rückt ihr Besteck zurecht, obwohl es perfekt ausgerichtet war. Sie ist nervös. Sie hat etwas getan, wovon sie weiß, dass ich nicht begeistert wäre, wenn ich wüsste, was sie getan hat.
„Ich höre“, sage ich.
„Was denn, Kind?“
Für einen kurzen, aber äußerst intensiven Moment habe ich das extreme Bedürfnis, einfach loszuschreien. Ich schaffe es kaum, mich zu beherrschen. Aber ich schaffe es.
„Mama, ich möchte jetzt sofort wissen, warum ihr so nervös seid. Und komm mir bitte nicht mit irgendwelchen Ausreden. Ich bin nicht blöd.“
Ihre Augen flattern kurz. Sie wirft ihrem Mann einen Blick zu, dann antwortet sie: „Ich habe Jack angerufen. Und Nilsson. Sie kommen zum Abendessen hierher.“
„Zum Abendessen? Es ist doch gerade mal Mittag!“
„Sie sind unterwegs. Aber Ben könnte …“
„Halt, stopp! Was soll überhaupt diese Heimlichtuerei?“
„Ich … ich dachte, dass es dir vielleicht nicht gefallen wird.“
Ich atme tief durch. „Damit hast du recht, aber hast du geglaubt, ich schlage dir den Kopf ab?“
„Fiona!“ Katharina und mein Vater sind absolut synchron. Ich fange an zu lachen und kann kaum aufhören. Erst als Nicholas mit den Drinks kommt habe ich mich einigermaßen wieder beruhigt.
„Entschuldigt bitte“, sage ich keuchend den vorwurfsvoll Dreinblickenden. „Das war einfach zu komisch, wie Katharina und Papa spontan völlig zeitgleich meinen Namen gerufen haben. Ich habe doch nur gefragt, ob Mama das geglaubt hat. Denn ihr wart so nervös, dass ich glauben muss, ihr traut mir die allergrößten Schweinereien zu.“
„Nun, das vielleicht nicht“, erwidert meine Mutter. „Aber du musst zugeben, die letzten Tage waren ziemlich seltsam.“
Ich werde augenblicklich ernst. „Ja, das ist wahr. Also gut, reden wir nicht mehr darüber. Das heißt, werden die beiden dem Rest der Truppe Bescheid geben?“
Meine Mutter nickt.
„Na schön.“ Ich nehme den Wodka Martini und stelle fest, dass Nicholas keine Olive hineingetan hat. Dafür ist das Glas und nur das Glas schön kalt. Woher kann er das?
Egal.
„Ich verzichte heute mal auf den Trinkspruch“, fahre ich fort und trinke die Hälfte des Glases leer.
Der Moment der Wahrheit rückt immer näher. Ich sehe Katharina an. Wir haben gar nicht darüber gesprochen, wie wir uns verhalten wollen. Doch für mich steht sowieso fest, dass ich keine Versteckspielchen spielen werde. Und wenn sie das nicht verkraftet, dann …
Ich atme mal wieder tief durch.
„Kind, was ist los? Ist dir schlecht?“
„Nein. Das heißt, irgendwie schon, aber dagegen hilft nicht einmal frische Luft.“ Wie erwartet, reiße ich mit dem Witz niemanden vom Hocker. „Ich vermute mal, ihr hättet jetzt gerne ein paar Erklärungen.“
„Das wäre angebracht“, bestätigt mein Vater.
Ich trinke schnell den Rest meines Drinks auch noch, bevor ich anfange.
„Ich erhielt am Mittwoch, kaum dass ich um Büro war, einen Anruf von Graf Zanda. Er teilte mir mit, dass Zahltag sei.“
„Zahltag? Was für ein Zahltag?“
Ich halte kurz inne. Katharina weiß ja auch nicht, was der wahre Grund für Zandas heftige Reaktion ist. Vielleicht sollte ich mir meine Worte gut überlegen. Andererseits, es ist so was von scheißegal. Es ist lange vorbei. In jeder Hinsicht.
Mit geschlossenen Augen fahre ich fort: „Als vor ungefähr drei Jahren Emily auf der Suche nach dem Spiegel zu uns kam und ich, durch verschiedene Umstände, die hier auszuführen zu lange dauern würde, die Gastfreundschaft der Vampire genießen durfte, lernte ich Anne Marie kennen. Sie war die Nichte von Graf Zanda, Katharina hat sie kennengelernt. Ich … ich wurde ihre Blutsklavin, weil sie sich in mich verliebt hat.“
„Oh, das erklärt einiges“, bemerkt Katharina. „Und du?“
Ich schüttele den Kopf. „Ich hätte mich nicht in sie verlieben können.“
Katharina braucht nur Sekundenbruchteile, um zu verstehen, das sehe ich an ihrem Gesichtsausdruck.
„Na ja, sie war ja schließlich eine Frau, nehme ich mal an“, sagt mein Vater.
„Das … das war nicht der Grund. Ich habe durchaus Sex mit ihr gehabt, als Blutsklavin war ich dazu verpflichtet. Außerdem wäre es für mich unangenehm geworden, wenn ich mich geweigert hätte.“
„Das glaube ich nicht“, erwidert Katharina leise. Sie hat es wirklich verstanden.
„Du hattest Sex mit einer Frau? Das ist ja mal was Neues.“
„Nicht wirklich“, entfährt es mir.
Mein Vater zieht die Augenbrauen hoch, meine Mutter starrt mich entgeistert an.
„Das war nicht das erste Mal? Ich habe dich noch nie mit einer Frau gesehen. Nur mit sehr vielen Männern. Vor James …“
Ich schlucke und werde direkt abgelenkt durch meine Mutter: „Oh mein Gott“, flüstert sie.
„Werde ich jetzt enterbt?“, erkundige ich mich, sie ansehend.
Sie schüttelt den Kopf. „Nein, nein, ich habe nur an was denken müssen. Tut mir leid. Ich bin aufgeklärt genug und habe nichts gegen Homosexuelle.“
„Ich bin nicht lesbisch“, entgegne ich stirnrunzelnd. „Ich … Ach, verdammt, darüber wollte ich gerade gar nicht reden.“ Tief Luft holen, ich weiß nicht zum wievielten Male heute. „Okay, also, Zanda ließ mich zu sich holen und hat mir, bei einem hervorragenden Glas Whisky, klar gemacht, dass er seine Nichte, deren Eltern schon lange tot sind, über alles liebt. Und dass er mich, sollte ihr was zustoßen, bis ans Ende der Welt jagen würde.“
„Ist ihr denn was zugestoßen?“, fragt mein Vater.
Ich nicke langsam. „Letztes Jahr, als James und Jack in der Vampirstadt gefangen gehalten wurden, hat uns Anne Marie geholfen. Sie entschied sich dabei, dass sie mit uns kommen will. Die anderen sind schon vorgegangen, aber sie wollte noch einmal zurück, um etwas zu holen.“
In die entstehende Pause hinein erkundigt sich Katharina: „Was war es denn?“
„Eine Kette. Die einzige verbliebene Erinnerung an ihre Mutter.“ Ich schlucke, denn ich habe das Gefühl, gleich ersticken zu müssen. „Auf dem Rückweg sind wir zwei Vampiren begegnet. Viele waren an jenem Tag gestorben, von den Zauberern getötet. Dementsprechend nervös und bewaffnet waren sie. Mit Armbrust und Spezialpfeilen. Die Pfeile enthielten mit Visz gefüllte Explosivgeschosse. Damit kriegt man sogar Krieger klein. Ich wusste das nicht, und als sie auf mich schossen und ich auswich, traf einer der Pfeile Anne Marie mitten ins Herz.“
„Oh mein Gott!“, entfährt es meiner Mutter.
„Aber du hast sie doch nicht getötet?“, stellt mein Vater fest.
„Aber Zanda glaubt das. Nachdem ich die beiden Vampire erledigt habe, kniete ich neben Anne Marie. So fand Zanda uns. Und bevor ich es aufklären konnte, stieß er mir einen Dolch ins Herz. Zum Glück kamen dann einige von uns, sonst säße ich vielleicht nicht hier.“ Und James würde noch leben. Und Sandra auch. Ich spüre, wie dieser Gedanke mir die Luft abschnürt.
Katharina legt eine Hand auf meinen Unterarm und sieht mich durchdringend an. Das hilft, ich kann kräftig durchatmen.
„Jetzt verstehe ich, was mit Zahltag gemeint war. Und du hattest keine Chance, rechtzeitig zu kommen.“
„Ich habe James sofort angerufen. Er sagte, es wäre ein Techniker da, wegen des Anschlusses. Und dass ich ihn bestellt hätte. Da wusste ich, was los war. Ich wollte ihn warnen, aber der Techniker hatte grad nach ihm gerufen und James legte auf, ohne meine Rufe zu hören.“
„Scheiße“, sagt Katharina.
Ja, Scheiße. Die Tränen brechen sich Bahn wie Lava aus einem Vulkan. Katharina zieht mich an sich und wie durch Watte höre ich, wie sie weitererzählt. Dass sie hinter uns hergefahren ist und mich aus dem Krankenhaus holte. Sie erklärt, warum und wieso. Wie ich tagelang geschlafen habe und sie schließlich die SMS geschickt hat.
Danach wird es still. Meine Tränen sind versiegt, vorläufig zumindest. Ich lehne den Kopf gegen Katharinas Schulter. Sie umarmt mich, ihre Hand ruht auf meiner Hüfte. Ich kann mir nicht vorstellen, dass meine Eltern das nicht sehen und verstehen.
„Ich verstehe trotzdem nicht, warum du so schnell zur Stelle warst“, sagt schließlich mein Vater.
„Ich habe die Nachricht im Internet gehört“, erklärt Katharina.
„Den Teil verstehe ich und das habe ich mir so ähnlich gedacht. Aber welchen Grund gibt es dafür, dass du dich sofort ins Auto setzt und losfährst?“
Ich hebe den Kopf und sehe meinen Vater an. „Weil sie mich liebt.“
Die Augen meiner Mutter weiten sich entsetzt, sie hat es also nicht erkannt. Mein Vater wirkt nicht überrascht, nur unangenehm berührt.
„Und du?“
„Ich liebe sie auch.“
„Verstehe.“ Mein Vater nimmt einen großen Schluck von seinem Drink.
„Wie … Seit wann?“
„Seit vier Jahren.“
„Ihr habt seit vier Jahren ein Verhältnis?“, fragt meine Mutter entgeistert.
„Nein. Es ist kompliziert.“
„Aber seit gestern?“ Mein Vater überrascht mich.
„Es ist kompliziert“, wiederhole ich. „Wir … haben uns ineinander verliebt, als wir damals die Cuculus gejagt haben. Uns war beiden klar, dass … dass es nicht geht. Sie war verheiratet, ich war es.“
„Sie war?“, fragt mein Vater.
„Kay und ich haben uns vor ein paar Wochen getrennt. Er lebt jetzt in London.“
„Oh“, sagt er nur.
„Verstehe ich das richtig? Ihr habt vier Jahre lang die Finger voneinander gelassen und jetzt, drei Tage, nachdem James tot ist, entdeckt ihr eure Liebe füreinander wieder?“
Oh, oh, das wird unangenehm. Meine Mutter ist wütend und empört. Sehr wütend.
„Nein, so war das nicht“, erwidere ich und spüre, dass auch ich wütend werde. „Ich sagte doch, es ist kompliziert. Ich habe James geliebt! Und auch Katharina! Und das hat mir die schlimmsten vier Jahre meines Lebens beschert! Es ist unfair, mir jetzt vorzuwerfen, ich hätte kaum abwarten können, dass James aus dem Weg ist!“
„Das habe ich nicht gesagt“, flüstert meine Mutter.
„Ach nein, wirklich nicht? Und was sollte deine Frage dann? Ich antworte für dich: genau das! Genau das hast du vorhin gedacht! Verdammt noch mal! Glaubst du wirklich, dass ich so bin? Vor vier Tagen stand ich vor diesem lichterloh brennenden scheißverdammten Haus und wusste, dass da drin Sandra und James nur wenige Sekunden vorher gestorben sind! Wie kannst du auch nur denken, ich hätte da nichts Besseres zu tun, als mich in eine Beziehung zu stürzen? Ich habe James geliebt, verstehst du das? Hast du auch nur die geringste Ahnung, wie weh das tut? Und ja, ich liebe auch Katharina! Ich kann es selbst nicht erklären, was da passiert, wie so was überhaupt möglich ist! Diesen fast unerträglichen Schmerz und gleichzeitig diese irrsinnige Liebe zu spüren! Gleichzeitig! Es zerreißt mich, verdammte Scheiße!“
Ich merke, dass ich stehe und dass sowohl Katharina als auch mein Vater vergeblich versuchen, mich zu beruhigen. Doch dafür ist es bereits zu spät. Ich habe das Gefühl, von innen heraus zerrissen zu werden und breche zusammen. Es ist kein Blackout, wie schon ein paar Mal in den letzten Tagen. Diese Gnade wird mir diesmal nicht gewährt. Ich erlebe den Schmerz bei vollem Bewusstsein, jede Sekunde davon. Mein Körper gehorcht mir nicht mehr, er schreit den Schmerz nur noch hinaus, während Katharina mich mit übermenschlicher Kraft festhält und mit mir auf den Boden sinkt.

Ich sehe schon wieder meine Hand. Und dieses Mal ist es die andere, ich liege ja auch auf der linken Seite. Schlagartig bin ich hellwach. Der Rollladen ist oben, nur der Vorhang dämpft das Licht. Doch das Zimmer stimmt nicht. Es ist mein Zimmer, das Zimmer, in dem ich aufgewachsen bin. Was zum Teufel ist passiert? Habe ich alles nur geträumt?
Ich setze mich auf und sehe mich um. Dann entdecke ich die Leinenhosen, die Slipper. Jetzt spüre ich auch, dass ich nackt bin. Mit einem Blick nach rechts sehe ich, dass ich allein im Bett bin. Aber geträumt habe ich es nicht, so viel steht fest. Und von irgendwoher höre ich gedämpfte Stimmen.
Ich gehe ins Bad und setze mich aufs Klo, um zu pinkeln. Dabei versuche ich verzweifelt, mich zu erinnern, was geschehen ist. Ich habe meine Mutter angeschrien, ich bin regelrecht ausgerastet. Katharina hat mich festgehalten und dann lagen wir auf dem Boden. Ich kann mich an diesen wahnsinnigen Schmerz erinnern, an meine unmenschlichen Schreie.
Aber was geschah danach?
Langsam machen mir diese ständigen Blackouts Angst. Ist das vielleicht normal, wenn jemand einen solchen Verlust erlebt hat wie ich? Oder ist bei mir einfach alles intensiver, also auch meine Gefühle, weil ich eine Kriegerin bin? Eine Kriegerin mit besonderen Fähigkeiten?
Seufzend erhebe ich mich, betätige die Spülung, wasche mir bewusst nicht die Hände, weil ich dann in den Spiegel blicken müsste, und gehe zurück in mein Zimmer. Im Kleiderschrank finde ich alte Sachen von mir, sauber und gebügelt. Diese Marotte von meiner Mutter, die ich anfangs so schrecklich fand, ist durchaus praktisch. Nicht zum ersten Mal.
Ich ziehe eine hellgraue Schlabberhose und ein dunkles T-Shirt an, dann gehe ich aus dem Zimmer. Die Stimmen werden lauter, sie kommen von unten. Ich stutze. Deutlich höre ich Jack, dann meinen Vater. Wollten sie nicht am Abend erst kommen?
Ich gehe die Treppe nach unten und wende mich nach rechts, wo die Küche und der Eingang zum großen Wohnzimmer liegen. Verteilt auf die Couch und Sessel sitzen Michael, Nilsson, John mit Katharina, eine zweite Gruppe bilden Ben, Jack und mein Vater. Nicholas und meine Mutter sind auf der Terrasse, sie decken den Tisch. Sie decken ihn zum Frühstück.
Was zur Hölle …?
Katharina erblickt mich als Erste. Sie springt auf, kommt zu mir und gibt mir einen Kuss auf den Mund. Ihre Zunge schiebt sich kurz und neckisch zwischen meine Lippen, dann löst sie sich wieder von mir.
„Guten Morgen“, sagt sie lächelnd. „Ausgeschlafen?“
„Guten Morgen?“, wiederhole ich. „Wie lange habe ich denn geschlafen?“
„Einen Nachmittag und die Nacht durch.“
„Ach du Scheiße!“
„Hast du ein Meeting?“
Ich schüttele den Kopf, dann muss ich doch grinsen. Wahrscheinlich etwas schief und gequält, aber immerhin ein Grinsen. Katharina scheint zufrieden zu sein, denn sie zieht mich zu einem Sessel, setzt sich hinein und zwingt mich mit sanfter Gewalt auf ihren Schoß.
Ich begrüße die anderen mit einem Handzeichen. Sie grüßen zurück und mustern mich mehr oder weniger unverhohlen neugierig, betroffen, entsetzt, nachdenklich.
„Möchtest du einen Kaffee?“, erkundigt sich mein Vater.
Ich nicke, und nachdem mein Vater gegangen ist, lehne ich mich zurück. Katharina legt ihre Arme um mich. Es tut gut, ihren Körper zu spüren. Sie trägt fast das Gleiche wie ich, nur das T-Shirt ist heller. Weniger angenehm sind die Blicke der anderen, die ich ebenfalls deutlich spüre. Bis auf Ben sind alle entweder entgeistert oder, zumindest einer, eifersüchtig. Michael wird genau wissen, dass spätestens ab jetzt er nicht mehr an mich herankommen wird. Und ich glaube, Nilsson hat was geahnt. Immerhin wusste er ja, dass Katharina und ich mal was miteinander hatten.
Ich bringe meinen Mund ganz nahe an Katharinas rechtes Ohr heran und flüstere: „Wie geht es meiner Mutter?“
„Eine gute Frage. Als ich mit dir hoch gegangen war gestern, um dich ins Bett zu bringen, und noch eine Weile bei dir lag, bis du eingeschlafen bist, haben deine Eltern sich wohl lange unterhalten. Danach hatte deine Mutter ziemlich verweinte Augen. Aber heute wirkt sie einigermaßen ruhig. Ich denke, sie hat viel nachgedacht.“
„Ich weiß nicht, wie ich mich verhalten soll!“ Ich vergrabe mein Gesicht in den Händen und denke ernsthaft darüber nach, wieder hoch zu gehen und weiterzuschlafen.
„Sie kommt“, sagt Katharina leise.
Ich reiße den Kopf hoch und starre meine Mutter an, die auf uns zukommt. Sie trägt einen leichten Sommeranzug und Sandalen. Außerdem dezentes Make-up, was möglicherweise ihren Augen geschuldet ist.
Sie bleibt vor uns stehen, etwa einen Meter entfernt, und sagt: „Es tut mir leid, Fiona.“
Oh, oh! Sie nennt mich beim Namen, das ist normalerweise kein gutes Zeichen. Aber vielleicht liegt das auch nur an ihrer Anspannung, weil sie genauso unsicher ist wie ich.
Und jetzt?
Ich erinnere mich daran, wie ich sie angeschrien habe. Dass sie sich entschuldigt, muss sie eine unheimliche Überwindung kosten. Und wenn sie das kann, kann ich das auch.
Ich springe auf und nehme sie in die Arme. Nach einem kurzen Moment entspannt sie sich und erwidert die Umarmung mit aller Kraft.
Wir stehen eine ganze Weile da, bis plötzlich mein Vater in meinem Blickfeld auftaucht und eine Kaffeetasse hochhält.
Ich löse mich vorsichtig aus der Umarmung und räuspere mich. Meine Mutter nimmt mein Gesicht zwischen die Hände, sieht mich durchdringend an, dann gibt sie mir einen sanften, sehr mütterlichen Kuss auf den Mund und geht wieder nach draußen.
Scheiße, was war das denn?
„Der Kaffee wird kalt“, sagt mein pragmatischer Vater.
Ich nehme mit einem gemurmelten „Danke“ die Tasse in die Hände und setze mich wieder auf Katharina. Sie lächelt mich an und flüstert: „Danke.“
Kurz darauf kommt Nicholas rein und bittet zu Tisch. Bei der Gelegenheit erhasche ich einen Blick auf eine Standuhr. Kurz vor zehn. Und das an einem Montagmorgen.
Ich sitze zwischen Katharina und Ben. Die schwule Ecke, schießt es mir durch den Kopf. Gegenüber die drei Kriegerkollegen, neben ihnen meine Mutter und mein Vater.
„Gibt es schon einen Termin für die Beerdigung?“, erkundige ich mich.
„Noch nicht, da du nicht auffindbar warst“, erwidert mein Vater. „Ich werde nach dem Frühstück einen Termin organisieren.“
„Ist gut. Ich nehme an, es werden einige Leute kommen.“
„Ja, die Highfooter haben sich bereits angekündigt, auch von unserer Seite viele. Und einige Kollegen.“
„Und wir auch, wenn wir dürfen“, bemerkt Jack.
„Natürlich. Ich würde mich freuen.“
Es wird ein heißer Tag. Bereits jetzt ist es sehr warm. Die Holzdielen unter meinen nackten Füßen arbeiten. Ich mustere das Wasser im Pool zwischen Michael und Nilsson hindurch, während ich an einem Marmeladenbrötchen herumkaue.
Dann bin ich froh, als das Frühstück ohne besondere Peinlichkeiten und Blackouts von mir vorbei ist. Mein Vater geht ins Haus, vermutlich will er die Beerdigung organisieren. Ich werfe einen Blick auf Katharina, die ihn nachdenklich erwidert.
Plötzlich steht meine Mutter hinter uns und legt den linken Arm um meine Schulter und den rechten Arm um Katharinas Schulter, beugt sich zwischen uns vor und sagt: „Ich glaube zu verstehen, wie Fiona sich fühlt, was sie meint, wenn sie davon spricht, innerlich zerrissen zu werden. Und wenn eure Liebe ihr hilft, das irgendwie durchzustehen, dann akzeptiere ich das. Aber eins muss euch klar sein: Wenn du, Katharina, meiner Tochter wehtust, wirst du mich als Muttertier kennenlernen. Das meine ich sehr ernst. Ich habe ein Kind verloren und weiß, wie sich das anfühlt. Diese Erfahrung möchte ich nicht noch einmal durchmachen. Ist das klar?“
„Okaaay“, sagt Katharina, aber sie lächelt ansatzweise. „Hört sich an, als hätten wir gemeinsame Interessen.“
„Sehr gut. Möchtet ihr noch einen Kaffee?“
Wir möchten. Dann starre ich meiner Mutter mit offenem Mund hinterher.
„Ich glaube, ich mag deine Mutter“, stellt Katharina fest.
„Ähm … Und ich glaube, ich kenne sie noch gar nicht“, erwidere ich, immer noch durcheinander.
„Das kommt vor.“
Wir werden von meinem Vater unterbrochen, der uns mitteilt, dass die Beerdigung um halb eins am Freitag stattfinden wird. Die Zusammenkunft danach findet hier statt.
Ich seufze: „Wieso ist es nicht schon Samstag?“

„Wie sehe ich aus?“
Ich drehe mich um und mustere Katharina, die in der Badezimmertür steht. Die leicht gewellten Haare fallen sanft auf die Schultern, sie trägt einen schwarzen matten Anzug mit weißer Bluse unter dem Blazer, dazu schwarze Lackschuhe mit höchstens sechs Zentimeter Absatz, schwarze, halterlose Strümpfe und einen ebenfalls schwarzen Tanga.
„Süß. Besonders der Tanga.“
Sie runzelt die Stirn. „Den siehst du doch gar nicht!“
„Aber ich weiß, dass du den anhast“, erwidere ich grinsend, froh über die Ablenkung von meinen düsteren Gedanken.
„Und außerdem bin ich nicht süß.“
„Doch, jetzt schon. Eigentlich viel zu süß für eine Beerdigung.“
„Soll ich mich umziehen?“
Ich verneine kopfschüttelnd.
„Na gut. In zehn Minuten müssen wir los.“
„Bin gleich fertig.“
Ich wende mich wieder meinem Spiegelbild zu. Es ist brav und tut, was es soll. Ich betrachte mich. Wasserfeste Wimperntusche, leicht glänzender Lippenstift, die wilden Haare wild wie immer. James würde es gefallen. Seufzend gehe ich ins Schlafzimmer und ziehe mich an. Katharina hat eher konventionelle Sachen für mich rausgelegt. Schwarzes Rockkostüm über schwarzer Unterwäsche, Bluse und Strumpfhose ebenfalls schwarz. Genauso die Schuhe, mit etwas höheren Absätzen wie ihre eigenen, passend zum Rock.
Als ich fertig bin, korrigiert Katharina den Blazer an der linken Schulter, dann nickt sie zufrieden.
„So kannst du gehen.“
„Ja, James würde es gefallen.“
„Ich weiß, ich habe ja mitbekommen, was er gut fand. Deswegen habe ich diese Sachen ausgesucht.“
„Meinst du, er wird da sein?“
„Ich weiß es nicht, mein Schatz. Du müsstest es doch eigentlich spüren.“
„Ich spüre gar nichts, das ist es ja.“
„Er wird sich vom Schock erholen müssen. Das kam ja ziemlich plötzlich und heftig. Und es ist nicht so einfach, sich in der Verborgenen Welt zurechtzufinden, wenn man erst einmal ein paar Jahre in der Gefrorenen Welt gelebt hat.“
Das stimmt natürlich auch. Ich gebe ihr einen Kuss und hake mich bei ihr unter.
„Also gut, lass uns fahren, bevor ich es mir anders überlege.“
„Das geht nicht, du bist die Hauptperson.“
Ich will schon protestieren, aber dann wird mir bewusst, dass sie recht hat. Um James und Sandra geht es nicht, sie sind nicht da. Und selbst wenn ihre Seelen dabei sein sollten, was ich nicht glaube, denn das würde ich merken, so wissen die anderen nichts davon. Die meisten jedenfalls.
Helena und Jody warten schon. Sie sind ebenfalls in Schwarz, allerdings lässiger mit Jeans und Blusen. Da wir zu viert unterwegs sind, nehmen wir einen größeren Wagen und kein Cabrio. Jody darf ihn sich aussuchen, sie entscheidet sich für einen A8.
Diesmal fährt Katharina. Während wir auf die Schleuse zugleiten, hole ich mein Handy hervor und schicke meiner Mutter eine SMS, dass wir unterwegs sind.
Wir treffen gleichzeitig auf dem Parkplatz vor dem Friedhof ein. Einige sind schon da und stehen vor der Kapelle herum. Ich begrüße sie und stelle Katharina und die Mädchen vor, dann gehen wir hinein.
Rechts und links vom Altar stehen zwei geschlossene Särge. Von Ben weiß ich, dass sich darin das befindet, was vermutlich von James und Sandra übriggeblieben ist. Trotz DNA-Analyse war das nicht ganz eindeutig zuzuordnen.
Ich bleibe kurz vor dem Altar stehen und betrachte das Kreuz. Irgendwie kann ich gut nachvollziehen, dass in solchen Momenten viele Menschen gläubig werden. Oder ihren Glauben verlieren. Je nachdem. Auch ich hätte jetzt sehr gerne etwas, woran ich mich festhalten kann. Aber da ist einfach nichts. Ich bin nur froh, dass sie ziemlich sicher nicht gelitten haben. Ich bin oft genug gestorben, um zu wissen, dass sie nicht die Zeit dafür hatten, auch nur zu merken, was geschehen ist.
Später dann, in der Verborgenen Welt, das ist was Anderes.
Mit tränenverschleiertem Blick setze ich mich rechts in die vorderste Reihe und Katharina setzt sich daneben. Helena und Jody nehmen hinter uns Platz.
Wenig später kommen Eleonor und die Geschwister von James. Ich begrüße sie. Eleonor sieht mich lange an, dann nickt sie langsam, bevor sie sich auf der anderen Seite neben mich setzt.
Michael, Nilsson und John sind die Letzten, die hereinkommen. Unwillkürlich muss ich daran denken, was die Leute wohl sagen würden, wenn sie wüssten, dass ein Vampir an der Zeremonie teilnimmt.
Die Zeremonie selbst blende ich aus. Da ich weiß, dass nichts von dem stimmt, was der Priester erzählt, interessiert es mich auch nicht. Erst als mich Katharina heimlich anstupst, werde ich aufmerksam.
Ich sehe sie fragend an. Dabei wird mir bewusst, dass alle Leute in der Kirche irgendwie mich anstarren.
Katharina antwortet, allerdings ohne dabei den Mund zu bewegen: „Der Priester hat dich gefragt, ob du ein paar Worte sagen willst.“
Da es nicht das erste Mal ist, dass ich Gedanken höre, gelingt es mir einigermaßen, nichts von meiner Überraschung zu verraten.
Ich wende mich an den Priester, der offenbar auf eine Antwort von mir wartet. Dann nicke ich und erhebe mich.
Ich stelle mich zwischen die Särge, nicht an den Rednerpult. Da ich mich nicht vorbereitet habe, brauche ich auch keine Ablage. Und das freie Reden vor vielen Leuten bin ich sowieso gewohnt. Vor sehr vielen Leuten. Unwillkürlich muss ich daran denken, wie ich vor nicht ganz zwei Jahren zum ersten Mal vor Zehntausenden stand, ganz zu schweigen von den Millionen, die es später im Fernsehen gesehen haben. Damals kündigte ich ein Rockkonzert an, ein wesentlich erfreulicherer Anlass meiner Rede. Und außerdem werde ich heute ganz sicher nicht singen.
Ich lasse meinen Blick schweifen. Links sitzt die Familie von James. Nadine, Margret, Kevin, Edgar, Peter und James‘ Mutter, die mir aufmunternd zulächelt. Auf der anderen Seite meine Eltern, Mamas beide Schwestern, Papas Schwester und Bruder. Weiter hinten sitzt auch Monica, daneben Luke Koolman. Sogar Elaine ist da.
Ich hole tief Luft. „Die meisten von euch werden es ungewohnt finden, dass ich so wenig rede.“ Ich warte, bis das verhaltene Lachen verklungen ist. „Aber ich musste halt immer für James mitreden.“ Pause. „Nein, ein Mann vieler Worte war er nicht, der großen aber schon. Obwohl er durchaus reden konnte. Ich möchte nicht wissen, wie viele Leute nur darum neue Häuser gekauft haben, weil James sie ihnen verkauft hat. Er war auch keiner, der die Gefahr gefürchtet hat. Die meisten hier werden wissen, dass er zehn Jahre lang als Agent gearbeitet hat. Er hat mich auch in meiner bis vorletzten Mittwoch schwärzesten Stunde unterstützt, vor sechs Jahren. Und wie wenig er die Gefahr gefürchtet hat, das sieht man auch daran, dass er mich geheiratet hat.“ Ich warte wieder, bis das Lachen verstummt. „Ich weiß nicht, ob es etwas zu bedeuten hat, aber in der ersten Augusthälfte passieren die Katastrophen in Intervallen von drei Tagen. Am 6. August Hiroshima, am 9. August Nagasaki und am 12. August King Valley. Und ja, das ist schwarzer Humor. Tiefschwarzer Humor. Genau die Art, die auch James so geliebt hat. Er konnte die bösesten Pointen bringen, ohne auch nur einen einzigen Muskel in seinem Gesicht zu verziehen. Ich meine, das fiel ihm ja auch nicht schwer, seine Gesichtsmuskeln waren völlig unterentwickelt. Aber …“ Ich mache eine kleine Pause, bis sich alle wieder beruhigt haben. „Aber ich habe mit der Zeit gelernt, ihn zu verstehen, immer ganz genau zu wissen, was er denkt, was er fühlt. Das bleibt normalerweise nicht aus, wenn man das Leben zusammen verbringt, wenn man sich so liebt, wie wir uns geliebt haben.“ Ich mache wieder eine Pause, diesmal, um mich selbst zu beruhigen und ein paar vorwitzige Tränen abzuwischen. „Es waren Kleinigkeiten, die ihn verraten haben, insbesondere die Augen.“ Ich sehe, wie Eleonor nickt. „Dass er keine Gefühle zeigte, hieß nicht, dass er keine hatte. Im Gegenteil, er hatte sogar sehr tiefe. Auf ihn traf das Sprichwort vom stillen Wasser sehr zu.“ Ich halte inne und muss mir eingestehen, dass ich an meiner Grenze bin. „Ich … ich könnte noch so viel über James erzählen. Und über Sandra. Aber es geht nicht, tut mir leid. James, ich werde dich nie vergessen.“
Katharina springt auf und hilft mir, wieder zur Sitzbank zu gelangen. Dann vergrabe ich das Gesicht in beiden Händen und bin dankbar, als mein Weinen in Orgelmusik untergeht.
Irgendwann ist endlich diese Messe auch vorbei und die Särge werden auf kleine, elektrische Wagen geladen, die fast lautlos ihre Last zur letzten Ruhestätte transportieren. Ich gehe zusammen mit Eleonor vorneweg, auf meine ausdrückliche Bitte hin begleitet mich auch Katharina, was einige fragende und sogar missbilligende Blicke auslöst. Eleonor allerdings scheint damit kein Problem zu haben, denn sie hakt sich bei mir unter und sagt leise: „Sie wird dich beschützen.“
Ich blicke sie erstaunt an, aber mehr kommt von ihr nicht. Sie lächelt nur. Ich sehe zu Katharina auf der anderen Seite und ihr Gesichtsausdruck verrät, dass sie es auch gehört hat.
Es ist ein langer Weg bis zur Grabstelle, insbesondere bei unserem Tempo. Ich hänge düsteren Gedanken nach, die sich vor allem um Zanda drehen. Zwischendurch scanne ich die Umgebung nach James ab, doch er ist definitiv nicht da. Ich spüre, wie mein Bauch sich verkrampft.
Am Grab lässt der Priester noch einige Bibelstellen los, dann werden die Särge hinuntergelassen. Zuerst James, dann direkt darüber Sandra. Meine Mutter drückt mir eine rote und eine weiße Rose in die Hand, die ich pflichtschuldig auf die Särge fallenlasse.
Während die Friedhofsangestellten, angeleitet von Martin Cartwright, das Grab zuschütten, lassen James‘ Familie und ich die Beileidsbekundungen über uns ergehen. Als Michael ankommt, halte ich kurz die Luft an, weil ich an Eleonors Hellsichtigkeit denken muss. Während ich Michael umarme, flüstere ich ihm ins Ohr: „Nicht erschrecken, meine Schwiegermutter wird dich erkennen.“
So ist er zum Glück vorbereitet und lächelt sanft, als Eleonors Gesichtszüge kurz entgleisen. Dann wirft sie mir einen Blick zu und ich schenke ihr ein angedeutetes Lächeln. Das scheint sie wieder zu beruhigen, Gott sei … Wem auch immer.
Nachdem die Prozedur endlich vorbei ist, gehen wir langsam zurück zu den Autos. Der Plan ist, in einem geschlossenen Konvoi nach King Valley zu fahren, zumindest diejenigen, die dabei sein werden. Das gilt für die meisten, lediglich die Kollegen und Monica wollen nicht mit. Was ich irgendwie sogar verstehen kann.
Margret schließt sich ihrer Großmutter und mir an und hakt sich bei uns unter.
„Tan… Fiona, darf ich bei Euch mitfahren?“
„Nur weil du dich korrigiert hast. Aber du musst die Rückbank mit Helena und Jody teilen.“
„Einverstanden. Fahren wir mit dem schnellen Kombi?“
„Nein, wir sind mit einem A8 da. Der ist auch schnell. Was auf dieser Fahrt aber keine Rolle spielt.“
„Na gut. Übrigens fand ich deine Rede sehr schön.“
„Danke.“
Auf dem Parkplatz verabschiede ich mich von Monica und James‘ ehemaligen Kollegen. Dann steigen wir in unsere Autos. Meine Eltern und Nicholas fahren vorne, direkt hinter ihnen wir.
Ich beobachte Margret im Rückspiegel. Sie sitzt hinten links, weil Jody und Helena sich nicht zur Trennung überreden ließen. Ich sehe Margret an, dass sie versteht, warum, aber auch, dass sie über Katharina und mich nachdenkt.
Der Platz vor dem Haus meiner Eltern füllt sich mit Autos. Einige möchten sich die Überreste von James‘ Haus ansehen. Katharina übernimmt es, sie zu führen und zu erklären, was überhaupt erklärt werden kann.
Im Haus hat inzwischen eine Cateringfirma das Buffet aufgebaut und sorgt auch für die Getränke. Mein Vater heißt kurz alle willkommen und teilt mit, dass das Buffet eröffnet ist.
Mittlerweile ist es schon fast drei Uhr.
Ich gehe zum Rauchen in den Garten. Bin damit gerade fertig, als Katharina auftaucht und sich zu mir gesellt. Ich begrüße sie mit einem innigen Kuss.
„Was macht ihr da?“
Ich fahre herum. Kevin steht auf der Terrasse und starrt uns ungläubig an.
„Wir haben uns geküsst“, erwidere ich.
„Ihr habt euch geküsst wie Mann und Frau!“
„Oder wie zwei Frauen, die sich lieben.“
„Seid ihr etwa lesbisch? Und James? Hat er davon gewusst?“
Ob James das gewusst hat? Das ist eine gute Frage. Ich bin mir nicht sicher, ob er wirklich so ahnungslos war, wie er immer tat.
„Es gab nichts, wovon er hätte wissen müssen“, antworte ich, immer noch einigermaßen ruhig, obwohl ich ahne, dass da gerade ein schweres Gewitter aufzieht. Kevin ist jetzt vierzehn, alt genug, um zu verstehen, was er gesehen hat, aber vermutlich viel zu jung, um es wirklich zu verstehen.
Katharina berührt meinen Arm. „Vielleicht sollte ich gehen.“
„Dann gehe ich mit!“
Sie seufzt. „Okay. Wie möchtest du, dass ich mich verhalte?“
„Weise mich nicht ab.“ Ich spüre, wie die Tränen in meine Augen schießen. „Ich ertrage alles, aber das nicht.“
„Ist gut“, flüstert sie und nimmt mich in die Arme. „Ist gut. Ich weise dich nicht ab und ich lasse dich nicht allein.“
„Danke …“
In der Zwischenzeit hat Kevin Verstärkung geholt. Das scheint ihm ja echt nahe zu gehen. Jedenfalls taucht er plötzlich mit Margret und Nadine auf, Eleonor, Edgar und Peter dahinter. Und alle anderen beobachten uns, meine entgeisterte Mutter eingeschlossen.
„Ich verstehe das nicht“, sagt Nadine. „Wir haben James doch gerade eben beerdigt.“
Ich mustere sie und dann Margret. Sie reagiert sofort: „Jetzt verstehe ich, dass Jody und Helena am Knutschen waren. Aber ich verstehe auch nicht, wie ihr so … so gefühllos sein könnt! Das ist die Beerdigungsfeier deines Mannes!“
Ich atme tief durch. „Was wird das denn? Eine Abrechnung? Urteilt ihr immer nach dem ersten Anschein? Wie kommt ihr überhaupt auf die Idee, James würde sich über irgendetwas aufregen, was hier passiert?“
„Wie kannst du es wagen?“, flüstert Nadine. „James würde niemals etwas Derartiges gutheißen! Er war durch und durch anständig und …“
„Halt! Stopp! Bevor du irgendetwas sagst, was du später bereuen würdest! Und erzähl mir bitte nicht, was James gut oder nicht gut fand! Ich glaube, du hast ihn gar nicht gekannt! Ich habe in den sechs Jahren eine Menge mit ihm zusammen erlebt und ich weiß, was er nicht gut fand und was ihn nicht gestört hat. Was glaubst du überhaupt, was ein Geheimagent macht?“
Nadine wendet sich an ihre Mutter: „Warum sagst du eigentlich nichts dazu? Es geht um James!“
„James ist tot“, erwidert Eleonor leise. „Und er hat Fiona geliebt, das wissen wir doch alle. Und ich weiß genau, dass Fiona ihn geliebt hat. Ich kenne die Hintergründe nicht für das, was wir gerade gesehen haben, aber ich weiß, dass es uns nicht zusteht, darüber zu urteilen. Ich bin mir sicher, dass Fiona niemals etwas tun würde, was James wehtun könnte.“
Mir fallen plötzlich einige Dinge ein, die ich getan habe und die James wehgetan haben, aber das behalte ich lieber für mich. Außerdem war es ja gegenseitig … Boah, Fiona, du fängst doch jetzt keine Abrechnung mit einem Toten an?!
„Danke“, sage ich. Meine Stimme zittert. Kommt auch nicht oft vor.
„Ich glaube das einfach nicht, Oma!“, ruft Margret. „Wie kannst du nur so was sagen?“
„Weil ich meinen Sohn geliebt habe. Und weil ich gesehen habe, wie er Fiona angeschaut hat. Und weil ich Fionas Seele gesehen habe.“
„Oh nein, nicht das schon wieder“, stöhnt Edgar.
Während ich mich darauf einstelle, dass es in diesem und heftigerem Ton weitergeht, drängelt sich plötzlich mein Vater in unserer Richtung durch und stellt sich vor mich.
„Ich glaube nicht, was ich hier gerade erlebe“, sagt er ruhig, aber sehr bestimmt. „Wir sind alle, und ich betone: alle, hier, weil wir von James und von Sandra Abschied nehmen möchten. Ich werde nicht dulden, dass dieser Anlass durch irgendwelche Vorwürfe und Vorhaltungen gegen wen auch immer in den Dreck gezogen wird. Und ich kann euch auch noch sagen, dass ich ein wenig den Hintergrund kenne und mir sehr, sehr sicher bin, dass James Fiona ganz sicher keine Vorwürfe machen würde. James war nicht nur mein Schwiegersohn, er war auch mein Freund, mit dem ich viel geredet habe, und ich bin mir absolut sicher, dass er sich genauso vor Fiona stellen würde. Also, bitte, beruhigt euch alle.“
Ich bewundere meinen Vater. Er schafft es tatsächlich, dass Margret sich umdreht und zum Buffet geht. Nach kurzem Zögern folgen Nadine und Kevin ihrem Beispiel.
Mein Vater wirft uns einen kurzen Blick zu, dann geht er wieder ins Haus. Er ist wütend, das sehe ich ihm an, aber er hat sich gut im Griff.
Eleonor kommt zu uns. „Bitte entschuldigt das Verhalten meiner Tochter“, sagt sie. „Der Schmerz macht sie ungerecht.“
„Ich … ich kann es ja verstehen“, erwidere ich und wische meine Tränen mit einem Taschentuch, das Katharina mir reicht, ab. „Es ist selbst für mich schwer zu begreifen, was da geschieht. Und die anderen sehen ja nicht, was du siehst.“
„Das stimmt. Ich kann auch sehen, dass Katharina kein gewöhnlicher Mensch ist, genauso wenig wie dieser … Michael heißt er, glaube ich.“
„Ich bin auch kein gewöhnlicher Mensch.“
„Das weiß ich, denn ich habe in deine Seele schauen dürfen“, sagt Eleonor lächelnd.
„Wann?“, erkundigt sich Katharina stirnrunzelnd.
„Als wir bei Nadine zu ihrem Geburtstag eingeladen waren. Bei der Gelegenheit wurde Sandra gezeugt.“
„So genau wollte ich es gar nicht wissen“, murmelt Katharina, aber sie lächelt.
Eleonor legt eine Hand auf meinen Arm. „Ich glaube, ich gehe jetzt wieder zu meinen Lieben und beruhige sie ein wenig.“
„Danke.“
Ich blicke ihr hinterher, dann lehne ich mich seufzend gegen Katharina. Sie legt ihre Arme um mich.
„Es wäre vielleicht klüger gewesen, unsere Beziehung nicht so offen zu zeigen“, sagt sie ruhig.
Ich drehe meinen Kopf, bis ich ihr in die Augen sehen kann, und erwidere: „Vielleicht wäre es klüger gewesen, aber trotzdem falsch. Ich würde durchdrehen ohne dich.“
„Ich wäre ja trotzdem da.“
„Nein, wärst du nicht.“
Sie mustert mich nachdenklich. „Mein Schatz, du hast gesehen, wie es auch mich umgehauen hat. Ich … ich liebe dich und jede Sekunde, die du nicht in meinem Blickfeld bist, fühlt sich leer und trostlos an. Ich kann mir also vorstellen, wie du dich fühlst. Ein wenig jedenfalls. Aber die meisten da drin können das nicht. Nicht einmal Michael oder Nilsson werden das können.“
„Ich weiß“, sage ich leise. „Aber auch du kennst es, dich verstellen und verstecken zu müssen …“
„Oh ja.“
„Ich kenne das erst seit vier Jahren, seitdem ich weiß, dass ich eine Kriegerin bin. Und es macht mich wahnsinnig. Ich bin es nicht gewohnt, nicht einfach zu sagen, was ich denke und fühle. Es macht mich wahnsinnig, wirklich wahnsinnig. Ich will das einfach nicht mehr. Wenigstens nicht in Bezug auf uns. Ich kann das auch gar nicht, selbst wenn ich wollte. Ich würde mich mit jedem Blick, jeder Geste verraten. Mein Körper würde mir gar nicht gehorchen.“
„Du bist heute ja ganz schön melodramatisch.“
„Hey, mich gibt es nur als Komplettpaket.“
„Zum Glück.“ Sie küsst mich, sanft und lange. Ich bin mir sicher, dass wir beobachtet werden, aber es ist mir egal. Jetzt erst recht.
Wir werden von meiner Mutter unterbrochen. „Wollt ihr nicht reinkommen? Wir wollen auf James trinken.“
Ich nicke. Wir gehen hinter ihr her. Nicholas gibt uns Gläser mit Champagner. Ich werfe einen Blick in die Runde. Margret, Kevin und Nadine wenden sich ab.
Mein Vater hebt das Glas. „Ich trinke auf James Flame, den besten James, den es je gab!“
Woher kennt er den Spruch? Meinen Spruch?
„Auf den besten James!“ erwidere ich und halte mein Glas auch hoch. Die anderen folgen meinem Beispiel, einige nur zögerlich, aber schließlich sind alle Gläser oben.
Die nächsten Stunden gehen quälend langsam vorüber. Vor allem die Delfors üben sich darin, mir aus dem Weg zu gehen. Meine Mutter hingegen ist demonstrativ oft bei uns, redet mit Katharina, berührt uns beide gleichzeitig. Auch Eleonor setzt sich zwischendurch zu uns und wir unterhalten uns über neutrale Themen, die nichts mit Krieg oder Tod zu tun haben.
Viel später stehen wir an der Bar und mixen uns Cocktails, als Ben sich zu uns gesellt.
„Hi, mein Lieblingspolizist. Möchtest du einen Drink?“
„Ja, meine Lieblingskriegerin. Ich nehme einen hundsgewöhnlichen Caipi.“
Lächelnd greife ich nach dem Cachaça und einem Glas.
„Die Luft ist heute zum Schneiden hier“, bemerkt Ben.
„Ach, wie kommst du darauf?“
„Ist so eine Vorahnung.“
„Vorahnung? Also wird die Luft zum Schneiden werden sein?“ Katharina grinst den Lieutenant an, als der beleidigt dreinschaut. „Und, was denkst du?“
„Über euch?“ Er zuckt die Achseln. „Ganz ehrlich, viel zu viel Aufstand. Klar, irgendwo verständlich. Und nicht alle wissen, wie Fiona gelitten hat.“
„Du weißt es?“ Katharina zieht beide Augenbrauen hoch.
„Ich habe den ein oder anderen Weinkrampf abgefangen deswegen, ja.“
„Oh.“ Katharinas Blick verschleiert sich. „Das wusste ich nicht.“
„Es wundert mich nicht, dass Fiona andere Dinge für wichtiger hielt, dir zu erzählen.“
„Hey, Leute“, mische ich mich ein. „Ist gut jetzt. Es ist vorbei. Katharina hat auch gelitten, das ist ausgleichende Gerechtigkeit.“
„Oh.“ Das wird heute noch ihr Lieblingsspruch. Und der Caipi ist fertig. Ich reiche ihn Ben.
„Hört zu, irgendwie überstehen wir alle diesen Tag und diesen Abend. Und danach sehen wir uns wahrscheinlich nie wieder, die Delfors und ich.“
„Heißen sie so? Nicht Flame?“
„Hallo, du Genie? Nadine heißt mit Mädchennamen natürlich Flame, aber als sie Edgar geheiratet hat, nahm sie seinen Namen an.“
„Ja. Klingt logisch.“
Ich betrachte die Delfors, die wieder mal auf einem Haufen hocken. Wahrscheinlich bin ich ihr Dauerthema. Unwillkürlich fällt mir das Wochenende in Highfoot ein und die herzliche Atmosphäre damals. Die Erinnerung geht wie ein Stich durch mein Herz.
„Fiona?“
Ich sehe Katharina an. „Was?“
„Du weinst. Merkst du das gar nicht?“
Ich fasse an mein Gesicht und meine Hand wird nass. Nein, das habe ich gar nicht gemerkt. Ob ich mir Sorgen machen muss? Die Blackouts, jetzt das, das ist schon seltsam.
„Ich … ich habe mich nur erinnert.“
„Woran?“
Ich deute auf Nadine. „Als wir damals zu ihrem Geburtstag da waren, das war alles so herzlich gewesen. Ich fühlte mich richtig zu Hause. Es … es … Ach Scheiße, ist alles einfach nur Scheiße!“
Katharina starrt mich entgeistert an. Aber nicht nur sie. Eigentlich alle. Ich würde mich auch entgeistert anstarren, wenn ich könnte. So starre ich entgeistert die Stelle an, wo das Glas zerschellt ist, das ich soeben noch in der Hand gehalten hatte. Ich kann mich daran erinnern, dass mein Arm ausgeholt und dann das Glas gegen die Wand geschleudert hat, aber ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich ihm diesen Befehl gegeben hätte.
„Was war das denn?“, erkundigt sich Katharina.
„Mir war grad danach!“ Ich starre meine Mutter an, die zu uns kommt und vermutlich dasselbe fragen will. „Du brauchst gar nicht erst zu fragen! Mir war danach und fertig!“
„Ist schon gut, Kind. Du brauchst deswegen nicht gleich ausfallend zu werden. Jemand fegt das zusammen und alles ist wieder gut.“
„Nichts ist wieder gut!“, erwidere ich, viel lauter als ich eigentlich wollte. „Verstehst du? Nichts, aber auch absolut gar nichts ist gut! Wie könnte denn alles gut sein? Glaubst du, ich merke das nicht, wie fast alle mich anstarren? Was fast alle denken? Fiona, die Schlampe! Ich bin doch nicht völlig bescheuert, verdammt noch mal! Und ja, wenn ihr Schlampe so definiert, dann bin ich eben eine! Ist mir doch egal! Wahrscheinlich war ich nie etwas anderes!“
Ich beuge mich keuchend über die Theke und presse mein Gesicht gegen das harte Holz. Vielleicht sollte ich einfach mit dem Kopf dagegen schlagen, solange bis entweder mein Kopf oder die Theke zertrümmert ist.
Ich spüre zwei Arme, die sich um mich legen und richte mich auf. Katharina. Und ich sehe Michael, Nilsson und John herannahen. Die anderen sind immer noch nur entgeistert.
„Lass mich los!“, will ich schreien, doch statt der Wörter kommt nur ein wilder Schrei aus meiner Kehle, und dann lässt mich der Schmerz förmlich zusammenklappen. Am Rande bekomme ich mit, wie Katharina mich zu Boden gleiten lässt, ohne mich loszulassen, dann verschwindet alles in einem dichten, blutroten Nebel.

Rechte Hand. Ich bewege die Finger.
Déjà-vu.
Auch ohne mich aufzurichten, erkenne ich, dass ich in meinem alten Bett in meinem alten Zimmer bei meinen Eltern liege. Allein. Nackt.
Déjà-vu eben.
Ich setze mich auf und sehe mich um. Es dürfte wieder ein Morgen sein. Hoffentlich Samstagmorgen. Ich drücke die Stirn gegen die Knie und fahre mit den Händen durch die Haare.
Oh Mann.
Ich versuche, meine Erinnerungen zu ordnen. Deutlich höre ich meinen eigenen Schrei und spüre ich Katharinas Umarmung, als ich auf dem Boden liegend von einem Weinkrampf nach dem anderen geschüttelt werde. Danach verblassen die Erinnerungen sehr schnell.
Aus Erfahrung weiß ich, dass sie mich irgendwann hochgetragen und ausgezogen hat. Sowohl ihre als auch meine Sachen hängen über den Stühlen. Vermutlich hat sie sich wieder was Bequemes angezogen.
Seufzend gehe ich ins Bad, diesmal weiche ich meinem Spiegelbild allerdings nicht aus. Es sieht scheiße aus, ich also vermutlich auch.
Echt klasse.
Als ich mich vom Spiegel abwende, scheint mein Spiegelbild die Zunge rauszustrecken, doch als ich blitzschnell wieder in den Spiegel sehe, benimmt es sich wieder ganz normal. Soweit es bei mir überhaupt Normalität gibt.
Nach dem Pinkeln ziehe ich einen Schlüpfer und ein langes T-Shirt an und gehe langsam nach unten. Es ist alles genauso wie vor fünf Tagen, nur dass die Zusammensetzung der Stimmenwolke eine etwas andere ist.
In der Tür zum Salon bleibe ich stehen und lehne mich gegen den Rahmen.
Auf der Terrasse wird der Frühstückstisch gedeckt, hauptsächlich von meiner Mutter und Nadine. Margret sitzt in einem Gartenstuhl und sonnt sich, Kevin unweit davon entfernt im Schatten und spielt Nintendo. Mein Vater, Edgar und Peter spielen Karten und trinken Bier. Helena und Jody sind im Pool.
Katharina unterhält sich mit Eleonor. Als Eleonor mich erblickt, wird Katharina aufmerksam, springt auf und kommt zu mir. Sie trägt einen hellgrauen Hausanzug, sonst anscheinend nichts. Sie riecht frisch und gut. Ihre Lippen fühlen sich weich an, als sie zärtlich meinen Mund berühren.
„Ausgeschlafen?“
„Ja“, erwidere ich. „Bitte sag mir, dass wir erst Samstag haben.“
„Haben wir“, sagt sie lächelnd.
„Drol sei Dank!“
Katharina lacht schallend auf und zieht damit die Aufmerksamkeit aller auf uns. Ich winke nach draußen, ohne jemanden Bestimmten anzusehen. Meine Mutter und Margret kommen rein.
„Kind, wie fühlst du dich?“
„Bis zu dem Moment, als du mich Kind genannt hast, ging es mir ganz gut.“
Meine Mutter sieht mich irritiert an, aber Katharina und Margret grinsen.
„Möchtest du einen Kaffee?“, fragt meine Mutter schließlich.
Ich nicke und sie zieht davon. Ich blicke Margret an.
„Ich möchte mich entschuldigen für mein Verhalten gestern“, sagt sie. „Weder steht es mir zu, über dich zu urteilen, noch weiß ich, welche Gründe du hast. Und aus unseren Gesprächen habe ich den Eindruck, dass du ganz sicher keine Schlampe bist, sondern eine feinfühlige, intelligente Frau. Deswegen bitte ich dich hiermit um Entschuldigung.“
Ich räuspere mich. „Das … das nehme ich natürlich sehr gerne an, Margret.“
„Super!“ Sie lächelt mich an. „Darf ich dich umarmen, ohne dass Katharina eifersüchtig wird?“
Die hat es faustdick hinter den Ohren! Das muss an der Familie liegen.
„Natürlich“, erwidere ich.
Nach der Umarmung nimmt Katharina mich an der Hand und zieht mich zu der Couch, auf der Eleonor sitzt.
„Guten Morgen, meine Liebe“, sagt diese.
„Guten Morgen. Habe ich wirklich nur eine Nacht geschlafen?“
„Oh, die anderen denken noch nach. Aber Margret ist ein besonderes Kind mit ihren eigenen Ansichten zu vielen Themen.“
„Das scheint mir auch so.“ Ich setze mich neben ihr und Katharina neben mir.
„Katharina hat mir vertraulich einige Dinge über euch erzählt. Ich habe ihr versprochen, dass ich mit niemandem darüber reden werde, außer mit deinen Eltern. Und mit Michael. Der nicht nur kein Mensch, sondern sogar ein Vampir ist. Ich habe zwar gewusst, dass er anders ist, aber mit einem Vampir habe ich nicht gerechnet.“
„Aber du bist nicht fortgelaufen“, stelle ich fest.
„In meinem Alter macht man das nicht mehr so“, antwortet sie mit einem angedeuteten Lächeln. „Mit der Zeit lernt auch der alte Mensch, dass es keinen Sinn hat, vor der Erfahrung davonzulaufen.“
„Das hast du schön gesagt. Dann habe ich ja noch bisschen was zu lernen.“
„Das glaube ich nicht, denn du hast die Weisheit der alten Seele in dir. Diese leitet dich ganz gut durch das Leben, wie es mir scheint. Und außerdem hast du Katharina an deiner Seite.“
Ich werfe einen schnellen Blick auf die Erwähnte, unsicher, ob sie ihr Geheimnis auch verraten hat. Aber der letzte Satz klingt ganz danach.
„Ich … Es tut mir leid, wie ich mich gestern aufgeführt habe.“
„Das braucht dir nicht leidzutun, meine Liebe.“ Sie nimmt meine Hände. „Du hast unter einem unglaublichen Druck gestanden. Und dieser Schmerz. Einige Reaktionen, die du erleben musstest, waren nicht schön. Und auch jemand wie du kommt an die Grenzen. Aber das ist nichts, wofür du dich entschuldigen musst.“
Ich nicke langsam und atme tief durch. „Ja, vielleicht hast du recht. Ich glaube, ich brauche jetzt …“
„Einen Kaffee!“, ergänzt Katharina und deutet auf meine Mutter, die genug Kaffee für eine ganze Armee mitbringt. Ich nehme eine Tasse, dann gehe ich auf die Suche nach Zigaretten. Mit meiner Beute gehe ich nach draußen und setze mich neben dem Pool in einen Rattanstuhl. Jody und Helena sehen mich kurz an, dann spielen sie weiter.
Das Frühstück verläuft ohne Aussetzer und andere Peinlichkeiten. Nadine und Kevin benehmen sich freundlich, aber reserviert mir und Katharina gegenüber, im Gegensatz zu Margret, die sich sogar neben Katharina setzt und sich intensiv mit der über Arbeitschancen in Marketingabteilungen unterhält. Katharina macht ihr klar, dass sie die besten Chancen mit einem schnell absolvierten Studium hat, in dem sie die handwerklichen Grundlagen lernt und bietet ihr an, sich bei ihr zu melden, wenn sie in diese Richtung gehen möchte.
Danach ist Abschied angesagt. Nadine lässt sich sogar zu einer kurzen Umarmung hinreißen, Kevin winkt uns nur kurz zu und setzt sich schnell ins Auto. Margret verabschiedet sich herzlich von allen und bekommt von Katharina noch eine Visitenkarte mit ihrer privaten Handynummer.
Nach der obligatorischen Umarmung legt Eleonor die Hände auf Katharinas Arme und sagt ernst: „Ich hoffe für euch und auch für uns, dass ihr dieses schreckliche Verbrechen aufklären werdet. Nicht, weil ich Rache für meinen Sohn will, was ich natürlich auch will, aber man soll sich ja besser nicht von Rache leiten lassen, sondern weil mein Gefühl mir sagt, dass schwere Zeiten auf uns zukommen.“
Noch eine, die das sagt. Es beruhigt mich nicht, im Gegenteil, denn schließlich spüre ich es ja auch.
Katharina nickt. „Wir werden uns darum kümmern, ebenfalls nicht, um uns zu rächen.“
„Gut.“ Eleonor streichelt mein Gesicht, dann setzt sie sich zu Peter ins Auto und gemeinsam fahren sie vom Grundstück.
„Puh“, sagt meine Mutter. „Das war ja aufregend.“
„Wolltest du nicht peinlich sagen?“, erkundige ich mich.
„Wieso peinlich? Weil selbst du Nerven hast und deine Gefühle auch mal zeigst?“
„Äh …“
Katharina nimmt mich schnell in die Arme und sagt lachend: „Nimm es einfach an, mein Schatz. Deine Mutter hat recht, auch wenn du sehr emotional agierst, zeigst du selten deine wahren Gefühle. Wir lieben dich so, wie du bist.“
„Aha. Dann ist ja gut. Können wir jetzt wieder reingehen?“
Ich gehe vor. Das ist ja furchtbar. Meine Gefühle gehen nur mich was an. Okay, vielleicht auch Katharina. Und überhaupt. Wieso sagen die das ständig? Wie kommen sie auch nur auf die Idee, ich würde meine Gefühle nicht zeigen?
Mir fällt ein, was James dazu gesagt hat, als wir unseren großen Streit hatten. Er, der große Meister im Verbergen von Gefühlen, ausgerechnet er, wies mich darauf hin, dass ich das ebenfalls gut könnte.
Und außerdem, Katharina? Hat nicht sie mich vier Jahre lang hingehalten und dabei voll ihre masochistischen Gelüste ausgelebt?
Wie kommen diese Leute dazu, mir zu sagen, ich soll mal meine wahren Gefühle zeigen?
Hallo?
Ich bleibe neben dem Pool stehen und Katharina legt von hinten die Arme um mich.
„Hab dich! Wo wolltest du denn hin? Kann es sein, dass du ein wenig sauer bist?“
„Ja!“
„Mein armer Schatz, alle hacken ständig auf dir herum. Aber, und das meine ich jetzt mal ernst, vielleicht hat es was zu bedeuten, wenn mehrere Leute dir ab und zu sagen, dass du deine wahren Gefühle ganz gut verbergen kannst.“
Ich sehe sie an und renke mir dabei fast das Genick aus. „Ich kann doch mit meinen Gefühlen machen, was ich will?“
„Das schon. Nur solltest du dich dann halt nicht über die Reaktionen wundern.“
„Ich bin im Moment eben etwas dünnhäutig“, sage ich seufzend.
„Weiß ich doch. Aber gerade du musst ein bisschen aufpassen, und im Moment übernehme ich das für dich.“
„Wieso?“, erkundigt sich meine Mutter, denn meine Eltern sind auch auf die Terrasse gekommen.
„Weil sie sehr mächtig ist, viel mächtiger als andere Krieger.“
„Katharina!“
„Was denn? Deine Eltern sollten das wissen.“
„Was sollten wir wissen?“, fragt meine Mutter verwundert. „Wir wissen, dass sie unsterblich ist, schnell, stark. So wie Nilsson, John oder eben dieser Vampir.“
Ist lustig, wie Michael alle etwas irritiert. Ich weiß ja, dass meine Mutter ihn inzwischen sogar mag, aber sich nicht so richtig an seine Daseinsform gewöhnt hat.
„Fiona kann weit mehr als andere Krieger“, bemerkt Katharina, dabei hält sie mich nach wie vor fest. Unbemerkt von den anderen schiebt sie eine Hand mitsamt T-Shirt langsam unter meinen Schlüpfer. Dieses Biest!
Ich flüstere ihr ins Ohr: „Wenn du so weiter machst und ich auslaufe, sehen es alle, denn dann läuft es an meinen Beinen hinunter.“ Und stecke ihr die Zunge ins Ohr.
Das wirkt, sie zieht die Hand wieder aus meinem Schlüpfer.
„Was genau bedeutet weit mehr?“, hakt mein Vater nach.
„Das würde mich auch interessieren“, sagt Helena, die es sich auf einer Liege gemütlich gemacht hat und uns aufmerksam zuhört. Vielleicht hat sie auch das mit der Hand mitbekommen. Eh egal.
„Willst du es nicht zeigen?“
Ich mustere Katharina, dann löse ich mich aus ihrer Umarmung und beschließe, selbst sie zu schocken. Denn auch sie weiß nicht alles. Dass ich fliegen kann, ist ja schön und gut, aber das kann ich nicht, weil die Erde kaum Dichte hätte, sondern weil ich die Illusion manipulieren kann. Und das eröffnet noch ganz andere Möglichkeiten, wie ich mit der Zeit rausgefunden habe.
Ich stelle mich ganz an den Rand des Beckens und strecke einen Arm aus. Fast genau darunter bildet sich im Wasser ein Wirbel, der immer stärker wird, bis schließlich das Wasser nach oben steigt. Wie eine Schlange aus Wasser wächst es nach oben, umfließt meine Hand und windet sich spiralförmig an meinem Unterarm entlang, bis zum Ellbogen, und fließt von dort wieder zurück in das Becken.
„Cool!“, entfährt es Jody.
Katharinas Reaktion fällt etwas verhaltener aus: „Okaaaay … Damit schaffst du es, sogar mich zu überraschen.“
Ich schenke ihr ein Lächeln. „Ich weiß.“
Dann betrachte ich meine Eltern, die mich beide mit offenem Mund anstarren.
„Wie geht das denn?“, fragt schließlich mein Vater.
„Nun, die Illusion ist Realität und Realität ist Illusion. Und wer das wirklich weiß, und ich musste das lernen, der kann die Illusion und damit die Realität beeinflussen. So funktioniert jede Art von Magie. Ich muss noch viel lernen, aber das, was ich bereits kann, ist gut für ‚Ohs‘ und ‚Ahs‘.“
„Willst du nicht verraten, dass du auch fliegen kannst?“
„Fliegen?“, echot meine Mutter.
„Ja. Hast du dich gar nicht gefragt, wieso ich so schnell da war und das auch noch ohne Auto?“
„Hm“, macht mein Vater.
„Der Gedanke ging mir mal durch den Kopf, aber ich habe ihn nicht weiter verfolgt.“
„Nach dem Telefonat mit Zanda war mir, ehrlich gesagt, alles egal, deswegen bin ich einfach aus dem Bürofenster gesprungen und hierher geflogen.“
„Das ist noch viel cooler als die Wasserschlange“, stellt Jody fest. „Wie lange weißt du das denn schon?“
„Ich habe es entdeckt, als Sorned mich aus der dreißigsten Etage geworfen hat. Er hatte angekündigt, mich danach endgültig zu töten und das hätte ich nicht verhindern können, wenn ich als Fettfleck unten herumgelegen hätte. Die Kraft der Verzweiflung half mir, die Illusion so stark zu beherrschen, dass ich ungefähr einen halben Meter über den Pflastersteinen zum Stehen kam. Beziehungsweise zum Schweben.“
„Oh“, sagt meine Mutter nur.
„Das klingt nach einem sehr eindrücklichen Erlebnis“, bemerkt mein Vater. „Aber was genau meinst du mit endgültig töten?“
„Es gibt eine Möglichkeit, jedes Wesen endgültig und unwiderruflich aus diesem Universum zu entfernen. Da hilft dann auch keine Unsterblichkeit mehr. Ich werde nicht verraten, wie das geht, euch würde dieses Wissen sowieso nichts bringen.“
„Und du hast dann den Spieß umgedreht?“ Mein Vater ist gefährlich. Er nutzt seinen Verstand gerne und effizient, das ist mir öfter aufgefallen, seitdem ich ihn nicht mehr hasse.
„Ja, ich habe Sorned ein für alle Mal entfernt.“
Ich betrachte die Wasserschlange, dann lasse ich sie wieder in das Becken gleiten.
„Okay, mehr Zaubertricks gibt es vielleicht später. Und ja, Katharinas Sorge ist nicht unberechtigt. Aber du beschützt mich und die anderen ja, oder?“ Ich gebe ihr einen Kuss auf den staunenden Mund.
„Ich versuche es.“
„Nicht versuchen. Tue es oder lass es.“
„Das ich werde“, erwidert sie grinsend.
„Bestens! Und was machen wir jetzt mit dem angebrochenen Tag?“
„Bleibt doch einfach noch bis morgen hier“, schlägt meine Mutter vor. „Natürlich nur, wenn das nicht zu viel für dich ist, Kind.“
„Es geht schon. Oder auch nicht. Aber das hängt nicht davon ab, ob ich hier bin oder bei Katharina.“
„Gut. Übrigens, hast du dir schon Gedanken gemacht, wo du wohnen wirst? Dein Zimmer hier ist ja noch da.“
„Mama.“ Ich nehme ihre Hände und sehe ihr tief in die Augen. „Mama, das ist wirklich lieb von euch. Aber wenn Katharina es erlaubt, werde ich bei ihr wohnen.“
„Blöde Frage!“, kommt es von hinten.
„Aber es ist so weit weg!“
„Ist es nicht. Natürlich weiter weg als nebenan, aber keinesfalls aus der Welt. Und ihr kennt den Weg.“
„Ja, kennen wir.“ Sie seufzt. „Ich schätze mal, das ist vielleicht ganz gut so, wenn sie immer da ist, um auf dich aufzupassen.“ Sie legt den Zeigefinger auf meinen Mund. „Lass deiner alten Mutter ihre Marotten.“ Ich denke an den vollen Kleiderschrank oben und nicke. „Okay, also ich werde mich jetzt ein wenig hinlegen, die Nacht war kurz.“
„Ich gehe mit“, erklärt mein Vater.
Helena und Jody erklären wie aus einem Mund, dass sie nicht müde sind und sich sonnen wollen. Und dabei einen Film gucken. Nicholas erklärt sich bereit, den Fernseher auf der Terrasse aufzubauen.
Ich sehe Katharina an. „Gehen wir auch ins Bett? So für ein paar Stunden?“
„Klar. Meine Nacht war auch kurz.“
„Na, dann bis später“, sagt mein Vater und zieht Mama mit sich.
Ich winke den Mädchen zu, dann gehe ich mit Katharina nach oben. Dass sie schlafen wird, bezweifle ich allerdings.

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Leseprobe: Geschichten einer Kriegerin – Das hungrige Biest

Das Biest hat einen makabren Humor, so viel steht fest.
Es sieht aus wie eine Vogelscheuche. Fast. Nur dass diese hier aus echten menschlichen Teilen zusammengebastelt wurde. Der Kopf ist skelettiert, anscheinend stand kein gut erhaltener Schädel mehr zur Verfügung. Die in die Höhlen gepressten Augen hingegen wirken recht frisch. Der Körper ist nackt, der aufgeschlitzte Bauch notdürftig zusammengenäht. Das Biest hat eindeutig keine chirurgische Erfahrung. Und während der Oberkörper einer Frau gehört hat, stammt der untere Teil von einem Mann. Die Reste lassen das ganz gut erkennen, auch wenn nicht alles, was einen Mann so gewöhnlicherweise ausmacht, noch vorhanden ist.
Die Arme gehörten nicht der Frau, die den Oberkörper zur Verfügung stellt, sie gehörten nicht einmal demselben Menschen. Ein Arm ist so angewinkelt, dass die Hand ein Schild halten kann, auf dem in kraxeliger Schrift die eindeutige Aufforderung steht: „Kehr um!“
Der andere Arm zeigt mit ausgestrecktem Mittelfinger in die Richtung, aus der ich gekommen bin.
Ich denke darüber nach, ob ich dem Befehl folgen sollte. Was geht mich das hier überhaupt an? Okay, ich bin eine Kriegerin, ich habe gefälligst für das Gleichgewicht zu sorgen. Wobei, stört das Ding hier wirklich das Gleichgewicht? Ab wie vielen Opfern kann ich davon ausgehen? Und außerdem, vielleicht sollte ich dabei auch berücksichtigen, wen er sich holt. Klar, eigentlich ist das politisch sehr unkorrekt, den Wert von Menschen gegeneinander abzuwägen. Aber für das Gleichgewicht spielt es nun einmal eine Rolle, wer was tut in seinem Leben. Auch wenn es mich ankotzt, muss ich das berücksichtigen.
Seufzend beschließe ich, den Hinweis zu ignorieren, und gehe an der zusammengebastelten Vogelscheuche vorbei tiefer in den Tunnel hinein.

Um mich herum wird es immer dunkler. Warum konnte mir niemand vorher sagen, dass ich eine Taschenlampe brauchen werde? Missmutig betaste ich die Beule an meinem Kopf; das heißt, dank meiner Heilkräfte ist sie schon verschwunden. Aber es hat verflucht wehgetan, als das Biest mir mit dem Hammer den Kopf fast eingeschlagen hat.
Die Luft ist stickig und kalt. Und es stinkt. Wenn das Biest hier seine Opfer zum Verwesen aufbewahrt, dann ist das aber auch kein Wunder.
Ich merke, wie es in meinem Bauch rumort. Jetzt ist es schon ein halbes Jahr her, dass ich erfahren habe, eine Kriegerin zu sein und was das bedeutet. Habe ich mich deswegen schon daran gewöhnt? Ganz sicher nicht. Ich muss wahnsinnig sein, als unerfahrene Gleichgewichtsbewahrerin hier einem Wesen hinterherzujagen, das verweste, menschliche Leichen für eine Delikatesse zu halten scheint. Es wäre besser gewesen, Nilsson zu fragen. Oder zur Not auch Michael, obwohl der seltsame Vampir mir unheimlich ist. Bei ihm weiß ich nie genau, was er denkt.
Konzentrier dich lieber auf deine Aufgabe, erkläre ich mir. Wer weiß, ob du dich auch dann regenerierst, wenn du aufgefressen wirst.
Mit Sicherheit, erwidere ich mir und muss grinsen, als mir bewusst wird, was für Selbstgespräche ich führe. Ich sollte mich lieber auf meine Umgebung konzentrieren, sonst gibt es gleich den nächsten Schlag auf meinen Kopf.
Wozu braucht ein Wasserwerk überhaupt so einen Tunnel? Und will ich das wirklich wissen? Hoffentlich ist er außer Betrieb, wie der Rest. Möchte nicht plötzlich mit irgendwelcher Kloake geflutet werden. Obwohl, das Biest ist ja hier drin …
Ich halte inne. Eigentlich habe ich es hier nicht hineingehen sehen. Lediglich die komische Vogelscheuche im Eingang ließ mich das glauben. Was, wenn es zum makabren Humor des Wesens gehört, Leute auf völlig falsche Fährten zu locken?
Ich lausche angestrengt in die Dunkelheit hinein und verfluche meinen Leichtsinn, keine Taschenlampe dabei zu haben. Memo an mich: Auf Einsätze als Kriegerin immer, wirklich immer, eine Taschenlampe mitnehmen.
Es ist nichts zu hören. Und zu sehen schon mal gar nicht. Andererseits stinkt es derart abartig, als stünde ich inmitten der Vorratskammer des menschenfressenden Biestes.
Vielleicht stimmt das ja sogar.
Ich gehe langsam in die Hocke und taste den Boden ab. Es fällt mir schwer, keinen Schrei auszustoßen, als ich in etwas Glitschiges packe und mir kurze Zeit später klar wird, dass ich im Bauch von einem Menschen herumwühle.
Okay, also Vorratskammer stimmt schon einmal und auf falsche Fährte gelockt wurde ich auch nicht. Dann müsste das Biest doch eigentlich in der Nähe sein …
Ich spüre den Luftzug, bevor ich getroffen werde, und das rettet mich diesmal. Etwas Hartes streift meinen Kopf zwar trotzdem und reißt mir fast das linke Ohr ab, aber ich werde nicht bewusstlos.
Allerdings verliere ich das Gleichgewicht und falle in das, was ich gerade eben noch als offenen Bauch eines Menschen identifiziert habe. Ich schreie auf, halb vor Wut und halb vor Ekel.
Dann wird mir klar, dass ich es meinem Gegner nicht so leicht machen sollte, und rolle mich zur Seite. Das ist jedoch nur bedingt eine gute Idee, denn logisch, dass der Bauch nicht allein auf dem Boden herumliegt. Ob es die dazugehörigen Eingeweiden sind, in denen ich lande, oder etwas gänzlich anderes, kann ich auf die Schnelle nicht erkennen.
Und um ehrlich zu sein, will ich es auch gar nicht.
Das Biest scheint im Dunkeln sehen zu können, denn plötzlich packt es mich an den Schultern und hievt mich hoch. Ich spüre seinen Atem im Gesicht und denke darüber nach, ohnmächtig zu werden, derart gräßlich ist der Gestank, der plötzlich meine empfindlichen Geruchssinne bombardiert.
„Hör auf!“
Wie? Was? Hat wirklich gerade das Biest mit kaum zu verstehender Stimme, die einem Subwoofer Ehre machen könnte, darum gebeten, aufzuhören?
Ich beschließe, dass ich wohl halluziniere, was kein Wunder wäre angesichts dessen, was ich gerade einatmen muss. Ob sich bei der Verwesung auch Halluzinogene bilden, die nun konzentriert aus dem Magen dieses Monsters entweichen und mich der Sinne berauben?
Ich schlage wild in die Richtung, aus der die Stimme kam, und treffe etwas Hartes. Obwohl ich vom Kampfsport her gewohnt bin, Ziegelsteine und Ähnliches zu zertrümmern, habe ich das Gefühl, sämtliche Knochen meiner Faust wären gebrochen. Anscheinend habe ich das Biest voll im Maul getroffen, und seine Zähne sind verflucht hart.
Wir schreien beide auf und taumeln voneinander weg. Wenigstens kann ich meinen Gegner jetzt hören und so lokalisieren. Er scheint in Richtung Ausgang zu laufen und ich folge ihm, wenn auch etwas langsamer, da ich nichts sehen kann. Ich werde bei Gelegenheit Michael fragen, ob es irgendeinen Trick gibt, wie sich Vampire auch bei völliger Dunkelheit orientieren. Wobei, so wie ich ihn kenne, wird er sagen, dass sie es genauso machen wie die Fledermäuse.
Blödes Arschloch.
Doch jetzt sollte ich mich auf das menschenfressende Biest konzentrieren. Und weil es zunehmend hell wird, kann ich immer schneller laufen. Leider ist sein Vorsprung inzwischen so groß, dass ich ihn aus den Augen verliere, als er den Ausgang erreicht. Und bis ich ebenfalls dort ankomme, ist er verschwunden.
Na super.
Ich mustere die Vogelscheuche.
Dann meine Hände.
Und dann ist es vorbei. Zu viel ist zu viel.
Ich falle würgend auf die Knie und gebe die kümmerlichen Reste meines Abendessens von mir.
Als ich schließlich den Kopf hebe, sehe ich seine Füße.
Direkt vor mir.
Scheiße.

„Warum verfolgst du mich?“
Ich erhebe mich stöhnend, wische die Überreste meines Mageninhalts vom Kinn und starre das Biest dabei entgeistert an.
„Warum frisst du Menschen?“
„Das ist eine lange Geschichte“, erwidert es mit seiner tiefen, brummigen Stimme, und ich muss mich sehr konzentrieren, es überhaupt zu verstehen. „Aber ich habe niemanden getötet!“
„Na ja, die Krankenschwester, die du gebissen hast, hat einen Schock fürs Leben.“
„Das tut mir leid“, erwidert es mit gesenktem Kopf. „Ich wollte es nicht. Es überkam mich einfach.“
Das wird ja immer lustiger. Ein Monster mit Gewissensbissen?
„Hast du eigentlich einen Namen?“
„Ich heiße Theodor Calvan. Und du?“
Wie? Was? Ich atme tief durch, bevor ich antworte: „Nenn mich Fiona. – Hast du zufällig auch einen Personalausweis?“
„Nicht bei mir.“
Mich überkommt urplötzlich das tiefe Gefühl von Surrealität. Ich stehe hier vor einem Tunnel des stillgelegten, alten Wasserwerks von Skyline, mitten in der Nacht, es ist fast Vollmond, saukalt, und ein Monster, das aussieht wie eine Kreuzung aus Quasimodo und einem Zombie aus „Die Nacht der lebenden Toten“, erzählt mir, dass es zwar einen Personalausweis hat, ihn aber nicht bei sich trägt.
Vielleicht sollte ich mich mal kneifen. Obwohl, inzwischen weiß ich ja, dass das nichts bringt.
„Wo hast du ihn denn?“
„Zu Hause. Aber dort kann ich nicht mehr hin.“
„Wieso nicht?“
„Ich habe mich verändert.“ Er seufzt laut. „Ich war mal ein ganz normaler Mensch. Das Menschenfleisch hat mich zu dem gemacht, was ich bin.“
„Was sagst du da? Du wurdest zu einem Monster, weil du Menschenfleisch frisst?“
„Ja.“ Das Biest lässt den Kopf hängen, was bei einem Zwei-Meter-Quasimodo-Zombie-Verschnitt einfach nur lächerlich wirkt. Trotzdem gelingt es mir unter Aufbietung all meiner Selbstbeherrschung, nicht laut loszulachen.
„Warum frisst du überhaupt Menschenfleisch? Selbst wenn du niemanden tötest dafür, zumindest bislang, ist das doch irgendwie ziemlich … irre.“
„Das ist eine lange Geschichte.“
„Ich habe Zeit.“ Ich sehe es herausfordernd an. „So oder so, ich kann dich ja nicht gehen lassen.“
„Wie willst du das verhindern?“ Es richtet sich zu seiner vollen Größe auf und funkelt mich wütend an.
Nach einem Tritt zwischen die Beine und einem Faustschlag gegen seinen Rücken findet es sich auf dem Boden wieder.
„So“, erwidere ich ruhig. Langsam macht es mir Spaß, so was wie ein Engel zu sein. „Das war übrigens die Rache für den Schlag mit dem Hammer.“
„Das war keine Absicht“, sagt es dumpf, während es sich schwerfällig wieder aufrichtet. Seiner monströsen Fratze sehe ich an, dass es dabei Schmerzen hat, und plötzlich empfinde ich Mitleid für es.
„Klar, der Hammer hat deine Hand gezwungen, ihn gegen meinen Kopf zu führen.“
„Ich geriet in Panik, als du plötzlich da warst. Ich bekam es mit der Angst zu tun, weil ich wusste, das war wegen der Sache mit der Krankenschwester.“
„Genau, die du gebissen hast. Also gut, du erzählst mir jetzt schön deine Geschichte und ich überlege mir, was wir tun können.“
„Wer bist du überhaupt?“
„Sagte ich doch schon: Fiona.“
Es, oder eigentlich er, Theodor, mustert mich nachdenklich. „Dich kenne ich aber irgendwoher.“
„Kann schon sein. Vor zweieinhalb Jahren war ich viel in den Zeitungen und im Fernsehen.“
„Ich erinnere mich“, sagt er und nickt. „Wir können uns da drin hinsetzen.“ Er deutet auf den Tunnel und mich schüttelt es.
„Nein, danke, das muss nicht sein. Gibt es hier keinen gemütlicheren Ort? Sonst setzen wir uns in mein Auto.“
Wie auf ein Stichwort klingelt plötzlich mein Handy. Ben ist dran.
„Brauchst du Verstärkung?“, erkundigt er sich ohne Umschweife.
„Nein.“
„Hast du das Ding?“
„Äh … ja und nein.“
„Was zum Teufel heißt das denn?“
„Dass ich noch etwas Zeit brauche. Ich rufe dich an, wenn ich fertig bin.“
„Wenn du womit fertig …?“ Ich lege auf. Mir ist grad nicht nach Diskussionen mit ihm.
„War das die Polizei?“, erkundigt sich das … Theodor.
„Eigentlich nur ein Polizist. Die Polizei kann nicht telefonieren.“ Ich ignoriere seinen ratlosen Gesichtsausdruck und zeige auf mein Auto. Dann fällt mir ein, wie viel Blut und andere menschlichen Teile an uns kleben und ich entscheide mich um. „Das heißt, warte mal. Bestimmt gibt es hier irgendwo verlassene Büros, oder?“
Theodor nickt ergeben und geht voraus. Ich beobachte ihn aufmerksam, falls er fliehen oder mich angreifen will, möchte ich es rechtzeitig merken. Aber anscheinend hat er sich mit seinem Schicksal abgefunden. Direkt eine Kämpfernatur scheint er eh nicht zu sein. Jedenfalls führt er mich in ein Bürogeböude, wo wir uns in einem heruntergekommenen Meetingraum niederlassen. Immerhin gibt es hier Mobiliar.
„Fehlt nur noch die Sekretärin, die uns Kaffee bringt“, bemerke ich.
„Was?“
Ich beschließe, Theodor nicht zu überfordern. Er muss seine ganze Lebensportion Humor aufgebraucht haben, als er die Vogelscheuche gebaut hat.
„Also gut, dann erzähl mal. Wieso hast du angefangen, Menschenfleisch zu essen?“
„Daran war Yvonne schuld.“
„Wer ist Yvonne?“
„Yvonne ist … war eine Kollegin. Ich … ich dachte, ich könnte bei ihr landen, als sie mich zu einer besonderen Party eingeladen hat. Eine Art Tupperparty, sagte sie, nur interessanter.“
„Und da gab es Menschenfleisch?“
„Ja“, erwidert er langsam und starrt an mir vorbei ins Nichts. „Da habe ich zum ersten Mal Menschenfleisch gegessen.“
„Aus Tupperware?“
„Nein, von Tellern. Wieso?“
Fiona! Du wolltest ihn doch nicht überfordern!
Ich winke ab. „Nicht so wichtig. Du bist also wegen Yvonne mit auf eine Tuppermenschenparty gegangen. Und wie ging es dann weiter?“
„Ich habe mit Yvonne geschlafen.“
Jetzt starre ich ihn an. „Äh … Okay. Auf der Party?“
„Nein, danach.“
„Und was passierte auf der Party?“
„Zuerst war alles ganz normal. Ich wusste da ja auch noch nicht, dass es um Menschenfleisch geht. Viele wussten das nicht, die zum ersten Mal dabei waren. Und zuerst habe ich mich auch nicht gewundert, dass wir, als serviert wurde, eine weniger waren als am Anfang. Sie wird nach Hause gegangen sein, dachte ich. Bis ich ihren Ringfinger in der Suppe fand.“
„Hast du ihn gegessen?“, erkundige ich mich.
„Was?“ Theodor sieht mich irritiert an.
„Den Finger.“
„Nein! Ich wusste dadurch, dass sie nicht nach Hause gegangen ist.“
Nicht überfordern, Fiona, nicht überfordern! Vermutlich hat die Verwandlung auch sein Gehirn verändert. Vielleicht ist das eine Art Evolution rückwärts. Also, überfordere ihn nicht!
„Schon gut. Wie ging es weiter?“
„Ich … Ich weiß wirklich nicht, wieso ich dort hingegangen bin.Und wieso ich Fleisch gegessen habe. Menschenfleisch. Einige waren nicht zum ersten Mal da und schwärmten besonders von Babyfleisch.“
Ich atme tief durch. In meinem Magen ist nichts mehr, was ich wieder nach oben befördern könnte.
„Ihr habt Babyfleisch gefressen?“
„An dem Abend nicht. Wie gesagt, wir haben erst während des Essens erfahren, dass wir Menschenfleisch essen. Und irgendwie fühlte es sich normal an. Obwohl einige von uns das noch nie getan haben.“
„Möglicherweise habt ihr Drogen verabreicht bekommen. Ich frage mich nur, wieso eigentlich.“
„Drogen?“
„Meinst du nicht? Ich meine, du hast gerade gesagt, dass ihr nicht alle gewusst habt, was das für eine Party sein würde. Und dann wurde eine von euch sogar gekocht und gegessen. Ich glaube, die meisten Menschen, die in einer westlichen Kultur aufwachsen, lehnen das Verspeisen eines Menschen mehr oder weniger ab. Das ist eine Art angelernter Schutz, ein Tabu. So was lässt sich ziemlich gut mit Drogen ausschalten.“
„Und wieso wurde ich zu so … so einem Monster?“
„Das ist allerdings eine gute Frage. Was passierte denn nach der Party und nachdem du mit Yvonne geschlafen hast?“
„Woher weißt du davon?“
„Hast du vor ein paar Minuten noch selbst erzählt.“
„Ach so. Ja, das stimmt, ich habe dann wirklich mit ihr geschlafen. Aber nur einmal. Danach war sie verschwunden und ich habe sie nie wiedergesehen.“
„Könnte sie sich auch in …ein Monster verwandelt haben?“
„Das weiß ich nicht. Aber möglich ist es.“
Ich überlege, schon allein, um mich zu erholen. Einerseits von dem, was Theodor mir erzählt, anderseits von der Anstrengung, die das Zuhören verursacht, denn er spricht extrem undeutlich.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich jemand nur dadurch, dass er Menschenfleisch isst, so verwandelt. Dass er sich überhaupt verwandelt. Dann müssten sich ja alle verwandeln, die Fleisch irgendwelcher Art essen. Nein, es gibt einen anderen Grund, und der wird mit den Drogen zu tun haben, die Theodor und einige der anderen offensichtlich verabreicht bekommen haben.
Aber wozu? Dahinter stecken vermutlich die Gastgeber der Party, doch was bezwecken sie? Ich habe den Verdacht, dass Theodor kein normaler Fall ist. Irgendwas ist bei ihm vermutlich schiefgelaufen und es entspricht gar nicht dem Plan, dass er sich so verändert hat.
Hilft alles nichts, ich muss sie selbst fragen.
„Führ mich hin.“
„Wohin?“, fragt Theodor erstaunt.
„Zu dem Haus, in dem du Menschenfleisch gegessen hast.“
„Was hast du vor?“
„Ich will herausfinden, was das alles zu bedeuten hat. Schon allein, weil ich es nicht zulassen werde, dass Newopes Bevölkerung aufgegessen wird.“
„So viele waren es gar nicht.“
Ich beschließe, den letzten Satz zu überhören. Alles andere wäre zu anstrengend.
Ich springe auf und mustere Theodor. Er sieht ja nicht wirklich unauffällig aus, nicht einmal im Schutz der Dunkelheit. Außerdem sind wir beide immer noch besudelt von … von was auch immer. Ich will es so genau gar nicht wissen.
„Gibt es hier eine Möglichkeit zu duschen?“
„Duschen?“
„Ja, duschen!“ Ich atme tief durch. „Sorry. Wir müssen mit dem Auto fahren, schätze ich, und so setzt du dich nicht in mein Auto. Und ich auch nicht!“
„Ich glaube nicht, dass es hier fließendes Wasser gibt“, sagt Theodor vorsichtig. „Aber einen kleinen Fluss …“
Hm. Es ist Winter und es ist kalt. Ich sterbe vor Kälteschock, wenn ich in Klamotten baden gehe. Und ohne Klamotten erst recht. Aber den Gestank würde ich nie wieder aus dem Auto kriegen … Verdammt!
„Also gut, wir gehen im Fluss baden. Und danach setzen wir uns bei voll aufgedrehter Heizung sofort ins Auto.“
„Mir ist nicht kalt.“
„Aber mir!“ Diesmal entschuldige ich mich nicht.

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