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Leseprobe: Yaron

Yaron

An diesem zweiten Samstag im September hätte Yolande ausschlafen können. Samstage waren, wie schon erwähnt, Oskar-Tage und er ließ die Kasse klingeln, wie er seinen wöchentlichen Einsatz nicht ohne eine Spur von Genugtuung umschrieb. Der Neid musste es ihm lassen. An Oskar-Samstagen war wirklich immer etwas los in Yolandes Laden. Viele Kunden verschoben absichtlich ihre Einkäufe auf diese Tage, um seine flotten Sprüche nicht zu verpassen. Sogar die Jugendlichen zog es vermehrt auf die Bastelinsel. Oskar war Künstler und Yolandes bester Freund. Er konnte in allen Fachfragen, ob es sich nun um die Wahl des richtigen Pinsels oder Papiers, das Mischen eines Farbtones oder auch nur um den richtigen Blickwinkel auf ein Motiv handelte, stets um Rat gefragt werden. Ich möchte sogar behaupten, er war geradezu begierig danach, gefragt zu werden. Aber auch Briefumschläge und Grußkarten brachte er gekonnt an den Mann.
Als er an diesem Samstagmorgen um die Ecke bog, staunte er nicht schlecht, als er Yolande bereits im Schaufenster turnen sah. Sie hatte eben neue Preisetiketten an die beiden Tüten geheftet.
„Werde ich nun langsam senil oder du, liebste Yolande?“, fragte er verwundert und half seiner Freundin von der Schaufensterauslage herunter.
„Weder noch!“, antwortete sie und konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Er schaute wie ein Kind, dem man sein Lieblingsspielzeug weggenommen hatte.
„Ich habe heute noch einige Dinge im Büro zu erledigen, die ich schon seit Wochen auf die lange Bank schiebe, darunter auch ein paar Reduzierungen. Also dachte ich, nutze ich diesen Samstag.“
„Ach, so! Dann spiel du man heute Büromäuschen!“, brummte er in seinen Vollbart und nahm seinen Platz hinter dem Ladentisch ein. Diese Erklärung schien ihm auszureichen.
Yolande verzog sich gleich darauf in das kleine Zimmer neben dem Verkaufsraum, ließ jedoch die Tür einen Spalt breit offen stehen, und setzte sich an den Schreibtisch. Das Sortieren von Rechnungen und Belegen war zwar nicht dringend angesagt, wie sie Oskar vorgeschwindelt hatte, doch es konnte auch nichts schaden, sagte sie sich. So hatte sie am Monatsende weniger zu tun. Die kleinen und größeren Zettel nach Datum zu sortieren, ließ Yolandes Konzentration gerade noch zu, denn mit einem Auge verfolgte sie, soweit sie es einsehen konnte, das Geschehen vor dem Kassentisch. Als es halb zwölf schlug und noch immer kein Junge mit braunen Haaren den Ladenraum betreten hatte, wurde sie unruhig. Sie zog in Erwägung, dass sie ihn vielleicht übersehen hatte. Außerdem konnte sie nicht sicher sein, dass die Schultüten nicht auch schon andere Abnehmer gefunden hatten und somit der Anreiz für den Jungen gar nicht mehr bestünde. Yolande brühte zwei Becher Kaffee auf und ging mit ihnen nach draußen zu Oskar. Ein kurzer Blick in die Auslagen genügte ihr, um zu sehen, dass ihre letzte Befürchtung nicht zutraf. Die Tüten waren noch an ihrem Platz.
„Hier, nimm, Oskar! Kaffeepause!“ Sie hielt ihrem Freund den größeren der beiden Becher hin. „War heute schon ein etwa zehnjähriger Junge hier? Ein Junge mit ganz außergewöhnlich braunen Haaren?“ Natürlich war sie bemüht, ihre Frage mehr oder weniger beiläufig klingen zu lassen. Sie trank hastig einen Schluck Kaffee und verbrannte sich prompt die Zunge daran.
„Außergewöhnlich braune Haare? Du machst mich neugierig. Meinst du Umbra oder Savanna?“, hakte Oskar nach.
„Wenn du es genau wissen willst, so würde ich es eher als Palisander bezeichnen. Das Braun gleicht diesem dunklen Holz mit seinen vereinzelt hellen Nuancen. Und dazwischen findet sich auch noch ab und zu eine Spur Rot. Das kennst du doch, oder?“
Yolande liebte es, Dinge so genau wie möglich zu beschreiben. Bei ihrer Schwester wäre sie damit auf Unverständnis gestoßen, doch bei Oskar war dies nicht fehl am Platz. Er konnte genauso gut mit Farben wie mit Worten malen und mochte es, wenn sie es ihm gleichtat.
Er schien die Kunden des Vormittags in Gedanken durchzugehen. Dann erst antwortete er.
„Nein, ein solcher Knabe ist mir heute noch nicht untergekommen. Der wäre mir aufgefallen. Hundertprozentig! Soll ich dich rufen, wenn er auftaucht?“
Yolande schüttelte den Kopf. „Ein kleines Zeichen genügt. Vielleicht hüstelst du ein bisschen.“ Immer noch um Beiläufigkeit bemüht, trottete sie zurück ins Büro. Als sie sich an der Tür noch einmal umblickte, sah sie Oskars befremdlichen Gesichtsausdruck. Es war nur unschwer zu erkennen, dass er nicht viel vom Parole-Husten hielt. Yolande war sich jedoch sicher, dass er ein eindeutiges Zeichen finden würde, so er eines benötigte. Schmunzelnd machte sie sich wieder an ihre Sortierarbeit und stapelte die Belege, um sie zügig abarbeiten zu können. Was sich alles im Laufe eines Monats so ansammelt, schoss es ihr durch den Kopf, war schon erstaunlich. Dabei hatte der September doch erst begonnen.
„Papierkram!“, seufzte sie und wurde sich sogleich der Pointe bewusst, die in diesem Wort lag. Sie handelte schließlich mit Papierkram.
Der Morgen verging und der Ladenschluss um 14 Uhr rückte langsam näher. Immer deutlicher hörte Yolande das Ticken der Standuhr neben dem Kassentisch, dabei gab es Tage, da nahm sie nicht eine Sekunde tickend wahr. Warten sensibilisiert Menschen wohl für solche Geräusche, stellte sie fest.
„Du, Yolande …“, hörte sie plötzlich Oskars Stimme aus dem Verkaufsraum, „… wie heißt noch mal gleich der Baum aus dem Regenwald? Gibt es von dem nicht auch eine kleinere Variante?“
Sie stutzte. Was war denn das für eine seltsame Frage? Mit dem Baum aus dem Regenwald spielte Oskar zweifelsohne auf den Palisander an. Doch was um alles in der Welt wollte der alte Kauz ihr mit der kleineren Variante andeuten? Sie ging auf Zehenspitzen zur spaltbreit geöffneten Tür und lugte hinaus. Soweit sie den Verkaufsraum überblicken konnte, sah sie den Jungen vom Vortag nirgendwo.
Oskar hatte sich zum Büro umgedreht und formte mit seinen Lippen einige Wörter, die sie aber nicht erkennen konnte. Sein dichter Bart, der ihm wild um den Mund wuchs, wippte nur ständig auf und ab.
Mit einem Achselzucken signalisierte sie ihm, dass sie nicht verstand, was er ihr sagen wollte. Er überlegte kurz und startete einen weiteren Versuch.
„Ich glaube, wir müssen bald wieder die Schaufenster putzen. Die Kunden drücken sich bereits die Nasen platt, weil sie so nah ran müssen. Man sieht kaum noch etwas.“
Nun hatte Yolande verstanden. Sie blieb, wo sie war und nickte ihm nur zu. Gleich darauf bimmelte die Klingel an der Ladentür und sie hörte Oskar, der die Neuankömmlinge in seiner gewohnt fröhlichen Manier begrüßte.
„Kommen Sie rein, junge Dame, dann können sie rausschauen! Ah, ich sehe, sie haben einen Begleiter mitgebracht. Was darf ich Ihnen denn Schönes anbieten?“
Yolande sah durch den Spalt ein kleines Mädchen an den Ladentisch treten, das dieselben braunen Haare hatte wie der Junge, der gleich hinter ihr ging. Sie drehte sich zu ihm um und machte kleine Zeichen mit ihren Fingern. Daraufhin wandte sich der Junge an Oskar.
„Wir hätten gerne die Schultüte aus dem Schaufenster, die rote mit den Elfen“, sagte er ein wenig zu laut. Seine Stimme klang unsicher und nervös und überschlug bei manchen Lauten. „Sie kostet wirklich nur 4 Euro 10?“
Oskar war schon auf dem Weg zur Auslage und brummte wie gewöhnlich.
„Das werden wir gleich sehen. Es gibt nichts bei uns, das keinen Preis hat. Soviel steht schon einmal fest.“
Wieder gab das Mädchen dem Jungen kleine Zeichen und zuckte dabei mit den Schultern. Er stellte daraufhin seine Frage noch einmal.
„Sie kostet wirklich nur 4 Euro 10?“
Oskar kam mit dem Traum in Pink zurück und löste vorsichtig das Etikett, das er an den Jungen weiterreichte. Nun konnte dieser sich selbst überzeugen. Er nickte aufgeregt. Yolande konnte aus ihrem Versteck wieder die roten Flecken sehen, die sich von seinen Wangen über das gesamte Gesicht ausbreiteten. Er war von Natur aus sehr blass. Wie hatte ihre Mutter früher zu einer solchen Gesichtsfarbe gesagt? – Ein Teint wie Milch und Spucke.
„Wir nehmen sie!“, rief das Mädchen freudig und klatschte dabei in die Hände. Ihre Stimme klang hell, aber lange nicht so schrill und so unsicher wie die ihres Begleiters. Als sie einen Schritt zur Seite trat, um die Tüte aus Oskars Händen entgegenzunehmen, sah Yolande wiederum die zerschlissene Geldbörse, die ihr schon am Tag zuvor aufgefallen war. Der Junge hielt sie fest an sich gedrückt, öffnete aber den Drehverschluss und begann, einige Münzen auf den Tisch zu zählen.
„Darf es denn noch etwas sein? Vielleicht etwas zum Hineintun?“, fragte Oskar in jovialem Ton. Er hatte seine Frage direkt an den Jungen gestellt, da er offensichtlich der Herr über die Finanzen war. Doch der Junge blickte nach unten und reagierte nicht.
Dafür tat es das Mädchen. Sie zog den Jungen am Ärmel und wies mit dem Kopf in Oskars Richtung. Dann wiederholte sie langsam und deutlich die Frage, ohne den Blick von seinen Augen zu nehmen. Er schüttelte den Kopf und das Mädchen tat es ihm gleich.
Oskar nahm die Münzen auf und sammelte sie in seiner linken Hand. Yolande sah, dass er sie währenddessen zählte. Es konnten kaum größere als 50 Cent-Münzen dabei gewesen sein, denn auf seiner Handfläche türmte sich gleich darauf ein stattlicher Haufen. Doch Oskar hatte auch dazu einen flotten Spruch auf Lager.
„Danke, die Herrschaften …“, sagte er mit einer angedeuteten Verbeugung. „… wie abgezählt! Beehren Sie uns bald wieder!“
Dabei setzte er sein wärmstes Lächeln auf und geleitete daraufhin die beiden Kinder noch bis zur Tür. Mit dem üblichen Gebimmel schloss sie sich hinter den zwei schmalen Rücken und Oskar hatte es sichtlich eilig, zu Yolande an die Bürotür zu kommen.
„Nun sag mal, denkst du auch das, was ich denke?“, begann er schon zu fragen, bevor er beim Büro anlangte.
Yolande wusste nicht, auf was er anspielte. Sie meinte sich zu erinnern, dass sie an gar nichts Bestimmtes dachte. Sie fühlte nur übergroße Freude. Immerhin hatte sie mit ihrer Vermutung Schultüte richtig gelegen. Ihr Plan war aufgegangen, was wollte sie mehr? Das strahlende Gesicht der Kleinen und der aufgeregte Junge, der nun wahrscheinlich noch Geld übrig behalten hatte, hielten sich vehement vor ihrem inneren Auge. Da war kein Platz für große Gedanken. Yolande war einfach nur rundherum zufrieden. Von den Gewissensbissen, die sie noch am Abend zuvor geplagt hatten, konnte Oskar ja nichts wissen.
„Mit dem Jungen stimmt doch etwas nicht!“, fuhr er unbeirrt fort. „Er hört entweder gar nichts oder nur ganz, ganz schlecht. Hast du etwa nicht die Zeichen gesehen, die die Kleine ihm immer wieder gab? Seltsam!“
Oskars Worte holten Yolande abrupt in die Gegenwart zurück. Natürlich hatte sie diese Zeichen auch gesehen. Sie überlegte kurz und kam dann zu dem Schluss, dass durchaus diese Schwerhörigkeit der Grund gewesen sein konnte, der am Vortag zu der überstürzten Reaktion des Jungen geführt hatte. Das schien ihr nun sogar sehr plausibel. Er hatte sie am Freitag einfach nicht kommen hören. So musste es gewesen sein! Als er sich schließlich umdrehte und ihr Gesicht schon dicht über seinem sah, hatte er es mit der Angst zu tun bekommen. Diese Erklärung beruhigte Yolande. Sie hatte nichts falsch gemacht.
„Ja“, seufzte sie erleichtert. „Solche Behinderungen gibt es leider auch heute noch. Doch glücklicherweise sind die technischen Errungenschaften da schon ein gutes Stück weiter. Heute kann man dagegen etwas tun. Früher, als wir klein waren …“
Weiter kam sie nicht. Oskar unterbrach sie unwillig. Er schüttelte ungläubig den Kopf.
„Ich merke, du verstehst mich nicht! Es geht mir nicht um die Taubheit im Allgemeinen. Dieser Junge will seine Einschränkung überspielen. Hast du das denn nicht bemerkt? Das macht mich stutzig! Das Mädchen, ich denke es ist seine Schwester, hört für ihn und übersetzt alles mit diesen kleinen Fingerzeichen. Es ist eine Art Gebärdensprache. Aber ich vermute, es ist nicht die offizielle Gebärdensprache. In den Nachrichten im Fernsehen sieht das irgendwie anders aus. Das muss eine Zeichensprache sein, die es nur zwischen den beiden gibt.“
„Und warum findest du das seltsam?“ Fast trotzig stellte Yolande diese Gegenfrage. „Ich finde so etwas rührend!“ Sie wollte sich ihre wiedergewonnene Ruhe nicht durch Oskars aus der Luft gegriffenen Befürchtungen erneut nehmen lassen.
„Natürlich ist es auf eine Art rührend. Aber bedenke doch, wenn sie für andere Leute dieses Spiel spielen und ihre eigene Sprache entwickelt haben, so heißt das doch, dass einzig und allein sie davon wissen. Und das wiederum bedeutet, dass sie davon überzeugt sind, es müsse ihr Geheimnis bleiben. Dabei stellt sich mir die Frage nach dem Warum! Dir etwa nicht?“
Was sollte Yolande darauf antworten? Sie hatte den vorwurfsvollen Ton in Oskars Stimme bemerkt. Er sah etwas im Verhalten dieser Kinder, das sie so nicht sah. Deshalb überlegte sie, ob man heutzutage auch noch mit einem Stigma behaftet war, wenn man nichts hörte. Das wollte sie einfach nicht glauben. Es gab doch auch schon Babys mit Brillen. Soweit sie informiert war, wurden Brillen für Kinder in vollem Umfang von den Krankenkassen übernommen. Was aber für Brillen galt, sollte doch auch für Hörgeräte gelten. Oder?
„Ich sage dir, Palisander und Palisandrinchen hüten ein Geheimnis. Ich habe ein sonderbares Gefühl in der Magengegend und das trügt mich selten. Wir sollten dem weiter nachgehen. Kommen die beiden öfter zu dir in den Laden?“ Oskar hatte nun relativ leise gesprochen. Es hatten erneut Kunden den Laden betreten.
„Das Mädchen sah ich heute zum ersten Mal. Der Junge dagegen war schon mehrmals hier. Er wollte wohl eine Schultüte für seine Schwester basteln. Ich nehme an, es scheiterte am Geld für das Material. Darum habe ich die beiden Tüten auch so drastisch reduziert. Ich hoffte, er würde heute noch einmal wiederkommen.“
Yolande zitterte mit einem Mal. Ihr gutes Gefühl war dahin. Oskars Befürchtungen hatten sich nun ohne eine konkrete Form auch auf sie übertragen.
„Wir sollten die beiden weiter im Auge behalten! Dieses Geschwisterpaar hat eine besondere Geschichte, die mich neugierig macht.“ Oskar kraulte ausgiebig seinen Bart. Yolande kannte diese Angewohnheit. Sie war ein untrügliches Zeichen dafür, dass er einen Entschluss fasste. „Ich frage mich nur, wie wir sie wiederfinden sollen. Du kennst nicht zufällig ihren Namen?“
„Nein, der ist mir nicht bekannt. Aber ich bin mir sicher, wir werden sie wiedersehen, wenn wir am Montag zur Einschulungsveranstaltung in die Ringschule gehen. Was meinst du, sollen wir?“
Sie zwinkerte Oskar auffordernd zu und er hob seine Augenbrauen. Die Sache war abgemacht.

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Leseprobe: Fiona – Reloaded

Fiona – Reloaded

Ich begrüße die Wärme und stehe mit erhobenen Armen nackt vor meinem Baum. Grauhaar hatte von der kalten Numoa erzählt, wenn mit dem Gongschlag des Dunkelhellwechsels plötzlich kalt wird, Schnee fällt und Wasser hart wird. Jetzt weiß ich auch, was Schnee ist. Weißes Wasser, das wieder flüssig wird, wenn man es in die Hand nimmt. Oder in den Mund. Es ist aber nicht so hart wie das Eis, hartes Wasser, das aber auch wieder weich wird, wenn man es in den Mund nimmt.
Und man braucht gute Kleidung in der kalten Numoa. Denn es ist wirklich kalt. Zum Glück bin ich ja vorbereitet gewesen und habe mir Kleidung von Soldaten besorgt. Sie haben nach mir gesucht, aber im Wald konnte ich mich gut verstecken. Und ich weiß jetzt, dass ich gegen sie kämpfen kann, auch wenn ich nicht verstehe, wieso. Ich denke, das habe ich mal gelernt und es vergessen, so wie ich alles vergessen habe. Die Soldaten wissen auch, dass ich gegen sie kämpfen kann, und sind vorsichtig, aber eben nicht vorsichtig genug. Das heißt, jetzt schon. Nachdem ich einige von ihnen überwältigt habe, weil ich Kleidung brauchte, sind sie viel vorsichtiger geworden und gehen nur noch in größeren Gruppen durch den Wald. Wenn überhaupt.
Mir egal.
Ich verbrachte die kalte Numoa in meiner Baumhöhle, die ich zufällig entdeckt habe. Sie gehörte einem Tier, aber es sah ein, dass ich stärker bin, und suchte sich ein neues Zuhause.
Nun bin ich froh, dass die kalte Numoa vorbei ist. Mit dem Dunkelhellgongschlag ist der Schnee verschwunden und ich brauche nicht mehr unbedingt Kleidung. Wobei sie sinnvoll ist. Im Wald ist es unangenehm ohne Kleidung, sie schützt vor Dornen und Krallen. Aber wenigstens reicht das Kleid wieder.
Ich war bei Grauhaar, nachdem ich die Wärter getötet hatte. Sie sagte, ich sollte mich verstecken, sie werden überall nach mir suchen. Ich durfte ihr nicht sagen, wo ich mich verstecken wollte.
Als Erstes gehe ich im Fluss baden. Das tut nach den vielen Numos gut. Zwischendurch werfe ich einen Blick auf mein Kleid und das Schwert, das auf dem Kleid liegt. In dieser Gegend sind sonst keine Menschen, aber sie werden jetzt, wo es wieder warm ist, sicher erneut nach mir suchen. Ich muss vorsichtig sein.
Und ich muss nachdenken. Was soll ich tun? Hierbleiben? Woanders wird es doch nicht besser sein. Oder doch? Ich klettere aus dem Wasser und setze mich nackt neben mein Kleid, um trocken zu werden. Die warme Luft streichelt meine Haut, und ich habe das Gefühl von Vertrautheit. Etwas ist aber anders. Ich weiß nur nicht, was. Und was überhaupt so vertraut ist.
Wenn ich mich nur erinnern könnte. An irgendetwas. Egal was.
Ich lege mich hin, mit dem Kopf auf dem Kleid. Mit einer Hand umklammere ich den Schwertgriff und weine leise.
Doch vom Weinen wird nichts besser, im Gegenteil. Ich wische die Tränen ab, streife das Kleid über und gehe zurück zu meinem Baum. Ich beschließe, Grauhaar zu besuchen.
Zuerst muss ich sichergehen, dass sie allein ist, also beobachte ich das Haus, das an einigen Stellen nicht mehr so aussieht wie vor der kalten Numoa. Es verfällt, hat Grauhaar mal gesagt. Jetzt kann ich gut sehen, was sie damit gemeint hat.
Ich glaube, ich verfalle auch. Nicht mein Körper, der verfällt gar nicht, aber etwas in mir verfällt. Ich weiß nur nicht, was das ist.
Da Grauhaar allein zu sein scheint und auch sonst niemand zu sehen ist, gehe ich ins Haus. Grauhaar finde ich in ihrem Zimmer, wo sie fast immer ist, wenn ich sie sehe. Als sie mich sieht, lächelt sie.
„Kyo! Kyo ist da!“
„Es ist warm“, erwidere ich und setze mich neben ihr. „Hast du Wein?“
„Ich denke, du trinkst keinen Wein mehr“, sagt sie, holt aber trotzdem eine Flasche hervor. Ohne aufzustehen. Sie hat fast alle ihre Sachen so um sich angeordnet, dass sie nur selten aufstehen muss.
„Heute ausnahmsweise. Wie geht es dir?“
Sie trinkt aus der Flasche, bevor sie mir diese reicht. Ich nehme auch einen Schluck.
„Meine Knochen tun weh. Von der Kälte. Doch jetzt wird es bald besser.“
„Geh doch nach draußen. Da ist es viel wärmer!“
„Zu gefährlich.“ Sie mustert mich. „Für dich auch. Die Leute reden über dich, weil du den Soldaten das Fürchten lehrst. Und es wird geredet, dass der König kommt.“
Ich zucke die Achseln. „Was interessiert mich der König?“
„Seine Soldaten sind gefürchtet. Sie sind nicht so ängstlich und schwach wie die Soldaten von Lord Sakumo.“
„Ja. Gut. Ich passe auf.“ Und sie nervt mich. Manchmal. Obwohl sie recht hat. Ich kann gut kämpfen, das weiß ich ja inzwischen. Aber auch andere können bestimmt gut kämpfen. Echte Soldaten auf jeden Fall. Ich beschließe, dass ich wirklich aufpassen werde.
„Wie ist der König?“, erkundige ich mich.
Grauhaar grinst. „Er interessiert dich also doch! Nun, ein großer Mann, von majestätischer Erscheinung. Wie ein König eben. Ein echter König. Ein weiser, gerechter König.“
„Dann wird er mich nicht jagen lassen! Dann wird er wissen, dass ich nichts Böses getan habe! Ich habe mich nur verteidigt!“
„Woher soll er das wissen? Lord Sakumo wird ihm das bestimmt nicht erzählen.“
„Dann tue ich das!“
Grauhaar lacht kurz auf. „Du kommst nicht einmal in seine Nähe! Halt dich einfach versteckt, solange er da ist. In den Wäldern werden dich auch seine Soldaten nicht finden.“
Ich starre sie wütend an.
„Du brauchst nicht so zu schauen, du Wildkatze. Es ist so, wie ich es dir sage. Oder habe ich dich mal angelogen?“
„Nein“, antworte ich missmutig.
„Dann hör auf mich.“
„Hast du den König schon gesehen?“
Grauhaar nickt. „Er war schon einige Male hier. Er reist oft durch sein Land. Ich glaube schon, dass er dir begnadigen würde, wenn er wüsste, was wirklich passiert ist. Aber er wird es nicht erfahren.“
„Ja. Dann gehe ich lieber jagen. Ich komme nachher nochmal.“
Grauhaar nickt erneut. Ich gebe ihr die Flasche zurück und gehe wieder in den Wald. Dabei denke ich darüber nach, was sie erzählt hat. Der König scheint ein guter Mann zu sein, wenn Grauhaar so über ihn spricht, aber ich glaube, er wird von seinen Leuten beschützt und nur solche wie der Lord können direkt mit ihm sprechen. Das macht er irgendwie falsch, der König. Er müsste eher auf Menschen hören, die wissen, was in seinem Land geschieht.
Zum Beispiel auf dich, Wildkatze?
Ja, zum Beispiel. Wieso rede ich eigentlich mit mir selbst?
Kopfschüttelnd verscheuche ich die Gedanken und konzentriere mich auf das Jagen. Und das ist auch gut so. Ich höre Tiere und schleiche mich an sie heran.
Bären. Eine ganze Bärenfamilie. Von ihnen könnte ich lange satt werden. Allerdings könnte es auch passieren, dass sie von mir satt werden. Nur nicht ganz so lange. Ich suche mir lieber leichtere Beute.

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Leseprobe: Geschichten einer Kriegerin – Der verliebte Dschinn

Der verliebte Dschinn

Mark schüttelt den Kopf. „Wie kann jemand, der so fit ist, so leicht frieren?“
„Sie friert schon, wenn ich den Kühlschrank aufmache.“ Danke, James!
Mark grinst breit, während ich meinen lieben Ehemann empört anstarre.
„Was denn? Stimmt das etwa nicht? Ich verstehe es sowieso nicht. Als du den einen Kerl aus dem Auto geholt hast, da warst du auch nicht gerade dick angezogen.“
„Aber voll mit Adrenalin!“
„Was für einen Kerl aus was für einem Auto?“
Ich überlasse es James, von unserem Abenteuer mit dem Selbstmörder zu berichten, und denke in der Zeit nach. Was für ein Wesen haust in einem See, streichelt unsichtbar fremde Frauen und erscheint in einem Kaftan einem vögelnden Paar? Irgendwas ist hier mehr als seltsam.
„Schatz?“
„Was?“
„Ich habe dich jetzt dreimal was gefragt.“
„Was denn?“
„Ob es okay ist, dass Mark den Anzug besorgt und uns Bescheid sagt, wenn er ihn hat. Mehr als zwei, drei Tage wird das ja wohl nicht dauern.“
„Er hat eine Woche Zeit.“
„Eine Woche?“
„Bis nächsten Samstag. Ich werde nicht im Dunkeln im See herumschwimmen.“
„Hast du etwa Angst?“
„Das habe ich überhört. Ich brauche Licht. Meine Sinne sind zwar deutlich feiner als eure, aber ganz ohne Licht in dem See wird es nicht gehen.“
„Ich kann auch eine Taucherlampe besorgen.“
„Trotzdem werde ich erst nächsten Samstag in den See gehen, und zwar tagsüber“, erwidere ich. „Hast du ein Problem damit?“
Mark mustert mich nachdenklich, dann schüttelt er den Kopf.
„Gut. War es das?“
„Der offizielle Teil. Wenn ihr noch bleiben wollt, alles geht aufs Haus.“
Ich brauche einen Moment, um zu begreifen, dass er uns gerade ernsthaft vorgeschlagen hat, Gruppensex auszuprobieren. Und dass er heute garantiert mitmachen würde. Kann es wirklich sein, dass er so scharf darauf ist, mit der Frau seines ehemaligen Kollegen zu vögeln? Ich glaub das einfach nicht. Steht auf meiner Stirn: „Fick mich“?
Mark scheint mein Zögern zu missverstehen, denn er sagt: „Nein? Schade. Vielleicht ein anderes Mal.“
„Ganz sicher nicht!“
Ich verzichte auf den Abschied und warte im Foyer auf James. Er kommt irgendwann ohne Mark, sieht mich kurz an, dann nimmt er seine Jacke. Ich habe meine bereits an, er zieht seine gar nicht erst an. Heute sind wir mit meinem Wagen da und ich fahre. Die ersten Minuten ist nur Musik zu hören.
„Mark wollte wissen, was du eigentlich gegen ihn hast“, sagt James plötzlich.
„Ist dir eigentlich klar, dass er scharf darauf ist, mich zu ficken?“
„Unübersehbar.“
„Und was sagst du dazu?“
„Du bist scharf.“
Ich verreiße fast das Steuer, als ich ihn nicht zum ersten Mal heute empört anstarre.
„Ist dir nicht das klar?“
„Natürlich ist mir das klar. Deswegen ficke ich doch nicht jeden!“
„Nicht mehr.“
Arschloch! Ich beherrsche mich gerade noch und denke das nur. Mit zusammengepressten Lippen starre ich nach vorne.
„Ich mache dir keine Vorwürfe. Schließlich habe ich mich in dich verliebt, so wie du bist.“
„Aha.“
„Wo ist das Problem? Du siehst gut aus, du liebst Sex. Männer wie Mark merken das und reagieren darauf.“
„Und das ist dir egal?“
„Es wäre mir dann nicht egal, wenn ich dir nicht vertrauen würde.“
Na toll. Wie soll ich weiterschmollen, wenn er solche Sachen sagt?
Ich werfe ihm einen Blick von der Seite zu. „Du vertraust mir? Trotz allem?“
„Ist das falsch?“
Ich schüttele den Kopf.
„Mich törnt das eh ab.“
Ein heftiger Themenwechsel. Oder er merkt nur, wie unangenehm mir das Thema geworden ist. Immerhin habe ich ihm erst vor ein paar Wochen Gelegenheit gegeben, sein Vertrauen mir gegenüber zu überdenken.
„Hast du nicht gesagt, du hast das schon mal gemacht?“
„Das ist lange her. Außerdem war es dienstlich.“
„Und du hast es nicht genossen?“
„Doch, sicher hat es Spaß gemacht. Ich bin nun auch nicht gerade ein Mönch.“
„Nein, wirklich nicht.“ Ich grinse ihn an. „Hast du auch mit Männern geschlafen?“
Er schüttelt den Kopf.
„Keine Lust oder keine Gelegenheit?“
Mir wird plötzlich bewusst, dass ich mich auf sehr dünnem Eis bewege. Was antworte ich, wenn er mich fragt, ob ich schon mit einer Frau geschlafen habe? Okay, zur Not kann ich Anne Marie ins Spiel bringen. Wäre ja nicht einmal gelogen. Aber auch nicht ganz ehrlich. Kann er mir wirklich vertrauen?
„Jemand, den ich mal kannte, hat gesagt: Homosexuell sei man nur solange nicht, bis einem der Richtige begegnet.“
Stimmt. Genau so ist es mir mit Katharina ergangen. Dass sie seitdem nicht die einzige Frau geblieben ist, mit der ich Sex hatte, ist wahrscheinlich eine Konsequenz daraus, dass ich nun weiß, wie viel Spaß es machen kann.
„Wie müsste denn dein Angebeteter aussehen?“, erkundige ich mich.
„Wie du.“
Okay, er will darüber nicht reden, oder wenigstens nicht in die Tiefe gehen. Ich kann ja nur hoffen, dass er nicht auch ein Geheimnis hat.
Ach was, hat er nicht.
„Demnach hattest du mit mehreren Frauen gleichzeitig Sex.“
„Demnach?“
„Na ja, wenn du Gruppensex in einem Swinger-Club hattest und noch nie Sex mit einem Mann, müssen es ja mehrere Frauen gewesen sein.“
„Das ist logisch. Und ja. Mit dreien.“
„Oh. Unterfordere ich dich da nicht?“
„Du? Ganz sicher nicht.“
Hm. Das ist jetzt eindeutig mehrdeutig. Ich beschließe, dass es ein Kompliment war.
„Und du?“
„Ich war noch nie in einem Swinger-Club.“
„Und auch noch nie mit mehr als einem Mann Sex gehabt?“
„Doch. Einmal.“
„Oh.“
„Ich war neunzehn. Mein erster Urlaub allein, nach der Schule und bevor ich als Trainee anfing. Ich hatte mich im Hilton in Bay Arrival einquartiert und zwei Jungs in der Disco kennengelernt.“
„Also lag ich doch gar nicht so falsch.“
„Womit?“
„Nicht mehr.“
Ich brauche einen Moment, bis ich kapiere, was er meint. Dann sehe ich ihn an. „Idiot.“
Er grinst. „Wie ich schon sagte, ich habe mich in dich verliebt, weil du bist, wie du bist.“
„Wie bin ich denn?“
„Wieso wusste ich, dass jetzt diese Frage kommen wird?“
„Vielleicht weißt du ja wirklich, wie ich bin.“
James mustert mich nachdenklich.
„Du hast noch fünf Minuten, dann sind wir zu Hause.“
„Das geht schnell. Du bist süß wie Schokolade, heiß wie ein Vulkan und wild wie eine Löwin.“
Vielleicht sollte ich ihm erzählen, dass ich nicht süß bin. Andererseits, mir fehlt gerade die Luft zum Reden. Das ist so richtig typisch James, wie er eigentlich immer Komplimente macht. Wieso sagt er nicht einfach, dass ich die tollste Frau bin, der er je begegnet ist? Eine Göttin halt?
„Habe ich dich sprachlos gemacht?“
„Ein bisschen. Meine Eltern haben mich auch erst vor Kurzem mit einem Vulkan verglichen, als ich sagte, du seist wie ein Eisberg.“
„Wann war das denn?“
„Als ich … ich nackt zu ihnen rübergelaufen bin.“
„Ah, das meinst du.“
Zum Glück kommen wir jetzt zu Hause an und ich bin erlöst. Solche Gespräche hatten wir ja wirklich noch nicht oft. Eher noch nie. Was so ein Swinger-Club auslösen kann. Schon erstaunlich.
Wir drehen eine kurze Runde mit Danny. Als wir wieder im Haus sind und ich mich aus meiner der Kälte angemessenen Kleidung schäle, sage ich plötzlich, sogar für mich überraschend: „Auch gleichzeitig.“
James starrt mich fragend an.
„Einer von hinten, einer von vorne.“
„Oh.“ Er denkt kurz nach. „Zwei in Reiterstellung.“
„Und die Dritte?“
„Sie küsste die Zweite.“
„Verstehe.“ Ich vergesse, bei der Hose haltzumachen und stehe plötzlich im Schlüpfer da. „Wir küssten uns gleichzeitig.“
„Wir zu viert. Und zu dritt.“
Ich gehe rückwärts ins Wohnzimmer, bis ich mit den Kniekehlen gegen einen der Sessel stoße.
„Zwei gleichzeitig im Vordereingang.“
James zieht eine Augenbraue hoch. „Waren das keine Männer?“
„Du Arschloch“, erwidere ich lachend.
Er kommt näher und zieht mir den Pullover aus. Dann das Sweatshirt. Und schließlich das T-Shirt.
„Warst du am Nordpol?“, erkundigt er sich amüsiert.