Veröffentlicht am

Leseprobe: Projekt Melancholia

Projekt Melancholia

Die Nacht war kalt. Es wehte kaum Wind und es war sehr ruhig im Dickicht des Waldes. Nur ab und zu hallten die Schreie der Eulen zwischen den Stämmen wider. Dort bewegte sich etwas. Nicht sonderlich schnell und oftmals ausruhend. Ein verwundetes Tier?
Aber es ging nicht auf allen vieren – obwohl stark vornüber geneigt, hielt es sich relativ aufrecht. Es schleppte sich buchstäblich von einem Baum zum nächsten. In den vom Gewitter noch regennassen Nadelboden drückten sich seine Spuren ein.
Niemand, wenn es denn jemand gesehen hätte, hätte wohl in der Dunkelheit erkannt, was es war oder es auch nur geahnt: ein Kind.
Doch weder Leila noch ein anderes Mädchen. Es war ein kleiner Junge, der sich dahinschleichend mühevoll Schritt für Schritt seinen Weg durch das Geäst bahnte. Und dieser kleine Junge hieß Levin. Leilas bester Freund war er.
Er irrte hier umher. Und er war verwundet. An seinem Kopf klebte Blut. Es färbte einzelne Strähnen seines blonden Haares rot.
Aber keine Verletzung war es, die ihm das Vorwärtskommen erschwerte. Etwas in ihm drin hinderte ihn. Ein Gefühl, welches ihn unsicher machte über das, was er tat und sogar darüber, ob er es überhaupt tat. Jeder Schritt kam ihm unwirklich vor.
Auch wusste er kein Ziel. All seine Gedanken waren verschwommen und unklar, dabei hätte er gerade jetzt Klarheit haben müssen.
Er war seinen Verfolgern fürs Erste entkommen.
Im Dunkel der Nacht hatten sie seine Spur verloren. Seine Flucht war geglückt! Sie hatten einen Moment lang nicht aufgepasst, waren kurz unvorsichtig gewesen und diese Schwäche hatte er ausgenutzt.
Man hatte ihn aus dem dunklen Keller herausgeholt, in dem er schon lange festgehalten worden war – viele Stunden, vielleicht Tage – da kein Sonnenlicht dort unten hin drang, wusste er das nicht genau.
Oben war dann alles ganz schnell gegangen. Sie hatten gar nicht daran gedacht, ihn zu fesseln, hatten angefangen zu reden und ihn kurz aus den Augen gelassen. Die Tür war auch nicht abgeschlossen gewesen wie sonst, wahrscheinlich, weil doch gerade jemand gekommen war, der ihn sehen wollte.
Seine Entführer fast über den Haufen rennend, war er aus dem Haus ins Freie gestürmt. Den nicht übermäßig hohen Holzzaun, der das Grundstück begrenzte, hatte er allemal geschafft – bevor ihn die Hunde zu fassen bekommen konnten. Dann über die Wiesen in den Wald.
Sie hatten ihm nachgesetzt. Zweimal hatten sie ihn entdeckt und geschossen, ihn jedoch verfehlt, später noch einmal – aber nicht auf ihn. Sie mussten wohl ein anderes, ein falsches Ziel gehabt und ihn dadurch verloren haben.
Nun war er hier. Wo auch immer das war. Er konnte kaum die Hand vor Augen sehen. Es war völlig egal, ob er vorwärts, rückwärts, rechts oder links ging. Nur Glück konnte ihm helfen, hier wieder hinauszufinden. Und damit war er in letzter Zeit nicht gerade verwöhnt worden. Und selbst wenn er aus dem Wald hinauskam, was dann?
Langsam begannen sich seine umherkreisenden Gedanken zu ordnen. Er fühlte wieder etwas mehr Boden unter den Füßen.
Er war entkommen. Frei. Endlich frei!
Doch wohin jetzt? Wo war es sicher? Wo gab es jemanden, dem er trauen konnte?
Gerade diese Frage war nicht ganz unwichtig. Einige von denen waren Leute aus dem Dorf gewesen, die er vorher schon gekannt oder zumindest schon einmal gesehen hatte, und andere, völlig fremde – es war nicht abzuschätzen, wer noch zu ihnen gehörte. Vielleicht niemand, vielleicht aber auch sehr viele.
Es war ihm gelungen, freizukommen. Wenn er sich jedoch einfach so wieder im Internat oder im Dorf sehen ließ, konnte er ihnen gleich noch einmal ins Netz gehen.
Was wollten die eigentlich von ihm? Er wusste es nicht. Sie hatten ihn immer wieder gezwungen, irgendwelche kleinen Pillen zu schlucken. Davon war er dann sehr müde geworden, hatte nicht mehr so viel mitbekommen, selbst wenn er wach gewesen war. Schien über das, was er gedacht und getan hatte, keine rechte Kontrolle mehr gehabt zu haben. Oft hatte er alles wie im Traum erlebt.
Aber er wusste nur zu gut, dass es auch noch an etwas anderem lag. Ein Teil dieser Gefühle war ihm schon seit langer Zeit vertraut. Und dafür war er selbst verantwortlich.
Im Internat hatte er sich die Zeit immer etwas verschönt. Im Stift gab es einen kleinen Laden, in dem klostereigene Arzneimittel verkauft wurden. Mit ein paar Freunden war er vor etwa einem Jahr nachts da hineingeschlichen und hatte einiges von den Sachen dort probiert.
Das war richtig gut gewesen. Also war es nichts Einmaliges geblieben. Irgendwann hatte er gemerkt, dass er regelmäßigen Wiederholungsbedarf verspürte. Deshalb hatte er dann angefangen, auch einen gewissen Vorrat in seinem Zimmer zu verstecken. Aber da war er nun schon ziemlich lange nicht mehr herangekommen. Das machte sich jetzt natürlich intensiv bemerkbar. Essen oder Trinken war völlig egal, er fühlte nur den Hunger nach den Medikamenten.
Doch diese lästigen Gefühle hin oder her – was ihn im Moment wirklich fast wahnsinnig machte, war, dass er eine gewaltige Erinnerungslücke hatte.
Er wusste nicht mehr, wie er diesen Leuten überhaupt in die Hände gefallen war. Er war wie immer früh um sechs Uhr im Internat aufgewacht, hatte mit den anderen gefrühstückt, hatte Unterricht gehabt. Aber dann war alles dunkel – keinerlei Erinnerung daran, was nachmittags passiert war.
Er hörte auf zu gehen. Setzte sich an einen Baumstamm.
Er war verzweifelt.
Er wusste, er musste weg. Weg aus dem Dorf, so weit weg wie möglich. Denn sie würden nicht aufhören, ihn zu suchen. Und sie durften ihn nicht wieder erwischen!
Er hatte Angst vor dem, was sie ihm angetan hatten und wieder antun könnten. Oder noch schlimmer. Schließlich hatten sie heute sogar auf ihn geschossen. Er wusste ja, wie sie aussahen und was sie taten.
Solange er frei herumlief, war er ein Risiko für sie. Bevor er etwas verraten konnte, sollte er sterben. Wem aber sollte er schon etwas verraten?! Im Dorf gab es nicht einmal ein Polizeirevier. Wo also sollte er Hilfe finden?
Jemand anderem etwas erzählen? Wenn der, dem er es erzählte, auch dazugehörte, dann war gleich Endstation.
Endstation. Bei diesem Wort kam Levin ein Gedanke.
Die Eisenbahn!
Es gab einen Güterbahnhof am Rande des Dorfes. Die Gegend war früher reich an Erzen gewesen, die von hier mit dem Zug wegtransportiert worden waren. Jetzt fuhren die Züge seltener, aber sie fuhren.
Levin hatte mit Leila vor Jahren öfter auf dem Bahnhofsgelände gespielt. Es gab dort fast niemanden mehr, der aufpasste, und abgesperrt war das Gelände auch nicht.
Damit gab es also eine Möglichkeit, hier wegzukommen. Wohin? Egal! Erst einmal weg, in Sicherheit – außer Reichweite des Todes. Weg von der Gefahr!
All das sollte so weit wie möglich weg von ihm sein – das war sein einziger Wunsch.
Nur ein kleines Bündel voller Hass band ihn an diesen Ort. Doch Rachegedanken konnte er widerstehen. Abgesehen davon, dass er Angst vor diesen Menschen hatte, sah er auch keinen Sinn darin, jemanden zu töten, um seinen Hass loszuwerden. Überhaupt, töten – das konnte er sich kaum vorstellen. Sicher, Rache hin oder her, dann wäre er sie los, sie könnten ihm nichts mehr anhaben. Nur war es das wert?
Was würde dadurch mit ihm passieren? Dass es ihn verändern würde, das fürchtete er am meisten.
Würde etwas Schlimmes mit seiner Seele geschehen? Vorausgesetzt, es gab so etwas überhaupt. Aber furchtbar schlecht fühlen würde er sich auf jeden Fall deshalb, dessen war er sich sicher. Wäre mit dieser Tat nicht sein Leben genauso zerstört, als wenn diese Verbrecher es auslöschen würden? – Nein, das konnte es einfach nicht sein – nicht die Lösung seiner Probleme!
Er verdrängte die Gedanken daran.
Nur weg von hier, zum Bahnhof!
Im Moment war es natürlich nicht sonderlich leicht, dorthin zu gelangen. Der Mond schien zwar relativ hell, aber was nützte Licht von oben, wenn rundherum dicht an dicht hohe Bäume standen?!
Doch bis zum Morgen zu warten, war zu gefährlich, denn dann konnten auch seine Verfolger wieder Jagd auf ihn machen. Also nichts wie los!
Zwischen den Ästen durch die Finsternis tappend; immer einen Fuß vor den anderen. Es ging, wenn auch langsam, aber es ging.
Die genaue Richtung konnte er nur erahnen – das, was er rundum erkennen konnte, sah alles gleich aus. Doch da, wo es unter seinen Füßen abschüssig wurde, musste der Wald am schnellsten zu Ende sein.
Viele Minuten vergingen. Eine Stunde, vielleicht zwei – dann endlich spürte er grasigen Untergrund. Die Bäume lichteten sich etwas und auf einmal stand er tatsächlich im Freien.
Eine große Wiese. Der Mond tauchte die Halme in ein bleiches schimmerndes Weiß. Endlich freie Sicht!
Levin konnte das schlafende Dorf sehen. Es war nicht besonders weit.
Als finstere Klötze lagen die Häuser da, nur die kleine Kirche wurde von außen angestrahlt. Hinter dem Dorf die großen Felder, dann die Gleise direkt am Fluss. Bis dorthin musste er es schaffen.
Das Dorf war vollkommen ruhig, zu hören war nur der Schrei der Eulen vom Walde her.
Levin lief über die Wiese. Er beeilte sich sehr. Er hatte zwar keine Uhr, ihm war jedoch klar, dass die Nacht bereits viele Stunden alt war und wahrscheinlich sehr bald die Sonne aufgehen würde. Vielleicht erst in ein oder zwei Stunden, vielleicht aber auch innerhalb der nächsten zehn Minuten. Die Zeit saß ihm im Nacken. Das war das eine Problem. Das andere war, dass seine Häscher möglicherweise damit rechneten, dass er ins Dorf zurückkehrte und ihm dort eine Falle stellten.
Sicherlich wäre es für sie erfolgversprechender als wieder seiner Spur nachzujagen. Ob sie daran dachten?
Einen Moment überlegte er, den Ort lieber nicht zu betreten und außen herumzugehen. Aber der Umweg würde zu groß sein.
Als er die ersten Häuser erreicht hatte, schlich er von Ecke zu Ecke, immer wieder stehen bleibend und Ausschau haltend, ob nicht schon irgendwer auf ihn lauerte.
Und bereits nach kurzer Zeit schien sich seine Befürchtung zu bestätigen. Gerade war er in eine schmale Gasse eingebogen, da wich er gleich erschrocken zurück.
An einer Hauswand lehnte eine große Gestalt.
Vorsichtig spähte Levin um die Ecke.
Ja, dort war jemand. Eindeutig. Kein Gegenstand, kein bloßer Schatten – das war ein Mensch!
Levin machte abermals den Schritt zurück hinter die Ecke.
Verdammt – was jetzt?! Hier schien mit einem Mal Schluss, aber das durfte nicht sein!
Er schaute wieder. Der Fremde hatte sich nicht bewegt, blickte nicht in seine Richtung. Er hatte ihn also noch nicht bemerkt. Oder tat er nur so? Eine Falle?
In Levin kroch die Angst hoch. Vielleicht saß er schon mittendrin. Er suchte aufmerksam mit den Augen jedes Haus der Gasse ab, blickte auch zurück auf die Straße, aus der er gerade kam.
Nichts.
Aber es gab hier genug Möglichkeiten, jemanden versteckt zu beobachten. Fenster, dunkle Nischen zwischen einigen Häusern, Dächer, sowieso überall dort, wo das Mondlicht nicht hinfiel. Die Straßen waren schmal, die Häuser eng zusammengebaut.
Im Moment stand Levin noch an einer Straßenkreuzung, in der kleinen Gasse jedoch konnte man nur an einem Ende hinein und am anderen Ende wieder hinaus – Hofeingänge oder Lücken zwischen den Häusern gab es dort überhaupt nicht. Ein idealer Platz für eine Falle!
Selbst wenn Levin sich diesbezüglich irrte, sogar wenn diese Gestalt nicht zu denen gehörte, sie würde trotzdem mitbekommen, wo er hinging, hatte ihn gesehen. Und in einem Dorf wurde nun mal viel geredet, sodass denen diese Information auch zufallen konnte, selbst wenn sie nicht danach fragten.
Doch Levin war klar, dass solche Bedenken zu nichts führten. Er musste zum Güterbahnhof, und das so schnell wie möglich! Und falls das wirklich eine Falle war, dann war höchstwahrscheinlich ohnehin schon alles zu spät – dann hatte es auch keinen Sinn, einen zeitraubenden Umweg zu versuchen.
Er nahm allen Mut zusammen und trat um die Ecke. Einfach so vorbeizugehen, als mache er einen Spaziergang, schien ihm am unauffälligsten, wenngleich natürlich jeder, der sich nachts allein auf der einsamen Straße herumtrieb, anderen auffallen musste.
Levin versuchte, ruhig zu gehen und vor allem möglichst geräuschlos. Doch er erschrak bei jeder Berührung seiner Schuhe mit dem Kiesbett der Straße und blickte angstvoll zu der Gestalt hinüber. Bei jedem Schritt gab es ein gefährlich verräterisches Geräusch, das ihm das Herz bis zum Halse schlagen ließ.
Er ging am rechten Straßenrand, dicht an den Hauswänden. Die furchteinflößende Gestalt lehnte an der anderen Seite. Ein langer dunkler Mantel und ein schwarzer Hut.
Ein Gesicht konnte Levin noch nicht erkennen, aber gleich würde er so weit gekommen sein, dass er dem Unheimlichen direkt gegenüberstand. Jeder Schritt vorwärts ließ ihn stärker zittern. Sein Atem wurde immer schneller und sein Herz raste wie wild. Würde er gleich sterben?
Jede Sekunde war eine Ewigkeit, war absolute Qual. Kein Gedanke war mehr klar zu fassen. Panik.
Noch ein einziger Schritt und sein Blick traf genau die Augen des Gefürchteten.
Der Schrei des Entsetzens zerriss mit einem Schlag die nächtliche Stille.
Levin wankte zurück. Doch hinter ihm war die kalte Wand. Er zitterte und aus seinem Gesicht schien alles Leben gewichen zu sein. Was er sah, trieb ihm den Schock durch alle Glieder, ließ sein Herz beinahe stillstehen.
Die Augen und der Mund seines Gegenübers waren weit aufgerissen, es war wie ein stummer Schrei. In tiefdunklem Rot, fast schwarz, lief ihm das Blut von oben herab. In Höhe der Brust spiegelte es sich in der losen Klinge einer Sense, die tief in seinem Körper steckte.
Als wäre er im Augenblick seines Todes erstarrt, stand er nahezu aufrecht, gestützt durch die Wand im Rücken. Der letzte Atemzug war eingefroren in diesem Bild, in diesem Anblick des so ruhelosen Leichnams.
Der grausame Ausdruck seiner Augen forderte Levins Blick, fesselte ihn, zwang ihn dazu, in sie hineinzuschauen. Er konnte sich kein Stück mehr regen und eine unsichtbare Kraft schien ihm die Luft im Halse abzuschnüren. Er war vollkommen im Bann des unheimlichen Toten.
Da plötzlich flammten Lichter auf. Rundherum. Hinter den Fenstern der Häuser wurde es hell. Levins Augen zuckten erschrocken von einem Licht zum nächsten.
Wie ein Blitz schoss das vielfache Leuchten den einen nur möglichen Gedanken in seinen Kopf:
Weg hier!
Er riss seinen noch immer zitternden, halb erstarrten Körper von der Wand los und rannte.

Veröffentlicht am

Leseprobe: Blutrot – oder warum ist der Eber tot?

Blutrot

»Also jetzt müssen Sie mir das aber erklären!«, ruft Frau Garsts schrille Stimme Marlene schon von Weitem zur Begrüßung zu. »Grüß Gott, Frau Garst«, antwortet Marlene sogleich, einige Schritte später, als sie direkt vor ihr steht, in einer möglichst neutralen Tonlage. Frau Garsts prüfende Augen wandern abwertend von Marlenes Schuhen über ihre schwarze Jeans und ihre Bluse, bis hin zu ihrem Gesicht. Hängen bleiben sie wie immer an dem Piercing, das ihren rechten Nasenflügel ziert. Dabei finden Normalsterbliche dieses eigentlich eher dezent. »Was genau soll ich denn erklären?«, fragt Marlene, da Marwins Lehrerin nicht vorzuhaben scheint, ihre Frage zu wiederholen. »Sie wissen ja schon, dass wir nicht religiös sind. Es muss sich um eine Verwechslung handeln. Da ich heute ohnehin nur vormittags arbeite, hätte ich Marwin eh schon in einer Stunde geholt. Eine Stunde mehr oder weniger macht wohl keinen Unterschied – wo der Unterricht schon vorbei ist. So isst er zumindest mit mir.« Marwin hat bereits seine blaue Jacke an und hält den dazu passenden Rucksack mit beiden Händen umklammert. Den bekam er von seinem Papa Peter dem Polizisten zum zehnten Geburtstag. Seine dunkelbraunen Augen sehen richtig unschuldig aus. Schweigend betrachtet er seine Schuhe. »Aber rückerstatten kann ich Ihnen den Mittagsbeitrag nicht, nur damit Ihnen das klar ist. Da hätten Sie mir schon früher sagen müssen, was er essen darf und was nicht«, sagt Frau Garst schnippisch. Marlene nickt. Sie beschließt, diplomatisch zu bleiben. »Natürlich nicht. Ich wollte Sie auch gar nicht darum bitten.« – »Das hätte auch nichts gebracht.« – »Das habe ich verstanden.« – »Umso besser, dann sind wir uns ja einig«, kommt es aus Frau Garsts Mund, den nun ein künstliches Lächeln ziert. »Komm, wir gehen, Marwin«, fordert Marlene ihren Sohn auf. Er dreht sich in ihre Richtung. In derselben Bewegung schwingt er seinen Rucksack auf den Rücken. »Auf Wiedersehen, Frau Garst«, sagt er leise, ohne sie anzusehen. Dabei ist er schon auf dem Weg zum Ausgang. »Auf Nimmerwiedersehen«, korrigiert Marwin flüsternd, als die Lehrerin außer Hörweite ist. Marlene schmunzelt und tut, als hätte sie das nicht gehört. Sie wartet, bis sie durch das große Eingangstor des Hofes gegangen sind, bevor sie sich an ihren Sohn wendet: »Was ist das denn für eine Geschichte, Marwin?« – »Was denn?«, fragt ihr Sohn, immer noch leiser, als er gewöhnlich spricht. »Dass wir Muslime sind und das Zeugs?«, fährt Marlene fort. »Ich hab nicht gesagt wir beide, Mama. Nur ich – aber das hab‘ ich wegen Ayaz gesagt«, antwortet ihr Sohn, immer noch kleinlaut. Seinen Kopf hält er weiterhin gesenkt, so, dass Marlene ihn kaum hören kann. »Wer ist denn Ayaz?«, fragt sie. »Mein neuer Kumpel ist das. Du hast letztes Mal mit seinen Eltern beim Elternabend geredet, weißt du nicht mehr? Die Frau mit dem Tuch. Er war vorher in der anderen Klasse.« – »Der Parallelklasse?«, stellt Marlene sicher. Sie erinnert sich daran, sich während der Wartezeit mit einem türkischen Ehepaar unterhalten zu haben. Ihr Sohn nickt. »Der darf kein Fleisch essen. Deshalb schaut ihn die Frau Garst immer so an, so … als wär er krank oder so was. Also hab ich heute gesagt, ich kann das auch nicht essen, weil ich nur halal esse. So was isst er, der Ayaz.« Marlene kann nicht anders, als zu schmunzeln. Als Marwin das bemerkt, lächelt auch er, erst vorsichtig, weil er noch nicht ganz sicher ist, ob seine Mutter nun vielleicht doch schimpfen wird oder nicht. Er hebt den Kopf und schaut in ihre Richtung. »Du hättest ihr Gesicht sehen sollen!« Jetzt spricht ihr Sohn wieder in der gewohnten Lautstärke. In seiner Stimmlage schwingt sogar ein bisschen Begeisterung mit. »Zum ersten Mal hat sie mich noch blöder angeschaut als den Ayaz.« Marwin strahlt. »Ich wollte eigentlich schon mit dir schimpfen, aber das war ja dann eine ziemlich gute Idee. Abgesehen davon, dass du gelogen hast, natürlich.« Während dem letzten Satz verfinstert sich Marlenes Gesichtsausdruck wieder ein wenig. Trotzdem gibt sie ihrem Sohn einen Kuss auf die Stirn. Er ist und bleibt ein unverbesserlicher Weltverbesserer. Der Kuss ist ihm ein bisschen peinlich, so mitten auf der Straße.
Eigentlich hätte Marwin Erwin heißen sollen, nach seinem Großvater väterlicherseits. Allerdings findet Marlene den Namen Erwin absolut schrecklich und so weigerte sie sich bis zum letzten Moment, ihn so zu nennen. Peter der Polizist bestand natürlich darauf, wie er immer darauf besteht recht zu haben. Bis zu dem Tag der Geburt seines Sohnes. Während dieser wurde Peter ganz bleich und fiel in Ohnmacht. Im Nachhinein behauptete er das wäre Marlenes Schuld gewesen, sie hätte doch ein bisschen weniger schreien können. Vor seinen männlichen Kollegen erwähnt er besagte Geschichte nie. Als Marwin seinen Kopf zum ersten Mal aus dem Unterleib seiner Mutter streckte, weinte er nicht, sondern begann vor sich hin zu lachen. In diesem Moment kam Peter der Polizist wieder zu sich. Schwindelig betrachtete er seinen Sohn. »Schau wie er lacht, weißt du wie wir ihn nennen?«, meinte Marlene mit leuchtenden Augen. Peter der Polizist schaute sie fragend an. Er war wohl zu schwach, um zu sprechen. Ganz leicht lächelte er, was natürlich auch Marlenes Interpretation sein konnte. »Marwin, so wie Marwin Gaye.« Marlene ist ein großer Fan von Marwin Gaye. Natürlich ist das nicht die Musik ihrer Generation, aber das ist ihr ganz egal. Im nächsten Moment gelang es Peter dem Polizisten, mit Hilfe seiner letzten Kräfte zu sagen: »Aber gay … Das heißt doch schwul. MEIN Sohn wird nicht schwul!« Dabei überschlug sich seine Stimme leicht. Marlene verdrehte die Augen. »Ursprünglich heißt das glücklich, Peter«, meinte sie. »Und ob unser Sohn schwul wird oder nicht, kannst du sowieso nicht entscheiden. Ich wüsst auch gar nicht, was das für einen Unterschied machen sollt.« Da nickte Peter der Polizist, nicht weil er einer Meinung mit Marlene war, sondern weil er zu müde war, um ihr zu widersprechen.
»Wie willst du dein Kebab?«, fragt Marlene, nachdem sie die beiden Ampeln zwischen der Pestsäule und der Griesgasse überquert hatten. »Halal.« – »Jetzt kannst du aber aufhören, Marwin. Ich bin nicht Frau Garst.« – »Ich habe gedacht, was ich gesagt hab war eine gute Idee?« – »Einmal, ja. In der Schule. Und auch nur zur Frau Garst und zu keiner anderen Lehrerin. Schon gar nicht zu mir! Mir brauchst du keine Geschichten aufzutischen. Und ob du irgendwann religiös sein willst oder nicht, kannst du entscheiden, sobald du dich mit Religion auskennst. Dazu musst du dich erst einmal …« Marwin verdreht leicht die Augen, aber wirklich ganz leicht, damit seine Mutter es wohl nicht sehen kann. »Ja, Mama, ich weiß … erst einmal informieren, um zu wissen, ob ich religiös werden will oder Autist sein will, so wie du. Das hat Oma auch gesagt.« – »Atheist, Marwin.« – »Ist doch wurscht. Kann ich jetzt mein Kebab haben?« Sie bleiben vor der Imbissbude stehen. »Es ist nicht wurscht und fragen könntest du etwas höflicher!« Es wäre übertrieben zu sagen, dass Marlene schreit. Doch ihr Tonfall ist um einiges angestiegen. Der Kebab-Verkäufer schaut ziemlich überrascht aus der Wäsche. Er wusste gar nicht, dass die junge, österreichische Elterngeneration zu so drastischen Erziehungsmethoden wie »beinahe anschreien« greifen kann. »Darf ich bitte meinen Kebab haben, Mama?« – »Einen ohne Zwiebeln und einen normal, bitte«, bestellt Marlene. »Und dem Papa erzählst du das nicht, okay?«, fügt sie leise, an Marwin gewandt, hinzu. »Das mit dem Kebab, oder dass ich nicht weiß, ob ich Autist sein will?« – »Keins von beiden« – »Heißt einen ohne Zwiebeln und einen normal einen mit- und einen ohne Zwiebeln, oder zwei ohne Zwiebeln und einen mit scharfer Sauce?«, kommt es kleinlaut aus der Bude hervor. Ein Kochbuch könnte sie sich zulegen.

Veröffentlicht am

Leseprobe: Im Bann der Omerta

Im Bann der Omerta

Eva hatte ihren Sohn in Heidelberg zurückgelassen und kam vollkommen niedergeschlagen nach Frankfurt zurück. Sie musste sich sehr beherrschen, dass sie sich nicht einfach von der nächsten Brücke in den Main stürzte. Sie hatte mit ihren knapp neunzehn Jahren alles verloren, was ihr wichtig gewesen war. Ihr Vater war tot, sie wusste nicht, was mit ihrer Mutter war. Martin war tot und Manuel schwer krank und hatte wahrscheinlich auch nicht mehr lange zu leben. Sie fühlte sich schlecht, weil sie ihn in Heidelberg gelassen und das Versprechen gebrochen hatte, dass sie Martin gegeben hatte. Die Malerei, die ihr früher so wichtig gewesen war, hatte sie ganz vergessen und verdrängt. Irgendwann riss sie sich widerwillig zusammen und versuchte nachzudenken, wie es jetzt weitergehen sollte. Sie kündigte ihre Arbeit und gab die Wohnung auf. Hätte sie nicht gleich zwei Menschen verloren, sie hätte glauben können, sie stünde wieder am Anfang nach ihrer Flucht. Sie konnte ihre alte Umgebung nicht mehr ertragen, alles erinnerte sie an Martin und an Manuel. Sie musste unbedingt hier weg. Sie suchte sich im Frankfurter Ortsteil Höchst ein billiges Zimmer, änderte ihren Familiennamen und nannte sich jetzt Stefano, nach Martins Nachnamen. Sie bewarb sich in einer großen Firma wieder als Putzfrau und tat so, als verstehe sie kaum Deutsch, um lästige Fragen zu vermeiden. Die Sehnsucht nach Manuel zerriss sie fast. Am liebsten wäre sie nach Heidelberg gefahren, um ihn zu holen. Sie redete sich ein, dass er, wenn überhaupt, nur in Heidelberg eine Überlebenschance haben würde. Dort gab es gute Kliniken und die Krebsforschung hatte wichtige Fortschritte gemacht. Diese Überlegungen gaben ihr ein Quäntchen Mut zurück.
Mechanisch tat sie ihre Arbeit, bis sie eines Abends bei ihrer Rückkehr vor ihrer Haustür diesen Mann entdeckte, den sie schon vor ein paar Monaten in Frankfurt gesehen hatte. Bei all den Ereignissen in der letzten Zeit hatte sie aber nicht mehr an ihn gedacht. ‚Was sucht denn der hier? Ich kenne ihn doch gar nicht!’ Am ersten Abend beachtete sie ihn nicht weiter. Aber am nächsten Morgen stand er da, und als sie abends heimkam, wurde sie schon wieder beobachtet. Langsam bekam sie es mit der Angst zu tun. ‚Was, wenn die Leute meines Großvater mich entdeckt haben sollten?’ Unwirsch schüttelte sie den Kopf. Das war sehr unwahrscheinlich. Oder doch? Aber was wollte der Mann denn sonst? Verstohlen beobachtete sie ihn. Sehr italienisch sah er nicht aus, er war um die vierzig und hatte dunkelblonde, kurze Haare, eine Mütze auf dem Kopf und eine schlanke Figur. Er wäre ihr nicht weiter aufgefallen, wenn er sie nicht ständig beobachtet hätte. Er stand nicht immer da, aber meistens verfolgte er ihr Kommen und Gehen. Sie ging nur noch aus dem Haus, wenn es unbedingt sein musste. Eines Tages tauchte er am Werkstor ihres Arbeitsplatzes auf. „Eva Camari, wie geht es dir?“ Er baute sich vor ihr auf, sie konnte ihm nicht ausweichen.
„Was wollen Sie? Lassen Sie mich in Ruhe!“
„Was würdest du tun, damit ich dem alten Salvatore in San Gimignano nicht deinen Aufenthaltsort verrate?“
Eva versuchte sich an ihm vorbeizudrängeln, aber er verstellte ihr den Weg. „Welcher Salvatore?“ Misstrauisch blickte sie ihn an.
Ein hämisches Grinsen erschien auf seinem Gesicht. „Ich weiß es eben. Nein, er hat mich nicht geschickt, um dich zu suchen. Aber ich weiß, dass er viel zahlen würde, um dich unschädlich zu machen.“
„Was wollen Sie?“ Sie bekam wirklich Angst. Sollte ihr Großvater tatsächlich erfahren, wo sie war, wer weiß, ob sie überhaupt noch eine Überlebenschance hatte oder genauso enden würde wie ihr Vater.
„Ich bin nur an Geld interessiert. Aber wenn ich mir dich so anschaue, könnte ich auch auf andere Gedanken kommen.“ Sein Blick wurde immer unverschämter. „Und versuche ja nicht abzuhauen. Ich habe dich auch hier gefunden. Entweder du löhnst, oder ich verpfeife dich. Ich könnte aber auch der Ausländerbehörde und deinem Arbeitgeber stecken, dass sie mal deine Papiere überprüfen. Dann landest du in jedem Fall wieder in Italien. Keine Ahnung, was mir sonst noch einfallen könnte!“
Evas Gedanken drehten sich schneller als ein Kreisel. Wie konnte das gehen? Der unverschämte Mensch musste sie irgendwie ausgekundschaftet haben. Aber wie, um alles in der Welt? Sie hatte so zurückgezogen gelebt. Außer dem Projekt mit Carolina war sie nirgends groß weg oder dabei gewesen. Wie war er ihr auf die Spur gekommen? Was noch viel schlimmer war, wie hatte er das mit der Aufenthaltserlaubnis erfahren? Oder bluffte er nur, was das anging? Selbst wenn dies so war, sie durfte ihn in keinem Fall unterschätzen. Am nächsten Tag versuchte sie sich heimlich aus dem Haus zu schleichen, aber der Mann belästigte sie wieder. Er wollte Geld, fast die Hälfte ihres ohnehin mageren Lohns. Wieder drohte er damit, sie an Salvatore zu verraten. Sie wusste immer noch nicht, wie der Mann sie gefunden hatte. Ein Zufall konnte das Ganze nicht sein, dafür wusste er zu viel. Er hatte deutlich gemacht, dass er ihre Eltern und die Villa Marco kannte. Eva überlegte angestrengt, wie sie diesem Verbrecher entkommen konnte. Aber er war immer da, er verfolgte ständig ihr Kommen und Gehen. Der Polizei konnte sie sich nicht anvertrauen, denn sie wollte auf keinen Fall riskieren, dass die Angelegenheit breitgetreten wurde, schon alleine wegen ihrer gefälschten Papiere. Was sie am allerwenigsten brauchen konnte, war öffentliche Aufmerksamkeit. Aber sie brauchte mehr Geld. Vielleicht gab es wieder eine Möglichkeit zu dolmetschen, auch wenn sie dann zugeben musste, gut deutsch zu sprechen. Und vor allem, der Erpresser durfte das nicht mitbekommen. Sie suchte in der Zeitung nach Anzeigen, fand aber nichts Passendes. In der Firma hielt sie weitgehend den Mund, jeder glaubte, sie spreche kaum Deutsch. Aber der Erpresser verlangte monatlich seinen Anteil. Dann bot sich aber doch eine Gelegenheit. Sie holte sich die Firmenzeitung und sah, dass ein Dolmetscher für Italienisch gesucht wurde. Sie zog sich um und ging ins Personalbüro.
Eva musste sich zusammennehmen, dass ihre Stimme nicht zitterte, als sie nach dem Personalchef fragte. Zum ersten Mal sprach sie in der Firma richtig deutsch, als sie dem Personalchef gegenüber saß. Das Zeugnis von Herrn Sänger konnte sie nicht vorlegen, weil es auf einen anderen Namen lautete. Aber sie bat ihn, ihr einen schwierigen Text zu geben, den sie problemlos übersetzte. Der Personalchef war von dieser Leistung überzeugt und gab ihr die Stelle, wenn auch zunächst zur Probe. Er wunderte sich zwar über ihre Tätigkeit als Putzfrau, fragte aber nicht weiter nach. Am nächsten Tag bekam sie ihren ersten Auftrag. Sie musste eine Gelegenheit finden, bessere Kleidung mitzunehmen, denn in Jeans konnte sie unmöglich als Dolmetscherin arbeiten. Sie trug eine Tasche bei sich, die größer war als sonst, und entdeckte ihren Verfolger wieder an der Tür. Sie versuchte, sich vorbeizudrängeln. „Nanu, so eilig? Du bist heute aber früh dran.“ Er musterte sie unverschämt.
„Lassen Sie mich vorbei, ich muss zur Arbeit.“ Sie wollte ihn wegschieben, doch er blieb im Weg stehen.
„Hast du mir vielleicht was Neues mitzuteilen? Hast du etwa einen besseren Job und verdienst mehr Kohle?“ Er machte keinerlei Anstalten, sie vorbeizulassen.
„Nein, ich habe keinen besseren Job.“ Es fiel ihr nicht schwer zu lügen. Sie hoffte nur, dass er nicht auf die Idee kommen würde, in ihre Tasche zu schauen. Er wollte schon danach greifen, aber sie konnte an ihm vorbeischlüpfen und in dem Strom der Frühpendler untertauchen.
‚Das ist ja gerade noch mal gut gegangen. Ich habe keine Lust mehr, für den mitzuschuften.’ Es tat ihr trotz allem gut, deutsch zu sprechen und zu dolmetschen. Sie war froh, dass sie wieder eine anspruchsvollere Tätigkeit hatte. Der Erpresser schien nichts von ihrem neuen Job zu merken, sie hatte etwas mehr Geld. Eva hoffte, dass es ihr gelungen war, die Dolmetscherei zu verheimlichen, als er abends wieder vor ihrer Haustür stand.
„Hast du mir nicht etwas zu erzählen?“ Scheinbar erwartungsvoll und freundlich lächelte er sie an.
„Ich wüsste nicht, was.“ Schroff wandte sie sich ab.
„Ich aber schon. Ich halte deine Vergesslichkeit deiner Euphorie zugute. Aber man hat mir gesäuselt, dass du mehr Kohle verdienst. Was hast du dazu zu sagen?“
„Woher wollen Sie das wissen?“
„Ich habe so meine Verbindungen. Mir entgeht nichts. Also, wie ist es? Ich will meinen Anteil! Du weißt, was sonst passiert.“
Widerwillig musste sie ihm das Geld geben. Sie war froh, dass er nichts von Manuel mitbekommen hatte, denn ihr Kind wollte sie nicht in eine Erpressung verwickelt sehen. Sie hatte jetzt auch nicht mehr Geld als zuvor, aber wenigstens ab und zu einen Dolmetschauftrag. Eva zermarterte sich das Gehirn, wie sie diesen Erpresser abschütteln konnte. Sie überlegte, ob sie mit Daniel oder Michele Kontakt aufnehmen sollte. Aber das Risiko wäre zu groß gewesen, dass ihr Großvater von der Sache Wind bekommen hätte. Nein, es blieb ihr nichts anderes übrig, als hier zu bleiben und nach einer Gelegenheit zu suchen, dem Erpresser zu entwischen.
Der Zustand wurde unerträglich, denn er stellte wieder höhere Forderungen. Eva drohte mit der Polizei, aber er lachte sie nur aus. Er wusste genau, dass sie keine Handhabe gegen ihn hatte.
Notgedrungen arrangierte sie sich mit dem Mann. Sie kannte nicht einmal seinen Namen. Aber er hatte ein Foto von ihren Eltern, das früher in der Villa Marco gestanden hatte. Sie hatte das Bild aus Versehen vom Regal geworfen, dabei war es leicht beschädigt worden. Damit hatte er bewiesen, dass er Eva und ihre Familie kannte. Hatte sie ihn vielleicht schon bei bei ihrem Großvater gesehen? Nein, wie sie es auch drehte und wendete, ihr fiel kein Anhaltspunkt ein, woher er wusste, wer Salvatore war oder wieso er irgendeine Verbindung zu ihm haben könnte. Sie konnte aber nicht riskieren zu überprüfen, ob er nur bluffte. Wenn er sie tatsächlich verraten würde, wusste sie nicht, was werden sollte. Also musste sie den Erpresser wieder bezahlen. Oft war sie kurz davor, sich doch der Polizei anzuvertrauen, wagte es aber nicht aus Angst vor den Konsequenzen. Ob man ihr glauben würde, war sehr zweifelhaft. Sie dachte manchmal an Martin, er hätte ihr bestimmt geholfen. Aber es war keiner da, sie musste alleine damit fertig werden. Eva war mit ihren Nerven völlig am Ende und begann, beim Dolmetschen Fehler zu machen, sie wurde unkonzentriert.