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Leseprobe: Verdächtige und andere Katastrophen

Kommissar „Eifer“ hatte eine übermenschliche Spitzenleistung erbracht, mit der er jedes Rekordergebnis in den Schatten stellte. Bis dato hatte er sich weder telefonisch noch persönlich zu Wort gemeldet, und dieses Mal waren bereits vier Tage verstrichen, was nur der Massagekunst seiner Frau zugeschrieben werden konnte. Paul Maurus freute sich wie ein Schneekönig. Jetzt hieß es, den inneren Schweinehund zu überwinden und den Stier bei den Hörnern zu packen.
„Verehrtester Herr Maurus! Ich bin hocherfreut, Sie nach unserem Telefonat persönlich kennenzulernen. Und haben Sie vielen Dank, dass Sie sich hierher bemüht haben.“ Devot und enthusiastisch zugleich begrüßte ihn Harald Benning. „Das Risiko, dass ich beim Betreten oder Verlassen eines Polizeipräsidiums gesehen werde, ist mir in der Tat zu groß. – Dann wäre meine Reputation dahin!“
Diesen heiratslustigen Beau, der so stolz war wie ein Pfau war, hätte er nur zu gerne an die Kandare genommen. Stattdessen erwiderte er moderat: „Wenn Sie Ihre Aussage lieber in einer Ihnen vertrauten Umgebung machen wollen, dann wäre ich der Letzte, der Ihnen in die Quere kommen würde.“
„Hier ist es ja auch viel schöner. Nicht, dass ich etwa schon … aber so ein typisches Dienstzimmer ist schäbig, nach allem was man im TV zu sehen bekommt. Schließlich soll es ja auch nur ein Zimmer sein, um seinen Dienst zu verrichten, nicht wahr?!“
„Sie sagen es, und genau das werde ich jetzt tun! Sie haben also schon mehrere Kleinanzeigen in Tageszeitungen geschaltet, um Ihrer Traumfrau zu begegnen?“
„Das ist nicht korrekt!“
„So habe ich es aber in unserem vorangegangenen Telefongespräch verstanden!“
„Es handelt sich dabei um ziemlich fett gedruckte Inserate. – Oder können Sie sich vorstellen, dass ein Mann wie ich sich klein gedruckt offeriert? Immerhin bin ich meinem Ruf, der schönste Mann der Stadt zu sein, ein für alle Mal verpflichtet! Aber lassen Sie uns lieber ins Wohnzimmer gehen. Meine Diele ist zwar auch sehr schön … Apropos: Hier sehen Sie mal!“ Er reichte ihm einen Stapel mit Porträts.
Pauls Augenmerk richtete sich auf das gerahmte Poster in Schwarz-Weiß. „Sie stehen auf Albert Einstein?“
„Ich kenne diesen Eierkopf überhaupt nicht! Ich finde es nur toll, wie der die Zunge raushängen lässt. – Wäre doch eine prima Werbung für die Erfrischungsgetränke-Industrie. Bitte nehmen Sie Platz.“
Paul ließ sich samt Konterfeis in den ihm zugewiesenen Sessel fallen. Mit erlesenem Geschmack und viel Liebe zum Detail waren diese Möbelstücke nach antiquarischen Vorbildern gefertigt. Mit wunderschön geschwungenen Massivholzchatosen und Tischbeinen sowie Sichtholz, nussbaumfarben und hochglanzlackiert. Die Frontblenden der komfortablen Ledergarnitur mit traditioneller Knopfheftung und Leder bezogenen Rückseiten bestand aus einem Dreisitzer und zwei Sesseln, Pauls Sitzgelegenheit inbegriffen. Auf dem exquisiten Couchtisch thronte eine Leuchte mit einem aufwändigen, würfelförmigen Lampenschirm aus Tiffanyglas. An der Decke prunkte eine prachtvolle, 8-flammige Pendelleuchte mit eisernem, bronze-altgoldfarbenem Gestell und üppigem Glasbehang. In der Ecke stand eine hautfarbene, formschöne Stehleuchte mit gedrechseltem Fuß und roter Veloursborte. Zwei Brücken und ein persischer Teppich schmückten das Parkett. Ein Wohnzimmer, wie er es nicht besser hätte einrichten können – abgesehen von dem roten, nostalgischen Zweisitzer-Sofa mit zwei Kissen, alles aus Samt. Bequem schien es zu sein, aber es wirkte überladen. Der kunstvolle Gobelin im Barockstil, mit idyllischer Schäfer-Szenerie und die bronzefarbene, schätzungsweise 182 cm hohe Frauen-Skulptur verliehen dem Raum eine unerträgliche Schwülstigkeit.
„Sagen Sie nichts! Ich weiß, dass jeder von soviel Schönheit einfach überwältigt sein muss!“
Die abgedroschene Phrase: „Über Geschmack lässt sich nicht streiten“, war für Paul die letzte Chance, das Wort zu ergreifen.
Selbstgefällig führte Harald Benning seinen Monolog. „So und jetzt reden wir Tacheles! Haben Sie jemals zuvor einen schöneren Mann gesehen?“ Er nahm Paul die Fotografien aus der Hand. „Und ich garantiere Ihnen, Sie werden auch niemals wieder einen so schönen Mann zu Gesicht bekommen! Aber Sie müssen doch ehrlich zugeben, dass diese Bilder mir nicht annähernd gerecht werden. In natura bin ich noch viel schöner. Ihnen fehlen die Worte. Deswegen brauchen Sie sich nicht zu schämen. Ich habe mich daran gewöhnt, dass meine Schönheit meinen Mitmenschen die Sprache verschlägt! Ich bin so schön, dass andere sich dadurch oft überfordert fühlen. Darum hat meine Ex-Frau mich mit unserer gemeinsamen Tochter auch verlassen. Soviel Schönheit auf einmal, und das tagein, tagaus, konnte sie einfach nicht mehr ertragen. Von meinem erlesenen Geschmack ganz zu schweigen!“ Er spreizte seine Pfauenfedern.
„Es heißt, man erkennt einen eitlen Menschen an seiner Kleidung. Auf mich trifft das nicht zu! Obwohl: Ich wähle meine Anzüge, wie Sie sehen können, mit äußerster Sorgfalt aus. In Stilfragen kann mir keiner das Wasser reichen, was ich immer wieder tief beglückt feststelle, beim Flanieren oder wenn ich mich im Straßencafé platziere. Meine teuren Maßanzüge, die edlen Kaschmirmäntel, die ich im Winter trage, die eleganten Seidenhemden mit den farblich passenden, modischen Krawatten und die jeweils darauf abgestimmten Schuhe und Gürtel trage ich nicht aus Eitelkeit. Nein! Sie sind mein Schutz, meine Ritterrüstung gegen den übrigen schlampig und nachlässig gekleideten Rest der Welt. Mit meiner extravaganten Kleidung gelingt es mir sogar, mein schönes Äußeres noch dezent zu unterstreichen. Sicher sagen Sie sich jetzt, eine kostspielige Angelegenheit! Aber als Sprachdozent verdiene ich sehr viel Geld, und sonst bin ich sehr genügsam. Ich trinke nicht, ich rauche nicht und begnüge mich mit einem einfach belegten Käsebrot. Ich will nicht vom Thema abschweifen! Meine Studenten, die Kollegen, gleich welchen Geschlechts, nennen mich alle nur ‚den schönsten Mann der Welt’! Meine Nachbarin, eine gut situierte, ältere Dame, vergleicht mich jedes Mal mit einem berühmten Schauspieler, dessen Name ihr aber niemals über die Lippen kommt, weil er ihr einfach nie einfallen will.
Aber aus Erfahrung weiß ich, es kann sich nur um Pierce Brosnan handeln. Ich selbst scheue diesen Vergleich. Weil ich doch viel schöner und weicher bin als das nämliche Original. Allerdings hat mir die frappierende Ähnlichkeit mit dem vormaligen James-Bond-Darsteller die Inspiration zu diesen Aufnahmen … Moment!“ Er zog ein Bild aus dem Stapel hervor, das ihn mit geheimnisvollem Pokerface und in bester Agentenmanier, in Hut und Mantel, die Hände in den Taschen vergraben zeigte. „Ich will meine Schönheit in die Welt hinausschreien! Darum mache ich auch ganz verrückte Sachen. Eigentlich sollte es ein Geheimnis bleiben. Aber ich werde Ihnen nun anvertrauen, was Sie ohnehin herausfinden würden. Wie im Rausch habe ich des Öfteren bei Nacht und Nebel Abzüge dieser Fotografien, versehen mit meiner Visitenkarte, in die Briefkästen der Umgebung gesteckt. Diese ungewöhnliche Methode schenkt mir vielleicht eine ebenbürtige Frau, die einen so schönen Mann, der ich nun einmal bin, zu würdigen weiß und mit Handkuss nimmt. Eine Frau, die sich gerne mit Schönheit umgibt. Ich bin von dieser Vorgehensweise dermaßen überzeugt, dass ich weitere Abzüge entwickeln lasse, um mich wieder eifrig ans Werk machen zu können. Um noch mehr Menschen mit meiner Schönheit zu erfreuen, habe ich beschlossen, meine Fotos zusätzlich mit der Post zu verschicken. Schließlich kann ich mir nicht ständig die Nächte um die Ohren schlagen. Ich brauche den Schlaf in meinem erstklassigen Wasserbett, mit den seidenen Bezügen. Weil wir gerade beim Thema sind, ich trage ausschließlich Pyjamas aus reiner Seide, möchten Sie einen sehen?“
Paul nickte ermattet. Er wollte die Möglichkeit, die längere Einzelrede in dem Gespräch zu beenden, nicht ungenutzt lassen. Mit seinem Wahn von der eigenen Schönheit würde es dieser überkandidelte Lehrbeauftragte einer Hochschule noch weit bringen. Bald würde er nicht mehr nur der schönste Mann der Stadt, sondern auch der größte Narr weit und breit sein. Irgendwann, in naher Zukunft, würde diesem Beau nichts anderes mehr übrig bleiben, als seine Koffer zu packen und in eine andere Stadt zu ziehen, um dort der schönste Mann zu sein. Und dieser lächerliche Narr fürchtete um den Verlust seiner Reputation, wenn er seinen Fuß auf die Schwelle eines Polizeipräsidiums setzte!
Paul schüttelte fassungslos den Kopf und freute sich über die doch länger als angenommene Zeit, in der der Pfau durch seine Abwesenheit glänzte. Er war bereits eingedöst, als ihn Harald Benning aus dem behaglichen Ledersessel der Luxusklasse hochschrecken ließ. Ein Stapel Wäsche auf dem Arm und ein süffisantes Lächeln auf den Lippen, plauderte er munter weiter drauflos. „Nichts für ungut, aber ich finde, Sie sollten sich besser kleiden.“ Übereifrig breitete er die Kleidungsstücke auf dem Tisch aus. „Und da Sie nun schon einmal hier sind, werde ich Ihnen diesbezüglich mit Rat und Tat zur Seite stehen!“ Er zog einen blauen Kaschmirpullover aus dem Haufen und hielt ihn hoch. „Der würde Ihnen vortrefflich stehen!“
Paul Maurus rollte mit seinen großen, blauen Augen, als hätte er zu viel Chili gegessen.
„Ach, und mit Ihren Haaren müssten Sie auch etwas machen. Die sind so … die wirken so zerzaust. Wirres Haar lässt auf einen etwas wirren Verstand schließen, wie der Volksmund sagt. Außerdem sind sie viel zu lang. Mann trägt jetzt kurz. Wenn Sie möchten, gebe ich Ihnen die Adresse von meinem Friseur. Er ist ein Meister der Schere, und seine Maniküre und Pediküre sind wirklich erstklassig. Von seiner neuesten Dienstleistung ganz zu schweigen! Nichts ist spannender, als unter der Haube die Karten gelegt zu bekommen! Dazu wird Kaffee oder Sekt gereicht. Ich wähle stets den Kaffee, weil man mir dann noch zusätzlich aus dem Kaffeesatz die Zukunft weissagt.“
In Paul keimte wieder der Wunsch auf, ein Badezimmer zu zertrümmern und als Krönung mit bloßen Händen das Waschbecken herauszureißen.
„Ich persönlich finde es schade, dass Sie sich hinter dieser Hippiefrisur verstecken und so wenig aus sich machen. Dabei sind Sie ein so hübscher, junger Mann!“
„Ich verbitte mir diese Schwulitäten!“ Pauls Antwort kam wie aus der Pistole geschossen. Für sein Leben gern hätte er diesem James-Bond-Verschnitt die Fresse poliert. „Ich bin nicht zum Vergnügen hier! Ich muss einen Mordfall aufklären und Sie dazu befragen. Also lassen Sie uns jetzt zweckdienlich miteinander reden!“
„Ich fühle mich gemaßregelt, dennoch stehe ich ganz zu Ihrer Verfügung, Herr Maurus“, gab er verschnupft zurück und setzte sich ihm gegenüber auf den Lederdreisitzer.
„Sie hatten also ein Rendezvous mit Sofia von Stetten?“, fragte Paul gemäßigt.
„Nein!“
„Natürlich hatten Sie ein Date mit Frau von Stetten!“
„Nein!“
„Was soll das heißen: Nein?“
„Nein, heißt nein! Weil es ein Blind Date war, um bei der Wahrheit zu bleiben.“
„Demnach hatten Sie also ein Blind Date mit Sofia von Stetten?“
„Das ist korrekt!“
„Freut mich zu hören, dass wir uns wenigstens in diesem Punkt einig sind, Herr Benning!“
„Ich darf gar nicht daran denken“, klagte Benning rührselig, von Selbstmitleid getragen. „Sie war so eine wunderschöne junge Frau, und jetzt … Jetzt ist sie tot … Ermordet, von einem Meuchelmörder dahingerafft.“
Dieser Wortspender war nicht nur durch seinen Wahn von der eigenen Schönheit total verblödet, zu allem Überfluss war er auch noch begriffsstutzig. Paul hatte schwer mit seiner Beherrschung zu kämpfen. „Man hat sie nicht ermordet! Sie können die Tränen hinunterschlucken und sich die Nase pudern, sie erfreut sich bester Gesundheit!“
„Warum sind Sie dann hier?“
„Weil eine Freundin von ihr … Ich berichtige mich, weil eine ehemalige Freundin von ihr, Rosamunde Stichnote, ermordet wurde!“
„Und was hat das alles mit mir zu tun?“
„Ehrlich gesagt, frage ich mich das langsam auch!“ Paul kratzte sich nachdenklich am Kopf und entschloss sich kurzerhand, noch einmal die Kernfrage zu stellen.
„Sie hatten also ein Blind Date mit Sofia von Stetten?“
„Ja! Aber das wissen Sie doch schon!“
„Richtig, das weiß ich alles schon“, formulierte er langsam, um Eindruck und Zeit zu schinden.
„Wenn Sie Ihre Schuppen loswerden wollen, sollten Sie ein Haarwasser benutzen!“ Benning predigte tauben Ohren.
„Warum ist nichts daraus geworden?“, fiel Paul nach seinem wilden Kopfschütteln spontan ein.
„Das wüsste ich auch gerne – zumal ich ein formvollendeter Kavalier bin. Zu unserem Treffen hatte ich ihr einen prächtigen Strauß Rosen mitgebracht. Ins kostspieligste Lokal dieser Stadt hatte ich sie dann eingeladen, und als Krönung des Abends schenkte ich ihr ein Porträt von mir, das ich extra für diesen Anlass in einen teuren Rahmen hatte einfassen lassen. Und nachts, wenn ich mit meinem seidenen Schlafanzug allein in meinem großen Wasserbett liege, breche ich deswegen auch immer wieder in Tränen aus. Was bin ich doch für ein glücklicher Hund, sage ich mir dann immer wieder, nachdem ich über mein erfolgreiches Leben sinniert habe. Folglich bin ich auch zu dem Schluss gelangt, dass Sofia von Stetten sich nicht von anderen Frauen unterscheidet. Trotzdem hätte ich gerade von ihr mehr erwartet. Weil sie mit ihrer strahlenden Schönheit alles in den Schatten stellt, hoffte ich auf ihre Akzeptanz. Andererseits hatte sie wohl kaum mit so viel maskuliner Schönheit gerechnet, wenngleich ich sie in unserem Telefongespräch darauf vorbereitet hatte. Den Regeln eines sportlichen Wettkampfes gemäß sage ich, sie hat mich um eine schöne Erinnerung bereichert!“
„Dem kann ich mich nur anschließen, und möchte mich hiermit verabschieden. Auf Wiedersehen, Herr Benning!“

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Leseprobe: Verdächtige und andere Katastrophen

Verdächtige und andere Katastrophen

Es klopfte an der Tür. Ohne ein „Herein“ abzuwarten, wurde sie geöffnet.
Beide waren geblendet von dem Anblick der Person, die sich als Sofia von Stetten vorstellte. Paul sprang auf und rückte ihr den Stuhl zurecht.
„Möchten Sie auch eine Tasse Kaffee?“, stammelte er. Als Antwort erhielt er ein deutliches, aber auch freundliches „Nein, danke!“ Nie zuvor hatte er ein so wunderschönes Geschöpf mit solch einer magischen Ausstrahlung gesehen. Er vermochte nicht zu sagen, was ihn mehr an ihr fesselte: Ihre überirdische Schönheit oder ihr melancholisches Charisma. Dieses reizvolle Wesen hielt ihn gefangen. Sie war eine atemberaubende Beauty, vergleichbar mit einer aufflammenden Orchidee. Das lange, gewellte, kastanienbraune Haar umrandete ein ovales, elfenbeinernes Gesicht, aus dem die grünen Augen hervorstachen. Außer dem unruhigen Blick einer Raubkatze, der viel Temperament erahnen ließ, war in den vollendeten Gesichtszügen keine Gefühlsregung zu erkennen, bis auf das bezaubernde und warmherzige Lächeln, das gleichmäßige Zähne entblößte. Ihre große schlankwüchsige Statur wirkte in dem lindgrünen Hosenanzug mit kittfarbenen Nadelstreifen, unter dem sie ein pistazienfarbenes Top und hellbeige Pumps trug, ebenso zerbrechlich wie imposant. Sie bewegte sich in einer Leichtigkeit auf den für sie bereitgestellten Stuhl zu, als schwebte sie.
„Nun, meine Herren, sind Sie bereit?“, fragte sie mit sanfter Stimme, als sie Platz genommen hatte.
„Allezeit, bereit!“, antwortete Kommissar „Eifer“ unterwürfig und zeigte das breiteste Lächeln, dass sein Froschmaul imstande war herzugeben.
Sie kramte in ihrer Umhängetasche, die aus demselben hellbeigen Leder gearbeitet war wie die eleganten Glacéhandschuhe, die sie trug. Sie nahm eine Zigarette heraus und führte sie langsam an ihre Lippen.
Geistesgegenwärtig warf Paul sich auf den Schreibtisch von Kommissar „Eifer“, um sich dessen Feuerzeug zu schnappen. Er war Feuer und Flamme, bevor er lang ausgestreckt selbige entfachte.
Ihr Gesicht beugte sich tief über ihn. Ihre Augen blickten fest in die seinen. Nach einer Weile hatte er das Gefühl, als würden ihm seine Lider schwer. Niemand hatte ihn jemals so angesehen. So offen und unverwandt, als ob ihre Augen in die tiefsten Tiefen und Winkel seiner Seele hineinblickten. Ihre Gesichter waren sich so nah, dass ihre Augen fast zu einem einzigen verschmolzen, bevor er seine schloss.
„Sie sollten das auch einmal probieren“, unterbrach sie die Stille.
„Meine Rede! Aber Maurus ist ein solcher Gesundheitsfanatiker, dass …“
„Nicht doch“, lachend warf sie den Kopf in den Nacken. „Handschuhe tragen meinte ich!“ Verständnisvoll blickte sie zu Paul Maurus, der inzwischen mühsam Haltung angenommen und sich mit verschränkten Armen neben seinem Chef aufgebaut hatte. An die Wand gelehnt stand er da und versuchte, gelassen auszusehen.
„Der obskure junge Mann, der noch vor Kurzem auf diesem Stuhl saß, auf dem ich jetzt sitze, ist nicht der, für den Sie ihn halten, Herr Brandolf! Oder ist es ihnen lieber wenn ich Sie mit „Hauptkommissar“ anrede?“ Ihr Augenmerk galt weiterhin Paul Maurus, der mäßig erfolgreich sein „Pokerface“ aufgesetzt hatte. Sofia lächelte ihm spitzbübisch zu.
„Oh bitte! Nennen Sie mich, wie es Ihnen gerade in den Sinn kommt.“ Mit seiner Heuchelei buhlte er vergeblich um ihre Gunst. Abermals schmunzelte Sofia von Stetten so vertrauensvoll in Richtung dieses Kriminalneurotikers, dass Kommissar „Eifer“ sich selbst die Mühe machte, sich nach ihm umzudrehen. Maurus grinste verschämt. Aber der sonst so verklärte Ausdruck seiner großen blauen Augen war gegenwärtig einem Feuer gewichen, das eine nur allzu deutliche Sprache sprach.
Sofia drückte die halb gerauchte Zigarette lässig in den Aschenbecher. Während Gregor Brandolf davon überzeugt war, dass der Kretin hinter seinem Rücken immer noch blöd griente, zündete er sich den nächsten Glimmstängel an.
„Würden Sie das bitte unterlassen! Ich empfinde es als lästig, wenn in meinem Zugegensein geraucht wird, wenn ich es selber nicht tue.“ Prompt folgte er ihrer herrischen Aufforderung und zerdrückte die Zigarette im Aschenbecher.
„Sind Sie Hellseherin? Ich meine, wegen Ihrer Bemerkung von vorhin: Über den obskuren, jungen Mann!?“, er bemühte sich, wieder unumschränkter Herrscher in seinem Büro zu werden. Ein fast tollkühnes Vorhaben, wenn er weiterhin in dieser Weise ignoriert wurde.
„Sie sind wirklich sehr feinfühlend und haben eine sehr gute Beobachtungsgabe. Das ist stets lohnend“, analysierte Sofia den Charakter des verzückten Maurus.
“Was soll dieser Hokuspokus?“, polterte Kommissar „Eifer“.
„Misstrauen, Herr Brandolf, scheint Ihr Zweitname zu sein!“ Verächtlich rümpfte sie die Nase.
Er räusperte sich. „Eine Berufskrankheit … sozusagen.“
„Und von wegen Hokuspokus“, sagte sie erzürnt. „Ich habe die Gabe, Dinge zu sehen. Mitunter brauche ich nur einen Gegenstand zu berühren oder jemanden anzuschauen. Verschiedentlich habe ich auch Wahrnehmungen in meinen Träumen. Und diese Fähigkeit kann ich nicht beeinflussen!“
Gregor Brandolf rieb sich das Kinn. Er hielt es für klüger zu schweigen. Insbesondere nach all diesen zweifelhaften Aussagen, die er heute über sich ergehen lassen musste. Langsam aber sicher konnte er soviel Schwachsinn auf einmal nicht mehr ertragen. Er war sichtbar gereizt.
Vergeblich versuchte er das Zucken seiner Mundwinkel unter Kontrolle zu bringen. Er selbst wusste am besten, wie grotesk er dadurch aussah. Das wiederum regte ihn noch mehr auf. Seine Nervosität steigerte sich ins Unerträgliche. Sein von Neurosen geplagter Assistent blühte indessen unaufhörlich in nahezu anstößiger Weise auf.
„Kann ich bitte ein Glas Wasser haben?“, nahm Sofia wieder das Gespräch auf.
„Selbstverständlich!“ Maurus überschlug sich regelrecht. „Bitte sehr!“ Während er ihr das Glas reichte, hoffte er insgeheim auf eine Berührung von ihr, und wenn es auch nur ein flüchtiger und behandschuhter Kontakt war.
„Hoffentlich Ihr Geschmack?“ stieß er erregt hervor.
Wie zufällig und in Zeitlupe ließ sie ihre Hand über die seine gleiten. Dabei beobachtete sie ihn mit betörenden Blicken. „Genau so, wie ich es liebe“, hauchte sie ihm eindeutig zweideutig entgegen.
Offenherzig flirtete sie mit ihm, was ihn in Ekstase versetzte. Er bezog wieder seine Stellung an der Wand. Von dort hatte er den rechten Blickwinkel.
Hastig trank sie einen Schluck, bevor sie das Glas hinstellte. Wie in Trance visierte sie Gregor Brandolf an. Zuerst kamen die Sätze nur zögernd über ihre Lippen.
„… Und die Feen, Elfen und Kobolde tanzten vergnügt durch den Wald … Ende der Geschichte … Und noch eine Zugabe gibt es nicht … Mit gespielter Strenge beendete die Mutter die Gutenachtgeschichte. Der Knabe, der wie alle Kinder, mit seiner Feinfühligkeit auf jegliche Empfindungsäußerung reagierte, hatte ein ungutes Gefühl. Und das zu recht, wie sich tags darauf herausstellte. Es war der Tag, an dem er seine Mutter zum ersten und zum letzten Mal hatte schreien hören. Nachdem sie festgestellt hatte, dass der von ihr so innig geliebte Baum nicht mehr da stand, wo er gefälligst zu stehen hatte – nämlich vor dem Erkerfenster im Wohnzimmer. Zwischenzeitlich hatte der Tannenbaum nähere Bekanntschaft mit Vaters Motorsäge gemacht. Es war ein stimmgewaltiger Abgang. Mit vielen Koffern. Und als Abschiedsgruß der explosionsartige Knall der Haustür. Da stand er nun, der kleine Junge. Im einsetzenden Regen, der blitzschnell zum Wolkenbruch ausartete. Mit seinen ebenso traurigen wie lebhaften Augen, die, teils vom Regen, teils von Tränen feucht, fiebrig glänzten. Schmerzlich wurde ihm klar, dass ihm nichts geblieben war. Nicht einmal seine Tränen. Die hatte ihm der Platzregen aus den strapazierten Augen gespült.“ Die sprudelnde Quelle ihrer Worte versiegte an dieser Stelle. Sofia kräuselte die Stirn.
Gregor Brandolf war peinlich berührt. Zweifellos war er einmal dieser kleine, niedergeschlagene Junge gewesen. Sofia von Stetten ging nicht näher darauf ein.
Innerlich dankte er ihr für ihren Anstand.
Sie strich durch ihr langes Haar. Ein Lächeln umspielte ihre einladenden Lippen. Sie nippte an dem Wasser. Verheißungsvoll blickte sie zu Paul Maurus und dann zu dessen Chef. Sofia lächelte das bezaubernde und warmherzige Lächeln, dass ihr zu eigen war. Das Lächeln, das ihre gleichmäßigen Zähne, die wie Perlen strahlten, entblößte und Paul mitten ins Herz traf.
„Haben die Herren sich schon unter den ehemaligen Schülern von Rosamunde Stichnote umgehört?“ Sie wartete das Nicken der beiden ab. „Na, dann wissen sie ja Bescheid!“
„Leider wissen wir so gut wie gar nichts“, sagte Kommissar „Eifer“, dessen Froschmaul immer noch von selbst zuckte.
„Diese Frau, die den ehrenvollen Vornamen „Rosamunde“ trug, hatte sich stets selbst als einen herzensguten Menschen bezeichnet. Derzeit hieß sie mit Nachnamen „Stichnote“. Sie hatte wieder ihren Mädchennamen angenommen, nachdem sie von Herbert Schmidt geschieden war. Er war bereits ihr vierter Gatte. Sie hatte eine Schwäche fürs Heiraten. Diese taktlose Person liebte nichts so sehr wie die eigenen Hochzeiten, die sie jedes Mal mit groß gedruckten Anzeigen in mehreren Tageszeitungen kundtat. Wie eine Krawatte hing sie den Männern um den Hals!“
„Sie mochten sie nicht?“, bemerkte Brandolf sachlich.
„Keiner mochte sie! Außer sie sich selbst. Eine Egozentrikerin war sie. Sie hätten mal sehen müssen, wie sie täglich das Messingschild „Rosamunde Stichnote-Wendelgard, staatlich geprüfte Klavierlehrerin“, auf Hochglanz polierte. – Ihr erster Ehemann hieß Wendelgard, Stoffel Wendelgard. Eigentlich „Christopher“, aber sie nannte ihn nur „Stoffel“. Kein Wunder, dass der arme Kerl Reißaus nahm – genau wie die vielen Grundschüler, die sie damals unterrichtete. Außer ihrem Konzertflügel, der für jeden tabu war, nutzte sie zusätzlich ein Klavier nur für den Unterricht.
Allerdings wollte sie sich dieses von den weniger Begabten nicht demolieren lassen, wie sie unverblümt zugab. Also setzte Rosamunde Stichnote alles daran, um diese Schwächlinge, die auf ihrem Instrument stümperten, eines Besseren zu belehren. Ständig kratzte sie sich mit den langen, rot lackierten Fingernägeln die Kopfhaut und überlegte, wie sie die kleinen, halslosen Ungeheuer zu der Einsicht bringen könnte, dass sie nicht zum Klavierspielen taugten. Meistens drohte sie ihnen damit, ihre Wurstfinger auf den Tasten festzunageln. Bei den völlig untalentierten Kindern pupste sie permanent während des Unterrichts. Mit diesen Methoden hatte sie bald ihr angestrebtes Ziel erreicht: Die Elite selektiert! Aber ihr loses Mundwerk und der Hang, alle noch so unwichtigen und verabscheuungswürdigen Vorfälle ihrer Einkaufserlebnisse bis ins kleinste Detail zu schildern, taten ihr Übriges. Als die Schüler ausblieben, versuchte sie es mit einer Mieterin. – Frau Brigitte Hunold, die eine Seele von einem Mensch ist. Der Dauerstreit artete …“
„Hunold?“ Kommissar „Eifer“ schnitt ihr das Wort ab. Sein messerscharfer Verstand arbeitete auf Hochtouren. „Verwandt oder verschwägert mit einem Eckehard Hunold?“
„Das entzieht sich meiner Kenntnis.“ Sofia zuckte mit den Schultern und fuhr fort. „Der Dauerstreit artete immer mehr aus. Rosamunde beobachtete ihre Mieterin genau und führte über all ihre Fehltritte akribisch Buch. Schließlich kommunizierte sie nur noch schriftlich mit ihr. Oder ab und an ließ sie sich dazu herab, ihr eine telefonische Abreibung zu verpassen – wenn es sich um einen sogenannten Notfall handelte. Und ein überkochender Wasserkessel war eben das Eintreten dieser Notwendigkeit, an der sich Rosamunde so richtig die Zunge verbrannte. Sie hatte sich in ihrem Garten aufgehalten und durch die offene Balkontür der Mieterin einen Blick auf deren Wasserkessel werfen können, der nach ihrem Ermessen kurz vor dem Explodieren stand. Daraufhin eilte sie ans Telefon, um diese aufs Schärfste zurechtzuweisen. Letztendlich trat Frau Hunold die Flucht an.“
Der Name Hunold ließ Gregor Brandolf jedes Mal aufhorchen. Für ihn war dieser Name ein Gefahrensignal und an Entwarnung war nicht einmal im Traum zu denken. Er rieb sich den Pavianschädel. Sofia betrachtete ihn prüfend, dann sprach sie weiter.
„Da Rosamunde sich stets versuchte, an mir zu orientieren und obendrein Geld brauchte, hatte sie die glorreiche Idee, ein Buch zu schreiben. Sie wollte …“
„Sie sind Autorin?“
„Ja! Allerdings nur nebenberuflich und unter Verwendung eines Pseudonyms.“
Gregor Brandolfs Neugierde war geweckt. „Und was ist ihr eigentlicher Beruf?“
„Tochter! Ich bin von Beruf Tochter!“, entgegnete sie sarkastisch.
„Auch eine gute Art zu leben!“ Er passte sich ihrem Ton an und war erleichtert, von keinen Zuckungen mehr heimgesucht zu werden.
„Sie sagen es, Herr Brandolf. Eine wirklich sehr gute Art zu leben!“, stellte sie kühl fest. „Rosamunde versprach mir und sich selbst, einen Bestseller zu schreiben. Es klang aber mehr nach einer Drohung als nach einem Versprechen!“
„Was für Bücher schreiben Sie?“ Nicht weniger neugierig, dafür aus rein privatem Interesse heraus, stellte Brandolf diese Frage. Er dachte daran, seiner beachtlichen Sammlung Zuwachs zu gönnen.
Manche Bücher hatten eine so erotisierende Wirkung wie ein Aphrodisiakum. Seine Frau und er bevorzugten solche Bücher.
„Oh! Das ist ganz unterschiedlich. Sozusagen für jeden etwas.“ Sofia schaute abwechselnd zu ihm und seinem Assistenten. „Mitunter Erzählungen. Einen Krimi habe ich auch schon geschrieben, Herr Hauptkommissar! Einen Kurzkrimi, wohlgemerkt! In dem verliebt sich der larmoyante Gehilfe des Kommissars, der eine wandelnde Neurose ist, in die Mörderin. Aber nichtsdestotrotz löst er den Fall auf eigene Faust!“ Sie warf Maurus „Kälbchenaugen“ zu, der fasziniert jedes ihrer Worte wie ein Schwamm aufsaugte und als stummer Diener jeden ihrer Blicke wie Casanova höchstpersönlich reflektierte. „Ach … und Sachbücher. Mit Themen über die Sexualpraktiken von Kriminalisten, deren geheime Leidenschaften und Perversionen, und wie sich diese gegebenenfalls auf ihre laufenden Ermittlungen auswirken.“ Laut lachend wandte sie sich von Gregor Brandolf ab, dessen Antlitz eines Exoten zwischenzeitlich die Farbe einer reifen Tomate angenommen hatte. Sie zwinkerte Paul Maurus zu, der in seiner Ecke wie ein treu ergebener Hund auf die Zuwendung seines Frauchens wartete, um dann dankbar und freudig erregt mit dem Schwanz zu wedeln, wenn er diese erhalten hatte.
„Ihr Pseudonym möchten sie nicht verraten?“, fragte Gregor Brandolf süffisant.

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Leseprobe: Projekt Melancholia

Projekt Melancholia

Die Nacht war kalt. Es wehte kaum Wind und es war sehr ruhig im Dickicht des Waldes. Nur ab und zu hallten die Schreie der Eulen zwischen den Stämmen wider. Dort bewegte sich etwas. Nicht sonderlich schnell und oftmals ausruhend. Ein verwundetes Tier?
Aber es ging nicht auf allen vieren – obwohl stark vornüber geneigt, hielt es sich relativ aufrecht. Es schleppte sich buchstäblich von einem Baum zum nächsten. In den vom Gewitter noch regennassen Nadelboden drückten sich seine Spuren ein.
Niemand, wenn es denn jemand gesehen hätte, hätte wohl in der Dunkelheit erkannt, was es war oder es auch nur geahnt: ein Kind.
Doch weder Leila noch ein anderes Mädchen. Es war ein kleiner Junge, der sich dahinschleichend mühevoll Schritt für Schritt seinen Weg durch das Geäst bahnte. Und dieser kleine Junge hieß Levin. Leilas bester Freund war er.
Er irrte hier umher. Und er war verwundet. An seinem Kopf klebte Blut. Es färbte einzelne Strähnen seines blonden Haares rot.
Aber keine Verletzung war es, die ihm das Vorwärtskommen erschwerte. Etwas in ihm drin hinderte ihn. Ein Gefühl, welches ihn unsicher machte über das, was er tat und sogar darüber, ob er es überhaupt tat. Jeder Schritt kam ihm unwirklich vor.
Auch wusste er kein Ziel. All seine Gedanken waren verschwommen und unklar, dabei hätte er gerade jetzt Klarheit haben müssen.
Er war seinen Verfolgern fürs Erste entkommen.
Im Dunkel der Nacht hatten sie seine Spur verloren. Seine Flucht war geglückt! Sie hatten einen Moment lang nicht aufgepasst, waren kurz unvorsichtig gewesen und diese Schwäche hatte er ausgenutzt.
Man hatte ihn aus dem dunklen Keller herausgeholt, in dem er schon lange festgehalten worden war – viele Stunden, vielleicht Tage – da kein Sonnenlicht dort unten hin drang, wusste er das nicht genau.
Oben war dann alles ganz schnell gegangen. Sie hatten gar nicht daran gedacht, ihn zu fesseln, hatten angefangen zu reden und ihn kurz aus den Augen gelassen. Die Tür war auch nicht abgeschlossen gewesen wie sonst, wahrscheinlich, weil doch gerade jemand gekommen war, der ihn sehen wollte.
Seine Entführer fast über den Haufen rennend, war er aus dem Haus ins Freie gestürmt. Den nicht übermäßig hohen Holzzaun, der das Grundstück begrenzte, hatte er allemal geschafft – bevor ihn die Hunde zu fassen bekommen konnten. Dann über die Wiesen in den Wald.
Sie hatten ihm nachgesetzt. Zweimal hatten sie ihn entdeckt und geschossen, ihn jedoch verfehlt, später noch einmal – aber nicht auf ihn. Sie mussten wohl ein anderes, ein falsches Ziel gehabt und ihn dadurch verloren haben.
Nun war er hier. Wo auch immer das war. Er konnte kaum die Hand vor Augen sehen. Es war völlig egal, ob er vorwärts, rückwärts, rechts oder links ging. Nur Glück konnte ihm helfen, hier wieder hinauszufinden. Und damit war er in letzter Zeit nicht gerade verwöhnt worden. Und selbst wenn er aus dem Wald hinauskam, was dann?
Langsam begannen sich seine umherkreisenden Gedanken zu ordnen. Er fühlte wieder etwas mehr Boden unter den Füßen.
Er war entkommen. Frei. Endlich frei!
Doch wohin jetzt? Wo war es sicher? Wo gab es jemanden, dem er trauen konnte?
Gerade diese Frage war nicht ganz unwichtig. Einige von denen waren Leute aus dem Dorf gewesen, die er vorher schon gekannt oder zumindest schon einmal gesehen hatte, und andere, völlig fremde – es war nicht abzuschätzen, wer noch zu ihnen gehörte. Vielleicht niemand, vielleicht aber auch sehr viele.
Es war ihm gelungen, freizukommen. Wenn er sich jedoch einfach so wieder im Internat oder im Dorf sehen ließ, konnte er ihnen gleich noch einmal ins Netz gehen.
Was wollten die eigentlich von ihm? Er wusste es nicht. Sie hatten ihn immer wieder gezwungen, irgendwelche kleinen Pillen zu schlucken. Davon war er dann sehr müde geworden, hatte nicht mehr so viel mitbekommen, selbst wenn er wach gewesen war. Schien über das, was er gedacht und getan hatte, keine rechte Kontrolle mehr gehabt zu haben. Oft hatte er alles wie im Traum erlebt.
Aber er wusste nur zu gut, dass es auch noch an etwas anderem lag. Ein Teil dieser Gefühle war ihm schon seit langer Zeit vertraut. Und dafür war er selbst verantwortlich.
Im Internat hatte er sich die Zeit immer etwas verschönt. Im Stift gab es einen kleinen Laden, in dem klostereigene Arzneimittel verkauft wurden. Mit ein paar Freunden war er vor etwa einem Jahr nachts da hineingeschlichen und hatte einiges von den Sachen dort probiert.
Das war richtig gut gewesen. Also war es nichts Einmaliges geblieben. Irgendwann hatte er gemerkt, dass er regelmäßigen Wiederholungsbedarf verspürte. Deshalb hatte er dann angefangen, auch einen gewissen Vorrat in seinem Zimmer zu verstecken. Aber da war er nun schon ziemlich lange nicht mehr herangekommen. Das machte sich jetzt natürlich intensiv bemerkbar. Essen oder Trinken war völlig egal, er fühlte nur den Hunger nach den Medikamenten.
Doch diese lästigen Gefühle hin oder her – was ihn im Moment wirklich fast wahnsinnig machte, war, dass er eine gewaltige Erinnerungslücke hatte.
Er wusste nicht mehr, wie er diesen Leuten überhaupt in die Hände gefallen war. Er war wie immer früh um sechs Uhr im Internat aufgewacht, hatte mit den anderen gefrühstückt, hatte Unterricht gehabt. Aber dann war alles dunkel – keinerlei Erinnerung daran, was nachmittags passiert war.
Er hörte auf zu gehen. Setzte sich an einen Baumstamm.
Er war verzweifelt.
Er wusste, er musste weg. Weg aus dem Dorf, so weit weg wie möglich. Denn sie würden nicht aufhören, ihn zu suchen. Und sie durften ihn nicht wieder erwischen!
Er hatte Angst vor dem, was sie ihm angetan hatten und wieder antun könnten. Oder noch schlimmer. Schließlich hatten sie heute sogar auf ihn geschossen. Er wusste ja, wie sie aussahen und was sie taten.
Solange er frei herumlief, war er ein Risiko für sie. Bevor er etwas verraten konnte, sollte er sterben. Wem aber sollte er schon etwas verraten?! Im Dorf gab es nicht einmal ein Polizeirevier. Wo also sollte er Hilfe finden?
Jemand anderem etwas erzählen? Wenn der, dem er es erzählte, auch dazugehörte, dann war gleich Endstation.
Endstation. Bei diesem Wort kam Levin ein Gedanke.
Die Eisenbahn!
Es gab einen Güterbahnhof am Rande des Dorfes. Die Gegend war früher reich an Erzen gewesen, die von hier mit dem Zug wegtransportiert worden waren. Jetzt fuhren die Züge seltener, aber sie fuhren.
Levin hatte mit Leila vor Jahren öfter auf dem Bahnhofsgelände gespielt. Es gab dort fast niemanden mehr, der aufpasste, und abgesperrt war das Gelände auch nicht.
Damit gab es also eine Möglichkeit, hier wegzukommen. Wohin? Egal! Erst einmal weg, in Sicherheit – außer Reichweite des Todes. Weg von der Gefahr!
All das sollte so weit wie möglich weg von ihm sein – das war sein einziger Wunsch.
Nur ein kleines Bündel voller Hass band ihn an diesen Ort. Doch Rachegedanken konnte er widerstehen. Abgesehen davon, dass er Angst vor diesen Menschen hatte, sah er auch keinen Sinn darin, jemanden zu töten, um seinen Hass loszuwerden. Überhaupt, töten – das konnte er sich kaum vorstellen. Sicher, Rache hin oder her, dann wäre er sie los, sie könnten ihm nichts mehr anhaben. Nur war es das wert?
Was würde dadurch mit ihm passieren? Dass es ihn verändern würde, das fürchtete er am meisten.
Würde etwas Schlimmes mit seiner Seele geschehen? Vorausgesetzt, es gab so etwas überhaupt. Aber furchtbar schlecht fühlen würde er sich auf jeden Fall deshalb, dessen war er sich sicher. Wäre mit dieser Tat nicht sein Leben genauso zerstört, als wenn diese Verbrecher es auslöschen würden? – Nein, das konnte es einfach nicht sein – nicht die Lösung seiner Probleme!
Er verdrängte die Gedanken daran.
Nur weg von hier, zum Bahnhof!
Im Moment war es natürlich nicht sonderlich leicht, dorthin zu gelangen. Der Mond schien zwar relativ hell, aber was nützte Licht von oben, wenn rundherum dicht an dicht hohe Bäume standen?!
Doch bis zum Morgen zu warten, war zu gefährlich, denn dann konnten auch seine Verfolger wieder Jagd auf ihn machen. Also nichts wie los!
Zwischen den Ästen durch die Finsternis tappend; immer einen Fuß vor den anderen. Es ging, wenn auch langsam, aber es ging.
Die genaue Richtung konnte er nur erahnen – das, was er rundum erkennen konnte, sah alles gleich aus. Doch da, wo es unter seinen Füßen abschüssig wurde, musste der Wald am schnellsten zu Ende sein.
Viele Minuten vergingen. Eine Stunde, vielleicht zwei – dann endlich spürte er grasigen Untergrund. Die Bäume lichteten sich etwas und auf einmal stand er tatsächlich im Freien.
Eine große Wiese. Der Mond tauchte die Halme in ein bleiches schimmerndes Weiß. Endlich freie Sicht!
Levin konnte das schlafende Dorf sehen. Es war nicht besonders weit.
Als finstere Klötze lagen die Häuser da, nur die kleine Kirche wurde von außen angestrahlt. Hinter dem Dorf die großen Felder, dann die Gleise direkt am Fluss. Bis dorthin musste er es schaffen.
Das Dorf war vollkommen ruhig, zu hören war nur der Schrei der Eulen vom Walde her.
Levin lief über die Wiese. Er beeilte sich sehr. Er hatte zwar keine Uhr, ihm war jedoch klar, dass die Nacht bereits viele Stunden alt war und wahrscheinlich sehr bald die Sonne aufgehen würde. Vielleicht erst in ein oder zwei Stunden, vielleicht aber auch innerhalb der nächsten zehn Minuten. Die Zeit saß ihm im Nacken. Das war das eine Problem. Das andere war, dass seine Häscher möglicherweise damit rechneten, dass er ins Dorf zurückkehrte und ihm dort eine Falle stellten.
Sicherlich wäre es für sie erfolgversprechender als wieder seiner Spur nachzujagen. Ob sie daran dachten?
Einen Moment überlegte er, den Ort lieber nicht zu betreten und außen herumzugehen. Aber der Umweg würde zu groß sein.
Als er die ersten Häuser erreicht hatte, schlich er von Ecke zu Ecke, immer wieder stehen bleibend und Ausschau haltend, ob nicht schon irgendwer auf ihn lauerte.
Und bereits nach kurzer Zeit schien sich seine Befürchtung zu bestätigen. Gerade war er in eine schmale Gasse eingebogen, da wich er gleich erschrocken zurück.
An einer Hauswand lehnte eine große Gestalt.
Vorsichtig spähte Levin um die Ecke.
Ja, dort war jemand. Eindeutig. Kein Gegenstand, kein bloßer Schatten – das war ein Mensch!
Levin machte abermals den Schritt zurück hinter die Ecke.
Verdammt – was jetzt?! Hier schien mit einem Mal Schluss, aber das durfte nicht sein!
Er schaute wieder. Der Fremde hatte sich nicht bewegt, blickte nicht in seine Richtung. Er hatte ihn also noch nicht bemerkt. Oder tat er nur so? Eine Falle?
In Levin kroch die Angst hoch. Vielleicht saß er schon mittendrin. Er suchte aufmerksam mit den Augen jedes Haus der Gasse ab, blickte auch zurück auf die Straße, aus der er gerade kam.
Nichts.
Aber es gab hier genug Möglichkeiten, jemanden versteckt zu beobachten. Fenster, dunkle Nischen zwischen einigen Häusern, Dächer, sowieso überall dort, wo das Mondlicht nicht hinfiel. Die Straßen waren schmal, die Häuser eng zusammengebaut.
Im Moment stand Levin noch an einer Straßenkreuzung, in der kleinen Gasse jedoch konnte man nur an einem Ende hinein und am anderen Ende wieder hinaus – Hofeingänge oder Lücken zwischen den Häusern gab es dort überhaupt nicht. Ein idealer Platz für eine Falle!
Selbst wenn Levin sich diesbezüglich irrte, sogar wenn diese Gestalt nicht zu denen gehörte, sie würde trotzdem mitbekommen, wo er hinging, hatte ihn gesehen. Und in einem Dorf wurde nun mal viel geredet, sodass denen diese Information auch zufallen konnte, selbst wenn sie nicht danach fragten.
Doch Levin war klar, dass solche Bedenken zu nichts führten. Er musste zum Güterbahnhof, und das so schnell wie möglich! Und falls das wirklich eine Falle war, dann war höchstwahrscheinlich ohnehin schon alles zu spät – dann hatte es auch keinen Sinn, einen zeitraubenden Umweg zu versuchen.
Er nahm allen Mut zusammen und trat um die Ecke. Einfach so vorbeizugehen, als mache er einen Spaziergang, schien ihm am unauffälligsten, wenngleich natürlich jeder, der sich nachts allein auf der einsamen Straße herumtrieb, anderen auffallen musste.
Levin versuchte, ruhig zu gehen und vor allem möglichst geräuschlos. Doch er erschrak bei jeder Berührung seiner Schuhe mit dem Kiesbett der Straße und blickte angstvoll zu der Gestalt hinüber. Bei jedem Schritt gab es ein gefährlich verräterisches Geräusch, das ihm das Herz bis zum Halse schlagen ließ.
Er ging am rechten Straßenrand, dicht an den Hauswänden. Die furchteinflößende Gestalt lehnte an der anderen Seite. Ein langer dunkler Mantel und ein schwarzer Hut.
Ein Gesicht konnte Levin noch nicht erkennen, aber gleich würde er so weit gekommen sein, dass er dem Unheimlichen direkt gegenüberstand. Jeder Schritt vorwärts ließ ihn stärker zittern. Sein Atem wurde immer schneller und sein Herz raste wie wild. Würde er gleich sterben?
Jede Sekunde war eine Ewigkeit, war absolute Qual. Kein Gedanke war mehr klar zu fassen. Panik.
Noch ein einziger Schritt und sein Blick traf genau die Augen des Gefürchteten.
Der Schrei des Entsetzens zerriss mit einem Schlag die nächtliche Stille.
Levin wankte zurück. Doch hinter ihm war die kalte Wand. Er zitterte und aus seinem Gesicht schien alles Leben gewichen zu sein. Was er sah, trieb ihm den Schock durch alle Glieder, ließ sein Herz beinahe stillstehen.
Die Augen und der Mund seines Gegenübers waren weit aufgerissen, es war wie ein stummer Schrei. In tiefdunklem Rot, fast schwarz, lief ihm das Blut von oben herab. In Höhe der Brust spiegelte es sich in der losen Klinge einer Sense, die tief in seinem Körper steckte.
Als wäre er im Augenblick seines Todes erstarrt, stand er nahezu aufrecht, gestützt durch die Wand im Rücken. Der letzte Atemzug war eingefroren in diesem Bild, in diesem Anblick des so ruhelosen Leichnams.
Der grausame Ausdruck seiner Augen forderte Levins Blick, fesselte ihn, zwang ihn dazu, in sie hineinzuschauen. Er konnte sich kein Stück mehr regen und eine unsichtbare Kraft schien ihm die Luft im Halse abzuschnüren. Er war vollkommen im Bann des unheimlichen Toten.
Da plötzlich flammten Lichter auf. Rundherum. Hinter den Fenstern der Häuser wurde es hell. Levins Augen zuckten erschrocken von einem Licht zum nächsten.
Wie ein Blitz schoss das vielfache Leuchten den einen nur möglichen Gedanken in seinen Kopf:
Weg hier!
Er riss seinen noch immer zitternden, halb erstarrten Körper von der Wand los und rannte.