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Leseprobe: Verdächtige und andere Katastrophen

Verdächtige und andere Katastrophen

Es klopfte an der Tür. Ohne ein „Herein“ abzuwarten, wurde sie geöffnet.
Beide waren geblendet von dem Anblick der Person, die sich als Sofia von Stetten vorstellte. Paul sprang auf und rückte ihr den Stuhl zurecht.
„Möchten Sie auch eine Tasse Kaffee?“, stammelte er. Als Antwort erhielt er ein deutliches, aber auch freundliches „Nein, danke!“ Nie zuvor hatte er ein so wunderschönes Geschöpf mit solch einer magischen Ausstrahlung gesehen. Er vermochte nicht zu sagen, was ihn mehr an ihr fesselte: Ihre überirdische Schönheit oder ihr melancholisches Charisma. Dieses reizvolle Wesen hielt ihn gefangen. Sie war eine atemberaubende Beauty, vergleichbar mit einer aufflammenden Orchidee. Das lange, gewellte, kastanienbraune Haar umrandete ein ovales, elfenbeinernes Gesicht, aus dem die grünen Augen hervorstachen. Außer dem unruhigen Blick einer Raubkatze, der viel Temperament erahnen ließ, war in den vollendeten Gesichtszügen keine Gefühlsregung zu erkennen, bis auf das bezaubernde und warmherzige Lächeln, das gleichmäßige Zähne entblößte. Ihre große schlankwüchsige Statur wirkte in dem lindgrünen Hosenanzug mit kittfarbenen Nadelstreifen, unter dem sie ein pistazienfarbenes Top und hellbeige Pumps trug, ebenso zerbrechlich wie imposant. Sie bewegte sich in einer Leichtigkeit auf den für sie bereitgestellten Stuhl zu, als schwebte sie.
„Nun, meine Herren, sind Sie bereit?“, fragte sie mit sanfter Stimme, als sie Platz genommen hatte.
„Allezeit, bereit!“, antwortete Kommissar „Eifer“ unterwürfig und zeigte das breiteste Lächeln, dass sein Froschmaul imstande war herzugeben.
Sie kramte in ihrer Umhängetasche, die aus demselben hellbeigen Leder gearbeitet war wie die eleganten Glacéhandschuhe, die sie trug. Sie nahm eine Zigarette heraus und führte sie langsam an ihre Lippen.
Geistesgegenwärtig warf Paul sich auf den Schreibtisch von Kommissar „Eifer“, um sich dessen Feuerzeug zu schnappen. Er war Feuer und Flamme, bevor er lang ausgestreckt selbige entfachte.
Ihr Gesicht beugte sich tief über ihn. Ihre Augen blickten fest in die seinen. Nach einer Weile hatte er das Gefühl, als würden ihm seine Lider schwer. Niemand hatte ihn jemals so angesehen. So offen und unverwandt, als ob ihre Augen in die tiefsten Tiefen und Winkel seiner Seele hineinblickten. Ihre Gesichter waren sich so nah, dass ihre Augen fast zu einem einzigen verschmolzen, bevor er seine schloss.
„Sie sollten das auch einmal probieren“, unterbrach sie die Stille.
„Meine Rede! Aber Maurus ist ein solcher Gesundheitsfanatiker, dass …“
„Nicht doch“, lachend warf sie den Kopf in den Nacken. „Handschuhe tragen meinte ich!“ Verständnisvoll blickte sie zu Paul Maurus, der inzwischen mühsam Haltung angenommen und sich mit verschränkten Armen neben seinem Chef aufgebaut hatte. An die Wand gelehnt stand er da und versuchte, gelassen auszusehen.
„Der obskure junge Mann, der noch vor Kurzem auf diesem Stuhl saß, auf dem ich jetzt sitze, ist nicht der, für den Sie ihn halten, Herr Brandolf! Oder ist es ihnen lieber wenn ich Sie mit „Hauptkommissar“ anrede?“ Ihr Augenmerk galt weiterhin Paul Maurus, der mäßig erfolgreich sein „Pokerface“ aufgesetzt hatte. Sofia lächelte ihm spitzbübisch zu.
„Oh bitte! Nennen Sie mich, wie es Ihnen gerade in den Sinn kommt.“ Mit seiner Heuchelei buhlte er vergeblich um ihre Gunst. Abermals schmunzelte Sofia von Stetten so vertrauensvoll in Richtung dieses Kriminalneurotikers, dass Kommissar „Eifer“ sich selbst die Mühe machte, sich nach ihm umzudrehen. Maurus grinste verschämt. Aber der sonst so verklärte Ausdruck seiner großen blauen Augen war gegenwärtig einem Feuer gewichen, das eine nur allzu deutliche Sprache sprach.
Sofia drückte die halb gerauchte Zigarette lässig in den Aschenbecher. Während Gregor Brandolf davon überzeugt war, dass der Kretin hinter seinem Rücken immer noch blöd griente, zündete er sich den nächsten Glimmstängel an.
„Würden Sie das bitte unterlassen! Ich empfinde es als lästig, wenn in meinem Zugegensein geraucht wird, wenn ich es selber nicht tue.“ Prompt folgte er ihrer herrischen Aufforderung und zerdrückte die Zigarette im Aschenbecher.
„Sind Sie Hellseherin? Ich meine, wegen Ihrer Bemerkung von vorhin: Über den obskuren, jungen Mann!?“, er bemühte sich, wieder unumschränkter Herrscher in seinem Büro zu werden. Ein fast tollkühnes Vorhaben, wenn er weiterhin in dieser Weise ignoriert wurde.
„Sie sind wirklich sehr feinfühlend und haben eine sehr gute Beobachtungsgabe. Das ist stets lohnend“, analysierte Sofia den Charakter des verzückten Maurus.
“Was soll dieser Hokuspokus?“, polterte Kommissar „Eifer“.
„Misstrauen, Herr Brandolf, scheint Ihr Zweitname zu sein!“ Verächtlich rümpfte sie die Nase.
Er räusperte sich. „Eine Berufskrankheit … sozusagen.“
„Und von wegen Hokuspokus“, sagte sie erzürnt. „Ich habe die Gabe, Dinge zu sehen. Mitunter brauche ich nur einen Gegenstand zu berühren oder jemanden anzuschauen. Verschiedentlich habe ich auch Wahrnehmungen in meinen Träumen. Und diese Fähigkeit kann ich nicht beeinflussen!“
Gregor Brandolf rieb sich das Kinn. Er hielt es für klüger zu schweigen. Insbesondere nach all diesen zweifelhaften Aussagen, die er heute über sich ergehen lassen musste. Langsam aber sicher konnte er soviel Schwachsinn auf einmal nicht mehr ertragen. Er war sichtbar gereizt.
Vergeblich versuchte er das Zucken seiner Mundwinkel unter Kontrolle zu bringen. Er selbst wusste am besten, wie grotesk er dadurch aussah. Das wiederum regte ihn noch mehr auf. Seine Nervosität steigerte sich ins Unerträgliche. Sein von Neurosen geplagter Assistent blühte indessen unaufhörlich in nahezu anstößiger Weise auf.
„Kann ich bitte ein Glas Wasser haben?“, nahm Sofia wieder das Gespräch auf.
„Selbstverständlich!“ Maurus überschlug sich regelrecht. „Bitte sehr!“ Während er ihr das Glas reichte, hoffte er insgeheim auf eine Berührung von ihr, und wenn es auch nur ein flüchtiger und behandschuhter Kontakt war.
„Hoffentlich Ihr Geschmack?“ stieß er erregt hervor.
Wie zufällig und in Zeitlupe ließ sie ihre Hand über die seine gleiten. Dabei beobachtete sie ihn mit betörenden Blicken. „Genau so, wie ich es liebe“, hauchte sie ihm eindeutig zweideutig entgegen.
Offenherzig flirtete sie mit ihm, was ihn in Ekstase versetzte. Er bezog wieder seine Stellung an der Wand. Von dort hatte er den rechten Blickwinkel.
Hastig trank sie einen Schluck, bevor sie das Glas hinstellte. Wie in Trance visierte sie Gregor Brandolf an. Zuerst kamen die Sätze nur zögernd über ihre Lippen.
„… Und die Feen, Elfen und Kobolde tanzten vergnügt durch den Wald … Ende der Geschichte … Und noch eine Zugabe gibt es nicht … Mit gespielter Strenge beendete die Mutter die Gutenachtgeschichte. Der Knabe, der wie alle Kinder, mit seiner Feinfühligkeit auf jegliche Empfindungsäußerung reagierte, hatte ein ungutes Gefühl. Und das zu recht, wie sich tags darauf herausstellte. Es war der Tag, an dem er seine Mutter zum ersten und zum letzten Mal hatte schreien hören. Nachdem sie festgestellt hatte, dass der von ihr so innig geliebte Baum nicht mehr da stand, wo er gefälligst zu stehen hatte – nämlich vor dem Erkerfenster im Wohnzimmer. Zwischenzeitlich hatte der Tannenbaum nähere Bekanntschaft mit Vaters Motorsäge gemacht. Es war ein stimmgewaltiger Abgang. Mit vielen Koffern. Und als Abschiedsgruß der explosionsartige Knall der Haustür. Da stand er nun, der kleine Junge. Im einsetzenden Regen, der blitzschnell zum Wolkenbruch ausartete. Mit seinen ebenso traurigen wie lebhaften Augen, die, teils vom Regen, teils von Tränen feucht, fiebrig glänzten. Schmerzlich wurde ihm klar, dass ihm nichts geblieben war. Nicht einmal seine Tränen. Die hatte ihm der Platzregen aus den strapazierten Augen gespült.“ Die sprudelnde Quelle ihrer Worte versiegte an dieser Stelle. Sofia kräuselte die Stirn.
Gregor Brandolf war peinlich berührt. Zweifellos war er einmal dieser kleine, niedergeschlagene Junge gewesen. Sofia von Stetten ging nicht näher darauf ein.
Innerlich dankte er ihr für ihren Anstand.
Sie strich durch ihr langes Haar. Ein Lächeln umspielte ihre einladenden Lippen. Sie nippte an dem Wasser. Verheißungsvoll blickte sie zu Paul Maurus und dann zu dessen Chef. Sofia lächelte das bezaubernde und warmherzige Lächeln, dass ihr zu eigen war. Das Lächeln, das ihre gleichmäßigen Zähne, die wie Perlen strahlten, entblößte und Paul mitten ins Herz traf.
„Haben die Herren sich schon unter den ehemaligen Schülern von Rosamunde Stichnote umgehört?“ Sie wartete das Nicken der beiden ab. „Na, dann wissen sie ja Bescheid!“
„Leider wissen wir so gut wie gar nichts“, sagte Kommissar „Eifer“, dessen Froschmaul immer noch von selbst zuckte.
„Diese Frau, die den ehrenvollen Vornamen „Rosamunde“ trug, hatte sich stets selbst als einen herzensguten Menschen bezeichnet. Derzeit hieß sie mit Nachnamen „Stichnote“. Sie hatte wieder ihren Mädchennamen angenommen, nachdem sie von Herbert Schmidt geschieden war. Er war bereits ihr vierter Gatte. Sie hatte eine Schwäche fürs Heiraten. Diese taktlose Person liebte nichts so sehr wie die eigenen Hochzeiten, die sie jedes Mal mit groß gedruckten Anzeigen in mehreren Tageszeitungen kundtat. Wie eine Krawatte hing sie den Männern um den Hals!“
„Sie mochten sie nicht?“, bemerkte Brandolf sachlich.
„Keiner mochte sie! Außer sie sich selbst. Eine Egozentrikerin war sie. Sie hätten mal sehen müssen, wie sie täglich das Messingschild „Rosamunde Stichnote-Wendelgard, staatlich geprüfte Klavierlehrerin“, auf Hochglanz polierte. – Ihr erster Ehemann hieß Wendelgard, Stoffel Wendelgard. Eigentlich „Christopher“, aber sie nannte ihn nur „Stoffel“. Kein Wunder, dass der arme Kerl Reißaus nahm – genau wie die vielen Grundschüler, die sie damals unterrichtete. Außer ihrem Konzertflügel, der für jeden tabu war, nutzte sie zusätzlich ein Klavier nur für den Unterricht.
Allerdings wollte sie sich dieses von den weniger Begabten nicht demolieren lassen, wie sie unverblümt zugab. Also setzte Rosamunde Stichnote alles daran, um diese Schwächlinge, die auf ihrem Instrument stümperten, eines Besseren zu belehren. Ständig kratzte sie sich mit den langen, rot lackierten Fingernägeln die Kopfhaut und überlegte, wie sie die kleinen, halslosen Ungeheuer zu der Einsicht bringen könnte, dass sie nicht zum Klavierspielen taugten. Meistens drohte sie ihnen damit, ihre Wurstfinger auf den Tasten festzunageln. Bei den völlig untalentierten Kindern pupste sie permanent während des Unterrichts. Mit diesen Methoden hatte sie bald ihr angestrebtes Ziel erreicht: Die Elite selektiert! Aber ihr loses Mundwerk und der Hang, alle noch so unwichtigen und verabscheuungswürdigen Vorfälle ihrer Einkaufserlebnisse bis ins kleinste Detail zu schildern, taten ihr Übriges. Als die Schüler ausblieben, versuchte sie es mit einer Mieterin. – Frau Brigitte Hunold, die eine Seele von einem Mensch ist. Der Dauerstreit artete …“
„Hunold?“ Kommissar „Eifer“ schnitt ihr das Wort ab. Sein messerscharfer Verstand arbeitete auf Hochtouren. „Verwandt oder verschwägert mit einem Eckehard Hunold?“
„Das entzieht sich meiner Kenntnis.“ Sofia zuckte mit den Schultern und fuhr fort. „Der Dauerstreit artete immer mehr aus. Rosamunde beobachtete ihre Mieterin genau und führte über all ihre Fehltritte akribisch Buch. Schließlich kommunizierte sie nur noch schriftlich mit ihr. Oder ab und an ließ sie sich dazu herab, ihr eine telefonische Abreibung zu verpassen – wenn es sich um einen sogenannten Notfall handelte. Und ein überkochender Wasserkessel war eben das Eintreten dieser Notwendigkeit, an der sich Rosamunde so richtig die Zunge verbrannte. Sie hatte sich in ihrem Garten aufgehalten und durch die offene Balkontür der Mieterin einen Blick auf deren Wasserkessel werfen können, der nach ihrem Ermessen kurz vor dem Explodieren stand. Daraufhin eilte sie ans Telefon, um diese aufs Schärfste zurechtzuweisen. Letztendlich trat Frau Hunold die Flucht an.“
Der Name Hunold ließ Gregor Brandolf jedes Mal aufhorchen. Für ihn war dieser Name ein Gefahrensignal und an Entwarnung war nicht einmal im Traum zu denken. Er rieb sich den Pavianschädel. Sofia betrachtete ihn prüfend, dann sprach sie weiter.
„Da Rosamunde sich stets versuchte, an mir zu orientieren und obendrein Geld brauchte, hatte sie die glorreiche Idee, ein Buch zu schreiben. Sie wollte …“
„Sie sind Autorin?“
„Ja! Allerdings nur nebenberuflich und unter Verwendung eines Pseudonyms.“
Gregor Brandolfs Neugierde war geweckt. „Und was ist ihr eigentlicher Beruf?“
„Tochter! Ich bin von Beruf Tochter!“, entgegnete sie sarkastisch.
„Auch eine gute Art zu leben!“ Er passte sich ihrem Ton an und war erleichtert, von keinen Zuckungen mehr heimgesucht zu werden.
„Sie sagen es, Herr Brandolf. Eine wirklich sehr gute Art zu leben!“, stellte sie kühl fest. „Rosamunde versprach mir und sich selbst, einen Bestseller zu schreiben. Es klang aber mehr nach einer Drohung als nach einem Versprechen!“
„Was für Bücher schreiben Sie?“ Nicht weniger neugierig, dafür aus rein privatem Interesse heraus, stellte Brandolf diese Frage. Er dachte daran, seiner beachtlichen Sammlung Zuwachs zu gönnen.
Manche Bücher hatten eine so erotisierende Wirkung wie ein Aphrodisiakum. Seine Frau und er bevorzugten solche Bücher.
„Oh! Das ist ganz unterschiedlich. Sozusagen für jeden etwas.“ Sofia schaute abwechselnd zu ihm und seinem Assistenten. „Mitunter Erzählungen. Einen Krimi habe ich auch schon geschrieben, Herr Hauptkommissar! Einen Kurzkrimi, wohlgemerkt! In dem verliebt sich der larmoyante Gehilfe des Kommissars, der eine wandelnde Neurose ist, in die Mörderin. Aber nichtsdestotrotz löst er den Fall auf eigene Faust!“ Sie warf Maurus „Kälbchenaugen“ zu, der fasziniert jedes ihrer Worte wie ein Schwamm aufsaugte und als stummer Diener jeden ihrer Blicke wie Casanova höchstpersönlich reflektierte. „Ach … und Sachbücher. Mit Themen über die Sexualpraktiken von Kriminalisten, deren geheime Leidenschaften und Perversionen, und wie sich diese gegebenenfalls auf ihre laufenden Ermittlungen auswirken.“ Laut lachend wandte sie sich von Gregor Brandolf ab, dessen Antlitz eines Exoten zwischenzeitlich die Farbe einer reifen Tomate angenommen hatte. Sie zwinkerte Paul Maurus zu, der in seiner Ecke wie ein treu ergebener Hund auf die Zuwendung seines Frauchens wartete, um dann dankbar und freudig erregt mit dem Schwanz zu wedeln, wenn er diese erhalten hatte.
„Ihr Pseudonym möchten sie nicht verraten?“, fragte Gregor Brandolf süffisant.

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Leseprobe: Projekt Melancholia

Projekt Melancholia

Die Nacht war kalt. Es wehte kaum Wind und es war sehr ruhig im Dickicht des Waldes. Nur ab und zu hallten die Schreie der Eulen zwischen den Stämmen wider. Dort bewegte sich etwas. Nicht sonderlich schnell und oftmals ausruhend. Ein verwundetes Tier?
Aber es ging nicht auf allen vieren – obwohl stark vornüber geneigt, hielt es sich relativ aufrecht. Es schleppte sich buchstäblich von einem Baum zum nächsten. In den vom Gewitter noch regennassen Nadelboden drückten sich seine Spuren ein.
Niemand, wenn es denn jemand gesehen hätte, hätte wohl in der Dunkelheit erkannt, was es war oder es auch nur geahnt: ein Kind.
Doch weder Leila noch ein anderes Mädchen. Es war ein kleiner Junge, der sich dahinschleichend mühevoll Schritt für Schritt seinen Weg durch das Geäst bahnte. Und dieser kleine Junge hieß Levin. Leilas bester Freund war er.
Er irrte hier umher. Und er war verwundet. An seinem Kopf klebte Blut. Es färbte einzelne Strähnen seines blonden Haares rot.
Aber keine Verletzung war es, die ihm das Vorwärtskommen erschwerte. Etwas in ihm drin hinderte ihn. Ein Gefühl, welches ihn unsicher machte über das, was er tat und sogar darüber, ob er es überhaupt tat. Jeder Schritt kam ihm unwirklich vor.
Auch wusste er kein Ziel. All seine Gedanken waren verschwommen und unklar, dabei hätte er gerade jetzt Klarheit haben müssen.
Er war seinen Verfolgern fürs Erste entkommen.
Im Dunkel der Nacht hatten sie seine Spur verloren. Seine Flucht war geglückt! Sie hatten einen Moment lang nicht aufgepasst, waren kurz unvorsichtig gewesen und diese Schwäche hatte er ausgenutzt.
Man hatte ihn aus dem dunklen Keller herausgeholt, in dem er schon lange festgehalten worden war – viele Stunden, vielleicht Tage – da kein Sonnenlicht dort unten hin drang, wusste er das nicht genau.
Oben war dann alles ganz schnell gegangen. Sie hatten gar nicht daran gedacht, ihn zu fesseln, hatten angefangen zu reden und ihn kurz aus den Augen gelassen. Die Tür war auch nicht abgeschlossen gewesen wie sonst, wahrscheinlich, weil doch gerade jemand gekommen war, der ihn sehen wollte.
Seine Entführer fast über den Haufen rennend, war er aus dem Haus ins Freie gestürmt. Den nicht übermäßig hohen Holzzaun, der das Grundstück begrenzte, hatte er allemal geschafft – bevor ihn die Hunde zu fassen bekommen konnten. Dann über die Wiesen in den Wald.
Sie hatten ihm nachgesetzt. Zweimal hatten sie ihn entdeckt und geschossen, ihn jedoch verfehlt, später noch einmal – aber nicht auf ihn. Sie mussten wohl ein anderes, ein falsches Ziel gehabt und ihn dadurch verloren haben.
Nun war er hier. Wo auch immer das war. Er konnte kaum die Hand vor Augen sehen. Es war völlig egal, ob er vorwärts, rückwärts, rechts oder links ging. Nur Glück konnte ihm helfen, hier wieder hinauszufinden. Und damit war er in letzter Zeit nicht gerade verwöhnt worden. Und selbst wenn er aus dem Wald hinauskam, was dann?
Langsam begannen sich seine umherkreisenden Gedanken zu ordnen. Er fühlte wieder etwas mehr Boden unter den Füßen.
Er war entkommen. Frei. Endlich frei!
Doch wohin jetzt? Wo war es sicher? Wo gab es jemanden, dem er trauen konnte?
Gerade diese Frage war nicht ganz unwichtig. Einige von denen waren Leute aus dem Dorf gewesen, die er vorher schon gekannt oder zumindest schon einmal gesehen hatte, und andere, völlig fremde – es war nicht abzuschätzen, wer noch zu ihnen gehörte. Vielleicht niemand, vielleicht aber auch sehr viele.
Es war ihm gelungen, freizukommen. Wenn er sich jedoch einfach so wieder im Internat oder im Dorf sehen ließ, konnte er ihnen gleich noch einmal ins Netz gehen.
Was wollten die eigentlich von ihm? Er wusste es nicht. Sie hatten ihn immer wieder gezwungen, irgendwelche kleinen Pillen zu schlucken. Davon war er dann sehr müde geworden, hatte nicht mehr so viel mitbekommen, selbst wenn er wach gewesen war. Schien über das, was er gedacht und getan hatte, keine rechte Kontrolle mehr gehabt zu haben. Oft hatte er alles wie im Traum erlebt.
Aber er wusste nur zu gut, dass es auch noch an etwas anderem lag. Ein Teil dieser Gefühle war ihm schon seit langer Zeit vertraut. Und dafür war er selbst verantwortlich.
Im Internat hatte er sich die Zeit immer etwas verschönt. Im Stift gab es einen kleinen Laden, in dem klostereigene Arzneimittel verkauft wurden. Mit ein paar Freunden war er vor etwa einem Jahr nachts da hineingeschlichen und hatte einiges von den Sachen dort probiert.
Das war richtig gut gewesen. Also war es nichts Einmaliges geblieben. Irgendwann hatte er gemerkt, dass er regelmäßigen Wiederholungsbedarf verspürte. Deshalb hatte er dann angefangen, auch einen gewissen Vorrat in seinem Zimmer zu verstecken. Aber da war er nun schon ziemlich lange nicht mehr herangekommen. Das machte sich jetzt natürlich intensiv bemerkbar. Essen oder Trinken war völlig egal, er fühlte nur den Hunger nach den Medikamenten.
Doch diese lästigen Gefühle hin oder her – was ihn im Moment wirklich fast wahnsinnig machte, war, dass er eine gewaltige Erinnerungslücke hatte.
Er wusste nicht mehr, wie er diesen Leuten überhaupt in die Hände gefallen war. Er war wie immer früh um sechs Uhr im Internat aufgewacht, hatte mit den anderen gefrühstückt, hatte Unterricht gehabt. Aber dann war alles dunkel – keinerlei Erinnerung daran, was nachmittags passiert war.
Er hörte auf zu gehen. Setzte sich an einen Baumstamm.
Er war verzweifelt.
Er wusste, er musste weg. Weg aus dem Dorf, so weit weg wie möglich. Denn sie würden nicht aufhören, ihn zu suchen. Und sie durften ihn nicht wieder erwischen!
Er hatte Angst vor dem, was sie ihm angetan hatten und wieder antun könnten. Oder noch schlimmer. Schließlich hatten sie heute sogar auf ihn geschossen. Er wusste ja, wie sie aussahen und was sie taten.
Solange er frei herumlief, war er ein Risiko für sie. Bevor er etwas verraten konnte, sollte er sterben. Wem aber sollte er schon etwas verraten?! Im Dorf gab es nicht einmal ein Polizeirevier. Wo also sollte er Hilfe finden?
Jemand anderem etwas erzählen? Wenn der, dem er es erzählte, auch dazugehörte, dann war gleich Endstation.
Endstation. Bei diesem Wort kam Levin ein Gedanke.
Die Eisenbahn!
Es gab einen Güterbahnhof am Rande des Dorfes. Die Gegend war früher reich an Erzen gewesen, die von hier mit dem Zug wegtransportiert worden waren. Jetzt fuhren die Züge seltener, aber sie fuhren.
Levin hatte mit Leila vor Jahren öfter auf dem Bahnhofsgelände gespielt. Es gab dort fast niemanden mehr, der aufpasste, und abgesperrt war das Gelände auch nicht.
Damit gab es also eine Möglichkeit, hier wegzukommen. Wohin? Egal! Erst einmal weg, in Sicherheit – außer Reichweite des Todes. Weg von der Gefahr!
All das sollte so weit wie möglich weg von ihm sein – das war sein einziger Wunsch.
Nur ein kleines Bündel voller Hass band ihn an diesen Ort. Doch Rachegedanken konnte er widerstehen. Abgesehen davon, dass er Angst vor diesen Menschen hatte, sah er auch keinen Sinn darin, jemanden zu töten, um seinen Hass loszuwerden. Überhaupt, töten – das konnte er sich kaum vorstellen. Sicher, Rache hin oder her, dann wäre er sie los, sie könnten ihm nichts mehr anhaben. Nur war es das wert?
Was würde dadurch mit ihm passieren? Dass es ihn verändern würde, das fürchtete er am meisten.
Würde etwas Schlimmes mit seiner Seele geschehen? Vorausgesetzt, es gab so etwas überhaupt. Aber furchtbar schlecht fühlen würde er sich auf jeden Fall deshalb, dessen war er sich sicher. Wäre mit dieser Tat nicht sein Leben genauso zerstört, als wenn diese Verbrecher es auslöschen würden? – Nein, das konnte es einfach nicht sein – nicht die Lösung seiner Probleme!
Er verdrängte die Gedanken daran.
Nur weg von hier, zum Bahnhof!
Im Moment war es natürlich nicht sonderlich leicht, dorthin zu gelangen. Der Mond schien zwar relativ hell, aber was nützte Licht von oben, wenn rundherum dicht an dicht hohe Bäume standen?!
Doch bis zum Morgen zu warten, war zu gefährlich, denn dann konnten auch seine Verfolger wieder Jagd auf ihn machen. Also nichts wie los!
Zwischen den Ästen durch die Finsternis tappend; immer einen Fuß vor den anderen. Es ging, wenn auch langsam, aber es ging.
Die genaue Richtung konnte er nur erahnen – das, was er rundum erkennen konnte, sah alles gleich aus. Doch da, wo es unter seinen Füßen abschüssig wurde, musste der Wald am schnellsten zu Ende sein.
Viele Minuten vergingen. Eine Stunde, vielleicht zwei – dann endlich spürte er grasigen Untergrund. Die Bäume lichteten sich etwas und auf einmal stand er tatsächlich im Freien.
Eine große Wiese. Der Mond tauchte die Halme in ein bleiches schimmerndes Weiß. Endlich freie Sicht!
Levin konnte das schlafende Dorf sehen. Es war nicht besonders weit.
Als finstere Klötze lagen die Häuser da, nur die kleine Kirche wurde von außen angestrahlt. Hinter dem Dorf die großen Felder, dann die Gleise direkt am Fluss. Bis dorthin musste er es schaffen.
Das Dorf war vollkommen ruhig, zu hören war nur der Schrei der Eulen vom Walde her.
Levin lief über die Wiese. Er beeilte sich sehr. Er hatte zwar keine Uhr, ihm war jedoch klar, dass die Nacht bereits viele Stunden alt war und wahrscheinlich sehr bald die Sonne aufgehen würde. Vielleicht erst in ein oder zwei Stunden, vielleicht aber auch innerhalb der nächsten zehn Minuten. Die Zeit saß ihm im Nacken. Das war das eine Problem. Das andere war, dass seine Häscher möglicherweise damit rechneten, dass er ins Dorf zurückkehrte und ihm dort eine Falle stellten.
Sicherlich wäre es für sie erfolgversprechender als wieder seiner Spur nachzujagen. Ob sie daran dachten?
Einen Moment überlegte er, den Ort lieber nicht zu betreten und außen herumzugehen. Aber der Umweg würde zu groß sein.
Als er die ersten Häuser erreicht hatte, schlich er von Ecke zu Ecke, immer wieder stehen bleibend und Ausschau haltend, ob nicht schon irgendwer auf ihn lauerte.
Und bereits nach kurzer Zeit schien sich seine Befürchtung zu bestätigen. Gerade war er in eine schmale Gasse eingebogen, da wich er gleich erschrocken zurück.
An einer Hauswand lehnte eine große Gestalt.
Vorsichtig spähte Levin um die Ecke.
Ja, dort war jemand. Eindeutig. Kein Gegenstand, kein bloßer Schatten – das war ein Mensch!
Levin machte abermals den Schritt zurück hinter die Ecke.
Verdammt – was jetzt?! Hier schien mit einem Mal Schluss, aber das durfte nicht sein!
Er schaute wieder. Der Fremde hatte sich nicht bewegt, blickte nicht in seine Richtung. Er hatte ihn also noch nicht bemerkt. Oder tat er nur so? Eine Falle?
In Levin kroch die Angst hoch. Vielleicht saß er schon mittendrin. Er suchte aufmerksam mit den Augen jedes Haus der Gasse ab, blickte auch zurück auf die Straße, aus der er gerade kam.
Nichts.
Aber es gab hier genug Möglichkeiten, jemanden versteckt zu beobachten. Fenster, dunkle Nischen zwischen einigen Häusern, Dächer, sowieso überall dort, wo das Mondlicht nicht hinfiel. Die Straßen waren schmal, die Häuser eng zusammengebaut.
Im Moment stand Levin noch an einer Straßenkreuzung, in der kleinen Gasse jedoch konnte man nur an einem Ende hinein und am anderen Ende wieder hinaus – Hofeingänge oder Lücken zwischen den Häusern gab es dort überhaupt nicht. Ein idealer Platz für eine Falle!
Selbst wenn Levin sich diesbezüglich irrte, sogar wenn diese Gestalt nicht zu denen gehörte, sie würde trotzdem mitbekommen, wo er hinging, hatte ihn gesehen. Und in einem Dorf wurde nun mal viel geredet, sodass denen diese Information auch zufallen konnte, selbst wenn sie nicht danach fragten.
Doch Levin war klar, dass solche Bedenken zu nichts führten. Er musste zum Güterbahnhof, und das so schnell wie möglich! Und falls das wirklich eine Falle war, dann war höchstwahrscheinlich ohnehin schon alles zu spät – dann hatte es auch keinen Sinn, einen zeitraubenden Umweg zu versuchen.
Er nahm allen Mut zusammen und trat um die Ecke. Einfach so vorbeizugehen, als mache er einen Spaziergang, schien ihm am unauffälligsten, wenngleich natürlich jeder, der sich nachts allein auf der einsamen Straße herumtrieb, anderen auffallen musste.
Levin versuchte, ruhig zu gehen und vor allem möglichst geräuschlos. Doch er erschrak bei jeder Berührung seiner Schuhe mit dem Kiesbett der Straße und blickte angstvoll zu der Gestalt hinüber. Bei jedem Schritt gab es ein gefährlich verräterisches Geräusch, das ihm das Herz bis zum Halse schlagen ließ.
Er ging am rechten Straßenrand, dicht an den Hauswänden. Die furchteinflößende Gestalt lehnte an der anderen Seite. Ein langer dunkler Mantel und ein schwarzer Hut.
Ein Gesicht konnte Levin noch nicht erkennen, aber gleich würde er so weit gekommen sein, dass er dem Unheimlichen direkt gegenüberstand. Jeder Schritt vorwärts ließ ihn stärker zittern. Sein Atem wurde immer schneller und sein Herz raste wie wild. Würde er gleich sterben?
Jede Sekunde war eine Ewigkeit, war absolute Qual. Kein Gedanke war mehr klar zu fassen. Panik.
Noch ein einziger Schritt und sein Blick traf genau die Augen des Gefürchteten.
Der Schrei des Entsetzens zerriss mit einem Schlag die nächtliche Stille.
Levin wankte zurück. Doch hinter ihm war die kalte Wand. Er zitterte und aus seinem Gesicht schien alles Leben gewichen zu sein. Was er sah, trieb ihm den Schock durch alle Glieder, ließ sein Herz beinahe stillstehen.
Die Augen und der Mund seines Gegenübers waren weit aufgerissen, es war wie ein stummer Schrei. In tiefdunklem Rot, fast schwarz, lief ihm das Blut von oben herab. In Höhe der Brust spiegelte es sich in der losen Klinge einer Sense, die tief in seinem Körper steckte.
Als wäre er im Augenblick seines Todes erstarrt, stand er nahezu aufrecht, gestützt durch die Wand im Rücken. Der letzte Atemzug war eingefroren in diesem Bild, in diesem Anblick des so ruhelosen Leichnams.
Der grausame Ausdruck seiner Augen forderte Levins Blick, fesselte ihn, zwang ihn dazu, in sie hineinzuschauen. Er konnte sich kein Stück mehr regen und eine unsichtbare Kraft schien ihm die Luft im Halse abzuschnüren. Er war vollkommen im Bann des unheimlichen Toten.
Da plötzlich flammten Lichter auf. Rundherum. Hinter den Fenstern der Häuser wurde es hell. Levins Augen zuckten erschrocken von einem Licht zum nächsten.
Wie ein Blitz schoss das vielfache Leuchten den einen nur möglichen Gedanken in seinen Kopf:
Weg hier!
Er riss seinen noch immer zitternden, halb erstarrten Körper von der Wand los und rannte.

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Leseprobe: Blutrot – oder warum ist der Eber tot?

Blutrot

»Also jetzt müssen Sie mir das aber erklären!«, ruft Frau Garsts schrille Stimme Marlene schon von Weitem zur Begrüßung zu. »Grüß Gott, Frau Garst«, antwortet Marlene sogleich, einige Schritte später, als sie direkt vor ihr steht, in einer möglichst neutralen Tonlage. Frau Garsts prüfende Augen wandern abwertend von Marlenes Schuhen über ihre schwarze Jeans und ihre Bluse, bis hin zu ihrem Gesicht. Hängen bleiben sie wie immer an dem Piercing, das ihren rechten Nasenflügel ziert. Dabei finden Normalsterbliche dieses eigentlich eher dezent. »Was genau soll ich denn erklären?«, fragt Marlene, da Marwins Lehrerin nicht vorzuhaben scheint, ihre Frage zu wiederholen. »Sie wissen ja schon, dass wir nicht religiös sind. Es muss sich um eine Verwechslung handeln. Da ich heute ohnehin nur vormittags arbeite, hätte ich Marwin eh schon in einer Stunde geholt. Eine Stunde mehr oder weniger macht wohl keinen Unterschied – wo der Unterricht schon vorbei ist. So isst er zumindest mit mir.« Marwin hat bereits seine blaue Jacke an und hält den dazu passenden Rucksack mit beiden Händen umklammert. Den bekam er von seinem Papa Peter dem Polizisten zum zehnten Geburtstag. Seine dunkelbraunen Augen sehen richtig unschuldig aus. Schweigend betrachtet er seine Schuhe. »Aber rückerstatten kann ich Ihnen den Mittagsbeitrag nicht, nur damit Ihnen das klar ist. Da hätten Sie mir schon früher sagen müssen, was er essen darf und was nicht«, sagt Frau Garst schnippisch. Marlene nickt. Sie beschließt, diplomatisch zu bleiben. »Natürlich nicht. Ich wollte Sie auch gar nicht darum bitten.« – »Das hätte auch nichts gebracht.« – »Das habe ich verstanden.« – »Umso besser, dann sind wir uns ja einig«, kommt es aus Frau Garsts Mund, den nun ein künstliches Lächeln ziert. »Komm, wir gehen, Marwin«, fordert Marlene ihren Sohn auf. Er dreht sich in ihre Richtung. In derselben Bewegung schwingt er seinen Rucksack auf den Rücken. »Auf Wiedersehen, Frau Garst«, sagt er leise, ohne sie anzusehen. Dabei ist er schon auf dem Weg zum Ausgang. »Auf Nimmerwiedersehen«, korrigiert Marwin flüsternd, als die Lehrerin außer Hörweite ist. Marlene schmunzelt und tut, als hätte sie das nicht gehört. Sie wartet, bis sie durch das große Eingangstor des Hofes gegangen sind, bevor sie sich an ihren Sohn wendet: »Was ist das denn für eine Geschichte, Marwin?« – »Was denn?«, fragt ihr Sohn, immer noch leiser, als er gewöhnlich spricht. »Dass wir Muslime sind und das Zeugs?«, fährt Marlene fort. »Ich hab nicht gesagt wir beide, Mama. Nur ich – aber das hab‘ ich wegen Ayaz gesagt«, antwortet ihr Sohn, immer noch kleinlaut. Seinen Kopf hält er weiterhin gesenkt, so, dass Marlene ihn kaum hören kann. »Wer ist denn Ayaz?«, fragt sie. »Mein neuer Kumpel ist das. Du hast letztes Mal mit seinen Eltern beim Elternabend geredet, weißt du nicht mehr? Die Frau mit dem Tuch. Er war vorher in der anderen Klasse.« – »Der Parallelklasse?«, stellt Marlene sicher. Sie erinnert sich daran, sich während der Wartezeit mit einem türkischen Ehepaar unterhalten zu haben. Ihr Sohn nickt. »Der darf kein Fleisch essen. Deshalb schaut ihn die Frau Garst immer so an, so … als wär er krank oder so was. Also hab ich heute gesagt, ich kann das auch nicht essen, weil ich nur halal esse. So was isst er, der Ayaz.« Marlene kann nicht anders, als zu schmunzeln. Als Marwin das bemerkt, lächelt auch er, erst vorsichtig, weil er noch nicht ganz sicher ist, ob seine Mutter nun vielleicht doch schimpfen wird oder nicht. Er hebt den Kopf und schaut in ihre Richtung. »Du hättest ihr Gesicht sehen sollen!« Jetzt spricht ihr Sohn wieder in der gewohnten Lautstärke. In seiner Stimmlage schwingt sogar ein bisschen Begeisterung mit. »Zum ersten Mal hat sie mich noch blöder angeschaut als den Ayaz.« Marwin strahlt. »Ich wollte eigentlich schon mit dir schimpfen, aber das war ja dann eine ziemlich gute Idee. Abgesehen davon, dass du gelogen hast, natürlich.« Während dem letzten Satz verfinstert sich Marlenes Gesichtsausdruck wieder ein wenig. Trotzdem gibt sie ihrem Sohn einen Kuss auf die Stirn. Er ist und bleibt ein unverbesserlicher Weltverbesserer. Der Kuss ist ihm ein bisschen peinlich, so mitten auf der Straße.
Eigentlich hätte Marwin Erwin heißen sollen, nach seinem Großvater väterlicherseits. Allerdings findet Marlene den Namen Erwin absolut schrecklich und so weigerte sie sich bis zum letzten Moment, ihn so zu nennen. Peter der Polizist bestand natürlich darauf, wie er immer darauf besteht recht zu haben. Bis zu dem Tag der Geburt seines Sohnes. Während dieser wurde Peter ganz bleich und fiel in Ohnmacht. Im Nachhinein behauptete er das wäre Marlenes Schuld gewesen, sie hätte doch ein bisschen weniger schreien können. Vor seinen männlichen Kollegen erwähnt er besagte Geschichte nie. Als Marwin seinen Kopf zum ersten Mal aus dem Unterleib seiner Mutter streckte, weinte er nicht, sondern begann vor sich hin zu lachen. In diesem Moment kam Peter der Polizist wieder zu sich. Schwindelig betrachtete er seinen Sohn. »Schau wie er lacht, weißt du wie wir ihn nennen?«, meinte Marlene mit leuchtenden Augen. Peter der Polizist schaute sie fragend an. Er war wohl zu schwach, um zu sprechen. Ganz leicht lächelte er, was natürlich auch Marlenes Interpretation sein konnte. »Marwin, so wie Marwin Gaye.« Marlene ist ein großer Fan von Marwin Gaye. Natürlich ist das nicht die Musik ihrer Generation, aber das ist ihr ganz egal. Im nächsten Moment gelang es Peter dem Polizisten, mit Hilfe seiner letzten Kräfte zu sagen: »Aber gay … Das heißt doch schwul. MEIN Sohn wird nicht schwul!« Dabei überschlug sich seine Stimme leicht. Marlene verdrehte die Augen. »Ursprünglich heißt das glücklich, Peter«, meinte sie. »Und ob unser Sohn schwul wird oder nicht, kannst du sowieso nicht entscheiden. Ich wüsst auch gar nicht, was das für einen Unterschied machen sollt.« Da nickte Peter der Polizist, nicht weil er einer Meinung mit Marlene war, sondern weil er zu müde war, um ihr zu widersprechen.
»Wie willst du dein Kebab?«, fragt Marlene, nachdem sie die beiden Ampeln zwischen der Pestsäule und der Griesgasse überquert hatten. »Halal.« – »Jetzt kannst du aber aufhören, Marwin. Ich bin nicht Frau Garst.« – »Ich habe gedacht, was ich gesagt hab war eine gute Idee?« – »Einmal, ja. In der Schule. Und auch nur zur Frau Garst und zu keiner anderen Lehrerin. Schon gar nicht zu mir! Mir brauchst du keine Geschichten aufzutischen. Und ob du irgendwann religiös sein willst oder nicht, kannst du entscheiden, sobald du dich mit Religion auskennst. Dazu musst du dich erst einmal …« Marwin verdreht leicht die Augen, aber wirklich ganz leicht, damit seine Mutter es wohl nicht sehen kann. »Ja, Mama, ich weiß … erst einmal informieren, um zu wissen, ob ich religiös werden will oder Autist sein will, so wie du. Das hat Oma auch gesagt.« – »Atheist, Marwin.« – »Ist doch wurscht. Kann ich jetzt mein Kebab haben?« Sie bleiben vor der Imbissbude stehen. »Es ist nicht wurscht und fragen könntest du etwas höflicher!« Es wäre übertrieben zu sagen, dass Marlene schreit. Doch ihr Tonfall ist um einiges angestiegen. Der Kebab-Verkäufer schaut ziemlich überrascht aus der Wäsche. Er wusste gar nicht, dass die junge, österreichische Elterngeneration zu so drastischen Erziehungsmethoden wie »beinahe anschreien« greifen kann. »Darf ich bitte meinen Kebab haben, Mama?« – »Einen ohne Zwiebeln und einen normal, bitte«, bestellt Marlene. »Und dem Papa erzählst du das nicht, okay?«, fügt sie leise, an Marwin gewandt, hinzu. »Das mit dem Kebab, oder dass ich nicht weiß, ob ich Autist sein will?« – »Keins von beiden« – »Heißt einen ohne Zwiebeln und einen normal einen mit- und einen ohne Zwiebeln, oder zwei ohne Zwiebeln und einen mit scharfer Sauce?«, kommt es kleinlaut aus der Bude hervor. Ein Kochbuch könnte sie sich zulegen.