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Leseprobe: Verdächtige und andere Katastrophen

Paul Maurus schaute sich um. Seine großen, blauen Augen mit dem leicht verrückten Blick, blieben an dem Spülbecken hängen. Er fixierte den tropfenden Wasserhahn. Die Tropfen, die in regelmäßigen Abständen in den Spülstein fielen, hallten wie Trommeln in seinem Kopf. Mit dem Stuhl, auf dem er rittlings saß, schlug er kippelnd den Takt dazu. Die Arme auf der Lehne verschränkt, das Kinn darauf gestützt, wanderten seine Augen zum Telefon. Er wünschte, es würde läuten, wenngleich er nur mit Widerwille telefonierte. Seine Gedanken tanzten Walzer. Wie stets, wenn er seinen Kopf frei bekommen wollte, schüttelte er diesen so heftig, dass ihm seine kinnlangen, blonden Haare noch zerzauster in die Stirn fielen und ihm das Aussehen eines ausgefransten Wischmopps verliehen. Diese Phase der Entspannung wurde unvermittelt durch das Aufreißen der Tür gestört. Der Anblick seines Chefs, Kommissar „Eifer“, der bei Tag und Nacht, dienstlich wie privat, jederzeit mit Leib und Seele Hauptkommissar Gregor Brandolf war, ließ ihn unwillkürlich zusammenzucken. Nicht etwa, weil er sich ertappt fühlte oder die Art, wie sein Chef die Tür öffnete, waren der Grund, vielmehr die Tatsache, dass er sich nie wirklich an dessen Aussehen gewöhnt hatte und es auch niemals tun würde. Wie musste sich da erst Kommissar „Eifer“ beim Anblick seines Spiegelbildes fühlen? Der Gedanke stimmte ihn mitleidig gegenüber diesem ebenso unerbittlichen wie hässlichen Mann, dessen Aussehen nur eine Mutter lieben konnte und der mit der schmerzlichen Gewissheit zu leben hatte, dass jeder Spiegel sein natürlicher Feind war. Sein ungewöhnliches Äußeres ähnelte einer misslungenen Kreuzung teils exotischer Tiere. Und er litt an einer unheilbaren Krankheit, die schon zu weit fortgeschritten war. Es gab keine Möglichkeit mehr, sie zu heilen. Diese Krankheit hieß Ehrgeiz, und er würde daran sterben.
„Na, Chef! Was gibt’s Neues?“, fragte Paul lapidar.
„Maurus, Sie befinden sich in der günstigeren Position, diese Frage zu beantworten!“ Gregor Brandolf öffnete die Jacke seines wie stets in einem schlichten Grauton gehaltenen Anzugs und strich sich im Hinsetzen über die einen Farbton dunklere Krawatte.
„Sie haben recht, Chef. Der Gärtner war‘s!“
„Was fällt Ihnen ein, Maurus?!“
„Sehr viel, Chef!“
„Ihr Humor, Maurus, ist wirklich bewundernswert. Obschon Sie wissen, dass Sie Ihre Assistenz nicht einem Akt der Nächstenliebe zu verdanken haben und ganz sicher nicht Ihrer Logik, die so löchrig ist wie Schweizer Käse, sondern einzig und allein der Gegebenheit, dass Ihr Vater vor seiner Pensionierung selbst Hauptkommissar war, geben Sie hier den Possenreißer!“ Mit Nachdruck warf er die grüne Dokumentenmappe, die er unter seinem rechten Oberarm hervorgezogen hatte, vor sich auf den Schreibtisch.
„Jeder tut das, was er am besten kann, Chef!“
„Das halte ich für ein Gerücht, Maurus!“
„Und ich halte es für eine Tatsache, dass Sie zum Lachen in den Keller gehen, Chef, und sich dabei noch eine Kapuze über den Kopf ziehen.“
„Ich werde jetzt genüsslich ein paar Zigaretten rauchen und mich derweil daran erfreuen, dass Sie, als Nichtraucher, ein Dienstzimmer mit mir teilen müssen.“ Sein Froschmaul verzog sich zu einem spöttischen Grinsen, während er den Rauch tief einsog. „Wie Sie sehen, Maurus, habe ich noch immer die Hoffnung, dass Sie vielleicht früher oder später den Dienst quittieren und endgültig aus meinem Dunstkreis verschwinden.“
„Ach, Chef. Geben Sie sich keine Mühe!“ Paul öffnete das Fenster und lehnte sich weit hinaus. „So leicht werden Sie mich nicht los!“
„Schade, Maurus. Wirklich, schade“, knurrte Brandolf, während er sich die nächste Kippe anzündete.
Paul blickte gedankenverloren auf den tristen Hinterhof des Polizeipräsidiums. Die Sonne blendete ihn und er schloss für einen Moment die Augen. Millionen wunderliche Neigungen gab es auf der Welt und ausgerechnet diese Marotte hatte sich Kommissar „Eifer“ zulegen müssen. Eine einzige Gemeinsamkeit teilten sie sich, wenn auch aus unterschiedlichen Beweggründen: Auf keinen Fall würden sie jemandem die Hand schütteln. Kommissar „Eifer“ vermied grundsätzlich jeglichen Körperkontakt mit kriminellen Kreaturen. Streng genommen war jeder ein potenzieller Verdächtiger. Getreu seinem Leitsatz: Jeder hat eine Leiche im Keller! Paul Maurus hingegen war ein Hypochonder und wollte auf krank machende Keime verzichten.
„Wir haben einen Mord und treten mit unseren Ermittlungen auf der Stelle, Maurus!“
Paul schloss das Fenster, setzte sich an den eigenen, wesentlich kleineren Schreibtisch und schaute seinen Chef abwartend an.
„Also, Maurus, fassen Sie noch einmal zusammen, was wir bis jetzt haben!“ Er lehnte sich zurück und schloss die Augen.
„Die Klavierlehrerin Rosamunde Stichnote, geschiedene Schmidt, wurde in ihrem Musikzimmer, neben ihrem kostbaren Konzertflügel, den sie ausschließlich privat nutzte, ermordet aufgefunden.
Sie lag auf dem Fußboden und hatte die Tatwaffe, eine walnussfarbene Strumpfhose, Konfektionsgröße 40, noch um den Hals geschlungen. Neben ihr ein Schreiben mit ausgeschnittenen Zeitungsbuchstaben folgenden Inhalts: Nächte mit vorhergesagtem Perseidenregen! Sternschnuppen! Die kleinen Glücksbringer am Himmel, siehst du eine, hast du einen Wunsch frei! Auf dem Schreiben befanden sich keinerlei Fingerabdrücke, weder von der Ermordeten noch von dem Verfasser. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wurde dieses Schreiben erst neben das Opfer gelegt, nachdem es erdrosselt war. Der stadtbekannte Fotograf Jürgen Stein, der freischaffend für den „Kreisanzeiger“ tätig ist, hat uns verständigt, nachdem er Rosamunde Stichnote stranguliert aufgefunden hatte. Kurz zuvor war bei der Redaktionsassistentin ein Anruf von benannter Klavierlehrerin mit der Bitte um eine Aufnahme mit Text zwecks Werbung eingegangen. Zu diesem Zeitpunkt war sie bereits tot. Demzufolge haben wir es mit einer Unbekannten zu tun, deren Identität noch immer ungeklärt ist. Meiner Überzeugung nach werden wir hinsichtlich dieser geheimnisvollen Anruferin auch weiterhin im Dunkeln tappen, Chef!“
„Maurus, verschonen Sie mich bitte mit Ihren fragwürdigen Auffassungen. Ich will nur Fakten, nichts als Fakten von ihnen hören!“
„Mit unseren Fakten als auch unserem Latein wären wir hiermit am Ende. Das Einzige, was wir zurzeit im Übermaß haben, sind Vermutungen, nichtssagende Mutmaßungen, die uns auf der Stelle treten lassen, Chef!“
„Da haben Sie ausnahmsweise einmal recht, Maurus!“
„Chef, es freut mich aufrichtig, dass wir wenigstens einmal einer Meinung sind!“
„Nicht ganz, Maurus! Nicht ganz. Schließlich haben wir unseren Hauptverdächtigen, den überspannten Jürgen Stein, den man nicht umsonst hinter vorgehaltener Hand als Psychopathen belächelt. Etliche bezeichnen ihn weniger despektierlich und nennen ihn, seiner durchweg meisterhaften Aufnahmen wegen, denen notwendigerweise Hochachtung gebührt, auch den „Starfotografen“ der Stadt. Andere titulieren ihn als den „rasenden Reporter“, weil er vorwiegend während der Urlaubszeit den einen oder anderen Bericht über Themen schreibt, die ihm persönlich am Herzen liegen, wie zum Beispiel Misswahlen in Diskotheken. Dieser schmierige Schmalspurliebhaber, dessen Fingerabdrücke sich erwiesenermaßen auf der Eingangstür und dem Telefon des Opfers befanden, ist unser Täter, Maurus! Das sagt mir mein untrüglicher Instinkt!“ Er langte sich an seine fleischigen Nilpferdnüstern. „Ich muss ihm den Mord an Rosamunde Stichnote nur eindeutig nachweisen“, fügte er tatkräftig hinzu.
„Und genau das wird Ihnen nicht gelingen, Chef! Verstehen Sie mich nicht falsch, es widerstrebt mir, Sie zu belehren. Aber wir haben nicht das Geringste gegen Jürgen Stein, den Sie voreilig als Hauptverdächtigen schimpfen, in der Hand. Seine Fingerabdrücke untermauern lediglich seine Aussage, dass er die nicht verschlossene Tür geöffnet und nach dem Auffinden der
Ermordeten sofort die Polizei angerufen hat!“
„Für den Mord hat er Handschuhe getragen und sie dann verschwinden lassen, Maurus. Sie wissen doch, für so etwas habe ich ein Gespür!“ Er hatte sich regelrecht auf Jürgen Stein als mutmaßlichen Täter versteift. Um seine Laufbahn ambitioniert voranzutreiben, war ihm nahezu jedes Mittel recht. Er war von der Idee besessen, besser einen höchst fraglichen Killer zu präsentieren, als mit leeren Händen und ohne Plan dazustehen. Letzteres hätte den sicheren Verlust seines Prestiges bedeutet. Solch eine unverzeihliche Niederlage war indiskutabel als auch der Gipfelpunkt der dienstlichen wie privaten Katastrophen.
„Ohne Ihren Spürsinn anzweifeln zu wollen, Chef, glaube ich nicht, dass Jürgen Stein der Mörder ist. Meiner Überzeugung nach ist er nicht fähig, jemanden zu töten!“
Paul sah Kommissar „Eifer“ in einer ihm so vertrauten Geste der Empörung mit den Fingern schnipsen. Er hörte sein „Verdammt“, noch bevor er es ausgesprochen hatte. „Maurus! Wachen Sie auf! Wo leben Sie eigentlich?! Nein! Ersparen Sie mir die Antwort. Ich weiß, worauf das hinausläuft, Pflanzenesser dieser Welt, verbrüdert euch! Nur weil dieser Kerl ein militanter Vegetarier ist, trauen Sie ihm keinen Mord zu!? Ihre Borniertheit stellt alles andere in den Schatten!“
„Bitte keine Beleidigungen, Chef!“
„Ja, weil Sie so zart besaitet sind, Maurus!“
„Genau, Chef! Und es würde nur wieder in einer Katastrophe gipfeln!“
„Maurus, ich bin auch nur ein Mensch. Sie sind so unbedarft, dass es schmerzt. Außerdem lebe ich mit der ständigen Sorge, dass Ihre Begriffsstutzigkeit auf mich abfärben könnte!“
„Chef, ich muss protestieren! Keine weiteren Erniedrigungen mehr oder ich sehe mich gezwungen …“
„Schon gut, Maurus! Bis vorhin lebte ich in dem Glauben, alle Demütigungen an Ihnen verbraucht zu haben … Und wo wir gerade beim Thema sind, während Sie heute Morgen wieder auf der faulen Haut gelegen haben und in Selbstmitleid zerflossen sind, habe ich fleißig Belastungsmaterial zusammengetragen. Nachdem ich in der Redaktion des „Kreisanzeiger“ erfahren hatte, dass sich unser „Paparazzo“ neuerdings auf der Suche nach „Freiwild“ befindet, habe ich mir kurzweg einen Durchsuchungsbeschluss für seine Wohnung besorgt und das hier sichergestellt!“ Er deutete auf die Mappe, die auf seinem Schreibtisch lag. „Dadurch, Maurus, werde ich noch heute ein Geständnis aus diesem Verrückten herauspressen! Allerdings kann es noch Stunden dauern, bis er auftaucht. Die in der Redaktion sind von mir angewiesen, ihn unverzüglich nach seinem Eintreffen hierhin zu schicken!“ Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr und rieb sich fröhlich die Hände. „Vorfreude ist die beste Freude, so wie Ausdauer stets belohnt wird. Demnach, Maurus, müssen Sie sich noch etwas gedulden, bis Sie wieder einmal mehr in den Genuss meiner subtilen Verhörtaktik kommen. Und lassen Sie sich gesagt sein, dass diese Methode mich auf der Karriereleiter unaufhaltsam nach oben katapultieren wird! Ganz im Gegensatz zu Ihnen!“ Ein selbstverliebtes Lächeln umspielte sein Froschmaul, während er den Knoten seiner Krawatte zurechtrückte und überheblich den Hals reckte.
„Der Einfachheit halber wäre es doch eine begrüßenswerte Aussicht, dass der Hauptverdächtige die Sache selbst in die Hand nimmt und auf eigene Faust den Schuldigen überführt. – Wie im Mordfall der Melinda Arbogast“, seufzte Paul. „Es wäre alles so simpel, gäbe es nur mehr Menschen wie Eckehard Hunold …“
„Sie Weichpappe“, tobte Gregor Brandolf. „Was fällt Ihnen ein, diesen Dünnpfiff ventilierenden Kleinganoven Eckehard Hunold zu glorifizieren!? Ob es Ihnen passt oder nicht, Sie Einfaltspinsel, und wenn es Sie den Rest ihres Verstandes kostet, der Mörder ist Jürgen Stein! Punktum!“

Da saß er nun, der Fotograf Jürgen Stein, vergleichsweise gestresst, infolgedessen nicht in der besten körperlichen und seelischen Verfassung. Alles in allem war er eine recht seltsame Erscheinung. Er ähnelte einem karikierten „Müsli-H-Milch-Männchen“, das jederzeit wie in einem Comic zu einem Superhelden mutieren konnte. Die kurzen, schütteren, braunen Haare trug er als Ponyfrisur. Ein widerspenstiger Schnurrbart zierte seine Oberlippe. Auf Geheiß von Hauptkommissar Gregor Brandolf hatte er die Sonnenbrille, die speziell für ihn angefertigt worden war, hinter der er seine blauen Augen Tag und Nacht versteckte und nicht einmal zum fotografieren abnahm, wie er eindringlich zu erläutern versuchte, letztlich doch abnehmen müssen. Seine hochgewachsene, schlaksige Gestalt mit den endlos wohlgestalteten Beinen steckte in abgewaschenen Jeans, einem Shirt und Turnschuhen, die auf penible Reinlichkeit schließen ließ. Mit Vorliebe Baseballmützen zu tragen war genauso alltäglich für ihn wie das Schleppen seines „Zauberkoffers“, in dem sich jederzeit einsatzbereit seine komplette Fotoausrüstung befand.
Derzeit war er den verbalen Angriffen Brandolfs ausgeliefert. Mit seiner leisen, immerfort atemlos klingenden Stimme versuchte Jürgen Stein sich mit gezielten als auch kernigen Argumenten zu wehren. Für eine Weile wirkte er souverän. Aber allmählich machte sich seine Nervosität auf die unaufhaltsam obligate wie erbarmungslose Weise bemerkbar und verleitete ihn dazu, kontinuierlich mit den Wohnungsschlüsseln, die er stets mit einem langen Band um den Hals trug, zu klappern. Zudem rutschte er so zappelig auf dem Stuhl hin und her, als würde ihn Montezumas Rache heimsuchen.
Keine Frage, Gregor Brandolf hatte ihn weich gekocht. Außerdem hatte dieser katastrophale Vormittag mehr von ihm gefordert, als er in der Lage war zu geben. Dabei hatte der Tag so vielversprechend für ihn begonnen.


Er war bester Laune, nachdem er im „Kreisanzeiger“ seine Aufnahme vom Sonnenuntergang, die ihm wieder einmal meisterhaft gelungen war, bewundern konnte. Zur Feier des Tages gab er sich eine Extraportion Rosinen ins tägliche Müsli.
Während er sich den ersten Löffel gönnte und der Verdauung wegen ausdrücklich lange kaute, blätterte er die Seiten der Zeitung weiter um. Auf der Suche nach dem Foto von dem neu eröffneten Friseurladen, das er zusätzlich für diese Ausgabe geschossen hatte, wurde just ein Artikel mit der Überschrift „Mysteriöser Todesfall im Wald“ zu einem Blickfang für ihn. Zwischenzeitlich führte er den nächsten, flach gehäuften Löffel Müsli zum Mund. Er streifte ihn natürlich jedes Mal gewissenhaft am Rande der Schüssel mit dem Hahn- und Henne- Motiv und der Aufschrift „Müsli“ ab, um Flecken auf dem Tageblatt zu vermeiden. Solange seine Augen die Buchstaben verschlangen, vollführte sein Kiefer immer hastiger werdende Kaubewegungen. Jedes weitere Schriftzeichen ließ ihn zusammenzucken. Der Textabschnitt, der offenlegte, dass eine betagte Frau bei ihrem abendlichen Spaziergang durch den Wald infolge eines Schocks schlagartig ums Leben gekommen war, ließ ihm den Haferflockenbrei buchstäblich im Halse steckenbleiben. Zweifellos und bedauerlicherweise hatte er sie ins Jenseits befördert. Schreckliche Schuldgefühle plagten ihn. Nicht einmal in einem Anfall von Paranoia hätte er sich vorstellen können, eines Tages zum Mörder zu werden. Die Gewissheit, dass dies unbeabsichtigt geschehen war, änderte nichts an der Tatsache, dass er von jetzt an eine Tote auf dem Kerbholz hatte.
Von Panik erfüllt stand er auf. Er brauchte erst einmal ein Glas kalte Milch, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Die eisgekühlte Flüssigkeit rann durch seine Kehle und ließ die Gläser seiner speziellen Sonnenbrille beschlagen. Sein Kopf arbeitete auf Hochtouren. Sein empfindlicher Magen rebellierte. Den Schädel über die Kloschüssel gebeugt, sinnierte er: Seine Leidenschaft, sich vorwiegend zur Abendstunde im Wald aufzuhalten, war ihm unwiderruflich zum Verhängnis geworden. Seine „Waldtauglichkeit“ hatte er unzählige Male unter Beweis gestellt. Er wollte alles und nichts. Ständig war er auf der Suche nach dem ultimativen Kick. Bei seinen haarsträubenden, nächtlichen Unternehmungen trug er stets einen Tarnanzug, um sich der Landschaft anzugleichen. Der Weg war ihm so vertraut, dass er sogar auf eine Taschenlampe verzichten konnte. Mehr noch, er fand ihn selbst mit geschlossenen Augen. Er hatte es schon häufig ausprobiert. Aus reiner Experimentierfreude hatte er sich die Augen verbunden und war jedes Mal problemlos ans Ziel gelangt. Mittlerweile war er so geübt, dass er die Strecke mit verbundenen Augen und im Laufschritt bewältigen konnte, ohne einen nennenswerten Ausrutscher. Jenen Wald betrachtete er als sein Eigentum, besonders das Teilstück, wo er gewöhnlich sein Unwesen trieb. Hier war er der unumstrittene Herrscher. In seinem Kopf waltete totales Chaos. Erschöpft von dem Aufbegehren seines Magens, stützte er sein Kinn auf den kühlen Toilettenrand. Gerade so ermattet, wie in der verhängnisvollen Nacht, schoss es ihm da durch den Kopf. Er hatte in der kühlen Nachtluft am Rande des Waldes gestanden und den sternenklaren Himmel beobachtet. Dann breitete er die Arme aus und drehte sich im Kreis, als wolle er all die glitzernden Massen von gleißenden Funken, die vom Himmel fielen, auffangen. Die herabfallenden Sternschnuppen tauchten die Nacht für wenige Augenblicke in ein glänzend helles, funkensprühendes Licht, das dem Wald ein märchenhaftes Ambiente verlieh. Gefangen von der Magie des Moments hatte er sich ganz seinen Gefühlen hingegeben. Sich wie ein Derwisch drehend, mit weit emporgereckten Armen, als wolle er jede einzelne Sternschnuppe ergreifen und verwahren, damit keiner seiner Wünsche verloren ging, war er schließlich von seinem ungestümen Tanz so abgekämpft, dass er zu seinem Auto ging. Wie jedes Mal hatte er es am Rand des Hains geparkt. Seiner Gewohnheit nach drehte er die Musik, eine Mischung aus Heavy Metal, Hardrock und knarrenden Türgeräuschen, die er mit einem Kumpel abgemischt hatte, auf volle Lautstärke. Er schaltete das Innen- und Außenlicht mit den zusätzlich eingebauten Scheinwerfern ein. Als unheimlicher Kontrast zur Dunkelheit stand das Fahrzeug lichtdurchflutet abseits des Waldes und wies eine spektakuläre Ähnlichkeit mit einem Ufo auf.
So wie zigmal zuvor hatte er mit offener Tür auf dem Fahrersitz gesessen und die Beine baumeln lassen. Anschließend hatte er mit einer Flasche Mineralwasser seinen Durst gelöscht. Für einen Moment schloss er die Augen, als er daran dachte, wie er sich mit Heißhunger über das Päckchen Haferflocken hergemacht hatte. Möglicherweise war dies genau der Zeitpunkt, als sein vermeintliches Opfer durch seine einem Ufo gleichende, fahrende Disco den Tod gefunden hatte. Allein die Vorstellung hiervon genügte, um ihn erneut speien zu lassen. Solange sein Magen sich krampfartig zusammenzog und den restlichen Inhalt freigab, hatte er das Gefühl, sämtliche Eingeweide würden sich gleichfalls von ihm verabschieden. Entkräftet klammerte er sich am Klosett fest. Trübsinnig rekonstruierte er den Sachverhalt: Die hochbetagte Frau hatte sich bei einsetzender Dunkelheit als arglose Spaziergängerin auf dem Weg befunden, der direkt an das von ihm genutzte Waldstück grenzte. Just als er sein Auto wieder in ein unbekanntes Flugobjekt mit Discosound verwandelte, hatte sie blitzartig der Schlag getroffen. Bestimmt hatte sie gedacht, die Außerirdischen seien gelandet und der Schreck hatte sie dahin gerafft. Mit seiner Beherrschung war es endgültig vorbei. Er weinte laut. Die Tränen nässten seine erhitzten Wangen und die Gläser seiner Sonnenbrille. Ein neuerliches, beschwerliches Schlucken ließ ihn den Kopf tiefer ins WC neigen. Indes gab sein Magen nichts mehr her. Es war vorüber. Dagegen hatten die schwerwiegenden Vorwürfe, die er sich machte, erst ihren Anfang gefunden. Durch diesen unsagbaren wie Aufsehen erregenden „Forstzauber“ war seine Weltanschauung gänzlich verdreht.
Die Badezimmeruhr riss ihn aus seiner Schwermut. Es blieb ihm gerade noch ausreichend Zeit, die Zähne zu putzen, das Gesicht samt Sonnenbrille zu waschen und ein frisches Shirt anzuziehen. Dann musste er wohl oder übel zu dem Fototermin in die Autowerkstatt, um zur Werbung von dem Besitzer einige ansprechende Aufnahmen zu knipsen. Dies stellte sich allerdings als gar nicht so einfach heraus.
Erst einmal in der Werkstatt angelangt, musste er mit einem russischen Kraftfahrzeugmechaniker vorliebnehmen, der kaum deutsch sprach und nur wenige unverständliche Sätze in seinen Bart knurrte. Da er alle seine Standardvokabeln an dem Russen verbraucht hatte und die Situation ihn völlig überforderte, fing er wie üblich an zu stottern. Daraus konnte man ableiten, dass jede Faser seiner Nerven, die ohnehin überbeansprucht waren, wegen der inzwischen auftretenden Komplikationen unabänderlich zu zerreißen drohte. Überdies folgte das unerlässliche als auch hilfreiche Greifen nach den Schlüsseln um seinen Hals. Unbeeindruckt von seiner nervenaufreibenden Darbietung drehte sich der Russe um und ließ ihn der Einfachheit halber stehen. Sich selbst und seinem Schicksal überlassen, verzog er sich danach in das kleine Büro der Autowerkstatt. Bis zum Eintreffen des Chefs wollte er sich hier von den niederschmetternden Heimsuchungen erholen.
War solch eine Lawine erst einmal losgetreten, gab es kein Entkommen. Das wurde ihm nach der Begegnung mit dem Eigentümer und Meister der Werkstatt schmerzlich bewusst gemacht. Er hatte eine Begrüßung sowie ein paar Höflichkeitsfloskeln gestammelt und sich ohne Umschweife ans Werk gemacht. Sein Bestreben war es, den Inhaber in lasziver Pose auf einem Autoreifen abzulichten. Dies stellte sich aber als schier unmöglich heraus, weil dieser große, bullige Kerl einfach zu schwerfällig war.
In solchen Situationen bewies selbst er jedoch ein außergewöhnliches Durchhaltevermögen. Und wie sich herausstellte, war der Koloss ebenfalls bemüht, die Angelegenheit, so schnell und so gut es seine Statur erlaubte, hinter sich zu bringen. Irgendwie schien es dieser aufgepumpten Ausgabe von Batman tatsächlich peinlich zu sein, fotografiert zu werden. Noch mehr schien ihn allerdings die eigene Ungelenkigkeit zu beschämen. Solange er durch den Sucher blickte, schauderte es ihn, das feiste Individuum zu betrachten, das er so verzweifelt mit der Kamera festzuhalten versuchte. Ein wahrhaft grotesker Anblick, dieser Dieter Krüger. All seine Bewegungen wirkten wie ferngesteuert und das gesamte Aussehen seiner Person mochte durchaus die Bewohner eines anderen Planeten beeindrucken. Hier auf unserer Erde war seine Erscheinung jedoch indiskutabel. Durch das Objektiv schaute er ihm direkt in seine übergroßen, mandelförmigen, blauen Augen, die er nur zur Hälfte öffnen konnte und schoss ihn endlich ab. Das Bild war im Kasten. Er verabschiedete sich erleichtert und stellte sich die berechtigte Frage, ob tatsächlich die Außerirdischen gelandet seien.
Und jetzt sah er sich zu allem Überfluss, quasi als Krönung des Tages, mit diesem wild gewordenen Kommissar mit der Gorilla-Grimasse konfrontiert.


„Sie haben weder Geld noch Wertgegenstände entwendet. Was war Ihr Motiv für den Mord an Rosamunde Stichnote? Erleichtern Sie Ihr Gewissen und legen Sie ein umfassendes Geständnis ab. Sie werden … he, was ist denn mit Ihnen los? Sie sind ja völlig geistesabwesend, Herr Stein!?“
Gregor Brandolf hämmerte mit der Faust auf den Schreibtisch.
„Oh, Entschuldigung, Herr Kommissar …“
„Hauptkommissar! Wenn ich bitten darf. So viel Zeit muss sein!“
„Was? Ach so, ja! Sie müssen wissen, ich hatte einen anstrengenden Arbeitstag, Herr Hauptkommissar!“
„Pah! Dass ich nicht lache! Sie und arbeiten? Für Sie Chaot ist „Arbeit“ doch ein Fremdwort! Dieses exotische Vergnügen überlassen Sie lieber anderen. Uns, zum Beispiel. Ihretwegen, Herr Stein, hatte ich heute wirklich einen anstrengenden Arbeitstag! Als kleine Anerkennung möchte ich jetzt Ihr Schuldbekenntnis hören!“
„Ich kann nicht gestehen, was ich nicht getan habe!“ Jürgen Stein war verärgert. Er blickte abwertend zu seinem Scharfrichter, der so hässlich war, dass sich abermals sein sensibler Magen regte. Dieses Ekel konnte sich glücklich schätzen, dass er nichts Essbares mehr zu sich genommen hatte. Dann betrachtete er eingehend dessen Helfershelfer, der offenbar genauso irre war wie er selbst. Keiner hätte das besser beurteilen können. Nicht umsonst sagte man: Nur ein Irrer erkennt einen Irren. Und der hier schien ihm sogar um einige Ticks voraus zu sein.
„Sehen Sie mal, was ich hier habe! Diese anonymen Drohbriefe habe ich heute bei Ihnen sichergestellt!“ Gregor Brandolf öffnete siegessicher die grüne Mappe und breitete die Briefe auf seinem Schreibtisch aus.
„Was?! Sie waren in meiner Wohnung?!“
„Wenn Sie das Dreckloch, in dem Sie hausen, als Wohnung bezeichnen wollen, ja! Übrigens, hier ist der Durchsuchungsbeschluss. Alles ganz legal!“ Er schob ihm das Schriftstück hin. „Außerdem sollten Sie mir dankbar sein, dass ich Ihren Saustall sozusagen einmal gründlich ausgemistet habe. Wo sie doch bald in Untersuchungshaft sitzen werden!“ Brandolf warf ihm einen verächtlichen Blick zu.
„Sie scheinen sich Ihrer Sache sehr sicher zu sein, Herr Hauptkommissar.“
„Oh, ja! Das bin ich in der Tat. Worauf Sie sich verlassen können. Wie heißt es doch gleich?“ Er wandte sich an seinen Assistenten und schnipste auffordernd mit den Fingern. „Wie heißt es doch so schön, Maurus?“
Der fühlte sich überrumpelt und wusste nichts weiter als „Chef?“ zu erwidern.
„Nun mal raus mit unseren Wahlsprüchen, Maurus!“
Paul konterte zögernd: „Ohne Fleiß kein Preis, Chef?“
„Bingo, Maurus! Tun Sie sich keinen Zwang an, weiter im Text!“ Beharrlich schnalzte er mit den Fingern.
„Chef, Sie meinen bestimmt: Nichts ist wie es scheint. Vertraue niemandem!“
„Unbestreitbar, unsere oberste Prämisse, um die tägliche Arbeit hier bewältigen zu können! Jeder ist eine denkbar kriminelle Kreatur, und in jedem Keller stößt man irgendwann auf eine Leiche …“
„Ich habe keinen Keller“, entgegnete Jürgen Stein beherzt.
„Gutes Argument, aber leider wenig überzeugend!“ Kommissar „Eifer“ wandte sich an seinen Gehilfen. „Sehen Sie mal, Maurus, wir haben es hier mit einem Komiker zu tun. Und er ist beinahe so witzig wie Sie …“
Rasch fiel ihm Paul ins Wort. „Da wir gerade beim Thema sind, fällt mir ein: Neugier bringt die Katze um, Chef!“
„Volltreffer, Maurus!“ Hochmütig wiederholte er das Sprichwort. „Neugier bringt die Katze um, … hält aber den Kriminalisten am Leben! Wie Sie sehen, Herr Stein, habe sogar ich einen gewissen Sinn für Humor. Widmen wir uns also wieder den ernsten Dingen! Dieses halbe Dutzend Drohbriefe wurde mittels Zeitungsbuchstaben erstellt, wie unschwer zu erkennen ist. Genau wie die Botschaft, die wir neben dem Mordopfer gefunden haben. Allerdings sind diese Schreiben hier weniger poetischen Tenors. Die Zeichnungen hingegen können sich sehen lassen! Beispielsweise die hier.“ Er deutete auf einen der Briefe, der wie die übrigen mit Sand und toten Mücken in Klarsichthüllen steckte und ein Strichmännchen am Galgen zeigte. „Der Verfasser hat sich besonders viel Mühe gegeben, mit Liebe zum Detail. Sie gleichen Ihnen wirklich bis aufs Haar, diese Spottbilder!“ Er lachte laut.
„Hören Sie, statt sich lustig zu machen, sollten Sie sich lieber um diese Schmierfinken kümmern“, erwiderte Jürgen Stein trotzig und strich sich verlegen über seinen Schnurrbart.
„Sie haben einen bestimmten Verdacht?! Oder sollte ich lieber fragen, ob Sie sich die Briefe selber geschrieben haben, um sich zu entlasten?“
„Wie können Sie es wagen, mir so etwas zu unterstellen! Zumal ich mir die Nächte um die Ohren geschlagen habe, um meine Vermutung belegen zu können. Sie können doch nicht nachvollziehen, wie man sich fühlt, wenn man solch einen Wisch in Händen hält!“ Die Worte des Protestes bahnten sich unaufhaltsam ihren Weg. „Anfangs waren die Briefe noch schlicht gehalten. Eben so wie ein Schreiben dieser Art auszusehen hat. Die ausgeschnittenen Buchstaben, in den dezenten Farben einer Tageszeitung gehalten und mit einem sachlichen Inhalt. Aber dann wurden es persönliche Verunglimpfungen, Morddrohungen, mit blutrünstigen Zerrbildern. Und wissen Sie, was das Allerschlimmste daran war?“ Er rückte seine Baseballkappe zurecht. „Nicht etwa der Terror, der kein Ende nehmen wollte. Nein! Es waren diese Karikaturen, die mir bis aufs Haar gleichen, wie Sie bereits festgestellt haben, Herr Hauptkommissar.
Dadurch war ich in meinem männlichen Stolz verletzt. Mein Herz schrie förmlich nach Rache. Diese Diffamie war ich nicht gewillt hinzunehmen. Es dürstete mich nach Satisfaktion. Äußerlich gleiche ich vielleicht einem Grashüpfer, einer Heuschrecke, einem Strichmännchen, wie zur Genüge dargestellt. Aber innerlich bin ich ein Berserker und das wollte ich dem anonymen Verfasser beweisen. Ein für allemal sollte er einen Denkzettel erhalten und auf keinen Fall ungeschoren davonkommen. Ich hatte auch einen ganz bestimmten Verdacht. Bei den Übeltätern musste es sich um einige Kinder handeln, die in der gleichen Gegend wohnen und dort ihr Unwesen treiben. Genau genommen: Zwei Mädchen und zwei Jungen von circa neun Jahren. Den Rotznasen wollte ich zeigen, wer hier wen fest im Griff hat. Da die Kuverts stets handgeschrieben an mich gerichtet in meinem Briefkasten lagen, musste ich zuerst einmal Nachforschungen wegen der Schrift anstellen. Um in den Besitz von Schriftproben zu gelangen, nahm ich einige Strapazen in Kauf. Bei den von mir Verdächtigten schlich ich bei Nacht ums Haus. Ich durchsuchte ihre Mülltonnen gewissenhaft nach verräterischen Zeitungsresten und fischte die weggeworfenen handschriftlichen Hausaufgaben zusammen mit Hundekot und anderen Abfallresten aus den Eimern heraus. Wieder zu Hause angelangt, ließ ich die Putzhandschuhe gleich an und bearbeitete die Schriftproben, die nebenbei bemerkt, sogar identisch waren. Mit dem Bügeleisen schweißte ich sie in Folie ein. Tags darauf machte ich mich mit den gesammelten Beweisen auf den Weg zur Polizei. Überdies hatte ich eine Anzeige verfasst. Auf der Wache sollte nur noch die offizielle Strafanzeige gegen die Eltern dieser nachlässig erzogenen Gören erfolgen. – Aber weit gefehlt! Anstelle von tatkräftiger Unterstützung wurde mir nur der Hohn der Polizeibeamten zuteil. Schlimmer noch: Sie machten mir Vorhaltungen, dass ich nicht Mann genug sei, mit ein paar Kindern fertig zu werden. Des Weiteren versicherten sie mir glaubhaft, dass der zuständige Staatsanwalt diesem Kinderkram ebenso viel Beachtung wie dem Platzen eines Reissackes in China schenken würde. Da man mich sowieso nicht ernst nahm, wollte ich zumindest meine beschwerlich zusammengetragenen Beweisstücke vor dem unausweichlichen Ende im Reißwolf bewahren. Folglich verabschiedete ich mich echauffiert. Hinterher legte ich die Schriftstücke wieder zu meinen anderen Papieren.“
„Tja, in Ihren Unterlagen herrscht sorgfältige Ordnung. Das muss ich neidlos anerkennen. Wenn ich da zu Hause an mein Schema denke …“ Gregor Brandolf rieb sich den Pavianschädel. „Allerdings bin ich kein Mörder, so wie Sie Herr Stein“, stocherte er mit Nachdruck. „Verdammt noch mal! Gestehen Sie endlich! Mit meiner Toleranz bin ich jetzt am Ende!“ Er schlug mit der Faust auf seinen Schreibtisch.
Jürgen Stein verlor die Selbstbeherrschung und kreischte. „Ich gestehe! Ich werde jetzt alles bekennen!“ Besser die Flucht nach vorne antreten und diesem Henker den Schneid abkaufen, dachte er dabei.
Unterdessen warf Brandolf seinem Assistenten einen Blick über die Seite zu, der unmissverständlich war: Wieder einen weich gekocht! Grinsend lehnte er sich zurück.
Gegenwärtig klang die dünne Stimme von Jürgen Stein gleichmütig, als er perseverierte: „Ich gestehe! Ich gestehe! Nach so viel maskuliner Schönheit bleibt mir nichts anderes übrig als zu gestehen! Ich gestehe, ich wäre gerne Pilot geworden, doch meine schulischen Leistungen waren nicht annähernd ausreichend. Demzufolge habe ich des Öfteren meine Schulzeugnisse gefälscht. Aber irgendwann war der Schwindel aufgeflogen und fortan musste ich mich als Fotograf durchschlagen. Diese Tätigkeit habe ich zwar nicht erlernt, beherrsche sie aber von allen mir gebotenen Möglichkeiten noch am besten. Nebenbei bemerkt, ich hatte keine große Auswahl, die mir zur Verfügung stand. Und falls es Sie interessieren sollte, Herr Hauptkommissar, obendrein bin ich als Detektiv tauglich – was mich zutiefst befriedigt und mit einem gewissen Stolz erfüllt. Allerdings dient mir diese exzeptionelle Fähigkeit nur als Hobby. Zugegeben, ein etwas merkwürdiges Steckenpferd, das nicht unbedingt alltäglich ist. Was zuerst als reiner Zeitvertreib gedacht war, artete allzu schnell zur Sucht aus. Unter Umständen kann das einer der anwesenden Herren nachvollziehen!?“ Er lächelte spöttisch in die Richtung von Scharfrichter und Helfershelfer, ohne die beiden wirklich eines Blickes zu würdigen. Er war jetzt in seinem Element und fuhr mit seinem Geständnis fort. „Ferner gestehe ich – in meiner Freizeit Militärklamotten zu tragen und das, obwohl ich keinen Wehrdienst geleistet habe. Ich konnte mich der Wehrpflicht erfolgreich entziehen, indem ich mir selbst einige Schmerzen zufügte. Damals bin ich mehrfach an eine Wand gesprungen, was sich langfristig gesehen wirklich gelohnt hat!“
Von den eigenen Worten derartig berauscht, war er nicht mehr zu bremsen. Und Gregor Brandolf beherzigte unerschrocken einen seiner berüchtigten Leitsprüche, niemals, unter gar keinen Umständen, einen dringend Tatverdächtigen bei seinem Geständnis, sei es auch noch so umfangreich, zu unterbrechen.
„Des Weiteren gestehe ich meine Sympathie für die Vereinigten Staaten von Amerika. Jedoch gilt hier zu differenzieren, dass es sich nicht um eine Schwäche für die Vereinigten Staaten selbst handelt, sondern vielmehr um die Bezeichnung „USA“. Denn ich kann mich selber nicht daran satt hören, „USA“ zu sagen! Natürlich könnte ich auch United States of America sagen. Aber ich persönlich finde die Nennung „USA“ hat so etwas, ist so speziell und klingt so kernig, insbesondere aus meinem Mund! Schließen Sie beide für einen Moment die Augen, während ich „USA“ über meine Lippen bringe und Sie werden verstehen, was ich meine …“
Das Läuten des Telefons ließ ihn abrupt verstummen. Allen Anwesenden stand die Erleichterung ins Gesicht geschrieben. Selbst Paul Maurus, der stressgeschädigte Gehilfe von Kommissar „Eifer“, mit seiner Antipathie fürs Telefonieren, stürzte sich wie befreit und tollkühn auf den Fernsprecher.
Allerdings wurde er von seinem Chef, der entgegen seiner Gewohnheit höchst persönlich zum Hörer griff, abgewehrt. „Polizeipräsidium, Morddezernat, Sie sprechen mit Hauptkommissar Gregor Brandolf, was kann ich für Sie tun?“ Mit dem Sehapparat einer tropischen Baumeidechse fixierte er seinen neurotischen Assistenten und warf ihm vielversprechende Blicke zu. „Ja, in Ordnung … Auf Wiederhören! – Und vielen Dank!“ Er legte auf und wandte sich wieder dem Fotografen zu.
„Jetzt im Telegrammstil, Sie bleiben also dabei, Rosamunde Stichnote nicht gekannt und nicht stranguliert zu haben?!“
„Korrekt! Ich habe sie an jenem Tag kennengelernt, als sie mit dieser Strumpfhose um den Hals erdrosselt neben ihrem Konzertflügel lag.“ Jürgen Stein war wie umgewandelt und sprach wieder mit seiner leisen, immerfort atemlos klingenden Stimme. Und wie stets sah er aus, als würden ihm ein paar Chips in der Rübe fehlen.
„Dann können Sie jetzt gehen!“ Freigiebig und ohne einen Unterton der Enttäuschung, ihn nicht überführt zu haben, richtete Kommissar „Eifer“ diesen unerlässlichen Satz an sein Gegenüber, der nicht zu verblüfft war, um hastig seine Sonnenbrille aufzusetzen und sich seinen „Zauberkoffer“ zu schnappen.
„Herr Stein, entweder sind Sie ein begnadeter Schauspieler oder Sie leiden an Schizophrenie!“
„Vielleicht trifft beides auf mich zu, Herr Hauptkommissar! Ich könnte ein paranoider Schizophrener mit einer sogenannten Tageslicht-Halluzination sein. Möglicherweise bin ich auch nur ein Gernegroß mit einer harmlosen Panikstörung!“
„Ich werde es mit Gewissheit herausfinden!“
„Ich erwarte nichts anderes von Ihnen, Herr Hauptkommissar, schließlich werden Sie dafür bezahlt“, bemerkte er verächtlich und ging.
„Dieser Schmierenkomödiant hat es Ihnen aber gegeben, Chef!“
„Der verarscht uns doch nach Strich und Faden. Aber, Maurus, wer zuletzt lacht, der lacht am besten!
Überdies kommt endlich Bewegung in die Sache.“
„Sie meinen sicher den Anruf von vorhin?“
„Mensch, Maurus, Sie imponieren mir mit ihrem versteckten Scharfsinn! Jetzt brauche ich aber erst mal eine wohlverdiente Zigarette. Ist längst überfällig“, sagte er müde.
„Und dazu einen frisch gebrühten Kaffee!“
„Was würde ich nur ohne Sie anfangen, Maurus?“ Ein ehrlich gemeintes Lächeln umspielte sein Froschmaul. Während er den Rauch inhalierte, schloss er die Augen. „Was glauben Sie, wäre passiert, wenn ich soeben bei dem Weichei gequalmt hätte? Ich sage es ihnen, Maurus, er wäre uns hier kollabiert oder ins Delirium gefallen. Dieser Idiot!“
„Wer war denn der Anrufer, Chef?“ Paul schlürfte seinen Kaffee.
„Sofia von Stetten, die Nachbarin der Ermordeten. Sie ist heute aus dem Urlaub gekommen. Sie will gleich vorbeikommen, um eine Aussage zu machen.“
„Phänomenal, Chef. Da bin ich wirklich gespannt …“

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Leseprobe: Gefährliche Rochade (3)

Nach einer kurzen Zeit des Überlegens schilderte Ingo, was er bisher erlebt hatte. Er erzählte von dem Schockzustand, in den er gefallen war, als er das Paket erhalten hatte. Davon, dass er zwei Tage und Nächte benötigt hatte, um das Geschehen überhaupt zu realisieren. Von der Leere im Kopf, die er so deutlich empfunden hatte, und auch davon, dass er zu diesem Zeitpunkt absolut mit sich allein klarkommen musste. Er erläuterte, dass er die Entscheidung, nicht die Polizei einzuschalten, sondern sich auf dieses mörderische Spiel einzulassen, unbedingt alleine treffen musste. Jeder, auch noch so gut gemeinte Rat von außen, hätte zu diesem Zeitpunkt nach seiner Überzeugung nur kontraproduktiv sein können, weil er ihn in seiner Entschlusskraft geschwächt hätte.
Als Ingo Pauls irritierten Ausdruck sah, versuchte er, eine weitere Erklärung zu geben: „Weißt du Paul, was für die bevorstehende Zeit der einzige Trumpf ist, den ich spielen kann? Unerwartet mentale Stärke zu zeigen. Um mental überhaupt auf den Damm zu kommen, musste ich die Situation so gut wie möglich erst einmal allein verarbeiten. Darum habe ich dich auch nicht früher um Rat gefragt. Auch nicht bei der Vorbereitung auf das Spiel. Und das, obwohl du tendenziell der stärkere Schachspieler von uns beiden bist.“
Ingo erzählte, wie er den Schlüssel zur Wohnung in der Osttangente erhalten hatte. In einem Päckchen der gleichen Größe wie dem, mit dem ihm der Finger zugestellt worden war, hatte er eines Morgens im Briefkasten gelegen. Wie ein Trauma seien ihm in dem Moment die erst wenige Tage alten Erlebnisse um Julia vorgekommen. So habe er beinahe eine Stunde gebraucht, um das Päckchen zu öffnen. Darin gefunden habe er nur den Schlüssel, an den ein Bändchen mit einem Zettel geknotet war, der Straße und Hausnummer sowie einen Hinweis auf die 1. Etage enthielt.
Noch am gleichen Tag war er – so erzählte er weiter – auf seinem Handy angerufen worden. Gesprochen hatte eine Kinderstimme, die Stimme eines Jungen, die auf Fragen oder Äußerungen von Ingo nicht reagierte, sondern nur monoton einen Text herunterleierte. Die Stimme kam aber, dessen war sich Ingo sicher, nicht vom Band. Der Text hatte sich in sein Hirn gebrannt:
„Dies ist eine Nachricht von White King. Das Spiel beginnt am nächsten Freitag, pünktlich um 21:00 Uhr. Die Regeln sind dir bekannt. Halte dich strikt daran. Das gilt nicht nur für die Spielregeln, sondern auch für alle anderen Regeln, die dir angetragen wurden. Ansonsten wird Julia schrecklich leiden. Solange du alles beachtest, versichert dir der White King, dass Julia sehr gut behandelt wird. Alles Weitere wird vom Spielverlauf abhängen.“
Ingo hatte es grotesk gefunden, diese Worte aus dem Mund eines Kindes zu hören. Der Inhalt der Worte war eiskalt, die Stimme, die ihn vermittelte, hatte sensibel, fast zärtlich geklungen. Eben wie die Stimme eines unschuldigen Kindes.
Und gleichzeitig war es für ihn entsetzlich erschreckend, dass das Kind selbst auf flehentliche Worte nicht eingegangen war. Es hatte den Text einfach an der Stelle wieder fortgesetzt, an der es unterbrochen worden war. Ingo war sicher, dass das wieder ein subtiles Arrangement war, das lediglich dem Zweck diente, seine Psyche zusätzlich zu perforieren. Ansonsten wäre der Anruf seiner Ansicht nach völlig überflüssig gewesen.
Dann schilderte Ingo noch, wie der erste Freitag in der Wohnung in der Osttangente abgelaufen war. Paul hörte gebannt die Worte, kaum in der Lage, ihren Inhalt zu verstehen. Sein Kopf schmerzte, seine Augen schienen aus dem Inneren seines Schädels zu drücken. Dennoch richtete er seine Aufmerksamkeit voll auf Ingos Stimme: „Ich habe sofort bemerkt, dass das Haus mit Ausnahme der Wohnung in der 1. Etage unbewohnt ist. Auch diese Wohnung scheint im Wesentlichen ungenutzt zu sein. Ich bin einen langen Flur entlanggelaufen. Es schien Dämmerlicht. Die Wände sind komplett leer. Von dem Flur geht nur ein Zimmer ab, in dem es zwei Türen gibt. Die waren beide verschlossen.
Das Zimmer ist mit einem Schachtisch und zwei bequemen Stühlen eingerichtet. An der Rückwand befindet sich eine riesige Leinwand. Darauf wird das Schachbrett im Großformat projiziert.“
„Und was noch?“
„An einer Wand hängt ein riesiger Druck von Dalis ‚Das endlose Rätsel‘. Das war eines der Lieblingsbilder von Pia. Du kennst ja ihre Leidenschaft für Dali. Es wird durch indirektes Licht richtig in Szene gesetzt. Mir hat der Anblick sofort die Kehle zugeschnürt.“
„Gab es sonst noch was?“
„Ansonsten ist der Raum komplett leer, zumindest, wenn man davon absieht, dass mehrere, offen installierte Kameras alles überwachen. Jetzt kommt noch so ein Knaller. Sobald ich den Raum betreten habe, werden automatisch zwei Pink Floyd-Titel in hervorragender Klangqualität abgespielt: erst ‚Wish you where here‘, danach ‚Time‘.“
„‚Ich wünschte, du wärest hier‘ und ‚Zeit‘; diese Titelwahl ist doch kein Zufall“, meinte Paul.
Ingo fuhr fort: „Erst nachdem die Musik zu Ende war, sprach der Irre über die Lautsprecher zu mir. Die Stimme kannte ich nicht. Es war eine sonore Stimme und er sprach betont deutlich:
,Zu unserer Partie heiße ich dich herzlich willkommen. Lass uns sofort beginnen. Alles Nötige ist gesagt. Die Uhr tickt ab jetzt‘.“
Beim Wiederholen des Textes hatte Ingo seine Stimme verstellt, langsam und sehr betont gesprochen.
„Dann hat der Irre eröffnet. Er zog den weißen Bauern von e2 nach e4. Auf der Leinwand konnte ich das nachzuvollziehen. Das Spiel auf dem Tisch diente wohl nur dazu, dass ich die Züge bei Bedarf auch auf dem Brett abbilden konnte. Sollte wohl eine faire Geste mir gegenüber sein.“
Paul hatte große Mühe, den Schilderungen zu folgen. Sein Entsetzen stieg von Minute zu Minute an. Alles rational zu verarbeiten war ihm völlig unmöglich.
„Ingo, das ist doch der totale Irrsinn. Ich bin immer noch der Meinung, dass du die Bullen rufen musst. Aber ich sehe schon an deiner Gusche, dass du das nicht tun wirst. Willst du jetzt wirklich alles auf die Karte setzen, gegen irgendjemanden – wir wissen nicht wen – diese Partie zu gewinnen? Und selbst wenn, wer weiß, ob er Julia dann wirklich freilässt?“
„Wir müssen jetzt parallel vorgehen.“ Ingo sprach, wie selbstverständlich, jetzt schon von ‚Wir‘.
„Das Schachspiel müssen wir spielen. Da gibt es keine Alternative. Natürlich müssen wir gleichzeitig alle Überlegungen anstellen, welche die Polizei auch anstellen würde. Dazu brauchen wir deren Apparat nicht. Wenn überhaupt können wir dem Irren nur durch eigenes Nachdenken auf die Schliche kommen. Der Schlüssel kann, wenn ich kein rein zufälliges Opfer bin, nur in meiner Vergangenheit liegen. Und die kennt niemand besser als wir beide.“
„Das mag ja sein …“ Den Rest des Satzes verschluckte Paul. „Gut, betrachten wir zunächst das Schachspiel. Was ist deine Strategie? Ist doch Mist, dass du mich jetzt erst einbindest.“
„Meine Überlegung ist, dass ich den Typen nicht mit Standardvarianten, die wir beide leidlich gut drauf haben, schlagen kann. Ich muss ihn überraschen und immer wieder durch Unerwartetes unter Druck setzen. Deshalb habe ich mir auch überlegt, gleich im Rahmen der Eröffnung mit einer Gambit-Variante zu starten.“
„Rede nicht so geschwollen. Was ist das?“
„Na, das heißt, dass du bewusst ein Figurenopfer eingehst, um dir einen Stellungsvorteil zu sichern.“
„Bist du wahnsinnig? Das entspricht doch überhaupt nicht deiner Spielweise. Du knallst am lautesten aus Standarderöffnungen, aus denen du ganz langsam und vorsichtig deine strategischen Vorteile entwickelst. Da passt doch so ein Scheiß nicht.“
„Eben, mein Lieber. Das entspricht nicht meinem Typus. Wenn ich unterstelle, dass der Irre mich kennt, wird er das wissen. Woher auch immer. Daher wollte ich ihn überraschen. Und da ich genau wusste, dass du mir davon abraten würdest, bin ich zunächst ohne dich gestartet.“
Paul quittierte das mit einem leicht beleidigten Blick.
„Ist ganz bestimmt nicht böse gemeint. Aber jetzt, wo jeder seine ersten sechs Züge gemacht hat, kommst du ins Spiel. Die Optionen werden mir jetzt zu komplex, auch wenn ich im Nachhinein natürlich alles mit dem Computer simuliere.
Die Eröffnung ist übrigens doch nicht ganz so abgelaufen, wie ich es mir vorgenommen hatte. Mein Mumm hat mich einfach verlassen. Auch deshalb brauche ich dich. Hilf mir dabei, ihn zu überraschen. Hilf mir, so zu sein, wie ich nicht bin.“
Paul war verdutzt. Insbesondere war er selbst darüber irritiert, dass er jetzt, nur wenige Minuten, nachdem er von dieser schrecklichen Situation gehört hat, tatsächlich damit begann, sich ernsthaft auf das Spiel einzulassen.
„Wie sieht die Partie denn bisher aus?“, fragte er. Seine Gedanken waren so verwirrt, dass ihm die gesamte Situation wie ein schlechtes Rauscherlebnis erschien.