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Geschichten einer Kriegerin – Magie der Angst (4)

Girlschool weckt mich, hart und brutal. Dadurch vergesse ich sofort, was ich geträumt habe, zumal ich damit beschäftigt bin, mir herzuleiten, wer ich überhaupt bin. Und wo.
Letzteres wird mir dann doch relativ schnell klar, als ich die dicken Stoffvorhänge sehe, die den Sonnenschein draußen halten sollen. Die Aufgabe erledigen sie mit Bravur, ich weiß bloß nicht, ob draußen überhaupt die Sonne scheint.
Und wer bin ich denn nun? Fiona? Lois? Vampirlady?
Und was zum Teufel soll eigentlich dieser Lärm?
Teufel ist ein gutes Stichwort, das lässt mich schlagartig daran erinnern, dass „Race with the devil“ mein Klingelton für James ist.
James!
Ich setze mich im Bett auf und suche das Handy. Warum auch immer, ich finde es auf dem Boden, wo es durch die Gegend hüpft. Bis ich es eingefangen habe.
„Ja!“, keuche ich in den Hörer.
„Schon wieder?“, fragt James.
„Was ist los? Was schon wieder?“
„Na ja, das Einschlafprogramm gestern Abend …“
Ah! Das meint er! „Äh …“ Ich räuspere mich. „Nein, eigentlich nicht. Habe tief und fest geschlafen. Wie spät ist es denn?“
„Halb neun.“
„Was?!“
„Hast du einen Termin?“
„Ja, irgendwie schon.“ Seufzend fahre ich mit der freien Hand durch meine Haare. „Ich will noch frühstücken und Frühstück gibt es … Keine Ahnung, habe nicht gefragt. Liane Cook, die Schwester des Polizeichefs und Witwe des Bruders des Wirts mit dem erstaunlich guten Wein, der, also der Bruder, von einem umkippenden Traktor erschlagen wurde.“
„Ja, das kommt vor.“
„Was kommt oft vor?“
„Nicht oft, aber gelegentlich. Traktoren stehen nicht so stabil auf ihren Rädern, wie man gemeinhin annehmen könnte. Das führt immer wieder zu gequetschter Milz und so. Wobei die gequetschte Milz nicht das Schlimmste ist, sondern die gebrochenen Rippen, die sich durch Herz und Lunge gebohrt haben.“
„Hast du was getrunken?“, erkundige ich mich verwirrt.
„Schon seit einer Weile nicht mehr.“
„Also schön. Lassen wir das. Ich muss pullern und mich anziehen.“
„Mach doch.“
„Bin ja schon dabei!“ Da ich eh nackt schlafe, brauche ich nur ins Bad zu gehen. Während ich gähnend auf dem Klo sitze, erkundige ich mich, was er denn gerade tut.
„Ich ziehe mich an, habe einen Termin. War schon eine Stunde mit Danny laufen, Sandra hat die Nacht ja bei ihren Großeltern verbracht.“
„Oh je.“
„Sandra ist bei ihnen sicher.“
„Mir tun eher meine Eltern leid. Egal. Du musst jetzt arbeiten, und ich auch.“
„Ja, das stimmt. Dann geh mal jagen.“
„Mach ich, großer Meister. Hab dich lieb.“
Er murmelt etwas, das sich so ähnlich wie „Ich dich auch“ anhört, dann legt er auf. Ich muss unwillkürlich grinsen. Wenn es darauf ankommt, wenn Kaltblütigkeit und Handeln gefordert sind, wenn es um Leben und Tod geht, dann ist er in seinem Element, hundertprozentig da. Das habe ich ja mehrmals erleben dürfen.
Aber mit Gefühlen, da hat er es nicht so. Gar nicht, um genau zu sein. Zumindest tut er immer so.
Nach dem Bad ist die große Frage dran, was ich denn anziehen soll. Zum Glück oder leider ist die Auswahl, im Gegensatz zu zu Hause, sehr eingeschränkt. Ich entscheide mich also für eine Hemdbluse, deren Ärmel ich hochrolle, einen dunkelblauen Pullover mit V-Ausschnitt und kurzen Ärmeln, hellblauen Jeans und den Stiefeln von gestern.
Zum Schluss noch die Perücke und die Brille aufsetzen, fertig ist die Lois.
Na ja, fast.
Liane sieht aus wie gestern. Weißes Hemd, braune Cordjeans, schwarze Schuhe, die Haare adrett geknotet. Ich komme mir vor wie bei Mary Poppins.
Das Frühstück allerdings ist wirklich lecker. Liane konzentriert sich ganz auf mich, ich denke daher, dass ich wohl der einzige Gast bin. Egal. Ich bekomme hausgemachte Waldbeerenmarmelade auf Croissants, danach Butter vom Nachbarn auf selbstgebackenem Brot und Rühreier von glücklichen Hühnern hinterm Haus.
Und obwohl ich eigentlich verwöhnt bin, denn James und ich achten beim Einkaufen sehr darauf, wo die Lebensmittel herkommen, ist es trotzdem ein Unterschied wie Tag und Nacht.
„Ich denke, ich komme in Zukunft immer hierher zum Frühstücken“, bemerke ich.
„Ist das nicht ein wenig zu weit weg dafür?“, fragt Liane mit großen Augen.
„Ich würde mit dem Hubschrauber kommen“, erwidere ich.
„Das wird schwierig. Ich weiß nicht, wo Sie damit landen können.“
Ich sehe sie misstrauisch an. Die meint das ernst! Ausgeschlossen, dass sie sich so gut beherrschen kann, wenn sie, wie ich zuerst dachte, auf meinen Scherz eingestiegen wäre.
„Aber trotzdem freue ich mich, dass es Ihnen so gut schmeckt. Vielleicht möchten Sie etwas davon mitnehmen?“
„Wohin?“
„Nach Hause. In die Stadt. Wenn Sie abreisen. Sie reisen doch ab? Weil ich gerne das Frühstück für Sie mache, auch für eine Woche, oder zwei, aber nicht für immer.“
Ich rücke meine Brille zurecht. Was soll ich denn jetzt sagen? Ich bin mir inzwischen sehr sicher, dass es nicht gespielt ist, also ist sie ein wenig … in ihrer eigenen Welt. Falsche Antworten könnten verheeren Folgen haben.
Oh je.
Ich atme tief durch. „Ich denke, wir kommen mit weniger als einer Woche hin.“
„Oh nein, Miss Nale, ich wollte damit nicht andeuten, dass Sie mir zur Last fallen! Ganz bestimmt wollte ich das nicht ausdrücken!“
Und ich habe doch das Falsche gesagt. Verdammt. Zum Glück bin ich fertig mit dem Essen, hastig wische ich meinen Mund ab und erhebe mich.
„Machen Sie sich keine Sorgen. Wirklich nicht. Alles in Ordnung.“
Fluchtartig verlasse ich die Pension und eine vermutlich völlig aufgelöste Wirtin bleibt allein zurück, aber sie wird sich beruhigen. Vielleicht. Hoffentlich.
Der Dämon wohl eher nicht, sagt mir die Intuition.
Während ich in der Vormittagssonne viel zu leicht gekleidet auf John Wayne, äh, den Sheriff, äh, den Polizeichef warte, zünde ich mir eine Zigarette an. Gegen die Kälte laufe ich auf und ab. Wieso ist es Mitte März überhaupt noch so kalt, verdammt?
Bin jedenfalls froh, als der Landrover vom Sheriff, äh, ach, scheißegal, auftaucht. Ich schmeiße mich auf den Beifahrersitz und atme aus.
„Guten Morgen“, sagt er.
„Guten Morgen“, sage ich.
Dann fährt er los.
„Wohin fahren wir?“, erkundige ich mich.
„Zur blinden Hexe.“
„Zur blinden Hexe?“
„Ja. Wollten Sie nicht mit der sprechen?“
„Doch. Aber Sie wollten sie doch erst fragen. Von wegen, das geht nicht einfach so, man muss vorher fragen. Und so. Sie erinnern sich? Haben Sie selbst gesagt!“
Lois, aufwachen! Fiona macht alles kaputt!
„Das habe ich getan.“ Daniel Morgin wirft einen Blick von der Seite auf mich. „Alles in Ordnung?“
Ich atme erst ein und dann aus. Aber nur ganz sanft. Kaum bemerkbar, die Hände auf den Knien gefaltet, die Schienenbeine überkreuzt.
Schon besser. Endlich bist du wach, Lois.
„Ja, Captain Morgin, ich denke schon. Ent… entschuldigen Sie bitte.“
Er schüttelt den Kopf, sagt aber nichts dazu. Vermutlich ist es besser so, Lois ist noch nicht wirklich stabil. Doch nach der fast halbstündigen Fahrt, als wir vor einem erstaunlich modern wirkenden Haus, zumindest für diese Gegend, anhalten, hat sich Fiona zurückgezogen und Lois das Ruder übernommen.
„Wem gehört das Haus?“, frage ich, selbiges irritiert musternd.
„Der blinden Hexe.“
„Dieses … Haus gehört …?“
„Sie ist nicht arm.“ Der Sheriff steigt aus und denkt mal wieder nicht daran, mir die Autotür aufzuhalten. Seine Manieren scheinen tagesformabhängig zu sein und die Tagesform äußerst schwankend.
Scheiß drauf. Los jetzt, Lois, hinterher!
Ich gehorche mir und hole den Sheriff auf einem sich sanft schlängelnden Fußweg aus Kies ein, der direkt zur Haustür führt.
„Ihr richtiger Name ist Samantha Teeport“, erklärt der Sheriff, ungewohnt gesprächig.
Ich beiße mir auf die Unterlippe, aber ich sage nichts dazu. Nein. Dazu werde ich mich nicht äußern. Die meisten Menschen können schließlich nichts für ihren Namen.
„Und wie lange wohnt sie schon in dieser Gegend?“, erkundige ich mich, gerade, als wir an der Haustür ankommen.
Bevor der Sheriff antworten kann, wird die Tür geöffnet. Von einer kleinen, schmächtigen Frau mit grauen Haaren in schwarzem Rock und hochgeschlossener Kragenbluse, ebenfalls schwarz, darüber trägt sie eine dunkelgraue Strickjacke.
Und Glasaugen.
Mit denen sie mich anstarrt. Ihr Gesichtsausdruck zeigt für einen Moment Erschrecken, dann entspannen sich ihre Züge wieder etwas. Schweigend wendet sie sich ab und schlurft ins Haus zurück.
Sie ist alt. Ziemlich alt sogar. Nicht so alt wie Katharina, aber an Elaine dürfte sie herankommen. Plusminus. Doch warum sieht sie so scheiße aus?
Tief durchatmend und nach einem Blick auf den Captain, folge ich ihr. Der Captain mir und macht die Tür hinter sich zu. Entweder hat er vor der Hexe viel Respekt oder seine Manieren sind gerade zu Besuch.
Samantha Teeport sitzt im Wohnzimmer, mit Blick auf einen großen Garten, der an den Wald grenzt, auf einer dunkelbraunen Couch und zündet sich eine Zigarette an.
„Wen zum Teufel hast du mir da ins Haus gebracht, Dan?“, fragt sie dann mit heiserer Stimme.
„Das ist Lois Nale. Sie wird den … Dreiarmigen fangen.“
„Die?“ Samantha mustert mich, was wegen der Glasaugen ziemlich irritierend ist. „Weißt du überhaupt, was sie ist?“
„Sie wurde von den Magischen Verbrechern ausgesucht“, erwidert der Sheriff und sieht mich ratlos an. „Was ist denn los mit dir, Samantha?“
„Du hast mir eine Kriegerin ins Haus geschleppt, das ist los!“
„Die vom Verein sagten, sie könnte mit dem Ding fertig werden. Das willst du doch auch.“
„Sicher. Setzt euch.“
Wir kommen der Aufforderung nach. Dan setzt sich auf die von der Hexe am weitesten entfernte Ecke der Couch, ich in einen Sessel ihr gegenüber, mit einem ovalen Glastisch zwischen uns.
„Weiß dieser Vollhonk eigentlich, was Sie sind?“, fragt die Hexe.
„Ich glaube nicht. Und Sie?“
„Ja. Ich bin zwar blind in der Gefrorenen Welt, aber ich kann die Energie spüren, die Sie umgibt. Sie sind eine Kriegerin, aber keine gewöhnliche.“
„Das stimmt.“ Ich werfe einen kurzen Blick auf den Sheriff, der mich irritiert ansieht. „Miss Teeport …“
„Mrs. Zwar schon lange verwitwet, aber trotzdem Mrs.“
„Also gut. Mrs Teeport, wie kommen Sie an einen Visz-Dolch?“
„Das ist eine sehr lange Geschichte“, murmelt sie. „Spielt das eine Rolle?“
„Weiß ich nicht. Solange ich nicht verstehe, was hier geschieht, kann ich das nicht sagen.“
„Ein Dämon hat mich geblendet und nun seine Eltern getötet. Muss eine Kriegerin mehr wissen?“
„Yep!“ Ich lege vorübergehend den Lois-Modus ab. „Ich töte keinen Dämon, bloß weil er ein Dämon ist.“
„Aha. Heißen Sie wirklich Lois Nale?“
„Nein. Ich bin Fiona Flame.“
„Fiona Flame? Das erklärt einiges. Sie haben den Ruf, sehr eigenwillig die Regeln für Gefährdung des Gleichgewichts auszulegen.“
„Es gibt keine Regeln. Und ja, ich treffe meine eigenen Entscheidungen. Wie kamen Sie eigentlich damals ins Spiel?“
„Man bat mich um Hilfe, als man festgestellt hat, dass das Baby etwas … etwas anders ist. Nicht nur wegen der drei Arme. Alles an ihm war seltsam.“
„Vielen Dämonen sieht man gar nicht so ohne Weiteres an, dass sie Dämonen sind. Ehrlich gesagt, wundere ich mich darüber, dass es hier anders war. Es muss einen Grund geben, warum diese Frau einem Dämon das Leben schenkte.“
Die Hexe zuckt die Achseln und drückt ihre Zigarette aus.
„Tut mir leid, darüber habe ich keine Kenntnis. Als ich hinzu gerufen wurde, ging alles ganz schnell, danach war ich mit mir beschäftigt. Wie Sie sicher nachvollziehen können.“
„Sicher.“ Und sie lügt wie gedruckt. Will sie mich, eine Kriegerin, ernsthaft verarschen? Hier ist eine Menge faul. Und ich werde herausfinden, was tatsächlich passiert ist. „Haben Sie eine Ahnung, wo der Dämon bisher sich aufgehalten hat?“
„Im Wald, soweit ich weiß.“
„Babys überleben üblicherweise nicht allein im Wald.“
„Kann schon sein. Im Wald gibt es ja viele Wesen, die sich um ihn gekümmert haben könnten. Als Kriegerin sollten Sie das am besten wissen.“
„Ich kenne auch nicht alle Wesen, die irgendwo in irgendeinem Wald existieren. Wie alt sind Sie eigentlich?“
„Alt.“
Das bestätigt meinen Verdacht. Was ich nicht verstehe, ist der Grund für ihr altes Aussehen. Elaine und Katharina sind auch alt, aber niemand sieht es ihnen an. Oder einem Vampir wie Anne Marie. Irgendetwas stimmt hier ganz und gar nicht, und mein Gefühl sagt mir, dass das sehr wohl etwas mit dem Dreiarmigen zu tun hat. Sie wird es mir nur nicht verraten. Jedenfalls nicht freiwillig. Und nicht, wenn John Wayne daneben sitzt.
Letzteres kann ich sogar verstehen. Er hat ja schon daran zu knabbern, dass ich eine Kriegerin bin.
Das merke ich auch, als wir zum Auto gehen.
„Sie sind eine Kriegerin?“, fragt er.
„Fiona ja. Ich bin nur eine PSI-Fachfrau.“
„Jetzt hören Sie auf mit dieser Lois-Sache! Ich sehe ein, dass es notwendig ist für die anderen, aber mir brauchen Sie doch nichts vorzumachen! Warum hat mir niemand gesagt, dass Sie eine Kriegerin sind?“
„Wissen Sie überhaupt, was eine Kriegerin ist?“
„Magische Wesen, die darauf achten, dass andere magische Wesen nicht über die Stränge schlagen.“
„Na ja … Belassen wir es einfach dabei. Für den Fall spielt es nicht wirklich eine Rolle, ob ich eine Kriegerin bin oder nicht. Zumal wir immer noch nicht wissen, was das für ein Ding ist, das dreiarmig durch die Gegend läuft und alle Leute erschreckt.“
„Erschreckt?“ Der Sheriff hält mir ausnahmsweise mal die Wagentür auf. Oder die Manieren sind immer noch zu Besuch. So genau weiß man das ja nicht.
„Die Hexe hat Angst, aber gewaltig.“
„Ja, es war seltsam. Ich hatte auch so ein … komisches Gefühl.“
„Was für ein komisches Gefühl?“
„Haben Sie denn nichts gespürt?“ Der Sheriff legt seine Hand auf den Zündschlüssel, startet den Motor aber noch nicht, sondern sieht mich fragend an. Was ist denn mit dem los?
„Doch. Dass Samantha lügt. Wie gedruckt. Und Sie?“
„Bei ihr war es kalt und dunkel.“
Ich starre ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an. Hä? Da schien eindeutig die Sonne und es war hell. Im Garten jedenfalls. Kalt und dunkel war es aber auch im Wohnzimmer nicht wirklich. Dass ausgerechnet dieser Mann so was sagt, finde ich mehr als seltsam. Selbst wenn es wirklich kalt und dunkel gewesen wäre, würden Leute wie er das nicht so beschreiben.
Ich blicke nach vorne. „Fahren Sie mich bitte in den Wald, wo das Baby ausgesetzt worden war.“
„Warum?“
„Fahren Sie einfach. Bitte.“
Nach einem kurzen Moment startet er den Motor und gibt Gas.
Ich schließe die Augen und denke nach.

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Geschichten einer Kriegerin – Magie der Angst (2)

Graue Augen, riesengroße Brille mit braunem Rand. Furchtbar hässlicher, aber äußerst angenehm warmer Rollkragenpullover, schulterlange, mittelgescheitelte, braune Haare.
Furchtbar. Vor allem, weil es mich an meine kurze Karriere als Prostituierte erinnert. Außerdem sieht die da im Spiegel irgendwie so brav aus. Viel zu brav. Okay, im Babydoll nicht mehr ganz so brav. Trotzdem.
Seufzend verlasse ich die Zugtoilette und kehre an meinen Platz zurück. Laut Fahrplan und wohl auch tatsächlich noch etwa eine Viertelstunde. Ich bin echt gespannt, was mich in Males erwartet.
Ein hübscher, kleiner Ort, laut den wenigen Prospekten, die ich gefunden habe. Im Internet steht, dass er 7.342 Einwohner hat, aber ich glaube, der aktuelle Schwund wurde da noch nicht berücksichtigt, also 7.340. Obwohl, es könnten ja auch andere gestorben sein, und vielleicht gibt es zudem Neuzugänge?
Scheißegal.
Als der Zug mit quietschenden Bremsen in den niedlich kleinen Bahnhof einfährt, stehe ich bereits mit meinem Gepäck an der Tür. Dienstag, drei Uhr nachmittags und wer steigt aus dem Zug?
Ich.
Sonst niemand.
Na toll.
Und wer erwartet mich?
John Wayne. Dunkelblaues Holzfällerhemd, schwarze Jeans, Stiefel, Revolver an der Hüfte, daneben die Polizeimarke und ein wettergegerbtes Gesicht.
Ach du heilige Scheiße.
Und wieso trägt er nicht wenigstens einen Pullover bei dieser Kälte? Ich friere, obwohl ich auch noch eine Jeansjacke über den Pulli gezogen habe.
Hilfe! Das ist ja ein Mann! Stünde er mit dem Rücken zu mir neben James an einer Theke, ich könnte die beiden kaum unterscheiden!
Seit wann bis du so voller Vorurteile, Schätzchen?
Halt die Klappe, Loisfiona. Ich muss mich konzentrieren.
John Wayne kommt grinsend auf mich zu und hält mir die Hand hin.
„Sie sind Lois Nale, nicht wahr? Ich bin Captain Daniel Morgin, der Chef der örtlichen Polizei.“
Nur Captain? Ich kann es mir gerade noch verkneifen, die Frage laut zu stellen.
„Hallo, Captain Morgin“, hauche ich stattdessen, ganz im Sinne der Rolle. Zumindest der Rolle, wie sie mal der schüchternen Prostituierten-Rookie Lois entsprach. „Ja, ich bin Lois Nale.“
Er mustert mich. „Niemand außer mir weiß, dass Sie Fiona Flame sind. Aber ich frage mich schon, wieso die vom Verein ausgerechnet Sie hierher schicken.“
„Weil die wissen, dass Fiona Flame auch mit dreiarmigen, Visz-Dolch schwingenden Mörderbabys fertig wird“, erwidere ich lächelnd.
„Ist das so?“
„Keine Ahnung, Captain. Hatte noch nie mit einem zu tun. Aber ich denke schon. Okay, die Lois Nale ist eine eher schüchterne Studentin, die sich mit PSI-Geschichten beschäftigt und sich da gut auskennt. Sie ist normalerweise nicht so die große Heldin, aber wenn es sein muss … Ich hoffe jedenfalls, dass ich das Geschöpf erwischen kann, ohne dass Fotografen in der Nähe sind.“
„Aha. Dann darf ich bestimmt Ihre Tasche nehmen?“
„Ja, gerne. Vielen Dank.“ Ich bin wieder in meiner Rolle, was sich seltsamerweise auch auf meine Stimme auswirkt. Ich mache das nicht einmal absichtlich. Als Lois bin ich schüchtern und zurückhaltend. Erstaunlich, wie gut das gelingt. Ob das mein wahres Ich ist?
Du bist dämlich, sagt mein wahres Ich.
John Wayne alias Captain Morgin fährt natürlich einen Landrover. Alles andere hätte mich auch sehr gewundert. Bequem geht anders, aber in dieser Gegend bestimmt zweckmäßig. Zwar ist die Stadt überwiegend eben gebaut, doch sie liegt am Fuß eines Berges, und wenn man nicht durch den Eisenbahntunnel fährt, was mit dem Auto eine schlechte Idee wäre, dann sind Strecken zu bewältigen, für die ein Landrover nicht die schlechteste Wahl ist.
Jetzt jedoch verlassen wir die Stadt nicht.
Wir fahren aufs Revier. Es ist logischerweise sehr viel kleiner als das Präsidium von Skyline, etwa im selben Verhältnis wie die Einwohnerzahlen. Okay, vielleicht nicht ganz, dann müsste das Gebäude die Größe einer Zigarettenschachtel haben. Viel größer ist es zwar nicht, aber ein bisschen schon.
Der Captain stellt mich drei Polizisten vor, deren Namen ich mir auf die Schnelle nicht merken kann, dann begleitet er mich in sein Büro, schließt die Tür und deutet auf seinen Schreibtisch.
„Da liegt die Akte. Viel steht ja noch nicht drin.“
Der geht aber ran. Wow!
Ich setze mich an den Schreibtisch und schlage die Akte auf. Viel ist echt nicht drin. Ein Bericht mit Fotos zum Tatort, außerdem das Ergebnis der Obduktion.
„Ich nehme an, an so einem Ort gibt es nicht viel für einen Leichenbeschauer zu tun“, bemerke ich als Fiona.
„Wieso?“
„Äh … Entschuldigung. Ich wollte nicht unhöflich sein oder etwas andeuten. Ich meine nur, das ging ziemlich schnell, die Obduktion, oder meinen Sie nicht?“
Er starrt mich verwirrt an. Ich beschließe, ihn möglichst nicht mit Persönlichkeitswechseln zu irritieren und in meiner Rolle zu bleiben.
„Es … es ist nicht wichtig, Captain Morgin. Es tut mir leid.“
„Okay.“ Verdammt, in wie vielen Personen ist der Vorgänger von James´ Seele reinkarniert?
Ich betrachte die Bilder vom Tatort, um mich abzulenken. Wie es aussieht, hat der Täter die beiden im Wohnzimmer beim Fernsehen überrascht. Die Opfer haben keine Chance gehabt. Sie wurden regelrecht zerstückelt. Nicht gerade appetitlich, außer man liebt Menschenfleisch. Dann schon.
Ich rücke meine Brille zurecht. „Das sieht aus, als hätte jemand die beiden Menschen sehr gehasst.“
„Ja, das sieht so aus.“ Gütiger Drol, lass ihn schweigen oder richtig reden!
„Und … und Zeugen haben jemanden mit drei Armen in der Nähe gesehen?“
„Ja.“ Ich schreie gleich!
„Gibt … gibt es eine Beschreibung?“ Ich glaube, das Stottern ist eine ganz gute Therapie gegen den Schreizwang, der in mir um Freiheit kämpft.
„Keine einheitliche. Bis auf den dritten Arm.“
„Der wird einheitlich beschrieben?“
„Nur dass es ihn gab.“
„Ach so.“ Ich rücke meine Brille zurecht, obwohl sie perfekt saß. Aber ich will nicht den Captain verprügeln. Er kann wahrscheinlich genau sowenig etwas dafür wie James. „Könnte … könnte ich den Tatort besichtigen, Captain Morgin?“
„Natürlich. Aber da ist der Dreiarmige nicht mehr.“
„Wissen Sie denn, wo er ist?“
„Nein, natürlich nicht.“
Natürlich. Wie konnte ich auch nur denken …
Ich beiße die Zähne zusammen und erhebe mich. Wenn der Captain noch am Leben ist bei meiner Abreise, dann würde meine Selbstbeherrschung auf eine ganz neue Stufe gehoben worden sein. Ich will es ja wirklich sehr hoffen.
Scheiße.
Der Tatort ist bereits gesäubert, insofern uninteressant. Wahrscheinlich war er vorher auch uninteressant. Das sagen zumindest meine übermenschlichen Sinne. Hier gibt es nichts, was mich weiterbringt. Ich spüre allerdings den Hauch von etwas, das mal hier war. Und es war böse. Sofern es das Böse überhaupt gibt. Aber das, was hier war, kam dem schon recht nahe. Da ist etwas unglaublich Dunkles, Beängstigendes. Selbst ich merke das, obwohl ich gegen Angst eigentlich immun bin. Mehr oder weniger.
Hm. Eigenartig. Was ist das nur für ein Wesen? Ich schätze, auf jeden Fall ein Dämon, einer der ungemütlichen Sorte. Hoffentlich kein Krumana-Quatsch, darauf habe ich überhaupt keine Lust.
Danach werde ich in mein Quartier gebracht. Eigentlich ist es nur eine namenlose Pension. Sie wird von einer Liane Cook geführt, wie ich auf dem Schild erkennen kann. Ein großes, dunkles Haus mit einer Dachterrasse. Wow! Der Vorgarten ist sehr sauber und sehr ordentlich. Könnte glatt von meiner Mutter sein.
Liane Cook könnte nicht meine Mutter sein. Liane Cook ist klein und schmächtig, hat graue Haare, die jungenhaft kurz geschnitten sind, und braune Augen. Abgesehen von der Statur erinnert sie mich irgendwie an …
„Liane ist meine Schwester“, sagt der Captain. „Liane, das ist Lois Nale. Sie unterstützt uns.“
„Hallo“, flüstere ich und gebe ihr die Hand. Ihr Händedruck erinnert an einen Lufthauch, nur nicht so kräftig. Die passt gut zu Lois. Und zu ihrem Bruder.
Mann, Mann.
„Hallo, Lois. Darf ich Ihnen die Tasche abnehmen?“
„Die nehme ich“, erwidert der Captain und macht es auch. Er geht voran, ich folge ihm, seine Schwester mir.
Immerhin, das Zimmer ist schön. Ordentliche Möbel, rustikal, aber in sehr gutem Zustand. Alles sauber, es gibt sogar ein Bad nur für mich. Und Fernsehen! Und Telefon! Ein Flyer informiert über die Sender und dass die Erotikkanäle pro Film drei Dollar kosten. Ich stelle mir gerade das Gesicht von Liane vor, falls ich den einen oder anderen Film bezahlen müsste. Wobei, wenn da Filme mit Frauen, die wie Katharina
Die ist fort!
Ja, ja. Arschloch.
Ich hoffe, dass niemand meinen kurzen Anfall mitbekommen hat. Der Gedanke an Katharina war nicht gut. Überhaupt, warum sollten mich Pornos zwischen Frauen noch interessieren? Anne Marie tot, Katharina fort. Dieser Teil meines Lebens ist Geschichte. Ende, aus, vorbei.
Scheiße. Verdammte Scheiße.
Der Captain teilt mir mit, dass er mich in einer Stunde abholt und wir dann zu Abend essen werden.
Nachdem die Tür sich geschlossen hat, setze ich mich auf den Bettrand und atme tief durch.