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News: Emel Zeynelabidin im Gespräch in der VHS Papenburg

Emel Zeynelabidin

Zusammen mit zwei anderen Frauen, Necla Kelek und Dina El Omari, hat Emel Zeynelabidinin in der VHS Papenburg über den Islam gesprochen.

Emel Zeynelabidin legte vor inzwischen über zehn Jahren im Zuge ihrer Auseinandersetzung mit der Kopftuchdebatte ihr eigenes Kopftuch ab. Eigentlich hätte sie Gründe für das Kopftuch gesucht, verriet sie mal. Was sie stattdessen fand, darüber schreibt sie unter anderem in ihrem Buch „Erwachsen wird man nur im Diesseits“ und vielen Gastbeiträgen bei renommierten Zeitungen. Außerdem nutzt sie die Gelegenheit, in Gesprächsrunden Rede und Antwort zu stehen, wie jetzt in Papenburg.

Hier geht es zum Bericht darüber in der NOZ.

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Leseprobe: Erwachsen wird man nur im Diesseits

Erwachsen wird man nur im Diesseits

2012:

„Vor sieben Jahren haben meine Locken das Licht der Welt erblickt, haben meine Seelenflügel sich entfaltet und mein Geist hat begonnen zu atmen.
Anfangs kam ich mir ohne mein Kopftuch tatsächlich etwas entblößt vor, obwohl es für die Frauen der westlichen Gesellschaften eine Selbstverständlichkeit ist, die Haare offen zu tragen. Schlimm an diesem Gefühl des Entblößtseins finde ich, dass es nicht natürlich ist, dass man sich „entblößt“ vorkommt, wenn man seine Haare in der Öffentlichkeit zeigt. Ich lebte also die drei Jahrzehnte meiner Verhüllung unbewusst mit einem nicht natürlichen Schamgefühl.
Ich komme aus dem Schoß des muslimischen Gemeindelebens, dessen Begründer in Deutschland mein Vater in den siebziger Jahren war. Mein Gemeindeleben war jahrzehntelang ein wichtiger Teil meines Alltags gewesen und prägte mein Identitätsbewusstsein. Der Dienst an Menschen der eigenen Gemeinde war für mich so selbstverständlich, dass ich keine eigenen Interessen verfolgte. Meine Familie, mein Studium der Anglistik und Islamwissenschaften, und mein Freundeskreis waren eng mit dieser Gemeinde verwoben. Unser religiös geprägtes, kollektives Denken und die soziale Kontrolle, die die festgelegten religiösen Regeln und Rituale ermöglichen, störten mich dabei keineswegs. Denn das alles war zu einer Gewohnheit geworden, in der ich mich zuhause fühlte. Ich hatte dabei als praktizierende Muslimin, rückblickend, ein einfaches und sicheres Leben. Einfach vor allem deshalb, weil ich über meine Lebensumstände nicht viel nachdenken musste. Ich war materiell gut versorgt, genoss Respekt und Anerkennung und war ein funktionierendes Gemeindemitglied. Deshalb hatte ich keine Auseinandersetzungen zu befürchten, die mein Selbstverständnis hätten erschüttern können. Wir sprachen alle dieselbe Sprache.
Ich bin nun 52 Jahre alt und hole viele Erfahrungen sowie persönliche Lebenswünsche als „Unverhüllte“ nach. Erfahrungen, die etwas zu tun haben mit dem Erwachsenwerden und dies besonders in meiner Rolle als Frau. Mit zwölf Jahren bekam ich meine 1. Mensis und sollte dann gemäß den religiösen Empfehlungen meine weiblichen Reize mit dem Kopftuch bedecken, Reize, die ich damals aber noch gar nicht kannte. Denn es hieß, Gott bestimme mit Seinen Erlaubnissen und Verboten wie ich mich kleiden und mit dem anderen Geschlecht kommunizieren solle. Mit der ersten Regelblutung war ich von einem Moment zum anderen eine muslimische Frau geworden. Als Jugendliche konnte ich die Welt der Männer nur durch die Augen meiner Mutter sehen. Für meine Mutter war es eine Frage des Anstands, keine Freundschaften mit Jungs zu haben. Auch jeglicher Körperkontakt mit ihnen war mir nicht erlaubt. Mein damaliges Leben zeichnetete sich durch gedanklich kontrollierte Geschlechtertrennung aus, was mich bis in mein Innerstes tief geprägt hat. Die menschliche und vielfältige Gefühls- und Gedankenwelt von Männern, vor denen ich mich mit meiner Verhüllung schützen sollte, blieb mir deshalb weitgehend verschlossen. Meine uniformartigen, reizneutralen und den ganzen Körper rundum verhüllenden Gewänder entwickelten sich mit der Zeit zu einem festen Bestandteil meines Alltags und dienten als praktischer Distanzhalter zum anderen Geschlecht. Was war das für ein fataler Irrtum, der sich auf meine Entwicklung auswirken musste!
Ich war 2004 schon seit fast zehn Jahren Vereinsvorsitzende, als meine Veränderung — für mich zunächst noch unbemerkt — begann. Im Namen des Islamischen Frauenvereins wollte ich in die nach meinen Vorstellungen völlig absurd geführte Diskussion des Kopftuchstreits eingreifen und als Betroffene für Klarheit sorgen. Kopftuchtragende Frauen, wie ich es damals auch selbst noch war, wurden in den Medien und durch politische Entscheidungen als angeblich unterdrückte Frauen diskriminiert und sollten nur wegen der Verhüllung ihrer Haare in ihrer beruflichen Laufbahn extrem eingeschränkt werden. Meine organisierten Glaubensgeschwister wiederum begannen plötzlich, diese Verhüllung als religiöses Gebot unverhältnismäßig in den Vordergrund zu stellen, mit der Konsequenz, dass in unserer Gesellschaft noch mehr Berührungsängste und Vorurteile bezüglich uns verhüllten Frauen entstanden. Mit alternativen Kopftuchmodellen und einigen Briefen an Politiker, versuchte ich nun zwischen beiden Positionen zu vermitteln. Als Journalisten auf meine Aktivitäten aufmerksam wurden und von mir mehr dazu erfahren wollten, fühlte ich mich zum ersten Mal in meinem Gemeindeleben herausgefordert, als praktizierende Muslimin umfangreicher und fundierter als bisher Stellung zu beziehen. Ich musste in meiner Rolle als Vereinsvorsitzende jetzt genauer wissen was ich sagte. So begann ich zu recherchieren, um meine erlernten Antworten noch besser kennenzulernen und begründen zu können. Und tatsächlich wurde ich fündig. Denn das immer wieder angeführte Argument des religiösen Gebotes, welches zur Rechtfertigung der Verhüllung herangezogen wird, ist für Nichtmuslime ziemlich dürftig: so stehe es im Koran, und es sei eine Aus-sage des Propheten Mohammed. Wir Praktizierenden wussten natürlich was Sache ist; die nicht hinterfragbare Einhaltung eines göttlichen Gesetzes. Aber die Menschen außerhalb unserer eigenen Welt verstanden das nicht! Schon damals war es mein Anliegen, Argumente anzuführen, die in unserer modernen Zeit einen nachvollziehbaren und allgemeingültigen Sinn ergeben. Dabei lernte ich die so genannten Offenbarungsgründe als wichtige Argumentationsquelle kennen, die mir bis dahin völlig unbekannt geblieben waren. Hierbei handelt es sich um die Beschreibung der Ereignisse, die nach muslimischem Verständnis Anlass für eine göttliche Offenbarung sind. Die Ereignisse, die zu den beiden Offenbarungen bezüglich der „Verhüllungsverse“ geführt hatten, waren merkwürdiger-weise und trotz des Kopftuchstreits selbst Mitgliedern meiner Gemeinde nicht bekannt. Wie konnte das sein? Geht doch aus diesen Quellen ganz klar eine praktische Notwendigkeit hervor, die die Verhüllung der damaligen gläubigen Frauen für jeden verständlich erklärt: die Verhüllung diente als optisches Unterscheidungsmerkmal. Gläubige Frauen sollten nicht mehr mit den Sklavinnen verwechselt und belästigt werden. Zudem schienen die Männer erheblich von den Reizen der Frauen abgelenkt zu sein. Eine Quelle berichtet vom blutigen Nasenbruch eines Mannes, der sich so sehr an einem schön geschmückten Dekolleté verguckt hatte, dass er versehentlich gegen ein Hindernis stieß. Mit der Verhüllung der weiblichen Reize sollte also den Männern geholfen werden.
Was zu Zeiten Mohammeds als praktische Maßnahme zur Erleichterung des Lebens in dieser Zeit eingeführt worden war, hat heute, wenn ich die Realität genauer betrachte, in unserer Gesellschaft nicht mehr diese Notwendigkeit. Es gibt keine Sklavinnen mehr und die Probleme zwischen den Geschlechtern erfordern heute viel differenziertere Maßnahmen, als vor über 1000 Jahren.
In Gesprächen werde ich sehr oft mit Erstaunen gefragt, wie es zu meiner Verwandlung kommen konnte. Mein Schlüsselerlebnis, das zunächst die Enthüllung meines Geistes und im Anschluss meiner Haare angestoßen hat, war das Erleben großer Gefühle der Sehnsucht und Liebe, eine besondere Gottesnähe, die durch eine CD mit Klängen der keltischen Harfe und die Begegnung mit einem Mann ausgelöst wurden. Sie waren so stark, dass sie mich öffneten und meine ganze Neugierde auf das Leben entfesselten. Dieser Weg führte unumkehrbar in meine innerste Gefühlswelt. Was ich dort sah gefiel mir. Es war die Schönheit meiner Schöpferkraft und meiner Leidenschaft für das Leben und die Liebe. Es sind Regungen aus dem tiefen Inneren, die zu beschreiben es keine irdischen Worte gibt. Ich begann alles, was meine Verhaltensgewohnheiten in meinen bisherigen Rollen als Mutter, Ehefrau, Tochter und Schwester bestimmt hatte, aus der neuen Perspektive dieser großen Gefühle wahrzunehmen. Vor allem aber stellte ich mir von neuem die Frage, woran ich glaubte, und natürlich die Frage nach Gott; eine Frage, die mich mein ganzes Leben lang begleitet hatte, ohne Aussicht auf eine verständliche Antwort. Bei allem was ich bis dahin tat und unterließ, und zwar wie ich es gelernt hatte, sollte ich mit Gottesfurcht nach Gottes Wohlgefallen streben. Es genügte dabei, sich an die vorgegebenen Regeln zu halten.
Meine erlernten Vorstellungen von Gott und der Welt und die damit verbundenen Gewohnheiten gerieten jetzt jedoch heftig ins Wanken, und das sollte Konsequenzen für mein bevorstehendes Leben haben. Denn aus dieser neuen Perspektive konnte ich nunmehr weiter denken und viele neue Fragen stellen, als mir dies bisher möglich gewesen war. Dass ich deshalb aber abgelehnt und aus meinem Nest gestoßen werden sollte, hatte ich nicht erwartet. Das Kopftuch als Gradmesser für Gläubigkeit wurde mir unerwartet zum Verhängnis. Für viele meiner Glaubensgeschwister hatte ich durch Ablegen meines Kopftuchs auch meinen Glauben abgelegt.
Allmählich erkannte ich die dringende Notwendigkeit, meine erlernten Glaubenssätze im Kontext der Gegenwart zu reflektieren.
In den vergangenen sieben Jahren meiner Öffentlichkeitsarbeit habe ich viele meiner Fragen, neuen Erfahrung und Erkenntnisse als Aufsätze in deutschsprachigen Medien veröffentlicht. Auf Vortragsreisen erlebe ich immer wieder, dass das interessierte Publikum Texte von mir nachlesen möchte. So entstand die Idee dieser Textsammlung. Der Titel „Erwachsen wird man nur im Diesseits“ betrifft meinen persönlichen Entwicklungsprozess im Kontext meiner Biographie …“