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Leseprobe: Fiona – Gefühle

Fiona – Gefühle (Band 3)

Nachdem ich das Gebäude durch den Hauptausgang verlassen habe, verstärkt sich mein Eindruck von winterlicher Kälte. Um diese Zeit ist auch der Verkehr eher gedämpft, nach ein paar Minuten erblicke ich dennoch ein unbesetztes Taxi, das auf mein wildes Winken hin sogar anhält. Der Taxifahrer, irgendwo Anfang bis Mitte 40, sieht mich misstrauisch an.
„Soll ich dich zur Polizei fahren?“
„Nein, nach Hause“, erwidere ich und steige hinten ein.
„Sicher?“
„Sicher.“ Ich halte den Laptop vor meinen Körper, um den Taxifahrer nicht in Versuchung zu führen. Das Babydoll ist hochgradig transparent.
„Wenn du vergewaltigt wurdest oder so, dann …“
„Bin ich nicht.“ Ich nenne ihm die Adresse, er pfeift. „Tu mir den Gefallen, fahr mich einfach dorthin und versuch nicht, mich in ein Gespräch zu verwickeln.“
„In Ordnung“, erwidert er, dabei mustert er mich im Innenspiegel. „Aber eigentlich müsste ich …“
„Ich werde es niemandem verraten, O. K.? Und jetzt fahr.“
Während der Fahrt geht neben vielen anderen düsteren Gedanken auch derjenige durch meinen Kopf, dass es vielleicht doch kein Zufall war, dieses Taxi erwischt zu haben. Es könnte zum Bordell unterwegs gewesen sein. Dieser Fall wird Bens Möglichkeiten, mich zu decken, stark strapazieren. Irgendwie ist es mir aber grad egal, ich will einfach nur nach Hause.
Endlich hält das Taxi vor unserem Grundstück und ich bitte den Taxifahrer, in die Auffahrt reinzufahren und erhöhe damit die Wahrscheinlichkeit, dass James aufmerksam wird, enorm. Tatsächlich bellt Danny los und wenig später geht das Licht an.
„Da kommt die Bezahlung“, erkläre ich dem Taxifahrer und steige aus. James kommt vor die Tür.
„Bitte stell jetzt keine Fragen, ich erkläre dir alles gleich. Aber zuerst muss der Taxifahrer bezahlt werden.“
James nickt, geht wieder rein und kommt mit seinem Geldbeutel wieder heraus. Ohne mich aus den Augen zu lassen, bezahlt er den Fahrer und gibt ihm ein großzügiges Trinkgeld.
„Jetzt bin ich ja gespannt“, sagt er dann nur.
Ich begrüße Danny, der mich die ganze Zeit schon umtänzelt, gehe ins Haus und bleibe in der Diele stehen. Ich denke darüber nach, was ich als Nächstes wohl tun sollte: heulen, baden, alles zertrümmern?
„Ich … ich muss duschen.“ Na toll, jetzt stottere ich schon rum wie Lois.
„War das der verdeckte Einsatz?“
Ich nicke und bringe den Laptop ins Wohnzimmer. „Darauf ist auch der Grund, warum er in den See fuhr.“
„Oh. Das klingt spannend.“
„Ja. Ich muss trotzdem erst einmal duschen. Ich bin in eine Bar geflogen, habe mindestens 5 Dutzend Flaschen und einen riesigen Spiegel dabei zertrümmert und entsprechend viele Scherben schon aus mir entfernt.“
„Wer macht denn so was? Mit dir?“
„Emily“, erwidere ich knapp und ignoriere bewusst seinen ironischen Tonfall. Doch mir ist jetzt schon klar, der Abend wird richtig hart.
Strümpfe und Babydoll stopfe ich in den Mülleimer, bevor ich in die Dusche steige und sehr lange unter dem fast heißen Wasser stehe. Besser geht es mir dadurch zwar auch nicht, aber zumindest habe ich den Dreck abgespült. So halbwegs. Eigentlich wäre es doch schön, die ganze Nacht unter der Dusche zu stehen. Oder wenigstens so lange, bis James schlafen geht. Ich fürchte nur, er kann sehr ausdauernd sein, wenn er so gespannt ist.
Oh je.
Als ich aus dem Wasser steige und mich abtrockne, höre ich vertraute Geräusche. Verdammt! Ich habe nicht daran gedacht, dass der Laptop nicht passwortgeschützt ist.
Mit dem Handtuch um den Hals gehe ich ins Wohnzimmer. James steht mit verschränkten Armen vor dem Laptop und schaut sich an, wie seine Frau mit einem fremden Kerl vögelt. Und auch wenn sie Brille und Perücke trägt, für ihn ist sie eindeutig erkennbar.
Nun ja, wenigstens können wir es kurz machen. Ob ich ihm anbiete, dass er mich schlagen darf? Nein, das wäre idiotisch und beleidigend.
James wendet mir den Blick zu. Seine Augenbrauen sind fragend hochgezogen. Ich liebe seine minimalistische Ausdrucksweise, heute ganz besonders.
Ich kratze mich am Kopf.
„Gehörte das zu den verdeckten Ermittlungen?“
„Ja.“
„Was genau hast du dabei ermittelt?“
‚Erwartet er darauf eine Antwort?‘, frage ich mich, auf der Unterlippe herumkauend. Der Trick funktioniert nicht, heute verbietet er mir dieses selbstverletzende Verhalten nicht. Ein ganz schlechtes Zeichen. Er ist sehr sauer. Sehr, sehr sauer.
„Nun?“
„Schatz, ich … es tut mir leid.“
„Was genau tut dir leid?“
„Dass … dass ich dich angelogen habe. Ich meine, ich habe dich nicht angelogen, nur nicht alles erzählt.“
„Das tröstet mich, dass du mich immerhin nicht anlügst. Und was tust du jetzt?“
„Schatz …“
„Warte mal“, hebt er eine Hand. „Ich will es verstehen. Was genau hast du ermittelt?“
„Ich wollte herausfinden, was in dem Bordell los ist.“
„Warum?“
„Weil der Selbstmörder genau dieses Bordell als Grund erwähnt hat. Also ging ich hin, ursprünglich als Journalistin, aber bevor ich mich vorstellen konnte, hielt man mich für eine Bewerberin.“
„Ein Irrtum, den aufzuklären du nicht für nötig hieltest.“
„Es … es gab mir die Möglichkeit, die Interna kennenzulernen.“
„Aha. Ja, so kann man das ja auch nennen.“
„Verdammt, James, mich hat fast der Schlag getroffen, als ich rausfand, dass Emily die Bordellchefin ist!“
„Emily? Schneewittchen?“
„Ja. Ich …“ Scheiße. Ich fahre mir durch die nassen Haare.
„Ich bin ihr begegnet, vor ein paar Tagen.“
„Du bist Emily vor ein paar Tagen begegnet? Also vor dem Bordell?“
„Jaaa …“
„Und wem hast du davon erzählt?“
„Niemandem.“ Meine Knie werden etwas weich. „Ich … mir ist klar, dass im Nachhinein das alles etwas komisch klingt und … und vielleicht hätte ich es anders machen müssen. Vielleicht.“
„Verstehe ich das richtig, du bist Emily begegnet und hast nichts unternommen?“
„Jaaa … sie hat ihr Gedächtnis verloren.“
„Was?? Und das glaubst du?“
„Es ist so“, bekräftige ich, den Tränen immer näher. „Sie hat mich nicht erkannt.“
„Na ja, mit dieser Verkleidung …“
„Auch vorher nicht, da war ich nicht verkleidet! Ich war grad die Geschenke einkaufen, als ich sie zufällig am Tower sah. Wir haben uns auf der Aussichtsplattform kurz unterhalten, und sie wusste eindeutig nicht, wer ich bin. Sie wusste nicht einmal ihren eigenen Namen!“
„Und jetzt weiß sie ihn?“
„Ich habe es ihr erzählt … bevor sie auf mich losging.“
„Und wo ist sie jetzt?“
Ich zucke die Achseln. „Fort. Die Polizei kam, das halbe Bordell zertrümmert, ich fast nackt … also habe ich den Laptop gepackt und bin abgehauen.“
„Und deine Sachen?“
„Ähm … im Bordell.“
„Dann kannst du ja nur hoffen, dass Ben Gelegenheit hat, sie zu sichern.“
Ich nicke.
„Und was gedenkst du nun zu tun? Oder warte. Wie lange hast du da gearbeitet?“
„Es war heute die dritte Nacht.“
„Das heißt, du hattest einige Kunden.“ Keine Frage, eine klare Feststellung.
Ich nicke erneut, die ersten Tränen wagen sich hervor, dabei will ich das gar nicht.
„Weinst du etwa? Du? Fiona, mir ist klar, dass du als Kriegerin niemals eine normale Frau sein kannst, aber ich hätte nicht gedacht, dass du, um das Gleichgewicht zu erhalten, mit fremden Männern fickst. Wie willst du das ausgleichen, wegen des Gleichgewichts, meine ich.“
„Keine Ahnung“, erwidere ich mit einer hilflosen Geste. “Sag … sag du es mir. Was soll ich tun?“
„Ich? Wieso soll ich dir das sagen? Sonst bittest du mich doch auch nicht um Rat.“
„James …“ Ich mache einige Schritte auf ihn zu und bleibe wieder stehen. Da ist eine Mauer zwischen uns, dagegen sind die Mauern von Fort Knox nichts. Die Tränen haben inzwischen beschlossen, dass sie alle raus wollen. „Verdammt, meinst du, ich habe das getan, um dir wehzutun? Ich habe nicht darüber nachgedacht, O. K.? Ich … ich sah nur das Ziel vor den Augen, die ganzen Toten und dass da etwas nicht stimmt! Ja, ich weiß, ich habe Mist gebaut! Ich weiß es, O. K.? Und jetzt? Soll ich vor dir auf den Knien rutschen, oder was erwartest du eigentlich?!“
„Jedenfalls nicht diese Reaktion“, erwidert er kühl.
„Ach? Nicht diese Reaktion? Also doch, soll ich auf den Knien rutschen?“
„Das ist Unsinn.“
„Das ist Unsinn, aha! Weißt du was? Das kotzt mich grad an, dass du dabei so ruhig bleiben kannst! Du stehst da wie … wie so … ach, ich weiß es auch nicht! Die Arme vor der Brust verschränkt, Pokerface, nur deine Worte sind wie glühende Eisenstäbe! Oh ja, ich verstehe das, ich verstehe das sogar sehr gut! Seit Highfoot verstehe ich so Manches! Der große James, der niemals Gefühle zeigt! Und soll ich dir was sagen? Ich kenne das, ich kenne das sogar sehr gut! Ich wünschte, du könntest in mir endlich deine Frau sehen und nicht deine Tochter!“
Shit! Das war nicht gut.
Sein Gesichtsausdruck verändert sich kaum. „Bist du fertig?“
Gar nicht gut.
„Ja, bin ich!“, schreie ich ihn wutentbrannt an. „So was von!“ Ich drehe mich um und renne raus, raus aus dem Wohnzimmer, raus aus dem Haus. Plötzlich stehe ich vor der Tür meiner Eltern, ohne dass ich wüsste, wie ich hierhergekommen bin, und lege mich auf die Klingel. Dann wird mir bewusst, dass ich nackt bin.

 

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Leseprobe: Alle Zeit mit ihr

Alle Zeit mit ihr

Textauszug aus „Unbschreiblich“

„Seit du das erste Mal in meinen Laden kamst, war mir klar, wonach du suchst.“
„Dieser Satz hätte auch in einem der Bücher stehen können, die ich in den letzten Monaten gelesen habe“, sagte Maria und legte sich neben die Frau.
„Was wir gleich miteinander tun werden, hat wenig mit Sprache zu tun, höchstens mit Körpersprache.“
„Nur das Unbeschreibliche lohnt, beschrieben zu werden.“
„Du hast zu viel gelesen“, sagte die Frau und küsste Maria.
„An welchen Roman hast du gerade gedacht?“, fragte sie.
„An keinen. Ich habe mich gefragt, ob du die Bücher, die du deinen Kundinnen empfiehlst, selbst gelesen hast.“
„Die meisten ja. Sei jetzt bitte still.“

Die Hände der Frau streichelten Maria Haupt- und Nebensätze auf den Rücken und über die Oberschenkel. Die Küsse versahen die Satzgebilde mit Ausrufezeichen und Punkten. Alles, was Maria bisher gelesen hatte, wirbelte in ihrem Kopf herum und flog als schwarze Wolke aus Druckbuchstaben durch das geöffnete Schlafzimmerfenster in die milde Augustnacht. Maria versank in der feucht schimmernden Haut der Frau, wie nie zuvor in einem Buch. Sie wollte nicht mehr auftauchen. Sie wollte sich in sie verwandeln. Früher hatte sich Maria oft vor dem Einschlafen vorgestellt, am nächsten Morgen aufzuwachen und nicht mehr sie selbst zu sein, sondern eine Figur aus dem Buch, das sie gerade las.
„Woran denkst du?“, fragte die Frau und deckte sich zu.
„Ich denke, dass es sehr schön ist … mit dir …“

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Leseprobe: Fiona – Entscheidungen

Fiona – Entscheidungen

Bumm … Bumm … Bumm …
Augen öffnen! Öffne deine Augen!
Ich liege. Mal wieder. In dem Moment, in dem ich die Augen öffne, funktionieren auch meine anderen Sinne. Wo ich bin, weiß ich nicht, aber ganz sicher nicht in meiner Zelle. Nicht einmal in deren Nähe.
Ich liege im Gras. Richte mich auf und sehe mich um. Ein verlassenes Strandbad. Das blaue Wasser im nahen Becken klatscht gegen die Betonwand. Über dem Eiswagen flattert die Werbeflagge einer Eisfirma. Die Türen zum überdachten Bereich stehen weit offen.
Niemand zu sehen oder zu hören.
Mein Körper ist in einem Stück, sauber und nackt. Kein Blut, kein Dreck. Er fühlt sich leicht an, ungewöhnlich leicht. Fast wie ein Gedanke, der davonschweben will. Mir wird klar, dass ich mich gar nicht in meinem Körper befinde. Aber wieso sehe ich ihn dann, wenn ich an mir runtersehe? Das kann definitiv kein Traum sein!
Ich erhebe mich ganz und gehe durch die Tür nach drinnen. Auch hier niemand, aber es sieht alles so aus, als wären plötzlich alle einfach verschwunden. Aber mit allem, was irgendwie zu einem Menschen gehören kann: Badeanzug, Badelatschen, Handtücher, nichts von alldem zu sehen. Und dennoch, es macht den Eindruck, als wäre vor einer halben Stunde alles in Benutzung gewesen. Wo zum Teufel bin ich?
So langsam geht mir das alles doch sehr auf den Geist.
In der Hoffnung, vielleicht doch noch jemanden zu finden, wandere ich durch die Hallen, blicke von unten in die Rutschröhre. Niemand. Ich bin wohl das einzige Lebewesen hier.
Wobei … Lebewesen?
Ich gehe in die Dusche und wasche mich gründlich. Auch wenn dieser Körper nur aus Äther oder was auch immer ist, ich spüre, wie das Blut an ihm klebt. Zwar hilft dagegen das Duschen auch nicht, aber wenigstens habe ich was getan. Nur habe ich danach dasselbe Problem wie davor: und nun?
Kleidung wäre nicht schlecht. Es ist zwar nicht kalt, und ich werde, wahrscheinlich und hoffentlich, auch nicht beobachtet, aber trotzdem ist es ein seltsames Gefühl, völlig nackt durch eigentlich öffentlichen Räume zu laufen. Wenn ich Glück habe, befinde ich mich ja nur in meiner eigenen Fantasie. Und wenn nicht?
Wo bin ich dann? Oder wer?
Ich zucke zusammen, als ich Schritte höre. Doch nicht allein?
 

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