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Leseprobe: Fiona – Leben

Fiona – Leben

Der Dämon packt mich an den Haaren und zieht mich hoch.
„Das war es für dich“, sagt er, und es klingt, als wäre er wütend.
Ich verzichte auf Dialoge, meine aufgeplatzten Lippen sind eine einzige Schmerzquelle. Der Schmerz macht mich allerdings wütend, und diese Wut gibt mir Kraft. Die nutze ich, um mein Knie zwischen die Beine des Dämons zu rammen. Und während dieselbe Aktion ihm vor ein paar Tagen noch nicht einmal ein müdes Lächeln entlockt hat, lässt sie ihn jetzt förmlich zusammenklappen.
Ich versetze ihm einen Stoß, dass er nach hinten fällt, dann werfe ich mich auf ihn, den Dolch mit aller Wucht in sein Herz rammend. Er bäumt sich schreiend auf, dann schlägt er seine Hand in meinen Bauch.
Der Schmerz ist bestialisch. Ich kann spüren, wie seine Krallen meine Gedärme packen und an ihnen zerren. Ich muss handeln, sonst wird das sehr, sehr unangenehm. Ich packe mit beiden Händen den Dolchgriff, atme tief durch und drehe dann den Dolch so schnell ich kann mehrmals in seinem Herzen. Ich zähle nicht mit, aber plötzlich spüre ich, wie sein Körper unter mir erschlafft.
Ich halte inne und starre in sein dunkles Gesicht. Auf einmal kann ich es erkennen, sehe seine Augen; doch diese sehen mich nicht mehr.
Er ist tot.
Endgültig.
Unwiderruflich.
Ausgelöscht.
Und seine Hand liegt noch in meinem Bauch. Ich packe seinen Unterarm und ziehe die Klaue aus meinem Bauch. Angenehm ist anders, aber im Vergleich zu den Schmerzen gerade, als er versucht hat, meinen Dickdarm auszuwringen, ist das die reinste Freude.
Ich atme tief durch und warte mit geschlossenen Augen, dass der Schmerz nachlässt.
Habe meinen ersten Krumana-Dämon erlegt.
Und hoffentlich auch den letzten.
Als ich aus der Ferne Sirenen höre, setze ich mich auf. Ganz unbemerkt kann unser Kampf ja nicht geblieben sein. Überhaupt, wo sind die anderen?
Ich ziehe den Dolch aus dem toten Körper, säubere die Klinge an seiner Kleidung und erhebe mich dann. Den Dolch stecke ich wieder in meinen Gürtel und überlege, was ich jetzt mache. Den Dämon hier liegenzulassen geht nicht. Also bleibt nur eines: Ich nehme ihn mit nach oben. Das wird spannend!
Ich raffe sein Hemd mit rechts in Brusthöhe zu einem dicken Knäuel zusammen, richte den linken Arm nach oben und denke ans Fliegen.
Es. Klappt!
Der tote Körper des Dämons ist sauschwer. Wenn ich bedenke, dass ich viel stärker bin als jeder gewöhnliche, noch so gut trainierte Mann, dann bedeutet das, dass der Dämon mehrere hundert Kilo wiegen muss. Woraus zum Teufel besteht sein Körper eigentlich?
Ich lande mit ihm auf der Terrasse und setze ihn auf den Fliesen ab. Dann gehe ich wachsam auf das Penthouse zu. Drinnen ist es dunkel und ruhig. Überall liegen leblose Körper herum, aber meine Gefährten sind zum Glück nicht dabei.
Von der Etage darunter kommen Geräusche. Ich ziehe meine Pistole und gehe vorsichtig nach unten. Hier brennt Licht, liegen auch etliche leblose Körper herum, und ich finde Katharina, Nilsson und John.
Katharina sieht mich als Erste. „Fiona! Wo hast du denn gesteckt?“
„Ich hatte mit Sorned zu tun. Wo ist Frost? Und Michael?“
„Michael sucht dich. Frost ist weg. Wir hatten ihn schon, da kamen plötzlich einige Noispeds, und während wir noch mit ihnen beschäftigt waren, nahmen sie Frost mit. Was ist denn mit Sorned?“
„Er liegt auf der Terrasse.“
„Wie, er liegt auf der Terrasse?“
„Na ja, seine Überreste.“
„Ist er tot?“
„Ja.“
„Du hast ihn getötet?“
„Ja.“
Alle starren mich entgeistert an. Wieder ist Katharina die Erste, die sich fängt.
„Hast du ihn endgültig getötet?“, fragt sie.
„Yep!“
„Der Kampf muss hart gewesen sein“, sagt Nilsson und deutet auf meinen Bauch.
„Yep! Er hat versucht, meine Eingeweide herauszureißen.“
„Aber … aber … ich denke, er ist viel stärker als wir?“ John ist immer noch fassungslos.
„Aber nicht stärker als ich. Ich geh mal ins Bad und wasch mich. Übrigens ist die Polizei im Anmarsch.“
„Ich glaube, sie sind schon da. Aber bis die herausfinden, dass sie ins Penthouse müssen, vergeht noch etwas Zeit. Ich komme mit.“ Katharina folgt mir, als ich nach oben und ins riesige, sehr luxuriöse Bad gehe.
Ich ziehe das halb zerfetzte Hemd aus und halte den Kopf über dem Waschbecken in den Wasserstrahl. Danach wasche ich auch den Bauch und den Rest des Oberkörpers. Katharina beobachtet mich stumm.
Erst als ich ein weißes Handtuch nehme und mich abtrockne, fragt sie: „Was ist eigentlich passiert?“
Ich sehe sie nachdenklich an. Ich glaube, meine neu entdeckten Fähigkeiten bleiben besser mein Geheimnis. Zumindest einige. Erst einmal jedenfalls.
„Frost war in der unteren Etage, als ich nur bedingt freiwillig nach unten ging. Und Sorned war da auch, wie ich dann feststellen durfte. Erst sah es danach aus, dass er sein Werk vollendet. Aber dann fand ich heraus, dass ich gar nicht mehr so wehrlos bin, wie ich dachte. Meine Schläge und Tritte verpufften nicht mehr wirkungslos.“
„Wie kommt das?“ Katharina sitzt auf einer Ecke der Badewanne, in der Kinder sogar schwimmen könnten.
Ich zucke die Achseln. „Ich glaube, die Ereignisse auf der Insel haben bei mir Energien freigesetzt.“
Katharina nickt. „Ja, gut möglich. Wie ich schon mal sagte, ich bin noch keiner so mächtigen Kriegerin wie dir begegnet.“ Plötzlich lächelt sie. „Und keiner so süßen!“
Ich schnappe nach Luft. Was soll das denn werden? Mit aufgerissenen Augen beobachte sie dabei, wie sie aufsteht und auf mich zukommt. In einer Hand halte ich immer noch das Handtuch, am Oberkörper trage ich lediglich den Sport-BH.
Katharina legt die Hände auf mein Gesicht, ihre vollen Lippen sind nur wenige Zentimeter von meinem Mund entfernt: „Ich habe nie aufgehört, dich zu lieben, Fiona.“
„Das … das hast du aber gut verheimlicht …“
„Ich weiß. Es tut mir leid.“ Ihre Lippen kommen näher. Gleich werden sie meinen Mund berühren und ich habe nicht die Absicht, mich dagegen zu wehren.
In diesem Augenblick reißt Michael die Tür auf und ruft: „Sie haben Ben gefunden!“

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Leseprobe: Fiona – Gefühle

Fiona – Gefühle (Band 3)

Nachdem ich das Gebäude durch den Hauptausgang verlassen habe, verstärkt sich mein Eindruck von winterlicher Kälte. Um diese Zeit ist auch der Verkehr eher gedämpft, nach ein paar Minuten erblicke ich dennoch ein unbesetztes Taxi, das auf mein wildes Winken hin sogar anhält. Der Taxifahrer, irgendwo Anfang bis Mitte 40, sieht mich misstrauisch an.
„Soll ich dich zur Polizei fahren?“
„Nein, nach Hause“, erwidere ich und steige hinten ein.
„Sicher?“
„Sicher.“ Ich halte den Laptop vor meinen Körper, um den Taxifahrer nicht in Versuchung zu führen. Das Babydoll ist hochgradig transparent.
„Wenn du vergewaltigt wurdest oder so, dann …“
„Bin ich nicht.“ Ich nenne ihm die Adresse, er pfeift. „Tu mir den Gefallen, fahr mich einfach dorthin und versuch nicht, mich in ein Gespräch zu verwickeln.“
„In Ordnung“, erwidert er, dabei mustert er mich im Innenspiegel. „Aber eigentlich müsste ich …“
„Ich werde es niemandem verraten, O. K.? Und jetzt fahr.“
Während der Fahrt geht neben vielen anderen düsteren Gedanken auch derjenige durch meinen Kopf, dass es vielleicht doch kein Zufall war, dieses Taxi erwischt zu haben. Es könnte zum Bordell unterwegs gewesen sein. Dieser Fall wird Bens Möglichkeiten, mich zu decken, stark strapazieren. Irgendwie ist es mir aber grad egal, ich will einfach nur nach Hause.
Endlich hält das Taxi vor unserem Grundstück und ich bitte den Taxifahrer, in die Auffahrt reinzufahren und erhöhe damit die Wahrscheinlichkeit, dass James aufmerksam wird, enorm. Tatsächlich bellt Danny los und wenig später geht das Licht an.
„Da kommt die Bezahlung“, erkläre ich dem Taxifahrer und steige aus. James kommt vor die Tür.
„Bitte stell jetzt keine Fragen, ich erkläre dir alles gleich. Aber zuerst muss der Taxifahrer bezahlt werden.“
James nickt, geht wieder rein und kommt mit seinem Geldbeutel wieder heraus. Ohne mich aus den Augen zu lassen, bezahlt er den Fahrer und gibt ihm ein großzügiges Trinkgeld.
„Jetzt bin ich ja gespannt“, sagt er dann nur.
Ich begrüße Danny, der mich die ganze Zeit schon umtänzelt, gehe ins Haus und bleibe in der Diele stehen. Ich denke darüber nach, was ich als Nächstes wohl tun sollte: heulen, baden, alles zertrümmern?
„Ich … ich muss duschen.“ Na toll, jetzt stottere ich schon rum wie Lois.
„War das der verdeckte Einsatz?“
Ich nicke und bringe den Laptop ins Wohnzimmer. „Darauf ist auch der Grund, warum er in den See fuhr.“
„Oh. Das klingt spannend.“
„Ja. Ich muss trotzdem erst einmal duschen. Ich bin in eine Bar geflogen, habe mindestens 5 Dutzend Flaschen und einen riesigen Spiegel dabei zertrümmert und entsprechend viele Scherben schon aus mir entfernt.“
„Wer macht denn so was? Mit dir?“
„Emily“, erwidere ich knapp und ignoriere bewusst seinen ironischen Tonfall. Doch mir ist jetzt schon klar, der Abend wird richtig hart.
Strümpfe und Babydoll stopfe ich in den Mülleimer, bevor ich in die Dusche steige und sehr lange unter dem fast heißen Wasser stehe. Besser geht es mir dadurch zwar auch nicht, aber zumindest habe ich den Dreck abgespült. So halbwegs. Eigentlich wäre es doch schön, die ganze Nacht unter der Dusche zu stehen. Oder wenigstens so lange, bis James schlafen geht. Ich fürchte nur, er kann sehr ausdauernd sein, wenn er so gespannt ist.
Oh je.
Als ich aus dem Wasser steige und mich abtrockne, höre ich vertraute Geräusche. Verdammt! Ich habe nicht daran gedacht, dass der Laptop nicht passwortgeschützt ist.
Mit dem Handtuch um den Hals gehe ich ins Wohnzimmer. James steht mit verschränkten Armen vor dem Laptop und schaut sich an, wie seine Frau mit einem fremden Kerl vögelt. Und auch wenn sie Brille und Perücke trägt, für ihn ist sie eindeutig erkennbar.
Nun ja, wenigstens können wir es kurz machen. Ob ich ihm anbiete, dass er mich schlagen darf? Nein, das wäre idiotisch und beleidigend.
James wendet mir den Blick zu. Seine Augenbrauen sind fragend hochgezogen. Ich liebe seine minimalistische Ausdrucksweise, heute ganz besonders.
Ich kratze mich am Kopf.
„Gehörte das zu den verdeckten Ermittlungen?“
„Ja.“
„Was genau hast du dabei ermittelt?“
‚Erwartet er darauf eine Antwort?‘, frage ich mich, auf der Unterlippe herumkauend. Der Trick funktioniert nicht, heute verbietet er mir dieses selbstverletzende Verhalten nicht. Ein ganz schlechtes Zeichen. Er ist sehr sauer. Sehr, sehr sauer.
„Nun?“
„Schatz, ich … es tut mir leid.“
„Was genau tut dir leid?“
„Dass … dass ich dich angelogen habe. Ich meine, ich habe dich nicht angelogen, nur nicht alles erzählt.“
„Das tröstet mich, dass du mich immerhin nicht anlügst. Und was tust du jetzt?“
„Schatz …“
„Warte mal“, hebt er eine Hand. „Ich will es verstehen. Was genau hast du ermittelt?“
„Ich wollte herausfinden, was in dem Bordell los ist.“
„Warum?“
„Weil der Selbstmörder genau dieses Bordell als Grund erwähnt hat. Also ging ich hin, ursprünglich als Journalistin, aber bevor ich mich vorstellen konnte, hielt man mich für eine Bewerberin.“
„Ein Irrtum, den aufzuklären du nicht für nötig hieltest.“
„Es … es gab mir die Möglichkeit, die Interna kennenzulernen.“
„Aha. Ja, so kann man das ja auch nennen.“
„Verdammt, James, mich hat fast der Schlag getroffen, als ich rausfand, dass Emily die Bordellchefin ist!“
„Emily? Schneewittchen?“
„Ja. Ich …“ Scheiße. Ich fahre mir durch die nassen Haare.
„Ich bin ihr begegnet, vor ein paar Tagen.“
„Du bist Emily vor ein paar Tagen begegnet? Also vor dem Bordell?“
„Jaaa …“
„Und wem hast du davon erzählt?“
„Niemandem.“ Meine Knie werden etwas weich. „Ich … mir ist klar, dass im Nachhinein das alles etwas komisch klingt und … und vielleicht hätte ich es anders machen müssen. Vielleicht.“
„Verstehe ich das richtig, du bist Emily begegnet und hast nichts unternommen?“
„Jaaa … sie hat ihr Gedächtnis verloren.“
„Was?? Und das glaubst du?“
„Es ist so“, bekräftige ich, den Tränen immer näher. „Sie hat mich nicht erkannt.“
„Na ja, mit dieser Verkleidung …“
„Auch vorher nicht, da war ich nicht verkleidet! Ich war grad die Geschenke einkaufen, als ich sie zufällig am Tower sah. Wir haben uns auf der Aussichtsplattform kurz unterhalten, und sie wusste eindeutig nicht, wer ich bin. Sie wusste nicht einmal ihren eigenen Namen!“
„Und jetzt weiß sie ihn?“
„Ich habe es ihr erzählt … bevor sie auf mich losging.“
„Und wo ist sie jetzt?“
Ich zucke die Achseln. „Fort. Die Polizei kam, das halbe Bordell zertrümmert, ich fast nackt … also habe ich den Laptop gepackt und bin abgehauen.“
„Und deine Sachen?“
„Ähm … im Bordell.“
„Dann kannst du ja nur hoffen, dass Ben Gelegenheit hat, sie zu sichern.“
Ich nicke.
„Und was gedenkst du nun zu tun? Oder warte. Wie lange hast du da gearbeitet?“
„Es war heute die dritte Nacht.“
„Das heißt, du hattest einige Kunden.“ Keine Frage, eine klare Feststellung.
Ich nicke erneut, die ersten Tränen wagen sich hervor, dabei will ich das gar nicht.
„Weinst du etwa? Du? Fiona, mir ist klar, dass du als Kriegerin niemals eine normale Frau sein kannst, aber ich hätte nicht gedacht, dass du, um das Gleichgewicht zu erhalten, mit fremden Männern fickst. Wie willst du das ausgleichen, wegen des Gleichgewichts, meine ich.“
„Keine Ahnung“, erwidere ich mit einer hilflosen Geste. “Sag … sag du es mir. Was soll ich tun?“
„Ich? Wieso soll ich dir das sagen? Sonst bittest du mich doch auch nicht um Rat.“
„James …“ Ich mache einige Schritte auf ihn zu und bleibe wieder stehen. Da ist eine Mauer zwischen uns, dagegen sind die Mauern von Fort Knox nichts. Die Tränen haben inzwischen beschlossen, dass sie alle raus wollen. „Verdammt, meinst du, ich habe das getan, um dir wehzutun? Ich habe nicht darüber nachgedacht, O. K.? Ich … ich sah nur das Ziel vor den Augen, die ganzen Toten und dass da etwas nicht stimmt! Ja, ich weiß, ich habe Mist gebaut! Ich weiß es, O. K.? Und jetzt? Soll ich vor dir auf den Knien rutschen, oder was erwartest du eigentlich?!“
„Jedenfalls nicht diese Reaktion“, erwidert er kühl.
„Ach? Nicht diese Reaktion? Also doch, soll ich auf den Knien rutschen?“
„Das ist Unsinn.“
„Das ist Unsinn, aha! Weißt du was? Das kotzt mich grad an, dass du dabei so ruhig bleiben kannst! Du stehst da wie … wie so … ach, ich weiß es auch nicht! Die Arme vor der Brust verschränkt, Pokerface, nur deine Worte sind wie glühende Eisenstäbe! Oh ja, ich verstehe das, ich verstehe das sogar sehr gut! Seit Highfoot verstehe ich so Manches! Der große James, der niemals Gefühle zeigt! Und soll ich dir was sagen? Ich kenne das, ich kenne das sogar sehr gut! Ich wünschte, du könntest in mir endlich deine Frau sehen und nicht deine Tochter!“
Shit! Das war nicht gut.
Sein Gesichtsausdruck verändert sich kaum. „Bist du fertig?“
Gar nicht gut.
„Ja, bin ich!“, schreie ich ihn wutentbrannt an. „So was von!“ Ich drehe mich um und renne raus, raus aus dem Wohnzimmer, raus aus dem Haus. Plötzlich stehe ich vor der Tür meiner Eltern, ohne dass ich wüsste, wie ich hierhergekommen bin, und lege mich auf die Klingel. Dann wird mir bewusst, dass ich nackt bin.

 

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Leseprobe: Fiona – Entscheidungen

Fiona – Entscheidungen

Ich verbringe die Wartezeit mit einem Spaziergang und versuche dabei, jeglichen Gedanken aus meinem Kopf zu verscheuchen. Mein langjähriges Kampfsporttraining kommt mir dabei zugute. Als ich dann zum Parkplatz gehe, bin ich so entspannt, wie das unter den gegebenen Umständen nur möglich ist.
Das ändert sich wieder, als ich Katharina sehe. Ich weiß ja nicht, wie sie sich so eine Dämonenjagd vorstellt, obwohl sie damit eigentlich Erfahrung haben müsste. Jedenfalls hätte ich mich ganz sicher nicht so angezogen wie sie. Obwohl, sagt eine Stimme in mir, warst du immer passend angezogen, wenn du auf Verbrecherjagd warst, damals?
Katharina trägt hautenge, weiße Hosen, schwarze Overknees, wenigstens nicht aus Latex, dafür mit schwindelerregenden Absätzen, eine ebenfalls eng anliegende, weiße Bluse mit langen Ärmeln und die Haare offen.
„Wow“, sage ich nur, während sie mich umarmt. „Hast du vor, irgendwelche Dämonen mit den Absätzen aufzuspießen?“
Sie lacht. „Warum eigentlich nicht? Jedenfalls würde mich niemand für einen 400-jährigen Dämon halten, oder?“
„Ganz bestimmt nicht.“
„Tarnung ist alles.“
„Sollte ich mich auch umziehen?“, erkundige ich mich. „Ist das angebracht dort, wo wir hingehen?“
Katharina mustert meine ¾-Jeans und die lose darüberhängende Bluse, dann schüttelt sie den Kopf. „Ist schon in Ordnung so. Wir werden sehen, ob du in diesen Schuhen genug Trittkraft hast.“
„Wo du Herzen aufspießt, breche ich Rippen“, erwidere ich und bringe sie damit erneut zum Lachen.
„Gehen wir“, sagt sie.
„Wohin?“
„In die Bibliothek.“
„Oh, in Filmen gehen sie auch immer in die Bibliothek, wenn sie wissen wollen, mit was für einem übernatürlichen Ding sie es zu tun haben.“
„Ja, aber nicht in so eine“, sagt sie geheimnisvoll. „Wir fahren mal mit meinem Wagen, in Ordnung?“
Ich nicke. Dann falte ich mich in den Ferrari. Und stelle fest, dass ich eigentlich doch eine ganz zahme Fahrweise habe. Wäre ich nervös veranlagt, würde ich Blut und Wasser schwitzen auf dieser kurzen Fahrt. Das heißt, kurz ist sie nur, weil Katharina fährt wie sie fährt. Schließlich hält sie vor einem großen, aber ansonsten unscheinbaren Haus in South Village.
Wir steigen aus.
„Hier ist eine Bibliothek?“, erkundige ich mich skeptisch, während ich die graue Fassade betrachte.
„Beurteilst du die Dinge etwa nach Äußerlichkeiten?“
„Nein“, erwidere ich missmutig.
„Dann ist ja gut!“ Katharina hält auf eine schmale, ebenfalls graue Tür zu und schlägt mit der Faust dagegen. Mehrmals, so lange, bis von drinnen eine wütende Stimme ertönt: „Ist ja gut, verdammte Scheiße! Ich komme ja schon!“
Ich sehe mich amüsiert um, aber es scheint niemanden zu interessieren, wenn hier die Tür fast eingeschlagen wird. Dahinter erklingen jetzt Schritte, dann wird sie förmlich aufgerissen. Ein kleiner, schmächtiger Mann funkelt Katharina wütend an.
„Was soll das?“
„Och, jetzt reg dich doch nicht so auf. Ich wollte nur sicher sein, dass du es auch hörst.“ Katharina krault ihm den nicht vorhandenen Bart, dann tritt sie an ihm vorbei ein und winkt mir zu.
Ich folge ihr und reiche dem Gastgeber die Hand: „Ich bin Fiona Flame.“
„Ich weiß, wer du bist“, erwidert er mürrisch. „Mein Name ist Nasnat.“
„Woher weißt du, wer ich bin?“, frage ich.
„Ich weiß es eben“, sagt er und schlägt die Tür zu. „Was wollt ihr hier?“
„Wir brauchen deine unendliche Weisheit, Nasnat“, antwortet Katharina.
„Hey, verarschen kann ich mich auch allein. Was wollt ihr denn wissen?“
„Willst du uns nicht einladen und einen deiner vorzüglichen Tees anbieten?“, erkundigt sich Katharina.
„Kommt mit.“ Nasnat schlurft vor in einen karg eingerichteten, großen Raum, den ich nach einigem Blinzeln als Küche erkenne. Nasnat setzt einen Wasserkessel auf den Gasherd, dann holt er vier Tassen aus dem einzigen Schrank und eine Dose aus einem Nachbarraum. Daraus füllt er irgendein Pulver in die Tassen. Bis er damit fertig ist, kocht das Wasser im Kessel, und er füllt die Tassen randvoll mit dem Wasser.
Dann stellt er die Tassen auf einen kleinen Tisch, der inmitten des Raumes steht.
„Du hast dich verzählt“, bemerke ich.
„Nein, habe ich nicht. Trink, der Tee schmeckt heiß am besten.“
Mit einem skeptischen Blick auf die vierte Tasse hebe ich meine an die Lippen und schlürfe vorsichtig an dem Getränk. Es schmeckt wirklich sehr gut.
„Woraus ist das?“, erkundige ich mich.
„Redet die immer so viel?“, fragt Nasnat.
Katharina schüttelt grinsend den Kopf. „Sie ist eben eine Kriegerin. Weiß das allerdings erst seit ein paar Tagen.“
Nasnat mustert mich gründlich. „Eine Kriegerin, so so. Bist du sicher, dass sie das kann?“
„Ja, bin ich. Sie ist stark. Sehr stark sogar.“
„Hm.“
„Komm schon, spürst du das gar nicht?“
„Doch“, erwidert Nasnat langsam. „Aber sie akzeptiert ihre Kraft nicht. Unterdrückt sie. So ist sie immer in Gefahr zu versagen.“
„Nasnat.“ Katharina beugt sich vor, sie wirkt sehr ernst. „Ich habe noch nie eine solche Macht in einer Kriegerin verspürt wie bei ihr. Sie ist eine der ältesten Seelen, denen ich begegnet bin.“
„Mag schon sein. Und was wollt ihr nun von mir?“
„Deine Bibliothek“, antwortet Katharina. „Wir suchen ein Wesen oder eine Art, die ihre Brut in menschliche Gebärmütter einpflanzt. Die Geburt tötet allerdings die Brüterin, ihre Gebärmutter zerplatzt.“
„So was gibt es auf der Erde nicht“, sagt Nasnat düster.
„Jetzt schon“, entgegne ich, nicht minder düster, wenn auch aus anderen Gründen.
Nasnat blickt mir in die Augen. „Nicht auf der Erde.“
„Ich bin ihm begegnet. Und ich habe vorhin eine junge Frau gesehen, die vor ein paar Tagen noch schlank und rank war. Gestern Abend war sie vor allem tot. Ihr Oberkörper aufgeschnitten, die Gebärmutter geplatzt, die anderen Organe zerstört, der Bauch aufgeschnitten. Etwas war in ihr, wuchs heran, wurde rausgeholt. Dabei starb sie. Und ich will wissen, wer oder was das war.“
„Du bist ihm begegnet?“, fragt Nasnat langsam.
„Ich bin jemandem begegnet, der merkte, dass ich eine Kriegerin bin.“
„Was hast du mit ihm gemacht?“
„Er hat mich getötet“, antworte ich leise.
„Das wird er auch wieder tun.“
„Nein. Ganz sicher nicht!“
Nasnat lächelt ansatzweise. „Wenn du das sagst.“
„Hey, Nasnat, erzähl uns mal, was das für ein Wesen ist, deiner Meinung nach“, sagt Katharina.
Nasnat nickt und deutet an, dass wir ihm folgen sollen. Das tun wir auch, in einen Raum, der mir den Atem raubt. Jetzt weiß ich, was Katharina mit Bibliothek meinte. Ich verstehe nicht, wie das sein kann, aber der Raum, der vollgestopft ist mit Büchern, die in Tausenden von Regalen stehen, ist mit Sicherheit sehr viel größer als das Haus von außen aussieht.
„Ach du Scheiße!“, sage ich. „Das ist unmöglich!“
Nasnat wirft mir einen Blick zu. „Darum versagst du!“
Ich erwidere den Blick. „Deine Ähnlichkeit mit Yoda ist tatsächlich nicht zu übersehen.“
„Das ist kein Wunder, ich stand ja auch Modell für ihn. Zumindest was den Intellekt angeht.“
Katharina lacht mit heller Stimme. „Ihr zwei seid köstlich.“
„Köstlich“, murmelt Nasnat. Dann geht er an einer mehrstöckigen Bücherwand entlang und liest lautlos die Indexschilder. Schließlich bleibt er stehen und deutet auf ein Buch in der zweiten Etage. „Das Buch da brauche ich!“
Katharina nickt, packt das Männchen und wirft es hoch. Nasnat turnt geschickt über das Geländer, holt das gesuchte Buch aus dem Regal und springt runter. Katharina fängt ihn auf. Er geht mit dem Buch zu einem Tisch, legt das Buch drauf und sagt dann: „Dieses Buch wurde von einem Vorfahren von Marco Polo geschrieben, der die Planeten bewandert hat. Zumindest einige. In den offiziellen Geschichtsbüchern taucht er nirgends auf, denn das würde überhaupt nicht zu dem Dogma passen, dass es Menschen nur auf der Erde gibt. Ganz abgesehen von der Tatsache, dass diese bornierten Wissenschaftsgläubigen mit ihrer Relativitätstheorie ja dann zugeben müssten, dass ihre kruden Ideen nichts, aber auch gar nichts mit der Realität zu tun haben.“
„Wie hieß denn dieser Vorfahr?“, erkundige ich mich.
„Marco Polo.“ Er lacht schallend, als er unsere Gesichter sieht. „Nur ein kleiner Scherz. Luke Skywalker? Nein, auch ein Scherz. Sein richtiger Name ist nicht bekannt. Er hat sozusagen unter Pseudonym geschrieben, und weil er offenbar einen Sinn für Humor hatte, benutzte er den Namen Euklid.“
„Ein echter Scherzkeks“, meint Katharina grinsend. „Ausgerechnet Euklid!“
„Sag ich ja. So, dann wollen wir mal schauen, was wir hier haben.“ Nasnat schlägt das Buch irgendwo auf. Es ist vollständig handgeschrieben, dennoch wirkt das Papier, als wäre das Buch erst vor wenigen Jahren gedruckt worden.
„Wie alt soll das sein?“, frage ich misstrauisch.
„Weil es so gut aussieht? Ich habe das Buch seit über 200 Jahren in meinem Besitz, und so sah es von Anfang an aus.“
„Ich komme mir vor wie ein Baby!“
Katharina streichelt meinen Kopf. „Du bist es ja auch, im Vergleich zu uns.“
„Vorsicht, ich könnte beißen!“
„Huch!“ Katharina zieht schnell ihre Hand weg.
„Wenn ihr damit fertig seid, können wir dann weitermachen?“, erkundigt sich Nasnat.
„Sofort, jetzt, direkt …“
Nasnat mustert Katharina, als wäre sie für alles Böse auf dieser Welt verantwortlich. Dann versenkt er den Blick im Buch und sagt: „Mir ist, als hätte ich in den Berichten von Euklid über eine Rasse gelesen, die ihre Nachkommen in fremde Rassen einpflanzt, austragen lässt und dass die Wirte dann sterben. Wo war das nur?“ Nasnat blättert minutenlang in dem dicken Buch rum, ehe er zufrieden auf eine Zeichnung zeigt.
Eine Frau mit offenem Oberkörper.
„Hm. Sieht der Frau von gestern ähnlich“, stelle ich fest.
„Also haben wir es mit Außerirdischen zu tun?“ Katharina schüttelt den Kopf. „Wie sind die denn auf die Erde gelangt?“
„Wie ist denn Euklid vor über 1000 Jahren zu ihnen gelangt?“, stellt Nasnat die Gegenfrage.
„Wahrscheinlich durch ein Wurmloch.“ Katharina zuckt die Achseln. „Also los, sags schon!“
„Ich weiß es nicht. Jedenfalls nicht mit einem Raumschiff und wohl auch nicht durch ein Wurmloch. Euklid hatte, wie viele seiner Zeitgenossen, das alte Wissen von Alchemisten. Es heißt, dass manche von ihnen rausgefunden haben, wie man durch Zeit und Raum reist. Aber dieses Wissen wurde nicht in die heutige Zeit mitgebracht.“
„Zumindest ist uns nichts davon bekannt“, sagt Katharina. „Wenn jemand es weiß, hält er es unter Verschluss.“

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