Posted on Schreib einen Kommentar

Leseprobe: Fiona – Gefühle (Band 3)

Fiona – Gefühle (Band 3)

Die Sonne scheint. Ich starre auf das Fenster. Irgendwas ist anders. Dann kommt die Erinnerung wieder. Ich liege quer auf meinem alten Bett in meinem Jugendzimmer, halb bedeckt vom Bademantel. Was fehlt: James und Danny. Alternativ eine Flasche Johnny. Boah, Fiona, das ist Jahre her!
Ich rapple mich schwerfällig auf und gehe zum Kleiderschrank. Dabei lasse ich den Bademantel auf den Boden fallen. Alles, was ich dagelassen habe, ist noch da, sauber und gebügelt. In solchen Momenten finde ich manche Marotte meiner Mutter ganz praktisch. Ich ziehe ein Bigshirt an und wanke dann ins Bad.
Nach dem Pinkeln erschrecke ich mich, bis mir klar wird, dass ich mein Spiegelbild sehe. Das erschreckt mich noch mehr als der bloße Anblick. Das? Bin? Ich? Nach einem Moment der Schockstarre beschließe ich, mich dem Unvermeidbaren zu stellen und gehe nach unten.
Mein Vater sitzt im Wohnzimmer und liest Zeitung. Er mustert mich und sagt dann: „Guten Morgen. Über deinen Streit mit James steht nichts in der Zeitung. Das ist schon mal ein gutes Zeichen.“
„Was?“ Ich brauche eine Weile, bis ich kapiere, dass er versucht hat, einen Scherz zu machen. „Oh, tut mir leid, ich bin noch nicht ganz da …“
„Ja, den Eindruck habe ich auch. Möchtest du einen Kaffee?“
„Das klingt nach einer guten Idee.“ Stöhnend lasse ich mich in einen der cremefarbenen Sessel fallen. „Wo ist Mama?“
„Ich bin hier!“, antwortet die Angefragte postwendend und bringt mir den angekündigten Kaffee. „Wie geht es dir, Kind?“
Ich denke kurz darüber nach, ihr meinen Namen zu nennen, doch dann winke ich im Geiste ab. „Beschissen.“
„Kind …“
„Was denn? Du hast gefragt. Ich bin ehrlich und offen. Meistens jedenfalls.“
„Ich glaube, du bist immer ehrlich und offen“, erwidert meine Mutter und setzt sich neben meinem Vater auf die Couch. „Möchtest du was essen?“
Ich verneine kopfschüttelnd. „Vielleicht später. Ich … ich dachte erst, das wäre alles ein Albtraum gewesen. Aber irgendwie werde ich nicht wach.“
„Kind, das wird sich alles aufklären. Ganz sicher. Soll ich rübergehen und mit ihm reden?“
„Untersteh dich!“ Ich atme tief durch. „Tut mir leid, ich bin etwas nervös.“
Das Gesicht meiner Mutter spricht Bände, doch sie findet ihre Beherrschung wie gewohnt schnell wieder. „Was genau ist passiert? Ich glaube, ihr habt euch noch nie so gestritten, oder?“
„Das hättest du ja mitbekommen.“ Halt die Klappe, Fiona. Oder sei wenigstens nett. „Oh Mann … entschuldige, ich hatte ein paar harte Tage.“
„Hat das … hat das mit dem Streit zu tun?“
„Irgendwie schon.“ Ich stelle die leere Kaffeetasse ab. „Kann ich was Richtiges haben?“
Mein Vater mustert mich nachdenklich, dann steht er auf und macht mir einen Scotch fertig. Ich halte das Glas mit beiden Händen fest, während ich den ersten Schluck nehme. „Wahrscheinlich erschrecke ich euch ganz schön mit meinem augenblicklichen Zustand.“
„Nun“, erwidert meine Mutter, „für eine 26-Jährige benimmst du dich in der Tat etwas seltsam.“
Das hat sie nett gesagt. „Du meinst, in den letzten 3 Jahren war ich normal?“
„Das habe ich so nicht gesagt.“
„Schon klar. – Also gut, ich erzähle euch, was los ist, auch auf die Gefahr hin, dass ihr mich rausschmeißt.“
„Das wird ganz sicher nicht passieren!“, sagt meine Mutter entrüstet.
„Ich habe in einem Bordell gearbeitet.“
Ihr Mund bleibt offen. Ich schwenke den Blick zu meinem Vater, er sieht nicht weniger entgeistert aus.
„Zweieinhalb Nächte lang.“
„Du … du hast …?“
„Ja, ich war eine Hure. Für zweieinhalb Nächte.“
„Du … hast mit … fremden Männern …?“
„Gefickt, genau.“ Ich atme tief durch. „Erinnert ihr euch an Schneewittchen?“
„Schneewittchen? Ja, ich habe mal den Film von Disney gesehen. Aber was …?“ Sie scheint ernsthafte Probleme zu haben, ganze Sätze zu bilden.
„Ich glaube, deine Tochter meint die Geschichte mit dem Banküberfall, als Kunden und Mitarbeiter grausam niedergemetzelt wurden. Das war im Sommer, oder?“ Mein Vater hat seine Fassung wiedergefunden.
„Ja, genau. Da war es noch schön warm draußen“, bemerke ich sehnsüchtig. „Nun ja, Schneewittchen war oder ist eine Art … äh, kein Dämon, aber auch nicht wirklich Mensch. Deswegen durfte ich mich mit ihr beschäftigen. Ich will nicht alles erzählen, weil das ist eine lange Geschichte. Jedenfalls, nachdem viel Blut geflossen war, haben wir gedacht, sie wäre tot, bei einer Explosion in Sky Village gestorben. Bis ich sie vor ein paar Tagen wiedersah. Sie hatte ihr Gedächtnis verloren.“ Ich erzähle in groben Zügen von der Begegnung am Tower, von der Rückfahrt aus Highfoot und dem Selbstmörder und von seinem Abschiedsbrief. „Aus dem Fundus besorgte ich mir eine Perücke und eine Brille und tat so, als wäre ich eine Journalistin, nannte mich passenderweise Lois Nale – und wurde prompt für eine Bewerberin gehalten. Also habe ich schnell umdisponiert und war eine Studentin, die kein Geld mehr von ihren Eltern bekommt.“
„Wie fantasievoll“, stellt mein Vater fest.
„Ja, ich fand die Geschichte auch gut. Könnt ihr euch meinen Schreck vorstellen, als ich herausfand, dass die Chefin des Bordells Schneewittchen war?“
„Oh … wie kam das denn?“
„Eine gute Frage. Ich denke, sie ist bei der Explosion weggeflogen und hat dadurch das Gedächtnis verloren. Sie landete in der Nähe des Bordells und fand dort Unterschlupf, hat sich hochgefi… hochgearbeitet, vielleicht auch die damalige Puffmutter beseitigt. Und dann angefangen, ein Netzwerk aus betrogenen Frauen aufzubauen. So kam es dazu, dass einer von den Freiern ausgerechnet in dem See Selbstmord begangen hat. Ich habe gestern Abend einen Schwächeanfall simuliert und in der ersten Stunde war auch Emily immer im Salon, also nutzte ich die Zeit, um mich im Büro umzusehen. Leider war kein Verlass auf sie, viel zu früh stand sie in der Tür. Wir haben dann das halbe Bordell in Schutt und Asche gelegt, und ich haute mit ihrem Laptop ab, als die Polizei sich ankündigte. Blöderweise hatte ich nichts außer einem Babydoll und weißen Strümpfen an. So kam ich mit einem Taxi zu Hause an. Und während ich am Duschen war, entdeckte James die Videos.“
„Videos?“, fragt mein Vater stirnrunzelnd.
„Ach so, genau, alle Aktivitäten auf den Zimmern wurden aufgenommen, um so die Gäste zu erpressen, das heißt, ihre Frauen zu überzeugen, dass es Zeit wird für eine weltumspannende Revolution gegen die männlich chauvinistische Ausbeutung der Frau.“
„Sie scheint nicht nur ihr Gedächtnis verloren zu haben.“
„Ich fürchte, sie meinte das sehr ernst und ich bin mir gar nicht so sicher, ob sie nicht sogar Chancen gehabt hätte, wie ich sie einschätze.“
„Das klingt fast bewundernd.“
„Tja, Papa, unter anderen Umständen hätte sie durchaus Karriere machen können. Eine starke Frau, die weiß, was sie will. Bewunderung? Das ist vielleicht übertrieben. Aber durchaus Respekt.“
„Was geschah mit James?“ Meine Mutter kommt auf das Wesentliche zurück.
„Kannst du dir das nicht denken? Der Kerl ist ein Eisblock und verschießt in Säure getränkte Pfeile, wenn er sauer ist.“
„Hm. Das kannst du normalerweise auch. Ich meine, du bist sicher kein Eisblock, eher ein Vulkan, aber das mit den Pfeilen passt auch ganz gut zu dir.“
„Danke, Mama, du hast es echt drauf, mich aufzurichten.“
„Das kommt später. Erst will ich wissen, warum du mitten in der Nacht nackt und heulend an unserer Tür stehst.“
Das wüsste ich auch gern. „Ich … ich glaube, ich habe Dinge zu ihm gesagt, die nicht so nett waren.“
„Und dann rennst du weg?“
Ja, dann renne ich weg. Und ich will jetzt nicht weinen. Nein, nein, nein! Ich will nicht!
Meine Mutter nimmt mich in die Arme, auf der Armlehne sitzend, während mein Vater das Glas sichert. Ich wollte doch nicht weinen …
Später dann, nachdem ich mich geschnäuzt und auch sonst etwas hergerichtet habe, fragt meine Mutter, ob sie mit James reden soll. Ich starre sie an. „Worüber?“
„Wie es weitergehen soll. Er wird sich ja wohl kaum deswegen scheiden lassen wollen, oder?“
„Barbara!“ Es kommt nicht oft vor, dass mein Vater über meine Mutter entsetzt ist.
„Ist doch so. Und wenn doch, dann kenne ich ihn ab sofort nicht mehr.“
„Mama.“ Ich lege beide Hände auf ihre Arme. „Du gehst nicht rüber zu James. Ich werde das tun, ich habe das Ganze verbockt und muss dafür geradestehen.“
„Aber bestimmt nicht so. Wenigstens eine Jacke solltest du dir schon anziehen!“
Ich überlege kurz, dann schüttle ich den Kopf. „Nein.“
„Du holst dir noch den Tod!“
„Leider nein.“
„Kind, langsam mache ich mir doch Sorgen. Gestern hast du schon so seltsam geredet und jetzt schon wieder.“
„Ja, manchmal ist mir danach. Aber mach dir keine Sorgen, ich bin absolut sicher, was das angeht. Es würde höchstens irgendwelche masochistischen Gelüste von mir befriedigen, wenn ich aus meinem Bürofenster springe. Ich meine, auch wenn ich unsterblich bin, das Sterben selbst ist wie bei allen. Das kann ich dir aus Erfahrung sagen.“
„Du bist schon gestorben?“, fragt meine Mutter entsetzt.
„Ein paarmal. Lassen wir das Thema, es sind sehr unschöne Erinnerungen.“ Ich erhebe mich, trinke mein Glas aus und wende mich der Tür zu. Jetzt oder nie. Wenn ich noch lange warte, verkrieche ich mich wieder in meiner bequemen Mama-Höhle, und das will ich nicht. Mit 26 sollte ich erwachsen sein, schließlich spiele ich Erwachsenenspiele.
„Willst du dir wirklich nicht was anziehen?“, fragt meine Mutter händeringend.
„Ich habe mehr an als gestern, als ich herkam.“ Ein unschlagbares Argument. Schätzchen, disqualifiziert. Gestern warst du in einem Ausnahmegefühlszustand, du hättest es nicht einmal gemerkt, wenn du durch Lava gelaufen wärst.
Heute ist es allerdings kalt. Richtig kalt. Das muss irgend so eine Selbstbestrafungsscheiße sein, die mich das machen lässt. Auch ein Thema für den Psychoterroristen. Ich werde ihn morgen anrufen. Ganz sicher.
Ich gehe, nein, ich laufe hinüber zu unserem Haus. Danny schlägt an, ich klingele trotzdem. Meine Füße drohen abzusterben in der Kälte. Zitternd schlinge ich die Arme um mich und starre die Tür an.
Dann geht sie auf.
Danny stürmt an James vorbei und bremst ab. Er beschnuppert mich vorsichtig, schließlich geht er wieder ins Haus und legt sich in die Diele.
James mustert mich fragend.
„Hi …“, beginne ich unser Gespräch.
„Ja?“ Fängt ja echt gut an. „Du könntest ja noch ein paarmal hin und her laufen, irgendwann wärst du der Jahreszeit entsprechend angezogen.“

Posted on

Leseprobe: Fiona – Gefühle

Fiona – Gefühle (Band 3)

Nachdem ich das Gebäude durch den Hauptausgang verlassen habe, verstärkt sich mein Eindruck von winterlicher Kälte. Um diese Zeit ist auch der Verkehr eher gedämpft, nach ein paar Minuten erblicke ich dennoch ein unbesetztes Taxi, das auf mein wildes Winken hin sogar anhält. Der Taxifahrer, irgendwo Anfang bis Mitte 40, sieht mich misstrauisch an.
„Soll ich dich zur Polizei fahren?“
„Nein, nach Hause“, erwidere ich und steige hinten ein.
„Sicher?“
„Sicher.“ Ich halte den Laptop vor meinen Körper, um den Taxifahrer nicht in Versuchung zu führen. Das Babydoll ist hochgradig transparent.
„Wenn du vergewaltigt wurdest oder so, dann …“
„Bin ich nicht.“ Ich nenne ihm die Adresse, er pfeift. „Tu mir den Gefallen, fahr mich einfach dorthin und versuch nicht, mich in ein Gespräch zu verwickeln.“
„In Ordnung“, erwidert er, dabei mustert er mich im Innenspiegel. „Aber eigentlich müsste ich …“
„Ich werde es niemandem verraten, O. K.? Und jetzt fahr.“
Während der Fahrt geht neben vielen anderen düsteren Gedanken auch derjenige durch meinen Kopf, dass es vielleicht doch kein Zufall war, dieses Taxi erwischt zu haben. Es könnte zum Bordell unterwegs gewesen sein. Dieser Fall wird Bens Möglichkeiten, mich zu decken, stark strapazieren. Irgendwie ist es mir aber grad egal, ich will einfach nur nach Hause.
Endlich hält das Taxi vor unserem Grundstück und ich bitte den Taxifahrer, in die Auffahrt reinzufahren und erhöhe damit die Wahrscheinlichkeit, dass James aufmerksam wird, enorm. Tatsächlich bellt Danny los und wenig später geht das Licht an.
„Da kommt die Bezahlung“, erkläre ich dem Taxifahrer und steige aus. James kommt vor die Tür.
„Bitte stell jetzt keine Fragen, ich erkläre dir alles gleich. Aber zuerst muss der Taxifahrer bezahlt werden.“
James nickt, geht wieder rein und kommt mit seinem Geldbeutel wieder heraus. Ohne mich aus den Augen zu lassen, bezahlt er den Fahrer und gibt ihm ein großzügiges Trinkgeld.
„Jetzt bin ich ja gespannt“, sagt er dann nur.
Ich begrüße Danny, der mich die ganze Zeit schon umtänzelt, gehe ins Haus und bleibe in der Diele stehen. Ich denke darüber nach, was ich als Nächstes wohl tun sollte: heulen, baden, alles zertrümmern?
„Ich … ich muss duschen.“ Na toll, jetzt stottere ich schon rum wie Lois.
„War das der verdeckte Einsatz?“
Ich nicke und bringe den Laptop ins Wohnzimmer. „Darauf ist auch der Grund, warum er in den See fuhr.“
„Oh. Das klingt spannend.“
„Ja. Ich muss trotzdem erst einmal duschen. Ich bin in eine Bar geflogen, habe mindestens 5 Dutzend Flaschen und einen riesigen Spiegel dabei zertrümmert und entsprechend viele Scherben schon aus mir entfernt.“
„Wer macht denn so was? Mit dir?“
„Emily“, erwidere ich knapp und ignoriere bewusst seinen ironischen Tonfall. Doch mir ist jetzt schon klar, der Abend wird richtig hart.
Strümpfe und Babydoll stopfe ich in den Mülleimer, bevor ich in die Dusche steige und sehr lange unter dem fast heißen Wasser stehe. Besser geht es mir dadurch zwar auch nicht, aber zumindest habe ich den Dreck abgespült. So halbwegs. Eigentlich wäre es doch schön, die ganze Nacht unter der Dusche zu stehen. Oder wenigstens so lange, bis James schlafen geht. Ich fürchte nur, er kann sehr ausdauernd sein, wenn er so gespannt ist.
Oh je.
Als ich aus dem Wasser steige und mich abtrockne, höre ich vertraute Geräusche. Verdammt! Ich habe nicht daran gedacht, dass der Laptop nicht passwortgeschützt ist.
Mit dem Handtuch um den Hals gehe ich ins Wohnzimmer. James steht mit verschränkten Armen vor dem Laptop und schaut sich an, wie seine Frau mit einem fremden Kerl vögelt. Und auch wenn sie Brille und Perücke trägt, für ihn ist sie eindeutig erkennbar.
Nun ja, wenigstens können wir es kurz machen. Ob ich ihm anbiete, dass er mich schlagen darf? Nein, das wäre idiotisch und beleidigend.
James wendet mir den Blick zu. Seine Augenbrauen sind fragend hochgezogen. Ich liebe seine minimalistische Ausdrucksweise, heute ganz besonders.
Ich kratze mich am Kopf.
„Gehörte das zu den verdeckten Ermittlungen?“
„Ja.“
„Was genau hast du dabei ermittelt?“
‚Erwartet er darauf eine Antwort?‘, frage ich mich, auf der Unterlippe herumkauend. Der Trick funktioniert nicht, heute verbietet er mir dieses selbstverletzende Verhalten nicht. Ein ganz schlechtes Zeichen. Er ist sehr sauer. Sehr, sehr sauer.
„Nun?“
„Schatz, ich … es tut mir leid.“
„Was genau tut dir leid?“
„Dass … dass ich dich angelogen habe. Ich meine, ich habe dich nicht angelogen, nur nicht alles erzählt.“
„Das tröstet mich, dass du mich immerhin nicht anlügst. Und was tust du jetzt?“
„Schatz …“
„Warte mal“, hebt er eine Hand. „Ich will es verstehen. Was genau hast du ermittelt?“
„Ich wollte herausfinden, was in dem Bordell los ist.“
„Warum?“
„Weil der Selbstmörder genau dieses Bordell als Grund erwähnt hat. Also ging ich hin, ursprünglich als Journalistin, aber bevor ich mich vorstellen konnte, hielt man mich für eine Bewerberin.“
„Ein Irrtum, den aufzuklären du nicht für nötig hieltest.“
„Es … es gab mir die Möglichkeit, die Interna kennenzulernen.“
„Aha. Ja, so kann man das ja auch nennen.“
„Verdammt, James, mich hat fast der Schlag getroffen, als ich rausfand, dass Emily die Bordellchefin ist!“
„Emily? Schneewittchen?“
„Ja. Ich …“ Scheiße. Ich fahre mir durch die nassen Haare.
„Ich bin ihr begegnet, vor ein paar Tagen.“
„Du bist Emily vor ein paar Tagen begegnet? Also vor dem Bordell?“
„Jaaa …“
„Und wem hast du davon erzählt?“
„Niemandem.“ Meine Knie werden etwas weich. „Ich … mir ist klar, dass im Nachhinein das alles etwas komisch klingt und … und vielleicht hätte ich es anders machen müssen. Vielleicht.“
„Verstehe ich das richtig, du bist Emily begegnet und hast nichts unternommen?“
„Jaaa … sie hat ihr Gedächtnis verloren.“
„Was?? Und das glaubst du?“
„Es ist so“, bekräftige ich, den Tränen immer näher. „Sie hat mich nicht erkannt.“
„Na ja, mit dieser Verkleidung …“
„Auch vorher nicht, da war ich nicht verkleidet! Ich war grad die Geschenke einkaufen, als ich sie zufällig am Tower sah. Wir haben uns auf der Aussichtsplattform kurz unterhalten, und sie wusste eindeutig nicht, wer ich bin. Sie wusste nicht einmal ihren eigenen Namen!“
„Und jetzt weiß sie ihn?“
„Ich habe es ihr erzählt … bevor sie auf mich losging.“
„Und wo ist sie jetzt?“
Ich zucke die Achseln. „Fort. Die Polizei kam, das halbe Bordell zertrümmert, ich fast nackt … also habe ich den Laptop gepackt und bin abgehauen.“
„Und deine Sachen?“
„Ähm … im Bordell.“
„Dann kannst du ja nur hoffen, dass Ben Gelegenheit hat, sie zu sichern.“
Ich nicke.
„Und was gedenkst du nun zu tun? Oder warte. Wie lange hast du da gearbeitet?“
„Es war heute die dritte Nacht.“
„Das heißt, du hattest einige Kunden.“ Keine Frage, eine klare Feststellung.
Ich nicke erneut, die ersten Tränen wagen sich hervor, dabei will ich das gar nicht.
„Weinst du etwa? Du? Fiona, mir ist klar, dass du als Kriegerin niemals eine normale Frau sein kannst, aber ich hätte nicht gedacht, dass du, um das Gleichgewicht zu erhalten, mit fremden Männern fickst. Wie willst du das ausgleichen, wegen des Gleichgewichts, meine ich.“
„Keine Ahnung“, erwidere ich mit einer hilflosen Geste. “Sag … sag du es mir. Was soll ich tun?“
„Ich? Wieso soll ich dir das sagen? Sonst bittest du mich doch auch nicht um Rat.“
„James …“ Ich mache einige Schritte auf ihn zu und bleibe wieder stehen. Da ist eine Mauer zwischen uns, dagegen sind die Mauern von Fort Knox nichts. Die Tränen haben inzwischen beschlossen, dass sie alle raus wollen. „Verdammt, meinst du, ich habe das getan, um dir wehzutun? Ich habe nicht darüber nachgedacht, O. K.? Ich … ich sah nur das Ziel vor den Augen, die ganzen Toten und dass da etwas nicht stimmt! Ja, ich weiß, ich habe Mist gebaut! Ich weiß es, O. K.? Und jetzt? Soll ich vor dir auf den Knien rutschen, oder was erwartest du eigentlich?!“
„Jedenfalls nicht diese Reaktion“, erwidert er kühl.
„Ach? Nicht diese Reaktion? Also doch, soll ich auf den Knien rutschen?“
„Das ist Unsinn.“
„Das ist Unsinn, aha! Weißt du was? Das kotzt mich grad an, dass du dabei so ruhig bleiben kannst! Du stehst da wie … wie so … ach, ich weiß es auch nicht! Die Arme vor der Brust verschränkt, Pokerface, nur deine Worte sind wie glühende Eisenstäbe! Oh ja, ich verstehe das, ich verstehe das sogar sehr gut! Seit Highfoot verstehe ich so Manches! Der große James, der niemals Gefühle zeigt! Und soll ich dir was sagen? Ich kenne das, ich kenne das sogar sehr gut! Ich wünschte, du könntest in mir endlich deine Frau sehen und nicht deine Tochter!“
Shit! Das war nicht gut.
Sein Gesichtsausdruck verändert sich kaum. „Bist du fertig?“
Gar nicht gut.
„Ja, bin ich!“, schreie ich ihn wutentbrannt an. „So was von!“ Ich drehe mich um und renne raus, raus aus dem Wohnzimmer, raus aus dem Haus. Plötzlich stehe ich vor der Tür meiner Eltern, ohne dass ich wüsste, wie ich hierhergekommen bin, und lege mich auf die Klingel. Dann wird mir bewusst, dass ich nackt bin.

 

Mein Autor