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Leseprobe: Die Frucht des Ölbaums – Der Ketzer

Der Ketzer

Nach einer Weile leichten Dämmerschlafes schreckt Olivier durch die unruhig gewordenen Pferde hoch. Er befürchtet einen Bären oder ein Rudel Wölfe und teilt dies den beiden Wachposten Aimeric de Clermont-sur-Lauquet und Raimond de Séguier am Feuer mit. Mit seiner Armbrust tritt er, gefolgt von den beiden, nach draußen und sieht tatsächlich die Gestalt näher kommen, die er schon den ganzen Tag über bemerkt hatte.
„Ein Bär!“, schreit er warnend und will gerade die gespannte Sehne schnellen lassen, als er, ob der Bewegungen der Silhouette, unsicher wird und den beiden Rittern hinter ihm Zeichen gibt, abzuwarten. Er ruft den geheimnisvollen Verfolger an: „Wer seid Ihr! – Gebt Euch zu erkennen!“
Die dunkle Gestalt verharrt einen Moment. Er vernimmt das Schnauben eines Pferdes. Dann trägt der Wind eine Antwort zu ihnen herüber: „Ich bin Chabert de Barbaira! – Darf ich mich Euch anschließen? – Ich bin hungrig und müde – und mein Ross ist erschöpft!“
Erleichtert lässt Olivier die Armbrust sinken. Aimeric geht dem einsamen Reisenden mit einem brennenden Holzscheit entgegen, hilft ihm beim Absteigen vom Pferd und geleitet ihn in ihren Schlupfwinkel. Beim Eintreten erkennt der Ritter den Baron de Termes und ruft noch außer Atem, aber lachend, aus:
„Ah – Ihr schon wieder? – Ihr seid wohl mein Schicksal, das ich nicht loswerden kann?“
„Ich laufe Euch nicht nach“, kontert Olivier.
Chabert de Barbaira blickt ihn verdutzt an. Dann lacht er herzlich auf, was die anderen schlafenden Ritter in ihrem Unterschlupf jedoch kaum stört.
„Seid Ihr nie um eine Antwort verlegen? Immer, wenn ich Euch begegne, sprecht Ihr Worte, die schärfer sind als meine Klinge!“, stellt der Baron de Barbaira schmunzelnd fest, während er das Schwert ablegt und seine Schlafdecke neben Olivier ausrollt.
„Verzeiht“, stammelt Olivier unsicher, „es war nicht meine Absicht … “
„Es ist schon in Ordnung“, unterbricht ihn Barbaira mit einem Klopfen auf die Schulter, „Ihr lasst Euch nicht ins Bockshorn jagen. Das befähigt Euch, eine Truppe zu befehligen. – Ihr könnt Verantwortung tragen und Männer zum Sieg führen. Nicht jeder Adlige ist dazu geschaffen.“
Olivier schweigt. Ihm erscheint der Gedanke absurd, eines Tages eine richtige Truppe bewaffneter Männer unter sich zu haben. Er – ein Baron ohne Besitz. Gedankenvoll stochert er im Feuer herum, auf dem noch ein Rest würziger Gerstenbrei blubbert. Der Duft steigt ihm in die Nase. Er legt zwei kleine, helle maurische Brotfladen aus Barcelona auf die Glut und lässt sie von beiden Seiten anrösten. Dabei fühlt er den abschätzenden Blick des Ritters auf sich ruhen, der nun, neben ihm ausgestreckt mit hinter dem Kopf verschränkten Armen an seinen Sattel gelehnt, daliegt. Irgendwie irritiert ihn das Schweigen des Barons de Barbaira. Er gibt geflissentlich ein paar Löffel würzigen Gerstenbrei auf eines der Brote, wie er es bei den Bogomilen gesehen hat und reicht es ihm. Dankbar nimmt Chabert de Barbaira den dampfenden Brotfladen aus seinen Händen.
„Warum habt Ihr Euch nicht früher zu erkennen gegeben und seid uns stattdessen wie ein Raubtier gefolgt?“, will Olivier nun doch noch wissen.
Der Ritter kaut still, schließlich rechtfertigt er sich: „Ich wusste nicht, ob ich bei Euch willkommen bin. – Wir waren Gegner in Perpignan. Ihr habt mich besiegt …“
Der strahlenden Sonne entgegen reitet der kleine Trupp am Morgen über eine glitzernde Schneedecke. Nach der anstrengenden und gefährlichen Überquerung des Passes, während der sie immer wieder darauf achten mussten, dass ihre beschlagenen Rösser nicht ausgleiten, tauchen sie wieder ein in die dichten Schwarzkiefern- und Fichtenwälder der Pyrenäen, die in tieferen, wärmeren Lagen von winterkahlen Eichen und Buchen durchsetzt sind. Immer häufiger werden die baumfreien Weideflächen, auf denen im Sommer die Ziegen und Schafe der Bauern grasen. Noch ein Tag und sie erreichen Serrallonga.
Die ganze Zeit über weicht Chabert de Barbaira Olivier, dem es leicht fällt, Freundschaften zu schließen, nicht von der Seite. Chabert hat lange nicht mehr so viel gelacht, wie mit dem um Jahre jüngeren Baron de Termes. Und umgekehrt zieht der Baron de Barbaira sowohl mit seiner Sichtweise über Gott und die Welt, seinem geheimnisvollen und rebellischen Wesen als auch seiner Wohlgestalt Olivier magisch an. Genau so stellte er sich schon als Kind den Helden Roland vor, wenn er am Kaminfeuer den Erzählungen der Troubadoure lauschte.
Chabert ist noch ihr Gast auf Serrallonga, als sie die Botschaft des Grafen von Foix erreicht, dass dieser vor Mirepoix läge.
„Constance wird vergeblich auf mich warten müssen“, eröffnet Olivier beim abendlichen Mahl seiner Mutter, die ihm daraufhin einen äußerst unzufriedenen Blick zuwirft.
„Ich wollte dir Kräuter und Salz aus Ampurias für deine Schwester Raymonde mitgeben“, sagt Ermessende nur, um ihm vor dem Gast und den anwesenden Rittern und Gesinde keine Blöße zu geben. Der Baron de Barbaira hat dennoch verstanden und lässt seine spöttisch glitzernden Augen zu Olivier hinüberschweifen.
„Dies heißt ja nicht, dass ich sie nie mehr besuchen werde“, lenkt dieser ein, „schließlich möchte ich meine Schwester auch gerne wiedersehen. – Nur im Moment gibt es Wichtigeres: Raymond-Roger de Foix braucht uns. – Gleich bei Sonnenaufgang werden wir aufbrechen. Wünscht uns den Sieg, Mutter. Letztendlich kommt es den Damen Okzitaniens zugute, wenn wir die Kreuzfahrer aus dem Land vertreiben. Kräuter von den Bergwiesen der Pyrenäen und Salz aus unserem Meer werden, bei dem unter unserer Herrschaft wieder aufblühenden Handel bis in die hintersten Winkel unseres Landes, bald für jedermann zu erstehen sein.“
Ermessende fühlt sich von ihrem Sohn geringschätzig behandelt. Er habe unter den Rebellen seine Erziehung vergessen und jegliche Achtung vor Frauen, ist ihre Befürchtung und sie will ihn nach dem Essen unter vier Augen auf seinen mangelnden Respekt, den er ihr angedeihen ließ, hinweisen. Dies ist ihr jedoch nicht möglich, da sein neuer Kampfgefährte wie sein Schatten an ihm haftet und die beiden bis in die Nacht trinkend und politisierend am Kaminfeuer beisammen sitzen.
„Dieser Chabert gefällt mir nicht“, sagt sie zu ihrem Gemahl neben ihr im Bett. „Er ist zwar mit Olivier verwandt, aber ich mag es nicht, wenn er mit ihm zusammen ist. Er hat etwas Wildes und Unbeherrschbares an sich und ich fürchte, das färbt auf meinen Sohn ab, wenn er weiter seinem Einfluss ausgesetzt ist.“
„Ihr Frauen“, gähnt Bernard-Hugues und dreht sich zur Seite, „seht immerfort Gefahr über euerer Familie schweben und wollt die Kontrolle behalten. Olivier ist erwachsen und hat einen durchaus lobenswerten und festen Charakter. Hör auf, dir Sorgen zu machen, wo keine sind, und lass ihn seinen Weg alleine finden.“
„Dennoch“, wendet Ermessende ein, „Olivier ist verändert, seit ich ihn das letzte Mal gesehen habe … “
„Schlaf jetzt, meine Blume“, unterbricht sie ihr Gemahl, wie allezeit galant. „Ich bin müde.“
Kurz nachdem die Faidits unter dem Grafen Raymond-Roger de Foix die Stadt Mirepoix zurückerobert haben, stirbt der alte Graf. Sein Sohn Roger-Bernard III., der schon an der Seite Raymonds VII. anno 1217 in Toulouse einzog, tritt in seine Fußstapfen. Sie gewinnen Cabaret wieder und der Baron Peire-Roger de Cabaret, der damals nach dem Fall von Termes die Übergabe seines Castrums mit Montfort verhandelte, nimmt seine Burg wieder in Besitz.
Aufgezehrt von den ständigen Unruhen im Land, beruft der päpstliche Legat schließlich im Juli des Jahres 1223 ein Konzil nach Sens, von dem man eine endgültige Beilegung des Kampfes erwartet. Da König Philippe Auguste dem beizuwohnen wünscht, wird es nach Paris verlegt. Obschon er rasendes Fieber hat, begibt sich der Regent Frankreichs auf die Reise dorthin. Er stirbt jedoch, vor Erfüllung seiner Mission, noch unterwegs bei Meudon.
Noch am Tage seiner Krönung verspricht Louis VIII., trotz seiner schwachen Gesundheit einen Kreuzzug zu unternehmen. Schon sein verstorbener Vater war zu seinen Lebzeiten gegen dieses Ansinnen, da er befürchtete, dass sein Sohn frühzeitig sterben und das Königreich in den Händen einer Frau und eines Kindes bleiben würde. Papst Honorius drängt den neuen König jedoch heftig, und im Februar Anno 1224 nimmt Louis von Amaury de Montfort die bedingte Abtretung aller seiner Rechte im Languedoc entgegen.
Die Lage bringt neue unerwartete Gefahren für die Adligen Okzitaniens mit sich, die schon berechtigte Hoffnung hatten, den Kampf endgültig für sich entscheiden zu können. Schließlich hatte sich Amaury de Montfort bereits im Monat zuvor infolge seiner Geldnot gezwungen gesehen, alles, was er noch an Festungen besaß, auszuliefern und mit einem Teil des Erlöses seine Besatzungen auszulöhnen. In diesem Januar unterzeichnete er in Carcassonne einen Waffenstillstand für zwei Monate mit den Grafen von Toulouse und Foix, welche die Résistance leiten. Die Durchsetzung dieser Vereinbarung für die Städte, Burgen und alle Ländereien Amaurys, außer Carcassonne, Minerve und Penne-d’Agenais, zeigt, dass der Oberbefehlshaber des Kreuzzugsheeres nicht mehr in der Lage ist, die von ihm und seinem Vater einst eroberten Gebiete zu halten. Der Sohn Simon de Montforts veräußerte nacheinander alle seine Besitztümer: Am vierzehnten Januar gab er der Abtei von Fontfroide die Weiderechte der Minerver und am darauffolgenden Tag dem Bischof von Béziers die Burg de Cazouls. Als letzten Akt entschloss er sich, das Castèl Termes abzusondern und übertrug es dem Erzbischof von Narbonne. Noch am gleichen Tag verließ Amaury für alle Zeit das Land, dessen Fluch er und sein Vater gewesen, und Vicomte Raymond de Trencavel zieht alsbald in Carcassonne ein.
Doch die Okzitanen hatten zu früh gejubelt. Denn nun, Ende Februar, sieht sich Raymond de Toulouse statt des entmutigten Amaury de Montfort einem anderen Gegner gegenüber, der über alle Machtmittel verfügt und der seine Kampfeslust kaum zügeln kann, um die Schlappe wettzumachen, die er fünf Jahre zuvor vor den Mauern von Toulouse erlitten hatte.
König Louis stellt an den Papst die üblichen Bedingungen wie Absolution und Geld. Aber er verlangt auch, dass die Besitzungen Raymonds, seiner Verbündeten und all derer, die sich dem Kreuzzuge widersetzen, ihm als Lohn zufallen sollen. Graf Raymond macht verzweifelte Anstrengungen, den drohenden Sturm zu beschwören. Selbst König Henry III. von England verwendet sich für ihn beim Papst, was Raymond Mut gibt, durch eine Gesandtschaft, deren Freigiebigkeit auf die Beamten der Kurie einen sehr günstigen Eindruck macht, seinen Gehorsam in Rom zum Ausdruck bringen zu lassen.
Der Papst gibt daraufhin König Louis die erwarteten Zusagen nicht. Gleichzeitig erhält Arnaud-Amaury, Erzbischof von Narbonne, Weisung, sich mit den andern Prälaten in Verbindung zu setzen, um Graf Raymond de Toulouse zu veranlassen, annehmbare Bedingungen zu stellen. Graf Raymond wird als guter Katholik anerkannt und die Bedingungen werden festgesetzt. Raymond, nur mit knapper Not entkommen, macht keine Schwierigkeiten. Zu Pfingsten, am zweiten Juni 1224, treffen er und seine Hauptvasallen mit Erzbischof Arnaud-Amaury und den abgesandten Bischöfen in Montpellier zusammen. Hier willigt er darin ein, in all seinen Besitzungen den katholischen Glauben zu achten und aufrecht zu erhalten; alle von der Kirche bezeichneten Ketzer zu vertreiben, ihre Güter zu konfiszieren und ihre Person zu bestrafen; Frieden zu halten und die von der Kirche als „räuberische Söldnerbanden“ bezeichneten Faidits zu entlassen; den Kirchen alle Rechte und Privilegien wieder einzuräumen und für die Verluste der Kirche und zur Entschädigung des Grafen Amaury de Montfort zwanzigtausend Sous zu zahlen.
Im Gegenzug veranlasst der Papst den Grafen Amaury, auf seine Ansprüche zu verzichten und allen dieselben bestätigenden Dokumente auszuliefern. Diese Bedingungen werden vom Grafen Raymond, Grafen von Foix und Vicomte von Béziers unterzeichnet.
Graf Amaury de Montfort richtet einen letzten verzweifelten Appell an die Bischöfe, in dem er sie beschwört, die Früchte des errungenen Sieges nicht wegzuwerfen. Selbst der König von Frankreich interveniert und lässt verlauten, er sei entschlossen, die Sache zu seiner eigenen zu machen. Sie jetzt aufzugeben sei ein Ärgernis. Trotzdem nehmen die Bischöfe die Eide Graf Raymonds de Toulouse und seiner Vasallen entgegen.

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Leseprobe: Im Zwielicht der Zeit

Im Zwielicht der Zeit

Arm in Arm schlenderten Anni und Gertrud die stille Nebenstraße entlang, in der Marcels Atelier lag. Sie genossen den lauen Sommerabend. Tagsüber hatte es geregnet, aber jetzt war der Himmel wieder klar. Gertrud atmete tief den würzigen Duft ein, der die Luft erfüllte. Sie betrachtete im Vorbeigehen die Fassaden der alten Patrizierhäuser. Manche waren mit Efeu oder
Weinlaub bewachsen. In den kleinen Vorgärten blühten Rosen. Wie ruhig es hier war. Da blieb Anni stehen und deutete auf eines der alten Häuser: »Wir sind da.« Die innere Spannung, die Gertrud schon den ganzen Tag über gespürt hatte, wurde stärker, als sie die drei Stufen zur Haustür hinaufgingen und dann in den kühlen, dämmrigen Flur eintraten. »Wir müssen ganz nach oben, vier Treppen rauf. Marcels Atelier ist unter dem Dach«, sagte Anni.
Mit einem Gefühl gesteigerter Erwartung, in das sich Neugier, aber gleichzeitig auch Unsicherheit und ein bisschen Angst vor dem Unbekannten mischte, folgte Gertrud der Freundin. Sie waren noch nicht ganz oben, da schallte ihnen laute Jazzmusik entgegen. Anni drehte sich zu Gertrud um: »Das Fest ist schon in vollem Gange, aber wir haben noch nichts versäumt. Komm.« Sie öffnete die Tür – und Gertrud blieb überrascht auf der Türschwelle stehen. Verwirrt starrte sie in den riesigen Raum mit vier großen Dachfenstern, durch die man geradewegs in den Himmel blicken konnte. Was für ein Chaos, was für ein Durcheinander! Welch ein Gegensatz zu der stillen Straße! Sie bemühte sich, Einzelheiten zu erfassen. Verwundert sah sie, wie einige der Gäste auf der freien Fläche in der Mitte ihre Glieder verrenkten. So kann man also auch tanzen, dachte sie. Na ja, zu der schrillen Musik passt das. Ihr Blick wanderte weiter über die Kissen und Polster, die rundherum auf dem Boden verteilt waren, über die Mädchen und die jungen Männer, die es sich darauf bequem gemacht hatten, rauchend, trinkend, miteinander schwatzend. Die Luft war dunstig von Zigarettenqualm, und die Jazzmusik hämmerte in ihren Ohren. Das ist nichts für mich, hier gehöre ich nicht hin! Sie wollte am liebsten davonlaufen. Da gab Anni ihr einen leichten Klaps auf den Rücken. »Komm,
oder willst du ewig hier stehen bleiben?«
»Hallo, da kommt ja unsere Lehrerin«, rief ein junger Mann Anni entgegen.
»Pädagogin, bitte, Raoul. Sie studiert doch Pädagogik«,
sagte eine große, schlanke Blondine mit einem vielsagenden Augenaufschlag.
»Was für einen Paradiesvogel hast du denn da mitgebracht? Komm, Kleine, lass dich mal ansehen. Süß siehst du aus.« Er legte Gertrud seine Hände auf die Schultern und drehte sie zu sich hin. Gertrud fühlte, wie sie errötete, und senkte für einen Moment scheu ihren Blick. Aber dann sah sie ihr Gegenüber neugierig an und schaute in zwei übermütig blitzende blaue Augen unter einem wuscheligen blonden Haarschopf. Halb schüchtern, halb kokett lächelte sie ihm zu. Mit einem aufmunternden Blinzeln fasste der junge Mann Gertruds Arm und wollte sie mit sich fortziehen.
»Finger weg, Raoul! Die ist nichts für dich.« Anni gab ihm lachend einen Klaps auf die Hand.
»Na, na, nicht so streng, Frau Oberlehrerin. Aber nachher tanzen wir zusammen, ja, schöne Goldmarie?« Das ist wohl eine Anspielung auf mein Kleid, dachte Gertrud. Sie sah an sich herunter und stellte fest, dass ihr gelbes Kunstseidenkleid in der schummrigen Beleuchtung einen matten Goldglanz bekommen hatte.
»Holen wir uns was zu trinken, hier bedient sich jeder selbst.« Anni nahm Gertrud mit sich fort zu einem langen, schmalen Tisch, der an der Wand aufgestellt war. »Das ist eigentlich ein Arbeitstisch, aber heute wird er zweckentfremdet als Bar benutzt.« Sie deutete auf die vielen Flaschen. Zwischen Wein-, Sekt- und Bierflaschen sah Gertrud auch andere, die sie nicht kannte. Neugierig griff sie nach einer solchen Flasche und wollte sich ein Glas einschütten, doch Anni hielt sie zurück: »Damit würde ich nicht gerade anfangen. Trink ein Glas Moselwein, der ist süffig. Marcel bekommt ihn von seinem Onkel, der hat ein Weingut.« Die beiden Mädchen schenkten sich Wein ein und nahmen auch von den Häppchen, die auf dem Tisch standen.
»Hallo, Anni, kommt zu uns!« Ein Mädchen mit einem
lustigen Gesicht, dem die braunen Locken keck in die Stirn fielen, winkte ihnen zu. Der blonde Junge an ihrer Seite wirkt ein bisschen schüchtern, dachte Gertrud, und fühlte Sympathie für ihn. Er scheint sich hier auch nicht ganz wohl zu fühlen. Ihr war zumute, als sei sie ohne Übergang, von einem Augenblick zum anderen, in eine fremde, schillernde Welt versetzt worden. Diese Welt faszinierte sie, aber sie fürchtete sich auch ein bisschen davor. Sie fühlte sich unsicher und sehnte sich nach ihrem geordneten Zuhause, nach dem Schutz ihrer bürgerlichen Familie. Gleichzeitig spürte sie jedoch in sich einen Hunger nach neuen Erlebnissen, nach Abenteuern und die Bereitschaft, sich auf das Ungewöhnliche einzulassen, auch wenn es mit Risiken verbunden war. Wenn sie die ausgelassenen Tänzer ansah, dann erfüllte sie eine prickelnde Lust, sich unter sie zu mischen und es ihnen gleichzutun. Doch irgendetwas in ihrem Innern hielt sie auf ihrem Sitz fest. Sie nippte an ihrem Wein und sah zu dem Paar hinüber, das sich in einer Ecke eng umschlungen hielt. Das Mädchen hatte sein Kleid halb heruntergestreift, sodass der Busen zu sehen war. Dass sie sich nicht geniert!! Empörung stieg in Gertrud auf. Sie runzelte die Stirn und zog die Mundwinkel verächtlich nach unten, sodass ihr Gesicht einen abweisenden Ausdruck bekam. Doch dann glätteten sich ihre Züge wieder, und ein Lächeln spielte um ihre Lippen. Das ist ein völlig anderes Leben! So frei, so ohne Zwang! Jeder gibt sich, wie er ist, keiner verstellt sich, alle sind fröhlich, genießen das Leben. Warum muss man es sich immer so schwer machen wie Vater? Es lebt sich doch viel leichter mit ein bisschen Lustigsein, ein bisschen Spaß. »Bohème-Milieu« würde Vater sagen, und der Ausdruck seiner Augen und der Tonfall seiner Stimme würden voller Verachtung sein. Wenn er gewusst hätte, wohin ich gehe, dann hätte er es mir bestimmt verboten. Aber warum? Hat man nicht auch ein Recht darauf, einmal zu lachen, zu tanzen, Wein zu trinken und fröhlich zu sein? Sie betrachtete das Mädchen, das ihr gegenüber saß. Es trug ein grellbuntes Kleid mit einem tiefen Dekolleté. Ziemlich gewagt, ich würde so etwas nicht anziehen. Aber sie hat eine gute Figur, und mit dem schwarzen Haar und dem dunklen Teint sieht sie wie eine Zigeunerin aus.
Eine neue Platte wurde aufgelegt. »Komm, kleine Mimi, jetzt tanzen wir Shimmy.« Raoul zog Gertrud am Arm mit sich fort, ehe Anni protestieren konnte. Gertrud kannte diesen Tanz nicht. Raoul erklärte ihr, dass er aus Amerika stamme. »Ein ganz neuer Tanz!« Wieder dieses Blitzen in seinen Augen, das ihr so ein merkwürdiges Kribbeln verursachte. Mit festem Griff wirbelte er sie herum, sodass sie Angst hatte, den Boden unter den Füßen zu verlieren.
Anni rief ihr im Vorbeitanzen zu: »Das ist was anderes als das langweilige Gedudel beim Tanztee, findest du nicht auch?« Die letzten Worte gingen in einer rasanten Drehung unter. Gertrud fühlte sich wie berauscht.
Plötzlich ließ Raoul Gertrud los. Sie blieb erschrocken mitten auf der Tanzfläche stehen und sah ihm verwundert nach. Er stellte das Grammophon ab, stieg auf einen Stuhl und fing an
zu deklamieren:

jolifanta bambla
o falli bambla
grossige m’pfa babla horem
egiga goramen

Mit großen Gesten unterstrich er seine Worte, so, als hätte er etwas äußerst Bedeutungsvolles zu sagen. Inzwischen waren alle aufmerksam geworden. Ein paar Mädchen riefen lachend
»Aufhören, Raoul!«, andere klatschten begeistert Beifall.
»Er heißt eigentlich Otto, aber er nennt sich Raoul nach seinem großen Vorbild Raoul Hausmann«, erklärte Anni Gertrud mit einem spöttischen Lächeln.
Inzwischen hatte sich eine kleine Gruppe um Raoul versammelt, der immer noch auf seinem Stuhl stand. Alle redeten gleichzeitig auf ihn ein.
»Dada ist doch Unsinn, schon der Name bedeutet nichts,
ein Zufall!« Eine laute Stimme übertönte die anderen. Gertrud blickte in die Richtung, aus der sie kam, und entdeckte einen dicken Mann, dessen gewaltiger Bauch über der Hose hing. Sein Hemd war aus dem Hosenbund herausgerutscht. Angewidert
dachte sie: Wie nachlässig! Aber es scheint ihn nicht zu stören.
»Im Französischen heißt es immerhin ›Steckenpferd‹, Guido«, konterte Raoul und unterstrich seine Worte mit ausgestrecktem Zeigefinger, »im Rumänischen heißt es ›Jawohl, wirklich, so machen wir’s‹, im Deutschen …«
»Babysprache«, unterbrach ihn lachend ein rothaariges Mädchen in einem engen schwarzen Kleid. »Babysprache ist es im Deutschen, nichts anderes.« Sie schien sich über Raoul lustig zu machen.
»Es heißt ›Ich pfeif drauf, rutsch mir den Buckel runter‹«, rief jemand aus einer anderen Ecke herüber.
Künstlervolk, ging es Gertrud durch den Kopf, Künstlervolk würde Vater missbilligend sagen.
»Dada ist die einzig mögliche Lebensform  sich von den Dingen werfen lassen … nein sagen und lachen … lachen über den gewaltigen Hokuspokus des Daseins …«, hörte sie jetzt einen schlanken, blassen jungen Mann mit dunkler Hornbrille sagen, den sie bisher noch nicht beachtet hatte.
»Über die Wirklichkeit kann man nicht lachen …«
»Der Künstler muss politisch denken und sich engagieren …«
Wie kann jemand diesen Quatsch überhaupt ernst nehmen, dachte Gertrud, hörte aber doch interessiert weiter zu.
»Ha, sich totschießen lassen für eine fragwürdige Nation … für das Vaterland … Was ist denn das, das Vaterland? Wie können wir es lieben, wenn es unsere Arme und Beine, unser Leben verlangt in einem unsinnigen Krieg?« Das war Raoul mit seinem ungestümen Temperament. Er war inzwischen von seinem Stuhl
heruntergekommen und hatte sich unter die anderen gemischt.
»Damit das nicht wieder passiert, müssen wir uns engagieren. Wie, das haben uns Max Beckmann und George Grosz gezeigt mit ihren Bildern. Sie malten den Krieg, wie er wirklich
ist.« Gertrud horchte auf. Welch sympathische Stimme!
»Und es wird wieder so kommen, Marcel, wenn wir das Bürgertum nicht endlich aus seinem sanften Schlummer aufwecken, mit Posaunengedröhn:

Zumba, zamba
Buliamba

Ein Mädchen hielt ihm den Mund zu. »Lasst uns lieber tanzen, Raoul, verderbt uns nicht die Stimmung!« Aber ihr Einwand ging in dem allgemeinen Gerede unter.
»Nachdem die bürgerliche Ordnung ins Chaos geführt hat, wollen wir Chaos in die Ordnung bringen. Die Gesellschaft
ist krank. Ein neuer Mensch muss geschaffen werden …«
Gertrud war erstaunt. Wie kann jemand im Ernst wünschen, Chaos in die bürgerliche Ordnung zu bringen, und sich dann auch noch einbilden, so könne ein neuer Mensch entstehen? Aber sie schien nicht allein so zu denken.
»Wie wollt ihr mit Chaos einen neuen Menschen schaffen? Man lacht doch nur über euch, nimmt euch nicht ernst «, rief das rothaarige Mädchen dazwischen, das sich vorhin über Raoul lustig gemacht hatte.
»Die Menschen werden uns noch ernst nehmen, wenn sie anfangen zu denken«, sagte Raoul mit Überzeugung.
Aber das tun sie doch, die Menschen machen sich Gedanken. Gertrud erinnerte sich an ihren Vater und ihren Bruder und an die Auseinandersetzungen, die es gegeben hatte. Sie machen es sich wirklich nicht leicht.
»Die Menschen werden euch als Provokateure einsperren!«, rief wieder jemand von hinten.
»Dada ist die einzig wirkliche Kunstform … getragen vom spontanen Einfall … Es lebe die Spontaneität … nicht gegängelt
und verstümmelt von Regeln, Vorschriften und Prinzipien …«
Raoul redet sich ja richtig in Begeisterung, dachte Gertrud. Ihr schwirrte der Kopf. Sie verstand nicht recht, dass alle sich derartig ereiferten. Diese Gedanken, diese Ideen … Sie waren so fremd und ungewohnt für sie. Müssen nicht Regeln und Vorschriften sein? Aber wie oft habe ich mich selbst innerlich aufgelehnt gegen Vaters strenge Prinzipien. Wie eingeengt fühlte ich mich dadurch. Es ist vielleicht etwas Wahres dran an dem, was sie sagen. Ihr geordnetes Dasein wurde ihr auf einmal fragwürdig. Fasziniert hörte sie weiter zu.
»Dada ist mehr … es ist ein Geisteszustand … der einzige, mit dem es sich leben lässt … Weg mit Begriffen wie Moral, Ehre, Freiheit, Brüderlichkeit … Wohin haben sie uns geführt? Nach der Wirklichkeit des Krieges sind sie nur noch ein Skelett von Konventionen.«

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Leseprobe: Das Flüstern der Ahnen

Das Flüstern der Ahnen

Es war an einem sonnigen Morgen, als Lucius am offenen Empfangszimmer seines Vaters vorbeikam und ihn dort unruhig auf und ab gehen sah. Sein sorgenvoller Blick, den Lucius bisher nur einmal, beim Tode von Quintus´ Mutter, gesehen hatte, zeigte ihm, dass etwas Ernstes vorgefallen sein musste. Sein Vater blickte auf, sah Lucius im Türrahmen stehen und bat ihn zu sich. „Ich habe soeben eine schlimme Nachricht erhalten. Deine Schwester Polla ist bezichtigt worden, ihr Reinheitsgelübde gebrochen und sich mit einem Mann vereint zu haben. Die Sache ist bereits vor den Pontifex Maximus gebracht worden.“ – „Hast du schon mit Polla gesprochen? Was sagt sie zu den Anschuldigungen?“ – „Ich werde gleich zu ihr gehen und hoffe, von ihr etwas darüber zu hören. Sie steht seit gestern unter Hausarrest und darf das Haus der Vestalinnen nicht verlassen. Möchtest du mich begleiten, Sohn?“ Lucius willigte ein. Die Ungewissheit und Angst um seine Schwester lagen schwer auf seiner Seele und er wollte sofortige Klarheit.
Als sie beim Haus der Vestalinnen ankamen, sahen sie schon von Weitem die Prätorianer-Garde, die die Eingänge bewachte und jede Frau, die in das Gebäude hinein- oder aus dem Gebäude hinauswollte, ausgiebig musterte. Lucius und Quintus kamen näher und sofort verstellte eine der beiden Wachen ihnen den Weg. Männern war der Zutritt zu dem Haus verboten und so bat Quintus eine Vestalin, die gerade aus dem Haus trat, der obersten Priesterin zu melden, dass der Vater und der Bruder Pollas sie zu sprechen wünschten. Das junge Mädchen verschwand im Haus und tauchte nach einigen Minuten in Begleitung der Virgo Vestalis Maxima, der obersten Priesterin der Vesta, wieder auf. „Die Sache ist sehr ernst, meine Herren. Polla wurde von drei unterschiedlichen Zeugen dabei beobachtet, wie sie eng umschlungen mit einem Mann Zärtlichkeiten austauschte und danach mit ihm in einem kleinen Waldstück nahe der Quelle verschwand. Die drei wurden schon vom Pontifex Maximus vernommen und sind bereit, jeden Eid darauf zu schwören. Polla darf das Haus nicht verlassen, bis er seine Entscheidung gefällt hat. Zurzeit sind wohl einige seiner Soldaten auf der Suche nach dem Mann, mit dem sie gesehen wurde, aber er konnte bisher noch nicht ausfindig gemacht werden.“ Lucius wurde blass. Er wusste, was passieren würde, wenn eine Vestalin ihr Gelübde der Jungfräulichkeit nicht einhielt. „Wie geht es meiner Schwester und was sagt sie zu den Anschuldigungen?“, brach es deshalb aus ihm hervor. Polla war die einzige Verbindung, die er noch zu seiner toten Mutter hatte, denn sie hatte ihm durch die Schilderung ihrer Erinnerungen ein lebhaftes Bild von ihr gemalt und so waren seine ihm unbekannte Mutter und Polla in seiner Fantasie zu einer Einheit verschmolzen. „Polla streitet alle Vorwürfe ab und sagt, dass die Männer lügen, die sie beschuldigen. Sie sei lediglich morgens zum Wasser holen zur heiligen Quelle gegangen. Dort habe sie dann den Laut eines Zickleins gehört, welches jämmerlich geschrien hätte. Sie wollte nachsehen, um dem Tier zu helfen, aber trotz Suchens konnte sie es nirgendwo finden. Dann verstummte auch das Geschrei und sie ging zurück zur Quelle, füllte das Wassergefäß auf und kehrte zum Tempel zurück.“ – „Ist es uns möglich, selber mit Polla zu sprechen?“, richtete der Vater nun das Wort an die Virgo Vestalis Maxima. „Leider nein, ich habe strikte Anweisungen, sie mit niemandem zusammentreffen zu lassen. Es tut mir leid, aber nun ist sie in Vestas Hand.“ Lucius wollte etwas entgegnen, aber der Blick des Vaters ließ ihn verstummen. So drehten sie um und gingen unverrichteter Dinge wieder nach Hause. Dort wartete bereits der Großvater auf sie. Auch ihm war bereits die Nachricht über die Anschuldigungen seiner Enkelin zugetragen worden und erwartungsvoll blickte er die beiden Ankommenden an, aber als er ihre Gesichter sah, wusste er, dass auch sie keine erfreulichen Nachrichten hatten. „Es muss doch möglich sein, mit dem Caesar zu sprechen“, meinte Quintus zu Publius gewandt, „kannst du nicht dein Amt als Senator nutzen, um bei ihm um eine Audienz zu bitten?“ – „Bitten kann ich ihn schon, aber in dem Fall hat mein Wort kein Gewicht. Eine Vestalin untersteht nicht der weltlichen Gerichtsbarkeit. Nur der oberste Priester, also der Caesar persönlich, kann über sie richten.“ – „Was ist mit den Zeugen?“, mischte Lucius sich ein. „Vielleicht haben die sich geirrt oder es liegt eine Verwechslung vor.“ – „Ich werde versuchen, ob ich mit diesen Männern reden kann und werde es euch dann wissen lassen. Mögen die Götter euch schützen und möge Vesta ihre schützende Hand über ihre Priesterin halten“, verabschiedete sich Publius. Quintus begab sich in seine Empfangsräume, denn natürlich waren auch heute wieder einige Klienten erschienen und warteten darauf, zu ihm vorgelassen zu werden, wie an jedem Tag. Also konzentrierte er sich auf seine Arbeit, die ihn auch von den Grübeleien um Pollas Schicksal abhielt. Er wusste, dass er erfahren würde, sobald es etwas Neues gab und in dieser Situation konnte er einfach nichts für seine älteste Tochter tun. Lucius aber erbat sich von seinem Vater einen freien Tag. Die Sorge um seine Schwester belastete ihn sehr und er überlegte hin und her, ob es irgendetwas gab, was er für sie tun konnte. Er begab sich gegen Mittag sogar erneut auf den Weg zum Vestalinnenhaus, weil er hoffte, seine Schwester vielleicht sehen und persönlich sprechen zu können, drehte aber auf halbem Weg um, da ihm die Sinnlosigkeit seines Unterfangens bewusst wurde, und irrte stattdessen ziellos durch die Stadt. Überall sah er Menschen, die ihren alltäglichen Geschäften nachgingen: Kinder, die auf der Straße spielten; Sklaven, die für ihre Herren Einkäufe tätigten; Bürgerinnen, die mit anderen Frauen in angeregte Unterhaltungen verwickelt waren; Senatoren, die mit wichtigen Gesichtern, sich der Würde ihres Amtes bewusst, gemessenen Schrittes auf dem Weg zum Senat waren; Händler, die lautstark in den Läden ihre dort ausgebreiteten Waren anpriesen. Kurz, das Leben der Stadt in all seinen Facetten. Niemand schien zu bemerken, welch ein Sturm der Gefühle in ihm tobte. Ganz in Gedanken versunken überquerte er eine der großen Straßen und bemerkte erst in letzter Minute ein Pferdegespann, welches in schnellem Tempo auf ihn zuraste. Er wich zurück, strauchelte und fiel hin. Noch während er sich seinen schmerzenden Knöchel rieb, hörte er den Wagenlenker, der ihn im Weiterfahren als Idiot beschimpfte, der wohl zu blöd sei, über die Straße zu gehen. Lucius richtete sich auf und dabei fiel sein Blick auf einen kleinen, runden Anhänger an einer Schnur, der durch den Sturz aus seinem Gewand gerutscht war. Es war ein alter Denar, der auf einer Seite das Antlitz der Göttin Vesta zeigte. Auf der Rückseite waren am oberen Rand der Münze über der Basilica Aemilia die Worte ‚Den Schutz und Segen Vestas‘ eingeprägt. Lucius hielt das Amulett in der Hand, welches ihm seine Schwester vor über einem Jahr auf den Stufen des Vestatempels überreicht hatte, und ihm kam wieder der kurze Augenblick in den Sinn, in dem seine Schwester Vesta selbst zu sein schien. Die Kraft der Zuversicht ergriff ihn und er wusste nun, was er zu tun hatte. Liebevoll verbarg er das Amulett wieder unter seinem Gewand und machte sich auf den Weg zum Tempel der Göttin.