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Geschichten einer Kriegerin – Magie der Angst (4)

Girlschool weckt mich, hart und brutal. Dadurch vergesse ich sofort, was ich geträumt habe, zumal ich damit beschäftigt bin, mir herzuleiten, wer ich überhaupt bin. Und wo.
Letzteres wird mir dann doch relativ schnell klar, als ich die dicken Stoffvorhänge sehe, die den Sonnenschein draußen halten sollen. Die Aufgabe erledigen sie mit Bravur, ich weiß bloß nicht, ob draußen überhaupt die Sonne scheint.
Und wer bin ich denn nun? Fiona? Lois? Vampirlady?
Und was zum Teufel soll eigentlich dieser Lärm?
Teufel ist ein gutes Stichwort, das lässt mich schlagartig daran erinnern, dass „Race with the devil“ mein Klingelton für James ist.
James!
Ich setze mich im Bett auf und suche das Handy. Warum auch immer, ich finde es auf dem Boden, wo es durch die Gegend hüpft. Bis ich es eingefangen habe.
„Ja!“, keuche ich in den Hörer.
„Schon wieder?“, fragt James.
„Was ist los? Was schon wieder?“
„Na ja, das Einschlafprogramm gestern Abend …“
Ah! Das meint er! „Äh …“ Ich räuspere mich. „Nein, eigentlich nicht. Habe tief und fest geschlafen. Wie spät ist es denn?“
„Halb neun.“
„Was?!“
„Hast du einen Termin?“
„Ja, irgendwie schon.“ Seufzend fahre ich mit der freien Hand durch meine Haare. „Ich will noch frühstücken und Frühstück gibt es … Keine Ahnung, habe nicht gefragt. Liane Cook, die Schwester des Polizeichefs und Witwe des Bruders des Wirts mit dem erstaunlich guten Wein, der, also der Bruder, von einem umkippenden Traktor erschlagen wurde.“
„Ja, das kommt vor.“
„Was kommt oft vor?“
„Nicht oft, aber gelegentlich. Traktoren stehen nicht so stabil auf ihren Rädern, wie man gemeinhin annehmen könnte. Das führt immer wieder zu gequetschter Milz und so. Wobei die gequetschte Milz nicht das Schlimmste ist, sondern die gebrochenen Rippen, die sich durch Herz und Lunge gebohrt haben.“
„Hast du was getrunken?“, erkundige ich mich verwirrt.
„Schon seit einer Weile nicht mehr.“
„Also schön. Lassen wir das. Ich muss pullern und mich anziehen.“
„Mach doch.“
„Bin ja schon dabei!“ Da ich eh nackt schlafe, brauche ich nur ins Bad zu gehen. Während ich gähnend auf dem Klo sitze, erkundige ich mich, was er denn gerade tut.
„Ich ziehe mich an, habe einen Termin. War schon eine Stunde mit Danny laufen, Sandra hat die Nacht ja bei ihren Großeltern verbracht.“
„Oh je.“
„Sandra ist bei ihnen sicher.“
„Mir tun eher meine Eltern leid. Egal. Du musst jetzt arbeiten, und ich auch.“
„Ja, das stimmt. Dann geh mal jagen.“
„Mach ich, großer Meister. Hab dich lieb.“
Er murmelt etwas, das sich so ähnlich wie „Ich dich auch“ anhört, dann legt er auf. Ich muss unwillkürlich grinsen. Wenn es darauf ankommt, wenn Kaltblütigkeit und Handeln gefordert sind, wenn es um Leben und Tod geht, dann ist er in seinem Element, hundertprozentig da. Das habe ich ja mehrmals erleben dürfen.
Aber mit Gefühlen, da hat er es nicht so. Gar nicht, um genau zu sein. Zumindest tut er immer so.
Nach dem Bad ist die große Frage dran, was ich denn anziehen soll. Zum Glück oder leider ist die Auswahl, im Gegensatz zu zu Hause, sehr eingeschränkt. Ich entscheide mich also für eine Hemdbluse, deren Ärmel ich hochrolle, einen dunkelblauen Pullover mit V-Ausschnitt und kurzen Ärmeln, hellblauen Jeans und den Stiefeln von gestern.
Zum Schluss noch die Perücke und die Brille aufsetzen, fertig ist die Lois.
Na ja, fast.
Liane sieht aus wie gestern. Weißes Hemd, braune Cordjeans, schwarze Schuhe, die Haare adrett geknotet. Ich komme mir vor wie bei Mary Poppins.
Das Frühstück allerdings ist wirklich lecker. Liane konzentriert sich ganz auf mich, ich denke daher, dass ich wohl der einzige Gast bin. Egal. Ich bekomme hausgemachte Waldbeerenmarmelade auf Croissants, danach Butter vom Nachbarn auf selbstgebackenem Brot und Rühreier von glücklichen Hühnern hinterm Haus.
Und obwohl ich eigentlich verwöhnt bin, denn James und ich achten beim Einkaufen sehr darauf, wo die Lebensmittel herkommen, ist es trotzdem ein Unterschied wie Tag und Nacht.
„Ich denke, ich komme in Zukunft immer hierher zum Frühstücken“, bemerke ich.
„Ist das nicht ein wenig zu weit weg dafür?“, fragt Liane mit großen Augen.
„Ich würde mit dem Hubschrauber kommen“, erwidere ich.
„Das wird schwierig. Ich weiß nicht, wo Sie damit landen können.“
Ich sehe sie misstrauisch an. Die meint das ernst! Ausgeschlossen, dass sie sich so gut beherrschen kann, wenn sie, wie ich zuerst dachte, auf meinen Scherz eingestiegen wäre.
„Aber trotzdem freue ich mich, dass es Ihnen so gut schmeckt. Vielleicht möchten Sie etwas davon mitnehmen?“
„Wohin?“
„Nach Hause. In die Stadt. Wenn Sie abreisen. Sie reisen doch ab? Weil ich gerne das Frühstück für Sie mache, auch für eine Woche, oder zwei, aber nicht für immer.“
Ich rücke meine Brille zurecht. Was soll ich denn jetzt sagen? Ich bin mir inzwischen sehr sicher, dass es nicht gespielt ist, also ist sie ein wenig … in ihrer eigenen Welt. Falsche Antworten könnten verheeren Folgen haben.
Oh je.
Ich atme tief durch. „Ich denke, wir kommen mit weniger als einer Woche hin.“
„Oh nein, Miss Nale, ich wollte damit nicht andeuten, dass Sie mir zur Last fallen! Ganz bestimmt wollte ich das nicht ausdrücken!“
Und ich habe doch das Falsche gesagt. Verdammt. Zum Glück bin ich fertig mit dem Essen, hastig wische ich meinen Mund ab und erhebe mich.
„Machen Sie sich keine Sorgen. Wirklich nicht. Alles in Ordnung.“
Fluchtartig verlasse ich die Pension und eine vermutlich völlig aufgelöste Wirtin bleibt allein zurück, aber sie wird sich beruhigen. Vielleicht. Hoffentlich.
Der Dämon wohl eher nicht, sagt mir die Intuition.
Während ich in der Vormittagssonne viel zu leicht gekleidet auf John Wayne, äh, den Sheriff, äh, den Polizeichef warte, zünde ich mir eine Zigarette an. Gegen die Kälte laufe ich auf und ab. Wieso ist es Mitte März überhaupt noch so kalt, verdammt?
Bin jedenfalls froh, als der Landrover vom Sheriff, äh, ach, scheißegal, auftaucht. Ich schmeiße mich auf den Beifahrersitz und atme aus.
„Guten Morgen“, sagt er.
„Guten Morgen“, sage ich.
Dann fährt er los.
„Wohin fahren wir?“, erkundige ich mich.
„Zur blinden Hexe.“
„Zur blinden Hexe?“
„Ja. Wollten Sie nicht mit der sprechen?“
„Doch. Aber Sie wollten sie doch erst fragen. Von wegen, das geht nicht einfach so, man muss vorher fragen. Und so. Sie erinnern sich? Haben Sie selbst gesagt!“
Lois, aufwachen! Fiona macht alles kaputt!
„Das habe ich getan.“ Daniel Morgin wirft einen Blick von der Seite auf mich. „Alles in Ordnung?“
Ich atme erst ein und dann aus. Aber nur ganz sanft. Kaum bemerkbar, die Hände auf den Knien gefaltet, die Schienenbeine überkreuzt.
Schon besser. Endlich bist du wach, Lois.
„Ja, Captain Morgin, ich denke schon. Ent… entschuldigen Sie bitte.“
Er schüttelt den Kopf, sagt aber nichts dazu. Vermutlich ist es besser so, Lois ist noch nicht wirklich stabil. Doch nach der fast halbstündigen Fahrt, als wir vor einem erstaunlich modern wirkenden Haus, zumindest für diese Gegend, anhalten, hat sich Fiona zurückgezogen und Lois das Ruder übernommen.
„Wem gehört das Haus?“, frage ich, selbiges irritiert musternd.
„Der blinden Hexe.“
„Dieses … Haus gehört …?“
„Sie ist nicht arm.“ Der Sheriff steigt aus und denkt mal wieder nicht daran, mir die Autotür aufzuhalten. Seine Manieren scheinen tagesformabhängig zu sein und die Tagesform äußerst schwankend.
Scheiß drauf. Los jetzt, Lois, hinterher!
Ich gehorche mir und hole den Sheriff auf einem sich sanft schlängelnden Fußweg aus Kies ein, der direkt zur Haustür führt.
„Ihr richtiger Name ist Samantha Teeport“, erklärt der Sheriff, ungewohnt gesprächig.
Ich beiße mir auf die Unterlippe, aber ich sage nichts dazu. Nein. Dazu werde ich mich nicht äußern. Die meisten Menschen können schließlich nichts für ihren Namen.
„Und wie lange wohnt sie schon in dieser Gegend?“, erkundige ich mich, gerade, als wir an der Haustür ankommen.
Bevor der Sheriff antworten kann, wird die Tür geöffnet. Von einer kleinen, schmächtigen Frau mit grauen Haaren in schwarzem Rock und hochgeschlossener Kragenbluse, ebenfalls schwarz, darüber trägt sie eine dunkelgraue Strickjacke.
Und Glasaugen.
Mit denen sie mich anstarrt. Ihr Gesichtsausdruck zeigt für einen Moment Erschrecken, dann entspannen sich ihre Züge wieder etwas. Schweigend wendet sie sich ab und schlurft ins Haus zurück.
Sie ist alt. Ziemlich alt sogar. Nicht so alt wie Katharina, aber an Elaine dürfte sie herankommen. Plusminus. Doch warum sieht sie so scheiße aus?
Tief durchatmend und nach einem Blick auf den Captain, folge ich ihr. Der Captain mir und macht die Tür hinter sich zu. Entweder hat er vor der Hexe viel Respekt oder seine Manieren sind gerade zu Besuch.
Samantha Teeport sitzt im Wohnzimmer, mit Blick auf einen großen Garten, der an den Wald grenzt, auf einer dunkelbraunen Couch und zündet sich eine Zigarette an.
„Wen zum Teufel hast du mir da ins Haus gebracht, Dan?“, fragt sie dann mit heiserer Stimme.
„Das ist Lois Nale. Sie wird den … Dreiarmigen fangen.“
„Die?“ Samantha mustert mich, was wegen der Glasaugen ziemlich irritierend ist. „Weißt du überhaupt, was sie ist?“
„Sie wurde von den Magischen Verbrechern ausgesucht“, erwidert der Sheriff und sieht mich ratlos an. „Was ist denn los mit dir, Samantha?“
„Du hast mir eine Kriegerin ins Haus geschleppt, das ist los!“
„Die vom Verein sagten, sie könnte mit dem Ding fertig werden. Das willst du doch auch.“
„Sicher. Setzt euch.“
Wir kommen der Aufforderung nach. Dan setzt sich auf die von der Hexe am weitesten entfernte Ecke der Couch, ich in einen Sessel ihr gegenüber, mit einem ovalen Glastisch zwischen uns.
„Weiß dieser Vollhonk eigentlich, was Sie sind?“, fragt die Hexe.
„Ich glaube nicht. Und Sie?“
„Ja. Ich bin zwar blind in der Gefrorenen Welt, aber ich kann die Energie spüren, die Sie umgibt. Sie sind eine Kriegerin, aber keine gewöhnliche.“
„Das stimmt.“ Ich werfe einen kurzen Blick auf den Sheriff, der mich irritiert ansieht. „Miss Teeport …“
„Mrs. Zwar schon lange verwitwet, aber trotzdem Mrs.“
„Also gut. Mrs Teeport, wie kommen Sie an einen Visz-Dolch?“
„Das ist eine sehr lange Geschichte“, murmelt sie. „Spielt das eine Rolle?“
„Weiß ich nicht. Solange ich nicht verstehe, was hier geschieht, kann ich das nicht sagen.“
„Ein Dämon hat mich geblendet und nun seine Eltern getötet. Muss eine Kriegerin mehr wissen?“
„Yep!“ Ich lege vorübergehend den Lois-Modus ab. „Ich töte keinen Dämon, bloß weil er ein Dämon ist.“
„Aha. Heißen Sie wirklich Lois Nale?“
„Nein. Ich bin Fiona Flame.“
„Fiona Flame? Das erklärt einiges. Sie haben den Ruf, sehr eigenwillig die Regeln für Gefährdung des Gleichgewichts auszulegen.“
„Es gibt keine Regeln. Und ja, ich treffe meine eigenen Entscheidungen. Wie kamen Sie eigentlich damals ins Spiel?“
„Man bat mich um Hilfe, als man festgestellt hat, dass das Baby etwas … etwas anders ist. Nicht nur wegen der drei Arme. Alles an ihm war seltsam.“
„Vielen Dämonen sieht man gar nicht so ohne Weiteres an, dass sie Dämonen sind. Ehrlich gesagt, wundere ich mich darüber, dass es hier anders war. Es muss einen Grund geben, warum diese Frau einem Dämon das Leben schenkte.“
Die Hexe zuckt die Achseln und drückt ihre Zigarette aus.
„Tut mir leid, darüber habe ich keine Kenntnis. Als ich hinzu gerufen wurde, ging alles ganz schnell, danach war ich mit mir beschäftigt. Wie Sie sicher nachvollziehen können.“
„Sicher.“ Und sie lügt wie gedruckt. Will sie mich, eine Kriegerin, ernsthaft verarschen? Hier ist eine Menge faul. Und ich werde herausfinden, was tatsächlich passiert ist. „Haben Sie eine Ahnung, wo der Dämon bisher sich aufgehalten hat?“
„Im Wald, soweit ich weiß.“
„Babys überleben üblicherweise nicht allein im Wald.“
„Kann schon sein. Im Wald gibt es ja viele Wesen, die sich um ihn gekümmert haben könnten. Als Kriegerin sollten Sie das am besten wissen.“
„Ich kenne auch nicht alle Wesen, die irgendwo in irgendeinem Wald existieren. Wie alt sind Sie eigentlich?“
„Alt.“
Das bestätigt meinen Verdacht. Was ich nicht verstehe, ist der Grund für ihr altes Aussehen. Elaine und Katharina sind auch alt, aber niemand sieht es ihnen an. Oder einem Vampir wie Anne Marie. Irgendetwas stimmt hier ganz und gar nicht, und mein Gefühl sagt mir, dass das sehr wohl etwas mit dem Dreiarmigen zu tun hat. Sie wird es mir nur nicht verraten. Jedenfalls nicht freiwillig. Und nicht, wenn John Wayne daneben sitzt.
Letzteres kann ich sogar verstehen. Er hat ja schon daran zu knabbern, dass ich eine Kriegerin bin.
Das merke ich auch, als wir zum Auto gehen.
„Sie sind eine Kriegerin?“, fragt er.
„Fiona ja. Ich bin nur eine PSI-Fachfrau.“
„Jetzt hören Sie auf mit dieser Lois-Sache! Ich sehe ein, dass es notwendig ist für die anderen, aber mir brauchen Sie doch nichts vorzumachen! Warum hat mir niemand gesagt, dass Sie eine Kriegerin sind?“
„Wissen Sie überhaupt, was eine Kriegerin ist?“
„Magische Wesen, die darauf achten, dass andere magische Wesen nicht über die Stränge schlagen.“
„Na ja … Belassen wir es einfach dabei. Für den Fall spielt es nicht wirklich eine Rolle, ob ich eine Kriegerin bin oder nicht. Zumal wir immer noch nicht wissen, was das für ein Ding ist, das dreiarmig durch die Gegend läuft und alle Leute erschreckt.“
„Erschreckt?“ Der Sheriff hält mir ausnahmsweise mal die Wagentür auf. Oder die Manieren sind immer noch zu Besuch. So genau weiß man das ja nicht.
„Die Hexe hat Angst, aber gewaltig.“
„Ja, es war seltsam. Ich hatte auch so ein … komisches Gefühl.“
„Was für ein komisches Gefühl?“
„Haben Sie denn nichts gespürt?“ Der Sheriff legt seine Hand auf den Zündschlüssel, startet den Motor aber noch nicht, sondern sieht mich fragend an. Was ist denn mit dem los?
„Doch. Dass Samantha lügt. Wie gedruckt. Und Sie?“
„Bei ihr war es kalt und dunkel.“
Ich starre ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an. Hä? Da schien eindeutig die Sonne und es war hell. Im Garten jedenfalls. Kalt und dunkel war es aber auch im Wohnzimmer nicht wirklich. Dass ausgerechnet dieser Mann so was sagt, finde ich mehr als seltsam. Selbst wenn es wirklich kalt und dunkel gewesen wäre, würden Leute wie er das nicht so beschreiben.
Ich blicke nach vorne. „Fahren Sie mich bitte in den Wald, wo wir gestern auch waren.“
„Warum?“
„Fahren Sie einfach. Bitte.“
Nach einem kurzen Moment startet er den Motor und gibt Gas.
Ich schließe die Augen und denke nach.

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Leseprobe: Die Legende von Sarah und Thomas – Die Prinzessin, die ihre Eltern tötete

Kreuz

Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren.
Dieses Gebot kam Thomas in den Sinn, während er mit geschlossenen Augen auf dem Boden saß. Er verscheuchte es wieder und öffnete die Augen, als er jemanden herannahen hörte.
Er hob den Blick. Vor ihm stand Gire Tabar. Ruhig sagte er, dass sie kamen. Es war so weit. Thomas erhob sich langsam.
„Sind alle bereit?“, fragte er. Gire nickte. Thomas wusste, dass er sich auf seine Gefährten verlassen konnte. Er legte kurz seine Hand auf Gires Schulter, dann gingen sie gemeinsam den Abhang hinunter. Bald würde es dunkel werden. Zu beiden Seiten des Weges, der zwischen den Bäumen verlief, standen die anderen bereit. Thomas wusste das, ohne sie zu sehen.
„Sie nehmen uns nicht ernst“, erklärte Gire bedächtig. „Zwei Dutzend Bewacher.“
„Bald werden sie uns ernst nehmen“, erwiderte Thomas düster. „Sehr ernst.“
Gire nickte und strich sich über seinen roten Stoppelbart. Es hörte sich an wie eine Klinge, die über Stein gezogen wurde. Thomas‘ Mundwinkel zuckten und die roten Augen seines riesigen Freundes leuchteten kurz auf.
Sie hielten an. Thomas schlug sein Schwert in die von weichem Moos bedeckte Erde und nahm seinen Bogen und einen Pfeil zur Hand, ohne anzulegen. Seine Gedanken flogen dem nahenden Wagen entgegen. Er atmete tief durch. Jeder Schuss musste sitzen.
Als die Reiter und der Wagen deutlich zu hören waren, legte er den Pfeil an und spannte den Bogen. In der hereinbrechenden Dämmerung war er zwischen den dicht beieinanderstehenden Bäumen für die Herannahenden kaum zu erkennen. Dafür konnte er sie umso deutlicher sehen. 22 Reiter und zwei Mann auf dem Bock. Möglicherweise saß noch jemand im Wagen bei Sarah, aber um den musste sie sich selbst kümmern. Thomas suchte mit den Augen den Anführer. Er ritt allein vorneweg, den Rücken durchgedrückt, aufmerksam die Umgebung beobachtend. Thomas verzog den Mund. Was für ein Affe, dachte er.
Als die ersten Reiter den verabredeten Punkt, die hervorstehende Wurzel eines geneigten Baumes, passierten, ließ er los. Sirrend fand der Pfeil seinen Weg und bohrte sich in den Hals des Anführers. Fünf andere Pfeile trafen ebenfalls ihr Ziel, vier Reiter und einer der Männer auf dem Wagen fielen zusammen mit ihrem Anführer. Thomas nahm in aller Ruhe den nächsten Pfeil und spannte den Bogen. Er legte an und schoss den zweiten Mann vom Wagen herunter. Seine Gefährten streckten vier weitere Reiter nieder. Noch 13 oder 14 Männer. Einige von ihnen hielten auf die Bäume zu, hinter denen sich Lanaya und Sulla versteckten. Ihnen blieb keine Zeit zum Schießen. Also sprangen sie mit gezogenen Schwertern und Kampfgeschrei den Reitern entgegen. Thomas und Gire erschossen zwei weitere Männer. Kars und Manty, bis dahin in der Dunkelheit zwischen den Bäumen verborgen, empfingen diejenigen, die sich auf Thomas und Gire stürzen wollten.
Thomas zog sein Schwert aus der Erde und rannte auf den Weg. Die Tür des Wagens wurde aufgestoßen, dann fiel ein lebloser Körper heraus. Thomas konnte erkennen, dass im Wagen gekämpft wurde. Er rannte darauf zu, doch ein Reiter stellte sich ihm in den Weg. Das Pferd stieg vor ihm hoch, ­Thomas wich aus und schlug sein Schwert durch das linke Bein des Reiters. Die Klinge blieb in der Seite des Pferdes stecken, das erneut hochging und ihm dadurch das Schwert aus der Hand riss. Schreiend vor Schmerzen fiel der Reiter nach hinten aus dem Sattel. Thomas konnte sein Schwert gerade noch packen, bevor das Tier die Flucht ergriff. Er blieb neben dem schreienden Mann stehen und schlug ihm den Kopf ab. Dann wandte er sich wieder der Kutsche zu.
Während er zum Wagen rannte, verschaffte er sich einen Überblick, ob seine Hilfe nicht an anderer Stelle dringender benötigt wurde. Lanaya schlitzte gerade mit ihrem Schwert einem Gegner den Hals auf und fuhr dann herum, um Sulla zu helfen. Gire, Kars und Manty erledigten den Rest. Für Thomas gab es nichts mehr zu tun.
Er ging zum Wagen und schaute hinein. Sarah saß auf der Bank. Vor ihr kniete ein Soldat, nicht mehr ganz lebendig. Sie hielt ihn mit gefesselten Händen von hinten am Hals umklammert, er röchelte nur noch vor sich hin. Thomas beendete seinen Todeskampf mit einem Schwertstich ins Herz. Sarah spürte, wie der Körper erschlaffte. Thomas packte ihn an den Haaren und zog ihn aus dem Wagen.
Sie stieg aus, in das bodenlange schwarze Kleid der zum Tode Verurteilten gehüllt. Sie fühlte sich schmutzig und war wütend. Thomas schnitt ihr die Handfesseln durch. Dann blickte sie sich um. Die schlangenhafte Lanaya und der schweigsame Manty waren dabei, die Herumliegenden auf Lebenszeichen hin zu untersuchen. Gire entfernte sich gemächlich und Sarah vermutete, dass er die Pferde holen wollte. Sie sah Thomas an, der ruhig vor ihr stand.
„Ich freue mich, dich zu sehen“, sagte sie.
„Ich freue mich, dich lebend zu sehen“, erwiderte Thomas. Er hielt ihrem forschenden Blick ruhig stand. „Wie geht es dir?“
„Ich bin wütend. Wütend auf diesen verfluchten Verräter Oluar! Und wütend auf mich!“
Thomas nickte. „Kann ich gut verstehen.“
„Ach, wirklich?“
Thomas hatte sie schon oft so erlebt und war unbeeindruckt. Er nickte erneut, und als Sarah zu einer Erwiderung ansetzte, deutete er auf den kleinen Kars Tersem, der sich ihnen schüchtern näherte. „Willst du die anderen gar nicht begrüßen?“
Sarah atmete tief durch, bevor sie antwortete: „Doch. – ­Hallo Kars. Bist du verletzt?“
Kars betastete seine Wange, auf der sich ein blutiger Striemen von der Schläfe an nach unten zog. Dann schüttelte er den Kopf. „Das ist nicht wichtig, nur eine Kleinigkeit. Hauptsache, dir geht es gut. Oder muss ich dich jetzt anders anreden? Mit Hoheit?“
„Untersteh dich!“ Sarah trat zu Kars, fasste in seine dunkelgrünen Haare und drückte ihre Lippen gegen seinen Mund. „Es ist schön, dich zu sehen. Und dass du nicht ernsthaft verletzt bist.“
„Versucht haben die es ja.“ Kars deutete vage auf die Herumliegenden. „Aber ich hatte was dagegen.“
Sarah lächelte. Dann blickte sie zu Gire, der mit den Pferden ankam. Von einem der Pferde nahm er ein Bündel und reichte es ihr. Nach einem knappen Nicken entfernte er sich wieder und half Lanaya und Manty, die Leichen auf einen Haufen zusammenzutragen. Sarah und Thomas sahen Sulla an, der schon eine Weile regungslos in der Nähe stand und sie beobachtete.
Sarah ging zu ihm und legte ihm die Hände auf die muskulösen Oberarme. Mit einem tiefen Blick in seine grünen Augen sagte sie leise: „Ich bin froh, dich zu sehen.“
Sulla nickte lächelnd. „Was hast du jetzt vor, Prinzessin?“
„Erst einmal dieses Kleid loswerden.“ Sarah trat einen Schritt zurück, dann packte sie das Kleid und zerriss es mit einer einzigen Bewegung. Darunter war sie nackt. Sulla wandte sich schnell ab, ebenso die anderen. Nur Thomas hielt den Blick auf Sarah gerichtet. Sie zog Hose und Hemd an, dann streifte sie die Stiefeln über. „Habt ihr auch mein Schwert?“, fragte sie.
„Ja.“ Kars trat zu seinem Pferd und brachte ihr kurz darauf einen eingewickelten Gegenstand. Sie nahm ihn entgegen und packte ihn aus. Zuerst wurde der schwarze Griff sichtbar. Sie umschloss ihn mit den Fingern, dann zog sie die Klinge aus der Scheide. Sirrend glitt sie durch die Luft, während Sarah verschiedene Figuren mit ihr malte. „Damit werde ich diesem Mistkerl den Kopf abschlagen!“, verkündete sie.
„Und dann?“, erkundigte sich Thomas. Die anderen sahen Sarah erwartungsvoll an. Sie musterte die Klinge, dann schob sie sie in die Scheide zurück. Ihr Blick glitt über die Wartenden und blieb zuletzt auf Thomas ruhen. Seine grünen Augen erwiderten den Blick gelassen.
„Dann werde ich die Königin von Untes sein!“
„Ein guter Plan“, sagte Thomas nickend. „Wir marschieren in den Königspalast, köpfen Oluar, erklären der Garde, dass er ein Mistkerl war, und alles ist gut. Du wirst das Land deiner Eltern regieren, die wir getötet haben.“
Sarahs Mundwinkel zuckten kurz. Gepresst fragte sie: „Hast du eine bessere Idee?“
Thomas deutete mit einer ausladenden Bewegung nach hinten. „Wir verlassen Untes und fangen irgendwo ein einfaches Leben an. Arbeiten. Bauen uns ein Haus. Irgendwo, wo uns niemand kennt.“
„Ein guter Plan.“ Sarah nickte. Sie hätte am liebsten losgeschrien, doch stattdessen sagte sie einigermaßen gefasst: „Davon habe ich schon immer geträumt. Eine einfache Bäuerin. Und dann Kinder. Verdammt, bist du bescheuert?!“ Ihr Wutaus­bruch ließ alle bis auf Thomas zusammenfahren. Achselzuckend wandte er sich ab und trat zum Wagen.
„Was machst du da?“, fragte Sarah in scharfem Ton.
Thomas hielt in seiner Bewegung inne und seufzte. „­Sarah, du benimmst dich, als wärst du bereits eine Königin. Ich schaue nach, ob hier etwas ist, womit wir in die Stadt kommen.“
„Da ist nichts!“ Sarahs Stimme klang wieder weicher. Sie trat zu Thomas und legte die Arme von hinten um ihn. „Es tut mir leid. Ich bin so wütend! Er wollte mich hinrichten lassen, dieser verfluchte Mistkerl!“
„Das will er immer noch“, erwiderte Thomas, ihr den Kopf leicht zugewandt. „Und wenn wir das verhindern wollen, brauchen wir einen Plan. Und zwar einen guten.“
„Und uns will er auch tot sehen“, bemerkte Lanaya. „Mit den zwei Dutzend hier wurden wir fertig, weil wir sie überrascht haben. Die Garde ist 500 Mann stark. Und sie werden gewarnt sein.“
„Nicht unbedingt“, sagte Sarah nachdenklich. Sie ging auf und ab. „Wenn wir es schaffen, im Palast zu sein, bevor die Kunde von meiner Befreiung dort ankommt, können wir Oluar erledigen. Er wähnt sich in Sicherheit.“
„Ein guter Plan“, stellte Thomas fest. Sarah spürte, wie sich ihr Körper kurz anspannte. „Wir reiten durch die Stadt? Damit alle sehen, dass du lebst und frei bist?“
Sarah schüttelte den Kopf, ging zu ihrem Pferd und schwang sich in den Sattel. Sie ließ das Tier steigen und dann auf ­Thomas zugaloppieren. Erst wenige Schritte vor ihm brachte sie es zum Stehen und sagte: „Es gibt geheime Wege in den Palast.“
Thomas nickte stumm.
„Es ist nicht aussichtslos!“, fuhr Sarah fort. Ihr Pferd tänzelte. „Kommt ihr mit? Thomas?“ Thomas nickte erneut. Sarah richtete ihren Blick auf die hellblonde Lanaya, deren gelbe Augen ihn selbstbewusst erwiderten. „Und du, Lanaya?“
Lanaya lächelte leicht. „Es wird mir eine Freude sein.“
Gire, Kars, Manty und Sulla standen zusammen. Gire sagte auf Sarahs fragenden Blick hin: „Ja.“ Kars und Sulla nickten schweigend. Manty erwiderte ihn mit ausdrucksloser Miene, dann ging er zu seinem Pferd und stieg in den Sattel. Ohne einen weiteren Blick auf die Toten oder seine Gefährten ließ er sein Pferd nach Norden galoppieren. Zum Palast.
„Gesprächig wie immer“, stellte Kars lachend fest. „Worauf warten wir noch?“ Statt einer Antwort riss Sarah ihr Pferd herum und ließ es Manty folgen. Thomas blickte sich um. Es war schon fast völlig dunkel. Sein Bauch verkrampfte sich kurz, doch er ignorierte es. Genau wie die anderen sechs stieg auch er auf sein Pferd und ließ es galoppieren.
Sie holten Sarah und Manty bald ein und ritten von da an gemeinsam auf der Hauptstraße in Richtung Retni. Thomas beobachtete Sarah von der Seite. Die rechtmäßige Königin von Untes starrte vor sich hin und ließ nicht erkennen, ob sie seine Blicke bemerkte. Hinter dem Hof des Selzo verließen sie die Hauptstraße und folgten nun dem kaum benutzten Weg zum Friedhof. Von der Stadt aus gab es andere, kürzere Wege dorthin. Das hatte den Vorteil, dass die Gefahr einer unliebsamen Begegnung nur sehr gering war.
Manty ritt voraus. Plötzlich ließ er sein Pferd anhalten und hob die Hand. Seine Gefährten stoppten auch sofort und verharrten angespannt, bereit, nach ihren Waffen zu greifen. So verging etwa eine Minute. Dann ließ Manty die Hand wieder sinken und ritt weiter. Die anderen atmeten tief durch. Sie hatten keine Angst vor einem Kampf, sie wünschten in diesem Moment aber auch keinen herbei.
Sie folgten Manty weiter bis zum Friedhof. Er stieg ab, ließ sein Pferd stehen und erkundete die Gegend. Dann kam er von hinten zurück. Mit einem kaum sichtbaren Lächeln registrierte er, wie fast jede Hand verstohlen den Griff eines Schwertes losließ. Einzig die Königin hatte sich nicht bewegt.
Er schüttelte den Kopf.
„Wir lassen die Pferde hier stehen, für den Fall, dass wir fliehen müssen“, sagte Thomas.
Sarah sah ihn durchdringend an. „Warum gehst du davon aus, dass wir fliehen müssen? Hat dich Drav Tersem nicht gelehrt, deine Gedanken darauf zu konzentrieren, was du erreichen willst, und nicht darauf, was du nicht erreichen willst?“
Thomas hielt in seiner Bewegung inne und starrte sein Pferd an. Er entgegnete langsam: „Er lehrte mich auch, auf alles vorbereitet zu sein. Unser Vorhaben ist gefährlich. Wir sollten auch das berücksichtigen, was uns unangenehm ist. Dein Hass sollte dich nicht blind machen, Sarah.“
Sie trat schnell an ihn heran und zwang ihn, sich umzudrehen und sie anzuschauen. Ihre weißen Augen funkelten in der Dunkelheit. „Nicht ich bin blind, sondern du! Du hast dich verändert! Ich will meinen Thomas wiederhaben!“
Thomas musterte ihr Gesicht und sah in ihren Zügen wieder diese ungezähmte Wildheit, die er schon vor mehr als zehn Jahren darin gesehen hatte. Er spürte auch die Berührung ihrer Hände auf den Schultern, die Kraft in ihren Fingern. Und er merkte, wie ihre Gedanken sich durch seine Augen in seinen Kopf bohrten und ihm keine Möglichkeit zum Entkommen ließen. So nickte er langsam. „Mag sein, Sarah, dass mich die Ereignisse vorsichtig gemacht haben. Wie nah warst du dem Tod?“
„Vor dem Tod habe ich keine Angst!“, erwiderte sie heftig. „Wenigstens hätte ich dann endlich meinen Frieden!“ Sie hielt inne, selbst erschrocken über das, was sie gesagt hatte. Leise sagte sie: „Lass uns gehen und diesen Mistkerl töten, Thomas.“
„Ja, dafür sind wir hier.“
Sarah fuhr herum. „Seid ihr bereit?“
„Wir sind bereit, Prinzessin“, antwortete Sulla. „Wir folgen dir.“
Sarah nickte. Sie blickte nach hinten, zu Thomas. Er nahm sein Schwert in die linke Hand und ging voran.
In der Dunkelheit der Nacht hatte Sarah das Gefühl, als entstiegen die Geister der Verstorbenen ihren Gräbern und flögen in alle Himmelsrichtungen davon. Sie hielt ihr Schwert mit beiden Händen fest und richtete den Blick auf den Rücken von Thomas. Wie oft waren sie, auch nachts, vom Schloss aus durch den geheimen Gang hierhergekommen und hatten sich über die Leute lustig gemacht, die Angst vor den Geistern hatten. Doch heute spürte Sarah selbst diese Angst. Sie fragte sich, ob es vielleicht daran lag, dass sie heute hätte hingerichtet werden sollen. Möglicherweise waren die Geister echt, und diejenigen, die selbst fast tot waren, konnten sie sehen und hören.
Sie erschauderte.
„Ist dir kalt?“, fragte Kars, der hinter ihr ging. Sie schüttelte den Kopf und war froh, als Thomas neben dem Baum anhielt, in dessen Innerem sich der Zugang zur Höhle befand. Der Stamm war sehr dick, so dick, dass Thomas und sie zusammen ihn nicht hatten umfassen können, als sie es vor wenigen Jahren einmal versucht hatten. Er teilte sich in Kopfhöhe, als hätte eine übermenschliche Faust von oben auf den Baum eingeschlagen. Wie drei Arme ragten die Fortläufer des Stammes nach oben und zwischen ihnen befand sich der Eingang. Ausgehöhlt vom Regen oder vielleicht auch von Tieren. Die derart entstandene Höhle führte durch den Stamm unter die Erde und unterirdisch bis in den Palast. Der erste Teil, der abwärts führte, war am schwersten zu passieren, denn es gab keine Stufen. Nur die Unebenheiten an der Innenseite des Baums boten etwas Halt für Füße und Hände.
Thomas hängte sich sein Schwert über den Rücken. Die anderen beobachteten ihn. Der Mond lieferte genug Licht, um ihn gut zu erkennen. Er packte einen der Stammfortsätze und schwang sich hoch. Ohne einen weiteren Blick auf seine Gefährten sprang er durch den Stamm nach unten.
Manty kletterte auf den Baum und folgte Thomas. Kars sog hörbar die Luft ein, als Gire hochkletterte. Der war sich der Ausmaße seines Körpers wohl bewusst und wählte den langsameren, sicheren Weg, indem er mit den Füßen tastend sicheren Halt suchte. Ihm folgte Lanaya mit den Worten: „Dann falle ich wenigstens weich.“ Grinsend machte sich der breitschultrige Sulla daran, hinter ihr in den Baum zu klettern. Nur noch Kars und Sarah waren übrig.
„Ich gehe zuletzt“, erklärte Sarah.
Kars sah sie an, und in seinem Blick lag etwas sehr Trauriges. So etwas wie Abschied. Sarahs Magen verkrampfte sich, und für einen sehr kurzen Augenblick dachte sie, dass der Vorschlag von Thomas vielleicht doch nicht so schlecht war. Aber dann siegte ihr Stolz. Sie nahm den Kopf von Kars und zog ihn an sich. Ihre Lippen berührten sich. „Für dich sterbe ich“, sagte er. Dann riss er sich los, kletterte schnell auf den Baum und verschwand darin.
Sarah spürte ihr Herz wie wild schlagen und lehnte die Stirn gegen den Baumstamm. Sie war völlig durcheinander, Übelkeit stieg in ihr hoch. Am liebsten hätte sie einfach losgeschrien, nur ihre Selbstbeherrschung hinderte sie daran. Sie waren an einem Punkt angelangt, an dem keine Umkehr mehr möglich war. Sarah spürte auf einmal ganz deutlich, dass sie ihre Gefährten in ein Abenteuer gedrängt hatte, dessen Ausgang mehr als ungewiss war. Egal wie es ausging, sie würde verlieren. Doch dann sagte sie sich, dass sie bereits verloren hatte, als sie geboren worden war. Wenn sie schon sterben musste, dann wenigstens im Kampf. Sie atmete tief durch und kletterte auf den Baum, um ihren Freunden zu folgen.
In der Höhle war es eng, doch nicht so eng wie im Baumstamm selbst. Immerhin konnten zwei Leute nebeneinanderstehen. Die anderen warteten schon ungeduldig auf sie. Sogar der sonst so unerschütterliche Thomas klang leicht gereizt, als er fragte, ob sie noch Pilze sammeln gewesen wäre. Sarah verkniff sich eine Antwort, weil sie sich ihrer Stimme nicht sicher war. Stattdessen drängte sie sich an ihren Gefährten vorbei und ging vor. Thomas unterdrückte seinen Ärger, denn als sie ihn berührte, konnte er deutlich ihre Angst spüren. Ihm wurde bewusst, unter welcher Anspannung sie stand, und das ließ schlagartig seine Wut in etwas umschlagen, das sich fast schon wie Mitleid anfühlte. Er folgte ihr ohne ein weiteres Wort, doch daran denkend, dass ihre Dickköpfigkeit auch sein Leben in Gefahr brachte. Realistisch betrachtet war die Chance, dass sie dieses Unternehmen überlebten, nicht sehr hoch. Trotzdem gab es für ihn keinen Zweifel daran, dass er das Richtige tat. Und er war sich sicher, dass die anderen genauso dachten.
Bis auf Sarah vielleicht.
Der Weg war anstrengend. Wer auch immer für den Bau der Höhle verantwortlich gewesen war, hatte es nicht da­rauf angelegt, den Boden eben und gut begehbar zu machen. Oft wurde die Höhle so schmal, dass Gire und Sulla nur quer durchgehen konnten. Sarah fluchte ab und zu, wenn sie in Spinnennetze lief und sich mal wieder eine Spinne in ihren Haaren verfing. Einmal merkte sie, wie eine aus ihren Haaren auf ihr Ohr krabbelte, und schlug wild nach ihr, wobei sie die Überreste des Tieres auf ihrem Ohr und in den Haaren verteilte. Sie spürte förmlich die Blicke ihrer Gefährten im Rücken und ging schneller. Sie war froh, dass ihre Gesichtsröte in dem schwachen Licht der Fackeln, die am Anfang der Höhle bereitgelegen hatten, auf keinen Fall zu sehen war.
Sie nutzte die nächsten Meter des Weges, um sich zu beruhigen. Es war nicht die Begegnung mit der Spinne, die ihr zu schaffen machte. Ihre übertriebene Reaktion wurde von einer inneren Unruhe verursacht, die sich ihrer auf dem Friedhof bemächtigt hatte. Sie wunderte sich über sich selbst.
Mantys Stimme riss sie aus den Gedanken. Manty, den sie in all den Jahren kaum hatte sprechen hören, sagte plötzlich: „Ich glaube, wir werden beobachtet.“
Thomas drehte sich um und sah ihn an. „Hier? Vielleicht von irgendwelchen Fledermäusen.“
Manty erwiderte seinen Blick ohne eine Regung. „Fledermäuse haben keine Augen.“
Thomas zuckte die Achseln und erwiderte: „Hier kann sich nichts und niemand verstecken. Hier ist kaum Platz genug für uns.“
Sarah schwenkte ihre Fackel herum, doch außer dem engen Höhlengang konnte sie nichts erkennen. „Hier ist wirklich nichts, Manty.“
„In Ordnung“, brummte der. „Gehen wir jetzt weiter?“
Thomas wechselte einen Blick mit Sarah. Ihrer verriet eindeutig, dass sie Manty für nervös hielt und dass er wohl da­rum schon Geister sah. Eine andere Erklärung hatte er ja auch nicht. Dass sie wirklich beobachtet wurden, hielt er für ausgeschlossen.
Sarah ging wieder vor. Weit mehr als die Hälfte des Weges hatten sie schon geschafft, und das gab ihr neuen Mut. Als die Höhle vor ihr breiter wurde und dann einen Knick machte, atmete sie laut aus. Sie waren am Ziel. Vorläufig zumindest. Im Schloss.
„Wir sind da“, sagte sie mit vibrierender Stimme.
„Wurde ja auch Zeit!“, knurrte Sulla hinter ihr.
Sarah warf einen Blick auf den muskulösen Kerl und grinste leicht. „Nichts für dich, hier unter der Erde, oder?“ Sulla schüttelte den Kopf. Sarah sah wieder nach vorne und sagte: „Da kommt gleich die Tür, hinter der die ganzen Toten aus den Kerkern abgelegt werden. Es … es stinkt ein bisschen.“
„Ein bisschen?“, echote Lanaya und verzog das Gesicht.
„Jedenfalls kommen wir so ins Schloss“, entgegnete Sarah. „Nur das ist wichtig!“
„Ja, schon gut, Hoheit, ich wollte dich nicht kritisieren“, erwiderte Lanaya kopfschüttelnd.
Sarah schloss die Augen und zählte langsam bis zehn. In der Zwischenzeit schaltete sich Thomas ein: „Wir sollten einfach mal weitergehen, was meint ihr?“
Sarah nickte und setzte sich in Bewegung. Sie kannte Lanaya doch, warum regte sie sich also auf? Lanaya war eine treue Freundin, auf die sie sich immer verlassen konnte. Sie hatte eben ein freches Mundwerk, aber das mochte sie sogar an ihr. Oder lag es daran, dass Lanaya und Thomas …? Ach, er war ihr doch zu nichts verpflichtet! Dummes Weib!, schalt sie sich und beschloss, sich ab sofort wieder voll und ganz auf das Unternehmen zu konzentrieren.
Ihre gesamte Aufmerksamkeit war plötzlich wieder in der Gegenwart, als sie versuchte, die Tür aufzudrücken, und diese sich kaum bewegen ließ. Sie war verwirrt. Sie versuchte es erneut und warf sich mit der Schulter gegen die Tür – ohne Erfolg. Sie bewegte sich zwar anstandshalber ein winziges Stück, aber durch die so entstandene Öffnung wäre nicht einmal eine dieser lästigen Spinnen gekommen.
Sarah trat zurück und warf einen Blick auf Gire. Er ging an ihr vorbei zur Tür und drückte versuchsweise dagegen. Sie bewegte sich ein wenig, aber offensichtlich wurde sie auf der anderen Seite durch etwas blockiert. Gire trat mit dem Fuß dagegen, was das Holz splittern ließ, aber ansonsten keine nennenswerte Auswirkung hatte. Gire fluchte. Dann warf er sich mit aller Kraft gegen die Tür, und endlich ging sie auf. Nein, sie ging nicht, sie wurde regelrecht aus den Angeln gerissen und flog in den Raum hinein. Gefolgt von Gire, der das Gleichgewicht verlor und hinfiel. Nicht auf den Boden, denn dieser war mit Leichen und Leichenteilen in ganz unterschiedlichen Verwesungszuständen bedeckt. Ein schier unerträglicher Gestank kam den Gefährten entgegen, während Gire seine ganze Kraft brauchte, um nicht ohnmächtig zu werden. Er ließ sich davon nichts anmerken. Stattdessen richtete er sich auf und sagte zu Sarah: „Die Tür ist offen, Majestät. Würdest du bitte eintreten?“
„Danke“, erwiderte sie. Dann holte sie tief Luft und ging, ohne zu atmen, voran.
Nachdem sie sich durch die Leichenberge gekämpft hatten, gelangten sie auf einen modrigen Korridor. Jetzt erst wagte Sarah es, wieder Luft zu holen. Der Gestank war immer noch fürchterlich.
„Hoffentlich hat dieser Empfang keinen symbolischen Charakter“, bemerkte Kars.
„Und wenn doch, ist es auch egal“, erwiderte Thomas. „Teufel auch, so schlimm war es beim letzten Mal noch nicht!“
„Das muss Oluar gewesen sein“, sagte Sarah düster. „Vielleicht hat er so alle unliebsamen Zeugen beseitigt.“
Thomas nickte. „Ja, könnte sein. Ein Grund mehr, ihn aus dem Weg zu schaffen.“ Diesmal ging Thomas vor. Die Gänge hier unten waren alles andere als hell und großzügig, aber doch viel angenehmer zu begehen als der unterirdische Geheimgang, durch den sie hierhergekommen waren.
Thomas hielt sein Schwert mit blanker Klinge in der rechten Hand. Seitdem Manty in der Höhle davon geredet hatte, dass er sich beobachtet fühlte, verspürte er ein zunehmendes Unbehagen. Vielleicht hätten sie seine Bedenken nicht einfach so abtun sollen. Doch jetzt war es zu spät.
Wie sehr, das wurde ihm klar, als sie sich hinter einer Abbiegung plötzlich Oluar und mehreren Soldaten gegenübersahen. Ein halbes Dutzend der Männer hielt gespannte Bogen mit den Pfeilspitzen auf sie gerichtet. Sie saßen in der Falle, denn hinter ihnen kamen aus irgendwelchen dunklen Ecken weitere Soldaten, viele von ihnen ebenfalls mit Pfeil und Bogen bewaffnet. Thomas ließ sein Schwert, das er reflexartig zum Schlag erhoben hatte, langsam wieder sinken.
„Eine weise Entscheidung!“, rief Oluar lachend. „Und jetzt sag deinen Freunden, dass sie es dir gleichtun sollen. Sonst müsste ich meinen Soldaten sagen, dass sie schießen sollen. Und das täte mir außerordentlich leid!“
„Lügner!“, schrie Sarah mit wutverzerrtem Gesicht. „Ich bring dich um! Komm her und kämpf wie ein Mann!“
Sie wollte sich auf Oluar stürzen. Im letzten Augenblick wurde sie von Gire festgehalten und hochgehoben. Sie trat wild um sich. Ihre Selbstbeherrschung reichte gerade eben aus, um nicht mit dem Schwert nach Gire zu schlagen.
„Lass mich los! Verdammt noch mal, Gire, lass mich los! Ich bring ihn um!“
„Sarah!“ Thomas sprang vor die Tobende und riss ihr das Schwert aus der Hand. „Komm zu dir! Du würdest lebend nicht einmal in seine Nähe kommen!“
„Hör auf deinen kleinen Freund, denn er hat recht!“, rief Oluar. „Ich will euch nicht töten lassen, aber ich tu es, wenn ihr mich zwingt.“
Sarah erstarrte. „Gib mir mein Schwert zurück!“ Thomas dachte kurz nach, dann gehorchte er. Sie nahm das Schwert an sich und wandte sich dann Gire zu. „Und du, lass mich los!“
„Bleibst du dann ruhig?“, erkundigte sich Gire.
„Du hast mir nichts zu befehlen!“, fauchte sie. „Lass mich los!“
„Nur wenn du keine Dummheiten machst.“
„Lass mich sofort los!“, kreischte Sarah. Dann atmete sie ein paarmal durch. „Also gut, lass mich jetzt bitte los.“
Gire nickte und gehorchte.
„Bravo!“, rief Oluar applaudierend. „Wie herrlich sie euch doch im Griff hat!“
„Vorsicht, du miese Ratte. Einer von uns könnte noch lebend bei dir ankommen und dich einen Kopf kürzer machen.“ Die ruhige Art, mit der Thomas das sagte, stand im krassen Gegensatz zum Inhalt seiner Worte. Sarah erschauderte unwillkürlich. „Was willst du, Oluar?“
Der fuhr sich mit der Hand durch seine gelben Haare. „Ihr wisst, dass ihr keine Chance habt. Und mal ganz ehrlich, was wollt ihr hier überhaupt?“
„Du sitzt auf meinem Thron!“, erwiderte Sarah heftig. „Wir holen uns zurück, was mir gehört!“
„Was dir gehört?“ Oluar lachte laut auf. „Du hast deine Eltern getötet!“
„Du fette Wanze!“, schrie Sarah. „Du warst genauso daran beteiligt! Du Scheißkerl!“
„Na, na, was schreist du da rum?“ Sarah, die Oluar gut kannte, bemerkte das leichte Flackern seiner Augenlider. „Das war ganz anders, meine Liebe. Ich wollte euch davon abhalten, diese fürchterliche Tat zu begehen. Leider kam ich zu spät. Aber ich verspreche euch, wenn ihr euch jetzt ergebt, sorge ich für ein gerechtes Verfahren.“
„Niemals!“, rief Sarah. „Lieber sterbe ich! Und außerdem glaube ich dir sowieso kein Wort! Du hast mich foltern lassen!“
„Meine Leute waren da etwas übereifrig. Das tut mir leid“, erwiderte Oluar in beschwichtigendem Tonfall. „Aber ich verspreche dir, dass ihr hier nur lebend rauskommt, wenn ihr euch ergebt.“
„Das werden wir ja sehen!“
„Sarah“, sagte Thomas leise. „Sarah. Denk nach. Niemand hat was davon, wenn wir hier ein Schlachtfest veranstalten.“
Sarah fuhr herum und starrte ihn mit funkelnden Augen an. Selbst im flackernden Fackellicht war das gut zu sehen. Thomas spürte, wie sein Magen sich verkrampfte. Er war bereit, für sie zu sterben, wenn es sein musste, auch hier und jetzt. Aber ihm war es lieber, wenn sie zur Vernunft kam.
Sarah kämpfte mit sich. Aus den Augenwinkeln sah sie ihre Freunde, die mit erhobenen Schwertern bereitstanden, um in den Tod zu rennen. Was für ein Wahnsinn!, dachte sie. Als sie Thomas in die Augen blickte, sah sie darin seinen Zwiespalt und seinen Schmerz.
Sie warf ihr Schwert auf den Boden und senkte den Kopf.
„Das ist eine kluge Entscheidung“, bemerkte Oluar mit kaum verhohlener Freude. „Legt sie in Ketten und bringt sie in den Kerker!“, befahl er dann mit harter Stimme. Mit diesen Worten machte er kehrt und ließ sie zurück.
*
Ihre Lage wirkte ziemlich aussichtslos. Thomas betrachtete seine Gefährten, ihre Umgebung, und spürte in seinen Körper hinein, um ganz nüchtern für sich festzustellen, dass Sarahs Idee vielleicht doch die bessere gewesen wäre. Sie standen oder saßen alle an einer Wand, angekettet, so unbequem wie nur möglich. Die Hände über den Köpfen in Fesseln, sodass sie nur für kurze Zeit sitzen konnten. Denn nach wenigen Minuten begannen die Schultern und Arme zu schmerzen. In der Zelle war es kalt und klamm, und sie konnten die Schreie von anderen Gefangenen hören, die allem Anschein nach gefoltert wurden.
„Wir hätten vielleicht auf dich hören sollen, Sarah“, stellte er fest und erschrak darüber, wie müde seine eigene Stimme klang.
Sarah, die links von ihm stand und bislang den Boden angestarrt hatte, hob den Kopf, um ihn anzuschauen. „Ach, ­Thomas … jede Entscheidung wäre die falsche gewesen. Im Grunde genommen hatten wir gar keine Wahl. Wir haben lediglich unseren Tod hinausgezögert.“
„Du meinst also, er wird sein Wort nicht halten?“, erkundigte sich Kars.
„Oh, ich bin sicher, er wird sein Wort nicht brechen“, bemerkte Lanaya. „Zumindest aus seiner Sicht. Ich glaube, wir verstehen unter einem gerechten Verfahren etwas anderes als dieser verfluchte Mistkerl.“
„Ach ja?“
„Das denke ich auch“, mischte sich Thomas ein. „Aber was soll´s. Wenigstens sind wir noch am Leben. Ihr wisst ja, die Hoffnung stirbt zuletzt.“
„Ja, natürlich“, sagte Sarah, doch sie klang nicht sehr überzeugt. Thomas versuchte ein Lächeln.
„Ich glaube daran, dass das nicht unser Ende sein wird.“
„Genau, der Glaube versetzt Berge“, erwiderte Sarah spöttisch. „Kann er auch Ketten sprengen?“
„Wenn man fest genug daran glaubt, dann ganz sicher.“ Gire stand, während er das sagte, regungslos da. Er war der Einzige, der einigermaßen bequem hätte sitzen können. „Ist nur blöd mit dem Glauben. Wenn es nicht geklappt hat, war der Glaube nicht stark genug. Die Ausrede funktioniert immer.“
„Wohl wahr.“ Kars seufzte. „Und wer von uns glaubt grad nicht fest genug? Wer zweifelt? Wer verhindert, dass wir frei sind und diesen dämlichen Schweinehund einen Kopf kürzer machen? Wer ist es?“
„Ich vermute, dass du es bist!“, rief Lanaya lachend. „Ach, Kleiner, wir sind doch alle freiwillig hier. So schnell kriegt man uns nicht klein.“
„Das hoffe ich mal“, bemerkte Thomas. „Da kommt jemand, hört ihr das?“
Alle konnten hören, wie ein Schlüssel im Schloss umgedreht wurde. Bald darauf erschien eine zarte Frauengestalt in der Zellentür und ging schnellen Schrittes zu Thomas. „­Katharina!“, rief der erstaunt. „Was machst du denn hier?“
„Thomas!“, sagte sie mit tränenverschleierten Augen. „Oh, mein armer Bruder! Die Nachricht von eurer Gefangennahme ist schon in der ganzen Stadt angekommen.“
Thomas betrachtete voller Liebe seine Schwester und sog ihren Anblick in sich auf. Ihre zweifarbigen Augen, die langen, dunkelblonden Haare, die zarte Gestalt. „Du solltest mich nicht so sehen“, sagte er leise. „Überhaupt, es ist gefährlich für dich, hier zu sein.“
Katharina schmiegte sich an ihn und Thomas verfluchte die Ketten, die ihn daran hinderten, sie in die Arme zu nehmen. „Keine Sorge, Bruderherz“, flüsterte sie. „Wir werden euch befreien.“
„Wer ist wir?“, fragte er flüsternd zurück.
„Das kann ich dir nicht sagen. Noch nicht. Aber wir haben einen Plan. Morgen, in der Nacht, holen wir euch hier raus. So lange müsst ihr durchhalten.“
„Kein Problem, das schaffen wir schon“, erwiderte Thomas. „Aber seid vorsichtig, wer auch immer dazugehört. Oluar ist gefährlich. Er hat gewusst, dass wir kommen. Es ist mir ein Rätsel, wie er das wissen konnte.“
„Er hat uns gesehen“, bemerkte Manty. „Ich habe es gespürt und euch gewarnt.“
„Ja, das hast du“, knurrte Gire. „Aber wie konnte er uns sehen?“
„Keine Ahnung.“ Manty zuckte die Achseln.
„Das ist nicht sehr hilfreich“, stellte Sarah fest, dabei ­Katharina betrachtend. „Wie hast du es geschafft, dass sie dich reingelassen haben?“
Katharina schlug die Augen nieder. „Frag nicht.“ Sie holte tief Luft, dann griff sie unter ihren Mantel und holte Brot hervor. Da die Gefesselten es nicht selbst zum Mund führen konnten, fütterte sie alle der Reihe nach. Thomas beobachtete sie zugleich erfreut und besorgt. Als Manty an der Reihe war, zögerte Katharina kurz. „Es tut mir leid, Manty.“
Der schüttelte den Kopf. „Ist schon gut. Es ist nicht deine Schuld.“
„Niemand konnte das ahnen“, flüsterte Sarah, auf den Boden starrend. „Niemand konnte ahnen, dass ich mal meine eigenen Eltern umbringen würde. Niemand.“
„Aber warum habt ihr das überhaupt getan? Du hast deine eigenen Eltern getötet. Warum?“ Katharina sah die blauhaarige Frau verzweifelt an. „Was bringt eine Tochter dazu, ihre eigenen Eltern zu töten? Was haben sie dir denn angetan, dass du sie so gehasst hast?“
„Ich habe sie nicht gehasst!“, erwiderte Sarah wütend. „Ich habe sie geliebt, darum musste ich sie töten! Verstehst du, ich habe es aus Liebe getan! Ich konnte nicht anders! Sie … sie haben alles verraten, woran ich geglaubt habe! Sie haben ihr Land verraten, ihre Leute – und mich!“
Katharina ließ den Blick von Sarah zu Thomas schweifen. „Erklär du es mir! Ich verstehe das nicht!“
Thomas schüttelte den Kopf. „Schwesterherz, da gibt es nichts zu erklären. Für Sarah ist es, als hätte sie sich ihr eigenes Herz rausgeschnitten. Aber es ging nicht anders.“ Er wandte den Blick ab. „Du solltest jetzt lieber gehen.“
Katharina trat zu ihm und umarmte ihn. „Wir werden euch holen“, flüsterte sie. „In der nächsten Nacht holen wir euch. Haltet durch!“
Thomas nickte. „Ja, das tun wir, meine liebe Schwester. Pass du auf dich auf. Es kommen schwere Zeiten.“
„Ja, das tun sie.“ Katharina verließ eilig die Zelle und blickte nicht mehr zurück, weil ihr der Anblick das Herz gebrochen hätte.
*
Thomas ließ sich die Hände am Rücken fesseln. Es gefiel ihm nicht, aber es schien Sinn zu machen. Offensichtlich sollte ihnen jetzt der Prozess gemacht werden, und klar, dass Oluar vorsichtig war. Er konnte es sehr gut nachvollziehen. Gire knurrte zwar vor sich hin, aber nach einem Blick auf Thomas, der die Prozedur ruhig über sich ergehen ließ, leistete er keinen Widerstand. Und auch Sarah, die kurz daran gedacht hatte, etwas zu unternehmen, verhielt sich vernünftig. Zumindest hätte es Thomas so bezeichnet, dessen war sie sich sicher.
„Wohin gehen wir“, erkundigte sie sich, als die Soldaten sie und die anderen in Richtung Tür schubsten.
„In den Hof“, erwiderte einer der Soldaten grinsend.
„In den Hof?!“ Sarah blieb stehen und erhielt einen Schlag in den Rücken. „Los, weiter!“, brüllte ihr einer der Männer ins Ohr. Als jedoch auch die anderen stehen blieben, zogen alle Soldaten ihre Schwerter und umstellten sie.
„Oluar hat uns ein gerechtes Verfahren versprochen“, sagte Thomas so ruhig, wie es ihm nur möglich war.
„Das werdet ihr auch bekommen“, erklärte einer der Soldaten, der seiner Uniform nach die Befehlsgewalt hatte.
„Im Hof, oder was? Verfahren werden nicht im Hof abgehalten, da werden die Urteile vollstreckt. Und zwar die Todesurteile!“ Sarah trat versuchsweise nach einem der Soldaten, doch als dessen Klinge ihr Bein nur knapp verfehlte, sprang sie schnell zurück. „Dieser Bastard will uns nur möglichst schnell loswerden, damit ihm niemand mehr den Thron streitig machen kann! Das ist die Wahrheit!“
„Wir haben nicht das Recht, Anweisungen unseres Königs in Zweifel zu ziehen. Und die Anweisung lautet, euch in den Hof zu bringen und jeden, der sich widersetzt, sofort zu töten.“ Der Kommandant deutete auf die Tür. „Es ist eure Entscheidung.“
„Und wenn ich dir sage, dass ich die rechtmäßige Königin bin?“ Sarah zerrte bei diesen Worten wie wild an ihrer Handfessel, aber ohne jeden Erfolg.
„Du hast deine Eltern getötet. Damit hast du jedes Recht auf den Thron verwirkt“, antwortete der Kommandant. „Und jetzt bewegt euch, sonst gebe ich meinen Leuten den Befehl, jeden von euch, der sich nicht zur Tür bewegt, sofort zu töten!“
„Komm, Sarah“, sagte Thomas. „Ein Massaker hier unten macht keinen Sinn. Wir können nicht gewinnen.“
Sarah starrte ihn düster an, doch sie sah ein, dass er recht hatte, und ging zur Tür. Ihre Freunde folgten ihr, betreten auf den Boden schauend. Einzig Lanaya ging hocherhobenen Hauptes; sie musterte den Kommandanten wütend, und als sie nah genug an ihm dran war, spuckte sie ihm blitzschnell ins Gesicht. Sofort flogen Schwerter in die Höhe, doch der Kommandant hielt seine Leute mit einer Handbewegung auf.
„Du weißt, wofür das war“, bemerkte Lanaya. Der Mann nickte und wischte sich die Spucke aus dem Gesicht.
Später fragte Kars leise: „Eins deiner Abenteuer, Lanaya?“ Sie nickte stumm. Ihr war nicht nach Erzählen zumute. Sie spürte ganz deutlich die Nähe des Todes und ahnte, dass ihr junges Leben heute enden würde.
Der Hof, wie der öffentliche Hinrichtungsplatz von Retni genannt wurde, war voll mit Menschen. So voll, dass die Soldaten eine Schneise in die Menschenmenge schlagen mussten, um die Gefangenen in die Mitte führen zu können. Hier standen auf einem Podest fünf Galgen bereit. Alle Gefangenen wurden auf den Podest geführt, und von hier aus konnten sie dann auch sehen, warum es nur fünf Galgen gab. Zwei von ihnen sollten auf eine wesentlich grausamere Art und Weise sterben. Es gehörte nicht viel Überlegung dazu, zu erraten, wer diese zwei sein würden.
Die Menschenmenge jubelte, als die Gefangenen auf den Podest geführt wurden, und rief immer wieder: „Tod den Verrätern! Tod den Verrätern und Königsmördern!“ Oluar hatte gute Arbeit geleistet. Thomas ließ seinen Blick äußerlich ungerührt über die Menschenmenge schweifen, dann wandte er den Blick nach oben. Dort befand sich die Galerie, von der aus Mitglieder der Königsfamilie einer Hinrichtung beiwohnen konnten, wenn sie wollten. Auch er hatte schon dort zusammen mit ­Sarah gestanden. Es war ein seltsames Gefühl, nun selbst auf diesem Podest zu sein. Auf der Galerie befand sich Oluar mit einigen Männern, die Thomas flüchtig vom Sehen kannte.
Nun trat ein Mann, der sich bis dahin im Schatten aufgehalten hatte, hervor. Es war der Königliche Richter, und spätestens jetzt wusste Thomas, dass Oluar wirklich nicht daran dachte, ihnen so etwas wie ein Verfahren zuzugestehen. Er wollte einfach nur so schnell wie möglich lästige Zeugen beseitigen und zugleich dem Volk gegenüber ein Exempel statuieren. Von Königen zu Bauernopfern, so schnell konnte es gehen.
„Im Namen des Volkes …“, setzte der Königliche Richter an und verstummte – darauf wartend, dass die Menschenmenge still wurde. Als es schließlich so still wurde, dass selbst das Summen einer Fliege zu hören gewesen wäre, fing er erneut an: „Im Namen des Volkes und des Königs von Untes! Kraft meines Amtes verkündige ich folgende Urteile:
Gire Tabar, du wurdest wegen Beteiligung an dem hinterhältigen Mord an Seiner Majestät Seun Kayl und Ihrer Königlichen Hoheit Gemahlin Kanga Kayla zum Tode durch den Strang verurteilt! Das Urteil ist sofort zu vollstrecken.
Kars Tersem, du wurdest wegen Beteiligung an dem hinterhältigen Mord an Seiner Majestät Seun Kayl und Ihrer Königlichen Hoheit Gemahlin Kanga Kayla zum Tode durch den Strang verurteilt! Das Urteil ist sofort zu vollstrecken.
Lanaya Von, du wurdest wegen Beteiligung an dem hinterhältigen Mord an Seiner Majestät Seun Kayl und Ihrer Königlichen Hoheit Gemahlin Kanga Kayla zum Tode durch den Strang verurteilt! Das Urteil ist sofort zu vollstrecken.
Sulla Zut, du wurdest wegen Beteiligung an dem hinterhältigen Mord an Seiner Majestät Seun Kayl und Ihrer Königlichen Hoheit Gemahlin Kanga Kayla zum Tode durch den Strang verurteilt! Das Urteil ist sofort zu vollstrecken.
Manty Gök, du wurdest wegen Beteiligung an dem hinterhältigen Mord an Seiner Majestät Seun Kayl und Ihrer Königlichen Hoheit Gemahlin Kanga Kayla zum Tode durch den Strang verurteilt! Das Urteil ist sofort zu vollstrecken.
Und nun zu den beiden Hauptschuldigen!
Thomas Ay, du wurdest wegen des Mordes und aktiver Beihilfe zum Mord an Seiner Majestät Seun Kayl und Ihrer Königlichen Hoheit Gemahlin Kanga Kayla zum Tode durch das Kreuz verurteilt! Du wirst bei lebendigem Leibe an Füßen und Händen an das Kreuz genagelt und sollst verweilen am Kreuz für drei volle Tage. Am dritten Tage sollst du abgenommen werden vom Kreuz und ob du lebst oder tot bist, soll dein Kopf abgeschlagen und für weitere drei Tage vor das Kreuz gelegt werden. Dein Körper soll weiterhin den Löwen zum Fraß vorgeworfen werden!
Und schließlich zu dir, Sarah Kayla, der Haupttäterin! Als solche verurteile ich dich zum Tode durch das Kreuz! Du wirst bei lebendigem Leibe an Füßen und Händen an das Kreuz genagelt und sollst verweilen am Kreuz für drei volle Tage. Am dritten Tage sollst du abgenommen werden vom Kreuz und ob du lebst oder tot bist, soll dein Kopf abgeschlagen und für weitere drei Tage vor das Kreuz gelegt werden. Dein Körper soll weiterhin den Löwen zum Fraß vorgeworfen werden.
Dieses Urteil ergeht im Namen des Volkes und des Königs! Ein Widerspruch wird ausgeschlossen! Alle Urteile werden jetzt vollstreckt! Zuerst erfolgt die Kreuzigung, hiernach sind die Kreuze so aufzustellen, dass die beiden Gekreuzigten zusehen müssen, wie ihre verräterischen und feigen Mittäter den Tod durch Hängen finden.
Henker, beginnt eure Arbeit!“
Für einen Moment herrschte noch Stille, dann begann der Mob zu toben und forderte, dass die Verurteilten endlich hängen sollten. Die Henker kamen auf den Podest und wurden von Sarah mit einem Fußtritt empfangen. Der getroffene Henker riss zwei weitere mit nach unten, doch die anderen schafften es, die sich wild wehrende Sarah zu bändigen und festzuhalten.
„Ich verfluche dich, Oluar!“, schrie sie zur Galerie hinüber. „Ich verfluche dich und ich verspreche dir, dass ich wiederkommen und dich holen werde! Du bist bereits tot, du weißt es nur noch nicht! Verflucht sollst du sein! Ich komme und hole dich, das verspreche ich dir bei meiner Seele und bei Gott!“
Auf einen Wink Oluars hin rammte einer der Soldaten seine Faust in Sarahs Bauch, sodass sie sich vor Schmerz krümmte und röchelnd verstummte. Thomas wurde festgehalten, als er ihr zu Hilfe eilen wollte. Beide wurden jetzt vom Podest heruntergezerrt und zu den Kreuzen geschleift, während die Henker jedem ihrer Freunde den Strick um den Hals legten. Zuerst kam Sarah dran. Ihre Hände wurden von den Fesseln losgemacht, während jeder Arm von einem Henkersgehilfen festgehalten wurde. Trotzdem schaffte sie es, einen Arm zu befreien und dem Gehilfen, der den anderen Arm festhielt, die Finger in die Augen zu stoßen, sodass dieser unter wildem Geschrei zurücktaumelte. Doch bereits im nächsten Moment wurde sie von mehreren kräftigen Männern zu Boden gedrückt. Zwei hielten ihre Hand an den Querbalken des Kreuzes, während ein dritter den Nagel ansetzte und ihn mit mehreren Hammerschlägen durch den Handwurzelknochen in das Holz trieb.
Sarahs markerschütternder Schmerzensschrei holte Thomas aus seiner Lethargie. Er bäumte sich unerwartet auf unter den zwei Männern, die ihn zu Boden drückten, und als sie von ihm herunterkullerten, setzte er seine Beine ein, um sie vorübergehend kampfunfähig zu machen. Dann sprang er auf und wollte zu Sarah laufen. Nach wenigen Schritten wurde er von einem Soldaten umgerannt und dann von einigen Männern zum Kreuz zurückgeschleift. Mehrere Schläge prasselten auf ihn ein und ließen ihn bewusstlos werden.
Währenddessen kämpfte Sarah einen verlorenen Kampf um ihr Leben. Sie schlug und trat um sich, aber sie wurde von vielen Händen festgehalten. Ihr linker Arm war unnütz, mehr noch, eine Quelle bestialischen Schmerzes. Der andere wurde nun von gleich drei Männern festgehalten und auf das Holz gedrückt. Wenige Augenblicke später war auch die rechte Hand festgenagelt.
Sarah hörte auf zu schreien und sich zu wehren. Sie hörte plötzlich gar nichts mehr. Wie durch einen Schleier sah und spürte sie, dass ihr die Stiefel ausgezogen wurden. Dann legte man ihre Füße übereinander, und mit einem besonders langen Nagel wurden auch diese am Kreuz befestigt. Den Schmerz dabei nahm sie gar nicht mehr wahr.
Thomas wurde vom ersten Schmerz wach. Unfähig, sich zu rühren, sah er sein Blut aus dem Handgelenk spritzen. Mindestens ein Dutzend Männer, Soldaten und Gehilfen, hielten ihn fest. Dann kam seine zweite Hand dran. Er spürte den Geschmack vom Blut im Mund, als er sich die Zunge durchbiss, um nicht zu schreien. Denn diese Genugtuung wollte er dem Mob nicht bereiten. Auch als seine Füße festgenagelt wurden, blieb er stumm. Nur das zwischen den Lippen hervorsickernde Blut zeugte von seiner Qual.
Die schlimmsten Schmerzen begannen, als die Kreuze nun hochgezogen und in zuvor eigens dafür ausgehobene Löcher gestellt wurden. Thomas hörte, wie Sarahs Schultergelenke auskugelten. Seine eigenen hielten noch, doch der Schmerz in den Muskeln und Sehnen war kaum auszuhalten. Durch einen Tränen- und Blutschleier blickte er auf seine Freunde hinab.
Er sah, wie der Henker an den Hebel für die Falltür trat. Er fing den Blick von Gire auf, der ihn leicht angrinste. Dann öffnete sich die Falltür und fünf Körper fielen nach unten. Der Mob schrie auf. Sulla und Kars waren sofort tot. Mantys Kopf wurde durch den zu langen Fall vom Hals gerissen, sodass sein kopfloser Körper mit einem dumpfen Laut zu Boden fiel und der Kopf über den Podest kullerte. Seine Augen bewegten sich wild hin und her und der Mund öffnete sich, als wollte er etwas sagen. Lanaya zappelte wild, aber ihr Kopf hing in einem unnatürlichen Winkel vom Hals herab. Es bestand kein Zweifel daran, dass ihr Genick gebrochen war. Nach einer halben Minute oder auch mehr wurden ihre Bewegungen langsamer, bis sie schließlich genauso regungslos am Seil hing wie Sulla und Kars.
Auch Gire bewegte sich nicht, aber seine Augen waren offen und seine Lippen zusammengepresst. Er lebte und seine harten Muskeln hatten den Genickbruch verhindert. Er lebte und würde irgendwann ersticken. Solange seine Muskeln angespannt und hart blieben, konnte er atmen. Irgendwann würde ihn die Kraft verlassen, seine Muskeln würden erschlaffen und das Seil würde ihm die Luft abwürgen. Danach konnte es noch Minuten dauern, bis er wirklich tot war.
Der Mob war verstummt und beobachtete ihn entsetzt. Einer der Männer neben Oluar beugte sich über das Geländer und erbrach sich auf die darunter Stehenden. Gire schaute aus den Augenwinkeln zu Sarah hinüber, dann beobachtete er Thomas. Er wusste, dass er es sich nur unnötig schwer machte, aber er wollte diesem Mob etwas bieten.
Es dauerte eine halbe Stunde, bis er nach einer letzten Zuckung das Bewusstsein verlor und starb.
*
Die Erinnerung an den Schmerz war augenblicklich da, nur um wieder zu gehen. Er blickte in das Gesicht vor ihm, und es kam ihm bekannt vor. Doch so sehr er sich auch anstrengte, konnte er sich weder an den Namen, der zu dem Gesicht gehörte, noch an die Ursache des Schmerzes erinnern.
Schließlich fragte er: „Bin ich tot?“
Die Frau, deren Gesicht er sah, nickte langsam. Jetzt wurde er der zweiten Frau weiter hinten gewahr, die mit gesenktem Kopf weinend dastand. Katharina. Sein Blick schweifte zu der alten Frau zurück.
„Was ist geschehen?“, fragte er.
„Du warst sehr tapfer“, antwortete die alte Frau mit den weißen Augen, die ihn an Sarah erinnerten. Sarah! Er konnte sich plötzlich an ihre Schmerzensschreie erinnern.
„Wer bist du?“
„Ich bin Anoa, die Großmutter von Sarah“, sagte die alte Frau zärtlich. Ihre Hände hielten sein Gesicht. Nun fiel es ihm wieder ein. Er hieß Gire, und er war erstickt. Nun war es dunkel. Er spürte, dass er noch am Seil baumelte. Anoa fuhr fort: „Ich werde dich jetzt losschneiden. Du musst dann deinen Freunden helfen.“
„Sind sie auch tot?“, erkundigte sich Gire.
„Ja, ihr seid alle gestorben. Nur Thomas und Sarah leben noch. Und euch bitte ich um einen letzten Freundschaftsdienst für die beiden. Bist du bereit?“
„Ja“, antwortete Gire. Anoa durchschnitt mit einem Messer das Seil, sodass er auf den Boden fiel und sich aus der Schlinge befreien konnte. Er sah den kopflosen Körper von Manty am Boden, und er sah Kars, Lanaya und Sulla leblos in der Luft baumeln.
„Nimm sie alle runter, damit ich sie für kurze Zeit wieder zum Leben erwecken kann“, bat Anoa.
„Du bist also eine Hexe“, stellte Gire fest, während er aus dem Loch kletterte und als Erstes Lanaya befreite und auf den Boden legte. Nachdem auch Sulla und Kars neben ihr lagen, trug er Mantys Körper auf den Podest und nahm seinen Kopf. Dann blieb er unschlüssig stehen.
„Setz ihn an seinen Hals“, sagte Anoa, und nachdem er das getan hatte, beobachtete er staunend, wie Kopf und Körper zusammenwuchsen. Manty setzte sich blitzartig auf und sah sich um.
„Was ist passiert? Ich bin gestorben? Habe ich nur geträumt?“
„Das war kein Traum“, sagte Anoa. Auch die anderen regten sich langsam, setzten sich auf und blickten sich verwundert um. „Ihr seid alle gestorben. Meine Kraft reicht leider nicht aus, um euch endgültig aus dem Totenreich zurückzurufen. Aber ich habe erwirkt, dass ihr Sarah und Thomas einen letzten Freundschaftsdienst erweisen dürft.“
Sie schauten an den Kreuzen hoch und sahen, dass Sarah und Thomas bewusstlos herunterhingen. Es war auch gut zu erkennen, dass Sarahs Schultern die Last nicht ausgehalten hatten. Schweigend kletterten sie hoch und befreiten die beiden. Sarah und Thomas stöhnten dabei, erlangten aber nicht ihr Bewusstsein zurück.
„Folgt mir!“, befahl Anoa. Dann führte sie die Gruppe in ihr Versteck tief unter der Stadt. Nur ganz wenige Auserwählte wussten von diesem Ort, und weder Oluar noch irgendeiner seiner Vertrauten gehörten dazu. Das Versteck bestand aus mehreren Räumen, die nur durch ein Labyrinth aus Korridoren unter der Erde erreichbar waren. Wer nicht wusste, wie er zu gehen hatte, konnte es nicht finden. Selbst Katharina, die schon mehrmals hier gewesen war, zweifelte daran, das Versteck allein finden zu können.
Die Toten machten sich solche Gedanken nicht. Sie waren in dieser Welt nur Gäste für kurze Zeit. Sie legten Sarah und Thomas auf die vorbereiteten Betten und zogen sie auf Geheiß von Anoa nackt aus. „Verabschiedet euch“, sagte sie mit Tränen in den Augen. „Ihr müsst nun gehen. Mehr konnte ich leider nicht für euch tun.“
„Das war schon mehr, als wir erwartet haben“, erwiderte Lanaya. Sie beugte sich über Thomas und berührte seine aufgesprungenen Lippen mit dem Mund. „Lebe wohl, lieber Thomas. Ich beneide dich trotz allem nicht. Und mach dir keine Sorgen um uns.“ Dann küsste sie auch Sarah auf die Lippen, diesmal ohne etwas zu sagen.
Gire war kein Mann großer Worte, auch als Toter nicht. Er drückte kurz die Hand von Thomas und berührte mit den Fingerspitzen Sarahs schweißnasse Stirn. Die anderen machten es ähnlich. Kars gab Sarah zusätzlich einen zarten Kuss auf die leicht geöffneten Lippen, durch die stoßweise ihr Atem kam. Dann nahm Manty Katharina in die Arme. „Danke“, sagte er kurz.
Während Anoa die Toten nach draußen führte, begann ­Katharina damit, die Wunden der beiden Verletzten zu reinigen. Sie benutzte dazu einen Lappen, den Anoa ihr gegeben hatte, zusammen mit einem Eimer, in dem sich eine gelbgrünliche Flüssigkeit befand. Die Flüssigkeit roch seltsam und streng. Für einen Moment kämpfte Katharina gegen Übelkeit an. Sie schloss für einige Sekunden die Augen, dann begann sie mit ihrer Arbeit.
Als Anoa zurückkehrte, war sie mit Sarah schon fertig und säuberte gerade die rechte Handwunde von Thomas.
„Sind sie fort?“, fragte sie. Anoa nickte stumm und nahm eine Holzkiste, mit der sie sich neben Sarah auf das Bett setzte. Aus der Kiste holte sie getrocknete Blätter hervor, die sie auf die Wunden legte, begleitet von einem leisen Singsang. Als sie damit fertig war, legte sie je ein Blatt auf Herz und Stirn. Nun holte sie Stoffstreifen aus der Kiste und fixierte damit die Blätter. Dabei musste sie Sarahs Oberkörper anheben, um den Stoff um ihre Brust zu wickeln. Sie tat das mit einer erstaunlichen Leichtigkeit, wie Katharina für sich feststellte. Ihrer zarten Gestalt war diese Kraft nicht anzusehen.
Als Katharina auch die Wunden von Thomas gesäubert hatte, verfuhr Anoa mit ihm wie zuvor mit Sarah. Danach richtete sie sich auf und betrachtete zufrieden ihr Werk.
„Sie werden nun Schlaf brauchen, viel Schlaf. Was ist mit dir, mein Kind? Sie werden nach dir suchen und wissen, dass du geholfen hast.“
„Das ist mir egal! Ich kehre nicht mehr zu diesem … diesem Bastard zurück.“
Anoa nickte. „Hier bist du jedenfalls sicher. Du wirst sie begleiten, sobald sie gesund sind.“
„Begleiten? Wohin?“ Katharina starrte die Alte entgeistert an.
„Was denkst du? Dass sie hier ihr Leben verbringen werden?“ Anoa lachte. „Nein, nein. Sie haben eine Aufgabe, das sollten sie jetzt verstanden haben. Und auch du, meine Liebe, hast eine Aufgabe. Deine Jahre als Magd meiner lieben Tochter dienten nur der Tarnung, meinst du nicht auch?“
Katharina schwieg verwirrt. Sie betrachtete ihren Bruder, der nun regelmäßig atmete, genau wie Sarah. Was die Alte da auch getan hatte, es schien schon zu wirken. Anoa nahm sie beim Arm und zog sie mit sich nach nebenan, wo sie sich an einen kleinen Tisch aus Stein setzten. Aus einem Krug goss Anoa ihnen Tee in Becher, die sie vorhin schon hingestellt hatte. Dann lehnte sie sich zurück, die Tasse an den Mund führend, den Blick auf die junge Frau gerichtet.
„Wer bist du eigentlich?“, fragte Katharina.
„Sarahs Großmutter.“
„Die deine Tochter getötet hat!“
„Und ihren Vater, ich weiß. Sie wird einen guten Grund gehabt haben.“
„Gire hat gesagt, du wärst eine Hexe. Du hast weiße Augen, genau wie Sarah. Und Kayla, deine Tochter.“
„Ja, so ist es. Seun wusste das, aber es war ihm egal.“ Sie nippte nachdenklich am Tee. „Ich war mal eine Prinzessin und gehörte dem stolzen Geschlecht der Zbarsz an. Und für die Tochter einer Prinzessin der Zbarsz gehörte es sich nun mal nicht, sich in einen Sterblichen zu verlieben, nicht einmal in einen sterblichen König.“ Sie lachte bitter. „Das war es dann für mich mit der Prinzessin. Doch glaube nicht, dass ich mich beschwere. Ich hatte durchaus ein Leben, das ich nicht eintauschen würde. Und nun muss meine Enkelin das Erbe antreten. Sie ist eigentlich noch zu jung und unerfahren, aber Thomas wird sie beschützen.“
„Warum er? Er ist genauso unerfahren!“
Anoa nickte. „Und er ist mächtig. Mächtiger, als er ahnt.“
„Was redest du da?“
Anoa lächelte sanftmütig. „Ich erkenne dich. Auch du bist keine normale Sterbliche, genauso wenig wie dein Bruder. Im Bewusstsein seiner Kraft hätten sie ihn nicht ans Kreuz gekriegt, und er wäre jetzt wohl tot. Nein, so war es schon besser für ihn. – Ihr seid Vépos.“ Als Katharina protestieren wollte, winkte sie ab. „Keine Sorge, das macht mir nichts aus. Hexen und Vépos haben sich schon oft verbündet. Von mir brauchst du nichts zu befürchten. Deine Feinde suchen da oben nach dir.“
Katharina entspannte sich. Ja, die Hexe hatte recht. Und sie hätte schon viele Gelegenheiten gehabt, ihnen zu schaden. Sie trank zum ersten Mal vom Tee, der noch warm war. Immer noch. Er schmeckte leicht süßlich, mit einer angenehmen, kaum merklichen bitteren Note. Eigentlich ein Widerspruch. „Was ist das für ein Tee?“, erkundigte sie sich.
„Er belebt den Geist. Ein übliches Getränk unter uns Hexen. Gibt Kraft und Ausdauer, das werden wir wohl brauchen. Ihr vor allem.“
„Und wo sollen wir hingehen, wenn wir nicht hierbleiben?“
„Och, da habe ich schon eine Idee. Ich wüsste jemanden, der euch vielleicht helfen kann.“
„Wobei helfen?“ Katharina biss sich auf die Unterlippe. Das war eine doofe Frage.
Anoa lächelte nachsichtig. Ihr gefiel die junge Vampirin immer mehr. Vor allem diese irritierenden Augen mit ihren unterschiedlichen Farben. Auf ihre Art war sie ein hübsches Ding. Keine Kriegerin, zumindest nicht im üblichen Sinne. Aber sie hatte einen starken Willen, genau wie ihr Bruder.
„Es ist schon spät. Wir sollten schlafen gehen“, schlug Anoa plötzlich vor.
Katharina lachte. „Erst belebenden Tee trinken, dann schlafen?“
„Der Tee, meine Liebe, belebt den Geist, nicht den Körper. Dein Geist mag wach bleiben, auch wenn dein Körper schläft. Oder irre ich mich da?“
Katharina schüttelte den Kopf. „Wo kann ich mich hinlegen?“
Anoa zeigte auf das einzige Bett im Raum.
„Und du? Ich kann auch auf dem Boden schlafen, wenn du mir eine Decke gibst!“
Anoa lächelte und erwiderte: „Ich habe mein Bett nicht hier. Meine Art zu schlafen ist anders.“
Katharina begriff plötzlich, dass Anoa den Körper wie eine Haut ablegen konnte, und nickte. Als die Alte rausgegangen war, zog sie Stiefel, Hose und Jacke aus und kroch unter die Decke. Plötzlich fühlte sie sich sehr müde. Hoffentlich hatte die Hexe ihr kein Gift verabreicht, dachte sie, bevor sie die Augen schloss und sofort einschlief.
*
Thomas betrachtete die Narben an seinen Handgelenken. Er saß auf seinem Bett, nur mit einer Hose bekleidet. Hier unten schien es immer warm zu sein, jedenfalls fror er nicht. Er warf einen Blick auf Sarah. Sie lag in ihrem Bett und schlief, wie ihr regelmäßiger Atem verriet. Unter der dünnen Decke zeichnete sich ihr nackter Körper deutlich ab. Für einen kurzen Moment verspürte Thomas heftiges Verlangen nach ihm. Er erinnerte sich an den Duft von Sarahs Haut, an den Geschmack ihres Mundes und an die Hitze ihres Unterleibs. Er wusste nicht mehr, wann und warum sie beschlossen hatten, dass sie niemals ein Paar sein wollen würden. Und auch wenn sie einige Male miteinander geschlafen hatten, blieben diese intimen Begegnungen ohne Bedeutung und Zusammenhang. Ihre Leidenschaften prallten aufeinander und trennten sich danach wieder. Oft schliefen sie viele Monate nicht miteinander, dann wieder in einer Woche fast jeden Tag. Und zwischendurch mit anderen, er mit Lanaya zum Beispiel, sie mit Kars. Ihm fiel die ekstatische Hingabe der schlangenhaften Lanaya ein, und er merkte, dass sich seine Hände zu Fäusten geballt hatten.
Sarah war da anders. Auch in ihr brannte ein heißes Feuer, aber sie war die Löwin und Lanaya die Leopardin. Doch Lanaya war tot, und Sarah lebte. Und er lebte auch. Etwas, das er nicht begreifen konnte. Seine Freunde waren vor seinen Augen gestorben. Er konnte sich genau an den letzten Blick von Gire erinnern, bevor sein Körper erschlafft war. Und an seinen eigenen Schmerz, während er am Kreuz gehangen hatte. Sarah hatte völlig teilnahmslos gewirkt, aber sie war bei Bewusstsein geblieben. Zumindest waren ihre Augen offen gewesen. Und Lanaya mit dem seltsam schiefen Hals und den weit aufgerissenen Augen, die ins Nichts starrten. All das sah Thomas vor sich wie in einem nebligen Traum. Er konnte und wollte nicht akzeptieren, dass nur Sarah und er überlebt hatten. Und auch das nur, weil Oluar sie besonders lange hatte leiden sehen wollen.
Nein, das durfte nicht sein!
Sarah stöhnte und riss die Augen auf. Für einige Sekunden starrte sie in die Welt zurück, aus der sie gekommen war. Dann wurde ihr Blick klar und schweifte zu Thomas hinüber. Sie lächelte schwach.
„Du bist da!“
Thomas nickte stumm. Sarah hob ihre Decke an und sah ihn auffordernd an. Thomas schlüpfte aus der Hose und legte sich neben sie. Ihr Körper schien zu glühen. Sarah drückte sich an ihn und er reagierte.
„Ich brauche dich“, flüsterte sie. „Ich brauche dich so!“
„Ich bin da“, erwiderte Thomas heiser und spürte, wie er bis zur Schmerzgrenze hart wurde. Sarah entging seine Erregung nicht. Sie legte ein Bein über seine Hüfte, sodass er wie von selbst den Eingang fand. Sein Glied glitt mühelos in ihre Nässe hinein. Sie verharrten bewegungslos für einige Zeit. Sarah drückte ihr Gesicht in seine Halsbeuge und weinte lautlos. Erst als sie ihr Gesicht hob und ihn anschaute, begann er langsam sich zu bewegen. Sie suchte seine Lippen, sog ihn förmlich in sich auf, während ihre Zungen einander umschlängelten. Plötzlich presste sie den Unterleib gegen seinen, ihre zuckende Vagina massierte den Orgasmus aus ihm heraus, und als er sich in sie ergoss, hatte er das Gefühl, von ihr völlig verschlungen zu werden.
Er öffnete die Augen und blickte in die ihren.
„Wir können nicht ewig hierbleiben“, sagte sie leise.
„Wo willst du hin? Und was ist mit Oluar?“
„Ich weiß es nicht. Im Moment ist er für uns in unerreichbarer Ferne. Jeden Augenblick, den wir hierbleiben, bringen wir meine Großmutter und Katharina in Gefahr.“
Thomas nickte. „Ich glaube, wir können bald aufbrechen. Unsere Wunden sind gut verheilt. Und jucken werden die Narben noch eine ganze Weile. Wir sollten uns mit Anoa unterhalten. Vielleicht hat sie eine Idee, wo wir hingehen können.“
„Da bin ich mir ganz sicher.“ Plötzlich kicherte Sarah. „Du bist aus mir rausgeflutscht!“
„Soll ich ihn wieder reinstecken?“, erkundigte sich Thomas trocken.
Statt einer Antwort sprang Sarah aus dem Bett. Sich einen Umhang überwerfend verließ sie das Zimmer. Als sie zurückkehrte, war Katharina bei ihr. Sie brachte eine Schüssel mit Kürbissuppe zu Thomas ans Bett, die er gierig zu essen begann. Sarah zog den Umhang enger um sich und setzte sich neben ihm auf das Bett. Sie musterte seine Schwester.
„Anoa sagt, wir sollen zu Lord Dargk gehen“, sagte ­Katharina.
„Kenne ich nicht.“ Sarah sprang wieder auf und wanderte auf und ab. „Ich wünschte, ich wäre auch tot!“
„Geh doch zu Oluar“, bemerkte Thomas, scheinbar ungerührt.
„Hier!“ Sarah nahm ein Messer und reichte es ihm. „In mein Herz!“ Sie öffnete den Umhang und präsentierte ihm ihren nackten Oberkörper. Er betrachtete ihre wogenden Brüste, die vor wenigen Minuten noch so weich zwischen ihren Körpern gelegen hatten. Dann nahm er das Messer und warf es auf den Boden.
„Du spinnst. Ich bezweifle, dass er dir einen schnellen Tod gönnen würde. Und uns auch nicht.“
Sarah warf sich schmollend auf das Bett, sodass ein Teil der Suppe überschwappte. Thomas schüttelte den Kopf und aß dann ruhig weiter. Er kannte ihre Launen schließlich schon lange und gut genug. Katharina war da weniger abgehärtet. Sie nahm das Messer und legte es an seinen Platz. Dann wandte sie sich an Sarah:
„Auch wenn du Schmerzliches durchmachen musstest, ist das kein Grund, dass du dich wie eine Irre aufführst!“
„Lass gut sein, Schwesterherz.“
„Verteidigst du mich etwa?!“ Sarah setzte sich abrupt auf. „Ich bin kein kleines Kind!“
„Ach?“ Thomas grinste sie von der Seite an. „Ja, das ist wohl wahr. Auch wenn du dich so benimmst. Und, meine Liebe, wann lernst du endlich, dass mich das überhaupt nicht beeindruckt?“
Sarah kroch auf den Knien zu ihm, nahm ihm die leere Schüssel weg, warf sie auf den Boden und packte seinen Kopf. „Du lügst! Du liebst mich!“
„Mag sein.“ Er befreite sich aus ihrem Griff und richtete sich auf. „Du spielst wieder deine Spielchen. Wird Zeit, damit aufzuhören.“
„In Ordnung!“ Sarah sprang auf und verlor dabei endgültig ihren Umhang. Sie stand nun splitternackt vor ihm. „Dann schlag mich! Schlag mich, ins Gesicht! Los, ich befehle es dir!“
Katharina betrachtete die vor Erregung bebende junge Frau entgeistert. „Hat sie das öfter?“
Thomas zuckte mit den Schultern. „Das ist Teil ihres Spielchens.“ Dann schlug er zu – fest genug, dass Sarah auf das Bett fiel. Sie hielt sich die Wange, wo seine Hand sie getroffen hatte, und starrte ihn ungläubig an.
„Du hast es wirklich gewagt?“
„Das ist die Abkürzung“, erwiderte er ruhig. „Und jetzt zieh dich an.“
*
Anoa musterte die verweinten Augen ihrer Enkelin, war aber erfahren genug, um kein Wort darüber zu verlieren. Sie schenkte allen Tee ein, bevor sie sich in ihrem Stuhl zurücklehnte.
„Lord Dargk“, begann sie gedehnt, „wird euch helfen. Allerdings ist der Weg zu ihm nicht einfach. Ihr werdet die Hängebrücken von Heyges überqueren und wahrscheinlich auch Veglö passieren müssen. Vielleicht schafft ihr es auch ohne eine Begegnung, obwohl ich das nicht glaube.“
„Und wenn ich nicht zu diesem … Lord Dargk will?“, fragte Sarah provozierend.
„Jede gute Idee ist willkommen“, antwortete Anoa. Sarah presste die Lippen zusammen und schwieg. Lächelnd nickte Anoa und wandte sich dann an Thomas. „Lord Dargk ist ein mächtiger Mann, aber auch er wird Oluar nicht angreifen wollen. Ich bin mir sicher, dass er eine Idee haben wird, die euch hilft.“
„Warum sollte er uns helfen wollen?“, stellte Thomas die entscheidende Frage.
„Nun, sagen wir, er tut das mir zuliebe.“
„Ha!“, rief Sarah triumphierend. „Er ist verliebt in dich!“
„Er war es mal, ja“, erwiderte Anoa nachdenklich. Sarah biss sich verärgert auf die Unterlippe, als ihr klar wurde, dass sie die Gefühle ihrer Großmutter verletzt hatte. „Ob er das noch ist? Ich glaube nicht. Trotzdem wird er mir so eine Bitte nicht abschlagen. Außerdem mag er Oluar sicher nicht.“
„Was ist dieser Lord Dargk eigentlich?“ Thomas fand die Unterhaltung ermüdend, aber er hütete sich, seine Ungeduld allzu offensichtlich zu zeigen.
„Er ist der größte noch lebende Hexenmeister.“ Thomas hatte so eine Antwort erwartet und war nicht überrascht. Er gewann allmählich die Überzeugung, dass ihn gar nichts mehr überraschen konnte. „Nachdem der Rat uns wegen Kylas Liebe zu Seun verbannt hatte, verbrachte ich einige Jahre bei Lord Dargk und folgte dann schließlich meiner lieben Tochter hierher.“
„Wieso? Du hättest doch bei ihm bleiben können. Mama war auch bis dahin ohne dich ausgekommen. Ähm …“ Sarah wurde rot und biss sich erneut auf die Unterlippe. „Entschuldige, ich weiß heute nicht, was ich rede.“
„Nur heute?“ Thomas bereute seine Worte sofort, aber ungeschehen machen konnte er sie nicht. Sarah starrte ihn an und wirkte wirklich verletzt. Er atmete tief durch und sagte: „Tut mir leid.“
„Scheiße“, sagte Katharina seufzend. „Das wird ja eine lustige Reise.“
Sarah wischte sich hastig die Tränen ab und wandte sich an ihre Großmutter: „Also, warum?“
Anoa starrte scheinbar ins Nichts und antwortete erst nach einigen Minuten der Stille langsam: „Unsere Liebe war nicht stark genug.“
„Das verstehe ich nicht. Ihr habt euch nicht mehr geliebt?“
„Oh doch“, erwiderte Anoa. „Wir haben nie aufgehört uns zu lieben. Aber Liebe ist nicht die einzige Kraft des Universums.“
„Und?“, fragte Sarah. „Wie geht es weiter?“
„Gar nicht.“ Anoa erhob sich. „Ihr solltet schlafen, denn auf der Reise werdet ihr das selten tun können. Ich gehe einige Besorgungen machen. In der nächsten Nacht werdet ihr aufbrechen.“ Damit verließ sie den Raum.
„So kann man gleichzeitig viel und nichts sagen“, stellte ­Katharina staunend fest.
„Meine Begeisterung kennt keine Grenzen“, sagte Sarah säuerlich. „Wann ist eigentlich die nächste Nacht?“
„Nach diesem Tag.“ Thomas duckte sich blitzschnell unter Sarahs Hand hinweg. „Erst küsst du und dann schlägst du mich? Kein echter Mann kann eine Frau verstehen.“
Sarah räusperte sich und richtete sich auf. „Na schön. Ich bin ja kein Kind mehr. Packen wir also unsere Sachen zusammen!“
Katharina verkniff sich eine bissige Bemerkung. Wie es aussah, würden sie eine ganze Weile zusammen unterwegs sein, da war es besser, keine vermeidbaren Spannungen zu kultivieren.
Gemeinsam machten sie sich also daran, ihre wenigen Habseligkeiten zu packen.