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Leseprobe: Yaron

Yaron

An diesem zweiten Samstag im September hätte Yolande ausschlafen können. Samstage waren, wie schon erwähnt, Oskar-Tage und er ließ die Kasse klingeln, wie er seinen wöchentlichen Einsatz nicht ohne eine Spur von Genugtuung umschrieb. Der Neid musste es ihm lassen. An Oskar-Samstagen war wirklich immer etwas los in Yolandes Laden. Viele Kunden verschoben absichtlich ihre Einkäufe auf diese Tage, um seine flotten Sprüche nicht zu verpassen. Sogar die Jugendlichen zog es vermehrt auf die Bastelinsel. Oskar war Künstler und Yolandes bester Freund. Er konnte in allen Fachfragen, ob es sich nun um die Wahl des richtigen Pinsels oder Papiers, das Mischen eines Farbtones oder auch nur um den richtigen Blickwinkel auf ein Motiv handelte, stets um Rat gefragt werden. Ich möchte sogar behaupten, er war geradezu begierig danach, gefragt zu werden. Aber auch Briefumschläge und Grußkarten brachte er gekonnt an den Mann.
Als er an diesem Samstagmorgen um die Ecke bog, staunte er nicht schlecht, als er Yolande bereits im Schaufenster turnen sah. Sie hatte eben neue Preisetiketten an die beiden Tüten geheftet.
„Werde ich nun langsam senil oder du, liebste Yolande?“, fragte er verwundert und half seiner Freundin von der Schaufensterauslage herunter.
„Weder noch!“, antwortete sie und konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Er schaute wie ein Kind, dem man sein Lieblingsspielzeug weggenommen hatte.
„Ich habe heute noch einige Dinge im Büro zu erledigen, die ich schon seit Wochen auf die lange Bank schiebe, darunter auch ein paar Reduzierungen. Also dachte ich, nutze ich diesen Samstag.“
„Ach, so! Dann spiel du man heute Büromäuschen!“, brummte er in seinen Vollbart und nahm seinen Platz hinter dem Ladentisch ein. Diese Erklärung schien ihm auszureichen.
Yolande verzog sich gleich darauf in das kleine Zimmer neben dem Verkaufsraum, ließ jedoch die Tür einen Spalt breit offen stehen, und setzte sich an den Schreibtisch. Das Sortieren von Rechnungen und Belegen war zwar nicht dringend angesagt, wie sie Oskar vorgeschwindelt hatte, doch es konnte auch nichts schaden, sagte sie sich. So hatte sie am Monatsende weniger zu tun. Die kleinen und größeren Zettel nach Datum zu sortieren, ließ Yolandes Konzentration gerade noch zu, denn mit einem Auge verfolgte sie, soweit sie es einsehen konnte, das Geschehen vor dem Kassentisch. Als es halb zwölf schlug und noch immer kein Junge mit braunen Haaren den Ladenraum betreten hatte, wurde sie unruhig. Sie zog in Erwägung, dass sie ihn vielleicht übersehen hatte. Außerdem konnte sie nicht sicher sein, dass die Schultüten nicht auch schon andere Abnehmer gefunden hatten und somit der Anreiz für den Jungen gar nicht mehr bestünde. Yolande brühte zwei Becher Kaffee auf und ging mit ihnen nach draußen zu Oskar. Ein kurzer Blick in die Auslagen genügte ihr, um zu sehen, dass ihre letzte Befürchtung nicht zutraf. Die Tüten waren noch an ihrem Platz.
„Hier, nimm, Oskar! Kaffeepause!“ Sie hielt ihrem Freund den größeren der beiden Becher hin. „War heute schon ein etwa zehnjähriger Junge hier? Ein Junge mit ganz außergewöhnlich braunen Haaren?“ Natürlich war sie bemüht, ihre Frage mehr oder weniger beiläufig klingen zu lassen. Sie trank hastig einen Schluck Kaffee und verbrannte sich prompt die Zunge daran.
„Außergewöhnlich braune Haare? Du machst mich neugierig. Meinst du Umbra oder Savanna?“, hakte Oskar nach.
„Wenn du es genau wissen willst, so würde ich es eher als Palisander bezeichnen. Das Braun gleicht diesem dunklen Holz mit seinen vereinzelt hellen Nuancen. Und dazwischen findet sich auch noch ab und zu eine Spur Rot. Das kennst du doch, oder?“
Yolande liebte es, Dinge so genau wie möglich zu beschreiben. Bei ihrer Schwester wäre sie damit auf Unverständnis gestoßen, doch bei Oskar war dies nicht fehl am Platz. Er konnte genauso gut mit Farben wie mit Worten malen und mochte es, wenn sie es ihm gleichtat.
Er schien die Kunden des Vormittags in Gedanken durchzugehen. Dann erst antwortete er.
„Nein, ein solcher Knabe ist mir heute noch nicht untergekommen. Der wäre mir aufgefallen. Hundertprozentig! Soll ich dich rufen, wenn er auftaucht?“
Yolande schüttelte den Kopf. „Ein kleines Zeichen genügt. Vielleicht hüstelst du ein bisschen.“ Immer noch um Beiläufigkeit bemüht, trottete sie zurück ins Büro. Als sie sich an der Tür noch einmal umblickte, sah sie Oskars befremdlichen Gesichtsausdruck. Es war nur unschwer zu erkennen, dass er nicht viel vom Parole-Husten hielt. Yolande war sich jedoch sicher, dass er ein eindeutiges Zeichen finden würde, so er eines benötigte. Schmunzelnd machte sie sich wieder an ihre Sortierarbeit und stapelte die Belege, um sie zügig abarbeiten zu können. Was sich alles im Laufe eines Monats so ansammelt, schoss es ihr durch den Kopf, war schon erstaunlich. Dabei hatte der September doch erst begonnen.
„Papierkram!“, seufzte sie und wurde sich sogleich der Pointe bewusst, die in diesem Wort lag. Sie handelte schließlich mit Papierkram.
Der Morgen verging und der Ladenschluss um 14 Uhr rückte langsam näher. Immer deutlicher hörte Yolande das Ticken der Standuhr neben dem Kassentisch, dabei gab es Tage, da nahm sie nicht eine Sekunde tickend wahr. Warten sensibilisiert Menschen wohl für solche Geräusche, stellte sie fest.
„Du, Yolande …“, hörte sie plötzlich Oskars Stimme aus dem Verkaufsraum, „… wie heißt noch mal gleich der Baum aus dem Regenwald? Gibt es von dem nicht auch eine kleinere Variante?“
Sie stutzte. Was war denn das für eine seltsame Frage? Mit dem Baum aus dem Regenwald spielte Oskar zweifelsohne auf den Palisander an. Doch was um alles in der Welt wollte der alte Kauz ihr mit der kleineren Variante andeuten? Sie ging auf Zehenspitzen zur spaltbreit geöffneten Tür und lugte hinaus. Soweit sie den Verkaufsraum überblicken konnte, sah sie den Jungen vom Vortag nirgendwo.
Oskar hatte sich zum Büro umgedreht und formte mit seinen Lippen einige Wörter, die sie aber nicht erkennen konnte. Sein dichter Bart, der ihm wild um den Mund wuchs, wippte nur ständig auf und ab.
Mit einem Achselzucken signalisierte sie ihm, dass sie nicht verstand, was er ihr sagen wollte. Er überlegte kurz und startete einen weiteren Versuch.
„Ich glaube, wir müssen bald wieder die Schaufenster putzen. Die Kunden drücken sich bereits die Nasen platt, weil sie so nah ran müssen. Man sieht kaum noch etwas.“
Nun hatte Yolande verstanden. Sie blieb, wo sie war und nickte ihm nur zu. Gleich darauf bimmelte die Klingel an der Ladentür und sie hörte Oskar, der die Neuankömmlinge in seiner gewohnt fröhlichen Manier begrüßte.
„Kommen Sie rein, junge Dame, dann können sie rausschauen! Ah, ich sehe, sie haben einen Begleiter mitgebracht. Was darf ich Ihnen denn Schönes anbieten?“
Yolande sah durch den Spalt ein kleines Mädchen an den Ladentisch treten, das dieselben braunen Haare hatte wie der Junge, der gleich hinter ihr ging. Sie drehte sich zu ihm um und machte kleine Zeichen mit ihren Fingern. Daraufhin wandte sich der Junge an Oskar.
„Wir hätten gerne die Schultüte aus dem Schaufenster, die rote mit den Elfen“, sagte er ein wenig zu laut. Seine Stimme klang unsicher und nervös und überschlug bei manchen Lauten. „Sie kostet wirklich nur 4 Euro 10?“
Oskar war schon auf dem Weg zur Auslage und brummte wie gewöhnlich.
„Das werden wir gleich sehen. Es gibt nichts bei uns, das keinen Preis hat. Soviel steht schon einmal fest.“
Wieder gab das Mädchen dem Jungen kleine Zeichen und zuckte dabei mit den Schultern. Er stellte daraufhin seine Frage noch einmal.
„Sie kostet wirklich nur 4 Euro 10?“
Oskar kam mit dem Traum in Pink zurück und löste vorsichtig das Etikett, das er an den Jungen weiterreichte. Nun konnte dieser sich selbst überzeugen. Er nickte aufgeregt. Yolande konnte aus ihrem Versteck wieder die roten Flecken sehen, die sich von seinen Wangen über das gesamte Gesicht ausbreiteten. Er war von Natur aus sehr blass. Wie hatte ihre Mutter früher zu einer solchen Gesichtsfarbe gesagt? – Ein Teint wie Milch und Spucke.
„Wir nehmen sie!“, rief das Mädchen freudig und klatschte dabei in die Hände. Ihre Stimme klang hell, aber lange nicht so schrill und so unsicher wie die ihres Begleiters. Als sie einen Schritt zur Seite trat, um die Tüte aus Oskars Händen entgegenzunehmen, sah Yolande wiederum die zerschlissene Geldbörse, die ihr schon am Tag zuvor aufgefallen war. Der Junge hielt sie fest an sich gedrückt, öffnete aber den Drehverschluss und begann, einige Münzen auf den Tisch zu zählen.
„Darf es denn noch etwas sein? Vielleicht etwas zum Hineintun?“, fragte Oskar in jovialem Ton. Er hatte seine Frage direkt an den Jungen gestellt, da er offensichtlich der Herr über die Finanzen war. Doch der Junge blickte nach unten und reagierte nicht.
Dafür tat es das Mädchen. Sie zog den Jungen am Ärmel und wies mit dem Kopf in Oskars Richtung. Dann wiederholte sie langsam und deutlich die Frage, ohne den Blick von seinen Augen zu nehmen. Er schüttelte den Kopf und das Mädchen tat es ihm gleich.
Oskar nahm die Münzen auf und sammelte sie in seiner linken Hand. Yolande sah, dass er sie währenddessen zählte. Es konnten kaum größere als 50 Cent-Münzen dabei gewesen sein, denn auf seiner Handfläche türmte sich gleich darauf ein stattlicher Haufen. Doch Oskar hatte auch dazu einen flotten Spruch auf Lager.
„Danke, die Herrschaften …“, sagte er mit einer angedeuteten Verbeugung. „… wie abgezählt! Beehren Sie uns bald wieder!“
Dabei setzte er sein wärmstes Lächeln auf und geleitete daraufhin die beiden Kinder noch bis zur Tür. Mit dem üblichen Gebimmel schloss sie sich hinter den zwei schmalen Rücken und Oskar hatte es sichtlich eilig, zu Yolande an die Bürotür zu kommen.
„Nun sag mal, denkst du auch das, was ich denke?“, begann er schon zu fragen, bevor er beim Büro anlangte.
Yolande wusste nicht, auf was er anspielte. Sie meinte sich zu erinnern, dass sie an gar nichts Bestimmtes dachte. Sie fühlte nur übergroße Freude. Immerhin hatte sie mit ihrer Vermutung Schultüte richtig gelegen. Ihr Plan war aufgegangen, was wollte sie mehr? Das strahlende Gesicht der Kleinen und der aufgeregte Junge, der nun wahrscheinlich noch Geld übrig behalten hatte, hielten sich vehement vor ihrem inneren Auge. Da war kein Platz für große Gedanken. Yolande war einfach nur rundherum zufrieden. Von den Gewissensbissen, die sie noch am Abend zuvor geplagt hatten, konnte Oskar ja nichts wissen.
„Mit dem Jungen stimmt doch etwas nicht!“, fuhr er unbeirrt fort. „Er hört entweder gar nichts oder nur ganz, ganz schlecht. Hast du etwa nicht die Zeichen gesehen, die die Kleine ihm immer wieder gab? Seltsam!“
Oskars Worte holten Yolande abrupt in die Gegenwart zurück. Natürlich hatte sie diese Zeichen auch gesehen. Sie überlegte kurz und kam dann zu dem Schluss, dass durchaus diese Schwerhörigkeit der Grund gewesen sein konnte, der am Vortag zu der überstürzten Reaktion des Jungen geführt hatte. Das schien ihr nun sogar sehr plausibel. Er hatte sie am Freitag einfach nicht kommen hören. So musste es gewesen sein! Als er sich schließlich umdrehte und ihr Gesicht schon dicht über seinem sah, hatte er es mit der Angst zu tun bekommen. Diese Erklärung beruhigte Yolande. Sie hatte nichts falsch gemacht.
„Ja“, seufzte sie erleichtert. „Solche Behinderungen gibt es leider auch heute noch. Doch glücklicherweise sind die technischen Errungenschaften da schon ein gutes Stück weiter. Heute kann man dagegen etwas tun. Früher, als wir klein waren …“
Weiter kam sie nicht. Oskar unterbrach sie unwillig. Er schüttelte ungläubig den Kopf.
„Ich merke, du verstehst mich nicht! Es geht mir nicht um die Taubheit im Allgemeinen. Dieser Junge will seine Einschränkung überspielen. Hast du das denn nicht bemerkt? Das macht mich stutzig! Das Mädchen, ich denke es ist seine Schwester, hört für ihn und übersetzt alles mit diesen kleinen Fingerzeichen. Es ist eine Art Gebärdensprache. Aber ich vermute, es ist nicht die offizielle Gebärdensprache. In den Nachrichten im Fernsehen sieht das irgendwie anders aus. Das muss eine Zeichensprache sein, die es nur zwischen den beiden gibt.“
„Und warum findest du das seltsam?“ Fast trotzig stellte Yolande diese Gegenfrage. „Ich finde so etwas rührend!“ Sie wollte sich ihre wiedergewonnene Ruhe nicht durch Oskars aus der Luft gegriffenen Befürchtungen erneut nehmen lassen.
„Natürlich ist es auf eine Art rührend. Aber bedenke doch, wenn sie für andere Leute dieses Spiel spielen und ihre eigene Sprache entwickelt haben, so heißt das doch, dass einzig und allein sie davon wissen. Und das wiederum bedeutet, dass sie davon überzeugt sind, es müsse ihr Geheimnis bleiben. Dabei stellt sich mir die Frage nach dem Warum! Dir etwa nicht?“
Was sollte Yolande darauf antworten? Sie hatte den vorwurfsvollen Ton in Oskars Stimme bemerkt. Er sah etwas im Verhalten dieser Kinder, das sie so nicht sah. Deshalb überlegte sie, ob man heutzutage auch noch mit einem Stigma behaftet war, wenn man nichts hörte. Das wollte sie einfach nicht glauben. Es gab doch auch schon Babys mit Brillen. Soweit sie informiert war, wurden Brillen für Kinder in vollem Umfang von den Krankenkassen übernommen. Was aber für Brillen galt, sollte doch auch für Hörgeräte gelten. Oder?
„Ich sage dir, Palisander und Palisandrinchen hüten ein Geheimnis. Ich habe ein sonderbares Gefühl in der Magengegend und das trügt mich selten. Wir sollten dem weiter nachgehen. Kommen die beiden öfter zu dir in den Laden?“ Oskar hatte nun relativ leise gesprochen. Es hatten erneut Kunden den Laden betreten.
„Das Mädchen sah ich heute zum ersten Mal. Der Junge dagegen war schon mehrmals hier. Er wollte wohl eine Schultüte für seine Schwester basteln. Ich nehme an, es scheiterte am Geld für das Material. Darum habe ich die beiden Tüten auch so drastisch reduziert. Ich hoffte, er würde heute noch einmal wiederkommen.“
Yolande zitterte mit einem Mal. Ihr gutes Gefühl war dahin. Oskars Befürchtungen hatten sich nun ohne eine konkrete Form auch auf sie übertragen.
„Wir sollten die beiden weiter im Auge behalten! Dieses Geschwisterpaar hat eine besondere Geschichte, die mich neugierig macht.“ Oskar kraulte ausgiebig seinen Bart. Yolande kannte diese Angewohnheit. Sie war ein untrügliches Zeichen dafür, dass er einen Entschluss fasste. „Ich frage mich nur, wie wir sie wiederfinden sollen. Du kennst nicht zufällig ihren Namen?“
„Nein, der ist mir nicht bekannt. Aber ich bin mir sicher, wir werden sie wiedersehen, wenn wir am Montag zur Einschulungsveranstaltung in die Ringschule gehen. Was meinst du, sollen wir?“
Sie zwinkerte Oskar auffordernd zu und er hob seine Augenbrauen. Die Sache war abgemacht.

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Leseprobe: Amra und Amir – Abschiebung in eine unbekannte Heimat

Amra und Amir

Als Nina ins Boot kletterte, war Amra schon da. Sie hatte geweint, das war nicht zu übersehen, und eine weinende Amra bedeutete Schlimmes. Nina hatte Amra seit dem Kindergarten nur äußerst selten weinen gesehen.
Als Nina das Bündel Elend, das sie da vor sich sah, in den Arm nehmen wollte, zuckte Amra zurück und hielt ihr einen Brief vor die Nase. Ausländerbehörde, las Nina. Was wollten die denn von Amra? War etwas mit ihrer Mutter? Amra und Ausländer, das passte in Ninas Kopf einfach nicht zusammen. Amra war immer schon da gewesen, so wie sie auch. Es konnte nur um ihre Mutter gehen.
Nina achtete nicht auf die kleinen Fische, die in Gruppen rund um das Boot schwammen, sah auch nicht den Frosch, der neugierig aus dem Schilf nach den beiden Mädchen spähte, die seine Ruhe störten. Sogar den fast zahmen Sperling, der die beiden hier häufig besuchen kam, um dann schnabelwetzend sein Futter einzufordern, das er gewöhnlich in Form von mitgebrachten Kekskrümeln bekam, verjagte Nina heute ungeduldig, indem sie mit dem Brief vor seinem Schnabel herumwedelte und ihn dabei fast von der Bootskante ins Wasser stieß. Die Naturidylle, die sie hier sonst genoss, machte sie heute nervös. „Was ist das?“, fragte sie, während sie den Brief ungeduldig aus dem Umschlag zerrte und sich so die Antwort selbst gab.
Schon seit sie Amras SMS während der Mathematikarbeit am Morgen gelesen hatte, spürte Nina einen Knoten im Bauch, der zunächst aber mehr aus Spannung und sogar ein wenig aus freudiger Erwartung bestanden hatte, was sie sich allerdings nicht eingestehen wollte. Amra und sie als Paar – vielleicht wäre das ja wirklich was?
Aber jetzt zog sich der Knoten zusammen, wurde härter und spie eine ungekannte Angst aus, die sich in ihrem ganzen Körper ausbreitete und jede Zelle erfasste. Jede freudige Erwartung, die da insgeheim gewesen sein mochte, zerplatzte mit einem lauten Knall, den allerdings außer Nina niemand hören konnte.
Das Schreiben bestand nur aus einem ganz kurzen Text, den sie zunächst gar nicht verstand, nicht verstehen wollte. Was hatte das denn mit Amra zu tun? Bestimmt war alles ein Irrtum. Sie las noch einmal, ihre Augen suchten nach dem Namen, fanden ihn und da stand wirklich Amras Name. Nina las noch einmal und sprang dann entsetzt auf. „Amra …“ Das Boot kam gefährlich ins Schwanken, und als Nina das Gleichgewicht verlor, packte Amra sie im letzten Moment geistesgegenwärtig am Hosenbund und zog sie neben sich auf die Sitzbank im Boot, die aus einem leicht vermoderten Brett bestand. Schon lange hatten sie sich vorgenommen, ein neues Brett anzubringen, es aber immer wieder vergessen. Es ächzte bedrohlich, als Nina nun mit Schwung darauf plumpste.

„Amra“, schrie Nina, „was soll das?! Du bist hier zu Hause, du bist meine Freundin, das können die doch nicht machen! – ?“ Ein leicht verunsichertes Fragezeichen tönte mit etwas Verspätung hinterher.
Wie hat sie das hingekriegt?, fragte sich Amra, die nicht mehr klar denken konnte und sich selbst dabei beobachtete, wie sie seltsame Dinge sah, hörte und dachte, die so gar nichts mit dem eigentlichen Problem zu tun hatten, das sie völlig aus der Bahn geworfen hatte. Nur mit Mühe konnte sie sich konzentrieren und sie erinnerte sich, warum sie beide heute hier im Boot saßen.
„Sehr geehrte Frau Amra Mekuli, Sie werden hiermit aufgefordert, Deutschland innerhalb eines Monats nach Erhalt dieses Schreibens zu verlassen und in Ihr Heimatland Kosovo zurückzukehren“, las Amra sich selbst und Nina laut vor.

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Leseprobe: Zu Hause in Deutschland – Gleiche unter Gleichen?

Zu Hause in Deutschland

Vorab

Maria Braig (Herausgeberin)

Zwei-Welten-Kind nennt sich Marina Maggio, von der die Idee stammte, eine Textsammlung mit Beiträgen von Menschen zusammenzutragen, die in Deutschland geboren sind, die Deutsche sind, aber doch von vielen Deutschen nicht als ihresgleichen gesehen werden. Von Einheimischen, denen das Einheimischsein gerne abgesprochen wird, weil sie bestimmte Eigenschaften besitzen: weil sie Schwarz sind, weil sie asiatische Vorfahren haben, weil sie ein Kopftuch tragen, …, einfach weil sie anders sind oder vielmehr als anders gesehen und beurteilt werden.
Dabei stellt sich hier die Frage: Warum sind sie anders? Oder noch besser, warum sind gerade sie anders? Die Anderen sind ja immer diejenigen, die wir selbst gerade nicht sind. Also sind wir, je nach Perspektive, alle anders oder eben niemand.

Zwei-Welten-Kinder: Sind sie das wirklich oder werden sie nur dazu gemacht?

Es gab Diskussionen während ich auf der Suche nach Texten für dieses Buch war. Die Frage kam auf: Darf eine weiße Frau ein Buch mit Texten von Schwarzen Menschen herausgeben? Oder dürfen sie das nur selbst tun? Oder darf sie das tun, muss sich aber anders, grundsätzlicher mit Rassismus auseinandersetzen, als ich dies in diesem Buch kann und will?
Manche Autor*innen sind wegen dieser Frage abgesprungen, ich selbst begann zu zweifeln, habe mich dann aber dennoch entschieden, weiter an der Anthologie zu arbeiten.
Ich selbst bin weiß, deutsch, anatomisch weiblich und katholisch geboren. Lediglich den Katholizismus habe ich abgelegt, der Rest klebt an mir und ich versuche, mich damit auseinanderzusetzen, finde aber immer wieder leere oder falsch besetzte Stellen in der Landkarte meiner Erkenntnisse und in meiner Auseinandersetzung mit den Problemstellungen. Dies ist für mich persönlich aber kein Grund, nicht weiter zu lernen und parallel dazu in die Öffentlichkeit zu gehen. Auch wenn ich (noch) nicht alle meine rassistischen Anteile, alle (unbewussten) Vorurteile und Klischeevorstellungen, die ich mit mir herumschleppe, ablegen konnte – ich bin fast sicher, dass es niemanden gibt, dem dies hundertprozentig gelingt, auch wenn wir das gerne von uns glauben möchten – so sehe ich doch nichts Falsches daran, das Thema Rassismus zu bearbeiten und meine Möglichkeiten auszuschöpfen: Ich habe die Möglichkeit zur Veröffentlichung und kann deshalb die Möglichkeit, Texte öffentlich zu machen, wie in Form dieser Textsammlung, weitergeben an andere, die selbst diese Gelegenheit nicht haben.
Parallel zu meiner Arbeit an diesem Projekt, schlug mir der Verlag 3.0 vor, in der Fortsetzung der Anthologie „Jetzt bin ich hier“ einen weiteren Band mit Texten von geflüchteten Menschen zusammenzustellen.
Herausgekommen ist nun letztendlich dieses Buch, das beide Ideen in sich verbindet.
Im ersten Teil „Angekommen“ habe ich erneut Texte von Geflüchteten zusammengetragen. Sie handeln meist von der Flucht und den Gründen, die Heimat zu verlassen, vom Ankommen in der Fremde und dem Versuch dort heimisch zu werden.
Im zweiten Teil „Angenommen?“ finden sich Texte von eben diesen Angekommenen und von immer schon Dagewesenen, die erzählen, welche Unterschiede zwischen Menschen gemacht werden, wie viel Diskriminierung sie erfahren, einzig aus dem Grund, weil sie sich äußerlich von der Mehrheit unterscheiden. Die Autor*innen beschreiben, wie ihnen wegen Äußerlichkeiten die grundsätzliche Gleichheit abgesprochen wird, wie sie zu Den Anderen gemacht werden, zu Zwei-Welten-Kindern, auch wenn sie selbst das so gar nicht empfinden.

Was fehlt, was aber ein ganz eigenes neues Projekt wäre, ist die Antwort auf die Frage, warum das so ist und welche Eigenschaften eigentlich wirklich zählen und weshalb gerade diese. Warum unterscheiden wir Menschen anhand ihrer Hautfarbe und ihrer Religion? Warum werden Schwarze Menschen oder Muslime nicht automatisch ebenso als Deutsche wahrgenommen, wie Weiße, die äußerlich ihre nichtchristliche Religionszugehörigkeit nicht zu erkennen geben?
Dass sich Nationalität nicht an der Haufarbe festmacht, ist im Sport keine Frage. Warum dann bei gewöhnlichen Menschen?
Was verbirgt sich hinter dieser Ab- und Ausgrenzung, welche Ängste stecken dahinter?

All diese Fragen kann dieses Buch nicht beantworten, aber es kann dazu beitragen, auch den weißen christlich sozialisierten Deutschen aufzuzeigen, dass es diese Probleme gibt. Es kann ihnen vielleicht zum ersten Mal klar machen, dass sie selbst auch oft noch so denken und dadurch genau dieses diskriminierende Denken aufbrechen. Das wäre ein erster Schritt, auf den andere, wie die Beantwortung der Frage nach dem Warum folgen können. Vor allem aber, was mir wichtiger erscheint, als das Warum zu klären, soll das Buch dazu beitragen, durch das Aufzeigen der Situation diese zu verändern.

Denn wer ein Problem erkennt, kann dieses auch beseitigen. Wer erkennt, dass er/sie unbewusst unterscheidet, wo es nichts zu unterscheiden gibt – nicht bei den Ankommenden und nicht bei den immer Dagewesenen – kann die Zukunft gemeinsam auf Augenhöhe lebenswert machen.

(Alle Honorare von Autor*innen und Herausgeberin, die durch den Verkauf dieses Buches entstehen, gehen in die Flüchtlingsarbeit oder in Empowerment-Projekte.)

Blick ins Buch