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Leseprobe: Amra und Amir

WIE ALLES KAM

Vor über zwanzig Jahren, als Jugoslawien und seine Menschen in einem Krieg zerbrachen, den die meisten nicht hatten kommen sehen – denn Kriege gab es ja immer irgendwo auf der Welt, aber doch seit 1945 nicht mehr in Europa –, da hatten Amras Eltern ihre Heimat verlassen und waren in der kleinen Stadt im Norden Deutschlands gestrandet. Sie kamen beide aus Priština, der Hauptstadt des Kosovo, den bis dahin kaum jemand in Deutschland gekannt hatte. Sie wollten nur kurz bleiben, doch der Krieg blieb lange und so blieben sie auch.
Beide fanden sie Arbeit und schnell auch Freunde in der kleinen Stadt, denn Amras Eltern waren allen und allem gegenüber aufgeschlossen und hatten auch zu Hause im Kosovo schon immer ein offenes Haus und ein offenes Ohr für alle gehabt.
Krieg und Flucht hatten tiefe Spuren in den beiden damals noch jungen Menschen hinterlassen. Aber zunächst verdrängten sie diese mit all den Notwendigkeiten und Aufregungen, die die neue Heimat – auch wenn sie nur eine Heimat auf Zeit sein sollte – und das neue Leben mit sich brachten, und begruben die Ängste und Schrecken, die sie durchgestanden hatten, tief in ihrem Inneren. Sie lebten fast so weiter, wie sie es vor dem Krieg gewohnt gewesen waren.
Dann kam Amra zur Welt. Mit ihr zerbrach die äußerste Schutzschicht von Amras Mutter, die sie davor bewahrt hatte, sich den Erinnerungen und Schrecken des Krieges und all seinen Folgen stellen zu müssen.
Aber wie eine Zwiebel besitzt die Seele des Menschen vielerlei schützende Häute, und zerbricht die erste, so blitzt zwar ein kleines Erinnern auf, aber nur kurz, denn da sind ja noch genügend andere, die weiterhin Schutz gewährleisten.
Und dann war da ja nun Amra, dieses kleine Wunder, und die Frau aus dem Kosovo wurde zur Mutter. Sie gab ihre Arbeit auf und widmete sich dem Kind, auf das sie lange gewartet und schon fast nicht mehr gehofft hatte.
Und als Mutter vergaß die Frau wieder, dass sich da kurz eine Erinnerung hatte ihren Weg nach draußen bahnen wollen.
Der Mann dagegen blieb Mann und zwischen Mutter und Mann war das Kind – geliebt zwar von beiden, aber der Mann ging weiterhin arbeiten, traf seine Freunde und kam nur nach Hause, um zu schlafen. So blieb er dem Kind ein Fremder und für die Frau, die jetzt nur noch Mutter war, um sich zu schützen, wurde er ein solcher.
Amras Vater spürte genau, wie er sich entfernte, wie die Liebe sich davonschlich und wie er sie nicht halten konnte. Er litt darunter, aber er hatte nie gelernt, über diese Dinge zu sprechen. Schon bevor Amra zur Welt kam, hatte das begonnen. Nachdem das Leben in Deutschland zum Alltag geworden war, nachdem er sich eingerichtet hatte und der Krieg nicht enden wollte, begann in ihm langsam etwas zu reißen. Auch in seinem Inneren waren die erlebten Schrecken vergraben und auch er wollte sie nicht ans Licht lassen. Als Amra geboren wurde und der Mann in den Augen der Mutter erkannte, dass sich in ihr etwas seinen Weg nach draußen zu bahnen begann, da ergriff er die Flucht. Die Flucht in die Arbeit und abends an den Tresen. Als die Nachricht vom tödlichen Arbeitsunfall kam, war er für die Mutter schon lange ein Fremder geworden, dessen Tod sie zwar erschreckte und irgendwo in ihr etwas berührte, aber dann drehte sie sich um und das Leben ging weiter. Amra war drei Jahre alt, als der Vater ums Leben kam. Die Mutter ging nun wieder zur Arbeit, während Amra im Kindergarten erste Freundschaften schloss.
In Amras Mutter war beim Tod dieses fremden Mannes, der einmal Amras Vater hatte werden sollen, erneut eine schützende Haut gerissen. Sie stürzte sich in die Sorge um ihr vaterloses Kind, das aber ja immer schon vaterlos gewesen war und den Verlust deshalb nicht wirklich erlebte, und in die Arbeit, um sich zu betäuben.
Amra wurde größer, die beiden erlebten, was alleinerziehende Mütter und alleinerzogene Kinder eben so erleben. Alles in allem ging es ihnen gut und sie fühlten sich geborgen in ihrer kleinen Stadt zwischen zumeist freundlichen Arbeitskolleginnen und Schulkameraden.
Amra verließ den Kindergarten und wurde eingeschult. Sie ging gerne in die Schule, sie lernte schnell und hatte Spaß daran. Sie verstand sich gut mit den anderen in der Klasse und vor allem war da auch Nina, die in der Nachbarschaft wohnte und mit der sie schon befreundet war, seit sie überhaupt denken konnte. Es dauerte nicht lange und die beiden Mädchen wurden nur noch im Doppel gesehen. Wann immer die Eltern es erlaubten, übernachtete die eine bei der anderen. Amra aß meistens bei Nina zu Mittag, wenn ihre Mutter erst spät von der Arbeit nach Hause kam. Die beiden machten gemeinsam ihre Hausaufgaben und hinterher die Gegend unsicher. Fast immer waren sie unterwegs, im naheliegenden Wäldchen – was eigentlich verboten war – oder in der kleinen Stadt – was erlaubt war mit bestimmten Vorgaben, die nur selten von den Mädchen eingehalten wurden.
Wo die beiden auftauchten, wurde Amra auf den ersten Blick für einen Jungen gehalten, denn sie hatte sich schon bald eine Igelfrisur zugelegt und sich noch nie so verhalten, wie es die Leute von einem Mädchen erwarteten.
Schnell hatten die beiden Freundinnen herausgefunden, dass es ein schönes Spiel war und so manche Vorteile mit sich brachte, wenn sie sich an Orten, wo man sie nicht kannte, als Bruder und Schwester oder als Liebespaar ausgaben. Sie mussten aber schnell feststellen, dass Bruder und Schwester gewöhnlich besser ankamen. Über knutschende Kinder wurde meist nur gelacht.
Innerhalb der Clique, die sich schon in den ersten Schuljahren entwickelte, blieb Amra solange das ganz gewöhnliche Mädchen in den Augen der anderen, wie die Aufteilung in Geschlechter noch keine wirkliche Rolle spielte. Als sie älter wurde und irgendwie die Entwicklung zum Girlie verpasste, die die anderen fast alle unmerklich vollzogen hatten, war sie schon ein so fester Bestandteil der Gruppe, dass es niemandem auffiel. Amra war eben Amra und das blieb sie auch. In manchem ein wenig anders als andere, aber sie wussten ja auch alle, dass Amra es nicht ganz einfach hatte zu Hause. Allein mit einer Mutter, die immer häufiger depressive Phasen durchlebte und in Löcher fiel, aus denen sie ohne ihre starke Tochter nicht wieder herausgefunden hätte.
Und Amra machte sich notgedrungen stärker, als sie eigentlich war, legte sich eine harte Schale zu und glaubte irgendwann selbst daran, unverwundbar und Retterin ihrer Mutter zu sein. In dieser Rolle hatte sie sich eingerichtet und fühlte sich zumeist auch ganz wohl damit. Nur selten fiel Amra auf, dass Coolness nicht immer der beste Weg war, um durchs Leben zu gehen, aber das vergaß sie dann ganz schnell wieder und steckte die Hände in die Taschen ihrer Cargohose. Breitbeinig ging sie den Herausforderungen ihres Teenagerlebens entgegen, das sie auf ihre burschikose und straighte Art wesentlich besser zu meistern in der Lage war als in der Rolle des Klein-Mädchens, wie sich plötzlich die meisten ihrer Freundinnen gaben. Amra wunderte sich, was aus ihnen wurde, fragte sich, was diese Veränderung ausgelöst hatte – und blieb sie selbst: Amra, die Starke, die immer Fröhliche, die Hilfsbereite, die Witzige. Wie es wirklich in ihr aussah, das ging ja schließlich niemanden was an, vielleicht nicht einmal sie selbst.
Alle mochten Amra, aber nur wenige erkannten auch die empfindsame, leicht zu verletzende und schwache Stelle in ihr, die sie gekonnt hinter ihrem coolen Auftreten verbarg.
Die Tiefphasen der Mutter wurden mit den Jahren immer häufiger, kamen bald regelmäßig und irgendwann konnte Amra das allein nicht mehr auffangen. Aber sie erzählte Ninas Mutter erst davon, als diese sie bedrängte, weil sie Amra immer unglücklicher und zerfahrener werden sah. Ninas Mutter sorgte für eine umgehende ärztliche Untersuchung und es folgte schnell eine stationäre Therapie. Während dieser Zeit lebte Amra ganz bei Nina und wurde schnell wieder zum fröhlichen und ausgelassenen Kind, und nur ein Schatten und die so lange eingeübte Coolness blieben zurück.
Dann kam die Mutter wieder, hatte noch immer ihre Abstürze, aber auch die entsprechenden Medikamente für solche schweren Zeiten.
Es war nicht einfach, aber auch nicht mehr so schwer wie zuvor, und Mutter und Tochter fanden im Laufe der Zeit einen gemeinsamen Weg, einigermaßen unbeschadet durch Höhen und Tiefen zu kommen. Amra blieb die Starke, die der Mutter den Mann zu ersetzen suchte, sich selbst aber nicht den Vater ersetzen konnte, an den sie sich mit ihren eigenen Schwächen hätte anlehnen können.
Was Amra nicht wusste: Der größte Schub der Depression, der sie letztendlich dazu gebracht hatte, Ninas Mutter alles zu erzählen, war durch einen Brief ausgelöst worden. Einen Brief mit dem Stempel der Ausländerbehörde. Mit knappen Worten wurden sie und ihre Mutter darin aufgefordert, Deutschland innerhalb einer vierwöchigen Frist zu verlassen und in ihr Heimatland, den Kosovo, zurückzukehren.
Schon als sie den Umschlag gesehen hatte, war Amras Mutter erstarrt. Es war nicht der erste Brief mit diesem Stempel, sie musste ja immer wieder bei der Ausländerbehörde ihren Aufenthalt in Deutschland verlängern lassen. Aber dieses Mal wurde ihr schon auf den ersten Blick klar, dass etwas anders war als sonst. Dass dies ein besonderer Brief sein musste. Endgültiger sah er aus. Er leuchtete geradezu vor Endgültigkeit, so schien es Amras Mutter.
Ihr Absturz, der darauf folgte, war genauso endgültig. Die restlichen Zwiebelhäute in ihrem Inneren platzten mit einem Schlag und die Vergangenheit brach durch, verschaffte sich einen Weg an die Oberfläche und ins Bewusstsein.
Amras Mutter hatte ihre Tochter nie mit der Tatsache konfrontiert, dass sie beide nur geduldete Gäste waren in diesem Land. Sie hatte Amra vieles überlassen, was eigentlich zu viel war für ein Kind, aber an diesem einen Punkt war Schluss gewesen. Sie hatte die Behördengänge stillschweigend erledigt, wann immer sie notwendig gewesen waren, ohne Amra damit zu belasten.
Amra wusste zwar, dass ihre Eltern nicht in Deutschland geboren waren, dass es in ihrer Heimat einen großen Krieg gegeben hatte und sie deshalb geflohen waren. Doch mehr wusste sie nicht darüber, hatte sich bisher auch nicht wirklich dafür interessiert. Ihre Eltern waren eben ihre Eltern, Ausländer waren andere. Pino zum Beispiel, der Italiener, dem Amras Lieblingspizzeria gehörte. Der türkische Dönerverkäufer, der Kellner im griechischen Restaurant, in dem sie hin und wieder einmal essen gingen. Oder auch der französische Austauschlehrer an ihrer Schule.
Ihre Mutter war eben ihre Mutter, und sie, Amra, war eine Deutsche wie alle anderen auch.
Sogar in ihrer tiefsten Verlorenheit, als die letzten schützenden Häute platzten, hatte die Mutter noch Kraft genug, Amra aus den Ämtergeschichten herauszuhalten. Sie hatte den Brief schließlich ihrer Therapeutin gezeigt, die ihr half, sich mit den Schrecken der Vergangenheit auseinanderzusetzen, und diese hatte alles in die Wege geleitet, damit die beiden in Deutschland bleiben konnten. Sie hatte durchgesetzt, dass sie endgültig bleiben durften, ohne weitere Behördengänge. Weil Amras Mutter zu krank war, um zurückgeschickt zu werden in ein Land, das schon lange nicht mehr ihre Heimat war, das sie aber mit großer Wahrscheinlichkeit wegen der Erinnerungen, die sie dort erwarteten, noch kränker machen würde.
Die Sicherheit, für immer bleiben zu können, machte Amras Mutter ruhiger. Die Medikamente taten ihr Übriges. Aber sie dämpften auch die guten Gefühle. Sie würde nie wieder zu der fröhlichen und lebenslustigen Frau werden – die ihre Ausbrüche an Lebensfreude manchmal gar nicht bändigen konnte –, die sie gewesen war, als Amras Vater sich in sie verliebt hatte. Doch Amra kannte diese junge Frau nicht. Sie kannte nur eine Mutter, die ihr Leben gerade so auf die Reihe brachte und nur mit Mühe fröhlich sein konnte, weil sie dies ihrer Tochter gegenüber als Verpflichtung ansah. Und so war die mit Medikamenten neu eingestellte Mutter für Amra schon ein großer Fortschritt. Sie fiel nicht mehr in diese tiefen Löcher, was zuletzt in immer kürzeren Abständen der Fall gewesen war. Sie wurde wieder eine wenn auch ruhige und in ihren Gefühlen ausgebremste, so doch eigenständige und lebenstüchtige Frau.
Amra wurde in der Folge unabhängiger und sorgte sich weniger. Musste nicht mehr darüber wachen, ob die Mutter in irgendwelchen schwarzen Löchern verschwand, aus denen Amra sie bisher mit Aufbietung aller vorhandenen, ja auch der nicht vorhandenen Kräfte hatte herausziehen müssen.
Sie wurde zu einer fröhlichen Jugendlichen mit den gewöhnlichen Höhen und Tiefen, die in diesen Jahre auftreten und die sie sich bisher nicht zugestanden hatte. Doch die insgeheime Furcht, das alles könne nur von vorübergehender Dauer sein, es handele sich vielleicht nur um eine zeitlich begrenzte Besserung, ließ sie ihre äußerliche Stärke und Coolness aufrechterhalten, denn das erschien ihr als die beste Art, ohne größere Verwundungen durchs Leben zu kommen.
Amra besuchte die Realschule. Ein Gymnasium gab es in der kleinen Stadt nicht, und jeden Tag eine Stunde mit dem Bus zu fahren war Amra zu anstrengend. Außerdem – und das zählte vor allem – war Nina aus der Grundschule in die Realschule gewechselt, und so war für Amra sofort klar gewesen, dass sie das auch wollte.
Hätte sie sich mehr um die Schule gekümmert, wäre Amra eine sehr gute Schülerin geworden. Aber sie las lieber in spannenden Büchern, brachte sich selbst Gitarre klimpern bei und schraubte häufig und gerne an ihrem Moped herum, das sie sich mit Hilfsjobs hier und da verdient hatte.
Nicht selten kam es vor, dass sie mit bis zu den Ellbogen ölverschmierten Armen am Straßenrand neben der alten Kiste kniete und daran bastelte – das Budget hatte eben nur für ein sehr gebrauchtes Fahrzeug ausgereicht, schließlich hatte sie ja auch noch den Führerschein dazu finanzieren müssen. „Na, junger Mann“, tönte es dann oft aus einem vorbeifahrenden Auto, „brauchst du Hilfe?“ Amra schüttelte jedes Mal den Kopf, denn Amra brauchte keine Hilfe. Und sie schüttelte auch den Kopf, weil sie sich wunderte, dass Rumschrauben an Mopeds immer noch ein männliches Geschlechtsmerkmal war.
Aber wenn sie ehrlich war, so freute sie sich auch ein klitzekleines bisschen darüber, denn ganz tief drinnen fühlte sich Amra mehr als Junge, denn als Mädchen. Obwohl sie eigentlich wusste: Sie war Amra, einfach nur Amra, alles andere zählte nicht. Es war nicht ihre Art, zu definieren, das taten die anderen. Für Amra zählten eben nur ihr eigenes Gefühl und ihre eigene Meinung. Was ging es sie an, was andere von ihr dachten? Also tu ich, was ein Baum tun würde, wenn ein Schwein sich an ihm kratzt, hatte sie einmal jemanden im Radio singen gehört. Wer das war, wusste sie nicht, hatte eigentlich gar nicht richtig hingehört gehabt. Nur dieser eine Satz hatte sich ihr aufgedrängt und war zu einer Art Lebensmotto für sie geworden.
Amra brachte die Schule mit einem mittelmäßigen Abschluss hinter sich und bemerkte zu spät, dass sie es wohl einfacher gehabt hätte, wenn sie regelmäßig und mehr gelernt hätte, anstatt sich bei jeder Klassenarbeit Stress und Angst auszusetzen, weil sie erst im letzten Moment und immer nur das Nötigste lernte.
Aber es war, wie es war, und für Amra begann eine neue Zeit, der sie gespannt und voller Freude entgegensah.
Sie wollte Kraftfahrzeugmechatronikerin werden, hatte nach dem Schulpraktikum auch sofort die Zusage der örtlichen Werkstatt bekommen, obwohl der Meister sie erst nicht als Praktikantin hatte annehmen wollen. „Hier arbeiten nur Männer“, hatte er gebrummt, „und das soll auch so bleiben“. Normalerweise formulierte er das drastischer. „Hier arbeitet nur, wer im Stehen an einen Autoreifen pinkeln kann“, hieß das gewöhnlich bei Kralle – so wurde der Meister von allen in der Werkstatt genannt. Aber der Besitzerin der Werkstatt gegenüber hatte er es vorgezogen, sich etwas gemäßigter auszudrücken. Und Frau Brönner stimmte ihn schließlich auch mit sanftem Druck um. Sie war nun mal die Chefin und Kralle musste Amra als Praktikantin unter seine Fittiche nehmen.
Er machte es ihr nicht leicht. Am Ende des kurzen Praktikums allerdings war alles anders gewesen. Der Meister und Amra waren in den zwei Wochen zu einem guten Gespann geworden und ein Ausbildungsplatz war ihr sicher. „Hier arbeiten nur Männer“, hatte Kralle zum Schluss gebrummt. „Und Amra.“
Das erfolgreiche Praktikum und die Aussicht auf ihren Wunschausbildungsplatz waren noch mal Ansporn für Amra und so legte sie schließlich einen für ihre Verhältnisse ganz ansehnlichen schulischen Endspurt hin. Dann war es so weit, die Prüfungen waren vorbei, die Ferien wurden zu einer einzigen Partymeile und dann begann – zum wievielten Mal eigentlich? – der Ernst des Lebens. Einige aus ihrer Klasse hatten die Stadt verlassen, um anderswo eine Ausbildung zu beginnen. Zwei wollten erst einmal um die Welt fahren, work and travel nannte sich das. Amra hätte sich niemals getraut, so etwas zu machen, auch wenn es sich nach einem verlockenden Abenteuer anhörte. Aber ganz allein – auch zu zweit war in diesem Fall für Amra ganz allein – unter fremden Menschen in fremden Ländern auf sich selbst gestellt zu sein? Nicht zu wissen, wo sie abends schlafen und wo sie das nötige Geld für die Weiterreise verdienen sollte, das war doch zu viel Abenteuer, so schien es Amra. Und ihr bisschen Schulenglisch … Nun ja, ihr ging es ohne Abenteuer doch auch ganz gut.
Die restlichen Freundinnen und Freunde blieben wie Amra zu Hause und lernten dies und das oder besuchten das Gymnasium in der Nachbarstadt und kamen spätnachmittags wieder. So blieb ein großer Teil der Clique bestehen und sie trafen sich weiterhin regelmäßig in ihrer Freizeit.
Amra war sechzehn, als sie ihre Ausbildung in der Autowerkstatt anfing. Ein halbes Jahr vor ihrem 18. Geburtstag begann sie damit, den Führerschein zu machen. Auch das war ein Teil der Ausbildung und Amra war froh, sich keine Gedanken um das Geld dafür machen zu müssen wie alle anderen, die schon seit Langem auf dieses Ziel hin sparten. Sie bestand kurz vor ihrem 18. Geburtstag die Fahrprüfung, hatte damit einen wichtigen Abschnitt ihrer Ausbildung erfolgreich hinter sich gebracht und konnte nun unbeschwert ins Erwachsenenleben hineinfeiern.